第001回 / 1. Kapitel Die beseelte Wurzel keimt, der Quell nimmt seinen Lauf / Mit innerer Vervollkommnung beginnt der Große Weg Ein Gedicht besagt: Einst war das Chaos ungetrennt, Himmel und Erde dämmrig vermengt; Verschwommen war alles und endlos weit, Nie sah ein Mensch jene Zeit. Doch als der Urriese Pan Gu erwachte Und die Zerstörung des Chaos vollbrachte, Erschloss sich die mächtige Nebelwelt, Reines und Trübes ward zweigeteilt. Alle Geschöpfe auf dieser Erde Streben empor zur höchsten Güte; Den daraus erwachsenden Dingen Kann letztlich das Gute gelingen. Und wollt ihr nun jene Kräfte erkennen, Welche des Daseins Kreislauf bestimmen, So schätzt dieses Buch hier als eines der besten: Die »Erlösung vom Leid auf der Reise gen Westen«. Über die Zahlen von Himmel und Erde wissen wir, dass ein Weltenzyklus 129 600 Jahre dauert. Aufgeteilt in zwölf Epochen, entspricht dies den Zwölf Erdzweigen Zi, Chou, Yin, Mao, Chen, Si, Wu, Wei, Shen, You, Xu und Hai. Jede Epoche währt demnach 10 800 Jahre. Erläutern wir es vorerst am Beispiel der Tageszeiten: Die Mitternachtszeit Zi empfängt die lichte Yang-Kraft, zu Chou krähen die Hähne, während Yin ist das Licht noch verdeckt, zu Mao aber geht die Sonne auf. Chen folgt auf das Frühstück, und Si gilt der täglichen Arbeit. Zu Wu steht die Sonne in des Himmels Mitte, wandert während Wei gegen Westen, und nach der Vesperzeit Shen geht sie unter um You. Xu gehört der Dämmerung an, und um Hai ruhen die Menschen. Die Zwölf Erdzweige in Verbindung mit den zwölf zyklischen Hexagrammen. Durchbrochene Linien ( ) stehen für die dunkle, kalte, sinkende Yin-Kraft; durchgezogene Linien ( ) stehen für die helle, warme, aufsteigende Yang-Kraft. So verdeutlicht dieses Schema sowohl den Tages- wie auch den Jahreszyklus und steht gleichzeitig modellhaft für das Werden und Vergehen aller Dinge. Übertragen auf die großen Zahlen, ist es so, dass die Welt sich zu Ende von Xu noch im ungeteilten Urzustand befindet und kein Wesen existiert. Auch 5400 Jahre später, im Zeitalter Hai, herrscht Finsternis; es gibt weder Himmel noch Erde, weder Menschen noch andere Kreaturen. Darum wird dies das Urchaos genannt. Nach weiteren 5400 Jahren, nach dem Ende von Hai, beginnt mit Zi ein neuer Weltenzyklus, indem er sich allmählich aufhellt. So beschreibt es der Philosoph Shao Kangjie: »Zur Wintersonnenwende, in der Mitte der Zeit Zi, steht das Zentrum des Himmels still. Da die lichte Yang-Kraft sich erstmals regt, sind alle Dinge noch ungeboren.« Nun verwurzelt sich das Firmament. 5400 Jahre danach, mitten in der Epoche Zi, steigt das Leichte und Reine empor, daraus formen sich Sonne, Mond, Sterne und Sternbilder, die vier Gestirne genannt. Darum heißt es, der Himmel öffnet sich während Zi. Nach weiteren 5400 Jahren, wenn Zi vergeht und Chou beginnt, tritt allmählich eine Festigung ein. So heißt es im Buch der Wandlungen: »Groß ist das Himmelsprinzip! Vollkommen ist das Erdprinzip! Alle Wesen entstehen daraus, den Gesetzen des Himmels folgend.« Nun beginnt sich die Erde zu härten. 5400 Jahre später, zur Mitte von Chou, sinkt das Schwere und Trübe nach unten, und es entstehen Wasser, Feuer, Berge, Steine und Erdreich, was wir die fünf Formen nennen. Darum heißt es, die Erde sei während Chou entstanden. Nach weiteren 5400 Jahren, wenn Chou sich neigt und Yin beginnt, entstehen alle Dinge. So heißt es im Kalenderbuch7: »Der Atem des Himmels sinkt hernieder und der Atem der Erde steigt empor; so vereinen sich Himmel und Erde und erzeugen die Zehntausend Dinge.« Nun ist der Himmel rein und die Erde frisch, Yin und Yang stehen im Einklang. Nach weiteren 5400 Jahren, zur Mitte der Zeit Yin, entstehen die Menschen, die Tiere und die Vögel. Wir nennen dies die Festlegung der drei Sphären Himmel, Erde und Mensch. Darum heißt es, der Mensch sei im Zeitalter Yin entstanden. Dankbar über den Schöpfungsakt des Pan Gu, ordneten die Drei Urkaiser die Welt, und die Fünf legendären Könige regelten das Zusammenleben. Auf der Erde wurden vier große Kontinente unterschieden: der östliche Kontinent Purvavideha, der westliche Kontinent Aparagodaniya, der südliche Kontinent Jambudvipa und der nördliche Kontinent Uttarakuru. Unser Buch spielt nun in einem Land mit Namen Aolai, das sich an der Küste des östlichen Kontinents Purvavideha befand. Dort nämlich ragte ein berühmter Berg aus dem Meer, und der hieß Blumen-Früchte-Berg. Er bildete die Hauptader der zehn göttlichen Eilande und war der Ausgangspunkt der drei sagenhaften Inseln der Unsterblichen. Zuoberst auf seinem Gipfel aber lag ein himmlischer Stein. Dieser Stein hatte eine Höhe von 36, Fuß, entsprechend dem Umfang des Himmels von 365 Grad, und einen Umfang von 24 Fuß, entsprechend den vierundzwanzig Jahreseinteilungen des Kalenders. Er wies außerdem neun Öffnungen und acht Löcher auf, übereinstimmend mit den Neun Palästen und Acht Trigrammen. Von Anbeginn der Schöpfung hatte dieser Stein nun die Wahrheit des Himmels und die Schönheit der Erde empfangen, und die Kraft der Sonne und der Glanz des Mondes hatten ihn so sehr durchdrungen, dass er nach langer Zeit magische Kräfte entwickelte und in seinem Innern eine himmlische Frucht heranwuchs. Bis er eines Tages zerbarst und ein steinernes Ei von der Größe eines Spielballs zum Vorschein kam. Unter dem Einfluss der Winde bildete sich daraus ein steinerner Affe, der mit allen fünf Sinnesorganen und vier Gliedern versehen war. Alsbald hatte dieser Affe das Kriechen und Gehen erlernt, und als er sich schließlich nach allen vier Himmelsrichtungen verneigte, schossen aus seinen Augen zwei goldene Lichtstrahlen, die bis zum Sternpalast des Siebengestirns blitzten und gar den Großen Heiligen Jadekaiser im Himmel aufschreckten. Dieser weilte gerade von unsterblichen Ministern umgeben in der Halle der Himmelshöhen im Wolkenpalast des Goldenen Tores, als ihn das gleißende Goldlicht blendete. Sogleich erteilte er seinen Generälen Tausend-Meilen-Auge und Wie-der-Wind-Ohr den Befehl, das Südliche Himmelstor zu öffnen und Ausschau zu halten. Wie geheißen, schritten die beiden zum Tor, schauten und horchten. Kurz danach kehrten sie zurück und berichteten: »Der Ort, woher das goldene Licht strahlt, ist der Berg der Blumen und Früchte im Lande Aolai auf dem östlichen Kontinent Purvavideha. Auf diesem Berg lag einst ein himmlischer Stein, dem dann ein Ei entsprang, das sich durch die Winde in einen Steinaffen verwandelt hat. Eben hat sich dieser Affe nach allen vier Himmelsrichtungen verneigt, dabei sind goldene Lichtstrahlen aus seinen Augen geschossen und auf unseren Palast aufgetroffen. Sobald er aber anfangen wird zu essen und zu trinken, wird das Goldlicht sich abschwächen und schließlich erlöschen.« Gütig sprach der Jadekaiser: »Alle irdischen Dinge entstehen aus den Kräften von Himmel und Erde. Das wird nichts Außergewöhnliches sein.« Jener Affe aber konnte nun gehen und laufen, hüpfen und springen; er aß von Gräsern und Bäumen, trank aus Bächen und Quellen, pflückte Bergblumen und suchte nach Früchten. Schimpansen und Kraniche waren seine Gefährten, Rehe und Hirsche umgaben ihn. Nachts ruhte er unter Felshängen, tagsüber durchstreifte er Gipfel und Schluchten. Zu Recht sagt man: »Der Kalender ist in der Gebirgswelt unbekannt, Nach dem Winter wird kein Neues Jahr benannt.« Eines Tages, es war heiß und schwül, spielte der Steinaffe mit anderen Affen zusammen im kühlenden Schatten der Kiefern. Nachdem sich die ganze Horde eine Weile vergnügt hatte, begannen alle im nahen Bergbach zu planschen. Das Wasser floss in schnellem Strome dahin, dass es nur so rauschte und spritzte. »Wo mag wohl dieser Bach herkommen?« fragten sich die Affen. »Heute haben wir ja nichts Besonderes vor, machen wir uns doch auf die Suche nach der Quelle! Auf ins Vergnügen!« Ein Jauchzen, und die ganze Schar stürzte los. Sie kletterten den Bach entlang bergauf bis hin zur Stelle, wo das Wasser herabstürzte. Es war ein Wasserfall, der da oben aus dem Fels hervorströmte. »Schönes Wasser! Schönes Wasser!« freuten sich die Affen und klatschten in die Hände. »Wer von uns hat den Mut, hinter diesen Wasserfall zu dringen, um den Weg zur Quelle zu finden? Wer das schafft und unversehrt wieder zurückkommt, den wollen wir fortan als König verehren.« Dreimal hatten sie dies gekreischt, als plötzlich mitten aus der turbulenten Schar der Steinaffe hervorsprang und mit lauter Stimme rief: »Ich gehe! Ich gehe!« Tapferer Affe! Seht, wie er die Augen zukneift und sich zum Sprunge duckt! Schon schnellte er hoch, mitten durch den Wasserfall hindurch. Dann riss er die Augen auf und schaute sich um. Drinnen aber gab es kein Wasser und keine Wellen mehr; stattdessen lag vor ihm klar und deutlich ein eiserner Brückensteg. Hinter ihm ergoss sich das Wasser in die Felsspalten unter der Brücke und verbarg so den Zugang. Er wagte ein paar Schritte auf den Brückensteg und schaute sich um. Was er da sah, glich ganz und gar einer Behausung. Wahrlich, es war ein schöner Ort! Nach langem Betrachten hüpfte er über die Brücke, spähte nach links und nach rechts, und schließlich erblickte er genau in der Mitte eine Steinstele mit der Inschrift: »Gelobtes Land im Blumen-Früchte-Berg, Höhlenhimmel der Wasservorhang-Grotte«. Außer sich vor Freude riss sich der Steinaffe von dem Anblick los, eilte zum Ausgang, kniff abermals die Augen zusammen, duckte sich zum Sprung und schnellte ins Freie. »Wundervoll! Wundervoll!« rief er der Affenschar zu, die sich rings um ihn drängte. »Wie ist es dort drinnen? Wie tief ist das Wasser?« »Dort ist gar kein Wasser! Es gibt dort eine eiserne Brücke. Und auf der anderen Seite der Brücke gibt es eine Behausung, wie von Himmel und Erde geschaffen!« »Eine Behausung?« Der Steinaffe lachte und erklärte: »Dieser Wasserfall fließt durch die Felsspalten vor einer Brücke; sein fallender Strom verdeckt den Eingang. Neben der Brücke wachsen Blumen und Bäume, und es gibt eine Felshöhle mit Steintöpfen, Steinöfen, steinernen Becken und Schüsseln, steinernen Betten und Bänken. In der Mitte steht auf einer Steintafel geschrieben: ›Blumen-Früchte-Berg, Wasservorhang-Grotte.‹ Dies ist der Ort, wo wir uns niederlassen können. Wenn wir da wohnen, brauchen wir selbst die Launen des Himmels nicht mehr zu fürchten.« Alle Affen ringsum freuten sich und riefen: »Geh voran und nimm uns mit!« »Dies ist der Ort, wo wir uns niederlassen können.« Wieder kniff der Steinaffe die Augen zusammen, duckte sich und sprang, die Affen alle hinter ihm her. Sie hüpften über die Brücke, ergatterten Becken und Schüsseln, drängten sich um den Herd, rauften sich um die Lagerstätten; kurz, sie benahmen sich wie die Affen, an Ruhe war nicht mehr zu denken. Erst als sie vom Hin- und Herschieben ganz erschöpft waren, nahm das Getümmel ein Ende. Nun setzte sich der Steinaffe aufrecht auf einen erhöhten Sitz und sprach: »Meine Herrschaften! ›Ein Mensch, der sein Wort nicht hält, was kann man mit dem anfangen?‹11 Heute habt ihr versprochen, wer hier herein- und unversehrt wieder hinauskomme, der solle euer König sein. Nun bin ich also herein- und wieder hinausgesprungen, habe euch hierher geführt und euch diese Höhlenwelt als ruhigen Unterschlupf vermacht. Ihr alle, die ihr das Glück habt, mit in unsere große Familie aufgenommen zu sein, wollt ihr euch nun nicht vor mir als König verneigen?« Kaum war die Rede verklungen, verneigten sich alle vor ihm und riefen: »Tausend Jahre dem Großen König!« Von da an bezog der Steinaffe seinen Platz auf dem hohen Thron, verbot das Wort »Stein« in seinem Namen und nannte sich fortan »Prächtiger Affenkönig«. Ein Gedicht lautet: Mit drei Yang der Lenz begann,12 Der alle Wesen neu erschafft, Und der Himmelsstein enthielt Nun die Mond- und Sonnenkraft. Wandeln wir ein Ei zum Affen, Der den Großen Weg begehe; Leihen wir ihm einen Namen, Dass das Elixier entstehe. Innenschau lässt nicht erkennen, Denn es fehlt noch die Gestalt. Fügen wir sie darum weise In die äußere Formenwelt. So war es seit allen Zeiten, Jeder Mensch ist so gestaltet; Wer sich »König«, »Heilig« nennt, Frei im Universum waltet!13 Der Prächtige Affenkönig scharte eine Horde Schimpansen, Makaken und andere Affen um sich und wies allen Amtsränge zu, vom Fürsten bis zum Minister, vom Hofberater bis zum Abgesandten. Fortan schweiften sie tagsüber durch den Blumen-Früchte-Berg und ruhten nachts in der Wasservorhang-Grotte. Sie lebten in Eintracht und Harmonie, mischten sich weder unter die Vögel noch unter andere Tiere, erkannten einzig und allein ihren eigenen König an und lebten vollkommen glücklich. Mehr als zwei-, dreihundert Jahre lang führte der Prächtige Affenkönig so ein genussreiches, unschuldiges Leben. Eines Tages aber, während eines fröhlichen Banketts mit dem ganzen Affenvolk, überkam ihn auf einmal tiefe Traurigkeit, und Tränen liefen über sein Gesicht. Bestürzt scharten sich die Affen um ihn und fragten: »Großer König, was betrübt Euch denn so sehr? Nun sind wir doch tagtäglich fröhlich beisammen auf himmlischen Bergen gesegneter Lande, in uralten Grotten eines göttlichen Kontinents. Wir werden von keinem Menschenkönig beherrscht, sind frei und können tun, was uns beliebt. Dies ist ein unermessliches Glück, was macht Ihr Euch da Sorgen?« »Es stimmt, heute brauchen wir uns nicht nach den Gesetzen eines Menschenkönigs zu richten und haben keine Autoritäten unter Vögeln und Tieren zu fürchten«, erwiderte der Affenkönig. »Doch die Zeit wird kommen, da wir alt und gebrechlich werden, und schon liegt uns der Höllenfürst Yama auf der Lauer. Wenn wir gestorben sind, haben wir unser Erdenleben ja umsonst verbracht, wenn wir kein ewiges Leben unter den Himmlischen erlangen!« Als die Affen dies hörten, bedeckten alle ihre Gesichter und weinten bitterlich über die Vergänglichkeit. Plötzlich aber sprang ein Gibbon aus der Schar hervor und kreischte: »Wenn Eure Majestät so weitblickend denken, bedeutet dies, dass sich der Keim der Erkenntnis regt. Unter allen Geschöpfen gibt es nur drei Arten, die Höllenfürst Yama entgehen, nämlich Buddhas, Unsterbliche und Heilige. Diese haben den Kreislauf der Wiedergeburt verlassen; sie entstehen nicht und vergehen nicht, ihr Alter ist dem von Himmel und Erde gleich.« »Und wo halten sich diese auf?« interessierte sich der Affenkönig. »Sie verweilen ausschließlich auf dem Kontinent Jambudvipa, dort leben sie in alten Grotten und himmlischen Gebirgen.« Der Affenkönig freute sich und verkündete: »Morgen will ich mich von euch verabschieden und diesen Berg verlassen. Auch wenn ich bis in die entlegensten Meereswinkel und bis an die Enden des Himmels vordringen muss; um jeden Preis will ich diese drei Wesen finden und von ihnen das Geheimnis des ewigen Lebens erlernen, um Yama zu entkommen.« Oho! Diese Worte lehrten ihn mit einem Mal, das Rad der Wiedergeburt zu verlassen und ein Himmelsebenbürtiger Großer Heiliger zu werden. Alle Affen klatschten in die Hände und spendeten Beifall: »Wunderbar! Wunderbar! Morgen werden wir die Berge durchstreifen und überall Früchte sammeln, dann bereiten wir Euch ein großes Abschiedsbankett!« Am folgenden Tag machten sich die Affen also auf die Suche nach himmlischen Pfirsichen und erlesenen Früchten, gruben nach Yams und Weißwurz. Nachdem sie Steintische und Steinbänke zurechtgeschoben hatten, richteten sie ein himmlisches Festmahl her und ehrten den Prächtigen Affenkönig auf dem Thron, indem einer nach dem andern ihm Speisen und Wein darreichte. So schwelgten sie einen ganzen Tag lang. Tags darauf erhob sich der Affenkönig in aller Frühe, fällte dürre Kiefern und band sie zu einem Floß zusammen. Mit einem langen Bambusstaken bestieg er alleine sein Floß und stieß mit aller Kraft vom Ufer ab. Auf Wellen schaukelnd und durch hohe Meereswogen schlingernd, trieb das Floß mit dem Wind dem Kontinent Jambudvipa zu. Der Zeitpunkt war günstig, denn seit er sein Floß bestiegen hatte, blies mehrere Tage lang ein starker Südostwind, der ihn bis ans nordwestliche Ufer führte. Nun war er auf dem Kontinent Jambudvipa. Er verließ sein Floß und sprang ans Ufer. Hier sah er die Menschen beim Fischfang, bei der Wildgansjagd, beim Muschelsammeln und Salzschürfen. Während er auf sie zuging, machte er sich das Vergnügen, wilde Grimassen zu schneiden, so dass alle entsetzt auseinanderstoben. Einen, der nicht schnell genug war, packte er sich, riss ihm das Gewand vom Leibe und kleidete sich selbst nach Art der Menschen. Dann ging er mit gewichtigen Schritten voran und wanderte durch viele Bezirke und Städte. Auf Marktplätzen lernte er Sitten und Sprachen der Menschen kennen, aß bei Tage und ruhte nachts, immerzu mit dem einen Ziel im Herzen, die Lehren der Buddhas, Unsterblichen und Heiligen zu finden, um das Rezept für ein ewiges Leben zu erlangen. Doch er sah, dass die Menschen alle nur nach Ruhm und Reichtum strebten; kein Einziger kümmerte sich um das Leben selbst. So war es in der Tat: Kampf um Ruhm und Streit um Gunst, Wann wird dies je enden? Früh aufstehen, nachts erst ruhen, Unfrei ist der Mensch! Es träumt der Maultierreiter Bereits vom edlen Ross, Und wer schon Kanzler ist, Der möchte König sein! Allein für Kleid und Speise Vertun sie ihre Müh’n; Bedenken nicht, dass balde Der Höllenfürst sie holt. Für Söhne und für Enkel Erstreben sie Vermögen, Keiner aber blickt zurück, Um sich zu besinnen! Flugs waren acht, neun Jahre auf dem Kontinent Jambudvipa vergangen, als der Affenkönig schließlich an den Westlichen Ozean gelangte. Jenseits dieses Meeres, so dachte er sich, werde ich bestimmt einen Unsterblichen finden. Abermals zimmerte er ein Floß und trieb damit über den Ozean, dem westlichen Kontinent Aparagodaniya zu. Dort angekommen, machte er sich auf lange Erkundungsgänge, bis er eines Tages am Fuße eines majestätischen Berges stand, dessen Hänge mit dichten Waldungen bedeckt waren. Ohne sich vor Wölfen oder Panthern zu fürchten, stieg er unverzüglich zum Gipfel hoch. Wie er dort Ausschau hielt, drang vom Wald auf einmal eine menschliche Stimme an sein Ohr. Er eilte ins Gehölz und horchte. Da hörte er, dass die Stimme ein Lied sang, das lautete: Beim Schach zusehn, bis der Axtstiel fault;16 Tscheng!, so klingt das Beil im Wald. Gemächlich wandle ich den Wolken lang zu Tal. Vom Holzverkauf ersteh’ ich Wein, Lache wild und trunken, ganz allein. Auf dunklem Pfad im frischen Herbst, Den hehren Mond zu Angesicht, Schlafe ich an Kieferwurzeln bis zum Tag. Den alten Wald erkenn’ ich wohl, Wandere weit über Berg und Tal Und schlage mit der Axt die dürren Ranken. Die geschnürte Traglast Holz Bring ich singend auf den Markt Und tausche sie zu drei Maß Reis. Kein bisschen Zank entsteht, Bescheiden ist der Preis! Denn nach List und Rechnerei Steht mir nicht der Sinn, Lieber leb’ ich ehrgeizlos, Frei von Schand’ und Ruhm. Wo man sich gemeinsam trifft – Mal sind’s Unsterbliche, mal ist’s ein Daoist, Erörtert man in stiller Ruh das »Buch vom Gelben Palast«. Was der Prächtige Affenkönig da hörte, erfüllte ihn mit großer Freude. »Hier also stecken die Unsterblichen!« sagte er sich, sprang durch das Dickicht und erblickte einen Holzfäller bei der Arbeit. Der Affenkönig ging näher und rief: »Verehrter Unsterblicher! Euer Schüler erhebt seine Hände zu Euch.« Dem Holzfäller glitt die Axt aus der Hand, eilends wandte er sich ihm zu, erwiderte die Begrüßung und sprach: »Weh mir! Ich armer Schlucker darbe an Kleid und Speise; wie könnte ich es wagen, mich Unsterblicher zu heißen?« »Wie kommt es dann, dass Ihr Worte von Unsterblichen sprecht?« »Was für Worte von Unsterblichen?« »Eben habt Ihr doch gesagt, dass Ihr Unsterbliche und Daoisten trefft und den ›Gelben Palast‹ besprecht! Der ›Gelbe Palast‹ ist doch eine Wahre Schrift über das Dao und dessen Wirkkraft; zu wem soll es gehören, wenn nicht zu einem Unsterblichen?« »Nun, ich will Euch nichts verheimlichen«, lachte der Holzfäller, »dieses Lied geht nach der Melodie Dufterfüllter Palast, tatsächlich hat ein Unsterblicher es mich gelehrt. Er wohnt hier in der Nähe und hat mir geraten, in Zeiten des Kummers dieses Liedchen zu singen, um die trüben Gedanken zu zerstreuen. Eben war mir nicht so wohl zumute, darum summte ich es vor mich hin. Ich hätte nicht gedacht, dass mich jemand hören würde.« »Wenn ein Unsterblicher Euer Nachbar ist, warum werdet Ihr nicht dessen Schüler und erlernt von ihm das Geheimnis der Unsterblichkeit?« wunderte sich der Affenkönig. »Mein Leben ist hart«, entgegnete der Holzfäller. »Mein Vater ist verstorben und meine Mutter lebt alleine, so bleibt mir nichts anderes übrig, als Holz zu hacken und es auf dem Markt zu verkaufen, damit ich meine Mutter durchbringen kann. Darum bleibt mir keine Zeit, mich jenen Lehren zu widmen.«18 »So wie Ihr das erzählt, seid Ihr ein Edler, der sich ganz der Pflicht der Kindesliebe widmet. Aber verratet mir doch bitte, wo der Unsterbliche wohnt, damit ich ihm meine Verehrung erbringen kann.« »Es ist nicht weit, gar nicht weit! Der Berg heißt Seelen- Herz-Berg, hier gibt es eine Grotte mit dem Namen Schrägmond-Dreistern-Grotte. Dort wohnt der Unsterbliche, der Ahnherr Subhuti. Unzählige sind bereits seine Schüler gewesen. Zur Zeit sind es an die dreißig bis vierzig. Geht jenen Pfad entlang gegen Süden, dann findet Ihr unweit von hier sein Heim.« Der Affenkönig dankte und verabschiedete sich. Nun trat er aus dem Wald, fand den Weg wieder und ging etwa sieben, acht Meilen den Hang entlang, bis er tatsächlich einen Grottentempel erblickte. Er reckte sich und musterte den Ort mit Gefallen. Das Tor aber war verschlossen, Stille herrschte, weit und breit war kein Mensch zu sehen. Als er den Blick umwandte, entdeckte er neben der Felswand eine hohe Stele, auf der in zehn großen Schriftzeichen geschrieben stand: »靈台 方寸山 – Seelen-Herz-Berg, 斜月三星洞 – Schrägmond-Dreistern- Grotte«. Der Prächtige Affenkönig war überglücklich. Lange sah er sich um, traute sich jedoch nicht anzuklopfen. Auf einmal ging mit einem Quietschen das Tor auf, ein unsterblicher Knabe trat heraus und rief laut: »Wer ist es, der da unsere Ruhe stört?« Der Affenkönig machte eine Verbeugung und sagte: »Ich bin ein Jünger, der Daoisten aufsucht, um die Unsterblichkeit zu erlernen; euch zu stören liegt mir fern.« »So, einer, der Daoisten aufsucht?« lachte der Knabe. »So ist es.« »Unser Meister hat sich soeben auf das Podest begeben, um uns zu unterweisen, da hieß er mich, noch bevor er uns die Ursache der heutigen Unterweisung genannt hatte, das Tor öffnen. Draußen stehe ein Pilger, sagte er, den man einlassen solle. Das bist wohl du?« »Ja, ich bin es!« »So folge mir denn.« Der Affenkönig zupfte sein Kleid zurecht, warf sich in eine würdevolle Haltung und folgte dem Knaben in das Dunkel der Höhle. Es ging vorbei an zahllosen tiefen Kammern und jadenen Bauwerken, an Perlpalästen und Muscheltürmen; unsagbare Ruhe erfüllte das verborgene Gemach. Endlich gelangten sie vor ein Podest aus Jaspis, auf dem der Ahnherr Subhuti thronte. Zu beiden Seiten warteten ihm dreißig himmlische Diener auf. Wahrhaftig, so war er: Goldne Gottheit der Erleuchtung, Jeglicher Befleckung bar; Hehres Bildnis aus dem Westen, Ahnherr Bodhi, rein und wahr.21 Frei von Werden und Vergehen Durch das Werk von dreimal Drei,22 Voll an Energie und Geist, In tiefstem Mitgefühl dabei. Unbefangen, still und leer Geht er mit dem Lauf der Welt, In dem So-Sein tiefsten Wesens Weilt er, wie es ihm gefällt. Ewig wie das Himmelreich Ist seine Erhabenheit; Klar erkennt der hohe Priester Unser Herz in Ewigkeit! Der Affenkönig fiel vor ihm nieder, berührte wieder und wieder mit der Stirn den Boden und rief: »Meister, Meister! Euer Jünger bringt Euch von ganzem Herzen seine Verehrung entgegen!« »Woher kommst du?« fragte der Meister, »nenne mir deinen Heimatort und deinen Namen.« »Euer Schüler kommt aus der Wasservorhang-Grotte vom Blumen-Früchte-Berg im Lande Aolai auf dem östlichen Kontinent Purvavideha.« »Fort mit ihm!« rief der Meister. »Das ist ein Schwindler, ein scheinheiliger Betrüger; nichts hat er mit dem Weg zur Erkenntnis zu tun!« Bestürzt schlug der Affenkönig ein ums andere Mal die Stirn auf den Boden und sagte: »Euer Schüler spricht die volle Wahrheit, fern liegt ihm jeglicher Betrug!« »Du behauptest die Wahrheit zu sprechen und sagst, du kämest vom Kontinent Purvavideha? Zwei unermessliche Meere und der ganze südliche Kontinent Jambudvipa trennen jenen Ort von hier; wie also kannst du von Purvavideha hierher gelangt sein?« Mit einer Verbeugung erklärte der Affenkönig: »Euer Schüler ist mehr als zehn Jahre lang über Meer und Land gereist, bevor er hierher fand.« »Nun gut, lassen wir das gelten. Nenne mir deinen Xing.«23 »Ich habe keinen Xing; ich grolle nicht, wenn jemand mich beschimpft, und hasse den nicht, der mich schlägt. Ich war zeitlebens ohne Xing.«24 »Nicht den Charakter meine ich mit Xing. Wie lautet der Xing, der Nachname, deiner Eltern?« »Ich habe keine Eltern.« »Keine Eltern? Du bist wohl auf einem Baum gewachsen?« »Zwar nicht auf einem Baum, doch in einem Stein bin ich gewachsen. Ich kann mich nur entsinnen, dass auf dem Blumen-Früchte-Berg ein himmlischer Stein lag. In dem Jahr, als der Stein zerbarst, da wurde ich geboren.« »Ein von Himmel und Erde Erzeugter«, bemerkte der Meister und freute sich im Stillen. »Steh auf und mach ein paar Schritte, damit ich dich sehen kann.« Der Affenkönig sprang auf und ging einige Male hin und her. »Nun, du magst zwar hässlich aussehen«, lachte der Meister, »doch du gleichst einem Tannzapfen knabbernden Rhesusaffen. So will ich dir von deinem Körper einen Namen ableiten. Die Silben für ›Rhesusaffe‹ lauten Hu-Sun. Ich könnte dir also den Nachnamen Hu verleihen. Lässt man von diesem Zeichen die Komponente ›Tier‹ weg, so bleiben die Komponenten ›antik‹ und ›Mond‹. Antik bedeutet alt, Mond verweist auf Yin, das Weibliche. Ein altes Weib jedoch ist nicht fruchtbar. Gebe ich dir das Zeichen Sun zum Namen, so bleiben außer der Komponente ›Tier‹ noch die Bestandteile ›Sohn‹ und ›Nachkomme‹. Sohn ist ein männliches Kind, Nachkomme bedeutet fein wie ein Säugling. Dies entspricht genau dem Grundprinzip eines Neugeborenen. ›Sun‹ soll dein Name lauten.« Der Affenkönig freute sich von ganzem Herzen, verneigte sich und rief: »Bestens, bestens! Jetzt kenne ich endlich meinen Namen. Doch erflehe ich des Meisters Barmherzigkeit, mir noch einen Vornamen zu verleihen, damit man mich auch rufen kann.« »In unserer Lehre gibt es zwölf Zeichen, nach denen ich meine Schüler jeweils einteile«, erklärte der Meister, »nämlich ›Guang‹ (weit), ›Da‹ (groß), ›Zhi‹ (Weisheit), ›Hui‹ (Scharfsinn), ›Zhen‹ (wahr), ›Ru‹ (So-Sein), ›Xing‹ (Wesenheit), ›Hai‹ (Meer), ›Ying‹ (klug), ›Wu‹ (erkennen), ›Yuan‹ (vollkommen) und ›Jue‹ (erwachend). In deinem Fall kommt nun das Zeichen ›Wu‹ an die Reihe. So will ich dir einen Ordensnamen verleihen: Wukong, ›der die Leerheit erkennt‹, sollst du heißen. Bist du einverstanden?« »Bestens, wunderbar! Von jetzt an nenne ich mich Sun Wukong.« So war es in der Tat: Im Beginn der großen Schöpfung War kein Name je zu nennen, Will man starre Leerheit brechen, Muss man Leerheit erst erkennen!27 Und da wir nicht wissen, was er vom Meister Subhuti alles erlernte, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第002回 / 2. Kapitel Der wunderbare Sinn der Weisheit wird erkannt / Dämonisches ist abgelegt, dem Urgeist nun vereint Man berichtet, dass der Prächtige Affenkönig vor Freude wahre Luftsprünge vollführte, nachdem er seinen neuen Namen erhalten hatte, und mit einer ehrerbietigen Geste Meister Subhuti seinen Dank aussprach. Dieser hieß nun seine Schülerschar, Sun Wukong aus dem zweiten Eingangsportal hinaus in den äußeren Hof zu geleiten, um ihn dort mit den täglichen Verrichtungen und den Verhaltensregeln bekannt zu machen. Wukong richtete sich in einem Seitengang ein Schlaflager ein. Tags darauf begann er mit den Ordensbrüdern über die heiligen Schriften und den Weg des Dao zu diskutieren, machte sich ans Studium der Schriftzeichen und opferte Weihrauch. In der freien Zeit kehrte er den Boden sauber, jätete im Garten, pflegte Blumen oder schnitt Bäume. So vergingen in der Grotte flugs sechs oder sieben Jahre. Eines Tages setzte sich der Meister auf den Thron, versammelte alle Schüler um sich und begann den Großen Weg zu erläutern. So war es in der Tat: In wundersamer Rede Bespricht er die drei Lehren,29 Bis ins Allerfeinste, Und doch allumfassend. Spricht einmal über Dao, Und einmal über Zen, Drei Schulen, gleich im Kern, Sind zueinander passend.30 So erläutert er das Eine, Führt es zur Wahrhaftigkeit;31 Löst des Wesens tiefes Rätsel, Weist den Weg zur Ewigkeit!32 Sun Wukong, der dem Vortrag beiwohnte, war so glücklich, dass er sich an Ohren und Backen kratzte; er strahlte übers ganze Gesicht, und seine Augen leuchteten vor Freude, ja selbst Arme und Beine konnte er nicht mehr stillhalten. Der Meister sah es und rief ihm zu: »Warum zappelst du während der Unterweisung wie ein Verrückter?« »Des Meisters wundervolle Rede beglückt mich so sehr, dass ich mich vor Freude nicht mehr halten kann. Möge der Meister mir verzeihen!« »Da du diese Rede also als wundervoll erkennst«, meinte der Meister, »so will ich dich fragen, wie lange du dich denn schon in dieser Grotte aufhältst?« »Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen ist. Ich kann mich nur entsinnen, dass ich hinter dem Berg, wo ich oft Holz hacken ging, einen Hang voller Pfirsichbäume entdeckte und mich dort sieben Mal an Pfirsichen satt gegessen habe.« »Das war der Faulpfirsich-Berg. Sieben Mal müssen wohl sieben Jahre gewesen sein. Was für einen Weg möchtest du nun von mir lernen?« »Ganz nach des Meisters Anweisungen. Ich lerne alles, was irgend mit dem Dao zu tun hat.« »Im Weg des ›Dao‹ gibt es dreihundertsechzig Seitenwege, und jeder kann zu einem guten Ergebnis führen. Welche Richtung also möchtest du lernen?« »Ganz nach Eurem Willen.« »Ich könnte dich im Weg der Kunstfertigkeit unterweisen, was meinst du dazu?« »Was bedeutet der Weg der Kunstfertigkeit?« »Er beinhaltet das Herbitten von Unsterblichen, die Kunst des Wahrsagens aus in den Sand gekritzelten Zeichen, die Orakelbefragung, den Umgang mit Schafgarbenstängeln zur Weissagung sowie das Wissen, wie man Heil erlangt und Unheil vermeidet.« »Kann man dadurch Unsterblichkeit erlangen?« »Nein, das kann man nicht.« »Dann lerne ich es nicht.« »Wie wäre es dann mit dem Weg der Lehrrichtungen?« fragte der Meister weiter. »Was ist damit gemeint?« »Zu den Lehrrichtungen gehören die Konfuzianer, die Buddhisten und die Daoisten, weiter die Yin-Yang- Philosophen, die Mohisten und die Mediziner, außerdem jene, die Sutren lesen, buddhistische Gebete aufsagen und an heilige Orte pilgern.« »Wird man damit unsterblich?« »Wollte man damit unsterblich werden, so wäre das wie ein Holzpfeiler in der Mauer.« »Meister«, unterbrach Wukong, »ich bin ein einfacher Mensch und verstehe mich nicht auf Fachausdrücke. Was bedeutet ›ein Holzpfeiler in der Mauer‹?« »Wenn man ein Gebäude errichtet«, erklärte der Meister, »bringt man in den Wänden Stützpfeiler an. Eines Tages jedoch, wenn das stattliche Haus zerfällt, werden auch die Pfeiler vermodert sein.« »So gesehen ist auch das nicht von Bestand. Dann lerne ich es nicht.« »Weiter kann ich dich im Weg der Stille unterweisen«, fuhr der Meister fort, »was meinst du dazu?« »Worum geht es beim Weg der Stille?« »Es geht dabei um das Fasten und die innere Reinigung, die reine Stille und das Nicht-Handeln, die Zen-Meditation, das Schweigen, die Beherrschung des Schlafes und des Stehens, die tiefe Versenkung und das Meditieren in Abgeschiedenheit.« »Und wird man damit unsterblich?« »Es verhält sich so wie mit ›Rohziegeln auf dem Brennofen‹.« »Was soll denn das heißen?« fragte Wukong lachend. »Gemeint sind jene Formlinge aus Lehm, die man auf den Ofen legt, um daraus gebrannte Ziegel zu machen. Zwar sind sie schon geformt, doch fehlt ihnen noch die nötige Bearbeitung mit Feuer und Wasser. Es braucht nur ein großer Regen zu kommen, und schon werden sie weggespült.«33 »Also ist auch das nicht von Dauer«, stellte Wukong fest, »dann lerne ich es nicht.« »Und wie wäre es mit dem Weg der Bewegtheit?« »Was bedeutet das nun wieder?« »Dazu gehören aktive Praktiken wie die Stärkung der männlichen Yang-Kraft durch Aufnahme weiblicher Yin-Energie, das Bogen- und Armbrustschießen, die Bauchnabelmassage und Energie-Übertragung in der Liebeskunst, die Alchemie, das Einnehmen von Rotblei, das Brauen von Herbststein-Elixier, das Trinken von Muttermilch und Ähnliches.«34 »Und wie steht es mit der Unsterblichkeit?« »Wollte man damit unsterblich werden, so wäre es, als wollte man den Mond aus dem Wasser fischen.« »Ach, Meister, schon wieder so ein Wort! Was heißt denn nun ›den Mond aus dem Wasser fischen‹?« »Der Mond befindet sich im weiten All, im Wasser ist nur sein Spiegelbild. Zwar können wir ihn im Wasser sehen, doch sobald wir danach greifen, löst er sich in nichts auf.« »Dann lerne ich auch das nicht.« Auf diese Worte schnaubte der Meister auf, sprang vom Sitz herab, richtete seinen Stock auf Wukong und rief: »Du Affenkerl! Weder das eine noch das andere willst du lernen. Worauf wartest du eigentlich?« Er trat vor und versetzte Wukong drei Stockschläge auf den Kopf. Dann verschränkte er die Arme auf dem Rücken, schritt ins Innere und schloss das mittlere Tor ab. Zurück blieb eine verschreckte Schülerschar; alle waren bestürzt und grollten Wukong. Dieser aber war alles andere als verdrossen, ja, er lächelte glücklich vor sich hin. Der Affenkönig hatte nämlich eine versteckte Botschaft erraten und hütete nun still sein Geheimnis. Die drei Stockschläge nämlich hießen ihn, sich zur dritten Nachtwache um Mitternacht bereitzuhalten; der Abgang mit auf dem Rücken verschränkten Armen und das Schließen des mittleren Tores bedeuteten, dass er den Meister durch die Hinterpforte aufsuchen sollte, damit ihm dieser im Geheimen eine Lehre vermitteln konnte. Wukong konnte den Abend kaum erwarten. Als die Dämmerung anbrach, legte er sich mit allen anderen zur Ruhe und schloss die Augen, doch anstatt zu schlafen, versetzte er sich in eine tiefe, aufmerksame Ruhe. Ungefähr um Mitternacht erhob er sich sachte vom Lager, zog die Kleider an und schlich zum vorderen Tor hinaus. Von außen erreichte er das hintere Tor. Er fand es einen Spaltbreit geöffnet, zwängte sich hinein und sah den Meister mit dem Rücken zu ihm liegend. Um ihn nicht aus dem Schlaf zu schrecken, kniete Wukong neben seinem Bett nieder. Es dauerte nicht lange, da wachte der Meister auf, reckte die Füße und murmelte vor sich hin: »Schwer, schwer, schwer! Das Dao ist zutiefst wahr; Wähne es nicht harmlos, Das Goldene Elixier! Wenn nicht ein Vollkommener Ins Geheimnis dich einführt, Bleiben Worte ohne Sinn, Auch wenn sich der Mund bemüht!« »Meister, Euer Schüler kniet schon lange hier und wartet«, rief Wukong nun. Der Meister wusste, dass es Wukong war. Er warf sich einen Umhang über, setzte sich mit gekreuzten Beinen auf und sagte unwirsch: »Du Affenkerl, warum bist du nicht vorne und schläfst? Was suchst du hier hinten bei mir?« »Gestern vor dem Altar habt Ihr mich doch geheißen, zur dritten Nachtwache durch das hintere Tor hereinzukommen, damit Ihr mir eine Lehre vermitteln könnt. Darum habe ich mich erdreistet herzukommen.« Der Meister murmelte: »Dieser Kerl ist tatsächlich von Himmel und Erde gezeugt; er hat meine Botschaft verstanden.« »Hier sind wir ja nicht unter sechs Ohren35«, hub Wukong an, »ich bin ganz alleine gekommen und hoffe, dass der Meister mir die große Gnade erweisen möge, mich im Weg zur Unsterblichkeit zu belehren. Nie werde ich Eure Gunst vergessen.« »Da es dir heute gegeben ist, will ich gern zu dir sprechen. Komm her und höre gut zu.« Wukong verbeugte sich dankend, kniete neben der Schlafstätte nieder und richtete alle Aufmerksamkeit auf das, was er hörte. Wukong kniete neben der Schlafstätte nieder und richtete alle Aufmerksamkeit auf das, was er hörte. Der Meister sprach: »Dieser Spruch, der wundervolle, wahre, Durchdringt, was sichtbar ist und was verborgen, Lebenskraft und Wesen sind zu pflegen,36 Dies allein soll hier beredet werden. Worauf es ankommt, ist letztendlich Nur die Essenz, die Energie, der Geist;37 Behüt sie gut, verbirg sie gründlich, Sieh zu, dass nichts davon zerfließt. Nichts soll zerfließen, Im Körper belassen! Empfange nun, was du von mir erhalten, So wird das Dao sich von selbst entfalten. Präge den geheimen Spruch dir ein, Denn er wird viel Nutzen bringen; Halte dich von den Begierden fern, Klare Ruhe wirst du so gewinnen. Zieht klare Ruhe ein, Leuchtet das Licht rein! Dann begebe dich zum Elixierpodest, Wo den Vollmond du erblicken wirst.38 Im Mond verborgen ist ein Jadehase Und ein Rabe birgt sich in der Sonne;39 Von selbst erfassen und umschlingen Einander Schildkröte und Schlange.40 Vereintes Genesen Stärkt Kraft und Wesen! Damit du fürwahr in der Feuerbrunst Den Goldnen Lotos pflanzen kannst.41 Die Fünf Wandlungsphasen sammle nun, Dann kehre sie in ihrer Wirkung um; Und wenn das große Werk vollendet ist, Sei Buddha und Unsterblicher nach Lust!« Damit war die Wurzel und Quelle aller Dinge dargelegt. Wukong, von höchstem Glück beseelt, prägte sich den Spruch genauestens ein. Dann verneigte er sich vor dem Meister und verschwand, wie er gekommen war. Durch den vorderen Eingang begab er sich zu seiner Schlafstätte zurück. Am selben Morgen stand er auf und übte fortan im Stillen, was er gelernt hatte, indem er jeweils vor Mitternacht und nach Mittag für sich alleine Atemübungen machte. Bald waren drei Jahre vergangen. Eines Tages begab sich wieder, dass der Meister seinen Thron bestieg, um vor seinen Schülern zu sprechen. Er trug Koans und Gleichnisse vor und erörterte die äußeren Erscheinungen der Dinge. Plötzlich aber fragte er: »Wo ist Wukong?« Wukong trat vor, kniete nieder und sprach: »Hier ist Euer Schüler.« »In welchen Wegen des Dao hast du dich in letzter Zeit geübt?« »Euer Schüler ist mit der Erkenntnis der Wahrheit weit vorangerückt; Tag für Tag festigen sich die inneren Grundlagen.« »Du magst wohl die Wahrheit erkennen und deine inneren Grundlagen erfahren. Doch wird dir dies lediglich zur Abwehr des dreifachen Unheils dienen.« Wukong versank in langes Schweigen. »Meister«, hub er schließlich an, »immer hörte ich sagen, wer im Dao und dessen Wirkkraft eine hohe Vervollkommnung erreicht habe, dessen Leben werde so ewig wie der Himmel, und es würden bei vollendeter Harmonisierung von Feuer und Wasser auch keine Krankheiten mehr entstehen. Warum soll nun stattdessen ein dreifaches Unheil folgen?« »Hierbei handelt es sich nicht um das gewöhnliche Dao«, erklärte der Meister. »Es geht darum, Himmel und Erde die Schöpfungskraft zu entreißen und in die tiefsten Geheimnisse von Sonne und Mond einzudringen. Eine solche Vollendung werden Götter und Geister schwerlich dulden. Zwar wird dein Angesicht nicht altern und die Zahl deiner Jahre wird sich mehren, doch nach Ablauf von fünfhundert Jahren wird der Himmel dich mit Blitz und Donner heimsuchen. Dann musst du das wahre Wesen erschaut und dein Herz erkannt haben, um vorzeitig entrinnen zu können. Gelingt es dir, so wirst du ein Alter erreichen, das dem des Himmels ebenbürtig ist. Wenn es dir aber nicht gelingt, so wird dein Leben auf der Stelle zunichte sein. Nach weiteren fünfhundert Jahren wird dich der Himmel mit Feuer heimsuchen. Es wird weder ein himmlisches noch ein gewöhnliches Feuer sein, sondern das Feuer der Yin-Kraft. Dieses wird dir vom Punkt der Sprudelnden Quelle an den Fußsohlen bis zum Niyuan-Palast43 im Gehirn emporlodern, so dass all deine Organe zu Asche verglühen und deine Glieder sich zersetzen. Tausend Jahre härtester Übung lösen sich dabei auf in nichtige Illusion. Weitere fünfhundert Jahre später wird der Himmel Wind in dich fahren lassen. Es wird dies kein Ost- oder Südwind, Westoder Nordwind sein, auch nicht ein lauer, heißer, kühler oder eisiger Wind, sondern der Orkan des Unheils. Am Punkt der Fontanelle wird er dir durch die Schädeldecke hindurch in die Gedärme fahren und vom Zinnoberfeld44 im Unterbauch durch alle neun Körperöffnungen toben. Knochen und Fleisch werden sich verflüchtigen und der Körper wird sich zersetzen. All dem musst du entrinnen können.« Wukong standen die Haare zu Berge. Er fiel auf die Knie, schlug vor dem Meister den Kopf auf den Boden und flehte: »Habt Erbarmen, Meister! Zeigt mir, wie ich dem dreifachen Unheil entrinnen kann! Nie werde ich es wagen, Eure Gunst zu vergessen!« »Das ist nicht weiter schwierig«, erwiderte der Meister. »Es gibt einerseits die Sechsunddreißig Verwandlungen, gleich der Anzahl himmlischer Sterngeister im Siebengestirn, andererseits die Zweiundsiebzig Verwandlungen, gleich der Anzahl der irdischen Sterngeister im Siebengestirn; welche willst du lernen?« »Lieber schöpfe ich aus dem Vielen«, meinte Wukong, »und lerne die der irdischen Sterngeister.« »Wenn dem so ist«, sprach der Meister, »dann komm nach vorn, damit ich dir den geheimen Spruch vermitteln kann.« Und er flüsterte ihm etwas ins Ohr, von dem wir nicht wissen, um was für eine wunderbare Lehre es sich handelte. Wenn nun dieser Affenkönig einmal etwas begriffen hatte, so konnte er es umgehend auf alles anwenden. Auf der Stelle prägte er sich die geheimen Zauberworte ein und übte sich so lange, bis er schließlich alle zweiundsiebzig Verwandlungen beherrschte. Eines schönen Abends, als Meister und Schüler sich vor der Dreistern-Grotte der anbrechenden Dämmerung erfreuten, fragte der Meister: »Wukong, ist dir die Sache gelungen?« »Dank der überragenden Gunst des Meisters hat sich Euer Schüler alles bereits erfolgreich angeeignet und vermag auch schon auf einer Wolke schwebend durch die Luft zu gleiten.« »So lass mich einmal sehen, wie du emporschwebst«, forderte ihn der Meister auf. Wukong zeigte, was er konnte: Mit einem Satz wirbelte er in mehrfachem Überschlag in die Luft, setzte auf einer Höhe von fünfzig bis sechzig Klafter auf einer Wolke auf und schwebte während der Dauer einer Mahlzeit an die drei Meilen durch die Lüfte. Schließlich landete er vor dem Meister, faltete die Hände und sprach: »Meister, das ist die Kunst, zu den Wolken emporzuschnellen.« »Zu den Wolken emporschnellen kann man das wohl kaum nennen«, lachte der Meister, »höchstens auf Wolken kriechen. Seit alters heißt es doch: ›Es reisen die Götter frühmorgens zum Nordmeer und abends zum Cangwu-Gebirge‹45. All jene, die auf Wolken schnellen, starten frühmorgens vom Nordmeer, schweben über das Ost- und Westmeer hinweg bis zum Cangwu-Gebirge und bereisen so alle vier Weltenmeere an einem einzigen Tag. Das erst nennt man zu den Wolken schnellen.« »Das ist aber schwierig«, meinte Wukong. »Nichts ist schwierig auf der Welt, wenn innerlich der Wille gilt«, bemerkte der Meister. Auf diese Worte kniete Wukong vor ihm nieder, verneigte sich tief und bat seinen Meister um Belehrung. »Alle Unsterblichen, die diese Kunst beherrschen«, erklärte der Meister, »heben vom Boden ab, indem sie sich mit den Füßen abstoßen. Du aber machst es nicht so. Eben habe ich gesehen, wie du in mehrfachem Salto hochgesprungen bist. Ich will dir nun zu diesem Zweck den Wolken-Überschlag beibringen.« Wukong verneigte sich inständig bittend, und so lehrte ihn der Meister abermals einen Spruch. »Bei dieser Methode machst du das magische Fingerzeichen und sprichst den heiligen Spruch, dann schüttelst du dich und springst hoch. So wirst du in einem einzigen Überschlag 108 000 Meilen zurücklegen!« Als es dunkel wurde, kehrten Meister und Schüler in die Grotte zurück. Noch in derselben Nacht übte Wukong im Geiste die neue Kunst, bis er den Wolkenüberschlag beherrschte. Von da an lebte er von Tag zu Tag ungebundener und genoss seine sorglose Freiheit. Eines Tages versammelten sich die Schüler zum Gespräch unter den Kiefern. Neugierig fragten sie: »Wukong, in welcher früheren Inkarnation hast du dir eigentlich solche Verdienste angehäuft? Der Meister hat dich doch neulich in Verwandlungskünsten unterwiesen; kannst du sie denn schon alle?« »Offen gesagt«, lachte Wukong, »dank des Meisters Unterweisung, aber auch dank tage- und nächtelangem Üben habe ich mir die paar Künste längst angeeignet.« »Lass uns doch was sehen«, baten die anderen. »Dann stellt mir bitte eine Aufgabe! In was soll ich mich verwandeln?« »Verwandle dich doch in eine Kiefer!« Wukong murmelte einen Zauberspruch, schüttelte sich und stand als Kiefer da. Alle klatschten in die Hände und lachten. Damit aber hatten sie unversehens den Meister aufgeschreckt. Dieser packte unverzüglich seinen Stock, eilte zum Tor hinaus und rief: »Wer macht da draußen solchen Lärm?« Bestürzt zupften die Schüler ihre Gewänder zurecht und traten vor. Auch Wukong erschien wieder in seiner eigenen Gestalt unter den Schülern und meinte: »Verehrter Meister, wir befinden uns hier mitten in einem Gespräch; wie könnten wir zu lärmen wagen.« Aufgebracht fuhr ihn der Meister an: »Wie ihr da herumschreit, ziemt sich in keiner Weise für Menschen, die sich auf den Weg der Vervollkommnung begeben haben. Denn für diese gilt: Öffnet sich der Mund, so entweichen Geist und Energie; regt sich die Zunge, entstehen Wahr und Falsch. Was also war das eben für ein Gelächter?« »Wir wagen es Euch nicht zu verheimlichen, Meister«, rückten die Schüler nun heraus, »eben hat uns Sun Wukong zum Spaß eine Verwandlung vorgeführt. Er verwandelte sich in eine Kiefer, und da spendeten wir Beifall. Aus diesem Grunde haben wir den verehrten Meister gestört, möget Ihr uns bitte verzeihen.« »Geht alle weg«, befahl der Meister. Dann rief er Wukong zu sich und sprach: »Was treibst du hier bloß? Was soll diese Verwandlung in eine Kiefer? Mit dieser Kunst wagst du vor anderen aufzuspielen? Und wenn dich nun jemand bittet, sie ihn zu lehren? Dann bleibt dir aus Angst vor Unfrieden nichts anderes übrig, als das Geheimnis zu verraten! Denn sonst käme es noch schlimmer, und du wärst an Leib und Leben gefährdet.« Wukong schlug den Kopf auf den Boden und flehte: »Möge der Meister mir diese Schuld verzeihen!« »Ich weise dir keine Schuld zu«, sprach der Meister, »ich will nur, dass du fortgehst.« Wie Wukong diese Worte hörte, stürzten ihm die Tränen aus den Augen und er rief: »Wohin, Meister, soll ich denn gehen?« »Geh hin, woher du gekommen bist.« Da war es Wukong mit einem Mal, als würde er erwachen, und er rief: »Ich komme aus der Wasservorhang-Grotte auf dem Blumen-Früchte-Berg auf dem Kontinent Purvavideha.« »Dann mach dich auf, wenn dir dein Leben lieb ist. Hier kannst du auf keinen Fall bleiben.« Wukong blieb nichts anderes übrig, als seinen Fehler einzugestehen und von allen Abschied zu nehmen. »Auf diesen Fortgang folgt mit Sicherheit nichts Gutes«, sprach der Meister. »Was auch immer du für Unheil und Gewalttaten anrichten magst, nie darfst du preisgeben, dass du mein Schüler gewesen bist. Und wenn du auch nur eine halbe Silbe verrätst, ich werde es wissen, dich bei lebendigem Leibe häuten, deine Knochen raspeln und deine Seele in die finsterste Hölle verbannen, dass du noch nach zehntausend Äonen nicht wieder hochkommst.« »Nie werde ich es wagen, nie. Ich werde einfach sagen, ich könnte das alles von selbst.« Wukong gab sich einen Ruck, machte ein magisches Fingerzeichen, schnellte hoch und schoss im Wolkenüberschlag dem Ostmeer entgegen. Keine zwei Stunden später erblickte er schon den Blumen-Früchte-Berg und die Wasservorhang-Grotte. Der Prächtige Affenkönig wusste sein Glück zu schätzen und murmelte für sich selbst: »Als ich ging, da war ich schwer, Mit sterblichem Gebein und Fleisch; Doch seit der Vervollkommnung Ist mein Leib ätherisch leicht! Niemand auf der ganzen Welt Mag den Entschluss zu fassen; Wiewohl das Mysterium Sich so würd’ lösen lassen!« Wukong senkte seine Wolke und landete auf dem Blumen- Früchte-Berg. Schon drangen Schreie von Kranichen und das Gekreisch der Affen an sein Ohr, und er rief laut: »Kinderchen, ich bin wieder da!« Da begann es sich unter Felshängen, in steinernen Klüften, im Gras und auf den Bäumen zu regen, und auf einmal stürmten große und kleine Affen zu Tausenden und Abertausenden herbei und scharten sich um Wukong. Sie warfen sich vor ihm nieder und riefen: »Großer König, wie konntet Ihr nur so lange fortbleiben? Ihr habt uns hier sitzenlassen, während wir uns wahrlich mit dürstenden Herzen nach Euch sehnten. Neulich sind wir von einem Dämon angegriffen worden; er wollte unsere Grotte erobern, und wir haben mit ihm auf Leben und Tod gerungen. Am Ende hat er viele unserer Kinder gefangengenommen. Großer König, wäret Ihr noch länger fortgeblieben, müssten wir gewiss noch die Grotte an ihn verlieren!« Als Wukong dies hörte, war sein Zorn groß. »Welcher Dämon erlaubt sich, hier zu wüten!« schrie er, »wartet nur, bis ich mich an ihm gerächt habe!« »Der Kerl nennt sich Weltverheerender Dämonenkönig und wohnt ganz oben im Norden.«46 »Wie weit ist der Weg von hier bis dorthin?« wollte Wukong wissen. »Er kommt mit dem Wind und geht im Nebel; wie weit der Weg ist, wissen wir nicht«, gaben die Affen zur Antwort. »Wenn dem so ist«, beschied Wukong, »dann wartet, bis ich ihn gefunden habe.« Mit einem Satz schnellte der Affenkönig in die Lüfte, schoss in einem Überschlag gen Norden und hielt Ausschau. Ringsum erstreckte sich ein mächtiges, schroff aufragendes Gebirge. Der Prächtige Affenkönig betrachtete noch die Landschaft, als auf einmal Stimmen an sein Ohr drangen. Unverzüglich stieg er den Hang hinunter und suchte. Da fand er die Wasserorgan-Grotte. Am Eingang tanzten ein paar kleine Ungeheuer herum, die davonstoben, kaum hatten sie Wukong erblickt. »Halt!« rief Wukong, »ich bin der Herr der Wasservorhang-Grotte vom Blumen-Früchte-Berg im Süden. Euer Weltverheerender Dämonenschuft hat meine Kinder und Enkel bereits mehrmals angegriffen. Nun bin ich eigens da, um mit ihm einen Wettkampf auszutragen.« Als die kleinen Ungeheuer das hörten, stürzten sie flugs in die Grotte und meldeten: »Großer König, Unheil droht! Draußen steht ein Affe, der nennt sich Herr der Wasservorhang-Grotte vom Blumen-Früchte-Berg und sagt, Ihr hättet mehrmals seine Kinder und Enkel angegriffen. Darum wolle er mit Euch einen Wettkampf austragen.« Der Dämonenkönig rief lachend: »Ich habe dieses Affengesindel schon oft von einem großen König reden hören. Der soll ausgegangen sein, um sich der Vervollkommnung zu widmen. Da wird er wohl nun zurückgekehrt sein. Habt ihr gesehen, wie er ausgestattet ist und was für Waffen er führt?« »Er trägt keinerlei Gerätschaften bei sich. Er hat einen kahlen Schädel und trägt ein rotes Gewand, mit einem gelben Band umgürtet, und seine Füße stecken in pechschwarzen Stiefeln. Er sieht weder wie ein Mönch noch wie ein Profaner aus, auch nicht wie ein Daoist. Mit bloßen Händen steht er vor dem Tor und schreit.«47 Auf diese Auskunft warf sich der Dämonenkönig die Rüstung über, packte seinen Säbel und trat mit all seinen Ungeheuern vor das Eingangstor, wo er brüllte: »Wer ist nun jener Herr der Wasservorhang-Grotte?« »Mit solchen Glotzaugen kommst du Zankteufel daher und siehst nicht mal den alten Sun!« höhnte Wukong. Als ihn der Dämonenkönig erblickte, brach er in Gelächter aus und rief: »Keine vier Fuß hoch, kaum dreißig Jahre alt und ohne jede Waffe! Wie kannst du dich erkühnen, dich mit mir messen zu wollen?« »Du Zankteufel bist ja blind«, schimpfte Wukong, »klein glaubst du mich, dabei wäre es mir ein Leichtes, groß zu sein; waffenlos siehst du mich, dabei hole ich dir mit bloßen Händen den Mond vom Himmel! Nun, keine Angst, lass dir vom alten Sun eins in die Fresse hauen!« Mit einem Satz sprang er auf den Dämon los und wollte ihm ins Gesicht schlagen. Dieser aber fing den Schlag mit ausgestreckter Hand auf und meinte: »Klein wie du bist gegen meine Größe; mit bloßer Faust gegen meinen Säbel – das wäre ja zum Lachen, dich auf diese Weise totzuschlagen. Warte, ich lege mal den Säbel ab und mache mit dir einen Faustkampf.« Der Dämonenkönig warf sich in Kampfpose, holte zum Schlag aus, stürzte los und schlug zu, dann folgte ein Hieb dem andern. Die großen Fäuste erwiesen sich nun als hohle Nüsse, die kleinen hingegen blieben hart und zäh. Als der Dämonenkönig von einem kräftigen Schlag getroffen worden war, wirbelte er herum, packte seinen brettgroßen Stahlsäbel und zielte Wukong geradewegs auf den Kopf. Dieser aber wich flink aus, und der Säbel fuhr ins Leere. Nun bediente sich Wukong einer Magie zur Körpervermehrung, rupfte ein Büschel Körperhaare aus, zerkaute sie und spuckte sie in die Luft, indem er rief: »Verwandlung!« Auf einen Schlag sah sich der Dämonenkönig von zwei- bis dreihundert kleinen Affen umzingelt. Der Affenkönig nämlich besaß seit seiner Vollendung im Dao 84 000 Zauberhaare, und ein jedes war nach Wunsch verwandelbar. Die kleinen Affen hatten flinke Augen und wussten so zu hüpfen, dass sie von keinem Säbel getroffen und von keiner Lanze verletzt werden konnten. Seht, wie sie den Dämonenkönig anspringen und um ihn herumtollen! Sie packten ihn, zerrten ihn, rupften seine Haare, zerkratzten ihm die Augen, bis er schließlich in sich zusammensank. Wukong riss den Säbel an sich, hieß die Affen Abstand halten und hackte den Dämon mit einem Hieb auf den Scheitel entzwei. Nun wurde die Grotte gestürmt und die ganze Horde großer und kleiner Ungeheuer vernichtet. Schließlich schüttelte Wukong sein Fell und fing die Zauberhaare wieder ein. Einige der Affen aber konnten nicht zurückverwandelt werden, nämlich diejenigen, die der Dämonenkönig in der Wasservorhang-Grotte gefangengenommen hatte, insgesamt dreißig bis fünfzig an der Zahl. »Kommt alle nach draußen«, rief Wukong. Dann entzündete er in der Wasserorgan-Grotte ein Feuer, das sie dürr und trocken sengte, so dass alles in die große Einheit einkehrte. »Kommt alle mit mir zurück«, rief er nun den Affen zu, »schließt die Augen und fürchtet euch nicht!« Der Affenkönig murmelte einen Zauberspruch und ließ sich mit ihnen auf einem heftigen Windstoß davontragen. Erst als er die Wolke senkte, hieß er die Kleinen die Augen öffnen. Kaum hatten ihre Füße den Boden berührt, erkannten sie ihre alte Heimat und rannten überglücklich auf vertrauten Pfaden heim zur Grotte. Die Affen, die vor der Grotte waren, drängten mit nach drinnen, wo sich alle vor dem Affenkönig verneigten. Ein Willkommensbankett mit Wein und Früchten wurde aufgetragen, und alle wollten wissen, wie sich der Kampf gegen den Dämon zugetragen habe. Wukong schilderte das Ereignis in allen Einzelheiten, und die Affen spendeten Beifall ohne Ende. »Nachdem ich euch damals verlassen habe«, erzählte Wukong, »bin ich über den Östlichen Ozean hinweg bis zum südlichen Kontinent Jambudvipa getrieben, wo ich lernte, wie die Menschen zu leben, diese Kleider und Schuhe anzog und mich schwankenden Schrittes auf eine Wanderung machte, die wohl an die acht oder neun Jahre dauerte. Doch vom Weg des Dao fand ich keine Spur. Über den Westlichen Ozean bin ich schließlich zum westlichen Kontinent Aparagodaniya gelangt, und dort habe ich nach langem Suchen glücklicherweise einen alten Meister getroffen, der mich das Geheimnis lehrte, mit dem man ein Alter erreicht, das dem Himmel ebenbürtig ist – die große Lehre vom ewigen Leben.« Die Affen gratulierten ihm und waren sich alle einig, dass solch ein Glücksfall selbst über zehntausend Äonen hinweg selten vorkomme. Wukong lachte und verkündete: »Kinderchen, ein weiteres Glück ist, dass wir jetzt einen Sippennamen haben!« »Wie lautet er denn, Großer König?« fragten die Affen. »Sun ist nun mein Name, und mein Ordensname lautet Wukong.« Auf diese Worte klatschten alle Affen in die Hände und jubelten: »Dann ist der Große König unser alter Sun, und wir sind die zweiten Sun und dritten Sun, die feinen Sun und kleinen Sun, die Sippe Sun, das Reich der Sun, ein ganzes Nest voller Sun!« Alle drängten sie heran, den alten Sun zu umschmeicheln. Nun wurden Schalen und Becher mit Trauben- oder Kokoswein, himmlischen Blumen und Früchten angefüllt. Wahrhaftig, es war eine glücklich vereinte Sippschaft! Und da wir nicht wissen, was sich während dieses Aufenthalts noch alles ereignete, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第003回 / 3. Kapitel Es fügen sich die Weltenmeere und Gebirge / In der Hölle werden Namen durchgestrichen Lasst uns weiter vom Prächtigen Affenkönig erzählen, der den Weltverheerenden Dämonenkönig umgebracht und dessen großen Säbel erbeutet hatte. Von da an übte er sich Tag für Tag in der Kampfkunst und lehrte die kleinen Affen, aus Bambusstangen Wurfspieße anzufertigen, Holzsäbel zu schnitzen und Feldlager aufzustellen. Lange vertrieben sie sich so die Zeit, bis den Affenkönig plötzlich ein Gedanke durchfuhr, und er sagte: »Wenn wir so weitermachen, riskieren wir, dass aus dem Spiel Ernst wird. Was tun, wenn auf einmal ein Menschenkönig, ein Tier- oder Vogelkönig darauf aufmerksam wird? Und wenn sie dann im Glauben, wir planten einen bewaffneten Aufstand, ihre Krieger mobilisieren und uns angreifen? Mit diesen Bambusstangen und Holzsäbeln könnten wir ihnen doch niemals standhalten! Wir müssen unbedingt scharfe Schwerter und Hellebarden besorgen. Aber wie sollen wir das anstellen?« Seine Worte versetzten das ganze Affenrudel in Aufregung. Während alles durcheinanderredete, schritten vier ältere Affen aus der Menge; es waren zwei Rotgesäß-Makaken und zwei Gibbons. Diese traten nun vor und sprachen: »Großer König, gute Waffen zu besorgen ist ein Kinderspiel! Zweihundert Meilen östlich von hier übers Wasser im Reich Aolai liegt eine Stadt mit zahlreichen Bürgern und Wehrtruppen. Gewiss gibt es da auch Kupfer- oder Eisenschmiede. Eure Majestät brauchen dort nur Waffen zu kaufen oder anfertigen zu lassen, dann könnt Ihr uns ausbilden, damit wir unseren Berg verteidigen können. Fürwahr, das ist eine Strategie zur Bewahrung des Friedens auf lange Frist!« Wukong hörte diese Worte mit großer Erleichterung. Flugs stieg er in die Lüfte, legte pfeilschnell im Wolkenüberschlag zweihundert Meilen übers Wasser zurück und fand tatsächlich eine umwallte Stadt mit regem Treiben auf breiten Straßen und Marktplätzen. »Hier muss es doch gebrauchsfertige Waffen geben«, sann Wukong. »Aber eigentlich brauche ich doch gar nicht runterzugehen und welche zu kaufen. Ich kann sie mir doch einfach mit Magie beschaffen!« Zu einem magischen Fingerzeichen murmelte er einen Zauberspruch, holte gen Südosten, der Richtung des Trigramms Xun,48 tief Luft und pustete sie aus. Unverzüglich brauste ein wilder Orkan übers Land, der Sand und Kieselsteine mit sich riss und in Aolai den König und die ganze Stadt in Angst und Schrecken versetzte. In aller Hast wurde Tür und Tor verriegelt, und kein Mensch wagte sich mehr nach draußen. Wukong senkte seine Wolke, stürmte durchs Palasttor zum königlichen Arsenal, riss die Tür auf und fand sämtliche achtzehn Waffengattungen ordentlich aufgereiht vor. Beglückt murmelte er: »Alleine kann ich gar nicht so viel tragen. Ich will sie lieber mit einer Teilungsmagie befördern!« Schon rupfte er sich ein Büschel Pelzhaare aus, zerkaute sie und spuckte sie aus, murmelte einen Zauberspruch und rief: »Verwandlung!« Auf der Stelle wimmelte es von Affen, die sich zu Hunderten auf die Geräte stürzten, sie an sich rissen und sich balgten, bis alles leergefegt war. Der Affenkönig aber stieg auf eine Wolke, zog die Affen mit Zauberkraft an sich und führte sie heim. Beim Landen fing er seine Haare mit einem Schütteln wieder auf, so dass die Beute als ein wilder Haufen am Berghang liegen blieb. »Kinderchen!« schrie er, »kommt her und holt euch eure Waffen!« Schon stürzten die Affen herbei, packten Säbel und Speere, spannten Bogen und Armbrust und vergnügten sich den ganzen Tag damit. Als tags darauf wieder die Manöver abgehalten wurden, ließ Wukong die ganze Horde antreten. Es waren insgesamt über siebenundvierzigtausend Affen. Längst waren die Ungeheuer und Bestien des ganzen Berges darauf aufmerksam geworden, und so trabten bald die Dämonenkönige aller zweiundsiebzig Grotten an, um dem Affenkönig ihre Aufwartung zu machen. Fortan brachten sie Jahr für Jahr Tribute dar, erschienen vierteljährlich zum Appell, traten den Manövern bei und entrichteten den Jahreszeiten entsprechend Kornabgaben. So verlief alles in bester Ordnung, und der Blumen-Früchte-Berg wurde so unbesiegbar wie eine stählerne Bastion. Täglich ging der Kampfdrill weiter. Eines Tages sprach der Affenkönig zur Menge: »Nun versteht ihr mit Bogen und Armbrust umzugehen und kennt euch mit den verschiedenen Waffen aus. Mir aber scheint mein Säbel nun wahrlich zu plump; er gefällt mir nicht mehr. Was ließe sich da machen?« Da traten die vier alten Affen vor, verbeugten sich und sprachen: »Großer König, für einen Unsterblichen wie Euch sind gewöhnliche Waffen untauglich. Nun wissen wir allerdings nicht, ob Eure Majestät auch das Wasser zu begehen vermag?« »Ich beherrsche zweiundsiebzig Verwandlungen und verfüge mit dem Wolkenüberschlag über immense Zauberkräfte. Wo sollte ich nicht hingehen können?« gab Wukong zurück. »Gut, dass Ihr solche Kräfte besitzt«, sprachen die alten Affen. »Im Wasser unter unserem eisernen Brückensteg gibt es nämlich eine Verbindung zum Drachenpalast des Östlichen Ozeans. Wenn Eure Majestät bereit ist, dort den alten Drachenkönig aufzusuchen, könntet Ihr von ihm eine Waffe anfordern. Das wäre doch etwas?« Diese Worte erfüllten Wukong mit Freude. Schon sprang er auf den Brückensteg, vollführte mit einem magischen Fingerzeichen einen Wasserwehr-Zauber und stürzte sich in die Fluten. Die Wassermassen teilten sich, und so gelangte er geradewegs auf den Grund des Östlichen Ozeans. Doch plötzlich trat ihm ein patrouillierender Yaksa in den Weg und rief: »Was für ein Geist stößt hier das Wasser vor sich her? Gebt klare Auskunft, damit ich Euch zum Empfang melden kann.« »Ich bin der Himmelsgeborene Heilige Sun Wukong vom Blumen-Früchte-Berg, ein Nachbar deines Drachenkönigs«, gab Wukong zur Antwort, »wie kommt es, dass du mich nicht erkennst?« Der Yaksa machte rechtsum kehrt und meldete im Wasserkristallpalast: »Majestät, draußen ist ein Himmelsgeborener Heiliger vom Blumen-Früchte-Berg. Er nennt sich Sun Wukong und behauptet, ein Nachbar Eurer Majestät zu sein. Er wird sogleich im Palast eintreffen.« Drachenkönig Aoguang vom Ostmeer trat aus der Thronhalle und rief dem Gast entgegen: »Möge der werte Unsterbliche eintreten!« Im Palast begrüßten sie einander, und nachdem sie sich gesetzt hatten und Tee aufgetragen worden war, fragte der Drachenkönig: »Wann habt Ihr, werter Unsterblicher, Vollendung im Dao erlangt, und was für Künste habt Ihr dabei erlernt?« »Schon bald nachdem ich geboren wurde, zog ich aus, mich zu vervollkommnen«, erklärte Wukong, »und so habe ich schließlich einen unvergänglichen Körper erlangt. Seit kurzem unterrichte ich meine Kinder und Kindeskinder in der Kampfkunst, damit wir unseren Berg und unsere Grotte verteidigen können. Leider fehlt mir aber noch eine rechte Waffe. Da ich schon lange sagen hörte, dass Ihr, mein edler Nachbar, der Ihr in Jadehallen und Muscheltürmen wandelt, überzählige göttliche Waffen besitzen sollt, bin ich eigens gekommen, eine davon zu erbitten.« Der Drachenkönig konnte ihm die Bitte nicht gut abschlagen und schickte Kommandeur Barsch aus, der alsbald einen Säbel mit breitem Griff herbeitrug. Wukong wehrte ab: »Mit Säbeln weiß ich alter Sun nicht umzugehen. Bitte bringt was anderes!« Da schickte der Drachenkönig Leutnant Weißfisch und Leibwächter Aal, einen neunzackigen Rechen zu bringen. Wukong sprang auf und nahm die Waffe entgegen, doch kaum hatte er ihn in der Hand gewogen, stellte er ihn hin und meinte: »Viel zu leicht, viel zu leicht! Das liegt nicht recht in der Hand. Bitte bringt noch etwas anderes.« Lachend meinte der Drachenkönig: »Werter Unsterblicher, dieser Rechen wiegt 3600 Pfund!« »Er liegt einfach nicht recht in der Hand«, beharrte Wukong. Dem Drachenkönig wurde es unbehaglich. Er ließ nun Admiral Brasse und Brigadier Karpfen eine große Hellebarde mit eckigem Beil und verziertem Schaft herbeischaffen, die 7200 Pfund wog. Wukong nahm die Waffe entgegen, vollführte ein paar Kampfposen und wirbelte sie herum. Dann rammte er sie in den Boden und rief: »Auch das ist zu leicht, viel zu leicht!« Dem Drachenkönig wurde angst und bange. »Werter Unsterblicher«, versicherte er, »diese Hellebarde ist die schwerste Waffe im ganzen Palast. Etwas anderes kann ich nicht bieten.« »Wie sagten doch die alten Weisen«, lachte Wukong: »›Dem Drachenkönig wird es nicht an Schätzen fehlen!‹ Macht Euch noch mal auf die Suche. Wenn Ihr was Zufriedenstellendes findet, will ich auch einen rechten Preis zahlen.« »Ich habe wirklich nichts mehr!« beteuerte der Drachenkönig. Da mischten sich von hinten die Drachengemahlin und die Drachentochter ins Gespräch und flüsterten dem Drachenkönig zu: »Majestät, dieser Heilige ist gewiss kein Geringer. In unserer Schatzkammer befindet sich doch das Göttliche Edelerz zur Erdung der Milchstraße; das leuchtet seit einigen Tagen in allen Farben und verströmt eine glückverheißende Aura. Könnte es nicht sein, dass es gerade diesem Heiligen begegnen muss?« »Das ist doch der Stab, mit dem einst der Yu der Große50 nach der Bändigung der Fluten die Tiefe der Ströme und Meere festlegte. Es ist ein göttliches Stück, doch wozu soll es brauchbar sein?« »Kümmert Euch nicht darum, schenkt es ihm einfach. Er soll damit machen, was er will; Hauptsache, wir werden ihn los«, drängte die Drachengemahlin. Schließlich willigte der Drachenkönig ein und teilte Wukong die Sache mit. »Bringt es her, damit ich es sehen kann«, meinte Wukong. Der Drachenkönig winkte ab: »Wir können es weder tragen noch anheben. Der werte Unsterbliche müsste höchstpersönlich hingehen.« »Dann führt mich hin«, sagte Wukong. Der Drachenkönig geleitete ihn in die Schatzkammer, wo ihnen ein tausendfach glitzerndes Goldlicht entgegenfunkelte. Der Drachenkönig zeigte darauf und sprach: »Was da leuchtet, ist es.« Wukong krempelte die Ärmel hoch und befühlte den Gegenstand. Es war eine eherne Säule vom Durchmesser eines Reisscheffels und einer Länge von über zwanzig Fuß. Mit aller Kraft stemmte er sie hoch und murmelte dabei: »Ein bisschen zu dick und zu lang. Etwas dünner und kürzer wäre ganz praktisch.« Kaum hatte er dies ausgesprochen, verkürzte sich der wunderbare Gegenstand um ein paar Fuß und wurde schmaler. Wukong wog ihn in den Händen und sprach: »Noch dünner wäre noch besser.« Tatsächlich schrumpfte der Zauberschatz weiter. Überglücklich hob Wukong die Stange aus der Schatzkammer und betrachtete sie eingehend. Beide Enden waren mit Gold umringt, während der Mittelteil aus schwarzem Erz bestand. Unter dem einen Goldreif war eine Reihe Schriftzeichen eingekerbt, die lauteten: »Wunscherfüllender Goldreifstab, 13 500 Pfund von Gewicht.« Wukong frohlockte: »Dieser Schatz gehorcht also den Wünschen!« Im Gehen wog er den Stab in der Hand und murmelte: »Noch etwas kürzer wäre wunderbar.« Als er ihn schließlich nach draußen trug, maß der Stab nur noch zwölf Fuß und hatte den Durchmesser einer Reisschale. Seht, wie er jetzt seine Zauberkräfte spielen lässt, Kampfkunst vollführt und im Scheingefecht durch den Wasserkristallpalast wirbelt! Vor Angst zitterte der Drachenkönig am ganzen Körper, und seinen Drachenprinzen wollte schier die Seele aus dem Leibe fliehen. Die Meeresschildkröten zogen ihre Hälse ein, Fische, Hummer, Riesenschildkröten und Krebse versteckten sich in Schlupfwinkeln. Schließlich setzte sich Wukong mit seinem Schatz im Palast nieder und meinte lachend zum Drachenkönig: »Besten Dank für Eure Großzügigkeit, werter Nachbar. Doch habe ich noch eine Bitte: Bevor ich diesen Eisenstab besaß, war das nicht weiter schlimm, doch jetzt, da ich ihn in den Händen halte, merke ich, dass mir eine passende Rüstung fehlt. Falls Ihr eine haben solltet, so schenkt sie mir doch, ich wäre Euch sehr dankbar.« »Damit kann ich nicht dienen«, gab der Drachenkönig zur Antwort. Doch Wukong insistierte: »Ein Gast belästigt nicht zwei Gastgeber. Solange Ihr mir keine Rüstung auftreiben könnt, verlasse ich diesen Palast nicht.« »Möge der werte Unsterbliche ein anderes Meer aufsuchen, da wird sich womöglich etwas finden lassen.« »Lieber in einem Haus sitzen bleiben als zu drei Häusern laufen«, gab Wukong zurück. »Ich ersuche Euch unter allen Umständen um eine Rüstung!« »Ich habe wirklich keine«, beteuerte der Drachenkönig, »hätte ich eine, würde ich sie Euch auf der Stelle überreichen.« »Wenn Ihr wirklich keine habt, werde ich diese Eisenstange an Euch ausprobieren«, drohte Wukong. Der Drachenkönig zuckte zusammen und rief: »Werter Unsterblicher, lasst ab! Wartet, ich will schauen, ob meine Brüder etwas für Euch haben.« »Wo befinden sich die werten Brüder?« wollte Wukong wissen. »Meine Brüder sind Drachenkönig Aoqin vom Südmeer, Drachenkönig Aoshun vom Nordmeer und Drachenkönig Aorun vom Westmeer.« »Da geh ich alter Sun nicht hin«, versetzte Wukong. »Ihr kennt die Volksweisheit: ›Gibt man auf Kredit für drei, kriegt man am Ende nur noch zwei.‹ Ich will einzig und allein, dass Ihr mir, auf welche Art auch immer, eine Rüstung schenkt.« »Ihr braucht nicht selbst hinzugehen«, versprach der alte Drache, »ich habe hier eine eherne Trommel und eine goldene Glocke; wann immer es einen Notfall gibt, lasse ich sie schlagen, dann erscheinen meine Brüder unverzüglich.« »Dann lasst jetzt sofort Trommel und Glocke schlagen!« Tatsächlich dröhnten schon im nächsten Augenblick Trommel- und Glockenschläge. Die Drachenkönige der drei Meere horchten auf und waren in kürzester Zeit zur Stelle. »Was ist geschehen, älterer Bruder, dass du die Glocke läutest?« fragte Aoqin. »Werter Bruder«, hub der alte Drache an, »es ist mir peinlich, es zu sagen. Da ist ein Himmelsgeborener Heiliger von einem Blumen-Früchte-Berg, der mich heute früh als Nachbar besucht hat. Er wollte eine Waffe haben, doch der Stahlrechen war ihm zu klein und die verzierte Hellebarde zu leicht, schließlich hat er ganz allein das Göttliche Edelerz zur Erdung der Milchstraße ergriffen und damit Kampfkünste vollführt. Nun sitzt er im Palast und verlangt auch noch eine Rüstung. Da ich hier nichts vorrätig habe, ließ ich Trommel und Glocke schlagen, um die werten Brüder herzubitten. Wenn ihr irgendeine Rüstung habt, so schenkt sie ihm, dann werde ich ihn los.« »Mobilisieren wir doch unsere Krieger und nehmen ihn fest!« rief Aoqin wütend. »Nur das nicht!« wehrte der alte Drache ab, »schon ein leichter Streich mit diesem Eisen wäre fatal, ein Hieb wäre tödlich.« »Zweiter Bruder«, stimmte Aorun bei, »legen wir uns nicht mit ihm an. Lieber wollen wir ihm eine Rüstung zusammenstellen, um ihn loszuwerden. Anschließend verfassen wir eine Throneingabe an den Obersten Himmelsherrscher, damit der Himmel ihm ein Ende bereite.« »Gute Idee«, pflichtete Aoshun bei. »Ich habe hier ein Paar Wolkenstiefel aus Lotoswurzelfäden.« »Ich habe einen goldenen Kettenpanzer«, fügte Aorun hinzu. »Und ich einen purpurgoldenen Helm mit Phönixfedern«, schloss Aoqin. Der alte Drache war erleichtert. Er führte seine Brüder in den Palast hinein, wo sie Wukong begrüßten und ihm die Sachen überreichten. Wukong setzte sich den goldenen Helm auf, zog die goldene Rüstung und die Wolkenstiefel an, dann wirbelte er mit dem Wunscherfüllenden Stab aus dem Palast hinaus und rief den Drachen zu: »Entschuldigt die Störung und lebt wohl!« »Entschuldigt die Störung und lebt wohl!« Aufgebracht blieben die vier Meeresdrachen zurück und besprachen, wie sie die Throneingabe einreichen wollten. Doch davon sei hier nicht weiter die Rede. Der Affenkönig aber teilte die Wassermassen, kehrte zur Stelle unter dem eisernen Brückensteg zurück und schnellte hoch. Die Affen, die neben der Brücke warteten, sahen Wukong aus den Wogen hochschnellen und ohne einen Tropfen Wasser in glänzender Pracht auf die Brücke treten. Verblüfft fielen alle auf die Knie und riefen: »O Majestät, wie wundervoll!« Wukong strahlte übers ganze Gesicht, bestieg den hohen Thron und stellte den Eisenstab in der Mitte auf. Die Affen, die nicht wussten, was sie davon halten sollten, kamen herbei und versuchten den Schatz zu ergreifen. Doch es war gerade so, als ob Libellen an einem Steinpfeiler rüttelten – er war um keine Haaresbreite zu bewegen! Die Affen bissen sich auf die Finger und keuchten mit heraushängender Zunge: »Großväterchen, was für ein Gewicht! Wie habt Ihr es bloß geschafft, das hierherzutragen!« Wukong trat vor, breitete die Arme aus und hob den Stab hoch. Lachend sprach er zu den Affen: »Es hat eben jedes Ding seinen Herrn. Dieser Schatz hat nun wer weiß wie viele Jahrtausende dort unten in der Meerschatzkammer gelegen, und just in der letzten Zeit begann er zu leuchten. Der Drachenkönig sah darin nicht mehr als ein Stück Schwarzeisen, das er ›Göttliches Edelerz zur Erdung der Milchstraße‹ nannte. Er hat mich gebeten, es selbst zu holen, weil keiner der Kerle dort unten imstande war, es zu tragen. Damals war dieser Schatz noch über zwanzig Fuß lang und so dick wie ein Reisscheffel. Doch kaum habe ich in Gedanken seine Größe bemängelt, ist er geschrumpft, und als ich das wiederholte, ist er noch kleiner geworden. Da sind eine Reihe Schriftzeichen eingekerbt: ›Wunscherfüllender Goldreifstab, 13 500 Pfund von Gewicht‹. Nun, geht mal alle zur Seite und lasst mich die Veränderung noch einmal ausprobieren.« Er wog den Schatz in den Händen und rief: »Kleiner, kleiner, kleiner!« Da schrumpfte der Stab so sehr, dass er nur noch so groß war wie eine Sticknadel, so dass er ihn im Ohr unterbringen konnte.51 Staunend bettelten die Affen: »Großer König, nehmt es noch mal heraus!« Der Affenkönig klaubte das Stäbchen aus dem Ohr, legte es auf seine Handfläche und rief: »Größer, größer, größer!« Sofort wuchs der Zauberschatz bis zur Dicke eines Scheffels an und gewann eine Länge von gut zwanzig Fuß. Wukong kam in Hochstimmung, sprang aus der Grotte und vollführte mit dem Stab in beiden Händen eine Magie zur Nachahmung von Himmel und Erde, indem er sich vorbeugte und rief: »Wachsen!« Schon wuchs er selbst auf hunderttausend Fuß an, dass sein Kopf nun aussah wie der Gipfel des Taishan. Die Hüften glichen hochragenden Felswänden, seine Augen funkelten wie Blitze, der Mund war so groß wie ein Stadttor und die Zähne sahen aus wie Schwerter und Hellebarden. Nun reichte der Stab in seiner Hand bis in den dreiunddreißigsten Himmel und hinab bis zur achtzehnten Hölle. Zu Tode erschrocken warfen sich die Dämonenkönige aller zweiundsiebzig Grotten zitternd und bebend ihm zu Füßen. Da machte Wukong die Verwandlung auf einen Schlag rückgängig, reduzierte seinen Schatz auf Stecknadelgröße, steckte ihn ins Ohr und verschwand in der Grotte. Die Dämonenkönige waren so eingeschüchtert, dass sie allesamt antrabten, ihre Verehrung zu erbringen. Bald wurden Flaggen gehisst und Trommeln geschlagen, und die Manöver gingen weiter. Der Affenkönig verlieh nun den vier alten Affen den Titel »Tapfere Generäle«, ernannte die beiden Rotgesäß-Makaken zu Oberst Ma und Oberst Liu und die beiden Gibbons zu General Beng und General Ba. Ihnen unterstellte er alle Aufgaben, vom Errichten von Feldquartieren und Befestigungsanlagen bis zum Verteilen von Lohn und Strafe. Er selbst jedoch ließ nun sein Herz schweifen. Täglich wandelte er über Wolken und Nebel, unternahm weitläufige Reisen zu allen vier Weltmeeren und schloss allerlei neue Freundschaften. Zu jener Zeit verbrüderte er sich auch mit verschiedenen Dämonenkönigen: Es waren der Rinderdämon, der Drachendämon, der Wundervogel-Dämon, der Langhaar- Löwenkönig, der Makakenkönig und der Gorillakönig, zusammen mit dem Prächtigen Affenkönig waren es sieben an der Zahl. Tag für Tag frönten sie nun Gesprächen über Literatur und Kampfkunst, reichten den Weinkelch reihum und genossen von früh bis spät ihr ausgelassenes Beisammensein. Eines Tages veranstaltete der Affenkönig in seiner Grotte ein Festmahl und lud die sechs Könige zum Zechen. Alle tranken sich einen tiefen Rausch an. Nachdem er die sechs verabschiedet hatte, sackte er neben der Brücke im Schatten der Kiefern zusammen und fiel auf der Stelle in tiefen Schlaf. Die vier Tapferen Generäle hielten mit den Affen zusammen Wache, und keiner wagte ein lautes Wort zu sprechen. Im Schlaf aber sah der Affenkönig zwei Männer mit einer Vorladung auf ihn zukommen, auf der die drei Schriftzeichen » 孫悟空 – Sun Wukong« geschrieben standen. Ohne ihn zu Wort kommen zu lassen, legten sie ihn in Fesseln und schleppten seine Seele mit sich fort, bis er schließlich hinter ihnen herstolpernd zu einer Stadt gelangte. Hier fühlte sich der Affenkönig allmählich wieder nüchtern und blickte um sich. Auf einmal bemerkte er über dem Stadttor eine eherne Tafel, und darauf prangten die drei großen Schriftzeichen: »幽冥界 – Finstere Unterwelt«. Blitzartig ging dem Affenkönig ein Licht auf. »Die finstere Unterwelt ist doch da, wo Höllenkönig Yama wohnt«, rief er, »warum kommen wir hierher?« Die beiden erwiderten: »Deine Lebenszeit auf Erden ist heute abgelaufen. Wir haben den Auftrag, dich hierherzubringen.« Der Affenkönig protestierte: »Ich alter Sun habe bereits alle Drei Welten überwunden und bin nicht mehr an die Materie der Fünf Wandlungsphasen gebunden! Ich gehöre gar nicht zu seinem Verwaltungsbereich! Wie kann er nur so hirnlos sein, mich hierherbringen zu lassen?« Die beiden Todesschergen aber zerrten ihn weiter, fest entschlossen, ihn in die Stadt zu bringen. Da fuhr der Affenkönig auf, riss seinen Schatz aus dem Ohr, schwang ihn zur Dicke einer Reisschale und schlug die Schergen mit einem Streich zu Brei. Dann befreite er sich von den Fesseln und stürmte mit wirbelndem Goldreifstab in die Stadt. Entsetzt wichen der Rinderköpfige und der Pferdegesichtige zurück und gingen in Deckung, die Geistersoldaten jagten zum Senluo-Palast und meldeten: »Majestät, ein Unheil, ein Unheil! Draußen wütet ein stoppelgesichtiger Donnergeist und kommt geradewegs auf uns zu!« Bestürzt strichen die Zehn Höllenkönige ihre Gewänder zurecht und hielten Ausschau. Als sie sahen, wie grimmig der Affenkönig heranstürmte, stellten sie sich in Reih und Glied auf und riefen: »Möge der werte Unsterbliche sich mit Namen vorstellen!« »Warum schickt ihr Leute aus, mich zu holen, wenn ihr mich nicht mal kennt? Ich bin der Himmelsgeborene Heilige Sun Wukong aus der Wasservorhang-Grotte im Blumen- Früchte-Berg. Und was für Ränge bekleidet ihr denn? Los, stellt euch vor, sonst gibt’s Prügel!« »Wir sind: König Guang von Qin, König des Ersten Flusses, König Di von Song, König der Fünf Ämter, König Yama, König der Gerechtigkeit, König des Bergs Taishan, König der Hauptstadt, König der Stadt Bian und König des Kreisenden Rades der Wiedergeburten.« »Königsposten habt ihr inne! Warum wisst ihr denn nicht, was rechtens ist? Ich alter Sun bin unsterblich geworden und habe die Vollendung im Dao erlangt; mir ist ein himmelsebenbürtiges Alter beschieden. Ich habe die Drei Welten überwunden und bin nicht mehr an die Fünf Wandlungsphasen gebunden. Was also soll das heißen, dass ihr Leute ausschickt, mich hierherzuschleppen?« Die Höllenkönige antworteten: »Möge sich der werte Unsterbliche beruhigen. Auf Erden gibt es viele, die gleiche Vor- und Nachnamen tragen, es könnte sich ja vielleicht um einen Irrtum der Schergen handeln.« »Unsinn«, rief Wukong, »so heißt es doch im Volksmund: ›Die Verantwortung für den Befehl trägt der Kommandant, nicht jener, der ihn überbringt.‹ Bringt sofort das Buch der Lebenden und Toten!« Die Zehn Höllenkönige führten Wukong in den großen Senluo-Palast und wiesen ihm einen Ehrensitz mit Blick gen Süden zu. Der für die Akten zuständige Höllenrichter wurde beauftragt, die Aufzeichnungen zu bringen und jeden Eintrag zu überprüfen. Unter den Kategorien der nackten, behaarten, gefiederten, insektenartigen und beschuppten Kreaturen war sein Name nicht zu finden. Weiter wurde der Eintrag über Affenartige durchsucht. Nun glich dieser Affe eigentlich einem Menschen, doch war sein Name unter der Kategorie Menschen nicht verzeichnet. Obschon er auch einem Tier glich, unterstand er doch nicht der Macht des Einhorns, und trotz seiner Nähe zu fliegenden Kreaturen wurde er auch nicht vom Phönix regiert. Es gab aber noch eine separate Liste, die Wukong nun eigenhändig durchblätterte. Endlich, unter dem Eintrag der Seele Nr. 1350, war der Name Sun Wukong registriert, mit dem Vermerk: »Himmelserzeugter Steinaffe, Lebensalter: 342 Jahre, friedlicher Tod.« »Ich kann mich an die Anzahl meiner Lebensjahre nicht erinnern«, meinte Wukong, »aber es reicht doch, wenn wir den Namen einfach streichen.« Er langte nach einem Pinsel und strich alles durch, was unter der Kategorie »Affen« namentlich aufgeführt war. Als er fertig war, schmiss er die Liste hin und rief: »So, diese Rechnung wäre beglichen! Von jetzt an habt ihr keine Macht mehr über uns!« Mit wirbelnder Stange bahnte er sich seinen Weg aus der Unterwelt. Die Zehn Höllenkönige wagten ihm nicht in den Weg zu treten. Stattdessen begaben sie sich zum Palast der Smaragdenen Wolken, verbeugten sich vor Bodhisattva Ksitigarbha und besprachen mit ihm, dass sie eine Throneingabe verfassen und den Vorfall im Himmel melden wollten. Doch sei dies nicht weiter ausgeführt. Wie der Affenkönig nun mit wirbelnder Stange aus der Stadt stürmte, strauchelte er plötzlich über ein Grasbüschel und wachte jäh auf. Alles war nur ein Traum gewesen. Da riefen die vier Tapferen Generäle und die umstehenden Affen laut: »Großer König, wie viel habt Ihr bloß getrunken, Ihr seid ja nach einer ganzen Nacht noch nicht erwacht!« »Schlafen ginge ja noch«, gab Wukong zurück, »mir träumte, ich würde von zwei Männern in die Unterwelt geschleppt. Dort aber habe ich meine Kräfte spielen lassen und bin bis zum Senluo-Palast gestürmt, wo ich mit den Zehn Höllenkönigen aneinandergeraten bin. Dann habe ich mir die Liste der Lebenden und Toten angeschaut und alle unsere Namen gestrichen. Jetzt hat Yama, dieser Kerl, keine Macht mehr über uns.« Dankend warfen sich die Affen ihm zu Füßen. Dass es seither in den Bergen viele Affen gibt, die nicht altern, liegt eben daran, dass ihre Namen im Jenseits nicht mehr aufgelistet sind. Wie der Prächtige Affenkönig fortan Tag für Tag mit den anderen schwelgte, sei hier nicht weiter ausgeführt. Wenden wir uns stattdessen dem Hohen Himmelskaiser zu, der eines Tages gerade in der Halle der Himmelshöhen thronte und mit all seinen zivilen und militärischen Ministern die Morgenaudienz abhielt, als auf einmal der Unsterbliche Qiu Hongji erschien und meldete: »Majestät, vor der Halle der Durchdringenden Klarheit steht Drachenkönig Ao Guang vom Ostmeer mit einer Throneingabe und wartet auf Einlass.« Der Jadekaiser befahl, ihn vorzulassen. Ao Guang wurde vor die Treppe der Palasthalle geführt, wo er die rituellen Verbeugungen vollführte. Ein Götterpage nahm die Throneingabe in Empfang. Das Schreiben lautete: »Ehrerbietig überreicht geringer Drache, Untertan Ao Guang aus der Unterwasserwelt im Ostmeer des östlichen Kontinents Purvavideha, dem Heiligen Herrn des Großen Himmels und Hohen Kaiser der Azurnen Himmelskuppel folgende Throneingabe: Kürzlich begab es sich, dass der dämonische Unsterbliche Sun Wukong aus der Wasservorhang-Grotte vom Blumen-Früchte-Berg geringen Drachen täuschte und belästigte, indem er den Wasserkristallpalast besetzte, um eine Waffe und eine Rüstung anzufordern. Untertan Ao Guang u. a. überreichten ihm einen wertvollen Eisenstab aus göttlichem Edelerz, eine goldene Kopfbedeckung mit Phönixfedern, einen goldener Kettenpanzer und ein Paar Wolkenstiefel, in der Hoffnung, ihn mit den Geschenken außer Haus weisen zu können. Er jedoch spielte mit Kampfkunst und Zauber auf, stellte seine Macht zur Schau, drohte mit Gewalt und erwies sich als äußerst schwer bezwingbar. Ehrfürchtig erwartet Euer Untertan das heilige Urteil Erlauchter Majestät und bittet um Entsendung himmlischer Truppen zur Festnahme dieses dämonischen Ungeheuers, auf dass in Meeren und Gebirgen wieder Ruhe und Ordnung einkehre und Friede sei auf Erden. Mit Hochachtung.« Nachdem der Heilige Himmelskaiser das Schreiben durchgelesen hatte, ließ er verkünden: »Der Drachengott möge ins Meer zurückkehren, wir werden unverzüglich Krieger entsenden, dieses Ungeheuer festzunehmen.« Der alte Drachenkönig bedankte sich mit einem Kotau und trat ab. Da meldete sich Himmelsmeister Ge Xianweng und sprach: »Majestät, König Guang von Qin aus der Unterwelt ist hier und möchte eine Throneingabe von Bodhisattva Ksitigarbha einreichen.« Eine Jadejungfer nahm das Schreiben im Empfang. Es lautete: »Es bildet die finstere Unterwelt das Jenseits zur Erdenwelt; im Himmel weilen Götter, auf Erden Geister, und so wandeln sich im ewigen Kreislauf Yin und Yang. Vögel und Bestien leben und sterben, kommen und gehen, mal männlich, mal weiblich. Dergestalt folgt alles dem großen Gesetz der Natur. Nun aber hat es sich zugetragen, dass der himmelserzeugte dämonische Affe Sun Wukong aus der Wasservorhang-Grotte vom Blumen-Früchte-Berg unter Missachtung eines amtlichen Aufgebots böswillig Gewalt ausübte, mit magischen Kräften Geisterdiener aus dem Reiche der Neunfachen Finsternis erschlug, den zehn barmherzigen Fürsten der Unterwelt Gewalt androhte, den Senluo-Palast in Aufruhr versetzte und eigenmächtig in Namenlisten Einträge durchstrich, so dass fortan die Affenartigen uneinschränkbar bleiben und ein viel zu hohes Alter erreichen werden, wodurch der Kreislauf der Wiedergeburten gestört wird, da sie von Geburt und Tod verschont bleiben. Mit diesem Schreiben bittet geringer Mönch Erlauchte Majestät ehrerbietig um Entsendung göttlicher Truppen zur Bändigung dieses Ungeheuers, auf dass Yin und Yang wieder ins Gleichgewicht gelangen und in der Unterwelt auf ewig Friede herrsche. Mit Hochachtung.« Nachdem der Jadekaiser zu Ende gelesen hatte, ließ er verkünden: »Der Fürst der Unterwelt möge ins Jenseits zurückkehren. Wir werden unverzüglich Generäle und Krieger entsenden, dieses Ungeheuer festzunehmen.« König Guang von Qin dankte ebenfalls mit einem Kotau und trat ab. Nun berief der Erhabene Jadekaiser alle seine zivilen und militärischen Amtsträger ein und fragte: »Wann wurde dieser dämonische Affe gezeugt, und in welcher Epoche ist er geboren, dass er derartige Vollendung im Dao erreicht hat?« Tausend-Meilen-Auge und Wie-der-Wind-Ohr traten vor und sprachen: »Es handelt sich um jenen Steinaffen, der vor über dreihundert Jahren vom Himmel erzeugt wurde. Damals hielten wir die Sache für belanglos. Irgendwo muss er sich neulich der Vervollkommnung gewidmet und die Unsterblichkeit erreicht haben, so dass er nun Drachen und Tiger zu bändigen weiß und gar im Jenseits Namenlisten zu ändern vermag.« Der Jadekaiser fragte: »Welcher Göttergeneral ist bereit, sich in die niederen Gefilde zu begeben, um ihn einzufangen?« Seine Worte waren noch nicht verklungen, da trat der Abendstern Changgeng aus den Reihen, vollzog einen Stirnaufschlag und sprach: »In den Drei Welten der alten Heiligen ist allen Wesen, welche neun Körperöffnungen besitzen, die Möglichkeit gegeben, sich zur Unsterblichkeit zu vervollkommnen. Unterscheidet sich dieser Affe, dessen Körper von Himmel und Erde erzeugt und von Sonne und Mond genährt wurde, der nun unsterblich ist und Drachen und Tiger zu bezwingen vermag, etwa vom Menschen? Euer Untertan bittet Erlauchte Majestät, eingedenk der Kostbarkeit des Lebens, Barmherzigkeit walten zu lassen und den Affen per Dekret in die himmlischen Gefilde zu beordern. Durch Zuweisung eines geringen Amtes könnten wir ihn dergestalt im Himmel behalten. Sofern er sich an die Regeln des Himmels hält, mag er später Beförderung erfahren; sollte er sie jedoch missachten, kann er auf der Stelle festgenommen werden. Auf diese Weise brauchen wir zum einen keine Truppen zu mobilisieren und vollbringen außerdem die gute Tat, einen Unsterblichen in unsere Reihen aufzunehmen.« Erleichtert sprach der Jadekaiser: »Die Worte des Ministers sollen gelten.« Sogleich beauftragte er den Literatenstern mit der Erstellung eines kaiserlichen Edikts und sandte den Abendstern mit der Botschaft auf den Weg. Auf einer glückverheißenden Wolke durch das Südliche Himmelstor entschwebend, gelangte der Abendstern geradewegs zur Wasservorhang-Grotte auf dem Blumen-Früchte-Berg. Dort teilte er der Affenschar mit: »Ich bin ein Himmelsbote und komme mit einem heiligen Edikt, Euren Großen König in den Himmel einzuladen. Bringt sofort Meldung!« Die Affen riefen einander die Botschaft weiter, bis sie in die Tiefen der Grotte drang: »Großer König, draußen steht ein alter Mann mit einer Schriftrolle auf dem Rücken. Er sagt, er sei ein Himmelsbote und überbringe ein heiliges Edikt mit einer Einladung.« Freudestrahlend rief der Affenkönig: »Dieser Tage ist mir gerade die Idee gekommen, mich mal im Himmel umzuschauen, und schon kommt ein Bote mit der Einladung! Schnell, bittet ihn herein.« Eilig zupfte der Affenkönig sein Gewand in Ordnung, rückte seine Kopfbedeckung zurecht und trat zur Begrüßung nach draußen. Der Abendstern trat näher, blieb mit Blick gen Süden stehen und sprach: »Ich bin der Abendstern vom Westen und komme im Auftrag des Jadekaisers mit einem heiligen Edikt hernieder. Ihr seid hiermit gebeten, Euch in den Himmel zu begeben und in die Liste der Unsterblichen eintragen zu lassen.« »Besten Dank für Euer Kommen, alter Stern«, lachte Wukong, »ich lasse meine Kleinen gleich ein Bankett auftischen.« »Mit dem heiligen Schreiben wage ich mich nicht unnötig aufzuhalten. Ich bitte Euch, sogleich mit mir aufzubrechen«, erwiderte der Abendstern. Da rief Wukong die vier Tapferen Generäle zu sich und sprach: »Unterweist meine Kinder und Kindeskinder mit Umsicht in der Kampfkunst! Sobald ich mich im Himmel umgeschaut habe, werde ich dafür sorgen, dass ich Euch mitnehmen kann.« Die vier Tapferen Generäle versprachen ihr Bestes. Alsbald schnellte der Affenkönig mit dem Abendstern zu den Wolken empor, und beide schwebten dem hohen Himmel entgegen. Und da wir nicht wissen, was für ein Amt dem Affenkönig zukam, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第004回 / 4. Kapitel Es kann ein Amt als Pferdeknecht dem Herzen nicht genügen / Sogar als Himmelsebenbürtiger gelangt er nicht zur Ruhe Nachdem der Abendstern und der Prächtige Affenkönig gemeinsam auf Wolken in die Lüfte gestiegen waren, hatte Wukong mit seinem schnellen Wolkenüberschlag den Abendstern bald hinter sich gelassen und lange vor ihm das Südliche Himmelstor erreicht. Er wollte gerade von der Wolke springen und eintreten, als ihm Himmelskönig Virudhaka mit seinen Kriegern Pang, Liu, Gou, Bi, Deng, Xin, Zhang und Tao in den Weg trat, das Himmelstor verschloss und ihm den Zutritt verweigerte. »So ein hinterhältiger Alter, dieser Abendstern!« schnaubte Wukong, »bestellt mich alten Sun hierher und lässt dann Leute mit Säbeln und Lanzen den Weg versperren!« Während er sich ereiferte, eilte der Abendstern heran, und Wukong gellte ihm entgegen: »Alter, warum führst du mich hinters Licht? Behauptest, mich auf Geheiß des Jadekaisers einzuladen, und lässt diese Leute mir den Eintritt verwehren!« »Möge sich der Große König beruhigen«, lächelte der Abendstern. »Ihr seid ja zum ersten Mal hier, also können Euch die Himmelskrieger gar nicht kennen. Wie könnten sie Euch ohne weiteres Einlass gewähren? Sobald Ihr beim Erhabenen Himmelskaiser vorgesprochen habt, als Unsterblicher registriert und mit einem Amt versehen seid, könnt Ihr ein und aus gehen, wie Ihr wollt.« Laut rief er nun: »Macht das Tor auf, Himmelswächter!« Bedächtigen Schrittes folgte der Affenkönig dem Abendstern durchs Tor hinein und sah sich um. So war es in der Tat: Millionen helle Strahlen Wallen rot wie Regenbogen, Tausendfältig heiler Dunst Atmet lila Nebelwogen. Goldne Zinnen, Silberwagen Neben Purpurhallen rein; Jadeblüten, Jaspisgräser, Blumenzier aus Edelstein! Der Abendstern führte den Prächtigen Affenkönig zur Halle der Himmelshöhen und begab sich, ohne den Einlassbefehl abzuwarten, vor den Thron, wo er die höfischen Verbeugungen vollführte. Wukong aber blieb aufrecht neben ihm stehen und richtete seine Aufmerksamkeit ohne jeglichen Ritus auf den Bericht des Abendsterns. Dieser sprach: »Euer Minister hat den dämonischen Unsterblichen gemäß dem heiligen Edikt aufgeboten.« »Welcher ist der dämonische Unsterbliche?« fragte der Jadekaiser hinter seinem herunterhängenden Perlenschleier. Da machte Wukong eine leichte Verneigung und gab zur Antwort: »Ich, der alte Sun!« Die umstehenden himmlischen Minister erblassten vor Schreck und tuschelten: »Was für ein unkultivierter Affe! Wie kann er es nur wagen, ohne Kotau vor den Himmelskaiser zu treten und auch noch hochfahrend mit ›Ich, der alte Sun‹ zu antworten? Er ist des Todes!« Der Jadekaiser aber sprach: »Da dieser Sun Wukong als dämonischer Unsterblicher aus den unteren Gefilden erst vor kurzem menschliche Gestalt annahm, kann er sich mit der höfischen Etikette kaum auskennen. Es sei ihm einstweilen verziehen.« »Dank sei Eurer Gnade!« riefen die himmlischen Minister im Chor. Erst jetzt vollführte der Affenkönig mit vor der Brust übereinandergelegten Händen eine tiefe Verbeugung. Der Jadekaiser beauftragte die für Beamtenwahl zuständigen himmlischen Minister, zu überprüfen, ob irgendwo ein Posten vakant sei, der Sun Wukong zugeteilt werden könnte. Alsbald meldete Wuqu, der Fürst des Kriegssterns: »Im Himmelspalast sind alle Stellen besetzt. Einzig im Kaiserlichen Marstall fehlt zur Zeit ein Oberaufseher.« »Dann ernennen wir ihn doch zum Bimawen54«, bestimmte der Jadekaiser. Die Minister dankten im Chor, während es der Affenkönig bei einer weiteren tiefen Verbeugung beließ. Nun beauftragte der Jadekaiser den Sternfürsten der Holztugend, den Affenkönig zu seinem neuen Amte in den kaiserlichen Pferdestallungen zu begleiten. Frohgemut folgte der Affenkönig dem Sternfürsten. Nachdem dieser seinen Auftrag ausgeführt hatte, kehrte er in den Palast zurück, während der Affenkönig nun im Marstall die Amtsträger aller Ränge versammelte, um sich über die Angelegenheiten seines Postens Klarheit zu verschaffen. Es gab knapp tausend Himmelspferde. Der Affenkönig sah alle Unterlagen durch und überprüfte die Anzahl der Pferde. In den Stallungen sorgten die Buchhalter für die Futterbeschaffung, die Wärter hatten die Pferde zu waschen und zu füttern, der Marstallmeister und dessen Gehilfen waren für die Einhaltung des Arbeitsablaufs zuständig, während der Bimawen sich Tag und Nacht um das Wohlergehen aller Pferde kümmern musste. Wann immer die Pferde ihn von da an gewahrten, spitzten sie die Ohren und scharrten mit den Hufen; sie gediehen prächtig und wurden prall und schön. Es war schon mehr als ein halber Monat verstrichen, als eines schönen Tages die Belegschaft dem Affenkönig zu Ehren ein Weingelage veranstaltete, einerseits um ihn willkommen zu heißen, andererseits um ihm zu gratulieren. Während sie nun fröhlich becherten, setzte der Affenkönig plötzlich seinen Weinkelch nieder und fragte: »Was ist ›Bimawen‹ eigentlich für ein Titel?« »Der Name ist bereits der Titel«, bekam er zur Antwort. »Von welchem Rang ist er denn?« insistierte der Affenkönig. »Ohne Rang.« »Also ein Titel, der über aller Rangordnung steht?« »Keinesweg. Man nennt das ›noch nicht in der Rangordnung‹.« »Was soll das heißen?« »Es ist das geringste und kleinste Amt überhaupt. Ein solcher Beamter darf gerade mal die Rosse hüten. Wenn man so wie Ihr, verehrter Vorgesetzter, seit Amtsantritt sämtliche Aufgaben mit größter Sorgfalt verrichtet, erntet man – falls die Pferde denn gedeihen und fett werden – höchstens die Bemerkung ›in Ordnung‹. Doch sobald die Rosse auch nur leicht abmagern, kommen gleich Vorwürfe, und falls sie sich gar eine Verletzung zuziehen, wird man verurteilt und bestraft.« Als der Affenkönig dies hörte, loderte in seinem Herzen das Feuer auf. Zähneknirschend stieß er hervor: »So gering achten sie mich alten Sun! Auf dem Blumen-Früchte-Berg war ich König und Oberhaupt der ganzen Sippe; wozu lassen sie mich hierherkommen, um ihre Pferde zu hüten? Wenn Pferdehüten eine minderwertige Arbeit ist, braucht man doch nicht mich dazu! Das mache ich nicht länger. Schluss, ich gehe!« Unter einem heftigen Stoß polterte der Tisch zu Boden, Wukong klaubte seinen Schatz aus dem Ohr, schwang ihn zur Dicke einer Reisschale und raste mit wirbelnder Stange aus den Marställen bis zum Südlichen Himmelstor. Da die Himmelskrieger nun wussten, dass er als Bimawen unter den Unsterblichen eingetragen war, wagten sie ihn nicht aufzuhalten und ließen ihn aus dem Himmel davonstürmen. Die Himmelskrieger wagten ihn nicht aufzuhalten und ließen ihn aus dem Himmel davonstürmen. Wenig später senkte Wukong seine Wolke und landete auf dem Blumen-Früchte-Berg, wo die vier Tapferen Generäle und die Dämonenkönige aller Grotten gerade ihre Manöver abhielten. »Kinderchen«, rief Wukong, »eurer alter Sun ist wieder da!« Die ganze Affenhorde stürmte herbei, alle machten ihre Kotaus, führten den Affenkönig in die Grotte, ließen ihn den Thron besteigen und bereiteten nebenher ein Willkommensbankett. »Glückwünsch dem Großen König!« riefen alle. »Mehr als zehn Jahre habt Ihr in den oberen Gefilden verbracht. Gewiss kehrt Ihr nun in Ruhm und Ehren in den Ruhestand.« »Es ist doch nur ein halber Monat verstrichen«, wandte Wukong ein, »was sagt ihr da von mehr als zehn Jahren?« »Majestät, im Himmel merkt Ihr nichts davon. Ein Tag im Himmel entspricht einem Jahr auf Erden! Dürfen wir Eure Majestät fragen, was für ein Amt Euch zugeteilt wurde?« Der Affenkönig winkte ab. »Sprecht mir nicht davon, es ist eine abgrundtiefe Schande! Dieser Jadekaiser weiß seine begabten Leute nicht richtig einzusetzen. Er hat mir nur ein Amt als sogenannter Bimawen zugeteilt, dabei ist das nichts als eine Art Pferdeknecht, und es zählt noch nicht einmal zu den Amtsrängen. Anfangs wusste ich nichts davon, doch heute habe ich meine Belegschaft gefragt und erfahren, dass es sich um einen derart miesen Posten handelt. Da hat mich alten Sun die Wut gepackt und ich bin sofort runtergekommen.« »Ja, wozu dem Jadekaiser als Pferdeknecht dienen?« pflichteten ihm die Affen bei. »Denkt, wie hochgeachtet und glücklich Ihr hier seid, in unserem Grottenhimmel in gesegneten Landen!« Umgehend hießen sie die Bediensteten Wein auftragen, um ihrem König den Unmut zu vertreiben. Während sie fröhlich die Becher reihum reichten, traf auf einmal die Meldung ein: »Draußen steht ein Einhörniger Geisterkönig, der vorsprechen möchte.« »Lasst ihn eintreten«, befahl der Affenkönig. Der Geisterkönig strich sein Gewand zurecht und trat ein. Nachdem er sich verbeugt hatte, hub er an: »Schon lange hörte ich, dass Ihr tüchtige Leute sucht, nur fehlte mir bisher ein Grund, Euch meine Reverenz zu erweisen. Nun, da Ihr in die Liste der Unsterblichen aufgenommen und ruhmreich zurückgekehrt seid, möchte ich Erlauchter Majestät zur Gratulation diese dunkelgelbe Robe überreichen. Falls Ihr mir erlaubt, in Euren Dienst zu treten, so will ich Euch zu Diensten sein wie Hund und Pferd.« Freudig zog der Affenkönig die ockergelbe Robe über und verlieh dem Geisterkönig umgehend das Amt eines Generalgouverneurs der Fronttruppen. Der Geisterkönig bedankte sich und sprach: »Lange weilte der Große König im Himmel; was für ein Amt wurde Euch denn zugeteilt?« »Der Jadekaiser achtet die Fähigen gering«, antwortete der Affenkönig, »er machte mich bloß zu einem sogenannten Bimawen.« »Aber Majestät, eingedenk Eurer herausragenden Fähigkeiten könnt Ihr doch nicht seine Rosse hüten! Selbst ein Himmelsebenbürtiger Großer Heiliger zu werden wäre für Euch ein Leichtes.« Als der Affenkönig dies hörte, durchzuckte ihn eine gewaltige Freude. »Ja, ausgezeichnet!« rief er aus und befahl sofort seinen vier Tapferen Generälen: »Fertigt eine Flagge an, auf der in großen Schriftzeichen geschrieben steht: ›Himmelsebenbürtiger Großer Heiliger‹. Dann stellt einen Mast auf und hisst die Flagge empor. Von nun an will ich nur noch ›Himmelsebenbürtiger Großer Heiliger‹ genannt werden, die Bezeichnung ›Großer König‹ ist nicht mehr gestattet.« Doch wenden wir uns wieder dem Jadekaiser zu, der am folgenden Tag gerade Audienz hielt, als Himmelsmeister Zhang mit dem Marstallmeister und dessen Assistenten auf der Palasttreppe erschien, sich verbeugte und berichtete: »Majestät, der neue Bimawen Sun Wukong hat gestern den Himmelspalast verlassen, weil er sein Amt als zu niedrig erachtete.« Da traf auch schon der Himmelskönig Virudhaka mit den Kriegern vom Südlichen Himmelstor ein und meldete: »Aus unerklärlichen Gründen ist der Bimawen durch das Himmelstor entlaufen.« Als der Jadekaiser dies hörte, ließ er verlauten: »Mögen die Würdenträger an ihre Posten zurückkehren. Wir werden Himmelskrieger entsenden, den Unhold einzufangen.« Da trat der Pagodentragende Himmelskönig Li Jing mit seinem dritten Sohn Prinz Nata aus den Rängen und sprach: »Unsere Wenigkeit bittet um Erlaubnis, den Dämon bezwingen zu dürfen.« Erleichtert ernannte der Jadekaiser den Pagodentragenden Himmelskönig zum »Dämonenbezwingenden Hohen Marschall« und Prinz Nata zur »Großen Gottheit der Götterzusammenkunft auf der dreifachen Plattform« und befahl ihnen, für die Expedition in die unteren Gefilde unverzüglich Truppen zu mobilisieren. Mit einem Stirnaufschlag verabschiedeten sich der Himmelskönig und Nata und kehrten in ihren Palast zurück, wo sie die Truppen einberiefen und Krieger wie den Mächtigen Seelengott, General Fischbauch und die Yaksas aufboten. Bald darauf stürmten sie aus dem Südlichen Himmelstor und errichteten nahe beim Blumen-Früchte-Berg ihr Feldquartier. Der Mächtige Seelengott wurde mit der Kriegserklärung beauftragt. Er warf sich in seine Rüstung und kam, seine langstieligen verzierten Streitäxte schwingend, zur Wasservorhang-Grotte, wo er eine Menge kleine Ungeheuer vorfand, die sich gerade mit Spießen und Schwertern im Kampfe übten. »Ihr Bestien!« brüllte der Mächtige Seelengott, »meldet dem Bimawen sofort Folgendes: Ich bin ein hoher General des Himmels und komme auf Befehl des Jadekaisers, ihn zu unterwerfen. Er soll sich rechtzeitig ergeben, ansonsten kommt keiner von euch heil davon.« Die Ungeheuer stürzten in die Grotte und riefen: »Unheil, Unheil! Draußen steht ein General aus dem Himmel, der den Amtstitel des Großen Heiligen nennt und behauptet, er sei auf Befehl des Jadekaisers hier, um Euch festzunehmen. Er sagt, Ihr sollt rechtzeitig herauskommen, damit unser Leben verschont bleibe.« Der Affenkönig ließ sich seine Rüstung geben. Dann trat er in vollem Harnisch, den Wunscherfüllenden Goldreifstab in der Hand, mit der ganzen Affenschar vor das Tor und ordnete die Schlachtreihen. »Du Zankaffe!« schrie der Mächtige Seelengott, »erkennst du mich?« »Was für ein Geistchen bist du denn?« höhnte der Große Heilige, »ich alter Sun bin dir noch nie begegnet! Schnell, gib deinen Namen an.« »Wehe dir, du hinterhältiger Rhesusaffe! Natürlich kennst du mich nicht. Ich bin der Himmelsgeneral Mächtiger Seelengott, Frontkommandant des Pagodentragenden Himmelskönigs im Hohen Götterhimmel. Ich komme auf den heiligen Erlass des Jadekaisers, dich zu unterwerfen. Leg sofort deine Sachen nieder und ergib dich der Gnade des Himmels, ansonsten wartet deiner die Todesstrafe. Wenn ich auch nur ein halbes ›Nein‹ höre, schlage ich dich im Handumdrehen zu Brei.« Aufgebracht schrie der Affenkönig: »Nimm bloß den Mund nicht so voll, du Schreckgespenst! Ich würde dich mühelos mit einem Streich umlegen, nur wäre dann leider keiner mehr da, der Nachricht überbringt. Drum lass ich dich vorläufig am Leben, aber mach, dass du schleunigst in den Himmel zurückkommst, und lass den Jadekaiser wissen, dass er seine fähigen Leute nicht einzusetzen weiß! Ich alter Sun besitze immense Zauberkräfte, wozu soll ich seine Pferde hüten? Sieh dir an, was auf dieser Flagge geschrieben steht. Falls mein Rang gemäß diesem Wortlaut erhöht wird, will ich von einem Kampf absehen, und Himmel und Erde bleiben in Frieden. Ansonsten aber werde ich den Palast der Himmelshöhen erstürmen, bis dieser Jadekaiser von seinem Thron fällt.« Der Mächtige Seelengott riss die Augen auf und sah suchend um sich, bis er tatsächlich vor dem Eingangstor eine hoch emporgehisste Flagge entdeckte, auf der in vier großen Schriftzeichen geschrieben stand: » 齊 天 大 聖 – Himmelsebenbürtiger Großer Heiliger«. Da gab er ein kaltes Lachen von sich und rief: »Du Affenkerl bist ja unverschämt! Ein Himmelsebenbürtiger Großer Heiliger willst du werden! Dann krieg jetzt gleich mal meine Axt zu spüren!« Er holte zum Schlag aus, und der Affenkönig trat ihm mit dem Goldreifstab entgegen. Doch schon nach einem kurzen Ringen konnte der Mächtige Seelengott nicht mehr standhalten, und als der Affenkönig schließlich mit einem Hieb den Stiel seiner Axt zerbrach, wich er zurück und ergriff die Flucht. »Schwächling!« höhnte ihm der Affenkönig nach, »ich habe dich verschont, also mach, dass du gleich die Meldung überbringst.« Zurück im Feldquartier, eilte der Mächtige Seelenkönig zum Pagodentragenden Himmelskönig, kniete keuchend vor ihm nieder und sprach: »Dieser Bimawen hat tatsächlich außerordentliche Fähigkeiten! Euer unwerter General konnte ihm nicht standhalten. Ich bitte um Bestrafung für diese Niederlage.« Wütend fuhr der Himmelskönig auf: »Dieser Kerl schadet unserer Kampfmoral! Führt ihn zur Enthauptung!« Da trat Prinz Nata vor, verneigte sich und sprach: »Väterliche Majestät, bitte besänftigt Euren Zorn und verzeiht vorerst dem Mächtigen Seelengott. Lasst mich ausrücken, damit wir wissen, wie die Lage wirklich steht.« Auf diese Bitte hieß der Himmelskönig den Mächtigen Seelengott abtreten, um im Feldquartier das Urteil abzuwarten. Prinz Nata aber stürmte in voller Rüstung hinaus und kam zur Wasservorhang-Grotte, wo Sun Wukong gerade seine Krieger zurückholte, als er Nata kampfeslustig anrücken sah. »Aus wessen Hause kommst denn du, Kleiner?« spottete er, »was treibt dich vor meine Tore?« »Du übler Zankaffe«, schrie Nata, »ich bin Prinz Nata, der dritte Sohn des Pagodentragenden Himmelskönigs. Auf Geheiß des Jadekaisers bin ich hier, dich festzunehmen!« »Ach du kleines Prinzchen«, höhnte Wukong, »du hast ja noch die Milchzähne und bist noch feucht hinter den Ohren. Wie kannst du es wagen, den Mund so voll zu nehmen? Ich will dich am Leben lassen, doch sieh dir an, was auf dieser Flagge geschrieben steht, und melde es dem Jadekaiser. Kriege ich diesen Titel, so braucht ihr keine Truppen zu schicken, denn dann werde ich von selbst auf euch zukommen. Sollte es aber nicht nach meinem Willen gehen, werde ich die Halle der Himmelshöhen erstürmen!« Nata blickte auf und sah den Schriftzug »Himmelsebenbürtiger Großer Heiliger« auf der Flagge. »Was für Mächte hast du denn, dass du dich so zu nennen wagst, du Affengespenst?« rief er. »Los, krieg mein Schwert zu spüren!« »Nun, da will ich mich mal hier hinstellen, du kannst gerne ein paar Hiebe ausprobieren«, meinte Wukong gelassen. Aufgebracht schrie Nata: »Verwandlung!« Schon erschien er als dreiköpfiger und sechsarmiger Berserker, der in jeder Hand eine Waffe schwang: ein Geisterköpfschwert, einen Geisterhacksäbel, eine Geisterfessel, eine Geisterwehrkeule, einen seidenen Ball und ein Feuerrad. Alles wild durcheinanderwirbelnd stürmte er los und schlug zu. Bei dem Anblick zuckte Wukong innerlich zusammen und sann: »Der Kleine ist gar nicht so unbegabt.« Dann schrie er: »Sei bloß nicht frech, schau dir meine Magie an!« Mit dem Ruf »Verwandlung!« wurde auch er dreiköpfig und sechsarmig, schwang den Goldreifstab in den Wind, dass auch dieser sich verdreifachte, und stellte sich mit drei Stäben in sechs Händen zur Wehr. Dieser Kampf ließ regelrecht Berg und Tal erbeben, während die beiden an die dreißig Runden lang ihre überragenden Zauberkräfte austobten. Bald wurden aus den sechs Waffen des Prinzen Tausende und Abertausende, auch Wukongs Goldreifstab erschien tausend- und abertausendfach, so dass in halber Höhe Regentropfen und Sternschnuppen durcheinanderzuwirbeln schienen, ohne das geringste Anzeichen von Sieg und Niederlage. Wukong aber, flink wie er war, zupfte sich mitten in dem Gewirbel ein Pelzhaar aus und rief »Verwandlung!«. Auf der Stelle wurde es zu einem Doppelgänger, der nun ebenfalls mit einem Goldreifstab bewaffnet Nata in Schach hielt, während Wukong selbst mit einem Satz hinter den Prinzen sprang und auf dessen linken Arm zielte. Nata versuchte auszuweichen, doch es war zu spät, und er wurde getroffen. Unter quälenden Schmerzen ergriff er die Flucht, machte seine Verwandlung rückgängig und kehrte als Verlierer ins Lager zurück. Der Pagodentragende Himmelskönig erblasste vor Schreck und rief: »Wie ist dem Kerl bloß beizukommen, wenn er über eine derartige Macht verfügt?« »Vor dem Eingang seiner Grotte hat er eine Fahne aufgestellt, darauf steht ›Himmelsebenbürtiger Großer Heiliger‹«, keuchte der Prinz. »Er war so vermessen, zu verlangen, dass der Jadekaiser ihn mit diesem Titel belehnen solle. Dann würde er uns in Frieden lassen, sagte er, andernfalls wolle er die Halle der Himmelshöhen stürmen!« »Wenn die Sache so steht«, beschied der Himmelskönig, »dann sollten wir uns vorderhand nicht weiter mit ihm anlegen. Lass uns erst im Himmel Bericht erstatten. Anschließend können wir immer noch zusätzliche Himmelskrieger hinschicken und den Kerl durch Umzingelung einfangen.« Wie nun der Prinz mit dem Pagodentragenden Himmelskönig in den Himmel zurückkehrte, sei hier nicht weiter ausgeführt. Wenden wir uns stattdessen dem Affenkönig zu, der siegreich auf seinen Berg zurückgekehrt war. Schon waren die Dämonenkönige aller zweiundsiebzig Grotten und seine sechs verbrüderten Könige herbeigeeilt, um ihm zu gratulieren, und tranken nun in der Grotte fröhlich auf den Sieg. Da sprach der Affenkönig zu seinen sechs Gebrüdern: »Da ich mich als euer jüngerer Bruder ›Himmelsebenbürtiger Großer Heiliger‹ nenne, sollt ihr euch ebenfalls ›Große Heilige‹ nennen dürfen.« König Rinderdämon stimmte lauthals bei: »Du hast recht, werter Bruder! Ich nenne mich Himmelsgleicher Großer Heiliger.« »Und ich nenne mich Meerumwälzender Großer Heiliger«, fiel König Drachendämon ein. »Ich mich Himmelsverheerender Großer Heiliger«, rief König Wundervogeldämon. »Ich nenne mich Bergversetzender Großer Heiliger«, brüllte der Löwenkönig. »Ich mich Winddurchdringender Großer Heiliger«, schrie der Makakenkönig. »Und ich mich Göttervertreibender Großer Heiliger«, schloss der Gorillakönig. Nun walteten die sieben Großen Heiligen nach eigenem Gutdünken und legten sich Namen und Titel zu, wie es ihnen beliebte. So amüsierten sie sich den ganzen Tag, bis sie schließlich auseinandergingen. Doch kommen wir zum Pagodentragenden Himmelskönig und seinem dritten Sohn zurück. Diese hatten nämlich bereits die Halle der Himmelshöhen erreicht und meldeten dort dem Jadekaiser: »Eure Untertanen sind auf heiligen Erlass ausgerückt, den dämonischen Unsterblichen Sun Wukong zu bezwingen. Unerwarteterweise verfügt er über solch immense Zauberkräfte, dass wir ihn nicht zu überwinden vermochten. Darum bitten wir Eure Majestät, weitere Krieger zu entsenden, damit wir ihm ein Ende bereiten können.« »Was für Fähigkeiten kann dieser Affe denn haben, dass noch mehr Krieger nötig sind?« argwöhnte der Jadekaiser. Der Prinz sprach: »Möge Eure Majestät uns vor der Todesstrafe verschonen. Der dämonische Affe ist mit einer Eisenstange bewaffnet, mit der er zuerst den Mächtigen Seelenkönig besiegte und dann Euren Untertan am Arm verletzte. Vor seiner Grotte hat er eine Fahne gehisst, auf der ›Himmelsebenbürtiger Großer Heiliger‹ geschrieben steht. Wenn ihm dieser Titel gewährt werde, sagt er, lasse er die Waffen ruhen, andernfalls aber wolle er die Halle der Himmelshöhen erstürmen.« Ein Schrecken durchfuhr den Jadekaiser. »Wie kann er sich einen solchen Wahnwitz erlauben! Schickt sämtliche Generäle aus und richtet ihn auf der Stelle hin!« Seine Worte waren kaum verklungen, als der Abendstern aus den Reihen trat und sprach: »Die Worte dieses Unholds zeigen, dass er keinerlei Autoritäten anerkennt. Selbst wenn wir noch mehr Krieger entsenden, könnte es sein, dass wir diesen Affen nicht so leicht unterkriegen, und dann hätten wir unsere Truppen umsonst bemüht. Besser wäre es doch, wenn Eure Majestät noch einmal Barmherzigkeit walten ließe und ihn einfach per Dekret zum Himmelsebenbürtigen Großen Heiligen erklärte. Er soll einen leeren Titel erhalten, ein Amt ohne Gehalt, damit ist die Sache abgetan.« »Was heißt ›Amt ohne Gehalt‹?« fragte der Jadekaiser. »Dem Namen nach mag er ›Himmelsebenbürtiger Großer Heiliger‹ heißen, doch soll er weder einen Tätigkeitsbereich noch ein Entgelt erhalten. So mag er vordergründig im Himmelspalast weilen, während wir seine schlechten Neigungen eindämmen können, damit er nicht wieder auf tollkühne Gedanken kommt. So wird wieder Frieden herrschen im Himmel, auf Erden und in allen Meeren.« »Des Ministers Worte sollen gelten«, sprach der Jadekaiser, verfasste umgehend ein Dekret und schickte abermals den Abendstern damit aus. Zum zweiten Mal schwebte der Abendstern durch das Südliche Himmelstor und kam direkten Weges zur Wasservorhang-Grotte. Er fand alles völlig verändert vor, denn diesmal herrschte eine todernste, kriegerische Atmosphäre. Allerhand Unholde sprangen mit Schwertern, Speeren, Säbeln oder Stöcken brüllend umher und stürzten, kaum hatten sie den Abendstern entdeckt, angriffslustig auf ihn zu. »Geht und berichtet dem Großen Heiligen Folgendes«, sprach der Abendstern. »Ich bin ein Himmelsbote und komme auf Geheiß des Jadekaisers mit einer heiligen Einladung.« Die Unholde rannten in die Grotte und überbrachten die Meldung. »Kommt mir gerade recht«, meinte Wukong, »das muss wieder jener Abendstern sein, der das letzte Mal da war. Als er mich damals in den Himmel einlud, war zwar der Amtstitel schäbig, doch immerhin hab ich mich im Himmel umsehen können. Gewiss kommt er auch heute mit guter Absicht.« Er hieß all seine Anführer die Flaggen hissen und die Trommeln schlagen, trat in voller Rüstung aus der Grotte, verneigte sich zum Gruß und rief mit lauter Stimme: »Möge der ehrwürdige Stern eintreten!« Der Abendstern kam in die Grotte, blieb mit Blick gen Süden stehen und sprach: »Großer Heiliger, neulich habt Ihr die Kaiserlichen Marställe aus Abneigung gegen den niederen Rang verlassen. Als der Jadekaiser davon erfuhr, sagte er: ›Alle Beamten steigen von niederen Rängen zu höheren auf, warum also das Niedere missachten?‹ Gestern hat nun der Pagodentragende Himmelskönig, nachdem er mit Nata zum Kampf in die unteren Gefilde gekommen war, im Himmel berichtet: ›Der Große Heilige hat eine Flagge gehisst; er will ein Himmelsebenbürtiger Großer Heiliger werden.‹ Einige unserer Krieger wollten Einwände erheben, ich aber habe mich für Euch, Großer Heiliger, eingesetzt, das Truppenaufgebot verhindert und die Majestät gebeten, Euch diesen Titel zu gewähren. Der Jadekaiser war einverstanden, und aus diesem Grunde bin ich nun gekommen, Euch einzuladen.« »Besten Dank, besten Dank!« meinte Wukong lachend, »schon beim letzten Mal habt Ihr Euch meinetwegen Mühe gemacht, und nun darf ich abermals Eure Güte erfahren. Doch sagt, gibt es im Himmel den Titel ›Himmelsebenbürtiger Großer Heiliger‹ überhaupt?« »Ich habe mich versichert, dass dieser Titel genehmigt wird, sonst würde ich es nicht wagen, mit dem Edikt hierherzukommen. Wie könnte ich mir erlauben, Euch zu hintergehen?« gab der Abendstern zurück. Wukongs Freude war groß. Da der Abendstern seinem inständigen Bitten, noch ein Gastmahl zu genießen, nicht nachgab, folgte er ihm gleich auf einer glückverheißenden Wolke zum Südlichen Himmelstor. Diesmal wurde er von allen Himmelskriegern und Himmelsgenerälen mit ehrerbietig vor der Brust übereinandergelegten Händen empfangen. Umgehend gelangten sie zur Halle der Himmelshöhen, wo sich der Abendstern verbeugte und meldete: »Euer Untertan ist gemäß kaiserlichem Befehl mit dem Bimawen Sun Wukong eingetroffen.« »Sun Wukong möge vortreten«, ließ der Jadekaiser verlauten und sprach: »Heute rufe ich dich zum Himmelsebenbürtigen Großen Heiligen aus. Dies ist ein Titel höchsten Ranges. Doch darfst du auf keinen Fall weiterhin dein Unwesen treiben.« Der Affe verneigte sich auch diesmal nur mit vor der Brust übereinandergelegten Händen und sprach ein Dankeswort. Nun beauftragte der Jadekaiser seine Baumeister Zhang und Lu, für den Himmelsebenbürtigen Großen Heiligen rechterhand des Pfirsichgartens eine Residenz zu erbauen. Darin ließ er zwei Abteilungen einrichten, die eine wurde »Abteilung für Ruhe und Ordnung« genannt, die andere »Abteilung zur Befriedung des Geistes«. In beiden standen Diener bereit, die ihn zu umsorgen hatten. Der Jadekaiser beauftragte die Sternfürsten der Fünf Sternbilder, Wukong zum Antritt zu begleiten. Außerdem ließ er ihm zwei Flaschen himmelskaiserlichen Wein und zehn Goldblumen überreichen, mit der Anweisung, er möge nun sein Herz beruhigen, seinen Willen festigen und ja kein Übel mehr anrichten. Der Affenkönig versprach, sich daran zu halten, und ging noch am selben Tag mit dem Sternfürsten zur Residenz, wo er die Flaschen öffnete und mit allen gemeinsam leerte. Nachdem er den Sternfürsten verabschiedet hatte, fühlte er sich so recht behaglich und zufrieden. Fortan lebte er glücklich im Himmelspalast und fühlte sich frei und sorglos. In der Tat: Verewigt ist sein Name nun Im Buche der Unsterblichkeit, Nie mehr fällt er ins Samsara, So steht es fest für alle Zeit. Und da wir nicht wissen, wie es weiterging, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第005回 / 5. Kapitel Der Rebell vom Pfirsichfest entwendet Lebenselixier / Die Götter fangen auf der Rückkehr den Banditen ein Wie berichtet wird, war der Himmelsebenbürtige Große Heilige eben doch nur ein dämonischer Affe, der von Rängen und Titeln keine Ahnung hatte und dem es nur darum ging, dass sein Name registriert wurde. In den zwei Abteilungen seiner Residenz warteten ihm nun tagein tagaus himmlische Diener auf, so dass er neben drei Mahlzeiten am Tag und dem Schlaf in der Nacht keinerlei Verpflichtungen hatte; er konnte tun und lassen, wie es ihm beliebte. In seiner Muße suchte er Bekannte auf, schweifte durch Paläste, schloss da eine Freundschaft und dort eine Verbrüderung. Die Drei Reinen redete er zwar mit »Ehrwürden« an und die Vier Kaiser mit »Majestät«, doch mit allen anderen – den Neun Strahlenden, den Generälen der Fünf Himmelsrichtungen, den Achtundzwanzig Himmelshäusern, den Vier Großen Himmelskönigen, den Zwölf Göttern der Zeiteinteilung, den Fünf Alten der Fünf Himmelsrichtungen, allen Sternen des Himmelszeltes und allen Gottheiten der Milchstraße – verkehrte er auf der Ebene brüderlicher Kollegialität, und so war auch die gegenseitige Anrede. Mal schweifte er gen Osten, mal gen Westen, schwebte auf Wolken hin und her, planlos und unstet, ohne irgendeinen festen Weg. Eines Tages, während der Morgenaudienz des Jadekaisers, trat der Unsterbliche Xu Jingyang aus den Reihen des Hofstaats und richtete sein Wort an den Thron: »Der Himmelsebenbürtige Große Heilige treibt sich Tag für Tag untätig herum. Es steht zu befürchten, dass diese Muße ihn zu unguten Taten verführen könnte. Besser wäre es, ihn mit einer festen Aufgabe zu betrauen, um einem Unheil vorzubeugen.« Der Jadekaiser befahl den Affenkönig sofort zu sich. Freudig trabte dieser an und fragte: »Majestät, welche Beförderung darf der alte Sun in Empfang nehmen?« »Wie wir sehen, seid Ihr ohne Beschäftigung«, sprach der Jadekaiser, »deshalb wollen wir Euch eine Aufgabe zuweisen. Ihr sollt vorläufig die Aufsicht über den Pfirsichgarten übernehmen und den Garten von früh bis spät im Auge behalten.« Zufrieden dankte der Große Heilige, empfahl sich mit einer Verbeugung und begab sich sogleich zur Inspektion in den Pfirsichgarten. Dort aber gab es einen Erdgeist, der ihn aufhielt und fragte: »Wohin des Wegs, Großer Heiliger?« »Ich bin vom Jadekaiser beauftragt, den Pfirsichgarten zu überwachen, und komme heute zur Inspektion«, erklärte dieser. Da erwies ihm der Erdgeist seine Ehrerbietung und befahl seinen Wächtern, dem Großen Heiligen mit einem Kotau zu huldigen und ihn in den Garten zu geleiten. Dort sah er: Üppig leuchtend der Pfirsiche Last, Reich beladen mit Obst jeder Ast. Keine profanen von irdischer Art: Es hegte die Königinmutter sie zart! Lange ergötzte sich der Große Heilige an dem wundervollen Anblick. Schließlich fragte er den Erdgeist: »Wie viele Bäume wachsen hier?« »Alles in allem sind es 3600 Bäume«, antwortete dieser. »Die vorderen 1200 Bäume haben zierliche Blüten und kleine Früchte; sie werden alle 3000 Jahre einmal reif. Wer davon isst, erlangt Unsterblichkeit, erkennt die Wahrheit, und sein Körper wird kräftig und leicht. Die mittleren 1200 mit üppigen Blüten und süßen Früchten reifen alle 6000 Jahre einmal; wer davon isst, kann durch die Lüfte schweben und wird ewig leben. Die hinteren 1200 tragen lila geäderte Früchte mit blassgelben Kernen. Diese werden nur alle 9000 Jahre einmal reif, und wer davon isst, der wird so lange leben wie Himmel und Erde, so ewig wie Sonne und Mond.« Der Große Heilige freute sich über alle Maßen. Noch am selben Tage prüfte und zählte er alle Bäume und kehrte schließlich in seine Residenz zurück. Von da an kam er alle drei bis fünf Tage in den prächtigen Garten, schloss keine weiteren Freundschaften mehr und verzichtete auf Streifzüge. Eines Tages, als er die Pfirsiche betrachtete, die schon fast erntereif an den Ästen der alten Bäume hingen, überkam ihn ein heftiges Verlangen danach, doch war er ja leider in ständiger Begleitung des Erdgeistes, der Wächter und seiner himmlischen Diener. Schließlich heckte er eine List aus und sagte: »Wartet draußen vor dem Garten auf mich, ich möchte hier im Pavillon ein Nickerchen halten.« Tatsächlich traten die Himmlischen ab. Der Affenkönig aber entledigte sich seiner Amtsrobe und Kopfbedeckung und kletterte flink auf einen hohen Baum, wo er eine Menge großer, saftiger Pfirsiche zusammenraffte. Dann machte er es sich im Baum gemütlich und schlug sich genüsslich den Bauch voll. Als er satt war, hüpfte er hinunter, setzte die Kopfbedeckung wieder auf, zog die Robe an und rief nach seiner Gefolgschaft, worauf alle in die Residenz zurückkehrten. Seitdem heckte er alle paar Tage irgendeine List aus und schwelgte nach Herzenslust. Nun kam der Tag, an dem die Königinmutter des Westens zur alljährlichen Feier ihre Prächtigen Hallen am Jaspisteich öffnete und zum Großen Pfirsichfest einlud. Sie sandte ihre sieben Feen, die rot, grün, blau, gelb, lila, schwarz und weiß gekleidet waren, mit großen Körben zum himmlischen Pfirsichgarten, wo sie die Früchte für den Festschmaus pflücken sollten. Am Eingang zum Garten trafen die Feen den Erdgeist, die Wächter und die Diener beider Abteilungen, die dort Wache hielten. »Wir kommen auf Geheiß der Königinmutter«, erklärten die Feen, »für das große Festbankett müssen wir Pfirsiche pflücken.« »Einen Augenblick, ihr himmlischen Damen«, gebot der Erdgeist. »Dieses Jahr läuft es anders als früher. Der Jadekaiser hat die Oberaufsicht des Gartens dem Himmelsebenbürtigen Großen Heiligen übertragen; wir müssen ihm erst Bericht erstatten, bevor wir den Garten freigeben können.« »Wo ist denn der Große Heilige?« »Er hält gerade ein Schläfchen, drinnen im Pavillon.« »Dann sucht ihn bitte auf, wir dürfen keine Zeit verlieren.« Also begab sich der Erdgeist mit ihnen zum Gartenpavillon. Dort aber waren lediglich Kopfbedeckung und Kleider aufzufinden, vom Großen Heiligen keine Spur. Dieser hatte sich nämlich, nachdem er ein paar Pfirsiche verzehrt hatte, in ein klitzekleines Männlein verwandelt und hielt nun auf dem Ast eines mächtigen Baumes unter dichtem Laubwerk ein Nickerchen. »Wir kommen auf Geheiß der Königinmutter«, wiederholten die Feen, »was tun wir bloß, wenn der Große Heilige nicht zu finden ist? Wir können doch nicht mit leeren Händen zurückkehren.« »Dann sollen die himmlischen Damen nicht länger abwarten«, meinte einer der Diener, »unser Großer Heiliger treibt sich oft müßig in der Gegend herum, er wird wohl den Garten verlassen haben und bei Freunden zu Besuch sein. Geht nur hinein und pflückt eure Pfirsiche; wir werden ihm Bescheid sagen.« Also verteilten sich die Feen unter den Pfirsichbäumen. Erst füllten sie zwei Körbe im vorderen Teil, dann drei in der Mitte, dann gingen sie zu den hinteren Bäumen. Da gewahrten sie, dass hier kaum noch Früchte an den Ästen hingen, nur noch ein paar unreife mit flaumigen Stielen. Die reifen nämlich hatte der Affenkönig restlos aufgefressen. Die sieben Feen spähten in alle Richtungen, bis sie an einem Ast, der gegen Süden wies, doch noch eine halb rote, halb weißliche Frucht entdeckten. Die blaue Fee bog den Zweig nach unten, damit die rote Fee den Pfirsich pflücken konnte, dann ließ sie ihn hochschnellen. Genau dies aber war der Ast, auf dem der fingerlange Große Heilige gerade sein Nickerchen hielt. Er schreckte hoch, nahm seine eigene Gestalt an, riss den Goldreifstab aus dem Ohr und brüllte: »Welche Bestie erdreistet sich, meine Pfirsiche zu stehlen!« Entsetzt fielen die sieben Feen auf die Knie und flehten: »Möge der Große Heilige sich beruhigen! Wir sind keine Bestien, wir sind die sieben Feen der Königinmutter und haben den Auftrag, Früchte für das Große Pfirsichfest zu pflücken. Als wir eben zum Garten kamen, haben wir den Erdgeist und die anderen Himmlischen getroffen, da sie Euch aber nicht auffinden konnten und wir den Auftrag der Königinmutter zu versäumen fürchteten, haben wir uns erkühnt, mit dem Pflücken zu beginnen. Wir bitten um Verzeihung!« Was der Große Heilige da hörte, wandelte seinen Zorn in Freude. »Erhebt euch, ihr himmlischen Damen«, sprach er und fragte dann: »Wer sind die geladenen Gäste?« »Die Teilnahme erfolgt nach alten Regeln«, erklärten die Feen. »Eingeladen sind: aus dem Westen der Buddha mit den Bodhisattvas, den heiligen Mönchen und den Arhats, aus dem Süden die Bodhisattva Guanyin, aus dem Osten der Heilige Kaiser Erhabener Güte sowie die unsterblichen Greise der zehn göttlichen Eilande und drei sagenhaften Inseln, aus dem Norden der Dunkel Beseelte des Nordpols und aus dem Bereich der Mitte der Gelbhorn-Unsterbliche des Gelben Pols; dies sind aus den Oberen Acht Grotten die Erhabenen aller Fünf Himmelsrichtungen. Ferner eingeladen sind alle Sternfürsten der Fünf Sternbilder, sowie die Drei Reinen, die Vier Kaiser und der Höchste Eine; aus den Mittleren Acht Grotten der Jadekaiser, die Götter der Neun Weltregionen und die Götter der Meere und der Gebirge und aus den Unteren Acht Grotten der Höllenpriester, die irdischen Unsterblichen und allerlei höhere und niederere Gottheiten der Tempel und Heiligtümer. All diese Gottheiten sollten zum großen Pfirsichfest kommen.« »Und wie steht es mit mir«, fragte der Große Heilige scherzhaft, »bin auch ich eingeladen?« »Nicht dass wir davon gehört hätten.« »Ich bin der Himmelsebenbürtige Große Heilige! Was ist dagegen einzuwenden, mich alten Sun als Ehrengast einzuladen?« »Wir kennen nur die alte Regelung vom letzten Fest. Wie es mit der neuen steht, wissen wir nicht.« »Stimmt, dafür könnt ihr nichts«, meinte der Große Heilige. »Doch bleibt erst mal hier, bis ich ein paar Informationen eingeholt habe.« Er legte die Finger aneinander, murmelte eine Zauberformel und rief: »Stillgestanden! Stillgestanden!« Dies war ein Bannzauber, durch den die sieben Feen mit weit offenen Augen und leerem Blick wie angewurzelt unter dem Pfirsichbaum stehen blieben. Der Große Heilige aber schnellte in die Höhe und schwebte schnurstracks auf einer Wolke zum Jadeteich. Unterwegs traf er einen Himmlischen mit Namen Barfüßiger Unsterblicher, der sich auf dem Weg zum Pfirsichbankett befand. Gesenkten Blickes heckte der Große Heilige einen Plan aus, wie er an dessen Statt an den Festlichkeiten teilnehmen könnte, dann rief er ihm zu: »Wohin des Weges, ehrwürdiger Daoist?« Der Unsterbliche gab zurück: »Ich gehe zum großen Pfirsichfest der Königinmutter.« »Ihr seid nicht informiert«, log der Große Heilige. »Weil ich alter Sun im Wolkenüberschlag so schnell bin, hat mich der Jadekaiser beauftragt, alle Gäste, die sich auf dem Weg zum Festbankett befinden, vorerst in die Halle der Durchdringenden Klarheit zu bitten, damit zuvor die Zeremonie einstudiert werden kann.« Der Barfüßige Unsterbliche war ein rechtschaffener Mann; er hielt die Lüge für wahr und lenkte seine Wolke rechtsum kehrt in Richtung Himmelspalast. Der Große Heilige hingegen schwebte voran, murmelte einen Zauberspruch, schüttelte sich und nahm die Gestalt des Barfüßigen an. So eilte er dem Jaspisteich entgegen. Binnen kürzester Zeit hatte er den Pavillon erreicht, senkte seine Wolke und trat leichten Fußes ein. Auserlesene Weihrauchdüfte durchzogen die Luft, mit Phönixen verzierte Paravents schillerten in allen Farben des Regenbogens, purpurne Rundhocker waren zierreich mit den Acht Schätzen gemustert, und auf den Tischen lagen die edelsten Speisen ordentlich ausgebreitet bereit: Drachenleber, Phönixmark, Bärenklauen, Gorillalippen und vieles andere mehr. Noch war keiner der Himmlischen erschienen. Der Große Heilige konnte sich kaum sattsehen, und als ihn auf einmal ein wohliger Weinduft in der Nase kitzelte, spähte er flink um sich, bis er unter dem Vordach des rechten Seitenflügels ein paar irdene Weinkrüge erblickte, die mit einem duftenden, edelsteinklaren Trunk von erlesenster Qualität angefüllt waren. Das Wasser lief ihm im Munde zusammen, so sehr gelüstete ihn danach. Allerdings saßen ein paar Weinschenke daneben. Da bediente er sich einer Magie, indem er sich Pelzhaare auszupfte, sie zerkaute und mit dem Ruf: »Verwandlung!« ausspuckte, dass sie zu Schlafkäferchen wurden, die flugs auf die Gesichter der Männer sausten. Seht nur, wie deren Glieder bleischwer werden, ihre Häupter sich neigen, die Augen zufallen und alle in tiefen Schlummer versinken! Der Große Heilige schnappte sich ein paar Delikatessen und trat in den Seitengang, wo er es sich zwischen Töpfen und Krügen bequem machte und sich den Wein genüsslich die Kehle herunterrinnen ließ, bis er völlig berauscht war. »Schlimm, schlimm«, ging es ihm auf einmal durch den Kopf, »in Kürze müssen doch die Gäste eintreffen. Die werden mir das übelnehmen. Was tun, wenn sie mich entdecken? Besser ich verdrücke mich und schlafe zu Hause den Rausch aus.« Blind seinen Schritten folgend, torkelte er nach draußen. Allerdings verfehlte er den Weg, denn am Ende fand er sich statt vor seiner Residenz vor dem Tusita-Palast wieder. Mit plötzlicher Klarheit murmelte er: »Das ist doch der Wohnsitz des Höchsten Meisters Laozi im dreiunddreißigsten Himmel! Wie konnte ich mich bloß hierherverirren? Sei’s drum, den Alten wollte ich schon lange mal besuchen. Dann mache ich ihm eben jetzt, wenn ich eh schon da bin, meine Aufwartung.« Er strich sein Gewand in Ordnung und trat ein. Niemand war zu sehen. Der Höchste Meister weilte nämlich gerade mit Buddha Dipamkara auf dem Zinnoberhügel-Elixierpodium der dreistöckigen Pagode, wo sie das Dao erläuterten, während himmlische Jünger und Beamte sie umstanden und ihrer Rede lauschten. Der Große Heilige aber drang gradewegs in jene Kammer ein, in der das Goldene Elixier der Unsterblichkeit gebraut wurde. Hier traf er ebenfalls niemanden an, dafür fand er neben dem Elixierofen fünf Kalebassen voller Pillen der Unsterblichkeit. »Der kostbarste Schatz aller Unsterblichen!« frohlockte er. »Seit ich alter Sun die Wahrheit des Dao erkannt und die Einheit der Innen- und Außenwelt durchschaut habe, fehlt mir nur noch die Stärkung mit etwas Goldelixier. Nur fand sich bislang leider nie die Gelegenheit dazu. Nun, da mich das Schicksal hierhergeführt hat und ich auf diesen Schatz gestoßen bin, will ich mir ein paar Kügelchen davon gönnen, solange der Alte nicht da ist.« »Der kostbarste Schatz aller Unsterblichen!« frohlockte er. Er packte die Kalebassen und leerte sie in einem Zug, als wären gebratene Erbsen drin. Schlags erfüllte ihn das Elixier mit neuer Kraft, und er war nüchtern. »Schlimm, schlimm«, sann er nun, »dieses Vergehen ist gewaltiger als der Himmel. Wenn das dem Jadekaiser zu Ohren kommt, bin ich in Lebensgefahr. Schnell weg von hier! Lieber werde ich wieder König auf Erden.« Fluchtartig verließ er den Tusita-Palast, vermied den Weg, auf dem er gekommen war, und schlich unsichtbar durch das Westliche Himmelstor davon. Gleich darauf senkte er die Wolke, landete auf dem Blumen-Früchte-Berg und verkündete: »Kinderchen, ich bin wieder da!« Die Unholde knieten vor ihm nieder und riefen: »Großer Heiliger, Ihr lasst Euch aber Zeit! So lange habt Ihr uns verlassen, ohne ein einziges Mal nach uns zu schauen.« »So lange nun auch wieder nicht«, versetzte der Große Heilige und schritt in die Grotte hinein. Dort warfen sich die vier Tapferen Generäle vor ihm nieder und riefen dann einstimmig: »Großer Heiliger, mehr als hundert Jahre habt Ihr im Himmel verbracht. Was für ein Amt wurde Euch diesmal zuteil?« Lachend gab der Große Heilige zurück: »Ich erinnere mich nur an ein knappes halbes Jahr, was sprecht ihr von über hundert Jahren?« »Ein Tag im Himmel entspricht einem Jahr auf Erden«, antworteten die Generäle. »Erfreulicherweise war mir der Jadekaiser diesmal günstig gestimmt und hat mich tatsächlich zum Himmelsebenbürtigen Großen Heiligen ernannt«, berichtete Wukong. »Er hat mir sogar eine Amtsresidenz errichten lassen und himmlische Diener zur Verfügung gestellt. Als er dann sah, dass ich keine Aufgabe hatte, hat er mich mit der Aufsicht über den Pfirsichgarten betraut. Doch neulich hat die Königinmutter versäumt, mich an ihr Pfirsichfest einzuladen, darum bin ich, ohne ihre Einladung abzuwarten, vorab zum Jaspisteich gegangen und habe von ihren himmlischen Delikatessen und dem göttlichen Wein genascht. Nachdem ich den Jaspisteich verlassen habe, bin ich versehentlich zum Palast des Höchsten Meisters Laozi gelangt, und da habe ich denn heimlich gleich noch fünf Kalebassen Unsterblichkeitselixier geleert. Weil ich befürchtete, der Jadekaiser könnte mir das übelnehmen, bin ich eben aus dem Himmel hierhergekommen.« Die Unholde ergötzten sich an seinen Worten. Dann richteten sie ihm zu Ehren ein Festmahl her und brachten ihm eine Schale Kokoswein dar. Der Große Heilige nahm einen Schluck, doch gleich darauf verzog er den Mund und rief: »Das schmeckt ja widerlich! Heute früh habe ich beim Jaspisteich eine ganze Menge Krüge mit edelsteinklarem Wein in einem Säulengang liegen sehen; das habt ihr noch nie getrunken! Wartet, ich hole euch was davon, dann kriegt jeder ein halbes Gläschen ab und wird ewig jung bleiben.« Die Affen waren entzückt. Schon sprang der Große Heilige aus der Grotte, vollführte einen Wolkenüberschlag, machte sich unsichtbar und sauste schnurstracks zum Pfirsichbankett. Als er beim Jaspisteich ankam, schnarchten die Männer immer noch. Da nahm er zwei große Tonkrüge, klemmte sie sich unter die Arme und packte zwei weitere mit den Händen, dann machte er rechtsum kehrt und war bald wieder in seiner Grotte. Hier wurde nun ein himmlisches Gelage veranstaltet, an dem sich alle heiter vergnügten, doch davon sei nicht weiter die Rede. Wenden wir uns stattdessen den sieben Feen zu, die erst nach einem ganzen Tag endlich von dem Bann des Großen Heiligen erlöst worden waren, ihre Körbe packten und zur Königinmutter zurückkehrten. »Wie viele Pfirsiche habt ihr gepflückt?« erkundigte sich diese. »Nur zwei Körbe von den kleinen und drei von den mittleren«, antworteten die Feen. »Von den großen im hinteren Teil des Gartens war keine halbe Frucht mehr übrig. Wahrscheinlich hat der Große Heilige alle aufgegessen. Während wir noch suchten, ist er plötzlich aufgetaucht, wurde gewalttätig und wollte uns schlagen. Außerdem hat er uns gefragt, wer zum Fest geladen sei, doch nachdem wir ihm gesagt haben, wer beim letzten Fest da war, hat er uns mit einer Magie festgebannt, so dass wir uns erst heute wieder regen konnten.« Die Königinmutter eilte sofort zum Jadekaiser und berichtete den Vorfall. Sie war mit ihren Worten noch nicht zu Ende, als auch schon die Weinschenke mit himmlischen Dienern vortraten und ihre Beschwerde einbrachten: »Irgendeine unbekannte Person hat das Pfirsichbankett verdorben und unseren edelsteinklaren Wein gestohlen, auch von den acht Götterspeisen und hundert Leckerbissen wurde heimlich gegessen.« Nun traten die Vier Großen Himmelsmeister hinzu und meldeten: »Der Höchste Ahnherr des Dao ist da!« Der Jadekaiser und die Königinmutter traten sofort zur Begrüßung nach draußen. Nachdem der Alte Meister seine Ehrerbietung erwiesen hatte, berichtete er: »In meinem Palast hatte ich neunmal geläutertes Lebenselixier zubereitet, und damit gedachte ich Eurer Majestät zu einem großen Lebenselixier-Fest aufzuwarten. Doch nun ist mir alles gestohlen worden. Aus diesem Grunde will ich Eurer Majestät Anzeige erstatten.« Der Jadekaiser war entsetzt. Wenig später erschien ein himmlischer Diener aus der Amtsresidenz des Großen Heiligen, warf sich vor dem Jadekaiser nieder und meldete: »Der Große Heilige hat sich seiner Pflicht entzogen; seit gestern hat er den Garten verlassen und ist seither nicht wieder erschienen. Niemand weiß, wohin er gegangen ist.« Der Verdacht des Jadekaisers erhärtete sich. Schließlich traf auch noch der Barfüßige Unsterbliche ein und erzählte: »Gestern, auf dem Weg zum Fest unserer Königinmutter, ist Euer Untertan dem Himmelsebenbürtigen Großen Heiligen begegnet, welcher behauptete, Eure Majestät hätte angeordnet, man möge sich erst bei der Halle der Durchdringenden Klarheit einfinden, um vor dem Antritt die Zeremonie einzustudieren. Ich bin also zurückgekehrt, habe aber vor der Halle der Durchdringenden Klarheit die kaiserlichen Kutschen Eurer Erhabenheit nicht vorgefunden. Darum bin ich hierhergekommen, um das Weitere abzuwarten.« »Der Schurke verbreitet also falsche Edikte und betrügt rechtschaffene Minister!« rief der Jadekaiser fassungslos. »Schickt auf der Stelle den göttlichen Minister für Ordnungshütung aus, dass er die Spuren dieses Kerls sicherstelle.« Wie befohlen durchsuchte der Minister alle Gegenden und kam mit einem detaillierten Bericht zurück: »Urheber des Aufruhrs im Himmel ist der Himmelsebenbürtige Große Heilige«, hielt er fest und schilderte ausführlich den ganzen Verlauf des Geschehens. Empört beorderte der Jadekaiser die Vier Großen Himmelskönige, mit Himmelskönig Li und dessen Sohn Prinz Nata, in Begleitung der Achtundzwanzig Sternbilder, der Neun Strahlenden und der Zwölf Götter der Zeiteinteilung, der Genien der Fünf Himmelsrichtungen, der Vier Zeitgötter, aller Sternbilder von Ost und West, aller Götter von Süd und Nord, der Gottheiten der fünf Gebirge und der vier Ströme sowie aller Gestirne des ganzen Himmelszeltes – alles in allem hunderttausend Himmelskrieger –, den Blumen-Früchte-Berg zu umzingeln, um diesen Schurken einzufangen und zu richten. Die Götter sammelten auf der Stelle ihre Truppen und verließen den Himmelspalast. Himmelskönig Li, der das Kommando übernahm, hieß die Krieger ein Feldquartier aufschlagen, dann wurde der Blumen-Früchte-Berg lückenlos umzingelt. Außerdem wurden über und unter der Region achtzehn Weltennetze ausgelegt. Als Erste wurden die Neun Strahlenden in den Kampf geschickt. Diese stellten ihre Krieger direkt vor der Grotte auf und brüllten: »Wo steckt der Große Heilige? Wir sind Himmelsgötter aus der Oberen Welt und kommen, um dich festzunehmen. Ergib dich auf der Stelle! Wenn wir auch nur ein halbes ›Nein‹ hören, dann wirst du zusammen mit deiner ganzen Horde hingerichtet.« Panikartig überbrachten die kleinen Unholde die Botschaft: »Großer Heiliger, draußen stehen neun grimmige Götter, die behaupten, von der Oberen Welt abgesandt zu sein, um Euch festzunehmen.« Der Große Heilige, der gerade mit den Dämonenkönigen und seinen vier Tapferen Generälen becherte, gab ohne mit der Wimper zu zucken zurück: »Heut haben wir Wein, heut wollen wir saufen; wen schert’s, was für Kerle da draußen rumlaufen!« Er hatte noch nicht ausgesprochen, als wieder eine Schar Unholde heranstürmte und rief: »Die neun grimmigen Götter schreien draußen Schimpf und Schande und rufen zum Kampf auf!« Der Große Heilige lachte bloß: »Lasst sie nur. Uns ist jetzt beim Zechen wohl, auf Ruhm und Verdienste können wir warten.« Da trabten abermals Unholde an und keuchten: »Großväterchen, die neun grimmigen Götter haben das Tor aufgebrochen und dringen mit Kriegern ein!« Da packte den Großen Heiligen die Wut. Er befahl dem Einhörnigen Geisterkönig, mit den Dämonenkönigen der Zweiundsiebzig Grotten eine Front zu bilden, »ich alter Sun komme euch mit den vier Tapferen Generälen nach!«. Blitzschnell organisierte der Geisterkönig seine Krieger und schickte sie dem Feind entgegen. Doch kaum traten sie ins Freie, wurden sie schon von den Neun Strahlenden Sternen abgefangen und auf dem eisernen Brückensteg aufgehalten. Da erschien der Große Heilige und schrie: »Weg frei!« Er zerrte seine Eisenstange hervor, stellte sich in Kampfpose und drosch wild drauflos. Die Neun Strahlenden wichen zurück, ordneten aber ihre Schlachtreihen sofort neu und riefen: »Du unglückseliger Bimawen! Die ärgsten Verbrechen hast du begangen: Pfirsiche gestohlen, Wein entwendet, das Pfirsichbankett zerstört, die Unsterblichkeitspillen des Alten Meisters geraubt und himmelskaiserlichen Wein auf die Erde gebracht. Ist dir eigentlich nicht bewusst, dass du Verbrechen über Verbrechen häufst?« Der Große Heilige lachte und meinte: »Was ihr da aufzählt, ist freilich wahr. Doch was wollt ihr nun?« »Wir sind im Auftrag des Jadekaisers hier, dich abzuführen. Ergib dich so bald als möglich, dann brauchen diese Kreaturen nicht ihr Leben zu lassen.« Da schrie der Große Heilige wütend: »Ihr lausigen Geistchen, was für Kräfte glaubt ihr eigentlich zu haben, dass ihr vor mir großtut? Los, kriegt meine Stange zu spüren!« Nun stürmten die Neun Strahlenden alle zusammen voran, doch der Affenkönig wirbelte seinen Goldreifstab so wild durch die Luft, bis einer nach dem anderen am Ende der Kräfte war und, die Waffe hinter sich herschleifend, das Schlachtfeld räumen musste. Die Neun Strahlenden eilten ins mittlere Heereszelt und meldeten dem Pagodentragenden Himmelskönig Li: »Dieser Affenkönig ist tatsächlich ein unerschrockener Kämpfer. Wir haben ihm nicht standhalten können und mussten eine Niederlage einstecken.« Nun entsandte Himmelskönig Li die Vier Großen Himmelskönige und die Achtundzwanzig Himmelshäuser an die Front. Furchtlos stellte der Große Heilige vor dem Grottentor den Einhörnigen Geisterkönig, die Dämonenkönige der Zweiundsiebzig Grotten und seine Vier Tapferen Generäle auf. Seht, was für ein wildes Kampfgetümmel! Es begann am frühen Vormittag und dauerte so lange an, bis die Sonne im Westen hinter die Berge sank. Schließlich waren der Einhörnige Geisterkönig und die Dämonenkönige der Zweiundsiebzig Grotten gefangengenommen, nur die Vier Tapferen Generäle hatten sich noch mit der Affenschar in der Tiefe der Wasservorhang-Grotte verstecken können. Am Ende kämpfte der Große Heilige ganz allein, nur mit seiner Eisenstange, gegen die Vier Großen Himmelskönige, den Pagodentragenden und Prinz Nata. In halber Höhe über dem Boden lieferten sie sich erbitterte Gefechte. Als der Große Heilige schließlich die Dämmerung nahen sah, zupfte er sich eine Handvoll Pelzhaare aus, zerkaute sie im Mund, spuckte sie aus und rief »Verwandlung!«. Schon erschienen Tausende von Großen Heiligen, ein jeder mit einem Goldreifstab bewaffnet, und so wurde Prinz Nata schließlich zurückgedrängt und alle fünf Himmelskönige geschlagen. Siegreich fing der Große Heilige seine Haare wieder auf und kehrte in die Grotte zurück. Schon von weitem sah er die vier Generäle mit seinem Affenvolk auf dem eisernen Brückensteg stehen. Sie begrüßten ihn, indem sie dreimal laut aufschluchzten und dreimal laut auflachten. »Warum weint und lacht ihr, wenn ihr mich seht?« wunderte sich der Große Heilige. Die Generäle antworteten: »Heute früh sind beim Gefecht alle Dämonenkönige und der Einhörnige Geisterkönig festgenommen worden, nur wir konnten unser Leben retten; das ist zum Weinen. Jetzt aber sehen wir Euch siegreich und unversehrt zurückkehren, darum lachen wir vor Freude.« »Sieg und Niederlage ist des Kriegers Alltag, wozu sich darüber aufhalten?« gab der Große Heilige zurück. »Wir müssen bloß dichthalten. Lasst uns gut speisen und ruhen, damit wir bei Kräften bleiben. Morgen werdet ihr meine Magie zu sehen bekommen, dann werde ich mir diese Himmelsgeneräle schnappen und mich rächen.« Wie sich die Affen nun beruhigt schlafen legten, sei hier nicht weiter ausgeführt. Die Vier Großen Himmelskönige aber hatten, nachdem die Truppen eingezogen und der Kampf beendet worden war, ihre Erfolge resümiert. Zwar war ihnen allerhand dämonisches Tiger-, Panther- und Wolfsgetier in die Fänge geraten, doch darunter befand sich kein einziger Affe. Noch am selben Abend belohnten sie die Verdienste der Generäle und geboten den Soldaten, die rings um das aufgespannte Weltennetz Wache hielten, mit Glocken und Warnrufen für Sicherheit zu sorgen. So wurde der Blumen-Früchte-Berg belagert, und man machte sich für den großen Kampf vom kommenden Morgen bereit. Weiß der Himmel, wie diese Bestrafungsaktion schließlich ausging. Darum hört euch an, was das nächste Kapitel berichtet. 第006回 / 6. Kapitel Am Pfirsichfest fragt Guanyin nach den Gründen / Ein Kleiner Heiliger besiegt den Großen Heiligen Verlassen wir vorerst die belagernden Himmelsgötter und den friedlich ruhenden Großen Heiligen. Stattdessen wollen wir uns der Bodhisattva Guanyin zuwenden, die im Südmeer auf ihrer Insel Potalaka weilte. Diese hatte sich nämlich, nachdem sie die Einladung der Königinmutter erhalten hatte, mit ihrem Jünger Hui’an zur Kostbaren Pagode des Jaspisteichs begeben, um am Großen Pfirsichbankett teilzunehmen. Nun traf sie die Festtafel in wüster Unordnung an. Ein paar Besucher waren zwar schon da, doch keiner saß beim Festmahl; alle standen beisammen und redeten wild durcheinander. Nachdem Guanyin die Unsterblichen begrüßt hatte, wurde ihr der Vorfall ausführlich geschildert. »Nun, da kein Bankett stattfindet, kommt doch mit mir zum Jadekaiser«, forderte Guanyin die Himmlischen auf. Also gingen sie alle zur Halle der Durchdringenden Klarheit, wo sie von den Vier Großen Himmelsmeistern und dem Barfüßigen Unsterblichen in Empfang genommen wurden. »Bitte richtet dem Jadekaiser aus, dass ich ihn sprechen möchte«, sagte Guanyin. Himmelsmeister Qiu Hongji verschwand in der Halle der Himmelshöhen, um gleich darauf zu verkünden, man möge eintreten. Drinnen saß bereits der Höchste Alte Meister Laozi auf dem Ehrensitz neben dem Jadekaiser, und die Königinmutter saß dahinter. Guanyin führte die Gesellschaft in die Halle, wo alle erst dem Jadekaiser, dann dem Alten Meister und der Königinmutter ihre Huldigung erwiesen. Schließlich setzte man sich, und Guanyin erkundigte sich nach dem Pfirsichfest. »Alle Jahre waren wir zu diesem Fest geladen«, hub der Jadekaiser an, »und immer war es eine große Freude. Dass es diesmal durch jenen Affen verdorben worden ist, verdrießt uns sehr. Deshalb haben wir Truppen von hunderttausend Himmelskriegern nach den irdischen Gefilden entsandt, um den Übeltäter festzunehmen. Bis zu diesem Moment ist noch keine Rückmeldung eingetroffen. Wie mag der Kampf wohl ausgegangen sein?« Umgehend wandte sich Guanyin an ihren Jünger und sprach: »Geh geschwind hinunter zum Blumen-Früchte-Berg und schau, wie die Lage steht. Falls sie noch am Kämpfen sind, kannst du ihnen gleich beistehen.« Hui’an brachte Gewand und Rock in Ordnung, wappnete sich mit einer ehernen Stange und verließ auf einer Wolke den Himmelspalast. Als er vor dem Berg ankam, sah er das enge, vielschichtige Weltennetz, blieb stehen und rief den himmlischen Torwächtern zu: »Ich bin Prinz Moksa, der zweite Sohn des Himmelskönigs Li und Jünger der Bodhisattva Guanyin vom Südmeer. Ich bin gekommen, mich nach der Kampflage zu erkundigen.« Per Befehlsbanner gebot Himmelskönig Li Einlass. Hui’an verbeugte sich vor den Vier Himmelskönigen und vor Himmelskönig Li, der sich gleich erkundigte: »Aus welchen Landen kommst du her, mein Kind?« »Euer törichter Sohn war mit Bodhisattva Guanyin am Pfirsichfest. Dort haben wir die Verwüstung gesehen. Sie hat deshalb alle Gäste zum Jadekaiser geführt, und der hat uns berichtet, dass er Euch, Vater König, mit Truppen in die irdischen Gefilde entsandt habe, um den dämonischen Affen zu bezwingen. Der Ausgang sei noch ungewiss, sagte er, darum hat mich die Bodhisattva zur Erkundung in die niederen Gefilde geschickt.« Der Himmelskönig schilderte ihm, was sich am Vortag ereignet hatte, doch noch bevor er mit seinem Bericht zu Ende war, kam vom Tor des Feldquartiers die Meldung: »Der Große Heilige steht mit einer Schar Affengeister vor den Toren und ruft zum Kampf auf.« Der Himmelskönig wollte schon seine Truppen ausschicken, als Moksa rief: »Vater König, die Bodhisattva Guanyin hat Eurem törichten Sohn befohlen, die Lage auszukundschaften und falls nötig auch zu kämpfen. Meine Wenigkeit möchte darum hingehen und diesen Großen Heiligen einmal in Augenschein nehmen.« »Nimm dich in Acht, mein Kind!« mahnte der Himmelskönig. Mit erhobener Stange stürmte der Prinz aus dem Feldquartier und schrie: »Welcher ist der Himmelsebenbürtige Große Heilige?« »Ich, der alte Sun«, gab der Große Heilige zurück. »Und wer bist du, dass du mich zu fragen wagst?« »Prinz Moksa, Sohn des Himmelskönigs Li, Jünger Hui’an der Bodhisattva Guanyin vom Südmeer.« »Was suchst du denn hier, dass du nicht im Südmeer dein Mönchsleben führst?« »Ich komme auf Geheiß meiner Meisterin, dich deiner Tollkühnheit wegen zu unterwerfen.« »Kühn schwingst du große Worte«, rief der Große Heilige, »los, krieg meine Stange zu spüren!« Furchtlos trat ihm Moksa mit erhobener Eisenstange entgegen. Nun fochten die beiden am Hang vor dem Feldquartier an die sechzig Kampfrunden aus, bis Hui’an schließlich nicht mehr standhalten konnte und das Feld räumen musste. Der Große Heilige aber zog seine Affenarmee ein und versammelte sie vor der Grotte. Außer Atem erreichte Moksa das Feldquartier der Himmelskönige, wandte sich an seinen Vater und keuchte: »Was für ein wackerer Großer Heiliger! Er hat wahrhaftig phänomenale Kräfte! Euer Kind konnte ihm nicht standhalten, wir müssen wieder eine Niederlage einstecken.« Der Himmelskönig erschrak. Auf der Stelle ließ er ein Hilfegesuch schreiben und hieß den Kraftvollen Geisterkönig, es mit Prinz Moksa zusammen dem Jadekaiser zu überbringen. Nachdem der Jadekaiser das Schreiben geöffnet hatte und sah, dass es ein Hilfegesuch war, lachte er auf und rief: »Dieser Affengeist ist ja unmöglich! Was für Kräfte hat der eigentlich, dass er hunderttausend Himmelskriegern standhalten kann? Jetzt ersucht sogar Himmelskönig Li um Hilfe. Woher sollen wir noch Krieger nehmen?« Er hatte kaum geendet, als Guanyin mit gefalteten Händen ihr Wort an den Thron richtete: »Mögen Eure Majestät unbesorgt bleiben, ich kann einen Göttlichen empfehlen, der imstande sein wird, den Affen zu überwältigen.« »Wer denn?« »Euer Neffe Erlang, der Wahre Meister Offenbarter Heiligkeit, der zur Zeit in Guanzhou an der Mündung des Guanjiang-Flusses lebt. Er tötete einst aus eigener Kraft sechs Ungeheuer. Unter seinem Kommando stehen außerdem die sechs Gebrüder vom Pflaumenberg und ein Gefolge von 1200 Graskopfgeistern. Er verfügt über enorme Zauberkräfte. Allein, er wird sich nur einer Bittschrift fügen, keinem Befehl. Eure Majestät können eine kaiserliche Bittschrift erstellen und ihn darin ersuchen, mit seinen Kriegern zu Hilfe zu kommen. So wird der Fang gelingen.« Unverzüglich verfasste der Jadekaiser die Bittschrift und schickte den Kraftvollen Geisterkönig damit auf den Weg. Wie geheißen schwebte der Geisterkönig durch die Lüfte, der Mündung des Guanjiang-Flusses entgegen. Nach weniger als einer Stunde hatte er den Tempel des Wahren Meisters erreicht. Schon meldete der Geist, der am Portal Wache hielt, seine Ankunft, worauf Erlang mit den Gebrüdern zum Empfang vor das Tor trat, das Edikt in Empfang nahm, Weihrauch entzündete und zu lesen begann. Darin stand: »Ein Himmelsebenbürtiger Großer Heiliger, Affenunhold vom Blumen-Früchte-Berg, stiftet Aufruhr und verwüstete das Pfirsichfest. Zur Zeit wird besagter Berg von hunderttausend Himmelskriegern belagert, doch konnte der Unhold bislang nicht überwältigt werden. Darum sei der geschätzte Neffe ersucht, sich mit seinen Gebrüdern zum Blumen-Früchte-Berg zu begeben und bei der Ausmerzung beizustehen. Verdienste werden bei Erfolg mit Beförderung und reichen Geschenken belohnt.« »Der Himmelsbote kann abtreten«, sprach Erlang, »ich komme sofort zu Hilfe.« Wie der Geisterkönig nun die Botschaft dem Jadekaiser überbrachte, sei hier nicht weiter erwähnt. Der Wahre Meister aber rief seine Gebrüder – die Offiziere Kang, Zhang, Yao und Li sowie General Guo Shen und General Zhi Jian – herbei, die sich alle freudig bereit erklärten, mitzugehen. Aus ihren Truppen erhoben sie göttliche Krieger und stürmten dann alle zusammen mit Adlern und Hunden, Armbrust und Pfeilbogen wie ein brausender Orkan über das Ostmeer hinweg, bis zum Blumen-Früchte-Berg. Vor dem engen, vielschichtigen Weltennetz kündigte sich der Wahre Meister mit lauter Stimme an: »Ich bin Erlang, der Wahre Meister Offenbarter Heiligkeit. Wir sind hier auf Geheiß des Jadekaisers, um den dämonischen Affen festzunehmen. Macht auf, schnell!« Sogleich wurde die Nachricht von einer Netzschicht zur anderen weitergerufen. Die Vier Großen Himmelskönige und der Himmelskönig Li traten zum Empfang vor das Tor ihres Feldquartiers, und nach dem Begrüßungsritual erkundigte sich Erlang nach der Kampflage. Die Himmelskönige berichteten, was sich ereignet hatte. Erlang lachte: »Ich geringer Heiliger werde mich mit ihm in der Kunst der Verwandlung messen. Mögen die werten Herren das Weltennetz zuoberst nicht ganz verschließen, nach den Seiten hin jedoch ganz dicht machen. Dann werde ich den Kampf beginnen. Weiter bitte ich Himmelskönig Li, in der Höhe seinen Geisterspiegel bereitzuhalten, denn falls der Unhold unterliegen sollte, steht zu befürchten, dass er an einen fernen Ort flieht. Er muss unter allen Umständen klar auf dem Spiegel zu sehen sein und darf uns auf keinen Fall entwischen.« Die Himmelskönige taten wie geheißen. Der Wahre Meister aber schritt nun zusammen mit seinen vier Offizieren und zwei Generälen aus dem Feldquartier, und während die sieben Gebrüder zum Kampf aufriefen, bewachten die anderen Krieger das Lager und hielten Falken und Hunde fest. Vor der Wasservorhang-Grotte erspähte Erlang die ganze Affenmiliz, die nach der Schlachtordnung eines gewundenen Drachens in Reih und Glied parierte. Aus dem mittleren Teil ragte eine Fahne mit der Aufschrift »Himmelsebenbürtiger Großer Heiliger«. »Dieser lausige Affe«, schimpfte Erlang, »wie kommt denn der zum Titel eines Himmelsebenbürtigen Großen Heiligen!« Eilends meldeten die kleinen Affen Erlangs Ankunft, worauf der Affenkönig seinen Goldreifstab packte, in vollem Harnisch aus seinem Lager schritt und Erlang mit großen Augen anstarrte. Dieser nämlich war von äußerst anmutiger Erscheinung und auch sehr hübsch ausstaffiert. Kichernd schwang der Große Heilige seine Stange und rief mit lauter Stimme: »Wo kommst du denn her, Generälchen, dass du dich erkühnst, mich zum Kampf aufzufordern?« »Du Lump hast wohl keine Augen im Kopf, dass du mich nicht erkennst!« schrie der Wahre Meister zurück. »Ich bin des Jadekaisers Neffe Erlang, vom Kaiser ernannt zum Machtvollen König Erhabener Gunst. Heute komme ich auf Geheiß der Obrigkeit, um dich festzunehmen, du aber weißt noch immer nicht, was dir blüht!« »Dann bist du wohl jener Sprössling der jüngeren Schwester des Jadekaisers, die sich einst nach dem Erdenleben sehnte, sich dort mit einem gewissen Herrn Yang vermählte und einen Sohn gebar, der sie später mit der Axt aus dem Pfirsichberg befreit hat? Ach, du bist mir zu jung, dich schlage ich nicht. Geh nach Hause und ruf mir deine Vier Großen Himmelskönige.« Wütend schrie der Wahre Meister: »Schluss mit diesen Frechheiten, krieg meinen Säbel zu spüren, du Affenlump!« Da ließ der Große Heilige seinen Goldreifstab wirbeln, und die beiden gingen aufeinander los. Ganze dreihundert Kampfrunden fochten sie aus, ohne dass eine Entscheidung fiel. Schließlich ballte der Wahre Meister seine göttlichen Kräfte, schüttelte sich und wurde zu einem zehntausend Fuß hohen Monstrum. Mit beiden Händen schwang er eine dreizackige, doppelschneidige Götterlanze, dass es aussah, als wären es Felsklippen auf dem Gipfel des Huashan. Mit grünblauer Fratze, furchterregenden Zähnen, feuerrotem Haar und grimmigem Blick holte er zum Schlag gegen den Großen Heiligen aus. Doch da ließ auch dieser seine Künste spielen und erschien in derselben Verwandlung wie Erlang, mit derselben schrecklichen Fratze, so dass sein Wunscherfüllender Goldreifstab nun so kolossal war wie die Säule, die auf dem Kunlun-Berg den Himmel stützt. Oberst Ma und Liu fuhr derart der Schrecken in die Knochen, dass sie ihre Banner nicht mehr hochhalten konnten, und den Generälen Beng und Ba wären vor Entsetzen beinah Säbel und Schwert aus der Hand gefallen. Auf Seiten von Erlang befahlen jetzt seine Gebrüder Kang, Zhang, Yao, Li, Guo Shen und Zhi Jian, die Graskopfgeister loszulassen. Da preschten diese in wilder Attacke mit Adlern und Hunden, Armbrust und Bogen zur Wasservorhang-Grotte vor, dass die armen Affen nur noch Lanzen und Panzer hinter sich warfen, Schwerter und Speere fallen ließen, huschten und rannten, schrien und brüllten; die einen liefen den Berg hinan, andere flüchteten sich in die Grotte. Als der Große Heilige mitten im Kampf auf einmal gewahrte, wie die Affen panikartig auseinanderstoben, verspürte er plötzlich Angst. Da machte er die Verwandlung rückgängig, packte seinen Stab und nahm Reißaus. Doch Erlang holte ihn mit ausholenden Schritten ein und schrie: »Halt! Ergib dich, sonst bist du des Todes!« Dem Großen Heiligen war nicht länger zum Kämpfen zumute, sein einziger Gedanke war die Flucht. Als er schon fast bei der Grotte war, stieß er mit den Gebrüdern Kang, Zhang, Yao, Li, Guo Shen und Zhi Jian zusammen, die sich ihm geschlossen in den Weg stellten und riefen: »Stehengeblieben, du lausiger Affe!« Hals über Kopf zwirbelte der Große Heilige seinen Goldreifstab zu einem Nädelchen, verbarg ihn im Ohr, schüttelte sich und flatterte in einen Sperling verwandelt auf einen Baumwipfel. In höchster Spannung spähten die sechs Gebrüder nach allen Richtungen, doch konnten sie ihn nirgendwo entdecken. »Der Affe ist entkommen«, schrien sie lauthals, »der Affe ist entkommen!« Da trat Erlang heran und fragte, wohin der Affe geflohen sei. »Genau hier haben wir ihn eben noch umzingelt; jetzt ist er plötzlich weg!« riefen die Götter. Erlang riss seine Phönixaugen weit auf, und da gewahrte er den Großen Heiligen, der als Sperling auf einem Ast hockte. Blitzartig nahm Erlang seine eigene Gestalt an, warf Götterlanze und Steinschleuder hin, schüttelte sich und stürzte sich als Habicht mit ausladendem Flügelschlag auf den Sperling. Doch schon hatte ihn der Große Heilige bemerkt, schwirrte auf und stach als Kormoran zum Himmel. Da schüttelte Erlang sein Gefieder, verwandelte sich in einen großen Seekranich und schoss zu den Wolken empor, um ihn zu erschnappen. Der Große Heilige aber verringerte seine Höhe, segelte auf einen Bergbach zu und tauchte ins Wasser, wo er sich in einen Fisch verwandelte. Als Erlang am Ufer ankam, hatte sich die Spur verloren. »Bestimmt ist der Affe im Bach verschwunden und hat sich in etwas wie Fisch oder Garnele verwandelt«, sann er. »Warte nur, noch eine Verwandlung, und ich habe dich!« Diesmal nahm er die Gestalt eines Fischadlers an, setzte auf dem Wasser ab und ließ sich eine Weile von den Wellen tragen. Der Große Heilige, der als Fisch in der Strömung dahintrieb, gewahrte plötzlich ein Tier, das aussah wie eine Grünweihe, doch ohne grünes Federkleid; es hätte auch ein Seidenreiher sein können, doch fehlte der Schopf; es sah einem Storch ähnlich, doch waren die Beine nicht rot. »Das muss Erlang sein, der meiner harrt«, dachte er, machte rechtsum kehrt, dass das Wasser aufspritzte, und suchte das Weite. Erlang war das nicht entgangen, und er überlegte fieberhaft: »Der Fisch, der da eben das Wasser aufgespritzt hat, hat ausgesehen wie ein Karpfen, aber er hatte keine rote Schwanzflosse. Es hätte auch ein Mandarinfisch sein können, nur ohne bunte Schuppen, oder ein Schlangenkopffisch, aber ohne Flecken am Kopf. Und für eine Brasse hätten ihm die Barteln an den Kiemen gefehlt. Warum er wohl geflohen ist? Das muss dieser Affe sein!« Er holte ihn ein und stach mit dem Schnabel ins Wasser. Da schnellte der Große Heilige heraus, verwandelte sich in eine Wasserschlange und war im Ufergras verschwunden. Erlang, der ihn verfehlt hatte, sah die Schlange, und kaum hatte er in ihr den Großen Heiligen erkannt, verwandelte er sich mit einem leichten Dreh in einen grauen Kranich mit rotem Schopf und stach den langen Schnabel einer Zange gleich gegen seine Beute. Die Schlange schnellte hoch und nahm die Gestalt einer Trappe an, die nun steif und dumm im seichten Uferwasser stand. Als Erlang diese Verwandlung in eine derart vulgäre Tierart gewahrte – Trappen sind die gemeinsten und lüsternsten aller Vögel und paaren sich wahllos mit Paradiesvögeln, Phönixen, Adlern oder Raben –, verfolgte er sie nicht weiter. Stattdessen trat er jetzt in eigener Gestalt vor, spannte seine Schleuder und traf. Die Trappe verlor das Gleichgewicht und stürzte. Doch der Große Heilige nahm die Gelegenheit wahr, ließ sich den steilen Hang hinunterkollern und verwandelte sich von neuem, diesmal in einen kleinen Erdgeisttempel. Sein aufgesperrtes Maul war das Portal, aus den Zähnen machte er Torflügel, die Zunge verwandelte er in eine Buddhastatue und die Augen in Fenster. Nur mit dem Schwanz wusste er nichts anzufangen. Schließlich richtete er ihn auf und machte daraus eine Fahnenstange. Als Erlang unten ankam, konnte er keine gefallene Trappe finden; nur der kleine Tempel war zu sehen. Mit scharfem Blick beobachtete er die Anlage. Da bemerkte er den Fahnenmast und lachte laut auf: »Ha, dieser Affe! Schon wieder versucht er mich zu übertölpeln. Viele Tempel habe ich gesehen, aber keiner hatte je einen Fahnenmast dahinter stehen. Das ist bestimmt ein Trick von diesem Biest. Ließe ich mich da hineinlocken, hätte er mich zwischen den Zähnen; das lasse ich mir nicht gefallen! Warte nur, jetzt hau ich dir erst mit der Faust die Fenster ein, und dann trete ich die Torflügel nieder.« Der Große Heilige erschrak. »Wie grausam!« dachte er, »die Torflügel sind meine Zähne und die Fenster meine Augen. Was tun, wenn er mir die Zähne einschlägt und die Augen aussticht?« Jäh schnellte er in die Lüfte und war fort. Vergeblich jagte der Wahre Meister kreuz und quer umher, bis die vier Offiziere und zwei Generäle herantraten und fragten: »Bruder, hast du den Großen Heiligen?« »Eben hat mich der Affe in einen Tempel verwandelt hinters Licht führen wollen«, gab Erlang lachend zurück, »als ich ihm dann gedroht habe, Fenster und Torflügel einzuschlagen, ist er plötzlich aufgesprungen und spurlos verschwunden. Merkwürdig, äußerst merkwürdig.« Bestürzt blickten alle suchend ringsum, doch nichts regte sich. Schließlich wies Erlang sie an: »Haltet hier Wache. Ich will mal nach oben gehen und Ausschau halten.« Flugs erhob er sich in die Lüfte und sah Himmelskönig Li, den Geisterspiegel hochhaltend, mit Prinz Nata über den Wolken schweben. »Habt Ihr den Affenkönig gesehen, Himmelskönig?« rief er ihm zu. »Nein, hier oben ist er nicht erschienen«, antwortete dieser, »ich habe ihn hier gespiegelt.« Erlang schilderte ihm den Verwandlungskampf und die Festnahme der Affenhorde, anschließend erzählte er, wie der Affe sich in einen Tempel verwandelt und zuletzt Reißaus genommen hatte. Himmelskönig Li drehte seinen Spiegel nach allen Seiten. Schließlich lachte er auf und rief: »Eilt, eilt! Der Affe hat sich unsichtbar gemacht und die Absperrung überwunden; jetzt geht er geradewegs zur Mündung des Guanjiang!« Erlang fasste seine dreizackige, doppelschneidige Götterlanze fest in beiden Händen und eilte ihm nach. Der Große Heilige aber war bereits bei der Guanjiang-Mündung angelangt und trat nun in Erlangs Gestalt in dessen Tempel ein. Die Wächtergeister, die ihn nicht erkannten, huldigten ihm einer nach dem andern mit einem Kotau. Er setzte sich im Tempel nieder und überprüfte die Liste der Opfergaben: Li der Tiger hatte sein versprochenes Opfer von drei Stück Vieh eingelöst, Zhang der Drache um Glück und Segen gebetet und Weihgaben dargebracht, Zhao der Erste hatte für die Geburt eines Sohns und Qian der Zweite für Heilung seiner Krankheit gebetet. Während er noch las, traf die Meldung ein, ein weiterer Herr sei da. Als die Geister nach draußen drängten und Erlang erblickten, waren sie fassungslos. »Ist etwa ein Himmelsebenbürtiger Großer Heiliger hier vorbeigekommen?« fragte Erlang. »Einen Großen Heiligen haben wir nicht gesehen«, antworteten die Geister, »doch drinnen sitzt ein Herr, der die Liste der Opfergaben überprüft …« Erlang stieß das Tor auf. Kaum hatte der Große Heilige ihn erblickt, nahm er seine eigene Gestalt an und rief: »Ihr braucht gar keine Einwände zu machen, dieser Tempel trägt bereits den Namen Sun!« Da erhob Erlang seine Götterlanze und zielte ihm ins Gesicht, doch der Affenkönig wich zur Seite, zog seine nadelfeine Stange aus dem Ohr, schwang sie in den Wind, bis sie den Durchmesser einer Reisschale hatte, und stürmte voran. Alsbald stürmten die beiden ringend aus dem Tempel, erhoben sich über Wolken und Nebel und bewegten sich in fortwährendem Kampf bis zum Blumen-Früchte-Berg, wo die Vier Großen Himmelskönige mit ihren Kriegern fieberhaft die Belagerung verstärkten. Wie der Große Heilige schließlich dank der vereinten Kräfte der Offiziere Kang und Zhang umzingelt wurde, sei hier nicht weiter ausgeführt. Wie berichtet wird, war der Kraftvolle Geisterkönig, nachdem er Erlang und dessen Gebrüdern jene Bittschrift überbracht hatte, in die himmlischen Gefilde zurückgekehrt und hatte dort Bericht erstattet. Da meinte der Jadekaiser, der sich gerade mit Bodhisattva Guanyin, der Königinmutter und allen himmlischen Ministern in der Halle der Himmelshöhen unterhielt: »Inzwischen müsste Erlang eigentlich am Kämpfen sein. Warum haben wir noch keine Nachricht?« Guanyin faltete die Hände und sprach: »Möge Eure Majestät gestatten, zu einem Ausflug vor das Südliche Himmelstor zu laden, um die Lage mit eigenen Augen zu beschauen. Was haltet Ihr davon?« »Diese Worte sind vernünftig«, stimmte der Jadekaiser zu. Umgehend ließ er Sänften bereitstellen und begab sich mit allen anderen zum Himmelstor. Man öffnete, und sie spähten in die Ferne. Da sahen sie die himmlischen Krieger, die das Weltennetz von allen Seiten bewachten, Himmelskönig Li, der mit Nata den Geisterspiegel hochhielt, und Erlang, der mit dem Großen Heiligen rang, der gerade in der Mitte umzingelt wurde. Da wandte sich die Bodhisattva an den Alten Meister Laozi und meinte: »Was haltet Ihr vom Gott Erlang, den ich empfohlen habe? Er hat doch wahrhaftig gewaltige Kräfte, dass er den Großen Heiligen bereits umzingeln konnte! Nur gefangen hat er ihn noch nicht. Wenn ich ihm jetzt eine kleine Beihilfe leiste, wird er ihn mit Sicherheit fassen können.« »Womit wollen Bodhisattva ihm beistehen?« fragte der Alte Meister. »Ich kann meine Vase mit den Weidenzweigen nach dem Affen schleudern«, sprach Guanyin. »Auch wenn er dabei nicht ums Leben kommt, wird er gewiss stürzen, so dass ihn der Kleine Heilige Erlang besser festnehmen kann.« »Eure Vase ist aus Porzellan«, hielt Laozi entgegen, »wenn sie ihn am Kopf trifft, ist es ja in Ordnung, doch falls sie das Ziel verfehlt oder gar an seine Eisenstange prallt, könnte es umsonst Scherben geben. Lasst ab, ich alter Daoist werde ihm Beistand leisten.« »Habt Ihr denn eine Waffe?« »Freilich, freilich«, antwortete der Alte, lüftete seinen linken Ärmel und zog einen Reif vom Arm. »Dieser Reif ist aus Kunwu-Erz geschmiedet; ich habe ihn mit geläutertem Elixier bereichert. Er ist verwandelbar, feuer- und wasserfest und kann jeden beliebigen Gegenstand umschließen. Man nennt ihn auch Diamantreif oder diamantene Schlinge. Ihm habe ich zu verdanken, dass ich einst jenseits des Hanguan- Passes die Barbaren zum Buddhismus bekehren konnte. Wartet, ich werfe den Reif nach ihm.« Kaum hatte er ausgesprochen, ließ er den Ring vom Himmelstor durch die Lüfte schwirren, exakt auf den Kopf des Affenkönigs zu. Dieser war von seinem erbitterten Kampf gegen die sieben Gebrüder so eingenommen, dass er nichts von der Waffe merkte, die vom Himmel niedersauste. Schon prallte sie auf seinen Schädel, er verlor das Gleichgewicht und strauchelte, dann stemmte er sich wieder hoch und rannte davon. Doch Erlangs kleiner Hund holte ihn ein und biss ihm in die Waden. Abermals stolperte er, blieb längelang am Boden liegen und schimpfte: »Verfluchtes Biest! Statt deinen Herrn zu beschützen, kommst du hierher und beißt den alten Sun!« Er wälzte sich herum, doch konnte er nicht mehr aufstehen. Da wurde er von den sieben Gebrüdern niedergedrückt, man fesselte ihn und zog einen spitzen Haken durch sein Schlüsselbein, dass er sich nicht mehr verwandeln konnte. Der Alte Meister aber zog seinen Ring wieder ein und bat den Jadekaiser, zusammen mit Guanyin, der Königinmutter und allen Himmlischen zurück in die Halle der Himmelshöhen zu gehen. Unten auf der Erde zogen derweil die Vier Großen Himmelskönige, Himmelskönig Li und alle Götter ihre Krieger ein, ließen das Feldlager abbrechen und kamen zu Erlang, ihm zu gratulieren. »Das ist Euer Verdienst, Kleiner Heiliger!« waren sich alle einig. »Dank sei dem Segen des Himmelsherrschers und der Macht aller Himmelsgötter«, sprach Erlang bescheiden, »was soll mir für ein Verdienst zustehen?« »Werter Bruder, haltet Euch nicht länger auf«, meinten da die Gebrüder Kang, Zhang, Yao und Li. »Bringen wir den Kerl lieber gleich in die oberen Gefilde und bitten den Jadekaiser, ein Urteil zu fällen.« »Liebe Brüder«, antwortete Erlang, »da ihr im Himmel noch nicht als Unsterbliche eingetragen seid, ist es euch versagt, den Jadekaiser zu sehen. Mögen die sechs Jia- Götterkrieger den Affen in Gewahrsam nehmen, während ich mit den Himmelskönigen zur Berichterstattung nach oben gehe. Ihr aber sollt hier den Berg durchkämmen, und wenn alles gesäubert ist, könnt ihr zur Guanjiang-Mündung zurückkehren. Sobald ich den Sold erhalten habe, werden wir zusammen feiern.« Die Götterkrieger zeigten sich einverstanden. Nun erhoben sich Erlang und die anderen auf Wolken und entschwebten Siegeshymnen singend zum Himmel. Binnen kürzester Zeit waren sie vor der Halle der Durchdringenden Klarheit, wo einer der Himmelsmeister dem Jadekaiser meldete: »Die Vier Großen Himmelskönige und andere mehr haben den Himmelsebenbürtigen Großen Heiligen gefangengenommen. Nun sind sie gekommen, Eure Anweisungen entgegenzunehmen.« Der Jadekaiser erteilte dem Kraftvollen Geisterkönig den Befehl, den Affen mit Hilfe himmlischer Krieger auf den Geister-Richtplatz zur Enthauptung zu führen und seine Leiche in Stücke zu hacken. Und da wir nicht wissen, wie es um das Schicksal des Affenkönigs stand, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第007回 / 7. Kapitel Der Große Heilige entspringt dem Ofen der Trigramme / Der Herzensaffe festigt sich im Berg der Wandlungsphasen Wie berichtet wurde, hatte man den Himmelsebenbürtigen Großen Heiligen auf den Geister-Richtplatz zur Enthauptung geführt, wo er an der Geisterjoch-Säule festgebunden wurde. Doch alle Versuche, ihn mit Säbel, Axt, Speer oder Schwert zu verwunden, schlugen fehl. Da befahl der Sternfürst des Südgestirns den Göttern der Abteilung für Feuer, einen Brand zu entfachen, um den Affen zu versengen. Doch auch dies vermochte ihm nichts anzuhaben. Schließlich hieß er die Götter der Abteilung für Donner, ihn mit Donnersplittern zu besprengen, doch selbst damit wurde ihm kein Haar gekrümmt. Da begab sich der Kraftvolle Geisterkönig mit den anderen zum Jadekaiser und meldete: »Erhabene Majestät! Irgendwo muss dieser Große Heilige die Kunst der Unverletzlichkeit erlernt haben. Eure Minister haben alles versucht, doch können ihm weder Säbel- und Axthiebe noch Donnersplitter oder Feuer etwas anhaben. Was sollen wir tun?« Als der Jadekaiser dies hörte, fragte er seinerseits: »Wie können wir den Kerl nur bestrafen, wenn er derartige dämonische Kräfte besitzt?« Da meldete sich der Alte Meister Laozi und sprach: »Dieser Affe hat bereits Unsterblichkeitspfirsiche gegessen und himmelskaiserlichen Wein getrunken, außerdem hat er meine Pillen der Unsterblichkeit gestohlen, ganze fünf Kalebassen von rohem und gereiftem Elixier hat er verschlungen! Im geistigen Feuer tiefster Versenkung verschmilzt all dies zu einem Stück, deshalb hat er jetzt einen diamantenen Körper, der kaum mehr zu verletzen ist. Am besten wäre es, ich alter Daoist würde ihn mitnehmen und in meinen Ofen der Acht Trigramme stecken. Dort kann ich ihn mit starkem und schwachem Feuer läutern und mein Elixier aus ihm herausschmelzen. Dann wird er zu Asche verglühen.« Umgehend schickte der Jadekaiser die sechs Ding- und die sechs Jia-Götterkrieger aus, den Affen loszubinden und dem Alten Meister mitzugeben. Laozi nahm den kaiserlichen Befehl entgegen und trat ab. Außerdem ließ der Jadekaiser den Offenbarten Heiligen Erlang rufen und erteilte ihm zum Lohn hundert Goldblumen, hundert Flaschen Wein, hundert Pillen geläuterten Elixiers, kostbare Schätze und leuchtende Perlen, herrliche Brokatseide und vieles andere mehr, mit dem Hinweis, alles mit seinen Gebrüdern zu teilen. Wie Erlang sich für die kaiserliche Huld bedankte und zur Mündung des Guanjiang zurückkehrte, sei hier nicht weiter ausgeführt. Inzwischen war Laozi aber beim Tusita-Palast angekommen, wo er dem Großen Heiligen die Fesseln und den Haken am Schlüsselbein löste und ihn in seinen Ofen der Acht Trigramme stieß. Einem Jünger befahl er, das Feuer zu schüren und den Schmelzprozess in Gang zu bringen. Nun bestand dieser Elixierofen ja aus den Acht Trigrammen Qian, Kan, Gen, Zhen, Xun, Li, Kun und Dui, und darum drängte sich der Große Heilige sofort in den Bereich des Trigramms Xun, denn dieses entspricht dem Wind, und wo der Wind geht, ist kein Feuer. Allerdings wehte ihm der Wind den ganzen Rauch ins Gesicht und rötete seine Augen so sehr, dass er sich ein Augenleiden eintrug. Darum sprach man später immer von seinen »feurigen Augen mit goldenen Pupillen«. Flugs verging die Zeit, die für den Schmelzprozess notwendigen sieben mal sieben Tage waren um, und es war Zeit, den Ofen zu öffnen, um das Elixier herauszunehmen. Der Große Heilige rieb sich gerade mit beiden Händen seine tränenden Augen, als er über sich ein Geräusch hörte, die Augen aufriss und Licht sah. Da konnte er sich nicht halten, schnellte hoch und sprang heraus. Polternd stürzte der Ofen um, und der Große Heilige suchte das Weite. Die Feuerwärter, Ofenwächter und Götterkrieger jagten ihm nach, doch er schüttelte einen nach dem anderen ab, rasend wie ein tollwütiger Weißstirn-Tiger oder ein irrsinniger Einhorn- Drache. Laozi, der hinzulief und ihn packen wollte, wurde von einem Schlag getroffen und purzelte hintüber. Der Große Heilige aber stob davon, nahm seinen Wunscherfüllenden Stab aus dem Ohr und schwang ihn in den Wind, bis er die Dicke einer Reisschale hatte, dann packte er ihn mit beiden Händen und bahnte sich rücksichtslos seinen Weg durch den ganzen Himmelspalast. Er wütete so wild, dass die Neun Strahlenden Tür und Tor verriegelten und die Vier Großen Himmelskönige spurlos verschwanden. Polternd stürzte der Ofen um, und der Große Heilige suchte das Weite. Guter Affengeist! Ein Gedicht besagt: Sein Körper aus dem Urchaos Ist das Sein im Vor-Kosmos;65 Tausendfach, Äonen lang, Weilend nur in seinem Gang. Unermesslich, ohne Tun, Des Höchsten Einen Allgewalt; Unbewegt im So-Sein ruhend, Urmysterium genannt. Was im Ofen lang geläutert, War nicht Quecksilber und Blei,66 Denn der Göttliche verweilet Außerhalb der Stofflichkeit. In der Wandlung ohne Ende Wandelt er sich immerfort; Drei Gelübde, Fünf Gebote, Davon rede hier kein Wort.67 Und ein weiteres Gedicht: Des Affen Dao-Körper, Gehört dem Herzen an; Das Herz, es ist ein Affe, Hierin liegt tiefer Sinn! Pferd und Affe sind zusammen Die Gedanken und das Herz.68 Zügle sie und halt sie fester, Suche nicht nach außen hin! Diesmal wütete der Affenkönig mit seiner Eisenstange so ungestüm durch den Himmelspalast, dass keiner ihn aufhalten konnte und er sich seinen Weg bis zur Halle der Himmelshöhen schlug. Zum Glück hielt hier gerade Wächtergott Wang, Beistand des Schutzpatrons der Heiligkeit, Wache. Wie er den Großen Heiligen heranstürmen sah, stellte er sich mit erhobener Goldpeitsche in den Weg und rief: »Wohin, du elender Affe? Hör auf mit dieser Raserei, nimm dich in Acht!« Ohne darauf einzugehen, stürmte der Große Heilige mit erhobener Stange auf ihn los, während ihm der Wächtergott mit der Peitsche entgegentrat. So entspann sich vor der Halle der Himmelshöhen ein hitziges Gefecht, in dem keiner dem anderen unterlegen war. In der Zwischenzeit hatte der Schutzpatron der Heiligkeit bereits einen Krieger zum Donnerpalast geschickt, um die sechsunddreißig Donnerkrieger zu mobilisieren, die nun den Großen Heiligen umzingelten und ihm einen erbitterten Kampf lieferten. Der aber zuckte mit keiner Wimper. Erst als die vielen Waffen ihm zu nahe rückten, machte er einen leichten Dreh und wurde zu einem dreiköpfigen Monster mit sechs Armen, schwang den Goldreifstab, bis er sich verdreifachte, und wirbelte schließlich drei Stangen in sechs Händen, dass er in der Mitte surrend wie eine Spindel einen wilden Tanz vollführte. Nun wagten ihn nicht einmal mehr die vereinten Donnergeneräle anzugreifen. So war es in der Tat: Kreiselnder Tanz, Funkelnder Glanz! Wer kann je lernen, Was ewig bestand? Kein Feuer kann ihn brennen, Kein Wasser ihn umbringen! Denn es strahlt sein Licht so rein Wie der Mani-Perle Schein; Weder Lanze, Schwert noch Speer Tragen ihm Verwundung ein. So mag er denn im Guten Wie auch im Bösen walten, Wie er sich entscheidet, Ist nur ihm vorbehalten. Im Guten kann er Buddha Und Unsterblicher sein; Im Bösen trägt er Hörner, Packt in Pelz sich ein. In steter Wandlung stürmt er Durch alle Himmelshöhen; Dass die Götter, Donnerkrieger Sich vergeblich mühen! Nun hatten ihn die Götter also umzingelt, doch vermochten sie sich ihm nicht zu nähern. Inzwischen war aber auch der Jadekaiser auf den Lärm des Gefechts aufmerksam geworden und entsandte den Wandelnden Götterboten mit dem Schirmherrn der Heiligkeit, den ehrwürdigen Buddha Tathagata im Westen um Hilfe zu bitten.69 Nachdem die beiden Heiligen das Gebot erhalten hatten, begaben sie sich umgehend zum hehren Tempel des Donnergrollens in die bezaubernden Gefilde des Seelenbergs. Dort verbeugten sie sich vor den vier Diamantwächtern und acht Bodhisattvas und baten sie, ihr Anliegen Buddha zu melden. Die Gottheiten begaben sich vor den Lotosthron, wo sie den Buddha in Kenntnis setzten, und forderten dann die beiden Heiligen auf, Buddha mit dreimaliger Umschreitung ihre Ehrerbietung zu erweisen und sich dann vor den Thron zu stellen. Da fragte Buddha: »Welche Gründe haben den Jadekaiser bewogen, die Heiligen hierherzusenden?« Ausführlich schilderten die beiden die Sache mit dem Großen Heiligen und schlossen mit den Worten: »Weil wir uns in dieser Notlage nicht zu helfen wissen, ersucht der Jadekaiser Ehrwürden Buddha um Beistand.« Als Buddha dies vernommen hatte, wandte er sich an die Bodhisattvas und sprach: »Bleibt achtsam hier im Tempel, bis ich diesen Dämon geläutert habe.« Dann hieß er seine Jünger Ananda und Kasyapa, ihm zu folgen. Gemeinsam verließen sie den Tempel und kamen zur Halle der Himmelshöhen, wo schon ein wildes Kampfgetöse zu hören war. Es rührte von den sechsunddreißig Donnerkriegern, die den Großen Heiligen in Schach hielten. Da verkündete Buddha: »Mögen die Donnerkrieger die Waffen niederlegen und das Kampffeld freigeben! Ruft den Großen Heiligen heraus, damit ich ihn befragen kann.« Unverzüglich wichen die Krieger zurück. Der Große Heilige stellte seine Verwandlung ein, trat in eigener Gestalt wutschnaubend vor Buddha und schrie: »Wo kommst du her, du Frommer, dass du es wagen kannst, die Krieger aufzuhalten, um mich zu befragen?« Buddha lachte und sprach: »Ich bin Ehrwürden Shakyamuni aus dem Paradies des Westens, Namo Amithaba Buddha. Heute habe ich vernommen, dass du dich wild und rücksichtslos aufführst und bereits mehrfach gegen den Himmelspalast rebelliert hast. Wo bist du geboren, in welchem Jahr hast du das Dao erlangt, und was führt dich zu solcher Gewalttätigkeit?« Da gab der Große Heilige zur Antwort: »Im Grunde bin ich Ein beseelt vermengter Geist, Von Himmel und Erde erschaffen Auf dem Blumen-Früchte-Berg Zum alten Menschenaffen. In der Wasservorhang-Grotte, War ich einst daheim, Bis ich einen Meister fand Und erfuhr, was tief geheim. Viele Künste langen Lebens Lernte ich dabei, Seither kann ich mich verwandeln, Grenzenlos und frei. Weil mir dieses Erdenleben Allzu eng geworden, Bin ich nun entschlossen, Den Himmel zu erwerben. Das azurne Himmelszelt Gehört bald nicht mehr ihm, Auch der Menschen Könige Wechseln Dynastien! Dem Stärkeren die Macht, Jetzt ist’s an mir! Von allen Helden traut es sich Einzig dieser hier!« Da lachte Buddha auf und sprach: »Du Lump! Ein Affe bist du also, der zu einem Geist geworden ist! Wie kannst du derart gewissenlos sein, dem Jadekaiser den Thron streitig machen zu wollen? Er hat den Weg der Vervollkommnung von klein auf beschritten und kultiviert ihn seit mehr als 1750 Kalpas. Ein Kalpa zählt 129 600 Jahre; nun kannst du dir selbst ausrechnen, wie viele Jahre er brauchte, in den Genuss dieses allerhöchsten Großen Dao zu kommen! Du Bestie in deiner ersten menschlichen Gestalt, wie kannst du dir derart anmaßende Worte erlauben? Unwürdiger, o Unwürdiger! Das wird dich dein Leben kosten. Bekehre dich und lass die eitlen Reden. Es braucht dir nur jemand übelzuwollen, und dein Leben wäre auf der Stelle zunichte; schade wär’s um das ursprüngliche Antlitz deines Wesens!« »Mag er sich auch Jahrtausende in der Vervollkommnung geübt haben«, gab der Große Heilige zurück, »trotzdem braucht er sich nicht so lange hier aufzuhalten. Das Sprichwort geht: ›Der Vorsitz wird reihum besetzt, im nächsten Jahr bin ich der Herr.‹ Es genügt doch, wenn er abgesetzt wird und man den Himmelspalast mir übergibt. Geschieht das nicht, dann stürme ich ihn mit Gewalt, und ihr kriegt keine Ruhe mehr!« »Was für Fähigkeiten hast du denn, abgesehen vom ewigen Leben und den Verwandlungskünsten, dass du dir anmaßest, den Himmelspalast besetzen zu wollen?« fragte Buddha. »Eine ganze Menge! Ich beherrsche alle zweiundsiebzig Verwandlungen, verstehe mich auf die Kunst, Jahrmillionen lang jung zu bleiben, und ich kann in einem einzigen Wolkenüberschlag 108 000 Meilen zurücklegen. Was soll mich da noch hindern, den Himmelsthron zu besteigen?« »Dann will ich mit dir eine Wette schließen«, sprach der Buddha. »Wenn du es schaffst, mit einem Wolkenüberschlag über meine rechte Handfläche hinauszukommen, hast du gewonnen. Dann lassen wir die Waffen ruhen, ich bitte den Jadekaiser, sich im Westen niederzulassen, und der Himmelspalast gehört dir. Falls du aber nicht darüber hinausgelangst, musst du als Dämon zur Erde zurück und dich noch einige Jahrtausende der Vervollkommnung widmen, bevor du wieder Streit suchst.« Der Große Heilige lachte stillvergnügt und dachte: »Wie ist doch dieser Buddha einfältig. Ich alter Sun schaffe in einem Wolkenüberschlag 108 000 Meilen, und seine Handfläche misst nicht mal eine Elle! Wie könnte mir dieser Sprung je misslingen?« Dann rief er laut: »Wirst auch halten können, was du mir da versprichst?« »Ja, das werde ich«, sprach der Buddha und streckte seine rechte Hand aus, die nun so groß aussah wie ein Lotosblatt. Da steckte der Große Heilige den Wunscherfüllenden Stab ins Ohr, ballte seine Energie, sprang mit einem Satz auf Buddhas Handfläche und schrie: »Los geht’s!« Seht, wie er auf lichten Wolken davonsaust und in der Ferne entschwindet! Mit weisem Auge beobachtete Buddha, wie der Affenkönig einem Windrad gleich voranstürmte. Auf seinem Weg aber sah der Große Heilige plötzlich fünf fleischfarbene Säulen, welche den blauen Äther zu stützen schienen. Da sagte er sich: »Hier ist das Ende. Jetzt geh ich zurück, der Buddha ist Zeuge, und der Himmelspalast ist mein!« Doch dann überlegte er: »Ich muss noch ein Zeichen hinterlassen, damit ich die Sache mit Buddha besprechen kann.« Er zupfte sich ein Pelzhaar aus, behauchte es, und mit dem Ruf »Verwandlung!« hielt er einen tuschegetränkten Pinsel in der Hand, mit dem er nun in großen Zeichen auf die mittlere Säule schrieb: »Der Himmelsebenbürtige Große Heilige kam bis hier!« Anschließend fing er sein Haar wieder auf und hinterließ zuletzt sehr unfeierlich am Sockel der ersten Säule eine Lache Affenpisse. Dann wirbelte er mit einem Wolkenüberschlag zurück, landete in der Mitte von Buddhas Handfläche und meinte: »Ich bin schon wieder zurück. Jetzt kannst du dem Jadekaiser sagen, dass er mir den Himmelsthron abtreten soll!« »Du Pissaffe!« schimpfte der Buddha. »Du bist gar nicht über meine Handfläche hinausgekommen!« »Du hast ja keine Ahnung!« erwiderte der Große Heilige, »ich bin bis zum Ende des Himmels gekommen, wo fünf fleischfarbene Säulen das blaue Firmament stützen. Dort habe ich ein Zeichen hinterlassen; traust du dich, mit mir hinzugehen?« »Wir brauchen nicht hinzugehen«, sprach Buddha, »schau nur hierher.« Da riss der Große Heilige seine feurigen Augen auf und richtete den Blick auf Buddhas Hand. Am Mittelfinger der rechten Hand stand geschrieben: »Der Himmelsebenbürtige Große Heilige kam bis hier!« Aus der Vertiefung neben dem Daumen drang der Gestank von Affenurin. Der Große Heilige erschrak. »Wie ist das möglich!« stammelte er. »Wie kann das sein! Ich habe diese Zeichen auf die Säule geschrieben, die den Himmel stützt! Warum sind sie jetzt auf seinem Finger? Hat er etwa irgendeinen Zauber? Nein, das glaube ich ihm nicht, niemals! Jetzt geh ich gleich noch mal hin.« Der wackere Große Heilige! Schon machte er sich zum Sprung bereit, doch gerade als er hochschnellen wollte, stülpte Buddha die Hand über ihn und beförderte den Affenkönig zum Westlichen Himmelstor hinaus. Aus den Fingern aber machte er fünf aneinandergereihte Gipfel aus Metall, Holz, Wasser, Feuer und Erde, nannte sie den »Berg der Fünf Wandlungsphasen« und setzte sie sachte auf den Affenkönig. Da falteten die Donnergötter, Ananda und Kasyapa die Hände, priesen Buddha und sprachen: »Wundervoll, wundervoll! Einst aus einem Ei entstanden, Lernte er, ein Mensch zu sein, Der Erlösung galt sein Ziel, Er fand das Dao wahr und rein. Doch heute ist das Maß zu voll, Das Böse muss vergolten werden; Wer weiß, wann die Zeit erfüllt, Dass ihm Rettung kommt auf Erden?« Da Buddha nun den dämonischen Affen bezwungen hatte, hieß er Ananda und Kasyapa, den Rückweg in den Westen anzutreten. Da aber eilten von der Halle der Himmelshöhen Marschall Tianpeng und Marschall Tianyou herbei und riefen: »Möge Buddha noch einen Augenblick verweilen, unsere Majestät fährt ein!« Als der Buddha dies vernommen hatte, wandte er den Blick nach oben, und tatsächlich, binnen kürzester Zeit sah er die herrlich geschmückte und von neunfarbig schillernden Baldachinen überdeckte himmelskaiserliche Sänfte herniederschweben, bis sie schließlich im bezaubernden Klang sphärischer Musik und unerschöpflicher Göttergesänge unter Blütenregen und Wohlgerüchen vor Buddha zu stehen kam. Der Jadekaiser sprach: »Dank sei der großen Macht Eurer Lehre, dass der schlimme Dämon endlich bezwungen werden konnte! Möge Buddha einen Tag verweilen, damit alle Unsterblichen Euch zu Dank ein Festmahl geben können!« Der Buddha konnte die Einladung schlecht ausschlagen. Er faltete die Hände und sprach: »Ich geringer Mönch bin nur auf Geheiß der himmlischen Hoheit hierhergekommen und darf mich keiner Macht rühmen. Unseren Erfolg verdanken wir dem hehren Glück des Himmelsherrschers und der Götter.« Der Jadekaiser sandte nun die Götter der Donnerabteilung in alle Himmelsrichtungen, um die Drei Reinen, die Vier Kaiser, die Fünf Alten, die Sechs Minister, die Sieben Ursprünglichen, die Acht Pole, die Neun Strahlenden, die Zehn Höllenkönige sowie die tausend Wahren und zehntausend Heiligen zu diesem Anlass einzuladen, damit man gemeinsam die Gunst des Buddha vergelte. Außerdem befahl er den Vier Großen Himmelsmeistern und der Fee vom Neunten Himmel, die Goldenen Tore des Himmelspalastes, die Halle des Höchsten Mysteriums und die Jadehalle der Profunden Yang-Kraft weit zu öffnen, Buddha zum Thron der Sieben Kostbarkeiten zu geleiten, die Sitzordnung der geladenen Gäste anzuordnen und eine Festtafel mit Drachenleber, Phönixmark, Jaspistrunk und Unsterblichkeitspfirsichen bereitzustellen. Es dauerte nicht lange, da erschienen unter Flaggen und paarweise getragenen Baldachinen die Drei Reinen: der Himmlische Ehrwürdige des Uranfangs aus dem Himmel der Jadereinheit, der Himmlische Ehrwürdige des Magischen Juwels aus dem Himmel der Oberen Reinheit und der Himmlische Ehrwürdige des Weges und der Wirkkraft aus dem Himmel der Höchsten Reinheit. Ihnen folgten die Wahren Meister der Fünf Planeten, die Sternfürsten der Fünf Sternbilder, die Drei Minister und Vier Heiligen, die Neun Strahlenden, der Linke und der Rechte Adjutant des Siebengestirns, die Himmelskönige mit Prinz Nata, ja sämtliche Wesen des Himmels. Alle brachten Buddha glänzende Perlen, herrliche Schätze, Früchte der Langlebigkeit und bezaubernde Blütenkelche dar, verneigten sich und sprachen: »Dank sei Eurer Allmächtigkeit, o Buddha! Ihr habt den dämonischen Affen bezwungen. Da wir die Ehre haben, vom Großen Erhabenen des Himmels zu diesem frohen Festmahl geladen zu sein, wollen wir uns Euch erkenntlich zeigen. Dürfen wir Ehrwürden Buddha bitten, unserer Zusammenkunft einen Namen zu verleihen?« Da sprach Buddha: »Sie soll ›Große Versammlung zum Himmlischen Frieden‹ heißen.« »Wohlan!« riefen alle Anwesenden: »Die Große Versammlung zum Himmlischen Frieden!« Daraufhin nahmen alle ihre Plätze ein, Kannen und Krüge machten die Runde, man steckte sich Blumen ins Haar, Trommeln und Zithern wurden geschlagen; es war ein herrliches Fest, und alle waren bei bester Laune. Da sah man die Königinmutter des Westens mit Feen und Grazien in wiegendem Tanze auf Buddha zuschweben, wo sie sich verneigte und sprach: »Zwar ist das Große Pfirsichbankett durch den dämonischen Affen verwüstet worden, doch dank Euch, verehrter Buddha, der Ihr mit Allmacht den störrischen Affen bezwanget, dürfen wir nun in hehrer Glückseligkeit die Große Versammlung zum Himmlischen Frieden zelebrieren. Ich habe nichts, womit ich Euch gebührend Dank bezeigen könnte, außer diesen großen Unsterblichkeitspfirsichen, die ich mit reiner Hand gepflückt habe.« Buddha dankte der Königinmutter mit gefalteten Händen, worauf sie die Feen und Grazien von neuem singen und tanzen ließ, derweil die Festgesellschaft weiter schmauste. Wenig später traf unter herrlichen Düften der Stern der Langlebigkeit vom Südpol ein, vollführte vor dem Jadekaiser die erforderlichen Verbeugungen, trat dann vor den Buddha, dankte und sprach: »Damals, als ich hörte, dass Meister Laozi jenen dämonischen Affen in seinem Ofen im Tusita-Palast geläutert habe, glaubte ich, es würde fortan Friede herrschen, und hätte nicht gedacht, dass dieser Affe von neuem sein Unwesen treiben würde. Glücklicherweise habt Ihr, verehrter Buddha, dieses Ungeheuer nun unterworfen. Da ich von dem Festbankett erfahren, das Euch zu Dank gegeben wird, habe ich mich hierherbegeben. Leider habe ich nichts anderes für Eure Heiligkeit als diese purpurnen Unsterblichkeitspilze, Edelsteinkräuter und jadenen Lotoswurzeln.« Ein Gedicht besagt: Ewig möge Buddha leben Jahre wie der Sand am Meer; Möge er in Frieden thronen Auf dem Lotos immerdar! Wahrer Meister hoher Lehre Von gestaltenlosem Sein; In der Leerheit aller Dinge Ist der Himmelsgötter Heim. Buddha bedankte sich freudig, und der Stern der Langlebigkeit begab sich an seinen Platz. Nun sah man den Barfüßigen Unsterblichen kommen, der erst dem Jadekaiser mit tiefen Stirnaufschlägen seine Reverenz erwies, sich dann an Buddha wandte und sprach: »Tief dankbar bin ich Eurer Heiligkeit für die Bezwingung des dämonischen Affen durch die Macht der Lehre! Ich habe leider nichts, Euch meine Hochachtung gebührend auszudrücken, doch möchte ich Euch diese zwei Birnen und ein paar Datteln offerieren.« Der Buddha dankte auch ihm, dann hieß er Ananda und Kasyapa, die Geschenke der verschiedenen Unsterblichen sorgfältig einzupacken, und dankte dem Jadekaiser für die Einladung. Alle waren tief berauscht. Da erschien ein himmlischer Aufsichtsbeamter und meldete: »Der Große Heilige hat den Kopf herausgestreckt.« »Keine Sorge«, meinte Buddha, holte aber gleichzeitig aus seinem weiten Ärmel einen Papierstreifen, auf dem in sechs goldenen Schriftzeichen geschrieben stand: »唵嘛呢叭咪吽 – OM MANI PADME HUM«. Diesen reichte er Ananda und hieß ihn, die Schriftzeichen auf dem Berggipfel anzubringen. Ananda begab sich zum Berg der Fünf Wandlungsphasen und klebte sie auf einem kubischen Felsblock fest. Da verwurzelte sich der Berg, und alle Öffnungen zogen sich zu, so dass der Affe nur noch atmen und die Hände herausstrecken konnte, den Körper vermochte er fortan nicht mehr zu regen. Nachdem Ananda zurückgekehrt war, verabschiedete sich der Buddha vom Jadekaiser und allen Göttern und trat mit den beiden Jüngern aus dem Himmelstor. Als sie am Berg der Fünf Wandlungsphasen vorbeikamen, rief er in barmherziger Regung mit einem Zauberwort den Erdgeist hervor und befahl ihm, den Berg gemeinsam mit den Genien der Fünf Himmelsrichtungen zu bewachen, den Affen bei Bedarf mit Eisenkugeln zu füttern und mit geschmolzenem Kupfer zu tränken. Sobald die Frist seines Leidens um sei, werde von selbst jemand kommen, ihn zu erlösen. Und da wir nicht wissen, wann seine Leidenszeit endlich ein Ende nehmen würde, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第008回 / 8. Kapitel Buddha kündet die Glückseligkeit in Schriften / Guanyin wird nach Chang’an aufgeboten Wie geht es zu mit dem Ziel des Zen, Wenn ungezählte Meditation Am Ende doch fruchtlos ins Alter führt? Aus Ziegeln Spiegel schleifen,72 Als Vorrat Schnee anhäufen! Gingen nicht so manche Menschen fehl? Ein Haar verschlingt den Ozean, Ein Senfkorn birgt den Sumeru,73 Der Goldne Dhuta lächelt einsichtsvoll!74 Übertroffen sind in der Erleuchtung Die Zehn Stufen und die Drei Vehikel;75 Hier gerinnen die Vier Arten der Geburt76 Und die Sechs Pfade der Reinkarnation.77 Wer jedoch erhörte wirklich Vor dem Fels erloschenen Denkens,78 Unterm Baume ohne Schatten, Je des Kuckucks Ruf am Frühlingsmorgen?79 Steil sind die Pfade am Caoxi-Strom,80 Dicht sind die Wolken am Geierberg;81 Hier sind alle Stimmen trauter Menschen fern. Doch an der tausend Klafter hohen Eisesklippe Erblüht die Lotosblume mit fünf Blättern. In der alten Halle hängt ein Vorhang nieder,82 Und Weihrauch kringelt hoch – In diesem Augenblick Erkennst du Quell und Lauf Und schaust des Drachenkönigs Drei Juwelen!83 Dieses Gedicht geht nach der Melodie »Su Wu Man«.84 Nun war aber die Rede davon, wie Buddha vom Jadekaiser Abschied genommen hatte und zum Tempel des Donnergrollens zurückgekehrt war. In den gesegneten Gefilden des Seelenberges konnte man nun sehen, wie alle dreitausend Buddhas und fünfhundert Arhats sowie die Acht Großen Diamantwächter und endlose Reihen von Bodhisattvas unten am Salbaumhain dem Buddha mit Bannern, edlen Baldachinen, erlesenen Schätzen und paradiesischen Blumen zum Empfang bereitstanden. Auf einer glückverheißenden Wolke schwebend verkündete Buddha: »Ich habe Mit überaus tiefer Weisheit Alle Drei Welten beschaut: Die Quelle ursprünglichen Wesens Ist letztlich das Wahre Erlöschen; Alle Erscheinung ist Leerheit, Nichts ist wahrhaftig vorhanden. Tilge darum den dreisten Affen, Denn dieses nicht zu erkennen, Heißt Leben und Tod beginnen. So ist die Gestalt aller Dinge.«85 Nach diesen Worten ließ er die Sariras86 erstrahlen, und es erstreckten sich zweiundvierzig schneeweiße Regenbogen von Norden gen Süden über den ganzen Himmel. Überwältigt von diesem Anblick fielen alle auf die Knie und falteten ehrfurchtsvoll die Hände. Im nächsten Augenblick schwebte Buddha auf schillernden Wolken und bunten Nebelschleiern empor und ließ sich aufrecht auf dem höchsten Lotosthrone nieder. Da traten alle Buddhas und Bodhisattvas mit gefalteten Händen vor, verneigten sich und sprachen: »Wer war es, der im Himmelspalast wütete und das Pfirsichfest zerstörte?« Überwältigt von diesem Anblick fielen alle auf die Knie und falteten ehrfurchtsvoll die Hände. »Ein dämonischer Affe vom Blumen-Früchte-Berg«, antwortete Buddha. »Dieser Unhold hat solch himmelschreiende Verbrechen begangen, dass es kaum zu beschreiben ist. Nicht einmal die vereinten Götter des Himmels konnten ihn bezwingen. Als ich angekommen bin, war er gerade in einen heldenhaften Kampf gegen die ihn umzingelnden Donnerkrieger verstrickt. Ich habe ihm befohlen, seine Waffe niederzulegen, und habe ihn nach seiner Herkunft befragt. Er aber prahlte mit übernatürlichen Kräften und erklärte, er könne in einem Wolkenüberschlag 108 000 Meilen zurücklegen. Da habe ich mit ihm die Wette geschlossen, dass er nicht über meine Handfläche hinausgelangen werde, und habe ihn am Ende gepackt, aus meinen Fingern einen Berg der Fünf Wandlungsphasen gemacht und ihn darunter eingeschlossen. Daraufhin hat der Jadekaiser seine Hallen und Paläste geöffnet und zum Dank eine ›Große Versammlung zum Himmlischen Frieden‹ veranstaltet. Erst dann konnte ich Abschied nehmen und zurückkehren.« Alle freuten sich und zollten Buddha ihr höchstes Lob. Anschließend zogen sie sich in wohlgeordneten Reihen zurück und erfreuten sich der himmlischen Reinheit. So war es in der Tat: Indien von heilem Dunst durchzogen, Heiligkeit umwallt von Regenbogen! Höchster ist im Westen allezeit Der König formenloser Wirklichkeit. Eines Tages versammelte der Buddha alle Buddhas, Arhats, Genien, Bodhisattvas und Diamantwächter und sprach zu ihnen: »Obzwar wir hier kein Zeitmaß kennen, müsste auf Erden seit dem Tag, an dem der Affe überwunden und der himmlische Frieden wiederhergestellt wurde, annähernd ein halbes Jahrtausend vergangen sein. Nun, da wir uns dem Tage des Vollmonds im frühen Herbste nähern, habe ich eine edle Schale mit vielerlei seltenen Blüten und ausgesuchten Früchten gefüllt, um heute gemeinsam mit euch allen das Ullambana-Fest zu feiern, was meint ihr dazu?«87 Demütig falteten alle die Hände und ehrten Buddha mit dreimaliger Umschreitung. Nun überreichte Buddha die Schale seinem Jünger Ananda und ließ Kasyapa die Blumen, Früchte und Kostbarkeiten verteilen. In höchster Dankbarkeit baten alle, er möge das ursprüngliche Wesen und die Quelle des Seins darlegen. Da öffnete Buddha den gütigen Mund und erhellte die große Lehre, indem er die wahre Erlösung pries, die Heiligen Schriften des Triyana vortrug und die im Surangama Sutra dargelegten Fünf Skandhas erläuterte. Während seiner Rede kreisten die Drachen des Himmels um ihn, und ein farbenfroher Blütenregen rieselte hernieder. So war es in der Tat: Hell erstrahlt im stillen Herzen Der Mond von tausend Strömen; Rein erfasst wahrhaftes Wesen Des Himmels weites Dehnen. Nachdem Buddhas Rede verklungen war, wandte er sich an die Menge und sprach: »In den Vier Kontinenten der Erde sehe ich die Lebewesen sehr unterschiedlich mit Gut und Böse umgehen: Im östlichen Kontinent Purvavideha werden Himmel und Erde geachtet, und die Menschen sind heiter und gelassen. Im nördlichen Kontinent Uttarakuru kommt es zwar öfter vor, dass sie andere Wesen töten, doch geschieht dies allein zum Bedarf der Ernährung, und obschon sie etwas ungehobelt sind, richten sie selten Schaden an. Hier auf unserem westlichen Kontinent Aparagodaniya kennen wir weder Mord noch Gier, denn wir nähren unsere geistigen Kräfte und leben in heiliger Abgeschiedenheit; auch wenn es keine wahren Unsterblichen gibt, erreicht doch jeder ein hohes Alter. Auf dem südlichen Kontinent Jambudvipa hingegen sind die Menschen gierig, lüstern und schadenfroh, überall gibt es Mord und Hader; es ist ein wahres Schlachtfeld übler Rede, ein grausames Meer der Zwietracht. Nun aber habe ich hier das Tripitaka, drei Körbe Heiliger Schriften, welche diese Menschen zum Guten bewegen können.« Da falteten alle Bodhisattvas die Hände und fragten: »Was für Heilige Schriften haben Ehrwürden Buddha?« »Erstens die Vinaya-Schriften, welche vom Himmel sprechen, zweitens die Sastra-Schriften, welche von der Erde sprechen, und drittens die Sutra-Schriften, welche die Seelen der Verstorbenen erlösen. Das Ganze gliedert sich in 35 Abschnitte und verteilt sich auf insgesamt 15 144 Schriftrollen. Es ist dies der Pfad zur Vollendung der Wahrheit, das Tor zum wahrhaft Guten. Nun habe ich vor, diese Schriften in die östlichen Gefilde bringen zu lassen. Leider sind aber die Menschen dort so einfältig, dass sie die Wahrheit meiner Lehre verhöhnen und die Schule des Yogachara90 schmähen. Darum brauchen wir jemanden mit großer Macht, der im Osten einen Gläubigen auffindet und diesen dazu bringen kann, einen leidvollen Weg über Tausende Gebirge und Gewässer zu unternehmen, damit er hier bei uns die Wahren Schriften erlangen und sie im Osten auf ewig verbreiten kann, um die dortigen Lebewesen zum Guten zu bewegen. Diese Tat wird ihm höchsten Segen und tiefste Wonne zutragen. Wer ist bereit, sich auf die Suche zu machen?« Da schritt Bodhisattva Guanyin vor den Lotosthron, ehrte Buddha mit dreimaliger Umschreitung und sprach: »Meine Wenigkeit ist gewillt, in den Osten zu gehen und nach einem Menschen zu suchen, der die Heiligen Schriften holen wird.« Buddha vernahm die Worte mit großer Freude und sprach: »Es wäre auch niemand sonst dieser Aufgabe gewachsen. Nur die erhabene Guanyin mit ihren unermesslichen magischen Kräften ist dazu fähig.« »Welche Anweisungen darf ich für diese Reise in den Osten entgegennehmen?« fragte Guanyin. »Unterwegs sollt Ihr stets die Wege auf Erden im Auge behalten. Bewegt Euch nicht im Himmel fort, sondern auf halber Höhe zwischen Wolken und Nebel, so dass Ihr Euch das Landschaftsbild und die Entfernungen einprägen und später dem Schriftenholer Anweisungen erteilen könnt. Trotzdem wird seine Reise in jedem Falle beschwerlich sein, darum will ich Euch fünf Schätze mitgeben.« Buddha ließ Ananda und Kasyapa eine brokatene Mönchsrobe und einen mit neun Ringen verzierten Priesterstab bringen und sprach: »Diese beiden sind für den Schriftenholer selbst. Wenn er den festen Entschluss gefasst hat, hierherzukommen, soll er diese Mönchsrobe anziehen, denn diese wird ihn vom Kreislauf der Wiedergeburten befreien, und er soll diesen Priesterstab halten, denn er wird ihn vor verderblichen Einflüssen schützen.« Mit einer tiefen Verbeugung nahm Guanyin die Sachen entgegen. Nun überreichte ihr Buddha drei Ringe und sprach: »Diese Schätze sind sogenannte ›Verengungsreife‹. Zwar sehen alle drei gleich aus, doch sind sie verschieden im Gebrauch. Drei magische Formeln gehören dazu, nämlich der ›Goldspruch‹, der ›Verengungsspruch‹ und der ›Bannspruch‹. Falls Ihr unterwegs auf einen Dämon mit übergroßen magischen Kräften stoßt, dann sollt Ihr ihn zum Guten bekehren und ihn veranlassen, dem Schriftenholer als Jünger zu dienen. Falls er nicht gehorchen will, könnt Ihr ihm einen dieser Reife aufsetzen, der umgehend mit seiner Kopfhaut verwachsen wird. Spricht man dann die passende Formel dazu, werden ihn so starke Kopfschmerzen plagen, dass seine Augen hervortreten und ihm das Hirn zu bersten scheint. Auf diese Weise wird er sicherlich unserer Lehre folgen.« Beglückt verneigte sich Guanyin vor Buddha. Dann trat sie ab und rief ihren Jünger Hui’an, mit ihr zusammen die Reise anzutreten. Hui’an nahm eine tausend Pfund schwere Eisenstange zur Hand, um Guanyin im Kampf gegen Dämonen beizustehen. Guanyin hieß ihn die zu einem Bündel gefaltetete Brokatrobe tragen, steckte die goldenen Reife ein, ergriff ihren Pilgerstab und stieg den Seelenberg hinab. Zu diesem Gang sei angemerkt: Es kehrt der Buddhajünger Zum tiefsten Wunsche heim, Denn Priester Goldzikade Schließt schon Candana ein!91 Unten am Berg befand sich das daoistische Kloster zur Jadenen Wahrheit. Hier wartete der Goldhäuptige Unsterbliche vor dem Tor und bat Guanyin zum Tee. Guanyin sprach: »Ich gehe auf Geheiß des Buddha in den Osten, um einen Gläubigen zu finden, der unsere Heiligen Schriften holt.« »Wann soll der Schriftenholer hier eintreffen?« wollte der Unsterbliche wissen. »Das ist noch nicht sicher«, meinte Guanyin. »Ich denke, in zwei, drei Jahren dürfte er ankommen.« Dann verabschiedete sie sich und schwebte zwischen Wolken und Nebel dahin, während sie sich die Reiseroute einprägte. Wie nun Meisterin und Jünger voranschwebten, erblickten sie auf einmal das dreitausend Klafter tiefe Weiche Wasser. Es war das Gebiet des Treibsandflusses.92 »Mein Jünger«, sprach Guanyin, »diese Stelle ist wahrhaft schwer zu passieren. Der Schriftenholer wird ein gewöhnlicher Sterblicher sein, wie soll er diesen Fluss je überqueren können?« Sie waren noch ganz in ihre Betrachtung versunken, als plötzlich in dröhnendem Tosen ein abscheulicher Dämon aus den Fluten sprang, mit einer Lanze in den Pranken ans Ufer stob und Guanyin packen wollte. Hui’an konnte ihn gerade noch mit seiner Eisenstange aufhalten und schrie: »Stillgestanden!« Da schwenkte das Ungeheuer seine Lanze herum und stürzte sich auf ihn, worauf sich die beiden am Ufer des Treibsandflusses ein heftiges Gefecht lieferten. Doch auch nach mehreren Dutzend Kampfrunden blieb der Ausgang unentschieden. Endlich stützte sich der Dämon auf seine Lanze und fragte: »Woher kommst du, Mönch, dass du dich mit mir anzulegen wagst?« »Ich bin der zweite Sohn des Pagodentragenden Himmelskönigs, Prinz Moksa, auch Pilger Hui’an genannt. Und was für ein Scheusal bist du denn, dass du uns so tollkühn in den Weg zu treten wagst?« Da besann sich das Ungeheuer und sprach: »Warst du nicht der Jünger von Bodhisattva Guanyin am Purpurbambushain im Südmeer? Warum kommst du hierher?« »Siehst du sie nicht, meine Meisterin, die dort am Ufer steht?« Als das Ungeheuer diese Worte hörte, nickte es erschüttert, steckte seine Lanze ein und ließ sich willig von Moksa zu Guanyin führen, wo es gesenkten Hauptes niederkniete und flehte: »Vergebt mir, o Bodhisattva, lasst mich alles erklären! Ich bin kein Dämon, in Wirklichkeit diente ich als General Gardinenroller bei der himmelskaiserlichen Equipage vor der Halle der Himmelshöhen. Nur weil ich auf dem großen Pfirsichbankett aus Versehen einen gläsernen Kelch zerbrochen habe, bin ich vom Jadekaiser zu achthundert Stockschlägen verurteilt und auf die Erde verbannt worden, wo ich nun in dieser Gestalt erscheinen muss. Außerdem hat er es so eingerichtet, dass alle sieben Tage ein Schwert geflogen kommt, das mir die Brust durchbohrt. Darum bin ich so verdrossen. Von Hunger und Kälte getrieben kann ich nicht anders, als alle paar Tage aus den Fluten zu steigen, um einen Wanderer zu fressen. Nie hätte ich gedacht, dass ich mich heute an Euch, o Bodhisattva des Großen Erbarmens, versündigen würde!« Da sprach Bodhisattva Guanyin: »Nachdem du schon im Himmel Sünden begangen hast, verletzest du nun hier auf Erden auch noch Menschenleben. Das heißt doch Sünden über Sünden häufen! Ich bin im Auftrag Buddhas unterwegs in den Osten, um einen Gläubigen zu suchen, der unsere Heiligen Schriften holen kann. Bekenne dich doch zu unserem Orden, wende dich zum Guten und schließe dich dem Schriftenholer auf seiner Reise in den Westen als Jünger an. Dann werde ich dafür sorgen, dass du von dem fliegenden Schwert verschont wirst. Sobald das Ziel erreicht ist, wirst du begnadigt und wieder in deinen früheren Posten eingesetzt werden. Was hältst du davon?« »Ich bin gewillt, mich der wahren Erkenntnis zu widmen«, gab der Dämon zur Antwort. Doch dann fügte er hinzu: »Bodhisattva, ich habe hier schon unzählige Menschen gefressen, darunter auch einige Schriftenholer. Die Schädel werfe ich jeweils in den Treibsandfluss, wo sie sofort versinken, denn dieses Wasser trägt keine Gänsefeder. Einzig die Schädel von neun Schriftenholern trieben auf dem Wasser, ohne abzusinken. Da es sich um etwas Außergewöhnliches zu handeln schien, habe ich sie an einer Schnur aufgezogen; wenn es mir langweilig ist, spiele ich manchmal damit. Nun fürchte ich bloß, dass sich der Schriftenholer nicht mehr hierhertraut. Macht das nicht meine Zukunft zunichte?« »Wie sollte er sich nicht hierhertrauen!« versetzte Guanyin. »Die Schädel kannst du dir um den Hals hängen, später werden sie dem Schriftenholer von Nutzen sein.« »Dann will ich mich Eurer Unterweisung fügen.« Guanyin legte segnend ihre Hand auf sein Haupt und lehrte ihn die Gebote, die er von nun an zu befolgen hatte. Außerdem gab sie ihm den Namen Sha für »Sand« und den Ordensnamen Wujing, »der die Reinheit erkennt«. Damit war er in den Mönchsorden aufgenommen. Zum Abschied begleitete er Guanyin ans andere Ufer. Von da an reinigte er sein Herz und seine Gedanken, ließ vom Töten ab und wartete ausschließlich auf den Schriftenholer. Zusammen mit Moksa reiste Guanyin nun weiter gen Osten. Nach langem kamen sie an einen mächtigen Berg, der von schweren Wolken verhangen und zu Fuß unübersteigbar war. Gerade wollten sie sich auf Wolken erheben, um den Berg zu überqueren, als plötzlich ein wilder Sturmwind heranbrauste und abermals ein Dämon hervorschoss, der nicht weniger furchterregend aussah als der andere. In den Klauen schwang er einen Rechen, mit dem er sich blindwütig auf Guanyin stürzte. Moksa aber wehrte ihn ab und schrie: »Keine Frechheiten, du Rotzteufel, krieg meine Eisenstange zu spüren!« Der Dämon wirbelte seinen Rechen empor und stürzte sich auf ihn, dann folgten am Fuße des Berges Schlag auf Schlag, bis im Höhepunkt des Gefechtes Guanyin über ihnen eine Lotosblüte hinabgleiten ließ, dass sich ihre Waffen trennten. Der Dämon fuhr zusammen und rief: »Woher kommst du, Mönch, dass du mir einen solchen Blumenzauber vorzugaukeln wagst?« »Sieh dich vor, du Bestie!« gab Moksa zurück. »Ich bin der Jünger der Bodhisattva vom Südmeer. Meine Meisterin ist es, die eben eine Lotosblüte heruntergeworfen hat, und du erkennst sie nicht einmal!« »Die Bodhisattva vom Südmeer?« besann sich das Ungeheuer. »Ist das nicht Guanyin, jene Göttin, die einen aus dreifacher Not und acht Leiden befreit?« »Wer sonst, wenn nicht sie?« Da ließ der Dämon seinen Rechen fallen, stürzte Moksa zu Füßen und rief: »Verehrter Bruder, wo ist sie? Ich flehe Euch an, bringt mich zu ihr!« Moksa wies nach oben und sprach: »Siehst du sie denn nicht?« Da schlug der Dämon die Stirn auf den Boden und brüllte: »Vergebt mir, Bodhisattva, vergebt mir!« Guanyin senkte ihre Wolke, trat auf ihn zu und fragte: »Woher kommst du denn, du Wildschweingeist, dämonischer Eber, dass du es wagst, mir in den Weg zu treten?« »Ich bin kein Wildschwein, auch kein Eber. Ursprünglich war ich Marschall Tianpeng in der Milchstraße. Nur weil ich mal in betrunkenem Zustand die Mondfee Chang’e geneckt habe, bin ich vom Jadekaiser zu zweitausend Hammerschlägen verurteilt und in die Welt des Staubes verbannt worden. Auf dem Weg zur Wiedergeburt aber ist meine Seele vom Weg abgekommen und in den Leib eines Schweins geraten. Darum sehe ich jetzt so aus. Ich habe das Mutterschwein totgebissen und alle anderen Schweine erschlagen; seither halte ich diesen Berg besetzt und ernähre mich von Menschenfleisch. Wer hätte gedacht, dass ich auf Euch stoßen würde! Bodhisattva, bitte rettet mich, rettet mich!« »Wie heißt dieser Berg?« wollte Guanyin wissen. »Fuling, der ›Berg der Wonne‹. Es gibt darin eine Grotte, die heißt ›Wolkensteggrotte‹. Dort wohnte früher die Zweite Schwester Mao. Weil sie sah, dass ich mich auf die Kampfkunst verstehe, nahm sie mich zum Mann, und ich zog bei ihr ein; das war sozusagen eine ›umgekehrte Heirat‹. Doch nach kaum einem Jahr ist sie gestorben, so dass mir die Höhle mit dem ganzen Hausrat zufiel. Jahraus jahrein habe ich nichts anderes getan, als meiner Neigung frönend Menschen zu fressen. Ach, habt Erbarmen, Bodhisattva, verzeiht meine Sünden!« Guanyin erwiderte: »Ein altes Sprichwort besagt: ›Willst du eine Zukunft haben, so halte die Zukunft in Ehren.‹ Schon im Himmel hast du gegen das Gesetz verstoßen, und nun versündigst du dich gar mit Töten. Ist dir eigentlich nicht bewusst, dass zwei Sünden doppelte Bestrafung nach sich ziehen?« »Zukunft, Zukunft«, murrte der Dämon, »ginge es nach Euch, sollte ich mich wohl von Luft ernähren. Ein Sprichwort geht: ›Nach Staates Gesetz wirst du erschlagen, nach Buddhas Gesetz wirst du verhungern.‹ Nein, da schnappe ich mir lieber einen Wanderer und verzehre seine fette Braut! Was gehen mich zwei Sünden, drei Sünden, tausend oder zehntausend Sünden an.« »Wenn einer guten Willen hat, steht ihm der Himmel bei«, sprach Guanyin. »Falls du gewillt bist, dich dem Weg zur Wahrheit zu widmen, wirst du von selbst genügend zu essen haben. Auf Erden gibt es fünf Getreidesorten, die den Hunger stillen; warum musst du unbedingt Menschen fressen?« Ihre Worte schienen den Dämon wie aus einem Traum zu erwecken. »Ich will mich zum Guten wenden«, rief er nun. »Allein, heißt es denn nicht: ›Wer sich am Himmel vergangen hat, kann zu keinem Ort mehr beten‹?« »Ich reise auf Buddhas Geheiß in den Osten«, erklärte Guanyin, »um einen Gläubigen zu finden, der unsere Heiligen Schriften holt. Du kannst sein Jünger werden und mit ihm in den Westen reisen. Dieses Verdienst wird deine Schuld tilgen, und so wirst du allem Unheil entrinnen können.« »Einverstanden«, erklärte das Ungeheuer nun bereitwillig, »ich werde dem Schriftenholer folgen.« Da legte Guanyin ihre segnende Hand auf sein Haupt und unterwies ihn in den Geboten. Seinem Aussehen gemäß gab sie ihm den Namen Zhu für »Schwein« und dazu den Ordensnamen Wuneng, »der die Fähigkeit erkennt«. Von da an begnügte er sich mit Pflanzenkost, rührte keine unreinen Speisen mehr an und passte fortan die Ankunft des Schriftenholers ab. Guanyin und Moksa aber schwebten wieder empor und zogen weiter. Wie sie so zwischen Wolken und Nebel dahinglitten, erblickten sie auf einmal einen Drachen, der laut schreiend in den Lüften hing. Guanyin näherte sich ihm und fragte: »Wer bist du, der du hier Qualen leidest?« »Ich bin der Sohn des Drachenkönigs Ao Run vom Westmeer«, antwortete der Drache. »Weil ich einst Feuer legte und dabei die Palastperle verbrannte, hat mich mein Vater beim Jadekaiser wegen mangelnder Kindesliebe angeklagt. Dieser hat mich in der Luft aufhängen und mit dreihundert Stockschlägen bestrafen lassen, und in wenigen Tagen droht mir die Todesstrafe. Helft mir, o Bodhisattva, helft mir!« Guanyin und Hui’an eilten zum Südlichen Himmelstor und ließen sich von den Himmelsmeistern Qiu und Zhang zum Jadekaiser führen. »Wir reisen auf Geheiß des Buddha gen Osten, wo wir einen Gläubigen finden sollen, der unsere heiligen Schriften holt«, hub Guanyin an. »Nun ist uns ein sündiger Drache begegnet, der in der Luft hängend sein Verbrechen büßt. Möge Eure Majestät ihn doch am Leben lassen und uns übergeben, damit er später dem Schriftenholer als Tragkraft dienen kann.« Unverzüglich ließ der Jadekaiser Himmelskrieger aussenden, den Drachen zu befreien und ihn der Bodhisattva anzuvertrauen. Guanyin dankte für die kaiserliche Huld und trat ab. Der junge Drache bedankte sich mit vielen Kotaus für die Lebensrettung, und Guanyin schickte ihn in eine Gebirgsschlucht, den Schriftenholer abzuwarten, um ihn später als weißes Pferd in den Westen zu geleiten. Wie er sich nun gehorsam verkroch, sei hier nicht weiter ausgeführt. Guanyin aber überquerte mit Moksa das Gebirge, und sie eilten weiter nach Osten. Es dauerte nicht lange, da gewahrten sie ein goldenes Licht, das ihnen in tausend Strahlen entgegenschimmerte und von glückverheißenden Dunstschleiern umspielt war. »Meisterin«, rief Moksa, »was dort drüben leuchtet, ist der Berg der Fünf Wandlungsphasen. Auf dem Gipfel sind Buddhas Schriftzeichen zu sehen. Hier wird der Himmelsebenbürtige Große Heilige festgehalten, der einst den Himmel in Aufruhr versetzte.« Sie setzten auf dem Berg ab und beschauten die Schrift. Es waren die sechs Schriftzeichen für »OM MANI PADME HUM«. Guanyin seufzte tief und sprach: »Ach, dass dieser üble Affe Nicht dem Wohle aller diente, Sondern tollkühn, unbelehrbar Nur als großer Held sich rühmte! Selber hat er sich geworfen In des Tathagatas Haft; Wann wird er wohl endlich frei, Zeigt von neuem seine Kraft?« Ihre Stimme hatte den Großen Heiligen längst aufgeschreckt. »Wer reimt da oben Gedichte über meine Makel?« schrie er von unten herauf. Guanyin stieg den Berg hinab und schaute suchend umher. Da erblickte sie unter einem felsigen Abhang den Erdgeist, den Berggott und einen Himmelswächter, welche sie sogleich ehrerbietig in Empfang nahmen und zum Großen Heiligen führten. Dieser war am Fuß des Berges in ein steinernes Verlies gesperrt, wo er zwar sprechen, sich aber nicht bewegen konnte. »Du mit Namen Sun!« rief Guanyin, »erkennst du mich?« Der Große Heilige sperrte seine golden flammenden Augen auf, nickte energisch und rief: »Und ob ich Euch erkenne! Ihr seid die Göttin von der Insel Potalaka im Südmeer, die in allumfassendem Erbarmen alle Wesen vom Leid erlöst, o Bodhisattva Guanyin! Dank sei Eurem Besuch! Ich verbringe hier meine Tage wie Jahre, ohne dass je ein Bekannter bei mir vorbeigeschaut hätte. Woher kommt Ihr denn?« »Ich bin im Auftrag Buddhas unterwegs in den Osten, um einen Gläubigen zu finden, der unsere Heiligen Schriften holt. Da mein Weg hier entlangführt, habe ich angehalten, um nach dir zu schauen.« »Dieser Buddha hat mich betrogen; mehr als fünfhundert Jahre sind vergangen, seit er mich unter diesen Berg gefangenhält, und ich kann noch immer nicht raus. Habt Erbarmen, Bodhisattva, befreit mich alten Sun!« »Nach den himmelschreienden Verbrechen, die du begangen hast, würdest du wohl nur noch mehr Unheil anrichten, wenn ich dich jetzt befreien würde. Damit wäre niemandem geholfen.« »Ich bereue meine Taten«, sprach der Große Heilige. »Bitte zeigt mir einen Weg, damit ich mich der Vervollkommnung widmen kann.« Diese Worte erfüllten Guanyin mit Freude. »Himmel und Erde kennen jeden Gedanken, der sich im Herzen regt«, erwiderte sie. »Wenn du also diesen Wunsch hegst, so warte ab, bis der Schriftenholer, den ich in dem großen chinesischen Kaiserreich finden werde, zu dir kommt. Ich werde dafür sorgen, dass er dich befreit. Du kannst sein Jünger werden und dich auf den buddhistischen Weg zur Erleuchtung begeben; was meinst du dazu?« »Ja, das will ich, das will ich!« rief der Große Heilige ein ums andere Mal. »So will ich dir nun einen Ordensnamen verleihen.« »Einen Ordensnamen habe ich schon, ich heiße Sun Wukong, ›der die Leerheit erkennt‹.« Erfreut sprach Guanyin: »Kürzlich habe ich zwei andere bekehrt und auch ihnen Ordensnamen mit der Silbe ›Wu‹ für ›erkennen‹ verliehen. Das passt ja bestens. Dann brauche ich dich ja nicht weiter zu unterweisen. Ich gehe.« Der Große Heilige erschaute sein wahres Wesen, erhellte sein Herz und widmete sich der buddhistischen Lehre. Guanyin aber führte in Barmherzigkeit die Suche nach dem heiligen Mönch weiter. In weniger als einem Tag kamen Guanyin und Moksa nach Chang’an, der Hauptstadt von China. Nachdem sie mit Moksa weiter ostwärts gezogen war, kamen sie in weniger als einem Tag nach Chang’an, der Hauptstadt von China. Hier traten sie aus Wolken und Nebel heraus und gingen als grindige Bettelmönche in die Stadt. Schon brach der Abend an, als sie am Rande einer breiten Marktstraße einen kleinen Erdgeist-Tempel fanden und eintraten. Wie erschraken aber dieser Erdgeist und seine Geisterkrieger, als sie die Bodhisattva erkannten! Mit Kotaus hießen sie Guanyin willkommen, und der Erdgeist meldete ihre Ankunft umgehend an den Stadtgott, den Altarmeister und sämtlichen Göttern und Geistern aller Tempel von Chang’an. Diese eilten nun allesamt zur Begrüßung herbei und riefen: »Vergebt uns, o Bodhisattva, dass wir es versäumt haben, Euch gebührend zu empfangen!« »Ihr dürft kein einziges Wort durchsickern lassen«, gebot Guanyin. »Ich bin im Auftrag des Buddha hier, um einen Gläubigen zu finden, der unsere Heiligen Schriften holt. Wir werden uns vorläufig einige Tage in diesem Tempel aufhalten. Sobald ich den Schriftenholer gefunden habe, werden wir zurückkehren.« Die Götter und Geister gingen zurück in ihre eigenen Tempel und schickten den Erdgeist vorübergehend in den Tempel des Stadtgottes, während Guanyin und Moksa in seinem Tempel ihre wahre Gestalt verbargen. Und da wir nicht wissen, was für einen Schriftenholer sie schließlich finden sollten, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第009回 / 9. Kapitel Beim Amtsantritt kommt Chen Guangrui in Not / Der Mönch vom Flusslauf rächt das alte Unrecht Die Geschichte geht weiter in Chang’an, der in den weiten Landen von Shanxi gelegenen »Stadt des Ewigen Friedens«, welche schon zahlreichen Kaisern und Königen als Hauptstadt gedient hatte. Seit den Dynastien Zhou, Qin und Han florierten hier die drei Bezirke wie Blumen auf Brokat, acht Flüsse schlängelten sich fruchtbar um die Stadt; fürwahr, es war ein weitum gerühmter Landstrich. Nun hatte zu jener Zeit der gebildete Kaiser Taizong der großen Tang-Dynastie den Thronsitz inne, seine Regierungsära trug den Namen Zhen’guan, und man zählte bereits das dreizehnte Jahr seiner Regentschaft, ein Jahr mit der kalendarischen Bezeichnung Yi- Si. Friede herrschte im ganzen Reich, die umliegenden Länder brachten Tribute ein, und alle Welt bekannte sich als Untertanen. Eines Tages, als Kaiser Taizong den Thron bestiegen und seine zivilen und militärischen Beamten versammelt hatte, trat nach beendetem Hofzeremoniell Kanzler Wei Zheng95 aus den Reihen und sprach: »Heutzutage ist Friede unter dem Himmel, und ringsum herrschen Ruhe und Ordnung. Am Hofe jedoch haben wir nun zahlreiche Generäle, doch mangelt es an Zivilbeamten. Daher möchte geringer Untertan den Vorschlag anbringen, nach altem Brauche erneut staatliche Beamtenprüfungen einzuführen, anhand derer begabte Männer rekrutiert und gefördert werden können. Untertänigst sei Heilige Majestät um Prüfung gebeten.« »Des Kanzlers Worte sollen gelten«, sprach der Kaiser. Er ließ ein Dekret zur öffentlichen Aushängung im ganzen Reich aufsetzen, in dem er bekanntgab, dass in sämtlichen Provinzen, Präfekturen und Gemeinden des Landes alle zur Karriere entschlossenen Gebildeten, ob aus dem Heer oder aus dem Volke, welche stilvolle und sinnreiche Aufsätze zu verfassen vermochten und in allen drei Prüfungsbereichen erfolgreich abgeschlossen hatten, ersucht würden, sich zum kaiserlichen Examen in Chang’an zu begeben. Erfolgreichen Absolventen werde ein Beamtenrang am Kaiserhof zuteil. Besagtes Dekret erreichte auch die Gegend von Haizhou, wo im Weiler Juxian der Gemeinde Hongnong ein junger Mann namens Chen lebte. Sein Vorname lautete E, »Kelch«, sein Mannesname Guangrui, »Glanzvoller Blütenstempel«. Als er eines Tages in die Stadt ging und die Bekanntmachung sah, kehrte er sogleich nach Hause zurück und berichtete seiner Mutter, deren Sippenname Zhang lautete: »Der Kaiser hat eine Bekanntmachung aushängen lassen, in der geschrieben steht, dass nun die Staatskanzlei Talentierten im ganzen Reiche offensteht. Euer Sohn möchte an der Prüfung teilnehmen. Denkt, ein Amt am Hofe, eine adelige Braut und zahlreiche Nachkommen! Das brächte unserem Hause Ruhm und Ehren. Dies zu erreichen ist Eures Sohnes Wunsch. Darum will ich Euch, Mutter, wissen lassen, dass ich die Reise antreten möchte.« »Hab acht unterwegs, mein Sohn«, mahnte ihn Mutter Zhang, »und komm so bald als möglich zurück, wenn du deinen Posten erhalten hast!« Guangrui ließ Diener das Gepäck herrichten und nahm noch am selben Tage von der Mutter Abschied. In weniger als einem Tagesmarsch kam er nach Chang’an, wo die großen Prüfungen gerade begannen. Guangrui betrat mit allen anderen Kandidaten den Saal und unterzog sich der Prüfung. Am Ende bestand er sogar bei den drei Aufsätzen der Palastprüfung, und so wurde ihm schließlich in persönlicher Handschrift des Kaisers die höchste Auszeichnung »Zhuangyuan«, Prüfungsbester, verliehen, worauf man ihn hoch zu Ross drei Tage lang durch die Straßen der Stadt führte. Der Zufall wollte es, dass er dabei am Hause des Kanzlers Yin Kaishan97 vorbeikam. Dieser Kanzler aber hatte eine Tochter, deren Namen Wenjiao, »Warm und Zierlich«, lautete; sie wurde auch Mantang Jiao, »der ganzen Halle Zier«, genannt. Sie war noch unvermählt und stand gerade auf dem festlich geschmückten Balkon, um nach altem Brauche einen bestickten Seidenball auszuwerfen, der ihren Zukünftigen bestimmen sollte. In diesem Augenblick ritt unten Chen Guangrui vorbei. Die junge Dame fühlte sich von seiner aus der Menge ragenden edlen Gestalt sofort angezogen, zudem war er ja der frisch gekrönte Zhuangyuan. Freude erfüllte ihr Herz, und sie warf den bestickten Ball nach unten, exakt auf die schwarze Beamtenkappe von Guangrui. Da erklangen Flöten und Mundorgeln, ein Dutzend Zofen eilten aus dem Haus, fassten Guangruis Pferd am Hals und baten den Prüfungsbesten in die Residenz des Kanzlers, wo man sogleich den Kanzler und seine Frau in die Halle bat, um den Gast mit dem erforderlichen Zeremoniell zu begrüßen. Dann verneigte sich die Tochter mit Guangrui vor Himmel und Erde, und nachdem sich die frisch Vermählten voreinander verbeugt hatten, erwies Guangrui auch Schwiegervater und Schwiegermutter seine Reverenz. Schließlich ließ der Kanzler die Festtafel bereiten, und man trank fröhlich in die Nacht hinein, bis das Paar Hand in Hand das Brautzimmer betrat. Tags darauf bestieg Kaiser Taizong um drei Viertel nach der fünften Nachtwache seinen Thron in der Audienzhalle, während alle zivilen und militärischen Hofbeamten dienstfertig herbeieilten. Da fragte der Kaiser: »Welches Amt soll der neue Prüfungsbeste Chen Guangrui antreten?« Minister Wei Zheng trat vor, verneigte sich und sprach: »Gemäß Untersuchungen ist in den untergebenen Präfekturen und Gemeinden nur in Jiangzhou ein Posten vakant. Eure Majestät sei gebeten, ihn dieses Amt bekleiden zu lassen.« Also ernannte Taizong Guangrui zum Präfekten von Jiangzhou und hieß ihn unverzüglich aufbrechen. Guangrui sprach seinen Dank aus, verließ den Kaiserpalast und kehrte ins Haus des Kanzlers zurück, wo er sich mit seiner Braut besprach. Schließlich verneigte er sich zum Abschied vor seinen Schwiegereltern, und die beiden traten die Reise zum Amt in Jiangzhou an. Beim Aufbruch herrschte in Chang’an angenehmes Frühlingswetter, eine laue Brise umspielte die grünenden Trauerweiden, und feiner Regen machte die roten Blumen leuchten. Guangrui wählte den Weg über sein Heimatdorf, um der Mutter seine Braut vorzustellen. Mutter Zhang freute sich und sprach: »Ich gratuliere dir, mein Sohn, dass du gar eine Gattin gefunden hast!« »Nur Mutters segnender Obhut ist es zu verdanken, dass Euer unwürdiger Sohn den bescheidenen Rang eines Zhuangyuan erlangte«, erwiderte Guangrui. Dann berichtete er: »Der Kaiser hat eine Parade durch die Stadt veranlasst, und dabei sind wir am Hause des Kanzlers Yin vorbeigekommen. Dieser hat seiner Tochter gewährt, Euer Kind zum Schwiegersohn zu erwählen. Vom Hofe habe ich die Erlaubnis, im Glanze der Amtstracht daheim einen Besuch abzustatten; außerdem bin ich zum Präfektvorsteher von Jiangzhou ernannt worden. Darum sind wir sogleich hierhergereist, um Euch abzuholen, auf dass wir gemeinsam zum neuen Amte reisen können.« Überglücklich rüstete sich Mutter Zhang zum Aufbruch. Nach mehreren Reisetagen bezogen sie eine Unterkunft in der Herberge der Zehntausend Blumen, die von einem Liu Xiao’er geführt wurde. Mutter Zhang fühlte sich auf einmal unpässlich und sagte zu Guangrui: »Ich möchte ein paar Tage hier Rast halten, bevor wir weiterziehen.« Am folgenden Morgen sah Guangrui vor der Herberge einen Mann, der einen goldenen Karpfen zum Verkauf ausrief. Er tauschte den Fisch gegen eine Schnur Kupferlinge und wollte ihn seiner Mutter zubereiten lassen. Doch da sah er plötzlich, wie der Karpfen mit den Augen zwinkerte. »Seltsam!« ging es ihm durch den Sinn, »sagt man nicht, wenn ein Fisch oder eine Schlange mit den Augen zwinkerten, müsse es sich um ein außergewöhnliches Wesen handeln?« Er wandte sich an den Verkäufer und fragte: »Woher kommt dieser Fisch?« »Aus dem Hongjiang, fünfzehn Meilen von hier«, war die Antwort.98 Da brachte Guangrui den Fisch zum Hongjiang und ließ ihn frei. Zurück in der Herberge, erzählte er seiner Mutter von der Begebenheit, und sie pflichtete ihm bei: »Gut, dass du dieses Lebewesen gerettet hast, mein Sohn.« »Nun wohnen wir schon drei Tage hier«, bemerkte Guangrui, »Eure Kinder möchten morgen aufbrechen.« »Ich fühle mich noch nicht bei Kräften«, meinte Mutter Zhang, »zur Zeit ist es so heiß, dass ich befürchte, unterwegs krank zu werden. Am besten wäre es, du würdest mir hier ein Zimmer mieten und etwas Geld zum Lebensunterhalt dalassen, dann könnt ihr beide vorangehen. Sobald der Herbst naht und es kühler wird, könntest du mich dann abholen kommen.« Nachdem sich Guangrui mit seiner Frau besprochen hatte, mietete er der Mutter ein Zimmer und ließ ihr ausreichend Geld zur Verpflegung zurück, dann verabschiedeten sie sich und setzten ihren Weg fort. Die Weiterreise erwies sich als äußerst anstrengend; mehrere Tage lang waren sie von früh bis spät unterwegs, bis sie endlich den Fährhafen des Hongjiang erreichten. Hier staken die zwei Fährmänner Liu Hong und Li Biao ihr Boot ans Ufer.99 Es war Guangrui aus seinem letzten Leben vorbestimmt, dass er das Unglück hatte, auf diese Widersacher zu stoßen. Denn nachdem er die Diener das Gepäck aufs Fährboot hatte tragen lassen und mit seiner Braut die Fähre bestieg, machte Liu Hong große Augen, als er das mondschöne Antlitz der jungen Braut erblickte. Herbstdunklen Wellen gleich erschienen ihm ihre sanften Augen, wie eine süße Kirsche ihr roter Mund, schlank wie Weidengerten ihre Hüften! Ob ihrer Schönheit mochten sich die Fische auf den Grund verziehen und die Wildgänse vom Himmel fallen; ja der Mond müsste sich vor ihr verhüllen und jede Blume in Scham versinken! In Liu Hong regte sich das Wolfsherz. Nachdem er sich heimlich mit Li Biao verabredet hatte, ruderten sie auf eine entlegene Stelle zu, und als es Mitternacht wurde, brachten sie erst die Diener um, erschlugen dann Chen Guangrui und stießen die Leichen ins Wasser. Da wollte sich die junge Frau in die Fluten stürzen, doch Liu Hong packte sie mit festem Griff und rief: »Wenn du dich fügst, wird dir nichts geschehen. Wenn nicht, so wirst du augenblicklich mit dem Säbel entzweigehauen!« In ihrer Verzweiflung sah die junge Frau keine andere Möglichkeit, als sich Liu Hong vorläufig zu fügen. Nun steuerte der Übeltäter das Boot dem Südufer zu und überließ es Li Biao, während er selbst sich mit Guangruis Amtstracht und Kappe kleidete, dessen Amtsurkunde an sich nahm und mit der jungen Frau in Jiangzhou den Dienst antrat. In der Zwischenzeit waren die Leichen der von Liu Hong ermordeten Diener im Strom dahingetrieben; Guangruis Körper jedoch war auf den Grund gesunken und dort liegen geblieben. Als ein patrouillierender Yaksa von der Mündung des Hongjiang ihn entdeckte, flitzte er unverzüglich zum Palast des Flussdrachen, wo der Drachenkönig gerade Audienz hielt. »Heute hat ein Unbekannter an der Mündung des Hongjiang einen Gelehrten erschlagen und die Leiche ins Wasser geworfen!« meldete er. Der Drachenkönig ließ sich die Leiche vorführen und betrachtete sie eingehend. »Das ist ja der Mann, der mich gerettet hat!« rief er plötzlich aus. »Wie konnte er nur erschlagen werden? Wohlan, der Volksmund sagt ›Gutes werde mit Gutem vergolten‹ – heute ist es an mir, ihm das Leben zu retten!« Umgehend verfasste er ein Edikt und sandte den Yaksa damit zum Stadtgott und zum Erdgeist von Hongzhou, um die Seele des Gelehrten anzufordern, dass sein Leben bewahrt bliebe. Nachdem der Stadtgott und der Erdgeist ihre Geisterdiener geschickt hatten, die Seele zu bringen, stattete der Yaksa im Kristallpalast dem Drachenkönig Bericht ab und legte die Seele auf den toten Körper des Gelehrten. In kürzester Zeit kam er zu Bewusstsein. Da fragte der Drachenkönig: »Wie lautet Euer Name, werter Magister? Wo seid Ihr gebürtig, und wie ist es gekommen, dass Ihr hier erschlagen wurdet?« Guangrui verbeugte sich respektvoll und sprach: »Verehrter Drachenfürst! Mein Name ist Chen E, mein Beiname Guangrui; ich stamme aus der Gemeinde Hongnong im Bezirk Haizhou. Unverdienterweise wurde ich kürzlich zum Zhuangyuan gekrönt und hatte die Ehre, das Amt des Präfekten von Jiangzhou übernehmen zu dürfen. Auf der Anreise aber, als ich mit meiner Gattin eine Fähre bestieg, begehrte Fährmann Liu Hong meine Frau, hat mich erschlagen und meinen Körper ins Wasser geworfen. Bitte rettet mich, Großer König; ich werde Eure Gnade bis ans Ende der Welt nicht vergessen!« »So hat sich das also zugetragen«, meinte der Drachenkönig, nachdem er alles angehört hatte. Dann sprach er: »Werter Herr, ich war der Goldkarpfen, den Ihr neulich freigelassen habt. Ihr seid mein großer Wohltäter. Heute ist es an mir, Euch aus der Not zu helfen.« Nun bettete er Guangruis Körper in eine Kammer und legte ihm eine Konservierungsperle in den Mund, damit sein Körper unbeschädigt erhalten bliebe und er sich später rächen könnte. »In der Zwischenzeit könnte Ihr in meinem Palast eine Stelle als Generalverwalter annehmen«, wies der Drachenkönig an. Guangrui dankte mit einem Stirnaufschlag. Wie ihn nun der Drachenkönig an die Festtafel bat, sei hier nicht weiter ausgeführt. Wenden wir uns stattdessen der jungen Frau Yin zu, die den Banditen Liu so abgrundtief hasste, dass sie ihn am liebsten zerfleischt hätte. Weil sie aber bereits eine Leibesfrucht trug und nicht wusste, ob es ein Mädchen oder ein Knabe sein würde, blieb ihr nichts anderes übrig, als sich vorerst leidlich anzupassen, bevor weitere Pläne in Betracht gezogen werden konnten. Inzwischen hatten sie Jiangzhou erreicht, wo Beamte und Büttel zum Empfang bereitstanden und die dem neuen Präfekten unterstellten Beamten ein Bankett gaben, damit man sich kennenlernen konnte. »Geringer Scholar wird sich hier auf die großzügige Unterstützung der verehrten Herrschaften verlassen müssen«, sprach Liu Hong, und die anwesenden Beamten erwiderten höflich: »Gewiss werdet Ihr das Volk wie Eure eigenen Söhne betrachten und bestrebt sein, die Anklagen zu verringern und die Strafen zu mildern; dies wird uns allen zur Ehre gereichen. Wozu also übergroße Bescheidenheit?« Schließlich war das Amtsbankett zu Ende, und man ging auseinander. Die Zeit verging wie im Fluge. Eines Tages, als Liu Hong sich gerade auf einer Dienstreise befand, weilte die junge Frau im Gartenpavillon der Amtsresidenz und gedachte seufzend ihres Gatten. Auf einmal wurde sie von bleierner Müdigkeit überfallen, ihr Bauch schmerzte, und schließlich sank sie bewusstlos zu Boden und gebar, ohne es zu merken, einen Sohn. Gleichzeitig vernahm sie eine dringliche Stimme dicht an ihrem Ohr: »Mantang Jiao! Höre, was ich dir sage: Ich bin der Sternfürst vom Südpol und bringe dir diesen Sohn auf Geheiß der Bodhisattva Guanyin. Er wird großen Ruhm erlangen, denn er ist kein gewöhnlicher Mensch. Wenn der Bandit Liu zurück ist, wird er das Kind töten wollen; du musst es beschützen. Dein Gatte aber ist vom Drachenkönig gerettet worden, und der Tag wird kommen, an dem ihr alle, Gatte und Gattin, Mutter und Kind, euch wiederfinden werdet und euch gemeinsam für das erlittene Unrecht rächen könnt. Präge dir meine Worte ein. Und nun wach auf! Schnell, wach auf!« Die Stimme verstummte, die junge Frau kam wieder zu Bewusstsein und erinnerte sich an jedes Wort. Fest nahm sie das Kind in die Arme und wusste nicht, was sie tun sollte. Plötzlich kam Liu Hong zurück, und kaum hatte er das Kind erblickt, wollte er es ertränken. Da flehte die junge Frau ein ums andere Mal: »Ach, heute ist es doch zu spät! Lasst es mich morgen in den Fluss werfen!« Glücklicherweise musste Liu Hong am folgenden Morgen abermals auf eine längere Dienstreise. Da nahm die junge Frau das Kind zu sich und nährte es einen Monat lang an der Brust. Schließlich überlegte sie: »Wenn der Schurke diesmal zurückkommt, ist es um das Leben des Kindes geschehen. Lieber will ich es frühzeitig im Fluss aussetzen und es dem Schicksal anvertrauen. Allein, wie soll ich es je wiedererkennen, falls denn der Himmel sich seiner erbarmen sollte, dass jemand es aufzieht und wir uns wieder begegnen?« Da biss sie sich den Finger blutig und schrieb mit dem Blut die Namen des Vaters und der Mutter auf ein Stück Papier, außerdem notierte sie ausführlich die Gründe ihrer Handlung. Als Erkennungszeichen biss sie zuletzt die linke kleine Zehe des Säuglings ab. Dann wickelte sie das Kind in ihr Unterhemd und trug es aus dem Hause, das glücklicherweise unweit des Flusses lag. Am Ufer weinte sie lange. Als sie schließlich das Kind ins Wasser werfen wollte, sah sie plötzlich am Ufer eine Holzplanke aus dem Wasser auftauchen. Sie war überglücklich; das musste doch ein Zeichen des Himmels sein, dass dem Kind Rettung zuteil würde! Betend faltete sie die Hände zum Himmel. Dann band sie das Kind mit einem Riemen auf das Brett, steckte ihm das Blutschreiben vor die Brust, stieß es vom Ufer ab und überließ es seinem Schicksal. Wie sie daraufhin laut weinend zurückging, sei hier nicht weiter ausgeführt. Das Kind aber trieb auf der Holzplanke stromabwärts, bis es vor dem Kloster zum Goldberg zu stranden kam. Der Abt jenes Klosters, Faming genannt, war auf dem Weg der Vervollkommnung bereits zur Erleuchtung gelangt und wusste um das wundervolle Geheimnis des ewigen Seins. An jenem Tage nun saß er gerade in stiller Meditation, als plötzlich das Wimmern eines Kindes an sein Ohr drang. In einer unmittelbaren Regung ging er zum Fluss und fand den auf einer Holzplanke schlafenden Säugling. »Meine Güte, meine Güte!« wunderte er sich, »wer mag dieses Kind ausgesetzt haben? Uns Mönchen ist Barmherzigkeit das oberste Gesetz; ein Menschenleben zu retten ist verdienstvoller, als eine Stupa zu errichten.« Als er das Kind an sich nahm, fiel sein Blick auf das Blutschreiben, und so erfuhr er von dessen Herkunft. Da verlieh er ihm den vorläufigen Säuglingsnamen »Flusslauf« und gab es einer Amme in Pflege, während er das Schreiben sorgfältig aufbewahrte. Die Zeit verging wie im Fluge, viele Tage und Monate waren wie Webschiffchen dahingesaust, und schon erreichte der Knabe sein achtzehntes Lebensjahr. Da hieß ihn der Abt die Tonsur scheren und sich der religiösen Lebensführung widmen, verlieh ihm den Ordensnamen Xuanzang, segnete ihn und lehrte ihn die Gebote, mit der Aufforderung, sich mit festem Willen der religiösen Vervollkommnung zu widmen. Eines schönen Frühlingstages, als sich die Mönche des Klosters im Schatten der Kiefern niedergelassen hatten, um über die Heiligen Schriften zu meditieren und die tiefen Geheimnisse der Welt zu erörtern, sah sich ein grobschlächtiger Mönch von Xuanzangs Argumenten in die Enge getrieben und rief schließlich wütend: »Du elternloser Bastard! Ich bin viel älter als du, habe in meinem Leben schon mehr Salz gegessen als du Reis! Du brauchst mir gar nichts weismachen zu wollen. Du weißt ja nicht mal, wie du heißt, kennst nicht mal deine Eltern, was trollst du dich eigentlich hier herum?« Mit solchen Worten bescholten, lief Xuanzang hinein, kniete vor seinem Meister nieder und schluchzte: »Es wird doch der Mensch zwischen Himmel und Erde geboren, folgt den Gesetzen von Yin und Yang und nährt sich an den Fünf Elementen. Alle werden doch von Vater und Mutter gezeugt und erzogen; es kann doch nicht sein, dass jemand auf Erden lebt, der keine Eltern hat?« Und er bat inständig, die Namen seiner Eltern zu erfahren. »Wenn du wirklich nach deinen Eltern suchen willst«, sagte Faming schließlich, »dann komm mit mir in die Abtei.« Xuanzang folgte dem Meister in die Abtei. Von einem großen Dachbalken holte Faming ein Kästchen herunter, entnahm das mit Blut beschriftete Papier und das Hemd und überreichte beides Xuanzang. Dieser faltete den Brief auseinander, las die Namen seines Vaters und seiner Mutter und erfuhr von dem geschehenen Unrecht. Da sank er in Tränen aufgelöst zu Boden und rief: »Wie kann ich weiterleben, ohne diese Untat gerächt zu haben? Achtzehn Jahre lang wusste ich nichts von meinen eigenen Eltern, und jetzt weiß ich endlich, dass ich eine Mutter habe! Und hättet nicht Ihr, Meister, für mich gesorgt, wer weiß, was aus mir geworden wäre? Euer Jünger will jetzt seine Mutter aufsuchen gehen. Später will ich Euch zu Ehren mit einer Räucherschale auf dem Haupte eine neue Klosterhalle errichten lassen, um Eure große Güte zu vergelten!« »Nimm den Brief und das Hemd«, sprach Faming, »und wandere als Bettelmönch bis zum Amtshaus von Jiangzhou. Dort wirst du deine Mutter finden.« Xuanzang hielt sich an des Meisters Anweisung und wanderte als Bettelmönch nach Jiangzhou. Das Schicksal wollte es, dass Liu Hong dienstlich abwesend war. Xuanzang ging mit seiner Almosenschale direkt zum Amtsgebäude, wo die Witwe Yin in Gedanken versunken im Hause saß, denn in der Nacht war ihr im Traume eine Mondsichel erschienen, die zum Vollmond wurde. Nun sann sie: »Mein Gatte ist von diesem Schurken ermordet worden, und meinen Sohn habe ich im Fluss ausgesetzt. Sollte sich wirklich jemand meines Sohnes angenommen haben, dann müsste er jetzt schon achtzehn Jahre alt sein. Ob uns vielleicht der Himmel heute zusammenführt? Ach, wer kann das wissen …« Mitten in ihrer Schwermut hörte sie draußen jemanden Gebete rezitierend um Almosen bitten. Da trat sie hinaus und fragte: »Woher kommt Ihr?« »Geringer Mönch kommt vom Kloster zum Goldberg und ist dort Jünger des Abtes Faming.« »Nun, wenn Ihr ein Jünger des Abtes vom Goldberg seid, dann kommt doch herein und setzt Euch.« Sie stellte Xuanzang fleischlose Gerichte auf und betrachtete ihn eingehend. Seine Rede und sein Auftreten waren genau wie das ihres Gatten. Nachdem sie sich vergewissert hatte, dass niemand anderes im Raum sei, hub die Witwe an: »Junger Meister, seid Ihr von klein auf Mönch geworden oder erst als Erwachsener? Wie heißt Ihr mit Namen? Habt Ihr Eltern?« »Eigentlich bin ich weder als Kind noch als Erwachsener Mönch geworden. Es ist eine lange Geschichte, ein himmelschreiendes Unrecht, und mein Abscheu darob ist so abgrundtief wie der Ozean. Mein Vater ist erschlagen worden und meine Mutter in den Besitz eines Banditen gefallen. Mein Meister, der Abt Faming, hat mich geheißen, im Amtshaus von Jiangzhou nach meiner Mutter zu suchen.« »Wie heißt denn Eure Mutter?« »Meine Mutter heißt Yin, mit Vornamen Wenjiao; mein Vater heißt Chen, mit Vornamen Guangrui. Ich selbst heiße mit Kindesnamen ›Flusslauf‹, der Ordensname ist Xuanzang.« »Wenjiao bin ich«, sprach da die Frau. »Doch was habt Ihr zum Beweis?« In Tränen aufgelöst fiel Xuanzang auf die Knie und rief flehend: »Mutter, glaubt mir, ich habe den Brief und das Hemd!« Als Wenjiao die Sachen sah, fielen sich Mutter und Sohn schluchzend in die Arme. Doch gleich darauf rief sie: »Geh bloß schnell weg, mein Sohn!« »Achtzehn Jahre lang habe ich nichts von meinen Eltern gewusst, und nun soll ich schon wieder aufbrechen, kaum dass ich meine Mutter gefunden habe?« rief Xuanzang. »Lauf, so schnell du kannst, mein Sohn! Wenn der Schurke Liu zurückkommt, wird er dir nach dem Leben trachten. Morgen werde ich eine Erkrankung vortäuschen und sagen, ich hätte einst gelobt, hundert Paar Mönchsschuhe zu spenden, darum müsste ich in ein Kloster gehen, das Versprechen einzulösen. Dann werden wir Zeit haben, miteinander zu sprechen.« Da verbeugte sich Xuanzang zum Abschied und ging. Nachdem die Witwe ihren Sohn gesehen hatte, war sie gleichzeitig von Glück und Trauer erfüllt. Sie stellte sich krank, rührte weder Speise noch Trank an und legte sich nieder. Als Liu Hong heimkehrte und nach dem Grund fragte, antwortete sie: »Als ich klein war, habe ich einst im Gebet gelobt, einem Kloster hundert Paar Mönchsschuhe zu spenden. Nun träumte mir vor fünf Tagen, ein Mönch käme mit gezücktem Messer auf mich zu und forderte die Schuhe an. Seither ist mir unwohl.« »So eine Kleinigkeit!« rief Liu Hong, »warum hast du das nicht früher gesagt?« Er ging in die Diensthalle und befahl seinen Bütteln Wang und Li, hundert Familien von Jiangzhou zu beauftragen, innerhalb von fünf Tagen je ein Paar Mönchsschuhe und ein Paar leichte Socken anzufertigen. Binnen gesetzter Frist war alles beisammen. »Da nun die Schuhe bereit sind«, meinte die Witwe, »könnt Ihr mir sagen, in welches Kloster ich sie bringen soll?« »In der Nähe von Jiangzhou gibt es das Kloster zum Goldberg und das Kloster zum Rußberg. Wähle selbst, in welches du gehen willst.« »Schon lange habe ich viel Gutes vom Goldberg-Kloster gehört. Dann will ich dorthin gehen.« Liu Hong ließ Wang und Li ein Boot bereitstellen, die Witwe setzte sich mit einer Vertrauensperson hinein, der Schiffer stach vom Ufer ab, und sie trieben dem Kloster zum Goldberg entgegen. Xuanzang aber war ins Kloster zurückgekehrt, wo er Abt Faming alles berichtet hatte. Dieser freute sich sehr. Tags darauf erschien vorab eine Zofe, ihre Herrin anzumelden, welche im Tempel ein Gelübde einzulösen gedenke. Alle Mönche traten zum Empfang vor das Portal. Die Witwe trat ein, schritt auf die Statuen der Bodhisattvas zu, verneigte sich tief und brachte eine großzügige Spende dar. Anschließend hieß sie ihre Zofen, die Schuhe und Sommersocken auf Tabletts in die Zeremonienhalle zu tragen. Dort huldigte sie abermals in stiller Andacht den Buddhas. Dann ließ sie Abt Faming die Sachen an alle Mönche verteilen, worauf diese sich entfernten. Als Xuanzang sah, dass alle gegangen waren und sich niemand mehr in der Zeremonienhalle aufhielt, kniete er vor seiner Mutter nieder. Sie aber hieß ihn Schuhe und Strümpfe ausziehen und sah nun, dass wirklich an seinem linken Fuß die kleine Zehe fehlte. Sogleich fielen sie sich abermals weinend in die Arme. Anschließend verneigten sie sich vor dem Abt und dankten ihm für die Güte, Xuanzang aufgezogen zu haben. »Nun, da ihr einander wiedergefunden habt, müsst ihr euch davor hüten, dass der Bandit davon erfährt«, mahnte dieser. »Am besten kehrt Ihr rasch nach Hause zurück, damit kein Unheil geschieht.« »Mein Sohn«, sprach die Witwe, »ich gebe dir diesen Armreif aus Sandelholz. Nimm ihn und gehe zur Herberge der Zehntausend Blumen, die sich etwa 1500 Meilen nordwestlich des Hongjiang befindet. Wir haben dort die alte Mutter Zhang zurückgelassen, die leibliche Mutter deines Vaters. Außerdem will ich dir einen Brief an deinen Großvater mitgeben, den Kanzler Yin Kaishan, der in der Reichshauptstadt links vom Kaiserpalast wohnt. Überreiche ihm diesen Brief und sage ihm, er möge den Kaiser in Kenntnis setzen, damit er Truppen entsende und dem Banditen den Garaus mache, auf dass wir das Leid deines Vaters vergelten können. Erst dann kannst du deine Mutter befreien. Nun will ich mich nicht länger aufhalten, sonst könnte mir der Bandit die Verspätung übelnehmen.« Xuanzang schluchzte und wollte sich nicht von ihr trennen. Vor der Abfahrt mahnte seine Mutter noch einmal: »Merke dir alles, was ich gesagt habe. Und mache dich auf den Weg, so schnell du kannst, es ist keine Zeit zu verlieren.« Nun ging sie aus dem Kloster, stieg ins Boot und entschwand seinen Blicken. Weinend kehrte Xuanzang ins Kloster zurück. Nachdem er seinem Meister alles berichtet hatte, verneigte er sich zum Abschied vor ihm und trat seine Reise nach Hongzhou an. Als er bei der Herberge der Zehntausend Blumen angekommen war, erkundigte er sich beim Gastwirt Liu Xiao’er und sprach: »Vor langer Zeit war bei Euch einst ein Beamter namens Chen zu Gast, der seine Mutter in der Herberge zurückgelassen hat. Geht es ihr gut?« »Ja, früher war sie in meiner Herberge«, meinte Liu Xiao’er. »Irgendwann aber ist sie erblindet und hat drei, vier Jahre lang kein Zimmergeld mehr bezahlt. Heute haust sie in einem verfallenen Ziegelofen am Südtor und geht jeden Tag zum Betteln auf die Straße. Es ist lange her, dass jener Beamte abgereist ist. Nie ist eine Nachricht gekommen; keiner weiß, warum.« Xuanzang hatte genug gehört. Er fragte sogleich nach dem Weg zum Ziegelofen am Südtor, und dort fand er seine Großmutter. »Deine Stimme klingt wie die meines Sohnes Chen Guangrui«, sprach sie. »Ich bin nicht Chen Guangrui, ich bin sein Sohn. Wenjiao ist meine Mutter.« »Warum sind deine Eltern nicht gekommen?« »Mein Vater wurde erschlagen und meine Mutter von dem Banditen in Besitz genommen.« »Wie hast du dann zu mir gefunden?« »Meine Mutter hat mich beauftragt, Euch zu suchen, Großmutter. Ich habe hier einen Brief und einen Armreif von ihr.« Das Mütterchen nahm Brief und Armreif in die Hände und weinte hemmungslos. »Mein Sohn ist seiner Laufbahn wegen hierhergekommen, und da glaubte ich immer, er hätte seine Mutter schändlich im Stich gelassen. Dabei ist er einem Attentat zum Opfer gefallen! Zum Glück hat der Himmel sich erbarmt und lässt mich nicht ohne Nachkommen, so dass heute mein Enkel mich besucht.« »Warum seid Ihr denn erblindet, Großmutter?« fragte Xuanzang. »Ich habe mir so Sorgen gemacht um deinen Vater und mich alle Tage nach ihm gesehnt und vergeblich gewartet. Vom vielen Weinen sind mir die Augen ganz trüb geworden.« Da trat Xuanzang aus dem Hüttchen und betete zum Himmel: »Nun bin ich, Xuanzang, achtzehn Jahre alt, ohne dass ich mich bisher für das Leid meiner Eltern rächen konnte. Heute, da ich auf meiner Mutter Geheiß meine Großmutter gefunden habe, möge ihr der Himmel das Augenlicht wieder schenken, zum Zeichen, dass er des Jüngers aufrichtiges Ansinnen erhört!« Dann ging er in den Ziegelofen zurück und reinigte seiner Großmutter mit der Zungenspitze die Augen. Bald waren ihre Augen klar, und sie konnte wieder sehen wie zuvor. Die Großmutter beäugte nun den jungen Mönch und sagte: »Du bist in der Tat mein Enkel, gleichst meinem Sohn Guangrui aufs Haar!« Sie war glücklich und traurig zugleich. Xuanzang führte sie wieder zur Herberge von Liu Xiao’er, mietete ihr ein Zimmer und gab ihr Geld für den Unterhalt. »In etwas mehr als einem Monat bin ich wieder da«, versprach er. Nachdem er sich verabschiedet hatte, reiste er zur Hauptstadt, wo er an der Straße östlich des Kaiserpalastes die Residenz von Kanzler Yin fand. Zum Torhüter sagte er: »Geringer Mönch ist ein Verwandter dieses Hauses und möchte den Herrn Kanzler besuchen.« »Ich habe keine Mönche in der Verwandtschaft«, meinte der Kanzler, als der Torhüter seine Ankunft meldete. Da meinte seine Frau: »Gestern habe ich geträumt, unsere Tochter Mantang Jiao würde uns besuchen. Könnte es etwa sein, dass wir Nachricht vom Schwiegersohn erhalten?« Der Kanzler ließ den jungen Mönch in die Halle bitten. Als dieser den Kanzler und dessen Gattin erblickte, fiel er weinend auf die Knie, zog den Brief aus seiner Brusttasche und überreichte ihn dem Kanzler. Dieser öffnete ihn, und nachdem er zu Ende gelesen hatte, brach er in Tränen aus. »Was ist denn geschehen, mein Gatte?« fragte seine Frau. »Der Mönch ist unser Enkel! Unser Schwiegersohn Guangrui ist erschlagen und Mantang Jiao von einem Banditen geraubt worden.« Seine Frau brach in bitteres Schluchzen aus. Schließlich sprach der Kanzler: »Beruhige dich. Morgen früh werde ich die Sache dem Kaiser melden. Ich werde persönlich Truppen anführen und unseren Schwiegersohn rächen.« Am nächsten Morgen machte der Kanzler bei Throne folgende Eingabe: »Der Schwiegersohn Eures Untertans, Prüfungsbester Chen Guangrui, wurde auf der Reise, die er mit der Tochter unseres Hauses angetreten hatte, von Fährmann Liu Hong erschlagen. Selbiger raubte unsere Tochter, gab sich als Schwiegersohn aus und agierte jahrelang fälschlich als Beamter. Dieser Fall ist von großer Tragik. Möge Eure Majestät baldmöglichst Truppen aussenden, diesem Banditen das Handwerk zu legen.« Der Kaiser war sehr aufgebracht, als er diese Eingabe gelesen hatte. Auf der Stelle ließ er sechzigtausend Krieger der Palastgarde bereitstellen und übergab dem Kanzler das Kommando. Dieser trat ab und begab sich sogleich ins Kasernenareal, wo er die Soldaten einberief und umgehend gegen Jiangzhou marschieren ließ. Nach mehreren anstrengenden Tagesmärschen hatten sie Jiangzhou erreicht, und Kanzler Yins Truppen schlugen am Nordufer ihr Feldquartier auf. Mitten in der Nacht wurde ein Eilbote aus dem Volk mit einem Holztäfelchen mit Goldinschrift100 ausgeschickt, den Subpräfekten und den Richter von Jiangzhou zu benachrichtigen. Kanzler Yin informierte beide über den Vorfall und hieß sie mit Soldaten beistehen. Dann überquerten alle gemeinsam den Fluss, und noch vor Tagesanbruch hatten sie die Residenz von Liu Hong umzingelt. Eine Kanonensalve schreckte Liu Hong aus dem Traum, als das Heer schon unter ohrenbetäubenden Gong- und Trommelwirbeln das Gebäude stürmte. Liu Hong, der sich in der Eile nicht wehren konnte, war sofort verhaftet. Kanzler Yin befahl, Liu Hong und seinen Mittäter gefesselt auf den Richtplatz zu führen, und hieß die Truppen ins Feldlager am Stadtrand zurückkehren. Der Kanzler setzte sich nun in der Haupthalle des Yamen101 nieder und ließ seine Tochter rufen. Diese wollte gerade erscheinen, als sie in plötzlicher Scham, ihrem Vater unter die Augen zu treten, ein Seil ergriff und sich erhängen wollte. Als Xuanzang davon erfuhr, stürzte er hinein und befreite seine Mutter, dann fiel er vor ihr auf die Knie und rief: »Euer Sohn ist mit Großvaters Truppen hierhergekommen, um Vaters Leid zu rächen; der Bandit ist bereits festgenommen. Wie könnt Ihr jetzt den Tod suchen, Mutter? Wie könnte Euer Kind denn weiterleben, wenn seine Mutter gestorben wäre?« Da trat auch der Kanzler herein und sprach ihr gut zu. »Es heißt doch, dass eine Frau ihrem Gemahl bis ans Lebensende treu bleiben muss! Wie hätte ich je, noch in Trauer um meinen Mann, dem Mörder folgen dürfen? Nur weil ich damals die Frucht im Leibe trug, ist mir nichts anderes übriggeblieben, als schändlich weiterzuleben. Wie kann ich nun, da mein Sohn erwachsen ist und mein alter Vater mit Heerestruppen das Unrecht vergolten hat, noch das Gesicht haben, meinem Vater vor Augen zu treten? Nur durch meinen Tod kann ich mich meinem Gemahl noch verbindlich zeigen!« »Mein Kind, du hast doch nicht eigennützig der moralischen Verpflichtung entsagt; alles hat sich wider unser Vermögen ereignet. Es besteht kein Grund zur Scham!« Weinend fielen sich Vater und Tochter in die Arme, auch Xuanzang war tief ergriffen. Schließlich wischte sich der Kanzler die Tränen ab und sprach: »Nun braucht ihr euch keine Sorgen mehr zu machen, ich habe den Schurken verhaftet und werde mich um seine Verurteilung kümmern.« Er erhob sich und ging zum Richtplatz. Hier trafen die vom Subpräfekten ausgeschickten Wachen mit dem Flusspiraten Li Biao ein. Befriedigt hieß der Kanzler die Wächter, Liu Hong und Li Biao vorzuführen und jedem hundert schwere Stockschläge zu verabreichen, worauf in einem Verhör der Hergang der Ermordung von Chen Guangrui niedergeschrieben wurde. Nun wurde zuerst Li Biao auf einen hölzernen Esel gefesselt durch die Marktstraße geführt, dann wurde er zerstückelt und sein Kopf zur Warnung aufgehängt. Anschließend schleppte man Liu Hong zum Fährübergang am Hongjiang, wo er ehemals Chen Guangrui ermordet hatte. Der Kanzler, seine Tochter und Xuanzang traten ans Ufer und gedachten zum Himmel betend des Toten, dann riss man Liu Hong bei lebendigem Leibe Herz und Leber heraus und brachte sie Guangrui zum Opfer dar, während gleichzeitig auch ein Opferschreiben verbrannt wurde. Die bittere Klage der drei Menschen am Ufer war längst in den Kristallpalast gedrungen, wo ein patrouillierender Yaksa dem Drachenkönig das Opferschreiben brachte, worauf dieser umgehend einen Schildkrötenmarschall zu Guangrui sandte. Dann wandte er sich an Guangrui und sprach: »Gratuliere, mein Herr, gratuliere! Heute sind Eure Frau, Euer Sohn und Euer Schwiegervater oben am Ufer und bringen Euch Opfer dar. Ich werde Euch nun Eure Seele zurückgeben. Dazu gebe ich Euch als Geschenk eine wunscherfüllende Zauberperle, zwei Kugelperlen, zehn Ballen von Meerjungfrauen gewobene Seidengaze und einen Jadegürtel mit Perlenschmuck. Gleich werdet Ihr mit Frau und Kind vereint sein.« Guangrui bedankte sich ein ums andere Mal mit Stirnaufschlägen. Nun befahl der Drachenkönig dem Yaksa, Guangrui aus dem Fluss zu führen. Im Gedenken an ihren Gatten wollte sich die Witwe Yin gerade zum zweiten Mal in den Tod stürzen, doch der bestürzte Xuanzang hielt sie mit allen Kräften zurück. Mitten in dem Tumult gewahrten sie plötzlich an der Wasseroberfläche eine Leiche, die ans Ufer trieb. Sofort lief die Witwe hin, erkannte ihren Gatten und brach umso mehr in lautes Heulen aus. Alle eilten herbei und bemerkten nun, wie Guangruis Hände und Füße sich streckten und sein Körper sich zu regen begann. Mit einem Mal stemmte er sich hoch und setzte sich vor den entsetzten Blicken der Umstehenden ans Ufer. Wie Guangrui nun die Augen öffnete, sah er seine Frau, seinen Schwiegervater Kanzler Yin und einen jungen Mönch weinend um ihn herumstehen. »Warum seid ihr hier?« fragte er erstaunt. »Weil du einst von einem Banditen erschlagen wurdest, ich dann diesen Sohn gebar, der zum Glück vom Abt des Goldberg-Klosters aufgezogen worden ist«, berichtete die Witwe. »Als er dann groß war, fand er zu mir, und ich habe ihn meinen Vater aufsuchen lassen, der die Sache vor den Thron brachte, mit Truppen hierhergezogen ist und den Banditen festgenommen hat. Eben haben wir dem Banditen bei lebendigem Leibe Herz und Leber entrissen und für dich, mein Gatte, gebetet. Wie kam es nur, dass du wieder ins Leben gefunden hast?« Da sprach Guangrui: »Einzig und allein, weil ich damals bei der Herberge der Zehntausend Blumen jenen goldenen Karpfen gekauft und freigelassen habe. Wer hätte je gedacht, dass der Karpfen niemand anderes war als der ortsansässige Drachenkönig! Als ich dann von dem Banditen ins Wasser geworfen wurde, war er es, der mich gerettet hat. Eben hat er mir meine Seele zurückgegeben und mir diese Sachen geschenkt, die ich bei mir habe. Nie hätte ich gedacht, dass du diesen Sohn gebarst und dass der Kanzler für mich das Unrecht vergelten würde. Wohlan, das ist, was mit dem Wort gemeint: Auf Bitternis folgt Süße! Welch eine übergroße Freude!« Als die Beamten die Neuigkeiten erfahren hatten, kamen sie alle herbei, um sie zu beglückwünschen. Der Kanzler ließ zum Dank ein großes Festmahl mit reichlich Wein auftischen, um sich bei seinen Untergebenen zu bedanken. Noch am selben Tage machten sie sich mit den Truppen auf den Rückweg. Unvermerkt hatten sie bereits die Herberge der Zehntausend Blumen erreicht, wo der Kanzler befahl, ein Feldlager aufzuschlagen. Guangrui begab sich zusammen mit Xuanzang in Lius Herberge, die alte Mutter aufzusuchen. Diese hatte in der Nacht geträumt, dass ein verdorrter Ast erblühte und hinterm Haus glückbringende Elstern aufgeregt krächzten. Da murmelte sie vor sich hin: »Könnte es sein, dass heute mein Enkel zurückkommt?« Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, als draußen Guangrui mit seinem Sohn auftauchte. »Seht, da ist meine Großmutter!« rief der Mönch. Als Guangrui seine alte Mutter sah, warf er sich ihr zu Füßen. Dann umarmten sich die beiden weinend und erzählten einander alles, was geschehen war. Man bezahlte noch die ausstehende Zimmermiete und ging schließlich zum Kanzler zurück, der sogleich zum Aufbruch rief. Nachdem er für Guangruis Mutter und Gattin eine Kutsche mit gepolsterten Rädern bereitgestellt hatte, kehrten alle zusammen in die Hauptstadt zurück. Als der Kanzler seine Residenz betrat, folgten ihm auch Guangrui mit seiner Gemahlin, seiner Mutter und Xuanzang, und alle begrüßten des Kanzlers Gattin. Überglücklich beauftragte diese ihre Diener, zur Feier der frohen Ereignisse ein großes Festmahl herzurichten. »Unser heutiges Festmahl soll das ›Wiedervereinigungsbankett‹ heißen«, sprach der Kanzler. Das war nun wahrhaftig eine glücklich vereinte Familie! Tags darauf hielt der Kaiser seine morgendliche Audienz, als Kanzler Yin aus den Reihen trat, den höfischen Stirnaufschlag vollführte und ausführlich berichtete, was sich ereignet hatte. Gleichzeitig empfahl er Guangrui als Mann mit großer Begabung. Der Kaiser gab sein Einverständnis und erhob Guangrui in den Stand eines Hofgelehrten der Kaiserlichen Akademie, mit direkter Beteiligung in der kaiserlichen Regierung. Xuanzang fasste den Entschluss, sich in Ruhe der religiösen Übung zu widmen, und wurde im Hongfu-Si, dem »Kloster zum Großen Segen«, untergebracht. Die Dame Yin führte fortan glücklich ein zufriedenes Leben. Xuanzang aber reiste noch alleine zum Goldberg-Kloster, wo er sich bei seinem Meister Faming erkenntlich zeigte. Und da wir nicht wissen, wie sich die Geschichte weiter entwickelte, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第010回 / 10. Kapitel Ein Drachenkönig widersetzt sich dem Gesetz des Himmels / Per Totenbrief beordert Wei Zheng einen Höllendiener Wie Guangrui fortan beflissen sein Amt verrichtete und Xuanzang sich der religiösen Lebensführung widmete, sei einstweilen dahingestellt. Stattdessen wollen wir uns nun zwei weisen Männern zuwenden, die am Rande der Reichshauptstadt nahe dem Fluss Jing lebten. Der eine war ein alter Fischer namens Zhang Shao, der andere war Holzfäller und hieß Li Ding. Beide besaßen durchaus die hohe Bildung eines Jinshi, obschon sie nie an den Staatsprüfungen teilgenommen hatten; es waren sozusagen gelehrte Bergler. Eines Tages, nachdem die Holzbündel auf der Schulter und die Karpfen im Korbe verkauft waren, gönnten sich die beiden in einer Schenke vor der Stadt einen Trunk und schlenderten anschließend angeheitert am Ufer des Jingflusses heimwärts. »Bruder Li«, meinte Zhang Shao unterwegs, »mir will doch scheinen, dass jene, denen nur an Ruhm und Ehre gelegen ist, letztlich im Ruhme ihren Leib zuschande richten. Und Leute, die immer bloß auf den Nutzen bedacht sind, werden am Ende aus lauter Profitgier sich selbst vergessen. Wer einen Fürstentitel hat, schläft doch wie mit einem Tiger am Busen; wer bei einer Machtperson in Gunst steht, geht doch wie mit Schlangen im Ärmel! So bedacht, geht’s denen eigentlich längst nicht so gut wie uns, die wir hier am klaren Wasser in grünen Bergen schweifen, frei und ungebunden, mit wenigem zufrieden, sorglos im großen Lauf der Dinge wandelnd!« »Recht hast du, Bruder Zhang!« pflichtete ihm der andere bei. So gingen die beiden plaudernd weiter, bis sie an eine Weggabelung kamen und die Hände zum Abschiedsgruß erhoben. »Sei vorsichtig, Bruder Li, nimm dich vor den Tigern in Acht«, meinte Zhang Shao noch. »Wenn dir was geschieht, dann wäre morgen, wie man so sagt, ›ein Bekannter weniger in den Straßen‹.« Ungehalten gab Li zurück: »Gemeiner Kerl! Echte Freunde setzen ihr Leben füreinander ein; was soll diese Verwünschung? Wenn ich an einen Tiger gerate, sollst du unter die Wellen geraten!« »Das wird mir nie passieren!« »Das Schicksal ist so unbeständig wie das Wetter! Wie kannst du so sicher sein, dass dir nichts geschieht?« »Mag sein, Bruder Li, doch hinter meinem Geschäft steckt weit mehr, als du denkst. Nie würde mir so was passieren.« »Deine Arbeit auf dem Wasser ist höchst gefahrvoll; was kann da schon dahinterstecken?« »Davon weißt du eben nichts. In Chang’an, an der breiten Straße beim Westtor, liegt die Bude eines Wahrsagers, der gegen Bezahlung die Zukunft voraussagt. Da geh’ ich jeden Tag hin und bringe einen goldenen Karpfen, dafür macht er mir eine Prognose. So brauche ich mich bloß an die genannten Himmelsrichtungen zu halten und ziehe jedes Mal ein volles Netz ein, auch wenn ich hundert Mal auswerfe! Auch heute war ich beim Wahrsager; er hieß mich an der Flussbiegung nach Osten hin die Netze legen und am Westufer die Angelhaken auswerfen. Bestimmt werde ich wieder mit einer schweren Ladung Fische und Krabben zurückkehren. Morgen beim Wein erzähl’ ich dir mehr!« Die beiden verabschiedeten sich. Nun verhielt es sich aber so, wie man sagt: ›Wer unterwegs erzählt, hat Lauscher im Gebüsch.‹ Es war nämlich gerade ein Yaksa vom Kristallpalast des Jingflusses auf Inspektionsgang und hatte das Gespräch mitgehört. Als er die Worte ›ziehe jedes Mal ein volles Netz ein, auch wenn ich hundert Mal auswerfe‹ vernahm, hielt er bestürzt inne. Dann machte er rechtsum kehrt, flitzte zum Kristallpalast und rief dem Drachenkönig zu: »Unheil, Unheil!« Was denn geschehen sei, wollte dieser wissen. Der Yaksa berichtete: »Euer Untertan hat unterwegs ein Gespräch zwischen einem Fischer und einem Holzfäller belauscht, und was sie vor ihrem Abschied erwähnten, ist entsetzlich! Der Fischer nannte einen Wahrsager an der Straße beim Westtor von Chang’an, dessen Voraussagen immer zutreffen würden. Er sagte, er bringe dem Wahrsager täglich einen goldenen Karpfen, wofür dieser ihm konkrete Angaben mache, wie er jedes Mal volle Netze einziehen könne, auch wenn er hundert Mal auswerfe. Wenn das so weitergeht, wird unser ganzes Wasservolk in seinem Netz enden! Was wird dann aus dem Ansehen unseres Palastes und der Herrschaft Eurer Majestät?« Empört ergriff der Drachenkönig sein Schwert und hätte sich gewiss auf der Stelle nach Chang’an begeben, um den Wahrsager umzubringen, wenn ihm nicht seine Drachensöhne und Drachenenkel, seine Krabben- und Krebsbeamten, Militärberater Hering, Minister Mandarinfisch und Kanzler Karpfen Einhalt geboten hätten. »Möge sich der Große König beruhigen«, sprachen sie ihm zu, »nicht zu Unrecht gibt es den Spruch: ›Im Vorbeigehen erhaschten Worten soll man nicht leichtsinnig Glauben schenken.‹ Wenn Ihr jetzt nach Chang’an geht, wird das unwillkürlich Wolken und Regen mit sich ziehen; das könnte die Bewohner erschrecken, und der Himmel würde Euch dafür zur Rechenschaft ziehen. Mit den großen Verwandlungskünsten, die Ihr besitzt, wäre es doch besser, Ihr würdet vorab in Gestalt eines Scholaren in Chang’an auf Erkundung gehen. Sollte sich die Sache bewahrheiten, bleibt Zeit genug, den Gesellen zu erledigen; falls nicht, braucht Ihr Euch auch nicht weiter darum zu kümmern.« Der Drachenkönig billigte den Einwand, legte sein Schwert nieder und ließ weder Wolken noch Regen aufziehen. Stattdessen ging er an Land, nahm die Gestalt eines weißgekleideten Scholaren an und eilte schnurstracks zum Westtor von Chang’an. Dort sah er, wie sich vor einem Gebäude eine lärmende Menschenmenge drängte, und aus dem Innern drangen breitspurige Worte: »Die im Jahr des Drachens geboren sind, vertragen sich nicht mit jenen aus dem Jahre des Tigers. Zwar stehen die Kalenderzeichen Yin, Chen, Si und Hai in harmonischer Verbindung, Grund zur Befürchtung ist aber, dass die Sonne in Opposition zum Jahresherrn Jupiter steht.« Dem Drachenkönig war sofort klar, dass es sich um die besagte Wahrsagerbude handeln musste. Er bahnte sich einen Weg durch die Menge und spähte hinein. Wer aber war nun dieser Herr? Kein Geringerer als Yuan Shoucheng, der Onkel des berühmten amtierenden Vorstehers des Astronomischen Hofamtes Yuan Tiangang! Wahrhaftig, der Herr hatte vornehme Züge und eine edles Auftreten. Der Drachenkönig trat ein, man begrüßte sich höflich, dann wurde er gebeten, Platz zu nehmen, und bekam Tee serviert. »Was ist Euer Anliegen?« fragte der Wahrsager. »Bitte berechnet mir, wie es mit der Wetterlage steht.« Der Wahrsager zählte an der im Ärmel versteckten Hand die zu deutenden Zeichen ab, bis er zum Ergebnis kam: »Wolken überziehen die Gipfel, Nebel bedeckt die Wipfel. Regen, falls Ihr dies erfragen wollt, wird morgen eintreffen.« »Wann genau und in welcher Menge?« »Morgen früh zur Doppelstunde Chen werden sich Wolken zusammenballen, vormittags zur Zeit Si wird Donner folgen, und mittags zur Zeit Wu wird Regen fallen bis am frühen Nachmittag zur Doppelstunde Wei. Die Niederschlagsmenge wird drei Fuß, drei Zoll und achtundvierzig Tropfen betragen.« Der Drachenkönig lachte abschätzig und rief: »Erlaubt Euch bloß nicht zu spaßen! Falls es morgen exakt nach Euren Angaben regnet, werde ich diese Sitzung mit fünfzig Goldbarren lohnen. Bleibt der Regen aber aus oder stimmen Zeit und Menge nicht mit Euren Angaben überein, dann lasst Euch gesagt sein: Dann werde ich diese Bude zerschmettern, das Aushängeschild in Stücke hauen und Euch fristlos aus Chang’an verjagen, dass Ihr hier nicht länger das Volk verblendet!« »Wie es Euch beliebt«, meinte der Wahrsager gelassen, »auf Wiedersehen.« Der Drachenkönig verabschiedete sich und kehrte in seinen Palast zurück. Seine großen und kleinen Wassergeister eilten ihm zum Empfang entgegen und fragten: »Großer König, wie war Eure Suche nach dem Wahrsager?« »Es gibt ihn tatsächlich«, sprach der Drachenkönig, »doch er ist ein schamloser Angeber. Für morgen hat er Regen prophezeit, und als ich ihn nach Zeit und Menge fragte, hat er behauptet, zu Chen würden sich Wolken bilden, zu Si werde der Donner grollen, und zwischen Wu und Wei würde eine Regenmenge von drei Fuß, drei Zoll und achtundvierzig Tropfen fallen. Ich habe mit ihm eine Wette geschlossen: Für den Fall, dass er recht behielte, versprach ich ihm fünfzig Goldbarren zum Lohn, falls aber die geringste Abweichung auftreten sollte, würde ich seine Bude zerschmettern und ihn aus Chang’an verjagen.« Die Wassertiere kicherten: »Großer König, als regenmachender Drachengott und Oberaufseher über die Stadt der acht Flüsse könnt doch nur Ihr allein wissen, ob es regnen wird. Wie kann sich dieser Wahrsager in solche Reden versteigen. Die Wette verliert er garantiert!« Ihr Lachen und Reden war noch nicht verklungen, als aus der Höhe eine Stimme erklang, die den Drachenkönig ein Edikt entgegennehmen hieß. Alle blickten empor und sahen, wie ein Himmelsbote in goldenem Gewand mit einer Schriftrolle des Jadekaisers auf den Kristallpalast zukam. Überrascht strich sich der Drachenkönig sein Gewand zurecht, warf sich in würdevolle Haltung, brachte Weihrauch dar und nahm das Schreiben in Empfang. Der Bote war schon wieder auf dem Rückweg, als der Drachenkönig das Schreiben öffnete und las: »Dem Lenker der acht Flüsse sei befohlen: Donnerschlag und Blitz sind auszuführen; Morgen soll in Strömen Regen fließen, Reichlich ist ganz Chang’an zu begießen.« Die Angaben zu Zeit und Menge des Niederschlags wichen um kein Haar von jenen des Wahrsagers ab. Bestürzt wandte sich der Drachenkönig an die Menge und sprach: »Dann gibt es also in dieser Welt des Staubes tatsächlich Heilige, die alles über Himmel und Erde wissen! Ich werde die Wette verlieren.« Da verbeugte sich Militärberater Hering und sprach: »Macht Euch keine Sorgen, Majestät. Die Wette zu gewinnen ist nicht schwer. Euer Untertan hat eine Strategie, mit der wir dem Kerl den Garaus machen.« Interessiert fragte der Drachenkönig nach, und der Hering fuhr fort: »Ihr braucht doch nur den Regen ein bisschen zu verzögern und die Menge etwas zu verringern, dann stimmen seine Berechnungen nicht mehr. Was braucht Ihr da noch zu verlieren fürchten?« Der Drachenkönig hielt sich an den Rat. Als tags darauf der Windgraf, der Donnergott, der Wolkenknabe und die Blitzmutter in den neunten Himmel über Chang’an beordert worden waren, richtete er es so ein, dass die Wolken sich erst vormittags zur Zeit Si zusammenballten, der Donner erst zur Mittagszeit Wu erdröhnte, der Regen zur Zeit Wei begann und erst am späten Nachmittag zur Zeit Shen endete. Die Niederschlagsmenge aber betrug nicht mehr als drei Fuß und vierzig Tropfen. Er hatte also die Angaben um eine Doppelstunde verschoben und den Niederschlag um drei Zoll und acht Tropfen verringert. Nachdem die Himmelsdiener ihren Dienst beendet hatten, schwebte er nach unten, verwandelte sich abermals in einen Scholaren und schritt auf die Wahrsagebude von Yuan Shoucheng zu, wo er ohne ein Wort zu verlieren alles, mitsamt Aushängeschild, Pinsel und Tuschestein kurz und klein schlug. Der Wahrsager blieb gelassen an seinem Platz sitzen, während der Drachenkönig mit dem Türbrett um sich fuchtelte und schrie: »Du Schwindler und Volksbetrüger! Deine Berechnungen waren falsch, Unsinn hast du erzählt, die Angaben über den Regen sind danebengegangen, weder Zeit noch Menge stimmen! Und da thronst du noch auf deinem Platz. Mach, dass du fortkommst, sonst ist es um dein Leben geschehen!« Ohne mit der Wimper zu zucken, blickte Shoucheng zum Himmel und meinte mit einem kalten Lachen: »Ich habe nichts zu befürchten, mir lastet kein Verbrechen an. Nur fürchte ich, dass vielmehr du ein Todesverbrechen begangen hast. Andere magst du hinters Licht führen, aber mich nicht. Ich weiß genau, wer du bist. Du bist kein Scholar, sondern der Drachenkönig vom Jingfluss. Nun hast du wider den Befehl des Jadekaisers Zeit und Menge geändert, das verstößt gegen das Gesetz des Himmels. Auf dem Drachenrichtplatz wirst du dem Messer kaum entkommen können. Und da stehst du noch und beschimpfst mich!« Da fuhr dem Drachenkönig der Schreck in die Glieder. Er ließ das Türbrett fallen, warf sich dem Wahrsager zu Füßen und flehte: »Mein Herr! Nehmt es mir nicht übel, ich habe mir nur einen Scherz erlaubt! Ich hätte nie gedacht, dass es plötzlich ernst würde und ich tatsächlich gegen das Gesetz des Himmels verstoßen würde. Bitte, helft mir! Sonst lasse ich Euch nicht gehen.« »Ich kann dir nicht helfen«, gab der Wahrsager zurück, »ich kann dir höchstens sagen, auf welchem Wege du dein Leben vielleicht noch retten kannst.« »Ich bitte darum.« »Morgen um drei Viertel vor Mittag104 sollst du vom irdischen Beamten Wei Zheng enthauptet werden. Wende dich so schnell wie möglich an den Kaiser. Wei Zheng ist Kanzler am Kaiserhof; nur wenn du den Kaiser für dich gewinnen kannst, bleibst du verschont.« Der Drachenkönig dankte fußfällig und ging von dannen. Inzwischen neigte sich das rote Sonnenrad nach Westen, und der Mond stieg auf. So war es in der Tat: In dem Traum vom Schmetterling Ist der Mensch entschwunden.105 Blumenschatten lässt der Mond Der Brüstung entlang wandern. Der Drachenkönig kehrte gar nicht erst in seinen Wasserpalast zurück. Irrend schwebte er durch die Lüfte, bis er gegen Mitternacht aus den Wolken herauskam und geradewegs auf den Palast zuhielt. Zur selben Stunde trat der Kaiser im Traum aus der Palasthalle und wandelte im Mondlicht unter blühenden Sträuchern dahin. Da trat der Drachenkönig in menschlicher Gestalt vor ihn, warf sich ihm zu Füßen und rief: »Rettet mich, Majestät, rettet mich!« »Wer bist du denn?« fragte Kaiser Taizong verwundert. »Erlauchte Majestät, Ihr seid der Wahre Drache!« rief der Drachenkönig. »Ich aber bin ein sündiger Drache, denn ich habe gegen das Gesetz des Himmels verstoßen und soll deshalb von Eurem Kanzler Wei Zheng enthauptet werden. Dies ist der Grund, weshalb ich bei Euch vorspreche. Ich erflehe Euren gnädigen Beistand!« »Wenn es Wei Zheng ist, der die Enthauptung vollziehen soll, kann ich dir schon helfen. Geh nur, sei unbesorgt«, sprach der Kaiser. Glücklich fiel ihm der Drachenkönig dankend zu Füßen und entfernte sich. Nachdem er erwacht war, konnte Taizong den Traum nicht vergessen. Bald zählte man drei Schläge nach der fünften Nachtwache, Zeit zur Morgenaudienz. Wie immer versammelte Taizong seine militärischen und zivilen Hofbeamten, die sich nach dem höfischen Begrüßungsritus ihren Rängen gemäß aufstellten. Taizong ließ seinen kaiserlichen Phönix- und Drachenblick über die Anwesenden gleiten: Da waren die Amtsträger für zivile Angelegenheiten Fang Xuanling, Du Ruhui, Xu Shiji und Xu Jingzong sowie die Militärbeamten Yin Kaishan, Cheng Yaojin, Hu Jingde und Qin Shubao. Alle standen in feierlicher Würde da, einzig Kanzler Wei Zheng war nicht zugegen. Da befehligte der Kaiser Xu Shiji vor den Thron und sprach: »In der Nacht hatte ich einen seltsamen Traum. Ich sah einen Mann, der sich vor mir verbeugte und sagte, er sei der Drachenkönig vom Jingfluss. Er habe gegen das Gesetz des Himmels verstoßen und solle heute von Wei Zheng enthauptet werden. Er flehte mich um Hilfe an, und ich habe versprochen, ihm zu helfen, doch jetzt fehlt ausgerechnet Wei Zheng. Was hat das zu bedeuten?« »Wenn Ihr im Traum ein Versprechen abgelegt habt«, antwortete Shiji, »dann sollt Ihr Wei Zheng antreten lassen und hierbehalten. Wenn dieser Tag um ist, wird der Drache Eures Traumes gerettet sein.« Beruhigt schickte der Kaiser mit einer schriftlichen Aufforderung nach Wei Zheng. Doch wenden wir uns nun dem Kanzler Wei Zheng selbst zu, der noch in seiner Residenz weilte. Es war nämlich über Nacht, als er gerade die Zeichen des Himmels beobachtet und Räucherwerk verbrannt hatte, am hohen Himmel plötzlich lautes Kranichgeschrei erklungen, und das war ein Himmelsbote mit einem Goldenen Edikt des Jadekaisers, in dem Wei Zheng befohlen wurde, um drei Viertel vor Mittag den alten Drachen vom Jingfluss im Traume zu enthaupten. Der Kanzler hatte dem Himmel seinen Dank ausgesprochen, hatte gefastet und ein reinigendes Bad genommen, dann übte er sich im Schwerte der Weisheit und sammelte seinen Geist. Das war der Grund, weshalb er nicht bei der morgendlichen Audienz erschienen war. Nun erschrak er nicht wenig, als ein Hofdiener mit dem kaiserlichen Vorladungsschreiben auftauchte. Doch da er sich dem Befehl des Herrschers nicht widersetzen konnte, blieb ihm nichts anderes übrig, als in aller Eile sein Gewand zu glätten, den Gürtel umzuschnallen und sich in die Audienzhalle zu begeben, wo er vor dem Kaiser einen Stirnaufschlag vollzog und um Vergebung bat. »Die Schuld sei Euch vergeben«, ließ der Kaiser verlauten, erteilte dann Befehl, die Vorhänge hochzurollen, und erklärte die Audienz für beendet. Nur Wei Zheng behielt er zurück, hieß ihn in sein Ruhegemach eintreten und begann mit ihm über Staatspolitik zu diskutieren. Als die Mittagszeit nahte, hieß er Palastzofen ein Spielbrett herantragen und meinte: »Ich spiele mit Euch eine Partie.« Die Zofen brachten das Brett und breiteten alles ordentlich auf dem kaiserlichen Tisch aus. Wei Zheng bedankte sich für die kaiserliche Gunst, und so setzten Kaiser und Kanzler Zug um Zug ihre Spielsteine. Drei Viertel vor Mittag, als die letzten Figuren verblieben und das Spiel noch unentschieden war, sank Wei Zheng auf einmal über den Tisch und fiel in tiefen Schlaf. Der Kaiser machte keine Anstalten, ihn zu wecken. Nach kurzer Zeit wachte er auf, warf sich schuldbewusst zu Boden und rief: »Euer Untertan verdient zehntausend Tode! Eben wurde ich von einer unerklärlichen Müdigkeit überfallen, möge Eure Majestät diese sträfliche Nachlässigkeit gegenüber dem Herrscher verzeihen!« Auf einmal sank Wei Zheng über den Tisch und fiel in tiefen Schlaf. »Euch trifft keine Schuld«, sprach der Kaiser. »Steht auf! Lasst uns die Steine vom Brett nehmen und eine neue Runde beginnen.« Wei Zheng bedankte sich für die kaiserliche Gnade. Doch kaum hielt er den ersten Spielstein zwischen den Fingern, erhob sich draußen ein lautes Stimmengewirr; schon traten Qin Shubao und Xu Maogong ein, warfen einen blutigen Drachenkopf vor den Thron und riefen: »Majestät! Dass gar Meere und Flüsse austrocknen können, ist bekannt, ein solches Wunder aber ist noch nie geschehen!« »Woher kommt dieses Ding?« fragte Taizong. »Südlich der Allee der Tausend Schritte, mitten auf der Kreuzung, ist dieser Drachenkopf aus den Wolken gefallen. Eure Untertanen wagten Euch diese Nachricht nicht vorzuenthalten.« Erschrocken wandte sich der Kaiser an Wei Zheng: »Als Ihr eingeschlafen seid, sah ich Euch reglos und unbewaffnet. Wie konntet Ihr nur diesen Drachen töten?« »Erlauchte Majestät, Euer Minister erhielt in vergangener Nacht ein Edikt des Himmelskaisers mit dem Befehl, diesen sündigen Drachen zu enthaupten. Als ich eben die Ehre hatte, mit Eurer Majestät Schach zu spielen, konnte ich nicht wegtreten, deshalb ist mein Geist im Traume zum Drachenrichtplatz emporgestiegen, wo ich den Drachen mit dem Schwert erschlug. Darum ist der Drachenkopf vom Himmel gefallen.« Dies erfüllte Kaiser Taizong gleichzeitig mit Freude und mit Sorge. Einerseits freute er sich, einen derart heldenhaften Kanzler an seinem Hofe zu wissen, andererseits machte er sich Sorgen um das nicht eingehaltene Versprechen. Doch nun musste er wohl oder übel Haltung bewahren. Er befahl Qin Shubao, den Drachenkopf im Zentrum von Chang’an aufzuhängen, um die Bevölkerung der Reichshauptstadt in Kunde zu setzen, und sprach Wei Zheng eine Belohnung aus. Anschließend traten alle Hofbeamten ab. An jenem Abend zog sich Taizong in bedrückter Stimmung in den Wohnpalast zurück. Sein Geist war matt, und er fühlte sich von innerer Unruhe ergriffen. Um die zweite Nachtwache vernahm er plötzlich ein Schluchzen vor dem Palasttor. Grauen packte ihn. Da sah er schemenhaft den Drachenkönig vom Jingfluss, der den blutüberströmten Kopf in den Händen hielt, und vernahm eine laute Stimme: »Kaiser der Tang- Dynastie! Gebt mir mein Leben zurück! Gebt mir mein Leben zurück! Gestern noch habt Ihr hoch und heilig versprochen, mich zu retten. Warum habt Ihr es dennoch zugelassen, dass Euer irdischer Kanzler mich tötete? Los, ich führe Euch zum Höllenfürsten, diese Sache muss bereinigt werden!« Schimpfend und zeternd packte er Taizong und wollte nicht mehr von ihm lassen. Taizong brachte kein Wort heraus; er wehrte sich, bis ihm der Schweiß ausbrach. In dieser ausweglosen Lage gewahrte er auf einmal wohlriechende bunte Wolkenschleier, die von Süden her auftrieben; darüber schwebte die Gestalt einer Göttin. Wie diese nun einen Weidenzweig schwenkte, entfernte sich der kopflose Drache, immer noch schluchzend, nach Nordwesten. Diese Göttin aber war niemand anderes als die Bodhisattva Guanyin, denn sie hatte im Erdgeisttempel das nächtliche Geistergeheul vernommen und war nun eigens gekommen, den sündigen Drachen zu vertreiben und den Kaiser zu erretten. Wie der Drache nun in der Unterwelt Bericht erstattete, sei hier nicht weiter ausgeführt. Taizong aber schreckte aus dem Schlaf und schrie: »Es spukt! Es spukt!« Vor Schrecken taten Kaiserin, Palastdamen und Konkubinen sowie die diensthabenden Eunuchen im Palast die ganze Nacht kein Auge mehr zu. Bald nahte der Morgen. Drei Schläge nach der fünften Nachtwache stand die versammelte Beamtenschaft vor dem Tor zur Audienzhalle und wartete auf den Kaiser. Doch auch als es schon heller Morgen war, blieb der Kaiser fern. Erst als die Sonne hoch am Himmel stand, traf endlich eine Meldung ein: »Der Kaiser befindet sich in unpässlicher Gemütsverfassung; alle Beamten werden von der Audienz dispensiert.« Ebenso ging es an den folgenden fünf bis sieben Tagen. In ihrer Besorgnis wollten alle Beamten dem Kaiser eine Visite abstatten. Schließlich schickte die Mutter Taizongs nach dem kaiserlichen Leibarzt. Während dieser im Palast eine Medizin verschrieb, warteten alle draußen auf Nachricht. Es dauerte nicht lange, bis der Leibarzt herauskam und auf die vielen Fragen antwortete: »Des Kaisers Herzschlag ist kraftlos, sein Puls geht schwach und beschleunigt; er deliriert von Geistern. Außerdem setzt der Puls alle zehn Pulsschläge aus, und den inneren Organen mangelt es an Energie. Es steht zu befürchten, dass er innerhalb von sieben Tagen verscheiden wird.« Die Nachricht erschütterte den ganzen Hofstaat. Während alle betroffen dastanden, traf der Befehl der Kaiserinmutter ein, die Herren Xu Maogong, Staatsprotektor109 und Yuchi würden vom Kaiser aufgeboten. Unverzüglich eilten alle drei in die Halle zwischen dem inneren und dem äußeren Palast, wo sie vor dem Kaiser die höfischen Verbeugungen vollführten. Angestrengt sprach Taizong mit ernster Miene: »Werte Minister. Seit meinem neunzehnten Altersjahr habe ich Feldzüge und Verteidigungskriege in alle Himmelsrichtungen unternommen. Nie ist mir deswegen nur der geringste Spuk erschienen. Heute hingegen erscheinen mir Geister.« »Um Euer Imperium zu errichten, habt Ihr doch zahllose Menschen getötet; wie könnt Ihr Euch plötzlich vor Geistern fürchten?« fragte Yuchi. »Ob Ihr’s glaubt oder nicht, sobald es Nacht wird, fliegen vor meinem Schlafgemach Dachziegel und Backsteine herum, und Geister heulen. Tagsüber geht es noch, doch nachts ist es unerträglich!« »Seid unbesorgt, Majestät«, meinte Qin Shubao, »heute Nacht werde ich mit Yuchi Jingde vor dem Tor Wache halten und schauen, was los ist.« Taizong stimmte dem Vorschlag bei, worauf Maogong und die anderen abtraten. Am selben Abend warfen sich die beiden Generäle Helm und Rüstung über, dann traten sie mit einem goldenen Knüppel und einer Streitaxt bewaffnet vor dem Tor zur Wache an. Während die tapferen Generäle zu beiden Seiten des Tores wachten, konnten sie die ganze Nacht über nicht die geringste Spur von Geistern sehen. Auch Taizong verbrachte in seinem Wohngemach eine friedliche, störungsfreie Nacht. Am Morgen beorderte er die Generäle zu sich, erteilte ihnen eine großzügige Belohnung und sprach: »Seit ich erkrankt bin, habe ich manche Nächte schlaflos verbracht. Dank euch konnte ich in dieser Nacht zum ersten Mal wieder ruhig schlafen. Nun legt euch zur Ruhe und kommt am Abend wieder.« Die Generäle dankten und traten ab. Mehrere Nächte lang hielten sie Wache, und alles blieb ruhig. Schließlich wollte Taizong die beiden aber nicht länger bemühen. Darum berief er seine Hofbeamten in den Wohnpalast und ließ verlauten: »In den vergangenen Nächten habe ich meine Ruhe wiedergefunden. Doch dafür mussten sich die Generäle nächtelang abmühen. Ich möchte daher einen talentierten Maler bestellen, der die beiden lebensecht porträtiert. Die Bilder sollen dann auf die Torflügel geheftet werden, um den Generälen die Mühe zu ersparen. Was meint ihr dazu?« Sogleich wählten die Minister zwei Maler, die sich besonders gut auf das naturalistische Abbilden verstanden, und ließen die beiden Generäle in voller Rüstung posieren. Wirklichkeitsgetreu wurden sie abgebildet und die Bilder an die Torflügel geklebt. Auch diese Nacht blieb es ruhig. So dauerte es zwei, drei Tage an, bis das Krachen und Poltern mit Ziegelsteinen von neuem ertönte, diesmal jedoch beim hinteren Tor. Am Morgen rief Taizong seine Minister zusammen und sprach: »Mehrere Nächte lang ist es glücklicherweise am vorderen Tor ruhig geblieben. Doch nun kommt der Lärm vom hinteren Tor. Das ängstigt mich zu Tode.« »Am vorderen Tor haben Jingde und Shubao Wache gehalten; bei den neuerlichen Unruhen am hinteren Tor soll Wei Zheng Wache halten«, schlug Maogong vor. Taizong willigte ein und beauftragte Wei Zheng, noch am selben Abend das hintere Tor zu bewachen. Auf den Befehl des Kaisers machte Wei Zheng sich am Abend zurecht und stellte sich mit dem Schwert, das er zur Enthauptung des Drachens benutzt hatte, vor dem hinteren Tor auf. Heldenhaft sah er aus! Die ganze Nacht war von Gespenstern keine Spur zu sehen. So war nun zwar dieses Problem beseitigt, doch der Gesundheitszustand des Herrschers hatte sich weiter verschlechtert. Eines Tages berief die Mutter des Kaisers die Hofbeamten ein, um die Nachfolge zu besprechen. Taizong aber rief Xu Maogong zu sich und betraute ihn mit der vorläufigen Leitung der Staatspolitik, dann nahm er ein reinigendes Bad, kleidete sich um und wartete seine letzte Stunde ab. Da trat Wei Zheng vor, berührte des Kaisers Drachenrobe und sprach: »Majestät, bleibt unbesorgt. Euer Minister hat einen Plan, der Euch ein langes Leben garantiert.« »Meine Krankheit ist im letzten Stadium, ich liege auf dem Sterbebett«, sprach der Kaiser. »Wie könnt Ihr mir da ein langes Leben garantieren?« »Euer Minister hat einen Brief verfasst, den Ihr in der Unterwelt dem Herrn Cui Jue, Richter der Totenstadt Fengdu, übergeben könnt.« »Wer ist Cui Jue?« »Cui Jue war Minister unter Eurem hochverehrten seligen Vater Kaiser«, antwortete Wei Zheng, »zu Lebzeiten war er Präfektvorsteher von Cizhou und später Vizeminister des Ritenministeriums. Wir waren damals eng befreundet und schlossen eine Schwurbrüderschaft. Seit er gestorben ist, amtiert er in der Totenstadt Fengdu als Richter und ist für das Buch der Lebenden und Toten zuständig. Wir treffen uns oft im Traum. Wenn Ihr ihm dieses Schreiben überreicht, wird er Euch aus Freundschaft zu Eurem geringen Untertan gewiss ins Leben zurückkehren lassen.« Taizong nahm das Schreiben, steckte es in seinen Ärmel, schloss die Augen und verschied. Kaiserin, Palastdamen und Konkubinen aller Frauengemächer, der Kronprinz sowie alle zivilen und militärischen Hofbeamten legten die Trauergewänder um und versammelten sich zur Trauerfeier. Gemäß den erforderlichen Zeremonien wurde der Leichnam in den Sarg gebettet und in der Halle des Weißen Tigers aufgebahrt. Und da wir nicht wissen, ob Taizong letztendlich ins Leben zurückkehrte oder nicht, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第011回 / 11. Kapitel Durch die Hölle reisend findet Taizong seine Seele wieder / Bote Liu Quan wird beim Kürbisliefern neu vermählt Berichten wir nun, wie Kaiser Taizongs Seele in nebelhaftem Zustand dem Palasttor mit den Fünf Phönixdächern entgegenschwebte. Dort gewahrte er, dass gerade die Palastgarde den Herrscher zur Jagd lud. Freudig folgte ihnen Taizong. Sie waren schon eine Zeitlang ausmarschiert, als Reiter und Rosse auf einmal verschwunden waren und Taizong gewahr wurde, dass er einsam und verlassen auf einer öden Steppe einherging. Mit Schrecken wurde ihm bewusst, dass er den Weg gar nicht kannte. Da vernahm er weiter vorn eine laute Stimme, die rief: »Kaiser der Großen Tang- Dynastie! Kommt hierher!« Taizong sah auf und erblickte einen Mann mit schwarzer Beamtenkappe, der in einer Robe aus feiner Seide mit einem Gürtel aus Nashornleder am Wegrand kniete und ein elfenbeinernes Täfelchen vor sich in die Höhe hielt. »Erlauchte Majestät!« rief er, »vergebt Eurem Untertan die sträfliche Nachlässigkeit, Euch nicht gebührend empfangen zu haben!« Der Kaiser ging näher und fragte: »Wer seid Ihr?« »Geringer Untertan diente zu Lebzeiten in der Regierung Eures seligen Vaters als Präfektvorsteher von Cizhou und wurde später zum Vizeminister des Ritenministeriums ernannt. Cui ist mein Name, Jue mein Vorname. Jetzt amtiere ich in der Unterwelt als Richter und Aktenverwalter der Totenstadt Fengdu. Aufgrund der Sache mit dem sündigen Drachen vom Jingfluss habe ich bereits erfahren, dass Eure Majestät heute eintreffen würde. Darum bin ich eigens gekommen, Euch zu empfangen. Bitte verzeiht die sträfliche Verspätung!« Überglücklich hielt Taizong dem Richter die kaiserliche Hand zum Aufstehen hin und sprach: »Dank sei Euch für Eure Mühen, mein Herr! Unser Kanzler Wei Zheng hat mir für Euch einen Brief mitgegeben, das trifft sich ja bestens.« Er langte das Schriftstück aus dem Ärmel und überreichte es Cui Jue. Dieser brach das Siegel auf und las: »Respektvoll grüßt unwürdiger Bruder Wei Zheng mit gesenktem Haupte seinen erhabenen Schwurbruder Cui vom Gericht der großen Hauptstadt: In Erinnerung an unser vormaliges Zusammensein, sehe ich Euch noch immer lebhaft vor mir. Im Nu sind Jahre verstrichen, während derer ich Eurer erhellenden Belehrung entbehren musste. Allein dadurch, dass Ihr mir wiederholt beratend im Traume zu erscheinen geruhtet, durfte ich von Eurer Beförderung erfahren. Ach, dass die Sphären von Yin und Yang getrennt sein müssen und wir uns nicht treffen können! Da sich unser Herrscher heute überraschend ins Jenseits begeben muss, nehme ich an, dass er dort vor Gericht treten und Euch begegnen wird. Inständig bitte ich, dass Ihr unserer Freundschaft eingedenk Euch für die Rückkehr des Herrschers ins Diesseits einsetzen könnt. Es wäre dies eine außerordentliche Gefälligkeit. Erlaubt mir, mich in einem späteren Schreiben zu bedanken.« Als der Richter den Brief zu Ende gelesen hatte, freute er sich sehr und sprach: »Dass der irdische Kanzler Wei neulich im Traume den alten Drachen erschlug, habe ich bereits erfahren. Überdies bin ich ihm äußerst dankbar, dass er sich Tag für Tag um meine Kinder und Kindeskinder kümmert. Möge Eure Majestät unbesorgt bleiben! Da Ihr diesen Brief mitbringt, werde ich dafür sorgen, dass Ihr in die lichte Yang-Sphäre zurückkehren und den Thron wieder besteigen werdet.« Der Kaiser sprach ihm seinen Dank aus. Während ihrer Unterhaltung hatten sich zwei weißgekleidete Knaben mit Standarten und Baldachin genähert und riefen nun: »König Yama lässt vorladen!« Also machte sich Taizong mit Richter Cui und den Knaben auf den Weg. Bald erblickte er ein Stadttor, über dem ein großes Schild angebracht war, auf dem sieben goldene Schriftzeichen prangten: » 幽冥地府鬼門關 – Geistertor zur Unterwelt«. Die weißgekleideten Knaben schwenkten ihre Standarten und geleiteten Taizong in die Stadt hinein. Wie sie nun weitergingen, tauchten am Straßenrand plötzlich Taizongs Vater Li Yuan und seine Brüder Jiancheng und Yuanji110 auf und riefen: »Shimin ist da! Shimin ist da!« Schon stürmten Jiancheng und Yuanji auf Taizong zu, zerrten ihn zu sich, schlugen auf ihn ein und forderten ihr Leben zurück. Taizong konnte sich ihnen nicht entziehen und wurde festgehalten, bis zu seinem großen Glück Richter Cui die beiden zurückrief, so dass er endlich loskam. Nach einigen Wegmeilen erreichten sie ein hohes Gebäude mit grün-blau glasierten Ziegeldächern. Es war ein wahrhaft prächtiger Palast. Noch ganz in den Anblick vertieft, vernahm Taizong auf einmal das Klingeln und Bimmeln von Jadegehänge, göttliche Düfte erfüllten die Luft, und hinter zwei Fackelträgern schritten nun die Zehn Höllenkönige die Palaststufen herunter und begrüßten Taizong mit einer Verbeugung. Aus höflicher Bescheidenheit wagte Taizong nicht vorzutreten. »Majestät«, sprachen die Zehn Könige, »Ihr seid der Kaiser der Menschen in der lichten Sphäre von Yang, wir sind die Könige der Geister in den finsteren Gründen von Yin. Von Natur aus sind unsere Bereiche getrennt; wozu übertriebene Bescheidenheit?« »Ich habe mich bei Eurer Exzellenz versündigt, wie könnte ich es wagen, als Gleichgestellter vor Euch zu treten?« antwortete Taizong und zierte sich noch lange, ehe er vortrat und sich in die Senluo-Halle begab. Nach der zeremoniellen Begrüßung vor den Zehn Königen setzte man sich gemäß der Sitzordnung für Gast und Gastgeber nieder. Es ging nicht lange, da legte König Guang von Qin die Hände gewölbt vor die Brust und kam zur Sache: »Der Drache vom Jingfluss hatte von Eurer Majestät das Versprechen erhalten, gerettet zu werden, dennoch wurde er getötet. Was ist der Grund?« Taizong antwortete: »Mir träumte einst, dass dieser Drache mich um Hilfe anflehte, und in der Tat habe ich ihm im Traum versprochen, dass er unversehrt bleiben würde. Wider Erwarten aber hatte er ein Verbrechen begangen, dessen Bestrafung er sich nicht entziehen konnte, weshalb er von meinem irdischen Richter Wei Zheng enthauptet werden sollte. Als ich Wei Zheng in den Palast kommen ließ und ihn zum Schachspiel bei mir behielt, war es mir nicht bewusst, dass er die Enthauptung im Traum vollziehen könnte. Dass dies geschehen konnte, lag an den transzendentalen Fähigkeiten meines irdischen Untergebenen und auch daran, dass der Drache seines Verbrechens wegen tatsächlich den Tod verdient hatte. Das kann doch nicht mir als Fehler angelastet werden!« Auf diese Worte entschuldigten sich die Zehn Höllenkönige, verneigten sich und sprachen: »Schon bevor dieser Drache geboren wurde, war im Totenbuch des Südgestirns verzeichnet, dass er durch die Hand eines irdischen Beamten enden werde. Dies war uns schon lange bekannt. Allein weil er hier nach Recht heischte und unter allen Umständen verlangte, dass Eure Majestät sich vor unserem Gericht verantworte, haben wir ihn schließlich in die Hölle des Rades der Wiedergeburten geschickt und zur Inkarnation freigegeben. Heute, da Ihr Euch die Mühe genommen habt, zu uns herniederzusteigen, bitten wir Eure Majestät, uns gnädig zu verzeihen, dass wir Euch zum Kommen nötigen mussten.« Nun hießen sie den für das Buch von Leben und Tod zuständigen Richter, zu überprüfen, wie lange dem Kaiser noch zu leben vergönnt sei. Richter Cui eilte in seine Amtsstube, wo er im Gesamtverzeichnis der Lebensdaten der Herrscher aller Länder Seite für Seite umschlug, bis er auf den Vermerk stieß: »Kaiser Taizong der Großen Tang-Dynastie auf dem südlichen Kontinent Jambudvipa«. Das dreizehnte Jahr der Ära Zhen’guan war als Todesjahr vermerkt. Richter Cui erschrak, langte schnell nach einem Pinsel und fügte über dem Querstrich für »eins« zwei Striche hinzu. Dann brachte er das Verzeichnis den Zehn Königen. Diese blätterten von neuem und sahen schließlich unter dem Namen Taizongs das dreiunddreißigste Jahr der Ära Zhenguan als Todesjahr vermerkt.111 Besorgt fragte König Yama: »Wie viele Jahre regiert Ihr bereits?« »Zur Zeit sind wir im dreizehnten Jahr.« »Dann brauchen Eure Majestät sich nicht zu sorgen«, meinte König Yama, »Euch stehen noch zwanzig Lebensjahre bevor. Damit ist auch der Gerichtsfall geklärt. Ihr könnt in die Sphäre der Lebenden zurückkehren.« Taizong dankte mit einer Verbeugung. Die Zehn Könige beauftragten Richter Cui und Marschall Zhu, den Kaiser zur Seelenrückgabe zu begleiten. Als Taizong den Senluo-Palast verließ, erhob er zum Abschied die Hände und fragte die Zehn Höllenkönige: »Wie steht es um das Wohlergehen meiner Nächsten?« »Alle sind wohlauf«, bekam er zur Antwort. »Einzig Eure werte Schwester könnte in naher Zukunft verscheiden.« Abermals neigte sich Taizong zum Dank und sprach: »Wenn ich wieder in der lichten Yang-Welt bin, habe ich ja gar nichts, womit ich mich bei Euch erkenntlich zeigen könnte, es sei denn mit Obst oder Gemüse.« Erfreut sprachen die Zehn Könige: »Wir haben hier zwar Wintermelonen aus dem Osten und Wassermelonen aus dem Westen, doch fehlen uns noch die Kürbisse aus dem Süden.«112 »Ich werde Euch welche bringen lassen, sobald ich zurück bin«, versprach Taizong. Nun wölbten alle die Hände vor der Brust und verabschiedeten sich. Mit einem Seelenbanner in der Hand wies der Marschall den Weg, und Richter Cui ging hinter Taizong her, um ihn zu schützen. So verließen sie den Palast der Unterwelt. Taizong blickte um sich und stellte fest, dass sie einen anderen Weg nahmen, als er gekommen war. Besorgt wandte er sich an Richter Cui und fragte: »Ist das nicht ein falscher Weg?« »Nein«, sprach dieser, »in der Unterwelt verhält es sich so, dass es nur einen Weg hinein und keinen hinaus gibt. Wir werden Eure Majestät durch den Wiedergeburtsspeicher zurückführen. So erhaltet Ihr einerseits einen Einblick in die Unterwelt, und zum andern könnt Ihr von dort aus zur Reinkarnation aufsteigen.« Taizong hatte keine andere Wahl, als den beiden zu folgen. Nach mehreren Wegmeilen gelangten sie an einen hohen, von düsteren Wolken umhangenen Berg, über dem schwarze Nebelmassen wogten. »Was ist das für ein Berg, Herr Cui?« erkundigte sich Taizong. »Das ist der Yinshan, der Finstere Berg der Unterwelt.« »Wie komme ich denn da wieder weg?« fragte Taizong entsetzt. »Seid unbesorgt, Majestät, wir führen Euch.« Zitternd vor Angst ging er im Gefolge seiner Führer am Yinshan vorbei. Auf dem weiteren Weg kamen sie an mehreren Amtsgebäuden vorbei, aus denen ohrenbetäubende Schreie drangen und fürchterliche Ungeheuer auftauchten. »Was ist das für ein Ort?« fragte Taizong. »Das sind die Achtzehn Höllen hinter dem Yinshan«, erklärte der Richter. »Welches sind denn die Achtzehn Höllen?« Der Richter sprach: »Merkt Euch gut, was ich Euch sage: In der Hölle des Sehnenzerrens, In der Hölle des finstren Unrechts, In der Hölle der Feuergruben Sind all jene, die im Leben tausend Frevel taten Und nach ihrem Tode hier zur Buße antreten. In der Hölle von Fengdu, In der Hölle des Zungenzerrens, In der Hölle des Hautabschälens Sind all jene, welche Kindespflicht und Treue brachen Und mit Schlangenherzen fromme Worte sprachen. In der Hölle des Zermalmens, In der Hölle des Zerstampfens, In der Hölle des Zerreißens Sind die Heuchler, Selbstbetrüger, Ungerechten, die andere mit süßen Zungen heimlich ächten. In der Hölle der Eiseskälte, In der Hölle der Häutung, In der Hölle des Darmauszerrens Sind jene, welche Maße und Gewichte fälschen, Bis ihre Freveltaten sie dann selbst zerfleischen. In der Hölle der Ölkessel, In der Hölle der Finsternis, In der Hölle der Messerberge Schmachten jene, welche Freundlichen Gewalt antaten, Und nun gebeugten Haupts in Schrecken darben. In der Hölle der Blutteiche, In der Hölle des endlosen Leids, In der Hölle der Waagestangen Sind die Listenreichen, die aus Geldgier morden Oder Tiere schlachten und nun Sünden bürden. Hierhin sinken tausend Jahre Jene, die nie gerettet werden; Ewig schmachten sie im Abgrund, Kommen nimmermehr auf Erden. Wenn sie auch zum Himmel beten, Wird ihr Flehen nicht erhört, Und mit gramverzerrten Mienen Leiden sie die bittere Not. So ist es in der Tat: Nie soll man im Leben Sein eigen Herz betrügen; Die Götter sehen klar, Wen würden sie freigeben? Gut und Böse wird am Ende Abgegolten jedem Täter, Ungewiss ist nur die Stunde, Diesem früher, jenem später!« Taizong hatte die Schilderung mit wachsendem Grauen angehört. Sie waren noch nicht lange vorangeschritten, als sie mehrere Geisterkrieger bemerkten, die mit Standarten am Wegrand knieten und riefen: »Die Brückenboten stehen zu Diensten!« Der Richter befahl ihnen abzutreten und ging selbst voran, um Taizong über eine goldene Brücke zu geleiten. Nebenan gewahrte Taizong eine silberne Brücke, auf der einige tugendhafte Seelen von aufrichtigen Menschen mit Sinn für Fürstentreue, Kindesliebe und Gerechtigkeit wandelten. Auch sie wurden mit Standarten empfangen und begleitet. Zur anderen Seite war eine weitere Brücke, über der ein eisiger Wind tobte, während darunter Wogen von Blut dahinströmten, aus denen es dröhnte von endlosem Heulen und Klagen. »Was ist der Name jener Brücke?« fragte Taizong. »Majestät, das ist die Naihe-Brücke, die ›Brücke ohne Ausweg‹. Sobald Ihr wieder in der Welt der Lebenden seid, müsst Ihr unbedingt darüber Zeugnis ablegen!« Die Brücke war mehrere Meilen lang, aber nur drei Spannen breit und hundert Fuß hoch, und der Abgrund darunter war noch tausendmal tiefer. Sie hatte kein Geländer, und von unten sprangen grimmige Bestien hoch, welche die Seelen mit sich rissen. Seht nur: Wie grimmig an der Brücke die Götterwächter stehen! Wie schaurig in den Fluten sich Sünderseelen quälen! Kupferschlangen, Eisenhunden sind sie zum Verzehr; Wer einmal hier hineinfällt, hat keinen Ausweg mehr! Ein Gedicht besagt: Man hört die Geister heulen, Ringsum die Götter klagen, Wo zehntausend Klafter hoch Des Blutes Fluten wogen. Die mit Rinds-, Pferdeköpfen Von der grimmigsten Statur; An der Brücke ohne Ausweg Wachen sie in großer Schar. Inzwischen hatten sich die Brückenboten längst entfernt. Von Angst und Grauen gepackt, folgte Kaiser Taizong dem Richter und dem Marschall über den schrecklichen Naihe-Fluss, diese blutige Stätte der Bitternis. Vor ihnen lag nun die Stadt der zu Unrecht Verstorbenen. Lautes Stimmengewirr erscholl bei ihrer Ankunft, und man konnte deutlich die Worte hören: »Li Shimin ist da, Li Shimin ist da!« In nacktem Entsetzen gewahrte Taizong, wie sich von dort eine Schar Geistergestalten herandrängte, die mit geknickten Rücken, gebrochenen Armen oder gar ohne Kopf auf ihn zukamen und schrien: »Gib uns das Leben zurück! Gib uns das Leben zurück!« Taizong konnte sich ihrer nicht erwehren und schrie verzweifelt: »Hilfe, rettet mich, Richter Cui!« »Majestät«, sprach dieser, »es sind dies die Seelen der Menschen, die auf all Euren vielen Schlachtfeldern gestorben sind, oder der zahlreichen von Euch umgebrachten Aufständischen. Sie alle sind durch Unrecht zu Tode gekommen, es sind Seelen, um die sich niemand kümmert, daher können sie nicht zur Wiedergeburt aufsteigen und haben weder Geld noch Reiseverpflegung. Ich kann Eure Majestät nur retten, wenn Ihr ihnen Geld gebt.« »Aber ich bin mit leeren Händen gekommen, woher soll ich Geld nehmen?« »In der Welt der Lebenden, Majestät, lebt ein Mensch, der bei uns in der Unterwelt Gold und Silber angelegt hat. Ihr mögt auf Euren Namen einen Schuldschein ausstellen; ich geringer Richter werde Euch als Bürge dienen. Auf diese Weise könnt Ihr vorübergehend einen seiner Speicher ausleihen und das Geld an diese hungrigen Geister verteilen. Dies ist der einzige Weg, wie Ihr hier fortkommt.« »Wer ist es denn?« »Es ist ein Bürger von Kaifeng mit Namen Xiang Liang. Er besitzt hier dreizehn Schatzkammern voller Gold und Silber. Wenn Ihr hier etwas von ihm ausleiht, braucht Ihr es nur in der Welt der Lebenden zurückzuzahlen.« Taizong war erleichtert, nur zu gern wollte er auf seinen Namen eine Anleihe machen. So schrieb er einen Schuldschein für eine Schatzkammer voller Gold und Silber, überreichte ihn dem Richter und hieß den Marschall, die Geister zu vertreiben. Richter Cui befahl ihnen: »Teilt diese Reichtümer für eure Erlösung gleichmäßig unter euch auf und lasst den werten Herrn des Großen Kaiserreichs weitergehen; seine Lebenszeit ist noch lange nicht um. Ich werde ihn beauftragen, in der Welt der Lebenden eine große Zeremonie für die unerlösten Seelen zu Wasser und zu Lande abzuhalten, damit ihr die Erlösung findet. Und nun lasst ihn in Ruhe.« Die Geister nahmen den Gold- und Silbersegen und zogen unter Dankesgemurmel ab. Nun hieß der Richter den Marschall, das Seelenbanner zu schwenken, und führte Taizong aus der Stadt der zu Unrecht Verstorbenen hinaus, einer breiten, ebenen Straße entgegen. Lange hatten sie sich gleichsam schwebend voranbewegt, bis sie schließlich zum Ort der »Sechs Pfade der Wiedergeburt« kamen. Hier sah man auf Wolken schwebende Gestalten in regenbogenfarbenen Umhängen, Ordensträger mit vergoldeten Fisch-Anhängern am Gürtel, Mönche und Nonnen, Laienbrüder und Laienschwestern buddhistischer oder daoistischer Glaubensrichtung, Säugetiere und Geflügel, Geister und Unholde, Kobolde und Trolle, die sich alle in endlosen Strömen auf das Rad der Wiedergeburten hinbewegten, um den für sie bestimmten Pfad einzuschlagen. »Was hat dies zu bedeuten?« fragte der Kaiser. »Majestät, hier erschaut Ihr das Herz und das wahre Wesen. Prägt Euch dies ein und verkündet es den Menschen in der Welt der Lebenden! Das hier wird der Sechsfache Pfad der Wiedergeburten genannt: Diejenigen, die im Leben Wohltaten vollbrachten, werden in den Pfad der Unsterblichkeit erhoben; diejenigen, die ihre Loyalität erwiesen haben, steigen in den Pfad der Adligen auf, die Pietätvollen werden im Pfad des Glücks wiedergeboren, die Gerechten werden von neuem den Pfad der Menschen betreten, die Tugendhaften werden den Pfad des Reichtums begehen, die Boshaften aber werden auf den Pfad der Geister sinken.« Auf diese Worte nickte Taizong und sprach seufzend: »Gut ist es, o wunderbar Wohltat uns vor Leid bewahr’; Leugne die Vergeltung nie, Götter kümmern sich um sie!« Der Richter führte Taizong bis vor das Tor zum Pfad der Adligen, wo er sich verbeugte und rief: »Majestät! Hier ist der Ausgang, ich muss mich verabschieden. Marschall Zhu wird Euch noch ein Stück begleiten.« »Habt Dank, mein Herr, für Euer Geleit!« sprach Taizong, und der Richter schärfte ihm ein: »Vergesst auf keinen Fall, in der Welt der Lebenden eine ›Große Zeremonie für die unerlösten Seelen zu Wasser und zu Lande‹ zu veranstalten, damit diese verwahrlosten unschuldigen Seelen erlöst werden können. Nur wenn die Welt der Finsternis frei ist von Groll und Hass, wird es den Menschen in der Welt des Lichts vergönnt sein, in Frieden zu leben. Alles, was nicht zum Guten steht, kann Schritt für Schritt verbessert werden. Bewegt alle Menschen auf Erden dazu, Gutes zu tun, dann ist Euch reicher Nachwuchs und ein immerwährendes Imperium sicher.« »Habt Dank, mein Herr, für Euer Geleit!« sprach Kaiser Taizong. Der Kaiser hatte sich das Gehörte Wort für Wort eingeprägt. Nun verabschiedete er sich von Richter Cui und folgte Marschall Wei zum Tor. Als der Marschall sah, dass unter dem Torbogen ein gesattelter und gezäumter Falben mit schwarzer Mähne bereitstand, bat er den Kaiser sogleich aufzusitzen, worauf das Pferd pfeilschnell davongaloppierte und binnen kurzem ans Ufer des Flusses Wei gelangte. Im Wasser waren zwei goldene Karpfen zu sehen, die in spielerischem Kampf durch die Wellen spritzten. Wie gebannt von diesem Anblick brachte der Kaiser sein Pferd zum Stehen und schaute nur noch den Fischen zu, während der Marschall ihm zurief: »Eilt, Majestät, Ihr müsst rechtzeitig durch das Stadttor kommen!« Doch der Kaiser konnte sich nicht von ihrem Treiben losreißen. Schließlich packte ihn der Marschall am Fuß und schrie: »Los, worauf wartet Ihr noch!« Er stieß den Kaiser vom Sattel, so dass dieser mit einem lauten Platschen im Fluss landete. Auf diese Weise verließ Taizong das Jenseits und kehrte zurück in die Welt des Lichts. Doch berichten wir nun, wie sich am Hof der Tang- Dynastie alle zivilen und militärischen Hofbeamten um den Kronprinzen, die Kaiserin, die Konkubinen und die Palastdamen kümmerten, welche in der Halle des Weißen Tigers Trauerklage hielten. Gleichzeitig wurden die Bekanntmachung des Todesfalles und die Einsetzung des Kronprinzen besprochen. Da rief Wei Zheng, der dabeistand: »Langsam, meine Herrschaften! Lasst uns noch einen Tag zuwarten, unser Kaiser wird seine Seele wiedererhalten.« Da trat Xu Jingzong aus den unteren Reihen vor und sprach: »Was Kanzler Wei hier sagt, ist absurd. Seit ältester Zeit heißt es doch: ›Vergossenes Wasser lässt sich nicht auffangen, Verstorbene lassen sich nicht ins Leben zurückrufen.‹ Warum erzählt Ihr solchen Unsinn?« »Ich will Euch nicht verhehlen, werter Herr Xu, dass ich von Kindsbeinen an in den daoistischen Künsten bewandert bin und sehr präzise Voraussagen machen kann. Ich garantiere Euch, dass unser Herrscher nicht gestorben ist.« Seine Worte waren noch nicht verklungen, als man plötzlich aus dem Sarg die Rufe vernahm: »Ich ertrinke! Ich ertrinke!« Sämtliche Hofbeamten waren starr vor Entsetzen; Kaiserin und Konkubinen zitterten vor Angst. Wer hätte da gewagt, sich dem Sarg zu nähern! Dank sei dem aufrechten Xu Maogong, dem scharfsinnigen Kanzler Wei, dem furchtlosen Qin Shubao und dem kühnen Jingde! Sie traten vor, berührten den Sarg und riefen: »Majestät! Sagt uns, wenn Euch etwas auf dem Herzen liegt. Doch verschont uns und Eure Verwandten mit Spuk!« »Es ist kein Spuk«, wandte Wei Zheng ein. »Unser Kaiser hat seine Seele wiedererhalten. Schnell, bringt Werkzeuge!« Der Sarg wurde geöffnet. Tatsächlich saß Taizong darin und rief noch immer: »Ich ertrinke! Wer hilft mir denn?« Maogong und die anderen stützten ihn und sprachen ihm zu: »Erwacht, Majestät, fürchtet Euch nicht! Eure Untertanen wachen bei Euch.« Da schlug der Kaiser die Augen auf und sprach: »Bitter ist es mir ergangen: Kaum bin ich den bösen Geistern entkommen, musste ich im Wasser ertrinken!« »Wie denn, Majestät?« fragten die Hofbeamten. »Ich bin gerade zum Fluss Wei geritten, wo ich zwei Fische spielen sah. Da hat mich Marschall Zhu hinterhältig in den Fluss gestoßen, dass ich beinahe ertrunken wäre.« »Seine Majestät hat sich von der Geisterwelt noch nicht vollständig abgelöst«, sagte Wei Zheng. Eilends beauftragte er die Palastakademie für Medizin, einen beruhigenden Kräutertrank zu bringen, und ließ Reissuppe mit etwas Fleisch zubereiten. Nachdem Taizong einige Schalen eingenommen hatte, fand er wieder zu sich und wurde sich der Menschenwelt bewusst. Drei Tage und drei Nächte waren vergangen, seit er gestorben war, und nun kehrte er von neuem als Herrscher ins Diesseits zurück! Bald wurde es Abend, die Minister baten den Kaiser in sein Schlafgemach und traten dann ab. Am folgenden Morgen legten alle die Trauerkleidung ab und kleideten sich in festlich bunte Gewänder. In roten Amtsroben und schwarzer Kappe, mit purpurnen Quasten und goldenen Insignien harrten alle vor dem Palasttor des kaiserlichen Befehls. Kaiser Taizong aber erhob sich nach einem tiefen, erquickenden Schlaf erst bei Tagesanbruch und begab sich alsbald in würdevoller Haltung zur Audienzhalle. Dort versammelte er alle zivilen und militärischen Hofbeamten, welche nach dem zeremoniellen Stirnaufschlag mit dem dreimaligen Ruf: »Lang lebe der Kaiser!« der Rangordnung nach ihre Plätze einnahmen. Dann ließ der Kaiser verkünden: »Wer eine Meldung hat, möge vortreten; die Übrigen können abtreten.« Da traten vom Ostflügel Xu Shiji und Wei Zheng vor, vom Westflügel Yin Kaishan und Hu Jingde, schritten gemeinsam vor den Thron, vollzogen einen Stirnaufschlag und fragten: »Majestät, wie kam es, dass Ihr aus Eurem Traume erst nach so langer Zeit erwacht seid?« Taizong schilderte ausführlich, was sich in der Unterwelt zugetragen hatte, und fügte hinzu: »Beim Abschied von den Zehn Königen habe ich versprochen, ihnen zum Dank Kürbisse zu bringen. Nachdem wir den Senluo-Palast verlassen hatten, sah ich außerdem zahllose Untreue und Lieblose, all die Lasterhaften und Ungerechten, die Verschwender von Nahrungsmitteln, die Heuchler und Betrüger, die Falschmünzer, Vergewaltiger, Räuber, Erpresser, Gauner, Lüsternen und Schwindler, die in der Unterwelt unter Qualen zermalmt, verbrannt, gemartert und zerrieben oder mit Brand, Erhängen oder Häutung bestraft werden. Es sind deren Tausende und Abertausende, mehr als man zu sehen vermag. Weiter bin ich in die Stadt der zu Unrecht Verstorbenen gekommen, wo mir unzählige Geister den Weg versperrt haben. Zum Glück stand mir Richter Cui als Bürge bei, so dass ich schließlich von einem Herrn Xiang aus der Provinz Henan eine Schatzkammer voll Gold und Silber borgen und an die Geister verteilen konnte, damit sie mir endlich den Weg freigaben. Richter Cui hat mich beauftragt, für diese einsamen Seelen eine Erlösungszeremonie zu veranstalten, sobald ich zurück im Diesseits bin.« Nachdem die Minister all dies vernommen hatten, sprach ein jeder dem Kaiser seinen Glückwunsch aus. Wie anschließend eine Bekanntmachung im ganzen Reiche verbreitet wurde und jeder Hofbeamte eine festliche Denkschrift einreichte, sei hier nicht weiter ausgeführt. Erzählen wir stattdessen, wie Taizong ein Edikt erließ, in dem er kundtat, alle Häftlinge im ganzen Reich zu amnestieren. Gemäß Untersuchungen befanden sich über vierhundert Schwerverbrecher und zur Erhängung oder Enthauptung verurteilte Gefangene in den Palastkerkern. Taizong ließ alle zu ihren Familien zurückkehren, um sich von Eltern und Geschwistern verabschieden zu können, bevor sie ein Jahr danach vor Gericht zu erscheinen hatten, um ihre verdiente Strafe entgegenzunehmen. Die Gefangenen bedankten sich für die Gnade und entfernten sich. Des Weiteren erließ er ein Dekret zur Unterstützung der Verwaisten und ließ 3600 Palastdamen zur Vermählung mit Armeemitgliedern erwählen. Von da an war alles in und um den Kaiserhof zum Besten bestellt. Schließlich verfasste Taizong eine weitere Bekanntmachung zur Aushängung im ganzen Reich. Der Text lautete: »Erhaben sind Qian, der Himmel, und Kun, die Erde! Spiegelklar sind sie von Sonne und Mond erleuchtet. Endlos weit und groß ist unser Kosmos! Himmel und Erde dulden keine Frevler. Wer hinterhältig und verschlagen handelt, den trifft Vergeltung noch in diesem Leben. Wer aber gebefreudig und bescheiden lebt, der wird das Glück nicht erst im nächsten Leben finden. Besser denn tausend Listen zu schmieden, ist es, die rechte Plicht zu üben. Was gelten zehntausend Räuber und Diebe gegen einen, der bescheiden sich dem Schicksal fügt? Wer selbst von Herzen die Barmherzigkeit ausübt, braucht nicht die Heiligen Schriften zu studieren; wer aber anderen zu schaden trachtet, der hat den Sutren-Kanon umsonst gelesen.« Von da an war keiner mehr auf Erden, der nicht gute Taten vollbrachte. Nun ließ Taizong verkünden, dass er eine Person suche, welche Kürbisse in die Unterwelt bringen würde. Außerdem schickte er seinen Minister Hu Jingde mit Gold und Silber einer ganzen Schatzkammer nach Kaifeng in der Provinz Henan, um Xiang Liang die Schulden zurückzuzahlen. Einige Tage nachdem diese Verkündigung ausgehängt worden war, meldete sich ein Freiwilliger, der sich bereit erklärte, die Kürbisse zu überbringen. Der Mann kam aus Junzhou, hieß mit Nachnamen Liu und mit Vornamen Quan und entstammte einer begüterten Familie. Weil seine Frau Li Cuilian draußen vor dem Hauseingang ihre goldene Haarnadel einem Mönch als Almosengabe gespendet hatte, hatte er sie gescholten und ihr vorgeworfen, sich nicht so zu verhalten, wie es einer Frau gezieme, und unerlaubt das Frauengemach zu verlassen. Frau Li konnte diese Schmähung nicht verkraften und erhängte sich. Sie hinterließ zwei kleine Kinder, die nun Tag und Nacht um sie weinten. Liu Quan konnte das nicht weiter mitansehen; lieber wollte er sein Leben aufgeben und die Kürbisse mit in den Tod nehmen. Er nahm also das Schreiben und erschien vor dem Kaiser, der verlauten ließ, er solle sich in die Halle zum Goldenen Pavillon begeben, sich zwei Kürbisse auf den Kopf setzen, die Ärmel mit Totengeld aus Papier füllen und eine Pille einnehmen. Tatsächlich schluckte Liu Quan das Gift und starb. Die kleine Seele mit den Kürbissen auf dem Haupt kam bald vor das Geistertor, erklärte den Geisterwächtern den Grund ihres Kommens und wurde freudig empfangen. So kam sie auf direktem Weg zum Senluo-Palast, sprach bei König Yama vor und überreichte die Kürbisse mit den Worten: »Auf Geheiß des Kaisers der Tang- Dynastie bringe ich zum Danke für die Gunst der Zehn Könige von weit her diese Kürbisse.« »Welch ein verlässlicher und tugendhafter Kaiser!« lobte König Yama erfreut. Dann nahm er die Kürbisse entgegen und erkundigte sich nach Namen und Herkunft des Überbringers. »Geringer Untertan ist Bürger der Stadt Junzhou mit Namen Liu Quan. Meine Gemahlin aus der Sippe Li hat sich erhängt und ihre zwei Kinder zurückgelassen, so dass ich gerne Haus und Kinder aufgegeben habe, um für unseren Kaiser diese Kürbisse zu überbringen.« Auf diese Worte ließen die Zehn Könige die Dame Li ausfindig machen, um sie Liu Quan zuzuführen. Doch ein Blick in das Buch der Lebenden und Toten zeigte, dass den beiden ein an Unsterblichkeit grenzendes Alter beschieden war. Sofort wurde ein Geisterbote beauftragt, sie zurückzuschicken. Doch bald trat der Geisterbote vor und sprach: »Li Cuilian befindet sich schon zu lange in der Unterwelt, ihr Körper besteht nicht mehr. Wohin sollen wir mit der Seele?« Da erklärte König Yama: »Li Yuying, die Schwester des Kaisers, muss heute sterben. Lasst die Seele in ihren Körper einfahren.« Wie geheißen führte der Bote Liu Quan und seine Frau sogleich aus der Unterwelt. Und da wir nicht wissen, wie deren Seelenrückgabe vonstattenging, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第012回 / 12. Kapitel Der Kaiser kürt die Geistlichen für eine große Feier / Guanyin offenbart sich und weiht Goldzikade ein Berichten wir nun, wie der Geisterbote mit Liu Quan und seiner Frau die Unterwelt verließ und geradewegs in die Reichshauptstadt Chang’an kam, wo er die Seele von Liu Quan in die Halle zum Goldenen Pavillon stieß und die Seele von Cuilian in den Innenhof des Palastes führte. Im Palastgarten konnte man gerade Prinzessin Yuying sehen, die im Schatten blühender Sträucher auf dem grünen Moosboden lustwandelte, als sie plötzlich vom Geisterboten heftig vor die Brust gestoßen wurde und zu Boden stürzte. Der Bote riss ihr die Seele aus dem Leib, stieß Cuilians Seele hinein und huschte zurück in die Unterwelt. Die Palastzofen aber, die mitangesehen hatten, wie die Prinzessin gestürzt und gestorben war, eilten atemlos in den Palast der Kaiserin und meldeten: »Unsere Prinzessin ist gestorben!« Erschrocken verständigte die Kaiserin umgehend den Kaiser Taizong. Der aber nickte seufzend und sprach: »Ja, die Nachricht ist sicher wahr. Als ich damals die Zehn Höllenkönige nach dem Befinden meiner Nächsten gefragt habe, war die Antwort: ›Eure Schwester lebt womöglich nicht mehr lange.‹ Nun ist es also geschehen.« Wehklagend eilten die Leute des ganzen Palastes herbei. Doch während alle unter den blühenden Sträuchern standen, bemerkte man, dass die Prinzessin noch schwach atmete. »Klagt nicht, klagt nicht!« mahnte Kaiser Taizong, »wir wollen sie nicht erschrecken.« Er kniete neben ihr zu Boden, hob mit eigener kaiserlicher Hand ihren Kopf an und rief: »Erwache, Schwester! Erwache!« Da drehte sich die Prinzessin plötzlich um und rief: »Langsam, mein Gatte, warte auf mich!« »Kaiserliche Schwester«, sprach Taizong ihr zu, »wir sind alle bei dir.« Da hob sie den Kopf und starrte ihn an. »Wer bist du, dass du mich zu berühren wagst?« fragte sie ungehalten. »Ich bin dein kaiserlicher Bruder, und dies ist deine kaiserliche Schwägerin.« »Ich habe weder einen kaiserlichen Bruder noch eine kaiserliche Schwägerin. Mein Name ist Li, mein Mädchenname Li Cuilian, und mein Gatte heißt Liu Quan, beide sind wir aus Junzhou. Als ich vor drei Monaten vor unserem Hauseingang einem Mönch Almosen gab, hat er mich beschuldigt, ich hätte unerlaubt die Frauengemächer verlassen. Weil ich diese Demütigung nicht ertragen konnte, habe ich mich mit einem weißen Seidenschal erhängt. Weil mein Gatte vom Kaiser mit einer Sendung Kürbisse in die Unterwelt geschickt worden ist, hat König Yama Mitleid gehabt und uns beide zurückgeschickt. Mein Gatte ging voraus, doch ich war zu langsam und konnte ihn nicht einholen, schließlich bin ich gestolpert und umgefallen. Wie unhöflich von Euch, mich einfach so zu berühren!« Taizong wandte sich an die Umstehenden: »Die kaiserliche Schwester muss von ihrem Fall bewusstlos geworden sein, sie deliriert.« Er gab Befehl, in der Palastakademie für Medizin nach Arznei zu schicken, und geleitete Yuying in die Palasthalle. Als der Kaiser schließlich wieder in der Audienzhalle weilte, traf die Meldung ein: »Majestät, der Kürbisbote Liu Quan ist auferstanden. Er wartet draußen auf Einlass.« Der Kaiser erschauderte. Hastig erteilte er den Befehl, Liu Quan eintreten zu lassen, und befragte ihn, wie die Überbringung der Kürbisse vonstattengegangen sei. Liu Quan berichtete: »Euer Untertan gelangte mit den Kürbissen zum Senluo-Palast, traf dort die Zehn Höllenkönige und überreichte ihnen die Kürbisse. König Yama freute sich sehr und lässt unserem Kaiser vielen Dank ausrichten. Daraufhin fragte er nach Herkunft und Namen Eures Untertans, und als er vernahm, dass meine Gattin sich erhängt hatte, ließ er sie von einem Geisterboten holen, so dass wir uns sehen konnten. Im Buche der Lebenden und Toten stand aber geschrieben, dass uns beiden ein an Unsterblichkeit grenzendes Alter bestimmt sei. Wir wurden darum von einem Geisterboten zurückgebracht. Ich bin vorangegangen, und meine Gattin folgte mir. Nun bin ich zwar glücklicherweise wieder am Leben, doch weiß ich nun nicht, wo meine Gattin hingekommen sein mag?« Bestürzt fragte der Kaiser: »Sagte König Yama Euch etwas über Eure Gattin?« »Eigentlich nicht, ich hörte bloß, wie der Geisterbote meldete: ›Li Cuilian ist schon seit längerem in der Unterwelt, ihr Körper besteht nicht mehr.‹ Worauf König Yama antwortete: ›Li Yuying, die Schwester des Kaisers, muss heute sterben, lasst Cuilians Seele in ihren Körper einfahren.‹ Nur weiß Euer Untertan leider nicht, wer des Kaisers Schwester ist und wo sie wohnt. Außerdem konnte ich mich noch gar nicht auf die Suche machen.« Diese Nachricht erfüllte den Kaiser mit Freude. An seine Minister gewandt, erklärte er: »Damals, als ich mich von König Yama verabschiedete, habe ich mich nach dem Befinden unserer kaiserlichen Familie erkundigt, worauf er zur Antwort gab, die kaiserliche Schwester werde wahrscheinlich nicht mehr lange leben. Was Yuying nach ihrem Sturz im Garten gesagt hat, stimmt mit den Worten Liu Quans überein.« Da meldete sich Wei Zheng und sprach: »Es kann in der Tat vorkommen, dass eine Seele in einen Leihkörper eingeht. Man möge die Prinzessin rufen, um zu schauen, was sie uns zu sagen hat.« Der Kaiser meinte: »Eben habe ich der Palastakademie für Medizin Befehl erteilt, Arznei zu bringen. Wie es ihr wohl gehen mag?« Umgehend schickte er eine Konkubine in die Frauengemächer, um die Prinzessin herzubitten. Diese aber schimpfte gerade ungehalten vor sich hin: »Warum soll ich Medizin schlucken? Das ist doch nicht mein Zuhause! Ich wohne in einem schlichten Ziegelhaus, nicht in derart gelbsüchtigen Räumen mit schwülstigen Torflügeln! Lasst mich raus! Lasst mich raus!« Während sie noch protestierte, erschienen vier oder fünf Kämmerinnen und Eunuchen, die sie zur Audienzhalle führten. Sowie sie vor der weißen Jadetreppe Liu Quan erblickte, packte sie ihn am Arm und rief vorwurfsvoll: »Wo bist du denn hin, ohne auf mich zu warten? Ich bin gestolpert, und plötzlich sind da lauter fremde Leute und schwatzen auf mich ein. Was soll das bedeuten?« Liu Quan hörte nun freilich die vertraute Stimme seiner Gattin, doch die Person, die er sah, war nicht seine Frau. Er wagte sie nicht anzuerkennen. »Wahrhaftig«, sprach der Kaiser: »Von Bergstürzen und Erdbeben Mag man Zeuge werden, Selten aber sieht man einen Für den anderen sterben!« Was für ein vorbildlicher Herrscher er war! Er ließ nämlich sämtliche Schminkkästchen, Kleider und Schmuckstücke seiner Schwester Liu Quan überreichen, gerade so, als wäre es ein Vermählungsgeschenk; außerdem verfasste er ein kaiserliches Dekret, in dem er ihn auf Lebzeiten vom Frondienst freisprach. Anschließend hieß er Liu Quan, die kaiserliche Schwester nach Hause zu führen. Die beiden Eheleute vollzogen vor der weißen Jadetreppe Kotaus zum Dank und zogen freudestrahlend heim nach Junzhou, wo sie ihr Heim und ihre Kinder wohlbehalten wiederfanden. Wie die beiden nun den glücklichen Ausgang ihrer Geschichte verkündeten, sei hier nicht weiter ausgeführt. Wenden wir uns stattdessen General Yuchi zu, der mit dem Gold und Silber einer ganzen Schatzkammer des Kaiserpalastes nach der Stadt Kaifeng in die Provinz Henan gefahren war. Wie sich herausstellte, war besagter Herr Xiang Liang ein Wasserverkäufer, der zusammen mit seiner Frau, gebürtig aus der Sippe Zhang, vor dem Hause irdene Töpferwaren feilbot. Alles, was von den bescheidenen Einkünften über den unmittelbaren Bedarf hinausging, nutzte er für Spenden oder Mönchsalmosen sowie für aus Silber- und Goldpapier gefaltete Goldbarren, die er als Totengeld opferte. Daher rührte jener Segen. Während er dieses Leben als gütiger armer Mann verbrachte, würde er nach dem Tode als angesehener Bürger mit Bergen von Gold und Jade im Jenseits weilen. Als General Yuchi nun zusammen mit örtlichen Regierungsbeamten die Gold- und Silberschätze heranfuhr und die Strohhütte auf einmal von Rossen und Wagen umringt wurde, waren die alten Leutchen sprachlos vor Verblüffung. Sie fielen auf die Knie und wussten nichts, als unablässig Kotaus zu vollziehen. »Erhebt euch«, sprach General Yuchi und erklärte: »Ich bin ein Abgesandter des Kaisers. Was ich euch hier bringe, ist nicht mehr als das, was unser Kaiser bei euch an Gold und Silber ausgeliehen hat.« Furchtsam erwiderte Xiang Liang: »Ich Unbedeutender habe keinerlei Darlehen vergeben, wie könnte ich es wagen, diese rätselhaften Reichtümer anzunehmen?« »Ich habe bereits erfahren, dass ihr arm seid. Doch da ihr stets Mönche verköstigt und Almosen spendet, hat sich im Jenseits ein großes Vermögen angehäuft. Es hat sich nämlich zugetragen, dass unser Kaiser, der kürzlich aus dem Tode wiederauferstand, in der Unterwelt eine Eurer Schatzkammern voller Gold und Silber ausleihen musste; Höllenrichter Cui war Zeuge. Aus diesem Grunde bringe ich euch heute das Vermögen im selben Wert zurück. Nehmt es bitte an, dann kann ich dem Kaiser Rückmeldung erstatten.« Die beiden Leutchen falteten die Hände gen Himmel. Wie hätten sie je eine solche Gabe anzunehmen gewagt! »Wenn ich Unbedeutender diese Schätze annehmen würde«, sprach Xiang Liang, »dann müsste ich gewiss früher sterben. Selbst wenn sie aus verbranntem Totengeld im Jenseits stammen mögen, ist das doch eine fragwürdige Angelegenheit. Seine Majestät, unser Kaiservater, mag sie wohl im Jenseits geborgt haben, doch was gibt es für einen Beweis? Nein, lieber sterbe ich, als dass ich dies annehme.« Angesichts dieser eindringlichen Weigerung blieb General Yuchi nichts anderes übrig, als ein Schreiben an den Thron zu verfassen. »Was für ehrbare und gutherzige Bürger!« entfuhr es Taizong, als er das Schreiben zu Gesicht bekam. Sogleich ließ er Yuchi Jingde den Befehl zukommen, er möge die Gelder zur Errichtung eines Tempels verwenden, darin den beiden Alten einen Schrein zu Lebzeiten weihen und Mönche einladen, wohltätige Veranstaltungen zu pflegen. Dies möge ebenso als Abzahlung gelten. Noch am selben Tag, an dem die Antwort des Kaisers eingetroffen war, erwarb General Yuchi in der Stadt ein unbenutztes Gelände von fünfzig Mu114 und ließ mit den Bauarbeiten beginnen. Der Tempel wurde »Kaiserlicher Kanzler-Tempel« genannt. Links kam der Schrein mit den Statuen von Xiang Liang und seiner Frau zu stehen, und auf einer Stele wurden die Worte eingemeißelt: »Errichtet unter Aufsicht von General Yuchi«. Dieser Tempel ist der heute noch bestehende »Große Kanzler-Tempel«.115 Die Fertigstellung wurde dem Hof gemeldet, und Taizong zeigte sich äußerst zufrieden. Nun ließ er ein Schreiben aushängen, in dem Mönche aufgefordert wurden, an der Veranstaltung einer Erlösungsfeier für die einsamen Geister des Totenreiches teilzunehmen. Das Schreiben zirkulierte im ganzen Reich, so dass überall Lokalbeamte tugendhafte Mönche erwählten und nach Chang’an zur Veranstaltung schickten. Es war kein Monat vergangen, da hatten sich schon die meisten Mönche in der Hauptstadt versammelt. Der Kaiser beauftragte Fu Yi, den Vorsteher des Astronomischen Amtes, mit der Auswahl eines hohen Geistlichen, der die buddhistische Veranstaltung leiten sollte. Doch Fu Yi verfasste umgehend eine Eingabe an den Thron, deren Text lautete: »Die Lehre aus dem Westen verleugnet die Autorität des Herrschers gegenüber dem Untertan, des Vaters gegenüber dem Sohn. Sie verblendet die Einfältigen mit Theorien wie den Drei qualvollen Pfaden oder dem Sechsfachen Pfad der Wiedergeburt und macht sie glauben, durch Rezitieren von Sanskrit-Sprüchen könnte man sich vor Vergeltung drücken. In Wirklichkeit sind Leben und Tod wie auch die Dauer des Lebens naturgegeben; Lohn und Strafe, Furcht und Glück hingegen erreichen uns durch menschliche Macht. Desungeachtet wird heutzutage im Volke behauptet, all dies käme allein von Buddha. Dabei gab es den Buddhismus zu Zeiten der Drei Kaiser und Fünf Könige noch gar nicht, doch damals waren die Herrscher so weise und ihre Untertanen so treu, dass ihre Herrschaftszeiten äußerst lange währten. Erst unter Kaiser Ming der Han-Dynastie wurden jene fremden Götter eingeführt, doch nur durch buddhistische Mönche aus dem Westen, die ihre eigene Lehre verbreiten wollten. Es mangelt dieser daher an Glaubwürdigkeit.« Taizong brachte diese Eingabe zur Erörterung vor seine Minister. Da trat der Kanzler Xiao Yu vor und sprach: »Die buddhistische Lehre floriert seit vielen Dynastien; durch sie wird das Gute verbreitet, dem Bösen gewehrt und das Reich gesegnet. Es gibt keinen Grund, sie zu verwerfen. Buddha war ein Weiser, und wer einen Weisen verleugnet, der handelt wider Recht und Vernunft. Ich fordere, dass der Verfasser dieser Eingabe streng bestraft wird.« Fu Yi widersetzte sich Xiao Yu mit dem Einwand, dass der Kern der Riten doch gerade darin bestehe, den Eltern und dem Herrscher zu dienen, während Buddha hingegen seine Familie verlassen habe, um als Mönch zu leben, womit er sich als Bürger dem Herrscher und als Sohn den Eltern widersetzt habe. Xiao Yu, fuhr er fort, sei schließlich auch nicht ohne Eltern zur Welt gekommen, dennoch akzeptiere er eine Lehre, in der die väterliche Autorität nicht anerkannt würde. Auf ihn treffe der Spruch zu: »Wer die Pflicht der Kindesliebe verkennt, ist unmenschlich.« Xiao Yu aber faltete die Hände und versetzte: »Genau für Leute wie diesen wurde die Hölle eingerichtet.« Da rief Taizong Minister Zhang Daoyuan und Kanzler Zhang Shiheng herbei und befragte sie, wie geeignet der Buddhismus sei, um Segen zu erwirken. Die Minister antworteten: »Im Buddhismus geht es um Klarheit und Reinheit, Menschlichkeit und Vergebung, seine Quintessenz ist die Leerheit der Buddha-Natur. Kaiser Wu der Nördlichen Zhou-Dynastie stellte die drei Religionen in eine Rangfolge. Es gibt eine tiefgründige Lobschrift auf Zenmeister Dahui, die von vielen Generationen verehrt und verbreitet wurde, und als der Fünfte Patriarch die Wiedergeburt antrat, offenbarte sich Bodhidharma. Seit dem Altertum heißt es allenthalben, dass alle drei Religionen zutiefst verehrungswürdig sind und nicht vernichtet werden dürfen. Wir bitten ergebenst um das kaiserliche Urteil.« »Die Worte des Ministers sind vernünftig«, entschied Taizong erleichtert. »Wer weitere Einwände vorbringt, wird bestraft.« Anschließend beauftragte er Wei Zheng, Xiao Yu und Zhang Daoyuan, alle Mönche einzuberufen, um einen Geistlichen von hoher Tugend zum Zeremonialmeister zu erküren und ein Areal für die Zeremonie einzurichten. Schließlich verneigten sich alle und traten ab. Tags darauf unterzogen die drei Palastminister auf der Opfertribüne der Berge und Flüsse120 sämtliche Mönche einer eingehenden Prüfung. Die Entscheidung fiel auf einen tugendhaften Geistlichen aus dem Kloster Hongfu-Si, dem »Kloster zum Großen Segen«. Die Untersuchungen zeigten, dass er vortreffliche innere Grundlagen hatte und eine hohe moralische Integrität aufwies, zudem war er außerordentlich belesen, und es gab keine Gebete oder Gesänge, die er nicht beherrschte. Die drei Minister führten ihn sogleich vor den Kaiser, wo er die höfischen Begrüßungsriten in anmutigen Bewegungen vollführte. Anschließend sprach Xiao Yu: »Eure Minister haben auf erlauchten Befehl Eurer Majestät einen hohen Geistlichen auserwählt; sein Name lautet Chen Xuanzang.« Da verfiel Taizong in nachdenkliches Schweigen und fragte schließlich: »Ist das nicht der Sohn von Chen Guangrui?« Xuanzang vollzog einen Kotau und antwortete: »Euer Untertan ist es.« »Wahrhaftig, eine gute Wahl«, freute sich Taizong. »Hiermit ernenne ich dich zum Leiter buddhistischer Angelegenheiten des ganzen Reiches.« Mit einem Stirnaufschlag bedankte sich Xuanzang für die kaiserliche Huld. Taizong verlieh ihm eine fünffarbene, golddurchwirkte Priesterrobe und einen Priesterhut und sandte ihn zum Kloster Huasheng-Si, dem »Kloster der Geburt durch Wandlung«, um einen glückverheißenden Zeitpunkt für die Zeremonie zu bestimmen. Xuanzang verbeugte sich und trat ab. Nun begab er sich zum Huasheng-Kloster, wo er 1200 ältere und jüngere angesehene Geistliche versammelte, die er in drei Gruppen einteilte und der oberen, mittleren und unteren Klosterhalle zuwies. Dann wurden alle zeremoniellen Angelegenheiten ordentlich vorbereitet. Die Wahl des Zeitpunktes fiel auf den dritten Tag des neunten Mondmonats im dreizehnten Jahr der Ära Zhen’guan, denn dies war ein Tag mit glückverheißender astrologischer Konstellation. An diesem Datum sollte mit der sieben mal sieben Tage andauernden Zeremonie für die unerlösten Seelen zu Wasser und zu Lande begonnen, verschiedenste Heilige Schriften vorgetragen und erläutert werden. Xuanzang verfasste eine offizielle Throneingabe, in der er den Kaiser einlud, am besagten Tage zur Zeremonie zu erscheinen und persönlich Weihrauch zu opfern. Kaiser Taizong begab sich mit all seinen zivilen und militärischen Ministern zum Huasheng-Kloster. Am dritten Tag des Monats bestieg Taizong nach seiner Morgenaudienz die mit Phönixen und Drachen verzierte kaiserliche Kutsche und begab sich mit all seinen zivilen und militärischen Ministern zum Huasheng-Kloster. Dort befahl er, die Musikinstrumente ruhen zu lassen, stieg aus der Kutsche und schritt mit seinen Ministern im Gefolge vor den Altar, wo er sich mit Weihrauchstäbchen in den Händen vor den Buddhastatuen verneigte. Nachdem er die drei rituellen Umschreitungen des Altars vollzogen hatte, begrüßte er den Leiter buddhistischer Angelegenheiten Chen Xuanzang, und der Priester führte die Mönche dabei an, den Kaiser im Kreise mit tiefen Verbeugungen zu ehren. Nach diesem Ritual teilten sich alle wieder in ihre Gruppen auf und nahmen auf ihren Meditationssitzen Platz. Xuanzang überreichte Taizong den von ihm verfassten »Erlass zur Errettung der einsamen Seelen« zur Durchsicht. Der Inhalt lautete folgendermaßen: »Höchste Tugend ist endlos weit, die Lehre des Zen ist still und leer. Alle Drei Welten sind davon durchdrungen, einschließlich der Sphären von Leben und Tod. Angesichts der einsamen Seelen im Totenreich ist tiefstes Mitleid angebracht. Daher wurden nun auf erlauchten Befehl Seiner Hoheit zahlreiche Geistliche auserwählt und versammelt, um durch Meditationen und Predigten den Weg zur Erlösung aufzuzeigen und die Ruder der rettenden Barke der Barmherzigkeit in Bewegung zu setzen, auf dass allen Lebewesen im Meer der Bitternis geholfen werde, sich aus Leid und Krankheit und aus dem ewigen Kreislauf der Wiedergeburten zu erlösen. Auf den wahren Weg zurückgeführt, werden sie eingehen in den Urzustand der Welt. Mögen sie bei dieser Gelegenheit der Hölle entrinnen und in Bälde frei und unbeschwert im erhabenen Westen durch die reinen Gefilde der Glückseligkeit wandeln.« Taizong war äußerst zufrieden mit dem, was er gelesen hatte. Er wandte sich an die Mönche und sprach: »Verrichtet eure Arbeiten mit größter Sorgfalt. Nach Abschluss der Feierlichkeiten werde ich euch hohe Belohnungen erteilen, eure Arbeit ist keinesfalls umsonst.« Die Mönche berührten zum Dank mit der Stirn den Boden. Nachdem alle drei Klostermahlzeiten des Tages beendet waren, fuhr der Kaiser zurück. Wie der Priester am folgenden Morgen abermals seinen hohen Sitz bestieg und mit der versammelten Mönchsschar Sutren rezitierte, sei hier nicht weiter ausgeführt. Wenden wir uns stattdessen Bodhisattva Guanyin zu, die ja auf Anweisung Buddhas in Chang’an einen würdigen Pilger suchte, bisher aber noch nicht gefunden hatte. Als ihr zu Ohren kam, dass Taizong hohe Geistliche auserwählt hatte, eine große Zeremonie zu veranstalten, und dass der Leiter dieser Zeremonie niemand anderes war als der Flusslauf- Mönch, also jener einstige Buddhajünger, der aus dem Lande der Glückseligkeit herniedergestiegen und von Guanyin einst zur Wiedergeburt geführt worden war, freute sie sich außerordentlich. Unverzüglich trug sie die von Buddha erhaltene wunderschön geschmückte Priesterrobe und den Pilgerstab mit neun Ringen auf die Hauptstraße, wo sie zusammen mit Jünger Moksa beide Sachen zum Verkauf anbot. In Chang’an weilte zur selben Zeit auch ein einfältiger Mönch, der bei der Auswahl durchgefallen war; dieser hatte allerdings ein paar schmutzige Kupferstücke bei sich. Wie er die aussätzigen Mönche sah, die in Lumpen gekleidet, grindig und barfuß diese schöne Ware feilboten, die vor Pracht strahlte, trat er auf sie zu und rief: »He, ihr aussätzigen Mönche! Wie viel wollt ihr für das?« »5000 Silberlinge für die Robe, 2000 für den Pilgerstab«, gab die Bodhisattva zur Antwort. Der Mönch lachte: »Die Idioten sind ja übergeschnappt, für diese Dinger wollen sie 7000 Silberlinge! Selbst wenn man damit zu einem langen Leben käme oder meinetwegen gar ein Buddha würde, wären sie diesen Preis nicht wert. Behaltet das Zeug, könnt ihr eh nicht verkaufen.« Ohne sich auf Streit einzulassen, schritt Guanyin mit Moksa voran. Nach einiger Zeit kamen sie zum Osttor des Kaiserhofes, wo sie gerade auf den vom Palastdienst zurückkehrenden Kanzler Xiao Yu stießen. Vor ihm erkämpften sich seine Diener mit lautem Rufen und Stampfen einen Weg durch die Menge. Guanyin aber wich nicht von der Stelle, sondern trat mit der Robe auf den Kanzler zu. Dieser zügelte sein Pferd und musterte sie. Als sein Blick auf die prachtvoll schimmernde Robe fiel, schickte er einen Diener, nach dem Preis zu fragen. »Die Robe kostet 5000 Silberlinge, der Pilgerstab 2000«, war die Antwort. »Welcher Nutzen macht diese Dinge so kostspielig?« wollte Xiao Yu wissen. »Diese Robe hat sowohl ihren Nutzen als auch ihre Nachteile; sie ist sowohl kostspielig als auch kostenlos.« »Welches sind denn die Nutzen und Nachteile?« »Wer meinen Umhang trägt«, erwiderte Guanyin, »wird nie in ernste Not geraten, nicht in die Hölle kommen, ist gefeit vor Bosheit und vor wilden Tieren. Dies ist sein Nutzen. Jemand aber, der gierig, lüstern und schadenfroh ist, sich nicht an Abstinenz und Gebote hält, Heilige Schriften schändet oder Buddha verleumdet, der wird dem Anblick meiner Robe schwer standhalten können. Das ist ihr Nachteil.« »Und was ist das Kostspielige und das Kostenlose?« »Wenn einer, der den Buddhismus nicht in Ehren hält und den Drei Schätzen keine Achtung entgegenbringt, diese Robe und den Pilgerstab unbedingt kaufen will, dann verlange ich 7000 Silberlinge dafür. Das ist das Kostspielige daran. Wenn aber jemand die Drei Schätze achtet, sich des Guten erfreut und sich zu unserem Buddha bekennt, dann will ich ihm die Robe und den Pilgerstab mit Freuden schenken, einer guten Schicksalsverbindung willen. Das ist das Kostenlose daran.« Bei diesen Worten hatte sich Xiao Yus Gesicht erhellt. Wissend, dass es sich um gute Menschen handelte, stieg er aus dem Sattel, begrüßte sie und sprach: »Meister der Großen Lehre, vergebt Xiao Yu die Sünde. Unser Kaiser verwendet viel auf Wohltätigkeit; heute hat er gerade eine Große Zeremonie für die unerlösten Seelen zu Wasser und zu Lande eröffnen lassen, und Euer Umhang wäre äußerst passend für Hohepriester Xuanzang. Ich führe Euch gleich in den Palast vor den Thron.« Freudig folgte ihm Guanyin durch das Östliche Palasttor. Bald nachdem die Palasttorwache die Nachricht ihrer Ankunft weitergeleitet hatte, erhielten sie die Erlaubnis des Kaisers, sich in die Audienzhalle zu begeben. Xiao Yu führte die beiden grindigen Mönche vor die Außentreppe, wo sie stehen blieben. Als der Kaiser nach dem Grund ihres Kommens fragte, berichtete Xiao Yu eingehend, was sich eben zugetragen hatte. Taizong freute sich und fragte nach dem Preis der Robe. Ohne jegliche Geste von Ehrerbietung stand Guanyin mit Hui’an aufrecht vor der Treppe und antwortete: »Die Robe kostet 5000 Silberlinge, der Pilgerstab 2000.« »Was hat es mit der Robe auf sich, dass sie einen derart hohen Preis wert ist?« fragte der Kaiser. Guanyin sprach: »Diese Robe ist von Feen gefertigt, von Göttinnen gewoben, über und über durchwirkt mit indischen Lotosblüten, funkelnd und glitzernd behängt mit Perlen in Sternbildform. An allen vier Ecken sind Leuchtperlen und am Kragen ein Smaragd; oben gibt es Wunsch- und Mani-Perlen, Perlen gegen Staub und Wind. Dazu rote Achate, purpurne Korallen, Leuchtperlen und Reliquien, an den Borten Doppelreihen golddurchwirkter Knöpfe, um den Kragen weiße Jadekelche. Dazu gibt es ein Gedicht: Erhaben sind die Drei Juwelen, Hoch ist der wahre Weg zu preisen! Er umfasst die Wiedergeburten Und die vier Entstehungsweisen. Das Erkennen unseres Herzens Hilft die Menschheit zu erlösen; Und der Weisheit Licht wird kund Durch Gewahr vom tiefsten Wesen. Diese hehre Welt von Gold Schütze jenen, der sie trage; Sie macht Geist und Körper rein, Klar wie Eis im Jadekruge. Seitdem diese Priesterrobe Durch Buddha erschaffen wurde, Unterdrückt für alle Zeiten Niemand mehr des Mönchtums Würde!« Diese Worte freuten den Kaiser sehr. »Und was hat es mit dem Pilgerstab auf sich?« fragte er weiter, und Guanyin sprach: »Dieser Pilgerstab ist Aus Eisen und mit Kupfer intarsiert, Neun Ringe weist er auf in Reihen. Der Götterstab mit neun Segmenten Kann ewig Lebenskraft verleihen. Mit ihm zur Hand erscheint sogar Der wunderschöne Bambus fahl; Leichten Schrittes führt der Weg Entlang der weißen Wolken ins Tal. Es reiste einst der Fünfte Meister122 Damit in die Himmelshallen; Mit ihm suchte Moggallana Seine Mutter in den Höllen,123 Nicht ein Staubkorn dieser Welt Wird je an ihm haften bleiben, Froh wird er den Würdigen Hin zum Seelenberg begleiten.« Auf diese Worte befahl der Kaiser, die Robe auszubreiten, und betrachtete sie eingehend. Es war in der Tat ein kostbares Stück. »Ehrwürden der Großen Lehre«, hub der Kaiser an, »ich will Euch nicht verhehlen, dass wir heute eine große religiöse Zeremonie eröffnet haben; zur Zeit werden gerade im Huasheng-Kloster die Sutren rezitiert. Dort befindet sich ein Geistlicher von großer Tugend, sein Name lautet Xuanzang. Für ihn will ich Euch diese zwei Kostbarkeiten abkaufen. Wie viel wollt Ihr nun tatsächlich dafür?« Guanyin und Hui’an falteten die Hände und sprachen: »Buddha Amithaba! Ist er tugendhaft, so schenken wir ihm die Sachen mit Freuden. Auf keinen Fall wollen wir Geld annehmen.« Kaum hatten sie dies gesagt, wandten sie sich um und gingen. Sofort schickte der Kaiser Xiao Yu, die beiden aufzuhalten, dann neigte er sich achtungsvoll vor und fragte: »Eben habt Ihr noch 5000 Silberlinge für die Robe und 2000 für den Pilgerstab verlangt, und nun, da ich sie kaufen will, lehnt Ihr das Geld ab. Wollt Ihr damit sagen, ich würde meine Macht dazu missbrauchen, Euch die Sachen gewaltsam abzuverlangen? Das ist mitnichten der Fall. Ich vergüte Euch den genannten Preis, das darf auf keinen Fall abgelehnt werden.« Guanyin erhob eine Hand vor die Brust und sprach: »Majestät, ich habe ein Gelübde getan. Da ich sehe, wie sehr Eurer Majestät an reiner Tugend und aufrechter Güte gelegen ist, wie sehr Ihr unsere buddhistische Lehre achtet und wie gar ein hoher Geistlicher von großer Tugend in Wort und Tat die erhabene Lehre verkündet, ist es nur rechtens, dass wir diese Sachen ehrerbietig darbringen. Auf keinen Fall wollen wir Geld dafür.« Angesichts Guanyins ehrlicher Weigerung erteilte der Kaiser schließlich dem Hofamt für Festlichkeiten den Befehl, ein feierliches Dankesbankett zu veranstalten. Guanyin aber blieb beim Entschluss, nichts anzunehmen, und ging. Wie sie nun wieder in ihre heimliche Unterkunft im Erdgeisttempel zurückging, sei hier nicht weiter ausgeführt. Erzählen wir stattdessen, wie Kaiser Taizong eine mittägliche Audienz gab und Xuanzang vor den Thron rief. »Hochwürden«, begann Taizong, »ich habe nichts, mit dem ich Euch meinen Dank bekunden könnte. Doch da heute früh Xiao Yu zwei Mönche empfangen hat, die eine bestickte Robe und einen neunfach beringten Pilgerstab darbrachten, habe ich Euch hierhergerufen, Euch diese Sachen zu überreichen.« Xuanzang vollführte einen Stirnaufschlag und dankte für die hohe Gunst. »Hochwürden mögen die Robe umlegen, damit wir Euch darin sehen können.« Der Priester entfaltete die Robe, hängte sie sich über die Schultern und nahm den Pilgerstab zur Hand. Nun stand er in solcher Pracht und strahlenden Würde vor den Palaststufen, dass alle umstehenden Beamten in Rufe der Bewunderung ausbrachen. Des Kaisers Freude war groß. Er hieß den Priester, die Robe umgehängt und den Pilgerstab in der Hand zu behalten, gab ihm zwei Reihen von Gefolgsleuten zur Begleitung und ließ ihn von zahlreichen Hofbeamten zum Palasttor hinausgeleiten. Wie ein frisch gekrönter Sieger der Staatsprüfung wurde er so durch die Hauptstraße von Chang’an bis zum Kloster geführt. In Chang’an reckten Alte und Junge, Männer und Frauen die Köpfe nach ihm und spendeten bewunderndes Lob: »Was für ein guter Priester! Ein wahrer Arhat aus dem Himmel, ein Bodhisattva auf Erden!« Auch die Mönche des Klosters eilten zum Empfang hinaus, und als sie Xuanzangs ansichtig wurden, war ihnen, als käme der leibhaftige König Ksitigarbha auf sie zu. Xuanzang betrat die Klosterhalle, brachte Weihrauch dar und huldigte Buddha. Wie danach alle an ihre Plätze zurückkehrten, sei hier nicht weiter ausgeführt. Wie ein Fingerschnippen war die Zeit vergangen; schon zählte man den siebten Tag, an dem die Hauptzeremonie stattfinden sollte. Xuanzang verfasste abermals ein Schreiben, in dem er den Kaiser zur Opferung von Räucherwerk ins Kloster einlud. Inzwischen hatte sich die Kunde in aller Welt verbreitet, so dass Taizong, der sogleich die kaiserlichen Kutschen bereitstellen ließ, von einer großen Eskorte ziviler und militärischer Hofbeamter, der Kaiserin, den Konkubinen und allen kaiserlichen Verwandten begleitet wurde, während sich alle Bürger, ob hohen oder niederen Standes, ebenfalls im Kloster einfanden, um den hohen Priester sprechen zu hören. Zur selben Zeit sprach Guanyin zu Moksa: »Heute findet die Hauptzeremonie zur Erlösung der Geister zu Wasser und zu Lande statt. Wir wollen uns unter die Menge mischen, erstens um zu sehen, wie die Zeremonie verläuft, zweitens um zu schauen, ob Meister Goldzikade auch das Glück hatte, unsere Schätze zu erhalten, drittens um zu hören, welche Sutren und Lehren er predigen wird.« Also machten sich die beiden auf zum Kloster. So war es in der Tat: Schicksalshaft begegnen sich Weggefährten alter Zeit, Und die Weisheit kehrt zurück An ihren Ort, der hier geweiht. Beim Eintreten schollen ihnen Tempelmusik und Gebetschöre entgegen. Die Bodhisattva ging direkt auf das Podest der Kostbarkeiten zu, wo sie tatsächlich die Gestalt des weisen Meisters Goldzikade erblickte. Auf dem Podest stehend, las er erst aus dem »Sutra zur Erlösung der Verstorbenen«, dann Stellen aus dem »Siegel der Himmlischen Schätze für Frieden im Lande« und aus dem »Buch zur Vollbringung guter Taten«. Da schritt Guanyin nach vorn, schlug mit der Hand auf das Podest und rief mit lauter Stimme: »He Mönch, du sprichst ja nur über das Hinayana, kannst du auch etwas zum Mahayana sagen?«124 Wie Xuanzang diese Worte vernahm, erfüllte sich sein Herz mit großer Freude. Er sprang vom Podest, erhob die gefalteten Hände zu Guanyin und rief: »Altehrwürdiger Meister! Verzeiht Eurem Jünger, dass er Euch nicht wahrgenommen hat. Alle hier anwesenden Mönche kennen nur das Hinayana. Wie ist denn die Lehre des Mahayana?« »Deine Lehre des Hinayana reicht nicht aus, um Verstorbene zu erlösen. Damit erreicht man höchstens ein friedvolles Leben. Ich habe das Tripitaka, die Drei Körbe der Mahayana-Schriften. Diese können Verstorbene in den Himmel erheben, Notleidende von ihrer Last befreien und unendliches Leben verleihen.« Während sie sich noch unterhielten, war der Klosteraufseher längst zum Kaiser geeilt mit der Meldung: »Der Priester wurde mitten in seinem Vortrag über die wunderbare Lehre von zwei aussätzigen Wandermönchen heruntergezerrt und in unsinniges Gerede verwickelt.« Der Kaiser befahl, sie festzunehmen. Im Nu wurden die beiden Mönche von der Menge in die hintere Klosterhalle zu Kaiser Taizong gedrängt. Hier fragten sie, ohne auch nur die Hände zu falten oder sich zu verneigen: »Was ist Euer Anliegen, Majestät?« Der Kaiser erkannte sie wieder und sprach: »Ihr seid doch die Mönche, die mir vor ein paar Tagen die Robe dargebracht haben?« »So ist es.« »Wenn ihr gekommen seid, den Vortrag anzuhören, so sollte es doch reichen, hier etwas Klosterkost essen zu dürfen. Warum müsst ihr ausgerechnet unseren hohen Priester in unsinniges Gerede verwickeln und die Klosterordnung beeinträchtigen?« »Dieser Priester trägt nur die Hinayana-Lehre vor«, versetzte Guanyin. »Damit können die Verstorbenen nicht in den Himmel erhoben werden. Ich aber habe das Tripitaka des Mahayana-Buddhismus, das Verstorbene und Notleidende zu erlösen vermag und einen unvergänglichen Körper verleiht.« Taizong freute sich und fragte feierlich: »Und wo befinden sich die Mahayana-Schriften, von denen Ihr sprecht?« »Bei unserem Buddha Tathagata, im Tempel des Donnergrollens im Reiche Indien im fernen Westen. Diese Lehre vermag die Knoten aller Ungerechtigkeit zu lösen und kann die Menschen aus Not und Leid befreien.« »Kennt Ihr sie auswendig?« »Ja.« Freudig bestimmte Taizong: »Geleitet den Priester auf das Podest, er möge seine Lehre vortragen.« Gemeinsam erhob sich die Bodhisattva mit Moksa schwebend auf das Podest, dann stiegen beide auf glückverheißenden Wolken empor, bis in den neunten Himmel hoch. Hier offenbarte sich Guanyin in ihrer leiderlösenden Gestalt, die Vase mit dem Weidenzweig in den Händen. Ihr zur Linken zeigte sich Moksa, ihr Jünger mit Ordensnamen Hui’an, seine Stange haltend in stolzer Haltung. Vor Verzückung vergaß Taizong sein ganzes Reich, während die zivilen und militärischen Beamten derart hingerissen waren, dass sie ungeachtet der höfischen Vorschriften zum Himmel beteten und auf den Knien Räucherwerk darbrachten. Unter allen Mönchen, Nonnen und anderen Gläubigen gab es niemanden, der sich nicht tief verbeugt hätte, Guanyin mit den Worten preisend: »Oh, welch eine wunderbare Bodhisattva!« Einstimmig beteten alle: »Ehre sei der barmherzigen Bodhisattva Guanyin!« Unverzüglich ließ Taizong den berühmten Maler Wu Daozi antreten und beauftragte ihn, die wahre Gestalt der Göttin in seiner vollendeten Pinselkunst festzuhalten. Allmählich entfernte sich die Bodhisattva auf den Wolken, bis schließlich auch ihr goldener Glanz verschwunden war. Da sah man aus der Höhe ein Zettelchen herniederschweben, auf dem die Verse einer Ode zu lesen waren: »Respektvoll sei dem Kaiser kundgetan, Dass fern im Westen hehre Sutren weilen; Führt das Mahayana mit Bedacht hierher, Über hundertundachttausend Meilen. Wenn diese Schriften Euer Land erreichen, Werden arme Seelen zur Erlösung finden. Und jener, der die Reise auf sich nimmt, Wird Buddhas Wahre Frucht vollenden.«125 Nachdem Taizong das Gedicht gelesen hatte, befahl er den Mönchen: »Lasst uns die Zeremonie vorläufig abbrechen und warten, bis ich einen Gesandten geschickt habe, die Mahayana-Schriften zu uns zu bringen. Danach werden wir uns von ganzem Herzen neu der Vollendung guter Taten widmen.« Dann fragte er im Kloster: »Wer ist gewillt, in meinem Auftrag im Westen Buddha zu huldigen und die Heiligen Schriften zu erbitten?« Die Frage war noch nicht verklungen, als schon der Priester vortrat, sich verbeugte und sprach: »Meine Wenigkeit ist willens, diesen Auftrag mit der Hingabe von Hunden und Pferden auszuführen, um Eurer Majestät die wahren Schriften zu beschaffen und das ewigen Bestehen unseres Reiches zu segnen.« Erfreut trat der Kaiser auf ihn zu und streckte ihm höchstpersönlich die kaiserliche Hand entgegen, um ihm beim Aufstehen behilflich zu sein. »Priester«, sprach er, »wenn Ihr mir tatsächlich diesen treuen Dienst erweisen könnt, so will ich Euch inniglich als Bruder betrachten.« Er begab sich mit Xuanzang vor den Altar, wo sie sich viermal verneigten, während er sprach: »Kaiserlich verbrüderter Heiliger Mönch!« Unentwegt dankend sprach Xuanzang: »Majestät, wie habe ich einfacher Mönch eine solch hohe Anerkennung himmlischer Gunst verdient? Auf der Reise werde ich alle meine Kräfte einsetzen, den Westen zu erreichen. Sollte ich nicht ans Ziel kommen oder die Heiligen Schriften nicht auffinden, so möge ich, ich schwöre es, nie wieder in die Heimat zurückkehren und auf ewig in der Hölle schmachten.« Zur Bekräftigung seines Schwures weihte er Räucherwerk auf dem Altar. Glücklich ließ der Kaiser die Eskorte in den Palast zurückfahren und wartete die Festlegung eines glückbringenden Datums ab, an dem er Xuanzang die Passurkunde aushändigen und dieser seine Reise antreten konnte. Auch Xuanzang kehrte zurück ins Hongfu-Kloster, wo seine Ordensbrüder und Schüler die Neuigkeit bereits vernommen hatten. Alle kamen auf ihn zu und sprachen: »Priester, so wie wir gehört haben, dauert die Reise in den Westen sehr lange! Außerdem lauern überall Tiger und Panther, Dämonen und Ungeheuer. Wir fürchten nur, dass Ihr von dieser Reise nicht wieder zurückkehrt und Euer Leben aufs Spiel setzt!« »Ich habe bereits ein Gelübde getan«, erwiderte Xuanzang. »Ich habe geschworen, dass ich auf ewig zur Hölle fahren will, wenn ich ohne die Heiligen Schriften zurückkehre. Ich weiß, dass ich mich mit dieser Reise ins Ungewisse begebe; Heil und Unheil sind nicht vorauszusagen. Doch bin ich durch die hohe Gunst des Kaisers verpflichtet, mich dieser Aufgabe für unser Reich voll und ganz zu widmen. Meine Schüler! Vielleicht werden zwei, drei Jahre vergehen, vielleicht werden es gar fünf bis sieben Jahre. Schaut auf die Wipfel jener Kiefern im Klosterhof: Sobald sie gen Osten weisen, ist dies das Zeichen, dass ich zurückkehre. Andernfalls kehre ich nicht zurück.« Seine Jünger prägten sich diese Worte tief ein. Tags darauf verfasste Taizong während der Morgenaudienz, in Anwesenheit aller zivilen und militärischen Minister, eine kaiserliche Urkunde zum Erwerb der Heiligen Schriften. Darauf setzte er seinen kostbaren Stempel, der die freie Durchreise gewährte. Da meldete der Hofastronom: »Heute waltet ein Glücksstern für die Menschen; dies ist der richtige Tag zur Abfahrt.« Nun sah man einen Palasttorwächter, der die Meldung brachte: »Der kaiserlich verbrüderte Priester wartet vor dem Palast auf Einlass.« Freudig rief ihn der Kaiser zu sich und sprach: »Werter Bruder, heute ist ein günstiger Tag zur Abreise. Hier ist die Passurkunde. Ich habe außerdem eine Schale aus Purpurgold, die ich Euch als Almosenschale mitgeben möchte. Weiter werden Euch zwei Gefolgsleute und ein weißes Pferd zur Verfügung stehen. Ihr könnt Euch sogleich auf den Weg machen.« Xuanzang dankte. Der Kaiser ließ die Hofequipage bereitstellen und gab ihm mit zahlreichen Ministern bis zum Rande der Hauptstadt das Geleit. Dort konnte man die Ordensbrüder des Hongfu- Klosters sehen, die bereits Xuanzangs Sommer- und Winterkleidung herangeschafft hatten und ihn erwarteten. Der Kaiser befahl, die Reisebündel zu schnüren und die Pferde bereitzustellen, dann beauftragte er Palastleute, den Abschiedswein zu servieren. Taizong erhob den dreifüßigen verzierten Bronzekelch und fragte: »Verehrter Bruder, wie lautet Euer Ehrenname?« »Als Mönch wagte ich mir bislang keinen Ehrennamen zuzulegen.« »Neulich sagte die Bodhisattva, die Sammlung der Heiligen Schriften im Westen werde ›Tripitaka‹ genannt. Wollt Ihr nicht den Ehrennamen ›Tripitaka‹ annehmen?« Xuanzang bedankte sich, nahm das Trinkgefäß zur Hand und sprach: »Majestät, Abstinenz von Alkohol ist für uns Mönche oberstes Gebot; ich habe noch nie im Leben Wein getrunken.« »Der heutige Tag ist anders als alle anderen«, erwiderte Taizong. »Das hier ist vegetarischer Klosterwein, nehmt nur diesen einen Becher, den ich Euch zum Abschied reiche.« Tripitaka wollte gerade trinken, als er sah, wie Taizong sich bückte, ein paar Erdkrümel auflas und sie ihm in den Becher streute. Er verstand nicht, was damit gemeint sein sollte. Taizong lachte und sprach: »Wie lange wird die Reise dauern, mein Bruder?« »Nicht länger als drei Jahre.« »Euch stehen also lange Tage und Jahre fern der Heimat bevor. Trinkt diesen Wein, dann werdet Ihr einen Krümel Heimaterde mehr schätzen als zehntausend Goldbarren in der Fremde!« Jetzt verstand Tripitaka den Sinn der Erdkrümel und leerte dankend den Becher. Dann verabschiedete er sich und zog über die Grenze von dannen, während der Kaiser zurückfuhr. Und da wir nicht wissen, was auf Tripitaka alles zukam, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第013回 / 13. Kapitel In der Tigergruft erscheint der Abendstern zu Rettung / Am Doppelgabelberg sorgt Boqin für den Priester Lasst uns berichten, wie Tripitaka, nachdem er im dreizehnten Jahr der Ära Zhen’guan, drei Tage vor Vollmond im neunten Mondmonat aufgebrochen und vom Kaiser und zahlreichen Beamten zum Abschied bis vor die Tore von Chang’an begleitet worden war, in unablässigem Trab schon bald den Fayun-Si erreichte, den »Klostertempel der Dharma-Wolke«. Hier stand schon der Abt mit fünfhundert Mönchen zum Empfang bereit und geleitete die Ankömmlinge ins Kloster, wo die Begrüßung stattfand, Tee und Speisen aufgetragen wurden. Unmerklich war es Abend geworden. Im Lichte der Laternen diskutierten die Mönche über das Unterfangen, der Heiligen Schriften wegen in den Westen zu reisen. Einige meinten, es würde gewiss eine beschwerliche Reise, behindert durch weite Gewässer und hohe Gebirge, andere meinten, schwer bezwingbare Dämonen und schreckliche Ungeheuer lauerten auf dem Weg. Tripitaka aber verharrte in Schweigen; er wies nur mit der Hand auf sein Herz und nickte mehrmals. Auf die Frage, was er damit meine, antwortete er: »Dämonen kommen, wenn das Herz sich regt, Dämonen schwinden, wenn das Herz sich legt!126 Ich habe im Huasheng-Tempel bereits ein Gelübde abgelegt, nun bleibt mir nichts anderes übrig, als all meine Kräfte einzusetzen. Ich bin gewillt, unter welchen Umständen auch immer, in den Westen zu gelangen und Buddha um die Heiligen Schriften zu bitten, auf dass das Rad der Lehre auch bei uns sich drehe und unsere Dynastie in unvergänglicher Blüte stehe.« Alle Mönche zollten ihm große Bewunderung. Am folgenden Morgen zog sich Xuanzang gleich nach dem Frühstück seine Robe über und begab sich in die Haupthalle, wo er sich vor Buddha verneigte und sprach: »Ich, Jünger Chen Xuanzang, pilgere in den Westen, um Heilige Schriften zu holen. Doch die Augen des Fleisches irren; sie vermögen die wahre Gestalt Buddhas nicht zu erkennen. Ich gelobe, dass ich mich vor allen Buddhas, denen ich unterwegs begegne, verneigen und alle Pagoden, an denen ich vorbeikomme, auskehren werde. Möge Buddha Barmherzigkeit walten lassen, sich bald in seiner sechzehn Fuß hohen Goldenen Gestalt offenbaren und mir die Wahren Schriften überreichen, auf dass sie im Osten Verbreitung finden!« Nachdem er das Gebet beendet hatte, sattelten seine Begleiter die Pferde und drängten zum Aufbruch. Vor dem Tempelportal verabschiedete sich Tripitaka von allen und setzte seine Reise fort. Es war mitten im Herbst. Nach mehreren Tagen erreichten sie die Stadt Gongzhou, wo schon Beamte und Büttel zum Empfang bereitstanden und sie in die Stadt geleiteten. Nachdem sie dort eine Nacht lang geruht hatten, setzten sie ihre Reise fort. Unterwegs aßen und tranken sie, wenn sie Hunger und Durst verspürten, spätabends suchten sie eine Unterkunft, frühmorgens reisten sie weiter. So erreichten sie drei Tage später die Garnison Hezhou an der Grenze des Chinesischen Reiches. Hier wurden sie vom Garnisonskommandeur und den buddhistischen und daoistischen Geistlichen des Ortes in Empfang genommen, in die Stadt geleitet und mit allem versorgt, was sie brauchten. Dann wurden sie gebeten, im Fuyuan-Si, dem »Kloster zur Quelle des Glücks«, ihr Nachtlager zu beziehen. Schon beim ersten Hahnenschrei rief Tripitaka seine Begleiter, das Pferd zu satteln, um die Grenze zu überqueren. Nun war der Priester allerdings, von innerer Unrast getrieben, viel zu früh aufgestanden, denn es war ja tiefer Herbst, wenn die Hähne früh krähen, und man zählte erst die vierte Nachtwache, zwei Stunden nach Mitternacht. Mehrere Dutzend Meilen waren sie im herbstlichen Frost unter einem klaren Mond vorangeritten, als sie an einen Hügelzug kamen, wo sie den Pfad nur noch mühsam ertasten konnten. Der Aufstieg erwies sich als unsäglich schwierig und unwegsam; allmählich stiegen Zweifel in ihnen auf. Genau in diesem Moment verloren sie plötzlich den Halt und stürzten alle drei mitsamt dem Pferd in eine Grube. Mit Entsetzen hörte Tripitaka von drinnen ein furchtbares Brüllen und den Ruf: »Packt sie!« Ein stürmischer Wirbelwind fegte heran, an die sechzig Ungeheuer stoben hervor und zerrten Tripitaka und seine Begleiter hoch. Zitternd vor Angst hob Tripitaka verstohlen den Blick. Über ihm thronte ein Dämonenkönig, der so furchterregend aussah, dass Tripitaka schier die Seele aus dem Leibe fliehen wollte. Auch seine Begleiter zitterten bis ins Mark. Fauchend befahl der Dämonenkönig, sie zu fesseln, und schon wurden sie von den Ungeheuern in Stricke gelegt. Gerade als der Dämon ihn verschlingen wollte, waren von draußen Rufe zu hören, und die Meldung kam: »Meister vom Bärenberg und Rinderherr sind da!« Aufblickend gewahrte Tripitaka einen schwarzen Kerl, gefolgt von einem Dicken. Schwankenden Schrittes stampften die beiden herein, während ihnen der Dämonenkönig eilfertig zur Begrüßung entgegenschritt. Nachdem ein paar Höflichkeitsfloskeln ausgetauscht worden waren, setzten sie sich und begannen zu schwatzen und zu grölen. Als einer der Begleiter Tripitakas vor Schmerz wimmerte, weil er zu eng gebunden war, fragte der Schwarze: »Wo hast du die denn her, General Yin?« »Die sind von selbst gekommen«, antwortete der Dämonenkönig. »Ob Ihr uns damit bewirten könnt?« fragte der Rinderherr scherzend. »Freilich, das wäre mir eine Ehre!« gab der Dämonenkönig zurück. Da wandte der Meister vom Bärenberg ein: »Wir sollten sie nicht alle auf einmal verspeisen. Nehmen wir mal zweie und sparen einen auf.« Der Dämonenkönig ließ seine Ungeheuer beiden Begleitern den Bauch aufschlitzen, das Herz entnehmen und die Leichen zerhacken. Die Köpfe wurden zusammen mit Herz und Leber den Gästen überreicht, während der Dämon selbst sich über Arme und Beine hermachte. Was an Fleisch und Knochen übrig blieb, wurde unter die Ungeheuer verteilt. Man hörte nur noch ihr Schmatzen, das nicht anders war, als wenn ein Tiger ein Lamm verschlingt. Binnen kurzem war das Mahl beendet. Der arme Priester wäre vor Entsetzen beinahe umgekommen, und dabei war dies nur das allererste Leid, das ihm nach Antritt seiner Reise widerfuhr. Während er noch in panischer Angst verharrte, hellte sich der Osten allmählich auf, und als der Morgen kam, trollten sich die beiden Dämonen. Tripitaka fühlte sich schwer und benommen. Mitten in seiner hoffnungslosen Lage gewahrte er unvermutet einen alten Mann, der, auf einen Stock gestützt, näher kam. Bei Tripitaka angelangt, strich der Alte mit der Hand über ihn, dass sich die Fesseln lösten, und als er ihn schließlich mit Odem behauchte, kam Tripitaka wieder zu sich. Kniend verneigte er sich vor dem Alten und sprach: »Dank sei Euch, mein Herr, Ihr habt mir das Leben gerettet!« Mitten in seiner hoffnungslosen Lage gewahrte er einen alten Mann, der, auf einen Stock gestützt, näher kam. »Steht auf«, erwiderte der Alte und fragte: »Habt Ihr etwas verloren?« »Meine Begleiter sind von einem Ungeheuer gefressen worden. Doch wo sind Gepäck und Pferd?« »Dort steht doch ein Pferd mit zwei Reisebündeln!« erwiderte der Alte und wies mit seinem Stock darauf. Tripitaka wandte sich um. Tatsächlich, es waren seine Sachen. »Mein Herr, wo befinden wir uns hier?« fragte er, »wer waren die drei schrecklichen Dämonen?« »Wir sind hier am Shuangcha-Ling, dem Doppelgabel- Hügel, ein Nest voller Tiger und Wölfe. Der Rinderherr ist der Geist eines wilden Büffels, der Meister vom Bärenberg der Geist eines Bären, und General Yin ist der Geist eines Tigers. Die Ungeheuer, die ihnen zu Diensten standen, sind die Geister von allerhand Berggetier. Nur weil Euer innerstes Wesen so rein und vollkommen ist, konnten sie Euch nichts anhaben. Kommt mit mir, ich bringe Euch auf den Weg.« In tiefer Dankbarkeit schnürte Tripitaka sein Gepäck aufs Pferd und führte es hinter dem Alten aus der Grube heraus und kam auf die Landstraße. Nachdem er das Pferd am Wegesrand angebunden hatte, wandte er sich zurück, um sich zum Dank zu verneigen. Da gewahrte er, wie der Alte, in einen lichten Windstoß verwandelt, auf einen weißen Kranich stieg und alsbald am Himmel entschwand. Aus der Luft flatterte ein Zettel hernieder, auf dem geschrieben stand: Ich bin Taibai, der Abendstern, Vom Westhimmel kam ich her, Denn die Rettung deiner Seele Eigens hier mein Auftrag war. Göttliche Schüler werden Euch Auf dem Weg zur Seite stehen; Auch in Nöten sollt Ihr Buddhas Heilige Schriften nie verschmähen! Mit gefalteten Händen verneigte sich Tripitaka gen Himmel. Schließlich nahm er sein Pferd an den Zügeln und schritt voran, einsam und verlassen, wie er war. Der Aufstieg ins Gebirge kostete ihn den Einsatz aller Kräfte. Über lange Zeit hinweg stieß er auf keine menschliche Behausung, der Weg war äußerst beschwerlich, und der Hunger plagte ihn. In dieser schwierigen Lage gewahrte er auf einmal, wie zwei wilde Tiger mit lautem Gebrüll vor ihm auftauchten; hinter ihm aber wanden sich Riesenschlangen, zu seiner Linken erschienen giftige Bestien und zu seiner Rechten fürchterliche Scheusale. Tripitaka blieb nichts anderes übrig, als aufzugeben und sich dem Willen des Himmels anzuvertrauen. Zu allem Unheil sackte jetzt sein Pferd vor Angst zu Boden und blieb kraftlos liegen, wie sehr er auch ziehen und zerren mochte. Der arme Priester sah keinen Ausweg mehr; von traurigem Elend überfallen, war er sich des Todes sicher. Mit einem Mal stoben Giftgetier und Scheusale davon, die Tiger zogen verstohlen ab, und die Schlangen verbargen sich. Sich umblickend bemerkte Tripitaka, wie hinter einem Berghang ein Mann auftauchte, der einen stählernen Dreizack trug und einen Pfeilbogen um die Hüften hängen hatte. Das musste in der Tat ein wackerer Bursche sein. Während er näher kam, kniete Tripitaka am Wegrand nieder, faltete die Hände und rief: »Rettet mich, großer König!« Bei ihm angekommen, stellte der Mann seinen Dreizack ab, half Tripitaka aufstehen und sprach: »Fürchtet Euch nicht, Priester. Ich lebe als Jäger in diesem Gebirge, mein Name ist Liu, mit Vornamen Boqin; man nennt mich auch den Gebieter des Berges. Eigentlich bin ich hierhergekommen, um ein paar Tiger zu erlegen, damit wir etwas zum Essen haben. Nun bin ich stattdessen Euch so ungebührlich in den Weg getreten!« »Ich einfacher Mönch reise im Auftrag des Kaisers von China in den Westen, um bei Buddha Heilige Schriften zu holen«, erklärte Tripitaka. »Eben wurde ich von wilden Bestien und Schlangen umzingelt und wusste keinen Ausweg mehr. Erst als sie Euer Kommen gewittert haben, sind sie plötzlich alle verschwunden. Ihr habt mir das Leben gerettet, Dank sei Euch, vielen Dank!« »Wir leben hier im Gebirge von der Jagd, darum fürchten sich die Tiere vor mir. Wenn Ihr vom chinesischen Kaiserhof kommt, dann seid Ihr ja mein Landsmann; unsere Gegend gehört noch zu China. Seid getrost und kommt mit mir, bei mir zu Hause könnt Ihr Euer Pferd ruhen lassen, und morgen will ich Euch auf den Weiterweg führen.« In großer Erleichterung bedankte sich Tripitaka und folgte, das Pferd an den Zügeln führend, Boqin nach. Als sie einen Berghang erklommen hatten, hörte man den Wind heulen. »Wo der Wind heult, geht der Tiger um«, erklärte Boqin. »Ehrwürden, setzt Euch hier ein Weilchen nieder, ich werde die Bergkatze nach Hause bringen und Euch damit beköstigen.« Diese Worte versetzten Tripitaka von neuem in Furcht und Schrecken. Der Gebieter aber schritt mit erhobenem Dreizack nach vorn, wo nun ein stattlicher Tiger auftauchte. Doch kaum hatte er Boqin erblickt, wandte er sich zur Flucht. »Stillgestanden, du Bestie!« donnerte Boqin. Als der Tiger gewahrte, dass Boqin ihm zu Leibe rücken wollte, kam er zurück und stürzte sich mit gespreizten Krallen auf Boqin, der ihm mit seinem Dreizack standhielt. Gelähmt vor Angst kauerte Tripitaka am Boden. Er hatte doch noch nie im Leben etwas derart Wildes und Gefährliches miterlebt! Nahezu zwei Stunden dauerte dieser Kampf am Berghang. Endlich bemerkte er, wie die Kräfte des Tigers nachließen und seine Krallen erschlafften; zuletzt wurde er von Boqins Dreizack mitten in die Brust getroffen und fiel. Binnen Augenblicken war der Boden von Blut überströmt. Boqin zerrte den Tiger an den Ohren und rief, ohne mit der Wimper zu zucken: »Sehr schön, sehr schön! Mit dieser Bergkatze kann ich Euch einige Tage lang bewirten.« Außer sich vor Staunen stieß Tripitaka hervor: »Gebieter, Ihr seid ein wahrer Berggott!« »Nicht der Rede wert«, entgegnete dieser und schritt voran, in der einen Hand den Dreizack, mit der anderen den Tiger hinter sich herschleifend. Tripitaka folgte ihm mit dem Pferd. Hinter einem weiteren Hügel tauchte nun ein Gehöft auf. Vor dem Tor ließ Boqin den Tiger liegen und hieß seine Diener, die Beute hineinzutragen, zu häuten und ein Gastmahl herzurichten. Dann wandte er sich an Tripitaka und bat ihn höflich in sein Haus. Hier wurden die formellen Begrüßungen ausgetauscht, worauf Boqin seine Mutter und seine Frau herbeirief und erklärte: »Mutter, dieser Priester reist auf Geheiß unseres Kaisers in den Westen, um bei Buddha Heilige Schriften zu holen. Ich habe ihn zu uns eingeladen, damit sein Pferd etwas rasten kann. Morgen wird er weiterziehen.« Boqin wandte sich an Tripitaka und bat ihn höflich in sein Haus. »Sehr gut«, freute sich die alte Mutter. »Morgen jährt sich der Todestag deines Vaters, da wollen wir doch den Priester fragen, ob er uns nicht den Gefallen machen könnte, ein Sutra zu lesen. Dann mag er übermorgen weiterziehen.« Auch wenn Boqin ein Jäger und Schlächter war, besaß er doch einen Sinn für die Pflicht der Kindesliebe. Kaum hatte er die Worte seiner Mutter vernommen, machte er sich schon daran, Weihrauch und Totengeld vorzubereiten, um Tripitaka zum Bleiben zu bewegen. Gegen Abend stellten die Diener Tische und Stühle bereit und trugen Schalen mit dampfendem Tigerfleisch auf. Boqin bat Tripitaka, sich einstweilen zu bedienen, während er noch etwas Reis kochen wolle. Tripitaka aber faltete die Hände vor der Brust und rief: »O gütiger Himmel! Ich muss Euch gestehen, dass ich zeit meines Lebens Mönch war und gar kein Fleisch essen kann.« Boqin versank in langes Schweigen. »Ehrwürden«, meinte er schließlich, »unsere armselige Familie ernährt sich seit jeher ausschließlich von Fleisch, was sollen wir da machen? Da habe ich Euch ja zum Unguten eingeladen. Ich muss mich entschuldigen!« Boqins Mutter hatte ihre Worte mitangehört und rief: »Kind, lass die müßigen Worte, ich habe da etwas Gemüse, mit dem wir ihn beköstigen können.« Sie ließ ihre Schwiegertochter Reis mit Hirse zubereiten, kochte etwas Gemüse dazu, trug dann die Gerichte heran und stellte alles auf den Tisch. Tripitaka setzte sich, und nachdem er ein Gebet gemurmelt hatte, griff er zu den Stäbchen und bediente sich, während Boqin ihm mit seinem Tigerfleisch Gesellschaft leistete. Nach dem Essen legten sich alle zur Ruhe. Kaum waren am nächsten Morgen alle aufgestanden, wurde Tripitaka abermals eine vegetarische Mahlzeit aufgetischt, dann wurde er gebeten, mit dem Rezitieren der Sutren zu beginnen. Nachdem sich der Priester die Hände gewaschen hatte, betrat er mit Boqin zusammen die Ahnenhalle, wo sie Weihrauch verbrannten und sich vor dem Altar verbeugten. Da begann Tripitaka den Holzfisch127 zu klopfen, zu dessen Rhythmus er zuerst das »Wahre Wort zur Reinigung des Mund-Karmas« sprach und anschließend den »Göttlichen Spruch zur Reinigung von Körper und Herz«. Zuletzt schrieb er ein Gebet zur Erlösung des Verstorbenen, rezitierte allerlei Sutren und erzählte schließlich noch die Geschichte eines indischen Mönchs, dessen Karma durch Buddha gereinigt worden war. Bald wurde es wieder Abend. Nachdem die Zeremonie beendet war, legten sich alle zur Ruhe; Boqin und seine Frau schliefen nebeneinander. Als am nächsten Morgen die Sonne aufging, sagte seine Frau: »Gebieter, in der Nacht träumte mir, Vater käme zu uns und sagte, es sei schwer, sich in der Unterwelt vom Leid zu befreien, und er hätte lange keine Erlösung gefunden. Da aber der heilige Mönch für ihn Sutren gelesen habe, sei ihm nun alle Schuld vergeben worden und Höllenkönig Yama hätte Leute ausgeschickt, ihn zur Wiedergeburt in einer angesehenen Familie im reichen Zentralchina zu führen. Er sagte, wir sollten uns beim Priester gebührend bedanken und ihn in keiner Weise zu kurz kommen lassen. Da bin ich aufgewacht, und es war nur ein Traum.« »Ich habe genau dasselbe geträumt!« rief Boqin. »Komm, stehen wir auf und berichten es Mutter!« Beide traten vor der Mutter Bett und erzählten ihr den Traum. Wer hätte aber gedacht, dass auch ihr derselbe Traum erschienen war! Die drei lachten laut heraus, riefen Alte und Junge des Hauses wach, bereiteten Dankesgaben zu und sattelten dem Priester das Pferd. Dann strömten sie alle zu Tripitaka, verneigten sich dankend und sprachen: »Dank sei Euch, Priester, dass Ihr unseren seligen Vater erlöst habt! Wie können wir das nur vergelten?« »Wie habe ich einfacher Mönch solche Dankbarkeit verdient?« wehrte Tripitaka bescheiden ab. Da erzählte ihm Boqin von dem gemeinsamen Traum, und Tripitaka freute sich mit ihnen. Sie tischten ihm eine weitere vegetarische Mahlzeit auf und boten ihm Silber zum Dank, doch Tripitaka wollte es unter keinen Umständen annehmen. »Gebieter«, sagte er, »seid doch so gütig und begleitet mich stattdessen ein Stück des Weges. Das reicht hinlänglich, mir Euer höchstes Wohlwollen zu erweisen.« Boqin ließ seine Frau in aller Eile Gebäck und Trockenproviant zubereiten, rief zwei, drei Diener, ihnen mit Waffen zu folgen, dann brachen sie auf. Nachdem sie schon länger gewandert waren, kamen sie an einen steilen Berg, der war so hoch, dass er den Himmel zu berühren schien. Genau in der Mitte wandte sich Boqin um, blieb auf dem Pfad stehen und rief: »Priester, hier müsst Ihr alleine weiter. Ich verabschiede mich von Euch.« Erschrocken sprang Tripitaka aus dem Sattel und rief: »Bitte, um alles in der Welt, begleitet mich noch ein Stück!« »Ehrwürden«, erwiderte Boqin, »Ihr müsst wissen, dass dies der Grenzberg ist. Der östliche Teil steht noch unter der Verwaltung des chinesischen Kaiserreichs, der westliche Teil aber gehört zum Lande der Tataren. Über die Wölfe und Tiger dort drüben habe ich keine Macht, außerdem darf ich die Grenze nicht überschreiten. Darum muss ich mich hier verabschieden. Ihr müsst alleine weiter.« Tripitaka streckte die Hände aus und fasste Boqin am Ärmel, Tränen rannen ihm über die Wangen; er konnte und wollte sich nicht trennen. Da erscholl mitten in seine Angst und Verlassenheit vom Fuß des Berges her eine donnergleiche Stimme: »Mein Meister ist da! Mein Meister ist da!« Tripitaka erstarrte vor Schrecken, und Boqin stützte ihn nach Kräften. Und da wir nicht wissen, wer da rief, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第014回 / 14. Kapitel Der Herzensaffe wendet sich zum Guten / Sechs Räuber sind spurlos verschwunden Mit Buddha ist das Herz gemeint, Oh, mit dem Herzen Buddha! Herz und Buddha sind seit je Als wesentliche Dinge da.128 Wer erkennt, dass gar nichts ist, Weder Herz noch alle Dinge, Wird ein transzendenter Buddha,129 Des Wahrhaften So-Seins inne. Denn der transzendente Buddha Ist ganz ohne Formgestalt, Doch er birgt als rundes Leuchten Jegliches Erscheinungsbild. In dem Körper ohne Körper Ist er der wahrhafte Körper, In der Form, die ohne Form, Ist er die wahrhafte Form. Er ist weder Stoff noch Leere, Und auch nicht nicht Leere; Weder kommend oder gehend, Auch nicht wiederkommend. Sein beseeltes Licht erstrahlt Innen, außen, ringsum gleich; Auch ein Sandkorn offenbart Das gesamte Buddha-Reich! Denn das Sandkorn birgt in sich Schon die tausendfache Welt, Und der Mensch, mit Leib und Herz, Ist den Dingen gleichgestellt. Nun musst du, um dies zu wissen, Das Kein-Herz-Geheimnis fassen,130 Unbefleckt und nicht anhaftend Reines Handeln wirken lassen.131 Lasse all das mannigfache Gut und Böse ungetan, Dann gehörst du voll und ganz Buddha Shakyamuni an! Doch wenden wir uns wieder Boqin und Tripitaka zu, die entsetzt stehen geblieben waren. Da erscholl die Stimme von neuem: »Der Meister ist da!« »Das muss doch der alte Affe sein, unten am Berg im Steinverlies«, meinten die Begleiter. »Er ist es«, bekräftigte Boqin, »er ist es!« Und auf Tripitakas Nachfrage, um was für einen Affen es sich denn handle, erklärte er: »Dieser Berg hieß in alten Zeiten ›Berg der Fünf Wandlungsphasen‹; heute wird er ›Grenzberg‹ genannt. Früher habe ich die Alten erzählen hören, der Berg sei zu jener Zeit, als Wang Mang die Regierung der Han-Dynastie an sich riss, vom Himmel gekommen, um einen göttlichen Menschenaffen zu bezwingen. Dieser Affe soll weder Hitze noch Kälte fürchten und keine normalen Speisen und Getränke zu sich nehmen. Der Erdgeist, der ihn bewacht, füttert ihn mit Eisenkugeln, wenn er hungert, und wenn er Durst hat, gibt er ihm flüssiges Kupfer zu trinken. Darum ist er bis jetzt nicht erfroren noch verhungert. Bestimmt ist er es, der da ruft. Fürchtet Euch nicht, Ehrwürden, lasst uns nach unten gehen und schauen, was los ist.« Tripitaka stimmte zu und folgte mit dem Pferd an den Zügeln den Hang hinunter. Nach wenigen Wegmeilen sahen sie tatsächlich, dass der Kopf eines Affen aus einem steinernen Verlies hervorlugte. Der Affe streckte die Arme heraus, winkte wie wild und rief: »Meister, warum habt Ihr mich so lange warten lassen? Gut, dass Ihr kommt, wunderbar, befreit mich, ich werde Euch auf Eurer Reise in den Westen begleiten und beschützen!« Der Priester trat näher und sah: Spitzer Mund und hohle Wangen, Feurige Augen mit Goldpupillen, Moose und Flechten bedecken die Stirn, Die Ohren voll Kraut und Teufelszwirn.133 Karg behaart, doch grün sind seine Schläfen schon, Statt des Bartes sprießt ihm Binsengras am Kinn! Gebieter Liu war in der Tat ein wackerer Mann. Er ging auf den Affen zu, rupfte ihm das Unkraut von den Schläfen, säuberte sein Kinn vom Gras und fragte: »Was willst du uns sagen?« »Nichts«, erwiderte der Affe, »lasst jenen Meister kommen, den will ich etwas fragen.« »Was willst du mich fragen?« erkundigte sich Tripitaka. »Ihr seid doch derjenige, der vom chinesischen Kaiser in den Westen gesandt wurde, um die Heiligen Schriften zu holen?« »Ja, der bin ich. Weshalb fragst du?« »Ich bin derjenige, der vor fünfhundert Jahren im Himmelspalast einen großen Aufruhr gemacht hat, der Himmelsebenbürtige Große Heilige. Nur weil ich mich gegen die Obrigkeit gewendet habe, hat mich der Buddha hier eingekerkert. Vor einiger Zeit aber ist die Bodhisattva Guanyin auf Geheiß des Buddha in den Osten gegangen, um einen Menschen zu suchen, der die Heiligen Schriften holt. Da habe ich sie gebeten, mich zu befreien. Sie hat mir dann geraten, mich der buddhistischen Lehre zu widmen und den Schriftenholer auf dem Weg zu Buddha im Westen nach Kräften zu beschützen; am Ende werde der Erfolg belohnt. Deshalb hielt ich seither Tag und Nacht Ausschau, ob nicht endlich jener Meister vorbeikäme, der mich befreien soll. Ich bin gewillt, Euch auf der Reise in den Westen zu beschützen und Euer Schüler zu werden.« Tripitaka freute sich sehr, doch er meinte: »Deine Absicht ist gut, aber ich habe ja weder Axt noch Meißel, wie kann ich dich befreien?« »Axt und Meißel sind nicht nötig«, erwiderte der Affe, »Ihr müsst nur willens sein, mich zu befreien. Oben auf dem Gipfel ist ein Siegel Buddhas, das mit goldenen Zeichen beschriftet ist. Ihr braucht nur hochzusteigen und dieses Siegel zu entfernen, dann werde ich herauskommen.« Wie geheißen stieg Tripitaka, nicht ohne Boqin um Begleitung gebeten zu haben, abermals den Hang hinauf. Sie mussten sich durch Rankengestrüpp und Lianen kämpfen, bis sie endlich den höchsten Gipfelpunkt erreicht hatten. Und hier gewahrten sie tatsächlich ein gleißendes Goldlicht, das in tausend Strahlen schimmerte. Ein kubischer Felsblock war mit einem Pergamentstreifen versiegelt, auf dem sechs goldene Schriftzeichen prangten: »唵嘛呢叭咪吽 – OM MANI PADME HUM«. Tripitaka trat darauf zu, verneigte sich und sprach: »Ich, Jünger Chen Xuanzang, habe den Befehl erhalten, Heilige Schriften zu holen. Falls es mir tatsächlich vorbestimmt ist, diesen Schüler aufzunehmen, so möge ich dieses Siegel lösen können, auf dass der göttliche Affe befreit wird und mit mir gemeinsam ans Ziel, den Seelenberg, gelangen kann. Sollte er aber ein böses Ungeheuer sein, das mich betrügen will und nur Unglück bringt, dann möge das Siegel verschlossen bleiben.« Abermals verneigte er sich und löste dann mit leichter Hand das Siegel ab. Da fuhr ein wohlriechender Windstoß heran, der Pergamentstreifen wurde in die Lüfte gerissen, und eine Stimme erklang: »Wir sind die Bewacher des Großen Heiligen. Heute ist seine Leidenszeit vollendet, darum bringen wir dieses Siegel zurück zu Buddha.« Tripitaka, Boqin und ihre Begleiter wandten sich erschrocken gen Himmel und verneigten sich ehrfürchtig. Als sie wieder unten waren, gingen sie abermals zum steinernen Verlies, wo Tripitaka dem Affen zurief: »Das Siegel ist abgelöst. Kommst du nun heraus?« Freudestrahlend rief dieser: »Meister, entfernt Euch ein bisschen, damit ich herauskommen kann. Hoffentlich erschrecke ich Euch nicht.« Als Boqin diese Worte hörte, führte er Tripitaka zurück gen Osten. Sie waren schon fünf bis sieben Meilen gegangen, als der Affe abermals schrie: »Weiter, noch weiter!« Sie liefen also noch einmal geraume Zeit weiter, bis sie die Talsohle erreicht hatten. Da gab es einen lauten Knall, als würde die Erde bersten und der Berg in sich zusammenstürzen. Allen standen die Haare zu Berge. Der Affe aber war bereits vor dem Pferd. Splitternackt kniete er nieder und rief: »Hier bin ich, Meister!« Er verneigte sich viermal vor Tripitaka, stand dann behände auf und wandte sich mit einer tiefen Verbeugung an Boqin: »Habt Dank, mein Bruder, dass Ihr meinen Meister hierhergeführt habt! Danke auch, dass Ihr mir das Unkraut vom Gesicht genommen habt.« Splitternackt kniete er nieder und rief: »Hier bin ich, Meister!« Kaum war er damit fertig, machte er sich daran, das Gepäck zu ordnen und das Pferd zu satteln. Diesem aber wurden bei seinem Anblick regelrecht die Lenden weich, es zitterte und konnte sich kaum mehr aufrecht halten. Ehedem hatte dieser Affe ja im Himmel als Bimawen gedient, darum hatte er seine Methoden, mit himmlischen Drachenpferden umzugehen. Das musste diesem irdischen Pferd mächtig Furcht einjagen. Tripitaka sah, wie er sich aufrichtige Mühe gab; er war tatsächlich wie ein frommer Gläubiger des buddhistischen Ordens. »Wie heißt du denn, mein Schüler?« rief er ihm zu. »Ich heiße Sun«, antwortete der Affenkönig. »Ich will dir einen Ordensnamen verleihen, damit ich dich auch rufen kann«, schlug Tripitaka vor, doch der Affenkönig entgegnete: »Ich habe schon einen Ordensnamen, ich heiße Sun Wukong.« Erfreut sprach Tripitaka: »Dieser Name passt genau zu unserem Orden! Nun, wenn ich dich so anschaue, scheinst du mir wie ein kleiner Bettelmönch; ich will dir noch einen Übernamen geben und dich Pilger nennen. Einverstanden?« »Bestens, bestens!« rief Wukong. Von da an nannte er sich Pilger Sun. Als Boqin sah, wie Pilger Sun sich bereits voll und ganz dem Packen hingab, wandte er sich mit ehrerbietiger Geste an Tripitaka und sprach: »Ehrwürden, welch ein Glück, dass Ihr hier einen guten Schüler gefunden habt! Das freut mich sehr. Da er jetzt tatsächlich mit Euch zieht, will ich nun von Euch Abschied nehmen.« Tripitaka verbeugte sich zum Dank, und ihre Wege trennten sich. Pilger bat Tripitaka aufs Pferd, während er selbst mit den Reisebündeln auf dem Rücken voranging, nackt wie er war, mit ausholenden Schritten. Nach nicht allzu langer Zeit hatten sie den Grenzberg hinter sich. Plötzlich gewahrten sie, wie ihnen ein wilder Tiger brüllend und mit schwenkendem Schweif entgegenkam. Tripitaka erzitterte im Sattel, Pilger jedoch lachte nur: »Keine Angst, Meister, der bringt mir bloß was zum Anziehen!« Er setzte das Gepäck ab, klaubte ein nadelgroßes Stäbchen aus dem Ohr, schwenkte es in den Wind und hielt auf einmal eine mächtige Eisenstange in der Hand. Lachend bemerkte er: »Fünfhundert Jahre lang lag dieser Schatz brach! Heute kann ich ihn endlich wieder rausholen, um mir ein Kleid zu verschaffen.« Seht nur, wie er mit großen Schritten auf den Tiger zuging! »Bleib stehen, du Bestie!« brüllte er. Der Tiger duckte sich in den Staub und wagte sich nicht zu regen. Schon sauste ein Hieb auf seinen Schädel, dass die Gehirnmasse nur so spritzte und die Zähne zersplitterten. Tripitaka glitt vor Entsetzen aus dem Sattel, biss sich auf die Finger und stammelte: »Gütiger Himmel! Gestern, als Gebieter Liu einen Tiger erlegt hat, dauerte es doch eine ganze Weile, bis der Kampf zu Ende war. Und jetzt schlägt dieser Sun Wukong einen Tiger einfach so zu Brei, ohne den geringsten Kampf! In der Tat, es ist, wie man sagt: Auch unter Helden gibt es Helden.« Pilger zerrte den Tiger heran und meinte: »Meister, setzt Euch mal ein Weilchen. Sobald ich ihm sein Kleid abgezogen und was zum Anziehen habe, können wir weitergehen.« Der gute Affenkönig! Er zupfte sich ein Pelzhaar aus, blies himmlischen Odem darauf und rief: »Verwandlung!« Schon hielt er einen spitzen Dolch in der Hand. Damit häutete er den Tiger, hackte Kopf und Klauen weg und schnitt das Fell zu einem rechteckigen Stück, das er in zwei Hälften teilte. Eine davon steckte er ein, das andere Stück Fell schwang er sich um die Hüften, dann riss er eine Liane ab, mit der er das Fell zuschnürte, so dass es seinen Unterleib bedeckte. Dann rief er dem Meister zu: »Gehen wir! Nähen kann ich das bei Gelegenheit immer noch, wenn wir mal in ein Haus kommen, wo ich Nadel und Faden ausleihen kann.« Er zwirbelte seine Eisenstange zwischen den Händen, bis sie nur noch so dünn wie eine Nadel war, dann brachte er sie wie zuvor im Ohr unter, schulterte das Gepäck und half seinem Meister in den Sattel. »Wukong, wo ist denn die Stange, mit der du eben den Tiger erschlagen hast?« wunderte sich Tripitaka. Pilger lachte und erklärte: »Ihr müsst wissen, Meister, dass meine Stange aus dem Drachenpalast des Östlichen Ozeans stammt; sie wird ›Göttliches Edelerz zur Erdung der Milchstraße‹ genannt, oder ›Wunscherfüllender Goldreifstab‹. Dank ihr konnte ich damals den Aufruhr im Himmelspalast veranstalten. Die Stange ist wandelbar, will ich sie groß, so wird sie groß, will ich sie klein, dann wird sie klein. Vorhin habe ich sie auf Sticknadelgröße verkleinert und im Ohr untergebracht. Ich kann sie erst wieder hervorholen, wenn ich sie brauche.« Tripitaka freute sich im Stillen und fragte: »Warum ist der Tiger gleich erstarrt, als er dich erblickt hat?« »Nun, ich will Euch nicht vorenthalten, dass ich alter Sun so ein paar Kniffe habe, mit denen ich Drachen und Tiger bändigen, Ströme und Meere aufwühlen kann. So ein Tiger ist doch nicht der Rede wert.« Diese Worte machten Tripitaka zuversichtlicher, und so gab er dem Pferd die Sporen und ritt weiter. Bald warf die Sonne ihre letzten Strahlen von den Hügeln, und die Neumondsichel durchbrach den Abendhimmel. »Es ist spät«, meinte Pilger, »dort drüben, bei dem dichten Forst, sollte ein Gutshof liegen. Lasst uns beizeiten um Nachtquartier bitten.« Tripitaka versetzte sein Pferd in Trab, und sie eilten dem Anwesen entgegen. Vor dem Gutshof sprang er vom Sattel, während Pilger das Gepäck abwarf und zum Tor schritt. »Aufmachen, aufmachen!« schrie er. Drinnen schlurfte ein alter Mann auf einen Bambusstock gestützt heran und öffnete. Kaum fiel sein Blick auf Pilger, der mit seinem Tigerfell um die Hüften so furchterregend aussah, als wäre er der leibhaftige Donnergott, fuhr dem Alten der Schreck in die Glieder, dass es ihm kalt über den Rücken lief. »Ein Gespenst! Ein Gespenst!« stammelte er. Tripitaka lief hinzu, stützte ihn und sprach: »Fürchtet Euch nicht, werter Herr, das kein Gespenst, es ist mein Schüler.« Aufblickend gewahrte der Alte das anmutige Gesicht Tripitakas, da fasste er sich und fragte: »Woher kommt Ihr denn, ehrwürdiger Herr? Was für einen grässlichen Burschen bringt Ihr da vor meine Tür!« »Ich einfacher Mönch komme aus dem chinesischen Kaiserreich und bin auf einer Reise in den Westen, um Buddhas Heilige Schriften zu holen. Da unser Weg hier entlangführt, möchten wir Eurem Hause einen Besuch abstatten und um ein Nachtlager bitten. Morgen werden wir vor Tagesanbruch weiterziehen. Wir hoffen sehr, dass Ihr uns den Gefallen erweist.« »Dass Ihr aus dem chinesischen Kaiserreich kommt, kann ich glauben«, meinte der Alte, »doch der Grässliche da, der ist sicher kein Bürger vom chinesischen Kaiserreich!« Da gellte Wukong dazwischen: »Alter, dir fehlt es an Verstand! Dieser Bürger vom Kaiserreich ist mein Meister, und ich bin sein Schüler. Abgesehen davon bin ich weder vom Kaiserreich noch von Kandis und Karamell; ich bin der Himmelsebenbürtige Große Heilige! Zuvor lebte ich im Steinverlies unten am Grenzberg. Schau doch genau hin!« Da ging dem Alten ein Licht auf, und er meinte: »Ihr seht ihm tatsächlich ähnlich. Aber wie seid Ihr herausgekommen?« Wukong berichtete ihm nun, wie sich die Sache zugetragen hatte. Schließlich verbeugte sich der Alte vor ihm und bat die beiden zum Tee ins Haus. »Großer Heiliger«, wandte er sich an Wukong, »Ihr müsst ein stattliches Alter haben?« »Nun, wie alt seid Ihr denn?« fragte Wukong zurück. »Hundertunddreißig Jahre habe ich müßig verbracht.« »Ach, wie meine Kindeskinder und Urenkel! Ich weiß zwar nicht, wie lange ich schon existiere, doch allein hier unter diesem Berg war ich fünfhundert Jahre lang.« »Wahrhaftig, es müssen fünfhundert Jahre sein.« Der Alte, der im Grunde ein gutherziger Mann war, befahl nun seinen Dienern, den Gästen fleischlose Kost aufzutragen. »Wir machen Euch große Umstände, Alter«, meinte Pilger nun, »aber seid doch so gut und macht ein bisschen heißes Wasser, damit ich ein Bad nehmen kann; ich habe mich fünfhundert Jahre lang nicht gewaschen. Ich wäre Euch überaus dankbar!« Auf der Stelle ließ der Alte Wasser kochen und die beiden ein Bad nehmen. Anschließend bat Pilger um Nadel und Faden und knüpfte, nachdem er sich ein weißes Hemd, das der Meister ausgezogen hatte, umgelegt hatte, sein Tigerfell von den Hüften und nähte daraus eine Schürze, die er sich wieder um die Hüften schnürte. Nun trat er vor den Meister und fragte: »Nun, was haltet Ihr von Suns neuer Aufmachung?« »Sehr schön, sehr schön«, nickte der Meister anerkennend, »jetzt siehst du aus wie ein richtiger Pilger. Das Hemd kannst du gleich behalten.« Pilger dankte und machte sich daran, das Pferd zu füttern. Nachdem alles Tagwerk beendet war, legte man sich zur Ruhe. Am folgenden Morgen, als Meister und Schüler aufstanden, hatte der Alte bereits eine Mahlzeit bereitgestellt, so dass sie erst nach dem Essen aufbrechen konnten. Nun setzte sich Tripitaka aufs Pferd, Pilger schritt voran, und so zogen sie weiter, Tag für Tag. Ehe man sich’s versah, nahte der Winter. Wie Meister und Schüler nun ihres Weges gingen, tönte plötzlich vom Wegrand her ein Pfiff, und schon stürzten sechs Männer hervor, alle mit Lanze, Schwert, Bogen oder Dolch bewaffnet. »Halt, ihr Mönche!« schrien sie, »legt auf der Stelle das Gepäck nieder, dann kommt ihr mit dem Leben davon.« Zu Tode erschrocken glitt Tripitaka vom Pferd. Pilger stützte ihn mit beiden Händen und meinte gelassen: »Seid unbesorgt, Meister, keine Sache. Die bringen uns nur Kleider und Verpflegung.« »Du bist wohl taub«, gab Tripitaka zurück, »Gepäck und Pferd sollen wir hierlassen, haben sie gesagt, und du willst sie um Kleider und Verpflegung bitten!« »Gebt einfach acht auf Gepäck und Pferd«, meinte Pilger, »seht zu, wie ich alter Sun mit denen fertigwerde.« Schon trat er vor die sechs Männer, legte zum Gruß die Hände vor der Brust übereinander und fragte höflich: »Warum versperrt ihr uns den Weg, meine Herren?« »Wir sind die Könige aller Wegelagerer, wohltätige Herrscher des Gebirges«, entgegnete einer, »seit jeher sind wir weitum berühmt. Sieh bloß zu, dass du auf der Stelle deine Sachen hierlässt, dann lassen wir dich laufen!« »Auch ich bin ein erbadliger König und langjähriger Bergbeherrscher«, gab Pilger zurück, »doch euer Ruf ist nicht bis zu mir gedrungen.« »Dann bist du nicht informiert«, entgegnete jener. »Hör gut zu: Der Erste heißt Freudeschauendes Auge, der Zweite Zornhörendes Ohr, der Dritte Liebeschnuppernde Nase, der Vierte Gedankenschmeckende Zunge, der Fünfte Lustgewahrender Sinn, der Sechste Kummerverhafteter Körper.«134 »Ach so, sechs kleine Räuberchen!« spottete Wukong. »Ihr habt wohl nicht begriffen, dass ich Geistlicher euer Oberhaupt bin! Und wollt mir stattdessen auch noch den Weg versperren. Bringt euer gesamtes Diebesgut her, dann wird es in sieben Teile geteilt, und jeder kriegt gleichviel. Dann will ich euch verschonen.« Wie die Räuber das hörten, frohlockte der Erste, zürnte der Zweite, liebte der Dritte, sinnierte der Vierte, bangte der Fünfte, begehrte der Sechste, und so stürmten sie allesamt vor und schrien: »Dieser Mönch ist unverschämt! Nichts will er beitragen und verlangt auch noch, dass wir mit ihm teilen!« Sie schwangen ihre Lanzen und ließen die Säbel rasseln, dann stürmten sie auf Pilger zu und verpassten ihm in wildem Getümmel wohl an die siebzig oder achtzig Hiebe. Wukong aber stand ungerührt in ihrer Mitte. »Der gute Mönch hat aber einen harten Schädel«, bemerkte einer. »Nun, das mag noch so durchgehen«, lachte Pilger. »Aber ihr müsst ganz schön erschöpft sein. Jetzt ist es am alten Sun, sein Nädelchen spielen zu lassen!« »Aha, der Mönch ist ein Akupunkteur«, meinte einer der Räuber und rief: »Wir sind doch nicht krank, wozu eine Nadel?« Pilger holte sein stecknadelgroßes Stäbchen aus dem Ohr, schwang es in den Wind und hielt eine Stange vom Durchmesser einer Reisschale in den Händen. Dann schrie er: »Stehengeblieben! Lasst auch den alten Sun seine Waffe ausprobieren.« Entsetzt stoben die sechs Räuber in alle Richtungen, doch Sun Wukong, der ihnen in weiten Sätzen nachstellte, holte sie allesamt ein und schlug einen nach dem anderen tot. Nachdem er ihnen die Kleider vom Leib gerissen und ihre Schätze an sich genommen hatte, ging er lachend zu Tripitaka zurück und meinte: »Lasst uns aufbrechen, Meister. Ich alter Sun habe die Räuber erledigt.« Da rief Tripitaka: »Großes Unheil hast du angerichtet! Auch wenn es Wegelagerer und Räuber sind, haben sie nicht einfach den Tod verdient! Mit all den Fähigkeiten, die du hast, wäre es dir doch ein Leichtes gewesen, sie zu verjagen; warum musst du sie alle totschlagen? Das ist grundlose Verletzung von Menschenleben, wie kannst du als Mönch dir so etwas erlauben?« »Meister«, wandte Wukong ein, »wenn ich sie nicht getötet hätte, dann hätten sie Euch erschlagen.« »Ich als Geistlicher würde lieber sterben, als Gewalt anzuwenden«, gab Tripitaka zurück. »Würde man dies den Behörden melden, wäre deine Tat mit nichts zu rechtfertigen, und wäre dein eigener Vater der Richter!« »Offen gesagt, als ich vor fünfhundert Jahren König und Unhold war, habe ich Unzählige umgebracht«, entgegnete Pilger. »Wollte man eine Sache wie diese anzeigen, müsste man noch etliche weitere Anzeigen machen.« »Gerade weil du einst die himmlische Obrigkeit mit Lug und Trug hintergangen hast«, wies ihn Tripitaka zurecht, »bist du ja mit einem fünfhundertjährigen Bann bestraft worden! Aber jetzt bist du dem buddhistischen Orden beigetreten, und wenn du dich weiterhin so gewalttätig verhältst wie damals, wirst du nie in den Westen kommen und kannst auch gar kein Mönch sein. Das ist zu viel des Bösen, zu viel des Bösen!« Nun hatte es aber dieser Affe zeitlebens nicht ertragen können, wenn ihm jemand grollte. Wie er Tripitaka unbeirrt in seiner Schelte fortfahren hörte, konnte er das Feuer in seinem Herzen nicht länger unterdrücken und stieß glühend vor Wut hervor: »Wenn Ihr sagt, dass ich kein Mönch sein kann und nicht in den Westen gelangen werde, braucht Ihr nicht weiter zu predigen. Ich gehe!« Bevor Tripitaka etwas sagen konnte, schnellte er aufgebracht in die Höhe und rief: »Der alte Sun verreist!« Jäh hob Tripitaka den Kopf, doch Pilger war schon verschwunden; man hörte nur noch ein Rauschen, das sich gen Osten entfernte. Einsam und verlassen nickte Tripitaka vor sich hin und seufzte: »So unbelehrbar ist dieser Kerl. Keine paar Sätze habe ich ihn gerügt, warum ist er gleich auf und davon? Nun, sei’s drum! Dann ist es mir eben nicht gegeben, Schüler aufzunehmen. Jetzt ist er halt weg.« So war es in der Tat: Alleine will er ohne Furcht In den Westen schreiten, Ohne jede fremde Hilfe, Ganz auf sich gestellt. Tripitaka ordnete die Reisebündel und band sie auf den Pferderücken. Statt zu reiten, schritt er nun zu Fuß voran, den Pilgerstab in der einen, die Zügel in der anderen Hand, trostlos und verlassen. Nach nicht allzu langer Zeit erblickte er ein altes Mütterchen, das mit beiden Händen ein besticktes Hemd trug, auf dem ein buntes Käppchen lag. Als die alte Frau näher kam, zog Tripitaka höflich das Pferd zur Seite und blieb am rechten Wegesrand stehen, um ihr den Weg freizugeben. »Wo kommt Ihr denn her, Priester, ganz alleine unterwegs?« erkundigte sich das Mütterchen. »Ich bin vom chinesischen Kaiser ausgesandt, in den Westen zu reisen, um bei Buddha Heilige Schriften zu holen«, antwortete Tripitaka. »Dann müsst Ihr zum Tempel des Donnergrollens im Reiche Indien«, meinte das Mütterchen. »Von hier aus sind das 108 000 Wegmeilen. Wie wollt Ihr das denn bewältigen, alleine mit dem Pferd und ohne Schüler!« »Vor ein paar Tagen habe ich eigentlich gerade einen Schüler aufgenommen«, erklärte Tripitaka. »Aber das war ein aufbrausender und sturer Charakter. Kaum habe ich ihn mit ein paar Sätzen zurechtgewiesen, war es ihm schon zu viel, und da hat er sich aus dem Staub gemacht.« »Ich habe hier einen Baumwollkittel und eine mit Gold durchwirkte Kappe«, sprach das Mütterchen, »die Sachen gehörten meinem Sohn. Er hat nur drei Tage lang als Mönch gedient, da ist ihm ein tödliches Unglück geschehen. Eben war ich im Tempel und habe um ihn geweint; diese Sachen habe ich als Andenken mitgenommen. Ehrwürden, da Ihr einen Schüler habt, will ich Euch dieses Hemd und die Kappe schenken.« »Allerbesten Dank für die großzügige Gabe, Mütterchen«, sprach Tripitaka, »doch ist mein Schüler, wie gesagt, bereits entlaufen. Ich kann Eure Sachen nicht annehmen.« »In welche Richtung ging er denn?« »Ich habe nur ein Rauschen gehört, das sich nach Osten entfernte.« »Nicht weit im Osten bin ich zu Hause«, sprach das Mütterchen. »Gewiss ist er auf dem Weg zu mir. Ich will Euch eine heilige Zauberformel lehren, das ›Wahre Wort zur Festigung des Herzens‹; man nennt es auch den ›Reifverengungsspruch‹. Lernt ihn im Stillen auswendig und prägt ihn Euch gut ein. Ich aber will mich jetzt auf den Weg machen, Euren Schüler einzuholen, dann kann ich ihn dazu bewegen, zu Euch zurückzukommen. Lasst ihn dann Kittel und Kappe anziehen, und wenn er Eure Anweisungen nicht befolgt, dann sprecht im Stillen die Zauberformel. So wird er sich nie mehr trauen, gewalttätig zu sein oder sich davonzustehlen.« Respektvoll senkte Tripitaka sein Haupt und verneigte sich zum Dank. Als goldener Lichtstrahl entschwand das Mütterchen gen Osten. Tripitaka wusste nun, dass sich ihm die Göttin Guanyin offenbart hatte, steckte sogleich Weihrauchstäbchen in ein Häufchen Erde und verneigte sich im Gebet gegen Osten. Danach verstaute er Kleid und Kappe im Gepäck und ließ sich am Wegesrand nieder. Wie er nun das »Wahre Wort zur Festigung des Herzens« aufsagte, bis er es fest im Herzen behielt, sei hier nicht weiter ausgeführt. Wenden wir uns stattdessen Wukong zu. Der war nämlich, nachdem er seinen Meister verlassen hatte, in einem einzigen Wolkenüberschlag zum Palast des Drachenkönigs vom Östlichen Ozean gesaust. Dort sprach der Drachenkönig: »Wie ich hörte, ist Eure Leidenszeit zu Ende, Großer Heiliger. Da werdet Ihr wohl nun in Eure alte Grotte auf Eurem paradiesischen Berg zurückkehren.« »Die Absicht hatte ich, nur bin ich jetzt leider Mönch geworden.« »Mönch?« »Ja, die Bodhisattva vom Südmeer hat mich dazu bewogen. Sie sagte mir, ich solle einen Priester aus dem chinesischen Kaiserreich auf eine Pilgerreise von Ost nach West begleiten und dem buddhistischen Orden beitreten. Darum heiße ich jetzt auch ›Pilger‹.« »Gratuliere!« rief der Drachenkönig, »Ihr seid wirklich zu beglückwünschen. Das nennt man ›sich vom Bösen abkehren und dem Guten zuwenden‹! Aber, wenn dem so ist, warum kommt Ihr denn jetzt in den Osten, statt gen Westen zu pilgern?« »Ach«, lachte Pilger, »dieser Priester weiß nicht, was rechtens ist. Ich habe bloß ein paar Wegelagerer erschlagen, da macht er mir schon Vorwürfe. Glaubt Ihr etwa, ich würde einen solchen Rüffel einfach hinnehmen? Jetzt hab ich ihn sitzengelassen und will zurück zu meinem Berg. Darum bin ich hier vorbeigekommen und wollte kurz reinschauen, um ein Tässchen Tee zu kriegen.« Der Drachenkönig ließ sogleich duftenden Tee auftragen. Als Pilger sich umwandte, fiel sein Blick auf ein Bild, das an der Rückwand hing. Es trug die Aufschrift Darbieten der Schuhe bei der Yi-Brücke. Er erkundigte sich, was denn da für eine Geschichte dargestellt sei. »Großer König«, sprach der Drachenkönig, »Ihr wart früher da, als diese Geschichte spielt, darum kennt Ihr sie nicht. Das Bild erzählt vom dreimaligen Darbieten der Schuhe bei der Yi-Brücke. Dieser Unsterbliche hier, das ist Huang Shigong, und der Herr da ist Zhang Liang, der zur Zeit der Han-Dynastie gelebt hat. Als Shigong einmal auf der Yi- Brücke saß, fielen ihm plötzlich seine Schuhe nach unten, und da hieß er Zhang Liang, sie ihm zu bringen. Der Herr holte ihm die Schuhe sofort und überreichte sie ihm auf den Knien. Das wiederholte sich drei Mal, und dennoch zeigte Zhang Liang dabei nicht den geringsten Hochmut. Anschließend gab ihm Shigong eine heilige Schrift über die Kunst der Kriegsführung und sandte ihn, das Reich der Han-Dynastie zu unterstützen. Später wurde Zhang Liang sogar zum höchsten Minister am Kaiserhof der Han ernannt. Als schließlich Frieden einkehrte, gab er seine Beamtenkarriere auf und zog sich in die Berge zurück, wo er sich Chi Songzi, dem daoistischen Meister der Roten Kiefer, anschloss und am Ende die Unsterblichkeit erlangte. Großer Heiliger, wenn Ihr den Priester nicht beschützt und nicht alle Eure Kräfte für diese Sache einsetzt, dann seid und bleibt Ihr ein unsterblicher Unhold und könnt die Hoffnung auf wahre Vervollkommnung gleich aufgeben.« Wukong verfiel in nachdenkliches Schweigen. »Ihr müsst Euch selber entscheiden, Großer Heiliger«, fuhr der Drachenkönig fort, »aber Ihr dürft nicht um der momentanen Freiheit willen Eure Zukunft vergessen.« »Genug der Worte«, warf Wukong ein, »dann geh ich alter Sun eben wieder zurück.« Schon schnellte er aus der Meerestiefe hoch, rief dem Drachenkönig einen Abschiedsgruß zu und glitt über die Wolken davon. Dabei traf er gerade auf Guanyin, die Göttin des Südmeeres. »Sun Wukong«, rief sie ihm zu, »warum lässt du dir keine Ermahnung gefallen und schützest den Priester aus China nicht? Was machst du hier?« Pilger erschrak, grüßte ehrerbietig und sagte: »Dank Euren guten Worten, werte Bodhisattva, ist tatsächlich ein Priester aus China gekommen, hat das Siegel entfernt und mir das Leben gerettet, und ich bin sein Schüler geworden. Doch eben hat er mir vorgeworfen, ich sei gewalttätig und stur, darum bin ich ihm kurz aus dem Weg gegangen. Jetzt geh ich wieder hin.« »Ja, beeil dich, und sieh zu, dass du nicht wieder auf andere Gedanken kommst«, sprach die Göttin und verschwand. Kurz darauf erblickte Pilger den Priester, der vor sich hinbrütend am Wegesrand saß. Er trat auf ihn zu und fragte: »Meister, warum geht Ihr denn nicht weiter? Was macht Ihr hier?« Tripitaka hob den Kopf. »Wo warst du denn? Ich traute mich gar nicht weiter, konnte nur noch hier auf dich warten.« »Ich habe mich beim Drachenkönig vom Ostmeer zum Tee eingeladen«, gab Pilger zur Antwort. »Aber mein Schüler«, bemerkte Tripitaka, »wir Mönche sollen nicht lügen. Nicht mehr als eine Doppelstunde warst du fort, und nun willst du mir weismachen, du wärst beim Drachenkönig zum Tee gewesen?« »Nun«, lachte Pilger, »ich will Euch nicht vorenthalten, dass ich auf Wolken durch die Lüfte gleiten kann. In einem Luftsprung schaffe ich 108 000 Wegmeilen. Darum konnte ich so schnell hin und zurück.« »Kaum habe ich ein paar harte Worte gesagt«, meinte Tripitaka, »ist dich gleich die Laune angekommen, mich fallenzulassen. Du mit deinen Fähigkeiten kannst deinen Tee genießen; ich hingegen kann nichts als sitzen bleiben und hungern. Das sollte dir doch auch nicht recht sein!« »Meister, wenn Ihr Hunger habt, gehe ich jetzt Almosen holen.« »Nicht nötig, in meiner Tasche ist noch etwas Proviant. Nimm die Schale heraus und hol mir ein bisschen Wasser; sobald ich dann eine Kleinigkeit gegessen habe, können wir weitergehen.« Pilger knüpfte die Tasche auf, fand darin etwas Gebäck aus grobem Mehl und reichte es dem Meister. Gleichzeitig hatte er auch das schillernde Baumwollkleid und die goldbesetzte Kappe entdeckt und fragte nun: »Meister, habt Ihr das Kleid und die Kappe aus dem Osten mitgebracht?« Tripitaka übernahm seine Vermutung und sagte: »Die Sachen habe ich als Kind getragen. Wenn man diese Kappe trägt, kann man die Heiligen Schriften auswendig, ohne dass man sie lernen muss, und wenn man den Kittel anzieht, beherrscht man alle Höflichkeitsriten, ohne sie einstudieren zu müssen.« »Lieber Meister, lasst mich die Sachen anziehen!« bat Pilger. »Einverstanden«, nickte der Meister. Pilger legte sich den Kittel um und setzte die Kappe auf. Tripitaka unterbrach sein Mahl und sprach im Stillen den Reifverengungsspruch. Da schrie Pilger auf: »Aua, mein Kopf! Mein Kopf tut weh!« Der Meister aber ließ nicht locker und wiederholte die Zauberformel noch einige Male, bis Pilger sich vor Schmerz am Boden wand und so heftig an dem goldbesetzten Käppchen zerrte, dass Tripitaka fürchtete, er könnte es zerreißen. So hielt er schließlich inne. Prompt waren auch die Schmerzen weg. Pilger griff sich an den Kopf und befühlte die Kappe. Etwas wie ein goldener Draht wand sich fest um seine Stirn, es war unverrückbar, als hätte es auf seinem Kopf Wurzeln geschlagen. Da holte er sein nadelgroßes Stäbchen aus dem Ohr, stieß es unter den Reif und zerrte so wild daran, dass Tripitaka aus Furcht, er würde ihn zerreißen, abermals den Spruch zu murmeln begann. Sofort kamen auch die Schmerzen wieder, diesmal so quälend, dass Pilger sich im Handstand aufbäumte und Purzelbäume schlug, seine Ohren glühten, sein Gesicht lief rot an, die Augen quollen hervor, und es prickelte ihn am ganzen Körper. Als der Meister ihn so sah, hatte er Mitleid und hielt inne. Schon war der Schmerz wieder weg. »Ihr habt einen Fluch über mich gebracht«, rief Pilger, »daher rühren die Kopfschmerzen!« »Ich habe nur den Reifverengungsspruch aufgesagt, wann soll ich je einen Fluch ausgesprochen haben?« »Sagt ihn noch mal«, bat Pilger, worauf Tripitaka tatsächlich wieder damit anfing und Pilger aufs Neue von Schmerzen gepackt wurde. »Aufhören, aufhören!« schrie er. »Immer wenn Ihr diesen Spruch aufsagt, kriege ich solche Schmerzen; wie geht das zu?« »Wirst du von jetzt an auf meine Ermahnungen hören?« »Ja, das werde ich.« »Wirst du dich noch einmal ungebührlich benehmen?« »Nein, das wage ich nicht mehr.« Äußerlich gab er zwar klein bei, innerlich aber stiegen in seinem Herzen böse Gedanken auf. Schon schwang er sein Stäbchen zur dicken Eisenstange und wollte auf Tripitaka losschlagen. Bestürzt sagte dieser den Spruch zwei, drei Mal auf, dass der Affe zu Boden strauchelte, die Stange fallen ließ und seine Arme nicht mehr anheben konnte. »Meister«, flehte er, »ich weiß es nun, hört auf, hört auf!« »Wie kannst du nur so skrupellos sein, mich schlagen zu wollen?« »Ich mache es nie mehr, bestimmt. Doch sagt, Meister, wer hat Euch diese Magie beigebracht?« »Ein altes Mütterchen, das vor kurzem hier vorbeigekommen ist.« Wütend fauchte Pilger: »Kein Wort! Mit Sicherheit war dieses Mütterchen niemand anderes als jene Guanyin. Warum stellt die mir derart nach? Wartet nur, ich gehe jetzt zum Südmeer und verpasse ihr eine Tracht Prügel.« »Sie ist es, die mir den Spruch vermittelt hat«, gab Tripitaka zu bedenken, »also muss sie ihn schon gekannt haben, bevor ich ihn gelernt habe. Wenn du sie jetzt aufsuchst und sie den Spruch aufsagt, ist das doch dein Ende!« Pilger sah ein, dass er recht hatte. Nun hielt er sich tatsächlich still, kniete vor seinem Meister nieder und rief: »Meister, mit diesem Spruch macht sie mich wehrlos, damit ich mit Euch in den Westen muss. Ich werde sie in Ruhe lassen, doch bitte macht den Spruch nicht zu Eurem täglichen Gebet. Ich bin willens, Euch zu schützen, und werde mich nicht noch mal anders besinnen.« »Wenn dem so ist«, meinte Tripitaka, »dann hilf mir jetzt aufs Pferd.« Erst jetzt war der Widerstand in Pilgers Herz erloschen. Mit fester Entschlossenheit sprang er auf, gab sich neuen Schwung, gürtete seinen Kittel und schnürte den Sattel fest. Dann schulterte er das Gepäck auf und schritt gen Westen voran. Und was es nach diesem Aufbruch weiter zu berichten gibt, hört ihr im nächsten Kapitel. 第015回 / 15. Kapitel Beim Schlangenberg stehen die Götter schützend bei / In der Adlergramschlucht wird das Denkpferd zahm Lasst uns nun berichten, wie Tripitaka von Pilger unterstützt mehrere Tage lang westwärts zog. Man zählte den winterkalten zwölften Mond, sie reisten durch eisigen Nordwind und klirrenden Frost. Der Weg führte über holprige Saumpfade an steil abfallenden Felswänden durch bedrohliche, hoch aufragende Gipfel endloser Bergketten. Vom Sattel aus vernahm Tripitaka auf einmal ein Rauschen wie von tosenden Wassermassen. Er wandte sich um und rief: »Wukong, woher kommt dieses Geräusch?« »Wenn ich mich richtig entsinne, ist das hier die Adlergramschlucht am Schlangenberg. Das Rauschen müsste vom Wildbach in der Schlucht herrühren.« Er hatte kaum ausgesprochen, da standen sie schon am Rande der Schlucht. Tripitaka zügelte das Pferd und hielt Ausschau. Plötzlich schäumte es in der Tiefe, Wasser spritzte hoch, und ein Drache schnellte empor, der sich aufbäumend auf Tripitaka zustürzte. Erschrocken warf Pilger das Gepäck zu Boden, hob den Meister aus dem Sattel und rannte mit ihm davon. Der Drache aber, der sie nicht einzuholen vermochte, schnappte sich Tripitakas weißes Pferd und verschlang es mitsamt Sattel und Zaumzeug. Einen Augenblick später war er wieder in den Tiefen des Stromes verschwunden. Inzwischen hatte Pilger seinen Meister auf einem hohen Felsplateau in Sicherheit gebracht. Als er nun Gepäck und Pferd holen wollte, fand er nur noch die Reisebündel, das Pferd war verschwunden. Er brachte die Sachen zu Tripitaka und sagte: »Meister, der schlimme Drache ist weg, aber er hat unser Pferd verjagt. Ich werde mal Ausschau halten.« Mit einem schrillen Pfiff sauste er in die Höhe und spähte, die Hand schirmend über die Augen gelegt, mit seinem goldstrahlenden Blick in alle Richtungen. Vom Pferd war keine Spur zu entdecken. Schließlich schwebte er nach unten und meldete: »Meister, das Pferd muss von dem Drachen gefressen worden sein, es ist nirgendwo zu sehen.« »Was für ein Maul hat denn die Bestie; sie kann doch unmöglich ein ganzes Ross samt Sattel und Zaumzeug verschlucken? Es wird sich wohl in die Felskluft dort drüben verkrochen haben, schau noch einmal genauer nach.« »Meister«, erwiderte Pilger, »Ihr müsst wissen, dass ich einen sehr scharfen Blick habe. Bei Tageslicht sehe ich in einem Umkreis von tausend Meilen jede Regung; nicht einmal der Flügelschlag einer Libelle entgeht mir, von einem großen Pferd wie dem unseren ganz zu schweigen.« »Wie soll ich bloß weiterkommen, wenn das Pferd gefressen wurde? Ach weh, wie soll ich nun all die endlosen Berge und Schluchten überwinden?« rief Tripitaka, und die Tränen stürzten ihm aus den Augen. Als Pilger sah, wie er zu schluchzen begann, konnte er sich nicht halten und brauste auf: »Meister, seid doch nicht ein solcher Jammerlappen! Bleibt mal hier sitzen und wartet, bis ich alter Sun das Biest aufgesucht habe, damit es unser Pferd zurückgibt.« Tripitaka aber hielt ihn zurück und rief: »Aber mein Schüler! Wenn du jetzt weggehst, könnte der Drache ja plötzlich auftauchen und mir auch etwas antun. Und wenn am Ende das Pferd und ich beide umkommen?« Diese Worte machten Pilger nun so wütend, dass er donnerte: »Was seid Ihr für eine Eiterbeule! So ein Weichling! Das Pferd wollt Ihr haben, mich nicht von der Seite lassen – dann bleibt doch beim Gepäck sitzen, bis Ihr alt und grau seid!« Während er noch schimpfte, erklang aus der Höhe eine Stimme: »Beruhigt Euch, Großer Heiliger! Weint nicht, Kaiserlicher Bruder! Wir sind die Schutzgötter, die Euch auf Geheiß der Bodhisattva Guanyin auf Eurem Wege unsichtbar begleiten.« Eilends stand der Priester auf und verneigte sich ehrfürchtig. »Wer seid ihr?« wandte sich Pilger an die Stimme, »nennt mir eure Namen, damit man euch aufrufen kann!« »Wir sind die sechs Ding- und die sechs Jia-Götterkrieger, die Vier Zeitgötter und die Schutzgötter der Klöster. Wir alle stehen Euch wechselweise zu Diensten.« »Im Moment reicht es, wenn die sechs Ding-Götterkrieger und die Vier Zeitgötter hierbleiben und meinem Meister schützend beistehen«, ordnete Pilger an, »dann kann ich alter Sun derweil den Drachen aufsuchen und unser Pferd zurückfordern.« Die Götter taten wie geheißen, und Tripitaka setzte sich endlich beruhigt auf dem Fels nieder. Der Affenkönig aber stieg mit geballten Kräften auf Wolkenhöhe über die Wassermassen und schrie nach unten: »Gib mir mein Pferd zurück, du lausiger Schlammbeißer!« Der Drache aber hatte das Pferd verzehrt und sich anschließend auf den Grund verzogen, wo er sich nun gemütlich pflegte. Als er auf einmal dieses Schimpfwort hörte, konnte er sich nicht halten und schnellte aus den Wogen. »Wer wagt es, mich mit solchen Worten zu beleidigen?« schrie er aufgebracht. »Stillgestanden!« fauchte ihn Pilger an, »gib mir mein Pferd zurück!« Schon schwang er seinen Stab und zielte auf den Drachen, der nun zähnefletschend mit gespreizten Krallen auf Pilger losfuhr. Lange rangen die beiden am Rand der Schlucht hin und her, bis dem Drachen endlich die Kräfte versagten und er vor Erschöpfung nicht mehr standhalten konnte. Ruckartig entfloh er ins Wasser und verbarg sich auf dem Grund, ohne sich noch einmal blicken zu lassen. Auf alle weiteren Schimpftiraden des Affenkönigs stellte er sich taub. Da Pilger nichts weiter tun konnte, kehrte er zu Tripitaka zurück. »Du hast doch einmal behauptet, du könntest Drachen besiegen und Tiger bezwingen«, meinte dieser, »warum tust du dich jetzt mit diesem Drachen so schwer?« Dieser Affe aber konnte Sticheleien nun einmal nicht ertragen. Auf die Bloßstellung durch Tripitaka schnellte er ungestüm hoch und rief: »Kein Wort, ich knöpfe ihn mir noch mal vor!« Mit weiten Sätzen sprang der Affenkönig ans Ufer, wo er eine Magie des Aufpeitschens von Flüssen und Meeren anwandte, so dass die kristallklaren Tiefen der Adlergramschlucht binnen kurzem aussahen wie die trüben Windungen des Gelben Flusses. Da wurde es dem Drachen auf dem Grund ungemütlich. Er biss die Zähne zusammen, schnellte aus den Wogen und keifte: »Wo kommst du Rotzteufel eigentlich her, dass du mich derart schikanierst?« »Was geht es dich an, wo ich herkomme! Rück das Pferd raus, sonst bist du des Todes!« »Dein Pferd habe ich aufgefressen. Worauf wartest du noch, wenn ich es dir doch nicht zurückgeben kann?« »Wenn du mir das Pferd nicht gibst, haue ich dich mausetot, um seinen Tod zu rächen.« Von neuem entbrannte ein wilder Kampf zwischen den beiden. Doch schon nach wenigen Kampfrunden wusste sich der Drache endgültig nicht mehr zu wehren. Mit einem Schwenk verwandelte er sich in eine Wasserschlange und war flugs im Ufergras verschwunden. Der Affenkönig packte seine Stange, rupfte lauter Grasbüschel aus und suchte überall. Doch von einer Schlange war keine Spur zu finden. Berstend vor Wut stieß er das Zauberwort »Om« aus. Damit konnte er den zuständigen Erdgeist und den ortsansässigen Berggott herbeirufen. Augenblicklich knieten beide Geister vor ihm. »Her mit euren Knöcheln, zum Gruß gibt’s fünf Stockhiebe, um mir die Laune zu vertreiben!« schnaubte Pilger. Bestürzt schlugen die beiden Geister ihre Köpfe zu Boden und flehten: »Möge der Große Heilige uns das ersparen! Großer Heiliger, ihr wart so lange im Berg der Fünf Wandlungsphasen eingeschlossen; wir geringen Geister wussten gar nicht, wann Ihr herausgekommen seid, deshalb konnten wir Euch keinen Empfang bereiten, bitte vergebt uns!« »Schon gut, ich schlage euch nicht. Doch antwortet: Woher kommt der Drache in dieser Schlucht, und warum hat er das Pferd meines Meisters geraubt und gefressen?« »Großer Heiliger, seit jeher wart Ihr ein Hoher Unsterblicher aus dem Uranfang der Welt und habt Euch weder dem Himmel noch der Erde gebeugt; seit wann habt Ihr denn einen Meister?« »Ihr wisst also nichts davon«, versetzte Pilger. »Die Bodhisattva Guanyin hat mich dazu bewogen, dem Priester aus China als Jünger zu dienen und ihn auf seiner Reise zu den Heiligen Schriften bei Buddha im Westen zu beschützen. Jetzt sind wir hier vorbeigekommen, und da hat doch dieser üble Drache das Pferd meines Meisters aufgefressen!« »So verhält es sich also«, meinten die beiden Geister und erklärten: »An dieser Schlucht war eigentlich nie etwas auszusetzen, sie ist nur sehr tief und breit, und das Wasser ist so kristallklar, dass die Raubvögel, wenn sie beim Überfliegen nach unten schauen, ihr Spiegelbild für einen Gleichartigen halten und sich dann immer ins Wasser stürzen. Darum der Name Adlergramschlucht. Damals, als die Bodhisattva Guanyin auf der Suche nach einem Schriftenholer war, hat sie einen sündigen Drachen gerettet und ihn hierhergeschickt, dessen Ankunft abzuwarten. Sie verbat ihm jegliche Übeltat; wir verstehen gar nicht, warum er Euch, Großer Heiliger, heute derart in den Weg fallen konnte.« »Eben hat er sich in eine Wasserschlange verwandelt und ist im Gras verschwunden. Warum kann ich ihn jetzt nicht mehr finden?« »In dieser Schlucht wimmelt es nur so von unterirdischen Gängen«, erklärte der Erdgeist, »bestimmt hat er sich dorthin verkrochen. Möge der Große Heilige seinen Zorn besänftigen. Um dieses Ungetüm zu fassen, braucht man nur Guanyin herbeizubitten, ihr wird er gehorchen.« Da befahl Pilger den beiden Geistern, mit ihm zu Tripitaka zu kommen, um ihm die ganze Angelegenheit zu erzählen. »Wie lange brauchst du denn, bis du von Guanyin wieder zurück bist?« fragte dieser ängstlich. »Wie werde ich einfacher Mönch Hunger und Kälte ertragen können?« Ehe er weitersprechen konnte, erklang aus der Höhe die Stimme des Goldhäuptigen Wächters: »Großer Heiliger, Ihr braucht Euch nicht zu bemühen. Geringer Geist wird die Bodhisattva bitten, hierherzukommen.« Pilger freute sich sehr. Der Goldhäuptige aber glitt auf Wolken zum Südmeer, wo er zielsicher am Purpurbambushain auf dem Potalaka-Berg ankam, bei der Bodhisattva vorsprach und ihr berichtete, was sich ereignet hatte. Da stieg Guanyin von ihrem Lotosthron und schwebte zusammen mit dem Wächter auf einem glückverheißenden Lichtstrahl über das Südmeer. In kurzer Zeit hatten sie den Schlangenberg erreicht. Unten gewahrten sie Pilger Sun, der am Rande der Schlucht stand und gerade wilde Schimpftiraden von sich gab. Guanyin befahl dem Wächter, ihn zu rufen. Pilger schnellte ungestüm in die Wolken hoch und rief laut: »Ihr seid doch die Meisterin der Sieben Buddhas, eine barmherzige Religionsstifterin; wozu heckt Ihr bloß mir zu Schaden solche Listen aus?«136 »Du tollkühner Affe!« gab Guanyin zurück, »ich gebe mir alle Mühe, dir diesen Schriftenholer zur Rettung zu senden, und anstatt mir zu danken, dass du mit deinem Leben davongekommen bist, willst du dich gar mit mir anlegen?« »Ihr habt mir einen schönen Streich gespielt! Wenn Ihr mich schon rauslasst, dann lasst mich doch den chinesischen Priester nach Kräften unterstützen. Stattdessen schenkt Ihr ihm eine Kappe und verleitet mich dazu, sie aufzusetzen, damit ihr Reif mit meinem Kopf verwächst! Und zu allem Übel habt Ihr ihn noch jenen ›Reifverengungsspruch‹ gelehrt, der mir schreckliche Kopfschmerzen macht. Ist das etwa nicht zu meinen Schaden?« »Ach, dieser Affe!« lachte Guanyin. »Du widersetzt dich den Regeln und willst dich nicht bessern; wenn ich dich nicht auf diese Weise binden würde, hättest du dich längst wieder gegen den Himmel vergangen und wie früher Schaden angerichtet. Und wer könnte dir dann Einhalt gebieten? Genau dieser Widersacher ist nötig für dich, denn nur so bist du willens, dich an meine Lehre des Yogachara zu halten.«137 »Meinetwegen, was diese Sache betrifft, mag das mein Widersacher sein. Wozu aber schickt Ihr auch noch diesen Drachen hierher, der sich da als übler Geist eingenistet und meines Meisters Pferd aufgefressen hat? Das ist doch nichts anderes als einem Angeklagten freie Hand zu neuen Übeltaten geben!« »Für diesen Drachen«, erwiderte Guanyin, »habe ich mich persönlich beim Jadekaiser eingesetzt und eigens dafür gesorgt, dass er hierherkommt, um dem Schriftenholer später als Reittier zu dienen. Glaubst du etwa, ein gewöhnliches Pferd aus dem Osten wäre imstande, diese Reise durchzustehen, über Tausende von Gebirgen und Gewässern, bis hin zum Seelenberg im Westen? Allein mit einem solchen Drachenpferd ist das möglich.« »Aber was soll ich tun, wenn er sich einfach verkriecht und sich nicht mehr blicken lässt?« fragte Pilger. Guanyin wandte sich an den Goldhäuptigen Wächter und sprach: »Stell dich ans Ufer und rufe: ›Dritter Sohn des Jadedrachen, Bodhisattva Guanyin ist hier!‹ Dann wird er kommen.« Der Goldhäuptige ging hin und rief die Worte zwei Mal. Da spritzten die Wellen hoch, der Drache sprang heraus und schwebte in menschlicher Gestalt zu Guanyin empor, wo er sich mit gefalteten Händen verneigte und sprach: »Verehrte Bodhisattva! Seit Ihr mir das Leben gerettet habt, warte ich hier. Doch nie habe ich etwas von einem Schriftenholer vernommen.« »Ist das etwa nicht der Jünger des Schriftenholers?« fragte Guanyin, indem sie auf Pilger wies. »Bodhisattva«, versetzte der Drache, »das ist mein Feind. Gestern habe ich großen Hunger gehabt und in der Tat sein Pferd gefressen. Nun wütet er hier und schimpft die ganze Zeit; von ›Schriftenholen‹ hat er kein Wort gesagt.« »Du hast mich ja nie nach meinem Namen gefragt!« fuhr Pilger dazwischen, »wieso sollte ich was davon sagen?« »Habe ich denn nicht gefragt, woher du Rotzteufel kommst? Und du hast geschrien: ›Was geht es dich an, wo ich herkomme, rück das Pferd raus.‹ Kein halbes Wort von einem Priester hast du erwähnt.« »Du Affenschädel«, rügte die Bodhisattva, »immer willst du dich selbst hervortun, nie kommt es dir in den Sinn, andere lobend zu erwähnen. Unterwegs werdet ihr noch mehr zukünftigen Jüngern begegnen; wenn dich also nächstens jemand fragt, so lasse zuerst das Wort ›Schriftenholen‹ fallen. Dann brauchst du dich nicht weiter abzumühen; sie werden sich ehrerbietig ergeben.« Freudig nahm Pilger die Belehrung an. Guanyin aber trat auf den Drachen zu, löste ihm die Perle vom Hals, tunkte ihren Weidenzweig in die Vase und besprenkelte seinen Körper mit dem süßen Tau. Dann hauchte sie ihn mit göttlichem Odem an und rief: »Verwandlung!« Auf der Stelle nahm der Drache die Gestalt des Pferdes an. »Jetzt musst du dich mit ganzem Herzen der Läuterung deines Karma hingeben«, wies ihn Guanyin an. »Am Ende wirst du das gemeine Drachendasein überwinden und die Buddhaschaft erlangen.« Von Herzen gelobte der junge Drache, sich daran zu halten. Guanyin wies Wukong an, das Drachenpferd zu Tripitaka zu führen: »Ich gehe jetzt.« Doch Pilger hielt sie zurück und rief: »Nein, ich mache nicht mehr mit! Diese Reise in den Westen ist so was von anstrengend, und wer weiß, wann wir je ankommen, wenn ich diesen irdischen Priester beschützen muss! Wenn das mit solchen Mühen verbunden ist, kann ich ja nicht mal garantieren, ob ich alter Sun am Leben bleibe, wie soll ich auf diese Weise je die Wahre Frucht erlangen?« »Damals, als du noch auf dem Weg zur Vervollkommnung zum Menschen warst, hattest du den Willen, dich voll und ganz dem Ziel der Erleuchtung zu widmen«, sprach Guanyin. »Heute aber, nachdem du der Not des Himmels entronnen bist, scheinst du es auf einmal bequem haben zu wollen! Die Wahre Frucht unserer Lehre ist die Erlangung des Nirvana, und dafür müssen wir uns mit aufrichtigem Glauben hingeben. Solltest du einmal in große Gefahr geraten und dir nicht mehr zu helfen wissen, dann sei es dir erlaubt, Himmel und Erde anzurufen, und sie werden dir beistehen. Komm her, ich will dir eine weitere Fähigkeit verleihen.« Sie löste drei Blätter von ihrem Weidenzweig und legte sie an Pilgers Nacken. Mit dem Ruf »Verwandlung!« wurden sie zu drei lebensrettenden Zauberhaaren. »Wenn du in eine ausweglose Situation gerätst, kannst du diese Zauberhaare verwandeln in was immer du willst, und sie werden dich retten.« Auf all die guten Worte hin bedankte sich Pilger, senkte seine Wolke und trat mit dem Drachenpferd vor Tripitaka. Freudestrahlend rief dieser aus: »Das Ross sieht ja noch stattlicher aus als zuvor! Wo hast du es denn gefunden?« »Meister, Ihr träumt wohl noch! Der Goldhäuptige Wächter hat die Bodhisattva hierhergebeten; sie hat den Drachen aus der Schlucht in dieses Pferd verwandelt und schickt mich, es Euch vorzuführen!« Tripitaka steckte Weihrauchstäbchen in etwas angehäufte Erde und verneigte sich betend gen Süden. Dann schnürte er mit Pilger zusammen die Bündel und machte sich zum Aufbruch bereit. Pilger aber ließ die Schutzgötter abtreten, half dem Meister auf das ungesattelte Pferd und schulterte sich die Reisebündel auf. Gerade als sie das Pferd durch das Wasser waten lassen wollten, gewahrten sie, dass vom Oberlauf ein alter Fischer auf einem hölzernen Floß stromabwärts trieb. Eilig winkte ihn Pilger heran, und der Fischer stakte ans Ufer. Pilger bat seinen Meister auf das Floß und sorgte dafür, dass Pferd und Gepäck gut standen, dann stakte der Alte sein Floß vom Ufer ab. Geschwind wie ein Pfeil überquerten sie die Adlergramschlucht und gelangten im Nu ans westliche Ufer. Als sie an Land gingen, hieß Tripitaka Pilger den Alten entlohnen. Dieser aber weigerte sich, Geld anzunehmen, und entfernte sich zur Mitte des Stromes, wo er langsam den Blicken entschwand. Dankend blickte ihm Tripitaka mit gefalteten Händen nach. »Meister, habt Ihr ihn denn nicht erkannt?« fragte Pilger. »Das war der Flussgott dieser Schlucht! Uns zu empfangen war nichts als seine Anstandspflicht, wie könnte er es wagen, Geld anzunehmen?« Tripitaka setzte sich aufs Pferd, und die beiden eilten dem Westen entgegen. Wahrhaftig, das wollten sie: In äußerster Wahrhaftigkeit Das andere Ufer erlangen, Erleuchtet und mit wahrem Sinn Den Seelenberg erklimmen! Schon näherte sich die rote Sonne dem westlichen Horizont, alsbald fiel die Dämmerung ein, und man sah: Einsam fliegt ein Vogel auf, Das grüne Eiland dunkelt schon; Wo noch helle Wolken leuchten, Schweben Hügelketten fern. In der Ferne erspähten sie einen Tempel, der an ihrem Weg lag. Als sie schließlich vor dem Eingang standen, stieg Tripitaka vom Pferd und las die drei Zeichen über dem Portal: »里社祠 – Meilenaltar-Tempel«. Beim Eintreten kam ihnen ein alter Mann, der einen Gebetskranz um den Hals trug, mit gefalteten Händen entgegen und rief: »Kommt herein und setzt Euch, werter Meister!« Eilig erwiderte Tripitaka den Gruß und fragte: »Warum heißt dieser Tempel Meilenaltar?« »Unsere Gegend gehört zum Lande Habi in den Westgebieten«, erklärte der Mann, »dieser Tempel ist den Göttern von Erde und Korn im Umkreis einer Meile geweiht. Darf ich fragen, aus welchem gelobten Lande Ihr kommt?« »Ich geringer Mönch komme aus dem chinesischen Kaiserreich im Osten und pilgere im Auftrag unseres Kaisers gen Westen, um Buddha zu huldigen und Heilige Schriften zu holen. Da unser Weg hier vorbeiführt, möchten wir gerne in Eurer kostbaren Stätte um ein Nachtlager bitten; sobald der Morgen anbricht, werden wir weiterziehen.« Der Alte bewirtete sie mit Klosterkost. Als er nach der Mahlzeit mit seinen Gästen draußen vor dem Tempel spazierenging, bemerkte er das an den Torpfosten gebundene stattliche Pferd, das weder Sattel noch Zaumzeug hatte. Er erkundigte sich nach dem Grund, und Pilger erzählte ihm die ganze Geschichte. »Wie gut sich das trifft!« rief der Alte. »Ich habe hier ein vollständiges Pferdegeschirr. Morgen will ich es Euch mitgeben.« Tags darauf, nachdem sie aufgestanden waren, sahen sie den Alten tatsächlich Sattel, Halfter und Zügel herantragen. Tripitaka war hocherfreut, bedankte sich über das Geschenk und ließ Pilger das Pferd satteln. Es passte wie angegossen. Als Tripitaka vor das Tor trat und sich in den Sattel schwang, zog der Alte aus seinem Ärmel eine Peitsche aus Tigersehnen mit einem Griff aus duftendem Lianenholz und reichte sie ihm. Tripitaka nahm sie hoch zu Ross entgegen und sprach: »Habt besten Dank für Eure Spenden!« Als sie nach wenigen Schritten noch einmal zurückschauten, war der Alte verschwunden, und an der Stelle des Tempels lag ebenes Brachland. Aus den Lüften aber erklang eine Stimme: »Heiliger Mönch! Verzeiht die unzulängliche Bewirtung! Wir sind der Berggott und der Erdgeist vom Potalaka-Berg und brachten Euch auf Geheiß der Bodhisattva Guanyin dieses Pferdegeschirr. Strebt weiter gen Westen, lasst nicht nach!« Bestürzt sprang Tripitaka vom Pferd und betete zum Himmel. Erst nachdem er sich mehrmals tief verneigt hatte, spornte er das Pferd an und setzte die Reise fort. Zwei Monate lang kamen sie ohne Zwischenfälle voran, unterwegs trafen sie nur auf exotische Völker wie die Luoluo oder die Huihui138 und begegneten einigen Wölfen, Tigern und Panthern. Die Zeit verging wie im Fluge, und bald brach der Frühling an. Nun sahen sie: Berge sich mit lichtem Grün umhüllen, Frische Knospen aus den Zweigen quellen; Wo der Winterkirsche Blust verweht, Sind schon Weidenkätzchen frisch erblüht. Der Meister und sein Schüler genossen die schöne Frühlingslandschaft und sahen, wie die Sonne sich einmal mehr dem westlichen Horizont zuneigte. Tripitaka zügelte das Pferd und spähte in die Ferne. Da gewahrte er in einer Talsohle die Silhouetten von Türmen und Palästen und rief Pilger zu: »Schau, was ist dort drüben für ein Ort?« »Wenn nicht ein Palast, dann bestimmt ein Kloster«, meinte dieser. »Lasst uns dort um ein Nachtlager bitten.« Freudig gab Tripitaka dem Drachenpferd die Sporen, und sie eilten voran. Und da wir nicht wissen, was für ein Ort es war, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第016回 / 16. Kapitel Mönche aus dem Guanyin-Kloster trachten nach dem Schatz / Der Dämon vom Schwarzwindberg entreißt das Priesterkleid Als Meister und Schüler nun näher kamen, fanden sie tatsächlich ein Kloster vor. Tripitaka sprang vom Pferd und wollte gerade eintreten, als er eine Schar Mönche durch das Klosterportal herauskommen sah. Höflich trat er zur Seite und faltete die Hände zum Gruß. Die Mönche erwiderten die Geste, fragten, woher er komme, und meinten dann: »Bitte, kommt herein!« Da rief Tripitaka nach Pilger und hieß ihn das Pferd hereinbringen. Sprachlos starrten die Mönche auf Pilger und fragten: »Was ist das für ein Ding neben dem Pferd?« »Leise!« mahnte Tripitaka, »er ist leicht reizbar, und wenn er euch so reden hört, wird er sich gleich aufregen. Er ist mein Schüler.« Da bissen sich die Mönche auf die Finger und prusteten: »So ein hässlicher Schüler!« »Hässlich mag er wohl sein, aber ihr wisst gar nicht, wie nützlich er ist!« Die Mönche führten Tripitaka und Pilger durch das Eingangsportal in den Innenhof, wo auf der Haupthalle vier große Schriftzeichen prangten: » 觀音禪院 – Guanyin- Klostertempel«. Tripitaka freute sich sehr, schritt sogleich vor die goldene Statue und verbeugte sich tief. Die Mönche machten sich sogleich daran, dazu die Trommel zu schlagen, worauf Pilger die Glocke betätigte. Als Tripitaka fertig war, ließen die Mönche die Trommel verstummen, Pilger jedoch hörte nicht auf, die Glocke zu schlagen. »Die Huldigung ist zu Ende, was läutet Ihr noch?« fragten ihn die Mönche. Pilger lachte: »Was wisst ihr schon! Was ich da mache, heißt nichts anderes als: ›Bin ich nun mal Mönch, so läut ich halt die Glocke.‹«139 Inzwischen waren aber bereits die Mönche des ganzen Klosters auf das Glockengeläut aufmerksam geworden, strömten herbei und riefen: »Welcher Wilde läutet hier willkürlich die Glocke?« Da schoss Pilger hervor und zischte: »Dein Ahnherr Sun ist es, der sich hier amüsiert!« Als die Mönche ihn erblickten, stoben sie auseinander, dass sie strauchelten, und riefen entsetzt: »Der Donnergeist!« »Ach was, der Donnergeist wäre höchstens mein Urgroßenkel!« versetzte Pilger. »Steht auf, steht auf! Ihr braucht euch nicht zu fürchten. Wir sind ehrwürdige Herren aus dem chinesischen Kaiserreich.« Als die Mönche nun Tripitaka gewahrten, begrüßten sie ihn erleichtert, und der Abt bat sie in die Abtei zum Tee. Nachdem sie getrunken hatten, erschien hinten, von zwei Knaben gestützt, ein greiser Mönch. »Der Patriarch!« tuschelten die Mönche. Tripitaka verneigte sich ehrerbietig. Der Greis erwiderte die Geste und sprach: »Ich bin nur gekommen, weil ich hörte, dass zwei Ehrwürdige aus dem chinesischen Kaiserreich da sind. Darf ich fragen, werter Herr, wie weit Ihr gereist seid, aus dem Osten bis hierher?« Tripitaka antwortete: »Von Chang’an aus geht es mehr als fünftausend Meilen bis zum Grenzberg, von dort durch das Westgebiet des Landes Habi bis zu Eurem werten Kloster waren es wiederum fünf- bis sechstausend Meilen.« »Immerhin eine Entfernung von zehntausend Meilen«, bemerkte der Greis und meinte: »Ach, ich habe mein Leben umsonst verbracht! Gerade wie die sprichwörtliche Kröte, die vom Grunde eines Ziehbrunnens aus den Himmel betrachtet.« »Darf ich nach Eurem werten Alter fragen, Ehrwürden?« fragte Tripitaka. »Zweihundertsiebzig Jahre habe ich töricht verlebt.« »Ach, das wäre ja immer noch mein Urenkel der tausendsten Generation!« mischte sich Pilger ein, verstummte aber, als Tripitaka ihm einen tadelnden Blick zuwarf. Kurz darauf trug ein Tempelknabe auf einem Tablett aus weißer Jade drei mit Gold durchwirkte Cloisonné-Tassen heran, während ein anderer Tempelknabe aus einer weißkupfernen Teekanne duftenden Tee eingoss. »Was für schöne Sachen!« lobte Tripitaka. »Ach herrje, das ist doch nicht der Rede wert. Die Dinger sind keines Lobes würdig«, winkte der Greis ab und fragte: »Doch habt Ihr, verehrter Meister, aus Eurem Kaiserreiche wohl etwas Kostbares mitgebracht, auf das einen Blick zu werfen Ihr mir vergönnen könntet?« »Ach, bei uns im Osten gibt es kaum Schätze, und wenn, so könnte ich sie auch nicht mit mir führen.« »Aber Meister«, warf Pilger ein, »neulich habe ich im Gepäck eine Mönchsrobe gesehen, das ist doch eine Kostbarkeit! Wollen wir sie ihm nicht zeigen?« Sowie die Mönche das Wort »Mönchsrobe« hörten, lachten sie abschätzig. »Was lacht ihr denn?« fragte Pilger. »Ihr sagtet, Eure Mönchsrobe wäre eine Kostbarkeit«, erklärte der Abt, »doch hier bei uns hat ein jeder mindestens zwanzig bis dreißig Roben; unser Patriarch allein besitzt ganze sieben- bis achthundert Stück.« Dann rief er: »Bringt sie doch her!« Nach dieser Prahlerei kam der Greis nicht umhin, seine Roben zu zeigen. Er ließ die Tempelbrüder zwölf Kästen in den Hof tragen, dann wurden Seile an Kleiderständern aufgespannt, die Roben Stück für Stück auseinandergeschüttelt und aufgehängt, und schließlich bat man Tripitaka zur Besichtigung. Es war in der Tat prachtvoll anzuschauen, wie nun zu allen Seiten die reich geschmückten Roben aus bestickten und golddurchwirkten Seidenstoffen ausgehängt waren. »Nun gut«, lachte Pilger, nachdem er sich das Ganze besehen hatte, »schön, schön. Räumt bitte alles weg, jetzt wollen wir die unsere auch herausnehmen.« Tripitaka hielt Pilger zurück und flüsterte ihm zu: »Mein Jünger, man sollte nicht mit Reichtum auftrumpfen! Wir sind allein unterwegs und dürfen uns keine Fehltritte erlauben. Seit alters her heißt es: Gierigen und unehrlichen Menschen soll man keine Kostbarkeiten zeigen, denn sobald ihr Auge sie erblickt, wird ihr Herz keine Ruhe finden, ehe eine List ausgeheckt ist. Und dann ist wirklich ein Unheil zu befürchten.« »Keine Sorge, keine Sorge!« meinte Pilger gelassen, »ich alter Sun übernehme die ganze Verantwortung.« Seht, wie er, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, prompt die Robe holt! Schon durch das doppelte Pergamentpapier, in das sie eingewickelt war, funkelte es wie Morgenröte, und als er die Robe auspackte und auseinanderfaltete, erstrahlte der ganze Hof in rötlichem Glanz, und alles schien in buntes Schillern getaucht. Es war keiner unter den Mönchen, der nicht verblüfft den Mund aufsperrte. Tatsächlich kam der greise Mönch, kaum hatte er die kostbare Robe gesehen, auf ungute Absichten. Er kniete vor Tripitaka nieder und klagte mit Tränen in den Augen: »Ach, mir ist kein Glück vergönnt!« Tripitaka half ihm aufstehen und fragte: »Was meint Ihr damit, Ehrwürden?« »Wie Eure kostbare Robe eben ausgebreitet wurde, war es schon so dämmrig, dass ich sie mit meinen alten Augen gar nicht richtig sehen konnte. Es ist mir wirklich kein Glück vergönnt. Meister, vielleicht seid Ihr so gütig und lasst mich die Robe in meine Klause nehmen, damit ich sie eine Nacht lang bewundern kann. Morgen früh werde ich sie Euch zurückbringen. Wie ist Eure werte Meinung hierzu?« Tripitaka erschrak. »Nur wegen dir!« flüsterte er Pilger vorwurfsvoll zu. »Was gibt es da zu befürchten?« gab Pilger unbeschwert zurück und lachte. »Soll er sie doch nehmen. Wenn etwas schiefgeht, kümmert sich der alte Sun darum.« Er reichte die Robe dem Greis, der sie frohlockend davontrug. Dann wurden die Mönche geheißen, die Meditationshalle im vorderen Klosterteil auszukehren, um die beiden Ehrwürden dort ruhen zu lassen. Wie Meister und Jünger ihr Nachtlager bezogen, sei hier nicht weiter ausgeführt. Der Greis aber nahm die Robe in seine Klause unter den Schein einer Laterne und begann kläglich zu heulen. Als die Mönche herbeieilten, um ihn nach dem Grund zu fragen, meinte er: »Ich weine, weil mir das Glück nicht gegeben ist, die Kostbarkeit dieses Mönchs aus dem chinesischen Kaiserreich zu sehen!« »Aber die Robe liegt doch vor Euch«, sprachen ihm die Mönche zu, »Ihr braucht sie nur auszubreiten und anzuschauen.« »Aber die Zeit ist ja beschränkt! Nun bin ich zweihundertsiebzig Jahre alt und habe umsonst Hunderte von Mönchsroben gesammelt. Wie könnte ich bloß ein solches Stück erlangen? Ach, wenn ich sie nur einen Tag lang tragen dürfte, dann könnte ich in Ruhe sterben!« »Nun bin ich zweihundertsiebzig Jahre alt und habe umsonst Hunderte von Mönchsroben gesammelt!« »Was ist daran so schwierig?« meinten die Mönche. »Wir beherbergen ihn einen Tag, und Ihr tragt einen Tag lang die Robe. Oder wir behalten ihn zehn Tage hier, und Ihr tragt sie zehn Tage lang, warum grämt Ihr Euch so?« »Ach, auch wenn er jahrelang hier wohnte, würde er sie am Ende mit sich fortnehmen; so habe ich sie auch nicht für immer!« Da trat ein junger Mönch mit Namen Guangzhi, »Große Klugheit«, hervor und meinte: »Großväterchen, es wäre ein Leichtes, sie unbeschränkt zu behalten.« Der Greis wurde gleich heiterer und fragte: »Was ist dein werter Vorschlag, mein Kind?« »Die beiden haben doch einen anstrengenden Weg hinter sich und schlafen jetzt bestimmt schon tief. Wir brauchen nur ein paar Leute von uns mit Lanzen und Säbeln in die Halle zu schicken und die beiden umzubringen, dann können wir auch ihr Pferd und das ganze Gepäck behalten, und die Robe ist unser. Auf diese Weise ist der Besitz doch über Generationen hinweg gesichert!« Beglückt wischte sich der Greis die Tränen aus den Augen und sprach: »Sehr gut, sehr gut! Ein ausgezeichneter Plan.« Also wurden die Waffen geholt. Doch nun trat ein anderer junger Mönch mit Namen Guangmou, »Große List«, vor und wandte ein: »Der Plan ist noch nicht ausreichend durchdacht. Wir müssen auf der Hut sein. Der mit dem hellen Gesicht scheint mir unproblematisch, doch der Behaarte könnte schwierig werden. Gesetzt den Fall, dass wir ihn nicht erledigen können, würden wir uns am Ende selbst in Gefahr bringen. Ich habe einen Plan, der ohne Waffen funktioniert: Wir rufen alle zusammen, jeder bringt ein Bündel Reisig, dann legen wir die Meditationshalle in Brand und lassen die beiden mitsamt ihrem Pferd verbrennen. Selbst wenn andere davon erfahren würden, bräuchten wir nur zu sagen, die beiden hätten aus Unachtsamkeit Feuer gelegt und unseren Tempel niedergebrannt. So wird die Robe zu unserem kostbaren Erbstück!« »Stark, stark«, stimmten alle Mönche bei, »dieser Plan ist noch besser!« Wie sie nun Reisig herantrugen und den Brand vorbereiteten, sei hier nicht weiter ausgeführt. Tripitaka und Pilger hatten sich währenddessen zur Ruhe gelegt. Doch Pilger war eben ein beseelter Affe; zwar hatte er sich hingelegt, doch konzentrierte er nur seinen Geist und läuterte seine Körperenergie. Als nun plötzlich das Knistern von Reisig und Wind an sein Ohr drang, stieg Verdacht in ihm auf, und er sprang in einem Satz hoch. Er fürchtete aber, den Meister zu wecken, wenn er die Tür öffnen würde. Seht, wie er sich schüttelt und in eine Biene verwandelt durch die Fensterritze ins Freie summt! Hier sah er nun, was los war: Die Mönche umstanden die Halle und bereiteten alles zu einem Brand vor. »Genau wie mein Meister vorausgesagt hat«, kicherte Pilger. »Nur weil sie unsere Robe besitzen wollen, kommen sie auf derart schändliche Gedanken. Nun, wenn ich jetzt gegen sie kämpfe, dann würde ich die Armen alle erschlagen, und mein Meister würde mich wieder rügen. Nein, nein, lassen wir das! Sollen sie ihren Plan nur ausführen und in ihre eigene Grube fallen!« Der gute Pilger! In einem Wolkenüberschlag schnellte er zum Südlichen Himmelstor, wo er den himmlischen Torwächtern Pang, Liu, Gou und Bi zur einen Seite, Ma, Zhao, Wen und Guan zur anderen Seite einen solchen Schrecken einjagte, dass sie sich alle vor ihm verbeugten. »Unheil, Unheil!« flüsterten sie, »der Unruhestifter ist wieder da!« Pilger winkte ab: »Keine Panik, meine Herren. Ich suche nur den Weitblickenden Himmelskönig Virupaksa.« Er hatte noch nicht ausgesprochen, da trat der Himmelskönig schon auf ihn zu und grüßte höflich. »Kommen wir gleich zur Sache«, begann Pilger, »Tripitaka ist unterwegs auf Missetäter gestoßen, die jetzt gerade Feuer legen, um ihn zu verbrennen; es ist absolut dringend, darum ersuche ich Euch, mir Eure Brandschutzplane auszuleihen. Sobald ich ihn gerettet habe, bringe ich sie zurück.« »Wenn das Feuer von gewöhnlichen Menschen stammt, könnt Ihr es doch mit Wasser löschen«, meinte der Himmelskönig, »wozu die Brandschutzplane?« »Was wisst Ihr schon über den Sachverhalt. Mit Wasser würde das Feuer gar nicht aufkommen, das wäre ja nur zu ihrem Vorteil. Ich brauche die Plane, um Tripitaka zu schützen, der Rest soll nur verbrennen. Schnell, schnell, haltet mich nicht auf!« »Dieser Affe ist immer noch der alte«, lachte der Himmelskönig, »denkt nur an sich selbst und kümmert sich nicht um die andern.« Dann überreichte er ihm die Plane. Pilger sauste in die Tiefe, landete auf dem Dach der Meditationshalle und legte die Plane über Tripitaka, Pferd und Gepäck. Er aber setzte sich auf das Dach über der Abtei des greisen Mönchs im hinteren Teil des Klosters, um die Robe zu bewachen. Als er sah, wie die Mönche das Feuer entzündeten, murmelte er einen Zauberspruch, atmete in Richtung des Wind-Trigramms Xun gen Südosten hin Luft ein und pustete sie über das Feuer. Vom Windstoß erfasst loderten die Flammen empor, und alles brannte lichterloh. In der Tat, ein einziger Funke kann am Ende Tausende von Hektar versengen! Im Nu wurde das ganze Guanyin-Kloster von einem lodernden Flammenmeer erfasst. Seht, wie die Mönche jetzt Kisten und Körbe schultern, Tische und Töpfe schleppen! Der ganze Klosterhof hallte von verzweifelten Schreien. Im Nu wurde das ganze Guanyin-Kloster von einem lodernden Flammenmeer erfasst. Zu ebenjener Zeit fiel der glutrote Schein des Brandes auf einmal ins Blickfeld eines Ungeheuers. Südlich des Guanyin- Klosters befand sich nämlich die Schwarzwind-Grotte, und dort hauste ein Dämon, der sich gerade im Halbschlaf auf seinem Lager wälzte, als er durchs Fenster ein flackerndes Leuchten gewahrte. Als er aufstand, um Ausschau zu halten, bemerkte er den Feuerschein im Norden. »Oh!« machte der Dämon bestürzt, »das ist doch das Guanyin-Kloster! Ich muss ihnen helfen.« Er stieg auf eine Wolke und landete im Nu neben dem rauchenden Feuer. Da bemerkte er, dass die Klausen im hinteren Teil des Klosters vom Brand nicht erfasst worden waren, auf dem Dach aber jemand stand, der den Wind anfachte. Rasch ging der Dämon in die Abtei und entdeckte auf dem Tisch ein Bündel aus weißem Filz, dem ein farbenfroher, glückverheißender Glanz entströmte. Als er es öffnete, fand er eine reich geschmückte Mönchsrobe. Das war ja eine wahre Rarität aus dem buddhistischen Orden! In der Tat, Reichtümer erregen des Menschen Herz! Statt sich um den Brand zu kümmern, packte er die Gelegenheit und huschte mit der Robe davon, ab in seine Grotte. Der Brand legte sich erst gegen Morgen. Seht, wie die Mönche nun schluchzen und wehklagen! Doch wenden wir uns Pilger zu, der in einem Überschlag mit der Brandschutzplane zum Südlichen Himmelstor hochgeschnellt war und sie dem Weitblickenden Himmelskönig Virupaksa zurückgegeben hatte. Kaum war die Sonne aufgegangen, war er wieder bei der Meditationshalle und flog abermals als Biene hinein. Dann nahm er seine eigene Gestalt an und weckte den Meister. Nachdem Tripitaka sich angekleidet hatte und das Tor öffnete, fand er nichts als zerfallene Reste roter Mauern; Hallen und Pagoden waren verschwunden. »Oh!« rief er erschrocken, »was ist denn da los?« »Ihr träumt noch!« versetzte Pilger. »In der Nacht geriet der Tempel in Brand.« »Warum habe ich denn nichts davon gemerkt?« »Ich alter Sun habe die Meditationshalle beschützt, damit Ihr nicht erschreckt.« »Wenn du diese Halle zu schützen vermagst, warum hast du dann nicht auch die anderen Gebäude vor dem Brand gerettet?« »Nun, ich will es Euch offen sagen, Meister. Was Ihr gestern befürchtet habt, ist nämlich tatsächlich geschehen. Er hat sich in unsere Robe verliebt und hat einen Plan ausgeheckt, uns zu töten. Wenn ich alter Sun nicht auf der Hut gewesen wäre, wären wir heute nur noch ein Häuflein Asche! Weil ich gemerkt habe, wie hinterhältig sie sind, mochte ich ihnen den Brand gar nicht löschen, ich habe nur mit ein bisschen Wind geholfen.« »Wenn es brennt, sollte man mit Wasser helfen. Warum hilfst du mit Wind?« »Das Sprichwort geht: ›Will der Mensch dem Tiger nicht schaden, wird ihn der Tiger auch nicht verletzen.‹ Hätten sie nicht Feuer gelegt, hätte ich auch keinen Wind angefacht.« »Die Robe wird doch nicht etwa mit verbrannt sein?« »Natürlich nicht. Die Abtei, in der die Robe liegt, hat nicht gebrannt. Gehen wir sie gleich holen.« Also führte Tripitaka das Pferd an den Zügeln, Pilger schulterte die Tragstange mit dem Gepäck, und sie kamen von der Meditationshalle zu den Klausen im hinteren Teil des Klosters. Wie die Mönche, die hier seufzend und jammernd herumsaßen, die beiden kommen sahen, schrien sie zu Tode erschrocken: »Die Geister kommen, sich zu rächen!« Alle fielen auf die Knie, verneigten sich und stammelten: »Großväterchen! Jede Untat hat ihren Täter, jede Schuld ihren Schuldigen; wir haben nichts damit zu tun! Es sind Guangmou und der Greis, die diesen Plan ausgeheckt haben. Bitte fordert von uns nicht Euer Leben zurück!« Pilger schnaubte: »Ihr verdammten Biester! Wer soll was für ein Leben zurückfordern? Los, holt unsere Robe!« Da fragten zwei Mutigere unter den Mönchen: »Ehrwürden, ihr seid doch in der Halle verbrannt. Seid ihr nun, ganz ehrlich, Menschen oder Geister?« »Wo soll die Halle gebrannt haben?« lachte Pilger. »Geht doch selbst hin und schaut!« Die Mönche rappelten sich auf und gingen nach vorn, wo sie sahen, dass tatsächlich die ganze Halle samt Torflügeln und Fenstergittern unversehrt geblieben war. Sie erschauderten. Nun erkannten sie Tripitaka als einen göttlichen Mönch und Pilger als seinen Schutzgott, rannten alle zur Klause des greisen Mönchs und riefen: »Großväterchen, der Mönch aus dem chinesischen Kaiserreich ist ein Heiliger, er ist nicht verbrannt! Stattdessen haben wir unser eigenes Hab und Gut zerstört. Lasst uns so schnell wie möglich seine Robe zurückgeben und ihn weiterziehen!« Doch der Greis, der die Robe nicht mehr finden konnte und sein eigenes Kloster vernichtet sah, grämte sich so sehr, dass er auf diese Worte keine Antwort wusste. Er wälzte seine Gedanken, bis er schließlich keinen Ausweg mehr sah; da holte er mit ein paar kräftigen Schritten aus und rammte den Kopf so hart gegen die Wand, dass seine Hirnschale zerbarst, das Blut spritzte und sein Atem im Hals stecken blieb. So heißt es in einem Gedicht: Ach, wie dieser greise Mönch Doch so töricht lebte, Dass er einer Robe wegen Listig Feuer legte! Was hilft große Klugheit, Was nützt da große List? Für sich selber andern schaden Bringt am Ende nichts! »Jetzt ist der Meister tot, und die Robe ist verschwunden, was tun wir bloß?« schluchzten die Mönche. »Sicher habt ihr sie irgendwo versteckt«, argwöhnte Pilger und begann, sämtliche Mönche des Tempels einen nach dem anderen abzusuchen. Dann durchwühlte er sämtliche Kisten und Kästen, die beim Brand aus den Zimmern geschleppt worden waren. Von der Robe fand er natürlich keine Spur. In Tripitakas Herz begann sich der Verdruss zu regen. Aufgebracht über Pilgers Leichtfertigkeit, setzte er sich nieder und begann den Reifverengungsspruch aufzusagen. Pilger taumelte zu Boden, griff sich an den Kopf und schrie: »Hört auf, hört auf! Wir müssen doch zuerst die Robe finden!« Erst als die Mönche allesamt auf den Knien für ihn Einsprache hielten, ließ Tripitaka davon ab. Mit einem Satz schnellte Pilger hoch, riss seine Stange hervor und stürzte sich auf die Mönche. »Du Affenschädel!« schrie Tripitaka, »genügen dir denn die Kopfschmerzen nicht, willst du noch frech werden? Hör auf! Befrage sie lieber noch einmal.« Da machten alle Mönche vor ihnen Kotau und jammerten: »Ehrwürden, lasst uns am Leben! Wir haben sie wirklich nicht gesehen. Schuld an allem ist allein dieser Tattergreis, der hat gestern Abend den Plan ausgeheckt, euch umzubringen. Seit der Brand ausgebrochen ist, hat sich jeder nur noch darum gekümmert, die Sachen zu retten; wir haben keine Ahnung, wo die Robe hingeraten ist.« Wütend ging Pilger in die Klause und riss der Leiche sämtliche Kleider vom Leibe, ohne dass etwas zum Vorschein kam; ebenso wenig half es, als er die ganze Kammer auf den Kopf stellte. Schließlich hielt er inne und dachte scharf nach. Nach einer geraumen Weile fragte er: »Habt ihr hier etwa irgendein Ungeheuer in der Nähe?« Da sagte der Abt: »Südlich von hier liegt der Schwarzwindberg, dort gibt es eine Schwarzwindgrotte, die von einem Schwarzen König bewohnt wird. Der Tattergreis hat sich oft mit ihm über Religion unterhalten. Aber er ist eben ein Dämon.« »Wie weit ist dieser Berg entfernt?« »Nur zwanzig Meilen. Es ist der Gipfel, den ihr dort seht.« Pilger lachte: »Meister, wir brauchen keine weiteren Worte zu verlieren, es steht außer Zweifel. Dieser Schwarze hat unsere Robe geklaut. Ich werde ihn gleich aufsuchen.« Zu den Mönchen gewandt, befahl er: »Sorgt euch um meinen Meister und hütet das Pferd. Falls euch auch nur der geringste Fehler unterläuft, werde ich meine Kampfkunst an euch ausprobieren!« Er riss seine Stange hervor und hieb damit auf die angerußten Ruinen der Ziegelmauern, dass sieben, acht Mauerreste gleichzeitig in sich zusammenstürzten. Den Mönchen standen die Haare zu Berge. Dann schnellte Pilger hoch und schoss in einem Überschlag zum Schwarzwindberg. Und wie es dort weiterging, hört ihr im nächsten Kapitel. 第017回 / 17. Kapitel Pilger Sun erstürmt den Schwarzwindberg / Guanyin nimmt den Bärendämon auf Man erzählt sich, dass der plötzliche Abgang Pilgers im Wolkenüberschlag die Mönche des Guanyin-Klosters so sehr verblüffte, dass sie allesamt, jung oder alt, auf der Stelle zum Himmel beteten. »Oh, verehrter Herr!« riefen sie, »Ihr seid ja ein Heiliger, der auf Wolken zur Erde niedersteigt! Kein Wunder konnte Euch das Feuer nichts anhaben. Ach, dass der törichte Geizhals in seinem Herzen nichts als Listen auszuhecken wusste! Nur um am Ende uns selbst zu schaden.« »Steht auf«, sprach Tripitaka, »grämt euch nicht. Wenn er die Robe jetzt findet, sind alle Probleme gelöst. Falls er sie allerdings nicht auffinden kann, wäre es bei seinem hitzigen Temperament um euer Leben schlecht bestellt.« Die Mönche schworen zum Himmel, alles zu tun, um die Robe zu finden. Doch davon sei hier nicht weiter die Rede. Wenden wir uns stattdessen Pilger zu, der oben in den Lüften nur leicht die Hüften schwenkte, und schon war er auf dem Schwarzwindberg. Hier hielt er inne und betrachtete die Gegend. In der Tat, es war ein majestätischer Berg, erst recht zu dieser Frühlingszeit: Tausend Bäche strömen zu Tale, Hundert Gipfel eifern um Pracht. Vögel singen, keine Menschenseele, Blüten fallen, noch umhüllt von Duft. Während Pilger sich alles besah, vernahm er plötzlich Stimmen, die von einem kräuterbewachsenen Berghang kamen. Er sprang hinter einen Felsen und spähte hinüber, da entdeckte er drei Dämonen, die auf ebener Erde beieinanderhockten. Den Hauptsitz nahm ein schwarzer Bursche ein, links neben ihm saß ein Daoist, rechts ein weißgekleideter Scholar. Ihr Gespräch drehte sich um die Wartung alchemistischer Gefäße und Öfen, die Läuterung von Zinnober und Quecksilber, die Verfeinerung von Quecksilber zu »Weißem Schnee« oder von Blei zu »Gelben Keimen« und ähnliche Irrlehren. Da warf der Schwarze lachend ein: »Übermorgen ist meiner Mutter Leidenstag, werden die Herren mich mit einem Besuch beehren?«140 »Alljährlich feiern wir Euren Geburtstag«, erwiderte der Scholar, »wie sollte es dieses Jahr anders sein?« »Über Nacht hab ich eine Rarität erstanden«, meinte da der Schwarze, »ein echt gutes Stück, nennt sich Brokatenes Buddhakleid. Zu Ehren dieses Fundes werde ich morgen schon ein großes Bankett veranstalten, das soll ›Buddhakleid-Fest‹ heißen, was meint ihr dazu?« »Wunderbar, wunderbar«, lachte der Daoist. »Dann kann ich Euch morgen schon gratulieren und übermorgen auch noch zur Geburtstagsfeier kommen!« Als Pilger das gehört hatte, konnte er sich nicht länger halten. Er schoss unter dem Felsen hervor und schrie mit erhobener Stange: »Diebesgesindel! Du hast meine Robe gestohlen, was soll dieses Buddhakleid-Fest! Rück sie sofort raus!« Und mit dem Ruf »Stillgestanden!« holte er zum Schlag aus. Erschrocken verwandelte sich der Schwarze in einen Windstoß und stob davon, während der Daoist auf einer Wolke entschwebte. Nur der weißgekleidete Scholar wurde mit einem Hieb umgehauen und war tot. Er entpuppte sich als weißgemusterte Giftnatter. Pilger spürte dem Schwarzen nach. Um eckige Felskanten und schroffe Gipfel herum kam er zu einer abschüssigen Felswand, wo er das hohe Tor einer Grotte erblickte. Die steinernen Torflügel aber waren verriegelt. Darüber prangte eine Steintafel, auf der klar und deutlich geschrieben stand: »黑 風山黑風洞 – Schwarzwindgrotte auf dem Schwarzwindberg«.141 Pilger schwang seine Stange und schrie: »Du verdammtes Sündenbiest! Rück auf der Stelle meine Robe raus!« Mehrere kleine Ungeheuer stürzten zu dem Schwarzen und meldeten: »Großer König, wir können kein Buddhakleid-Fest mehr machen; draußen steht ein Mönch mit einer Schnauze wie der Donnergott und will die Robe haben!« Der Schwarze ließ sich seine Rüstung geben und schnürte sie fest, dann packte er einen Speer mit schwarzen Quasten, lief zum Tor hinaus und schrie: »Von welchem Kloster bist du eigentlich? Wo hast du deine Robe liegen lassen, dass du dich erkühnst, sie bei mir anzufordern?« »Meine Robe lag in einer Klause hinten im Guanyin- Kloster. Weil es gestern brannte, hast du Schurke die Gelegenheit benutzt, sie zu stehlen. Und nun willst du das auch noch feiern. Wagst du dies etwa zu leugnen? Los, gib sie her, wenn dir dein Leben lieb ist!« Der Dämon gab ein kaltes Lachen von sich und meinte: »Du lausiges Ding! Du hast also das Kloster in Brand gesteckt. Während du oben auf dem Dach das Feuer angefacht hast, habe ich mir eben die Robe geholt. Na und? Wie heißt du überhaupt, und was für Fähigkeiten hast du, dass du so große Worte schwingst?« »Du erkennst wohl nicht, dass dein Ahnherr vor dir steht! Ich bin Pilger Sun, Jünger des kaiserlich verbrüderten Meisters Tripitaka aus dem großen chinesischen Kaiserreich. Wenn du hörst, was für Künste der alte Sun beherrscht, flieht dir die Seele aus dem Leib.« »Zähl nur auf, ich höre.« »Dann halt dich fest, mein Kleiner, und hör mir genau zu! Von klein auf hab ich Zauberkraft Mit allerhöchsten Fähigkeiten; Kann im Winde mich verwandeln, Jederzeit als Held ausschreiten. Auf dem Blumen-Früchte-Berg War ich Führer und Regent, In der Wasservorhang-Grotte Hängt mein Goldenes Gewand. Einst holt’ mich der Jadekaiser Eigens per Edikt heran, Hob mich ›himmelsebenbürtig‹ In den allerhöchsten Rang. Mehrmals machte ich Tumult In dem himmlischen Palästen, War auch im Tusita-Himmel Mit bei den geladenen Gästen. Unterm Wandlungsphasen-Berg Lag ich fünf Jahrhundert lang, Heute schütze ich den Priester Unbeirrt und ohne Bang. Geh nur hin und frag nach mir Im Himmel, auf Erden, im Ozean: Seit jeher bin ich allhier Der prominenteste Dämon!« Da lachte der Schwarze auf und rief: »Dann bist du also jener Pferdeknecht, der Bimawen, der im Himmel wütete?« Wenn etwas Pilger in Rage bringen konnte, war es das Wort »Bimawen«. Wutentbrannt schwang er seine Stange gegen den Schwarzen, der sich ihm sofort mit dem Speer zur Wehr stellte. So fochten die beiden ein Dutzend Runden aus, doch der Kampf blieb unentschieden. Gegen Mittag stemmte der Schwarze seinen Speer gegen Pilgers Stange und rief: »Pilger Sun, warte, bis ich mich gesättigt habe, danach werde ich weiterkämpfen.« Wutentbrannt schwang er seine Stange gegen den Schwarzen, der sich ihm sofort mit dem Speer zur Wehr stellte. Zum Schein wirbelte er ein letztes Mal seinen Speer, dann rannte er in seine Grotte, verriegelte das Felsentor und machte sich daran, das Bankett vorzubereiten und Einladungen an allerlei Dämonen zu verfassen. Wie sehr Pilger auch auf die steinernen Torflügel einhauen mochte, sie blieben verschlossen. So blieb ihm nichts anderes übrig, als ins Guanyin-Kloster zurückzukehren und Tripitaka von der Sache mit dem schwarzen Dämon zu berichten. Unterdessen hatte der Abt wieder ein Klostermahl zubereiten lassen und bat Pilger zu Tisch. Der aber stieg schon nach wenigen Bissen abermals auf eine Wolke und kam wieder zum Berg. Während er vordrang, lief ihm ein kleines Ungeheuer, das ein Kästchen aus Birnholz unter die linke Achsel geklemmt hatte, über den Weg. Flugs schwang Pilger seine Stange hoch und schmetterte sie mit solcher Wucht auf das Ungeheuer, dass es nur mehr aussah wie ein Fleischklößchen. Nachdem er es an den Wegesrand gezerrt hatte, nahm Pilger das Kästchen, in dem tatsächlich eine Einladung steckte. Sie lautete folgendermaßen: »Achtungsvoll grüßt Euer dienender Jünger Braunbär Seine Hoheit Ehrwürden vom Goldteich: Der holden Gunst, welche ich von Euch zu empfangen mehr als einmal die Ehre hatte, stehe ich in tiefer Dankbarkeit gegenüber. Wie ich zu nächtiger Stunde sah, trieb der Feuergeist sein Unwesen; leider war ich nicht in der Lage, Beistand zu leisten, denke aber, dass Ihr nicht in ernste Gefahr geraten sein könnt. Da ich durch Zufall in Besitz eines Buddhakleides kam, will ich zu dessen Feier ein edles Bankett geben, wo Blumen und Wein zu Eurem Genusse bereitstehen werden. Eure heilige Eminenz sei inständig gebeten, mich mit Eurem Besuche zu beehren. Mit ergebenem Dank! Zwei Tage im voraus geschrieben.« Pilger lachte laut heraus: »Braunbär nennt sich dieser Kerl! Das muss der Geist eines Bären sein. Geschieht dem alten Knacker ganz recht, dass er gestorben ist, mit dämonischem Gesindel hat er sich also herumgetrieben. Kein Wunder ist er zweihundertsiebzig Jahre alt geworden. Sicher hat er irgendwelche Atemtechniken vermittelt bekommen, dass er ein solches Alter erreicht hat. Wartet nur, jetzt gehe ich gleich in seiner Gestalt zur Grotte. Vielleicht finde ich dort die Robe und kann sie bei Gelegenheit mitnehmen, das würde doch alles Weitere ersparen.« Der gute Große Heilige! Kaum hatte er einen Zauberspruch gemurmelt, erschien er schon in Gestalt des greisen Mönchs. So ging er zur Grotte und rief um Einlass. Das Ungeheuer, das ihm öffnete, rannte bei seinem Anblick sofort hinein und meldete: »Großer König, Ehrwürden vom Goldteich ist da!« Der Dämon versank in nachdenkliches Schweigen und meinte: »Gerade habe ich einen Boten mit der Einladung an Ehrwürden vom Goldteich ausgeschickt. Warum kommt er jetzt schon? Hat ihn etwa Pilger Sun kommen lassen, damit er die Robe zurückfordert? Hausmeister! Versteck das Gewand, lass es ihm ja nicht unter die Augen kommen.« Als Pilger eintrat, erblickte er im Vorhof zartgrüne Bambusstauden zwischen smaragdenen Kiefern, dazu blühende Pfirsich- und Pflaumensträucher, einer schöner als der andere. Das war ja ein recht paradiesischer Grottenhimmel! Zu beiden Seiten des zweiten Toreingangs waren Reimsprüche angebracht, die lauteten: »Fernab in stillen Bergen Der Weltlichkeit entsagen; Tief in göttlichen Grotten An Reinheit sich erlaben.« »Auch einer, der den Staub der Welt meidet«, ging es Pilger durch den Sinn, während er das dritte Tor142 durchschritt, das den Blick freigab auf schmuckes Gebälk und farbig verzierte Fenster und Türen. Der Schwarze sah Pilger eintreten, strich sich sein Gewand zurecht, kam ihm die Stufen hinab entgegen und begrüßte ihn mit den Worten: »Meister, mehrere Tage lang konnte ich Euch keine Aufwartung machen. Eben schickte ich Euch eine Einladung für die übermorgige Feier; wie kommt es nur, dass Ihr mich jetzt schon mit einem Besuch beehrt?« »Ich war gerade auf dem Weg zu Euch, da durfte ich überraschenderweise Euer wertes Schreiben in Empfang nehmen und von der edlen Buddhakleid-Feier erfahren. Darum bin ich gleich gekommen, Euch zu sprechen«, gab Pilger zur Antwort. Da platzte ein kleines Ungeheuer, das draußen auf Patrouille gewesen war, ins Gespräch und rief: »Großer König! Der Bote, der mit der Einladung unterwegs war, ist von Pilger Sun erschlagen worden, und dieser hat sich in Ehrwürden vom Goldteich verwandelt, um Euch das Buddhakleid zu entwenden!« Kaum hatte er dies vernommen, schoss der Dämon hoch, packte seinen Speer und stach gegen Pilger. Dieser aber ergriff seine Stange, zeigte seine eigene Gestalt und wehrte die Speerspitze ab. Ringend drangen die beiden in den Vorhof, fochten weiter bis zum Tor, vom Tor bis auf den Berg hinauf, und vom Berggipfel über die Wolken hinaus, so lange, bis die rote Abendsonne im Westen versank, doch der Ausgang war und blieb unentschieden. »Du mit Namen Sun«, keuchte der Dämon, »halt ein! Heute ist es zu spät, aber morgen mach ich mit dir einen Kampf auf Leben und Tod.« Abermals in einen klaren Windstoß verwandelt, schoss er in seine Grotte zurück, verriegelte das Tor und ließ sich nicht mehr blicken. Pilger blieb nichts übrig, als ins Guanyin-Kloster zum Meister zurückzukehren und ihm wiederum zu berichten, was sich ereignet hatte. Die Nacht über ruhten sie in der Meditationshalle. Kaum fiel der erste Schein der Morgendämmerung durchs Fenster, sprang Pilger mit einem Satz auf. »Sorgt euch um meinen Meister«, befahl er den Mönchen, »ich gehe.« Tripitaka aber stand auf, hielt ihn zurück und fragte: »Wohin gehst du?« »Meiner Meinung nach ist das Ganze letztendlich ein Fehler von Guanyin!« erklärte Pilger. »Sie hat hier ein Kloster stehen, empfängt die Opfergaben dieser Leute und lässt es dennoch zu, dass in nächster Nähe ein Dämon haust. Ich gehe jetzt zum Südmeer und gebe ihr Bescheid, dann soll sie selbst hierherkommen und dem Biest die Robe abverlangen.« »Wann bist du denn wieder da?« »Wenn alles klappt, nach dem Frühstück, ansonsten gegen Mittag. Der Erfolg ist gewiss!« versicherte Pilger. Mit dem Ruf »Ich gehe!« war er spurlos verschwunden. Im Nu hatte er das Südmeer erreicht und hielt Ausschau. Hier sah er: Wogende Wassermassen, Ragende Felsenhöhen! In deren Mitte Tausende heilsamer Kräuter Und Hunderte von edlen Blumen blühen. Im kühlen Laub der Pappeln Reden Papageien, Und am Purpurbambushain Laut die Pfauen schreien. Pilger konnte sich an dem herrlichen Anblick kaum sattsehen. Durch den Purpurnen Bambushain hindurch gelangte er zum Lotosthron und verneigte sich vor der Bodhisattva. »Was suchst du hier?« fragte Guanyin. »Alles nur, weil Ihr auf dem Westweg so ein Kloster stehen habt, wo Ihr die Opferungen der Leute empfangt und zulasst, dass sich in der Nachbarschaft ein Schwarzbärengeist einnistet! Der hat meinem Meister die Robe geklaut und rückt sie einfach nicht raus, obwohl ich sie mehrmals verlangt habe. Ich komme eigens, damit Ihr mir die Robe gebt.« »Unverschämt ist dieser Zankaffe!« sprach die Bodhisattva. »Warum soll ich dir die Robe geben, wenn der Bärengeist sie gestohlen hat? Alles ist nur deshalb geschehen, weil du sündiger Affe vor den Augen kleiner Leute mit Reichtum geprahlt hast! Und zu allem Unheil hast du noch aus reiner Bosheit Feuer geschürt und mein irdisches Kloster verbrannt. Und da wagst du es noch, hier derart unschicklich aufzutreten.« Von Guanyin mit den wahren Tatsachen konfrontiert, machte Pilger geschwind eine Verbeugung und sagte höflich: »Bodhisattva, verzeiht Eurem Jünger! Es ist in der Tat so, wie Ihr sagt. Doch wenn dieses Biest die Robe nicht herausrückt, wird mein Meister wieder den Spruch aufsagen! Ich alter Sun kann diese Kopfschmerzen einfach nicht ertragen. Darum habe ich mir erlaubt, Euch aufzusuchen. Bitte habt Erbarmen!« »Nun gut, Tripitaka zuliebe will ich mit dir gehen.« Sie schwebte mit Pilger zusammen auf einer Wolke, im Nu erreichten sie den Schwarzwindberg und ließen sich herab. Während sie einhergingen, trafen sie am Berghang auf einen Daoisten, der mit einer Glasschale in den Händen unterwegs war. In der Schale lagen zwei Unsterblichkeitspillen. Pilger stürzte auf ihn zu, riss seine Stange hervor und schlug ihn tot. »Du elender Affe!« rief Guanyin erschrocken, »er hat doch deine Robe nicht gestohlen; was fällt dir ein, ihn grundlos zu erschlagen?« »Bodhisattva«, gab Pilger zurück, »Ihr müsst wissen, der Kerl war ein Freund von diesem Bärengeist! Morgen will der Dämon seinen Geburtstag feiern und hat alle zu einem Buddhakleid-Fest eingeladen. Der hier wollte ihm heute schon gratulieren.« Als er die Leiche des Daoisten hochzerrte, war es ein schwarzer Wolf. Die Glasschale hatte auf der Unterseite vier Schriftzeichen eingeritzt: » 凌虛子製 – Angefertigt von dem Meister der Hehren Leere«. Als Pilger dies gesehen hatte, lachte er und rief: »Phantastisch! Wunderbar! Ich alter Sun habe einen Plan. Nur weiß ich nicht, ob Ihr damit einverstanden seid?« »Sprich.« »Auf dieser Schale steht ›Hergestellt von dem Meister der Hehren Leere‹; das muss der Name des Daoisten sein. Bodhisattva, wenn Ihr einverstanden seid, dann könntet Ihr Euch in seine Gestalt verwandeln, während ich die zwei Pillen schlucke und mich dann selbst in eine Pille verwandle. Dann überbringt Ihr ihm die Schale als Geburtstagsgeschenk und lasst ihn die Pille einnehmen, so dass ich ihn von innen her anpacken kann. Falls er dann das Kleid noch immer nicht rausrücken will, werde ich alter Sun eins aus seinen Gedärmen weben!« Guanyin schmunzelte, dann zeigte sie sich mit einem Nicken einverstanden. Nun wirkte sie kraft ihres Herzens auf ihre Gedanken und kraft ihrer Gedanken auf ihren Körper ein, so dass sie einen Augenblick später in Gestalt des unsterblichen Meisters der Hehren Leere dastand. So war sie anzusehen: Wie Kranichgefieder im holden Wind, Schwebenden Ganges im Leeren geschwind. Gleich einer Zeder das alte Gesicht, Wundervoll wie seit Urzeiten nicht! So geht er dahin, ohne festen Ort,143 Ist so wie er ist, mit eigener Art; Alles kehrt ein ins Eine Prinzip, Einzig der Körper hält ihn noch ab. Wie Pilger sie so sah, rief er: »Wundervoll! Herrlich! Aber ist das nun ein Dämon in Gestalt eines Bodhisattva oder ein Bodhisattva in Gestalt eines Dämons?« Guanyin lächelte: »Wukong! Ob Bodhisattva oder Dämon, das ist nicht mehr als ein Gedanke. Vom Urgrund aus betrachtet, sind beide inexistent.« Unmittelbar erfasste Pilger die Wahrheit ihrer Worte, machte einen leichten Dreh und nahm die Form einer Pille an. Haltlos rollt er durch die Schale, Ohne Richtung, rundum hell und klar. Dreimal Drei, bei Goulou zu vereinen, Sechsmal Sechs im Jadeofen gut verwahr’.144 Ziegelscherben flammen auf wie Gold, Hell erstrahlt der Mani-Perle Licht!145 Was äußerlich Mercurium und Blei, Dies diskutiere niemals unbedacht.146 Mit der Glasschale in den Händen kam Guanyin nun zur Grotte des Dämons. Sie blickte sich um. Wahrhaftig, da gab es zinnoberrote Felsen und glasklare Bäche, smaragdene Zypressen und tiefdunkle Kiefern. Der Anblick erfüllte ihr Herz mit Freude, und sie meinte: »Das Sündentier muss dem Dao doch recht nahe sein, wenn es sich diese Grotte zum Wohnsitz nimmt.« So regte sich in ihr bereits ein barmherziger Gedanke. Als sie vor das Tor trat, riefen die kleinen Ungeheuer: »Der göttliche Meister der Hehren Leere ist da!« Rasch flitzten sie in die Grotte und meldeten sein Kommen. Der Dämon geleitete die Bodhisattva hinein, und nachdem sie sich gesetzt hatten, sprach er: »Meister, Euer werter Besuch in meinem bescheidenen Heim ist mir eine außerordentliche Ehre.« »Geringer Daoist hat Euch eine Unsterblichkeitspille mitgebracht, um Euch zum Geburtstag zu gratulieren«, sprach die Bodhisattva und hielt die Schale hoch: »Lang lebe der Große König!« Ohne weitere Umstände steckte der Dämon die Pille geradewegs in den Mund, und noch bevor er sie schluckte, kollerte ihm die Pille schon die Kehle hinunter. Im Bauch nahm Pilger seine eigene Gestalt an, stellte sich in Kampfpose und drosch so wild drauflos, dass der Unhold nur noch jammernd zu Boden torkelte und um sein Leben flehte. Auch Guanyin nahm nun ihre eigene Gestalt an und sprach: »Sündenbiest, hol die Robe, wenn dir dein Leben lieb ist!« Sofort befahl der Dämon einem kleinen Ungeheuer, die Robe zu bringen. Schon war Pilger durch ein Nasenloch ins Freie gesprungen und nahm die Robe in Empfang. Um zu verhindern, dass der Dämon sich weiterhin ungebührlich benehmen konnte, setzte ihm Guanyin einen Reif auf die Stirn. Kaum hatte sich der Unhold aufgerappelt, richtete er seinen Speer gegen Pilger, doch Guanyin hatte sich bereits in die Höhe erhoben und murmelte die Wahren Worte. Da ließ das Ungeheuer den Speer fallen und wälzte sich von Qualen gepeinigt über den Boden. »Sündige Bestie!« rief Guanyin, »willst du dich jetzt zum Guten bekennen?« »Nur zu gern, wenn Ihr mich am Leben lasst!« keuchte der Dämon. Pilger wollte ihn erschlagen, doch Guanyin hielt ihn zurück: »Lass ihn am Leben. Ich habe Verwendung für ihn.« »Wo denn?« wollte Pilger wissen. »Auf meiner Insel Potalaka fehlt hinterm Berg noch ein Wächter. Ich werde ihn zum Großen Wächtergott des Berges machen.« »Ihr seid wahrlich eine barmherzige Retterin«, lachte Pilger, »keiner Seele tut Ihr etwas an.« Der Unhold aber schien wie aus einem Traum zu erwachen, schlug ein ums andere Mal vor Guanyin die Stirn auf den Boden und gelobte, fortan dem rechten Weg zu folgen. Da schwebte die Bodhisattva auf glückverheißenden Lichtstrahlen nach unten, legte ihm segnend die Hand aufs Haupt und lehrte ihn die Gebote. Dann hieß sie ihn den Speer mitnehmen und ihr folgen. Endlich konnte der Schwarzbär Sein ungestümes Herz Noch heute niederlegen, Den allzu großen Starrsinn Zu dieser Stund’ aufgeben! »Wukong«, beschied Guanyin, »geh jetzt mit der Robe zurück und kümmere dich um Tripitaka. Sieh zu, dass du in Zukunft nie wieder durch Angeberei in Unannehmlichkeiten kommst!« Mit der Robe in den Händen vollzog Pilger einen Stirnaufschlag und verabschiedete sich. Guanyin aber zog mit dem Bären zum Südmeer. Und wenn ihr wissen wollt, wie es weiterging, dann hört euch das nächste Kapitel an. 第018回 / 18. Kapitel Im Guanyin-Kloster nimmt des Priesters Leid ein Ende / Im Dorf der Sippe Gao überwindet Pilger einen Dämon Lasst uns nun berichten, wie Pilger mit der Robe ins Guanyin- Kloster zurückkehrte, wo er Tripitaka schilderte, wie sich die Sache mit der Bändigung des Unholds zugetragen hatte. Überglücklich faltete Tripitaka dankend die Hände gen Himmel. Ebenso froh und erleichtert waren die Mönche, die nun zum Dank für den gnadenvollen Ausgang den Priester und Pilger ausgiebig mit köstlichen Speisen bewirteten. Erst am folgenden Morgen wurden Pferd und Gepäck reisefertig gemacht, dann führte Pilger Tripitaka im Gefolge der Mönchsschar, die noch ein langes Abschiedsgeleit gab, auf den Weg. In frühlingshaftem Tauwetter reisten Meister und Schüler fünf bis sieben Tage lang durch eine menschenleere Gegend, bis sie endlich eines Abends in der Ferne ein Dorf erblickten. Pilger führte Tripitaka im Gefolge der Mönchsschar auf den Weg. »Wukong«, meinte Tripitaka, »dort drüben ist ein Weiler. Suchen wir uns dort doch eine Unterkunft.« Pilger spähte in die angegebene Richtung und sah: Fest gefügte Bambuszäune, Strohhütten Dach an Dach, Grünes Laubwerk ringsherum, Gespiegelt im klaren Bach. Satte Hühner und Ferkel In schattigen Winkeln schlummern, Der Alte vom Nachbarhause Fängt trunken an zu singen. »Meister«, sagte er, »es ist tatsächlich ein Dorf voller rechtschaffener Leute.« Tripitaka gab seinem Schimmel die Sporen, und in kurzer Zeit hatten sie die Weggabelung erreicht. Da gewahrten sie, wie ein junger Mann mit energischen Schritten der Landstraße zueilte. Er hatte einen Schirm in der Hand und ein Bündel auf dem Rücken, seine Hosen waren mit einem Strick umschnürt, und an den Füßen trug er leichte Strohsandalen. Pilger packte ihn am Arm und fragte: »Wohin des Wegs? Sagt, was ist das für ein Dorf?« Der Bursche versuchte sich von Pilgers Hand loszureißen und rief ungehalten: »Ist denn keiner im Dorf, dass Ihr ausgerechnet mich fragen müsst?« Pilger lachte und meinte versöhnlich: »Ärgert Euch nicht, mein Herr. Andern helfen heißt sich selber helfen. Es geht Euch doch nichts ab, wenn Ihr mir den Namen dieser Ortschaft verratet. Vielleicht kann ich Euch sogar von Euren Sorgen befreien.« Der Bursche, der Pilgers Griff nicht abschütteln konnte, sprang vor Wut auf und ab und schrie: »Verflucht! Zu Hause habe ich schon das arrogante Gehabe des Hausherrn ertragen müssen, und jetzt läuft mir dieser Glatzkopf mit seinem ehrsamen Gehabe über den Weg!« »Wenn Ihr es schafft, meine Hand abzuschütteln, mögt Ihr weiterziehen.« Der Bursche drehte sich linksherum und rechtsherum, doch wie hätte er sich je entwinden können? Aufgebracht warf er Schirm und Bündel zu Boden und versuchte Pilger mit beiden schon ganz kribbeligen Händen beizukommen, doch dieser ließ erst recht nicht locker. Der Bursche kochte vor Wut. »Wukong, drüben kommt noch jemand«, versuchte Tripitaka abzulenken, »frage doch einen anderen, warum lässt du ihn nicht los?« »Meister«, gab Wukong lachend zurück, »einen anderen zu fragen wäre nicht halb so lustig. Nur mit dem hier sind Geschäfte zu machen.« In Pilgers Griff gefangen, kam der Bursche schließlich nicht umhin, eine Antwort zu geben, und sagte: »Das Dorf hier gehört zum Lande Wusizang und heißt Gao Laozhuang, das Alte Dorf der Sippe Gao. Und jetzt lasst mich los!« »Euer Gepäck sieht nicht aus wie für einen kurzen Ausflug«, insistierte Pilger, »sagt mir aufrichtig, wohin Ihr geht und was Ihr vorhabt, erst dann lass ich Euch frei.« Dem Burschen blieb nichts anderes übrig, als wahrheitsgemäß zu berichten: »Ich heiße Gao Cai und bin aus der Familie des alten Herrn Gao. Der hat eine zwanzigjährige Tochter, die ist noch unverheiratet, aber vor drei Jahren wurde sie von einem Ungeheuer beansprucht, das sich nun schon drei Jahre lang bei uns als Schwiegersohn aufführt. Darüber ist mein Großvater sehr ungehalten und hat schon öfter versucht, den Dämon loszuwerden. Der aber hat die Tochter jetzt im hinteren Teil des Hauses eingeschlossen und lässt sie seit bald einem halben Jahr ihre eigene Familie nicht mehr sehen. Jetzt hat mich mein Großvater mit ein paar Silberlingen ausgeschickt, einen Priester zu suchen, der das Ungeheuer austreiben kann. Rastlos hab ich die Gegend abgesucht und auch drei, vier Leute kommen lassen, doch das waren solche Nieten von Buddhisten, Stümper von Daoisten; kein Einziger hat es geschafft, das Ungeheuer zu überwinden. Eben hat er mich unfähig geschimpft und hat mir befohlen, gleich noch einmal auf die Suche zu gehen. Und jetzt werde ich von einem solchen Giftstachel aufgehalten, der mir die Zeit vergeudet. Drinnen und draußen nichts als Ärger! Ich hab Euch das nur erzählt, weil mir nichts anderes übrigblieb. Jetzt lasst mich gehen!« Pilger aber kicherte und meinte: »Da habt Ihr aber Glück gehabt, richtig Glück! Das ist der allerbeste Zufall! Ihr braucht Euch gar nicht weiter umzusehen und die Silberlinge zu verschwenden. Wir sind keine Nieten von Buddhisten und Stümper von Daoisten; Ungeheuer auszutreiben sind wir gewohnt. So heißt es doch: ›Den Doktor betreuen und gleichzeitig die Augen heilen‹! Geht nach Hause und meldet Eurem Herrn, dass wir mit dem Kaiser verbrüderte heilige Mönche aus dem Osten sind und auf kaiserliches Geheiß in den Westen pilgern, um bei Buddha Heilige Schriften zu holen, und dass wir uns bestens darauf verstehen, Ungeheuer auszutreiben.« »Erlaubt Euch keinen Spaß mit mir«, sagte Gao Cai, »mir steht der Ärger bis zum Hals! Wenn auch Ihr es nicht schafft, werde ich von neuem Scherereien kriegen.« »Ihr könnt Euch auf uns verlassen. Bringt uns zu Euch nach Hause.« Dem Burschen blieb keine andere Wahl, und so wandte er nun die Schritte tatsächlich dem Hause zu, wo er die beiden zum Tor führte und dann alleine in die Haupthalle trat. Dort stieß er gerade mit dem alten Herrn Gao zusammen. »Du ungezogener Lümmel!« fuhr ihn dieser an, »warum kreuzt du schon wieder hier auf, statt dass du dich auf die Suche machst?« »Ich möchte Euch, verehrter Hausherr, die Meldung bringen, dass ich draußen an der Abzweigung zur Landstraße zwei Mönche getroffen habe, die angeben, sie seien mit dem Kaiser verbrüderte heilige Mönche aus dem Osten und pilgerten in den Westen, um buddhistische Schriften zu holen. Ich bin von dem einen festgehalten worden und am Ende nicht umhingekommen, von Eurem Anliegen zu berichten. Da war er aber ganz erfreut und will uns nun das Ungeheuer beseitigen. Die beiden stehen draußen vor dem Tor.« »Wenn es weitgereiste Mönche sind, haben sie vielleicht tatsächlich das Zeug dazu«, sann der Alte. Schon schritt er nach draußen, empfing sie mit einem freundlichen Lachen und rief: »Seid gegrüßt, Ehrwürden!« Während sich Tripitaka beeilte, die höfliche Begrüßung zu erwidern, blieb Pilger reglos stehen. Bei seinem hässlichen Anblick wurde es dem Herrn ungemütlich. Er rief nach Gao Cai und flüsterte ihm zu: »Du erschreckst mich ja zu Tode mit dem Kerl! Zu Hause belästigt uns schon der abscheuliche Eberkopf von Schwiegersohn, und da bringst du mir zum Schaden auch noch diesen Donnergeist?« »Alter Gao«, rief Pilger, »Ihr habt trotz Eures hohen Alters noch nicht viel begriffen. Ich alter Sun mag zwar hässlich aussehen, dafür habe ich meine Fähigkeiten. Es ist doch nichts als gut, wenn ich Euer Haus von dem Ungeheuer befreie und Euch die Tochter wiedergebe! Was habt Ihr davon, wenn Ihr bloß auf meinem Äußeren beharrt?« Der alte Gao musste sich wohl oder übel beherrschen und die Gäste ins Haus bitten. Nachdem man sich gesetzt hatte, fragte er: »Eben habe ich von meinem Kleinen erfahren, Ehrwürden seien aus dem Osten hierhergereist?« »So ist es«, antwortete Tripitaka, »wir einfachen Mönche befinden uns auf einer Reise in den Westen, wo wir Buddha huldigen und Heilige Schriften holen wollen. Da wir an Eurem werten Weiler vorbeikamen, hofften wir, hier eine Nacht verbringen zu dürfen; morgen früh würden wir weiterziehen.« »Eine Unterkunft sucht Ihr also; warum behauptet Ihr dann, Dämonen bezwingen zu können?« »Wenn wir schon da übernachten«, versetzte Pilger, »können wir doch zum Vergnügen auch ein paar Dämonen austreiben. Wie viele Dämonen halten sich in Eurer werten Residenz auf?« »Himmel!« rief der alte Gao, »wie viele, sagt Ihr! Dieses eine Ungetüm von Schwiegersohn macht uns genug zu schaffen!« »Erzählt mal von Anfang an, wie sich die Sache zugetragen hat«, bat Pilger. »Ich törichter Alter hatte leider kein Glück«, hub der alte Gao an. »Es war mir nie ein Sohn beschert, nur drei Töchter. Die älteste heißt Xianglan, Duftende Orchidee, die zweite Yulan, Jadene Orchidee, und die jüngste Cuilan, Smaragdene Orchidee. Die zwei älteren haben wir von klein auf Leuten im Dorf versprochen, aber für die jüngste wollten wir einen Schwiegersohn finden, der uns zur Altersvorsorge im Hause bleiben sollte. Da kam nun vor drei Jahren eines Tages ein Bursche daher, und der sah eigentlich gar nicht schlecht aus. Er sagte, er sei vom Fuling-Berg, hieße Eber, und würde gern in eine Familie einheiraten, um als Schwiegersohn zu dienen. Ich törichter Alter war einverstanden. Zu Beginn war er ganz umgänglich, nur hätte doch keiner gedacht, dass er sich verwandeln würde!« »Wie hat er sich verwandelt?« »Anfangs war’s ein dunkelhäutiger feister Kerl. Doch später hat er sich in einen langschnäuzigen, großohrigen Tölpel verwandelt, mit Borsten im Nacken, wie ein Eber. Und was für einen Appetit der hat! Zum Glück ernährt er sich rein pflanzlich, würden Fleisch und Alkohol dazukommen, wäre unser Vermögen längst dahin!« »Er wird so viel essen, weil er so viel arbeitet«, warf Tripitaka ein. »Das Essen wäre noch das geringste Problem. Er kann aber sogar Wind machen und braust durch Wolken und Nebel, dass es Sand und Steine aufwirbelt und unsere Familie mitsamt der ganzen Nachbarschaft keine Ruhe mehr hat. Außerdem hat er unsere Jüngste im Hinterzimmer eingeschlossen; schon ein halbes Jahr lang haben wir sie nicht mehr gesehen. Wir wissen nicht einmal, wie es um ihr Leben steht. Darum sind wir uns sicher, dass er ein Dämon ist, und wollen ihn mit Hilfe eines Priesters austreiben.« »Was soll daran schwierig sein?« meinte Pilger unbekümmert. »Keine Sorge, Alter, heut Nacht nehme ich den Unhold fest und sorge dafür, dass er Euch fortan in Ruhe lässt. Was meint Ihr?« »Nun, wenn Ihr ihn festnehmen könnt, dann beseitigt mir bitte das Übel an der Wurzel.« »Nichts leichter als das.« Glücklich ließ der Alte den Mönchen eine Klostermahlzeit zubereiten. Als es nach dem Mahl zu dunkeln begann, sagte Pilger: »Alter Gao, ladet ein paar ehrwürdige Dorfälteste ein, dass sie sich mit meinem Meister unterhalten. Derweil will ich den Unhold einfangen und ihn vor allen ein Geständnis ablegen lassen, dann seid Ihr ihn los.« Der Alte tat wie geheißen. Daraufhin packte Pilger seine Eisenstange, fasste den alten Gao am Arm und führte ihn zum Eingang des Hinterzimmers. Die Tür aber war verriegelt. Pilger trat hinzu und befühlte das Schloss. Es stellte sich heraus, dass es aus massivem Kupferguss bestand. Da rammte er seine Stange so heftig gegen die Tür, dass sie aufsprang und man in eine grottentiefe Finsternis blickte. »Alter Gao«, flüsterte Pilger, »ruft mal Eure Tochter, dann wissen wir, ob sie da ist.« Der Alte nahm allen Mut zusammen und rief: »Dritte Tochter!« Von drinnen tönte leise ein kraftloses Stimmchen: »Hier bin ich, Papa!« Pilger spähte mit seinen blitzenden Goldaugen ins Dunkel, wo er nun die junge Frau gewahrte. Ihr schwarzes Haar war zerzaust und das ehemals blühende Antlitz abgezehrt. Nun kam sie hervor, umklammerte den alten Gao und weinte bitterlich. »Heult jetzt nicht«, sagte Pilger, »sagt mir erst, wo das Ungeheuer hin ist.« »Ich weiß es nicht«, antwortete die Frau, »er kommt und geht durch Wolken und Nebel. Weil er vernommen hat, dass Vater ihn vertreiben will, erscheint er oft erst in der Dämmerung und geht schon am frühen Morgen.« »Alles klar«, versetzte Pilger, und zum Vater gewandt: »Alter, bringt Eure werte Tochter nach vorn, dort könnt Ihr Euch in Ruhe unterhalten. Ich alter Sun will hier auf ihn warten.« Glücklich trat der alte Gao mit seine Tochter ab. Pilger aber ließ seine magischen Kräfte wirken und verwandelte sich mit einem leichten Dreh in die Gestalt der Tochter. So setzte er sich ins Zimmer und wartete. Es dauerte nicht lange, da brauste ein Windstoß heran, der tatsächlich Sand und Steine mit sich riss. Als sich der Wind gelegt hatte, sah man auf halber Höhe ein Ungeheuer, das wahrhaftig hässlich war, mit einer schwarzen Fratze, kurzen Borsten, einer langen Schnauze und großen Ohren. »So sieht das Ding also aus!« grinste Pilger im Stillen. Er aber legte sich aufs Bett, stöhnte vor sich hin und schützte Krankheit vor. Ohne zu merken, dass etwas nicht stimmte, trat der Kerl ins Zimmer, packte Pilger mit einem Griff und wollte ihn küssen. Dieser aber zog ihn mit einem Kunstgriff an der Schnauze und schmiss ihn schwungvoll vom Bett. Der Unhold rappelte sich hoch und fragte, auf den Bettrand gestützt: »Was ist denn heute los, Schwester, du scheinst mir nicht gewogen. Bin ich etwa zu spät gekommen?« »Nein, gar nicht«, meinte Pilger, »ich fühle mich nur nicht so wohl. Zieh dich aus und leg dich schlafen.« Der Unhold verstand nicht, was los war, ging sich aber dennoch auskleiden. Pilger aber sprang auf und hatte sich schon auf den Nachttopf gesetzt, als der Unhold sich zu Bett legte. Auf einmal seufzte er tief und hauchte: »Ach, so ein Unglück!« »Was hast du denn?« fragte der Unhold, »was redest du da von Unglück? Seit ich bei euch lebe, futtere ich zwar tüchtig, doch schließlich habe ich auch für euch geackert und gepflügt. Ich sorge für die ganze Familie mit Tat und Arbeit: Alle Kleider, die du trägst, alles Obst und alles Gemüse hab ich eigenhändig erwirtschaftet. Und du bist immer noch nicht zufrieden? Was soll dieses Gestöhne; von Unglück kann doch keine Rede sein!« »So hab ich’s nicht gemeint«, erwiderte Pilger. »Meine Eltern haben heute Ziegel über die Mauer geworfen und mich beschimpft. Sie sagten, schließlich sei ich mit dir verheiratet und du der Schwiegersohn des Hauses, doch habest du keinen Anstand, und eine solche Fratze könne man die Verwandten ja gar nicht sehen lassen. Außerdem wisse man ja nicht einmal richtig, woher du wirklich kommst und wie dein ganzer Name lautet. Du habest das Haus in Verruf gebracht und seist eine Schande für die Familie. Darum bin ich so verstimmt.« »Nun, etwas garstig mag ich schon aussehen, aber wenn’s sein muss, kann ich mich auch hübsch machen. Ich hab es ihm von Anfang an gesagt, doch war er selbst dafür, mich aufzunehmen. Und jetzt fängt er wieder damit an. Ich komme von der Wolkensteggrotte auf dem Fuling-Berg, heiße meinem Aussehen nach Eber und mit vollem Namen Zhu Ganglie, Eber mit den harten Borsten. Das kannst du ihm zur Antwort geben, falls er wieder danach fragt.« »Aber er hat gesagt, er wolle dich mit Hilfe eines Priesters austreiben!« »Ach was, kümmere dich nicht darum! Ich verfüge über sechsunddreißig Verwandlungskünste und habe meine neunzackige Forke, was brauch ich mich vor Priestern zu fürchten. Und wäre dein Alter gar so fromm, dass er den Dämonenzerstörer vom neunten Himmel herbitten könnte, so würde sich nicht mal der mit mir anzulegen trauen, den kenn ich nämlich noch von früher!« »Er hat gesagt, er habe einen gebeten, der vor fünfhundert Jahren im Himmelspalast Aufruhr gemacht habe, einen Himmelsebenbürtigen Großen Heiligen.« Da horchte der Unhold auf. Dieser Name jagte ihm nun doch Angst ein. »Wenn das so ist, dann haue ich ab«, sagte er. »Mit dieser Ehe ist es aus.« »Warum denn?« »Du musst wissen, dieser Bimawen, der einst im Himmel wütete, der ist nicht zu unterschätzen. Wenn ich dem unterliege, ist mein Ruf dahin.« Er warf sich ein Gewand über, öffnete die Tür und eilte nach draußen. Da schnellte Pilger vor, packte ihn am Gewand, und wie er sich mit der Hand übers Gesicht strich, nahm er seine eigene Gestalt an. »Bleib stehen, du Ungeheuer!« schrie er, »schau, wer ich bin!« Der Unhold drehte sich um und erblickte Pilger, der wie der leibhaftige Donnergott vor ihm stand. Ein Schrecken durchzuckte ihn; mit einem Ruck riss er sich los, dass sein Gewand in Fetzen hing, und ergriff die Flucht. Augenblicklich schoss Pilger hinter ihm her. Der Dämon aber verwandelte sich in ein feuriges Strahlenbündel und sauste auf seinen Berg zu. Pilger blieb ihm dicht auf den Fersen und schrie: »Halt! Und wenn du zum Himmel steigst, ich verfolge dich bis zum Sternpalast der Kämpfenden Ochsen! Und wenn du zur Hölle fährst, ich jage dich bis zur Totenstadt Fengdu!« So war es in der Tat: Falsche Angehörige sind nicht die echten; Es wird ein guter Ehebund zum schlechten. Und da wir nicht wissen, wohin er den Dämon nun verfolgte, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第019回 / 19. Kapitel Beim Wolkensteg nimmt Wukong Eber Bajie auf / Am Stupa-Berg erlangt Xuanzang das Herz- Sutra Berichten wir weiter, wie der Unhold, in einen Feuerstrahl verwandelt, davonstob, während Pilger ihm als lichter Farbenglanz dicht auf den Fersen blieb. Auf einmal gewahrten sie einen hohen Berg. Da verdichtete der Unhold seinen roten Feuerstrahl, nahm seine eigene Gestalt an und stürmte in die Grotte, wo er einen neunzackigen Rechen packte, mit dem er sich in den Kampf stürzte. »Verdammtest Biest!« schrie Pilger, »wo kommst du elender Teufel her? Woher kennst du meinen Namen? Lass sehen, was du für Fähigkeiten hast, dann magst du am Leben bleiben.« »Du hast ja keine Ahnung von mir«, gab der Unhold zurück, »komm her und höre, was ich dir sage: Seit Kindheit bin ich von Natur Im Wesen ungewandt, So frönte ich der Muße Und Faulheit permanent. Nie übte ich mein Wesen In der Vervollkommnung, Dumpf, mit wirrem Herzen, Zog Tag und Monat hin. Doch eines Tags, die Zeit war reif, Da traf ich einen Wahren Weisen,147 Der sich setzte und begann Ein Elixier-Buch vorzulesen. Er riet mir, mich zu besinnen, Nicht im Staube zu verbleiben; Konnte mir das Himmelstor Und den Erdpalast aufzeigen.148 Ich erfuhr vom Elixier, Das neunmal geläutert wird, Habe darauf Tag und Nacht Ohne Unterlass geübt. Ließ die Energie hinauf In den Niyuan-Palast fließen Und hinab zur Sprudelquelle An der Sohle von den Füßen. Nierenwasser ließ ich kreisen Mitten in den Blütenteich;149 Stärkte das Zinnoberfeld Wohlig warm in meinem Bauch. Es gehören Kind und Jungfrau Zu den Kräften Yin und Yang,150 Aufgeteilt in Mond und Sonne, Einen sich Blei und Mercurium. Der Li-Drache, der Kan-Tiger Sind zur Harmonie geführt,151 Und die Schildkröte, beseelt, Saugt des Goldnen Raben Blut.152 Mit Drei Blüten überm Haupt153 Fand ich zu den Wurzeln heim, Und die Fünf Energien flossen Im Ursprung ineinander ein.154 Nach Vollendung dieses Werks Schwebte ich gar hoch empor, Leicht und mit gesundem Leib Bis hinauf zum Himmelstor. Beim Bankett des Jadekaisers Mit Unsterblichen beisammen Erhielt jeder seinen Titel, Eingeteilt nach vielen Rängen. Zum Marschall ward ich ernannt, Der Himmelsfluss mir zugeteilt; Über alle Wasserkrieger Ich das Regiment erhielt. Nur weil dann die Königinmutter Ihr Pfirsichfest vonstattengab Und an ihrem Jaspisteich Alle Himmlischen einlud, Trat ich voller Heldenmut Trunken in den Mondpalast, Wo die zauberhafte Mondfee Zum Empfang gekommen ist. Dieser Liebreiz wollte mir Schier das Herz verbrennen, Da stand mein profaner Sinn Brennend heiß in Flammen. Ohne jeglichen Bedacht Auf die Würde oder Ränge Fasste ich die Mondfee unter, Dass ich bei ihr liegen könne. Und in himmelweiter Wollust Tat ich einen Donnerschrei, Dass die Himmelstore wankten; Beinah barsten sie dabei. Doch der Himmlische Inspektor Zeigte mich beim Kaiser an, So stand es seit jenem Tage Um mein Schicksal ziemlich schlimm. Der Palast der Weiten Kälte Wurde ringsum eng umstellt, Alle Götter packten mich, Auszubrechen – weit gefehlt! Man hat mich zur Himmelshalle Vor den Jadekaiser geführt, Wo ich von Gesetzes wegen Zum Tod abgeurteilt ward. Zum Glück kam der Abendstern Noch zu meiner Rettung her, Nur zweitausend Hammerschläge Brachen Haut und Knochen mir. Ausgestoßen aus dem Himmel, Degradiert, doch lebend noch, Kam ich auf den Fuling-Berg, Auf der Suche nach Obdach. Bei der Inkarnation Fiel ich einem Schwein zu Lasten; Darum nennt man mich gemein ›Eber mit den harten Borsten‹.« Nachdem sich Pilger alles angehört hatte, meinte er: »Dann bist du verdammter Kerl also die Wiedergeburt des Wassergottes Tianpeng! Kein Wunder hast du schon vom alten Sun gehört.« »Ha, du elender Pferdeknecht!« schnaubte der Unhold. »Weiß der Himmel, wie viele von uns du damals in Mitleidenschaft gezogen hast, und jetzt treibst du auch hier noch dein Unwesen. Keine Frechheiten, krieg meinen Rechen zu spüren!« Natürlich ließ Pilger sich das nicht gefallen, schon schwang er seine Stange hoch und schlug los. So lieferten sich die beiden mitten in der Nacht am Berghang ein wildes Gefecht, das um die zweite Nachtwache begann und nicht eher aufhörte, als bis im Osten der Himmel sich aufhellte. Schließlich konnte der Unhold nicht länger standhalten. Abermals verwandelte er sich in einen Windstoß und sauste in die Grotte, wo er die Tore verriegelte und sich nicht mehr blicken ließ. Pilger bemerkte nun vor dem Grottentor eine Stele mit drei eingekerbten Schriftzeichen: » 雲棧洞 – Wolkensteggrotte«. Inzwischen war es schon ganz hell geworden, und Pilger fürchtete, der Meister könne sich seinetwegen Sorgen machen. Also kehrte er vorläufig ins Dorf zurück. Hier traf er Tripitaka im Verein mit den Dorfältesten und berichtete ihnen, was sich alles zugetragen hatte. Dann rief er den alten Gao herbei und sagte: »Dieses Ungeheuer ist kein gewöhnliches Spukwesen. Es handelt sich um Marschall Tianpeng, der vom Himmel herniedergekommen ist. Weil er auf dem Weg zur Wiedergeburt aus Versehen in einen falschen Leib einging ist, sieht er nun wie ein Wildschwein aus, doch im Grunde hat er immer noch himmlische Gaben. Er fand, er habe sich zwar von Euren Speisen ernährt, doch habe er ja auch für Euch gearbeitet und Euer Guthaben vermehrt. Außerdem habe er Eurer Tochter nie etwas zuleide getan. Warum also, fragt er, wollt Ihr ihn fortjagen? Meiner Meinung nach könnt Ihr einen solchen Schwiegersohn eigentlich ebenso gut behalten.« »Ehrwürden«, fiel der alte Gao ein, »dass er nicht gegen die allgemeine Moral verstößt, ist schon richtig, aber bedenkt doch unseren Ruf! Ständig heißt es: ›Die Gaos haben ein Ungeheuer als Schwiegersohn!‹ Das ist auf die Dauer einfach nicht zum Aushalten.« »Wukong!« mahnte Tripitaka, »wenn du die Sache schon angepackt hast, so führe sie auch zu Ende.« »Gewiss, gewiss«, nickte Pilger. »Diesmal werde ich ihn Euch garantiert gefangen vorführen.« Mit einem kurzen Abschiedsruf war er schon wieder spurlos verschwunden. Auf dem Berg ließ er sich nieder, kam zur Grotte, wo er mit ein paar Stockhieben die Torflügel zertrümmerte, und schimpfte: »Du elendes Mistvieh! Komm raus und kämpfe mit dem alten Sun!« Der Unhold lag noch schnarchend in der Grotte, als er plötzlich Pilgers Schimpftirade hörte. Wütend schleppte er seinen Rechen heran, ballte seine Kräfte und rannte ins Freie, wo er schrie: »Du Bimawen von Pferdeknecht! Was habe ich mit dir zu tun, dass du mein Tor zerhaust? Schau dir mal das Gesetzbuch an, Einbruch in ein Haus wird mit Todesstrafe für anderweitige Verbrechen geahndet!« Pilger lachte: »Dieser Tölpel! Ich hab dir zwar das Tor eingeschlagen, du aber hältst die Tochter eines Hauses gewaltsam in Besitz! Da müsste man dir für faktisches Verbrechen den Kopf abschlagen!« »Schluss mit dem Gerede, sieh meinen Rechen!« »Das ist wohl der Rechen, mit dem du den Gaos die Felder pflügst«, spottete Pilger, »was kann da schon dran sein?« »Da täuschst du dich!« gab der Unhold zurück, »dieser Rechen ist alles andere als ein profanes Werkzeug. Hör zu, was ich dir sage: Dies ist ein geläutertes Göttereisen, eisig hart, Von Laozis eigener Hand Ist ein Siegel eingeprägt. Es heißt dieser Höchste Schatz ›Golddurchtränkter Rechen‹, Für den Jadekaiser konnt’ ich Damit den Palast bewachen. Denn als ich das Tianpeng-Amt Auf das höchste Geheiß annahm, Schenkte er mir diesen Rechen Als ein kaiserlich’ Emblem. Er verwandelt sich mit mir, Tief im Herzen berg ich ihn, Er bewegt sich wunschgemäß Auf die Zaubersprüche hin. Tief im Meer durchwühle ich Nun Paläste von den Drachen, In den Bergen kann ich Tiger- und Wolfshöhlen niedermachen. Ha, was soll ich dich schon fürchten, Kupferschädel, Eisenhirn, und sei dein Leib aus Stahl, Unter meinem Rechen schwindet deine Seele, Geist und Energie entweichen, ein für alle Mal!« »Prahle nur nicht zu früh, du Tölpel!« gab Pilger zurück, »ich alter Sun will dir jetzt mal den Kopf hinhalten, dann kannst du ausprobieren, ob mir wirklich die Seele schwindet und die Kräfte weichen!« Da rannte der Unhold mit erhobener Waffe auf ihn zu und ließ den Rechen so heftig auf ihn niedersausen, dass die Funken spritzten. Pilger aber trug keine Schramme davon. Dem Unhold fuhr ein mächtiger Schrecken in die Glieder, und er rief: »Was für ein Schädel! Aber sag mal, du Affe, soweit ich mich entsinnen kann, warst du doch zur Zeit deines Aufruhrs im Himmel in der Wasservorhang-Grotte auf dem Kontinent Purvavideha zu Hause? Seither hab ich nichts mehr von dir gehört; warum kommst du eigentlich hierher und stellst mir nach? Hat etwa mein Schwiegervater dich hergebeten?« »Nein, der hat nie nach mir geschickt. Ich alter Sun habe mich zum Guten gewendet und begleite jetzt den Meister Tripitaka aus dem Osten auf seiner Reise in den Westen, um von Buddha Heilige Schriften zu erbitten. Als wir hier im Dorf der Sippe Gao übernachten wollten, ist der Alte darauf zu sprechen gekommen und hat mich gebeten, seine Tochter zu befreien und dich gemeines Mistvieh festzunehmen.« Als der Unhold dies hörte, ließ er seinen Rechen fallen, verneigte sich und rief: »Wo ist der Schriftenholer? Bitte, führ mich zu ihm!« »Wozu denn das?« »Vor langer Zeit hat mir die Bodhisattva Guanyin den Rat gegeben, mich an die buddhistischen Gebote zu halten und nur noch Klosterkost zu essen. Sie sagte, ich solle einen Schriftenholer in den Westen begleiten, um bei Buddha Heilige Schriften zu erbitten. All die Jahre hab ich nichts mehr davon gehört. Wenn du doch sein Schüler bist, warum hast du nicht gleich was vom Schriftenholen gesagt, statt mit Gewalt zu kommen und mich zum Kampf herauszufordern?« »Versuche ja nicht, mich hinters Licht zu führen!« warnte Pilger. »Wenn es stimmt, was du sagst, dann schwöre zum Himmel, dass du Tripitaka folgen willst. Sonst bringe ich dich nicht zu ihm.« Da fiel der Unhold, das Gesicht gen Himmel gewandt, auf die Knie, schlug die Stirn zu Boden, als würde er Knoblauch mörsern, und rief: »Buddha Amitabha! Wenn dies nicht mein aufrichtigster Herzenswunsch ist, will ich abermals nach den Gesetzen des Himmels verurteilt und in tausend Stücke gehackt werden!« Jetzt glaubte ihm Pilger. Er hieß ihn Schilf und Dorngestrüpp herantragen, stopfte damit die Grotte voll, und dann verbrannte er die Wolkensteggrotte zu Schutt und Asche. »Nun, da ich frei und ledig bin«, sprach der Unhold zu Pilger, »führe mich jetzt hin.« Da packte Pilger den Rechen und zerrte den Unhold am Ohr zu den Wolken empor. So schwebten sie dem Dorf der Sippe Gao zu. Ein Gedicht besagt: Da packte Pilger den Rechen und zerrte den Unhold am Ohr zu den Wolken empor. Metall ist hart und stark, So kann es Holz bezwingen, Daher weiß der Herzensaffe Den Holzdrachen heimzubringen.155 Fügsam ist Metall, und Holz ist zahm, Beide gehen sie nun auf im Einen; Holz zeigt Liebe, und Metall zeigt Güte, Alles kann nun reich aufkeimen.156 Jede Trennung ist fortan beendet, Sie sind nicht mehr Herr und Gast; Dreifach kreuzen und sich dreifach einen: Hier liegt tiefer Sinn gefasst. Glücklich sind dabei Gefühl und Wesen, End’ und Anfang hier sich wiederfinden;157 Nun steht nichts der Sache mehr im Wege, Dass sie einst vereint vom Westen künden! Tripitaka saß mit dem alten Gao und dessen Leuten zusammen in der Haupthalle, als sie auf einmal gewahrten, wie Pilger mit dem Unhold im Schlepptau herankam. Freudig überrascht nahmen sie ihn in Empfang. Da fiel der Unhold Tripitaka zu Füßen und rief unter Stirnaufschlägen: »Meister! Euer Schüler hat es versäumt, Euch gebührend zu empfangen! Hätte ich gewusst, dass Ihr im Hause meines Schwiegervaters weilt, wäre ich längst gekommen, mich vor Euch zu verneigen. Wozu all die Verstrickungen?« »Wukong, wie bringst du ihn dazu, dass er sich vor mir verbeugt?« wunderte sich Tripitaka. »Tölpel«, rief Pilger, »erzähl du es selbst!« Ausführlich schilderte nun der Unhold, wie Guanyin ihn zum Guten bewogen hatte. Tripitaka war überglücklich. Er bat den alten Herrn Gao, einen Weihrauchtisch zu bringen, wusch sich die Hände, zündete Weihrauch an und verneigte sich gen Süden mit den Worten: »Dank sei der Huld der Bodhisattva!« Der Unhold verneigte sich nun von neuem vor Tripitaka, womit er ihn als Meister anerkannte. Anschließend verbeugten er und Pilger sich voreinander und sprachen sich fortan als »Meisterbruder« an. Da meinte Tripitaka: »Da du mein Schüler wirst, will ich dir einen Ordensnamen verleihen.« »Meister«, erklärte der Unhold, »Guanyin hat mir bereits einen gegeben; ich heiße Zhu Wuneng, ›der die Fähigkeit erkennt‹.« »Sehr gut, sehr gut«, nickte Tripitaka, »das passt zum Namen deines Meisterbruders Wukong.« »Meister«, meinte Zhu Wuneng nun, »seit Guanyin mir die Gebote auferlegt hat, habe ich weder Fleisch noch andere unreine Speisen gegessen. Jetzt, da ich Euch endlich gefunden habe, kann ich doch mit der Abstinenz aufhören?« »Nein, nein, das geht nicht«, widersprach Tripitaka. »Aber da du dich an daran gehalten hast, die fünf unreinen und drei tierischen Speisen zu meiden, will ich dir einen Übernamen geben: Ba Jie, ›Acht Abstinenzen‹, sollst du heißen.« Der Tölpel freute sich sehr und nannte sich von da an auch Zhu Bajie. Angesichts dieser Bekehrung zum Guten war der alte Gao erst recht beglückt und ließ seine Diener zum Dank ein großes Festmahl zubereiten. Da trat Bajie auf den alten Gao zu und meinte: »Vater, wollt Ihr nicht meine Braut holen, dass sie meinen Meister und Meisterbruder begrüßt?« »Aber werter Bruder«, lachte Wukong, »du bist jetzt Mönch, also lass in Zukunft das Wörtchen ›Braut‹ hübsch beiseite. Es gibt zwar Daoisten, die der Ehe nicht entsagen, doch hast du je einen verheirateten buddhistischen Mönch gesehen? Lasst uns was essen, damit wir rechtzeitig auf den Weg nach Westen kommen.« Der alte Gao bot Tripitaka den Ehrenplatz an, Pilger und Bajie setzten sich ihm zur Seite, während die Familienangehörigen die restlichen Plätze einnahmen. Tripitaka hielt sich an die Klosterkost, Pilger und Bajie genossen zusätzlich etwas Klosterwein. Als die Mahlzeit beendet war, trug der alte Gao auf einem roten Tablett zweihundert Liang Bruchgold und Bruchsilber zum Dank herbei. Doch Tripitaka wehrte ab: »Als Wandermönche können wir unmöglich solche Reichtümer annehmen!« Pilger jedoch schnappte sich eine Handvoll und rief: »Gao Cai! Gestern hast du die Mühe auf dich genommen, meinen Meister hierherzuführen, und heute haben wir bei euch sogar einen Schüler gefunden. Ich habe sonst nichts zum Danke, also nimm diesen Batzen zum Lohn. Und falls es wieder mal Ungeheuer geben sollte, dann spart sie uns auf, ich werde dir dankbar sein!« Gao Cai dankte mit einem Kotau. Der alte Gao schenkte Bajie eine Mönchsrobe aus schwarzer Brokatseide und zwei Paar neue Schuhe. Da trat Bajie gemessenen Schrittes auf den alten Gao zu und sprach mit einer ehrerbietigen Gebärde: »Hiermit tue ich meiner Schwiegermutter, meiner Frau und allen Verwandten kund, dass ich heute Mönch geworden bin. Die Zeit reicht nicht, mich von allen persönlich zu verabschieden. Schwiegervater, sorgt gut für meine Frau! Falls das mit dem Schriftenholen scheitert, werde ich wieder als Schwiegersohn zu Euch zurückkommen.« »Lass den Unsinn, du Nichtsnutz!« versetzte Pilger, »brechen wir auf!« Man schnürte das Reisegepäck an eine Tragstange, die sich Bajie aufbuckelte, Tripitaka setzte sich aufs Pferd, und Pilger schulterte seine Eisenstange. So verabschiedeten sie sich vom alten Gao und seiner Familie und reisten weiter dem Westen zu. Einen ganzen Monat lang verlief die Reise friedlich. Nachdem sie die Grenze von Wusizang überquert hatten, bemerkten sie plötzlich, dass sie sich einem mächtigen Berg näherten. Tripitaka zügelte sein Pferd und sprach: »Seht, meine Schüler, da vorn ist ein hoher Berg, wir müssen vorsichtig sein.« »Keine Sache«, gab Bajie zurück, »das ist der Pagodenberg. Da oben wohnt ein Zenmeister, der ›Meister vom Rabennest‹, der widmet sich hier der Vervollkommnung. Ich alter Eber hab ihn auch schon mal besucht.« Es dauerte nicht lange, da hatten sie die Anhöhe erreicht. Hoch zu Ross hielt Tripitaka Ausschau. Da bemerkte er auf einem Wacholderbaum ein Nest aus Reisig und Stroh. Ringsum scharten sich Blumen äsende Hirsche und Affen mit Früchten, blaue Paradiesvögel und bunte Phönixe kreischten, weiße Kraniche und Goldfasanen waren dabei. Bajie wies mit der Hand dorthin und rief: »Da ist er ja, der Meister vom Rabennest!« Tripitaka gab seinem Pferd die Sporen und hielt auf den Baum zu. Als der Zenmeister die drei kommen sah, verließ er seine Nestbehausung und sprang vom Baum. Tripitaka stieg aus dem Sattel und vollzog ehrerbietig einen Stirnaufschlag, doch der Zenmeister half ihm auf und sprach: »Steht auf, heiliger Mönch! Verzeiht, dass ich Euch nicht gebührend empfangen habe.« »Seid gegrüßt, Ehrwürden«, sprach Bajie. Da rief der Meister überrascht: »Das ist ja Zhu Ganglie! Wie ist dir denn das Glück widerfahren, mit dem heiligen Mönch zusammen pilgern zu dürfen?« »Bodhisattva Guanyin hat mir geraten, ihm als Schüler zu folgen.« »Sehr gut, bestens, bestens!« lobte der Zenmeister. Dann wies er auf Pilger und fragte: »Und wer ist das?« Pilger lachte: »Warum kennt der werte Meister nur ihn, aber nicht mich?« »Das ist mein ältester Schüler, Sun Wukong«, erklärte Tripitaka. Nun lächelte der Meister und meinte: »Verzeiht, verzeiht.« Mit einer weiteren Verbeugung erkundigte sich Tripitaka, wie weit es noch sei bis zum Paradies des Westens. »Weit, sehr weit!« antwortete der Meister und fügte hinzu: »Zwar ist der Weg noch weit, doch eines Tages werdet Ihr ans Ziel gelangen. Nur die dämonischen Hindernisse sind schwer zu bewältigen. Ich habe hier eine Schriftrolle, das ›Herz- Sutra‹, es hat insgesamt zweihundertsiebzig Schriftzeichen. Wann immer Ihr einem Dämon begegnet, könnt Ihr das Sutra aufsagen, dann wird Euch nichts geschehen.« Tripitaka bat ihn mit einer Verbeugung, dass er ihn das Sutra lehren möge. Der Zenmeister rezitierte: »Das Große Prajnaparamita Herz-Sutra:159 Bodhisattva Guanyin, tief im vollkommenen Gewahrsein der höchsten Weisheit, erkannte, dass die Fünf Skandhas160 leer sind, und überwand damit alles Leid und allen Schmerz. Sariputra, Form ist nichts anderes als Leere, Leere ist nichts anderes als Form. Form ist identisch mit Leere, Leere ist identisch mit Form. Und so ist es auch mit der Empfindung, der Wahrnehmung, der geistigen Formkraft und dem Bewusstsein. Sariputra, alle Dinge sind in Wahrheit leer. Nichts entsteht und nichts vergeht. Nichts ist unrein, nichts ist rein. Nichts vermehrt sich und nichts verringert sich. Es gibt in der Leere keine Form, keine Empfindung, keine Wahrnehmung, keine geistige Formkraft und kein Bewusstsein. Es gibt auch keine Augen, Ohren, Nase, Zunge, Körper oder Geist; es gibt nichts zu sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen oder denken; es gibt keine Unwissenheit und auch kein Ende der Unwissenheit, kein Altern und keinen Tod noch deren Aufhebung. Es gibt kein Leiden und keine Ursache des Leidens, kein Auslöschen und keinen Weg der Erlösung, keine Erkenntnis und auch kein Erreichen. Weil es nichts zu erreichen gibt, ruhen die Bodhisattvas in höchster Weisheit, und ihr Geist ist unbeschwert und frei von Angst. Befreit von allen Verwirrungen, allen Träumen und Vorstellungen, verwirklichen sie das vollständige Nirvana. Alle Buddhas der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft leben Prajna Paramita und erreichen damit die allerhöchste Erleuchtung. Erkenne deshalb, dass Prajna Paramita das große Mantra ist, das strahlende Mantra, das unübertroffene Mantra, das höchste Mantra, das alles Leiden stillt. Dies ist die Wahrheit, die Wahrheit ohne Fehl. Deshalb sprich das Mantra der Höchsten Weisheit: Gate, gate, paragate, parasamgate, bodhi, svaha!161« Tripitaka, der bereits die inneren Grundlagen besaß, konnte sich den Wortlaut des Sutra auf der Stelle einprägen, und da er es im Gedächtnis behielt, ist es uns bis heute überliefert. Dieses Sutra fasst den gesamten Weg zur wahren Vervollkommnung; es ist das eigentliche Tor zur Buddhaschaft. Nachdem der Zenmeister seine Rezitation beendet hatte, erhob er sich auf Wolkenglanz, um in sein Rabennest zurückzukehren. Doch Tripitaka hielt ihn zurück, denn er wollte unbedingt wissen, wie es um den Weg in den Westen stehe. Lächelnd sprach der Zenmeister: »Der Weg ist unschwer zu begehen, Hört gut zu, um zu verstehen: Tausende Gebirge und Gewässer, Hindernisse und Dämonen kommen; Sollten euch dabei Gefahren drohen, Bleibt stets furchtlos und besonnen! Ganze Länder sind dort voller Gnomen, Über Berge herrschen oft Dämonen; Und mit grauen Wölfen als Gehilfen Tiger in der Ämter Hallen thronen. König nennen sich gar Löwen, Elefanten, Als Minister halten sie Geparden. Hier ein Wildschwein mit der Lastenstange, Auch ein Wasserdämon wird aufwarten. Dieser langbejahrte steinerne Affe Weder Hass noch Wut sein eigen nennt; An diesen Freund könnt ihr euch wenden, Er ist es, der den Weg nach Westen kennt!« Pilger lachte kalt und versetzte: »Gehen wir! Ihn brauchen wir gar nicht weiter zu fragen; es reicht ja, wenn Ihr Euch an mich wendet!« Der Zenmeister aber schwebte, in goldenes Licht aufgelöst, zu seinem Rabennest empor. Tripitaka faltete dankend die Hände. Pilger aber hatte eine solche Wut im Herzen, dass er seine Stange erhob und wild in den Baum drosch. Doch nichts als unzählige Lotosblüten und heilvolle Dunstschleier erschienen; dem Zenmeister wurde kein Haar gekrümmt. Tripitaka fiel ihm in den Arm und rief: »Wukong! Wie kannst du nur einem solchen Bodhisattva das Nest zerschlagen?« »Er hat meinen Bruder und mich beleidigt und ist abgehauen!« gab Wukong zurück. »›Ein Wildschwein mit der Lastenstange‹ war auf Bajie gemünzt, ›der langbejahrte steinerne Affe‹ galt mir altem Sun. Oder wie erklärt Ihr Euch das?« »Bruder«, warf Bajie ein, »dieser Zenmeister weiß eine Menge über Vergangenheit und Zukunft. Wer weiß, ob sich der Satz ›auch ein Wasserdämon wird aufwarten‹ bewahrheitet? Lass uns weiterziehen!« Da half Pilger seinem Meister in den Sattel, und sie zogen den Berg hinab dem Westen entgegen. Und da wir nicht wissen, was die Weiterreise nun tatsächlich mit sich brachte, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第020回 / 20. Kapitel Tripitaka kommt am Gelbwindhügel in Gefahr / Eber Bajie ringt am Berghang um den Sieg Alle Erscheinung entsteht im Herzen Und kann auch im Herzen schwinden; Wer wirkt dieses Kommen und Gehen? Dies möge der Leser ergründen! Wozu auf Worte anderer warten, Wenn alles im eigenen Herzen liegt? Not tut einzig die harte Arbeit, Aus dem Eisen zu wringen das Blut! Ziehe ein Seil durch seine Nüstern, Schnüre es zum Leere-Knoten; Binde ihn an den Nicht-Tun-Baum,162 So wird er nimmer tollkühn werden. Halte nicht Räuber für deine Kinder,163 Vergiss das Herz und auch die Welt; Lass Räuber nicht dein Selbst betrügen, Mach sie mit einem Fausthieb kalt! Das Herz, das sich zeigt, ist ohne Herz. Die Welt, die erscheint, ist schon dahin. Sind Mensch und Ochs nicht mehr zu sehen,164 Leuchtet der Himmel im reinsten Glanz, So rund, wie der herbstliche Vollmond strahlt, Sind beide ununterscheidbar ganz! Dieses buddhistische Gedicht spricht davon, wie Tripitaka den tiefen Sinn des Herz-Sutra erkannte und das Tor zur Erleuchtung sich öffnete. Unablässig sprach der Priester das Sutra vor sich hin und prägte es sich ein; wie von selbst drang ein Funke göttlichen Lichts daraus hervor. Doch wenden wir uns wieder den drei Schriftenholern zu, die ungeschützt vor Wind und Regen aßen und schliefen, während sie oft bis in die Nacht unter Mond und Sternen dahinwanderten. Schon hatte der Sommer Einzug gehalten und brachte drückend heiße Tage. Eines Abends, als es schon dunkelte, gewahrten sie auf der einen Seite des Bergpfades ein Gehöft. »Wukong«, rief Tripitaka, »lass uns hier um ein Nachtlager bitten und morgen weiterziehen.« »Gute Idee«, stimmte Bajie zu, »ich alter Zhu habe schon ein bisschen Hunger. Suchen wir erst mal eine Familie, die uns schön verköstigen kann; wenn ich satt bin, habe ich wieder Kraft, die Bündel zu buckeln.« »Ach, du Heimwehchen!« höhnte Pilger, »kaum bist du ein paar Tage von zu Hause weg, reut es dich schon.« »Wuneng«, mahnte auch Tripitaka, »wenn dein Herz so stark an der Familie hängt, wirst du nicht als Mönch leben können. Geh lieber gleich zurück.« Bestürzt warf sich der Tölpel Tripitaka zu Füßen und rief: »Meister, ich habe doch von der Bodhisattva die Gebote empfangen und verdanke auch Euch große Gnade! Nur zu gern will ich Euch auf der Reise in den Westen zu Diensten stehen; ich schwöre, dass ich es niemals bereuen werde. Das heißt doch, sich mit aller Kraft der Vervollkommnung widmen; warum sagt Ihr bloß, so könne ich nicht als Mönch leben?«165 »Wenn dem so ist«, meinte Tripitaka, »dann steh auf.« Mit einem Satz sprang der Tölpel auf die Füße und hievte sich die Tragstange auf die Schultern. In kürzester Zeit hatten sie das Anwesen erreicht. Tripitaka sprang vom Sattel und eilte als Erster dem Toreingang entgegen. Im Innenhof erblickte er einen alten Mann, der, auf eine Bambusliege gestützt, buddhistische Gebete murmelte. »Wohltätiger Herr«, rief Tripitaka sanft, »wir möchten Euch etwas fragen.« Schnell strich der Alte sein Gewand zurecht, erwiderte die Begrüßung und fragte: »Verzeiht, Ehrwürden, dass ich Euch nicht gesehen habe. Woher kommt Ihr, und was treibt Euch zu meinem bescheidenen Heim?« »Geringer Mönch kommt aus dem chinesischen Kaiserreich im Osten«, antwortete Tripitaka. »Auf Geheiß unseres Kaisers pilgere ich zum Tempel des Donnergrollens, um Buddha zu ehren und Heilige Schriften zu erbitten. Da hier an diesem trefflichen Orte mich der Abend einholt, möchte ich Euch bitten, in Eurem erhabenen Hause eine Nacht verbringen zu dürfen.« Der Alte winkte ab und schüttelte den Kopf: »Da kommt Ihr niemals hin. Im Westhimmel Heilige Schriften zu holen, das ist viel zu schwierig! Wenn Ihr Heilige Schriften wollt, dann geht in den Osten.« Tripitaka war sprachlos. Innerlich aber seufzte er tief und dachte: »Guanyin wies uns doch den Weg nach Westen, warum will uns dieser Mann in den Osten schicken? Wo im Osten sollten wir denn Schriften finden?« Pilger konnte sich nicht länger zurückhalten, schoss hervor und rief: »Alter! Ihr habt so viele Jahre auf dem Buckel und doch keine Ahnung! Da kommen wir Mönche von weither, suchen hier ein Nachtlager, und Ihr versucht uns mit derart unschönen Worten abzuschrecken. Falls es in Eurem Hause keinen einzigen Schlafplatz gibt, kann ich die Nacht auch hier unterm Baum verbringen!« Der Alte griff hilfesuchend nach Tripitaka und stammelte: »Ehrwürden, warum sagt Ihr nichts? Euer Schüler sieht ja aus wie ein schwindsüchtiges Gespenst! Wie kann er mir altem Mann so respektlos daherkommen?« Pilger kicherte: »Ihr habt ja keine Augen im Kopf, Alter. Ich bin zwar klein, doch ganz schön fest gebaut; nichts als Muskeln unter der Haut!« »Da werdet Ihr wohl besondere Fähigkeiten haben«, meinte der Alte. »Ach woher! Es mag gerade so hinreichen. Von Kindesbeinen an hab ich gelernt, als Dämon zu walten, und habe kraft meiner Fähigkeiten den Titel ›Himmelsebenbürtiger Großer Heiliger‹ erlangt. Nur weil ich gegen den Himmelspalast rebellierte, geriet ich ins Unglück. Jetzt aber habe ich mich der buddhistischen Lehre verschrieben und beschütze meinen Meister auf seinem Weg in den Westen. Was brauchen wir uns schon vor hohen Bergen oder reißenden Strömen zu fürchten! Dämonen oder sonstige Ungeheuer unterwerfen, Drachen oder Tiger bezwingen, damit weiß ich schon ein bisschen umzugehen.« Da lachte der Alte laut heraus. »Nun, wenn Ihr solche Anlagen habt, steht Euch der Weg in den Westen natürlich offen«, meinte er. »Wie viele seid ihr denn? Kommt herein und ruht euch aus.« »Vielen Dank, wohltätiger Herr«, sprach Tripitaka. »Wir sind zu dritt.« »Wo ist denn der Dritte?« »Dort im Schatten, unterm Baum«, antwortete Pilger, indem er mit der Hand hinwies. Der Alte spähte hinüber, doch kaum hatte er Bajie erblickt, jagte ihm dessen Fratze einen solchen Schreck ein, dass er Hals über Kopf ins Haus rannte und schrie: »Schließt die Tore, schließt! Ein Gespenst!« Pilger konnte ihn gerade noch einholen, hielt ihn auf und sprach: »Fürchtet Euch nicht, Alter! Das ist bloß mein Ordensbruder, kein Gespenst!« Schon strömten von irgendwoher Alte und Junge, Männer und Frauen herbei und fragten, was los sei. Doch als Bajie sich ihnen zuwandte, ein paarmal die Ohren schlenkerte und seine lange Schnauze hochreckte, stoben sie verängstigt auseinander. Erschrocken rief Tripitaka ein ums andere Mal: »Keine Angst, keine Angst! Wir sind nicht böse Menschen, wir sind Mönche auf Pilgerreise!« Endlich hatte sich der Alte wieder gefasst und bat Meister und Schüler ins Haus. Tripitaka aber war sehr verärgert, dass die beiden sich solch flegelhafte Grobheiten erlaubten. »Tölpel«, kicherte Pilger, »bring doch deine Hässlichkeit ein bisschen in Ordnung!« »Das Äußere ist angeboren«, wandte Tripitaka ein, »wie soll er das in Ordnung bringen?« »Er kann doch seine Forkenschnauze in den Kragen stecken und die Fächerohren hinten anlegen, statt damit herumzuwedeln! Das wäre doch schon viel ordentlicher.« Tatsächlich steckte Bajie nun die Schnauze in den Kragen, presste die Ohren nach hinten und stellte sich gebeugten Hauptes hin, während Pilger das Gepäck holte und den Schimmel versorgte. Der Alte aber hieß Tee und Speisen auftragen und bot Tripitaka einen kühlen Platz an. »Alter Meister«, hub Tripitaka an, »soeben habt Ihr gesagt, dass es zu schwierig sei, im Westen Schriften zu holen. Warum denn?« »Nicht die Schriften zu holen ist schwer, nur der Weg dahin ist äußerst hart und anstrengend. Etwa dreißig Wegmeilen westlich von hier liegt ein Gebirge mit Namen ›Achthundert Meilen breiter Gelbwindhügel‹; dort wimmelt es nur so von Dämonen und Kobolden. Das ist es, was den Weg so erschwert. Wenn Ihr aber, wie der kleine Priester eben sagte, über so viele Zauberkräfte verfügt, dann mögt Ihr es wagen.« Inzwischen hatte der Sohn des Hauses das Mahl aufgetischt und sprach: »Bitte bedient euch!« Während Tripitaka die Hände zum Tischgebet faltete, machte sich Bajie schon über seine Reisschale her, und noch bevor Tripitakas Gebet zu Ende war, hatte er drei volle Schalen verschlungen. »So ein Fresssack!« bemerkte Pilger, »man könnte ja meinen, man habe es mit einem Hungergeist zu tun!« Der Alte aber meinte taktvoll: »Der Mönch muss großen Hunger haben. Bringt schnell noch mehr Reis!« Der Tölpel hatte wahrhaftig einen Riesenappetit; ohne auch nur aufzuschauen, leerte er in einem Zuge mehr als zehn Schalen. Schließlich meinte der Alte: »Auf die Schnelle kann ich kein Gramm an weiteren Speisen auftreiben. Bitte bedient euch an dem, was noch übrig ist.« Tripitaka und Pilger bekundeten beide, sie seien gesättigt. Bajie jedoch brummte: »Was schwatzt der Alte, es hat doch keiner ein Orakel gelegt. Egal, ob ›Trigramm‹ oder ›Hexagramm‹,166 bringt her, was Ihr habt, um alles Weitere braucht Ihr Euch nicht zu kümmern!« In einer einzigen Mahlzeit fraß Bajie buchstäblich das Haus leer und fand am Ende gar, er sei nur zur Hälfte satt. Schließlich wurde abgeräumt, man stellte Pritschen unter den Torbogen und legte sich schlafen. Tags darauf verabschiedeten sie sich frühzeitig und zogen weiter gen Westen. In weniger als einem halben Tag kamen sie tatsächlich vor ein hoch aufragendes Gebirge, das einen bedrohlichen Eindruck machte. Während sie sich näherten, fegte plötzlich ein jäher Wirbelwind heran, und Tripitaka rief entsetzt: »Wukong, es kommt Wind auf!« »Was ist schon schlimm an einem Wind?« gab dieser zurück. »Doch wartet, ich will mir mal eine Handvoll schnappen und riechen.« »Aber Bruder«, machte Bajie, »Wind lässt sich doch nicht greifen!« Doch Pilger gab zurück: »Das weißt du eben nicht; ich alter Sun kenne einen speziellen Windgreifzauber.« Der Große Heilige schnupperte. Es roch faulig. »Tatsächlich, nichts Gutes!« rief er. »Entweder ist es ein Tigerwind oder sonst irgendwas Dämonisches.« Er hatte kaum ausgesprochen, als am Berghang ein gewaltiger Tiger hervorschnellte. Entsetzt glitt Tripitaka aus dem Sattel und blieb schräg aufgestützt am Wegrand liegen. Da ließ Bajie die Gepäckstange fallen, packte seinen Rechen und schrie: »Stillgestanden, du Sündenbiest!« Er stürmte auf den Tiger zu und zielte mit dem Rechen geradewegs auf dessen Schädel. Da richtete sich der Tiger auf, schwenkte die Vorderpranken, nestelte an der Brust und riss sich mit einem schneidenden Geräusch das Fell vom Leibe. Am Wegrand stehend brüllte er: »Moment, nur mit der Ruhe! Ich bin der Kundschafter des großen Gelbwind-Königs. Heute bin ich auf königliches Geheiß unterwegs, hier in den Bergen ein paar einfache Leutchen zum Fressen zu holen. Woher kommt ihr, Mönche, dass ihr es wagt, mich mit Waffen anzugreifen?« »Du Sündenbiest!« schimpfte Bajie, »wir sind keine einfachen Leutchen! Wir sind heilige Mönche aus dem Osten auf einer Pilgerfahrt ins Paradies des Westens, um Buddha zu huldigen und Heilige Schriften zu holen. Gib gefälligst den Weg frei und lass meinen Meister in Ruhe, wenn dir dein Leben lieb ist!« Ohne darauf einzugehen, schnellte der Unhold vor und schlug Bajie die Pranke ins Gesicht, dann wandte er sich um und lief den Berghang hinunter. Als Bajie ihm nachjagte, zog der Unhold unter einem Steinhaufen zwei kupferne Säbel hervor und stürzte sich kampfbereit gegen Bajie. Ein Hieb folgte auf den andern, und die beiden fochten am Berghang um die Wette. Pilger half Tripitaka aufstehen und sprach ihm Mut zu: »Meister, fürchtet Euch nicht. Ich alter Sun will kurz mal Bajie beispringen; sobald wir das Biest erschlagen haben, ziehen wir weiter.« Tripitaka setzte sich auf und begann zitternd das Herz-Sutra zu murmeln, während Pilger mit wirbelnder Stange ins Gefecht rannte. »Pack ihn!« schrie er. Da ließ Bajie seine Schläge noch heftiger niedersausen, bis der Unhold schließlich nicht mehr standhalten konnte. Als ihn die beiden den Berg hinunterjagten, kam er einen Moment ins Schlingern, dann griff er zur List der ›Zikade aus dem Kokon‹: Über den Boden rollend nahm er wieder seine eigentliche Gestalt eines Tigers an, klaubte abermals an der Brust, riss sich das Fell vom Leib und warf es über einen länglichen Felsbrocken, der die Form eines liegenden Tigers hatte. Er selbst verwandelte sich gleichzeitig in einen Windstoß und stob davon. Tripitaka aber, der immer noch sein Sutra aufsagte, wurde von ihm gepackt und in eine Grotte entführt. Dort stellte der Unhold seinen Sturmwind ein, brachte Tripitaka, den er fest in beiden Pranken hielt, seinem Grottenherrn dar und sprach: »Großer König! Euer Untergebener ist auf Inspektion im Gebirge einem chinesischen Mönch aus dem Osten begegnet, der bekundet, zu Buddha im Paradies des Westens zu pilgern, um Heilige Schriften zu holen. Hiermit überreiche ich ihn Euch zum Genuss.« Erschrocken meinte der Grottenherr: »Ich habe gehört, Priester Tripitaka sei ein heiliger Mönch aus dem chinesischen Kaiserreich. Er soll zwei Schüler zur Seite haben, die über immense Zauberkräfte verfügen. Wie hast du es nur geschafft, diesen Mönch hierherzubringen?« »Stimmt, er hat zwei Schüler«, antwortete der Kundschafter. »Der eine ist mit einem Rechen bewaffnet, der andere mit einer Stange. Während die beiden gegen mich kämpften, habe ich die List der ›Zikade aus dem Kokon‹ angewendet und mir den Mönch geschnappt.« »Dann fressen wir ihn lieber noch nicht gleich, sonst rücken uns noch diese Schüler auf die Pelle«, meinte der Grottenherr. »Fessle ihn erst mal an den Windstillpfahl im Hinterhof. Wenn uns die beiden in Ruhe lassen, ist’s für eine Mahlzeit noch früh genug.« Dann befahl er seinen Dienern, Tripitaka in den Hinterhof zu schleppen und zu fesseln. Der Priester versank in trostlosen Kummer. Doch davon sei hier nicht weiter die Rede. Wenden wir uns stattdessen Pilger und Bajie zu, die den Tiger den Hang hinuntergejagt hatten, wo sie ihn schließlich vor einer Felswand liegen sahen. Da erhob Pilger seine Stange und schlug sie mit solcher Wucht nieder, dass ihm beim Aufprall die Hand schmerzte. Bajie zog ihm gleich noch eins mit dem Rechen über, doch in Wirklichkeit war es ja nur die Tigerhaut auf dem Felsbrocken. »Schlimm!« machte Pilger erschrocken, »schlimm, wir sind der List ›Zikade aus dem Kokon‹ auf den Leim gegangen! Lass uns zurückkehren und schauen, wie es dem Meister geht.« Als die beiden angerannt kamen, war Tripitaka längst verschwunden. »Was tun wir bloß! Der Meister ist schon verschleppt worden!« brüllte Pilger mit Donnerstimme. »Nun, wie man die Sache auch dreht und wendet, er kann nirgendwo anders sein als in diesem Gebirge. Los, machen wir uns auf die Suche!« Die beiden eilten den Hang hinan, flitzten an Gipfeln vorbei und hatten schon etliche Bergkämme überquert, als sie endlich am Fuße einer Felswand eine Grottenresidenz erblickten, die einen bedrohlichen Eindruck machte. Pilger ließ Bajie Gepäck und Pferd in einer windstillen Talsohle unterbringen, straffte seine Mönchskutte, schnürte sein Tigerfell und stürmte mit hocherhobener Stange auf die Grotte zu. Über dem Tor prangten sechs große Schriftzeichen: »黃風山 黃風洞 – Gelbwindgrotte am Gelbwindberg«. Pilger griff seine Stange und schrie: »Rück sofort meinen Meister raus, du Dämon, sonst wühle ich dein Nest um!« Wie der Wind rasten die kleinen Ungeheuer ins Grotteninnere und meldeten: »Großer König! Draußen steht ein haariger Mönch, der aussieht wie der Donnergott. Er hält eine dicke Eisenstange in der Hand und verlangt seinen Meister!« Der Grottenherr wurde nervös. Sein Kundschafter aber meinte: »Beruhigt Euch, großer König. Ich geh jetzt nach draußen und hole diesen Pilger Sun oder wie er sich nennt gleich auch noch zum Fressen.« Schon befahl er den Ungeheuern, die Trommeln zu rühren und Standarten zu schwenken, während er seine zwei Kupfersäbel ergriff, ins Freie trat und rief: »Woher kommst du Affenmönch, dass du es wagst, hier herumzuschreien?« »Du häutendes Biest! Was soll dieser Ausschlüpf-Trick«, schimpfte Pilger, »du hast meinen Meister gefangen, gib ihn sofort frei! Steh still und krieg meine Stange zu spüren!« Ohne zu zögern schwang der Tiger seine Säbel und trat ihm entgegen. Die beiden fochten mehrere Kampfrunden aus, doch bald konnte der Tigerdämon nicht länger standhalten und floh vor Pilger, der ihn mit der Stange verfolgte, geradewegs in jene windstille Talsohle. Bajie, der hier das Pferd weiden ließ, gewahrte lautes Rufen und Keuchen, und als er sich umwandte, erblickte er den flüchtigen Tigerdämon. Er ließ das Pferd stehen, hob seinen Rechen und schmetterte ihn mit solcher Wucht auf den Schädel des Tigers, dass das Blut aus allen neun Löchern spritzte. Er schmetterte den Rechen mit solcher Wucht auf den Schädel des Tigers, dass das Blut aus allen neun Löchern spritzte. Dazu gibt es ein Gedicht: Seit er vor zwei, drei Jahren Zur rechten Lehre fand, Hat er Abstinenz geübt, Die wahre Leerheit erkannt. Aufrechten Sinnes will er nun Den Priester Tripitaka schützen; Seitdem er Buddhist geworden, Ist dies nun sein erster Nutzen. Als Pilger dies sah, war seine Freude groß. »Weißt du denn, wo der Meister ist?« fragte Bajie. »Der Unhold hat ihn in die Grotte verschleppt, um ihn seinem verdammten Dingsdakönig zum Fressen zu geben«, gab Pilger zur Antwort. »Ich alter Sun hab ihn im Kampf hierhergejagt, und du hast ihn erschlagen. Bruder, das ist dein Verdienst! Kümmere dich ein Weilchen um Pferd und Gepäck, ich gehe jetzt noch mal zur Grotte und rufe zum Kampf auf. Erst wenn wir auch den Alten erledigt haben, können wir unseren Meister befreien.« »Geh nur, Bruder«, meinte Bajie, »sobald du die Oberhand hast, kannst du ihn wieder hierhertreiben, dann mach ich alter Eber ihm den Garaus.« Der gute Pilger! Seine Stange in der einen Hand, schleppte er mit der anderen den toten Tiger vor das Grottentor. Wahrhaftig: Der Priester war in Not, Ein Ungeheuer kam, Doch Gefühl und Wesen Bändigen den Dämon.168 Und da wir nicht wissen, ob er diesmal den Dämon unterwerfen konnte, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第021回 / 21. Kapitel Schutzgottheiten beherbergen den Großen Heiligen / Lingji vom Sumeru-Berg bezwingt den Winddämon Berichten wir nun, wie die kleinen Ungeheuer, die das Tor zur Gelbwindgrotte bewachten, beim Anblick Pilgers unverzüglich hineinrannten und meldeten: »Großer König! Der haarige Mönch hat unseren Kundschafter, den Tiger, erschlagen! Jetzt hat er ihn vor das Tor geschleppt und ruft zum Kampf auf.« »Unverschämt ist dieser Kerl!« polterte der alte Dämon wütend. »Ich verschone seinen Meister, und zum Dank bringt er meinen Kundschafter um. Gemein ist das, gemein! Bislang kenne ich ja diesen Pilger Sun nur vom Hörensagen, doch wartet, jetzt will ich mich mit eigenen Augen überzeugen, was für ein neunhäuptiger, achtschwänziger Mönch das sein soll, dann wird das Leben unseres Kundschafters an ihm gerächt!« In aller Eile warf er sich in Rüstung, packte einen stählernen Dreizack und trat an der Spitze all seiner Ungeheuer aus der Grotte. Der Große Heilige, der wartend vor dem Tore stand, sah den Dämon ins Freie treten. In der Tat, eine wackere Erscheinung. »Wer ist nun dieser Pilger Sun?« schrie er. Den Fuß auf der Tigerleiche, in der Hand die Wunscherfüllende Eisenstange, antwortete Pilger: »Hier ist dein Ahnherr Sun. Gib mir sofort meinen Meister heraus!« Der Dämon musterte den hässlich und unscheinbar wirkenden Pilger mit dem hageren Gesicht und einer Größe von kaum vier Fuß, brach in Gelächter aus und rief: »Ach herrje, wie erbärmlich! Und da glaubte ich noch, was für ein markiger Kerl das sein müsse. Dabei ist es ein kränkelndes Knochengerüst!« »Dir fehlt’s aber gewaltig an Erkennungsvermögen, mein Sohn!« versetzte Pilger. »Ich mag klein aussehen, doch wenn du dich traust, mir mit deinem Dreizack eins auf den Schädel zu hauen, werde ich gleich um sechs Fuß größer.« Tatsächlich versetzte ihm der Dämon einen Schlag auf den Kopf. Da beugte sich Pilger leicht vor und wuchs auf der Stelle um gut sechs Fuß in die Höhe. Erschrocken zog der Unhold seinen Dreizack zurück. »Pilger Sun!« schrie er, »was soll diese Vorzeigezauberei vor meiner Grotte? Keine faulen Tricks! Komm her und miss dich mit mir im Kampf!« Der Dämon erhob den Dreizack und stach gegen Pilgers Brust. Doch der Große Heilige, in dieser Kunst geübt, brauchte nichts zu fürchten; er packte seinen Eisenstab und schwang ihn dem Dämon mit der Bewegung ›Schwarzer Drache fegt über den Boden‹ über den Schädel. Die beiden fochten ganze dreißig Runden aus, doch Sieg und Niederlage blieben unentschieden. In der Hoffnung auf schnellen Erfolg wandte Pilger nun die Körperteilungsmagie an, indem er sich ein Büschel Haare ausriss, sie zerkaute und nach oben ausspuckte mit dem Ruf »Verwandlung!«. Auf der Stelle waren mehr als hundert Pilger zugegen, ein jeder mit einer Eisenstange bewaffnet, die den Dämon sofort umzingelten. Der bekam es mit der Angst zu tun und griff nun seinerseits zu einer Magie, indem er blitzschnell herumwirbelte, in Richtung des Trigramms Xun sein Maul drei Spannen weit aufsperrte und dann die eingesogene Luft ausstieß. Jäh brauste aus der Höhe ein gelber Wirbelwind heran, der die aus den Haaren des Großen Heiligen gezauberten kleinen Pilger erfasste und wie ein Spinnrad im Kreise wirbelte, dass sie sich dem Dämon gar nicht nähern konnten. Erschrocken schüttelte Pilger sein Fell, um die Haare wieder einzufangen, und trat alleine mit erhobener Eisenstange vor. Da aber schnaubte ihm der Dämon seinen gelben Wind mitten ins Gesicht, so dass er die feurigen Goldaugen zukneifen musste und sie nicht wieder öffnen konnte. Damit hatte er den Kampf verloren. Wie nun der Dämon seinen Wind einstellte und in die Grotte zurückkehrte, sei hier nicht weiter ausgeführt. Wenden wir uns stattdessen Bajie zu, der das Wüten des gelben Sturmwinds, der Himmel und Erde verfinsterte, mitangesehen hatte und sich nun in der Talsohle zu Boden duckte, wo er nicht mehr aufzuschauen wagte. Während er noch grübelte, was wohl geschehen sei, hatte sich der Wind längst gelegt, und der Himmel war wieder klar. Auf einmal hörte er, wie der Große Heilige von Westen her mit lauten Schreien auf ihn zukam. Er empfing ihn mit einer leichten Verbeugung und rief: »Bruder, was für ein gewaltiger Wind! Wo kommst du her?« Pilger winkte ab und rief: »Heftig, heftig! Einen derart starken Wind habe ich alter Sun, seit ich denken kann, noch nie erlebt! Das alte Ungetüm ist mit einem stählernen Dreizack bewaffnet; ich habe über dreißig Runden mit ihm gekämpft und ihn zuletzt mit dem Körperteilungstrick umzingelt. Da kriegte er Angst und hat auf einmal diesen Sturmwind ausgestoßen, dass ich mich kaum mehr aufrecht halten konnte und fliehen musste. Ich alter Sun kann ja auch Wind und Regen machen, aber doch keinen derart üblen Wind wie dieses Ungeheuer!« »Wie sollen wir dann den Meister retten?« fragte Bajie. »Das muss warten«, gab Pilger zurück. »Meine Augen schmerzen schrecklich von dem ekelhaften Wind, und sie tränen ununterbrochen. Ob es wohl in dieser Gegend einen Augenarzt gibt, der mich behandeln könnte?« »Aber Bruder! Was sprichst du mitten im Gebirge und erst noch spätabends von einem Augenarzt! Wir haben ja nicht mal ein Dach über dem Kopf.« »Ein Dach zu finden wäre keine Sache«, meinte Pilger. »Meiner Meinung nach wagt dieses Ungeheuer unserem Meister jetzt noch nichts anzutun. Gehen wir doch zur Landstraße zurück und suchen irgendein Haus, in dem wir die Nacht verbringen können. Morgen kommen wir zurück und erledigen das Biest.« Bajie ergriff die Zügel, schulterte die Tragstange und stapfte neben Pilger aus der Talsohle der Landstraße entgegen. Am Fuß des Berges tönte Hundegebell. Sie hielten an, um genauer zu schauen, da erblickten sie die Lichter eines Gehöfts. Durch hohes Gras wateten sie darauf zu, bis sie vor dem Tor standen. »Aufmachen!« riefen sie, »macht auf!« »Wer da?« tönte drinnen die Stimme eines alten Mannes. »Die Schüler eines heiligen Mönchs aus dem chinesischen Kaiserreich«, rief Pilger. »Wir sind auf dem Weg in den Westen, wo wir Buddha huldigen und Heilige Schriften holen wollen, darum sind wir in dieses Gebirge geraten, und unser Meister ist vom Gelbwindkönig verschleppt worden. Da es schon spät ist, möchten wir in Eurer Residenz um ein Nachtlager bitten. Seid so gut und tut uns den Gefallen!« »Zwei Priester«, tönte es heraus, »dann kommt schnell herein, herein!« Die beiden traten in den Vorhof, wo sie das Pferd anbanden und das Gepäck abstellten, dann begrüßten sie den Alten und setzten sich zum Plaudern. Der Weißhaarige goss ihnen Tee auf und brachte auch ein paar Schalen Sesamreis. Nach dem Essen ließ er die Betten herrichten und hieß sie schlafen gehen. »Schlafen ist nicht das Problem«, versetzte Pilger. »Darf ich fragen, werter Herr, ob es hier irgendwo Augensalbe zu kaufen gibt?« »Wer von euch hat denn kranke Augen?« fragte der Alte. »Nun, offen gestanden haben wir Mönche eigentlich nie Probleme mit den Augen«, erklärte Pilger, »doch heute, als ich bei der Gelbwindgrotte unseren Meister retten wollte, bin ich unerwartet von diesem Ungetüm mit Wind angepustet worden. Seitdem tun mir die Augen schrecklich weh und tränen in einem fort. Darum suche ich nach einer Augenmedizin.« »Meine Güte!« machte der Alte. »Der Wind des Gelbwindkönigs ist der schlimmste, den es gibt. Er ist mit keinem Frühlings- oder Herbstwind zu vergleichen, mit keinem Kiefern- oder Bambuswind, auch nicht mit Ost-, West-, Süd- oder Nordwind.« »Dann wird es wohl irgendein innerer Wind sein«, warf Bajie ein, »der Geisteskrankheit, Epilepsie, Lepra oder Migräne verursacht?«169 »Nein, nein«, winkte der Alte ab, »dies ist der Göttliche Wind der tiefsten Versenkung.«170 »Woran erkennt Ihr das?« wollte Pilger wissen. »Wenn dieser Wind weht«, erklärte der Alte, »verfinstern sich Himmel und Erde, und gar Geister und Götter machen sich Sorgen. Dieser Wind sprengt Felsen und Klippen und weht die Menschen in den Tod. Wenn Ihr mit diesem Wind in Kontakt gekommen seid, so ist es aus! Es sei denn, Ihr seid heilig oder unsterblich.« »In der Tat«, brummte Pilger. »Aber Heilige und Unsterbliche sind bloß unsere Nachfahren. Mein Leben ist so leicht nicht auszublasen, nur meine Augen tun schrecklich weh.« »Nun, nach dem, was Ihr sagt, scheint Ihr besonderer Herkunft zu sein. An unserem dürftigen Orte gibt es zwar keine Augenmedizin zu kaufen, doch da mir altem Manne bei Wind auch immer die Augen tränen, habe ich einst von einem Wundermann ein Geheimrezept erhalten, das nennt sich Dreiblüten-Neunsamen-Balsam und ist gut gegen jegliche Art von Wind-Erkrankung der Augen.« Auf diese Worte legte Pilger gesenkten Hauptes die Hände zu einer Dankesgeste übereinander und sprach: »Bitte, gebt mir doch ein bisschen zum Ausprobieren!« Der Alte nickte und holte den Balsam. Nachdem er ihn Pilger aufgestrichen hatte, hieß er ihn die Augen geschlossen halten und ruhig schlafen; am Morgen würden seine Augen geheilt sein. Bajie breitete die Decken aus und hieß Pilger sich niederlegen. Als dieser mit geschlossenen Augen um sich tastete, meinte Bajie kichernd: »Wo ist Euer Blindenstab, mein Herr?« »Du verfressener Tollpatsch behandelst mich als Blinden!« schimpfte Pilger. Der Tölpel grinste und legte sich schlafen. Pilger aber setzte sich aufrecht auf die Pritsche und ließ seine inneren Kräfte kreisen. Erst zur dritten Nachtwache um Mitternacht legte er sich nieder und schlief. Mit dem fünften Gongschlag der Nachtwache begann schon der Morgen zu dämmern. Pilger rieb sich das Gesicht, öffnete die Augen und rief: »Was für eine Wunderarznei! Ich sehe ja noch klarer als sonst!« Er wandte sich nach hinten und schaute. Aber oho! Wo war denn das Zimmer, wo die Fenster und Türen? Ringsum standen nur ein paar alte Sophoren und Trauerweiden; die beiden Brüder aber lagen auf einem grünen Rasenteppich. Da erwachte auch Bajie, hob jäh den Kopf und bemerkte ebenfalls, dass kein Haus mehr da war. Mit einem Satz sprang er hoch und rief: »Wo ist mein Pferd?« »Dort steht es doch, an den Baum gebunden!« zeigte Pilger. »Und das Gepäck?« »Schau doch, was neben deinem Kopf liegt.« »Die Leute sind aber gar nachlässig«, bemerkte Bajie, »ziehen einfach um und sagen uns kein Wort! Sicher wollen sie sich vor Frondienst oder Steuern drücken, wahrscheinlich hat der Dorfvorsteher schon davon erfahren, dass sie mitten in der Nacht umgezogen sind. Ha, da haben wir wohl tief geschlafen! Aber wie geht es zu, dass wir nicht den geringsten Ton vernehmen, wenn die Leute ihr Haus abreißen?« »Du Tölpel!« lachte ihn Pilger aus, »quatsch nicht so viel, schau lieber erst, was für ein Zettel da oben im Baum hängt!« Bajie ging hin und löste den Papierstreifen. Darauf stand ein vierzeiliges Gedicht: Hier wohnten nicht profane Menschen, Schutzgottheiten erstellten das Haus; Der gute Balsam heilte Eure Augen, Und macht dem Dämon den Garaus! »Diese Götterhorde!« rief Pilger, »seit wir das Drachenpferd eingetauscht haben, hab ich sie gar nicht mehr antreten lassen. Und da kommen sie mit solchen Zaubereien.« »Aber Bruder, gib doch nicht groß an!« rief Bajie ungläubig, »sie können doch unmöglich deinem Kommando folgen!« »Was hast du für eine Ahnung! Die Schutzgötter aller Klöster, die sechs Ding- und die sechs Jia-Götterkrieger, die Genien der fünf Himmelsrichtungen und die Vier Zeitgötter, sie alle reisen auf Geheiß von Bodhisattva Guanyin unsichtbar mit, um unseren Meister zu beschützen. Seit dem Tag, als sie sich am Schlangenberg meldeten, hab ich sie nur nicht mehr rufen müssen, weil wir dich dabeihaben.« »Bruder«, meinte Bajie beschwichtigend, »wenn sie den Befehl haben, den Meister im Verborgenen zu beschützen, dürfen sie sich ja nicht offen zeigen. Und schließlich hast du die Augenmedizin von gestern auch ihnen zu verdanken, also nimm es ihnen doch nicht übel! Lass uns jetzt den Meister befreien.« »Von hier zur Gelbwindgrotte ist es nicht weit«, meinte Pilger. »Bleibe erst mal mit Pferd und Gepäck hier im Wald. Sobald ich in Erfahrung gebracht habe, was in der Grotte vor sich geht und wie es um den Meister steht, kann der Kampf beginnen!« Nach diesen Worten schnellte er hoch und sauste zur Grotte, wo er das Tor noch verschlossen fand. Da machte er ein magisches Fingerzeichen, murmelte einen Zauberspruch und verwandelte sich mit einem leichten Dreh in eine Mücke mit gestreiften Beinen. So surrte er in die Grotte hinein. Der alte Unhold war noch nicht zu sehen. Pilger flog durch die Haupthalle nach hinten und fand eine Tür, die fest verriegelt war. Nachdem er sich durch eine Ritze gezwängt hatte, fand er sich in einem geräumigen Hof wieder. Und auf der einen Seite, an die Windstillsäule gefesselt, war Tripitaka. Der Meister war in Tränen aufgelöst; in seinem Herzen dachte er unaufhörlich an Wukong und Wuneng. Pilger ließ seine Flügel ruhen, landete auf dem kahlgeschorenen Kopf und rief: »Meister!« Der Priester erkannte seine Stimme und rief: »Oh, Wukong, ich sehne mich hier zu Tode! Woher rufst du mich denn?« »Meister, ich bin auf Eurem Kopf. Grämt Euch nicht, heute machen wir dem Dämon den Garaus, dann seid Ihr gerettet. Ich gehe!« Surrend flog er wieder nach vorn. Dort sah er, dass der alte Unhold nun bereits in der Halle saß und gerade seine Untergebenen kommandierte. Da stürzte ein kleines Ungeheuer mit einer Flagge auf der Schulter in die Halle und meldete: »Großer König, Euer Untergebener kommt von der Inspektion. Im Wald bin ich einem langschnäuzigen, großohrigen Mönch begegnet, wenn ich nicht schnell genug gerannt wäre, hätte er mich gepackt. Aber der haarige Mönch von gestern war nicht dabei.« »Dann muss er wohl im Wind umgekommen sein«, meinte der Dämon, »oder er hat irgendwo Verstärkung geholt.« »Großer König«, wandten die Ungeheuer ein, wenn er umgekommen ist, haben wir Glück gehabt. Falls ihm aber der Wind nichts anhaben kann und er irgendwelche Götterkrieger zu Hilfe ruft, was dann?« »Was können uns Götterkrieger anhaben! Sollte er meinem Wind wirklich standhalten können, brauchen wir außer Bodhisattva Lingji niemanden zu fürchten!«171 Pilger, der auf dem Dachbalken alles gehört hatte, war überglücklich, surrte ins Freie, landete wieder in seiner eigenen Gestalt im Wald und rief: »Bruder!« »Was gibt’s für Neuigkeiten? Eben ist ein Ungeheuer mit einer Fahne vorbeigekommen; ich habe es verjagt.« Nachdem Pilger berichtet hatte, was in der Grotte geschehen war, meinte Bajie: »Nun hat er sich zwar verraten; aber wie sollen wir wissen, wo dieser Lingji steckt?« Während sie noch hin und her berieten, kam ein alter Mann des Weges. Bajie bemerkte ihn und meinte zu Pilger: »Bruder, man sagt doch: ›Willst du wissen, wo’s weitergeht, so frage den, der entgegenkommt.‹ Frag doch mal!« Tatsächlich verbarg der Große Heilige seine Eisenstange, trat vor und sprach: »Werter Herr, wir haben eine Frage. Wir sind heilige Mönche auf Schriftensuche und haben gestern hier unseren Meister verloren, darum möchten wir Euch fragen, wo sich Bodhisattva Lingji aufhält?« »Im Süden, zweitausend Wegmeilen von hier«, gab der Alte zur Antwort. »Dort ist ein Berg, der ›Kleiner Sumeru‹ genannt wird. Auf diesem Berg steht das Kloster, in dem der Bodhisattva gewöhnlich die Schriften erläutert. Sucht ihr seine Schriften?« »Nein«, gab Pilger zurück, »ich muss ihn mit einer Bitte belästigen und weiß nicht, welchen Weg ich nehmen soll.« Der Alte wies mit der Hand Richtung Süden und sprach: »Folgt dem gewundenen Bergpfad.« Während Pilger in jene Richtung blickte, hatte sich der Alte schon in einen klaren Windstoß aufgelöst und war verschwunden. Am Wegesrand aber lag ein Stück Papier, das mit einem Vierzeiler beschriftet war: Dem Himmelsebenbürtigen sei kundgetan: Der Mann war Li Changgeng, der Abendstern. Auf dem Sumeru gibt es einen Drachenstab, Den Lingji einst von Buddha mitbekam. Mit dem Zettel in der Hand wandte sich Pilger um, da rief Bajie: »Bruder, jetzt hält das schon mehrere Tage an, dass wir ständig am helllichten Tag Gespenster sehen. Wer war der Alte, der sich eben in Luft aufgelöst hat?« Pilger reichte ihm den Zettel. Nachdem Bajie die Zeilen durchgelesen hatte, fragte er: »Wer ist denn Li Changgeng?« »Das ist der Name des Hellen Abendsterns.« Bestürzt faltete Bajie die Hände zum Himmel und rief: »Oh, mein Retter, mein Retter! Ihm habe ich alter Eber zu verdanken, dass beim Jadekaiser Fürsprache eingelegt wurde, wer weiß, was sonst aus meinem Leben geworden wäre!« »Lass dich jetzt nicht mehr blicken, Bruder«, meinte Pilger. »Versteck dich hier, hüte Pferd und Gepäck und warte, bis ich alter Sun den Bodhisattva geholt habe.« »Alles klar«, gab Bajie zurück, »geh nur. Ich alter Eber halte mich an den Schildkrötentrick: Wenn ich den Kopf einziehen muss, verkriech ich mich eben.« Der Große Heilige sprang in die Lüfte und sauste in einem Wolkenüberschlag in den Süden. Nach kürzester Zeit sah er einen hohen Berg, der auf halber Höhe von glückverheißenden Wolkenschleiern umspielt war. In einer Senke lag ein Kloster, aus dem harmonische Klänge von Glocken und Klangsteinen tönten und Weihrauchduft die Luft durchdrang. Der Große Heilige landete vor dem Portal. Hier sah er einen Gläubigen, der Gebete murmelte. Er trat auf ihn zu, grüßte mit einer leichten Verbeugung und erkundigte sich höflich: »Ist das hier das Kloster von Bodhisattva Lingji?« Der Gläubige erwiderte die Geste und antwortete: »Ja, Ihr seid am rechten Ort. Kann ich Euch behilflich sein?« »Bitte meldet dem Bodhisattva, dass der Himmelsebenbürtige Große Heilige, Pilger Sun Wukong, Schüler des kaiserlich verbrüderten Priesters Tripitaka aus dem großen chinesischen Kaiserreich mit einer Bitte vorsprechen möchte.« Der Gläubige lächelte: »Werter Herr, Ihr sagt mir viele Namen auf einmal; ich kann mir das nicht alles merken.« »Sagt einfach, Sun Wukong, Schüler von Tripitaka, möchte vorsprechen.« Der Gläubige überbrachte die Meldung im selben Wortlaut. Da strich der Bodhisattva sein Gewand zurecht und kam Pilger zum Empfang entgegen. Der Große Heilige trat durch das Portal und sah: Herrlichkeit in Fülle, Feierliche Halle! Leuchtende Kerzenschimmer Strahlen im Glanz von Regenbogen, Holder Weihrauchduft Steigt auf in bunten Schwaden. So war es in der Tat: Nach der Rede freien Herzens In Versunkenheit eingehen; Wie wenn weiße Wolkenschleier Kreisend um die Kiefern wehen. Lass das Schwert der Weisheit ruhen, Der Dämon ist nun vergangen. Groß ist Prajna-Paramita Holde Feier wird begangen! Nachdem sie einander begrüßt hatten, setzten sie sich, und der Bodhisattva hieß Tee aufgießen. »Tee ist nicht nötig«, wehrte Pilger, »ich komme, weil mein Meister am Gelbwindberg in Not geraten ist, und bitte Euch, den Dämon zu bändigen, um meinen Meister zu retten.« »Ich habe von Buddha den Auftrag, diesen Dämon hier unter Kontrolle zu halten. Buddha gab mir eine Windstill-Pille und einen Zauberstab, den Stab des Fliegenden Drachen. Damals, als ich den Dämon überwand, habe ich ihm das Leben geschenkt und ihn als Einsiedler in den Bergen wohnen lassen. Ich wusste nicht, dass er Euren werten Meister in Not bringen würde. Das ist meine Schuld.« Damit ergriff er den Drachenstab und schwebte mit Pilger zusammen auf einer Wolke empor. Nach kurzer Zeit hatten sie den Gelbwindberg erreicht, und der Bodhisattva sprach: »Großer Heiliger, ich werde jetzt hier oben in den Wolken bleiben. Ihr aber sollt nach unten gehen und zum Kampf aufrufen, damit er herauskommt und ich meine Zauberkraft anwenden kann.« Wie geheißen glitt Pilger nach unten, packte seine Stange und zertrümmerte mit einem Streich das Grottentor. Entsetzt stoben die Ungeheuer hinein und meldeten, was geschehen war. »Unverschämt ist der verfluchte Affe!« donnerte der Unhold. »Wenn er sich nicht sofort eines Besseren besinnt, werde ich rausgehen und einen Götterwind entfachen, der ihm ein für alle Mal den Garaus macht!« Er packte seinen Dreizack und trat ins Freie. Kaum hatte er Pilger erblickt, stach er nach seiner Brust, doch Pilger wehrte den Stoß mit seiner Stange ab, und der Kampf begann. Schon nach wenigen Runden wandte sich der Dämon in Richtung des Wind-Trigramms Xun und wollte gerade seinen Atem ausspeien, doch in dem Augenblick, als er seinen Rachen aufsperrte, warf Bodhisattva Lingji aus der Höhe den Drachenstock hinunter. Flugs verwandelte sich dieser in einen goldenen Drachen mit acht Pranken, packte den Unhold mit gespreizten Vorderpranken beim Kopf und schmetterte ihn zwei, drei Mal gegen die Felswand. Da zeigte sich seine wahre Gestalt: Es war ein gelber Marder! Pilger rannte hin und holte mit der Stange zum Schlag aus, doch der Bodhisattva fiel ihm in den Arm und sprach: »Großer Heiliger, lasst ihn am Leben! Er war einst ein weiser Marder, der am Fuße des Seelenbergs lebte. Weil er eines Tages das reine Öl aus den Kristallschalen stahl, dass im Tempel die Lichter erloschen, fürchtete er, die Diamantwächter könnten ihn erwischen, und setzte sich darum hier als Dämon ab. Ich werde ihn Buddha zur Verurteilung übergeben.« »Großer Heiliger, lasst ihn am Leben! Er war einst ein weiser Marder, der am Fuße des Seelenbergs lebte.« Auf diese Worte bedankte sich Pilger beim Bodhisattva. Wie dieser nun gen Westen entschwebte, sei hier nicht weiter ausgeführt. Erzählen wir stattdessen von Bajie, der immer noch im Wald saß und auf Neuigkeiten wartete, als er Pilger endlich kommen sah. »Wie war’s, Bruder?« rief er ihm zu. »Bodhisattva Lingji hat den Unhold festgenommen; es war ein gelber Marder. Er hat ihn jetzt zu Buddha gebracht. Lass uns in die Grotte gehen und den Meister befreien!« Der Tölpel war außer sich vor Freude. Nun stürmten beide in die Grotte, erschlugen nach Lust und Laune sämtliche Ungeheuer, dann eilten sie in den Hinterhof und banden den Meister los. Pilger berichtete von Lingji und erzählte, was sich alles ereignet hatte. Der Meister dankte in einem fort. Schließlich kochten die beiden Schüler in der Grotte eine kleine Mahlzeit, und nachdem sie gegessen hatten, gingen sie nach draußen, fanden die Landstraße wieder und schritten weiter dem Westen zu. Und da wir nicht wissen, wie es weiterging, lasst uns hören, was das nächste Kapitel erzählt. 第022回 / 22. Kapitel Bajie führt am Treibsandfluss den Kampf / Auf Geheiß nimmt Moksa Wujing auf Man berichtet, dass die drei Schriftenholer, nachdem sie der Gefahr glücklich entronnen waren, in weniger als einem Tag das Gelbwind-Gebirge überquerten, worauf sich ihnen nach Westen hin eine weite Ebene auftat. Im Nu verging die Zeit; schon war der Sommer zu Ende, der Herbst begann, und man sah In dürren Weiden letzte Herbstzikaden zirpen, Das große Sonnenfeuer gegen Westen rollen. Da führte ihr Weg an einen reißenden Strom mit tosend schäumenden Wogen. Beunruhigt rief Tripitaka vom Pferd herunter: »Seht, meine Schüler, diese grenzenlosen Wassermassen! Es gibt ja gar keine Schiffe auf diesem Fluss; wie sollen wir ihn bloß überqueren?« Pilger sprang in die Lüfte, schirmte mit der Hand die Augen ab und hielt Ausschau. Dann kehrte er zurück und rief: »Meister, es ist tatsächlich schwer, diesen Strom zu überqueren!« »Wie breit ist er denn?« »Etwa achthundert Meilen.« »Bruder«, warf Bajie ein, »wie kannst du das wissen?« »Mit meinen Augen kann ich bei Tageslicht alles erspähen, was innerhalb von tausend Meilen liegt. Zwar habe ich aus der Höhe nicht ermessen können, wie lang der Strom ist, doch die Breite wird an die achthundert Meilen betragen.« Der Priester seufzte entmutigt und wandte sein Pferd um, da entdeckte er am Ufer eine steinerne Stele. Alle drei gingen hin und sahen, dass darauf drei Zeichen in antiker Schrift eingemeißelt waren: »流沙河 – Treibsandfluss«. Daneben stand in normaler Schrift ein vierzeiliger Reimspruch: Die Treibsand-Grenze misst achthundert Meilen; Dreitausend Klafter tief das Weiche Wasser ist!172 Kein Gänseflaum kann auf den Wogen treiben, Binsenblüten sinken hier wie schwere Last! Während Meister und Schüler noch die Inschrift betrachteten, schreckte sie jäh das Getöse aufschäumender Wogen auf, und aus den Fluten schnellte zischend ein grauenvoller Dämon. Wie ein Wirbelwind schoss das Ungeheuer ans Ufer und stürzte sich auf Tripitaka. Entsetzt packte Pilger seinen Meister und konnte ihn gerade noch auf einer Uferklippe in Sicherheit bringen. Bajie aber warf das Gepäck ab, packte seinen Rechen und schwang ihn gegen den Dämon, der den Hieb mit einem prunkvollen Stab auffing, worauf beide am Treibsandfluss ihren Heldenmut austobten. Nach ganzen zwanzig Runden war der Kampf immer noch unentschieden. Pilger, der schützend neben Tripitaka stand und das Gefecht verfolgte, rieb sich die Hände und ballte die Fäuste, bis er sich schließlich nicht länger halten konnte, seine Stange zückte und rief: »Bleibt hier sitzen, Meister, habt keine Angst. Ich alter Sun will mich ein bisschen mit dem Monster vergnügen.« Schon sprang er hinzu, schwang seine Eisenstange und ließ sie gegen den Dämon sausen; dieser konnte gerade noch ausweichen, machte kehrt und stach in die Fluten. Bajie sprang vor Ärger auf und ab und schrie: »Bruder, wer hat dich gerufen! Gerade haben seine Kräfte nachgelassen, er hatte schon Mühe, meinen Rechen abzuwehren. Keine drei bis fünf Runden, und ich hätte ihn gehabt. Doch wegen dir hat er Angst gekriegt und ist geflohen. Was tun wir bloß?« »Ach, Bruder«, lächelte Pilger, »weißt du, seit dem Gelbwinddämon hab ich schon einen ganzen Monat lang keine Gelegenheit mehr gehabt, mit der Stange zu spielen. Als ich dich so süß ins Gefecht verwickelt sah, hab ich mich einfach nicht mehr halten können. Ich hab doch nicht wissen können, dass dieses Monster nicht zum Spielen aufgelegt ist und gleich abhauen würde.« Die beiden kehrten zu Tripitaka zurück. »Habt ihr den Dämon gefasst?« fragte dieser. »Das Ungeheuer ist nicht kampffest«, versetzte Pilger, »es hat eine Niederlage eingesteckt und ist ins Wasser gesaust.« »Mein Schüler, dieser Dämon muss schon lange hier wohnen; sicher kennt er sich in diesem Wasser aus.« »Genau«, fiel Pilger ein, »falls wir ihn erwischen, sollten wir ihn nicht töten, sondern ihn dazu bringen, Euch über den Fluss zu helfen. Anschließend können wir das Weitere entscheiden. Allein, der Kampf im Wasser ist für mich alten Sun nicht ganz das Richtige.« »Ich alter Eber habe früher die Kriegsflotte auf dem Himmelsfluss kommandiert«, bemerkte Bajie, »im Wasser kenn ich mich bestens aus. Ich fürchte nur, dass in diesen Fluten noch eine halbe Sippschaft lauert. Was tu ich bloß, wenn die ihm zu Hilfe kommen und ich nicht mehr standhalten kann?« »Im Wasser darfst du nicht länger kämpfen als unbedingt notwendig«, wies Pilger ihn an. »Du musst die Flucht ergreifen, so kannst du ihn ans Ufer locken. Dort werde ich alter Sun Hand anlegen.« »Du hast recht«, meinte Bajie. Er zog Kutte und Schuhe aus, schwang seinen Rechen und stürzte sich in die Fluten, geradewegs auf den Grund. Wie nun der Dämon, der in die Tiefe geflohen war und eben erst zu keuchen aufgehört hatte, jemanden durchs Wasser schwimmen hörte, richtete er sich jäh auf, hielt Ausschau und sah Bajie. Der Dämon hielt seinen Prunkstab schützend vor sich und schrie: »Wohin des Wegs, du Mönch? Nimm dich in Acht, ich schlage los!« Bajie hielt seinen Rechen zur Wehr bereit und gab zurück: »Was für ein Ungeheuer bist du eigentlich, dass du es wagst, dich uns in den Weg zu stellen?« »Du erkennst mich also nicht«, gab der Unhold zurück. »Ich bin kein Ungeheuer, noch Gespenst oder Geist, auch kein namenloser Irgendwer! Hör zu, was ich dir sage: Von Geburt an bin ich schon Stark an Energie und Geist, Durch des Universums Weiten Zog ich freien Sinnes einst. Um den Großen Weg zu lernen Sucht’ ich bis ans End der Welt, Täglich setzte ich mich ein, Von dem Herzenswunsch erfüllt. Eines Tags, die Zeit war reif, Ich den Wahren Weisen traf, Der den Großen Weg mir wies, Und das Goldlicht strahlte auf. Erst nahm ich das kleine Kind Und die Jungfrau in mir auf,173 Legte dann Holzmutter ab Und so den Metallherrn auch.174 Nierennass der Klaren Halle Ließ zum Blütenteich ich fließen;175 Konnte durch den hohen Turm Leberfeuer ins Herz ergießen.176 Nach dreitausend guten Taten Trat ich vor den Himmelsthron, Meine Dienste anzubieten In des Himmels edlen Höhn. Da hat mir der Jadekaiser Einen hohen Rang bestimmt Und hat zum Gardinen-Wächter Höchstpersönlich mich ernannt. An dem Gürtel trug ich fortan Ein Emblem mit Tigerkopf Und hielt gegen die Dämonen In der Hand den starken Stock. So schritt ich bei den Eskorten Immer vor dem Kaiser her, So dass im Palast wie draußen Ich allzeit zuvorderst war. Nur des Pfirsichfestes wegen, Das die Königinmutter gab, Die zum Mahl am Jaspisteich Alle Himmlischen einlud, Fiel mir aus Unachtsamkeit Ein Kristallglas aus den Händen, Dass die Himmelsgötter alle Starr vor Schrecken dabei standen. Zornig ließ der Jadekaiser Mich von Strafbeamten holen, Und die ließen unverzüglich Mich zur Hinrichtung abführen. Dem Barfuß-Unsterblichen Habe ich es zu verdanken, Dass er noch um Gnade bat, Dieses Urteil zu bedenken. So ward ich, vom Tod verschont, Mit achthundert Peitschenhieben An den Treibsandfluss verbannt; Schlechtes Karma ist geblieben. Wenn ich satt bin, liege ich Träge hier im Flussbett heute, Wenn mich hungert, suche ich In den Wogen eine Beute. So hab ich in dieser Zeit Viele Menschen schon verspeist, Was auch diese Schädelkette Hier an meinem Hals beweist. Dass du heute mit Gewalt Mich zu stören wagst, verwegen, Kommt jetzt meinem Appetit Nichts als wie gelegen. Glaub bloß nicht, ich würde Solche grobe Kost verachten; Wenn ich dich erwische, werd ich aus dir Hackfleisch machen!« Auf diesen Vortrag schrie Bajie wütend: »Du gemeines Biest hast wohl keine Augen im Kopf; ich alter Eber bin noch ganz schön knackig! Und da nennst du mich grobe Kost und willst aus mir Hackfleisch machen, glaubst du eigentlich, ich sei ein alter Schinken? Erspar dir diese Frechheiten und pass auf, jetzt zieht dir dein Vorfahr eins mit dem Rechen über!« Der Dämon wich ihm mit der Pose eines nickenden Phönix aus, und nun entspann sich ein Gefecht, in dem die beiden bald an die Wasseroberfläche kamen. Ihr Kampf dauerte zwei volle Doppelstunden, doch Sieg und Niederlage blieben unentschieden. Es war, wie das Sprichwort sagt: »Ein Kupferkessel trifft auf eine Stahlbürste; beide Gegner sind sich ebenbürtig.« Währenddessen stand der Große Heilige aufrecht am Ufer und verfolgte mit starrem Blick das Gefecht im Wasser. Kaum sah er, wie Bajie mit einem Scheinhieb des Rechens ans Ufer floh und das Ungetüm hinter ihm herstürmte, schnellte er jäh mit erhobener Stange ans Ufer und holte zum Schlag aus. Der Dämon aber, der ihm nicht standzuhalten wagte, tauchte brausend in die Fluten. »Du voreiliger Affe!« schnaubte Bajie, »hättest du nicht warten können, bis ich ihn an eine höhere Stelle gelockt habe! Stattdessen verstellst du am Ufer den Weg und kriegst ihn dann doch nicht zu fassen. Wer weiß, wie lange es jetzt dauert, bis er wieder rauskommt.« »Reg dich nicht auf, Tölpel!« lachte Pilger, »lass uns erst mal zum Meister gehen.« Sie kletterten auf die Klippe, wo Tripitaka saß, und berichteten ihm, wie sich der Kampf zugetragen hatte. »Was tun wir jetzt?« fragte Tripitaka verzagt. »Macht Euch keine Sorgen, Meister«, versuchte ihn Pilger zu beruhigen, »es ist spät geworden, also wartet erst mal, bis ich vom Almosengang zurück bin. Nach dem Essen legt Ihr Euch schlafen, und morgen schauen wir weiter.« Mit einem Satz schoss er in die Höhe, hielt direkt gen Norden, erbat bei einer Familie eine Schale Klosterkost, brachte sie zurück und überreichte sie dem Meister. Als Tripitaka Pilger so schnell wieder vor sich stehen sah, meinte er: »Wukong, frage doch die Spender, wie wir am besten über den Fluss kommen. Wir müssen uns doch nicht unter allen Umständen mit diesem Dämon abgeben.« »Die Leute wohnen weitab«, gab Pilger lachend zurück, »das sind an die fünf- bis siebentausend Wegmeilen; wie sollen die das wissen?« »Aber Bruder«, warf Bajie ein, »wie kannst du in so kurzer Zeit fünf- bis siebentausend Meilen zurücklegen?« »Was hast du für eine Ahnung«, rief Pilger, »ich alter Sun mache mit einem Wolkenüberschlag 108 000 Meilen! Für fünf- bis siebentausend Meilen brauche ich nicht mehr, als ein bisschen mit dem Kopf zu nicken und den Rücken zu beugen, schon bin ich einmal hin und zurück. Was soll daran schwierig sein!« »Aber Bruder«, meinte Bajie, »wenn das so einfach ist, dann nimm den Meister doch auf den Rücken! Nickst du ein bisschen, beugst leicht den Rücken, und schon seid ihr am anderen Ufer. Wozu der ganze Aufwand mit diesem Ungeheuer?« »Auch du kannst auf Wolken schweben«, gab Pilger zurück, »warum buckelst nicht du ihn hinüber? Unser Meister hat den Leib eines Sterblichen aus Fleisch und Knochen; wie sollten wir, die auf Wolken schweben, das tragen können? So sagt man doch seit alters her: ›Leicht wie ein Senfkorn lässt sich gar der Berg Taishan versetzen; schwer ist es hingegen, den Körper eines Sterblichen aus der Staubwelt zu heben!‹ Ganz abgesehen vom Schweben auf Wolken, versteh ich alter Sun mich übrigens genauso auf die Kunst, Berge zu versetzen und Entfernungen zu mindern. Unser Meister aber, der diese Reise durch all die fernen Länder unternehmen will, kann sich nicht aus dem Meer der Bitternis befreien, darum ist für ihn jeder Schritt anstrengend. Wir beide können nicht mehr tun, als ihm schützend beizustehen; sein Leiden können wir ihm nicht abnehmen. Und sei es, dass wir vorausgehen und bei Buddha vorsprechen: Buddha würde die Schriften weder mir noch dir übergeben. Es ist genau, wie man sagt: ›Was leicht zu kriegen ist, wird man nicht zu schätzen wissen.‹« Der Tölpel hatte ihm mit beipflichtendem Nicken zugehört. Nachdem sie etwas vegetarische Kost zu sich genommen hatten, legten sich Meister und Schüler am Ostufer des Treibsandflusses zur Ruhe. Am folgenden Morgen wandte sich Tripitaka an Pilger und fragte: »Wukong, was können wir heute tun?« »Nicht viel«, kam die Antwort, »Bajie muss noch mal ins Wasser.« Pilger rief nach Bajie und versprach: »Diesmal werde ich nicht wieder voreilig sein. Ich werde abwarten, bis du ihn hochgelockt hast, und ihm dann den Rückweg ins Wasser versperren. Wir müssen ihn unbedingt zu fassen kriegen.« Bajie rieb sich das Gesicht, gab sich einen tatkräftigen Ruck und trat mit dem Rechen in der Hand ans Ufer. Abermals tauchte er in die Fluten, schob die Wassermassen auseinander und hielt direkt auf das Nest des Ungeheuers zu. Als der Dämon ihn kommen sah, sprang er auf, versperrte ihm den Weg und schnaubte: »Mit der Ruhe, mit der Ruhe! Schau dir meinen Prunkstab an!« »Was für ein erbärmliches Stück«, höhnte Bajie, »und das soll sich dein Vorfahr anschauen müssen?« »Du Schurke hast ja keine Ahnung!« fauchte das Ungeheuer und fuhr fort: »Es ist dieser Edle Stab Von gar hohem Ruhm, Denn er stammt vom Monde, Kommt dort vom Sala-Baum! Mondgott Wugang hat den Ast Eigenhändig abgeschlagen, Und Lu Ban, der Tischlergott, Schnitzte ihn mit hohen Gaben. Edler Prunkstab ist sein Name, Denn er bändigt die Dämonen, Ewig hütet er den Himmel Und kann Ungeheuer zähmen. Als ich in den hohen Rang Des Generals erhoben wurde, Gab ihn mir der Jadekaiser Als ein Zeichen großer Würde. Davor standen beim Palastdienst Heilige mit frommem Sinn; Beim Gardinenrollen neigten Gar Unsterbliche sich vor ihm. So erwuchs die Götterwaffe Zu beseelter Wesenheit; Sie entstammte keineswegs Der profanen Menschenwelt. Seit ich in Verbannung lebe, Trage ich sie stets bei mir, Speer und Säbel hier auf Erden Messen niemals sich mit ihr. Schau dir deine Waffe an, Einen solchen rostigen Rechen Kann man höchstens auf dem Feld Fürs Gemüse noch gebrauchen!« »Du unflätiges Biest!« grinste Bajie, »ums Gemüse brauchst du dich nicht zu kümmern. Ich fürchte nur, dass dir schon nach einem leichten Streich das Blut aus neun Löchern spritzt!« Ohne darauf einzugehen, warf sich das Ungeheuer in Kampfpose, und nach kurzem erschienen die beiden ringend an der Wasseroberfläche. So war es in der Tat: Wenn sie sich nicht unterreden, Sie Verwandtschaft nicht verbindet; Dies geschieht nur, weil Holzmutter Den Arzneistab überwindet.177 Dieser Kampf dauerte ganze dreißig Runden, ohne dass sich Sieg und Niederlage entschieden. Schließlich täuschte Bajie abermals eine Scheinflucht vor und stob davon, den Rechen hinter sich herziehend, während der Dämon ihn wiederum verfolgte. Sie stürmten aus den Fluten, dass die Wellen hoch aufspritzten, Bajie rannte auf eine Klippe und rief: »Komm rauf, du Ungetüm, auf festem Boden lässt es sich besser kämpfen.« »Komm rauf, du Ungetüm, auf festem Boden lässt es sich besser kämpfen.« »Du Schurke willst mich nur herauflocken, damit der andere wieder eingreifen kann«, gab das Ungeheuer zurück. »Nein, wir kämpfen im Wasser weiter, wenn du es wagst.« Der Dämon hatte seine Lehre gezogen und war nicht mehr bereit, an Land zu kommen, sondern blieb streitend im Uferwasser stehen. Pilger aber, der bemerkte, dass der Dämon sich weigerte, an Land zu kommen, brannte vor Ungeduld, und er dachte: »Warte nur! Dich packe ich wie ein hungriger Adler seine Beute!« Im Wolkenüberschlag schnellte er in die Höhe und stürzte sich pfeilgerade auf den Unhold. Als dieser aber mitten im Wortgefecht mit Bajie über sich ein Pfeifen vernahm, wandte er blitzschnell den Kopf und sah Pilger aus den Wolken stürzen. Flugs packte er seinen Prunkstab, tauchte kopfüber in die Fluten und war verschwunden. Pilger hielt am Ufer inne und sagte zu Bajie: »Bruder, der Dämon ist schlau geworden; er wird sich nicht noch mal am Ufer zeigen. Was nun?« »Schwierig, schwierig!« seufzte Bajie. »Ich kriege ihn einfach nicht unter. Auch wenn ich meine letzten Kräfte hergebe, bleibt der Kampf bloß unentschieden.« Abermals kehrten die beiden zu ihrem Meister zurück und schilderten ihm die Lage. Der Priester zog die Brauen zusammen und meinte: »Wie kommen wir bloß ans andere Ufer, wenn das so schwierig ist!« »Macht Euch keine Sorgen, Meister«, meinte Pilger und befahl Bajie: »Bleibe hier und beschütze den Meister; gib dich nicht weiter mit diesem Ungetüm ab. Ich alter Sun mache mich zum Südmeer auf und suche die Bodhisattva Guanyin.« »Richtig, richtig«, pflichtete Bajie bei und fügte hinzu: »Denk bitte dran, ihr ein Wort von mir auszurichten: Ich sei ihr unendlich dankbar, dass sie mich auf den rechten Weg geführt hat!« »Dann mache dich gleich auf den Weg, Wukong«, mahnte Tripitaka. In Wolkenüberschlägen sauste Pilger zum Südmeer und sichtete nach weniger als einer Stunde bereits die Insel Potalaka. Im Nu war er unten, kam zum Purpurnen Bambushain und bat die himmlischen Wächter, sein Kommen zu melden. Guanyin stand gerade an einer Brüstung beim Kostbaren Lotosteich, wo sie sich zusammen mit der Perltragenden Drachenprinzessin der Blütenpracht erfreute. Als ihr der Besuch gemeldet wurde, begab sie sich zum Wolkenfels, öffnete das Tor und ließ den Großen Heiligen eintreten. Nachdem sich dieser ehrerbietig verneigt hatte, erkundigte sich Guanyin nach dem Grund seines Kommens. »Bodhisattva«, begann Pilger, »mein Meister hat im Dorf der Sippe Gao einen weiteren Schüler aufgenommen, sein Name ist Zhu Wuneng. Dann haben wir das Gelbwind-Gebirge überquert, und jetzt sind wir am achthundert Meilen breiten Treibsandfluss, das ist das dreitausend Klafter tiefe Weiche Wasser. Der Meister kommt dort unmöglich ans andere Ufer. Nun lebt aber in diesem Wasser auch noch ein Ungeheuer; Wuneng hat schon drei Mal mit ihm gekämpft, aber er hat es nicht besiegen können. Darum bitte ich Euch, Bodhisattva, seid so barmherzig und helft uns, diesen Fluss zu überqueren!« »Du Affe!« rügte Guanyin mild, »hast du dich schon wieder aufgespielt und nichts vom Schriftenholen gesagt?« »Wir wollten ihn doch bloß zu fassen kriegen, damit er unseren Meister über den Fluss bringt«, verteidigte sich Pilger. »Im Wasser hat nur Bajie mit ihm gekämpft, wahrscheinlich hat er dabei nichts von der Sache mit dem Schriftenholen gesagt.« »Dieser Dämon ist der in Ungnade gefallene General Gardinenroller des Jadekaisers. Auch er ist von mir bekehrt worden und wartet nur darauf, dass er Tripitaka folgen kann. Hättest du dich herabgelassen zu sagen, dass ihr Schriften holt, wäre er schon längst mit euch vereint.« Nun rief sie ihren Jünger Hui’an herbei, überreichte ihm einen roten Flaschenkürbis, den sie aus ihrem Ärmel hervorholte, und sprach: »Nimm diese Kalebasse und gehe mit Sun Wukong zusammen zum Treibsandfluss. Dort brauchst du nur über dem Wasser nach Wujing zu rufen, dann wird er sofort auftauchen. Bringe ihn zuerst zu Tripitaka, damit er ihn als seinen Meister anerkennt, und lege dann seine neun Totenschädel nach Anordnung der Neun Paläste zu einem Quadrat zusammen. Die Kalebasse aber lege in die Mitte, denn so wird ein Dharma-Floß daraus, das Tripitaka über den Treibsandfluss tragen kann.« Wie geheißen machte sich Hui’an, die Kalebasse in beiden Händen haltend, mit Wukong auf den Weg. Dazu gibt es ein Gedicht: Fünf Wandlungsphasen einen sich180 Zur himmlischen Wahrhaftigkeit, Erkennen ihren eigenen Herrn Aus einer lang vergangenen Zeit.181 Selbstübung als Fundament182 Wirkt sich aus gar wunderbar, Hat man Schlecht und Recht erkannt, Sieht man die Ursachen klar. Metall kehrt zur Wesenheit, Wird mit ihr von gleicher Art; Und das Holz sucht das Gefühl, Mit dem es zum Gleichen wird. Doppel-Erde wirkt Vollendung, Reine Stille ist erreicht; Wasser und Feuer sind im Lot, Nicht der feinste Staub verbleibt. Es dauerte nicht lange, da hatten Hui’an und Pilger das Ufer des Treibsandflusses erreicht. Bajie erkannte von weitem, dass es Pilger Moksa war, und führte seinen Meister zu ihm. Nachdem Moksa mit Tripitaka das Begrüßungsritual vollzogen hatte, begrüßte er auch Bajie, der ein ums andere Mal betonte, wie dankbar er Moksa und Guanyin sei. »Genug der Worte«, rief Pilger dazwischen, »rufen wir den Kerl jetzt raus.« »Wen denn?« fragte Tripitaka erstaunt. Als Pilger ihm berichtete, was Guanyin gesagt hatte, warf er sich nieder und vollzog viele ehrerbietige Stirnaufschläge. Moksa aber schwebte mit der Kalebasse über die Fluten und rief aus der Höhe mit lauter Stimme hernieder: »Wujing, Wujing! Die Schriftenholer sind schon lange hier; warum willst du dich ihnen nicht anschließen?« Als der Dämon, der sich tief auf dem Grund verborgen hatte, seinen Ordensnamen und etwas von »Schriftenholern« hörte, stürmte er aus den Fluten und sah, dass es Pilger Moksa war. Seht, wie der Dämon jetzt mit breitem Lächeln auf ihn zugeht und sich höflich verneigt! »Ehrwürden«, sprach er, »verzeiht, dass ich Euch nicht empfangen habe. Wo ist denn die Bodhisattva?« »Meine Meisterin ist nicht mitgekommen. Sie hat mich beauftragt, dir zu befehlen, dass du dich auf der Stelle Tripitaka anschließen sollst. Aus dieser Kalebasse und den Totenschädeln, die du um den Hals hängen hast, sollen wir ein Floß machen, das Tripitaka ans andere Ufer bringt.« »Wo sind denn die Schriftenholer?« wunderte sich der Dämon. »Siehst du sie nicht, dort am östlichen Ufer?« Als Wujing sie erkannte, steckte er sofort seine Waffe ein, strich sein gelbbrokatenes Gewand zurecht, sprang ans Ufer und warf sich vor Tripitaka auf die Knie. »Meister«, rief er, »Euer Schüler hatte keine Augen im Kopf! Wie konnte ich nur das erhabene Antlitz meines Meisters verkennen? Welch eine Ehrverletzung! Ich bitte Euch tausendmal um Verzeihung!« »Bist du auch aufrichtig gewillt, unserem Orden beizutreten?« fragte Tripitaka prüfend. »Dank der Bodhisattva Guanyin durfte ich doch von der rechten Lehre erfahren; sie hat mir diesem Fluss gemäß den Namen ›Sand‹ gegeben, dazu den Ordensnamen Wujing, ›der die Reinheit erkennt‹. Wie sollte ich Euch also nicht aufrichtigen Sinnes folgen wollen?« »Dann ist ja alles gut«, sprach Tripitaka und ließ Wukong die Mönchsschere bringen, um ihm die Tonsur zu schneiden. Anschließend vollzog Wujing vor Tripitaka die rituellen Verbeugungen und verneigte sich auch vor Pilger und vor Bajie, womit die Rangfolge eingeteilt war. Tripitaka schaute ihm bei den Verbeugungen zu; er machte es wie ein richtiger Mönch. Daher gab er ihm den Beinamen »Sandmönch«. »Da du nun die buddhistischen Gebote angenommen hast«, meinte Moksa, »brauchen wir nicht länger Zeit zu verlieren. Stellen wir gleich das Floß zusammen.« Ohne zu zögern nahm Wujing seine Totenschädel vom Hals, band sie mit einem Seil zu einem Quadrat, legte die Kalebasse der Bodhisattva in die Mitte und bat den Meister, das Ufer zu verlassen. Tripitaka bestieg das Dharma-Floß, und als er sich setzte, fühlte er sich wie in einem leichten, stabilen Boot. Links stellte sich Bajie ihm zur Seite, rechts stützte ihn Wujing, hinter ihm war Pilger mit dem Drachenpferd, während Moksa schützend darüber schwebte. So konnte Tripitaka endlich Schwebend leicht, in sicherer Fahrt Die Treibsand-Grenze überwinden, Ohne Wind und ohne Wellen Über das Weiche Wasser finden! Pfeilgeschwind flogen sie über das Wasser hin und kamen binnen kürzester Zeit am anderen Ufer an. So waren sie nun von den Fluten erlöst und, unbefleckt von Schlamm und Wasser, freudig trockenen Fußes angelangt, in stiller Klarheit und ohne willentliches Dazutun. Als Meister und Schüler wieder auf festem Boden standen, senkte Moksa seine glückverheißende Wolke und nahm die Kalebasse wieder an sich. Die Schädel aber lösten sich in neun kalte Winde auf und entschwebten lautlos. Dankend verneigte sich Tripitaka vor Moksa und vollzog ehrerbietige Stirnaufschläge für die Bodhisattva. Ein Herz und eine Seele, schritten Meister und Schüler nun gemeinsam gegen Westen aus. Und wie sie ihr Werk weiter zur Vollendung brachten, hört ihr im nächsten Kapitel. 第023回 / 23. Kapitel Tripitaka bleibt seinen Wurzeln treu / Vier Heilige führen das Herz in Versuchung Weit und lang ist dieser Weg, Der auf Geheiß gen Westen führt; Raureif legt sich übers Land, Wenn der Herbstwind säuselnd weht.183 Halt den flinken Affen fest, Löse ihm das Seil nicht ab! Zügle dieses schwache Pferd,184 Bieg nicht ab vom rechten Weg! Die Holzmutter, der Metallherr Waren ehedem in Frieden, Gelbes Weib und nacktes Kind, Sie sind letztlich nicht verschieden.185 Knacke nun die wahre Botschaft In der Eisenkugel, Kehre heim durch höchste Weisheit An das andere Ufer!186 Dieses Kapitel handelt davon, dass die Pilgerreise zu den Heiligen Schriften nicht zu trennen ist von der Konzentration auf das Wesentliche. Doch wenden wir uns wieder dem Meister und seinen drei Schülern zu, die dem Treibsandfluss, dieser Abgrundtiefe der letzten Wahrheit, entronnen waren und nun frei und sorglos ihre Reise gen Westen fortsetzten. Sie wanderten durch Landschaften mit grünen Hügelzügen und kristallklaren Bächen; Wildkräuter und Blumen erstreckten sich vor ihren Blicken. Die Zeit verflog im Nu; schon zählte man den neunten Mondmonat.187 Eines Abends, während sie dahinwanderten, rief Tripitaka: »Es dunkelt schon, meine Schüler. Wo sollen wir rasten?« »Meister«, gab Pilger zurück, »wir Mönche sind doch das Leben im Freien gewöhnt. Wir fürchten weder Wind noch Wasser und sind überall zu Hause. Wozu die Frage nach einem Rastplatz?« »Bruder, du brauchst dich beim Gehen eben nicht anzustrengen«, warf Bajie ein, »deshalb kannst du dir gar nicht vorstellen, wie anstrengend das Reisen für die anderen ist. Ich zum Beispiel trage das ganze schwere Gepäck, Tag für Tag muss ich mich allein damit abrackern. Du spielst des Meisters Schüler und machst mich zum Lastenträger! Ich kenne deinen Hochmut, nie würdest du diese Lasten buckeln. Und schau dir das Pferd an, auf dem der Meister reitet: Groß und stämmig, wie es ist, könnte man ihm doch auch ein paar Gepäckstücke aufbinden.« »Pferd, sagst du!« unterbrach ihn Pilger. »In Wirklichkeit ist das der dritte Prinz des Drachenkönigs vom Westmeer! Weil er einst gegen die himmlischen Gesetze sündigte und schließlich dank der Bodhisattva Guanyin gerettet und in dieses Pferd verwandelt worden ist, hat er sich bereiterklärt, den Meister in den Westen zu tragen. Jeder hat seine eigenen Ursachen für das, was ihm widerfährt; du brauchst dich nicht mit ihm anzulegen.« Unterdessen konnten sie in der Ferne ein Tannenwäldchen und ein paar Häuser ausmachen, und der Priester rief: »Seht, dort drüben liegt ein Gehöft. Da wollen wir um ein Nachtquartier bitten.« Wie Pilger zu der Häusergruppe spähte, bemerkte er, dass darüber feierliche Wolken und glückverheißende Nebelschleier schwebten, und erkannte sofort, dass es eine von Buddhas oder Unsterblichen hervorgerufene Erscheinung sein musste. Doch um das göttliche Geheimnis nicht preiszugeben, sagte er nur: »Sehr gut, bestens! Lasst uns hingehen.« Der Priester sprang vom Pferd und betrachtete das Eingangsportal, das mit Zieraden hängender Lotosblüten und geschwungenen Elefantenrüsseln geschmückt war, die Säulen waren reich bemalt und die Querbalken mit Schnitzwerk versehen. »Der Gutshof muss einer wohlhabenden Familie gehören«, bemerkte Bajie. Pilger wollte gleich eintreten, doch Tripitaka rief ihn zurück. »Das geht nicht«, meinte er, »wir sind Mönche und dürfen den Leuten keinen Anlass zu Misstrauen geben. Lasst uns warten, bis jemand herauskommt, dann können wir in aller Höflichkeit um ein Nachtlager bitten.« Sie setzten sich also alle auf den hervorstehenden Grundstein des Portals und warteten. Doch niemand erschien. Schließlich packte Pilger die Unruhe; er sprang auf, trat durch den Torbogen in den Hof und schaute sich um. Vor ihm lagen drei nach Süden ausgerichtete Hallen mit hohen Fenstern und langen Vorhängen. In der Mitte der Halle war eine horizontale Bildrolle angebracht, auf der Berge und Meere als Symbole für langes Leben und Glück dargestellt waren, und vor dem Bild befand sich ein länglicher, mattschwarz lackierter Weihrauchtisch, auf dem ein antikes kupfernes Weihrauchgefäß in Form eines Tieres stand. An den golden lackierten Säulen zu beiden Seiten waren rote Papierstreifen angebracht, auf denen zwei Verse eines Neujahrsgedichts geschrieben standen: Wind streicht durch die zarten Weiden Abends überm glatten Teich; Schnee ziert spärliche Pflaumenblüten Frühlingshaft im kleinen Hof. In der Halle waren sechs Klappstühle aufgestellt, und an beiden Seitenwänden hingen Bilder mit Motiven der vier Jahreszeiten. Mitten in seinen Betrachtungen vernahm Pilger plötzlich Schritte in der Halle, und eine Dame mittleren Alters erschien. »Wer schleicht sich da ungefragt ins Haus einer Witwe ein?« fragte sie mit anmutiger Stimme. Bestürzt beeilte sich Pilger zu antworten: »Ich geringer Mönch komme aus dem chinesischen Kaiserreich im Osten und reise auf des Kaisers Befehl nach Indien, um Buddha zu ehren und Heilige Schriften zu holen. Wir sind zu viert, und als wir an Eurem prächtigen Gehöft vorbeikamen, begann es gerade zu dunkeln. Nun möchten wir dieser würdevollen Stätte unsere Aufwartung machen, um zu fragen, ob wir hier übernachten dürften.« Mit einem Lächeln hieß ihn die Dame willkommen und fragte: »Ehrwürden, wo sind denn die drei anderen? Bittet sie doch herein!« Laut rief Pilger nach draußen: »Meister, Ihr werdet gebeten!« Zusammen mit Bajie, Sandmönch, Pferd und Gepäck schritt Tripitaka nun in den Hof, und die Dame kam ihnen aus der Halle zur Begrüßung entgegen. Mit lüsternem Blick schielte Bajie hinüber und bemerkte: Seitlich an der vollen Schläfe Eine Phönix-Nadel steckt; An den beiden Ohrenringen Reihenweiser Perlenschmuck. Ohne Puder ist ihr Antlitz Von Natur aus schön und rein; Ihre Anmut noch verleiht ihr Jugendlicher Frische Schein. Der Anblick der drei anderen Mönche schien die Dame noch mehr zu erfreuen. Sie geleitete alle in die Empfangshalle und begrüßte jeden einzeln. Als man sich anschließend zum Gespräch setzte, trat hinter einem Paravent ein Mädchen hervor, das die Haare zu beidseitigen Haarknoten aufgebunden hatte, von denen wenige Strähnen wie Seidenfäden die Schläfen bedeckten. Das Mädchen trug ein goldenes Tablett mit Schälchen aus weißer Jade, aus denen exotische Düfte würzigen Tees und erlesener Früchte aufstiegen. Als die Dame jedem persönlich ein Schälchen überreichte, kamen ihre Hände zum Vorschein, zart wie frische Bambussprossen. Sie hieß die Dienerschaft, ein Mahl zuzubereiten. Tripitaka wandte sich mit einer höflichen Geste an die Dame und fragte: »Darf ich nach Eurem werten Namen fragen? Und darf ich fragen, wie diese werte Gegend genannt wird?« In süßem Singsang gab sie zur Antwort: »Wir befinden uns hier im östlichen Teil von Indien. Mein Sippenname ist Schein; der meines Mannes Kein. Durch ein Unheil sind meine Schwiegereltern früh verstorben, darum übernahmen mein Mann und ich das elterliche Gut. In unserem Besitz sind an die zehntausend Stränge Kupfermünzen und tausend Hektar Landgut. Das Schicksal wollte es, dass wir ohne männliche Nachfolger blieben; nur drei Töchter entsprangen unserer Ehe. Vor ein paar Jahren ist dann zum großen Unglück auch mein Mann verstorben. Seither lebe ich verwitwet, und in diesem Jahr ist gerade die Trauerzeit abgelaufen. Nun ist aber unser Gutsbesitz ohne Nachfolger, wir haben keinerlei Verwandte, darum sind meine Töchter und ich die einzigen Erben. Gerne würde ich wieder heiraten, möchte aber den Gutsbesitz nicht aufgeben. Nun trifft es sich ja wunderbar, dass ihr euch hier niederlasst, ihr Priester. Ihr seid zu viert, meine Töchter und ich sind auch zu viert. Gerne würden wir uns mit euch vermählen und euch in unserem Gutshof aufnehmen. Darf ich nach Eurer werten Meinung fragen?« Als Tripitaka dies hörte, tat er, als wäre er taubstumm, saß reglos in tiefer Ruhe, den Blick nach innen gerichtet, und enthielt sich der Antwort. »Zu unserem Gutsbesitz«, fuhr die Dame fort, »gehören mehrere hundert Hektar Nassreisfelder, dazu ebenso viele Trockenreisfelder, Hunderte Hektar an Obstgärten, herdenweise Kühe und Pferde, zahllose Schweine und Schafe, außerdem zählen an die siebzig Viehweiden und Dörfer ebenfalls zu unserem Gutsbesitz. In den Kornspeichern sind Vorräte für acht, neun Jahre eingelagert, Seidenstoffe haben wir mehr, als man in zehn Jahren aufbrauchen könnte, und unsere Gold- und Silberschätze werden ein Leben lang ausreichen. Wenn ihr in unser bescheidenes Heim einheiratet, könnt ihr den ganzen Reichtum frei und unbesorgt genießen. Wozu noch die ganze Mühe mit dieser Reise in den Westen?« Als Tripitaka beharrlich schwieg, fuhr die Dame fort: »Ich bin am dritten Tag des dritten Monats im Jahre Ding-Hai nachmittags zur Doppelstunde You geboren und bin jetzt sechsunddreißig Jahre alt. Meine älteste Tochter heißt Zhenzhen, sie ist zwanzig; die Zweite, Aiai, ist achtzehn, und die Jüngste, Lianlian, ist sechzehn. Alle drei sind noch unverlobt. Zwar bin ich selbst recht ungestalt, meine drei Töchter aber sind ziemlich hübsch, und im Nähen und Sticken sind sie alle sehr gewandt. Da uns ja kein Sohn gegeben war, haben wir sie von klein auf wie Söhne im Lesen und Schreiben unterrichtet, so dass sie sich auch ein bisschen darauf verstehen, Gedichte vorzutragen und zu verfassen. Obschon wir hier in den Bergen leben, gehören wir nicht zum grobschlächtigen Landvolk; ich denke, wir würden ganz gut zu euch Priestern passen. Wenn ihr nur gewillt seid, euch die Haare wieder wachsen zu lassen und als Familienoberhaupt auf unserem Gut zu bleiben, dann könnt ihr euch in Brokat und Seide kleiden. Um wie viel stärker werdet ihr dann sein als mit euren irdenen Almosenschalen, schwarzen Mönchskutten, Strohsandalen und Strohhüten!« Tripitaka saß auf seinem Stuhl wie ein vom Donner verängstigtes Kind, wie eine verregnete Kröte. Stumm und ausdruckslos starrte er ins Leere, den Oberkörper furchtsam nach hinten gelehnt. Bajie hingegen juckte es im Herzen, als er von all dem Reichtum und den schönen Frauen hörte. Wie auf Nadeln rutschte er auf seinem Stuhl hin und her, bis er es schließlich nicht länger aushielt, vor den Meister trat und ihn am Ärmel zupfte. »Meister!« flüsterte er, »warum tut Ihr so teilnahmslos? Ihr solltet doch wenigstens eine Antwort geben!« Jäh hob dieser den Kopf und wies Bajie barsch zurück: »Du Sündenbiest! Wir Mönche lassen uns doch nicht durch Luxus blenden und von schönen Frauen den Kopf verdrehen!« »Ach ihr Armen, ihr Armen«, ließ die Dame verlauten, »was habt ihr denn davon, Mönch zu sein?« »Werte Frau«, sprach Tripitaka, »Ihr wisst nicht um die Vorzüge des Mönchtums. Ich will es Euch mit einem Gedicht bezeugen: Der Entschluss, als Mönch zu leben, Ist ganz besonders von Belang, Denn wir brechen mit dem trauten Heim der warmen Zuneigung. Es sind uns die äußeren Dinge Nicht der eitlen Rede wert; So dass ganz von selbst im Innern Gutes Yin und Yang gedeiht. Ist das große Werk vollendet, Gehn wir in den Himmel ein; Herz und Wesen klar erschauend, Kehren wir ins wahre Heim. Wie viel besser ist doch dies, Als zu Hause Blutkost zu begehren Und im Alter schließlich diesen Körper Als verweste Hülle zu verlieren!« »Unverschämt ist dieser Mönch!« rief die Dame erbost. »Wenn Ihr nicht aus dem fernen Osten hier zu Gast wäret, würde ich Euch gleich aus dem Haus werfen. Da biete ich Euch mit bester Absicht unseren Gutshof an, Ihr hingegen sprecht solch beleidigende Worte! Auch wenn Ihr die Gebote befolgt und fest entschlossen seid, niemals wieder ein normales Leben zu führen, so werden wir doch wohl einen Eurer Schüler aufnehmen dürfen. Warum haltet Ihr Euch bloß so stur an die Doktrin!« Tripitaka sah sich genötigt, ihren Zorn zu beschwichtigen, und rief, an seine Schüler gewandt: »Wukong, bleibe du hier.« »Mit häuslichen Angelegenheiten habe ich mich noch nie beschäftigt, überlassen wir das lieber Bajie«, gab dieser zurück. »Aber Bruder«, zierte sich Bajie, »wälze die Sache doch nicht gleich auf mich ab, wir sollten uns nicht voreilig entscheiden!« »Wenn ihr beide nicht wollt, muss eben Wujing hier bleiben«, sprach der Meister. »Was sind das für Worte von unserem Meister!« wehrte Sandmönch ab. »Durfte ich doch dank den Belehrungen der Bodhisattva dem Mönchsorden beitreten und unserem Meister folgen, wie könnte ich es da wagen, auf einmal Reichtum und Luxus zu begehren? Eher will ich sterben als den Weg in den Westen aufgeben; nie würde ich auf diese Weise mein Herz betrügen!« Angesichts dieser allseitigen Ablehnung stand die Dame ruckartig auf, verschwand hinter dem Paravent und schlug die Tür zu. Meister und Schüler blieben ohne Tee und Speise sitzen, und niemand ließ sich mehr blicken. Bajie war ganz aufgeregt und grollte: »Meister, Ihr könnt wirklich nicht mit Leuten umgehen, Ihr habt das Gespräch richtig abgewürgt. Hättet Ihr doch die Sache etwas offengelassen, eine unbestimmte Zustimmung gegeben, dann hätten wir immerhin was zu essen gekriegt und eine gute Nacht verbracht. Anschließend hätten wir selbst entscheiden können, ob wir am nächsten Morgen immer noch zustimmen oder nicht. Wie sollen wir nun die Nacht verbringen, da die Tür zu ist und niemand mehr erscheint?« »Bruder«, warf Wujing ein, »bleib doch du als Schwiegersohn hier!« »Schiebe das doch nicht auf mich ab, Bruder, wir wollen nicht voreilig sein.« »Was heißt da voreilig«, nahm Pilger das Wort auf, »wenn du dazu bereit bist, dann bitte den Meister einfach, diese Familie als Verwandte anzuerkennen, und lasse dich hier als Schwiegersohn nieder! Bei all den Reichtümern dieser Sippe kriegst du bestimmt eine gute Mitgift, damit lässt du ein Hochzeitsbankett veranstalten, und so haben wir alle etwas davon. Wäre das nicht für alle Seiten zufriedenstellend?« »Du hast schon recht, nur bin ich doch gerade dem Orden beigetreten und habe das Eheleben eben erst aufgegeben.« »Was, der zweite Bruder war verheiratet?« rief Sandmönch. »Du kennst ihn ja noch gar nicht«, gab Pilger zur Antwort, »er war vormals der Schwiegersohn eines alten Herrn Gao aus dem Lande Wusizang. Weil ich alter Sun ihn überwältigt habe und auch weil ihm die Bodhisattva einst die Gebote auferlegt hat, ist ihm nichts anderes übriggeblieben, als seine Frau zu verlassen und mit dem Meister in den Westen zu reisen. Nach der langen Trennung muss er wohl Heimweh haben, dass die Worte der Dame ihn so bewegen.« Und zu Bajie gewandt fuhr er fort: »Vermähl dich nur, Tölpel! Wenn du vor dem alten Sun genügend Bücklinge machst, werde ich dich schon nicht anzeigen.« »Ach Unsinn«, wehrte der Tölpel, »im Innersten habt ihr doch alle Lust drauf, und stattdessen macht ihr euch über mich alten Eber lustig. Heißt es nicht im Volksmund: ›Mönche sind die Hungergeister der Begierde‹? Wer hätte schon nicht Lust darauf? Und da tut ihr so verschämt und verstellt euch, bis am Ende die gute Sache verspielt ist! Nun, dass wir den Abend ohne Tee und Licht verbringen müssen, geht ja noch, aber das Pferd muss morgen wieder geritten werden können. Wenn es die Nacht über ohne Futter bleibt, kann man ihm morgen nur noch die Haut abziehen. Bleibt mal hier sitzen, ich alter Eber geh das Pferd versorgen.« Geschwind wie ein Wiesel schlüpfte er hinaus, band dem Pferd die Zügel los und zog es mit sich nach draußen. »Sandmönch«, meinte Pilger, »bleibe du hier beim Meister, ich alter Sun will mal sehen, wohin er das Pferd führt.« Der Große Heilige trat ins Freie, verwandelte sich mit einem flinken Dreh in eine rote Libelle und surrte zum vorderen Tor hinaus, hinter Bajie her. Der Tölpel zog das Pferd an den Zügeln, doch wo es Gras gab, ließ er es gar nicht weiden, sondern führte es, tripptripp trapptrapp, ums Haus herum zur Hintertür. Dort erfreute sich die Dame mit ihren drei Töchtern gerade am Anblick der blühenden Chrysanthemen. Als sie Bajie kommen sahen, schlüpften die drei Töchter blitzartig ins Innere, die Dame aber stellte sich in der Tür auf und fragte: »Wohin des Wegs, junger Priester?« Der Tölpel ließ die Zügel fahren, trat vor und sprach mit einer artigen Verbeugung: »Mutter, ich führe das Pferd zur Weide.« »Euer Meister nimmt es auch allzu genau«, bemerkte die Dame, »als Schwiegersöhne hier bei uns hättet ihr es viel besser als auf eurer anstrengenden Reise in den Westen.« »Sie sind halt auf Geheiß des Kaisers unterwegs und trauen sich nicht, dem Befehl des Herrschers zuwiderzuhandeln, deswegen sind sie nicht einverstanden«, lächelte Bajie. »Eben haben alle die Sache mir zugeschoben, nun weiß ich nicht recht, was ich tun soll. Außerdem fürchte ich, dass Ihr Euch an meiner langen Schnauze und den großen Ohren stören könntet.« »Mich stört das nicht weiter«, meinte die Dame, »uns fehlt ein Sippenoberhaupt, das ist das vordringlichste Problem. Allein, meine Töchter könnten Euch womöglich unschön finden.« »Mutter, richtet doch Euren werten Töchtern aus, sie sollten sich ihren Zukünftigen nicht auf diese Weise aussuchen. Seht Euch nur jenen Tripitaka an: Er sieht hübsch aus, doch ist er zu nichts nütze. Ich hingegen mag zwar hässlich scheinen, doch gibt es über mich noch was zu erzählen.« »Wie meint Ihr das?« fragte die Dame. Da verkündete Bajie: »Ich Bin zwar hässlich anzuschaun, Doch fleißig und von Nutzen; Auch für tausend Hektar Land Brauch’ ich keinen Ochsen. Ein paar Streiche mit der Harke Reichen, dass die Saat gedeiht; Wenn es nottut, mach ich auch Wind und Regen jederzeit. Findet Ihr den Hof zu klein, Setze ich drei Stöcke drauf; Denn mit Arbeit überall in Hof und Haus, Wie auch mit Magie, ich kenn’ mich aus!« »Nun, wenn Ihr Euch so gut auf den Haushalt versteht, dann besprecht Euch mal mit Eurem Meister«, meinte die Dame, »solange das Ganze nicht allzu peinlich wird, werden wir Euch aufnehmen.« »Da gibt es nichts zu besprechen«, meinte Bajie. »Er ist doch nicht mein Vater; was ich tun oder lassen will, liegt an mir allein.« »Nun gut«, meinte die Dame, »dann werde ich mich jetzt mit meinen Töchtern besprechen.« Sie verschwand ins Haus und schlug die Tür zu. Bajie ließ auch jetzt das Pferd nicht weiden, sondern führte es zurück. Hätte er geahnt, dass der Große Heilige über jede Einzelheit Bescheid wusste! Dieser surrte nun zurück und erschien wieder in eigener Gestalt bei Tripitaka. »Meister«, sagte Pilger, »Bajie führt das Pferd an den Zügeln zurück.« »Nun, hielte er es nicht an den Zügeln, würde es wohl herumtollen«, meinte der Priester. Pilger kicherte. Dann berichtete er, was sich zwischen Bajie und der Dame abgespielt hatte. Kurze Zeit später erschien Bajie und band das Pferd wieder an. »Hast du es weiden lassen?« fragte der Priester. »Es gab kein rechtes Gras«, kam die Antwort. »Zum Weiden reichte es nicht, wohl aber zum Herumführen!« bemerkte Pilger. Da wurde Bajie klar, dass er beobachtet worden war. Er senkte den Kopf, verzog den Mund und sagte eine ganze Weile lang kein Wort. Auf einmal hörte man ein Knarren, die Seitentür ging auf, und hinter zwei Paar roten Lampions und zwei tragbaren Weihrauchgefäßen erschien, in köstliche Duftwolken gehüllt und vom Klingeln der Jadegehänge begleitet, die Dame mit ihren drei Töchtern Zhenzhen, Aiai und Lianlian. Auf Geheiß der Dame stellten sich die drei Töchter in der Halle nebeneinander auf und verneigten sich. Sie waren in der Tat reizend anzusehen. Alle drei hatten: Mottenflügeln gleiche Brauen, Frühlingsfrische in den Wangen; Reize, die den Staat verheeren, Die Herzen allerliebst betören; Lächeln spielt um Kirschenlippen, Moschus duftet in den Schritten – Ja wahrhaftig: Feen aus dem neunten Himmel Kommen hier auf Erden; Ist wohl Mondfee Chang’e gar Aus dem Mond getreten? Tripitaka faltete die Hände und senkte den Kopf, Pilger blickte geflissentlich über die Szene hinweg, und Sandmönch kehrte den Schönheiten den Rücken zu. Doch seht euch Eber Bajie an! Reglos haftete er seine Augen auf die Schönen, die Begierde flammte in seinem Herzen auf und durchzuckte all seine Eingeweide. Verschämt sagte er mit leiser Stimme: »Habt Dank, Ihr Himmlischen auf Erden.« Und zur Dame gewandt: »Mutter, die Schwestern mögen abtreten.« Die drei Töchter verschwanden hinter dem Paravent, ließen aber ein Paar Lampions stehen. »Ihr vier Priester«, rief die Dame, »habt ihr euch nun entschieden, wer von euch sich mit einer meiner Töchter vermählen soll?« »Wir haben uns besprochen«, antwortete Wujing. »Der mit Namen Eber soll Euer Schwiegersohn werden.« »Aber Bruder«, wehrte Bajie ab, »schiebe doch nicht alles auf mich, wir wollen uns doch gemeinsam entscheiden.« Doch Pilger meinte: »Was gibt es da noch zu entscheiden? Du hast doch bereits alles an der Hintertür besprochen. Unser Meister kann die Familie des Bräutigams vertreten, diese Dame vertritt die Familie der Braut, ich spiele den Verlobungszeugen, und Sandmönch macht den Ehevermittler. Wir brauchen nicht mal den Almanach zu befragen, heute ist eh ein Glückstag. Komm her, verneige dich vor dem Meister, und dann vermähle dich!« »Aber das geht doch nicht, wie könnte ich so etwas tun«, wand sich Bajie. »Tölpel, mach keine Umschweife!« rief Pilger, »wie oft hast du schon das Wort ›Mutter‹ benutzt, was gibt es da noch zu warten? Rasch, vorwärts, geh rein und lass uns deinen Hochzeitswein schmecken!« Mit der einen Hand zerrte er an Bajie, mit der anderen zog er die Dame heran und sagte: »Schwiegermutter, führt Euren Schwiegersohn hinein.« Schon tat der Tölpel ein paar zögerliche Schritte nach dem Innern. »Tragt das Nachtessen auf«, rief die Dame ihren Dienern zu, »die drei Anverwandten sollen bewirtet werden. Ich führe meinen Schwiegersohn ins Brautgemach.« Gleichzeitig befahl sie den Köchen, für den kommenden Morgen ein Hochzeitsbankett vorzubereiten. Wie sich nun der Meister und die zwei Schüler verpflegten, eilig ihr Nachtlager herrichteten und sich im Gästezimmer zur Ruhe legten, sei hier nicht weiter ausgeführt. Wenden wir uns stattdessen Bajie zu, der seiner Schwiegermutter in die hinteren Kammern folgte, deren es so viele gab, dass man sie nicht zu zählen vermochte. Immer wieder stieß er sich und stolperte über Türschwellen. »Mutter«, rief er, »geht bitte etwas langsamer, ich kenne mich hier nicht aus, führt mich ein bisschen.« »Das hier sind alles Vorratskammern, Abstellräume und Mehlkammern, wir sind noch nicht einmal bis zur Küche gekommen«, kam die Antwort. »Was für ein riesiges Gehöft!« staunte Bajie. Er tastete sich um die Ecken, und wieder dauerte es eine ganze Weile, bis sie endlich die inneren Gemächer erreichten. »Mein Schwiegersohn«, sprach die Dame, »Euer Ordensbruder sagte ja, heute sei ein Glückstag des Himmels, deshalb habe ich Euch gleich hereingebeten. Zwar haben wir in der Eile weder einen Astrologen befragen noch die üblichen zeremoniellen Verbeugungen189 durchführen können, aber macht doch einfach hier mal acht Verneigungen.« »Ja, Mutter«, meinte Bajie, »Ihr habt ganz recht. Bitte setzt Euch, und ich mache die Verbeugungen, das soll gleich zur Vermählung und zum Dank gelten, so ist es doch viel einfacher.« Die Dame lächelte und meinte: »Meinetwegen, das geht auch.« Seht nur, wie jetzt die ganze Halle in silbernem Kerzenlicht erstrahlt, während der Tölpel seine Verbeugungen vollführt! Nachdem er fertig war, fragte er: »Mutter, welche Eurer Töchter werdet Ihr mir zur Frau geben?« »Das ist genau die Frage, die noch nicht gelöst ist. Gebe ich Euch die Älteste, dann ist die Zweite gekränkt; vermähle ich die Zweite, ist die Dritte beleidigt; vermähle ich die Dritte, wird mir die Älteste grollen. Darum habe ich bis jetzt gezögert und noch keine Entscheidung getroffen.« »Mutter, wenn Ihr Streit befürchtet, gebt sie mir doch alle zusammen, sonst gibt es nur Unfrieden im Haus!« »Was stellt Ihr Euch denn vor!« empörte sich die Dame, »Euch alleine alle meine Töchter vermählen? Nein, das geht nicht.« Dann fuhr sie fort: »Ich habe hier ein Taschentuch, bindet Euch das vor die Augen, dann machen wir einfach eine Vermählung auf gut Glück. Ich lasse meine Töchter vor Euch auf und ab gehen, und diejenige, die Ihr erwischt, soll Eure Frau werden.« Wie geheißen nahm der Tölpel das Taschentuch und band es sich um. Dazu gibt es ein Gedicht: Er erkennt in der Verblendung Die Zusammenhänge nicht; Von dem Schwert der Lust verwundet, Handelt er gar unbedacht. Immer galten sonst die Riten, Von dem Fürst von Zhou bis heut,190 Doch hier trägt der Bräutigam Nun den Schleier statt der Braut! Nachdem der Tölpel sich das Tuch umgeknüpft hatte, meinte er: »Mutter, Ihr könnt Eure Töchter rufen.« »Zhenzhen, Aiai, Lianlian!« rief die Dame. »Kommt her, wir machen eine Vermählung auf gut Glück.« Schon ertönte das Klingeln von Jadegehänge, Schwaden von Parfüm strömten heran, gerade so als gingen scharenweise junge Damen hin und her. Der Tölpel streckte die Hände aus, haschte nach links und nach rechts, doch griff er überall ins Leere. Am Ende war ihm vom Hin- und Herrennen so schwindlig, dass er sich kaum noch aufrecht halten konnte und über seine eigenen Füße stolperte. Links prallte er an eine Säule, rechts an die Holzwand, vorn stieß er an die Tür, hinten rammte er die Ziegelwand. So eckte er überall an und strauchelte, bis er mit Beulen und Schwielen zu Boden stürzte und flehte: »O Mutter, Eure Töchter sind so flink und wendig, dass ich sie einfach nicht zu fassen kriege. Was soll ich bloß tun?« Der Tölpel streckte die Hände aus, haschte nach links und nach rechts, doch griff er überall ins Leere. Die Dame streifte ihm das Tuch ab und sagte: »Es ist nicht, weil sie zu flink sind, sondern weil sie sich gegenseitig den Vortritt lassen; keine will Euch haben.« »Mutter, wenn sie nicht wollen, könnt Ihr mich ja heiraten!« »Das ist mir ein schöner Schwiegersohn, macht keinen Unterschied zwischen Alt und Jung und will gar seine Schwiegermutter haben!« empörte sich die Dame. Dann schlug sie vor: »Meine drei Töchter sind sehr begabt, jede von ihnen hat ein perlenbesetztes Seidenhemd genäht. Zieht nun eines davon an, und jene, die es gemacht hat, soll Eure Frau werden.« »Sehr gut, sehr gut«, stimmte Bajie zu, »bringt sie her, und wenn ich sie alle zusammen anziehen kann, dann sollen sie mir alle drei vermählt werden.« Aus einer Kammer holte die Dame ein einziges Hemd und reichte es Bajie. Der Tölpel zog sein schwarzes Baumwollkleid aus, nestelte das Hemd auf und zog es sich über. Doch noch bevor er die Bänder zuknöpfen konnte, strauchelte er und stürzte zu Boden, fest von Stricken umschnürt. Dem Tölpel schmerzte der Kopf, er schrie auf, doch die Leute waren längst verschwunden. Lasst uns aber von Tripitaka und den zwei Schülern erzählen, die erwachten, als im Osten die Dämmerung anbrach. Als Tripitaka auf einmal den Kopf hob und um sich schaute, waren weit und breit keine Häuser und Hallen mehr zu sehen, weder verzierte Balken noch bemalte Säulen. Stattdessen schliefen sie alle drei in einem Tannenwald. Verblüfft sprang Tripitaka auf die Füße und rief Pilger wach. »Nun denn«, meinte Sandmönch, »wir sind Gespenstern begegnet!« Der Große Heilige aber verstand im Herzen klar, was vorgegangen war, und meinte mit einem Lächeln: »Unter Tannen liegt es sich ja auch ganz angenehm. Die Frage ist nur, wo der Tölpel jetzt büßen muss.« »Warum büßen?« wunderte sich der Priester. Pilger lachte: »Die Familie mit der Dame und ihren drei Töchtern ist uns von irgendwelchen Bodhisattvas vorgegaukelt worden. Sie sind bestimmt in der Nacht abgezogen, doch der arme Bajie muss es schwer haben.« Als Tripitaka dies hörte, faltete er die Hände und vollzog ehrerbietige Stirnaufschläge. Da sahen sie, wie von einer alten Zypresse im Hintergrund ein Zettel herniederschwebte. Sandmönch holte ihn und reichte ihn dem Meister. Es war ein Gedicht mit acht Versen, das lautete: Die alte Frau vom Lishan-Berg Sehnte sich nicht auf Erden, Doch die Südmeer-Bodhisattva Bat sie aus den Bergen. Manjushri und Samantabhadra Waren ebenfalls zu Gast, Umgeformt zu schönen Frauen Mitten hier im Tannenforst. Achtsam war der heilige Mönch, Gab sich tief der Sammlung hin; Bajie aber wünscht die Lust, Niedrig bleibt sein Eigensinn. Fortan muss er sein Herz läutern Und die Laster überwinden; Wenn er wieder achtlos ist, Wird den Weg er schwerlich finden! Während die drei beisammenstehend das Gedicht in singendem Reime vorlasen, hörten sie plötzlich tief aus dem Walde rufen: »Meister, helft mir, rettet mich! Ich werde es nie wieder tun!« »Ist das nicht Wunengs Stimme?« fragte Tripitaka, und Sandmönch nickte: »Bestimmt.« »Ach, lassen wir ihn, Bruder«, meinte Pilger, »ziehen wir weiter!« Tripitaka aber mahnte: »Dieser Tölpel ist zwar stur und töricht in seinem Wesen, doch sollten wir den Willen der Bodhisattva nicht vergessen. Retten wir ihn doch und lassen ihn mit uns weiterreisen.« Während der Sandmönch die Reisebündel ordnete, nahm der Große Heilige das Pferd an den Zügeln und führte Tripitaka in den Wald hinein. Ei, so war es doch: Gehe stets mit Achtsamkeit Auf dem rechten Weg einher; Lege die Begierden ab, So wirst du von selber wahr! Und wenn ihr wissen wollt, wie es um den Tölpel stand, so hört euch das nächste Kapitel an. 第024回 / 24. Kapitel Der Heilige vom Wanshou-Berg beherbergt alte Freunde / Pilger stiehlt im Kloster der Fünf Weiler Ginsengfrüchte Lasst uns weiter berichten, wie die drei in den Wald drangen und den Tölpel auf einem Baum festgebunden fanden, wo er verzweifelt um Hilfe schrie. Pilger trat zu ihm und spottete: »Das ist mir ein schöner Schwiegersohn! Anstatt früh aufzustehen, dich bei deinen Verwandten zu bedanken und dem Meister die frohe Botschaft zu melden, machst du hier Akrobatenkünste. Pfui! Wo ist nun deine Mutter? Und deine Braut? Du aufgehängter Wickelschwiegersohn!« Auf diese Bloßstellung konnte der Tölpel nichts als die Zähne zusammenbeißen und in Schmerzen ausharren. Er traute sich nicht einmal mehr zu schreien. Sandmönch konnte den Anblick nicht länger ertragen, trat hinzu, löste ihm die Fesseln und half ihm herunter. Der Tölpel wollte vor Scham in den Boden versinken. Dazu gibt es ein Gedicht nach der Melodie »Mond am Westfluss«: Liebeslust, ein Schwert, das Wunden schlägt, Zum Verhängnis wird sie dem, der sie begehrt! Sechzehn erst ist dein Gespons, Bildhübsch anzuschauen; Doch im Grunde schlimmer noch Als ein Yaksa voller Grauen! Ein Besitz nur ist uns eigen, Darein fließt kein Zinsvermögen. Darum hege dieses Gut Und verwahr’ es mit Bedacht, Halte es stets fest im Griff, Lasse es nicht außer Acht! Bajie steckte Weihrauchstäbchen in etwas angehäufte Erde, faltete die Hände zum Himmel und verneigte sich ehrerbietig. »Hast du die Bodhisattvas erkannt?« fragte Pilger. »Ich bin in Ohnmacht gefallen, wie hätte ich was erkennen können?« Pilger hielt ihm den Zettel hin, dessen Zeilen Bajie nur umso mehr beschämten. Sandmönch lachte: »Bajie muss was an sich haben, dass ihn gleich vier Bodhisattvas heiraten möchten!« »Sprich nicht mehr davon«, wehrte Bajie, »ich werde nie wieder so was Törichtes machen. Nur noch geduldig die Gepäckstange tragen und dem Meister nach Westen folgen.« »So ist es richtig«, bemerkte Tripitaka. Schließlich führte Pilger den Meister auf die Landstraße zurück, und sie setzten ihre Reise fort. Lange wanderten sie bei Wind und Wetter dahin, bis sie eines Tages einen hoch aufragenden Berg gewahrten. Man sah: Blumen blühen und verwelken Vor den schroffen Felsabhängen; Wolken auf und nieder ziehen Über weiten Hügellängen. Freudig rief Tripitaka hoch zu Ross: »Viele Landschaften habe ich auf dieser Reise gen Westen gesehen, doch keine war schöner als diese hier! Falls wir uns dem Tempel des Donnergrollens nähern, sollten wir uns feierlich vorbereiten, dem Erhabenen zu begegnen.« »Viel zu früh!« winkte Pilger ab. »Wie weit ist es eigentlich noch?« wollte Sandmönch wissen. »Noch 108 000 Meilen«, gab Pilger zur Antwort. »Von den zehn Grenzposten haben wir nicht mal den ersten erreicht.« »Bruder«, fragte Bajie, »wie viele Jahre brauchen wir eigentlich, bis wir dort ankommen?« »Wenn ihr zwei diese Strecke zurücklegt, braucht ihr so an die zehn Tage. Was mich angeht, könnte ich gut und gerne fünfzig Mal am Tag hin- und herreisen, noch bevor die Sonne untergeht. Doch unser Meister – nicht auszudenken!« »Wukong«, fragte nun Tripitaka, »wann können wir denn deiner Meinung nach das Ziel erreichen?« »Nun, wenn Ihr von klein auf wandert, bis Ihr alt seid, im nächsten Leben wiederum von klein auf zu wandern beginnt, und so weiter, an die tausend Mal, dann ist das Ziel noch immer schwer zu erreichen. Es sei denn, Ihr habt wirklich einen aufrichtigen Willen zur Erkenntnis, dann braucht Ihr nämlich nur in Euch zu gehen: Hier ist der Seelenberg!« »Bruder«, warf Sandmönch ein, »auch wenn diese wunderbare Landschaft noch weit weg ist vom Tempel des Donnergrollens, muss doch irgendein vollkommener Mensch hier wohnen.« »Das dürfte allerdings zutreffen«, bestätigte Pilger, »das ist bestimmt ein Paradies von Heiligen und Unsterblichen. Lass uns einfach gemächlich weiterziehen und die Aussicht genießen.« Doch davon sei hier nicht weiter die Rede. Lasst uns stattdessen von diesem Berg berichten, der Wanshou Shan, »Berg des Langen Lebens«, genannt wurde und auf dem sich ein daoistisches Kloster mit Namen Wuzhuang Guan, »Kloster der Fünf Weiler«, befand. In diesem Kloster nun lebte ein Unsterblicher mit Ordensnamen Meister Zhenyuan, »der den Ursprung festigt«. Er nannte sich auch Yushitong Jun, Weltengleicher Edler. Das besagte Kloster aber barg einen einmaligen Schatz, nämlich eine beseelte Wurzel, die im Urchaos entstanden war, noch ehe Himmel und Erde existierten. Auf allen vier Kontinenten dieser Erde war einzig hier in diesem Kloster der westlichen Gefilde ein solches Wunder erhalten geblieben. Sein Name war »Geläutertes Pflanzen-Elixier«, es wurde aber auch schlicht Ginsengbaum genannt. Nur alle 3000 Jahre trug dieser Baum Blüten, welche erst nach weiteren 3000 Jahren zu Früchten wurden, die abermals 3000 Jahre zum Reifen brauchten. Alles in allem dauerte es also annähernd 10 000 Jahre, bis dieser Baum einmal reife Früchte trug, und jedes Mal waren es nur dreißig an der Zahl. Die Früchte aber hatten die Form von Neugeborenen, mitsamt allen vier Gliedern und fünf Sinnesorganen. Wem je das Glück gegeben war, daran riechen zu dürfen, der konnte bis zu 360 Jahre alt werden. Und wer gar eine dieser Früchte gekostet hatte, dem war ein Alter von 47 000 Jahren sicher. An jenem Tage weilte Meister Zhenyuan mit seinen unsterblichen Jüngern gerade im Himmel der Oberen Reinheit, wo er auf Einladung des Himmlischen Ehrwürdigen des Ursprungs im Miluo-Palast eine Predigt hielt über die Frucht der Erkenntnis aus dem Uranfang der Welt. So hatte er denn am selben Tage all seine Jünger mit sich geführt, der Rede zu lauschen, nur die beiden Jüngsten hatte er zur Aufsicht im Kloster gelassen. Der eine hieß Reiner Wind, der andere Klarer Mond, beide waren zwischen 1200 und 1300 Jahre alt. Vor seiner Abreise hatte der Unsterbliche den Knaben eingeschärft: »In wenigen Tagen wird ein alter Freund von mir vorbeikommen; er heißt Tripitaka und war im vorherigen Leben Buddhas zweiter Jünger. Damals lautete sein Ordensname Meister Goldzikade. Ich habe ihn vor fünfhundert Jahren an der Ullambana-Feier kennengelernt. Zur Zeit pilgert er auf Geheiß des Kaisers von China in den Westen, wo er Buddha huldigen und Heilige Schriften holen wird. Ihr dürft es keinesfalls an Gastfreundschaft fehlen lassen, könnt ihm auch zwei Ginsengfrüchte anbieten. Doch nehmt euch vor seinen Schülern in Acht; sie dürfen nichts davon erfahren.« Die beiden versprachen zu tun wie geheißen. Wenden wir uns wieder den vier Schriftenholern zu, die gemächlich durch das Gebirge wanderten. In einer Waldung von Kiefern und Bambusstauden gewahrten sie auf einmal mehrere hohe Gebäude und gelangten binnen kurzem vor das Eingangsportal. Wahrhaftig, es war: Ein beseelter Ort in heilen Landen, Wie die alten Grotten in Gebirgen. Reine Leere, fern von Menschendingen, Wo Erleuchtung aufkeimt, still geborgen. Tripitaka sprang aus dem Sattel und bemerkte nun links neben dem Eingangsportal eine Stele, auf der in zehn großen Schriftzeichen geschrieben stand: »萬壽山福地 – Gelobtes Land auf dem Berg des Langen Lebens; 五莊觀洞天 – Höhlenhimmel im Kloster der Fünf Weiler«. »Seht, meine Schüler, ein daoistisches Kloster!« rief der Priester, »lasst uns hineingehen!« »Recht gesprochen«, meinte Pilger, und so schritten sie alle durch das Eingangsportal in den Hof. Hier sahen sie zu beiden Seiten des zweiten Tores zwei senkrechte Verszeilen, die lauteten: Residenz der Göttlichen, die unvergänglich leben; Daoisten weilen hier, die des Himmels Alter haben. »Diese Daoisten geben ganz schön an!« lachte Pilger. »Ich alter Sun bin ja öfter mal im Himmel beim Höchsten Alten Meister Laozi gewesen, doch nicht mal an seinem Tor hab ich solche Worte gesehen.« Gerade als sie das zweite Tor durchschreiten wollten, eilten ihnen zwei Knaben entgegen, die von außergewöhnlicher Grazie und Reinheit schienen. Es waren eben jene mit Namen Reiner Wind und Klarer Mond. Unter tiefen Verbeugungen traten sie den Ankömmlingen entgegen und sprachen: »Ehrwürdiger Meister, verzeiht, dass wir Euch nicht gebührend empfangen haben! Kommt bitte herein und setzt Euch.« Freudig folgte ihnen der Priester in die Haupthalle, wo in der Mitte eine senkrechte Schriftrolle an der Wand hing, auf der in bunter Schrift die Zeichen für »Himmel« und »Erde« prangten. Davor stand ein zinnoberroter Altartisch, auf dem ein goldenes Weihrauchgefäß und eine goldene Vase aufgestellt waren. Tripitaka blieb davor stehen, nahm ein Weihrauchstäbchen in die gefalteten Hände und verneigte sich zum Gebet. Als er fertig war, wandte er sich den Knaben zu und sprach: »Ihr himmlischen Knaben, euer Kloster ist ja wahrhaftig ein Paradies im Westen. Doch sagt, warum verehrt ihr hier nicht die Drei Reinen und die Vier Kaiser, oder die Herrscher der höchsten Himmelssphäre, sondern bringt nur den Zeichen für ›Himmel‹ und ›Erde‹ Opfer dar?« Lächelnd erklärten die Knaben: »Offen gestanden, werter Herr, geschieht das eigentlich nur aus Demut unseres Meisters. Das obere Zeichen mag unseres Opfers noch würdig sein, doch das untere ist unserer Anbetung nicht wert.« »Warum Demut?« wunderte sich Tripitaka. »Nun, mit den Drei Reinen pflegt unser Meister freundschaftlichen Umgang auf gleicher Ranghöhe, auch die Vier Kaiser sind alte Bekannte von ihm. Die Neun Strahlenden Sterne und die Zwölf Götter der Zeiteinteilung hingegen sind ihres geringen Alters wegen unter seinem Rang.« Pilger krümmte sich vor Lachen. »Wo ist denn euer werter Meister?« erkundigte sich Tripitaka. »Er wurde vom Himmlischen Ehrwürdigen des Ursprungs eingeladen, im Miluo-Palast im Himmel der Oberen Reinheit über die höchste Weisheit zu sprechen.« Pilger brach abermals in Gelächter aus, worauf Tripitaka seine Schüler anwies: »Versorgt das Pferd, tragt das Gepäck herein und leiht euch einen Topf zum Kochen. Ihr braucht nicht hier herumzustehen.« Die drei traten ab. Nachdem die Knaben Tee aufgetischt hatten, erkundigten sie sich: »Seid Ihr etwa der Mönch Tripitaka aus dem chinesischen Kaiserreich?« »Ja, der bin ich«, antwortete der Priester. »Woher kennen die geschätzten Knaben meinen geringen Namen?« »Unser Meister hat kurz vor seinem Weggang Euer Kommen angekündigt«, erklärten die Knaben und fügten hinzu: »Werter Meister, bitte wartet einen Moment, wir holen Euch ein paar Früchte.« Gemeinsam verschwanden die beiden Knaben in ihre Klause, wo der eine ein goldenes Schlagstöckchen, der andere ein zinnoberrotes Tablett zur Hand nahm, dann belegten sie das Tablett mit mehreren Seidentüchern und betraten den Hof, in dem der Ginsengbaum stand. Reiner Wind kletterte auf den Baum, berührte die Früchte mit dem Schlagstöckchen, während Klarer Mond sie unten im Tablett auffing. Im Nu hatten sie zwei Früchte auf dem Tablett, gingen zurück in die Haupthalle und präsentierten Tripitaka die Kostbarkeiten mit den Worten: »Werter Meister aus China! Leider ist unser Kloster so abgelegen, dass wir Euch nichts Ordentliches anbieten können. Da wir guten Boden für Obstbäume haben, möge sich der Meister einstweilen an diesen Früchten laben.« Als der Priester das Angebotene sah, erbebte er am ganzen Körper, wich zurück und rief: »Gütiger Himmel! Es war doch ein gutes Erntejahr, wie ist es möglich, dass in diesem Kloster wie zu Zeiten der Hungersnot Menschen gegessen werden? Das sind ja Säuglinge! Wie könnt ihr mir so etwas zum Essen anbieten!?« Reiner Wind murmelte: »Dieser Mönch hat ja bloß die Augen eines Sterblichen. Er erkennt unsere himmlische Kostbarkeit gar nicht.« Da trat Klarer Mond vor und erklärte: »Werter Meister, was Ihr vor Euch habt, sind Ginsengfrüchte. Sie sind auf einem Baum gewachsen.« »Unsinn, Unsinn!« rief Tripitaka empört, »seit wann wachsen Menschen auf Bäumen? Nehmt das weg, ihr Unmenschen!« Alles Zureden half nichts; der Priester sträubte sich so hartnäckig, dass den Knaben schließlich nichts anderes übrigblieb, als die Früchte wieder wegzutragen. Nun hatten aber diese Ginsengfrüchte die merkwürdige Eigenschaft, dass man sie nicht aufbewahren konnte; ließ man sie stehen, wurden sie hart und ungenießbar. Also gingen die beiden in ihre Klause, setzten sich, jeder mit einer Frucht, auf den Bettrand und ließen es sich schmecken. Diese Klause aber grenzte direkt an die Küche, wo man jedes Wort hören konnte, das hier gesprochen wurde. Bajie, der dort gerade das Essen zubereitete, hatte schon aufgehorcht, als er die beiden von Schlagstöckchen und Zinnoberplatte hatte sprechen hören. Wie ihm nun zu Ohren kam, dass Tripitaka die Ginsengfrüchte nicht erkannt habe, und hörte, wie die beiden Knaben sie nebenan genüsslich verzehrten, lief ihm das Wasser im Munde zusammen, und er dachte: »Davon möchte ich auch mal kosten!« Da er sich zu wenig gewandt fühlte, beschloss er, die Sache mit Pilger zu besprechen. Bald kehrte Pilger mit dem Pferd zurück, band es an einen Baum und wollte schon wieder gehen, als Bajie ihm aufgeregt zuwinkte und rief: »Komm her!« Pilger trat in die Küche und fragte: »Was hast du denn, Tölpel?« »Weißt du, dass es in diesem Kloster was ganz Kostbares gibt?« flüsterte ihm Bajie zu. »Was denn?« »Ginsengfrüchte! Hast du schon mal welche gesehen?« »Nein, das hab ich wahrhaftig nicht. Ich habe nur gehört, dass Ginsengfrüchte Geläutertes Pflanzen-Elixier heißen und lebensverlängernd wirken sollen. Wo sind sie denn?« »Hier, in diesem Kloster! Die Knaben haben unserem Meister davon angeboten, doch der gute Alte hat sie nicht erkannt. Er traute sich gar nicht, davon zu essen, weil er glaubte, es wären richtige Neugeborene. Die beiden sind doch unverschämt, wenn der Meister sie nicht isst, sollen sie die Früchte doch uns offerieren! Stattdessen haben sie die Ginsengfrüchte einfach hinter unserem Rücken im Nebenzimmer aufgegessen, jeder eine! Sag mal, wie könnten wir uns wohl welche beschaffen? So geschickt, wie du bist, könntest du sicher ein paar davon ergattern!« »Nichts leichter als das«, meinte Pilger, »ich alter Sun schnappe mir gleich welche.« Schon sprang er auf und wollte gehen, doch Bajie hielt ihn zurück und sagte: »Ich habe die beiden nebenan etwas von einem goldenen Schlagstöckchen sagen hören, mit dem man die Früchte anschlagen müsse. Du musst die Sache richtig anpacken.« »Verstanden«, gab Pilger zurück, machte sich mit einer Magie unsichtbar und flitzte ins Nebenzimmer. Die beiden Knaben waren bereits gegangen. Pilger spähte in alle Richtungen, bis er am Gitterwerk des Holzfensters ein goldenes Stäbchen hängen sah. Es war fingerbreit und zwei Fuß lang, unten mit einer Knoblauchknolle, oben mit einer Schleife aus grünem Wollgarn versehen. »Das muss dieses Stöckchen sein!« dachte er, nahm es an sich, verließ das Zimmer und stieß ein Tor auf und schaute hinaus. Oh, da war ja ein Blumengarten! Er durchquerte ihn und gelangte in einen Gemüsegarten. Am Ende der Gemüsebeete war abermals eine Mauer mit einem Tor. Als er die Torflügel aufstieß, gewahrte er in der Mitte einen riesigen Baum. In der Tat, es war: Frisches Geäst von süßem Duft, Grünes, schattiges Laubdickicht! Seine Blätter, die ähnlich aussahen wie jene von Bananenstauden, ragten über tausend Fuß in die Höhe, und der Stamm maß wohl acht Klafter im Umfang. Pilger lehnte sich an den Baumstamm und blickte nach oben. Da, an einem Ast gegen Süden, entdeckte er eine Ginsengfrucht, die tatsächlich aussah wie ein Kind. Da der Stängel der Frucht am Steiß gewachsen war, sah es aus, als ob ein Kind auf dem Ast sitzen würde, das mit Ärmchen und Beinchen fuchtelte und den Kopf hin und her bewegte. Wenn ein Windstoß kam, schien es gar Laute von sich zu geben. »Herrlich!« rief Pilger erfreut. »Was für eine Rarität!« Pfeilschnell kletterte er den Stamm hoch, berührte die Frucht mit dem Stöckchen, worauf sie zu Boden fiel. Dann hüpfte er nach unten, um die Frucht aufzulesen; die jedoch war nicht mehr zu sehen. Wie sehr er auch die ganze Rasenfläche absuchte, die Frucht blieb spurlos verschwunden. Pfeilschnell kletterte er den Stamm hoch. »Merkwürdig«, sann er. »Nun, es könnte ja sein, dass sie mit ihren Beinchen laufen kann. Doch über die Mauer käme sie bestimmt nicht. Aha, ich weiß! Bestimmt hat der Erdgeist dieses Gartens was dagegen, dass ich alter Sun seine Früchte klaue. Er muss sie versteckt haben!« Kaum hatte er mit einem magischen Fingerzeichen das Zauberwort »OM« ausgesprochen, trat der Erdgeist vor, verneigte sich höflich und fragte: »Womit kann ich kleiner Geist dem Großen Heiligen dienen?« »Weißt du eigentlich nicht, dass der alte Sun ein weltberühmter Dieb ist?« fuhr ihn Pilger an. »Als ich im Himmel Unsterblichkeitspfirsiche, himmelskaiserlichen Wein und Elixierpillen gestohlen habe, hat keiner je gewagt, mir in den Weg zu treten. Doch jetzt, da ich eine einzige Frucht holen will, versuchst du dich mit mir anzulegen! Die Früchte wachsen doch frei auf dem Baum, selbst Vögel können davon kosten. Ist doch nicht schlimm, wenn ich alter Sun eine verspeise! Warum nimmst du sie einfach weg?« »Großer Heiliger, Ihr beschuldigt mich zu Unrecht!« verteidigte sich der Erdgeist. »Dieser Schatz gehört den Unsterblichen auf Erden, ich jedoch bin nur ein Unsterblicher des Geisterreichs; wie könnte ich es je wagen, mich daran zu vergreifen? Mir ist nicht einmal das Glück vergönnt, daran riechen zu dürfen!« »Warum ist denn die Frucht verschwunden, kaum habe ich sie vom Ast geschlagen?« »Großer Heiliger«, sprach der Erdgeist, »Ihr wisst wohl um die lebensverlängernde Wirkung dieser Früchte, doch ist Euch nicht bekannt, dass sie sich mit den Fünf Wandlungsphasen nicht vertragen.« »Was soll das heißen?« »Wenn diese Früchte mit Metall in Berührung kommen, dann fallen sie, auf Holz verdorren sie; im Wasser lösen sie sich auf, im Feuer verkohlen sie, und wenn sie Erde berühren, dringen sie darin ein. Darum kann man diese Früchte nicht anders pflücken als mit einem metallenen Gegenstand. Auffangen muss man sie aber mit einem Tablett, das mit Seidentüchern bedeckt ist. Finge man sie direkt mit einem hölzernen Gefäß auf, würden sie verdorren und ihre lebensverlängernde Wirkung verlieren. Zum Essen muss man sie in eine Porzellanschale legen und in Wasser auflösen. Würde man sie mit Feuer in Berührung bringen, würden sie sofort verkohlen und wären ungenießbar. Und dass sie in Erde eindringen, habt Ihr, Großer Heiliger, ja nun selbst bemerkt. Die Frucht hat sich beim Aufprall direkt in den Boden gebohrt. Dieser Boden aber ist 47 000 Jahre alt und ist noch härter als Eisenerz. Kein Stahlbohrer könnte hier etwas ausrichten. Genau darum hat dieses Gewächs auch seine lebensverlängernde Wirkung.« Pilger, der ihm nicht glauben wollte, packte seine Eisenstange und rammte sie mit aller Wucht gegen den Boden. Mit einem metallenen Klang sprang die Stange ab, und auf dem Boden blieb nicht der geringste Kratzer zurück. »Tatsächlich, tatsächlich!« murmelte er. »Dann habe ich dich in der Tat zu Unrecht beschuldigt. Du kannst gehen.« Der Erdgeist verschwand. Pilger aber hatte sich nun etwas ausgeheckt. Abermals kletterte er auf den Baum, hielt mit der einen Hand das Stöckchen und schürzte mit der andern seine Mönchskutte. Zwischen Blättern und Ästen fand er drei Früchte, fing sie in seinem Kleide auf, sprang herunter und ging schnurstracks in die Küche, wo er Bajie seine Beute zeigte. »Habe ich nicht gesagt, für den alten Sun sei nichts leichter als das?« rief er triumphierend. »Doch wollen wir sie nicht hinter Sandmönchs Rücken essen; ruf ihn her!« Bajie winkte Sandmönch herbei, Pilger hielt ihm sein aufgeschürztes Kleid hin und fragte: »Was glaubst du, was das ist?« »Das sind Ginsengfrüchte«, gab dieser zur Antwort. »Na schön, du kennst sie ja!« meinte Pilger, »wo hast du sie denn schon gegessen?« »Gegessen hab ich nie welche«, antwortete Sandmönch, »doch als ich im Himmelspalast als Gardinenroller diente, habe ich gesehen, wie Unsterbliche aus fernen Gegenden dem Jadekaiser solche Früchte zum Geburtstag darbrachten. Ich konnte nie davon kosten. Sag mal, Bruder, kannst du mir nicht ein bisschen zum Probieren geben?« »Keine Frage, jeder kriegt eine.« So machten sich die drei über die Früchte her. Der gefräßige Bajie mit seinem großen Maul packte die Frucht, sperrte die Schnauze auf, und schon war der Leckerbissen verschluckt. Da wandte er sich an Pilger und Sandmönch und fragte: »Wie schmeckt sie?« »Warum fragst du, wenn du selbst gerade eine gegessen hast?« »Es ist etwas schnell gegangen, hab gar nicht gemerkt, ob Kerne drin waren, plötzlich war sie weg. Ach Bruder, alles was man tut, sollte man auch zu Ende führen. Hol doch noch ein paar, damit ich alter Eber auch was davon habe.« »Du bist wirklich unersättlich!« rügte Pilger. »Es ist ein großes Glück, dass jeder von uns eine solche Frucht essen durfte. Das ist keine Kleinigkeit. Nein, und noch mal nein; das reicht!« Er stand auf, warf das Stöckchen durchs Fenstergitter ins Nebenzimmer und achtete nicht weiter darauf. Der Tölpel gab nur ein trotziges Murren von sich. Zur selben Zeit aber waren die beiden Knaben wieder in ihre Klause getreten und hatten Bajie nebenan etwas von »Ginsengfrucht« und »noch ein paar« brummen hören. Reiner Wind ahnte Ungutes und flüsterte seinem Ordensbruder zu: »Klarer Mond, hast du gehört, was der langschnäuzige Mönch eben gesagt hat? Unser Meister hat uns doch gesagt, wir sollten uns vor Tripitakas Schülern in Acht nehmen. Es kann doch nicht sein, dass sie unsere Früchte gestohlen haben?« Klarer Mond blickte ihn vielsagend an und meinte: »Bruder, ich ahne Schlimmes. Schau mal, warum liegt das goldene Schlagstöckchen am Boden? Lass uns im Garten nachsehen!« Geschwind liefen sie hin. Beide Tore, das zum Blumengarten wie das zum Gemüsegarten, standen weit offen. Im Hof angelangt, blickten sie in den Baum hinauf und überprüften die Anzahl der Früchte. Wie oft sie auch zählen mochten, es waren nicht mehr als zweiundzwanzig. »Am Anfang waren dreißig Früchte am Baum«, rechnete Klarer Mond, »als unser Meister den Garten aufgeschlossen hat, hat er zwei davon verteilt. Zwei weitere haben wir für den Priester gepflückt. Es müssten also noch sechsundzwanzig Früchte am Baum sein. Nun sind es aber nur noch zweiundzwanzig. Da fehlen doch vier Früchte! Kein Zweifel, diese Bande hat sie gestohlen. Jetzt kriegt dieser Tripitaka was zu hören!« Sie liefen vom Garten schnurstracks in die Haupthalle zu Tripitaka, zeigten mit dem Finger auf ihn, nannten ihn Glatzkopf und hielten eine wüste, nicht enden wollende Schimpfrede, bis Tripitaka es sich nicht länger anhören mochte und sprach: »Werte Knaben! Was soll der Lärm?« »Seid Ihr schwerhörig, oder was?« schrie Reiner Wind, »Ihr habt heimlich von unseren Ginsengfrüchten gegessen! Wollt Ihr das etwa abstreiten?« »Wie sehen Ginsengfrüchte aus?« »Was wir Euch vor einer Weile angeboten haben, was Ihr für Säuglinge gehalten habt, das waren Ginsengfrüchte!« »Buddha Amithaba!« stieß Tripitaka hervor. »Als ich diese Dinger gesehen habe, bin ich zu Tode erschrocken! Wie könnte ich es je wagen, heimlich davon zu essen? Scheltet mich nicht zu Unrecht!« »Wenn Ihr es nicht gewesen seid, so waren es Eure Schüler.« »Das ist allerdings möglich«, räumte Tripitaka ein. »Bleibt erst einmal ruhig, ich werde sie befragen. Falls sie wirklich etwas gestohlen haben, müssen sie euch um Verzeihung bitten und Schadenersatz leisten.« Laut rief er: »Meine Schüler, kommt alle her!« »Ich ahne Schlimmes«, meinte Sandmönch gedämpft, »bestimmt ist die Sache mit den Ginsengfrüchten ans Licht gekommen.« »Welche Schande!« flüsterte Pilger. »Es ist zwar nur eine Sünde im Bereich des Essens, aber wenn wir es eingestehen, wird es heißen, wir hätten genascht. Am besten, wir geben es einfach nicht zu!« »Ja, genau«, stimmte Bajie bei. Nun blieb den dreien nichts anderes übrig, als sich in die Haupthalle zu begeben. Und wenn ihr wissen wollt, wie sie sich herauszureden suchten, hört euch das nächste Kapitel an. 第025回 / 25. Kapitel Meister Zhenyuan jagt den Schriftenholern nach / Pilger Sun macht großen Aufruhr in dem Kloster Berichten wir weiter, wie die drei Schüler in die Halle traten, wo Tripitaka sie zur Rede stellte. »Meine Schüler«, hub er an, »in diesem Kloster gibt es sogenannte Ginsengfrüchte. Wer von euch hat heimlich von diesen Früchten gegessen?« »Ich weiß nichts davon«, sagte Bajie. Reiner Wind zeigte auf Pilger und meinte: »Der muss es sein, er lacht!« »Mir altem Sun steht von Natur aus ein Lachen ins Gesicht geschrieben. Ihr wollt mir doch nicht etwa das Lachen verbieten, nur weil ihr irgendwelche Früchte vermisst!« gab dieser zurück. »Meine Schüler«, sprach Tripitaka, »Mönche dürfen nicht lügen. Handelt nicht gegen euer Gewissen. Falls ihr wirklich von den Früchten gegessen habt, dann entschuldigt euch und versucht nicht, euch herauszureden!« Da Pilger die Worte des Meisters berechtigt fand, sagte er schließlich: »Meister, die Sache hat nichts mit mir zu tun. Bajie hat gehört, wie die Knaben von den Früchten aßen, da hat er Lust gekriegt und mich geschickt, drei davon zu holen. Jeder von uns hat eine gegessen. Was sollen wir nun?« »Vier habt ihr gestohlen!« rief Klarer Mond, »ihr wollt es nur nicht zugeben!« »Buddha Amithaba!« stieß der Tölpel hervor, »warum hat er uns dann nur drei gebracht? Er hat uns also eine vorenthalten!« Er drehte den anderen den Rücken zu und murrte missvergnügt vor sich hin. Nun, da die Knaben ihren Verdacht bestätigt sahen, überhäuften sie die drei so lange mit Schimpf und Schande, bis der Große Heilige vor Wut mit seinen stählernen Zähnen knirschte, seine feurigen Augen rollte und dachte: »Die sind ja widerlich! Wartet nur, jetzt mache ich euren Früchten den Garaus, dass ihr nie wieder welche zu essen kriegt!« Aus einem Körperhaar, das er sich eilig auszupfte, zauberte er blitzschnell einen falschen Pilger und stellte ihn neben Bajie und Sandmönch. In seinem wahren Körper aber schoss er in die Höhe, landete schnurstracks im Garten, packte seine Stange und schmetterte sie mit aller Wucht über den Baum. Dann stemmte er sich mit einer Zauberkraft, die Berge versetzen konnte, gegen den Baum, bis dieser stürzte. Da lag er nun, der arme Baum, die Äste gespalten, die Blätter am Boden zerstreut, mit aus der Erde ragenden Wurzeln. Um das kostbare »Geläuterte Pflanzen-Elixier« dieser Daoisten war es geschehen! Vergeblich suchte der Große Heilige die Äste nach Früchten ab, denn diese hatten ja bekanntlich die Eigenschaft, bei Berührung mit Metall zu fallen, und da Pilgers Stange an beiden Enden mit einem Goldreif versehen war und ohnehin aus Metall bestand, waren die Früchte schon gefallen, als er mit der Stange auf den Baum eingedroschen hatte. Und weil die Früchte ja in die Erde einzudringen pflegten, war nun keine einzige mehr übrig. »So ist es richtig!« knurrte Pilger, »und jetzt geht jeder seinen Weg!« Flugs war er wieder zurück, fing das verwandelte Haar auf und stellte sich wie zuvor hin. Keiner hatte seine Verwandlung bemerkt. Endlich, nach langen Schimpftiraden, wandten sich die beiden Knaben ab. Reiner Wind meinte: »Klarer Mond, diese Mönche haben ja was zu hören gekriegt. Allerdings haben sie die ganze Zeit über kein Wort gesagt. Könnte es etwa sein, dass sie gar nichts gestohlen haben? Der Baum ist ja hoch und die Blätter so dicht, dass man die Früchte nur schwer zählen kann. Lass uns noch mal hingehen und schauen.« »Du hast recht«, meinte Klarer Mond, und sie begaben sich abermals in den Garten. Doch hier fanden sie den Baum umgestürzt, die Blätter am Boden zerstreut, die Äste gespalten und ohne jegliche Früchte. Außer sich vor Entsetzen sanken sie in den Staub und jammerten: »Was tun wir bloß? Unser kostbarstes Elixier ist zunichte! Was sagen wir unserem Meister, wenn er zurückkommt?« »Bruder, lass das Jammern«, meinte Klarer Mond schließlich, »das kann niemand anderes gewesen sein als jener Mönch mit dem haarigen Gesicht. Wenn wir uns aber mit dem anlegen, kommt es gewiss zu einer Schlägerei, und du kannst dir ja vorstellen, dass wir zwei gegen die vier nichts ausrichten können. Am besten, wir überlisten sie: Erst nehmen wir die Anklage zurück, entschuldigen uns höflich, und da der Reis, den sie gekocht haben, inzwischen sicher gar ist, servieren wir ihnen noch ein paar Gemüsegerichte dazu. Sobald sie aber beim Essen sitzen, verriegeln wir die Tür und schließen sie ein. Dort sollen sie dann gefangen bleiben, bis der Meister zurückkommt, dann kann er ja bestimmen, was mit ihnen zu tun ist.« »Einverstanden«, meinte Reiner Wind. Bemüht, eine freudige Miene aufzusetzen, kamen die beiden in die Haupthalle zurück und verbeugten sich unter vielen Entschuldigungen vor Tripitaka. »Ach Meister«, sprachen sie, »wir haben Euch zu Unrecht beschuldigt, bitte verzeiht uns!« »Wie denn?« »Es fehlen gar keine Früchte. Wir haben sie zuvor nur nicht alle gesehen, weil der Baum so hoch und das Blattwerk so dicht ist. Eben sind wir noch mal hingegangen und haben genau nachgezählt, da fanden wir alle vollzählig.« Erleichtert meinte Tripitaka: »Dann bringt uns doch den Reis, damit wir essen können.« Während Bajie Reis schöpfte, holten die beiden Knaben schnell ein paar Beilagen, gossen eine Kanne Tee auf und standen zu Diensten. Doch kaum hielten die vier ihre Teeschalen in den Händen, stellten sie sich zu beiden Seiten des Eingangs auf und schlugen krachend die Türflügel zu. Dann hängten sie von außen ein doppeltes kupfernes Schnappschloss an die Tür. »Was macht ihr da?« lachte Bajie, »herrscht bei euch etwa die Sitte, hinter verschlossener Tür zu essen?« »Genau, so ist es«, rief Klarer Mond, »sobald ihr fertig seid, machen wir wieder auf.« Reiner Wind aber polterte: »Ihr fressgierigen Glatzköpfe! Dass ihr von unseren Früchten gestohlen habt, war ja schon Grund genug zur Anklage wegen Diebstahls an Feldfrüchten. Doch jetzt habt ihr auch noch unseren heiligen Baum umgestoßen und damit die magische Wurzel unseres Hauses vernichtet! Und wollt auch noch den Mund voll nehmen! Falls ihr jemals noch in den Westen zu Buddha gelangen solltet, dann gewiss nicht in diesem Leben.« Tripitaka entglitt die Reisschale, und ein schwerer Stein legte sich auf sein Herz. Nachdem die Knaben alle drei Eingänge verriegelt hatten, erschienen sie wieder vor dem Tor zur Haupthalle und überschütteten sie mit einem weiteren Schwall bitterböser Worte. Erst als es Abend wurde, zogen sie ab. Vorwurfsvoll wandte sich Tripitaka an Pilger und sprach: »Du Affenschädel, ein Unheil ums andere richtest du an! Wenn du schon ihre Früchte gestohlen hast, dann lass doch den Schimpf über dich ergehen. Warum musst du ausgerechnet noch den Baum umstoßen? Würde man diese Sache anzeigen, hättest du nichts mehr zu melden, und wäre dein eigener Vater der Richter!« »Ach Meister, macht Euch keine Sorgen«, meinte Pilger. »Die beiden sind ja nun weg. Wir brauchen bloß zu warten, bis sie schlafen, dann gehen wir in der Nacht auf und davon.« »Aber Bruder«, wandte Sandmönch ein, »wie sollen wir hier raus, wenn alle Tore verschlossen sind?« Pilger grinste: »Lass das meine Sorge sein. Ich alter Sun habe da meine Kniffe.« »Natürlich«, murrte Bajie, »du hast immer irgendwelche Kniffe. Du verwandelst dich in ein Insekt, schlüpfst durch das Fenstergitter und bist fein raus. Wir aber können nichts anderes als hier hocken und für deine Verbrechen büßen.« »Wenn er uns nicht alle zusammen rausholt«, drohte Tripitaka, »werde ich den alten Spruch wieder aufsagen, dann wollen wir sehen, wie er das erträgt.« »Was für ein alter Spruch?« wunderte sich Bajie, »davon habe ich noch nie gehört.« »Du musst wissen, Bruder, dass der Reif, den ich auf der Stirn trage, von der Bodhisattva Guanyin ist«, erklärte Pilger. »Der Meister hat mich mit List dazu gebracht, ihn aufzusetzen, und da ist er mir angewachsen. Mit dem alten Spruch meint er den ›Reifverengungsspruch‹, von dem ich so schreckliche Kopfschmerzen kriege, wenn er ihn aufsagt. Darum kann er mich mit dieser Methode unterkriegen. Meister, lasst den Spruch beiseite; ich verspreche, dass ich euch alle hier rausführe!« Inzwischen war im Osten der Mond aufgegangen. »Jetzt ist die richtige Zeit zu gehen«, bestimmte Pilger. Er packte seinen Goldreifstab und richtete ihn mit einem Öffnungszauber auf das Tor. Man hörte leichtes Knacken, schon waren sämtliche Schlösser aufgesprungen, und die Tore öffneten sich. Pilger führte den Meister nach draußen und half ihm aufs Pferd, Bajie buckelte die Tragstangen auf, und Sandmönch führte das Pferd am Halfter. So setzten sie die Reise nach Westen fort. »Geht erst mal gemächlich voran«, meinte Pilger, »ich alter Sun gehe noch kurz zu den Knaben und sorge dafür, dass sie einen Monat lang schlafen.« Zurück im Kloster, schlich er zur Klause der beiden Knaben. In seiner Gürteltasche hatte er noch ein paar Schlafkäferchen, die er einst am Östlichen Himmelstor beim Rätselraten mit dem Himmelskönig Virudhaka gewonnen hatte. Davon klaubte er nun zwei heraus und beförderte sie mit einem Fingerschnippen durch das Fenstergitter in den Raum, wo sie sich sofort auf den Gesichtern der Knaben niederließen. Schon fielen die beiden laut schnarchend in einen tiefen Schlaf, aus dem sie so bald nicht wieder erwachen sollten. Pilger aber holte die anderen ein, und sie eilten auf der Landstraße gen Westen. Die ganze Nacht über trabte das Pferd ohne Unterlass, bis der Morgen dämmerte. »Du Affenschädel bringst mich noch um!« klagte Tripitaka. »Nur für eure Gaumenfreuden bringt ihr mich eine ganze Nacht um den Schlaf.« »Ärgert Euch nicht«, gab Pilger zurück. »Es wird ja schon hell. Setzt Euch hier an den Wegesrand und ruht Euch im Walde aus. Sobald Ihr wieder bei Kräften seid, gehen wir weiter.« Der Priester stieg vom Pferd und versuchte die Wurzeln einer Kiefer behelfsmäßig als Meditationssitz zu benutzen, während Bajie und Sandmönch ein Nickerchen hielten. Pilger jedoch hatte anderes im Sinne. Seht nur, wie er auf die Bäume klettert und sich vergnüglich von Ast zu Ast hangelt! Wie die vier Rast hielten, sei hier nicht weiter ausgeführt. Lasst uns stattdessen von dem Großen Unsterblichen berichten, der nach seinem Vortrag im Palast des Himmlischen Ehrwürdigen des Ursprungs mit seinen Jüngern ins Kloster zurückgekehrt war. Hier aber fanden sie die Tore weit offen, die Hallen menschenleer und die Weihrauchopfer unverrichtet. Schließlich schauten sie bei der Klause der beiden Knaben vorbei, wo die Tür verriegelt war, während man die beiden drinnen schnarchen hörte. Alles Pochen und Rufen nützte nichts. Selbst als man am Ende die Tür aufstemmte und die beiden aus den Betten zerrte, erwachten sie nicht. »Das sind mir schöne Unsterbliche!« lachte Meister Zhenyuan. »Wer unsterblich ist, hat einen unerschöpflichen Geist und wird nicht mehr ans Schlafen denken. Da muss ihnen doch jemand einen Streich gespielt haben. Schnell, holt Wasser!« Nachdem er einen magischen Spruch gemurmelt hatte, nahm er einen Schluck Wasser in den Mund und sprühte es den beiden ins Gesicht. Damit wurden sie endlich vom Schlafdämon erlöst. Erwachend schlugen die beiden die Augen auf und sahen sich von ihrem Meister und den Ordensbrüdern umgeben. Vor Bestürzung fiel Reiner Wind auf die Knie, während Klarer Mond unter Stirnaufschlägen rief: »Meister! Eure Freunde, jene Mönche aus dem Osten, waren eine Horde Banditen! Sie waren furchtbar rabiat.« Der Meister lächelte und fragte: »Wie denn?« Während die beiden Knaben erzählten, was sich ereignet hatte, konnten sie vor lauter Empörung die Tränen nicht zurückhalten. Der Große Unsterbliche aber war nicht aus der Ruhe zu bringen. »Weint nicht«, sprach er, »weint nicht. Der mit Namen Sun ist einer der vereinzelten Unsterblichen aus dem Uranfang der Welt. Er verfügt über immense Zauberkräfte und hat ehedem im Himmelspalast einen großen Aufruhr veranstaltet. Nun hat er aber unseren kostbaren Baum umgestürzt. Sagt, könnt ihr die Mönche wiedererkennen?« Reiner Wind nickte: »Bestimmt.« »Dann kommt mit mir«, bestimmte der Meister. »Ihr anderen könnt in der Zwischenzeit die Foltergeräte vorbereiten. Sobald ich zurück bin, werde ich ihm seine Strafe erteilen.« Die Unsterblichen taten wie geheißen. Mit den beiden Knaben stieg der große Unsterbliche nun zu den Wolken empor, und schon nach kurzer Zeit hatten sie die Pilgernden eingeholt. Reiner Wind zeigte nach unten und sprach: »Derjenige, der an eine Kiefer gelehnt am Wegrand sitzt, das ist Tripitaka.« Der Große Unsterbliche senkte seine Wolke und verwandelte sich mit einer leichten Körperdrehung in einen daoistischen Wandermönch. Mit einem Staubwedel in der Hand begab er sich geradewegs zu jener Kiefer und rief Tripitaka zu: »Seid gegrüßt, Ehrwürden!« Dieser beeilte sich, den Gruß mit einer höflichen Geste zu erwidern, und sprach: »Verzeiht, dass ich Euch nicht gesehen habe!« »Woher kommt Ihr, Priester?« erkundigte sich der Unsterbliche. »Geringer Mönch stammt aus dem chinesischen Kaiserreich im Osten und pilgert auf kaiserliches Geheiß in den Westen, um Heilige Schriften zu holen.« »Seid Ihr etwa an unserer entlegenen Stätte vorbeigekommen?« fragte der Unsterbliche. »Auf welchem Berg befindet sich Eure werte Residenz?« »Es ist das Kloster der Fünf Weiler auf dem Berg des Langen Lebens.« »Nein, nein«, mischte sich Pilger eilfertig ein, dort sind wir nicht lang. Wir haben die Hauptstraße genommen.« Der Unsterbliche zeigte mit dem Finger auf ihn und rief lachend: »Du Affenpack! Mir brauchst du nichts vorzuschwindeln! Du hast unseren Ginsengbaum umgestoßen, und nun seid ihr die ganze Nacht lang geflohen. Was willst du mir noch verhehlen? Los, bring mir schleunigst den Baum wieder in Ordnung!« Als Pilger diese Worte hörte, füllte sich sein Herz mit Zorn. Ohne ein einziges Wort zu verlieren, erhob er seine Stange gegen den Unsterblichen. Dieser aber wich zur Seite und schwebte auf einem glückverheißenden Lichtstrahl in die Höhe, wo er sich in seiner ursprünglichen Gestalt zeigte. Pilger, der ohne Rücksicht auf Rang und Würde wild mit der Stange um sich schlug, wehrte der Unsterbliche mit ein paar leichten Bewegungen seines Staubwedels ab. Plötzlich aber weitete er sachte seinen Ärmel zwischen den Wolken und sog mit der Magie »Himmel und Erde im Ärmel« die vier Mönche mitsamt dem Pferd in den weiten Ärmel seines Gewandes. Ohne ein einziges Wort zu verlieren, erhob er seine Stange gegen den Unsterblichen. Zurück im Kloster, ließ er seine Jünger Stricke herbeischaffen, während ihm die ganze Schar der Unsterblichen zu Diensten stand. Seht, wie er nun die vier Pilgernden einen nach dem anderen aus dem Ärmel holt, als wären es Marionetten! Ein jeder wurde an eine Säule gefesselt, das Pferd im Hof angebunden und das Gepäck in den Korridor geworfen. Der Unsterbliche ließ seine Jünger eine Peitsche bringen und befahl: »Peitscht diese Mönche erst einmal aus, als Genugtuung für den Verlust unserer Früchte!« Die Jünger brachten eine Siebenstern-Gerte aus Drachenhaut, die in Wasser eingelegt worden war. Einer von ihnen nahm sie zur Hand und fragte: »Meister, welchen sollen wir zuerst vornehmen?« »Diesen Tripitaka! Er hat sich aufgespielt und uns beleidigt.« »Da liegt Ihr aber falsch, mein Herr!« warf Pilger ein. »Ich war es, der die Früchte gestohlen hat. Ich war es auch, der sie gegessen hat, und den Baum habe auch ich umgestoßen. Warum soll nun er geschlagen werden? Schlagt mich zuerst!« »Dieser Affenkerl hat Rückgrat«, lachte der Unsterbliche. »Dann nehmt ihn zuerst vor.« »Wie viele Streiche?« »Gleich wie die Anzahl der Früchte: Dreißig.« Der Jünger holte zum Schlag aus. Aus Furcht vor der womöglich großen Zauberkraft dieser Unsterblichen beobachtete Pilger genau, wohin die Gerte gerichtet war. Sie zielte auf die Beine. Mit einer leichten Hüftbewegung verwandelte er seine Beine in Stahl; sollte der Jünger nun schlagen, wie er wollte! Nachdem die dreißig Hiebe verabreicht worden waren, nahte schon der Mittag. Da meinte der Große Unsterbliche: »Jetzt müssen wir Tripitaka noch für die mangelnde Belehrung seiner Schüler züchtigen. Schließlich hat er es zugelassen, dass seine rücksichtslosen Schüler sich derart unmöglich aufgeführt haben.« Schon wollte der Jünger von neuem die Peitsche schwingen, als Pilger rief: »Ihr irrt schon wieder, mein Herr! Unser Meister wusste gar nicht, dass wir Früchte stahlen. Die Sache betrifft ausschließlich uns drei Ordensbrüder. Und sei es, dass unser Meister eine Strafe verdient hätte, als Schüler würde ich die Bestrafung dennoch auf mich nehmen. Schlagt wieder mich!« »Dieser Affenkerl mag wohl listig und verschlagen sein, doch hat er immerhin ein Gefühl für die Pflicht der Kindesliebe«, meinte der Große Unsterbliche. »Nun gut, schlagt auch diesmal ihn.« Es folgten weitere dreißig Peitschenhiebe. Pilger blickte auf seine Beine hinunter, die bereits spiegelglatt gehauen waren, doch er fühlte nicht den geringsten Schmerz. Als schließlich der Abend nahte, bestimmte der große Unsterbliche: »Legt die Peitsche ins Wasser, wir machen morgen weiter.« Da zogen sich alle in ihre Klausen zurück und legten sich schlafen. Davon sei hier nicht weiter die Rede. Über Tripitakas Wangen rollten die Tränen; mit bitterem Tadel wandte er sich an die drei Schüler und sagte: »Ihr seid schuld an diesem Übel! Und mich zieht ihr in Mitleidenschaft. Wie soll ich das verstehen?« »Still!« flüsterte Pilger. »Wir warten noch einen Augenblick, dann brechen wir auf.« Bald war im Kloster kein Laut mehr zu hören. Pilger verkleinerte sich, schlüpfte aus den Fesseln und flüsterte: »Meister, wir können gehen!« Nachdem er alle drei von den Stricken befreit hatte, holte er Gepäck und Pferd, und sie traten ins Freie. Gleichzeitig befahl er Bajie, vier Weidenbäume zu fällen, deren Zweige zu knicken und die Bäume mit Stricken an die vier Säulen zu binden. Anschließend murmelte er einen Zauberspruch, biss sich die Zunge blutig und bespuckte die Bäume mit Blut. Mit dem Ruf »Verwandlung!« nahmen die Bäume auf der Stelle die Gestalt der vier Schriftenholer an, ja sie konnten sogar sprechen und reagierten auf ihre Namen. Nun eilten die beiden dem Meister nach. Auch in dieser Nacht trabte das Pferd ohne Unterlass, bis der Morgen dämmerte und der Priester auf dem Sattel einzunicken begann. Pilger bemerkte es und sagte: »Unser Meister hält nicht länger durch. Lasst uns hier am Hang Rast halten, bevor wir weiterziehen.« Lassen wir Meister und Schüler ein Weilchen am Wegesrand ruhen und wenden wir uns wieder dem Großen Unsterblichen zu. Dieser war früh aufgestanden, hatte gefrühstückt und war dann in die Halle getreten, wo er seinen Jüngern befahl, die Peitsche zu holen. »Heute muss dieser Tripitaka ausgepeitscht werden«, bestimmte er. Der junge Unsterbliche schwang die Peitsche, blickte Tripitaka an und rief: »Jetzt kommst du dran!« »Nur zu«, machte der Weidenbaum gelassen. Dreißig Peitschenhiebe fuhren prasselnd auf ihn nieder. Anschließend wandte er sich an Bajie und Sandmönch und verpasste jedem seinen Anteil. Am Ende nahm er sich abermals Pilger vor. Da durchfuhr Pilger unterwegs plötzlich ein kalter Schauder. »Schlimm!« dachte er, »als ich die Weiden in uns verwandelt habe, dachte ich, heute würde er mich bestimmt in Ruhe lassen, nachdem er mich schon gestern zweimal ausgepeitscht hat. Aber jetzt schlägt er meinen Verwandlungsleib, das schaudert mich am ganzen Körper. Ich muss das rückgängig machen.« Hastig murmelte er einen Zauberspruch, der die Magie im Kloster beendete. Seht, wie dem Jünger jetzt vor Verblüffung die Peitsche aus der Hand fällt! »Meister«, rief er, »was wir eben ausgepeitscht haben, waren nichts als Weidenbäume!« Da gab der Große Unsterbliche ein kaltes Lachen von sich und rief: »Du bist mir ein netter Affe, Pilger Sun! Dass du geflohen bist, mag mir einerlei sein, doch wozu auch noch Fälschungen aus Weiden hierlassen? Diesmal entwischst du mir nicht!« Mit einem »Los!« schnellte er zu den Wolken, spähte nach Westen und sah, wie die vier Schriftenholer gerade ihr Gepäck aufschulterten und dem Pferd die Sporen gaben. Er senkte seine Wolke und rief: »Pilger Sun, wo willst du hin? Gib mir meinen Ginsengbaum zurück!« »Nichts zu machen«, bemerkte Bajie, »der Widersacher ist schon wieder da.« »Meister!« rief Pilger, »steckt Euch jetzt den Begriff ›Gutes tun‹ in die Tasche. Wir müssen ihm ein für alle Mal den Garaus machen, damit wir endlich frei sind.« Tripitaka erbebte am ganzen Körper und blieb ihm die Antwort schuldig. Die drei Schüler aber packten ihre Götterwaffen, umzingelten den Großen Unsterblichen und begannen ein wildes Gefecht. Der Unsterbliche hielt mit dem Fliegenwedel erst ein paar Schläge ab, bald aber breitete er seinen Ärmel aus, so dass die vier Mönche abermals mitsamt Pferd und Gepäck eingesogen wurden. Wieder kehrte der Große Unsterbliche ins Kloster zurück, zog einen nach dem andern heraus und wies mit harschen Rufen an, sie zu fesseln. Dann hieß er einen mächtigen Kessel vor der Treppe zur Halle aufstellen, darunter ein großes Feuer entfachen und den Kessel mit Pflanzenöl füllen. »Sobald das Öl siedet«, wies er an, »werft ihr Pilger Sun hinein, zur Rache für den Verlust unserer Ginsengfrüchte!« Pilger frohlockte im Stillen und meinte: »Das passt ja bestens! Ich alter Sun habe die ganze Zeit nie Gelegenheit gehabt, mich zu waschen; es juckt mich schon auf der Haut. Gern nehme ich ein Bad, danke fürs Entgegenkommen!« Bald begann es im Ölkessel zu brutzeln. Auf einmal argwöhnte der Große Heilige, dass er mit der Magie dieser Unsterblichen vielleicht doch nicht so leicht fertig würde. Er spähte darum flink nach allen Seiten, bis sein Blick auf einen Steinlöwen fiel, der am westlichen Rande der Plattform stand. Da wälzte er sich hinüber, biss die Zunge blutig und bespuckte den Steinlöwen, indem der das Wort »Verwandlung!« aussprach. Auf der Stelle erschien der Löwe in seiner Gestalt, genau wie er in Stricke gebunden. Pilger aber ließ seinen Urgeist emporschweben und schaute den Daoisten aus wolkiger Höhe zu. Nun sah er, wie einer der Schüler meldete: »Meister, das Öl kocht!« Der Große Unsterbliche befahl, Pilger Sun zu holen. Als vier Jünger ihn herbeitragen wollten, vermochten sie ihn nicht vom Fleck zu rühren. Auch zu acht ging es nicht, und es half auch nichts, dass nochmals vier zu Hilfe kamen. »Es ist, als wäre dieser Affe mit der Erde verwachsen!« klagten sie, »er ist zwar klein, aber ganz hart und kompakt.« Endlich schafften es zwanzig unsterbliche Knaben mit vereinten Kräften, ihn wegzutragen und in den Kessel zu werfen. Es gab einen Knall, das Öl spritzte und verpasste den umstehenden Jüngern große Brandblasen im Gesicht. Da hörte man den Heizer rufen: »Der Kessel rinnt, der Kessel rinnt!« Schon war das Öl ausgelaufen und der Kessel entzwei. Drinnen aber fand man einen Steinlöwen. »Du unverschämter Affenkerl!« schrie der Große Unsterbliche wütend. »Vor meinen Augen betrügst du mich mit hinterhältigen Tricks! Dass du entwischt bist, soll mir einerlei sein, doch warum musst du mir auch noch den Herd verwüsten? Unmöglich, hoffnungslos, den Kerl kriegen wir nicht zu fassen, dann lassen wir ihn eben laufen. Doch bringt jetzt einen neuen Kessel, zur Rache werfen wir Tripitaka hinein!« Pilger, der auf halber Höhe zugehört hatte, sauste nach unten, trat mit gefalteten Händen vor den Unsterblichen und sprach: »Tut das meinem Meister nicht an. Steckt bitte mich in den Ölkessel.« »Du Affenlump«, wetterte der Unsterbliche, »warum zerstörst du mir mit deinen Tricks den Herd?« Pilger lachte: »Wenn Ihr das Pech habt, mir zu begegnen, kann ich nichts dafür, wenn Euer Herd kaputtgeht. Ich hätte Euer liebenswürdiges Angebot gern angenommen, doch musste ich unbedingt meine Notdurft verrichten. Hätte ich das im Kessel getan, wäre doch das ganze Öl verdorben, und ihr hättet es nicht mehr zum Kochen verwenden können. Jetzt aber bin ich ganz sauber, also lasst von meinem Meister ab und steckt mich hinein!« Der Große Unsterbliche lachte bitter auf, trat aus der Halle und packte ihn mit einem Griff. Und da wir nicht wissen, was er ihm nun sagen wollte, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第026回 / 26. Kapitel Wukong sucht drei Inseln nach Rezepten ab / Guanyin heilt mit süßem Tau den Ginsengbaum Halte dich in weltlichen Belangen An »Klinge« auf dem »Herzen«: Das Erdulden; Auf dem Wege der Vervollkommnung hingegen Bedenke »Aber« neben »Zoll«: Beharrlichkeit.192 So gibt es denn auch unter Starken Solche, die noch stärker sind; Nachsicht üben mit den Menschen Hat seit alters seinen Grund. Doch berichten wir nun, wie Meister Zhenyuan, der Große Unsterbliche, Pilger festhielt und sprach: »Ich weiß ja, was für Fähigkeiten du hast. Doch diesmal hast du die Grenze des Annehmbaren überschritten und das Herz betrogen. Wohin du dich auch wenden magst, mir wirst du nicht entkommen, und sei es, dass ich mit dir in den Westen reise. Selbst wenn du deinen Buddha gesehen hast, wirst du nicht umhinkommen, mir meinen Ginsengbaum zurückzugeben, und zwar ohne falsche Tricks!« »Ach, mein Herr, Ihr seid gar kleinlich!« lachte Pilger. »Den Baum wiederherzustellen ist doch nicht schwierig! Hättet Ihr das früher gesagt, dann hätten wir uns das ganze Kräftemessen ersparen können.« »Und ich hätte dich einfach laufen lassen?« »Sobald Ihr meinen Meister befreit, mache ich den Baum wieder lebendig, einverstanden?« schlug Pilger vor. »Falls du den Baum heilen kannst, schließe ich mit Freuden Brüderschaft mit dir.« »Darauf kommt’s nicht an. Wenn Ihr meinen Meister und meine Ordensbrüder freilasst, könnt Ihr Euch auf den alten Sun verlassen. Ich werde dafür sorgen, dass Euer Baum wieder lebendig wird«, versprach Pilger. In der Gewissheit, dass Pilger ihm nicht zu entgehen vermochte, gab der Große Unsterbliche den Befehl, Tripitaka, Bajie und Sandmönch loszubinden. »Wo willst du denn ein Heilmittel finden?« fragte Tripitaka. Pilger meinte: »Schon im Altertum hieß es doch: ›Arzneien kommen über den Ozean.‹ Ich gehe jetzt zum Ostmeer auf die Drei paradiesischen Eilande und die Zehn Inseln der Unsterblichen. Dort werde ich die Erleuchteten und Heiligen um eine Methode zur Wiederbelebung bitten. Ich garantiere Euch, dass ich den Baum wieder lebendig kriege.« »Wie lange geht es, bis du wieder da bist?« fragte Tripitaka besorgt. »Nicht länger als drei Tage«, gab Pilger zur Antwort. »Gut, dann setze ich dir eine Frist von drei Tagen«, bestimmte Tripitaka. »Falls du innerhalb von drei Tagen zurück bist, soll es mir recht sein; falls nicht, werde ich den Spruch aufsagen.« »Zu Befehl, zu Befehl«, meinte Pilger. Seht, wie er sich im Überschlag zu den Wolken hochschwingt! Schnurstracks sauste er zum Östlichen Ozean und landete auf der paradiesischen Insel Penglai. Dort wandelte er in der wundervollen Landschaft dahin und konnte sich kaum sattsehen, bis er auf einmal drei Greise gewahrte, die vor der Grotte der Weißen Wolken unter einer Kiefer beim Schachspiel saßen. Der eine, der zuschaute, war der Sterngott der Langlebigkeit, die beiden anderen Spieler waren der Sterngott des Glücks und der Sterngott des Reichtums. Pilger trat auf sie zu und rief: »Seid gegrüßt, alte Brüder!« Als die drei Sterngötter ihn erblickten, schoben sie die Steine vom Brett, hießen ihn willkommen und fragten: »Was treibt Euch hierher, Großer Heiliger?« »Ich komme eigens, mich mit Euch zu vergnügen«, meinte Pilger. »Ich hörte sagen, Ihr hättet den Daoismus verworfen und Euch dem Buddhismus zugewandt, um den Priester aus China in den Westen zu begleiten«, wunderte sich der Gott der Langlebigkeit. »Wie kommt es, dass Ihr dabei noch Zeit findet, uns zum bloßen Vergnügen aufzusuchen?« »Nun«, meinte Pilger, »ich will es Euch offen sagen: Eben wegen dieser Westreise bin ich alter Sun in Schwierigkeiten geraten. Darum muss ich Euch mit einer Kleinigkeit belästigen, falls das genehm ist.« »Wo seid Ihr denn in Schwierigkeiten gekommen?« fragte der Gott des Glücks. »Im Kloster der Fünf Weiler auf dem Berg des Langen Lebens.« »Das ist doch da, wo der Große Unsterbliche Zhenyuan wohnt«, meinten die drei und fragten: »Ihr habt doch nicht etwa heimlich von seinen Ginsengfrüchten gegessen?« »Was sollen die schon wert sein?« gab Pilger lachend zurück. »Dieser Affe!« empörten sich die Sterngötter. »Ihr wisst wirklich nicht, was wertvoll ist. Diese Früchte heißen ›Geläutertes Pflanzen-Elixier des ewigen Lebens‹; ihre Wirkung entspricht einem Grad der Vervollkommnung, der die unsere weit übersteigt! Mit diesen Früchten kann der Große Unsterbliche ohne weiteres ein Alter erreichen, das dem des Himmels gleichkommt. Wir hingegen mussten zu diesem Zwecke alle möglichen Praktiken üben: Die Körperessenz nähren, die Lebensenergie läutern, den Geist festigen, Drache und Tiger harmonisieren, mit dem Trigramm Kan das Trigramm Li auffüllen; weiß der Himmel wie lange wir uns damit abgemüht haben. Wie könnt Ihr nur am Wert dieser Früchte zweifeln! Auf der ganzen Welt gibt es nur diese eine beseelte Wurzel.« »Beseelte Wurzel, beseelte Wurzel«, brummte Pilger, »diese Wurzel hab ich schon erledigt!« Bestürzt horchten die Greise auf: »Was, Ihr habt sie vernichtet?« Da erzählte ihnen Pilger die ganze Geschichte von den gestohlenen Früchten und dem umgestoßenen Baum und schloss mit den Worten: »Jetzt bin ich gekommen, Euch alte Brüder um ein Rezept zu bitten, mit dem man diesen Baum heilen kann. Wenn Ihr mir eins gebt, kann ich Tripitaka befreien.« Die Greise aber seufzten und sprachen: »Großer Heiliger, wenn Ihr nun ein Tier getötet hättet, sei es Vieh, Geflügel oder Insekt, sei es geschuppt oder gepanzert, dann wäre es für uns ein Leichtes gewesen, die Kreatur wieder ins Leben zu rufen. Ein Kügelchen Elixier, klein wie ein Hirsekorn, hätte ausgereicht. Der Ginsengbaum jedoch ist die beseelte Wurzel der Götter und Unsterblichen; wie sollte man ihn heilen können? Nein, wir haben kein Rezept.« Pilger zog die Brauen zusammen. »Großer Heiliger«, sprach der Sterngott des Glücks, »vielleicht findet Ihr anderswo eine Arznei. Wozu gleich Kummer und Sorgen?« »Natürlich«, gab Pilger zurück, »wenn es hier nichts gibt, geh ich woanders hin, das ist keine Frage. Allein, dieser Tripitaka ist so streng und stur; er hat mir eine Frist von nur drei Tagen gesetzt. Wenn ich innerhalb dieser Frist nicht zurück bin, wird er den Reifverengungsspruch aufsagen!« »Macht Euch keine Sorgen, Großer Heiliger!« beruhigte ihn der Gott der Langlebigkeit, »Meister Zhenyuan ist zwar älter als wir, doch sind wir mit ihm bekannt. Und da wir ihn erstens schon lange nicht mehr besucht haben und zweitens uns bei ihm erkenntlich zeigen möchten, wollen wir nun alle drei bei ihm vorsprechen, Eure Lage schildern und gleichzeitig Euren Meister davon abhalten, diesen Spruch aufzusagen und Euch Fristen zu setzen. Wir werden erst wieder weggehen, wenn Ihr mit dem Rezept zurück seid.« »Habt allerbesten Dank!« rief Pilger. »Dann mögen die werten Brüder sich auf den Weg machen. Ich gehe!« Die drei Sterngötter entschwebten auf einem glückverheißenden Lichtstrahl und gelangten zum Kloster der Fünf Weiler. Die hier Versammelten vernahmen plötzlich vom Himmel her schrille Kranichrufe, da sahen sie die Götter herniederschweben. Die Jünger, die sie erblickt hatten, meldeten: »Meister, die drei Sterngötter vom Ozean sind da!« Meister Zhenyuan, der sich gerade mit Tripitaka und dessen Schülern unterhielt, eilte den Gottheiten über die Treppen der Halle zum Empfang entgegen. Bajie fasste den Gott der Langlebigkeit am Ärmel und lachte: »Na, alter Fleischkopf, wir haben uns lange nicht mehr gesehen! Bist ja frisch und fidel wie eh und je, nicht mal ’ne Mütze hast du auf!«193 Tripitaka rief Bajie barsch zurück. Dann strich er sein Gewand zurecht und begrüßte die drei Sterngötter mit tiefen Verbeugungen. Vor dem Großen Unsterblichen vollführten die Götter die Begrüßungsriten, die sich Ranghöheren gegenüber ziemen. Anschließend setzte man sich. »Lange haben wir Euer wertes Antlitz nicht mehr gesehen«, begann der Gott des Reichtums, »verzeiht uns die mangelnde Ehrerbietung. Kürzlich hat der Große Heilige unserer geringen Gegend einen Besuch abgestattet und berichtet, dass er Euren Elixierbaum beschädigt habe. Aus diesem Grunde fragte er nach einer Arznei zur Heilung des Baumes. Leider ist uns keine derartige Rezeptur bekannt, weshalb er woanders hingehen musste. Nun wäre es allerdings möglich, dass er in diesem Falle die gesetzte Frist von drei Tagen nicht einhalten könnte und der Reifverengungsspruch aufgesagt werden müsste. Wir sind nun eigens gekommen, Euch erstens einen Besuch abzustatten und zweitens um eine Verlängerung der Frist zu bitten.« »Ich werde den Spruch nicht aufsagen«, versprach Tripitaka. Doch verlassen wir einstweilen diese Versammlung der Unsterblichen und wenden uns Pilger zu, der von der Insel Penglai bereits die paradiesische Insel Fangzhang erreicht hatte. Er landete, doch diesmal hatte er keine Lust, sich an der Landschaft zu ergötzen. Wie er nun inmitten wohlriechender Dunstschleier zwischen schreienden schwarzen Kranichen daherging, kam ihm ein Unsterblicher entgegen. Es war der Königsvater des Ostens. Pilger trat auf ihn zu, legte die Hände zur Begrüßung übereinander und rief: »Seid gegrüßt, Königsvater!« Dieser erwiderte die Geste und sprach: »Großer Heiliger, verzeiht, dass ich Euch nicht empfangen habe! Bitte kommt in mein geringes Heim zum Tee.« Schon fasste er Pilger am Arm und führte ihn in seinen Palast, der so wunderbar aussah wie die mit Purpurmuscheln geschmückten Wasserpaläste der Flussgötter, ja sogar wie der Jaspispavillon am Jadeteich. Nachdem Pilger sich gesetzt hatte, bemerkte er, wie ein unsterblicher Knabe hinter einem Paravent hervortrat. So sah er aus: Er trägt ein Daoistenkleid, Strahlend wie aus Morgenrot; Geht in leichten Strohsandalen, Ein Seidenturban ist sein Hut. Geläutert ist sein Ursprungsgeist, Von sterblichem Gebein befreit; So weilt er, das Werk vollendet, Enthoben in Glückseligkeit. Er hat Essenz, Energie und Geist In ihrem Quell und Lauf erschaut; Ohne Fehl und ohne Falsch Weiß er um das Oberhaupt.194 Er, der weltlichem Ruhm entfloh, Freut sich nun am ewigen Leben; Konnte bei der Königinmutter Sich dreimal an Pfirsichen laben. So tritt er in Weihrauchdüften Hinter dem Windschirm hervor; Dieser junge Unsterbliche ist Kein anderer als Dongfang Shuo!195 Pilger musste lachen: »Ha, du kleiner Bandit bist ja auch hier!« rief er ihm zu, »beim Königsvater gibt’s aber keine Pfirsiche zu naschen.« Dongfang Shuo machte eine höfliche Verbeugung und gab zurück: »Was treibt denn dich hierher, du alter Räuber? Bei meinem Meister gibt’s kein Elixier zu stehlen!« »Manqian!« wies ihn der Königsvater zurecht, »lass die Bemerkungen und gieße Tee auf!« Manqian, das war der daoistische Ordensname von Dongfang Shuo. Nachdem man den Tee getrunken hatte, sagte Pilger: »Ich alter Sun muss Euch mit einer Bitte belästigen, wenn Ihr das erlaubt.« »Worum geht es?« fragte der Königsvater, und Pilger berichtete von neuem, was geschehen war. »Ich habe hier ein Neunfach Geläutertes Elixier des Höchsten Einen«, sprach der Königsvater, »doch dieses heilt nur Menschen, keine Bäume. Würde es sich um eine normale irdische Pflanze handeln, ginge es ja noch, doch dieser Ginsengbaum ist eine göttliche Wurzel aus dem Uranfang der Welt! Wie sollte man so etwas heilen können? Nein, ich habe kein Rezept.« »Wenn Ihr nichts habt, dann empfehle ich mich!« meinte Pilger, stieg abermals auf eine Wolke und kam direkten Weges zur paradiesischen Insel Yingzhou. Bei einem zinnoberroten Felsen, unter purpurnen Eiben, gewahrte er mehrere Unsterbliche, alle mit knabenhaften Gesichtern und Schläfenhaaren wie Kranichgefieder, die Schach spielten, Wein tranken und sich lachend mit Plaudern und Singen vergnügten; es herrschte fröhliche Ausgelassenheit. »Lasst mich doch auch mitspielen!« brüllte Pilger. Die Unsterblichen blickten hoch und eilten ihm zur Begrüßung entgegen. Pilger erkannte nun, dass es die Neun Alten waren, und bemerkte lachend: »Ihr alten Brüder habt es ja ganz schön gemütlich!« »Wenn Ihr, Großer Heiliger, damals nicht jenen Aufruhr im Himmelspalast veranstaltet hättet, könntet Ihr es jetzt noch viel gemütlicher haben«, erwiderten die Neun Alten. »Doch inzwischen soll es Euch ja wieder gutgehen; wie wir vernommen haben, sollt Ihr zum wahren Ursprung zurückgekehrt sein und nun zu Buddha in den Westen pilgern? Wie kommt es, dass Ihr da noch Zeit findet, uns zu besuchen?« Ausführlich berichtete Pilger die Sache mit dem Baum und seiner Suche nach einer Arznei. »Was habt Ihr da für ein Unheil angerichtet!« riefen die Neun Alten bestürzt, »was für ein Unheil! Bei uns gibt es wahrhaftig keine Arznei.« »In dem Fall verabschiede ich mich«, meinte Pilger. Als die Neun Alten ihn baten, eine Weilchen zu bleiben und von dem erlesenen Jaspistrunk und den smaragdenen Lotoswurzeln zu kosten, leerte er im Stehen einen Becher, verzehrte ein Stück Lotoswurzel und eilte dann direkten Wegs dem Östlichen Ozean entgegen. Schon bald erblickte er die Insel Potalaka, senkte seine Wolke und landete auf dem Gipfel des Potalaka-Berges, wo er auch schon die Bodhisattva Guanyin erblickte, die gerade am Purpurbambushain den Gottheiten aller Himmel die heiligen Schriften predigte. Der Bodhisattva war Pilgers Kommen nicht entgangen, und sie befahl dem großen Wächtergott des Berges, den Ankömmling in Empfang zu nehmen. Da trat der Wächtergott aus dem Wald und rief laut: »Sun Wukong, wohin des Wegs?« Pilger blickte jäh auf, dann fauchte er: »Dieser Bärengeist! Bist du es, der mich ›Wukong‹ gerufen hat? Hätte ich dir damals nicht das Leben geschenkt, wärst du längst ein Leichengespenst am Schwarzwindberg. Und jetzt, da dir bei Guanyin ein gutes Schicksal sicher ist, nennst du mich beim Vornamen! Kannst du mich nicht wenigstens mit ›Werter Herr‹ anreden?« »Großer Heiliger«, meinte der Wächtergott mit einem versöhnlichen Lächeln, »schon die Weisen des Altertums sagten: ›Der Edle gedenkt nicht alter Zwiste.‹ Wozu noch auf dieser Sache rumreiten. Bodhisattva Guanyin schickt mich, Euch zu empfangen.« Pilger folgte dem Wächtergott in den Purpurbambushain, begrüßte Guanyin mit einer ehrerbietigen Verneigung und erzählte auf ihre Frage nach dem Grund seines Kommens die ganze Begebenheit von neuem. »Warum warst du denn erst auf den Inseln, statt gleich zu mir zu kommen?« fragte Guanyin. Pilger frohlockte insgeheim, trat vor und bat inständig um Hilfe. Guanyin sprach: »Der süße Tau in meiner reinen Vase eignet sich bestens zur Heilung himmlischer Bäume und beseelter Keime.« »Habt Ihr das schon einmal ausprobiert?« wollte Pilger wissen. »Ich habe einst eine Wette gegen Laozi gewonnen. Er hat meine Weidenzweige genommen und sie in seinen Elixierofen gesteckt, wo sie vollkommen ausgetrocknet und verkohlt sind. Dann hat er sie mir zurückgegeben. Ich aber habe sie in diese Vase gesteckt, und nach einem Tag und einer Nacht waren sie wieder so frisch und grün wie zuvor.« »Wunderbar, wunderbar!« lachte Pilger. »Wenn damit selbst verkohlte Zweige geheilt werden, wird es ja ein Leichtes sein, einen umgestürzten Baum zum Leben zu erwecken!« Die Bodhisattva hieß ihr Gefolge den Bambushain bewachen und rief: »Ich bin gleich wieder da!« Mit der Vase in der Hand schritt sie voran, ein weißer Papagei flatterte kreischend vor ihr her, und Sun Wukong folgte ihr nach. Doch lasst uns berichten, wie der Große Unsterbliche, der sich gerade im Kloster mit den drei Sterngöttern unterhielt, sah, wie der Große Heilige herniederschwebte und rief: »Bodhisattva Guanyin ist da!« Aufgeregt eilten alle nach draußen, sie in Empfang zu nehmen. Die Bodhisattva ließ ihre glückverheißende Wolke herniederschweben, wechselte erst mit Meister Zhenyuan ein paar Worte und begrüßte dann die drei Sterngötter. Pilger führte Tripitaka, Bajie und Sandmönch vor ihren Thronsitz, wo sich alle tief vor ihr verneigten. Auch die Unsterblichen des Klosters kamen alle herbei und verneigten sich ehrerbietig. »Großer Unsterblicher«, meinte Pilger, »wir wollen keine Zeit verlieren. Bitten wir doch die Bodhisattva jetzt gleich, Euren Baum zu kurieren.« Meister Zhenyuan ließ in aller Eile die Gartenhöfe reinigen und Altartische mit Räucherwerk und Kerzen darin aufstellen, dann führte er die Bodhisattva allen voran in den Garten. Die anderen folgten ihr nach, bis in den Hof, wo der gestürzte Baum lag, die Erde aufgebrochen, die Wurzeln in der Luft, Blätter und Äste abgefallen und verdorrt. Guanyin befahl Pilger, die Hand auszustrecken. Dieser streckte ihr seine linke Handfläche entgegen, worauf die Bodhisattva ihm mit dem Weidenzweig, den sie zuvor in den süßen Tau ihrer Vase getunkt hatte, ein magisches Zeichen zur Wiederbelebung auf seine Handfläche malte. Dann befahl sie ihm, seine Hand so lange unter die Wurzeln zu halten, bis Wasser austreten würde. Pilger ballte die Faust und hielt sie ins Wurzelwerk. Schon nach kurzer Zeit quoll frisches, klares Wasser aus der Erde.196 »Das Wasser muss mit einem Gefäß aufgefangen werden, das keiner der Fünf Wandlungsphasen angehört«, erklärte Guanyin nun. »Man muss es mit Jadeschalen schöpfen, dann den Baum aufrichten und ihn von oben mit dem Wasser besprühen. Auf diese Weise wird er wieder lebendig werden.« Meister Zhenyuan befahl seinen Jüngern, dreißig bis fünfzig Jadetassen und Jadeschalen zu bringen. Damit wurde die Flüssigkeit geschöpft, während Pilger zusammen mit Bajie und Sandmönch den Baum aufstemmte, bis er wieder senkrecht stand. Dann häuften sie Erde über die Wurzeln. Anschließend reichte man Guanyin ein Jadegefäß nach dem anderen; sie tunkte den Weidenzweig in die Flüssigkeit und besprengte den Baum, indem sie heilige Mantras murmelte. Es dauerte nicht lange, da hatte sie die geschöpfte Flüssigkeit über dem Baum versprüht. Und nun konnte man tatsächlich zusehen, wie der Baum wieder frisch und grün wurde und sein dichtes, schattenspendendes Laubwerk neu entfaltete, mit dreiundzwanzig Ginsengfrüchten an den Ästen. Guanyin tunkte den Weidenzweig in die Flüssigkeit und besprengte den Baum, indem sie heilige Mantras murmelte. Verwundert riefen Reiner Wind und Klarer Mond: »Als wir vor ein paar Tagen gesehen haben, dass Früchte fehlten, waren es nur zweiundzwanzig, wie auch immer wir zählen mochten. Wie kommt es nur, dass jetzt eine mehr da ist?« »Die Zeit bringt des Herzens Wahrheit ans Licht«, sprach Pilger. »Ich alter Sun habe damals nur drei Früchte gestohlen; eine ist auf den Boden gefallen. Der Erdgeist hat mir dann erklärt, dass diese Früchte in die Erde einzudringen pflegen. Bajie hat schon geglaubt, ich hätte ihn übervorteilt. Doch jetzt seht ihr ja, was los war.« »Genau deshalb, weil ich wusste, dass sich diese Pflanze nicht mit den Fünf Elementen verträgt, habe ich eben nach Gefäßen verlangt, die keiner der fünf Wandlungsphasen angehören«, sagte Guanyin. Überglücklich ließ Meister Zhenyuan umgehend das goldene Schlagstöckchen bringen und holte zehn Früchte vom Baum. Dann führte er Guanyin und die drei Sterngötter in die Tempelhalle, einerseits um sich dort gebührend bei ihnen zu bedanken, andererseits um ihnen die kostbaren Früchte aufzutischen. Seine Jünger schoben Tische und Stühle zurecht, baten die Bodhisattva auf den Ehrenplatz am oberen Tischende, die drei Sterngötter an die Plätze zu ihrer Linken, Tripitaka und seine Schüler zu ihrer Rechten, und Meister Zhenyuan setzte sich in ihre Nähe. Guanyin und die drei Sterngötter genossen je eine Frucht, sogar Tripitaka, der nun wusste, dass es sich um eine Kostbarkeit der Unsterblichen handelte, kostete eine, und auch Wukong, Bajie und Sandmönch erhielten jeder eine Frucht. Um ihnen Gesellschaft zu leisten, verzehrte auch Meister Zhenyuan eine. Die übrigbleibende Frucht wurde unter die Jünger des Klosters verteilt. Schließlich bedankte sich Pilger bei Guanyin, die auf ihre Insel Potalaka zurückkehrte, und verabschiedete sich von den drei Sterngöttern, die zur Insel Penglai entschwebten. Nun ließ Meister Zhenyuan Klosterwein auftragen und trank auf seine Verbrüderung mit Pilger. Das war nun in der Tat, wie das Sprichwort sagt: »Ohne Fehden lernt man sich nicht kennen.« So schlossen die zwei Sippen sich zusammen. Als es Abend wurde, legten sich die vier Schriftenholer frohgemut zur Ruhe. Und da wir nicht wissen, wann sie sich schließlich verabschiedeten, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第027回 / 27. Kapitel Ein Leichendämon täuscht den Priester drei Mal / Der heilige Mönch verstößt den Affenkönig Berichten wir weiter von Tripitaka und seinen Schülern, die sich am folgenden Morgen zum Aufbruch rüsteten. Meister Zhenyuan aber wollte sie um keinen Preis ziehen lassen, ohne sie mit aller Gastfreundschaft bewirtet zu haben. Daher blieben sie noch ganze fünf, sechs Tage im Kloster, bis sie sich schließlich verabschiedeten und die Weiterreise antraten. Seit der Priester von dem Geläuterten Pflanzenelixier gegessen hatte, fühlte er sich tatsächlich wie neugeboren, erfrischt im Geiste und körperlich gestärkt. Während sie so dahinwanderten, gewahrten sie in der Ferne abermals ein hohes Gebirge. Tripitaka gemahnte seine Schüler zur Vorsicht, doch Pilger meinte: »Meister, Ihr braucht Euch nicht zu sorgen, wir drei kommen schon klar!« Der gute Affenkönig! Mit quer geschulterter Stange schritt er vor dem Pferd her und machte den Bergweg frei, bis zu den hohen Gipfeln. Als sie mitten in den steilsten Felsen waren, sagte Tripitaka: »Wukong, ich fühle mich hungrig nach dem ganzen Tag. Hol mir irgendwo Almosen.« Pilger schnellte empor, hielt auf wolkiger Höhe die Hand über die Augen und spähte in alle Richtungen. Ach, wie öde sah dieser Weg nach Westen aus! In der Tat, es war eine Gegend, in der man viele Bäume sah, doch keinen einzigen Menschen. Erst nach langem entdeckte er schließlich weit im Süden einen hohen Berg, an dessen Sonnenhang rote Punkte auszumachen waren. Pilger senkte seine Wolke und rief: »Meister, hier gibt es nirgendwo menschliche Siedlungen, wo ich Euch Speisen holen könnte. Doch auf einem Berg im Süden habe ich etwas Rotes gesehen; es muss sich um reife Pfirsiche handeln. Davon werde ich Euch ein paar pflücken, damit Ihr den ärgsten Hunger stillen könnt.« Tripitaka freute sich und meinte: »Für uns Mönche sind Pfirsiche doch etwas vom Besten!« Pilger holte die Almosenschale und erhob sich auf einen glückverheißenden Lichtstrahl. Seht, wie er im Wolkenüberschlag schnurstracks gen Süden saust, um Pfirsiche zu pflücken! Doch davon sei hier nicht weiter die Rede. Nun heißt es ja seit alters her: »In hohen Bergen leben Dämonen, bei schroffen Felsen hausen Geister.« Tatsächlich wohnte auch in diesem Gebirge ein Dämon, und der fuhr gerade auf einem kalten Windstoß in wolkiger Höhe dahin, als er den am Boden sitzenden Priester entdeckte. »Oh, welch ein Glück!« frohlockte er, »seit Jahren schon sprechen die Leute doch davon, dass ein Priester aus China unterwegs sei, die Mahayana-Schriften zu holen. Es heißt, er sei die Inkarnation von Meister Goldzikade und beschreite den Weg der Vervollkommnung seit zehn Reinkarnationen. Wenn man von seinem Fleisch zu essen kriegt, wird man unsterblich! Nun ist er also tatsächlich hier.« Schon wollte er sich auf den Priester stürzen, doch da bemerkte er, wie Bajie und Sandmönch ihn zu beiden Seiten beschützten, und wagte sich nicht zu nähern. »Na, warte nur«, zischte der Dämon, »gleich werde ich ihm etwas vorgaukeln, dann sehen wir ja, wie er reagiert.« Er dämmte seinen kalten Wind, landete in einer Talsenke und verwandelte sich mit einer leichten Körperdrehung in eine anmutige junge Frau mit bezauberndem Antlitz. Mit einer blauen Keramikdose in der linken und einem grünen Porzellanfläschchen in der rechten Hand kam er den Pilgernden von Westen her entgegen. Als Tripitaka die Frau erblickte, meinte er zu Bajie und Sandmönch: »Eben hat Wukong noch behauptet, das sei eine menschenleere Gegend. Doch seht, dort drüben kommt ja jemand!« Da meinte Bajie: »Dann geh ich alter Eber mal schauen.« Der Tölpel legte seinen Rechen ab und stapfte, um vornehme Haltung bemüht, der jungen Frau entgegen. So war sie in der Tat: Zart und fein wie Weidenblätter Sind die dunkelgrünen Brauen, Helle Silbersterne funkeln Aus den mandelschönen Augen. In dem mondengleichen Antlitz Liegt ein Hauch von Herzeleid; Von Natur aus scheint ihr Wesen Voll von reiner Lauterkeit. Einer Schwalbe gleicht ihr Leib Zwischen lichtem Weidengrün, Wie des Pirols Sang im Walde Klingt die Stimme süß und schön. Gleich der Apfelblüte, halb geöffnet, Von des Morgens Strahl erfüllt; Wie die Päonie, die frisch entfaltet Mit dem klaren Frühling spielt! Bei diesem Anblick regte sich in Bajie das profane Herz, und er rief ihr zu: »Werte Dame, wohin des Wegs? Was tragt Ihr denn da in der Hand?« Die Frau antwortete ohne Scheu: »Werter Priester, in der Dose habe ich gedämpften Duftreis, im Fläschchen geröstetes Mehl. Ich komme zu Euch, weil ich mein Gelübde einlösen möchte, Wandermönchen Almosen zu spenden.« Freudestrahlend wandte sich Bajie um, rannte wie ein verrückter Eber zurück und rief Tripitaka zu: »Meister! Guten Menschen steht eben der Himmel bei. Vorhin habt Ihr doch Wukong auf Almosengang geschickt, wer weiß, wo sich der Affe jetzt mit Pfirsichen vergnügt. Dabei verderben Pfirsiche doch bloß den Magen. Aber seht, da bringt uns jemand Almosen!« »Auf dem ganzen Weg durch diese Gegend sind wir noch keiner Menschenseele begegnet«, wunderte sich Tripitaka, »wo soll hier jemand Almosen bringen?« »Aber Meister, sie steht ja schon vor Euch!« Als Tripitaka die Frau erblickte, erhob er sich eilends und sprach mit gefalteten Händen: »Werte Dame, wo seid Ihr denn zu Hause? Was führt Euch mit Almosen hierher?« Der Dämon antwortete: »Werter Meister, dieses Gebirge heißt Baihuling, ›Berg des Weißen Tigers‹, eine Gegend, die selbst von Schlangen und wilden Tiere gemieden wird. Dort drüben im Westen bin ich zu Hause; meine Eltern sind sehr fromm, lesen die Heiligen Schriften und üben sich in Barmherzigkeit, auch mein Gatte ist die Wohltat in Person, stets macht er Brücken und Pfade neu begehbar, opfert Buddha und verpflegt Wandermönche. Fürwahr, es ist ein glücklicher Zufall, dass ich Euch hier begegne! Bitte erlaubt mir, Euch diese Speisen zu überreichen, mögen sie Euren ärgsten Hunger stillen.« Tripitaka zögerte noch, doch was konnte er gegen Bajies Gier tun? Denn schon packte dieser die Dose und wollte sich darüber hermachen. Im selben Augenblick schoss Pilger im Überschlag heran, fixierte die Frau mit seinen feurigen Goldaugen und sah sofort, dass es ein Dämon war. Er legte die Almosenschale zu Boden, packte seine Eisenstange und holte aus zum Hieb. Entsetzt fiel ihm der Priester in den Arm und rief: »Wukong, wen schlägst du da?« »Meister, glaubt ja nicht, die Frau, die vor Euch steht, sei eine gutherzige Person. Das ist ein Dämon, der Euch betrügen will!« rief Wukong. »Du Affenschädel!« schimpfte Tripitaka. »Die Dame ist mit dem frommen Wunsch gekommen, uns Almosen zu spenden. Wie kannst du nur behaupten, sie sei ein Dämon?« Pilger lachte: »Ach Meister, was habt Ihr für eine Ahnung! Genau auf diese Weise hab ich alter Sun damals, als ich noch als Dämon in der Wasservorhang-Grotte lebte, mich verwandelt und Leute verführt, wenn ich Lust auf Menschenfleisch hatte. Wäre ich nicht rechtzeitig gekommen, wäret Ihr der List zum Opfer gefallen!« Doch wie hätte ihm Tripitaka auch glauben sollen! Er blieb fest dabei, die Frau sei ein guter Mensch. »Meister«, meinte Pilger, »ich verstehe ja, dass ihr hübsches Antlitz Euer Herz zu weltlichen Regungen veranlassen muss. Also schlagt doch am besten gleich ein Lager auf, legt Euch zu ihr und macht sie zur Braut, dann geht jeder seiner Wege. Wäre doch eine gute Lösung? Wozu auch diese Schriften holen!« Der Priester war ja ein zartfühlender Charakter, und über den unsanften Worten Pilgers versank er in Schamröte. Da ließ Pilger seiner Wut freien Lauf und schmetterte die Eisenstange mit voller Wucht auf den Dämon. Der aber hatte auch seine Fähigkeiten und bediente sich einer Leichenmagie, indem er dem Leib vorzeitig entschlüpfte und eine gefälschte Leiche am Boden liegen ließ. Der Priester zitterte am ganzen Körper und stammelte: »Unerhört! Der Affe vergeht sich am Leben unschuldiger Menschen!« »Meister«, rief ihm Pilger zu, »kommt doch und schaut, was in der Dose und im Fläschchen war!« Tripitaka ging hin und schaute. Da war ja keine Spur von Duftreis und geröstetem Mehl! Stattdessen war die Dose voller Maden, und ein paar hässliche Kröten hüpften über den Boden. Nun schenkte er Pilger doch ein wenig Glauben. Bajie aber rümpfte die Nase und sagte: »Die Frau war doch eine einheimische Bäuerin! Wie kannst du sie bloß für einen Dämon halten? Meister, Wukong hat bloß Angst, dass Ihr diesen Verengungsspruch wieder aufsagt, darum gaukelt er Euch diese Dinger vor!« Mit diesem Satz geriet Tripitaka ins Unheil! Denn jetzt ging er tatsächlich Bajies Aufwiegelei auf den Leim, legte die Hände aneinander und begann den Reifverengungsspruch aufzusagen. »Aua, mein Kopf, mein Kopf!« schrie Pilger, »lasst ab, lasst ab! Redet doch mit mir.« »Was gibt es da zu reden!« fuhr ihn Tripitaka an. »Wir Mönche müssen uns jederzeit in der Wohltätigkeit üben, kein Gedanke unseres Herzens darf vom Guten abweichen! Wie kannst du ohne jeglichen Grund einen Menschen töten? Was bringen dann die Heiligen Schriften? Mach, dass du fortkommst!« »Aber Meister, wohin soll ich denn gehen?« fragte Pilger. »Ich will dich nicht länger zum Schüler haben.« »Wenn ich nicht Euer Schüler bin, werdet Ihr den Weg in den Westen wahrscheinlich nicht schaffen.« »Mein Schicksal hängt allein vom Himmel ab«, versetzte Tripitaka. »Glaubst du etwa, du könntest mich vor meinem vorbestimmten Lebensende bewahren? Geh weg, aber schnell!« »Meister, wenn es sein muss, dann gehe ich eben. Nur habe ich Euch Eure Gunst noch nicht vergelten können!« »Welche Gunst?« fragte Tripitaka unwirsch. Pilger warf sich ihm zu Füßen, schlug die Stirn auf den Boden und rief: »Mit dem Aufruhr im Himmelspalast brachte ich großes Unglück über mich und wurde von Buddha unter den Grenzberg gesperrt. Meine Befreiung habe ich allein Bodhisattva Guanyin und Euch, Meister, zu verdanken. Guanyin erteilte mir die Gebote, und Ihr habt mich aus dem Berg befreit. Wenn ich Euch nicht bis in den Westhimmel begleiten kann, bin ich nichts als ein undankbarer Heuchler, und mein schimpflicher Name wird über alle Zeiten hinweg nicht erlöschen!« Nun war Tripitaka ja ein barmherziger Mönch, und als er Pilgers verzweifelte Klage hörte, lenkte er ein: »Nun gut, dieses eine Mal will ich dir noch verzeihen. Aber führe dich niemals wieder so schändlich auf. Wenn es noch einmal zu einer Gewalttat kommt, werde ich den Spruch auf der Stelle zwanzig Mal aufsagen!« Da half ihm Pilger aufs Pferd und reichte ihm die Pfirsiche, die er gepflückt hatte. Auf dem Sattel verzehrte Tripitaka einige, um den größten Hunger zu stillen. Doch lasst uns nun von dem Dämon berichten, der knapp dem Tode entronnen und in die Lüfte gestiegen war. In der Höhe zischte er zähneknirschend: »Seit Jahren habe ich von seinen magischen Kräften reden hören. Da ist tatsächlich was dran. Der Priester selbst hat mich nicht erkannt; er hätte gleich zu essen begonnen. Hätte er nur den Kopf gesenkt, um die Speisen zu riechen, dann hätte ich ihn gepackt, und er wäre mein gewesen! Doch der andere hat mir alles verdorben; um ein Haar hätte er mich auch noch mit seiner Stange getroffen. Ha, den lasse ich mir nicht entgehen! Warte nur, jetzt geh ich noch mal runter und gaukle ihm was vor.« Der gute Dämon! Auf einer düsteren Wolke landete er am Berghang, verwandelte sich mit einer leichten Körperdrehung in ein altes Weib um die achtzig und ging, auf einen Spazierstock aus Bambus gestützt, mit kleinen Schritten schluchzend auf die Schriftenholer zu. Bajie erblickte sie und rief: »O Meister, wie schrecklich! Das ist gewiss die Mutter der Dame, die mein Ordensbruder ermordet hat!« »Lass den Quatsch«, wies Pilger ihn zurecht, »die junge Frau war nicht mehr als achtzehn Jahre alt, und die hier ist um die achtzig. Soll sie etwa mit sechzig noch geboren haben? Garantiert ist auch das ein Trugbild. Wartet, ich alter Sun gehe mal hin.« Mit kraftvollen Schritten ging Pilger auf das Weib zu, erkannte den Dämon und erhob, ohne ein Wort zu verlieren, seine Stange gegen ihn. Kaum hatte der Dämon die Stange bemerkt, griff er zur selben Methode wie zuvor und ließ seinen Urgeist aus dem Körper fahren, worauf abermals eine falsche Leiche am Wegesrand liegen blieb. Tripitaka, der die Szene fassungslos mitverfolgt hatte, glitt vom Sattel zu Boden, wo er reglos und ohne jede Diskussion den Spruch zwanzig Mal hintereinander aufsagte. Dem armen Pilger wurde der Kopf so stark eingeschnürt, dass er aussah wie eine taillierte Kalebasse! In quälenden Schmerzen wälzte er sich über den Boden und flehte: »Meister, hört auf! Sprecht doch mit mir!« »Es gibt nichts zu sagen!« fuhr Tripitaka ihn an. »Die ganze Zeit über versuche ich dich zu ermahnen, und du machst nichts als Grausamkeiten; einen Menschen nach dem anderen schlägst du tot! Das kann doch nicht wahr sein!« »Es war ein Dämon«, entgegnete Pilger. »Unsinn!« rief Tripitaka, »es kann doch hier nicht so viele Dämonen geben? Du bist einfach mit voller Absicht gewalttätig. Mach, dass du fortkommst!« »Ihr wollt mich wieder fortschicken? Nun, dann will ich eben gehen, nur gibt es da noch etwas, das nicht in Ordnung ist.« »Was denn?« »Ehrlich gesagt, Meister, damals als ich mich in der Wasservorhang-Grotte auf dem Blumen-Früchte-Berg als großer Held aufspielte, hatte ich ein richtig königliches Auftreten. Doch seit ich Euch als Schüler diene, habe ich diesen Reif um die Stirn, und damit kann ich doch nicht vor meine Landsleute treten! Wenn Ihr mich nicht mehr wollt, dann sagt bitte einen Zauberspruch, der den Reif ablöst, so dass ich ihn Euch zurückgeben kann, dann werde ich Eurem Willen gerne folgen. Immerhin habe ich Euch ein Stück weit begleitet, das bisschen Mitgefühl werdet Ihr doch wohl noch haben.« Betroffen sagte Tripitaka: »Die Bodhisattva hat mich damals nur einen Spruch zur Reifverengung gelehrt, keinen zum Lösen!« »Dann lasst mich doch mit Euch weiterziehen.« Der Priester sah, dass er keine andere Wahl hatte, und sprach: »Nun, steh auf. Noch einmal will ich dir verzeihen. Doch darfst du nie wieder Gewalt anwenden!« »Ich werde es nicht mehr riskieren«, versprach Pilger. Abermals half er dem Meister in den Sattel, dann ging er voran und machte den Pfad frei. Doch wenden wir uns wieder dem Dämon zu, der auch diesmal heil davongekommen war. Bewundernd murmelte er auf halber Höhe: »Dieser Affenkönig hat es in sich! Er hat mich sogar in dieser Verwandlung erkannt. Die Mönche reisen schnell, sobald sie über den Berg sind, vierzig Meilen weiter westwärts, ist mein Machtbereich zu Ende. Da will ich doch lieber noch mal runtergehen und was vorgaukeln.« Der gute Dämon! Abermals vollzog er am Berghang eine Verwandlung, diesmal in einen alten Mann, der mit einem Gebetskranz in der Hand seines Weges ging. Tripitaka erblickte ihn vom Pferd aus und rief: »Buddha Amithaba! Seht, was für ein gesegnetes Land dieser Westen ist: Der alte Mann dort kommt kaum den Berg hoch und lässt dennoch nicht vom Gebet ab!« »Meister«, fiel ihm Bajie ins Wort, »bloß kein vorzeitiges Lob! Der Mann ist doch gerade die Wurzel des Übels!« »Wieso die Wurzel des Übels?« fragte Tripitaka erstaunt. »Pilger hat doch seine Tochter und seine Frau erschlagen. Gewiss ist dies der Vater, der uns jetzt aufsucht. Wenn wir ihm in die Arme laufen, müsst Ihr das womöglich mit dem Leben bezahlen!« »Diese Wurzel der Dummheit quatscht wieder Unsinn!« rief Pilger. »Wartet, ich alter Sun will mir das mal ansehen.« Er versteckte seine Stange hinter dem Rücken, trat auf den Dämon zu und rief: »Wohin des Wegs, werter Herr? Wozu sagt Ihr beim Wandern Gebete auf? Na, versuche bloß nicht, mich hinters Licht zu führen, ich weiß ganz genau, dass du ein Dämon bist!« Dem Dämon verschlug es vor Schreck die Sprache. Pilger packte seine Eisenstange, doch dann dachte er bei sich: »Schon zweimal ist mir dieses Ungeheuer entwischt. Wenn es noch mal so geht, ist meine Arbeit schon wieder umsonst. Nein, diesmal muss ich ihm den Garaus machen! Und sollte es mir der Meister wieder übelnehmen, dann verlasse ich mich einfach auf meine Überredungskünste.« Der gute Große Heilige! Mit einem Zauberspruch rief er den ortsansässigen Erdgeist und den Geist des Gebirges zu sich und sprach: »Dieser Dämon hat meinen Meister dreimal in die Irre geführt. Diesmal muss ich ihn erledigen. Steht mir in der Luft bei, ihn abzufangen. Er darf auf keinen Fall entkommen!« Gehorsam bezogen die Geister in den Wolken Stellung. Pilger aber schwang seine Stange und erschlug den Dämon, so dass diesmal auch sein Geist erlosch. Entsetzt saß Tripitaka auf dem Pferd, zitterte und brachte kein Wort heraus. Bajie, der neben ihm stand, bemerkte grinsend: »Der gute Pilger ist übergeschnappt! In keinem halben Tag hat er drei Menschen umgebracht!« Schon wollte Tripitaka mit dem Aufsagen des Zauberspruchs beginnen, doch Pilger sprang vor sein Pferd und rief: »Meister, sagt den Spruch nicht auf, kommt her und schaut Euch das an!« Am Boden lag ein Haufen weißer Knochen. Von Grauen gepackt rief Tripitaka: »Wukong, der Mann ist doch eben erst gestorben, wie geht es zu, dass nur noch die Knochen daliegen?« »Das war ein Leichengeist, der hier seinen Spuk getrieben hat. Er führt Menschen in die Irre, um ihr inneres Wesen zu vernichten. Jetzt seht Ihr seine wahre Gestalt, weil ich ihn erschlagen habe. Auf der Wirbelsäule seht Ihr die Schriftzeichen ›Weiße Knochenfrau‹.« Als Tripitaka diese Worte hörte, war er nun doch geneigt, ihm zu glauben. Doch wie hätte man auch verhindern können, dass Bajie wieder ins Wort fiel und rief: »Meister, es ist doch ganz klar, dass er einen Menschen erschlagen hat. Nur weil er sich vor Eurem Spruch fürchtet, gaukelt er Euch jetzt diese Erscheinung vor!« Schon war Tripitaka wieder verunsichert, schenkte von neuem Bajie Glauben und begann den Spruch aufzusagen. Von schrecklichem Schmerz gequält, kniete Pilger am Wegesrand nieder und schrie: »Hört auf, hört auf! Lasst uns miteinander reden!« »Du Affenschädel!« rief Tripitaka, »was soll es noch zu reden geben? Ein wohltätiger Mensch gleicht dem Gras im Frühling: Man sieht nicht, wie es wächst, doch mehrt es sich von Tag zu Tag. Ein schlechter Mensch jedoch gleicht dem Wetzstein: Man sieht nicht, wie er verbraucht wird, doch nimmt er täglich ab. Heute hast du nacheinander drei Menschen erschlagen und zeigst dich derart unbelehrbar; wie soll ich das noch erdulden können? Mach, dass du fortkommst!« »Meister«, rechtfertigte sich Pilger, »es war unverkennbar ein Dämon; er wollte Euch Schaden zufügen! Ich habe Euch das Übel aus dem Weg geräumt, doch Ihr schenkt Bajies Verleumdung Glauben und wollt mich fortjagen. Nun, der Volksmund sagt ›Dreimal ist ein Mal zu viel‹; würde ich jetzt nicht gehen, müsste ich mich schamlos nennen. Gut, ich gehe, wenn es denn so sein soll. Nur habt Ihr dann niemanden mehr bei Euch.« »Du Zankaffe wirst ja immer dreister!« fuhr Tripitaka auf. »Glaubst du etwa, nur du wärest jemand, Wuneng und Wujing nicht?« Da konnte der Große Heilige seinen Schmerz nicht länger unterdrücken und rief: »Ach! Damals, als Ihr von Chang’an zum Grenzberg gekommen seid und mich befreit habt, habe ich Euch als Meister anerkannt. Seither bin ich mit Euch durch alte Grotten und tiefe Wälder gegangen, habe Dämonen und Ungeheuer überwältigt, habe Bajie und Sandmönch aufgenommen und mich tausend Gefahren ausgesetzt. Und nun, da Euer Verstand verblendet ist, wollt Ihr mich einfach fortschicken. Es ist, wie man sagt: ›Ist der Vogel erlegt, legt man den Bogen nieder; ist der Hase tot, brät man den Hund.‹ Ach, sei’s drum! Nur dieser Reifverengungsspruch bleibt noch übrig.« »Ich werde ihn nie mehr aufsagen.« »Das ist nicht so sicher. Ihr braucht bloß einem schlimmen Dämon in die Fänge zu geraten, vor dem Euch Bajie und Sandmönch nicht retten können. Dann werdet Ihr Euch meiner erinnern und den Spruch doch wieder aufsagen. Und ich werde wieder Kopfschmerzen kriegen, selbst wenn ich hunderttausend Meilen weit weg bin. Statt dass ich dann wieder vor Euch trete, wäre es doch besser, von Eurem Entscheid abzusehen.« Tripitaka, der sich diese Worte mit steigendem Zorn angehört hatte, sprang vom Sattel, befahl Sandmönch, Papier und Pinsel aus dem Gepäck zu nehmen und Wasser vom Bach zu holen, rieb auf einem Stein die Tusche an und schrieb einen Entlassungsbrief. Dann hielt er Pilger das Schreiben hin und sagte: »Nimm das als Beleg, du Affenschädel! Ich will dich nicht länger zum Schüler haben. Wenn du es nicht glaubst, dann lege ich zusätzlich einen Eid ab.« Pilger nahm das Schreiben und sprach: »Ihr braucht nicht zu schwören, Meister. Ich gehe. Selbst wenn wir die Sache auf halbem Weg abbrechen und noch nichts erreicht ist, habe ich Euch ja ein Stück weit begleitet. Bitte setzt Euch, ich will mich zum Abschied vor Euch verneigen, dann kann ich Euch mit gutem Gewissen verlassen.« Tripitaka kehrte ihm den Rücken zu und rief: »Ich bin ein guter Mönch, von Übeltätern lasse ich mich nicht ehren!« Da bediente sich der Große Heilige einer Teilungsmagie, zupfte sich drei Haare aus, behauchte sie und rief »Verwandlung!«. Auf einen Schlag erschienen drei weitere Pilger, mit denen er sich nun von vier Seiten gleichzeitig vor Tripitaka verbeugte. Dieser mochte ausweichen, wie er wollte, am Ende blieb ihm doch nichts übrig, als die Huldigung über sich ergehen zu lassen. Schließlich sprang der Große Heilige auf und fing seine Haare mit einem Schütteln wieder ein. Dann wandte er sich an Sandmönch und sprach: »Bruder, du hast ein gutes Herz. Hüte dich vor Bajies Geschwätz und gib acht unterwegs. Falls irgendein Ungeheuer den Meister erwischt, dann lass es wissen, dass ich alter Sun dein Ordensbruder bin. Die lausigen Ungeheuer im Westen wissen um meine Fähigkeiten, dann werden sie dem Meister nichts anzutun wagen.« Tripitaka unterbrach ihn unwirsch: »Ich bin ein rechtschaffener Mönch. Der Name eines Übeltäters wird bei mir nicht erwähnt. Und jetzt mach, dass du fortkommst!« Der Große Heilige sah ein, dass der Priester in keiner Weise umzustimmen war. Es war nichts zu machen, er musste gehen. Es war nichts zu machen, er musste gehen. Seht, wie er den Meister verlässt und im Wolkenüberschlag dem Blumen-Früchte-Berg entgegenschwebt, einsam und elend! Auf einmal drang ein Rauschen von Meereswogen an sein Ohr. Der Große Heilige blickte nach unten und sah, dass er sich bereits über dem Östlichen Ozean befand. Sogleich musste er wieder an Tripitaka denken, und Tränen kollerten ihm über die Wangen. Da hielt er seine Wolke an und blieb in der Luft stehen. Erst nach langem setzte er den Weg fort. Und da wir nicht wissen, was auf diesen Weggang wieder folgte, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第028回 / 28. Kapitel Auf dem Blumen-Früchte-Berg versammeln sich die Affen / Im Schwarzen Kiefernwald trifft Tripitaka einen Dämon an Erzählen wir weiter vom Großen Heiligen, der nicht aufhören konnte, an Tripitaka zu denken, obschon er von ihm verjagt worden war. Lange schwebte er über dem Östlichen Ozean, und schließlich murmelte er: »Fünfhundert Jahre ist es her, seit ich diesen Weg zum letzten Mal gegangen bin!« Da schoss er hoch, sprang mit einem Satz übers Meer und kam auf den Blumen-Früchte-Berg. Hier senkte er die Wolke und riss die Augen weit auf: Auf dem Berg war alles kahl, es gab weder Blumen noch Gräser, die schönen Nebelschleier waren dahin, gestürzte Felsblöcke lagen herum, die Bäume waren verkohlt und verdorrt. Ihr fragt euch, weshalb das so war? Weil damals, als der Große Heilige festgenommen und in den Himmel abgeführt worden war, der Heilige Erlang mit seinen Gebrüdern vom Pflaumenberg den ganzen Berg in Schutt und Asche gelegt hatte! Der Große Heilige fühlte sich elend. Mitten in seinem Kummer hörte er plötzlich vom Berghang her ein Geräusch, an die acht kleine Affen sprangen hervor, warfen sich ihm zu Füßen und riefen: »Großer Heiliger! Großväterchen! Kommt Ihr endlich wieder zu uns?« »Großer Heiliger! Großväterchen! Kommt Ihr endlich wieder zu uns?« »Warum versteckt ihr euch denn?« fragte der Große Heilige. »Ich bin schon lange da und habe keine Spur von euch gesehen. Was ist denn los?« Da rollten den Affen die Tränen aus den Augen, und sie berichteten: »Großer Heiliger, seit Eurer Gefangennahme haben uns Jäger in Not und Elend gebracht. Es ist unerträglich! Was können wir ausrichten gegen ihre Pfeilgeschosse, ihre Falken und Jagdhunde? Sie töten oder fangen uns, wann immer sie können. Das ist der Grund, weshalb wir nur noch tief in der Grotte versteckt leben und uns nicht mehr draußen zu spielen trauen. Doch eben haben wir Eure Stimme erkannt, Großer Heiliger, darum sind wir gekommen, Euch zu empfangen.« Auf diese Worte fühlte sich der Große Heilige nur umso elender. Dann fragte er: »Was tun die Jäger mit denen, die sie erwischen?« »Diese Jäger«, riefen die Affen, »die sind einfach abscheulich! Jene von uns, die getötet wurden, nehmen sie mit und fressen sie auf. Diejenigen aber, die sie lebend einfangen, richten sie ab, im Kreis zu hüpfen, Theater zu spielen, auf den Straßen Gong und Trommel zu schlagen und noch vieles andere mehr.« Der Große Heilige hatte sich die Schilderung mit wachsendem Zorn angehört. »Wer hält zur Zeit Aufsicht in der Grotte?« wollte er wissen. »Oberst Ma und Liu sind noch da, die Generäle Beng und Ba auch.« »Dann geht und meldet ihnen, dass ich gekommen bin!« Ma und Liu, Beng und Ba kamen sofort nach draußen, empfingen den Großen Heiligen mit Stirnaufschlägen und führten ihn in die Grotte. Nachdem sich der Große Heilige in die Mitte gesetzt hatte, reihten sich die Affen auf, um ihn nacheinander mit tiefen Verbeugungen zu ehren. »Großväterchen, neulich haben wir gehört, dass Ihr befreit worden seid und nun den Priester aus China auf einer Reise in den Westen beschützt. Wie kommt es, dass Ihr jetzt auf unseren Berg zurückkehrt?« wollten die Affen schließlich wissen. »Ihr müsst wissen, meine Kleinen, dieser Tripitaka erkennt einfach nicht, wer gescheit ist und wer nicht«, gab der Große Heilige zur Antwort. »Für ihn habe ich die ganze Zeit über Dämonen ausgetrieben und all meine Fähigkeiten eingesetzt, die ich je erlernt habe. Als ich nacheinander ein paar Ungeheuer umgebracht habe, sagte er, ich sei gewalttätig, dann hat er mich fortgejagt und will mich nie mehr bei sich haben.« »Oh, wunderbar, wunderbar!« jubelten die Affen, »wozu auch Mönch sein? Bleibt doch ein paar Jahre hier und vergnügt Euch mit uns!« Schon ließen sie Kokoswein auftragen, um ihrem Großväterchen einen Willkommenstrunk zu offerieren. »Lasst den Wein«, beschied der Große Heilige und fragte: »Sagt mir, wie oft kommen diese Jäger?« »Sie belästigen uns Tag für Tag! Auch heute werden sie wieder kommen!« Da befahl der Große Heilige den Affen, auf dem Berg Geröll und Steine aufzuhäufen, und sprach: »Versteckt euch jetzt alle in der Grotte. Ich alter Sun werde eine Magie anwenden.« Der Große Heilige stieg auf einen Gipfel und hielt Ausschau. Schon hörte er von Süden her Gongs und Trommeln dröhnen, da tauchten über tausend berittene Jäger auf, die mit Falken und Hunden, Säbeln und Speeren auf seinen Berg zurasten. In seinem Herzen flammte der Zorn auf. Er legte die Finger aneinander, murmelte einen Zauberspruch und stieß aus der Richtung des Trigramms Xun Luft aus, worauf sich ein heftiger Sturmwind erhob, der das Geröll und die Steine mit sich riss. Alles rumpelte wild den Hang hinunter. Die armen Jäger und Pferde wurden vom Steinhagel erfasst, dass zuletzt nur noch blutige Leichen kreuz und quer am Boden lagen. Der Große Heilige klatschte in die Hände und lachte. »Ha, das macht Spaß, das macht Spaß!« schrie er. »Als ich bei Tripitaka war, musste ich mir immer seine Ermahnungen anhören: ›Auch tausend gute Taten sind zu wenig, selbst eine schlechte Tat ist schon zu viel.‹ War ja tatsächlich so. Nur weil ich seinetwegen ein paar Dämonen erschlagen habe, hat er mich schon der Gewalt bezichtigt. Aber heute, da ich wieder zu Hause bin, habe ich gleich so viele Menschen auf einmal erledigt!« Er rief alle Affen nach draußen, dann wurden den Toten die Kleider ausgezogen, die sie sich selbst anlegten, die Pferde wurden gehäutet, um aus dem Leder Stiefel zu schustern, alle Pfeilbogen, Speere und Schwerter wurden eingesammelt, um damit die Kampfkunst zu üben. Die bunten Flaggen trennte man auf, wusch sie und nähte sie zu einer großen neuen Flagge zusammen, auf der die Worte prangten: »Restauration des Blumen-Früchte-Bergs und der Wasservorhang-Grotte. Der Himmelsebenbürtige Große Heilige.« Dann richtete man einen hohen Fahnenmast auf. Täglich wurden nun Dämonen und Bestien eingeladen, Heu- und Kornvorräte wurden gelagert. Dank seines großen Beziehungsnetzes konnte der Große Heilige bei den Drachenkönigen der vier Meere außerdem göttliches Lebenswasser beschaffen, mit dem der Berg gereinigt und danach neu mit Blumen und Bäumen bepflanzt wurde. Von da an lebten sie glücklich und zufrieden, doch davon sei hier nicht weiter die Rede. Wenden wir uns stattdessen Tripitaka zu, der dem Argwohn Glauben geschenkt und den Herzaffen verstoßen hatte. Nachdem er sich in den Sattel geschwungen hatte, ging es über den Berg des Weißen Tigers, und anschließend kamen sie an einen bewaldeten Hügelzug. Dieser war in der Tat von Ranken und Lianen überwachsen, voll von tiefgrünen Zypressen und dunklen Kiefern. »Habt acht, meine Schüler!« rief Tripitaka, »dieser Bergpfad ist schwer zu begehen!« Seht nur, wie der Tölpel in frischem Schwung mit dem Rechen den Weg freischlägt und Tripitaka direkt in den Wald hineinführt! Auf einmal brachte Tripitaka sein Pferd zum Stehen und sprach: »Bajie, ich habe schon den ganzen Tag lang Hunger, kannst du mir irgendwo Almosen auftreiben?« »Steigt ab, Meister, und wartet hier«, meinte Bajie, »ich alter Eber geh Euch was suchen.« Da sprang der Priester vom Pferd, während Sandmönch das Gepäck niederlegte, die Almosenschale hervornahm und sie Bajie reichte. Dieser verließ den Kiefernwald und wanderte mehr als zehn Meilen nach Westen, doch begegnete er keiner Menschenseele. Wahrlich, das war eine Gegend der Tiger und Wölfe, von Menschen keine Spur! Erschöpft vom Gehen dachte der Tölpel: »Als Pilger noch da war, hat der alte Mönch immer gleich bekommen, was er wollte. Und jetzt soll ich seine Arbeit verrichten. Es ist genau, wie man sagt: ›Nur der Haushälter kennt den Preis für Reis und Holz; nur wer selbst Kinder erzieht, versteht die Güte seiner Eltern.‹ Hier gibt es wirklich nirgendwo Almosen zu kriegen.« Müdigkeit überfiel ihn. Da fiel sein Blick auf einen Grashaufen am Wegesrand. Schon vergrub dieser Tölpel seine Schnauze darin und fiel sogleich in tiefen Schlaf. Wenden wir uns nun dem Priester zu, der mit heißen Ohren und brennenden Augen, von Unruhe gequält, im Walde wartete. Besorgt fragte er Sandmönch: »Warum ist Wuneng wohl noch nicht zurück? Was tun wir bloß, wenn es dunkelt? Hier können wir doch nicht übernachten, wir müssen unbedingt einen Unterschlupf finden!« »Keine Sorge«, meinte Sandmönch, »ich geh ihn suchen.« »Ja, das ist gut«, nickte Tripitaka. Sandmönch packte seinen Prunkstab und stapfte zum Wald hinaus, um Bajie zu suchen. Der Priester blieb alleine im Wald sitzen und fühlte sich sehr bedrückt. Schließlich nahm er seine Kräfte zusammen, sprang auf und schlenderte durch den Wald, um die Beklemmung etwas zu mildern. Der Wald war mit dichtem Unterholz bewachsen und von vielen Pfaden durchzogen, so dass Tripitaka, in wirre Gedanken versunken, allmählich vom Weg abkam. Eigentlich hatte er gegen Westen halten wollen, war aber unversehens immer mehr gen Süden geraten. Als er an den Waldrand kam, blickte er auf und gewahrte in nicht allzu weiter Ferne ein goldenes Blinken zwischen bunten Dunstschleiern. Als er genauer hinsah, bemerkte er, dass es eine Pagode war, deren goldene Dächer im Glanz der Abendsonne funkelten. »Da haben meine Schüler ja kein Glück gehabt!« murmelte er verwundert und dachte: »Als ich im Osten aufbrach, habe ich den Entschluss gefasst, unterwegs in jedem Tempel Weihrauch zu opfern und jede Pagode auszukehren. Was dort leuchtet, ist doch eine goldene Pagode! Warum haben wir nicht schon vorher diesen Weg genommen? Zur Pagode muss auch ein Kloster mit Mönchen gehören. Da will ich doch mal hingehen. Gepäck und Pferd werde ich gewiss ein Weilchen stehen lassen können, hier kommt ja niemand vorbei. Und falls es dort eine Unterkunft gibt, brauche ich nur zu warten, bis meine Schüler zurück sind, dann können wir alle zusammen dort Rast halten.« Oho! Dem Priester schlug die Stunde des Unheils. Seht, wie er kräftig ausschreitet, direkt auf die Pagode zu! Durch das Eingangsportal gelangte er vor das Tor der Pagode und sah drinnen einen gefleckten Bambusvorhang. Er tat einen großen Schritt über die Schwelle und schob den Vorhang beiseite. Da fiel sein Blick auf eine steinerne Lagerstätte, wo ein grässlicher Dämon mit grünem Gesicht und hervorstehenden Zähnen auf die Seite gebettet lag. Entsetzt stolperte Tripitaka rückwärts und rannte davon. Doch der Dämon hatte ihn bereits bemerkt und rief seinen Untergebenen zu: »He, ihr Kleinen, wer war denn das?« »Ein Mönch mit heller Haut und zartem Fleisch«, kam die Antwort. Der Dämon grinste hämisch und meinte: »Ha, das ist doch die sprichwörtliche ›Fliege, die sich auf den Kopf der Schlange setzt: Kleid und Speise kommen von selbst‹. Bringt ihn sofort her!« Wie ein Schwarm Hornissen rauschten die kleinen Ungeheuer auf den Priester zu, trugen ihn hinein und stießen ihn dem alten Dämon zu Füßen. Tripitaka blieb nichts anderes übrig, als die Hände zu falten und das Ungeheuer höflich zu begrüßen. »Aus welchem Kloster bist du, woher kommst du, wohin gehst du? Gib Antwort!« schnaubte der Dämon. »Ich komme aus dem großen chinesischen Kaiserreich und mache auf Geheiß unseres Kaisers eine Pilgerreise in den Westen, um Heilige Schriften zu holen. Zufällig passierte ich Euren werten Berg und wollte den Heiligen dieser Pagode meine Aufwartung machen, als ich unversehens Eure Hoheit behelligte, ich bitte um Verzeihung! Wenn ich mit den Schriften zurück im Osten bin, werde ich den Namen Eurer Hoheit der Nachwelt überliefern.« Abermals gab der Dämon ein hämisches Lachen von sich und rief: »Dacht ich mir doch, dass du aussiehst wie einer aus dem großen Kaiserreich. Du bist es also tatsächlich, genau dich will ich fressen!« Er befahl seinen Untergebenen, Tripitaka mit Stricken an den Seelenbann-Pfahl zu fesseln, dann packte er einen Säbel und wandte sich wieder an Tripitaka: »Mönch! Wie viele seid ihr? Du wirst doch nicht alleine in den Westen reisen!« Wahrheitsgemäß antwortete Tripitaka: »Großer König, ich habe zwei Schüler, der eine heißt Eber Bajie, der andere heißt Sandmönch, beide sind zur Zeit auf Almosensuche. Außerdem haben wir noch unser Gepäck und ein weißes Pferd, die stehen noch im Wald.« »Da haben wir ja noch mehr Glück!« knurrte der alte Dämon. »Du und zwei Schüler macht drei, zusammen mit dem Pferd sind es vier, das reicht für eine ganze Mahlzeit.« Und er befahl seinen Untergebenen: »Schließt das Tor ab. Wenn die beiden vom Almosengang zurückkehren und ihren Meister nicht finden, werden sie von selbst hierherfinden. So heißt es ja im Volksmund: ›Geschäfte, die einem zulaufen, sind leicht zu machen.‹ Sobald sie kommen, fangt ihr sie ein.« Die kleinen Ungeheuer verriegelten das Tor. Lassen wir vorerst ab von Tripitakas Missgeschick und berichten von Sandmönch, der den Wald verlassen hatte und nach Bajie suchte. Wohl an die zehn Wegmeilen weit sah man kein einziges Gehöft. Als er an einer erhöhten Stelle Ausschau hielt, hörte er im Gestrüpp jemanden sprechen. Sofort packte er seinen Prunkstab und bog das Dickicht auseinander, da sah er den Tölpel im Gras liegen, der im Traum vor sich hin redete. Sandmönch zerrte ihn an den Ohren hoch und rief: »Du elender Tölpel! Wie kannst du hier schlafen, wenn der Meister dich Almosen holen lässt!« Der Tölpel schreckte aus dem Schlaf und sagte: »Welche Zeit haben wir denn?« »Schnell, steh auf!« rief Sandmönch, »der Meister heißt uns einen Unterschlupf suchen, egal ob wir Almosen finden oder nicht.« Verschlafen stolperte der Tölpel hinter Sandmönch her. Als sie in den Wald zurückkamen, war der Meister verschwunden. »Alles nur, weil du dummer Tölpel nicht zurückgekommen bist!« rief Sandmönch verstimmt. »Sicher ist der Meister von einem Dämon überfallen worden.« »Ach Bruder, rede keinen Unsinn«, meinte Bajie, »das ist doch ein ganz freundliches Wäldchen, hier kann es doch gar keine Dämonen geben. Ich glaube eher, dass der gute alte Mönch nicht herumsitzen mochte und ein bisschen spazierengegangen ist. Gehen wir ihn suchen.« Die beiden führten das Pferd am Halfter, schulterten das Gepäck und verließen den Wald. Eine ganze Weile suchten sie vergebens. Dann gewahrten sie auf einmal im Süden ein goldenes Funkeln. »Bruder!« rief Bajie, »dorthin muss der Meister gegangen sein, schau doch, das ist eine Pagode, die dort glänzt. Bestimmt gibt es da auch ein Kloster, wo ihn die Leute zum Essen eingeladen haben. Lass uns hingehen und auch was essen.« »Aber Bruder«, erwiderte Sandmönch, »es ist noch nicht sicher, ob das was Gutes ist oder nicht. Doch lass uns mal hingehen.« Frischen Mutes schritten die beiden auf die Pagode zu. Aber oh! Das Tor war zu. Darüber prangten auf einer weißen Jadeplatte sechs eingemeißelte Schriftzeichen: »碗子山波月洞 – Wellenmond-Grotte am Schüsselberg«. »Bruder«, raunte Sandmönch, »das ist gar kein Kloster, das ist die Grotte eines Dämons. Wenn unser Meister hier ist, werden wir ihn nicht zu Gesicht bekommen.« »Warte, ich erkundige mich mal«, meinte Bajie. Der Tölpel schwang seinen Rechen, trat vor das Tor und rief laut: »Aufmachen!« Die kleinen Ungeheuer öffneten, und kaum hatten sie die beiden erblickt, rannten sie hinein und meldeten: »Großer König, das Geschäft ist da!« »Welches Geschäft?« »Draußen stehen zwei Mönche und verlangen Eintritt. Der eine hat eine lange Schnauze und große Ohren, der andere ist ein Mönch, der ziemlich finster dreinschaut.« »Dann sind es Eber Bajie und Sandmönch!« frohlockte der alte Dämon. »Wenn die so gefährlich aussehen, dürfen wir sie nicht unbeachtet lassen.« Er ließ sich seine Rüstung geben, legte sie um, ergriff einen Säbel und trat ins Freie. Bajie und Sandmönch, die vor dem Eingangstor warteten, sahen den Dämon in kriegerischer Ausstattung hervortreten. Wie sein Name lautete, fragt ihr? Er nannte sich »Dämon der Gelben Robe«. »Woher kommt ihr und was lärmt ihr vor meiner Tür?« schrie er nun. »Na, erkennst du mich nicht, mein Kleiner?« spottete Bajie. »Wir sind auf Geheiß des Kaisers von China in den Westen unterwegs, unser Meister ist der mit dem Kaiser verbrüderte Tripitaka. Falls er sich bei dir aufhält, dann rück ihn sofort raus. Ansonsten werde ich mit dem Rechen loslegen!« Der Dämon grinste: »Ja, ja, es ist einer bei mir, der sich so nennt. Ich habe ihn nicht zu kurz kommen lassen, habe ihm bereits Menschenfleischklößchen serviert. Wollt ihr nicht hereinkommen und was davon kosten?« Allen Ernstes wollte der Tölpel eintreten, da packte ihn Sandmönch am Arm und flüsterte: »Bruder, er will dich nur hineinlocken! Seit wann isst du denn wieder Menschenfleisch?« Erst jetzt ging dem Tölpel ein Licht auf. Er packte seinen Rechen und schwang ihn gegen den Dämon, während dieser ihm mit seinem stählernen Säbel entgegentrat. Beide ließen ihre Zauberkräfte spielen, schossen zu den Wolken hoch und vollführten in den Lüften ein wildes Gefecht. Schließlich ließ Sandmönch Gepäck und Pferd stehen und eilte Bajie zu Hilfe. So rangen nun zwei grimmige Mönche und ein lausiger Dämon in der Höhe hin und her, wohl mehrere Dutzend Runden lang. Und da wir nicht wissen, wer den Sieg davontrug, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第029回 / 29. Kapitel Gerettet kommt der Flusslauf-Mönch ins Königreich / In hoher Gunst geht Bajie abermals zum Bergwald Da sich nicht erzwingen lässt, Das eitle Denken abzulegen, Wozu dann noch so beflissen Nach dem reinen So-Sein streben? Pflege deinen eignen Urgrund Vor des Buddha Angesicht, Ein Zuvor und ein Danach Gibt es bei Erleuchtung nicht!198 Denn Erleuchtung offenbart Auf einen Schlag Wahrhaftigkeit; Die Verblendung jedoch führt In den Abgrund ewige Zeit. Kann der Geist wahrhaftig Sich in der Sammlung einen, Wird dies so viele Sünden Wie Sand am Ganges sühnen.199 Doch lasst uns berichten, wie Bajie und Sandmönch mit dem Ungeheuer ganze dreißig Runden ausfochten, ohne dass ein Entscheid fiel. Ihr könnt euch ja denken, dass ihre Fähigkeiten gegen einen solchen Dämon nie ausreichen konnten! Dass der Kampf immerhin unentschieden blieb, lag allein daran, dass es Tripitaka vorbestimmt war, nicht zu sterben, weshalb die beiden von den Schutzgöttern Unterstützung erhielten. Im Verborgenen standen ihnen nämlich die sechs Ding- und die sechs Jia-Götterkrieger, die Genien, die Vier Zeitgötter und alle Schutzgottheiten der Klöster bei. Lassen wir aber kurz die drei Kämpfenden und erzählen stattdessen vom Priester, der in der Grotte verzweifelt vor sich hin schluchzte. Auf einmal bemerkte er, dass aus dem Innern der Grotte eine Frau hervortrat, ihre Hand an den Seelenbann- Pfahl legte und ihm zurief: »Wo kommt Ihr her, Priester? Warum seid Ihr hier angebunden?« Als Tripitaka dies hörte, blickte er die Frau aus seinen verweinten Augen verstohlen an. Sie mochte um die dreißig sein. »Ach, werte Dame«, sagte er, »mir war schon der Tod beschieden, als ich Euer Haus betrat. Wenn Ihr mich fressen wollt, dann stellt doch nicht noch unnötige Fragen!« »Ich bin keine Menschenfresserin«, antwortete die Frau. »Ich bin eigentlich dreihundert Meilen westlich von hier zu Hause. Dort liegt ein Königreich mit dem Namen Baoxiang, das ›Land der Kostbaren Erscheinung‹. Ich bin die dritte Tochter des Königs. Mein Kindesname lautet Baihua Xiu, ›Die hundert Blumen beschämt‹. Als ich vor dreizehn Jahren eines Abends, am fünfzehnten Tag des achten Mondmonats, draußen den Vollmond betrachtete, wurde ich von diesem Ungeheuer mit einem Orkan entführt. Dreizehn Jahre lang lebe ich hier schon als sein Weib mit ihm und habe sogar Kinder geboren. Nie habe ich bisher Nachricht an den Königshof schicken können. Ich sehne mich so sehr nach meinen Eltern und kann sie nicht wiedersehen! Woher seid Ihr denn gekommen, als er Euch gefasst hat?« »Ich geringer Mönch bin auf einer Pilgerreise in den Westen, wo ich Heilige Schriften holen wollte. Auf einem kleinen Spaziergang habe ich mich versehentlich hierher verirrt. Nun will der Dämon gar noch meine zwei Schüler einfangen und uns dann alle zusammen kochen und fressen!« Die Prinzessin lächelte und sprach: »Priester, macht Euch keine Sorgen. Da Ihr Schriftenholer seid, will ich Euch retten. Das Königreich Baoxiang liegt genau auf dem Weg in den Westen. Wenn Ihr mir versprecht, einen Brief an meine Eltern mitzunehmen, werde ich ihn überreden, Euch laufen zu lassen.« »Priester, macht Euch keine Sorgen. Da Ihr Schriftenholer seid, will ich Euch retten.« Nickend sprach Tripitaka: »Werte Dame, wenn Ihr mir geringem Mönch das Leben schenkt, will ich Euch nur allzu gern als Briefbote dienen.« Da verschwand die Prinzessin nach hinten, setzte ein Schreiben an ihre Familie auf, versiegelte es ordentlich, und nachdem sie den Priester von der Säule losgebunden hatte, überreichte sie ihm das Schreiben. Tripitaka nahm es mit beiden Händen entgegen und sprach: »Werte Dame, habt Dank für meine Rettung! Sobald ich Euer wertes Land erreicht habe, werde ich Euer Schreiben am Königshof abgeben. Zu bedenken ist allerdings, dass Eure Eltern Euch nach den langen Jahren der Trennung nicht mehr anerkennen würden; in diesem Falle sollt Ihr nicht glauben, ich hätte mein Wort gebrochen.« »Keine Sorge«, entgegnete die Prinzessin, »meinem Vater waren keine Söhne beschert, er hat nur drei Töchter. Wenn er diesen Brief sieht, wird er sich sicherlich nach mir sehnen.« Tripitaka steckte sich das Schreiben in den Ärmel, dankte der Prinzessin und schritt dem Ausgang zu. Doch sie hielt ihn zurück und sagte: »Ihr dürft nicht durch das vordere Tor, dort kämpft der Dämon gerade mit Euren Schülern! Geht zur hinteren Tür hinaus und wartet, bis ich ihn überredet habe. Dann könnt Ihr mit Euren Schülern weiterreisen.« Mit einem Stirnaufschlag verabschiedete sich Tripitaka von der Prinzessin und trat durch den hinteren Ausgang ins Freie, wo er sich im Gesträuch versteckte. Die Prinzessin aber hatte eine List ausgeheckt und trat nun eilig aus dem vorderen Tor, wo das metallene Aufschlagen der Waffen zu hören war, denn Bajie und Sandmönch kämpften ja gerade in der Höhe gegen das Ungeheuer. Da rief die Prinzessin mit lauter Stimme: »Herr der Gelben Robe!« Kaum hatte der Unhold ihre Stimme vernommen, ließ er von Bajie und Sandmönch ab, schwebte hinunter und fragte: »Was möchtest du mir sagen, mein Weib?« »Ach, mein Gatte, wie ich eben hinter zugezogenen Seidenvorhängen geschlafen habe, ist mir im Traume ein Gott in goldener Rüstung erschienen!« »Und was wollte dieser Gott bei uns?« »Es ist deshalb, weil ich als Kind einst in einem Gebet ein Versprechen abgelegt habe. Ich gelobte nämlich damals, dass ich, wenn ich einst einen guten Gatten gefunden haben würde, auf einen der berühmten buddhistischen Berge steigen würde, um dort Mönchen Almosen und wohltätige Spenden zu erteilen. Da wir nun vermählt und in trauter Ehe beisammen sind, habe ich die Sache nie angesprochen. Doch eben ist dieser Gott in goldener Rüstung gekommen und hat verlangt, dass ich mein Versprechen einlöse. Mit einem lauten Ruf hat er mich aufgeweckt, und da habe ich gemerkt, dass es ein Traum war. Jetzt bin ich gekommen, dir das zu sagen, denn ich habe zufällig gesehen, dass drinnen ein Mönch an die Säule gebunden ist. Ich bitte dich inständig, sei barmherzig und lasse meiner Wenigkeit zuliebe den Mönch laufen! So könnte ich mein Gelöbnis auch einlösen. Was meinst du dazu?« »Ach Weib, was du immer für Ideen hast! Das ist doch keine Sache; wenn ich Menschen fressen will, kann ich mir überall welche holen. Dann lass den Mönch doch einfach zur Hintertür hinaus.« Voller Freude ging die Prinzessin hinein. Der Dämon aber hielt seinen Säbel hoch und rief: »Komm her, du Eber Bajie! Vor dir hab ich keine Angst. Allein meiner Gattin zuliebe will ich den Kampf jetzt einstellen und deinen Meister laufen lassen. Ihr könnt ihn am hinteren Ausgang abholen. Falls ihr aber noch einmal aufkreuzt, gibt es kein Pardon mehr!« Für Bajie und Sandmönch war dies, als hätten sie an der Schwelle zum Totenreich den Weg ins Leben wiedergefunden! Sofort holten sie Pferd und Gepäck, eilten zum hinteren Ausgang und riefen nach ihrem Meister, der ihnen aus dem Dickicht antwortete. Sandmönch schlug einen Weg frei und half dem Meister in den Sattel, dann verließen sie den Kiefernwald und kamen alsbald wieder auf die Landstraße. Unterwegs brummten die beiden Schüler missvergnügt vor sich hin und schoben einander gegenseitig die Schuld zu, während Tripitaka zu schlichten versuchte. Tag für Tag wanderten sie nun weiter voran, von früh bis spät, Strecke um Strecke, bis schließlich ganze dreihundert Meilen hinter ihnen lagen. Vor sich erblickten sie nun eine prächtige Burg: Hier war das Land der Kostbaren Erscheinung. Wahrhaftig, ein schöner Ort! Die Szenerie, die sich in diesem Lande darbot, war eine wahre Augenweide. Meister und Schüler brachten Gepäck und Pferd in Ordnung und hielten in der Herberge zum Goldenen Pavillon bei der Poststation Rast. Tripitaka ging nun zu Fuß vor den Palast und sprach bei der Torwache vor: »Ich bin ein Mönch aus dem chinesischen Kaiserreich und bitte um Audienz, um den Reisepass vorzulegen. Ich bitte um Mitteilung an euren König.« Der Torwächter eilte zur weißen Jadetreppe und leitete die Meldung weiter. Als der König hörte, dass es sich um einen heiligen Mönch aus dem fernen China handelte, freute er sich sehr und ließ ihn sogleich eintreten. Tripitaka wurde vor die goldene Treppe beordert, wo er in aller Anmut die höfischen Riten mit Kotau und dreimaligem Ruf »Lang lebe der König!« ausführte. Die zivilen und militärischen Beamten, die in Reih und Glied zu beiden Seiten standen, seufzten bewundernd: »Ein Mann aus dem erhabenen Kaiserreich! Mit welcher Würde er die Hofriten ausführt!« »Werter Priester«, hub der König an, »was führt Euch in unser Land?« »Ich geringer Mönch komme aus dem chinesischen Kaiserreich und reise auf Geheiß unseres Kaisers in den Westen, um Heilige Schriften zu holen. Da ich das Reich Eurer Majestät betrete und es sich geziemt, Eurer Majestät den Reisepass des Ausgangsortes vorzulegen, muss ich Euer hehres Antlitz behelligen.« »Wenn Euer Dokument vom Kaiser von China stammt, dann lasst es mir bringen, damit ich es sehen kann«, gebot der König. Tripitaka brachte es ihm mit beiden Händen dar und legte es offen auf den Throntisch. Darin stand folgender Text: »Reisedokument, ausgestellt vom Sohn des Himmels im großen chinesischen Kaiserreich auf dem Kontinent Jambudvipa, nach dem Willen des Himmels und des Schicksals: Unserer geringen Tugend eingedenk, führen Wir das bedeutsame Erbe fort, den Göttern zu dienen und das Volk zu regieren, von früh bis spät um redlichen Einsatz bemüht. Vormals ins Jenseits verschieden, bereisten Wir das Höllenreich, von wo aus Wir dank dem Höllenfürsten ins Leben zurückkehren durften. Infolgedessen ließen Wir eine große religiöse Stätte errichten und eine umfangreiche Zeremonie veranstalten. Fernerhin durften Wir einer Offenbarung der goldenen Gestalt Guanyins teilhaftig werden, welche Uns kundtat, dass im Westen Heilige Schriften vorhanden sind, anhand derer Verstorbene und einsame Seelen Erlösung finden. Darum haben Wir eigens Priester Xuanzang beauftragt, über tausend Gebirge in weiter Ferne die besagten Heiligen Schriften herbeizuholen. Möge ihm auf seiner Reise durch die Länder des Westens aufgrund vorliegender Urkunde die Durchreise gestattet sein, auf dass der frommen Berufung kein Abbruch getan werde. Vorliegendes Dokument muss offiziell eingereicht werden. Kaiserliche Urkunde, unterzeichnet an glückbringendem Tage im Herbst des dreizehnten Jahres der Ära Zhen’guan im Kaiserreich China der Tang-Dynastie. Neun wertvolle Stempel.« Nachdem der König alles durchgelesen hatte, setzte er den Abdruck des Staatssiegels und seine Unterschrift auf das Dokument und gab es Tripitaka zurück. Dieser bedankte sich und steckte es ein, dann wandte er abermals das Wort an den König und sprach: »Grund meines Kommens ist zum einen das Reisedokument, zum andern aber bin ich geringer Mönch gekommen, Eurer Majestät ein familiäres Schreiben zu überreichen.« Erfreut horchte der König auf und fragte: »Was für ein Schreiben?« »Die dritte Prinzessin Eurer Majestät wird in der Wellenmond-Grotte am Schüsselberg vom Dämon der Gelben Robe festgehalten. Ich geringer Mönch bin ihr zufällig begegnet, so dass sie mir einen Brief mitgeben konnte.« Dem König stürzten die Tränen aus den Augen, und er rief: »Dreizehn Jahre lang habe ich meine Tochter nicht gesehen, niemand wusste, wo sie war. Wer hätte je geahnt, dass sie in Gefangenschaft eines Ungeheuers geraten sein könnte!« Tripitaka zog das Schreiben aus seinem Ärmel und überreichte es dem König. Schon als dieser die Aufschrift »平 安 – wohlbehalten«, las, begannen seine Hände so sehr zu zittern, dass er unfähig war, den Umschlag zu öffnen. Schließlich befahl er einem Gelehrten der Hofakademie, den Brief vorzulesen. Hinter dem Thronvorhang versteckt drängten sich die Damen des Palastes und horchten dem Wortlaut des Schreibens. Darin stand Folgendes: »Tugendlose Tochter Baihua Xiu verneigt sich mit hundert Stirnaufschlägen vor der Thronhalle unserer tugendvollen väterlichen Majestät, und desgleichen vor den drei Palästen unserer Mutter Königin, wie auch vor der ehrenvollen Beamtenschaft des ganzen Königshofes: Mit dem großen Glück beschert, im Palaste einer Königin geboren worden zu sein, hegt unwürdige Tochter tiefe Dankbarkeit für alle Mühen, die ihretwegen unternommen wurden. Doch wurde es verwehrt, dies mit der Pflicht der Kindesliebe zu vergelten. Es war vor dreizehn Jahren, am fünfzehnten Tage des achten Mondmonats, als auf gnädiges Geheiß der väterlichen Majestät für den ganzen Hofstaat ein Bankett zu Ehren des prächtigen Mittherbstmondes veranstaltet wurde. Mitten in den frohen Festlichkeiten brauste in einem Wirbelwind ein Dämon mit blauem Gesicht und goldenen Augen heran und entführte mich über die Wolken hinweg an einen menschenleeren Ort tief im Gebirge. Es war mir unmöglich zu entkommen, und der Dämon zwang mich, als Gattin bei ihm zu bleiben. Schweren Herzens musste ich so dreizehn lange Jahre verbringen. Zwei Söhne habe ich geboren, beides Ungeheuer. Dies ist in der Tat eine Entsittlichung menschlichen Verhaltens, eine Schande, welche die gesellschaftliche Moral verletzt und niemals niedergeschrieben werden sollte. Ich tue es allein aus Furcht, dass nach meinem Tode niemand die Wahrheit erfahren würde. Während ich gramvoll der Eltern gedachte, trug es sich zu, dass ich einem heiligen Mönch aus dem chinesischen Kaiserreich begegnete, der ebenfalls in Gefangenschaft des Dämons geraten war. Mit einer List erreichte ich dessen Befreiung, so dass ich ihm vorliegendes Schreiben mitgeben konnte, das meinem Ansinnen Ausdruck verleiht. Ergebenst hoffe ich, dass Vater König Erbarmen zeigen wird und baldmöglichst Krieger entsendet, den Dämon der Gelben Robe in der Wellenmond-Grotte auf dem Schüsselberg festzunehmen und Eure Tochter heimzuführen; dies wäre die allerhöchste Gunst. Vergebt den fehlenden Respekt der flüchtigen Zeilen. In Tränen niedergeschrieben.« Als der Gelehrte zu Ende gelesen hatte, brach der König in Schluchzen aus, und der ganze Hofstaat war tief berührt. Nachdem er lange geweint hatte, wandte sich der König an seine zivilen und militärischen Minister und fragte: »Wer von euch wagt es, ein Heer anzuführen, den Dämon festzunehmen und unsere Prinzessin zu befreien?« Er wiederholte die Frage, doch niemand hatte den Mut, sich zu melden. Seine Generäle standen da, als wären sie aus Holz geschnitzt, die Minister sahen aus wie Statuen. Da wurde der König noch unruhiger, und die Tränen liefen ihm wie Bäche aus den Augen. Schließlich warfen sich die Hofbeamten vor ihm nieder und sprachen: »Majestät, grämt Euch nicht. Dreizehn Jahre lang war nun unsere Prinzessin verschollen. Heute, da uns zufällig ein heiliger Mönch aus dem chinesischen Kaiserreich einen Brief bringt, können wir noch nicht wissen, ob sich die Sache auch wirklich so verhält oder nicht. Als gewöhnliche Menschen mit gewöhnlichen Pferden können wir mit dem, was wir über die Kunst der Kriegsführung gelernt haben, lediglich Truppen führen und Feldlager errichten, um unser Land zu verteidigen. Dämonen jedoch kommen und gehen in Wolken und Nebel, so dass man sie nicht zu Gesicht bekommt. Wie sollen wir da kämpfen und die Prinzessin befreien? Doch dieser Schriftenholer hier, der aus dem Osten kommt, ist ein heiliger Mönch aus dem Kaiserreich; er muss von hoher Tugend sein. Sicherlich hat er auch die Macht, Dämonen zu bändigen. So geht doch das Sprichwort: ›Wer über einen Streit erzählt, muss in den Streit verwickelt sein.‹ Lasst uns den Priester bitten, den Dämon zu unterwerfen und die Prinzessin zu befreien. Das ist wahrscheinlich die beste Strategie.« Als der König dies vernommen hatte, wandte er sich an Tripitaka und sprach: »Priester, wenn Euch die Macht gegeben ist, den Dämon festzunehmen, mein Kind zu befreien und in den Palast zurückzuführen, dann braucht Ihr nicht weiter in den Westen zu Buddha zu reisen. Dann werde ich mit Euch Brüderschaft schließen, mit Euch den Thron teilen und gemeinsam den Wohlstand genießen. Was meint Ihr dazu?« Eilig erwiderte Tripitaka: »Ich geringer Mönch verstehe mich nur ein wenig auf Gebetssprüche. Dämonen bändigen kann ich wahrhaftig nicht.« »Wie kommt es dann, dass Ihr es wagt, zu Buddha in den Westen zu pilgern?« fragte der König verwundert. Da konnte der Priester nicht länger die Wahrheit verbergen und sprach: »Majestät, ich geringer Mönch habe zwei Schüler, die mich bis hierher beschützt haben.« Sogleich erteilte der König den Befehl, sie zur Audienz zu beordern. »Sie sind aber sehr hässlich«, fiel ihm Tripitaka ins Wort. »Ich fürchtete, dass ihr Anblick Euer hehres Antlitz ängstigen könnte, deshalb wagte sie ich nicht eigenmächtig zur Audienz mitzunehmen.« »Was kann mich erschrecken, da Ihr mich vorgewarnt habt?« meinte der König und schickte umgehend einen Eilboten nach der Poststation, um die Schüler zur Audienz zu rufen. Die beiden betraten mit ihren Waffen den Palast, stellten sich zu beiden Seiten der weißen Jadetreppe auf, riefen mit übereinandergelegten Händen den höfischen Gruß und blieben dann reglos stehen. Ihr Aussehen jagte dem König tatsächlich einen gehörigen Schrecken ein. Nachdem er sich gefasst hatte, hub er an: »Werte Priester! Wer von euch versteht sich aufs Bezwingen von Dämonen?« Da gab der Tölpel zur Antwort: »Ich alter Eber.« »Und wie wollt Ihr den Dämon bezwingen?« »Ich bin der Marschall Tianpeng vom Himmelreich«, erklärte Bajie. »Nur wegen eines kleinen Vergehens bin ich auf die Erde verbannt worden. Glücklicherweise habe ich mich als Mönch auf den rechten Weg begeben und bin aus dem Osten bis hierher gepilgert. Ich bin der Beste im Bezwingen von Dämonen!« »Da Ihr vom Himmel kommt, versteht Ihr Euch bestimmt auf die Kunst der Verwandlung«, meinte der König. »Ach woher«, machte Bajie bescheiden, »nur ein paar Kleinigkeiten.« »Lasst uns doch eine Probe sehen«, forderte ihn der König auf. »Bitte stellt mir eine Aufgabe, ich werde mich danach richten.« »Nun, dann vergrößert Euch.« Immerhin beherrschte Bajie ja die sechsunddreißig Verwandlungen. Nun posierte er sich vor die Palasttreppe und begann seine Kunst zur Schau zu stellen. Mit einem magischen Fingerzeichen murmelte er einen Zauberspruch, dann rief er laut »Wachsen!« und beugte sich leicht vor, worauf er eine Höhe von acht bis neun Klafter annahm, dass er aussah wie eine grimmige Weggottheit. Den zivilen und militärischen Beamten fuhr der Schrecken in die Glieder. Der für die Bewachung des Palastes zuständige General fragte schließlich: »Priester, wenn Ihr Euch so schnell vergrößern könnt, wo liegt dann die Grenze?« Da ließ der Tölpel schon wieder eine seiner dummen Bemerkungen fallen und meinte: »Nun, das kommt auf den Wind an. Bei Ostwind geht’s so einigermaßen, bei Westwind auch, aber wenn der Wind von Süden weht, dann haue ich ohne weiteres eine Beule in die Himmelskuppel.« Erschrocken rief der König: »Stellt die Verwandlung ein! Ich bin von Euren Künsten überzeugt.« Bajie krümmte sich zusammen und erschien wieder in seiner ursprünglichen Gestalt. Freudig befahl der König den Konkubinen, Palastwein aufzutragen, füllte einen Kelch und überreichte ihn Bajie mit den Worten: »Priester, nehmt diesen Wein zum Zeichen meiner Dankbarkeit, bevor Ihr Euch auf den Weg macht. Sobald der Dämon gefangengenommen und mein Töchterchen befreit ist, werden wir Euch mit einem großen Festmahl und viel Gold belohnen.« Der Tölpel nahm das Trinkgefäß in beide Hände und leerte es in einem Zug. Der König schenkte einen weiteren Kelch ein und überreichte ihn Sandmönch, derweil unter Bajies Füßen Wolken entstanden, auf denen er in die Lüfte stieg. Bewundernd schaute ihm der König nach und rief: »Priester Eber kann sogar fliegen!« Auch Sandmönch trank seinen Becher leer, schnellte auf eine Wolke und verschwand. Erschrocken packte der König Tripitaka am Ärmel und rief: »Priester, bitte setzt Euch zu mir, fliegt nicht auch noch weg!« »Ach«, seufzte Tripitaka, »ich vermag keinen halben Schritt in die Luft zu tun.« Wie die beiden nun in der Thronhalle ins Gespräch kamen, sei hier nicht weiter ausgeführt. Doch wenden wir uns Bajie und Sandmönch zu, die in kürzester Zeit vor dem Grottentor ankamen. Bajie erhob seinen Rechen und schmetterte ihn mit solcher Wucht gegen das Felstor, dass ein Loch von der Größe eines Fasses klaffte. Die kleinen Ungeheuer, die am Tor Wache hielten, rannten ins Innere und riefen: »Großer König, ein Unheil! Der mit der langen Schnauze und den großen Ohren und der finstere Mönch sind wieder da. Sie haben uns sogar das Tor eingeschlagen!« Der Dämon war überrascht und erschrocken zugleich. In aller Eile legte er sich die Rüstung um und packte seinen stählernen Säbel, dann trat er ins Freie und rief: »He, ihr Mönche! Ich habe doch euren Meister freigelassen, wie könnt ihr es wagen, wieder vor meine Tür zu treten?« »Du Zankteufel hast ja ein schöne Schererei angerichtet!« schrie Bajie. »Die dritte Prinzessin vom Königreich Baoxiang hast du geraubt und sie dreizehn Jahre lang in deiner Grotte zum Weib gehalten. Ich komme auf Geheiß des Königs, um dich festzunehmen. Ergib dich frühzeitig, sonst muss ich alter Eber Hand anlegen!« Der Dämon war außer sich vor Zorn. Seht, wie er mit seinen stählernen Zähnen knirscht und seine runden Augen rollt! Er zückte seinen Säbel und hieb wild um sich, während Bajie ihm mit dem Rechen entgegentrat und hinter ihm Sandmönch mit seinem Prunkstab. Dieses Gefecht war anders als das zuvor. So war es in der Tat: Hitzige Wortgefechte Stacheln Ingrimm auf, Bosheit und Verletzung Beschwören Wut herauf. Recht bedacht ist es allein Eines Briefes wegen, Dass die Mönche und ein Dämon Solcherart in Hader liegen. Sie fochten am Berghang acht bis neun Runden aus, da begannen Bajies Kräfte nachzulassen, so dass er seinen Rechen nur noch mit Mühe schwingen konnte. Warum er diesmal so unfähig war? Beim letzten Mal hatten Bajie und Sandmönch sämtliche Schutzgötter im Verborgenen beigestanden, weil Tripitaka in der Grotte gefangen war. Nur deshalb war es ihnen damals gelungen, so weit standzuhalten, dass der Kampf unentschieden endete. Diesmal aber wachten die Schutzgötter ja im Land der Kostbaren Erscheinung über Tripitaka. Darum kamen die beiden nur schwer gegen ihren Feind an. »Sandmönch«, keuchte Bajie, »mach du weiter! Ich alter Eber muss mal.« Ohne sich noch um Sandmönch zu kümmern, sauste er kopfüber in ein Gestrüpp von hohem Beifuß und Rankengewächs, wo er liegen blieb und sich nicht wieder blicken ließ. Nur mit einem halbem Ohr verfolgte er noch das Aufschlagen der Waffen. Als der Dämon gewahrte, dass Bajie weg war, stürzte er sich auf Sandmönch. Unvorbereitet wurde dieser mit einem Griff gepackt und in die Grotte geschleppt, wo man ihn an Händen und Füßen fesselte. Und da wir nicht wissen, wie es um sein Leben stand, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第030回 / 30. Kapitel Ein schlimmer Dämon greift die Rechte Lehre an / Das Denkpferd sehnt sich nach dem Herzensaffen Lasst uns weiter von dem Dämon erzählen, der Sandmönch gefesselt hatte. Statt dass er ihn nun tötete, überlegte er sich: »Dieser chinesische Mönch müsste sich als Bürger des großen Kaiserreichs eigentlich auf die Regeln des rechten Umgangs verstehen. Es kann doch nicht sein, dass er, nachdem ich ihm das Leben geschenkt habe, nun seine Schüler schickt, mich festzunehmen? Ha, bestimmt hat mein Weib ihm irgendein Schreiben mitgegeben, und die Sache ist aufgeflogen!« Da wallte sein Zorn auf, und er wollte die Prinzessin auf der Stelle umbringen. Diese aber hatte eben erst ihre Toilette beendet und kam nichtsahnend daher, als das Ungeheuer sie zähnefletschend und mit zornigem Blick anschrie: »Du hinterhältiges Weib mit Hundeherz! Nichts als Undank bringst du mir entgegen. Damals, als ich dich hierhergeholt habe, hattest du überhaupt nichts einzuwenden. Du kannst dich in Brokat kleiden, kannst Goldschmuck tragen, alles, was dir fehlt, beschaffe ich für dich, übers ganze Jahr hinweg hast du alles, was du brauchst, Tag für Tag bringe ich dir meine Liebe entgegen. Warum denkst du immer nur an deine Eltern und zeigst überhaupt kein Herz für die Ehe?« Bestürzt fiel die Prinzessin auf die Knie und rief: »Mein Gemahl, warum sprichst du heute solch entzweiende Worte?« »Bist nicht eher du diejenige, die uns entzweien will! Warum hast du jenen chinesischen Mönch, den ich gefangen habe und fressen wollte, freigelassen? Sicher hast du ihm heimlich einen Brief mitgegeben. Sonst würden doch die beiden Mönche nicht schon wieder vor der Tür stehen und verlangen, dass du zurückgehen sollst? Willst du etwa behaupten, das hättest nicht du ausgeheckt?« »Mein Gemahl, tu tust mir Unrecht, ich habe keinen Brief geschrieben«, log die Prinzessin. »Da willst du dich auch noch rechtfertigen!« schnaubte der Dämon. »Ich habe einen Zeugen!« »Wen denn?« »Sandmönch, der zweite Schüler des chinesischen Mönchs.« »Beruhige dich, mein Gemahl, ich gehe mit dir zu ihm, dann wollen wir ihn fragen. Hätte ich wirklich einen Brief geschrieben, magst du mich töten, und ich wär’s zufrieden. Doch wenn es keinen solchen Brief gibt, hättest du dann deine Magd nicht zu Unrecht umgebracht?« Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, packte das Ungeheuer die Prinzessin an ihrem schönen schwarzen Haar, zerrte sie vor Sandmönch und stieß sie vor ihm zu Boden, dann packte er seinen Säbel und fauchte: »Sandmönch! Wie kommt es, dass Ihr mich schon wieder aufsucht? Ist es etwa, weil Euch dieses Weib einen Brief mitgegeben hat und der König Euch nun herschickt?« Sandmönch, der gefesselt dalag und sah, wie der Dämon wutschnaubend die Prinzessin erschlagen wollte, rief laut und deutlich: »Benimm dich, du Ungeheuer! Was für einen Brief soll sie uns mitgegeben haben? Bloß weil du meinen Meister in deiner Grotte eingesperrt hast, hat er die Prinzessin gesehen. Und als wir dann ins Königreich Baoxiang gekommen sind, wo der König überall mit einem Abbild der Prinzessin nach seiner Tochter sucht, hat er auch meinen Meister gefragt, ob er sie unterwegs gesehen habe, und da hat dieser schließlich davon erzählt. Darum hat der König uns ausgeschickt, dich festzunehmen und die Prinzessin zurück in den Palast zu holen. Das ist die reine Wahrheit; was soll ein Brief damit zu tun haben? Wenn du jemanden umbringen willst, dann töte mich Sandmönch und vergehe dich nicht zu Unrecht an einem unschuldigen Menschen!« Auf Sandmönchs kraftvolle Rede ließ der Dämon seinen Säbel fallen, nahm die Prinzessin in die Arme und sagte: »Es tut mir leid, dass ich so grob zu dir war, verzeih, verzeih!« Er glättete ihr die langen Haare, richtete die schmucken Haarknoten wieder auf und führte sie unter gutem Zureden in die Kammer, wo er ihr einen Sessel anbot und sich in aller Form bei ihr entschuldigte. Die Prinzessin konnte ihn sogar dazu überreden, Sandmönch die Fesseln zu lösen und ihn nur anzuketten. Sandmönch dachte im Stillen: »Es ist doch, wie die Weisen des Altertums sagten: ›Wer andern hilft, hilft auch sich selbst.‹ Hätte sie mir je die Fesseln lösen lassen, wenn ich ihr nicht geholfen hätte?« Um die Prinzessin zu versöhnen, ließ der alte Dämon Wein und Speisen auftischen, und als er schon halb betrunken war, kam er plötzlich auf eine Idee. Er legte sich ein schmuckes Gewand an, befestigte einen kostbaren Säbel am Gürtel und sprach tröstend zur Prinzessin: »Mein Weib, schau einstweilen zu Hause nach den Kindern und lass den Sandmönch nicht laufen. Jetzt, wo dieser Mönch aus China im Lande ist, will ich mich doch gleich mal bei meinen Verwandten melden.« »Bei welchen Verwandten?« »Dein Vater, der König, ist mein Schwiegervater, ich bin sein Schwiegersohn! Was soll mich davon abhalten, ihn zu besuchen?« »Das geht doch nicht«, entgegnete die Prinzessin, »mein Vater war schon als Kind Thronfolger und ist noch nicht mal je zu den Toren der Stadt hinausgekommen. Eine solche Fratze wie die deine hat er noch nie zu Gesicht bekommen. Du würdest ihn bloß erschrecken und einen schlechten Eindruck hinterlassen. Geh lieber nicht hin.« »Nun, wenn dem so ist«, meinte der Dämon, »dann verwandle ich mich eben in einen hübschen Jüngling. Was meinst du dazu?« Der gute Dämon! Mitten im Trinkgelage verwandelte er sich flugs in einen charmanten jungen Herrn. Entzückt rief die Prinzessin: »Gut gemacht, schön! Wenn du so in den Palast gehst, wird mein Vater dich bestimmt als Verwandten akzeptieren und dich mit all seinen Hofbeamten zum Festmahl einladen. Doch pass auf, dass deine Fratze nicht zum Vorschein kommt, wenn du zu viel trinkst!« »Ich weiß mir schon zu helfen«, gab der Dämon zur Antwort. Seht, wie er sich in die Lüfte schwingt! Bald hatte er das Königreich Baoxiang erreicht, senkte seine Wolke, trat vor das Palasttor und sprach zur Torwache: »Der dritte Schwiegersohn des Königs möchte zur Audienz, bitte gebt Bescheid.« Der Torwächter eilte zum Palast, wo der König gerade in sein Gespräch mit Tripitaka vertieft war, und überbrachte die Meldung von dem dritten Schwiegersohn. Da wandte sich der König an seine Hofbeamten und sprach: »Ich habe nur zwei Schwiegersöhne; wie geht es zu, dass jetzt ein dritter erscheint?« »Der dritte Schwiegersohn muss der Dämon sein«, meinten diese einhellig. »Dürfen wir ihn dann einlassen?« fragte der König verunsichert. Der Priester bekam es mit der Angst zu tun. »Majestät«, sagte er, »Dämonen haben übernatürliche Kräfte. So ein Dämon kann über Wolken und Nebel fliegen, und er wird so oder so hier erscheinen, ganz gleich, ob Ihr ihm Audienz gewährt oder nicht. Es ist ratsamer, ihn einzulassen, das erspart Streitigkeiten.« Der König erteilte also seine Genehmigung und ließ ihn herbeirufen. Der Dämon schritt vor die goldenen Stufen und vollzog ganz ordentlich die vorgeschriebenen Palastriten mit Kotau und dreimaligem Ruf »Lang lebe der König!«. Natürlich sahen der König und seine Hofleute mit den Augen des Fleisches nur sein charmantes Äußeres; wer hätte je zu sagen gewagt, dies wäre ein Dämon? Eher hätten sie ihn wohl für einen Helden gehalten! »Mein Schwiegersohn«, hub der König an, »wo wohnt Ihr und seit wann seid Ihr mit meiner Tochter vermählt? Warum kommt Ihr erst jetzt zu Besuch?« Der Dämon machte einen Stirnaufschlag und sprach: »Werter Herrscher, Euer Untertan kommt aus dem Dorf Wellenmond am Schüsselberg, dreihundert Meilen östlich von hier.« »Dreihundert Meilen«, wiederholte der König, »wie kam es denn, dass meine Prinzessin dorthin geriet und sich mit Euch vermählte?« Zungenfertig erwiderte der Dämon: »Werter Herrscher, Euer geringer Untertan ist von Kindesbeinen an im Reiten und Jagen geübt und lebt als Jäger und Sammler. Vor dreizehn Jahren, als ich gerade auf der Jagd war, erblickte ich plötzlich einen mächtigen Tiger, der mit einer jungen Frau auf dem Rücken den Berg heruntertrabte. Bescheidener Untertan brachte den Tiger mit einem Pfeil zu Fall und führte die Frau ins Dorf. Dort flößte ich ihr warmes Wasser ein, dass sie wieder zu Bewusstsein kam, und rettete ihr so das Leben. Auf meine Frage nach ihrer Herkunft hat sie jedoch niemals das Wort ›Prinzessin‹ erwähnt. Wie hätte ich mir erlauben können, sie eigenmächtig zur Frau zu nehmen, wenn ich gewusst hätte, dass sie die dritte Prinzessin Eurer Majestät ist? Ich wäre gewiss zu Eurem goldenen Königspalast gekommen, schon allein, um mir irgendein höheres oder niedrigeres Hofamt zu erbitten, mit dem ich mich ihrer würdig erweisen könnte. Nur weil sie angab, einer Sippe vom einfachen Volk anzugehören, habe ich sie schließlich bei mir im Dorf behalten. Nun, eine hübsche Frau und ein begabter Jüngling, beide einander zugeneigt, so haben wir schließlich den Ehebund geschlossen und all die langen Jahre miteinander verbracht. Nach der Verlobung wollte ich den Tiger eigentlich schlachten und alle Verwandten zum Schmaus einladen, doch Eure werte Prinzessin bat mich, ihn nicht zu töten. Sie sprach damals die schönen Verse: Dank dem Himmel, dank der Erde Werden wir ein Ehepaar; Ohne Mittler, ohne Zeugen Machen wir die Heirat wahr. Weil ein rotes Band uns eint Aus dem letzten Leben wohl, Sei es recht, dass uns der Tiger Als Vermittler gelten soll! Ihrer Einsprache wegen habe ich dem Tiger schließlich die Fesseln gelöst und ihm das Leben gerettet. So ist der verwundete Tiger mit eingezogenem Schwanz davongerannt. Ich hätte nicht gedacht, dass er am Leben bleiben und sich in diesen Jahren gar in den Bergen zu einem Geistwesen vervollkommnen würde, das es nur darauf abgesehen hat, Menschen zu verführen und ihnen Schaden zuzufügen. Wie Euer Untertan hörte, sollen in den letzten Jahren ab und zu Schriftenholer hier vorbeigekommen sein, alles Mönche aus dem chinesischen Kaiserreich. Ich vermute, dass dieser Tiger einen dieser Mönche umgebracht, dessen Dokumente an sich gerissen und sich dann in dessen Gestalt verwandelt hat, um Eure Majestät hinters Licht zu führen. Mein Herrscher, derjenige, der hier auf diesem hübschen Hocker sitzt, ist niemand anderes als jener Tiger, der vor dreizehn Jahren Eure Prinzessin geraubt hat. Es ist kein echter Schriftenholer!« »Werter Schwiegersohn«, fragte der König, »woran erkennt Ihr denn, dass dieser Mönch der Tiger sein soll, der unsere Prinzessin geraubt hat?« »Werter Herrscher«, gab der Dämon zur Antwort, »Euer Untertan lebt im Gebirge, ernährt und kleidet sich von Tigern, schläft und wacht mit Tigern; wie könnte mir dies verborgen bleiben?« »Nun, wenn dem so ist, dann mögt Ihr ihn in seiner ursprünglichen Gestalt erscheinen lassen, damit ich es mit eigenen Augen sehen kann«, schlug der König vor. »Dann bitte ich um eine halbe Tasse klares Wasser, damit wird Euer Untertan ihn in seiner Gestalt erscheinen lassen«, erwiderte das Ungeheuer. Der König schickte einen Beamten, Wasser zu holen. Der Dämon nahm die Schale zur Hand, trat vor den Priester und vollführte einen Schwarzaugen-Bannzauber, indem er ihn mit einem Mundvoll Wasser besprühte und »Verwandlung!« rief. Da wurde der wahre Körper des Priesters unsichtbar, und an seiner Stelle erschien tatsächlich ein mächtiger wilder Tiger. Dem König wollte vor Schrecken die Seele aus dem Leib fliehen, die Hofbeamten versteckten sich, nur ein paar wackere Heerführer führten ihre Generäle und Offiziere herbei, die gleich mit allen möglichen Waffen über den Tiger herfielen. Wäre dem Priester nicht vom Schicksal bestimmt gewesen, dass er nicht sterben sollte, hätte diesmal seine Stunde geschlagen; selbst hundert Tiger wären zu Hackfleisch geworden! Allein, weil die Schutzgötter heimlich über ihm wachten, konnten ihn die Waffen nicht verletzen. Das Gerangel dauerte bis zum Abend, als man den Tiger endlich lebend einfing und in Ketten in einen Käfig sperrte, der im Warteraum neben der Audienzhalle verwahrt wurde. Der König aber beauftragte nun das Hofamt für Festlichkeiten, ein großes Bankett zu veranstalten, um seinem Schwiegersohn für den rettenden Eingriff gegen den gefährlichen Mönch zu danken. Am selben Abend, nachdem die Hofbeamten abgetreten waren, begab sich der Dämon in die Halle zum Silberfrieden, wo achtzehn hübsche Palastdamen ausgewählt wurden, ihm mit Zither, Gesang und Tanz Gesellschaft zu leisten, ihm zuzutrinken und ihn zu amüsieren. Der Dämon setzte sich auf den Ehrensitz, links und rechts reihten sich die holden Schönheiten auf. Seht, wie er nun dem Wein zuspricht! Gegen die zweite Nachtwache stieg ihm der Alkohol in den Kopf. Unwillkürlich sprang er mit lautem Lachen auf, und schon kam seine eigene Gestalt zum Vorschein. Da streckte er seine Pranken wie Worfschaufeln aus, packte die Zitherspielerin und biss ihr schmatzend den Kopf ab. Panikartig stoben die übrigen siebzehn Palastdamen auseinander und versteckten sich. So war es in der Tat: Regen prasselt auf Lotosblätter, Schreckt sie mit finsterem Nass; Sturm zerzaust der Päonien Pracht, Verstreut sie im Frühlingswind! Die Palastdamen trauten sich nicht, um Hilfe zu rufen, und mitten in der Nacht wagten sie auch nicht, die Majestät aufzuwecken. So versteckten sie sich schließlich zitternd vor Angst unter einem niederen Dachvorsprung. Doch davon sei hier nicht weiter die Rede. Berichten wir stattdessen, wie das Ungeheuer immer noch an der Tafel saß und alleine vor sich hin becherte. Es schlürfte eine Schale aus, langte nach dem Menschenkörper und riss bluttriefend ein paar Bissen ab. Während es sich drinnen auf diese Weise beköstigte, ging es draußen von Mund zu Mund: »Der chinesische Mönch ist ein Tigergeist!« Die Nachricht verbreitete sich wie der Wind und drang binnen Kürze auch in die Herberge der Poststation. Zu jener Zeit war niemand dort außer dem Pferd, das gerade sein Gras kaute. Ursprünglich war es ja ein junger Drache vom Westmeer, und als dieser nun sagen hörte, der Priester sei ein Tigergeist, gab es ihm einen Stich ins Herz. »Mein Meister ist doch ein guter Mensch!« sann er, »sicher hat ihn der Dämon absichtlich in einen Tiger verwandelt. Ach, was tun wir bloß? Der älteste Ordensbruder ist schon lange fort, und von Bajie und Sandmönch ist nichts mehr zu hören. Wenn ich den Priester jetzt nicht rette, dann ist es um die Frucht unserer Mühen geschehen!« Der Schimmel harrte bis zur zweiten Nachtwache, da konnte er sich nicht länger halten, sprang auf, schüttelte Zügel und Sattel ab, schnellte hoch und verwandelte sich wieder in den Drachen von einst. Auf einer dunklen Wolke stieg er geradewegs zum neunten Himmel hoch und spähte nach unten. Ein Gedicht besagt: Tripitaka reist gen Westen, Will vor Buddha treten, Doch auf seiner Pilgerfahrt Lauert das Verderben. Diese Nacht ist er ein Tiger, Kann sich nicht mehr wehren, Da wirft das Ross das Zaumzeug ab, Um seinen Herrn zu wahren. Aus der Höhe sah der Drache, dass die Halle zum Silberfrieden noch hell erleuchtet war, denn dort brannten auf acht hohen, rotlackierten Kandelabern acht Kerzen. Als er seine Wolke senkte und hineinspähte, sah er, wie der Dämon sich ganz alleine mit letzter Kraft an der Tafel aufrecht hielt, Wein schlürfte und Menschenfleisch verzehrte. »Ha, was für ein miserabler Kerl!« lachte der Drache, »frisst hier einfach Menschen, der macht ja wohl Fortschritte. Da will ich doch mal runtergehen und ihm was vortäuschen. Wenn es mir gelingt, ihn dingfest zu machen, kann ich den Meister nachher immer noch befreien.« Der gute Drache! Mit einer leichten Körperdrehung verwandelte er sich in eine graziöse Hofdame, trippelte in die Halle, hauchte ein »Wan Fu! – Zehntausend Glück!« und sprach: »Königlicher Schwiegersohn, bitte lasst mich am Leben, ich will Euch den Weinkelch halten.« »Schenk ein«, lallte der Dämon. Der Drache nahm den Krug und ließ den Wein in den Becher fließen, drei bis fünf Zoll über den Rand hinaus, ohne dass er auslief. Es war ein Bannzauber für Flüssigkeiten, den der Drache anwandte. Belustigt fragte der Dämon: »Geht’s noch höher?« »Ja«, antwortete der Drache, hielt die Kanne hoch und goss so viel ein, bis der Wein spitz aufragte wie eine dreizehnstöckige Pagode. Vergnügt streckte der Dämon sein Maul vor und schlürfte den Becher leer, langte dann nach der Leiche, nahm einen Bissen und fragte: »Kannst du singen?« Der Drache wählte eine Melodie und trug ein kurzes Lied vor, dann füllte er einen weiteren Becher. »Kannst du tanzen?« fragte der Dämon weiter. »Ein bisschen«, gab der Drache zur Antwort, »doch mit bloßen Händen sieht es nicht gut aus.« Da langte der Dämon unter sein Gewand, zog das Schwert am Gürtel aus der Scheide und reichte es dem jungen Drachen. Der nahm es entgegen und vollführte vor der Weintafel einen Schwerttanz, ließ das Schwert auf und nieder, links und rechts durch die Luft wirbeln, dass dem Ungeheuer vom Zuschauen ganz schwindlig wurde. Da nutzte der Drache die Gelegenheit und stach die Klinge gegen den Dämon. Dieser aber wich zur Seite und riss einen Kandelaber an sich, mit dem er nun den Säbel abwehrte. Da diese Kerzenleuchter aus Eisen bestanden, wogen sie mit dem Ständer wohl achtzig bis neunzig Pfund. Nun stürmten die beiden aus der Halle, der junge Drache nahm seine eigene Gestalt an und schwang sich zu den Wolken hoch, wo er in der Finsternis acht bis neun Runden gegen den Dämon ausfocht. Schließlich ließen seine Kräfte nach, und er konnte nicht länger standhalten. Da warf er das Schwert nach dem Dämon, um ihn zu verletzen, doch dieser fing es geschickt auf, ließ den Kerzenhalter fallen und griff den Drachen an. Unvorbereitet wie er war, wurde der Drache am Hinterfuß getroffen und sauste pfeilschnell nach unten. Er konnte von Glück reden, dass der Palastgraben ihm das Leben rettete, denn hier tauchte er nun kopfüber ins Wasser. Als der hinterhereilende Dämon ihn nicht finden konnte, kehrte er schließlich in die Halle zum Silberfrieden zurück, wo er weiterzechte, bis er einschlief, doch davon sei hier nicht weiter die Rede. Der junge Drache aber hielt sich tief im Wasser versteckt und wagte eine gute Stunde lang keinen Laut von sich zu geben, bis er endlich aufsprang und auf einer dunklen Wolke in die Herberge der Poststation schwebte, wieder die Gestalt des Pferdes annahm und sich wie zuvor über den Futtertrog beugte. Zum Erbarmen war es, wie er nun tropfnass und mit einer Wunde am Bein dastand. So war es in der Tat: Das Denkpferd und der Herzensaffe Sind voneinander abgeirrt; Metallvater und Holzmutter Sind ermattet und verstreut. Versehrt ist auch das Gelbe Weib, Es hat des Meisters Stütze nicht, Die Weggefährten sind entzweit,203 Wie wird das Werk so je vollbracht? Doch lasst uns nun von Bajie berichten. Dieser nämlich hatte sich, nachdem er Sandmönch verlassen und sich ins Gras geworfen hatte, eine regelrechte Sausuhle ausgewühlt, wo er eingeschlafen war und erst gegen Mitternacht wieder aufwachte. Über sich sah er die Sterne um den Großen Wagen kreisen; dem Anschein nach musste es gegen die dritte Nachtwache sein. »Sicher ist Sandmönch vom Dämon erwischt worden«, sann er. »Am besten geh ich erst mal in die Stadt zurück.« Also schnellte er in die Höhe und gelangte im Nu zur Poststation. Der Mond schien, und alles war still. In keiner der Seitenkammern konnte er den Meister finden, einzig das weiße Pferd war da und schlief. Bajie betrachtete es und rief auf einmal erschrocken: »Doppeltes Unglück! Das Vieh ist doch gar nicht rausgegangen, warum ist es jetzt schweißnass und hat eine Wunde am Bein? Bestimmt ist der Meister beraubt und das Ross dabei verwundet worden!« Wie nun der Schimmel Bajies Stimme vernahm, rief er auf einmal in der Sprache der Menschen: »Ordensbruder!« Vor Schreck fiel der Tölpel rücklings zu Boden, dann rappelte er sich auf und wollte davonlaufen. Doch das Pferd schnappte ihn an seiner schwarzen Kutte und rief: »Bruder, fürchte dich nicht vor mir.« Das Pferd schnappte ihn an seiner schwarzen Kutte und rief: »Bruder, fürchte dich nicht vor mir.« Schlotternd vor Angst fragte Bajie: »Warum kannst du heute plötzlich sprechen? Es muss etwas ganz Schlimmes passiert sein.« »Weißt du, dass der Meister in Not ist?« »Nein, ich weiß von nichts.« »Ja, du kannst es nicht wissen«, sagte der Drache und erzählte ausführlich, was geschehen war. »Ist das wahr?« rief Bajie. »Ach, was nun?« Dann fragte er: »Kannst du laufen?« »Warum fragst du?« »Wenn du laufen kannst, dann geh ins Meer zurück. Das Gepäck kann ich alter Eber ins Dorf der Sippe Gao mitnehmen, dann geh ich wieder als Schwiegersohn an den Herd meiner alten Familie.« Wie der kleine Drache diese Worte hörte, biss er sich an Bajies Mönchskutte fest, und Tränen rannen ihm aus dem Augen. »Bruder!« rief er, »du darfst auf keinen Fall der Faulheit erliegen!« »Was bleibt denn anderes als Faulheit? Bruder Sandmönch ist gefangen, und gegen diesen Dämon komme ich eh nicht an. Worauf sollen wir noch warten? Besser, wir trennen uns gleich.« Abermals stürzten dem jungen Drachen die Tränen aus den Augen, und er sprach: »Bruder, rede nicht von Trennung. Um den Meister zu befreien, brauchst du nur jemanden zu holen.« »Wen denn?« »Mach dich so schnell wie möglich auf zum Blumen- Früchte-Berg und lass Pilger Sun kommen. Er hat noch mehr Fähigkeiten gegen Dämonen. Sicher kann er den Meister befreien und uns auch für unsere Niederlage rächen.« »Ach Bruder«, meinte Bajie, »jeder andere soll mir recht sein, aber mit diesem Affen komme ich nicht gut aus. Als unser alter Mönch ihn am Berg des Weißen Tigers verjagt hat, muss er sich irgendwie über mich geärgert haben. Er wird auf keinen Fall mit mir kommen. Und wenn ich vielleicht noch was Falsches sage, hat er diese erbärmliche Stange, die ist so schwer, dass ich niemals lebend davonkomme, falls er mir eins auswischt!« »Er wird dich gewiss nicht schlagen«, versetzte der Drache, »er ist ein Affenkönig mit Gefühl für Menschlichkeit und Gerechtigkeit. Lass ihn bloß nicht wissen, dass der Meister in Not ist, sage erst mal nur, der Meister sehne sich nach ihm. Du musst ihn einfach hierherlocken; sobald er unsere Not sieht, wird er uns nicht mehr böse sein. Ich bin überzeugt, dass er dann mit dem Ungeheuer kämpfen will, es austreibt und unseren Meister befreit!« »Nun gut, nun gut«, meinte Bajie. »Wenn du dich so sehr für diese Sache einsetzt, komme ich ja schlecht weg, wenn ich jetzt nicht mitmache.« Tatsächlich sprang der Tölpel nun in die Höhe, setzte auf einer Wolke auf und sauste gen Osten. Das Schicksal des Priesters fügte es, dass er günstigen Wind hatte; er brauchte nur seine großen Ohren wie Windsegel aufzuspannen. Alsbald hatte er den Östlichen Ozean überquert und glitt nach unten. Unvermerkt war die Sonne aufgegangen. Bajie landete auf dem Berg und suchte gerade nach einem Weg, als auf einmal Stimmen an sein Ohr drangen. Als er in die Richtung spähte, sah er, dass drüben in einer Senke Pilger auf einem Felsblock saß, davor über tausend Affen, die sich in geordneten Reihen vor ihm aufgestellt hatten und ihn mit »Eure Majestät, der Große Heilige!« anriefen. »Wie fein der es hat!« murmelte Bajie. »Nun, wenn ich schon hierhergekommen bin, muss ich ja wohl zu ihm gehen.« Der Tölpel aber traute sich nicht, offen vor ihn zu treten; stattdessen schlenderte er gemächlich auf jenen grasbewachsenen Felsen zu, vor dem sich die Affen tummelten, mischte sich unter die Schar und machte mit ihnen Kotau. Doch der Große Heilige hatte ihn längst bemerkt. »He, da hat sich einer in unsere Reihen gemischt, das ist ein Wilder!« schrie er. »Nehmt ihn fest!« Da stürzten sich die kleinen Affen wie ein Schwarm Wespen auf Bajie, stießen ihn um und drückten ihn zu Boden. »Wo kommst du her, du Wilder?« herrschte ihn Pilger an. »Ich bin kein Wilder«, stammelte Bajie mit gesenktem Kopf, »ich bin ein Bekannter, ein Bekannter.« »Bei mir gibt es doch keine solchen Leute!« Den Kopf gesenkt, die Schnauze im Kragen, brummte Bajie: »Du bist gemein, immerhin bin ich ein paar Jahre dein Ordensbruder gewesen. Und jetzt behauptest du, mich nicht zu kennen, und nennst mich einen Wilden!« »Dann heb mal den Kopf, damit ich dich sehen kann!« Der Tölpel streckte seine Schnauze vor und murrte: »Na schau doch, wenn du mich nicht kennst, wirst du auch mein Maul nicht kennen.« Da prustete Pilger los: »Eber Bajie!« Auf diesen Ruf sprang Bajie hoch und rief: »Ja, ja! Ich bin Eber Bajie!« »Warum kommst du denn hierher, anstatt Tripitaka in den Westen zu begleiten? Sicher hast du den Meister beleidigt, und er hat dich entlassen! Zeig mir die Entlassungsurkunde.« »Ich hab ihn nicht beleidigt, er hat mich auch nicht entlassen.« »Warum kommst du denn?« »Der Meister sehnt sich nach dir. Er hat mich geschickt, dich zurückzubitten.« »Damals hat er zum Himmel geschworen und mit eigener Hand die Entlassungsschrift verfasst. Wie kann er da plötzlich wieder an mich denken und dich in die Ferne nach mir schicken?« »Er sehnt sich wirklich nach dir!« beteuerte Bajie. »Einmal hat er unterwegs vom Pferd aus ›Schüler‹ gerufen, da hab ich ihn nicht gehört, und Sandmönch stellte sich taub. Da hat der Meister an dich gedacht und gesagt, wir beide seien zu nichts nütze, du hingegen wärst immer so intelligent und geschickt gewesen, hättest sofort geantwortet, wann immer er dich rief. Darum hat er mich eigens hierher geschickt, dich zurückzuholen. Ich bitte dich, komm unbedingt mit!« Pilger sprang vom Felsblock herunter, legte Bajie die Hand auf die Schulter und meinte: »Ach Bruder, wenn du von so weit her kommst, wollen wir uns doch erst mal ein bisschen amüsieren.« »Es ist wirklich ein weiter Weg, doch der Meister wartet auf mich, ich kann nicht zum Vergnügen hierbleiben.« »Wenn du schon mal bei mir vorbeikommst, schau dir doch wenigstens ein bisschen die schöne Landschaft an!« Der Tölpel traute sich nicht, von neuem abzulehnen, und so blieb ihm nichts anderes übrig, als mitzugehen. Hand in Hand kletterten die beiden auf die höchsten Gipfel des Blumen- Früchte-Berges. Was für ein schöner Berg! Seit Pilgers Heimkehr hatten ihn die Affen wieder aufgeräumt und zur einstigen Pracht gebracht. Bajie ließ den Blick schweifen und sagte freudig zu Pilger: »Bruder, was für ein schöner Flecken! Wahrhaftig der schönste Berg auf Erden!« Die beiden machten sich an den Abstieg. Am Wegrand stießen sie auf ein paar kleine Affen, die ihnen haufenweise Trauben, Birnen, Datteln, Mispeln und Yangmei-Beeren kniend darbrachten und riefen: »Großer Heiliger, Großväterchen, hier ist Euer Frühstück, bitte bedient Euch!« Pilger lachte: »Bruder Eber, du mit deinem Riesenappetit wirst dich nicht mit einer Mahlzeit aus Früchten begnügen. Nimm erst mal was zur Erfrischung.« Unterdessen war die Sonne höher gestiegen, und Bajie begann Pilger zu drängen. »Bruder, der Meister wartet auf mich. Er hofft, dass ich und du so schnell wie möglich zu ihm kommen.« »Werter Bruder«, entgegnete Pilger ungerührt, »komm doch noch ein Weilchen in die Wasservorhang-Grotte!« Doch Bajie lehnte ab. »Nun, dann will ich dich nicht länger aufhalten«, meinte Pilger, »verabschieden wir uns.« »Aber Bruder, kommst du nicht mit?« fragte Bajie. »Wohin soll ich denn? Hier bin ich vollkommen frei, Himmel und Erde lassen mich in Ruhe, ich kann mich nach Lust und Laune vergnügen; wozu soll ich da Mönch sein? Richte dem Priester aus, wenn er mich schon verjagt habe, solle er nicht weiter an mich denken.« Als Bajie dies hörte, wagte er ihn nicht weiter zu bedrängen, murmelte einen Abschiedsgruß und ging. Pilger sah ihm nach und schickte zwei flinke kleine Affen, Bajie zu folgen und ihn zu belauschen. Und tatsächlich, kaum war Bajie am Fuß des Berges, wandte er sich um, zeigte mit dem Finger in die Richtung von Pilger und schimpfte: »Dieser Affenlump! Statt als Mönch lebt er jetzt als Ungeheuer! Mit guter Absicht bin ich gekommen, ihn zurückzubitten, und er lehnt einfach ab. Na, dann lass es eben sein!« Alle paar Schritte schimpfte er vor sich hin. Die kleinen Affen rannten eilends zurück und meldeten, was sie gehört hatten. Wütend befahl Pilger, ihn festzunehmen. Da stürzten sich die Affen flugs auf Bajie, stießen ihn zu Boden, rupften an seinen Borsten, zerrten an seinen Ohren und schleppten ihn zurück. Und da wir nicht wissen, was sie mit ihm anstellten, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第031回 / 31. Kapitel Eber Bajie reizt den Affenkönig mit Rechtschaffenheit / Pilger Sun bezwingt den Dämon mit gewitztem Sinn Redlichkeit kann die Gebrüder binden, Das Dharma heim ins Wesen finden!204 Folgsam ist Metall, und Holz ist zahm, Damit die Rechte Frucht gedeihen kann; Herzensaffe und Holzmutter einen Gemeinsam sich zum Ursprungskeim.205 So steigen sie allhier zusammen Zur Glückseligkeit empor;206 In der ungeteilten Wahrheit Finden sie das Dharma-Tor.207 Denn es sind die Heiligen Schriften Pfade der Vervollkommnung;208 Buddha aber steht im Grunde Für den Urgeist in uns drin. Einig sind die Ordensbrüder Fortan in dem Dreierbund, Während die Dämonen passend Zu den Wandlungsphasen sind.209 Sind des Daseins Sechs Bereiche überwunden, Werden sie zu Buddhas Tempel finden!210 Doch erzählen wir, wie der Tölpel von der ganzen Affenhorde gepackt wurde, die ihn hob und hievte, stieß und zerrte, bis seine Mönchskutte ganz zerrissen war. »Es ist aus!« brummte er, »diesmal bringt er mich um!« Schon waren sie vor der Grotte, wo der Große Heilige auf einem Felsblock thronte und schrie: »Du wertloses Mistvieh! Mach dich doch einfach aus dem Staub, was fällt dir ein, mich noch zu beschimpfen?« Auf den Knien antwortete Bajie: »Aber Bruder, ich habe dich doch nicht beschimpft! Hätte ich das getan, würde ich mir auf der Stelle die Zunge zerbeißen.« »Mir kannst du nichts verheimlichen!« rief Pilger. »Ich brauche doch bloß mein linkes Ohr hochzuziehen, dann hör ich schon, was man sich im dreiunddreißigsten Himmel erzählt. Und wenn ich mein rechtes Ohr nach unten ziehe, höre ich gleich die zehn Höllenkönige mit dem Höllenrichter ihre Berechnungen machen. Wie kann es mir da entgehen, wenn du auf mich schimpfst!« Dann rief er in die Menge: »Bringt Prügelstöcke! Zur Begrüßung kriegt er zwanzig Schläge auf die Knöchel, dann zwanzig über den Rücken, und am Ende werde ich ihn mit meiner Eisenstange verabschieden.« Entsetzt schlug Bajie die Stirn zu Boden und rief: »Bruder! Um alles in der Welt, verschone mich unserem Meister zuliebe!« »Der ist ja so voller Menschenliebe und Gerechtigkeit!« höhnte Pilger.211 »Bruder, wenn nicht dem Meister zuliebe, dann verschone mich bitte um der Güte der Bodhisattva Guanyin willen!« Die Erwähnung von Guanyin begann Pilger nun doch etwas umzustimmen, und so lenkte er ein: »Nun gut, Bruder, wenn du das sagst, will ich dich vorerst nicht schlagen. Doch sag mir jetzt offen und ehrlich: Wo ist der Priester in Not geraten, dass du mich jetzt ködern willst?« »Er ist nicht in Not, Bruder, er sehnt sich wirklich nach dir!« »Du Mistvieh verdienst eben doch Prügel!« fauchte Pilger. »Wozu mir immer noch die Wahrheit verbergen? Ich alter Sun bin doch nur körperlich auf dem Blumen-Früchte-Berg, im Herzen folge ich noch immer dem Schriftenholer! Auf Schritt und Tritt wird der Meister von Unheil heimgesucht. Sag mir sofort, was los ist, sonst kriegst du Prügel!« Auf diese Worte vollzog Bajie abermals einen Stirnaufschlag und antwortete unterwürfig: »Bruder, es stimmt, ich wollte dir die Wahrheit verschweigen, damit du mitkommst. Ich habe nicht damit gerechnet, dass du so scharfsinnig bist. Bitte verschone mich und lass mich aufstehen, dann sage ich dir alles.« »Nun gut, steh auf und sprich!« Die Affen ließen den Tölpel los, er sprang auf und begann ausführlich zu schildern, was sich mit dem Dämon der Gelben Robe ereignet hatte, am Schluss bemerkte er: »Dank sei dem kleinen Drachen für sein gutes Herz. Er hat mich dazu bewegt, zu dir zu kommen. Er sagte: ›Unser ältester Ordensbruder ist ein Edelmann mit Gefühl für Menschlichkeit und Gerechtigkeit, und ein Edler gedenkt nicht alter Zwiste. Bestimmt wird er mitkommen, unseren Meister zu retten.‹ Ich bitte dich um alles in der Welt, gedenke unserer einstigen Bande, Bruder! Komm und hilf dem Meister!« »Ach, du Tölpel!« versetzte Pilger, »als ich weggegangen bin, habe ich doch wörtlich gesagt: ›Falls ein Ungeheuer den Meister erwischt, dann lass es wissen, dass der alte Sun dein Ordensbruder ist.‹ Warum hast du mich denn nicht erwähnt?« Da sann Bajie im Stillen: »Einen Kriegsherrn zu bitten, wirkt lange nicht so gut, wie ihn zu reizen. Das will ich doch mal versuchen.« Und so sagte er: »Bruder, hätte ich nichts von dir gesagt, wäre es ja noch gegangen. Gerade weil ich dich erwähnt habe, ist er so frech geworden!« »Wie das?« »Ich sagte: ›Keine Frechheiten, du Ungeheuer, lass meinen Meister in Ruhe! Ich habe noch einen Ordensbruder, der heißt Pilger Sun, er hat immense Zauberkräfte und kann Dämonen bezwingen. Wenn er kommt, ist dir der Tod gewiss, und zwar so, dass man dich nicht mal begraben kann!‹ Da ist das Ungeheuer noch wütender geworden und hat geschrien: ›Was für ein Pilger Sun! Der traut sich doch nicht, mich zu belästigen! Falls der kommt, zieh’ ich ihm die Haut über die Ohren und die Sehnen aus dem Leib, zerbeiße ihm die Knochen und fresse sein Herz. Auch wenn so ein Affe zu mager ist, werd’ ich ihn in Stücke hacken und im Öl braten!« Als Pilger dies hörte, wurde er so wütend, dass er sich an Ohren und Wangen kratzte, in hellem Zorn umherstampfte und schrie: »Wer wagt es, mich so zu beschimpfen?« »Beruhige dich, Bruder!« rief Bajie. »Es ist eben jener Dämon der Gelben Robe, der dich auf diese Weise beschimpft hat, ich hab es nur nachgemacht, damit du es hörst.« »Werter Bruder«, meinte Pilger nun, »eigentlich wollte ich nicht kommen. Doch wenn diese Bestie so über mich herzieht, dann geh ich mit dir hin, nehme sie fest und hacke sie in tausend Stücke, als Rache für diese Beleidigung! Sobald ich mich gerächt habe, kehre ich hierher zurück.« »So ist es gut, Bruder«, nickte Bajie. Da sprang der Große Heilige vom Felsblock und ging in die Grotte, wo er sein Dämonenkleid auszog, sorgfältig die brokatene Mönchskutte umlegte und den Lendenschurz aus Tigerfell gürtete. Dann packte er seine Eisenstange und trat vor das Tor, wo er von den Affen Abschied nahm und mit Bajie Hand in Hand zu den Wolken emporstieg. Er trat vor das Tor, wo er von den Affen Abschied nahm und mit Bajie Hand in Hand zu den Wolken emporstieg. Sie hatten bereits den Östlichen Ozean überquert und dessen westliches Ufer erreicht, als Pilger auf einmal die Wolke anhielt und sagte: »Bruder, warte mal kurz, ich will mich da unten im Meer waschen. In diesen Tagen, seit ich zurückgekehrt bin, hat sich schon so eine dämonische Aura auf mir angesammelt. Der Meister liebt die Reinheit, er könnte sich daran stoßen.« Bajie verstand nun, dass es Pilger aufrichtig meinte und keine anderen Absichten hegte. Binnen kurzem hatte er sich rein gewaschen, stieg wieder auf eine Wolke und schwebte weiter westwärts. Als man die Pagode mit den goldenen Dächern blinken sah, wies Bajie hin und sagte: »Dort wohnt der Dämon der Gelben Robe. Sandmönch ist bestimmt noch in seiner Grotte.« »Warte, ich will erst mal hinuntergehen, dieses Ungeheuer zu stellen.« »Er ist nicht zu Hause.« »Ich weiß.« Der gute Affenkönig! Er senkte seinen Lichtstrahl, landete vor der Grotte und schaute sich um. Da sah er zwei kleine Bälger dort spielen, der eine um die zehn, der andere um die acht oder neun Jahre alt. Pilger trat mitten in ihr Spiel und packte sie an den Haarbüscheln, die ihre kahlgeschorenen Köpfe zierten. Die beiden schrien wie am Spieß, und die Torwächter rannten flugs in die Grotte, um die Prinzessin zu benachrichtigen. Es waren nämlich die beiden Kinder, die sie dem Dämon geboren hatte. Die Prinzessin eilte aus der Grotte und schrie : »He, Bursche, warum packst du meine Kinder? Mit ihrem Vater ist nicht zu spaßen, wenn etwas geschieht, kriegst du keine Ruhe mehr!« Pilger lachte: »Kennt Ihr mich denn nicht? Ich bin der älteste Schüler des chinesischen Priesters, Pilger Sun Wukong. Mein Ordensbruder Sandmönch ist in Eurer Grotte, wenn Ihr ihn freilasst, gebe ich Euch die Kinder zurück.« Als die Prinzessin dies hörte, lief sie in die Grotte zurück, scheuchte die kleinen Ungeheuer weg und begann mit eigener Hand Sandmönchs Fesseln zu lösen. Doch dieser meinte: »Befreit mich besser nicht, Prinzessin. Sonst müsst Ihr noch dafür büßen, wenn der Dämon zurückkommt.« »Priester, Ihr seid mein Wohltäter«, erwiderte die Prinzessin, »Ihr habt für mich die Geschichte mit dem Brief bereinigt und mir so das Leben gerettet. Ich habe mir schon überlegt, wie ich Euch freilassen könnte. Jetzt ist unerwartet Euer Ordensbruder Pilger Sun gekommen und hat mich beauftragt, Euch freizulassen.« Als Sandmönch die Worte »Pilger Sun« vernahm, war es ihm, als würde er von einem labenden Trunk erquickt, und Glück durchströmte sein Herz. Seht, wie er freudestrahlend aus der Grotte tritt! Er begrüßte Pilger und sprach: »Bruder, du kommst wirklich wie vom Himmel gesandt. Ich bitte dich, rette uns!« »Du Sandnonne!« lachte Pilger, »hättest du damals, als der Meister den Reifverengungsspruch aufsagte, nicht ein Wörtchen für mich einlegen können? Alle redet ihr großspurig davon, dass ihr den Meister beschützen wollt! Warum hockt ihr jetzt hier, statt in den Westen zu pilgern?« »Bruder, der Edle gedenkt nicht alter Zwiste«, meinte Sandmönch. »Lass uns nicht weiter davon reden.« Dann begrüßte er auch Bajie, der ihm ausführlich berichtete, was am Vorabend geschehen war. »Genug der Rede, Tölpel«, meinte Pilger schließlich, »ihr beide packt euch jetzt diese Bälger und geht mit ihnen zum Königshof vom Land der Kostbaren Erscheinung. Dort müsst ihr den Dämon reizen, damit er zurückkommt und ich ihn hier abfangen kann.« »Wie denn reizen?« fragte Sandmönch. »Geht einfach auf Wolken zur Haupthalle des Palastes und schmeißt dort die Bengel vor die weiße Jadetreppe. Wenn jemand danach fragt, sagt ihr einfach, das seien die Bengel des Dämons der Gelben Robe. Sobald dieser davon hört, wird er mit Sicherheit hierherkommen. So brauche ich nicht in der Stadt mit ihm zu kämpfen, dort würden wir nur den König und die Bewohner erschrecken.« Die beiden versprachen einhellig, zu tun wie geheißen, und führten die Bälger mit sich. Pilger aber sprang vom Fels herunter und ging zum Eingang der Pagode. Da bemerkte die Prinzessin: »Euch kann man ja gar nicht vertrauen. Eben habt Ihr gesagt, wenn ich Euren Ordensbruder befreie, würdet Ihr mir die Kinder zurückgeben. Warum gebt Ihr mir sie nicht, da ich ihn befreit habe?« Pilger lächelte freundlich und antwortete: »Prinzessin, nehmt es mir nicht übel. Ihr seid ja schon lange hier, also lasst doch Euren werten Gemahl mal seinen Ahnherrn kennenlernen.«212 »Seid bloß nicht so frech«, entgegnete die Prinzessin, »mein Herr der Gelben Robe ist kein Geringer! Glaubt Ihr etwa, er wird Euch in Ruhe lassen, wenn Ihr seine Kinder so erschreckt?« »Aber Prinzessin«, meinte Pilger lachend, »Ihr zeigt gar tiefe Gefühle für Eure Ehe! Bedenkt doch, woher Ihr kommt! Warum denkt Ihr plötzlich nicht mehr an Eure Eltern?« »Ach Priester, wie könnte ich meine Eltern vergessen! Doch dieser Dämon hat mich hierher verschleppt, seine Macht ist groß, und zu Fuß komme ich nicht weit. Der Weg durchs Gebirge ist viel zu weit, und es gab niemanden, der für mich ein Lebenszeichen an meine Eltern hätte schicken können. Ich wollte mir das Leben nehmen, doch dann befürchtete ich, meine Eltern könnten glauben, ich wäre von zu Hause geflohen, und die Wahrheit käme nie ans Licht. Deshalb ist mir nichts anderes übriggeblieben, als dies erbärmliche Leben zu führen, in der Hoffnung, eines Tages endlich in meine Heimat zurückkehren zu können.« Sie brach ab, und die Tränen rannen ihr über die Wangen. »Grämt Euch nicht, Prinzessin«, sprach Pilger. »Eber Bajie hat mir gesagt, Ihr hättet meinem Meister einen Brief an Eure Eltern mitgegeben, damit habt Ihr ja Eure Sehnsucht nach ihnen zum Ausdruck gebracht. Sobald ich alter Sun den Dämon überwunden habe, bringe ich Euch in den Palast; dort wird man Euch einen neuen Gemahl suchen, dass Ihr bis zum Lebensabend eine glückliche Ehe genießen könnt. Wie steht dazu Euer Sinn?« »Stürzt Euch nicht ins Verderben, werter Mönch!« warnte die Prinzessin. »Gestern haben Eure beiden Ordensbrüder gegen ihn gekämpft, und selbst solche Kerle waren nicht in der Lage, ihn zu überwinden. Was könnt Ihr dürres Gespenst schon für Fähigkeiten haben, dass Ihr Euch zum Glauben versteigt, ihn austreiben zu können?« Pilger lachte: »Fähigkeiten, wie ich sie beherrsche, habt Ihr noch nie zu sehen bekommen. Aufs Austreiben von Dämonen verstehe ich mich wie kein anderer!« »Wie wollt Ihr ihn denn austreiben?« »Am besten geht Ihr erst mal aus dem Weg und lasst Euch nicht blicken. Erst wenn er gekommen ist und ich ihn erschlagen habe, kann ich Euch in den Palast zurückführen.« Gehorsam trat die Prinzessin ab. Ihr Schicksal wollte es, dass diese Ehe nun zu Ende gehen sollte, deshalb traf es sich, dass Pilger erschien. Nachdem er die Prinzessin verborgen hatte, machte der Affenkönig eine leichte Körperdrehung, und schon erschien er in ihrer Gestalt. So wartete er in der Grotte die Rückkehr des Dämons ab. Berichten wir jedoch von Bajie und Sandmönch, welche die beiden Bälger ins Königreich Baoxiang gebracht und im Königshof vor die weiße Jadetreppe geschleudert hatten, wo die Armen nur mehr wie Fleischklößchen liegen blieben. Bestürzt leiteten die Beamten des ganzen Palastes die Meldung weiter: »Unheil, Unheil, zwei Menschen sind vom Himmel gefallen!« Da rief Bajie mit lauter Stimme in den Palast hinunter: »Diese Bengel sind die Sprösslinge des Dämons der Gelben Robe; ich alter Eber und Bruder Sandmönch haben sie gefasst!« Der Dämon schlief in der Halle zum Silberfrieden noch immer seinen Rausch aus. Als er im Traum seinen Namen hörte, wälzte er sich herum und schaute auf, da sah er hoch oben in den Wolken Eber Bajie mit Sandmönch. Er dachte bei sich: »Eber Bajie kann mir egal sein, aber dieser Sandmönch war doch bei mir in der Grotte angebunden; wie ist er dort rausgekommen? Und wie sind meine Kinder in ihre Hände geraten? Wartet nur, jetzt geh ich nach Hause und schaue, was los ist! Anschließend kann ich mich immer noch mit denen abgeben.« Seht, wie er in den Bergwald saust, ohne sich überhaupt vom König zu verabschieden! Inzwischen war im Palast bereits bekannt geworden, was sich in der Nacht ereignet hatte, so dass nun allen klar war, dass es sich um einen Dämon gehandelt hatte. Wie der König nun eine Anzahl Hofbeamte den falschen Tiger bewachen ließ, sei hier nicht weiter ausgeführt. Wenden wir uns stattdessen dem Dämon zu, der in seine Grotte zurückgekehrt war. Als Pilger, der ja die Gestalt der Prinzessin angenommen hatte, ihn kommen sah, rieb er sich die Augen, bis ihm die Tränen in Bächen über die Wangen liefen, dazu schrie er wehklagend nach den Kindern, stampfte wie in großer Verzweiflung mit den Füßen, schlug sich mit der Faust an die Brust und flennte, was das Zeug hielt. Wie hätte ihn der Dämon auch erkennen können? Er ging auf ihn zu, legte ihm den Arm um die Schultern und sprach: »Mein Weib! Was ist denn geschehen, dass du so traurig bist?« Unter Tränen erzählte der Große Heilige: »Ach, mein Gemahl! Warum bist du gestern nicht nach Hause gekommen, nachdem du im Palast warst? Heute früh ist Eber Bajie gekommen, hat den Sandmönch geraubt, und dann haben sie die Kinder gepackt und verschleppt. All mein bitteres Klagen und Flehen half nichts. Sie haben gesagt, sie wollten die Kinderchen in den Palast mitnehmen und sie ihrem Großvater zeigen, doch seither habe ich sie nicht wiedergesehen, weiß gar nicht, wie es um ihr Leben steht! Und du bist einfach nicht nach Hause gekommen; wie soll ich das aushalten? Dieser Jammer bricht mir das Herz, darum musste ich weinen.« Da schrie der Dämon aufgebracht: »Dann waren es wirklich meine Söhne!« »Ja«, versetzte Pilger, »sie sind von Eber Bajie geraubt worden.« In hellem Zorn sprang der Dämon auf und ab und rief: »Alles ist hin! Sie haben meine Söhne in den Tod geschleudert! Ich werde diese Mönche packen und den Tod meiner Söhne an ihnen rächen. Hör auf zu heulen, Weib! Wie ist dir jetzt zumute?« »Ach«, meinte Pilger, »es tut mir so leid um die Kinder, dass mir vor lauter Weinen das Herz schmerzt.« »Das ist nicht weiter schlimm«, meinte der Dämon tröstend, »ich habe ein Wundermittel gegen Schmerzen, du brauchst es nur da aufzulegen, wo es weh tut. Doch pass auf, du darfst nicht mit dem Daumen draufschnippen, sonst kommt meine wahre Gestalt zum Vorschein.« Pilger freute sich im Stillen über das Gehörte, während der Dämon ihn am Arm ins Innerste seiner Grotte führte. Hier holte er sein Wundermittel aus dem Mund. Es war etwa so groß wie ein Hühnerei, ein wundervolles Sarira der Inneren Alchemie.213 »Was für ein hübsches Ding!« frohlockte Pilger. »Wer weiß, wie viele Stunden der Meditation, wie viele Jahre des Leidens, wie viele Paarungen männlicher und weiblicher Kräfte es gekostet hat, dieses Heiligtum der Inneren Alchemie entstehen zu lassen! Da ist mir altem Sun ja ein großes Glück beschert, dass mir dies über den Weg läuft.« Er nahm die Pille und tat so, als würde er sich damit die Herzgegend reiben, doch gleichzeitig schnippte er mit dem Daumen darauf. Der Dämon erschrak und wollte sie ihm entreißen, doch da hatte der Affenkönig den Schatz bereits in den Mund gesteckt und verschluckt. Der Dämon ballte die Faust und wollte zuschlagen, doch Pilger hielt ihn mit einem harten Griff ab, fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, dass seine eigene Gestalt zum Vorschein kam, und rief: »Keine Frechheiten, du Ungeheuer! Schau, wer ich bin!« Da rief das Ungeheuer entsetzt: »Aber Weib, warum machst du eine solche Fratze?« »Weh dir, du Zankteufel«, schrie Pilger, »wer ist hier dein Weib? Nicht mal deinen Vorfahr erkennst du!« Plötzlich besann sich der Dämon und sagte: »Mir scheint, als ob ich dich schon mal gesehen hätte. Doch mit einem Mal fällt mir der Name nicht ein. Sag mir, wer bist du und woher kommst du? Wie kannst du nur grundlos in mein Haus eindringen und mich um mein Wundermittel betrügen! So was von hinterhältig!« »Du erkennst mich also nicht«, meinte Pilger. »Ich bin der älteste Schüler des Mönchs aus China, Pilger Sun Wukong. Ich bin dein früherer Ahne vor fünfhundert Jahren!« »Nein, das kann nicht wahr sein!« entgegnete der Dämon, »als ich den Mönch aus China gefangen hielt, hatte er nur zwei Schüler, die hießen Eber Bajie und Sandmönch. Von einem, der Sun heißt, hat keiner was gesagt. Wer weiß, wo du Ungeheuer herkommst, mich zu betrügen!« »Ich bin nicht mit ihnen zusammen gekommen. Weil ich alter Sun öfter mal Dämonen erschlage, hat mich mein Meister verjagt.« »Ha, das will ein Held sein! Da hat dich dein Meister verjagt, und du hast noch das Gesicht, ihm unter die Augen zu treten!« »Was hast du für eine Ahnung, du Lump! So heißt es: ›Wer mir auch nur einen Tag als Lehrer dient, den ehre ich ein Leben lang wie meinen Vater.‹ Wie könnte ich meinen Meister im Stich lassen, wenn du ihm Schaden zufügst? Und das allein geht ja noch, doch wie kannst du es wagen, mich hinterrücks zu beschimpfen?« »Wann soll ich dich je beschimpft haben?« »Eber Bajie hat das gesagt.« »Dieser Eber Bajie mit seinem spitzen Maul! Der hat doch eine Zunge wie ein Weib, warum hörst du auf ihn?« »Nun, dann lassen wir die müßigen Worte. Doch lass dir gesagt sein, mich alten Sun hast du in deinem Hause als weitgereisten Gast schlecht bewirtet! Nun, wenn’s schon weder Wein noch Speise gibt, hast du wenigstens einen Kopf. Los, streck ihn her, ich geb dir eins mit meinem Stock drauf, das soll mir zum Tee gereichen.« Auf diese Worte brach der Dämon in lautes Lachen aus und rief: »Da täuschst du dich, Pilger Sun! Wenn du mit mir kämpfen willst, hättest du nicht mit mir hereinkommen sollen. Hier hab ich eine Heerschar von kleinen Ungeheuern, selbst wenn du rundherum Hände hättest, kämst du nicht wieder aus meiner Grotte raus!« Sofort befahl der Dämon seine Ungeheuer herbei, ließ Tür und Tor verriegeln und streng bewachen. Pilger aber ließ freudig seine Stange in den Händen spielen, dann rief er »Verwandlung!« und erschien als dreiköpfiges Wesen mit sechs Armen, die Stange ebenfalls verdreifacht. Seht, wie er nun mit sechs Händen drei Stangen herumwirbelt und den Ungeheuern kreuz und quer den Garaus macht! Am Ende war nur noch der alte Dämon übrig, der nun ins Freie rannte und tobte: »Du unverschämter Affenkerl! Warum kommst du hierher, mich zu quälen?« Blindwütig schlug er mit seinem Säbel zu, und Pilger schwang seine Eisenstange über ihn. Dieser Kampf auf dem Berg und schließlich hoch in den Lüften dauerte fünfzig bis sechzig Runden, ohne dass eine Entscheidung fiel. »Ha, dieser Lump!« dachte Pilger mit heimlicher Freude, »mit seinem Säbel kann er sogar meiner Eisenstange standhalten. Jetzt will ich ihm mal eine Falle stellen, mal schauen, ob er es merkt!« Der gute Affenkönig! Mit beiden Händen hob er seine Stange hoch und vollführte die Kampfstellung »Das hohe Ross streichen«. Der Dämon, der nicht bemerkte, dass es eine List war, sah nur die unbeschützte Stelle, schwang seinen Säbel und stach geradewegs auf Pilgers Unterleib. Der aber wich flink in die Pose »Waagrecht ausgestreckte Stange«, und der Säbel fuhr ins Leere. In der Stellung »Den Pfirsich unterm Blatt erbeuten« hieb er dem Dämon die Stange über den Schädel, worauf dieser auf einmal spurlos verschwunden war. Pilger steckte seine Stange ein und spähte umher, doch das Ungeheuer war nirgendwo zu sehen. Im Glauben, er wäre auf der Flucht, schnellte Pilger zu den Wolken hoch und hielt Ausschau, doch auch hier war in allen Himmelsrichtungen nichts zu sehen. »Ich verstehe«, meinte Pilger, »der Dämon hat eben gesagt, er habe mich schon mal gesehen. Bestimmt ist das kein irdisches Ungeheuer, er muss vom Himmel kommen. Da will ich mal im Himmel nachschauen.« In einem einzigen Überschlag erreichte der Große Heilige das Südliche Himmelstor und begab sich schnurstracks zur Halle der Durchdringenden Klarheit. Schon waren die Vier Großen Himmelsmeister zugegen und fragten: »Großer Heiliger, was ist der Grund Eures Kommens?« »Ich bin mit dem chinesischen Mönch im Königreich Baoxiang angelangt, doch dort hat ein Dämon die Prinzessin geraubt und meinem Meister Schaden zugefügt«, erklärte Pilger. »Eben habe ich alter Sun mit ihm gerungen, doch mitten im Kampf ist er plötzlich verschwunden. Allem Anschein nach muss das Ungeheuer vom Himmel kommen. Darum bin ich nun eigens gekommen, um zu schauen, ob sich nicht vielleicht irgendwo eine dämonische Gottheit aus dem Staub gemacht hat.« Die Himmelsmeister meldeten die Angelegenheit sofort im Palast der Himmelshöhen und erhielten die Erlaubnis, sämtliche Gottheiten des Himmels zu inspizieren. Doch alle weilten im Himmel, kein Einziger hatte seinen Posten verlassen. Schließlich durchsuchte man außerhalb des Palastes der Streitenden Ochsen auch noch die Achtundzwanzig Himmelshäuser. Da waren aber nur siebenundzwanzig, wie oft man auch zählen mochte: Das Himmelshaus Kui fehlte. »Kui der Holzwolf hat sich in die irdischen Gefilde abgesetzt!« meldeten die Himmelsmeister dem Jadekaiser. »Wie lange ist das her?« fragte dieser. »Zu den letzten vier Appellen ist er nicht erschienen. Da die Appelle alle drei Tage stattfinden, macht das bis heute dreizehn Tage«, rechneten die Himmelsmeister. »Dreizehn Tage im Himmel, das entspricht dreizehn Jahren auf Erden!« bemerkte der Jadekaiser. Sogleich entsandte er die zuständigen Sterngötter, den Entlaufenen einzufangen. Wo dieser Kui sich wohl verborgen hielt, fragt ihr? Weil er einst, als der Große Heilige im Himmel wütete, als Götterkrieger gedient und einen mächtigen Schrecken abbekommen hatte, stürzte er sich diesmal kopfüber in eine Schlucht, wo das Wasser seine dämonische Aura verdeckte. Dies war der Grund, weshalb man ihn nicht auffinden konnte. Erst als er nun die Sterngötter eine magische Formel rezitieren hörte, wagte er sich wieder zu zeigen und begab sich mit ihnen in die oberen Gefilde. Unterwegs eilte der Große Heilige herbei und wollte ihn erschlagen, doch die anderen Sterngötter geboten ihm Einhalt und führten Kui vor den Jadekaiser. Hier nahm er sein goldenes Ehrenzeichen vom Gürtel und vollzog vor der Halle des Jadekaisers Stirnaufschläge, bereit, seine Schuld zu sühnen. »Kui Mulang! In unseren himmlischen Gefilden gibt es immense paradiesische Welten«, ließ nun der Jadekaiser verlauten, »wie geht es zu, dass du dich eigenmächtig in die unteren Gefilde abgesetzt hast?« Abermals machte der Sterngott Stirnaufschläge und sprach: »Mögen verehrte Majestät mich vor der Todesstrafe bewahren! Jene Prinzessin aus dem Lande der Kostbaren Erscheinung war ursprünglich eine Jadejungfer in unserer Duftumhüllten Halle. Es war ihr heimlicher Wunsch, sich mit Eurem Untertan zu verbinden, doch ich befürchtete, damit das himmlische Paradies zu beflecken. In Sehnsucht nach dem irdischen Leben begab sie sich zuerst zur Wiedergeburt in die inneren Gemächer eines Königshofs, und weil ich die Abmachung nicht brechen wollte, folgte ich ihr, besetzte als Dämon einen schönen Berg und holte sie in meine Grotte, wo wir dreizehn Jahre lang als Ehepaar zusammenlebten. Jeder Trank und jede Speise war uns vom Schicksal vorbestimmt. Heute aber hat der Große Heilige Sun seine Tat an mir vollendet, darum will ich ohne Einwand meine Strafe verbüßen.« Der Jadekaiser nahm ihm sein Ehrenzeichen und verbannte ihn in den Tusita-Himmel, wo er fortan dem Höchsten Alten Meisters Laozi als Feuermacher dienen sollte. Im Bewährungsfall würde ihm später wieder sein ursprünglicher Posten zugewiesen werden, andernfalls würde das Strafmaß erhöht. Glücklich über dieses Urteil vollzog Pilger vor dem Jadekaiser eine tiefe Verbeugung und bedankte sich bei allen Sterngöttern. Dann schwebte er auf seiner lichten Wolke nach unten und landete vor der Wellenmond-Grotte auf dem Schüsselberg, wo er die Prinzessin wiederfand. Während er ihr erzählte, was mit dem Dämon geschehen war, trafen auch Bajie und Sandmönch ein. Mit einer Magie der Raumverkürzung führte Pilger die Prinzessin im Nu vor die Haupthalle ihres Königshofes. Die Prinzessin verbeugte sich vor ihrem Vater König und ihrer Mutter Königin, und alle Palastbeamten eilten herbei, sie willkommen zu heißen. Schließlich sagte die Prinzessin: »Dank sei dem Priester Sun, der mit grenzenloser Dharma-Kraft den Dämon der Gelben Robe bezwungen und mich in mein Land zurückgeführt hat!« »Was war es denn für ein Dämon?« wollte nun der König wissen, und Pilger erklärte: »Euer Schwiegersohn, Majestät, war der Sterngott des Himmelshauses Kui, und Eure werte Tochter war ursprünglich eine Jadejungfer in den himmlischen Tempelhallen. Sie kam auf Erden, weil sie sich nach dem irdischen Leben sehnte, und diese Ehe war ihr vom Schicksal vorbestimmt. Ich alter Sun habe den Dämon beim Jadekaiser angezeigt, und da er wieder im Himmel weilt, kann ich Euch Eure werte Tochter zurückbringen.« Der König sprach Pilger seinen Dank aus, dann hieß er ihn sogleich zu seinem Meister gehen. Alle Hofbeamten begaben sich in den Vorraum der Audienzhalle, wo sie den Käfig mit dem falschen Tiger herausholten und die ehernen Schlösser aufbrachen. Alle hielten ihn für einen Tiger, Pilger allein sah den Menschen. Seit der Verzauberung durch den Dämon hatte der Meister zwar im Herzen verstanden, was vor sich ging, doch war es ihm unmöglich gewesen, sich mit Mund oder Augen zu äußern. »Ha, Meister!« lachte Pilger, »Ihr seid doch ein wohltätiger Mönch! Ihr habt mich der Gewalttat beschuldigt und verjagt. Warum erscheint Ihr jetzt in dieser schrecklichen Gestalt?« »Aber Bruder«, fiel Bajie ein, »rette ihn doch! Halte ihm nicht jetzt seine Fehler vor!« »Immer säst du Zwietracht«, gab Pilger zurück, »du bist sein Lieblingsschüler, also rette du ihn! Wozu mich alten Sun aufsuchen? Ich habe dir ja gesagt, dass ich auf meinen Berg zurückkehre, sobald ich den Dämon bezwungen und mich für die Beleidigung gerächt habe.« Da kniete Sandmönch vor ihm nieder und sprach: »Bruder, schon die Weisen des Altertums sagten: ›Handle nicht für den Mönch, handle für Buddha.‹ Da du schon gekommen bist, hilf uns doch und rette den Meister! Hätten wir ihn zu retten vermocht, so hätten wir uns nicht erdreistet, dich von weit her kommen zu lassen.« Pilger bot ihm die Hand zum Aufstehen und sagte: »Glaubt ihr etwa, ich würde ihn einfach so im Stich lassen? Schnell, bringt Wasser!« Nachdem Pilger das Wasser entgegengenommen hatte, nahm er einen Schluck und sprühte es dem Tiger ins Gesicht. Im selben Moment löste sich der Zauber, und der Priester erschien wieder in seiner eigenen Gestalt. Er besann sich und schlug die Augen auf. Erst jetzt erkannte er Pilger, umfasste ihn mit beiden Händen und rief: »Wukong! Woher kommst du?« Sandmönch berichtete ihm, was alles geschehen war, und Tripitaka dankte in einem fort. »Mein teurer Schüler«, rief er, »dir verdanke ich meine Rettung! Wenn wir erst im Westen gewesen sind und schließlich im Osten vor den Kaiser von China treten, gebührt dir das größte Verdienst!« »Ach was, nicht der Rede wert«, versetzte Pilger und fügte lachend hinzu: »Sagt nur jenen Spruch nicht wieder auf, das reicht mir als Zeichen der Dankbarkeit.« Schließlich bedankte sich der König bei den vier Pilgernden, ließ in der Gästehalle des Palastes ein großes Bankett zubereiten und überhäufte sie mit reichen Geschenken. Meister und Schüler aber lehnten jegliche Gaben ab, verabschiedeten sich vom König und setzten ihre Reise in den Westen fort. Lange gab ihnen der König mit vielen Palastbeamten das Geleit. Und da wir nicht wissen, was auf diesen Aufbruch folgte, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第032回 / 32. Kapitel Beim Flachdachberg erteilt der Tagesgott Auskunft / In der Lotosgrotte kommt Holzmutter in Gefahr Seit Tripitaka Pilger wieder bei sich hatte, waren Meister und Schüler ein Herz und eine Seele. So reisten sie weiter dem Westen entgegen. Schon hatten sie das Königreich Baoxiang verlassen und pilgerten Tag für Tag von früh bis spät dahin. Man zählte inzwischen den dritten Mondmonat im fortgeschrittenen Frühling. Während sie so dahinzogen, gewahrten sie abermals ein Gebirge, das ihren Weg versperrte. »Habt acht, meine Schüler!« mahnte Tripitaka, doch Pilger entgegnete: »Meister, wer das Mönchstum pflegt, sollte sich nicht wie ein Profaner äußern. Ihr erinnert Euch doch an den Wortlaut des Herz-Sutra, das der Meister vom Rabennest Euch gegeben hat: ›Ihr Herz ist unbeschwert und daher frei von Angst‹. Ihr braucht doch nur Euer Herz zu reinigen und Euch den Staub aus den Ohren zu waschen! Seid unbesorgt, ich alter Sun nehme alles auf mich.« Da brachte der Priester sein Pferd zum Stehen und sprach: »Einst verließ ich unser Land Auf des Kaisers Aufgebot; Strebte nur zu Buddha hin, In des Westens fernen Ort. Über viele Berg’ und Täler Kam ich in der Welt herum; Doch wie lange geht es noch, Bis es Zeit ist, auszuruhn?« Pilger kicherte: »Ach Meister, das mit dem Ausruhen ist doch keine Sache! Sobald Ihr das Ziel erreicht und das Werk vollbracht habt, alle Schicksalsverbindungen beendet sind und die Leerheit aller Dinge erkannt, werdet Ihr doch ganz von selbst zur Ruhe kommen!« Auf diese Worte blieb dem Meister nichts übrig, als seine Ängste abzulegen und sich dem Schicksal anzuvertrauen. Er schickte sich also zum Aufstieg an, der sich als äußerst steil und gefährlich erwies. Gerade als sie eine unwegsame Stelle erreicht hatten, tauchte oben auf einer grünen Böschung ein Holzfäller auf, der dem Priester laut zurief: »Ihr Priester auf dem Weg nach Westen! Haltet inne und höret, was ich Euch sage: In diesem Gebirge haust eine Horde menschenfressender Ungeheuer und Dämonen, die es auf Menschen abgesehen haben, die aus dem Osten in den Westen reisen!« Als der Priester dies hörte, wollte ihm die Seele aus dem Leib fahren; er wandte sich seinen Schülern zu und rief: »Habt ihr gehört, was dieser Holzfäller sagte? Wer von euch geht hin, Näheres zu erfragen?« »Meister, macht Euch keine Sorgen!« meinte Pilger, »ich alter Sun gehe schon.« Schon stieg er mit ausholenden Schritten den Hang hinan. »Werter Bruder!« rief er dem Holzfäller zu und faltete die Hände zum Gruß. Der Holzfäller erwiderte die Geste und fragte: »Was führt Euch hierher, Priester?« »Nun, ich will es Euch offen sagen«, antwortete Pilger, »wir kommen aus dem Osten und machen auf kaiserliches Geheiß eine Pilgerreise in den Westen, um Heilige Schriften zu holen. Eben haben wir von Euch vernehmen dürfen, dass hier schlimme Ungeheuer und Dämonen wohnen, deshalb möchte ich mich näher erkundigen. Wie viele Jahre sind die Ungeheuer schon hier? Und wie lange die Dämonen? Sagt bitte die Wahrheit, damit ich den Berggott und den Erdgeist beauftragen kann, sie abzuführen.« Der Holzfäller warf den Kopf in den Nacken und lachte laut auf. »Ihr seid ja wohl ein närrischer Mönch!« rief er, »wahrscheinlich seid Ihr in fernen Ländern herumgereist, habt ein bisschen Magie gelernt und wisst gerade mal, wie man üble Kräfte und Geister vertreibt. Doch solch bitterbösen Dämonen wie diesen hier seid Ihr gewiss noch nie begegnet! Hört zu: Der Weg, der durch dieses Gebirge führt, ist sechshundert Meilen lang; das Gebirge heißt Pingding Shan, Flachdachberg. Es gibt hier eine Grotte, die Lotosgrotte genannt wird, und darin hausen zwei Dämonen, die zur Zeit anhand von Abbildungen nach einem Mönch aus dem chinesischen Kaiserreich suchen und alles daransetzen, diesen Mönch aufzufressen. Kämet Ihr woanders her, ginge es ja noch, doch lasst Ihr hier auch nur das Wörtchen ›China‹ fallen, könnt Ihr gleich vergessen, lebendig hindurchzukommen.« »Genau von da kommen wir aber her«, versetzte Pilger. »Genau Euch wollen sie fressen!« rief der Holzfäller. »Diese Ungeheuer haben stets fünf Zauberschätze bei sich und besitzen immense übernatürliche Kräfte. Hättet Ihr selbst Kräfte wie die Jadesäule, die den Himmel stützt, wie der goldene Stützbalken des Ozeans, so kämet Ihr doch nicht umhin, hier ein paarmal in Ohnmacht zu fallen, wenn Ihr den Mönch aus China heil über den Berg bringen wollt.« »Wie viel Mal?« »So an die drei, vier Mal.« »Keine Sache, keine Sache«, winkte Pilger ab. »Wir fallen jedes Jahr sieben- bis achthundert Mal in Ohnmacht, wegen vier Mal halten wir uns nicht weiter auf. So was geht schnell vorbei.« Der Große Heilige ließ den Holzfäller stehen, lief mit ausholenden Schritten vor das Pferd und sprach zum Meister: »Nichts Schlimmes, Meister, keine Sorge! Es gibt zwar eine Handvoll Geistchen in dieser Gegend, doch die Leute hier nehmen sich das nur deshalb so zu Herzen, weil sie zu ängstlich sind. Ihr habt ja mich, was braucht Ihr Euch da zu fürchten! Lasst uns aufbrechen!« Der Priester musste sich wohl oder übel beruhigen und die Reise fortsetzen. Wie sie nun weiterwanderten, war der Holzfäller nicht mehr zu sehen. Pilger spähte mit seinen feurigen Goldaugen zu den Wolken hoch, da entdeckte er den Zeitgott des Tages. Jäh schnellte er hoch und schimpfte: »Du lausiges Gespenst! Wozu mich alten Sun mit solchen Verwandlungen hinters Licht führen? Kannst du dich nicht direkt melden?« Erschrocken machte der Zeitgott eine höfliche Geste und sprach: »Verzeiht, Großer Heiliger, verzeiht! Dieser Dämon hat in der Tat immense Zauberkräfte und kann sich in alles Mögliche verwandeln. Es hängt alles davon ab, wie geschickt Ihr Eure Geisteskraft einsetzt. Behütet Euren Meister mit Umsicht.« Mit einem Schnauben schickte Pilger den Zeitgott weg. Dann aber dachte er bei sich: »Wenn ich jetzt dem Meister die Wahrheit erzähle, hat er bestimmt wieder Angst. Doch falls ich ihm die Wahrheit vorenthalte und er von einem Dämon geschnappt wird, muss ich alter Sun mich wieder um alles kümmern! Da will ich doch erst mal Bajie beschäftigen, soll er mit diesen Ungeheuern einen Kampf ausfechten. Falls er siegt, hat er sein Verdienst, und falls er unterliegt und gefangengenommen wird, kann ich alter Sun ihn befreien und damit auch gleich meine Fähigkeiten richtig vorzeigen. Die Frage ist nur, ob Bajie sich drücken will und der Meister wieder seine Mängel entschuldigt. Den werde ich alter Sun mal in die Fänge nehmen!« Seht, wie er sich jetzt zum Schein die Tränen aus den Augen reibt, während er auf den Meister zugeht! Als Bajie ihn so sah, hieß er Sandmönch das Gepäck hinlegen und meinte: »Lass uns die Sachen aufteilen, lösen wir uns auf!« Der Priester hörte es und rief: »Du Nichtsnutz! Wie kannst du nur mitten auf der Reise wieder solch dummes Zeug reden!« »Dummes Zeug mag Euer Sohn reden«, versetzte Bajie, »seht Ihr nicht, wie Pilger Sun weint? Wenn ein Kerl wie er, der Himmel und Hölle durchdringt, eine derart vergrämte Miene macht und nur noch heult, dann muss es sich um entsetzliche Dämonen handeln. Was sollen wir schwache Leute dagegen ausrichten?« »Sei erst mal still«, wies ihn der Meister zurecht, »ich will ihn fragen, was los ist.« Und er rief: »Wukong, was gibt es denn, warum diese Tränen? Willst du mich etwa erschrecken?« »Ach Meister!« rief Pilger, »der uns eben Auskunft erteilt hat, war der Zeitgott des Tages. Er sagt, die Dämonen hier seien so schrecklich, dass wir kaum weiterkämen. Wir können tatsächlich nicht weiter. Verschieben wir die Reise besser auf ein andermal.« »Aber mein Schüler!« rief der Priester erschrocken, »wir haben doch bestimmt die Hälfte des Weges hinter uns, warum sprichst du jetzt, als wolltest du aufgeben?« »Nicht dass ich nicht mein Möglichstes geben wollte«, versetzte Pilger, »doch ich fürchte, dass meine Kräfte nicht ausreichen gegen so viele Dämonen. ›Aus einem Stück Eisen lassen sich nicht viele Nägel schmieden.‹« »Du hast recht«, räumte der Priester ein, »alleine wird es tatsächlich schwierig sein. Doch habe ich ja auch noch Bajie und Sandmönch, sie stehen dir zur Verfügung. Wenn ihr mich mit vereinten Kräften über den Berg bringt, erreichen wir schließlich alle die wahre Frucht!« Da wischte sich Pilger die Tränen ab und sagte: »Meister, wenn wir über diesen Berg wollen, muss Bajie mir einen Gefallen tun, nur dann haben wir noch etwas Aussicht auf Erfolg. Doch wenn er sich nicht an das hält, was ich sage, können wir es gleich vergessen.« »Bruder«, brummte Bajie, »wenn wir nicht weiterkommen, können wir doch gleich aufgeben, da brauchst du mich nicht noch einzuspannen. Aber sag erst mal, was ich machen soll.« »Nun, entweder du schützt den Meister, oder du suchst das Gebirge ab.« »Was meinst du damit? Erklär mir das erst mal, dann wähle ich, was mir besser passt.« »Den Meister beschützen heißt: Wenn er sein Geschäft erledigt, musst du dabei sein; wenn er wohin gehen will, musst du ihm zur Seite stehen, wenn er essen will, musst du ihm Almosen holen. Falls er dabei hungert, kriegst du Prügel, und wenn er mager wird, kriegst du auch Prügel.« »Das ist aber schwierig, schwierig!« seufzte Bajie. »Dann suchst du eben das Gebirge ab!« befahl Pilger. »Was heißt das im Klartext?« »Du streifst einfach durchs Gebirge und erkundigst dich, wie viele Ungeheuer es gibt, auf welchem Berg und in welcher Grotte sie hausen, damit wir wissen, wo wir langgehen können.« »Keine Sache«, versetzte Bajie, »dann geh ich alter Eber halt das Gebirge absuchen.« Der Tölpel lockerte seine Kleidung, hielt den Rechen stramm und schritt wacker den Berg hinan. Pilger konnte sich nicht halten und kicherte vor sich hin. »Du streitsüchtiger Affe«, rügte ihn der Priester, »immer diese Missgunst unter euch Brüdern! Es fehlt euch völlig an gegenseitiger Fürsorge, immer liegt ihr in Neid und Missgunst. Da treibst du ihn hinterlistig ins Gebirge und lachst ihn auch noch aus!« »Ich lache ihn gar nicht aus«, erwiderte Pilger, »aber Ihr werdet sehen, dieser Bajie geht nicht weit! Der wird sich irgendwo eine Zeitlang verstecken und uns dann eine Lüge auftischen.« »Woher willst du das wissen?« fragte der Priester. »Ich schätze ihn so ein«, gab Pilger zurück. »Wenn Ihr mir nicht glaubt, dann wartet mal, ich folge ihm.« Auf der Stelle verwandelte er sich mit einem leichten Dreh in ein Mückchen, surrte hinter Bajie her und landete auf den Borsten hinter Bajies Ohren. Der Tölpel aber schritt weiter voran, denn wie hätte er auch wissen können, dass jemand auf ihm lauerte? Nach sieben, acht Meilen warf er schließlich den Rechen zu Boden und begann gen Osten hin mit den Händen zu fuchteln und schimpfte: »Dieser Weichling von Priester! Dieser gemeine Pferdeknecht! Dieser kriecherische Sandmönch! Die machen es sich gemütlich und halten mich alten Eber als Wegbereiter zum Narren! Wir wollen doch alle in den Westen, möchten doch alle am Ende die rechte Frucht erlangen. Doch ausgerechnet ich werde in die Berge geschickt. Haha! Schließlich wissen wir ja schon, dass es hier Dämonen gibt; hielten wir uns ein bisschen verborgen, würden wir kein halbes Ungeheuer aufstöbern. Und stattdessen soll ich sie nun aufsuchen! So ein Reinfall. Ich leg mich jetzt dort drüben schlafen, und wenn ich zurückkehre, speise ich sie mit ein paar ungefähren Antworten ab. Ich sage einfach, ich hätte den Berg abgesucht, damit habe ich die Aufgabe ja erledigt.« Der Tölpel tat ein paar Schritte, da entdeckte er eine Senke, die mit rötlichem Gras bewachsen war. Kopfüber kugelte er hinein, streckte seine Glieder und seufzte genüsslich: »Wie lauschig! Nicht mal der Pferdeknecht hat es so gemütlich wie ich!« Wer hätte auch gedacht, dass Pilger hinter seinem Ohr Satz für Satz mithörte? Schließlich konnte er sich nicht länger halten und flog auf, nur um sich gleich ein zweites Mal zu verwandeln, und zwar in einen Specht mit kupferrotem Schnabel und schwarzen Klauen. So schwang er die Flügel und stürzte sich nach unten, wo er seinen Schnabel in Bajies Schnauze stach. Erschrocken fuhr der Tölpel auf und schrie: »Ein Ungeheuer, ein Ungeheuer, es hat mich mit dem Speer gestochen! Oh, wie mein Maul schmerzt!« Er hielt die Hand an seine Schnauze, sah Blut und rief: »So ’ne Pleite! Es gibt doch keine Hochzeitsfeier, warum hab ich bloß rote Farbe um den Mund?« Er betrachtete seine blutbefleckte Hand und brummte missvergnügt vor sich hin. Gleichzeitig blickte er ständig nach links und nach rechts, doch nichts regte sich. Erst als er nach oben schaute, gewahrte er den Specht über sich. Der Tölpel knirschte mit den Zähnen und schnaubte: »Du elendes Biest! Schon der Pferdeknecht hat mich schikaniert, und jetzt du auch noch. Aha, sicher hat er mich für ein Stück morsches Holz gehalten und wollte nach Insekten suchen, drum hat er mich gepickt. Nun, dann stecke ich einfach die Schnauze in den Kragen und schlafe weiter.« Er wälzte sich und schlief weiter. Doch schon kam Pilger wieder angeflogen und pickte ihn hinters Ohr. Erschrocken rappelte sich Bajie auf und brummte: »Dieses Biest! Dann muss hier wohl sein Nest sein. Sicher glaubt er, ich hätte seinen Platz besetzt, drum stört er mich immer. Na gut, dann schlaf ich eben nicht.« Er packte seinen Rechen und stapfte aus der Grasfläche heraus. Pilger bog sich natürlich vor Lachen! Abermals verwandelte er sich, diesmal in eine Grille, und setzte sich hinter Bajies Ohr. Der Tölpel drang tiefer ins Gebirge und kam nach vier, fünf Meilen in eine Senke, wo ein grünlicher Felsblock lag, der aussah wie eine Tischplatte. Hier warf er seinen Rechen nieder und trat mit einer höflichen Verbeugung auf den Felsblock zu. Pilger grinste und dachte: »Mal sehen, was dieser Tölpel wieder im Schilde führt!« Der Tölpel aber stellte sich vor, der Felsblock wäre Tripitaka, Sandmönch und Pilger, und begann nun, davor zu üben. »Wenn ich nun zum Meister zurückkehre und er fragt, ob es Dämonen gibt«, begann er, »dann werde ich sagen, es gebe Dämonen. Falls er dann nach den Bergen fragt und ich sagen würde, die Berge seien aus Lehm geknetet, aus Zink geschmiedet, aus Teig gebacken oder aus Papier geleimt, dann würden sie mich wieder für dumm halten. Also sage ich lieber, die Berge seien aus Fels. Falls er nach der Grotte fragt, dann sage ich, es sei eine Felsgrotte. Fragt er dann nach dem Tor, so sage ich einfach, das Tor sei mit Eisenblech überzogen und mit Nägeln beschlagen. Und fragt er schließlich, wie groß und wie tief die Grotte ist, dann sage ich einfach, sie habe hintereinander drei Kammern. Wenn er dann unbedingt noch wissen will, wie viele Nägel am Tor sind, dann sage ich einfach, ich alter Eber hätte es mir in der Eile nicht genau merken können. Schon habe ich die Geschichte. Jetzt halte ich diesen Pferdeknecht gleich mal zum Narren!« Den Rechen hinter sich herziehend machte er sich auf den Rückweg. Pilger aber schwang die Flügel und kam lange vor Bajie zurück. In seiner eigenen Gestalt trat er vor den Meister und erzählte ihm die Sache mit den Lügen. Kurz darauf traf auch der Tölpel ein. Aus Furcht, er könnte seine Lügen vergessen, murmelte er sie mit gesenktem Kopf zur Übung noch einmal vor sich hin. »Tölpel!« herrschte ihn Pilger an, »was murmelst du da?« Bajie hob seine Ohren an, blickte auf und sagte: »Ich bin wieder da.« »Und, gibt es Dämonen?« fragte der Priester. »Ja, es gibt welche.« »Wieso haben sie dich wieder gehen lassen?« »Nun, er hat mich Ahnherr Eber genannt und mich zu Nudelsuppe und Gemüse eingeladen. Er sagte, er würde uns mit Trommelwirbel und Standarten das Geleit geben, wenn wir den Berg überqueren.« »Du hast wohl im Gras geschlafen und redest im Traum!« rief Pilger. Der Tölpel wurde vor Schreck zwei Zoll kleiner und meinte: »Aber werter Herr, woher sollte ich es wissen, wenn ich geschlafen hätte?« Pilger trat vor, packte ihn und rief: »Komm her, ich befrage dich!« Dem Tölpel fuhr abermals ein Schrecken ein. »Was war es für ein Berg?« fragte Pilger. »Ein Berg aus Fels.« »Was für eine Grotte?« »Eine Felsgrotte.« »Was für ein Tor?« »Ein mit Eisenblech überzogenes und mit Nägeln beschlagenes Tor.« »Mehr brauchst du gar nicht zu sagen«, versetzte Pilger, »den Rest weiß ich auswendig. Ich sage es für dich.« »Frech!« rief Bajie, »du warst ja gar nicht dort, wie willst du es wissen?« Pilger grinste und rezitierte: »Wenn er fragt, wie groß und tief die Grotte ist, dann sage ich, sie habe hintereinander drei Kammern. Fragt er, wie viele Nägel am Tor sind, dann sage ich einfach, ich alter Eber hätte es mir in der Eile nicht genau merken können. So war es doch, oder?« Betroffen fiel der Tölpel auf die Knie. Doch Pilger fuhr unerbittlich fort: »Vor dem Felsblock hast du dich verbeugt, dir vorgestellt, das wären wir drei, dann hast du einen Dialog gespielt, oder? Und am Ende sagst du auch noch: ›Schon hab ich die Geschichte, jetzt halte ich den Pferdeknecht zum Narren!‹, ja?« Bestürzt schlug der Tölpel ein ums andere Mal die Stirn auf den Boden und rief: »Bruder, du bist mir doch nicht heimlich gefolgt?« »Weh dir, du verfressener Taugenichts!« schnaubte Pilger. »An einer derart entscheidenden Stelle legst du dich einfach schlafen, wenn man dich ins Gebirge schickt! Wenn nicht ein Specht dich gepickt hätte, würdest du immer noch dort schlafen. Und kaum bist du erwacht, erdichtest du eine solche Lügengeschichte! Gefährdest du damit etwa nicht unser ganzes Unternehmen? Los, halt die Knöchel her, ich will dir fünf Stockschläge verpassen, damit du dir das merkst.« Eingeschüchtert stammelte Bajie: »Aber deine erbärmliche Stange ist so schwer, dass ich nach fünf Schlägen tot bin!« »Warum lügst du denn, wenn du dich vor Schlägen fürchtest?« »Nur dieses eine Mal, ich werde es nie wieder tun!« »Gut, für jedes Mal gibt es drei Stockschläge«, versetzte Pilger. »Großväterchen!« flehte Bajie, »ich halte doch keinen halben Stockschlag aus!« In seiner Not hielt er sich am Meister fest und flehte um Beistand. Doch dieser meinte: »Als Wukong sagte, du habest gelogen, wollte ich ihm noch nicht glauben. Da es sich bestätigt, hast du wirklich Prügel verdient. Nur haben wir im Moment nicht genug Leute zur Verfügung, darum lass erst mal ab, Wukong. Du kannst ihm die Prügel geben, wenn wir den Berg hinter uns haben. Falls er uns aber noch einmal hinters Licht führen will, gibt es kein Erbarmen mehr!« Was blieb dem Tölpel da anderes übrig, als sich aufzuraffen und abermals den Weg ins Gebirge anzutreten? Seht nur, wie er auf Schritt und Tritt argwöhnt, Pilger könnte ihm in einer Verwandlung auf den Fersen sein! Als er nach sieben, acht Meilen einen Tiger erblickte, der den Hang entlangrannte, erhob er furchtlos seinen Rechen und rief: »Willst du etwa wieder Lügen hören, Bruder? Diesmal erfinde ich keine!« Als er weiterging, stob ein heftiger Windstoß um die Gipfel, und ein dürrer Baum stürzte krachend vor seine Füße. Bajie stampfte auf den Boden, schlug sich an die Brust und rief: »Ach Bruder, was soll das? Ich habe dir doch gesagt, dass ich nicht noch mal lügen werde! Du brauchst dich doch nicht in einen Baum zu verwandeln und mich zu schlagen!« Nach ein paar Schritten sah er eine Krähe mit weißem Kragen, die ihn ankrächzte, da rief er: »Bruder, du bist gemein! Wenn ich sage, ich lüge nicht mehr, dann lüge ich nicht mehr. Wozu kommst du mich jetzt als Krähe belauschen?« In Wirklichkeit war ihm Pilger diesmal gar nicht gefolgt. Wie Bajie sich nun voller Argwohn und Misstrauen fortwährend selbst erschreckte, sei hier nicht weiter ausgeführt. Lasst uns stattdessen von zwei Dämonen berichten, die auf dem Flachdachberg in der Lotosgrotte hausten. Der eine nannte sich Großer König Goldhorn, der andere Großer König Silberhorn. Goldhorn saß gerade bei Silberhorn und meinte: »Bruder, wie lange haben wir eigentlich das Gebirge nicht mehr durchstöbert?« »Wohl einen halben Monat lang«, meinte Silberhorn. »Dann komm doch heute mal mit auf Streifzug«, schlug Goldhorn vor. »Ich habe nämlich sagen hören, im Osten sei ein kaiserlich verbrüderter Mönch aus China zu Buddha in den Westen geschickt worden. Er soll drei Schüler bei sich haben, der eine heißt Pilger Sun, der andere Eber Bajie und der dritte Sandmönch. Das Pferd dazugerechnet, sind sie zu fünft. Hilf mir doch rauszufinden, wo sie sind, und fang sie ein!« Doch Silberhorn wandte ein: »Menschen finden wir überall welche zum Fressen; soll doch dieser Mönch hingehen, wo er will.« »Du weißt eben nicht, worum es geht!« versetzte Goldhorn. »Als ich damals den Himmel verlassen habe, hörte ich sagen, dieser chinesische Mönch sei die Reinkarnation von Priester Goldzikade. Er habe sich seit zehn Wiedergeburten der Vervollkommnung gewidmet und soll noch keinen Tropfen seiner ursprünglichen Yang-Energie verloren haben. Wer von seinem Fleisch isst, wird niemals alt!«214 Da meinte Silberhorn: »Wenn sein Fleisch zur Unsterblichkeit verhilft, dann brauchen wir uns ja gar nicht weiter abzumühen mit all diesem Läutern von Drache und Tiger, Vereinen von Weib und Mann, dann brauchen wir ihn bloß zu fressen. Warte, ich bring sie her!« »Nur keine Eile, Bruder!« mahnte Goldhorn. »Bring nicht irgendeinen Mönch. Wenn es nicht der Mönch aus China ist, dann ist er wertlos. Ich habe damals von ihm und seinen Schülern eine Zeichnung angefertigt, die kannst du mitnehmen, und wenn du Mönche siehst, kannst du sie damit vergleichen.« Silberhorn erklärte sich einverstanden, trat aus der Grotte und befahl dreißig kleinen Ungeheuern, mit ihm das Gebirge zu durchkämmen. Doch wenden wir uns wieder Bajie zu, der nun das Pech hatte, der Ungeheuerhorde geradewegs in die Arme zu laufen. Sie stellten sich ihm in den Weg und fragten: »Woher kommst du? Wer bist du?« Bajie sah sofort, dass es Ungeheuer waren, und dachte verängstigt: »Wenn ich jetzt sage, dass ich ein Mönch auf Schriftensuche bin, dann werden sie mich gleich festhalten.« Also sagte er nur: »Ein Passant.« Die Ungeheuer rannten zu ihrem Herrn und berichteten: »Großer König, es ist ein Passant.« Doch einer meinte: »Der Mönch ähnelt aber dem Eber Bajie auf dem Bild.« Er ließ das Abbild aufhängen. Bajie, der es von weitem sah, murmelte erschrocken: »Kein Wunder fühle ich mich ganz der Energie beraubt, die haben ja im Abbild meinen Geist eingefangen!« Die kleinen Ungeheuer hielten die Zeichnung mit einem Speer hoch, während Silberhorn darauf zeigte und erklärte: »Der auf dem weißen Pferd ist der chinesische Mönch. Der mit dem haarigen Gesicht ist Pilger Sun.« »Barmherziger Stadtgott«, stammelte Bajie, »hilf, dass ich nicht drauf bin! Ich werde mindestens einen Stierkopf, einen Schafskopf und einen Schweinskopf opfern und vierundzwanzig Schalen Wein dazu!« Während er noch seine Bittgebete murmelte, fuhr der Dämon fort: »Der große Schwarze hier ist der Sandmönch. Der mit der langen Schnauze und den großen Ohren ist Eber Bajie.« Als der Tölpel das hörte, verbarg er erschrocken seine Schnauze im Kragen. Der Dämon hieß ihn, den Kopf zu heben, da brummte er: »Geht nicht, Erbkrankheit.« Erst als der Dämon den Ungeheuern befahl, mit Haken ans Werk zu gehen, streckte Bajie erschrocken seine Schnauze heraus. Sofort erkannte der Dämon, dass es Eber Bajie war, packte den Säbel und schlug zu; der Tölpel erhob seinerseits den Rechen und trat in den Kampf. An die zwanzig Runden ging es hin und her, ohne dass eine Entscheidung fiel. Schließlich rief der Dämon die kleinen Ungeheuer herbei, die nun alle zusammen Hand anlegten, dass Bajie nicht länger standhalten konnte und die Flucht ergriff. Doch der Boden war uneben, plötzlich stolperte er über eine Ranke und fiel. Schon hatten ihn die Ungeheuer eingeholt, pressten ihn zu Boden, rissen an seinen Borsten, zerrten ihn an den Ohren und hievten ihn schließlich mit vereinten Kräften in ihre Grotte. Und da wir nicht wissen, wie es um sein Leben stand, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第033回 / 33. Kapitel Ein falscher Weg verführt das Wahre Wesen / Der Urgeist unterstützt den Herzensgrund Berichten wir nun, wie Silberhorn Bajie in die Grotte beförderte und rief: »Bruder, ich habe einen gebracht!« Der alte Goldhorn warf einen Blick darauf und meinte: »Da hast du den Falschen erwischt! Dieser Mönch taugt zu nichts.« Bajie ergriff die Gelegenheit und rief: »Großer König, lasst einen unnützen Mönch doch laufen, er ist Eurer nicht würdig!« »Bruder«, riet Silberhorn, »lass ihn nicht laufen. Zwar ist er uns nicht direkt nützlich, aber immerhin gehört er zu den Jüngern des chinesischen Priesters, er heißt Eber Bajie. Wir können ihn vorläufig hinten im Teich des Reinen Wassers einweichen; nach ein paar Tagen pökeln wir ihn ein, dann haben wir was zum Schnaps.« Als Bajie dies hörte, brummte er: »So ein Mist! Jetzt bin ich auch noch Dämonen in die Fänge geraten, die mit Pökelfleisch handeln!« Wie nun die kleinen Ungeheuer Bajie hineintrugen und ins Wasser warfen, sei hier nicht weiter ausgeführt. Doch wenden wir uns Tripitaka zu, der gleichzeitig mit heißen Ohren und brennenden Augen, innerlich voller Unrast, am Berghang saß, bis er endlich rief: »Wukong, was ist denn los, dass Wuneng von seinem Erkundungsgang so lange nicht zurückkommt?« »Setzt Euch erst mal aufs Pferd«, meinte Pilger, »wir wollen ihm zusammen folgen.« Tatsächlich stieg Tripitaka auf, und so drangen sie ins Gebirge. Indessen sprach Goldhorn zu seinem jüngeren Bruder Silberhorn: »Bruder, wenn du Bajie gefunden hast, muss auch jener Priester aus China in der Nähe sein. Mach doch gleich noch mal einen Streifzug, er darf uns auf keinen Fall entwischen!« Also kommandierte Silberhorn abermals fünfzig Ungeheuer und machte sich auf Patrouille. Schon bald sah er, dass in der Ferne eine lichte Wolke schwebte und glückverheißender Dunst emporkringelte, und er rief: »Dort kommt der Priester aus China!« »Wo denn?« wunderten sich die Ungeheuer. »Gute Menschen haben ein heilvolles Licht über sich«, erklärte er. »Dieser chinesische Priester war ursprünglich Meister Goldzikade, der in die irdischen Gefilde herniedergestiegen ist. Er hat sich seit zehn Wiedergeburten der Vervollkommnung gewidmet, darum hat er diesen lichten Glanz.« Die Ungeheuer aber konnten nichts sehen. Schließlich wies Silberhorn nach vorn und rief: »Da ist er doch!« Tripitaka durchfuhr ein Schauern. Dreimal zeigte der Dämon auf ihn, und jedes Mal durchzuckte ihn ein Schauern. Beunruhigt wandte er sich an seine Schüler und fragte: »Warum habe ich auf einmal ein so kaltes Schauern?« »Wahrscheinlich macht Euch die Weite dieser Berge etwas befangen«, meinte Pilger beruhigend. »Keine Angst, keine Angst! Ich alter Sun führe Euch mal meine Kampfkunst mit der Stange vor!« Der gute Pilger! Er holte die Stange hervor und begann vor dem Pferd seine Posen aufzuführen: Hoch und nieder drei, vier Mal, links und rechts wohl fünf, sechs Mal, so ließ er seine magischen Kräfte spielen und schlug an der Spitze des Pilgerzuges den Weg frei, dass der Dämon einen mächtigen Schreck kriegte. Der stand nämlich jetzt auf einer Bergkuppe und hielt Ausschau, bis er plötzlich ausrief: »Lange hab ich schon von einem Pilger Sun sprechen hören, doch jetzt erst begreife ich, dass er dem Ruhm um nichts nachsteht. Es ist wahr!« Da traten die Ungeheuer vor ihn und fragten: »Wen rühmt Ihr denn da, Großer König?« »Pilger Sun besitzt immense Zauberkräfte«, erklärte Silberhorn. »Diesen Priester aus China kriegen wir nie zu fassen.« »Wenn wir ihn nicht fressen können, haben wir den Eber Bajie ja umsonst gefangen. Lassen wir ihn doch laufen.« »Auch nicht ganz umsonst«, erwiderte Silberhorn, »wir dürfen ihn nicht leichtfertig freilassen. Am Ende werden wir den Priester aus China schon kriegen, doch nur mit Anstand, keinesfalls mit Gewalt. Ich weiß einen Verwandlungstrick, mit dem wir ihn sicher kriegen.« Er schickte die Ungeheuer weg und sprang alleine den Berg hinunter, wo er sich am Wegesrand mit einer leichten Körperdrehung in die Gestalt eines alten Daoisten verwandelte und so tat, als hätte er sich am Bein verletzt, mit einer blutigen Wunde. So stöhnte er vor sich hin und rief um Hilfe. Tripitaka, der seines Weges ging, hörte auf einmal einen Hilferuf und sprach: »Gütiger Himmel! Wer ruft denn in dieser öden Gegend um Hilfe? Da muss jemand von wilden Tieren angegriffen worden sein.« Er brachte sein Pferd zum Stehen und rief laut: »Wer ist hier in Not geraten? Kommt hervor!« Da kroch der Dämon aus dem Gebüsch und machte vor dem hoch zu Ross sitzenden Priester in einem fort Kotaus. Tripitaka, der sah, dass es ein Daoist war und überdies von hohem Alter, war dies sehr peinlich; eilends sprang er vom Sattel, um ihm die Hand zu reichen. »Aua, es tut weh, weh, weh!« wimmerte der Dämon. »Aua, es tut weh, weh, weh!« wimmerte der Dämon. Tripitaka ließ die Hand von ihm und sah nun, dass er am Bein blutete. »Oh, mein Herr«, sprach er erschrocken, »woher kommt Ihr denn? Wie habt Ihr Euch diese Verletzung zugezogen?« »Ach, Meister«, gab der Dämon zurück, »westlich in diesem Gebirge liegt das daoistische Kloster Qingyou Guan – Kloster der Reinen Stille; dort lebe ich als daoistischer Mönch. Vorgestern bin ich mit einem meiner Schüler zu einem Spender vom Südhang gegangen, der uns eingeladen hat, eine Zeremonie zum Segen der Sterngötter zu veranstalten. Da sind wir nach der Verteilung der Opfergaben zu spät auf den Heimweg gekommen und von einem wilden Tiger angefallen worden. Dieser hat meinen Schüler mit sich fortgerissen, und ich geringer Daoist bin um mein Leben gerannt. Auf einer Geröllhalde bin ich gestürzt und habe mir das Bein verletzt, so dass ich nicht wusste, wie ich heimkommen sollte. Ein großes Glück ist es, dass ich Euch begegnen darf, werter Meister! Oh, seid barmherzig und rettet mich! Sobald ich wieder im Tempel bin, werde ich Eure hohe Gnade vergelten.« Tripitaka hielt seine Worte für wahr und antwortete: »Werter Herr, Ihr und ich, wir befinden uns doch beide auf dem Pfad zur Vervollkommnung; wie könnte ich Euch meine Hilfe verweigern? Allein, wie soll ich Euch helfen, da Ihr kaum gehen könnt?« »Ich kann mich ja kaum aufrichten, wie sollte ich gehen können?« »Nun gut«, lenkte Tripitaka ein, »ich kann ja gehen. Ich überlasse Euch mein Pferd.« »Meister, ich bedanke mich aufrichtig für Eure hohe Gnade, doch mit meiner Verletzung kann ich nicht reiten«, wandte der Dämon ein. »Ach so«, meinte Tripitaka. Dann rief er nach Sandmönch und sprach: »Binde das Gepäck aufs Pferd und nimm ihn auf den Rücken!« Der Dämon wandte sich zu Sandmönch, musterte ihn und meinte dann: »Ach, Meister, der Tiger von gestern hat mir einen solchen Schrecken eingejagt, dass mir das finstere Gesicht dieses Meisters Angst macht. Auf seinen Rücken traue ich mich nicht.« »Dann trage du ihn, Wukong«, entschied Tripitaka. »Mache ich, mache ich!« rief Pilger. Der Dämon hatte es ja auf Pilger abgesehen und zeigte sich einverstanden. »Ha, du Zankteufel!« schimpfte Pilger lachend, »wie kannst du es wagen, mich täuschen zu wollen? Ich weiß genau, dass du ein Ungeheuer aus diesen Bergen bist. Sicher willst du meinen Meister fressen! Aber mein Meister ist kein Geringer; wenn du ihn fressen willst, musst du mir altem Sun mehr als die Hälfte abtreten.« »Aber Meister«, verteidigte sich der Dämon, »ich komme aus gutem Hause und bin ein Daoist. Ich hatte doch nur das Unglück, auf ein wildes Tier zu stoßen; ich bin kein Dämon!« »Wenn du dich vor wilden Tieren fürchtest, warum sagst du dann nicht die ›Schrift des nördlichen Scheffels‹ auf?«216 »Du zänkischer Affe«, mischte sich Tripitaka ein, »denk daran: ›Einem Menschen das Leben zu retten ist wertvoller, als eine siebenstöckige Pagode zu errichten‹! Nimm ihn jetzt auf den Rücken und lass das Gerede von nördlichen oder südlichen Scheffeln!« Da erst nahm Pilger den Dämon auf den Rücken und folgte dem Priester und Sandmönch gen Westen. Als der Meister und Sandmönch nach drei oder fünf Wegmeilen vor ihm einen Hang hinuntergingen und nicht mehr zu sehen waren, überlegte sich Pilger, wie er den Dämon abwerfen und erschlagen sollte. Der aber hatte ihn bereits durchschaut. Und da er sich aufs Versetzen von Bergen verstand, machte er nun auf Pilgers Rücken magische Fingerzeichen und murmelte Zaubersprüche, durch die der Berg Sumeru in die Luft gehoben wurde und auf Pilgers Kopf niederzugehen drohte. Jäh wich der Große Heilige mit dem Kopf zur Seite, so dass der Berg auf seiner linken Schulter landete. »Was soll denn diese Beschwerungsmagie, mein Söhnchen?« rief er lachend, »vor so was fürcht ich mich doch nicht!« Der Dämon begriff, dass ein Berg nicht ausreichte, ihn zu erdrücken. Also murmelte er abermals einen Zauberspruch, worauf der Berg Emei heranschwebte. Pilger neigte wiederum den Kopf zur Seite und fing den Berg mit der rechten Schulter ab. Mit zwei mächtigen Bergen auf den Schultern eilte er pfeilschnell dem Meister nach. Dem verblüfften Dämon trat der Schweiß aus allen Poren. »Der kann ja Berge schultern!« stieß er hervor. Schließlich beruhigte er sich und murmelte noch einen Zauberspruch. Da kam der Berg Taishan angeflogen und landete geradewegs auf Pilgers Kopf. Diesmal vermochte der Große Heilige nichts auszurichten. Unter diesem Taishan-Zauber wurde er so sehr zusammengepresst, dass seine drei Leichengeister zu platzen drohten und das Blut aus allen sieben Sinnesöffnungen quoll.217 Der gute Dämon! Kaum hatte er Pilger unter dem Berg erdrückt, eilte er hinter Tripitaka her und streckte aus der Höhe seine Pranken nach dem Reitenden aus. Entsetzt warf Sandmönch das Gepäck zu Boden und setzte sich mit seinem dämonenbezwingenden Prunkstab zur Wehr. Der Dämon aber zückte ein Siebenstern-Schwert und schnellte wie eine Sternschnuppe auf ihn zu, so dass Sandmönch nicht standhalten konnte und die Flucht ergriff. Doch schon hatte der Dämon seinen Prunkstab gebannt, schwang die mächtigen Pranken und klemmte Sandmönch mit einem Griff unter seine linke Achsel. Mit der Rechten riss er Tripitaka aus dem Sattel, beförderte alle beide mit einem Windstoß in die Lotosgrotte und schrie: »Bruder! Ich habe die Mönche alle gefangen!« Der alte Goldhorn sah hin und meinte: »Hach, werter Bruder, das sind schon wieder die Falschen!« »Du hast doch gesagt, ich solle den Priester aus China fangen«, gab Silberhorn zurück. »Das schon, doch Pilger Sun, der die größten Fähigkeiten besitzt, hast du nicht dabei. Erst wenn wir den dingfest haben, können wir den Priester fressen!« Silberhorn lachte: »Diesen Pilger Sun hab ich unter drei Bergen erdrückt, der bewegt sich keinen Schritt mehr. Wir brauchen nicht mal hinzugehen, es reicht, wenn wir zwei Ungeheuer mit Zauberschätzen schicken, ihn einzusaugen.« »Mit welchen Zauberschätzen denn?« »Mit meiner roten Kalebasse aus Purpurgold und deiner weißen Jadevase!« Goldhorn holte die Schätze, rief die Ungeheuer Feingespenst und Flinkgetier herbei und befahl: »Geht mit diesen Zaubergefäßen zum höchsten Gipfel, haltet sie dort mit dem Boden gen Himmel und der Öffnung zur Erde hin und ruft: ›Pilger Sun!‹ Sobald er Antwort gibt, ist er schon drin. Dann versiegelt Ihr das Gefäß mit einem Stück Papier und schreibt darauf: ›Dringlicher Befehl des Höchsten Alten Laozi.‹ So wird er sich in weniger als einer Doppelstunde in Eiter auflösen.« Während sich die beiden Ungeheuer auf den Weg machten, legten die Dämonen Tripitaka und seinen Schüler in Stricke und banden sie am Dachgebälk außerhalb der Haupthalle fest. Doch davon sei hier nicht weiter die Rede. Lasst uns stattdessen von Pilger erzählen, der unter der Last der Berge schmerzlich Tripitakas gedachte und laut klagte: »O Meister! Einst habt Ihr mich alten Sun aus dem Grenzberg befreit, mich gerettet und in Euren Orden aufgenommen, und seither bin ich mit Euch den Weg zur Vervollkommnung gegangen. Wer hätte je geahnt, dass wir hier auf ein solches Hindernis stoßen und ich wieder unter einem Berg erdrückt würde! Ach, Erbarmen, Erbarmen! Euer Tod muss in Eurem Schicksal festgeschrieben sein, doch schade ist es um all die Anstrengungen, die Sandmönch, Bajie und das kleine Drachenpferd unternommen haben! Es ist doch genau, wie man sagt: ›Ist der Baum zu groß, so fängt er Wind und wird vom Wind geschüttelt; strebt der Mensch zu sehr nach Ruhm, führt ihn der Ruhm ins Unheil!‹« Er seufzte tief, und die Tränen rannen ihm wie Bäche aus den Augen. Längst hatte seine Klage Berggötter, Erdgeister und die Genien aller Himmelsrichtungen aufgeschreckt. »Wem gehören diese Berge?« fragten die Genien. »Uns«, meldeten sich die Erdgeister. »Und wen habt ihr darunter erdrückt?« »Wir wissen es nicht.« »Dann seid ihr ja gar nicht informiert!« riefen die Genien und erklärten: »Den ihr da erdrückt habt, ist der Himmelsebenbürtige Große Heilige Sun Wukong, der sich als Schüler des Priesters aus China dem Guten zugewendet hat. Wie könnt ihr nur diesem Dämon eure Berge ausleihen? Glaubt ihr etwa, der Große Heilige wird euch ungeschoren davonkommen lassen, wenn er je darunter hervorkommt?« Betroffen besprachen sich die Berggötter und Erdgeister mit den Genien und führten die Berge schließlich mit Zauberkraft wieder an die angestammten Orte zurück. Pilger aber sprang auf, zerrte seine Eisenstange aus dem Ohr und schrie die Berggötter und Erdgeister an: »Her mit den Knöcheln, jetzt kriegt jeder von euch zwei Hiebe ab, dass ich alter Sun mir die Laune vertreiben kann!« Entsetzt flehten die Geister um Vergebung. »Ihr seid mir ja gute Erdgeister und Berggötter!« rief Pilger. »Statt dem alten Sun zu gehorchen, folgt ihr einem Dämon!« »Dieser Dämon hat immense Zauberkräfte und unglaubliche Macht«, verteidigten sich die Erdgeister, »immer zwingt er uns mit magischen Formeln in seine Grotte, und jeden Tag muss ihm einer von uns zu Diensten stehen!« Als Pilger das Wort »zu Diensten stehen« hörte, war auch er erschrocken. Er warf den Kopf in den Nacken und rief laut: »O azurner Himmel! Wie kannst du neben dem alten Sun gleichzeitig eine solche Kreatur erschaffen?«218 Während er sein Leid klagte, gewahrte er plötzlich ein Licht, das wie Morgenröte aus der Talsohle schimmerte. Da rief er den Berggöttern und Erdgeistern zu: »Wenn ihr bei ihm in Diensten seid, wisst ihr doch sicher, was das ist, das dort drüben dieses Licht verströmt?« »Das ist einer der Schätze dieser Dämonen«, antwortete der Erdgeist. »Wahrscheinlich schicken sie jetzt ihre Ungeheuer aus, Euch damit einzufangen.« »Das macht Spaß!« rief Pilger. »Sagt mir, mit was für Leuten pflegen diese Dämonen Umgang?« Der Erdgeist antwortete: »Am liebsten brauen sie Elixiere oder Arzneien und verkehren mit Quanzhen-Daoisten.«219 »Nun, dann will ich euch die Schläge vorläufig ersparen, ihr könnt abtreten. Ich alter Sun werde sie selbst einfangen.« Die Geister traten ab und verteilten sich. Der Große Heilige aber verwandelte sich mit einer leichten Körperdrehung in einen alten Quanzhen-Daoisten. Bald trollten die beiden Ungeheuer heran. Pilger streckte seine Eisenstange aus, dass die beiden darüber stolperten und zu Boden stürzten. Als sie sich aufrappelten, sahen sie Pilger und riefen: »Warum macht Ihr uns straucheln?« »Ihr Mönche«, ließ Pilger verlauten, »ich ehrwürdiger Daoistenpriester verlange von euch ein Straucheln anstelle von Begrüßungsgeld.« »Unser Großer König verlangt immer nur ein paar Silberlinge zur Begrüßung, warum verlangt Ihr denn ein Straucheln? Sicher kommt Ihr aus der Fremde; aus dieser Gegend könnt Ihr nicht sein!« »So ist es«, antwortete Pilger, »ich komme von der Insel Penglai.« »Penglai? Das ist doch das Paradies der göttlichen Unsterblichen!« »Wer soll denn ein göttlicher Unsterblicher sein, wenn nicht ich?« Da wandelte sich die Ablehnung der beiden in Freude, und sie traten auf ihn zu und sprachen: »Ehrwürdiger Unsterblicher, mit den Augen des Fleisches haben wir Euch verkannt! Verzeiht, dass wir Euch beleidigt haben!« »Ich trage euch nichts nach«, meinte Pilger. »Ich bin heute hierhergekommen, um einen edlen Unsterblichen ins Paradies zu führen. Wer von euch ist bereit, mitzukommen?« »Ich, Meister!« antworteten beide Ungeheuer gleichzeitig. »Von wo seid ihr denn?« fragte Pilger. »Von der Lotosgrotte.« »Und wo wollt ihr hin?« »Unser König hat uns befohlen, Pilger Sun einzufangen.« »Meint ihr jenen Pilger Sun, der mit dem Priester aus China in den Westen reist, um Heilige Schriften zu holen?« »Ja, genau den! Kennt Ihr ihn auch?« »Ja, dieser Affe ist ziemlich unverschämt, ich kenne ihn; er hat mich auch schon geärgert. Ich will euch begleiten und euch beim Einfangen helfen.« »Ihr braucht uns nicht zu helfen, Meister, unser zweiter König hat ihn bereits unter drei mächtigen Bergen erdrückt. Er hat uns nur befohlen, ihn in ein Zaubergefäß zu stecken.« »Was für ein Zaubergefäß? Wie könnt ihr ihn denn reinstecken?« fragte Pilger. »Meins ist eine rote Kalebasse«, erklärte Feingespenst, »und er hat eine weiße Jadevase. Wenn wir diese mit dem Boden gen Himmel und der Öffnung zur Erde halten, brauchen wir nur seinen Namen zu rufen; sobald er Antwort gibt, steckt er schon drin. Dann kleben wir einen Zettel des Höchsten Alten Laozi drauf, und innerhalb einer Doppelstunde wird er sich in Eiter auflösen.« Pilger schauderte innerlich, doch dann forderte er sie lachend auf: »Zeigt mir doch mal eure Zaubergefäße!« Wie hätten die Ungeheuer auch geahnt, dass sie auf einen Trick hereinfielen? Beide zogen sie ihre Schätze aus den weiten Ärmeln und reichten sie Pilger. Der freute sich im Stillen und dachte: »Das sind aber schöne Dinger! Würde ich mich jetzt mit einem Satz aus dem Staub machen, dann wären sie mir geschenkt. So aber käme mein Ruf zuschanden, denn das wäre ja Raub am helllichten Tag.« Also gab er sie den beiden zurück und sagte: »Meinen Zauberschatz habt ihr aber noch nie gesehen!« »Oh, Ihr habt auch einen Zauberschatz, Meister?« interessierten sich die beiden, »lasst uns sehen!« Pilger zupfte sich ein Schwanzhaar aus und verwandelte es in eine rote Kalebasse aus Purpurgold, die einen Fuß und sieben Zoll lang war, nahm sie vom Gürtel und sagte: »Seht euch meine Kalebasse an!« Flinkgetier nahm sie in die Hand, beguckte sie und meinte: »Meister, Eure Kalebasse ist zwar groß und schön, doch ist sie zu nichts nütze.« »Warum soll sie zu nichts nütze sein?« fragte Pilger. »In unseren Zauberschätzen können wir je tausend Menschen fassen!« »Was ist schon dabei, Menschen zu fassen?« versetzte Pilger. »Mit meiner Kalebasse kann ich den ganzen Himmel einpacken!« »Ist das wahr?« staunten die Ungeheuer. »Das ist wahr«, sagte Pilger. »Wenn es wahr ist, dann zeigt es uns einmal!« »Wenn der Himmel mich verärgert, packe ich ihn an die sieben, acht Mal im Monat ein«, gab Pilger zurück, »doch wenn er mich nicht ärgert, fange ich ihn nicht ein, und sei es ein halbes Jahr lang.« Flinkgetier tuschelte Feingespenst zu: »Bruder, ein Zaubergefäß, mit dem man den Himmel einpacken kann! Machen wir doch einen Tausch!« »Er wird doch ein Gefäß, das den Himmel einfängt, nicht gegen eins tauschen wollen, das nur Menschen einfängt?« flüsterte dieser zurück. »Wenn er nicht einwilligt, biete ich ihm meine Jadevase dazu an«, schlug Flinkgetier vor. Pilger freute sich im Stillen, packte Flinkgetier am Ärmel und fragte: »Macht ihr den Tausch, wenn ich den Himmel einpacke?« »Wenn Ihr es uns vorführt, tauschen wir mit Euch. Wir werden unser Wort nicht brechen.« »Nun gut«, meinte Pilger, »dann mache ich es euch halt vor.« Der gute Große Heilige! Mit gesenktem Kopf murmelte er einen Zauberspruch und machte ein magisches Handzeichen, so dass sich auf der Stelle der Tagwandergeist und der Nachtwandergeist sowie die Genien aller Fünf Himmelsrichtungen um ihn versammelten. »Geht sofort zum Jadekaiser«, befahl er ihnen, »und sagt ihm, dass ich alter Sun den Priester aus China in den Westen begleite und dafür das Zaubergefäß dieses Dämons brauche. Er soll mir unbedingt den Himmel ausleihen, damit ich ihn für ein Stündchen einpacken kann; nur so ist der Erfolg sicher. Wagt er auch nur ein halbes ›Nein‹ vorzubringen, werde ich die Halle der Himmelshöhen mit Waffen erstürmen!« Die Götter begaben sich schnurstracks zur Halle der Himmelshöhen und überbrachten dem Jadekaiser die Meldung. »Dieser unverschämte Affe nimmt den Mund zu voll!« rief der Jadekaiser aufgebracht, »tollkühn glaubt er, den Himmel ausleihen zu können, um ihn einzupacken. Kann man den Himmel etwa einpacken?« Gerade als er die Frage verneinen wollte, blitzte Prinz Nata aus den Reihen und sprach: »Majestät, den Himmel kann man einpacken.« »Wie denn?« fragte der Jadekaiser ungläubig, und Nata erklärte: »Bitte erlasst ein Edikt, dass der Wahre Krieger vom Nördlichen Himmelstor uns seine Kriegsfahne mit dem Schwarzen Adler ausleihen soll. Wenn wir sie vor dem Südlichen Himmelstor aushängen, werden Sonne, Mond und Sterne verdeckt. Dann wird es auf Erden so finster, dass man sein Gegenüber nicht mehr sehen kann. Auf diese Weise können wir die Ungeheuer glauben machen, der Himmel sei eingepackt, und verhelfen Pilger zum Erfolg.« Der Jadekaiser willigte ein, und Prinz Nata führte aus, was er gesagt hatte. Die Wandergeister aber kamen flugs nach unten und flüsterten dem Großen Heiligen die Nachricht ins Ohr. Da rief Pilger den beiden Ungeheuern zu: »Dann fang ich jetzt den Himmel ein.« Da rief Pilger den beiden Ungeheuern zu: »Dann fang ich jetzt den Himmel ein.« Die beiden Ungeheuer hefteten ihre Blicke auf ihn. Pilger warf die Kalebasse in die Höhe, und gleichzeitig breitete Prinz Nata vor dem Südlichen Himmelstor mit einem Schlag die schwarze Kriegsfahne aus, so dass Sonne, Mond und Sterne verdeckt waren. In der Tat, es war, als ob Himmel und Erde wie in Tusche getunkt, der ganze Kosmos mit Indigo gefärbt wären! Verblüfft riefen die beiden Ungeheuer: »Eben war es doch kurz vor Mittag, warum dunkelt es jetzt schon?« »Wenn der Himmel eingepackt ist, muss es ja dunkel werden, egal zu welcher Zeit!« versetzte Pilger. »Warum ist es denn derart finster?« »Sonne, Mond und Sterne sind doch alle mit eingepackt, draußen gibt es kein Licht mehr! Wie sollte es da nicht finster sein?« meinte Pilger. »Aber Meister, wo seid Ihr denn, woher kommt Eure Stimme?« »Da bin ich, direkt vor euch!« »Und was ist das hier für ein Ort?« »Bewegt euch nicht«, warnte Pilger, »wir stehen auf der Klippe zum Bohai-Meer. Wenn ihr da runterfallt, kommt ihr noch in sieben, acht Tagen nicht am Grund an!« Von Grauen gepackt riefen die Ungeheuer: »Genug, genug! Lasst den Himmel wieder raus, wir wissen jetzt, wie man ihn einfängt. Wir wollen nicht ins Meer fallen!« Da Pilger sah, dass sie alles für wahr hielten, murmelte er abermals einen Zauberspruch, der Nata das Zeichen gab, die Fahne einzuziehen. Schon strahlte die Sonne wieder und stand wie zuvor in der Mitte des Himmels. »Wundervoll, wundervoll«, freuten sich die beiden Ungeheuer und lachten. »Wir wären ja schlechte Söhne des Hauses, wenn wir dieses Zaubergefäß nicht einhandeln würden!« Feingespenst reichte Pilger seine Kalebasse und forderte Flinkgetier auf, auch die Jadevase abzugeben. Pilger aber gab ihnen die falsche Kalebasse, hob mit einem Satz von der Erde ab und schaute ihnen aus den Wolken zu. Und da wir nicht wissen, was aus dieser Sache wurde, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第034回 / 34. Kapitel Ein Dämon bringt den Affen hinterrücks in Not / Der Große Heilige entwendet Zauberschätze Es wird berichtet, dass die kleinen Ungeheuer eine Weile lang damit beschäftigt waren, die falsche Kalebasse in den Händen zu halten und rundum zu bestaunen. Als sie aufschauten, war Pilger verschwunden. »Sieh an, Bruder«, meinte Flinkgetier, »auch Unsterbliche lügen! Er hat doch gesagt, nach dem Tausch würde er uns in die Unsterblichkeit führen. Wieso ist er jetzt plötzlich grußlos verschwunden?« »Wir sind doch viel besser davongekommen!« gab Feingespenst zurück, »er wird es doch nicht wagen, einfach abzuhauen. Gib die Kalebasse her, jetzt will ich auch den Himmel einpacken, ich probier’s gleich mal aus.« Er warf die Kalebasse hoch, doch schon plumpste sie wieder zu Boden. »Warum geht es denn nicht?« rief Flinkgetier fassungslos. »Es kann doch nicht sein, dass etwa Pilger Sun sich in einen falschen Unsterblichen verwandelt und unsere echte Kalebasse gegen eine falsche ausgetauscht hätte?« »Unsinn«, entgegnete Feingespenst, »Pilger Sun steckt doch unter drei Bergen, wie könnte er da rauskommen? Gib her, ich versuche es mit dem Zauberspruch, den er dazu gesagt hat.« Er warf die Kalebasse in die Luft und murmelte: »Wagt er auch nur ein halbes ›Nein‹ vorzubringen, werde ich die Halle der Himmelshöhen mit Waffen erstürmen!« Noch bevor er fertig war, lag die Kalebasse schon wieder am Boden. »Es geht ja gar nicht!« riefen die Ungeheuer, »sicher ist es eine Fälschung.« Während sie sich ereiferten, schüttelte sich Pilger in der Höhe über ihnen, dass das Haar auf seinen Körper zurückkehrte und die beiden auf einmal mit vier leeren Händen dastanden. »He, Bruder«, rief Feingespenst, »gib die Kalebasse her!« »Du hast sie doch eben noch in der Hand gehabt«, gab Flinkgetier zurück. »Himmel, warum ist sie jetzt plötzlich weg?« Sie suchten den Boden ab, durchkämmten das Gras, doch wie hätten sie auch etwas finden können! Die beiden Ungeheuer erstarrten vor Angst. »Was nun, was nun?« schrien sie verzweifelt. »Unser König hat uns seine Schätze mitgegeben, um Pilger Sun einzufangen! Jetzt haben wir nicht nur die Aufgabe nicht erledigt, sondern auch die Schätze verloren! Wenn wir das unserem König melden, werden wir zu Tode geprügelt.« »Hauen wir ab«, riet Flinkgetier. »Nein, gehen wir lieber zurück. Die beiden Könige sind ja sonst immer so zufrieden mit dir, da werd ich ein bisschen Schuld auf dich schieben. Wenn sie das durchgehen lassen, sollten wir mit dem Leben davonkommen. Wenn das nicht klappt, sind wir ja immer noch hier, auch wenn sie uns zu Tode prügeln. Wir müssen bloß aufpassen, dass wir nicht zwischen Stuhl und Bank fallen!« Nachdem sie sich abgesprochen hatten, machten sich die Ungeheuer auf den Rückweg. Als Pilger aus der Höhe sah, dass sie zurückkehrten, verwandelte er sich in eine Fliege, schwirrte nach unten und folgte den beiden. Ihr fragt euch, wo er die Zaubergefäße hatte, da er doch eine Fliege war? Mit den Zaubergefäßen verhielt es sich eben genau gleich wie mit dem Goldreifstab. Sie hießen nämlich »Wunscherfüllende Buddhaschätze« und konnten sich mit der Körpergröße verändern. Deshalb fanden sie selbst auf einer Fliege Platz. Surrend folgte er den beiden Ungeheuern dicht auf den Fersen. In der Grotte saßen die beiden Dämonenkönige gerade beim Wein. Die Ungeheuer fielen vor ihnen auf die Knie. »Da seid ihr ja«, meinten die Dämonen und hielten im Trinken inne. »Habt ihr Pilger Sun erwischt?« Die kleinen Ungeheuer schlugen ihre Köpfe auf den Boden und wagten kein Wort zu sagen. Der Dämon wiederholte die Frage, doch statt eine Antwort zu geben, setzten sie nur ihre Kotaus fort. Erst beim dritten Nachfragen warfen sich die beiden der Länge nach zu Boden und riefen: »Erlasst uns die tausendfach verdiente Todesstrafe! Als wir mit den Zauberschätzen unterwegs waren, haben wir plötzlich einen Unsterblichen von Penglai getroffen, der hatte eine Kalebasse, mit der er den Himmel einpacken konnte. Aus einer eitlen Hoffnung heraus und in der Absicht, für unsere Sippe zu sorgen, dachten wir: Seine fängt den Himmel ein, unsere nur Menschen, da sollten wir doch mit ihm tauschen. Anfangs haben wir nur die Kalebasse zum Tausch versprochen, aber Flinkgetier hat ihm die Vase auch noch gegeben. Wir hätten doch nicht gedacht, dass der Schatz eines Unsterblichen nicht in profanen Händen bleibt! Als wir ihn ausprobiert haben, war er plötzlich mitsamt dem Unsterblichen verschwunden. Um alles in der Welt, erlasst uns die Todesstrafe!« Wutschnaubend donnerte Goldhorn: »Da haben wir’s! Das war Pilger Sun, der euch als falscher Unsterblicher hinters Licht geführt hat! Dieser Affe hat immense Zauberkräfte und überall gute Bekannte. Wer weiß, welcher Drecksgeist ihn dort rausgelassen hat!« »Unverschämt, dieser Affenschädel!« ereiferte sich Silberhorn. »Wenn er schon solche Fähigkeiten hat, soll er sich doch einfach aus dem Staub machen! Warum muss er uns auch noch um die Zaubergeräte betrügen? Wenn ich den nicht zu fassen kriege, will ich nicht länger Dämon auf dem Westweg sein!« »Wie willst du das denn anstellen?« fragte Goldhorn. »Wir haben insgesamt fünf Zaubergeräte«, erklärte Silberhorn, »zwei haben wir verloren, also bleiben uns jetzt noch drei. Das Siebenstern-Schwert und der Palmfächer sind bei mir, das Goldseil ist bei Mutter in der Drachenjochgrotte auf dem Drachenjochberg. Schicken wir doch zwei kleine Ungeheuer zu Mutter, laden sie zu einer Portion chinesischem Priesterfleisch ein und lassen sie gleichzeitig das Goldseil mitbringen, damit wir Pilger Sun fangen können.« »Welche Ungeheuer sollen wir schicken?« fragte Goldhorn. »Sicher nicht die beiden Stümper!« rief Silberhorn und jagte Feingespenst und Flinkgetier mit einem Schnauben davon. Anschließend riefen sie ihre Leibdiener Bergtiger und Meerdrache und befahlen ihnen, die Mutter einzuladen und das Goldseil mitzubringen. Eilfertig machten sich beiden Ungeheuer auf den Weg. Wie hätten sie auch wissen können, dass Pilger dabei war und alles mitangehört hatte! Er breitete die Flügel aus, surrte hinterher und landete auf Bergtiger. Nach zwei, drei Wegmeilen wollte er die beiden erschlagen, doch gleichzeitig ging es ihm durch den Kopf: »Erschlagen wäre viel zu einfach. Und dann wüsste ich ja nicht mal, wo jene alte Mutter wohnt. Ich will sie erst mal ausfragen, bevor ich Hand anlege.« Der gute Pilger! Surrend flog er von den Ungeheuern weg, ließ ihnen einen Vorsprung und verwandelte sich dann mit einer leichten Drehung selbst in ein kleines Ungeheuer, das sie einholte und mit ihnen ging. Nach einer geraumen Weile fragte er: »Wie weit ist es noch?« Meerdrache wies mit der Hand nach vorn: »Gleich da vorn, im Rabenwald.« Pilger sah auf und erblickte unfern einen dunklen Waldstreifen. Da hob er seine Stange, zerschmetterte die beiden Ungeheuer zu einem Häuflein Hackfleisch und zerrte sie ins hohe Gras am Wegesrand. Dann zupfte er sich ein Pelzhaar aus und machte es zu Bergtiger, während er selbst sich in Meerdrache verwandelte. Mit ein paar Sprüngen war er im Wald und fand zwei halboffene steinerne Torflügel, die von zwei Teufelinnen bewacht wurden. »Wo kommt ihr her?« fragten die Wächterinnen. »Ich bin ein Gesandter aus der Lotosgrotte vom Flachdachberg und habe eine Einladung für die ehrwürdige Mutter.« »Tretet ein«, sprachen die Teufelinnen. Nachdem er das dritte Tor passiert hatte, sah er, wie in der Mitte eine alte Dame thronte. Pilger war auf einmal so traurig, dass er die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte. Warum er weinte, fragt ihr? Er dachte sich: »Immer habe ich recht wie ein Held gelebt und mich mein Leben lang nur vor drei Menschen verneigt: im Westen vor Buddha, im Südmeer vor Guanyin und am Grenzberg, wo mein Meister mich befreit hat, habe ich vor ihm vier Verbeugungen gemacht. Doch jetzt stehe ich vor einer Dämonin, und wenn ich mich nicht verbeuge, wird der Betrug rauskommen. Bitter ist das! Immerhin geschieht es nur, weil mein Meister in Not ist, dass ich solche Schmach erfahren muss.« Es blieb ihm keine andere Wahl, als sich in seine Lage zu schicken. Also kniete er nieder und sprach: »Seid mit Kotau gegrüßt, Gnädige Frau!« »Steh auf, mein Sohn!« sprach die Dämonin. »Woher kommst du?« »Die Herren Großkönige aus der Lotosgrotte haben mich gesandt, Euch einzuladen, mit ihnen vom Fleisch des Priesters aus China zu kosten und gleichzeitig das Goldseil mitzunehmen, um den Pilger Sun einzufangen.« »Wie artig!« freute sich die alte Dämonin und ließ sofort ihre Sänfte bereitstellen. Zwei Teufelinnen trugen eine aus duftendem Rohrholz geflochtene Sänfte vor das Tor und versahen sie mit dünnen blauen Seidenvorhängen. Die alte Dämonin erhob sich, schritt aus der Grotte und setzte sich in die Sänfte, die nun von zwei Dienerinnen geschultert wurde. Nach fünf, sechs Meilen setzten die Trägerinnen die Sänfte ab, um Rast zu halten, da schwang Pilger seine Stange, fuhr ihnen leicht über die Köpfe, und schon waren sie erledigt. Als nun die alte Dämonin ihren Kopf hinter den Vorhängen hervorstreckte, wurde auch sie von Pilgers Stange erschlagen. Er zerrte sie aus der Sänfte und sah, dass es ein neunschwänziger Fuchs war. Nun suchte er nach dem Goldseil, steckte es in seinen Ärmel und meinte vergnügt: »Diese Zankteufel mögen so viele Künste haben, wie sie wollen; drei ihrer Schätze hören bereits auf den Namen Sun!« Abermals zupfte er sich zwei Haare aus, die er in Bergtiger und Meerdrache verwandelte, und zwei weitere, die er zu Sänftenträgerinnen machte. Er selbst verwandelte sich in die alte Dämonin, setzte sich in die Sänfte und ließ sich zurücktragen. Nach kurzer Zeit hatten sie die Lotosgrotte erreicht. Die Torwächter eilten hinein, ihre Ankunft zu melden, worauf die beiden Dämonen Befehl erteilten, zum Empfang Weihrauchtische aufzustellen. »Herrlich«, kicherte Pilger in sich hinein, »nun komme ich doch noch zu Ehren!« Er stieg aus der Sänfte und schritt geradewegs in die Grotte hinein. Hier empfingen ihn sämtliche Ungeheuer auf den Knien, man rührte Trommeln und Pauken, und duftender Rauch quirlte aus Weihrauchgefäßen. In der Haupthalle setzte er sich mit dem Gesicht gen Süden auf den Ehrenplatz, die beiden Dämonen fielen vor ihm auf die Knie, vollzogen ihren Kotau und riefen: »Seid gegrüßt, verehrte Mutter!« »Steht auf, meine Söhne«, sprach Pilger gnädig. Eber Bajie, der oben am Dachbalken aufgehängt war, prustete plötzlich vor Lachen. »Du bist ja gut drauf«, versetzte Sandmönch, »in dieser Hängelage ist dir noch zum Lachen zumute!« »Bruder«, flüsterte Bajie, »ich habe Grund zum Lachen. Da ängstigen wir uns die ganze Zeit wegen der Ankunft der alten Dame, weil sie uns fressen wollen, dabei ist es gar nicht die Dame, es ist der Dingsda.« »Welcher Dingsda?« Bajie grinste: »Der Pferdeknecht.« »Woran siehst du das?« »Als er sich eben zum Gruß geneigt hat, lugte hinten sein Affenschwanz raus. Ich hänge höher als du, drum hab ich es gesehen.« »Dann lass uns still sein, damit wir hören, was er sagt«, flüsterte Sandmönch. Sie beobachteten, wie der Große Heilige in der Mitte der Halle thronte und fragte: »Aus welchem Grunde habt ihr mich eingeladen, meine Söhne?« »Mutter«, antworteten die Dämonen, »wir haben es lange an der Pflicht zur Kindesliebe fehlen lassen. Da wir jetzt aber den chinesischen Priester aus dem Osten gefangen haben, möchten wir ihn nicht alleine verspeisen, sondern auch Euch, werte Mutter, eine Portion darbringen. Gedämpft wird er Euch bestens schmecken und gleichzeitig auch noch Euer Leben verlängern.« »Meine Söhne«, entgegnete Pilger, »das Fleisch des Priesters will ich nicht essen, doch wie ich gehört habe, soll ein gewisser Eber Bajie in seinem Gefolge sein, der außerordentlich leckere Schweinsohren haben muss. Diese könntet ihr mir zubereiten und zum Schnaps servieren.« Bajie erschrak. »Die Pest soll dich holen!« brummte er, »wenn du gekommen bist, mir die Ohren abzuschneiden, werde ich aber was rausschreien!« Er hatte noch nicht zu Ende gesprochen, als plötzlich ein paar Ungeheuer von ihrem Inspektionsgang in die Grotte stürzten und keuchten: »Großer König, ein Unheil! Pilger Sun hat Eure Mutter erschlagen und sich in ihre Gestalt verwandelt!« Als der Dämon dies hörte, zückte er sein Siebenstern- Schwert und versetzte Pilger einen Hieb. Der Große Heilige aber tat einen Schwenk, der Raum erfüllte sich mit rotem Licht, und er war auf und davon. Es war genau, wie man sagt: Was sich verdichtet, nimmt Gestalt an; Was sich verflüchtigt, wird zu Energie. Der Große Heilige tat einen Schwenk, der Raum erfüllte sich mit rotem Licht, und er war auf und davon. Von Grauen gepackt rief Goldhorn Silberhorn zu: »Bruder, gib diesem Pilger alle drei Mönche, Pferd und Gepäck zurück, schließen wir diesen Streit ab!« »Wo denkst du hin, Bruder!« entgegnete Silberhorn. »Nach all den Mühen, diese Mönche einzufangen, rücke ich sie doch nicht einfach raus! Setz dich, hab keine Angst. Ich habe ja gehört, dass dieser Pilger Sun große Zauberkräfte besitzen soll, doch habe ich ihn erst einmal getroffen und mich noch gar nicht mit ihm gemessen. Holt die Rüstung! Ich will mit dem ein paar Runden ausfechten. Falls er mir nicht standhält, ist das Fleisch des Priesters unser. Und wenn ich nun verlieren sollte, können wir ihm seinen Meister immer noch rausrücken.« Er gürtete sich die Rüstung um, trat mit gezücktem Schwert ins Freie und schrie: »Pilger Sun! Gib mir meine Zauberschätze und meine Mutter zurück, dann lasse ich deinen Priester ziehen!« »Du Zankteufel«, schimpfte der Große Heilige, »da schätzt du deinen alten Herrn Sun aber falsch ein! Gib mir sofort meinen Meister und meine Ordensbrüder zurück, sonst muss dein Herr Hand anlegen!« Da schoss Silberhorn in die Höhe und erhob sein Schwert gegen Pilger, der ihm seinerseits mit der Stange entgegenkam. Die beiden fochten in den Lüften dreißig Runden aus, doch der Kampf blieb unentschieden. »Dieser Giftteufel hält immerhin meiner Stange stand«, sann Pilger. »Aber eigentlich habe ich ja drei seiner Zauberschätze. Ist es nicht Zeitverschwendung, wenn ich diesen Kampf hier weiterführe? Es wäre doch besser, ich würde ihn in seine Kalebasse oder in die Jadevase einsaugen!« Doch dann besann er sich: »Nein, so geht es auch nicht. Falls ich ihn nun rufe und er keine Antwort gibt, habe ich ja die gute Gelegenheit vertan. Ich will ihm erst mal sein Goldseil um den Hals schnüren.« Schon warf er mit der einen Hand das Seil aus, es fuhr über den Kopf des Dämons und schnürte sich fest. Nun verhielt es sich aber so, dass dieser Dämon für sein Seil zwei Zauberformeln kannte, nämlich eine zum Schnüren und eine zum Lösen. Um seine Gegner zu bezwingen, wandte er diejenige zum Schnüren an, wurde er aber selbst davon erfasst, brauchte er nur die Formel zum Lösen zu sprechen. Der Dämon merkte sofort, dass es sein Zauberschatz war, murmelte die Formel und befreite sich, dann warf er es im Gegenzug über Pilger, der sofort umschnürt wurde. Während der Große Heilige noch versuchte, sich daraus zu befreien, hatte der Dämon bereits die Schnürformel gesprochen, wodurch sich das Seil so fest um Pilger schlang, dass an Entrinnen nicht mehr zu denken war. Es umschnürte ihn bis zum Hals und saß dort fest wie ein goldener Ring. Der Dämon aber zerrte Pilger am Seil zu sich nieder und hieb ihm mit seinem Siebenstern-Schwert sieben, acht Mal auf den Glatzkopf. Der aber rötete sich nicht einmal. Da zerrte er Pilger in die Grotte und brüllte: »Bruder! Ich habe den Pilger Sun!« Der alte Dämon lachte strahlend und rief: »Ja, er ist es! Herrlich, fessle ihn gleich an die Säule!« Nun durchsuchten ihn die beiden Dämonen von Kopf bis Fuß und fanden ihre Kalebasse und die Jadevase. Daraufhin setzten sie sich vergnügt in einer hinteren Kammer zum Zechen. Während Pilger sich an der Säule wand, brach Bajie oben am Dachbalken in Gelächter aus und höhnte: »Ha Bruder, die Ohren werden dir nicht serviert!« »Lass das Geschwätz, du Tölpel!« gab Pilger zurück. »Ich mache mich jetzt aus dem Staub, und dann befreie ich euch, ihr könnt euch drauf verlassen.« Einen Augenblick später, als er sah, dass niemand mehr in der Nähe war, ließ er seine Künste spielen und verwandelte seine Eisenstange in eine Feile aus massivem Stahl. Diese stieß er unter den goldenen Ring um seinen Hals, und nach drei bis fünf Rucken war das Seil entzwei. Nun stemmte er die beiden losen Enden auseinander und war frei. Aus einem Körperhaar zauberte er ein falsches Abbild seiner selbst und band es an derselben Stelle fest, dann verwandelte er sich mit einem leichten Dreh in ein kleines Ungeheuer und schickte sich an, den Schatz zu stehlen. Pfiffig wie er war, trat er auf die Dämonen zu und meldete: »Große Könige! Seht, Pilger Sun reibt sich an der Säule hin und her, das Goldseil ist bald durchgescheuert. Wir müssen es durch einen dickeren Strick ersetzen.« »Du hast recht«, meinte Goldhorn, löste seinen Löwengürtel220 und reichte ihn Pilger. Dieser schnürte ihn um den falschen Pilger, steckte sich das Goldseil in den Ärmel und zauberte aus einem weiteren Pelzhaar ein falsches Goldseil, das er dem Dämon mit beiden Händen überreichte. Der warf nur einen flüchtigen Blick darauf und steckte es ein. Der Große Heilige aber rannte mit dem erbeuteten Zauberschatz flugs nach draußen, zeigte sich wieder in seiner wahren Gestalt und brüllte: »Dämonen!« »Wer bist du und was schreist du hier?« fragten die kleinen Ungeheuer. »Los, geht rein und meldet eurem Zankteufel, dass Sunger Pil da ist!« Im selben Wortlaut meldeten die Ungeheuer ihren Königen die Botschaft. »Eben haben wir Pilger Sun festgenommen, wieso kommt jetzt ein Sunger Pil?« fragte Goldhorn erschrocken. Doch Silberhorn meinte: »Was gibt es da zu befürchten, Bruder? Alle Schätze sind bei mir, ich werde ihn gleich in die Kalebasse einsaugen.« Er trat mit der Kalebasse ins Freie und rief: »Woher kommst du?« »Ich bin der Bruder von Pilger Sun«, gab Pilger zur Antwort, »wie ich höre, ist er bei euch gefangen, deshalb suche ich euch auf.« »Wenn du Händel suchst«, meinte Silberhorn, »willst du uns sicher zum Kampf auffordern. Ich will aber vorerst nicht zu den Waffen greifen, sondern dich bloß mal rufen. Wagst du mir zu antworten?« »Was soll daran schlimm sein? Rufst du tausend Mal, so antworte ich dir zehntausend Mal.« Da sprang der Dämon in die Höhe, hielt sein Zaubergefäß mit der Öffnung nach unten und rief: »Sunger Pil!« Pilger jedoch traute sich nicht zu antworten. Der Dämon rief ein zweites Mal, und Pilger sann: »Mein wahrer Name ist Pilger Sun; Sunger Pil ist nur mein Phantomname. Mit dem wahren Namen werde ich eingesaugt, mit dem Phantomnamen müsste es eigentlich nicht gehen.« Schließlich konnte er es sich nicht verkneifen, probehalber zu antworten. Flugs war er in der Kalebasse, und der Dämon klebte den Zettel darauf. Das Zaubergefäß kümmerte sich nämlich keinen Deut darum, ob ein Name echt war oder nicht; es reagierte allein auf die Energie des Antwortens. In der Kalebasse war es rabenschwarz. Pilger stemmte den Kopf nach oben, doch was konnte er schon ausrichten? Sie war viel zu fest versiegelt. Da packte ihn die Unruhe, und er sann: »Die beiden Ungeheuer sagten damals, in der Kalebasse oder in der Vase würde sich ein Mensch in weniger als einer Doppelstunde in Eiter auflösen. Das kann wohl für mich nicht zutreffen?« Doch gleich darauf dachte er: »Ach was, ich alter Sun wurde vor fünfhundert Jahren im Ofen des Höchsten Alten Laozi geläutert und habe davon mein stählernes Rückgrat, einen kupfernen Schädel und feurige Goldaugen. Das kann unmöglich schmelzen!« Silberhorn trat in die Grotte und rief: »Bruder, ich habe Sunger Pil schon in der Kalebasse!« Freudig meinte Goldhorn: »Lass sie liegen, werter Bruder, nimm den Zettel erst ab, wenn es beim Schütteln gluckert.« Pilger hatte die Worte gehört und dachte: »Wie soll mein Körper hier drin beim Schütteln gluckern? Es sei denn, er löste sich in Saft auf.« Die Dämonen aber frönten nur dem Schnaps und dachten gar nicht daran, die Kalebasse zu schütteln. Schließlich versuchte der Große Heilige sie anzulocken, indem er plötzlich rief: »Himmel, meine Knöchel schmelzen!« Doch keiner rührte die Kalebasse an. Nach einer Weile schrie er: »O meine Güte, nun schmilzt die Wirbelsäule!« Da meinte Goldhorn: »Wenn er so weit geschmolzen ist, dann ist es um ihn geschehen. Du kannst mal den Zettel abnehmen und reinschauen.« Als Pilger das hörte, zupfte er sofort ein Pelzhaar aus und machte es zu einem halben Körper auf dem Grund der Kalebasse, während er selbst sich in ein Mückchen verwandelte und dicht am Ausgang wartete. Kaum hatten die beiden Dämonen die Kalebasse geöffnet und hineingeschaut, war er schon auf und davon. In einem Überschlag verwandelte er sich in ein kleines Ungeheuer und stellte sich neben die Dämonen. Goldhorn spähte durch die Öffnung und sah drinnen den halben Körper. Ohne zu prüfen, ob er echt war oder nicht, rief er Silberhorn hastig zu: »Schnell, mach wieder zu, er ist noch nicht ganz geschmolzen!« Abermals klebten die beiden Dämonen den Zettel auf. Nun hob Goldhorn den Weinkrug, schenkte den Becher randvoll und reichte ihn Silberhorn mit beiden Händen. »Werter Bruder«, sprach er, »für diese Tat hast du ein paar Becher mehr verdient!« Um auf diese Anerkennung durch den älteren Goldhorn den Weinkelch mit beiden Händen in Empfang nehmen zu können, reichte Silberhorn die Kalebasse dem kleinen Ungeheuer, das gerade neben ihm stand. Er konnte ja nicht wissen, dass es eine Verwandlung Pilgers war. Dann trank er aus und schenkte seinerseits Goldhorn einen Becher ein. Pilger, der sich die Kalebasse auf den Kopf gesetzt hatte, schaute den beiden unverwandt beim Bechern zu. Da sie sich keineswegs in ihrer Muße stören ließen, stopfte er schließlich die Kalebasse in den Ärmel und zauberte flugs eine Fälschung aus einem Pelzhaar, die er in beiden Händen hielt. Nachdem die beiden den Becher eine Weile hin und her gereicht hatten, nahm Silberhorn die Kalebasse achtlos an sich, und die beiden zechten weiter. Glücklich über den Gewinn des Schatzes zog sich Pilger zurück und kicherte: »Mögen eure Kniffe noch so listig sein, Eure Kalebasse ist schon wieder mein!« Und da wir nicht wissen, was er noch alles anstellte, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第035回 / 35. Kapitel Ein Irrweg täuscht mit Macht das Rechte Wesen / Der Herzensaffe tilgt mit Schätzen die Dämonen Ist das Wesen hell erleuchtet, Fließt das Dao ungehindert, So dass er mit einem Sprunge Aus den Netzen herausfindet. Der Verwandlung hohe Künste Sind nicht einfach zu erlangen; Ewiges Leben sich erringen Übersteigt profanes Können! Stets im Kreis von Klar und Trübe,221 Mit dem Großen Laufe wandelnd, Treibt er in den Weltenzyklen, Zwischen West und Osten pendelnd. Ungebunden, frei und ledig Weilt er Billionen Jahre Als ein Funken Götterlicht Ewig in des Weltalls Leere! Dieses Gedicht stimmt überein mit dem wesentlichen Kern des Großen Heiligen Sun. Nachdem er den wahren Zauberschatz des Dämons errungen hatte, huschte er aus der Grotte, nahm wieder seine eigene Gestalt an und verlangte mit lauter Stimme Einlass. »Wer bist denn du wieder?« fragten die Torwächter. »Richtet eurem Zankteufel sofort aus, dass Sun Pilger da ist!« rief Pilger. Die Ungeheuer verschwanden ins Innere und meldeten die Nachricht. Erschrocken rief der alte Goldhorn: »Bruder, das sieht schlimm aus, ich glaube, wir haben ein ganzes Nest aufgescheucht!« »Keine Sorge, Bruder«, gab Silberhorn zurück, »in meiner Kalebasse haben doch tausend Menschen Platz. Eben habe ich Sunger Pil eingesaugt, was brauchen wir uns vor einem Sun Pilger zu fürchten! Wart’s ab, ich geh gleich mal raus und fange den auch noch ein.« Seht, wie er jetzt mit der falschen Kalebasse genau wie zuvor heldenmütig vor das Tor tritt! »Wer bist du, dass du vor unserer Grotte zu schreien wagst?« brüllte er, »komm her! Ich kämpfe nicht mit dir, doch traust du dich, mir Antwort zu geben, wenn ich dich rufe?« Lachend rief Pilger zurück: »Natürlich gebe ich Antwort, wenn du mich rufst. Wirst auch du antworten, wenn ich dich rufe?« Da brach der Dämon in Gelächter aus und rief: »Ich will dich rufen, weil ich eine Zauberkalebasse habe, die Menschen einsaugt. Was hast du denn, dass du mich rufen willst?« »Auch eine Kalebasse«, gab Pilger zurück. »Dann zeig her!« Pilger zog die Kalebasse aus dem Ärmel und rief: »Hier, du Zankteufel!« Der Dämon erschrak nicht wenig. »Wieso sieht denn seine haargenau gleich aus wie meine?« wunderte er sich. Dann brüllte er: »Sun Pilger, wo hast du deine Kalebasse her?« Pilger wusste nun mit bestem Willen nicht, was er sagen sollte, also fragte er zurück: »Woher hast du denn deine?« »Meine Kalebasse stammt aus jener fernen Zeit, in der das große Urchaos sich gerade erst in Himmel und Erde aufteilte. Damals erschien der Höchste Alte Meister in Gestalt der Göttin Nüwa und schmolz Steine, um die Himmelskuppel zu flicken. Als er den Himmel bis zur Stelle des letzten Hexagramms Guai222 geflickt hatte, sah er am Hang des Kunlun-Gebirges eine göttliche Liane, an der eine rote Kalebasse aus Purpurgold wuchs. Diese Kalebasse hier ist keine andere als jene, die der Höchste Alte Meister Laozi überliefert hat.« Da gab der Große Heilige zurück: »Meine kommt auch von dort.« »Wie denn das?« »Zu jener fernen Zeit, als sich eben erst das Reine vom Trüben getrennt hatte und der Himmel nach Nordwesten hin ebenso wie die Erde nach Südosten hin noch unvollständig war, weshalb der Höchste Alte Meister des Dao sich in die Göttin Nüwa verwandelte, um die Lücke in der Himmelskuppel auszubessern, kam er zum Kunlun und fand am Berghang eine göttliche Liane, an der zwei Kalebassen wuchsen. Meine Kalebasse ist die männliche, deine die weibliche.« »Ob männlich oder weiblich, Hauptsache, sie kann Menschen einsaugen!« versetzte der Dämon. »So ist es«, bemerkte Pilger, »versuch du zuerst.« Erfreut sprang der Unhold mit einem Satz in die Höhe, hielt seine Kalebasse hoch und schrie: »Sun Pilger!« Der Große Heilige antwortete in einem Atemzug an die acht, neun Mal hintereinander, doch nichts geschah. Der Dämon glitt nach unten, stampfte vor Wut auf den Boden und schlug sich mit der Faust an die Brust. »O Himmel!« schrie er, »das ist ja wie unter Menschen! Da fürchtet sich gar ein solcher Zauberschatz vor seinem Gatten; vor dem männlichen wagt das weibliche keine Menschen mehr einzusaugen!« Pilger lachte und meinte: »Dann steck es ein, jetzt bin ich alter Sun an der Reihe!« Im Wolkenüberschlag schnellte er hoch, hielt die Kalebasse mit der Öffnung nach unten über den Dämon und rief: »Großer König Silberhorn!« Dem Unhold blieb nichts anderes übrig, als zu antworten. Augenblicklich war er in der Kalebasse, und Pilger versiegelte die Öffnung mit dem Papier, auf dem der Spruch stand: »Dringlicher Befehl des Höchsten Alten Meisters Laozi«. »Na, mein Söhnchen«, meinte er stillvergnügt, »jetzt kannst du auch mal was Neues ausprobieren!« Er senkte seine Wolke und schritt mit der Kalebasse stracks auf die Lotosgrotte zu. Weil der Pfad so uneben war, dass er beim Gehen wankte, schlenkerte die Kalebasse bei jedem Schritt hin und her und gluckerte dabei. Schon stand er vor dem Eingang. Wie er nun die Kalebasse schüttelte, gluckerte es noch mehr. »Das ist ja wie einer dieser Becher mit den Bambusstäbchen zum Weissagen«, meinte Pilger, »da will ich doch mal weiterschütteln, bis ich rauskriege, wann mein Meister hier herauskommt.« Seht, wie er unverwandt die Kalebasse schüttelt und beschwörende Formeln murmelt! »König Wen vom Buche der Wandlung! Heiliger Konfuzius! Ehrenwerte Pfirsichblütenfrau! Meister vom Geistertal!« sprach er vor sich hin. Die Ungeheuer bei der Grotte hatten ihn beobachtet und meldeten: »Großer König, ein Unheil! Sun Pilger hat unseren zweiten König in die Kalebasse eingesaugt, und jetzt will er damit weissagen!« Dem alten Goldhorn wollte vor Schrecken das Herz stillstehen; er brach zusammen und fiel verzweifelt schluchzend zu Boden. »Ach, mein lieber Bruder!« heulte er, »zusammen haben wir die oberen Gefilde verlassen und uns der Welt des Staubes anvertraut; zusammen wollten wir Macht und Wohlstand genießen und ewig als Herren dieser Berge walten. Ach, dass du wegen dieses Priesters ums Leben kommen musstest, dass unsere unzertrennliche Brüderschaft zerstört wird!« Alle Ungeheuer der Grotte stimmten aufheulend in seine Wehklage ein. Bajie, der gefesselt am Balken hing, konnte sich nicht halten zu rufen: »Lass das Geheul, du Scheusal! Nun ist dein Bruder halt tot, da hilft auch Heulen nichts. Scheure lieber den Herd und mach uns ein rechtes Klostermahl. Dann kannst du meinen Meister bitten, für deinen Bruder das Sutra der Reinkarnation zu lesen.« Blindwütig fuhr der alte Dämon auf und wollte Bajie auf der Stelle braten lassen. Doch da meldete ein kleines Ungeheuer: »Sun Pilger steht schon wieder draußen und schimpft!« Da bekam es der Alte mit der Angst zu tun. Er schickte seine Ungeheuer, zu schauen, welche Schätze noch übrig waren. »Das Siebenstern-Schwert, der Palmfächer und die Jadevase sind noch da«, meldeten diese umgehend. »Die Vase ist ja doch wertlos. Was andere hätte fangen sollen, hat meinen Bruder eingesaugt!« klagte der Dämon und rief: »Schnell, reicht mir Schwert und Fächer!« Der Dämon steckte sich den Fächer in den Kragen, sprang mit gezücktem Schwert aus der Grotte und brüllte: »Du gemeiner Affe hast meinen Bruder ermordet und unsere brüderlichen Bande zerstört!« »Du elendes Scheusal bist wohl lebensmüde«, schimpfte Pilger zurück, »lass sofort meinen Meister frei, dann lass ich dir dein Hundeleben!« Ohne darauf einzugehen, richtete der Dämon das Schwert gegen ihn, während der Große Heilige ihm die Eisenstange entgegenhielt. Ihr Kampf dauerte an die zwanzig Runden, ohne dass eine Entscheidung fiel. Schließlich hielt der Dämon sein Schwert in die Höhe und rief seine Ungeheuer herbei, so dass diese alle gleichzeitig losstürmten und Pilger umzingelten. Der Große Heilige aber bediente sich umgehend einer Außenkörper-Magie, indem er ein Büschel Pelzhaare mit dem Ruf »Verwandlung!« ausspuckte, so dass sich ein jedes in einen Pilger verwandelte, welche die Ungeheuer kreuz und quer in die Flucht schlugen. »Großer König«, keuchten diese, »es steht schlimm, wir können nicht mehr! Der ganze Berg wimmelt von Pilger Suns!« Erschrocken packte der Dämon mit der Linken sein Zauberschwert, zog mit der Rechten den Fächer hervor und hielt ihn gegen Süden, der Richtung der Himmelsstämme Bing und Ding, wo sich der Palast des Feuer-Trigramms Li befindet. Kaum hatte er den Fächer kräftig auf und ab bewegt, loderten auf der Stelle gleißende Flammen auf. Mit diesem Zauberfächer ließ sich nämlich auf dem nackten Boden Feuer entfachen, und zwar eine völlig andere Art von Feuer als dasjenige des Himmels oder das im Ofen. Es handelte sich um einen Funken jenes beseelten Lichts, das auf natürliche Weise den Fünf Wandlungsphasen entnommen war. Während der Dämon nun seinen Fächer sieben, acht Mal auf und ab bewegte, verbreitete sich das Feuer in rasender Geschwindigkeit zum Flächenbrand, als würden Himmel und Erde in Flammen verzehrt. Angesichts dieser Feuersbrunst bekam es der Große Heilige nun doch mit der Angst zu tun. Sofort zog er alle Haare wieder zurück, nur eines behielt er als falschen Körper, den er vor den Flammen fliehen ließ. Er selbst aber sprang in einem Überschlag in die Höhe und sauste schnurstracks zur Lotosgrotte, wo er alle Ungeheuer kurz und klein schlug und dann ins Innere stürmte, um den Meister zu befreien. Doch da bemerkte er, dass es mitten in der Grotte feuerhell loderte. Erst beim näheren Hinsehen erkannte er, dass dies nicht von Flammen herrührte; es war vielmehr eine Art goldenes Licht. Als er direkt in die Helle blickte, sah er schließlich, dass das Leuchten von der Jadevase ausging. Er packte sie und rannte ins Freie. Doch kaum hatte er die Grotte verlassen, sah er, dass der Dämon mit gezücktem Schwert von Süden her auf ihn zuraste. Der Große Heilige vermochte ihm nicht mehr auszuweichen, schon hieb der alte Dämon mit dem Schwert auf ihn ein. Jäh schoss der Große Heilige mit einem Überschlag empor und war verschwunden. Der Dämon kam zum Eingang seiner Grotte, wo er alles von Leichen übersät fand. Er konnte sich nicht halten und brach in lautes Heulen aus, voller Trauer und Verzweiflung. Zuletzt setzte er sich einsam in der Grotte nieder, bis er mit schwerem Kopf über einen Steintisch gebeugt einnickte. Der Große Heilige aber, der mitten in seinem Überschlag eine Kehrtwendung gemacht hatte und vor dem Berg stehengeblieben war, band sich die Vase fest um die Hüften und kam abermals zur Grotte. Beide Torflügel standen weit offen, und alles war still. Drinnen fand er den Dämon in tiefem Schlaf, der Palmfächer lugte aus seinem Kragen, das Siebenstern-Schwert lehnte an der Tischkante. Auf leisen Sohlen schlich er hin, zog den Fächer heraus, machte kehrt und stürzte ins Freie. Schon war der Dämon erwacht und verfolgte ihn mit gezücktem Schwert. Doch der Große Heilige, der schon draußen war, steckte den Fächer in seinen Gürtel und stürmte, die Eisenstange mit beiden Händen schwingend, dem Dämon entgegen. Das war ein Kampf! So sah es aus: Hin das Schwert, Her die Stange! Keiner lässt auf beiden Seiten Hier noch Rücksicht walten! Um den Schriftenholer einst ans Ziel zu führen, Auf dem Seelenberg des Buddhas Thron zu ehren, Müssen hier Metall und Feuer Feindlich miteinander ringen,224 Und der Wandlungsphasen Wirren Wird sie um die Eintracht bringen. Beide glänzen sie in Heldenmut, Alle Zauberkräfte sie entfalten; Doch des Dämons Stärke schwindet, Am Ende kann er nicht standhalten. Nachdem der alte Dämon mit dem Großen Heiligen dreißig oder vierzig Runden ausgefochten hatte, konnte er sich nicht länger verteidigen und floh nach Südwesten, geradewegs in die Drachenjochgrotte. Der Große Heilige aber rannte in die Grotte, wo er Tripitaka, Bajie und Sandmönch befreite. Glücklich bereiteten Meister und Schüler gleich in der Grotte eine Mahlzeit zu, sättigten sich und legten sich zur Ruhe, bis der Morgen dämmerte. Doch lasst uns vom alten Dämon erzählen, der nun auf dem Drachenjochberg all die großen und kleinen Teufelinnen versammelte. Dann begab er sich mit ihnen auf die andere Seite des Berges, wo sich die Grotte des jüngeren Bruders seiner Mutter befand, der sich Großer Fuchskönig Aqi, der Siebte, nannte. Der versammelte seine dämonischen Krieger, während der alte Dämon die Teufelinnen kommandierte. So marschierten sie gemeinsam gen Nordosten. Wie der Große Heilige nun das Brausen eines nahenden Sturmwinds hörte, trat er aus der Grotte und sah, dass es eine Heerschar dämonischer Krieger war, die von Südwesten her heranstürmten. »Bruder!« rief er Bajie zu, »die Ungeheuer haben Verstärkung geholt!« Rasch steckte er die Zauberschätze ein, packte seine Eisenstange, befahl Sandmönch, den Meister zu beschützen, und stürzte sich mit Bajie in den Kampf. Die Ungeheuer hatten ihre Schlachtreihen aufgestellt, an der Spitze Fuchskönig Aqi. Dieser hatte ein jadeweißes Gesicht mit langem Backenbart, stählernen Augenbrauen und spitzen Ohren, schwang eine Hellebarde und schrie: »Weh dir, du tollkühner Zankaffe! Wie kannst du es wagen, jemanden derart zu betrügen! Los, halt deinen Hals hin und lass dich köpfen, damit ich meine Schwester rächen kann!« »Du mit deiner haarigen Rotte!« schimpfte Pilger zurück, »keine Ahnung hast du von den Fähigkeiten deines Ahnherrn Sun! Stillgestanden, lass dir eins mit der Stange verabreichen!« Der Dämon aber stürmte mit der Hellebarde auf ihn los, und die beiden fochten auf dem Gipfel drei, vier Runden aus. Schon war es mit den Kräften des Unholds zu Ende, und er ergriff die Flucht. Als Pilger ihm nacheilte, wurde er von Goldhorn abgefangen, der nach drei weiteren Kampfrunden wieder vom Fuchskönig abgelöst wurde. Bajie hatte die Szene beobachtet und kam nun mit seinem Rechen zur Wehr. So dauerte das Gefecht lange an, ohne dass eine Entscheidung fiel. Schließlich schrie der alte Goldhorn ein Kommando, worauf sämtliche Ungeheuer gleichzeitig lospreschten, sie zu umzingeln. Gleichzeitig aber trat Sandmönch mit erhobenem Prunkstab aus der Grotte und schlug nun die ganze Horde in die Flucht. Angesichts der unvorteilhaften Lage nahm der Fuchskönig Reißaus, doch Bajie konnte ihn einholen und hieb ihm den Rechen über den Rücken, dass er tot hinfiel. Als er die Leiche heranschleifte, konnte man sehen, dass es ebenfalls ein Fuchs gewesen war. Als Goldhorn merkte, dass sein Onkel getötet worden war, ließ er von Pilger ab und fuhr mit gezücktem Schwert auf Bajie los, der dem Hieb jedoch mit seinem Rechen standhielt. Als nun mitten im Gefecht Sandmönch mit dem Prunkstab zu Hilfe kam, vermochte der Dämon nicht länger standzuhalten und stob als Windstoß gen Süden, Bajie und Sandmönch dicht auf seinen Fersen. Da schnellte der Große Heilige hoch, löste die Jadevase vom Gürtel, hielt sie mit der Öffnung zum Dämon hin und schrie: »Großer König Goldhorn!« Der Dämon stob als Windstoß gen Süden, Bajie und Sandmönch dicht auf seinen Fersen. Im Glauben, ein Ungeheuer seiner Grotte hätte ihn gerufen, wandte sich Goldhorn um, gab Antwort, und schon war er in die Vase eingesogen. Als Pilger sie mit der Bannformel versiegelte, fiel das Siebenstern-Schwert in den Staub hinunter. So kam auch dieser Schatz zu Pilger. Nun waren alle unheilvollen Kräfte ausgerottet, und Pilger rief, zurück in der Grotte, Tripitaka die frohe Botschaft zu: »Der Berg ist rein, es gibt keine Dämonen mehr! Steigt aufs Pferd, wir können weiterreisen.« Tripitaka war außer sich vor Freude. Nachdem sie gefrühstückt hatten, eilten sie weiter dem Westen entgegen. Während sie voranschritten, tauchte am Wegrand auf einmal ein Blinder auf, ergriff die Zügel und sprach: »Wo wollt ihr denn hin, ihr Mönche? Gebt mir meine Zauberschätze zurück!« Als Pilger genauer hinsah, erkannte er den Höchsten Alten Meister Laozi. Eilends grüßte er ihn mit einer höflichen Geste und fragte: »Na, wohin des Weges, ehrwürdiger Herr?« Da schwebte der Alte auf einen Jadethron und rief aus der Höhe des neunten Himmels herunter: »Pilger Sun! Gib mir meine Schätze zurück!« Der Große Heilige stieg ebenfalls empor und fragte: »Welche Schätze denn?« Laozi erklärte: »Die Kalebasse diente mir zum Aufbewahren der Pillen der Unsterblichkeit, die Vase brauche ich als Wasserbehälter; mit dem Zauberschwert läutere ich Dämonen, mit dem Fächer fache ich das Feuer an, und das Seil brauche ich, mein Bündel zu schnüren. Die beiden Dämonen aber sind meine Diener, der eine hütet meinen Goldofen, der andere meinen Silberofen. Die beiden haben mir meine Schätze gestohlen und sich in die unteren Sphären abgesetzt; ich wusste gar nicht mehr, wo suchen, da sehe ich, dass ihr sie schon festgenommen habt.«225 »Aber mein Herr«, versetzte Pilger, »wenn Ihr zulasst, dass Eure Diener auswärts ihr Unwesen treiben, dann müsst Ihr eigentlich wegen Nachlässigkeit bestraft werden!« »Das hat nichts mit mir zu tun!« gab Laozi zurück. »Das ist nur eines der Leiden, die euch widerfahren müssen. Ohne diese könnt ihr die wahre Frucht der Erlösung gar nicht erlangen.« Der Große Heilige verstand. »Nun, da Ihr schon persönlich gekommen seid, will ich Euch die Sachen zurückgeben«, meinte er. Laozi nahm die fünf Zauberschätze in Empfang. Als er die Kalebasse und die Vase entkorkte, stieg aus beiden ein göttlicher Odem, der sich auf einen Fingerzeig in zwei Diener verwandelte, die Laozi zur Seite standen. Da war nur noch strahlendes Licht zu sehen. So war es in der Tat: Den fernen Tusita-Hallen Steigen sie im Dunst entgegen; Hoch zum Daluo-Himmel Frei und heiter sie entschweben. Und da wir nicht wissen, was im Folgenden noch alles geschehen sollte, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第036回 / 36. Kapitel Der Herzensaffe ist im Recht, alles fügt sich ihm / Irrlehren sind abgetrennt, der klare Mond erscheint Berichten wir nun, wie Pilger Sun seine Wolke senkte und Tripitaka erzählte, was Laozi gesagt hatte. Dieser sprach seinen Dank aus und setzte die Reise in frommer Andacht fort. Nachdem sie lange Zeit gewandert waren, stand ihnen weiter vorn abermals ein Gebirge im Weg. »Seht, was für gewaltige Gipfel!« rief Tripitaka seinen Schülern zu, »wir müssen uns vor Dämonen in Acht nehmen.« »Meister«, mahnte Pilger, »hängt nicht abwegigen Gedanken nach. Alles, was Ihr braucht, ist ein innerlich gefestigter, ruhiger Geist, dann wird Euch nichts geschehen.« »Ach, mein Schüler«, seufzte Tripitaka, »warum muss dieser Weg in den Westen nur so beschwerlich sein? Seit ich Chang’an verlassen habe, sind schon vier, fünf Jahre vergangen! Warum kommen wir noch immer nicht ans Ziel?« Pilger kicherte: »Viel zu früh, viel zu früh! Wir sind noch nicht mal zum Tor raus! Hängt nicht solchen Gedanken nach, Meister, macht Euch keine unnötigen Sorgen. Ihr werdet sehen: Wenn die Zeit reif ist, kommt der Erfolg von selbst.« Während Meister und Schüler weiter voranschritten, neigte sich das rote Sonnenrad dem westlichen Horizont zu. Da gewahrten sie in einer Talsohle eine palastartige Anlage mit vielen Dächern und Hallen. Es war ein buddhistisches Kloster. Der Priester gab seinem Pferd die Sporen und hielt darauf zu. Über dem Eingangsportal stand in fünf großen Schriftzeichen geschrieben: » 敕賜寶林寺 – Königlicher Klosterstift zum Schatzwald«. »Meister«, fragte Pilger, »wer von uns soll zum Kloster gehen und um Nachtquartier bitten?« »Ich«, gab Tripitaka zur Antwort. Er legte Pilgerstock und Umhang beiseite, strich sich sein Gewand glatt und trat ein. Drinnen sah er links und rechts zwei sitzende Diamantwächter-Statuen. Nachdem er das zweite Tor passiert hatte, erblickte er die Statuen der Vier Großen Himmelskönige Dhritarashtra, Vaishravana, Virupaksha und Virudhaka, welche nach den vier Himmelsrichtungen angeordnet waren, um den Gedanken »Wind und Regen zur rechten Zeit« zu versinnbildlichen. Schließlich betrat er die große Haupthalle, faltete die Hände und verneigte sich vor den Buddhastatuen. Als er um den Altar herum nach hinten schritt, sah er auf der Rückseite die Statue einer sitzenden Guanyin inmitten eines großen Reliefs, das darstellte, wie die Göttin die Wesen im Südlichen Ozean erlöste. Nickend seufzte der Priester: »Sogar geschuppte und gepanzerte Lebewesen bringen Buddha ihre Achtung entgegen! Warum nur sind die Menschen nicht bereit, sich der Vervollkommnung zu widmen!« Noch ganz in Gedanken versunken, bemerkte er, dass sich vom dritten Tor ein Geistlicher näherte. Tripitaka sprach zu ihm: »Ich komme aus dem chinesischen Kaiserreich im Osten; auf kaiserliches Geheiß bin ich auf einer Pilgerreise in den Westen, um Buddha zu huldigen und Heilige Schriften zu holen. Heute, da mein Weg mich zu später Stunde Eurem werten Kloster zuführte, möchte ich um ein Nachtlager bitten.« »Werter Meister«, antwortete der Klosterbruder, »ich kann das leider nicht selbst entscheiden. Drinnen ist noch ein Abt, der unser Kloster leitet; ich will seine Meinung einholen.« Er eilte zur Abtei. Der Abt erhob sich und trat zur Begrüßung nach draußen. Doch als er Tripitaka erblickte, wandte er sich ungehalten an den Klosterbruder und schimpfte: »Du hast wohl Prügel nötig! Ist dir etwa nicht klar, dass ich der Abt bin? Persönlich begrüße ich doch nur die gelehrten Beamten, die regelmäßig Räucherwerk darbringen! Aber so was von Mönch – warum meldest du mir eigentlich, ich solle den empfangen? Dem Aussehen nach muss das so ein ausländischer Wandermönch sein, der sich hier einquartieren will. Wir haben doch keinen Platz für solche Störenfriede! Lass ihn drüben im Korridor sitzen. So was brauchst du mir in Zukunft nicht mehr zu melden!« Er drehte sich um und verschwand. Dem Priester traten Tränen in die Augen, und er seufzte: »Ach, Erbarmen! Es ist, wie das Sprichwort sagt: ›Fern der Heimat ist der Mensch nichts wert!‹ Nun habe ich doch von klein auf im Kloster gelebt, hatte nie eine Schuld zu beichten, habe nie Fleisch angerührt und nie einen schlechten Gedanken aufkommen lassen. Beim Lesen der Sutras war ich nie zornig, behinderte nie den klaren Geist. Ach, in welchem Leben habe ich mich nur an Himmel und Erde vergangen, dass ich so oft schlechten Menschen begegnen muss!« Schließlich schluckte er seinen Ärger und ging mit schnellen Schritten hinaus. Pilger, der seinen Meister mit aufgebrachter Miene zurückkehren sah, fragte: »Haben Euch die Mönche mit Schimpf und Schande empfangen, dass Ihr so verdrossen seid?« »Sie haben hier keinen Platz für uns«, gab Tripitaka zur Antwort. »Das geht doch nicht«, rief Pilger, »wartet, ich gehe mal hinein!« Er nahm seine Eisenstange zur Hand und schritt direkt in die Haupthalle, wo er einen Klosterbruder sah, der gerade Räucherstäbchen entzündete, die er in das Weihrauchgefäß vor dem Altar stecken wollte. Von einem groben Schnauben Pilgers erschreckt, fuhr er zusammen. Kaum hatte er sich gefasst und Pilger richtig angeschaut, wich er so entsetzt zurück, dass er beinahe gestrauchelt wäre, rannte Hals über Kopf in die Abtei und rief: »Ehrwürden, draußen ist ein Mönch!« »Ihr habt doch allesamt Prügel verdient«, rief der Abt. »Ich habe schon gesagt, er solle sich in den Korridor hocken, was gibt’s da noch zu melden?« »Ehrwürden, dieser Mönch sieht ganz anders aus als der zuvor. Sein Gesicht ist mit Haaren bewachsen, und er hat eine Schnauze wie der Donnergott. In der Hand hat er eine Stange und schaut so grimmig drein, als möchte er gleich losprügeln.« Hastig öffnete der Abt die Tür und spähte nach draußen, da kam Pilger auch schon herangestürmt und sah in der Tat grauenvoll aus. Voller Angst zog der Klosterbruder die Tür zu. Pilger aber zerschmetterte mit einem Schlag den Türflügel und schrie: »Macht augenblicklich tausend Kammern sauber, ich alter Sun will hier übernachten!« Der Abt versteckte sich in seiner Kammer und flüsterte dem Klosterbruder zu: »Kein Wunder sieht er so hässlich aus; weil er den Mund so voll nimmt, hat er eine solche Fratze bekommen.« Dann rief er zitternd vor Angst: »Priester, der Ihr um Nachtquartier bittet! Unser armes Kloster kann Euch nicht unterbringen, geht weiter und fragt anderswo.« Da ließ Pilger seine Stange zur Dicke einer Reisschale anwachsen, rammte sie in die Mitte des Hofes und rief: »Wenn ihr uns nicht unterbringen könnt, müsst ihr halt ausziehen!« »Wir sind alles in allem fünfhundert Leute, wo sollen wir denn hin?« »Nun, Mönch, wenn Ihr nicht wisst, wohin, dann schickt mir einen, an dem ich diese Stange ausprobieren kann!« drohte Pilger. Der Abt wandte sich an den Klosterbruder und meinte: »Geh du raus und lass ihn seine Stange ausprobieren!« »Aber Großväterchen«, flehte dieser, »wie könnt Ihr mich mit einem solchen Pfahl schlagen lassen!« Die beiden fingen zu streiten an. Pilger hörte es und rief: »So geht das nicht. Ich suche mir was anderes.« Er schaute um sich, und sein Blick fiel auf eine steinerne Löwenstatue. Da erhob er seine Stange und schmetterte sie mit lautem Krachen in tausend Stücke. Der Abt, der aus dem Fenster gespäht hatte, zitterte wie Espenlaub und rief: »Großväterchen, Eure Stange ist zu schwer, das halten wir nicht aus! Oh, habt Erbarmen, Erbarmen!« »Gut, Mönch, ich will Euch nicht schlagen«, meinte Pilger, »doch sagt mir: Wie viele Mönche leben in diesem Kloster?« »In mehr als zweihundert Kammern hinten und vorne im Kloster leben insgesamt fünfhundert Mönche.« »Dann lasst jetzt sofort alle fünfhundert Mönche ordentlich in festlichen Roben herkommen und meinen Meister aus dem großen chinesischen Kaiserreich gebührend empfangen. So will ich Euch verschonen.« »Großväterchen«, rief der Abt, »ich kann ihn auch hereintragen lassen, wenn Ihr mich nur nicht schlagt!« Und er schickte den Klosterbruder nach draußen. Dieser aber traute sich nicht, die Tür zu öffnen, sondern zwängte sich durch das Hundeloch hinten hinaus und rannte schnurstracks zur Haupthalle, wo er Trommel und Glocke schlug. Die aufgeschreckten Mönche des ganzen Klosters fanden sich alsbald in der Halle ein und erkundigten sich nach der Ursache. Nachdem alle ihre Kleider gewechselt hatten, traten sie in geordneten Reihen nach draußen, den Priester aus China zu empfangen. Einige hatten Priesterroben umgehängt, andere einfache Mönchskutten; wer nichts Derartiges besaß, trug einen einfachen Überhang, und die ganz Armen trugen nichts als einen Lendenschurz. Pilger bemerkte es und fragte: »Was tragt ihr denn für eine Tracht, ihr Mönche?« »Großväterchen, das sind die Stoffe, die wir auf Bettelgang in der Stadt erhalten haben. Wir haben hier keinen Schneider, darum haben wir uns diese Armenkittel selbst gemacht«, gaben die Mönche zur Antwort. Pilger hielt die Mönchsschar an, vor dem Eingangsportal niederzuknien, während der Abt vor Tripitaka Kotau machte und rief: »Ehrwürdiger Herr aus China, ich bitte Euch gnädiglichst in unsere Abtei!« Dem Priester war die Situation sehr peinlich; er trat vor und rief: »Mögen die werten Anwesenden sich erheben!« Kaum waren die Mönche aufgestanden, führten sie auch schon das Pferd hinein, schulterten die Bündel, trugen den Priester auf Händen, nahmen Bajie auf den Rücken, standen Sandmönch zur Seite und strömten alle zusammen ins Kloster hinein. Hinten in der Abtei wies man Tripitaka und seinen Schülern Sitzplätze zu, trug ihnen eine Klostermahlzeit auf und stand ihnen dabei zu Diensten. Nach dem Essen, als sie in die Meditationshalle zur Nachtruhe gebeten wurden, fanden sie die Halle bereits hell erleuchtet und mit vier Betten aus weichem Bastgeflecht versehen. Pilger meldete es seinem Meister, und sie hießen die Mönche abtreten. Als Tripitaka wenig später nach draußen trat, um Wasser zu lassen, erblickte er den hellen Mond am Himmel und rief nach seinen Schülern. Alle kamen heraus und bewunderten das strahlend klare Licht, das wie eine Scheibe edler Jade weitab von irdischem Staub rund und voll am hohen Himmel stand und die Erde in milden Glanz tauchte. Tripitakas Herz weitete sich, und wie von selbst kamen ihm die Verse über die Lippen: Klare Seele hoch am Himmel, Wie ein Zauberspiegel rein, Berg und Täler leuchten mild In dem stillen Mondenschein. Edelsteinpalästen gleich Strahlt sein reines Licht, Kalter Spiegel, Silberkreis, Im frischen Hauch der Nacht. Weiß wie Schnee besungen Von vielen Fenstern aus, Flöten und Geigen klingen Rund um Hof und Haus. Friedlich darf ich heute Nachts im Kloster stehn, Doch wann werd’ ich endlich Die Heimat wiedersehn? »Meister, Ihr denkt nur an den schönen Mondschein und an Eure ferne Heimat, doch wisst Ihr gar nichts von der Bedeutung des Mondes!« »Meister«, bemerkte Pilger, »Ihr denkt nur an den schönen Mondschein und an Eure ferne Heimat, doch wisst Ihr gar nichts von der Bedeutung des Mondes! Im Grunde stellt der Mond die Richtlinie dar für den unvergänglichen Lauf der Natur. Denn am dreißigsten Tag jedes Mondmonats, wenn das Metall der Lichtseele aufgebraucht ist, wird die Mondscheibe vom Wasser der Schattenseele erfüllt. Darum ist der Mond dann dunkel und glanzlos, und wir nennen ihn Neumond. Zu ebenjener Zeit aber paart sich der Mond mit der Sonne, so dass er am letzten und ersten Neumondtag das Licht der Sonne empfängt und damit schwanger geht. Daher wächst am dritten Tag des Mondmonats die erste helle Yang-Linie an, und am achten Tag die zweite. Zu dieser Zeit ist die Schattenseele bereits zur Hälfte von der Lichtseele erfüllt, so dass beide wie durch einen gespannten Faden getrennt sind, und wir sprechen vom ›aufsteigenden Bogen‹, dem zunehmenden Halbmond. Heute aber zählen wir den fünfzehnten Tag, da sind alle drei Yang-Linien vollständig, so dass der Mond ganz hell und rund erscheint. Daher nennen wir ihn Vollmond. Schon am sechzehnten Tag aber keimt im Trigramm die erste Yin-Linie, und wenn am zweiundzwanzigsten Tag die zweite Yin-Linie folgt, ist in der Lichtseele bereits eine halbe Schattenseele, so dass wiederum beide Hälften wie durch einen gespannten Faden getrennt sind. Darum sprechen wir dann vom ›absteigenden Bogen‹, dem abnehmenden Halbmond. Und wenn schließlich am dreißigsten Tag das Trigramm vollständig aus Yin-Linien besteht, ist wiederum Neumond. Dieser Prozess ist doch nichts anderes als das Sammeln und Läutern des Elixiers, wie es dem unvergänglichen Lauf der Natur entspricht! Wenn wir nämlich auf diese Weise Yin und Yang in uns selbst erwärmen und ernähren, wie eine Verbindung von zweimal Acht, dann ist es ein Leichtes, Buddhas Antlitz zu erblicken, und ebenso leicht wird auch die Heimkehr sein. Denn so heißt es doch: Nachdem der Halbmond zugenommen Und bevor er abgenommen, Ist die Arznei ausgewogen, Und ihr Zustand ist vollkommen. So gepflückt und heimgeführt, Dann im Ofen raffiniert, Kommen wir mit festem Sinn In dem fernen Westen an!«232 Unmittelbar erfasste der Priester den tiefen Sinn dieser Worte, Freude durchströmte sein Herz, und er bedankte sich bei Wukong. Sandmönch aber lachte und meinte: »Bruder, was du da sagst, ist zwar richtig, doch hast du ja bloß erwähnt, dass der zunehmende Mond der Yang-Kraft angehört und der abnehmende dem Yin, und dass man, wenn im Yin die Hälfte Yang ist, das Metall des Wassers gewinnt. Du hast aber vergessen zu sagen: Wenn Wasser und Feuer sich binden, Schicksalhaft sich finden, Ist Erdmutter dies zu danken, Denn nur sie kann beide lenken.233 Wenn sie sich darum zu dritt Einig sind und ohne Streit,234 Fließt das Wasser im Langen Strom, Und am Himmel steht der Mond!« Als der Priester dies hörte, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Wahrhaftig: Tritt das Wesentliche klar zutage, Ist auf einmal alles gut verständlich; Wer die Ewigkeit begriffen hat, Ist an sich bereits unsterblich! Da trat Bajie vor und sprach: »Meister, hört doch nicht auf solches Geschwätz, das hält uns bloß vom Schlaf ab! Dieser Mond ist doch ganz einfach: Mal rund, mal halb, Mal halb, mal rund, Genau wie ich seit Anbeginn Nie so recht vollkommen bin. Alle häufen sie gewandt Gute Taten für ihr Glück, Ich allein nur schaffe mir Unbesonnen Missgeschick. Darum wünsch’ ich Euch, dass Ihr: Unterwegs vom schlechten Karma Euch befreit Und dann quietschfidel zum Himmel steigt!« »Meine Schüler«, sprach Tripitaka, »ihr habt ein hartes Stück Weg hinter euch. Legt euch schlafen; ich werde noch die Sutren lesen.« Die drei legten sich zur Ruhe. Der Priester aber schloss die Tore der Meditationshalle ab, zog den Lampendocht höher, schlug die Schriften auf und las. So war es in der Tat: Es schlägt vom Trommelturm Die erste Wache, alles ruht. Im Flusse auf dem Fischerkahn Erlischt der Lampen Glut. Und da wir nicht wissen, wie der Priester schließlich von diesem Kloster weiterzog, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第037回 / 37. Kapitel Nachts besucht ein Geisterkönig Tripitaka / Wukong lockt das Kind mit Zauberkraft Berichten wir weiter, wie Tripitaka in der Meditationshalle des Schatzwald-Klosters bei Lampenschein seine Sutren las. So saß er bis zur dritten Nachtwache um Mitternacht, als er auf einmal draußen vor dem Tor einen seltsamen Wind rauschen hörte. Die Lichter in der Halle begannen zu flackern, und Tripitaka spürte, wie ihn die Müdigkeit übermannte. Benommen beugte er sich über das Lesepult und nickte ein. Da drang aus dem Luftzug eine Stimme an sein Ohr: »Meister!« Tripitaka schaute auf. Da sah er vor dem Tor einen langen Burschen, der von oben bis unten triefend nass war und mit Tränen in den Augen »Meister! Meister!« rief.235 Tripitaka neigte höflich sein Haupt und sprach: »Wenn Ihr ein Gespenst oder ein Dämon seid, dann entfernt Euch sofort und kommt nicht in diesen Tempel!« Doch der Mann antwortete: »Ich bin kein Gespenst und kein Dämon. Meister, geruht mich einen Augenblick näher zu betrachten.« Der Priester richtete den Blick auf die Gestalt und sah: Auf dem Haupte eine hohe Krone, Um die Hüften einen Jadegürtel; Er trägt die golden gelbe Robe, Gar Königsstiefel an den Füßen Und in der Hand ein weißes Zepter. Sein Antlitz sieht Gott Dongyue gleich, Dem Herrscher über den Berg Taishan, Im Auftritt sanft und kultiviert, Wie Literatengott Wenchang! Tripitaka erschrak nicht wenig. Schließlich machte er eine tiefe Verbeugung und sprach: »Aus welchem Kaiserhofe kommen Eure Majestät? Was treibt Euch mitten in der Nacht hierher?« Da rannen dem Mann Tränen aus den Augen, und er sprach: »Ach, werter Meister! Mein Zuhause liegt genau im Westen, etwa vierzig Meilen von hier. Dort ist das umwallte Königreich, das ich persönlich errichtet habe; es heißt Wujiguo, Schwarzhahnland. Vor fünf Jahren wurden wir von Dürre und Hungersnot heimgesucht, mein ganzes Volk drohte zu verhungern. Ich versuchte damals, den Himmel durch Reinigung und Fasten günstig zu stimmen, betete Tag und Nacht, verbrannte Räucherwerk, doch die Dürre hielt an. So ging das ganze drei Jahre lang, bis alle Flüsse und Brunnen vertrocknet waren. Mitten in dieser großen Not kam auf einmal aus den Zhongnan-Bergen ein Daoist daher, der konnte Wind und Regen machen und Steine in Gold verwandeln. Ich ließ ihn sogleich ein Podium besteigen und um Regen beten, und kaum war das Zeichen seines Befehlsstabs erklungen, ging schon ein heftiger Regenguss nieder. Ich hätte höchstens eine Menge von drei Fuß erwartet, er aber meinte, nach der langen Dürre sei das nicht ausreichend, und ließ noch zwei Zoll mehr regnen. Ich war so beeindruckt von seiner Rechtschaffenheit, dass ich mit ihm Brüderschaft schloss und zwei Jahre lang mit ihm gemeinsam zu ruhen und zu speisen pflegte. Eines schönen Frühlingstages, als alle zivilen und militärischen Beamten bereits in ihre Yamen zurückgekehrt waren und die Konkubinen und Hofdamen in ihren Palästen weilten, spazierten wir Hand in Hand durch den Palastgarten und kamen zu einem achteckigen Ziehbrunnen aus bunten Keramikziegeln. Ich weiß gar nicht, was er dort hineingeworfen hat, dass es aus der Tiefe auf einmal wie von tausend Strahlen funkelte. Damit lockte er mich an den Brunnenrand, doch kaum hatte ich mich darübergebeugt, wurde er plötzlich handgreiflich, stieß mich in den Brunnenschacht und wälzte sofort eine Steinplatte darüber. Diese hat er festgekittet und dann eine Bananenstaude darauf gepflanzt. Ach, Erbarmen! Seit drei Jahren bin ich nun tot; ich bin der Geist eines zu Unrecht Ermordeten!« Beim Wort »Geist« standen Tripitaka die Haare zu Berge. Endlich erwiderte er: »Majestät, was Ihr erzählt, entbehrt der Logik. Es kann doch nicht sein, dass ganze drei Jahre lang weder Eure Hofbeamten noch Eure Königin und die Konkubinen nach Euch suchten?« »Ach, Meister«, gab jener zur Antwort, »Zauberkräfte, wie er sie hat, sind in der Tat einmalig auf dieser Welt. Kaum dass er mich ins Verderben gestürzt hatte, verwandelte er sich und nahm noch im Palastgarten meine Gestalt an. Seither hält er mein Land besetzt, und alle meine Beamten und Palastdamen sind in seiner Hand.« »Warum zeigt Ihr ihn denn nicht beim Höllenkönig an?« »Er besitzt gewaltige übernatürliche Kräfte und pflegt die besten Beziehungen«, erwiderte der Mann. »Mit dem Stadtgott trifft er sich zum Zechen, die Drachenkönige aller Meere sind ihm anverwandt, der Gott des Taishan-Berges ist sein guter Freund, und alle zehn Höllenkönige sind mit ihm verbrüdert. So kann ich doch nirgends Anklage erheben!« »Aber wenn Ihr nicht einmal im Jenseits etwas gegen ihn unternehmen könnt, was wollt Ihr dann im Diesseits?« fragte Tripitaka. »Ach, Meister, meine Seele kann sich einfach nicht vom Geisterdasein lösen, weil dieses Unrecht nicht vergolten ist. Eben hat mich der Nachtwandergeist mit einem magischen Windstoß hierhergeführt. Er sagte, die Frist meines dreijährigen Leidens im Wasser sei abgelaufen, und schickt mich deshalb zu Euch, weil Ihr, wie er sagt, einen Schüler hättet mit Namen Himmelsebenbürtiger Großer Heiliger, der sich ausgezeichnet aufs Bezwingen von Dämonen verstehen soll. Darum bin ich gekommen, Euch aufrichtigen Herzens zu bitten, um alles in der Welt in mein Land zu kommen und diesen Unmenschen niederzuwerfen, auf dass Recht und Unrecht geklärt werden. Ich werde Euch auf ewig dankbar sein!« »Eure Majestät suchen mich also auf, damit mein Schüler diesen Dämon bezwinge?« vergewisserte sich Tripitaka. »So ist es.« »Nun, Dämonen bezwingen kann mein Schüler zwar schon«, meinte Tripitaka, »doch scheint mir die Sache etwas schwer durchzuführen.« »Warum?« »Wenn dieser Dämon, wie Ihr sagt, in Eurer Gestalt auftritt, so müssen ja all Eure Beamten und Palastdamen einhellig hinter ihm stehen. Mein Schüler wird es sich bei all seinen Fähigkeiten nicht erlauben können, ohne jeden Grund zu den Waffen zu greifen. Und falls wir dabei von Euren Hofbeamten festgenommen werden sollten, weil sie glauben, wir hätten einen Umsturz geplant, und man uns in der Stadt einkerkern würde, dann hätten wir die Sache fruchtlos vertan.« »An meinem Hofe habe ich noch eine Vertrauensperson«, erwiderte der Mann. »Wer ist es?« »Einer der Prinzen, mein leiblicher Sohn und Kronprinz.«237 »Er dürfte wohl vom Dämon abgesetzt worden sein«, meinte Tripitaka. »Noch nicht«, entgegnete der Mann, »er ist noch in der Audienzhalle, innerhalb der Palasttore. Nur ist es ihm seit drei Jahren verboten, den Palast der Königin zu betreten, daher bekommt er seine Mutter nie zu sehen.« »Aus welchem Grunde?« »Das hat dieser Dämon sich ausgeheckt. Er fürchtet, dass Mutter und Sohn über ihn sprechen und so die Wahrheit ans Licht kommt. Solange sie sich nicht treffen, wird er an der Macht bleiben.« »Doch wie soll es mir möglich sein, Euren Prinzen zu treffen?« »Warum nicht? Morgen früh wird er mit seinem Gefolge die Stadt verlassen und zur Jagd fahren, da werdet Ihr ihm bestimmt begegnen. Wenn Ihr bereit seid, ihm bei dieser Gelegenheit zu erzählen, was ich Euch gesagt habe, wird er Euch glauben.« »Er hat die Augen eines normalen Sterblichen«, wandte Tripitaka ein, »schließlich ist er dem Dämon bereits auf den Leim gegangen, und es wird kaum ein Tag vergehen, ohne dass er ihn mit ›Vater König‹ anspricht. Wie kann er da meinen Worten Glauben schenken?« »Wenn Ihr Euch deshalb Sorgen macht, will ich Euch ein Erkennungszeichen mitgeben«, sprach der Mann, legte sein weißes Jadezepter nieder und fuhr fort: »Dies soll Euch zum Kennzeichen dienen.«238 »Was hat es mit dem Gegenstand auf sich?« wollte Tripitaka wissen. »Als der Daoist meine Gestalt angenommen hat, war das der einzige Gegenstand, den er nicht herbeizaubern konnte. Im Palast ließ er verlauten, der Regenmacher habe ihm das Jadezepter weggenommen. Die ganzen drei Jahre über hat er dieses Jadezepter nicht gehabt; wenn der Prinz es sieht, wird er an mich denken, und dann ist die Vergeltung gewiss.« »Nun gut«, meinte Tripitaka, »lasst das Zepter hier, ich werde mich mit meinem Schüler besprechen. Doch wo wollt Ihr auf mich warten?« »Ich wage nicht zu warten«, antwortete der Mann, »lieber bitte ich den Nachtwandergeist, dass er mich wieder in den Palast führe. Dann werde ich der Königin einen Traum senden, damit Mutter und Sohn den gleichen Gedanken hegen und innerlich mit Euch und Eurem Schüler in Einklang stehen.« Tripitaka nickte und versprach, sich der Sache anzunehmen. Der Geist des zu Unrecht Verstorbenen vollzog einen Stirnaufschlag und verschwand. Als Tripitaka sich anschickte, ihn zum Abschied zu begleiten, stolperte er und schreckte auf: Alles war nur ein Traum gewesen. Angstvoll blickte er ins erlöschende Lampenlicht und rief: »Schüler, Schüler!« Bajie wachte auf und brummte: »Was ›Geister, Geister‹? Warum schlaft Ihr denn nicht, mitten in der Nacht?« »Ich habe einen seltsamen Traum gehabt«, antwortete Tripitaka. Da sprang Pilger auf und rief: »Meister, Träume kommen doch bloß von Gedanken. Immer denkt Ihr ängstlich an Dämonen, noch bevor wir überhaupt auf einem Berg sind. Dann fragt Ihr Euch wiederum, wie weit der Weg zum Tempel des Donnergrollens noch sei, und sehnt Euch gleichzeitig nach Chang’an zurück. Mit so vielen Gedanken im Herzen gibt es eben viele Träume. Ich alter Sun habe nichts als den einen aufrichtigen Gedanken, Buddha zu sehen. Darum stört mich kein einziger Traum im Schlaf.« »Der Traum hatte aber nichts zu tun mit der Sehnsucht nach der Heimat«, erklärte Tripitaka und berichtete dann Wort für Wort, was ihm der König vom Schwarzhahnland gesagt hatte. »Keine Frage«, lachte Pilger, »er hat Euch diesen Traum gebracht, damit ich alter Sun was Rechtes zu tun kriege. Ich versichere Euch, diesen Dämon werde ich ihm erfolgreich beseitigen! Schauen wir doch nach, ob das Kennzeichen, von dem er gesprochen hat, wirklich da ist.« Pilger öffnete das Tor, und da sah man im Mondlicht tatsächlich, dass ein weißes Jadezepter mit goldenen Intarsien auf der Treppe lag. »Meister, da dieses Zepter hier ist, muss die Sache wahr sein«, meinte Pilger. »Morgen werde ich alter Sun die Festnahme des Dämons übernehmen; Ihr braucht lediglich meinen Anweisungen zu folgen.« »Und was sollen wir tun?« fragte Tripitaka. »Wartet«, versetzte Pilger, »ich will Euch noch zwei Dinge überreichen.« Der gute Große Heilige! Er zupfte sich ein Haar aus, rief »Verwandlung!« und schon hielt er ein rotgoldenes Lackkästchen in der Hand. In dieses legte er nun das Jadezepter und sprach: »Meister, zieht morgen Eure brokatene Robe an, nehmt dieses Kästchen zur Hand, setzt Euch in die Haupthalle und rezitiert ein Sutra, während ich draußen Ausschau halte. Sobald der Prinz aus der Stadt kommt, werde ich ihn zu Euch führen.« »Was soll ich ihm denn sagen?« »Ich werde Euch wissen lassen, wenn er ankommt. Ihr könnt dann das Kästchen ein wenig öffnen, so dass ich als zwei Zoll kleines Mönchlein hineinschlüpfen kann. Dann haltet Ihr das Kästchen mit mir drin mit beiden Händen vor Euch. Wenn der Prinz hereinkommt, wird er sich zweifellos vor Buddha verneigen; Ihr aber lasst ihn einfach machen und bleibt ohne jede Geste der Ehrerbietung stehen. So wird er Euch bestimmt festnehmen lassen. Lasst das einfach geschehen und wehrt Euch nicht, ganz gleich, ob er Euch schlägt oder fesselt oder umbringt.« »Was?« rief Tripitaka, »er hat doch Militärgewalt! Was soll ich denn tun, wenn er mich wirklich tötet?« »Keine Sache, Ihr habt doch mich!« gab Pilger zur Antwort. »Wenn er Euch nach Eurer Herkunft fragt, dann sagt, dass Ihr vom Kaiser in den Westen gesandt seid, um Buddha zu huldigen, Heilige Schriften zu holen und Schätze darzubringen. ›Was für Schätze?‹ wird er fragen. Ihr erklärt ihm darauf Eure brokatene Mönchsrobe und sagt am Ende: ›Das ist bloß der drittbeste Schatz. Wir haben noch einen besseren und auch noch einen allerbesten Schatz.‹ Wenn er danach fragt, antwortet Ihr, dass in dem Kästchen ein Zauberschatz drin ist, der über alles Bescheid weiß, was innerhalb von 1500 Jahren in Vergangenheit und Zukunft geschieht. Dann lasst Ihr mich alten Sun raus, und ich werde ihm erzählen, was Ihr im Traum vernommen habt. Schenkt er Euch Glauben, so ist es gut, und wenn nicht, dann könnt Ihr ihm das weiße Jadezepter zeigen.« »Ein feiner Plan!« freute sich Tripitaka. »Wie ist es aber mit den Namen der drei Schätze? Der eine ist die brokatene Mönchsrobe, der andere ist das weiße Jadezepter, doch wie soll ich dich nennen?« »Nennt mich einfach ›Inthronisierer‹.« In ihrer angeregten Besprechung blieben die beiden wach, bis sich im Osten schon der Himmel aufhellte. Da schoss Pilger in einem Wolkenüberschlag in die Lüfte und spähte mit seinen feurigen Augen nach Westen. Tatsächlich, dort konnte er eine Reichsstadt ausmachen. Als er näher kam, bemerkte er auch, wie sie von trübem Dunst verhangen und in dämonischen Odem getaucht war. Pilger nickte und seufzte. Plötzlich ertönte der Knall einer Kanone, das Osttor öffnete sich, und heraus kam ein Heer von Reitern, ebenjene besagte Jagdgesellschaft. Aus deren Mitte ragte ein junger Feldherr in Helm und Rüstung, der ein Schwert aus blankem Stahl in der Hand hielt. Er ritt auf einem stattlichen Falben und hatte einen Pfeilbogen am Gürtel hängen. So war er in der Tat: Hoch trägt er sein Königshaupt, Es zeichnet sich der Herrscher ab; Die Haltung zeugt von großem Ton, Der wahre Drache zeigt sich schon! »Keine Frage, das muss der Prinz sein«, meinte Pilger. »Dann will ich doch gleich mal runtergehen und ihn ein bisschen foppen!« Er senkte seine Wolke und stürzte sich mitten in die Jagdgesellschaft, wo er sich auf der Stelle in einen weißen Hasen verwandelte und vor dem Pferd des Prinzen daherrannte. Der Prinz erblickte ihn mit Freude, das war genau, was er sich gewünscht hatte. Er legte einen Pfeil auf den Bogen, spannte und schoss. Der Große Heilige aber, schnell und geschickt wie er war, ergriff den Pfeil und setzte in langen Sprüngen voran. Im Glauben, den Hasen getroffen zu haben, gab der Prinz dem Pferd die Sporen und jagte hinter dem Hasen her, mal dicht auf den Fersen, mal weniger schnell, aber immer näher auf das Schatzwald-Kloster zu. Am Portal nahm Pilger wieder seine eigene Gestalt an, rammte den Pfeil in die Schwelle, stürmte hinein und rief Tripitaka zu: »Meister, er kommt, er kommt!« Der Prinz gab dem Pferd die Sporen und jagte hinter dem Hasen her. Schon hatte er sich in ein zwei Zoll kleines Mönchlein verwandelt und zwängte sich in das Lackkästchen. Inzwischen war der Prinz vor den Toren angelangt, wo der weiße Hase verschwunden war und er stattdessen auf der Schwelle seinen mit Adlerfedern geschmückten Pfeil fand. »Merkwürdig, merkwürdig«, murmelte er, »ich habe doch genau gesehen, wie der Hase von meinem Pfeil getroffen worden ist. Warum ist er nun weg und der Pfeil hier eingesteckt? Wahrscheinlich hat sich das Tier über die Jahre hinweg in ein Geistwesen verwandelt.« Er zog den Pfeil heraus und las aufschauend über dem Portal die Inschrift: »Königliches Klosterstift zum Schatzwald«. »Da will ich mich mal umschauen«, meinte der Prinz und sprang aus dem Sattel. Gerade als er eintreten wollte, preschte auch schon seine Mannschaft heran, und alle drängten in den Tempel hinein. Die überraschten Mönche des Klosters eilten herbei, machten vor ihnen Kotaus und geleiteten sie in die Haupthalle, sich vor den Buddhastatuen zu verneigen. Wie der Prinz sich nun in der Halle umsah, fiel sein Blick auf einen Mönch, der reglos mitten in der Halle saß. »Wie anmaßend von diesem Mönch!« rief er aus. »Da komme ich nun mit dem halben Hofstaat ins Kloster, und dieser Mönch bleibt einfach hier sitzen!« Er befahl, ihn festzunehmen. Auf seinen Ruf traten von beiden Seiten Offiziere vor und nahmen Tripitaka fest. »Woher kommt Ihr?« herrschte ihn der Prinz an. Tripitaka trat vor, faltete die Hände und sprach: »Ich einfacher Mönch komme aus dem Osten und bin auf dem Weg zum Tempel des Donnergrollens, um dort Buddha zu huldigen, Heilige Schriften zu holen und Schätze abzugeben.« Da meinte der Prinz: »Dort im Osten liegt zwar eine zentrale Ebene, doch ist das Gebiet unvergleichlich arm. Was für Schätze habt Ihr, antwortet!« »Die Robe, die ich trage, ist mein drittbester Schatz. Darüber hinaus habe ich noch einen besten und einen zweitbesten.« »Was soll ein solches Kleid, das Euch nur zur Hälfte bedeckt, so dass der andere Arm hervorschaut, schon wert sein? Ist das ein Schatz?« »Diese Robe«, erklärte Tripitaka, »bedeckt zwar nicht den ganzen Körper, doch es gibt ein paar Verse dazu zu sagen: Dass das Kleid halb offensteht, Ist nicht weiter nennenswert, Doch es birgt das wahre So-Sein, Das vom Erdenstaub befreit. Tausend Fäden, tausend Nadeln Wirkten hier die rechte Frucht, Die neun Perlen und acht Schätze Sind zum Urgeist hier vollbracht. Feen stellten diese Robe Einst mit frommer Andacht her, Brachten sie dem hohen Priester Zu des Leibes Reinigung dar. Dass ich mich vor Eurer Hoheit Nicht verneige, ist nicht schlimm, Denn solange Eures Vaters Unrecht nicht gelöst, Ist auch Euer eigen Leben ohne Sinn! »Was redet dieser liederliche Mönch für einen Unsinn!« rief der Prinz aufgebracht. »Dass Ihr mir dieses einseitige Kleidungsstück zungenfertig anzupreisen versucht, sei dahingestellt; was aber soll das mit dem ungelösten Unrecht meines Vaters? Antwortet!« »Werter Herr, ich einfacher Mönch kann Euch das nicht sagen. Doch hier in diesem roten Kästchen habe ich einen anderen Schatz, er heißt ›Inthronisierer‹ und weiß alles im Bereich von eineinhalb Jahrtausenden; er sieht fünfhundert Jahre in die Vergangenheit, fünfhundert Jahre der Gegenwart und fünfhundert Jahre in die Zukunft. Wenn Ihr ihn fragt, könnt Ihr mehr erfahren.« Der Prinz befahl, den genannten Schatz zu zeigen. Tripitaka hob den Deckel an, Pilger sprang heraus und hüpfte hinkend hin und her. »Was soll denn so ein klitzekleines Männlein wissen können?« rief der Prinz ungläubig. Als Pilger hörte, dass er für klein befunden wurde, reckte er sich und wuchs zu einer Größe von drei Fuß und vier, fünf Zoll an. Die Jagdleute erschraken und riefen: »Wenn der so schnell wächst, stößt er ja in wenigen Tagen den Himmel durch!« Pilger aber wuchs nur bis zu seiner eigenen Größe an. Da wandte sich der Prinz an ihn und fragte: »Inthronisierer, dieser Priester sagte eben, Ihr wüsstet über Vergangenheit und Zukunft Bescheid. So erstellt mir doch mit einem Schildkrötenpanzer oder mit einem Hexagramm242 ein Orakel und versucht, etwas über die Geschehnisse meines Landes zu sagen.« »Dazu brauche ich nicht das geringste Orakel«, ließ Pilger verlauten, »meine Zunge reicht schon, denn ich weiß über alles Bescheid. Es gibt nichts in Eurem Lande, was ich nicht wüsste. Hört zu: Ihr seid der Sohn des Königs von Schwarzhahnland. Dort hat vor fünf Jahren eine mehrjährige Hungersnot und Dürre begonnen, und Euer Vater König hat fromm für sein Volk gebetet. Als kein Tropfen Regen mehr fiel, kam ein daoistischer Magier aus dem Zhongnan-Gebirge in Euer Land, der Wind und Regen machen und Steine in Gold verwandeln konnte. Der König hat mit ihm Brüderschaft geschlossen. Ist das richtig?« »Ja, ja!« rief der Prinz, »weiter!« »Vor drei Jahren ist der Daoist dann verschwunden. Wer aber ist derjenige, der sich nun Majestät nennt?« »Es stimmt, dass ein Daoist am Hof war. Vor drei Jahren, als mein Vater König mit ihm im Palastgarten lustwandelte, wurde ihm auf einmal durch einen magischen Windstoß des Daoisten das weiße Jadezepter aus der Hand gerissen, und der Daoist nahm es mit sich ins Zhongnan-Gebirge. Mein Vater König gedenkt seiner bis heute und will aus Trauer den Palastgarten gar nicht mehr betreten; seit drei Jahren hält er ihn verschlossen. Wer sonst sollte denn König sein als mein Vater?« Als Pilger dies hörte, lächelte er unverwandt, bis der Prinz verärgert rief: »Der Kerl will nicht sagen, was er weiß! Warum grinst er bloß vor sich hin?« »Es gibt noch eine ganze Menge zu sagen«, meinte Pilger schließlich, »nur stehen leider zu viele Leute ringsum, das eignet sich nicht zum Sprechen.« Der Prinz verstand nun, dass ein bestimmter Grund vorliegen musste, und schickte seine Jagdleute, draußen ein Feldlager aufzuschlagen. Als nun keiner mehr in der Tempelhalle war, der Prinz auf dem Thronsitz saß, während der Priester vor ihm stand, trat auch Pilger vor, setzte eine ernsthafte Miene auf und sprach: »Werter Prinz! Derjenige, der sich in Luft aufgelöst hat, ist Euer leiblicher Vater. Derjenige aber, den Ihr auf dem Throne seht, ist kein anderer als jener regenmachende Daoist!« »Unsinn, Unsinn!« rief der Prinz und schickte Pilger unwirsch weg. »Seht Ihr?« meinte Pilger zum Priester, »er will mir tatsächlich nicht glauben. Dann wollen wir ihm doch nun den Schatz, der im Kästchen ist, geben, damit er unseren Reisepass begutachtet und wir weiterziehen können.« Tripitaka hielt Pilger das rote Kästchen hin. Der nahm es entgegen und schüttelte sich, worauf das Kästchen plötzlich verschwand und er stattdessen dem Prinzen mit beiden Händen das weiße Jadezepter darbrachte. »Ihr seid mir ja ein schöner Mönch!« entrüstete sich dieser. »Ihr also seid der Daoist, der vor drei Jahren diesen Schatz meines Vaters entführt hat! Und nun wollt Ihr ihn mir als Mönch verkleidet anbieten!« Schon schrie er: »Festnehmen!« Der Priester war zu Tode erschrocken. Pilger aber hielt den Prinzen zurück und sprach: »Still, lasst ja nichts durchsickern! Ich heiße nicht Inthronisierer, ich habe noch einen echten Namen.« »Vortreten!« rief der Prinz erbost, »sagt mir Euren wahren Namen, damit ich Euch vor Gericht anzeigen kann.« »Ich bin der älteste Schüler dieses Priesters, mein Name ist Pilger Sun, und ich reise mit meinem Meister in den Westen«, erklärte Pilger. »In der vergangenen Nacht ist meinem Meister im Traum Euer Vater König erschienen und hat ihm gesagt, dass er von jenem Daoisten in den Ziehbrunnen Eures Palastgartens gestoßen worden sei und der Daoist sich anschließend in seine Gestalt verwandelt habe. Kein einziger Beamter am Hof weiß etwas davon, und Ihr wart damals noch zu jung, die Sache zu durchschauen. Dass Euch der Zugang zu Eurer Mutter Königin verwehrt und der Palastgarten abgeschlossen wurde, dient allein dem Zweck, dass niemand die Wahrheit erfährt. Euer Vater König ist eigens gekommen, mich zu bitten, diesen Dämon zu bezwingen. Er wusste, dass Ihr heute zur Jagd fahren würdet. Der Hase aber, den Ihr getroffen habt, war ich. Ich habe Euch mit voller Absicht hierhergelockt, um Euch von dieser Sache in Kenntnis zu setzen. Nun habt Ihr ja das weiße Jadezepter erkannt, warum also gedenkt Ihr nicht Eures Vaters und sinnt auf Vergeltung?« Ob dieser Worte war der Prinz nun doch verunsichert. Pilger fuhr fort: »Eure Hoheit brauchen nicht zu zweifeln. Kehrt zurück und fragt Eure werte Mutter, wie es mit der Liebe zwischen ihr und ihrem Gatten steht. Ob sich vor drei Jahren wohl etwas verändert hat. Nur auf diese Weise könnt Ihr wissen, was wahr ist und was falsch.« »In der Tat«, nickte der Prinz gedankenverloren. Dann sprang er auf, steckte das weiße Jadezepter in den Ärmel und wandte sich zum Gehen. Pilger aber hielt ihn zurück und sprach: »Wenn Ihr jetzt mit der ganzen Mannschaft heimkehrt, könnte das Vorhaben allzu leicht durchsickern, und dann wird es schwierig. Es geht nur, wenn Ihr alleine zurückreitet. Außerdem dürft Ihr den Palast nicht durch den Haupteingang betreten, sondern müsst durch das hintere Tor, wo die Beamten ein und aus gehen. Und im Palast Eurer Mutter dürft Ihr nur flüstern, denn der Dämon verfügt über große Zauberkräfte. Falls er Wind bekommt, ist Euer und Eurer Mutter Leben gefährdet!« Der Prinz versprach, sich an Pilgers Worte zu halten. Dann trat er nach draußen und befahl seinen Leuten: »Bleibt hier am Ort und wartet, bis ich wieder zurück bin.« Seht, wie er sich auf den Sattel schwingt und pfeilschnell davongaloppiert! Da wir nicht wissen, was seine Mutter ihm sagen würde, lasst uns hören, was das nächste Kapitel erzählt. 第038回 / 38. Kapitel Dank der Mutter weiß das Kind um Schlecht und Recht / Metall und Holz ergründen im Dunkeln Falsch und Echt Treff’ ich Euch und gebe nur Eures Lebens Herkunft an, Werdet Ihr bei Buddhas Feier Inniglich zugegen sein. Ein Gedanke still betrachtet: Buddha, hier im Staub der Welt!243 Überall im weiten Raume Hehre Götter man erschaut. Um zu wissen, wer denn nun Heut der wahre Herrscher sei, Muss man seine Mutter fragen, Deren Leib man einst entsprang.244 Denn es gibt, noch ungesehen, Ein ganz andres Weltenreich; Da ist jeder Schritt des Weges Einer neuen Blüte gleich! Doch lasst uns vom Kronprinzen von Schwarzhahnland berichten, der nach nicht langer Zeit die Stadtfeste erreichte. Durch den hinteren Eingang gelangte er geradewegs in den Palast der Königin, und wie er von dort zum Pavillon der Zierdüfte ging, erblickte er seine Mutter, die Königin, die in Gesellschaft zweier Zofen im Pavillon saß, wo sie sich an die Brüstung lehnte und weinte. Ihr fragt, worüber sie Tränen vergoss? Es war ihr am frühen Morgen um die vierte Nachtwache ein Traum erschienen, von dem sie nur noch die eine Hälfte in Erinnerung hatte, die andere Hälfte war ihr entfallen. Nun seufzte sie in Gedanken versunken vor sich hin. Der Kronprinz sprang vom Sattel, kniete vor dem Pavillon nieder und rief: »Mutter!« Jäh blickte sie auf und rief: »Mein Kind! O Freude! Zwei, drei Jahre lang konnten wir uns nicht wiedersehen; ach, wie habe ich dich vermisst! Wie kommt es, dass du mich heute besuchen darfst?« Der Kronprinz vollzog einen Stirnaufschlag und sprach: »Euer Kind hat eine Frage an Euch, Mutter. Doch bitte ich, die Gefolgschaft wegzuschicken. Erst dann wage ich zu sprechen.« Die Mutter befahl den Zofen abzutreten. »Mutter«, hub der Kronprinz an, »ich möchte Euch fragen, wie Euer eheliches Zusammenleben in der Zeit vor drei Jahren war und wie es seit drei Jahren um die Liebe steht.« Als die Mutter diese Worte hörte, fiel sie dem Kronprinzen um den Hals und rief mit Tränen in den Augen: »Ach, mein Sohn! Würdest du nicht danach fragen, bliebe mir diese Sache bis zu den Neun Quellen des Totenreichs unbegreiflich. Höre, was ich dir sage: Vor drei Jahren noch, Da war es wohlig warm, Seit drei Jahren, ach, Ist es so frostig kühl! Frage ich am Kissen Leise nach dem Grund, So sagt er nur, er sei halt nicht mehr jung, Und seine Lust sei einfach aufgebraucht.« Der Kronprinz entwand sich ihrer Umarmung und wollte sich schon in den Sattel schwingen, als die Mutter ihn aufhielt und fragte: »Was ist denn los, mein Sohn? Warum gehst du, noch bevor wir zu Ende gesprochen haben?« »Mutter, ich wage es kaum zu sagen«, sprach der Prinz. »Heute früh bin ich auf königliches Geheiß aus der Stadt hinaus auf Jagd gegangen, da bin ich zufällig einem heiligen Schriftenholer aus dem Osten begegnet, der hatte einen Schüler, der sich sehr gut aufs Bezwingen von Dämonen versteht. Mein Vater König ist in Wirklichkeit im Ziehbrunnen des Palastgartens umgekommen, der Daoist aber hat seine Gestalt angenommen und den Drachenthron an sich gerissen! Gestern um Mitternacht hat Vater König dem Schriftenholer einen Traum zugeführt und ihn gebeten, in die Stadt zu kommen, um den Dämon festzunehmen. Außerdem hat er ihm sein weißes Jadezepter zum Kennzeichen mitgegeben. Euer Kind wagte den Worten noch nicht vollen Glauben zu schenken. Darum bin ich gekommen, Euch danach zu fragen. Was Ihr eben gesagt habt, lässt keine Zweifel, dass es ein Dämon sein muss!« Nun zog er das weiße Jadezepter aus dem Ärmel und überreichte es seiner Mutter. Erkennend, dass es der Schatz des damaligen Königs war, brach sie in Tränen aus und rief: »Ach, mein Sohn! Ich hatte zur vierten Nachtwache auch einen Traum. Mir träumte, dass dein Vater König triefend nass vor mir stand und sagte, er sei gestorben, und seine Seele habe einen Priester aus China gebeten, den Dämon festzunehmen und seinen einstigen Leib zu retten. So ungefähr sprach er, nur kann ich mich an die Hälfte davon nicht mehr klar erinnern. Eben war ich so voller Zweifel; wer hätte gedacht, dass auch du zu mir kommst und mir diese Kunde bringst. Das Zepter will ich vorerst behalten. Gehe jetzt zu dem heiligen Mönch und bitte ihn, den Dämon so schnell als möglich zu vernichten, damit die Wahrheit ans Licht kommt. So kannst du auch deines Vaters elterliche Gunst vergelten.« Schnell schwang sich der Kronprinz in den Sattel, sprengte durch das hintere Tor hinaus und verließ ungesehen die Stadt. Kurze Zeit später stieg er vor dem Schatzwald-Kloster ab und wurde von seinen Jagdleuten in Empfang genommen. Schon neigte sich das rote Sonnenrad zum Horizont, als sich der Kronprinz alleine in den Tempel begab, wo er Hut und Gewand zurechtrückte und mit einer tiefen Verbeugung vor Pilger trat. Pilger reichte ihm zum Aufstehen die Hand und fragte: »Habt Ihr Eure Mutter gefragt?« Der Kronprinz erzählte, was sich abgespielt hatte, und Pilger lachte: »Bei solcher Kälte muss dieses Ungeheuer ja ein frostiges Ding sein! Keine Sorge, ich alter Sun werde Euch den Dämon ausmerzen. Doch heute ist es schon zu spät, geht erst mal zurück. Ich werde morgen kommen.« »Ich habe zur Zeit der Morgenaudienz die Stadt verlassen und bis jetzt noch kein einziges Wild erlegt. So kann ich schwerlich zurückkehren«, gab der Kronprinz zu bedenken. »Das ist doch keine Sache, warum sagt Ihr das erst jetzt?« gab Pilger zurück, schoss in die Lüfte und murmelte einen Zauberspruch, der den Berggott und den Erdgeist herbeizwang. Ihnen befahl er, den Prinzen reichlich mit Wild zu versorgen. Auf der Stelle sandten die beiden Götter ihre Geisterkrieger aus, mit Hilfe einer kalten Sturmbö Tiere zusammenzutreiben. So fingen sie jede Menge Rehe, Hirsche, Dachse und Hasen und brachten sie Pilger dar. »Dreht allen die Hälse um«, befahl Pilger, »und verteilt sie über vierzig Meilen hinweg am Wegesrand. Das wird Euch als Verdienst angerechnet.« Die Geister traten ab und taten wie geheißen. Nachdem Pilger den Kronprinzen benachrichtigt hatte, machte sich dieser zur Rückkehr auf. Tatsächlich war die gesamte Strecke von Wildtieren gesäumt, so dass die Jäger nicht einmal Falken und Hunde loszulassen brauchten; die Tiere ließen sich eins ums andere mit bloßen Händen ergreifen. »Euch ist ja ein Jagdglück beschert, wie es höchstens alle tausend Jahre vorkommt!« riefen alle staunend und kehrten Siegeslieder singend in die Stadt zurück. Pilger und Tripitaka legten sich wieder in der Meditationshalle schlafen. Um die Zeit der ersten Nachtwache jedoch ging Pilger ein Gedanke durch den Sinn, der ihn nicht schlafen ließ. Schließlich stand er auf, trat an Tripitakas Lager und rief: »Meister! Ich muss etwas mit Euch besprechen.« »Was denn?« fragte der Priester. »Heute habe ich beim Kronprinzen mit meinen Künsten groß angegeben und gesagt, für mich sei die Festnahme dieses Dämons ein Kinderspiel. Doch wie ich es mir eben überlegt habe, wird es nicht so einfach sein!« »Was meinst du damit?« »Ihr, werter Herr, versteht Euch wohl auf Meditation und buddhistische Schriften, doch habt Ihr je vom Kodex des Xiao He245 gehört? So heißt es doch: ›Um einen Dieb haftbar zu machen, muss man dessen Beute sicherstellen.‹ Dieser Dämon gibt sich ja seit drei Jahren als König aus, schläft bei Königin und Konkubinen, vergnügt sich im Kreise der höchsten Hofbeamten. Auch wenn ich alter Sun ihn nun festnehmen würde, könnte ich ihn keines Verbrechens anklagen.« »Warum nicht?« »Er wird sagen: ›Ich bin der König von Schwarzhahnland, was habe ich verbrochen, dass du mich festnehmen willst?‹ Auf was für einen Beweis soll ich mich dann stützen?« »Was gedenkst du zu tun?« fragte Tripitaka. »Mein Plan steht schon fest«, lächelte Pilger, »das einzige Hindernis besteht darin, dass Ihr gerne gewisse Schwächen überseht.« »Wie denn?« »Bajie ist ja ziemlich dumm, Ihr aber nehmt ihn immer etwas in Schutz.« »Ich will ihn nicht in Schutz nehmen«, erwiderte Tripitaka. »Was gedenkst du zu tun?« »Zuerst werde ich mit Bajie zusammen in die Schwarzhahnstadt gehen, um die Leiche des Königs zu bergen. Wenn wir dann morgen in die Stadt gehen, kümmern wir uns gar nicht erst um das Vorzeigen des Reisepasses, sondern zücken gleich die Waffen, sobald wir den Dämon sehen. Wenn er dann Einwände vorbringt, zeigen wir ihm die Leiche und sagen: ›Das ist der Mann, den Ihr umgebracht habt.‹ Dann lassen wir den Kronprinzen antreten, seinen Vater zu beweinen, lassen die Königin den Gatten wiedererkennen und zeigen den Hofbeamten ihren Herrn. Anschließend werde ich mit meinen Ordensbrüdern gegen den Dämon kämpfen. Denn so heißt es doch: ›Hat man einen Feind, so wird der Rechtsstreit leicht.‹« »So ist es, so ist es«, murmelte Tripitaka. »Ich fürchte nur, dass Bajie nicht bereit ist, mitzugehen.« Pilger lachte: »Solange Ihr ihn nicht in Schutz nehmt, kriege ich auch ›Neun Abstinenzen‹ auf den Weg, von Bajies ›Acht Abstinenzen‹ ganz zu schweigen.« »Mach, wie du willst«, meinte Tripitaka. Pilger trat an Bajies Lager und versuchte ihn zu wecken. Doch der Tölpel schnarchte und war nicht wachzukriegen. Als Pilger ihn am Ohr zog, brummte er: »Schlaf doch, was soll das Spiel?« »Das ist kein Spiel«, sagte Pilger, »ich will dich zu einem Geschäft mitnehmen.« »Was für ein Geschäft?« horchte Bajie auf. »Hast du gehört, was jener Kronprinz gesagt hat? Er sagte doch, der Dämon habe einen Zauberschatz. Morgen werden wir in der Stadt sicher gegen ihn kämpfen müssen, also ist es doch besser, wenn wir ihm das Ding vorzeitig entwenden, statt dass er uns womöglich damit besiegt.« »Bruder, du willst mich als Dieb missbrauchen!« beschwerte sich Bajie. Doch dann fügte er hinzu: »Ich komme schon mit, aber du musst mir versprechen, dass am Ende der Schatz mir gehört.« »Ich alter Sun will nur den Ruhm, das Ding kannst du haben«, gab Pilger zurück. Da sprang der Tölpel freudig aus dem Bett, zog sich an und machte sich mit Pilger auf den Weg. So ist es doch: Wein errötet das Gesicht, Gold bewegt das Herz! Die beiden stiegen in die Lüfte und hatten auf glückverheißenden Wolken im Nu die Stadt erreicht, wo es vom Trommelturm gerade erst zur zweiten Nachtwache schlug. Pilger führte Bajie in den Palast, wo sie den Palastgarten mit schweren Schlössern verriegelt vorfanden. Er hieß Bajie, mit dem Rechen das Tor einzuschlagen, dann traten sie ein. Pilger erinnerte sich an Tripitakas Traum, in dem sich der Brunnen unter einer Bananenstaude befand. Und wie sie nun vorwärtsgingen, fanden sie tatsächlich einen Bananenbaum von üppigem Wuchs. Es war in der Tat: Ein beseelter Keim gar wunderschön, Von Natur in seinem Wesen leer; Einsam er des Nachts im Regen steht, Im Herbstwind schauernd ohne Wehr. Blatt für Blatt wie eine grüne Feder, Herz für Herz ein runder Pinselkelch; Dieser Brief entfaltet seinen Sinn Frei mit glänzendem Gewinn! »An die Arbeit, Bajie!« rief Pilger, »unter dieser Bananenstaude liegt der Schatz.« Seinen Rechen mit beiden Händen schwingend, schlug Bajie die Staude um. Dann wühlte er mit der Schnauze die Erde auf, bis er in knapp vier Fuß Tiefe auf eine Steinplatte stieß. »Bruder, wir haben Glück!« rief er voller Freude, »da ist tatsächlich ein Schatz, es liegt eine Steinplatte drüber!« »Hebe sie an!« befahl Pilger. Bajie rückte die Platte mit der Schnauze beiseite, da sah er darunter etwas schimmern, das er natürlich für nichts anderes als das Glitzern des Schatzes hielt. Dann sah er genauer hin: Oje! Es war ja bloß ein Brunnenschacht, in dem sich Mond und Sterne spiegelten. »Es ist ein Brunnen«, sagte Bajie, »hättest du mir das vorher gesagt, hätte ich ein Seil mitgenommen. Was soll ich jetzt mit bloßen Händen?« »Willst du runtergehen?« fragte Pilger. »Natürlich, aber ich habe ja kein Seil.« Pilger lachte: »Zieh dich aus, ich werde dir helfen.« Der Tölpel streifte die Kleider ab, während der Große Heilige seinen Goldreifstab zur Hand nahm, an beiden Enden zog und »Wachsen!« rief, worauf der Stab gut sieben, acht Klafter lang wurde. Nun hieß er Bajie, sich am einen Ende festzuhalten, und ließ ihn langsam in den Schacht hinab. Es dauerte nicht lange, da hatte der Tölpel die Wasseroberfläche erreicht. »Siehst du den Schatz?« rief Pilger hinunter. »Nein, nichts als Wasser!« antwortete Bajie. »Er liegt auf dem Grund. Tauche mal und fühle alles ab«, rief Pilger. Der Tölpel, der ja mit Wasser bestens vertraut war, ließ die Stange los und tauchte kopfüber nach unten. Oh, wie tief dieser Brunnen war! Nach einem weiteren kräftigen Zug riss er die Augen auf und erblickte direkt vor sich einen Torbogen, auf dem in drei Schriftzeichen geschrieben stand: »水晶宮 – Wasserkristallpalast«. »Oh, was nun?« dachte er erschrocken, »jetzt bin ich ins Meer gesunken!« Er konnte ja nicht wissen, dass dieser Wasserkristallpalast bloß derjenige des Brunnendrachens war. Schon hatte ihn ein patrouillierender Yaksa entdeckt und meldete im Palast: »Großer König, ein Mönch mit großen Ohren und langer Schnauze ist in den Brunnen gefallen; nun läuft er splitternackt umher!« »Das ist Marschall Tianpeng«, sprach der Brunnendrache. »Kein Wunder war gestern der Nächtliche Wandergeist da, um die Seele des Königs von Schwarzhahnland zu Tripitaka zu bringen, damit der Himmelsebenbürtige Große Heilige den Dämon bezwingen kann. Sicher sind sie jetzt gekommen.« Er trat hinaus und rief laut: »Marschall Tianpeng! Kommt nur herein!« Erfreut trat Bajie in den Palast und setzte sich unbekümmert, nackt und nass wie er war, auf den Ehrensitz. »Werter Marschall«, hub der Drachenkönig an, »wie ich vernommen habe, begleitet Ihr neuerdings den Priester aus China in den Westen, um die Heiligen Schriften zu holen. Was führt Euch denn hierher?« »Ja, das wollte ich gerade sagen«, meinte Bajie, »mein Ordensbruder Sun Wukong lässt Euch viele Grüße ausrichten; er schickte mich hierher, um bei Euch irgendeinen Schatz zu holen.« »Ach, Erbarmen!« rief der Drachenkönig, »wie soll ich hier zu Schätzen kommen? Ich kann mich doch nicht mit den Drachenkönigen der großen Ströme messen! Die vom Yangtse, vom Huaihe, vom Gelben Fluss oder vom Ji-Fluss hätten im Nu irgendeinen Schatz bereit. Ich aber bin hier unten gefangen und bekomme nicht einmal Sonne und Mond zu sehen. Woher sollte ich auch einen Schatz nehmen?« »Keine Ausflüchte, bringt, was Ihr habt!« rief Bajie. »Nun ja, ich habe schon einen Schatz, doch kann ich ihn nicht holen. Darf ich den Herrn Marschall bitten, persönlich hinzugehen?« »Natürlich, kein Problem!« meinte Bajie und folgte dem Drachenkönig durch die Halle in eine Nebenkammer, wo ein sechs Fuß langer Körper lag. Der Drachenkönig zeigte darauf und sagte: »Marschall, das ist der Schatz.« Bajie trat näher und schaute. Oh! Da lag steif ausgestreckt ein Toter mit einer Himmelskrone, einem goldgelben Königsgewand, Regentenschuhen und einem Gürtel aus Lantian-Jade. »Das ein Schatz?« lachte Bajie abschätzig. »Als ich alter Eber noch Dämon im Gebirge war, hab ich mich von solchen Dingern ernährt. Das kann doch nicht als Schatz durchgehen!« »Marschall, Ihr müsst wissen, dass dies die Leiche des Königs von Schwarzhahnland ist. Seit er hier im Brunnen liegt, bewahre ich ihn mit einer Konservierungsperle vor dem Verfall. Wenn Ihr bereit sind, ihn zum Himmelsebenbürtigen Großen Heiligen zu tragen, werdet Ihr, falls der König aufersteht, so viele Schätze bekommen, wie Ihr nur begehrt.« »Nun, wenn dem so ist, will ich ihn Euch schon wegbuckeln, doch sagt mir erst, wie viel Ihr mir an Begräbniskosten bezahlt.« »Ich habe wirklich kein Geld«, beteuerte der Drachenkönig. »Meint Ihr etwa, Ihr könnt umsonst Leute anheuern?« empörte sich Bajie, »dann nehme ich ihn nicht mit!« Er drehte dem Drachenkönig den Rücken zu und ging. Der Drachenkönig aber schickte zwei Yaksas, die Leiche vor den Eingang des Wasserkristallpalastes zu legen, und als sie die Wasserwehrperle entnahmen, hörte man das Wasser gluckern. Als Bajie sich umschaute, war der Kristallpalast verschwunden, und stattdessen stieß er mit der Hand an die Leiche. Von Grauen gepackt schoss er an die Oberfläche, stemmte sich an der Brunnenwand hoch und rief: »Bruder! Halt den Stock runter, damit ich hochkommen kann!« »Hast du den Schatz?« fragte Pilger. »Es gibt gar keinen! Nur ein Drachenkönig war dort und hat verlangt, dass ich für ihn eine Leiche hochschleppen soll. Das habe ich abgeschlagen.« »Genau das ist der Schatz! Warum hast du ihn nicht mitgebracht?« »Warum soll ich diesen elenden Leichnam aufbuckeln?« »Wenn du ihn nicht herbringst«, drohte Pilger, »gehe ich zurück ins Kloster und lege mich schlafen.« »Bruder, bleib hier«, rief Bajie erschrocken, »ich bringe ihn sofort!« Abermals tauchte er in die Tiefe, ertastete die Leiche und nahm sie auf den Rücken, dann schoss er aus dem Wasser und rief: »Bruder, da ist er!« Bajie schoss aus dem Wasser und rief: »Bruder, da ist er!« Nachdem er sich der Sache vergewissert hatte, streckte Pilger seine Stange in den Schacht hinunter. Der aufgebrachte Tölpel sperrte seine Schnauze auf und biss sich an der Stange fest, worauf ihn Pilger mit leichter Hand hinaufzog. Bajie legte die Leiche nieder und langte nach seinen Kleidern. Pilger, dem auffiel, dass das Gesicht der Königs wie lebendig aussah, sagte zu Bajie: »Bruder, dieser Mensch ist doch seit drei Jahren tot, wie kommt es, dass sein Körper überhaupt nicht verfallen ist?« »Der Drachenkönig sagt, er habe ihm eine Konservierungspille gegeben.« »So ein Glück!« rief Pilger, »so ein Glück! Erstens ist ja das Unrecht noch nicht vergolten, zweitens werden wir auf diese Weise bestimmt Erfolg haben. Schnell, nimm ihn auf den Rücken.« »Wohin willst du denn?« »Zum Meister.« »Was soll denn das wieder«, murrte Bajie vor sich hin, »erst lockt mich dieser Affe mit honigsüßen Worten aus dem besten Schlaf zu einem sogenannten Geschäft, und jetzt lässt er mich Leichen schleppen! Nein, da mache ich nicht mit!« »Dann streck deine Knöchel her. Zwanzig Stockschläge!« »Bruder, deine Stange ist viel zu schwer! Nach zwanzig Schlägen sehe ich aus wie dieser König!« »Wenn du Angst vor Schlägen hast, dann buckle ihn gefälligst auf!« Bajie wagte sich nicht länger zu widersetzen. Verdrossen zerrte er die Leiche hoch, nahm sie auf den Rücken und stapfte aus dem Palastgarten. Der Große Heilige aber murmelte einen Zauberspruch, holte gen Südosten, der Richtung des Trigramms Xun, tief Luft und blies einen Sturmwind aus, der Bajie aus dem Palast beförderte. Außerhalb der Stadtmauer landeten sie und wanderten gemächlich zum Kloster. Grollend sann der Tölpel auf Rache und überlegte, wie er Pilger bei Tripitaka ankreiden könne. Als sie beim Kloster ankamen, warf er die Leiche vor die Meditationshalle und rief: »Meister, seht Euch mal das an!« »Was denn, mein Schüler?« fragte Tripitaka. »Hier, Pilgers Großvater! Ich alter Zhu hab ihn bis hierher schleppen müssen!« Tripitaka und Sandmönch machten das Tor auf und erblickten den König, der so unversehrt dalag, als wäre er noch am Leben. Der Priester brach in Wehklagen aus und rief: »O Majestät! Wer weiß, in welchem Leben Ihr Euch jenen Menschen zum Feind gemacht habt, dass Ihr ihm in diesem Leben wiederbegegnen musstet, dass er Euch tötete, von Frau und Kind trennte, ohne dass Euer Hofstaat etwas davon ahnte. Ach, es ist zum Erbarmen!« Während er sprach, liefen ihm Tränen aus den Augen. »Was heult Ihr denn?« spottete Bajie, »er ist doch nicht Euer Vorfahr!« »Mein Schüler«, erwiderte Tripitaka, »Barmherzigkeit ist für uns Mönche ein Grundprinzip. Wie kannst du nur so gefühllos sein?« »Ich bin nicht gefühllos. Pilger sagt, er könne ihn wieder lebendig machen. Falls er das nicht schafft, trag ich ihn nirgendwo mehr hin!« Nun war ja dieser Priester von Natur aus wankelmütig, deshalb neigte er schon wieder zu Tölpel und rief Wukong zu: »Wenn du das Zeug hast, diesen König zu retten, so ist es wahrhaftig, wie man sagt: ›Ein Menschenleben retten ist noch wertvoller, als eine siebenstöckige Pagode zu errichten‹! Für uns ist es gar noch wertvoller, als auf dem Seelenberg Buddha zu huldigen.« »Ach, Meister, warum hört Ihr auf Tölpels Geschwätz. Wenn ein Mensch stirbt, hat er nach drei, fünf oder sieben Wochen für all seine diesseitigen Sünden gebüßt und kommt zur Wiedergeburt. Dieser König ist seit drei Jahren tot, wie soll man ihn denn retten können?« »Nun gut«, meinte Tripitaka und ließ es dabei bewenden. Doch Bajies Wut glühte immer noch. »Lasst Euch nicht hintergehen, Meister«, rief er, »sagt einfach den Spruch auf, dann wird er ihn sicher lebendig machen!« Tatsächlich begann Tripitaka nun den Reifverengungsspruch aufzusagen, dass Pilger bald vor Schmerz die Augen aus den Höhlen quollen. Und da wir nicht wissen, wie er den König rettete, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第039回 / 39. Kapitel Der Himmel schenkt ein Körnchen Goldelixier / Nach drei Jahren tritt der König neu ins Leben Wie berichtet wurde, konnte der Große Heilige die Schmerzen kaum noch ertragen, bis er schließlich flehte: »Meister, hört auf, hört auf! Ich werde den König lebendig machen!« Als der Priester fragte, wie er das anstellen wolle, antwortete er: »Es gibt keinen anderen Weg, als in der Unterwelt König Yama zu bitten, seine Seele zurückzugeben.« »Meister, glaubt ihm nicht!« rief Bajie dazwischen, »zuvor hat er mir gesagt, er brauche gar nicht erst in die Unterwelt zu gehen, im Diesseits könne er ihn auch zum Leben erwecken, nur so kämen seine Fähigkeiten richtig zum Ausdruck.« Der Priester saß Bajies Tücke auf und begann den Spruch von neuem aufzusagen, so dass Pilger erschrocken einwilligte. Doch Bajie rief: »Meister, hört nicht auf, macht weiter!« »Du verdammtes Mistvieh!« schrie Pilger, »absichtlich stachelst du den Meister auf, mir Schaden zuzufügen!« Bajie aber wälzte sich vor Lachen und rief: »Haha, glaubst du denn, nur du könnest mich zum Narren halten? Jetzt kann ich dir das endlich mal heimzahlen!« »Hört auf, Meister, hört auf!« rief Pilger, »ich werde ihn im Diesseits heilen!« »Und wie willst du das anstellen?« fragte Tripitaka. »Ich gehe jetzt zum Höchsten Alten Meister Laozi und bitte ihn um eine neunfach geläuterte Wiederbelebungspille. Damit kann der König bestimmt gerettet werden.« »Dann geh sofort und komm bald zurück«, wies Tripitaka ihn erfreut an. Da meinte Pilger: »Jetzt ist erst Mitternacht, doch noch bevor ich zurück bin, wird der Tag anbrechen. Wenn dieser Tote so trist und verlassen hier liegt, macht das einen schlechten Eindruck. Es müssen ein paar Leute her, die Totenwache halten und wehklagen.« »Du brauchst gar nicht weiterzureden«, fiel ihm Bajie ins Wort, »natürlich willst du, dass ich Totenklage halte. Geh nur, Bruder, ich werde hier sitzen und heulen.« »Dann mach mal vor, wie du heulst!« versetzte Pilger. Da brach der Tölpel tatsächlich in Tränen aus und stimmte greinend und jammernd eine Klage an, als ob wirklich jemand gestorben wäre. Und als ihn schließlich der Jammer richtig übermannt hatte, zog sich auch dem Priester das Herz zusammen, dass ihm die Tränen kamen. Pilger lachte: »So ist es richtig, jammere nur weiter. Und wenn du auch nur die geringste Pause machst, gibt es zwanzig Stockschläge!« »Geh nur, geh nur«, schluchzte Bajie, »wenn ich mal zu weinen angefangen habe, kann ich gut und gerne zwei Tage lang durchheulen.« Pilger aber schoss im Wolkenüberschlag in die Lüfte, passierte das Südliche Himmelstor und kam direkt zum Tusita- Palast im dreiunddreißigsten Himmel der Trennungstrauer. Dort fand er den Höchsten Alten Meister Laozi, der gerade in seiner Elixierkammer Unsterblichkeitspillen braute. Als er Pilger kommen sah, warnte er die Knaben, die das Elixier bewachten: »Habt acht, der Pillendieb ist wieder da!« Pilger grüßte mit einer höflichen Geste und meinte lachend: »Werter Meister, heute mache ich so was nicht mehr.« »Du Affe«, gab Laozi zurück, »wozu dringst du dann heimlich in meinen Palast ein, anstatt den Priester aus China in den Westen zu begleiten?« Pilger berichtete ihm von der Sache mit dem König von Schwarzhahnland und schloss mit den Worten: »Und jetzt bin ich eigens gekommen, Euch inständig zu bitten, mir so an die hundert neunfach geläuterter Pillen mitzugeben, damit ich alter Sun den König retten kann, wie ich es versprochen habe.« »Der Affe ist ja verrückt!« rief Laozi empört, »mein Elixier ist doch nicht einfach zum Essen! Nein, hier gibt es nichts. Mach, dass du fortkommst!« Schon machte der Große Heilige kehrt und ging. Doch Laozi besann sich und meinte plötzlich: »Schlimm, schlimm, dieser Affe kennt keine Rücksicht. So schnell, wie der eben gegangen ist, kann er sich hier wieder einschleichen und meine Pillen stehlen.« Er eilte ihm nach und rief: »Halt, ich will dir eine Pille Wiederbelebungs-Elixier mitgeben!« Pilger nahm die Pille, verabschiedete sich und sauste ins Kloster zurück, wo Bajie noch immer wehklagte. Unvermittelt trat er vor ihn und rief: »Meister!« Pilger nahm die Pille, verabschiedete sich und sauste ins Kloster zurück. Erfreut rief Tripitaka: »Wukong, da bist du ja! Hast du die Pille?« »Ja, ja«, meinte Pilger, und zu Bajie gewandt: »Bruder, dich brauchen wir jetzt nicht mehr. Wisch dir die Tränen ab und heul woanders weiter.« Er ließ Sandmönch Wasser holen, nahm die Pille aus dem Mund und legte sie dem König zwischen die Lippen. Dann stemmte er das Gebiss auf und spülte ihm das Goldene Elixier mit klarem Wasser in den Bauch. Anschließend konnte man ganze zwei Stunden lang nichts als ein unablässiges Gurgeln hören, doch der Körper regte sich nicht. »Er ist schon so lange tot, dass seine Ursprungs-Energie vollständig aufgezehrt ist. Jemand sollte ihm Atem einhauchen«, riet Tripitaka. Bajie trat vor und wollte schon damit beginnen, doch Tripitaka hielt ihn zurück und sagte: »Nein, das geht nicht. Lass Wukong das machen!« Denn Bajie hatte sich ja von klein auf von Menschenfleisch ernährt, davon war sein Atem trüb und unrein. Allein Pilger hatte sich von klein auf der Vervollkommnung gewidmet und sich nur von Pinienkernen und Pfirsichen ernährt, daher war seine Atemenergie rein und klar. Nun trat der Große Heilige vor, drückte seine Donnergottschnauze an die Lippen des Königs und blies ihm seinen Atem die »zwölfstöckige Pagode« der Kehle hinunter. Der Odem fuhr durch die »Strahlende Halle« der Stirn bis ins »Zinnoberfeld« unter dem Bauchnabel, dann von der »Sprudelnden Quelle« an den Fußsohlen wieder hinauf in den Niyuan-Palast im Hirn. Endlich hörte man ein lautes Pusten, die Energie des Königs war wieder beisammen, sein Geist wieder wach. Er wälzte sich, ballte die Fäuste, krümmte die Füße und rief: »Meister!« Schließlich richtete er sich auf und sprach kniend: »Neulich habe ich Euch nachts als Geisterseele besucht; wer hätte je geglaubt, dass ich heute den lichten Geist des Diesseits wiedererlangen würde!« Tripitaka beeilte sich, ihm beim Aufstehen behilflich zu sein, und bot ihm einen Stuhl an. Derweil hatten die Mönche des Klosters das Frühstück zubereitet und brachten es in die Halle, wo sie nicht wenig staunten, als sie den König in den nassen Kleidern sahen. Pilger sprang auf und rief: »Das hier ist der ursprüngliche König von Schwarzhahnland, euer wahrer Herrscher. Er wurde vor drei Jahren von einem Dämon umgebracht, und ich alter Sun habe ihn vergangene Nacht wieder zum Leben erweckt. Gleich werden wir in den Palast gehen und der Wahrheit ans Licht verhelfen. Schnell, tischt die Mahlzeit auf! Sobald wir gegessen haben, machen wir uns auf den Weg.« Die Mönche trugen heißes Wasser und vegetarische Speisen auf. Nachdem alle gegessen hatten, hieß Pilger den König sein Herrschergewand samt Krone und Schuhen ausziehen und ließ sich vom Abt zwei baumwollene Mönchskutten, eine gelbe Seidenkordel und ein paar alte Mönchssandalen geben, die er dem König gegen dessen Ornat tauschte. Lachend meinte er: »Majestät, hoffentlich seid Ihr nicht beleidigt, wenn wir Euch in dieser Aufmachung mit uns kommen lassen!« Da kniete der König nieder und sprach: »Meister, für mich seid Ihr wie meine neuen Eltern! Am liebsten würde ich Euch dienend in den Westen folgen, Euch die Peitsche halten und ehrerbietig neben Eurem Pferde wandern!« »In den Westen braucht Ihr nicht zu reisen«, versetzte Pilger, »wartet nur, bis wir in der Stadt sind und den Dämon ausgetrieben haben, dann setzt Ihr Euch wieder auf Euren Thron, und wir suchen wieder unsere Schriften.« Gemeinsam machte man sich auf den Weg. Da reihten sich alle fünfhundert Mönche des Klosters ordentlich auf und gaben ihnen mit Pauken und Trompeten ein feierliches Geleit. Doch Pilger rief: »Mönche, ihr müsst aufhören, sonst wird unser Vorhaben noch vorzeitig bekannt, und das wäre nun gar nicht hilfreich. Geht zurück, geht zurück! Ihr braucht nur die Kleider des Königs sauberzumachen und sie heut Abend oder morgen früh in die Stadt zu bringen; ich werde euch belohnen lassen!« Wie geheißen kehrten die Mönche um. So war es in der Tat: Hoch im Westen ist die große Lehre, Mit der sich Wahrheit finden lässt; Metall und Holz sind nun zusammen Und läutern gleichgesinnt den Geist. Des Elixieres Mutter sinnt umsonst Am vagen Traumgespinst herum, Schon lange zürnt das Kleine Kind, Denn eine faule Bürde hängt ihm an. Nun musste man am Brunnengrund Den eigentlichen Herrn aufsuchen, Dann in himmlischen Gefilden Noch den Alten Meister besuchen.246 Sind Form und Leere tief erschaut, Kehrt man zum inneren Wesen ein. Wahrhaftig: Buddha überführt all jene, Denen er wirklich helfen kann! Es war noch kein halber Tag vergangen, als sie vor den Stadtmauern von Schwarzhahnland standen. Auf Straßen und Märkten sahen sie das Volk wohlgeordnet herumgehen; überall herrschte geschäftiges Treiben. Schon konnte man die prächtigen Phönix- und Drachentürme des Königspalastes ausmachen. Pilger half Tripitaka aus dem Sattel, führte alle fünf Ankömmlinge zum Palasttor, wo er der Torwache den Grund ihres Kommens erklärte und sagte: »Nun möchten wir unseren Reisepass begutachten lassen. Wir bitten Euch höflichst, die Meldung weiterzuleiten, damit das wohltätige Ziel unserer Reise nicht beeinträchtigt wird.« Der Wächter begab sich sogleich in den Palast und überbrachte die Meldung, worauf der Dämonenkönig sie zur Audienz rief. Da schritten die fünf vor die Stufen zur Audienzhalle, wo man bereits die stattlichen Reihen ziviler und militärischer Hofbeamten sehen konnte. Pilger geleitete Tripitaka vor die weiße Jadetreppe und blieb aufrecht stehen. Keiner unter den Hofbeamten, der nicht entsetzt murmelte: »Was für unhöfliche Mönche! Wie können sie sich erlauben, vor unserem König keinen Kniefall zu machen? Welche Impertinenz!« Doch schon ließ der König verlauten: »Woher seid ihr, ihr Mönche?« Mit stolz erhobenem Haupt antwortete Pilger: »Wir kommen aus dem chinesischen Kaiserreich im Osten und wurden vom Kaiser zum Tempel des Donnergrollens in den Westen gesandt, um Buddha zu huldigen und Heilige Schriften zu holen. Heute sprechen wir hier vor, weil wir unser Reisedokument beglaubigen lassen wollen.« Der Dämonenkönig ließ sich das Papier überreichen und las es durch. Dann sprach er: »Ihr Mönche! Anfangs hat nur einer von euch den Osten verlassen, danach wurden drei Schüler aufgenommen. Gegen diese habe ich nichts einzuwenden, doch jener Priester dort ist mir verdächtig. Woher kommt er und wie heißt er? Hat er eine Mönchslizenz oder nicht? Führt ihn vor!« Der König erzitterte vor Schreck, doch Pilger zwickte ihn in den Arm, trat eilig nach vorn und rief dem Dämon mit scharfer Stimme zu: »Majestät, der alte Mönch ist taubstumm. Über seine Geschichte weiß ich eingehend Bescheid; ich kann an seiner Statt aussagen.« »Dann fangt an und sagt die volle Wahrheit! Sonst werdet ihr verurteilt.« Pilger sprach: »Der Mönch, der hier anklagt, Er ist schon bejahrt, Ist taub und stumm, Sein Heim ist zerstört. Die Ahnen von einst Sind aus diesem Land, Doch fünf Jahr ist’s her, Da kam er ins Leid. Der Regen blieb aus, Das Volk litt Durst, Da kam vom Zhongnan Ein böser Daoist, Rief Regen und Wind Mit göttlicher Kraft, Dann hat er ihn gar Ums Leben gebracht. Stieß ihn im Garten In tiefen Brunnen Und hat so den Thron Drei Jahre gewonnen. Zum Glück bin ich da, Denn mit großer Tat Kehrt’ ich die Welten Zum Leben vom Tod. Am Hof will ich nun Die Wahrheit ergründen, Heil sei dem König, vertrieben der Dämon, Auf dass wir wieder Frieden verkünden!« Bei diesen Worten fuhr dem Dämonenkönig ein solcher Schrecken in die Glieder, dass ihm das Herz bis zum Halse pochte und sein Gesicht rot anlief. Mit einem Ruck sprang er auf, entriss einem wachestehenden General den Säbel, schoss in die Lüfte und war verschwunden. Sandmönch schnaubte vor Wut; Bajie schrie auf und rief Pilger ungehalten zu: »Du ungeduldiger Affe! Hättest du doch nicht so schnell gesprochen, dann hätten wir ihn gekriegt! Wo sollen wir ihn jetzt suchen, wenn er abgehauen ist?« »Nur keine Unruhe, meine Brüder«, gab Pilger lachend zurück. »Ruft den Kronprinzen, die Königin und die Konkubinen sowie alle Minister und Beamten hierher, damit sie sich vor ihrem König verneigen und ihren ursprünglichen Herrn wiedererkennen. Ich will mich indessen auf die Jagd nach dem Dämon machen.« Sandmönch und Bajie taten wie geheißen. Pilger aber schoss pfeilschnell in den neunten Himmel empor und spähte mit großen Augen in alle Richtungen, bis er im Nordosten den fliehenden Dämon entdeckte. Er holte ihn ein und schrie: »Wo willst du hin, du Monster! Dem alten Sun wirst du nicht entkommen!« Der Dämon wandte sich um, zückte den Säbel und brüllte: »Pilger Sun, du bist unverschämt! Was hat es mit dir zu tun, wenn ich den Thron besetze? Du brauchst dich nicht um Dinge zu kümmern, die dich nichts angehen!« Pilger lachte abschätzig und rief: »Du dreister Zankteufel! Wer hat dir erlaubt, hier König zu sein? Stillgestanden, krieg meine Stange zu spüren!« Der Dämon schwang seinen Säbel und trat kampflustig auf ihn zu. Nach mehreren Kampfrunden aber konnte der Dämon dem Affenkönig nicht länger standhalten, wandte sich plötzlich um und sprang in die Palaststadt, wo er Hals über Kopf zwischen die Reihen der Hofbeamten vor der weißen Jadetreppe rannte und sich schließlich mit einem Ruck in die Gestalt des Tripitaka verwandelte. So blieb er neben Tripitaka vor der Treppe stehen. Der Große Heilige eilte hinter ihm her und erhob gerade seine Stange gegen den Dämon, da rief Tripitaka: »Halt, mein Schüler, ich bin es!« Da schnellte er auf den anderen Tripitaka los, doch der rief genau gleich: »Halt, mein Schüler, ich bin es!« Es waren zwei absolut identische Tripitakas; unmöglich, sie auseinanderzuhalten. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als innezuhalten. An Bajie und Sandmönch gewandt fragte er: »Wer von euch kann mir sagen, welches der Meister ist?« »Wir haben den Kampf am Himmel mitverfolgt«, meinte Bajie, »doch im nächsten Augenblick waren schon zwei Meister in der Halle. Wir wissen auch nicht, wer der echte ist.« Sofort rief Pilger mit einem magischen Fingerzeichen und einem Zauberspruch die Schutzgötter herbei und sprach: »Ich alter Sun bin hierhergekommen, um einen Dämon zu bezwingen, doch jetzt hat dieser meines Meisters Gestalt angenommen, so dass wir sie nicht mehr voneinander unterscheiden können. Lasst bitte meinen Meister heimlich wissen, dass er in die Thronhalle gehen soll, damit ich den Dämon hier einfangen kann.« Doch er hatte nicht damit gerechnet, dass der Dämon sich gewandt in den Lüften bewegen konnte, wo er Pilgers Worte mitgehört und sich sogleich in die Thronhalle begeben hatte. Schon erhob Pilger seine Stange gegen Tripitaka; zum Glück konnten ihn die Schutzgötter gerade noch aufhalten und riefen: »Großer Heiliger, der Dämon kann in die Lüfte steigen, er ist schon in die Halle gegangen!« Als Pilger in der Halle ankam, sprang der Dämon wieder hinaus, packte sich Tripitaka und mischte sich mit ihm unter die Menge, worauf man sie von neuem nicht mehr auseinanderhalten konnte. Pilger wurde nervös. Wie er nun bemerkte, dass Bajie neben ihm kicherte, fuhr er ihn wütend an: »Was findest du daran lustig, du Tölpel?« »Ha, Bruder«, lachte Bajie, »du nennst mich Tölpel, dabei bist du noch mehr ein Tölpel! Warum kommt es dir denn nicht in den Sinn, ein bisschen Kopfschmerzen zu ertragen? Lass den Meister doch den Spruch aufsagen, während ich und Sandmönch je einen der beiden festhalten. Derjenige, bei dessen Spruch du keine Schmerzen kriegst, muss der Dämon sein. Das ist doch nicht weiter schwierig!« »Stimmt, du hast recht«, meinte Pilger. »Meister, sagt den Spruch auf!« Da begann der richtige Tripitaka den Spruch aufzusagen, worauf Pilger sofort der Kopf schmerzte. Als aber der Dämon etwas murmelte, verspürte er überhaupt keine Schmerzen. »Das muss der Dämon sein!« rief Bajie, ließ ihn los, erhob seinen Rechen und drosch los. Seht, wie der Dämon jetzt einen Satz nimmt und über die Wolken entflieht! Bajie und Sandmönch eilten ihm durch die Lüfte nach und nahmen ihn von beiden Seiten mit Rechen und Prunkstab ins Visier. Pilger aber dachte: »Wenn ich ihm nun von vorn entgegenkomme, wird er womöglich wieder ausreißen. Jetzt werde ich einfach noch höher springen und ihn mit dem Stockhieb zermalmen wie Knoblauch im Mörser!« Auf einem glückverheißenden Lichtstrahl schoss der Große Heilige in den neunten Himmel hinauf. Gerade als er Hand anlegen wollte, gewahrte er in nordöstlicher Richtung eine farbenfrohe Wolke, aus der eine Stimme in strengem Ton rief: »Halt ein, Sun Wukong!« Als Pilger sich umwandte und genauer hinschaute, erkannte er den Bodhisattva Manjushri. Eilends steckte er seine Stange zurück, begrüßte ihn mit einer höflichen Geste und fragte: »Wohin des Wegs, werter Bodhisattva?« »Ich komme einen Dämon einfangen«, antwortete dieser und zog aus seinem Ärmel einen Geisterspiegel hervor, den er dem Dämon nun entgegenhielt. Als Pilger in den Spiegel hineinblickte, sah er die grauenvolle Gestalt des Dämonenkönigs. »Bodhisattva«, rief er, »das ist ja der Blaue Löwe, auf dem Ihr reitet! Wie konnte er Euch nur entlaufen und sich hier als Dämon einnisten?« »Er ist mir nicht entlaufen«, erwiderte der Bodhisattva, »er kam auf Geheiß von Buddha. Der König von Schwarzhahnland nämlich war früher überaus wohltätig und Mönchen gegenüber so großzügig, dass Buddha mich zu ihm sandte, ihn zu erlösen. Weil ich ihm aber als gewöhnlicher Mönch gegenübertrat, um Almosen bat und ihn im Gespräch absichtlich in schwierige Fragen verwickelte, hat er mich fesseln lassen und in den Stadtgraben geworfen, wo ich drei Tage und Nächte im Wasser war. Darum hat Buddha diesen Dämon ausgesandt, der ihn hier in den Brunnen stieß und ihn drei Jahre lang im Wasser liegen ließ, als Vergeltung für die drei Tage, die ich im Wasser verbringen musste. Nun, da Ihr gekommen seid, ist seine Überführung zu Eurem Verdienst geworden.« »Nun, damit ist zwar Euer persönliches Leid gerächt«, meinte Pilger, »doch gleichzeitig habt Ihr zugelassen, dass der Körper der Königin geschändet und etliche moralische Prinzipien verletzt wurden.« »Er hat sie nicht schänden können«, gab der Bodhisattva zurück, »der Löwe ist kastriert.« Als Bajie das hörte, ging er auf den Dämon zu, fasste ihn an und lachte: »Tatsächlich, das Biest hat die rote Nase nicht vom Saufen; nichts als ein hohler Name!« »Nun gut, so nehmt ihn mit«, meinte Pilger. »Sündenbiest, worauf wartest du noch?« rief der Bodhisattva. »Folge mir!« Endlich nahm der Dämon seine ursprüngliche Gestalt an. Der Bodhisattva aber legte dem Löwen den Lotossattel über den Rücken, saß auf und schwebte auf glückverheißenden Wolken dem Wutai-Gebirge247 entgegen. Und da wir nicht wissen, wie Tripitaka schließlich die Stadt verließ, lasst uns hören, was das nächste Kapitel berichtet. 第040回 / 40. Kapitel Ein Kindlein bringt den Geist der Sammlung aus dem Lot / Affe, Pferd, Arzneistab und Holzmutter sind im Leeren Berichten wir weiter, wie der Große Heilige und seine Ordensbrüder die Wolken senkten und in den Palast zurückkehrten, wo der König, seine Minister, Kronprinz und Königin schon in feierlichen Reihen bereitstanden und sie mit Verbeugungen und Dankesbezeigungen empfingen. Als Pilger erzählte, wie der Bodhisattva den Dämon bezwungen hatte, vollzogen sie ehrfürchtig Stirnaufschläge und wollten gar nicht mehr aufhören, bis schließlich die Stimme des Torwächters erklang: »Majestät, draußen stehen noch mal vier Mönche.« Der König erteilte sogleich den Befehl, sie hereinzulassen. Es waren die Mönche des Schatzwald-Klosters, die mit Himmelskrone, Jadegürtel, Königsrobe und Regentenschuhen eintrafen. »Ihr kommt genau richtig!« freute sich Pilger und ließ sie herantreten, worauf der König eins nach dem anderen anzog. Anschließend hieß er den Kronprinz, dem König das weiße Jadezepter zu überreichen, und bat den König auf den Thron. In der Tat: »Es soll der Königshof nicht einen Tag ohne König sein!« Aber der König konnte sich doch nicht einfach hinsetzen! Schluchzend kniete er auf der weißen Jadetreppe nieder und sprach: »Drei Jahre lang war ich tot, und nur dank diesem Priester habe ich ins Leben zurückgefunden! Wie kann ich es so wagen, mich wie ehedem den Höchsten zu heißen? Nein, ich will diesen Priester bitten, als König zu walten! Ich aber will ohne jeden Anspruch mit Frau und Kind vor die Stadttore ziehen und im Stand des einfachen Volkes leben.« Wie hätte Tripitaka dies je annehmen können? Als sich der König schließlich mit seiner Bitte an Pilger wandte, entgegnete dieser lachend: »Offen gesagt, verehrte Anwesende, wenn ich alter Sun König werden wollte, wäre ich längst in allen Ländern unter dem Himmel König gewesen. Doch wir sind nun einmal Mönche und einfach zu träge, unsere Gewohnheiten aufzugeben. Als König müsste ich mir eine Krone aufsetzen und einen Gürtel umschnallen, dürfte abends nicht früh schlafen gehen und müsste schon zur fünften Nachtwache wieder aufstehen; Nachrichten über Unruhen in den Grenzgebieten würden mir die Ruhe rauben, Katastrophen und Hungersnöte würden mir Sorgen machen. Wie sollten wir Mönche uns an ein solches Leben gewöhnen können? Viel besser ist es doch, wenn Ihr wieder Euer Leben als König führt und wir weiterhin unseren Weg zur Vervollkommnung beschreiten.« Wie der König sah, dass sein Bitten nicht fruchtete, blieb ihm nichts anderes übrig, als sich mit Blick gen Süden auf den Thron zu setzen und seinen Stand als König anzunehmen. Gleichzeitig ordnete er für das ganze Land Begnadigungen an, gab den Mönchen vom Schatzwald-Kloster eine reiche Belohnung mit und ließ dem Priester in der Empfangshalle ein großes Bankett auftragen. Außerdem trug er einem Hofmaler auf, die vier Mönche aus China zu porträtieren, um die Bildnisse in der Audienzhalle zu verehren. Zuletzt ließ er ganze Reichsschätze, Gold und Silber holen und bot sie dem Meister zum Dank an. Dieser aber lehnte jegliche Belohnung ab, bat lediglich, dass der Reisepass abgestempelt werden möge, und drängte Wukong und die anderen, Pferd und Gepäck bereitzustellen und baldmöglichst aufzubrechen. Der König bedauerte es sehr, dass er sich nicht gebührend bedanken konnte, daher bestellte er schließlich die königliche Kutsche und hieß Tripitaka aufsteigen. An der Spitze marschierten die Hofbeamten, während der König mit der Königin, den Konkubinen und Prinzen zu Fuß neben der Kutsche herging. Nachdem sie den inneren und den äußeren Stadtwall passiert hatten, stieg Tripitaka aus und verabschiedete sich. Unter Tränen kehrte der König mit seiner Eskorte zurück. Meister und Schüler aber wanderten auf einer weiten, ebenen Landstraße einher; es war Spätherbst, und der Winter nahte. Nach über einem halben Monat erblickten sie eines Tages ein Gebirge, das so hoch aufragte, als würden seine Gipfel den Himmel berühren und gar die Sonne in ihrer Bahn behindern. Tripitaka war es unheimlich zumute. Er gab seinem Pferd die Sporen und preschte auf die mächtigen Felsen zu, die bedrohlich steil in die Höhe ragten. Mitten in ihrer Beklemmung gewahrten Meister und Schüler auf einmal in einer Talsenke etwas wie eine rote Wolke, die bis zum neunten Himmel aufstieg und sich zu einem Feuerschein ballte. Pilger fuhr zusammen, trat vor und zog den Meister mit einem Griff aus dem Sattel. Die anderen hieß er anhalten, ein Dämon gehe um! Erschrocken stellten sich Bajie und Sandmönch mit erhobenen Waffen schützend neben Tripitaka. Hier teilt sich die Erzählung in zwei Stränge. Berichten wir erst einmal von dem roten Licht, in dem sich tatsächlich ein Dämon befand. Dieser nämlich hatte schon vor Jahren sagen hören, dass im fernen Osten ein Priester aus China eine Pilgerreise in den Westen angetreten habe, um Heilige Schriften zu holen, und dass es sich um die Reinkarnation von Meister Goldzikade handelte, der sich seit zehn Wiedergeburten dem Weg zur Vervollkommnung widmete. Ein einziges Stück von seinem Fleisch, so hieß es, könne einem ewiges Leben verleihen! Seither hatte der Dämon Tag für Tag in diesem Gebirge gewartet, und nun war es endlich so weit. Aus wolkiger Höhe betrachtete er die Ankömmlinge und murmelte mit unverhohlener Bewunderung: »Sehr schön, dieser feiste Mönch mit der hellen Haut, der auf dem Pferd reitet, das muss jener heilige Priester aus China sein. Doch warum müssen bloß diese hässlichen Mönche so angriffslustig mit gezückten Waffen danebenstehen? Das sieht ja aus, als wollten sie gegen jemanden kämpfen. Ha, sicher hat da irgendwer einen klaren Blick und hat mich erkannt. Wenn das so ist, kann ich das Fleisch dieses Priesters gleich vergessen.« So blieb er eine Weile in Gedanken versunken, bis er plötzlich sagte: »Ja, mit Gewalt werde ich nicht an ihn herankommen. Aber ich könnte ihn ja durch den Glauben ans Gute verblenden. Da will ich doch mal runtergehen und ihm einen Streich spielen!« Der gute Dämon! Schon löste er sein rotes Licht auf, senkte die Wolke und landete am Berghang, wo er sich mit einem leichten Schwenk in einen siebenjährigen Knaben verwandelte. Dann band er sich mit einem Hanfstrick Hände und Füße zusammen, hängte sich nackt ins Geäst einer Kiefer und begann zu schreien: »Hilfe, Hilfe!« Nun lasst uns wieder vom Großen Heiligen berichten, der auf einmal bemerkte, dass der rote Glanz sich aufgelöst hatte und die feurige Energie verschwunden war. Also hieß er den Meister aufsitzen und weiterziehen. »Eben hast du doch gesagt, es gehe ein Dämon um«, wandte Tripitaka ein, »warum wagst du schon wieder voranzugehen?« »Ich habe eine rote Wolke vom Boden aufsteigen sehen, die sich in der Höhe zu einem Feuerschein zusammengezogen hat. Das war fraglos ein Dämon. Doch eben hat sich die Wolke verflüchtigt, darum denke ich, dass es wohl ein durchreisender Dämon war, der uns nicht schaden wird.« »Was soll denn das heißen, durchreisender Dämon!« warf Bajie ein. »Was hast du schon für eine Ahnung«, versetzte Pilger. »Wenn ein Dämonenkönig irgendeines Berges in irgendeiner Grotte die Wichte der Umgebung zum Festmahl lädt, dann hat so ein Wicht nichts anderes im Sinn, da wird es ihm nicht einfallen, jemandem Schaden zuzufügen. Das nennt man einen durchreisenden Dämon.« Tripitaka wusste nicht recht, ob er diesen Worten Glauben schenken sollte oder nicht, doch es blieb ihm nichts anderes übrig, als dem Pferd die Sporen zu geben und den Weg wieder aufzunehmen. Doch bald drang eine Stimme an sein Ohr, die rief: »Hilfe!« »Oh, meine Schüler«, rief er bestürzt, »hört, wer ruft da, mitten im Gebirge?« »Kümmert Euch nicht darum«, drängte Pilger, »lasst uns weiterziehen!« Nach einer knappen Wegmeile waren die Hilferufe von neuem zu hören. »Sicher ist jemand in Not«, sagte Tripitaka. »Wir müssen ihm helfen!« »Meister, heute könnt Ihr Euch die Barmherzigkeit in die Tasche stecken«, gab Pilger zurück, »die Gegend hier verheißt nichts Gutes. Es ist, wie die alten Weisen sagten: ›Danke den Göttern, wenn du heil davonkommst!‹ Lasst Euch auf keinen Fall darauf ein!« Der Priester sah sich gezwungen weiterzureiten und gab dem Pferd die Sporen. Pilger aber sann im Stillen: »Wo schreit das freche Ungeheuer wohl? Warte nur, ich werde mit der ›Magie der Konträren Sterne‹ dafür sorgen, dass die beiden sich nie zu Gesicht bekommen!«250 Er ließ Tripitaka ein paar Schritte vorausgehen, dann vollführte er einen Zauber zum Versetzen von Bergen und Verringern von Entfernungen und wies mit seiner Stange nach hinten, dass sich der ganze Trupp, ohne es zu merken, bereits auf dem nächsten Hügel befand und das Ungeheuer hinter sich gelassen hatte. Pilger eilte ihnen mit ausholenden Schritten nach und hätte am liebsten mit einem Satz das ganze Gebirge überquert. Der Dämon aber schrie noch drei, vier Mal um Hilfe, und als niemand kam, sann er: »Ich habe es doch genau gesehen, dieser Priester war keine drei Wegmeilen weit von hier. Weshalb ist er nicht hier vorbeigekommen? Er muss eine Abkürzung genommen haben.« Er schüttelte die Stricke ab und stieg abermals als rötlicher Glanz in die Höhe, wo er Ausschau hielt. Der Große Heilige blickte gerade hoch, da zog er Tripitaka abermals vom Pferd und rief: »Brüder, seid vorsichtig, der Dämon ist wieder da!« Bajie und Sandmönch nahmen Tripitaka sofort mit gezückten Waffen in ihre Mitte. Der Dämon in der Höhe bemerkte es und meinte bewundernd: »Nicht schlecht, dieser Mönch! Ich muss unbedingt zuerst den mit dem klaren Blick aus dem Weg schaffen, sonst ist alle Mühe umsonst.« Er senkte seine Wolke und hängte sich wie zuvor in den Wipfel einer Kiefer, diesmal allerdings nur eine halbe Meile entfernt, und wartete. Als der Große Heilige bemerkte, dass die Dunstwolke sich verflüchtigt hatte, hieß er den Meister wieder in den Sattel steigen. Ungehalten sagte Tripitaka: »Eben hast du doch gesagt, der Dämon sei wieder da, warum soll ich jetzt schon wieder weiterreiten?« »Das war auch ein durchreisender Dämon«, erklärte Pilger, »der wagt uns nichts anzutun.« »Du lausiger Affe!« fuhr der Priester auf. »Was soll dieses Täuschmanöver? Wo Dämonen sind, behauptest du, es gebe keine, und hier, in dieser stillen Landschaft, erschreckst du mich und zerrst mich ein ums andere Mal vom Pferd. Jetzt behauptest du schon wieder, es sei bloß ein durchreisender Dämon. Und wenn ich nun gefallen wäre und mich verletzt hätte?« »Meister«, wandte Pilger ein, »eine Verletzung ließe sich heilen. Doch wo sollen wir Euch suchen, wenn Ihr in den Fängen eines Dämons seid?« Vor lauter Ärger wollte Tripitaka den Reifverengungsspruch aufsagen, doch Sandmönchs inständiges Zureden hielt ihn schließlich davon ab, so dass er wohl oder übel wieder aufsteigen musste. Doch noch bevor er fest im Sattel saß, drang schon wieder jene Stimme an sein Ohr: »Meister, rettet mich!« Er blickte auf und gewahrte nun einen Knaben, der splitternackt in einem Baume hing. Mit einem Ruck brachte er das Pferd zum Stehen und schimpfte: »Unverschämt ist dieser lausige Affe! Ich habe doch genau gehört, dass es eine menschliche Stimme war, die um Hilfe schrie. Er aber will mir mit tausend Ausflüchten weismachen, es sei ein Dämon. Seht, dort oben auf dem Baum; das ist doch ein Mensch!« Nach dieser Rüge wagte der Große Heilige nichts weiter zu erwidern und ließ Tripitaka zum Baum gehen. Dort wies der Priester mit der Peitsche nach oben und fragte: »Aus welchem Hause kommst du denn, warum hängst du hier oben im Baume? Sag es mir, damit ich dich befreien kann.« »Aus welchem Hause kommst du denn, warum hängst du hier oben im Baume?« Der Dämon merkte, dass der Priester ihm zugeneigt war, und begann mit Tränen in den Augen: »Ach Meister! Westlich von diesem Berg, im Tal der Dürren Kiefern, da liegt mein Dorf. Mein Großvater hieß Rot, sein ganzer Name lautete Rot Million, und als er in hohem Alter starb, fiel das Sippengut meinem Vater zu. Weil in letzter Zeit so viel Geld für nutzreiche Beziehungen ausgegeben wurde, ging unser Guthaben allmählich zur Neige, und mein Vater hat den Namen geändert in Rot Tausend. Er hat dann in der Umgebung einflussreiche Leute aufgesucht und ihnen Darlehen gegeben in der Hoffnung, später von den Zinsen profitieren zu können. Wer hätte jedoch geahnt, dass diese Schurken ihn betrügen würden? Weder Darlehen noch Zinsen kehrten je zurück. Mein Vater hat deshalb geschworen, nie wieder einen Groschen zu leihen. Da hatten diese Kerle kein Auskommen mehr, schlossen sich zu einer Bande zusammen und sind am helllichten Tag mit Feuer und Waffen in unser Haus gestürmt, haben unser gesamtes Vermögen geraubt, meinen Vater getötet und meine Mutter verschleppt. Da hat sich meine Mutter nicht von mir trennen wollen, hat mich in die Arme genommen und ist weinend den Banditen gefolgt. Doch als wir auf diesen Berg gekommen sind, wollten sie mich plötzlich töten. Allein dank dem Bitten und Flehen meiner Mutter bin ich nicht unter ihren Säbeln ums Leben gekommen. Dafür haben sie mich in diesen Baum gehängt, wo ich verhungern und erfrieren sollte. Wohin diese Banditen meine Mutter verschleppt haben, weiß ich nicht. Jetzt bin ich schon drei Tage und drei Nächte hier angebunden, und kein Mensch ist vorbeigekommen. Ich weiß nicht, in welchem Leben ich mir das Glück verdient habe, heute Euch begegnen zu dürfen, werter Meister! Wenn Ihr Barmherzigkeit walten lasst, will ich Euch zum Dank als Sklave dienen. Nie werde ich Eure Gunst vergessen!« Tripitaka befahl Bajie, die Stricke zu lösen und den Knaben herunterzuholen. Schon wollte der Tölpel anpacken, als Pilger, der danebenstand, sich nicht länger zurückhalten konnte und schimpfte: »Du verfluchtes Ding! Hier ist einer, der dich durchschaut! Lass diese Tricks und Aufhängereien! Bei wem sollen wir dich denn abgeben, wenn dein Familienvermögen geraubt, dein Vater tot und deine Mutter verschleppt ist? Und womit willst du uns danken? Deine Lüge hält nicht stand!« Diese Worte jagten dem Dämon Angst ein, denn nun war ihm klar, was für Fähigkeiten der Große Heilige besaß. Zitternd und mit Tränen in den Augen wandte er sich an Tripitaka: »Meister, auch wenn meine Eltern nicht mehr da sind und unser Vermögen dahin, so gibt es doch noch unsere Felder und meine Verwandten. Mein Großvater mütterlicherseits wohnt im Süden des Gebirges und meine Tante väterlicherseits im Norden; Li Vier, der am Taleingang wohnt, ist der Mann meiner Tante mütterlicherseits, und Rot Drei im Walde ist mein Onkel väterlicherseits. Auch die Vettern meines Vaters und meine Vettern wohnen alle in der Gegend. Ach Meister, wenn Ihr mich rettet, gehen wir ins Dorf zu meinen Verwandten, sicher werden sie gar die Felder verpachten und verkaufen, um Euch gebührend zu belohnen!« »Aber Bruder!« rief Bajie, »warum fällt dir nichts Besseres ein, als das Kind auszufragen? Befreien wir es doch!« Mit einem Messer schnitt der Tölpel die Stricke durch und brachte den Dämon herunter. Schluchzend warf sich dieser vor dem hoch zu Ross sitzenden Tripitaka nieder und schlug unablässig die Stirn auf den Boden. Voller Mitleid sprach der Priester: »Komm, mein Kind, steig auf, ich bringe dich hin.« Doch der Dämon erwiderte: »Ach Meister, mir sind Hände und Füße ganz taub von den Stricken, und mein Rücken tut weh. Außerdem sind wir auf dem Lande das Reiten nicht gewohnt.« Tripitaka hieß Bajie, ihn auf den Rücken zu nehmen. Der Dämon warf einen Blick auf Bajie und rief dann: »Meister, ich traue mich nicht, bei diesem Meister aufzusteigen, er hat so stachlige Borsten im Nacken!« Also befahl Tripitaka Sandmönch, ihn zu tragen. Der Dämon aber warf abermals einen Blick auf ihn und sagte: »Ach Meister, die Banditen, die uns überfallen haben, hatten alle so schrecklich bemalte Gesichter, das hat mir solche Angst eingejagt. Wenn ich diesen Meister sehe, der so finster dreinschaut, wage ich erst recht nicht, mich von ihm tragen zu lassen!« Schließlich beauftragte Tripitaka Pilger mit der Aufgabe. Dieser grinste und meinte: »Mache ich, kein Problem!« Der Dämon frohlockte im Stillen und ließ sich bereitwillig von Pilger auf den Rücken nehmen. Pilger wog sein Gewicht ab; er war keine vier Pfund schwer. »Du lausiger Dämon«, spottete er, »du hast den Tod verdient! Wie kannst du es wagen, dem alten Sun deine Tricks vorzuspielen! Ich weiß genau, was für ein Ding du bist.« »Meister«, rief der Dämon, »ich bin ein Kind aus gutem Hause! Es ist mir doch nur ein Unheil widerfahren, warum nennt Ihr mich ein Ding?« »Warum bist du denn so federleicht, wenn du ein Kind aus gutem Hause sein willst?« »Ich bin halt klein gewachsen«, gab der Dämon zur Antwort. »Nun gut«, meinte Pilger, »ich trage dich. Doch wenn du pinkeln musst, dann sag es mir zuerst.« So wanderten sie nun alle zusammen weiter dem Westen zu. Ein Gedicht besagt: Wird die Kraft der Tugend groß, Wächst auch der Dämonen Wahn;251 Die Versenkung ruht in Stille, Doch zieht dies auch Geister an. Aufrecht geht der Herzensfürst, Er befolgt den Weg der Mitte; Töricht aber setzt Holzmutter Auf Abwege ihre Schritte. Das Denkpferd hegt still in sich Sein Begehren und Verlangen; Stumm bleibt auch das Gelbe Weib, Brütet still in trübem Bangen. Im Sieg wähnt sich der böse Gast, Doch er freut sich allzu früh; Denn am Ende kommt das Übel Noch auf rechte Art zur Ruh. Wie nun Pilger den Dämon buckelte, füllte sich sein Herz mit Groll, und er beschloss, ihn zu Tode zu schmettern. Der Dämon aber hatte seine Absicht bereits erraten und sog mit Zauberkraft aus allen vier Himmelsrichtungen Luft ein, die er auf Pilgers Rücken blies, so dass dieser wie von tausend Pfund beschwert war. »Ho, mein Söhnchen!« spottete er, »was spielst du einem alten Manne da für Beschwerungstricks vor?« Aus Angst, der Große Heilige könnte ihn verletzen, ließ der Dämon seinen Urgeist aus dem Körper fahren und schoss in den neunten Himmel hinauf. Die Last auf Pilgers Rücken wurde dadurch umso schwerer. Da fuhr Pilger wütend auf, packte das Ungeheuer und schleuderte es mit solcher Wucht gegen einen Felsen, dass es wie ein Fleischkloß liegen blieb. Pilger riss ihm alle Glieder vom Leib und ließ ihn am Wegesrand zurück. Dem Dämon aber, der aus der Höhe alles mitangesehen hatte, stieg das Feuer ins Herz, und er schrie wütend: »Dieser gemeine Affenmönch! Wenn ich jetzt nicht die Gelegenheit packe und mir diesen Priester aus China schnappe, dann heckt er sich womöglich noch irgendeine Strategie aus.« Also erzeugte er nun in halber Höhe einen Wirbelwind, der heulend heranfegte und Sand und Kiesel mit sich riss, so dass Tripitaka sich kaum mehr im Sattel halten konnte, während Bajie und Sandmönch sich zu Boden duckten und das Gesicht in den Händen verbargen. Dem Großen Heiligen war natürlich klar, dass der Dämon sein Unwesen trieb, doch als er in großen Sprüngen angerannt kam, hatte der Dämon Tripitaka bereits entführt. Einen Augenblick später hatte sich der Wind gelegt, die Sonne schien hell vom Himmel. »Bajie!« rief Pilger. Der Tölpel rappelte sich hoch und brummte: »Was für ein Orkan!« »Und der Meister?« »Der Sturm war so stark, dass wir nur noch die Köpfe eingezogen und die Augen zugemacht haben! Jeder hat bloß dem Wind standzuhalten versucht, der Meister hat sich übers Pferd gelehnt. Doch jetzt ist er weg. Er ist doch kein Binsendocht, der einfach so vom Wind verweht wird?« »Brüder«, sagte Pilger, »am besten lösen wir uns gleich auf.« »Ja, lösen wir uns auf. Jeder geht seinen Weg, das soll mir recht sein«, stimmte Bajie bei. Sandmönch jagten diese Worte einen gehörigen Schrecken ein. »Aber Brüder, was sind denn das für Worte!« rief er, »wir haben doch im vergangenen Leben Sünden begangen und nur dank der Bodhisattva Erlösung gefunden. Sie hat uns Gebote auferlegt, uns Ordensnamen verliehen; wir haben uns zum Buddhismus bekehrt und gelobt, Tripitaka zu beschützen, im Westen Buddha zu huldigen und die Heiligen Schriften zu holen, um unsere Schuld durch gute Taten zu sühnen. Und da sagt ihr nun solche Worte! Damit würden wir doch die gute Absicht der Bodhisattva verbauen, unsere Tugend verderben und uns lächerlich machen, weil man uns nachsagen wird, unser Unternehmen wäre in den Anfängen steckengeblieben!« »Du hast recht, Bruder«, stimmte Pilger zu. »Es ist nur so mühselig, dass der Meister nie auf guten Rat hören will. Der Windstoß von vorhin kam von dem Kind, das im Baum aufgehängt war. Ich habe genau gewusst, dass es ein Dämon war, doch der Meister wollte ihn unbedingt für ein Kind aus gutem Hause halten. Fast hätte ich alter Sun ihm schon den Garaus gemacht, doch er ist mit einem Zauber aus dem Leib gefahren, hat diesen Wirbelsturm entfacht und den Meister entführt. Nur weil ich es dem Meister übelnehme, dass er nie auf mich hört, ist es mir eben so grau ums Herz geworden, dass ich gesagt habe, wir sollten uns trennen. Da du aber so aufrichtigen Sinnes bist, mein werter Bruder, wollen wir doch den Dämon aufspüren und den Meister befreien!« »Ja, genau«, brummte Bajie. Sie brachten ihr Gepäck in Ordnung, führten das Pferd an den Zügeln und machten sich auf den Weg. Wohl an die siebzig Wegmeilen zogen die drei über Berg und Tal, doch es gab nichts, das ihnen auch nur irgendeinen Hinweis hätte geben können. Schließlich schnellte Pilger vor lauter Aufregung hoch, landete zuoberst auf den hohen Felsen und schrie: »Verwandlung!« Schon war er ein Ungeheuer mit sechs Armen und drei Köpfen, schwang die Goldreifstange in die Luft, dass auch sie sich verdreifachte, dann schoss er mit wildem Krachen von West nach Ost und wieder von Ost nach West, bis nach einer Weile eine Horde ärmlicher Geister auftauchte, die allesamt in Fetzen und Lumpen am Hang niederknieten und riefen: »Großer Heiliger! Berggötter und Erdgeister stehen Euch zu Diensten!« »Warum seid ihr denn so viele?« fragte Pilger verwundert. Da schlugen die Geister ihre Köpfe auf den Boden und riefen: »Verehrter Großer Heiliger! Dieser Berg heißt ›Sechshundert Meilen langer Bohrkopf-Heulberg‹, hier wohnt alle zehn Meilen abwechselnd ein Berggott oder ein Erdgeist. Das macht insgesamt dreißig Berggötter und dreißig Erdgeister. Schon gestern haben wir erfahren, dass Ihr gekommen seid, o Großer Heiliger! Doch ist es uns auf die Schnelle nicht gelungen, sogleich vollständig zu erscheinen, deshalb die Verspätung, wir bitten um Verzeihung!« »Nun, sagt erst mal, wie viele Ungeheuer es hier gibt«, meinte Pilger. »Ach, Großväterchen, es ist ein einziger Dämon, doch er setzt uns wirklich aufs ärgste zu. Er nimmt uns alles weg; wir kriegen kaum was von Weihrauch und Totengeld ab, von Opfertieren schon gar nichts. Wie sollten wir denn mit noch mehr Ungeheuern fertigwerden?« »Und wo haust dieser Dämon?« »Es gibt hier ein Tal der Dürren Kiefern, dort liegt am Bach die Grotte der Feuerwolken; da ist er zu Hause. Dieser Dämon hat gewaltige Zauberkräfte. Manchmal verschleppt er uns in seine Grotte, dann müssen wir für ihn Feuer machen und Wache halten. Und seine kleinen Ungeheuer verlangen von uns immer so ein ›Gewohnheitsgeld‹, dabei haben wir doch gar kein Geld! Drum bleibt uns nichts anderes übrig, als ihnen im Gebirge Wild zu jagen, um sie versöhnlich zu stimmen. Denn sonst zerstören sie uns die Tempel und reißen uns die Kleider vom Leib, dann finden wir keine Ruhe mehr. O bitte, Großer Heiliger, vernichtet diese Dämonenbrut und rettet die Wesen in diesem Gebirge!« »Woher kommt dieser Dämon, und wie nennt er sich?« »Es könnte sein, dass Ihr ihn kennt, Großer Heiliger. Es ist der Sohn des Rinderdämons und der Rakshasi. Früher hat er sich am Flammenberg dreihundert Jahre lang der Vervollkommnung gewidmet, bis er das wahre Samadhi-Feuer erlangte. Der Rinderdämon hat ihn dann hierhergeschickt, um den Bohrberg unter Kontrolle zu halten. Sein Kindesname lautet Rotkindchen, mit Ehrennamen heißt er Großer König des Heiligen Embryos.« Glücklich über diese Nachricht scheuchte Pilger die Geister davon, nahm wieder seine eigene Gestalt an, sprang vom Felsen herunter und rief Bajie und Sandmönch zu: »Brüder, macht euch keine Sorgen! Unserem Meister wird nichts geschehen, der Dämon ist mit dem alten Sun verwandt! Er ist der Sohn vom Rinderdämon und von der Rakshasi und heißt Rotkindchen. Vor fünfhundert Jahren hab ich alter Sun mal mit dem Rinderdämon und fünf anderen Dämonen Brüderschaft geschlossen. So gesehen müsste dieser Unhold hier mich eigentlich Onkel nennen! Wie kann er es also wagen, dem Meister etwas anzutun? Lasst uns sofort hingehen!« Sandmönch lachte und meinte: »Das Sprichwort geht: ›Nach drei Jahren ohne Besuch werden sich selbst Verwandte fremd.‹ Nun hast du mit ihm bald sechshundert Jahre lang keinen Kontakt mehr gehabt, nie auch nur einen Becher Wein mit ihm getrunken oder ein Gastgeschenk ausgetauscht; wie soll er da deine Brüderschaft noch anerkennen!« »Nun, wenn nicht, wird er uns doch wenigstens den Meister wiedergeben«, meinte Pilger zuversichtlich. So machten sich die drei auf den Weg. Nach über hundert Meilen kamen sie schließlich zu einer von Kiefern bewachsenen gewundenen Schlucht, durch die glasklares Wasser sprudelnd dahinströmte. Am Oberlauf befand sich ein steinerner Brückensteg, der zu einer Grotte führte. »Dort muss die Grotte des Dämons sein!« rief Pilger. Er hieß Sandmönch, mit Pferd und Gepäck in den Wald zu gehen und alles gut zu bewachen, während er und Bajie mit gezückten Waffen auf die Grotte zuschritten. So war es in der Tat: Bevor das Kind geläutert ist, Lodert schlimmes Feuer auf, Herzensaffe und Holzmutter Helfen sich gemeinsam aus. Und da wir nicht wissen, ob die Sache einen glücklichen Ausgang nahm, lasst uns hören, was das nächste Kapitel berichtet. 第041回 / 41. Kapitel Der Herzensaffe ist vom Feuer angegriffen / Holzmutter wird von dem Dämon gefangen Alles Denken, Gut und Böse Ist mit einem Mal vergangen; Ob dem Blühen und Vergehen Ist das Herz nicht mehr befangen. Hell und Dunkel, auf und nieder, Lass dem Wandel seinen Lauf; Und an Trank und Speise nehme Was dir jeweils zukommt auf. Ist der Geist gelassen still, Weilst du in zeitloser Ruh,253 Ist er jedoch trüb umwölkt, Greifen die Dämonen zu. Kehr’ die Wandlungsphasen um,254 Trete in den Tempel ein, Denn sobald der Wind sich regt, Wird es bitter frostig sein. Doch lasst uns erzählen, wie der Große Heilige und Bajie über den Wildbach setzten und vor die Felswand des Dämons kamen. Tatsächlich fanden sie eine Grottenresidenz, und davor stand eine Steinstele, auf der in acht großen Schriftzeichen geschrieben stand: »號山枯松澗火雲洞 – Grotte der Feuerwolken, Tal der Dürren Kiefern, Heulberg«. Daneben übten sich kleine Ungeheuer gerade mit Speeren und Schwertern in der Kampfkunst. »He, ihr Kleinen!« schrie der Große Heilige, »meldet eurem Grottenherrn sofort, er solle unseren Meister Tripitaka freilassen, ansonsten seid ihr Bestien allesamt des Todes!« Die Ungeheuer flitzten hinein und meldeten die Nachricht. Der Dämon aber, der Tripitaka in seine Grotte entführt, ausgezogen und im Hinterhof gefesselt hatte, hatte gerade seine Ungeheuer geschickt, Wasser zu holen und ihn zu schrubben, denn er wollte ihn im Dämpfkorb zubereiten! Dann aber kam die Meldung: »Draußen steht ein Mönch mit einem haarigen Gesicht und einer Fratze wie der Donnergott, und neben ihm ist ein Mönch mit einer langen Schnauze und großen Ohren. Sie verlangen nach irgendeinem Priestermeister!« Mit einem kalten Lachen meinte der Dämonenkönig: »Das sind Pilger Sun und Eber Bajie. Die sind ja nicht schlecht im Aufspüren!« Dann befahl er seinen Untergebenen: »Stellt draußen die Karren auf!« Die Ungeheuer rollten fünf kleine Schubkarren vor das Tor. Bajie hatte die Szene beobachtet und meinte: »Bruder, dieser Dämon hat wohl Angst vor uns. Die schieben ja Karren raus, sicher wollen sie umziehen!« Doch nun konnte man sehen, wie die Ungeheuer die Karren gemäß der Anordnung der Wandlungsphasen Metall, Holz, Wasser, Feuer und Erde platzierten, und dann trat der Dämonenkönig heraus, mit einem einen Klafter und acht Fuß langen Speer mit Flammenspitze in der Hand. Er war barfuß und ohne Rüstung, hatte sich nur einen schmucken Waffenrock um die Hüften gebunden. Pilger betrachtete ihn genauer: Sein Gesicht wirkt weiß gepudert, Lippenrot auf seinem Munde; Pechschwarz sind die Schläfenhaare, Brauen wie zwei Sichelmonde. Der Dämon trat vor und schrie: »Wer ist es, der da vor meiner Grotte zu lärmen wagt?« »Werter Neffe«, begann Pilger lächelnd, »ich bin’s. Du hast meinen Meister entführt, gib ihn so schnell wie möglich frei; wir wollen uns doch nicht feindlich gegenübertreten und unsere verwandtschaftlichen Bande vergessen! Es wäre ja nicht schicklich, wenn das dein werter Vater erfahren würde.« Der Dämon schnaubte verächtlich und schrie: »Du lausiger Affenschädel! Ich soll mit dir verwandt sein? Ich soll dein Neffe sein?« »Bruder, du bist wohl nicht informiert. Ich bin der Himmelsebenbürtige Große Heilige Sun Wukong, derjenige, der vor fünfhundert Jahren den Himmelspalast in Aufruhr versetzte. Damals hatte ich große Wertschätzung für Heroen. Dein Vater heißt Rinderkönig, er nannte sich auch Himmelsgleicher Großer Heiliger. Mit ihm und fünf anderen habe ich alter Sun Brüderschaft geschlossen. Er war der Älteste, ich alter Sun war der Siebte in der Rangfolge. Als wir uns damals zusammen vergnügten, warst du ja noch nicht mal geboren!« Natürlich wollte ihm der Dämon nicht glauben. Er zückte seinen Speer mit der Flammenspitze und stieß ihn gegen Pilger, doch dieser wirbelte seinen Stab herum und schimpfte: »Du kleines Vieh entbehrst jeder Achtung vor dem Alter! Pass auf meine Stange auf!« Die beiden ließen ihre übernatürlichen Kräfte spielen, schossen zu den Wolken hoch und fochten an die zwanzig Kampfrunden aus, ohne dass eine Entscheidung fiel. Eber Bajie, der die Szene beobachtete, konnte deutlich sehen, dass der Dämon zwar noch keine Niederlage erlitt, aber ausschließlich in der Defensive agierte. Es fehlte ihm schlicht an der Fähigkeit zum aktiven Angriff. Da gab sich Bajie einen tatkräftigen Ruck, schwang seinen Rechen und ließ ihn auf den Dämon niedersausen. Dieser gewahrte es mit Schrecken, ließ seinen Speer sinken und ergriff die Flucht. Als aber Pilger und Bajie das Grottentor erreicht hatten, stand der Dämon bereits mit dem Speer in der einen Hand auf dem mittleren Karren, ballte die andere zur Faust und schlug sich hart auf die Nase. Bajie lachte: »Der schamlose Schuft! Schlägt sich die Nase blutig, damit er sich das Gesicht mit Blut beschmieren und uns irgendwo anzeigen kann!« Wer hätte auch erwartet, dass der Dämon nach zwei Fausthieben eine Zauberformel murmeln würde, dass es aus seinem Rachen loderte und Rauch aus seiner Nase stieg! Im Nu stiegen ringsum die Flammen empor; auch aus den fünf Karren züngelte das Feuer. Mehrmals spie er Feuer, bis die Feuerwolkengrotte ein einziges glühendes und rauchendes Flammenmeer war. Es sah wahrhaftig aus, als wäre die ganze Welt von der Feuerbrunst erfasst. »Das sieht nicht gut aus, Bruder«, rief Bajie, »wenn wir in dieses Feuer rennen, ist es um uns geschehen! Dann bin ich alter Eber gegrillt, und die brauchen nur noch ihre Gewürze draufzustreuen. Schnell, weg von hier!« Ohne sich um Pilger zu kümmern, sprang er ans andere Ufer. Pilger aber machte ein magisches Fingerzeichen zur Feuerabwehr und stürzte sich in die Flammen, um den Dämon aufzuspüren. Als dieser Pilger kommen sah, spie er noch mehr Feuer, und die Flammen loderten noch heftiger als zuvor. Es war: Weder Feuer aus dem Himmel Noch ein Flammenmeer der Erde, Sondern wahres Samadhi-Feuer, Das vom Dämon geläutert wurde. Die fünf Karren, sie gehören Den Fünf Wandlungsphasen an, Deren Werden und Verwandeln Kraft des Feuers wirken kann. Denn durch Leber-Holz entsteht Feuer, das im Herzen glüht; Herzensfeuer führt dazu, Dass die Erde der Milz ruht. Erde aber zeugt Metall, Und Metall lässt Wasser rinnen, Wasser wandelt sich zu Holz, So ist dieser Kreis vollkommen. Alles Keimen, alles Werden Nimmt durch Feuer seinen Gang, Feuer ist im ganzen All, Treibt zum Wachsen alles an. Lange schon weiß der Dämon Samadhi-Feuer auszuschnauben; Ewig herrscht er in dem Westen, Hier wird er der Erste bleiben. In dem lodernden Flammenmeer konnte Pilger den Weg zum Eingang nicht mehr finden, wandte sich schließlich um und floh. Dem Dämon war seine Flucht nicht entgangen. Kaum war Pilger fort, zog er seine Feuergeräte ein und berief alle Ungeheuer in die Grotte, wo sie fröhlich ihren Sieg feierten. Doch davon sei hier nicht weiter die Rede. Wenden wir uns Pilger zu, der mit einem Satz über den Bach der Dürren Kiefern gesprungen war, wo er Bajie und Sandmönch miteinander sprechen hörte. Da rief er Bajie zu: »Du Tölpel! Da fürchtest du dich vor dem Feuer des Dämons und rennst einfach davon, ohne dich um den alten Sun zu kümmern! Und so was will sich Mensch heißen?« Bajie lachte: »Schon die alten Weisen sagten doch: ›Wer zur rechten Zeit das Rechte tut, verdient ein Held zu heißen.‹ Wenn der Dämon die Verwandtschaft mit dir nicht anerkennt, kannst du sie ihm doch nicht aufzwingen! Warum musst du denn unbedingt weiterkämpfen, statt zu fliehen, wenn er dieses grauenhafte Feuer entfacht?« »Wie führt er seine Waffe, im Vergleich zu mir?« fragte Pilger. »Untauglich«, gab Bajie zur Antwort. »Als ich alter Eber sah, dass er dir nicht standhalten konnte, bin ich dir mit dem Rechen zu Hilfe gekommen. Nur hätte ich nicht gedacht, dass dieser Dämon keinen Spaß versteht und gleich aufgeben würde, nur um dann ohne Fug und Recht dieses Feuer zu entfachen!« »Eben, du hättest nicht eingreifen dürfen!« gab Pilger zurück. »Keine paar Runden, und ich hätte ihn mit einem geschickten Hieb niedergestreckt. Das wäre doch am besten gewesen.« Während die beiden sich stritten, grinste Sandmönch, an eine Kiefer gelehnt, vor sich hin. »Was gibt es da zu lachen?« fragte Pilger. Sandmönch meinte: »So, wie ihr es beschreibt, ist es mit den Künsten dieses Dämons nicht weit her. Einzig den Trick mit dem Feuer hat er uns voraus, nur deshalb habt ihr ihn nicht besiegen können. Meiner geringen Meinung nach sollten wir ihn mittels der Fünf Wandlungsphasen bekämpfen, das wäre doch ein Leichtes!« »Bruder, du hast recht!« lachte Pilger. »Nach der Lehre vom Erzeugen und Überwinden der Wandlungsphasen lässt sich Feuer durch Wasser vernichten. Bleibt mal beide hier; ich alter Sun will kurz beim Drachenkönig vom Ostmeer etwas Wasser leihen, damit wir dieses Feuer löschen und den Dämon austreiben können.« Der gute Große Heilige! Auf einer Wolke schwebte er von dannen und erreichte einen Augenblick später den Östlichen Ozean, wo er geradewegs in den Wasserkristallpalast ging und dem Drachenkönig Ao Guang erklärte: »Ich muss Euch mit einer Bitte belästigen. Mein Meister ist unterwegs von dem Dämon Rotkindchen entführt worden, und als ich alter Sun mit ihm einen Kampf ausgefochten habe, hat er einen Brand entfacht, und darum können wir ihn nicht besiegen. Weil Wasser ja Feuer überwinden kann, möchte ich Euch bitten, mir mit einem kräftigen Regenguss behilflich zu sein; dann können wir das Feuer löschen und Tripitaka retten.« »Großer Heiliger«, wandte der Drachenkönig ein, »wenn Ihr Regen braucht, kann ich das nicht ohne weiteres ausführen. Ich benötige dazu die Erlaubnis des Jadekaisers, sonst kann ich Donnergott, Blitzmutter, Windonkel und Wolkenknaben nicht herbeirufen.« »Wind, Wolken, Blitz und Donner sind diesmal nicht nötig«, meinte Pilger, »ich brauche bloß ein bisschen Regenwasser, um das Feuer zu löschen.« »Nun gut, dann will ich meine Brüder kommen lassen, damit wir Euch im Verein beistehen können.« Bald waren die drei Drachenkönige der anderen drei Meere zur Stelle, und alle machten sich mit einer Heerschar Drachensoldaten auf. Nach kurzer Zeit hatten sie den Heulberg im Tal der Dürren Kiefern erreicht, und Pilger sprach: »Werte Gebrüder Ao, bleibt hier oben in der Luft und lasst mich erst einen Kampf ausfechten. Wenn ich ihn unterwerfen kann, brauchen die Herrschaften nicht einzugreifen. Falls er aber sein Feuer entfacht, dann hört auf meinen Ruf und speit alle zusammen Regen aus.« Dienstfertig nickten die Drachenkönige. Pilger aber ging in den Kiefernwald, wo er Bajie und Sandmönch informierte, sprang dann über den Bach und schrie am Grottentor um Einlass. Die Ungeheuer rannten hinein und überbrachten die Meldung. Jäh sprang Rotkindchen auf, packte seinen Speer und befahl den Ungeheuern, die Karren nach draußen zu schieben. Dann trat er vor die Grotte und rief: »Was willst du jetzt schon wieder?« »Rück meinen Meister raus«, rief Pilger. »Du Affenschädel kannst dich ja überhaupt nicht an was Neues anpassen!« rief der Dämon. »Du brauchst Tripitaka als Meister, aber ich brauche ihn eben zum Schnaps. Bilde dir bloß nicht ein, dass du ihn je wiederkriegst!« Pilger hieb dem Dämon die Stange über den Schädel, doch dieser wehrte den Angriff flink mit seinem Speer ab. Ihr Kampf dauerte ganze zwanzig Runden, bis der Dämon einsah, dass er unterlegen war, sich mit einem letzten Scheinhieb blitzartig umwandte, um abermals mit geballter Faust auf seine Nase zu schlagen. Schon schnaubte er wieder Feuer, die Karren loderten auf, und aus Mund und Augen glühten die Flammen. Da wandte sich der Große Heilige um und brüllte: »Wo seid ihr, Drachenkönige?« Die vier Drachen brachten ihr Wasservolk in Stellung und ließen ihren Regen mitten ins Feuer des Dämons prasseln. Es war ein heftiger Platzregen, doch das Wasser vermochte die Feuersbrunst nicht einzudämmen. Es war nämlich so, dass der Regen eines Drachenkönigs sich nur zum Löschen von gewöhnlichem Feuer eignete; wie sollte er also dieses Samadhi-Feuer löschen? Es war sogar, als würde man Öl ins Feuer gießen, denn je mehr Regen fiel, umso höher loderten die Flammen. Da stürzte sich der Große Heilige mit einer Schutzmagie ins Flammenmeer und suchte mit wirbelnder Stange nach dem Dämon, der aber sah ihn kommen und schnaubte Pilger den Rauch mitten ins Gesicht. Pilger musste sich abwenden, denn der Rauch brannte so sehr, dass seine Augen flimmerten und ihm die Tränen aus den Augen stürzten. Vor dem Feuer fürchtete sich der Große Heilige nicht, doch was ihm etwas ausmachte, war der Rauch. Denn damals, als er nach seinem Aufruhr im Himmel von Laozi in den Elixierofen gesperrt worden war und zum Glück an der Stelle des Wind-Trigramms Xun Schutz gefunden hatte, war vom Wind Rauch herbeigeweht worden, der ihn beinahe erstickt hätte. Darum konnte er bis heute keinen Rauch ertragen. Schon stieß der Dämon von neuem Rauch aus. Pilger konnte nicht länger standhalten und schoss in die Lüfte. Der Dämonenkönig aber ließ seine Geräte wegschaffen und zog sich in seine Grotte zurück. Der Große Heilige aber, am ganzen Körper voller Rauch und Feuer, war nun so erhitzt, dass er sich kopfüber in den Wildbach stürzte, um sich abzukühlen. Er konnte ja nicht wissen, dass ihm im kalten Wasser die Energie des Feuers ins Herz fahren würde, und zwar so heftig, dass ihm alle drei Lichtseelen255 aus dem Leib fuhren! Dem armen Affen blieb der Atem in der Brust stecken, Kehle und Zunge erkalteten, Licht- und Schattenseelen zerstoben, und sein Leben war hin. Die vier Drachenkönige stellten ihren Niederschlag ein und riefen laut: »Marschall Tianpeng, General Gardinenroller! Sucht euren Ordensbruder!« Als die beiden sich beim heiligen Namen gerufen hörten, banden sie eilends das Pferd vom Baum, schulterten das Gepäck und eilten aus dem Wald. Ungeachtet des schlammigen Bodens stapften sie den Bach entlang und suchten. Die flutenden Wogen am Oberlauf hatten einen Menschen mitgerissen, der geradewegs auf sie zutrieb. Sandmönch stürzte sich in die Fluten und brachte ihn ans Ufer. Es war der Körper von Pilger. Seht, wie er mit verkrümmten Gliedern eiskalt daliegt! Unter Tränen seufzte Sandmönch: »O Bruder, wie schade um dich! Millionen Jahre hättest du leben sollen, und jetzt ist dein Leben plötzlich zu Ende!« Bajie aber lachte und meinte: »Heul nicht, Bruder. Zieh ihn mal an den Beinen, ich bringe das in Ordnung.« Sandmönch zog Pilgers Leib gerade, winkelte seine Beine an und richtete ihn auf, dass er mit untergeschlagenen Beinen am Boden saß. Bajie aber rieb sich die Hände warm, hielt sie Pilger aufs Gesicht und machte ihm eine Meditationsmassage. Pilger, dessen gesamte Energie wegen des kalten Wassers im Zinnoberfeld unter dem Bauchnabel stagnierte, gab keinen Laut von sich, doch dank Bajies Massagekunst strömte seine Energie bald durch die Drei Passtore256 der Wirbelsäule hinauf in die Reine Halle zwischen den Augenbrauen und fuhr durch seine Sinnesöffnungen, bis er plötzlich rief: »O Meister!« »O Bruder«, rief Sandmönch bewegt, »du gibst dein Leben für den Meister hin und rufst noch im Tod nach ihm. Wach auf, wir sind hier!« Pilger riss die Augen auf und sagte: »Da seid ihr ja, Brüder. Ich alter Sun habe Schaden genommen! Wo sind die Gebrüder Ao?« Aus der Höhe antworteten die Drachen: »Wir stehen Euch zu Diensten.« »Ich habe euch umsonst bemüht«, rief Pilger, »geht zurück, ich werde mich später erkenntlich zeigen.« Die Drachenkönige rauschten mit ihrem Wasservolk davon. Sandmönch aber führte Pilger in den Kiefernwald, wo sie sich setzten. Schon nach kurzer Zeit hatte er seinen Geist wieder gefestigt und seine Energie in Fluss gebracht. Da kamen ihm unwillkürlich die Tränen, und er rief: »Ach, der arme Meister!« »Gräm dich nicht, Bruder«, versuchte ihn Sandmönch zu trösten, »überlegen wir uns lieber, wo wir Verstärkung holen können, und befreien wir ihn so schnell wie möglich!« »Wo sollen wir denn Verstärkung herholen?« gab Pilger zurück. »Als ich den Aufruhr im Himmel machte, haben mir ja sämtliche Götterkrieger nichts anhaben können. Dieser Dämon aber hat nicht geringe Zauberkräfte, da braucht man einen, der größere Fähigkeiten hat als ich alter Sun. Die einzige Möglichkeit, die uns bleibt, ist Bodhisattva Guanyin. Doch mir tut der ganze Körper weh, so kriege ich keinen Wolkenüberschlag hin. Was tun wir bloß?« »Wenn du willst, kann ich hingehen«, bemerkte Bajie. »Auch recht, mein guter Bruder«, lachte Pilger, »dann geh mal hin.« Sofort stieg Bajie zu den Wolken auf und schwebte in Richtung Süden davon. Doch wenden wir uns dem Dämon zu, der fröhlich in seiner Grotte saß und zu seinen Ungeheuern sprach: »Diesmal hat Pilger Sun echt Schaden genommen! Falls er nicht umgekommen ist, wird er um eine große Ohnmacht nicht umhinkommen.« Doch plötzlich meinte er: »Oho, es könnte aber sein, dass er wieder Verstärkung holt!« Unverzüglich ließ er die Ungeheuer das Tor öffnen, stieg in die Lüfte und spähte umher. Da sah er, wie Bajie gen Süden eilte. Er erriet sofort, dass Bajie sich auf dem Weg zu Guanyin befinden musste, denn im Süden gab es sonst niemanden. Eilends senkte er seine Wolke und befahl den Ungeheuern: »Bringt meinen Ledersack! Diesen Bajie hole ich mir, dann wird er in den Sack gestopft und gedämpft, bis er schön durchgegart ist; das kriegt ihr dann zum Lohn für eure Mühen.« Der Dämon hatte nämlich einen wunscherfüllenden Sack, den die Ungeheuer jetzt holten und gebrauchsfertig machten. Dann schoss er schnurstracks auf einer Wolke dahin, überholte Bajie und setzte sich vor eine smaragdene Felswand, wo er sich in eine falsche Guanyin verwandelte und wartete. Der Tölpel aber schwebte auf seiner Wolke weiter, bis er plötzlich die Bodhisattva erblickte. Wie hätte er auch erkennen können, ob sie echt war oder nicht? Es war genau das, was gemeint ist mit »die Statue für Buddha halten«. Schon hielt er an, schwebte nach unten, verneigte sich und sprach: »Bodhisattva, Jünger Wuneng begrüßt Euch.« »Warum kommst du zu mir, statt Tripitaka in den Westen zu begleiten?« fragte der Dämon. »Euer Jünger ist mit dem Meister unterwegs einem Dämon namens Rotkindchen begegnet, der hat meinen Meister entführt. Mein ältester Ordensbruder und ich haben ihn bei seiner Grotte aufgesucht und gegen ihn gekämpft. Doch dieser Dämon kann ein Feuer entfachen, dass wir ihn beim ersten Gefecht nicht überwinden konnten, und beim zweiten Gefecht haben wir das Feuer selbst mit Hilfe der Drachenkönige nicht löschen können. Mein Ordensbruder wurde angebrannt und kann sich kaum mehr bewegen, darum schickt er mich hierher, um Euch um Hilfe zu bitten. Ich flehe Euch an, Bodhisattva, seid barmherzig und rettet meinen Meister aus der Not!« »Der Herr der Feuerwolkengrotte ist nicht einer, der anderen nach dem Leben trachtet«, versetzte der Dämon, »bestimmt habt ihr ihn beleidigt.« »Ich nicht«, rief Bajie, »mein älterer Ordensbruder hat ihn beleidigt! Der Dämon hat sich nämlich in einen Knaben verwandelt und in einen Baum gehängt, da hat mich unser Meister gebeten, ihn loszubinden, und meinen Ordensbruder geheißen, ihn auf den Rücken zu nehmen. Er aber hat ihn zu Boden geschmettert; da hat der Dämon den Meister mit einem Windstoß entführt.« »Steh auf«, sprach der Dämon, »komm mit mir zu seiner Grotte, dort wollen wir beim Grottenherrn vorsprechen. Dann kannst du dich mit einem Versöhnungsgeschenk entschuldigen und ihn bitten, euren Meister freizulassen.« Der Tölpel wusste nichts Besseres, als dem Dämon auf den Rückweg zu folgen. In wenigen Augenblicken hatten sie die Grotte erreicht. »Du brauchst keine Bedenken zu haben, er ist ein alter Bekannter von mir«, sagte der Dämon, »komm nur mit mir hinein!« Dem Tölpel blieb nichts anderes übrig, als einzutreten. Schon stürmten unter Kampfgeheul die Ungeheuer heran, packten Bajie und stießen ihn in den Ledersack, dann schnürten sie den Sack zu und hängten ihn an den Dachbalken. Der Dämon aber verwandelte sich in seine eigene Gestalt zurück und rief höhnisch: »Eber Bajie, wofür hältst du dich eigentlich, dass du glaubst, du könnest die Bodhisattva holen, mich zu unterwerfen? Mit offenen Augen hast du nicht gesehen, dass ich der Große König des Heiligen Kindes bin! Jetzt wirst du gegart und den Kleinen zum Schnaps serviert!« Unter Kampfgeheul stürmten die Ungeheuer heran, packten Bajie und stießen ihn in den Ledersack. »Du elender Zankteufel!« schimpfte Bajie aus dem Sack. »Heimtückisch hast du mich hierhergelockt, und jetzt wollt ihr mich fressen! Aber ich garantiere euch, dass ihr davon allesamt die Beulenpest kriegt!« Doch berichten wir nun von Pilger und Sandmönch, die dasaßen und warteten, als plötzlich ein fauliger Windstoß vorbeistrich. Pilger musste niesen. »Unheil, Unheil!« rief er, »dieser Wind trägt was Übles mit sich. Sicher ist Bajie auf den Dämon gestoßen. Halte hier Wache, ich gehe auf Erkundung.« »Bruder, du hast doch Rückenschmerzen, lass mich hingehen«, meinte Sandmönch, doch Pilger winkte ab: »Dafür taugst du nicht. Lass mich hingehen.« Der gute Pilger! Mit zusammengebissenen Zähnen umklammerte er seine Stange, setzte über den Wildbach und rief vor dem Grottentor: »Dämon!« Die Ungeheuer rannten abermals hinein und meldeten: »Pilger Sun steht schon wieder draußen und ruft!« Auf der Stelle gab der Dämonenkönig Befehl, ihn gefangenzunehmen. Da drängten die Ungeheuer unter Kampfgeheul mit Lanzen und Säbeln nach draußen und schrien: »Packt ihn, packt ihn!« Pilger war tatsächlich zu schwach, um sich zu wehren. Schnell huschte er an den Wegesrand, murmelte einen Zauberspruch und verwandelte sich in ein golden besticktes Bündel. Die Ungeheuer schleppten es hinein und meldeten: »Großer König, Pilger Sun hat schon Angst gekriegt, als wir nur ›packt ihn‹ gerufen haben. Er hat sein Bündel fallen lassen und ist davongerannt.« Der Dämon grinste und meinte: »Das Bündel sieht nicht aus, als ob was Wertvolles drin wäre.« Er schenkte ihm nicht weiter Beachtung und ließ es drinnen neben dem Grottentor liegen. Der gute Pilger! In der Fälschung machte er noch eine Fälschung, aus dem Hohlen zauberte er nochmals Hohles. Denn nun rupfte er sich ein Körperhaar aus, machte ein Bündel daraus, verwandelte seinen wahren Körper in eine Fliege und landete auf dem Torflügel. Da hörte er, wie Bajie vor sich hin brummte, flog hin und merkte, dass dieser in einem Sack aufgehängt war. Er landete auf dem Sack und überlegte gerade, wie er Bajie befreien könnte, als er den Dämon rufen hörte: »Wo sind die Starken Generäle?« Der Dämon hatte nämlich sechs Ungeheuer, die seine engsten Vertrauten waren, zu »Starken Generälen« ernannt, und die hießen Nebel-in-Wolke, Wolke-in-Nebel, Flammenschnell, Windgeschwind, Brandmacher und Feuerstifter. Alle sechs fielen auf der Stelle vor ihm auf die Knie. »Wisst ihr, wo der ehrwürdige Große König wohnt?« fragte der Dämon. Die sechs bejahten. »Dann geht hin und ladet ihn zu uns ein. Sagt ihm, dass ich den Priester aus China gefangen habe und ihm auftischen will, damit er ein langes Leben genießen kann.« Gehorsam machten sich die sechs Ungeheuer auf den Weg. Pilger aber schwirrte vom Sack herunter und folgte ihnen dicht auf den Fersen. Und da wir nicht wissen, wie er eingeladen wurde, lasst uns hören, was das nächste Kapitel berichtet. 第042回 / 42. Kapitel Selbstlos reist der Große Heilige zum Südmeer / Barmherzig bindet Guanyin das Rotkindchen Wie berichtet, waren die sechs Starken Generäle aus der Grotte geschritten und marschierten nun gen Südwesten. Da sann Pilger im Stillen: »Er will den Ehrwürdigen Großen König einladen, meinen Meister zu fressen; damit meint er fraglos den Rinderdämon. Mit ihm hab ich alter Sun mich früher bestens verstanden. Nur bin ich jetzt auf dem rechten Weg, und er ist noch immer ein Dämon. Zwar habe ich ihn lange nicht mehr gesehen, doch wie er aussieht, weiß ich noch genau. Da will ich mich doch mal in ihn verwandeln und ein bisschen Schabernack treiben, mal schauen, was dabei rauskommt!« Der gute Pilger! Schon breitete er seine Fliegenflügel aus und surrte voran, bis er vor den Ungeheuern mehrere Meilen Vorsprung hatte, dann verwandelte er sich mit einem leichten Dreh in den Rinderdämon. Aus ein paar Körperhaaren zauberte er ein paar Ungeheuer und wartete, mit Jadgfalken und Armbrust bewehrt, in einer Talsenke, dass es den Anschein hatte, als wäre er auf der Jagd. Als die Sechs Generäle unterwegs auf einmal den Rinderdämon in der Mitte thronen sahen, warfen sich Brandmacher und Feuerstifter vor Überraschung auf die Knie und riefen: »Ehrwürdiger Großer König, Ihr seid ja hier!« Auch Wolke-in-Nebel, Nebel-in-Wolke, Feuerschnell und Windgeschwind knieten nieder, schlugen die Stirn auf den Boden und riefen: »Großväterchen! Wir sind vom Großen König des Heiligen Kindes ausgesandt, Eure Majestät zum Fleisch des Priesters von China einzuladen, auf dass Euch Tausende von Lebensjahren beschert sein mögen!« »Erhebt euch, meine Kinder«, sprach Pilger, »folgt mir nach Hause, damit ich mich umziehen kann.« Die Ungeheuer aber machten abermals Kotau und baten: »Wollen Eure Majestät doch sogleich mitkommen, Ihr braucht nicht heimzugehen.« »Brave Kinder«, lächelte Pilger, »nun gut, geht voran, ich folge euch.« Die Generäle warfen sich in die Brust und schritten unter lauten Rufen voran, der Große Heilige ihnen nach. Es dauerte nicht lange, da hatten sie die Grotte erreicht; Windgeschwind und Feuerschnell rannten hinein und meldeten: »Der Ehrwürdige Große König ist da!« »Das habt ihr gut gemacht«, freute sich der Dämonenkönig, »ihr wart ja richtig schnell!« Er befahl seinen Truppenführern, die Kämpfer in Reih und Glied aufzustellen und ihn mit Trommelwirbel und wehenden Standarten zu empfangen. Mit hocherhobenem Haupt und geschwellter Brust schritt Pilger breitspurig zum Tor herein und setzte sich mit Blick nach Süden in die Mitte. Der Dämonenkönig aber kniete vor ihm nieder und rief: »Seid gegrüßt, Vater König!« »Steh auf, mein Sohn«, antwortete Pilger. Der Dämonenkönig vollzog die erforderlichen vier tiefen Verbeugungen und stellte sich dann an den ihm gebührenden Platz zur Rechten des Vaters. »Mein Sohn, aus welchem Anlass hast du mich eingeladen?« fragte Pilger. Der Dämon verneigte sich und sprach: »Euer unwerter Sohn hat einen Priester gefangen, der aus dem chinesischen Kaiserreich im Osten kommt und sich seit zehn Inkarnationen dem Weg zur Vervollkommnung widmet. Ein Stück von seinem Fleisch verlängert einem das Leben um tausend Jahre. Dies kann Euer unwerter Sohn nicht sich selbst vorbehalten. Aus diesem Grunde habe ich eigens nach Euch schicken lassen.« Auf diese Worte zeigte sich Pilger erschrocken und rief: »Aber mein Sohn, um welchen Priester aus China handelt es sich denn?« »Um den, der im Westen Heilige Schriften holen will.« »Ist das nicht etwa der Meister von Pilger Sun?« »So ist es.« Da schüttelte Pilger den Kopf und winkte ab: »Lass ihn in Ruhe! Mein werter Sohn, du bist wohl diesem Pilger Sun noch nie begegnet? Er besitzt immense Zauberkräfte und Verwandlungskünste! Vor langer Zeit hat er den ganzen Himmelspalast in Aufruhr versetzt, da haben ihn nicht mal die zehntausend Himmelskrieger des Jadekaisers unterwerfen können. Wie kannst du dich bloß erkühnen, seinen Meister fressen zu wollen! Sieh zu, dass du ihn so schnell wie möglich zurückbringst und den Affen in Ruhe lässt. Wenn der erfährt, dass du seinen Meister gefressen hast, wird er schon gar nicht gegen dich kämpfen, sondern gleich mit seiner Goldreifstange ein Loch in den Berg stoßen, dass der ganze Berg zusammenstürzt. Mein Sohn, wo willst du dann eine ruhige Bleibe finden, und auf wen soll ich mich dann im Alter stützen?« »Was sind denn das für Worte, Vater König!« versetzte der Dämon. »Ihr hebt ja die Stärken anderer hervor und schwächt unser Ansehen. Mit diesem Sun habe ich schon zwei Mal gekämpft, und er hat sich nicht besonders talentiert gezeigt. Beim ersten Mal habe ich ihm Samadhi-Feuer angepustet, da hat er die Flucht ergriffen; beim zweiten Mal ist er mit den Drachenkönigen angerückt, doch ihr Regen kann ja mein Samadhi-Feuer nicht löschen. Am Ende ist er von meinen Flammen sogar richtig in Ohnmacht gefallen! Heute ist er schon wieder gekommen und hat draußen gejohlt, doch als ich befohlen habe, ihn zu packen, ist er vor Schreck davongerannt und hat sein Bündel hier liegen lassen. Daraufhin habe ich erst nach Euch geschickt, Vater König. So könnt Ihr Euch noch den lebenden Priester aus China ansehen, bevor ich ihn anrichten lasse.« »Mein Sohn«, lachte Pilger, »du denkst nur daran, dass du ihm mit deinem Samadhi-Feuer überlegen bist, doch bist du dir nicht bewusst, dass er über zweiundsiebzig Verwandlungen verfügt!« »Egal, in was er sich verwandelt, ich werde ihn trotzdem erkennen. Er wird sich sicher nicht erlauben, in meine Grotte einzudringen!« »Mag sein, dass du ihn erkennst, mein Sohn. Doch wie willst du ihn erkennen, wenn er sich nicht in etwas Großes verwandelt, wie einen plumpen Elefanten, der nicht zum Tor reinkommt, sondern in etwas Kleines, etwa eine Fliege, eine Mücke, eine Biene oder einen Schmetterling, oder am Ende gar in mich?« »Macht Euch keine Sorgen, Vater König! Und wäre seine Galle aus Eisen und sein Herz aus Kupfer, in meine Nähe wird er sich nicht trauen.« »So gesehen, werter Sohn, hast du mich also zum Fleisch des chinesischen Priesters eingeladen, weil du weißt, dass du ausreichende Mittel hast, ihm standzuhalten. Allerdings kann ich heute leider nicht davon essen.« »Warum denn nicht?« wunderte sich der Dämon. »Ich bin alt geworden«, meinte Pilger, »und deine Mutter rät mir immer, in Hinblick auf das nächste Leben ein paar gute Taten zu vollbringen. Weil mir nichts besonders Gutes einfallen wollte, habe ich schließlich gedacht, ich könnte mir erst mal ein Fastengebot auferlegen.« »Haltet Ihr, Vater König, ein langfristiges Fasten ein oder nur ein Monatsfasten?« »Weder, noch«, antwortete Pilger, »das nennt sich Donnerfasten und betrifft nur vier Tage im Monat.« »Welche Tage?« fragte der Dämon. »Die drei Tage, die das Kalenderzeichen Xin enthalten, und dazu der sechste Tag jedes Monats«, gab Pilger zur Antwort. »Heute haben wir den Tag Xin-You, also erstens einen Fastentag, und zweitens sind Tage des Zeichens You auch nicht geeignet, Gäste einzuladen. Lass uns bis morgen warten, dann werde ich ihn eigenhändig schrubben, ihn dämpfen und mit dir zusammen kosten.« Diese Worte stimmten den Dämonenkönig nachdenklich, und er sann: »Mein Vater hat sich doch immer von Menschenfleisch ernährt. Wie kommt er plötzlich zum Fasten, wo er doch schon über tausend Jahre alt ist? Gemessen an all den Untaten, die er in seinem Leben begangen hat, reichen doch die drei, vier Fastentage pro Monat niemals aus, um die Sünden abzutragen. Verdächtig, sehr verdächtig.« Er wandte sich ab, ging hinaus und rief die sechs Generäle zu sich. »Wo seid ihr dem ehrwürdigen Großen König begegnet?« fragte er. »Unterwegs«, antworteten die kleinen Ungeheuer. »Ich sagte ja, ihr wart schnell! Also seid ihr gar nicht bei ihm zu Hause gewesen?« »Nein, dort waren wir nicht.« »Unheil!« rief der Dämonenkönig, »ihr seid auf einen Falschen gestoßen, das ist gar nicht der ehrwürdige Große König!« Da fielen die Ungeheuer auf die Knie und riefen: »Aber Großer König, erkennt Ihr denn Euren eigenen Vater nicht?« »Aussehen und Auftreten sind gleich, nur was er sagt, passt nicht. Ich fürchte, dass wir es mit einem Falschen zu tun haben. Haltet euch kampfbereit, ich werde ihm noch eine Frage stellen. Falls er nicht richtig antwortet, werde ich rufen, und dann startet ihr den Angriff!« Die Ungeheuer folgten seinem Befehl. Der Dämonenkönig aber wandte sich um und schritt in die Halle zurück, wo er sich abermals vor Pilger verneigte. Dieser sprach: »In der Familie brauchst du nicht so förmlich zu sein, mein Sohn. Sag nur, was dir auf dem Herzen liegt!« Da warf sich der Dämonenkönig vor ihm nieder und sprach: »Euer unwerter Sohn hat Euch einerseits zum Fleisch des chinesischen Priesters eingeladen. Doch andererseits ist da noch eine Frage, die ich stellen möchte. Vor ein paar Tagen habe ich nämlich den Himmelsmeister Zhang Daoling getroffen, und weil er mein Gesicht besonders wohlgestaltet fand, mit dem ebenmäßigen Abstand zwischen Stirn, Nase und Kinn, hat er mich gefragt, in welchem Jahr, welchem Monat, an welchem Tag und zu welcher Stunde ich geboren sei. Ich bin ja noch jung und habe es mir deshalb nicht genau gemerkt. Der Himmelsmeister kennt sich in astrologischen Berechnungen vorzüglich aus und wollte mir anhand der Stellung der fünf Planeten zu meiner Geburtszeit mein Schicksal weissagen. Das ist es, was ich Euch heute fragen möchte, Vater König. Dann kann ich, wenn ich ihm das nächste Mal begegne, um eine Schicksalsdeutung bitten.« Pilger lachte im Stillen und dachte: »Nicht schlecht, der Dämon! Über solche Familiendinge muss ich mir halt irgendwas aus den Fingern saugen. Wie soll ich denn wissen, zu welchem Zeitpunkt er geboren ist.« Der gute Affenkönig! Er blieb in seiner ganzen Würde, ohne jede Spur von Angst, aufrecht sitzen, setzte ein Lächeln auf und sprach: »Erhebe dich, mein Sohn! Ich bin alt geworden, und vieles geht nicht mehr so, wie ich möchte. An deine Geburtsdaten kann ich mich auf einmal nicht mehr erinnern. Morgen werde ich zu Hause deine Mutter danach fragen.« »Werter Vater«, rief der Dämon, »Ihr habt doch die acht Kalenderzeichen meiner Geburt stets wiederholt und immer gesagt, dass ich so lange leben werde wie der Himmel. Es kann doch nicht sein, dass Ihr meine Geburtszeit vergesst! Unerhört, eine Fälschung!« Er stieß einen Schrei aus, worauf sich eine ganze Horde der Ungeheuer mit Speeren und Schwertern auf Pilger stürzte. Der Große Heilige wehrte sich mit seiner Stange, nahm seine eigene Gestalt an und rief dem Dämon zu: »Wie kannst du dir erlauben, deinen Vater zu schlagen, mein Sohn!« Beschämt senkte der Dämon seinen Blick. Pilger aber schwebte als goldener Lichtstrahl aus der Grotte hinaus, schulterte seine Stange und sprang fröhlich kichernd über den Bach. Als Sandmönch ihn kommen hörte, eilte er ihm aus dem Wald entgegen und rief: »Bruder, du bist lange fort gewesen. Warum bist du so fröhlich, hast du den Meister retten können?« »Das nicht. Aber ich alter Sun habe wieder die Oberhand.« »Was meinst du damit?« fragte Sandmönch, und Pilger berichtete, was sich gerade ereignet hatte. »Ach, Bruder«, seufzte Sandmönch, »trotzdem ist das Leben des Meisters doch in Gefahr!« »Mach dir keine Sorgen, ich hole jetzt die Bodhisattva.« »Und deine Rückenschmerzen?« »Ist schon wieder gut«, gab Pilger zurück. Schon schnellte er in die Lüfte, sauste zum Südmeer und kam geradewegs zu den Klippen der Insel Potalaka, wo er die Bodhisattva fand und sich vor ihr verneigte. »Warum kommst du hierher, Wukong?« fragte sie. Pilger erzählte ihr die Sache mit Rotkindchen, und Guanyin sprach: »Warum bist du nicht gleich zu mir gekommen, wenn er dir mit seinem Samadhi-Feuer überlegen ist?« »Ich wäre schon gekommen, doch sein Rauch hat mir so zugesetzt, dass ich nicht mehr in die Lüfte steigen konnte. Deshalb habe ich meinen Ordensbruder Eber zu Euch geschickt.« »Eber Wuneng ist aber nicht gekommen!« »Das ist es ja«, sagte Pilger, »noch bevor er Euren werten Berg erreichte, hat ihn der Dämon in Eurer Gestalt abgepasst und in seine Grotte verschleppt.« »Dieser Zankteufel erdreistet sich, meine Gestalt anzunehmen!« rief die Bodhisattva empört und warf ihre kostbare, mit Perlen verzierte Vase platschend in den Ozean. Pilger standen die Haare zu Berge. Er erhob sich und sprach: »Ihr habt aber ein feuriges Temperament; ich muss mich ungebührlich ausgedrückt haben, dass Ihr Eure kostbare Vase weggeworfen habt. Oh, schade, hätte ich das gewusst, hätte ich Euch um die Vase gebeten, das wäre doch ein schönes Geschenk gewesen!« Er hatte noch nicht zu Ende gesprochen, als sich die Meereswogen auf einmal auftürmten und eine Schildkröte auftauchte, die die Vase auf dem Rücken trug. Sie kroch ans Ufer und nickte der Bodhisattva vierundzwanzig Mal zu, im Sinne von vierundzwanzig Verbeugungen. »Aha«, lacht Pilger, »sie kümmert sich um die Vase. Wahrscheinlich braucht man bloß die Schildkröte zu fragen, wenn die Vase verschwunden ist.« »Was sagst du da, Wukong?« »Oh, nichts.« Die Bodhisattva hieß ihn, die Vase zu holen. Pilger ging hin und ergriff die Vase, aber oho! – sie war um keine Haaresbreite von der Stelle zu rücken. Pilger ging zur Bodhisattva zurück, verneigte sich und sprach: »Bodhisattva, Euer Jünger kann die Vase nicht bewegen.« »Du Affenschädel«, rügte sie, »schwatzen kannst du, aber eine Vase hochheben nicht? Wisse denn, dass diese Vase, die sonst leer ist, jetzt die Wassermassen des ganzen Ozeans in sich trägt! Du hast nicht die Kraft, das Meer zu tragen, darum kannst du sie nicht bewegen.« Pilger faltete die Hände und meinte betreten: »Das wusste ich nicht.« Da trat die Bodhisattva vor, nahm ohne jede Anstrengung mit der rechten Hand die Vase und stellte sie auf die linke Handfläche. Die Schildkröte nickte ihr abermals zu und tauchte wieder in die Fluten. »Das Biest dient also als Haustier, die Vase zu bewachen«, bemerkte Pilger. Die Bodhisattva setzte sich und sprach: »Wukong, der süße Tau258 in meiner Vase ist etwas ganz anderes als der Regen der Drachenkönige. Mit diesem Tau kann man das Samadhi-Feuer des Dämons löschen. Doch wenn ich dir die Vase nun mitgeben würde, könntest du sie ja doch nicht tragen. Gäbe ich dir die Drachenprinzessin zur Begleitung, so hättest du Gauner wohl bald einmal mehr Geschmack an ihrer Schönheit oder an der Vase. Und wo soll ich dich dann finden, falls du mir etwas entwendest? Du musst mir ein Pfand hinterlassen.« »Ach, Bodhisattva, warum so viel Argwohn!« rief Pilger. »Ich habe doch nichts Wertvolles dabei, das ich als Pfand hinterlassen könnte. Einzig den Reif an meiner Stirn, der ist aus Gold. Den könnt Ihr liebend gern als Pfand behalten; sprecht einen Reiflösungsspruch und nehmt ihn ab!« »Du machst es dir aber leicht!« rief die Bodhisattva. »Ich will nichts anderes als eines deiner drei lebensrettenden Nackenhaare. Reiß dir eins aus und gib es mir als Pfand.« »Aber die drei Haare habt Ihr mir doch gegeben!« wandte Pilger ein. »Wenn ich mir eines ausreiße, könnten die anderen Schaden nehmen; wie soll ich dann in Zukunft mein Leben retten?« »Ach, du Affe!« schimpfte sie, »wenn du nicht mal ein einziges Haar entbehren kannst, mag ich dir meine Drachenprinzessin auch nicht mitgeben.« »Aber Bodhisattva«, lachte Pilger, »Ihr seid doch einfach zu misstrauisch. So heißt es doch: ›Tu es nicht für den Mönch, tu es für Buddha.‹ Bitte, um alles in der Welt, rettet meinen Meister aus der Not!« Nun kam die Bodhisattva freudig aus der Grotte des Meeresrauschens und hieß Wukong, ihr voran das Meer zu überqueren. Pilger vollzog einen Stirnaufschlag und sprach: »Als Euer Jünger möchte ich mich nicht vor Euren Augen aufspielen. Ich fürchte, Euch zu beleidigen, wenn ich einfach so in die Lüfte steige und dabei mein Leib zum Vorschein kommt.« Da schickte die Bodhisattva ihre Drachenprinzessin zum Lotosteich, ein Blütenblatt abzubrechen, legte es aufs Meerwasser und hieß Pilger aufsteigen. »Aber Bodhisattva, wie soll mich dieses Blütenblatt tragen?« rief Pilger. »Steige einfach auf«, sagte Guanyin. Pilger blieb nichts anders übrig, als hinaufzuspringen. Und tatsächlich, was zunächst klein und leicht ausgesehen hatte, erwies sich als gut dreimal so groß wie ein Meeresschiff! Freudestrahlend rief Pilger: »Bodhisattva, es trägt mich!« »Warum fährst du nicht los?« »Wie soll ich denn losfahren, ohne Ruder und Segel?« »Das ist nicht nötig«, erwiderte sie. Mit einem Atemhauch trieb sie ihn an, und schon hatte er das Meer der Bitternis des Südlichen Ozeans hinter sich und war am anderen Ufer. Hier sprang Pilger auf festen Boden und lachte: »Diese Bodhisattva! Spielt einfach mit ihren Zauberkräften und bläst mich alten Sun hin und her, ohne sich nur ein bisschen anstrengen zu müssen!« Als die Bodhisattva auf einer glückverheißenden Wolke die Insel Potalaka verließ, befahl sie ihrem Jünger Hui’an: »Gehe in die oberen Gefilde und bitte deinen Vater König, dir die Säbel der Sechsunddreißig Himmlischen Sterngeister des Siebengestirns auszuleihen.« Folgsam machte sich Hui’an auf den Weg, war in wenigen Augenblicken zurück und überreichte Guanyin die Säbel. Diese warf sie in die Luft und murmelte einen Zauberspruch, und schon sah man die Säbel zu einem tausendblättrigen Lotossockel werden. Die Bodhisattva sprang hinauf und setzte sich aufrecht in die Mitte. So schwebte sie nun durch die Lüfte, vor ihr der weiße Papagei, hinter ihr der Große Heilige mit Hui’an. In kürzester Zeit hatten sie den Heulberg erreicht. Guanyin hielt ihre glückverheißende Wolke an und sprach das heilige Zauberwort »OM«. Schon erschienen alle möglichen Berggötter und Erdgeister der Umgebung, warfen sich vor dem Lotossockel der Bodhisattva nieder und vollzogen Stirnaufschläge. »Fürchtet euch nicht«, sprach Guanyin, »ich bin hier, um den Dämonenkönig festzunehmen. Sorgt dafür, dass die Umgebung geräumt wird und dass sich im Umkreis von drei Meilen kein Lebewesen auf dem Erdboden befindet.« Gehorsam traten die Geister ab, kehrten nach kurzer Zeit wieder zurück und meldeten, es sei alles ausgeführt. Da stieß Guanyin ihre Vase um, und mit einem ohrenbetäubenden Brausen strömten die Wassermassen heraus, als würde der Donner grollen. Der Große Heilige verfolgte die Szene mit großer Bewunderung. »Wukong, streck deine Hand aus!« befahl Guanyin nun. Pilger streckte ihr die linke Handfläche entgegen. Sie nahm einen Weidenzweig aus der Vase und schrieb mit dem geweihten Wasser das Zeichen 迷 für »Verwirrung« auf seine Handfläche. Dann befahl sie ihm, die Faust zu ballen und den Dämon sogleich zum Kampf herauszufordern, doch dürfe er nicht siegen: »Locke ihn zu mir; ich werde ihn mit Zauberkraft überwältigen.« Wie geheißen schritt Pilger vor das Grottentor und rief um Einlass. Einmal mehr rannten die kleinen Ungeheuer hinein und meldeten sein Kommen. »Macht das Tor zu und beachtet ihn nicht«, befahl der Dämonenkönig. »Das ist mir ein schöner Sohn, der seinen Vater draußen stehen lässt und das Tor nicht aufmacht!« schrie Pilger. Die Ungeheuer meldeten abermals: »Pilger Sun hat Euch schon wieder mit diesem Wort beleidigt!« Der Dämon aber beharrte darauf, ihm keine Beachtung zu schenken. Da schwang Pilger wütend seine Stange und zertrümmerte das Tor. Als der Dämon das hörte, sprang er auf, rannte mit erhobenem Speer hinaus und wetterte: »Du unverschämter Affe! Hast du eigentlich eine Ahnung, was rechtens ist? Weißt du, was für eine Straftat du begehst, wenn du mein Tor zerschlägst?« »Und was für ein Verbrechen ist es, den Vater auszusperren, mein Sohn?« Wutentbrannt packte der Dämon seinen Speer und zielte auf Pilgers Brust. Der aber setzte sich mit seiner Eisenstange zur Wehr, doch nach vier, fünf Kampfrunden ließ er die Stange sinken und gab sich geschlagen. Da blieb der Dämon stehen und rief: »Jetzt geh ich den Priester schrubben!« »Der Himmel schaut dir zu, mein Sohn!« rief Pilger, »komm her!« Diese Worte brachten den Dämon in Rage; mit einem Schrei zielte er abermals auf Pilger, doch nach wenigen Kampfrunden rannte Pilger davon und hielt ihm gleichzeitig seine Handfläche entgegen. Der Dämonenkönig geriet in Verwirrung und stürzte hinter Pilger her. Es dauerte nicht lange, da war Guanyin in Sicht. »Monster!« rief Pilger, »du machst mir Angst. Jetzt hast du mich bis zur Bodhisattva Guanyin vom Südmeer verfolgt und willst immer noch nicht umkehren?« Der Dämon wollte ihm nicht glauben und verfolgte ihn weiter. Mit einem Satz versteckte sich Pilger im Strahlenkranz der Bodhisattva. Da trat der Dämon auf Guanyin zu und fragte mit aufgerissenen Augen: »Bist du die Verstärkung, die Pilger Sun geholt hat?« Guanyin gab keine Antwort. Der Dämon wirbelte seinen Speer und brüllte die Frage ein zweites Mal, doch Guanyin schwieg. Da stach er ihr den Speer mitten ins Herz. Die Bodhisattva aber verwandelte sich in einen goldenen Lichtstrahl und entstieg in die höchsten Himmelssphären. Pilger und Moksa schwebten Schulter an Schulter in der Höhe und schauten zu. Unten sahen sie den Dämon, der jetzt mit kaltem Grinsen sagte: »Ha, du Zankaffe, du hast mich verkannt! Wie oft hab ich dich schon im Kampf besiegt, und da rückst du noch mit einer derart miserablen Bodhisattva an, die ich mit einem einzigen Speerstoß verschwinden mache. Dann lässt sie auch noch ihren Lotossockel liegen. Da setz ich mich gleich mal selbst drauf!« Der gute Dämon! Wie die Bodhisattva setzte er sich in aufrechter Haltung im Lotossitz auf den Sockel. Guanyin aber wies mit ihrem Weidenzweig auf ihn und rief: »Zurück!« Auf der Stelle war die Blütenpracht des Lotossockels verschwunden, der Glanz erlosch, und der Dämon saß auf lauter Messern. Guanyin befahl Moksa, auf die Säbelgriffe zu schlagen. Dieser senkte seine Wolke und teilte mit seiner Dämonenkeule wohl mehr als tausend Hiebe aus, so dass die Klingen sich tief in die Schenkel des Dämons schnitten und das Blut in Strömen floss. Seht, wie er vor Schmerz die Zähne zusammenbeißt, den Speer fallen lässt und sich die Klingen aus dem Fleisch zu ziehen versucht! Nun wies Guanyin ein zweites Mal mit ihrem Weidenzweig in seine Richtung und murmelte einen Zauberspruch, worauf die Klingen zu Widerhaken wurden, die festsaßen wie Wolfszahnpfeile. Es war unmöglich, sie herauszuziehen. Fassungslos zerrte der Dämon an den Klingen und flehte gequält: »Ach, wie blind ich war, dass ich Eure Allmacht nicht erkannte! O bitte, Bodhisattva, habt Erbarmen mit mir! Schenkt mir das Leben, dann werde ich nie wieder schlechte Taten verüben. Ich bin bereit, den Weg des Dharma zu befolgen und mich an die Gebote zu halten!« Auf diese Worte schwebte Guanyin mit Pilger in ihrem Goldglanz hernieder, trat vor den Dämon und fragte: »Bist du gewillt, dich an meine Gebote zu halten?« Der Dämon nickte und antwortete unter Tränen: »Wenn Ihr mir das Leben schenkt, will ich mich an die Gebote halten.« »Dann werde ich dich jetzt segnen und dir die Gebote auferlegen.« Aus ihrem Ärmel zog Guanyin eine Schere hervor, trat zum Dämon hin und schor ihm den Schädel kahl; nur drei Büschel ließ sie stehen, die sie zu Wirbeln drehte, wie man es bei Kindern macht. Pilger, der dabeistand, lachte: »Dieser Dämon hat aber Pech! Jetzt sieht man nicht mal mehr, ob es ein Mädchen oder ein Knabe ist; was ist das denn für ein Ding?« »Da du dich den Geboten fügst«, sprach Guanyin, »will ich dich auch angemessen behandeln. Du sollst zum Knaben Sudhana werden. Bist du einverstanden?« »Du sollst zum Knaben Sudhana werden.« Der Dämon nickte. Es war ihm alles recht, wenn er nur am Leben blieb. Da wies Guanyin auf die Klingen und rief: »Zurück!« Klirrend fielen alle Säbel der Sechsunddreißig Sterngeister in den Staub. Der Knabe aber war unverletzt. Die Bodhisattva befahl Hui’an, die Säbel wieder in den Himmelspalast zu bringen. Doch die Wildheit des Knaben hatte sich noch nicht gelegt. Denn kaum merkte er, dass die Schmerzen und Wunden an seinen Beinen verschwunden waren und zudem drei Haarwirbel seinen kahlgeschorenen Schädel zierten, schrie er: »Ihr habt ja gar nicht die Macht, mich zu unterwerfen. Das war doch nichts als ein hohler Zaubertrick!« Schon packte er seinen Speer und zielte Guanyin direkt ins Gesicht. Pilger schwang wütend seine Stange und wollte den Dämon erschlagen, doch Guanyin rief: »Halt! Ich habe meine eigene Art von Strafe.« Aus dem Ärmel zog sie einen goldenen Reif und sprach: »Dies ist einer der drei Ringe, die mir Buddha mitgegeben hat: ein Goldring, ein Verengungsring und ein Verbotsring. Den Verengungsring habe ich dir aufgesetzt, und mit dem Verbotsring habe ich den großen Wächtergott des Berges bezwungen; nur den Goldring habe ich noch aufgespart. Da dieser Dämon sich so tollkühn benimmt, soll er diesen Ring erhalten.« Schon schwenkte sie den Ring und rief »Verwandlung!«. Sogleich verfünffachte er sich, und Guanyin warf die Ringe mit dem Ruf »Umschlingen!« auf den Körper des Knaben. Einer schnürte sich um den Hals, die vier anderen um Handund Fußgelenke. Gleich darauf begann Guanyin mit einer magischen Fingerstellung im Stillen eine Zauberformel zu murmeln, bis sich der Dämon vor Schmerz an Ohren und Wangen kratzte, mit den Füßen stampfte und sich am Boden wälzte. So war es in der Tat: Ein Wort fasst so viele Welten, Wie es Sand im Ganges gibt; Grenzenlos des Buddha Lehre Über Kräfte tief verfügt! Da wir nicht wissen, wie der Knabe letztendlich der Lehre folgte, lasst uns hören, was das nächste Kapitel erzählt. 第043回 / 43. Kapitel Ein Ungeheuer vom Schwarzwasser raubt den Priester / Der Drachenprinz vom Westmeer fängt den Alligator Berichten wir weiter von Guanyin, welche die Zauberformel mehrmals hintereinander aufgesagt hatte, bis sie schließlich innehielt, so dass der Dämon keine Schmerzen mehr verspürte. Wie er sich nun innerlich sammelte und aufrichtete, gewahrte er auf einmal die goldenen Ringe, die ihn an Hals, Hand- und Fußgelenken schmerzhaft eng umschnürten. Er versuchte sie abzustreifen, doch sie ließen sich um kein Haar bewegen, denn sie hatten sich bereits in seinem Fleisch verwurzelt. Je mehr er daran zerrte, desto schmerzhafter war es. »Braver Kleiner!« höhnte Pilger, »die Bodhisattva sorgt sich, ob sie dich wohl aufpäppeln kann, drum hat sie dir glückbringende Hals- und Armreife gegeben.« Das schürte die Wut des Dämons von neuem. Jäh packte er seinen Speer und stach gegen Pilger. Dieser versteckte sich flink hinter Guanyin und rief: »Schnell, sprecht die Formel!« Guanyin aber zog den Weidenzweig aus ihrer Vase, sprengte geweihtes Wasser über den Dämon und rief: »Einigung!« Da entglitt ihm die Waffe, und beide Hände erhoben sich gefaltet vor die Brust, wo er sie nicht wieder zu trennen vermochte. Dass Guanyins Begleiter Sudhana bis heute in dieser Haltung mit der sogenannten »Guanyin-Fessel« dargestellt wird, geht darauf zurück. Als der Dämon verstand, dass er unfähig war, seine Hände zu lösen und die Waffe zu ergreifen, erkannte er die subtile Tiefe der Kraft der Lehre. Hilflos senkte er sein Haupt und verneigte sich. Guanyin aber murmelte eine Zauberformel, neigte ihre Vase und ließ so die Wassermassen des Ozeans in das Gefäß zurückfließen, bis kein Tropfen mehr übrig war. »Wukong«, sprach sie anschließend, »jetzt ist der Dämon gebändigt. Er muss nur noch seine Wildheit überwinden; dazu will ich ihm auferlegen, dass er zur Insel Potalaka pilgert und nach jedem Schritt eine Verbeugung macht. Erst wenn er auf diese Weise Potalaka erreicht hat, werde ich ihn nicht länger mit Gewalt unter Kontrolle halten müssen. Gehe jetzt in die Grotte und befreie deinen Meister!« Glücklich vollzog Pilger einen Stirnaufschlag und verabschiedete sich. Wie der Knabe sich in der Folge dem Guten zuwandte, auf seiner Reise in den Süden dreiundfünfzig Weise aufsuchte und zuletzt ehrerbietig bei Guanyin ankam, sei hier nicht weiter ausgeführt.259 Wenden wir uns stattdessen Sandmönch zu, der lange vergeblich gewartet hatte, bis er schließlich das Gepäck aufs Pferd schnürte und aus dem Wald stapfte. Wie er nun gen Süden Ausschau hielt, sah er Pilger freudig auf ihn zukommen. Er erkundigte sich, was geschehen sei, und Pilger berichtete ihm alles. Sandmönch war überglücklich. Nun setzten die beiden über den Bach, drangen in die Grotte, rotteten alle Ungeheuer aus und befreiten Tripitaka und Bajie. Pilger berichtete seinem Meister ausführlich, wie er Guanyin geholt und wie sie den Dämon gebändigt hatte. Da kniete Tripitaka nieder und verneigte sich gen Süden. Pilger hieß Sandmönch nun, alle kostbaren Gegenstände in der Grotte einzupacken, dann wurde eine Mahlzeit zubereitet, und nachdem alle gesättigt waren, gingen sie aus der Grotte hinaus, fanden auf ihren Weg und eilten zielstrebig dem Westen zu. Nachdem sie über einen Monat gewandert waren, konnte man auf einmal ein donnerndes Rauschen hören. »Hört, meine Schüler!« rief Tripitaka, »wo rauscht denn da Wasser?« Pilger lachte bloß: »Ihr seid einfach zu schreckhaft, Meister. Da sind wir zu viert, und Ihr allein hört plötzlich irgend so ein Wasser rauschen. Schon wieder habt Ihr das Herz-Sutra vergessen!« »Das Herz-Sutra hat mir der Meister vom Rabennest mündlich vermittelt, bis heute sage ich es immer wieder auf; welche Stelle soll ich denn vergessen haben?« »Die Stelle, wo es heißt: ›Darum gibt es in der Leere weder Auge noch Ohr, noch Nase, Zunge, Körper und Geist.‹ Wir Mönche heften unseren Blick nicht auf Farben, richten unser Ohr nicht auf Klänge, die Nase nicht auf Gerüche, die Zunge nicht auf Aromen, die Empfindung nicht auf Kälte oder Hitze und den Geist nicht auf trügerische Gedanken. So befreien wir uns von den ›Sechs Räubern‹. Ihr aber denkt ständig daran, die Schriften zu erlangen, und fürchtet Euch ständig vor Dämonen, nur weil Ihr Euren Körper nicht missen wollt. Wenn es Euch nach Speise verlangt, regt sich Eure Zunge, wenn Ihr Euch an Düften erfreut, regt sich Eure Nase. Geräusche schrecken Euer Gehör, auf Äußeres heftet sich Euer Blick – damit ladet Ihr die ›Sechs Räuber‹ doch geradezu ein! Wie wollt Ihr auf diese Weise je in den Westen gelangen und Buddhas Antlitz erblicken?« Auf diese Worte verfiel Tripitaka in langes Schweigen. Dann sprach er: »Ach, mein Schüler! Seit ich einst in jenem Jahr Vom Kaiser Abschied nahm, Strebe ich stets Tag und Nacht Voller Hingebung zum Ziel. Doch wann werden wir wohl je Das Werk von dreimal Drei vollenden,261 Dass wir einst die wunderbaren Heiligen Schriften Buddhas finden?« Pilger lachte: »Meister, was soll daran so schwierig sein, die Drei Samadhis zu vollenden? Es heißt doch: ›Ist das Werk getan, kommt der Erfolg von selbst.‹« »Bruder«, warf Bajie ein, »wenn wir uns weiterhin mit so vielen Dämonen herumschlagen müssen, sind wir noch nach tausend Jahren nicht am Ziel!« Sandmönch aber meinte: »Du bist genauso einfältig wie ich, zweiter Bruder. Schultere doch einfach deine Last, bis du irgendwann am Ziel bist.« Während ihrer Unterhaltung gelangten sie an einen schwarzen Strom, der sich bis zum Horizont erstreckte. Hier kam das Pferd nicht weiter. »Schüler«, rief Tripitaka, »warum ist dieses Wasser wohl so schwarz?« »Da hat wohl einer einen Pott voll Indigo reingeschüttet«, meinte Bajie. »Oder Pinsel und Reibstein ausgewaschen«, sagte Sandmönch. »Unsinn«, rief Pilger, »kümmert euch lieber darum, wie wir den Meister rüberbringen!« »Wie breit ist denn dieser Fluss?« fragte Tripitaka. Bajie antwortete: »Ich schätze, um die zehn Meilen oder mehr.« »Macht untereinander aus, wer mich auf den Rücken nimmt und hinüberträgt«, sagte Tripitaka. »Das kann Bajie machen«, ließ Pilger verlauten. »Das geht doch nicht!« rief Bajie, »mit dem Meister auf dem Rücken käme ich keine drei Fuß von der Erde hoch. So heißt es doch: ›Ein gewöhnlicher Sterblicher ist schwer wie ein Berg.‹ Schwimmend geht auch nicht, da würde er mich unter Wasser drücken.« Während die vier hin und her berieten, kam vom Oberlauf jemand in einem kleinen Boot herangefahren. Freudig rief Tripitaka: »Dort kommt ein Boot! Ruft, meine Schüler, damit er uns hinüberführt.« »Ruderer!« rief Sandmönch mit sonorer Stimme, »kommt hierher, führt uns hinüber! Wir werden euch dankbar sein!« Der Mann im Boot hatte ihn gehört und ruderte ans Ufer. Da meinte er: »Mein Boot ist zu klein, als dass ich euch zusammen überführen könnte.« Tripitaka trat näher und besah sich das Boot. Es war ein Einbaum, in dessen Vertiefung nicht mehr als zwei Personen Platz hatten. »Was nun?« wandte sich Tripitaka an seine Schüler. »Lassen wir ihn doch zweimal fahren«, schlug Sandmönch vor. Bajie wollte mit dem Meister zuerst fahren, half Tripitaka ins Boot, der Schiffer stieß ab und stach mit kräftigen Ruderschlägen durch die Strömung. Sie hatten erst die Mitte erreicht, als es auf einmal krachte und die Wellen sich so hoch auftürmten, dass der Himmel zu verschwinden schien. Ein heftiger Wirbel sog Tripitaka und Bajie mitsamt dem Boot ins Wasser hinein, dann waren sie spurlos verschwunden. Fassungslos standen Pilger und Sandmönch am Ufer. »Das Boot muss gekentert sein«, sagte Sandmönch. »Nein«, erklärte Pilger, »wäre es gekentert, dann hätte Bajie den Meister wieder an die Oberfläche gebracht, er kann ja gut schwimmen. Dieser Ruderer hat mir nicht gerade einen redlichen Eindruck gemacht. Wahrscheinlich hat er den Wind verursacht und den Meister ins Wasser gezogen.« »Aber Bruder, warum sagst du das nicht eher! Bleibe hier bei Pferd und Gepäck, ich gehe mal nach unten und schaue, was los ist«, rief Sandmönch. Der gute Mönch! Er zog sein Gewand aus, rieb sich Arme und Beine warm und stürzte sich mit gezückter Waffe laut platschend ins Wasser. Tauchend stieß er vorwärts, bis er auf einmal menschliche Stimmen vernahm. Sandmönch wich zur Seite und spähte vorsichtig nach vorn, da erblickte er einen Palast, über dessen Eingang in acht großen Schriftzeichen geschrieben stand: » 衡陽峪黑水河神府 – Götterpalast im Schwarzwasser des Hengyang-Tals«. Nun hörte er, wie ein Ungeheuer sagte: »Schwere Zeiten haben wir durchmachen müssen; nun ist uns endlich mal Glück beschert! Der Mönch hier hat sich seit zehn Inkarnationen der Vervollkommnung gewidmet; schon ein einziges Stück von seinem Fleisch verleiht Langlebigkeit und ewige Jugend! Lange genug hab ich darauf gewartet.« Und es folgte ein Befehl: »Diener, bringt sofort den eisernen Dämpfkorb und macht die beiden gar. Ich will meinen zweiten Onkel einladen und ihm die beiden zum Geburtstag servieren.« Als Sandmönch dies hörte, glühte er vor Wut. Mit seinem Prunkstab polterte er gegen das Tor und schrie: »Du Bestie! Gib sofort meinen Meister und meinen Ordensbruder her!« Die kleinen Ungeheuer, die drinnen das Tor bewachten, erstatteten sofort Bericht. Kaum hatte der Unhold die Nachricht vernommen, ließ er sich die Rüstung geben und machte sich kampfbereit, dann trat er mit einer Stahlgerte hinaus und schrie: »Wer erlaubt sich da, gegen mein Tor zu schlagen?« »Du Zankteufel!« rief Sandmönch, »wie kannst du dich erdreisten, meinen Meister mit solchem Blendwerk zu entführen! Gib ihn sofort her, sonst bist du des Todes!« Der Unhold stieß ein Gelächter aus und rief: »Du bist ja wohl nicht gescheit, du Mönch! Deinen Meister hab ich entführt, weil ich ihn heute meinen Gästen servieren will. Wenn du kommst, koche ich dich gleich mit. Eure Reise in den Westen könnt ihr vergessen.« Wütend zielte Sandmönch mit seinem Prunkstab direkt auf den Kopf des Unholds, der aber wehrte den Schlag mit seiner Stahlgerte ab und stürzte sich in den Kampf. Ganze dreißig Runden fochten die beiden im Flussbett aus, ohne dass einer dem andern überlegen war. »Dieser Kerl ist der richtige Gegner für mich«, überlegte Sandmönch, »doch ich kann ihn einfach nicht unterkriegen. Am besten locke ich ihn aus dem Wasser, damit mein Ordensbruder gegen ihn kämpfen kann.« Nach einem letzten Scheinhieb ließ er die Waffe sinken und rannte davon. Der Dämon aber blieb stehen und meinte: »Lauf nur, ich mag nicht weiterringen. Jetzt schreib ich erst mal die Einladungen.« Keuchend sprang Sandmönch aus den Fluten und berichtete Pilger, was geschehen war. »Was ist das wohl für ein übler Geist?« wunderte sich Pilger. »Er sieht aus wie eine große Weichschildkröte«, antwortete Sandmönch, »oder auch so wie eine Art Alligator.« »Und wer ist wohl der besagte Onkel?« Er hatte noch nicht ausgesprochen, da tauchte an der Biegung am Unterlauf ein alter Mann auf. Noch weit entfernt, kniete er nieder und rief: »Großer Heiliger, der Gott vom Schwarzwasser erweist Euch seine Reverenz!« »Bist du etwa dieses Ungeheuer von Schiffer? Willst du uns schon wieder betrügen?« schrie Pilger. Da schlug der Alte die Stirn auf den Boden, Tränen liefen ihm übers Gesicht, und er sprach: »Großer Heiliger, ich bin kein Ungeheuer! Ich bin der echte Flussgott. Letztes Jahr ist dieses Ungeheuer im fünften Mondmonat mit einer Flutwelle aus dem Westlichen Ozean hierhergeschwemmt worden und hat mich geringen Gott sofort angegriffen. Alt und gebrechlich, wie ich bin, konnte ich ihm nicht standhalten, und so ist es ihm schließlich gelungen, meinen Palast im Schwarzwasser zu besetzen. Mir aber blieb keine andere Wahl, als in den Ozean zu reisen und gegen ihn Klage zu erheben. Dort stellte sich heraus, dass der Drachenkönig vom Westmeer sein Onkel ist, darum hat man meine Anklage abgelehnt und mir bedeutet, ich solle ihm meinen Palast einfach abtreten. Jetzt will ich im Himmel Einspruch erheben, doch als geringer Gott habe ich ja keinen Einfluss. Dann habe ich aber vernommen, dass Ihr, Großer Heiliger, hier seid; deshalb komme ich nun zu Euch, in der Hoffnung, dass Ihr mir helfen könnt. Ich bitte Euch inständig, Großer Heiliger, helft mir, dieses Unrecht zu vergelten!« Auf diese Rede meinte Pilger: »So gesehen trägt auch der Drachenkönig des Westlichen Ozeans Schuld. Bleibt erst mal hier, Flussgott, und haltet zusammen mit Sandmönch Wache. Ich gehe gleich ins Meer und bringe den Drachenkönig hierher, damit er den Unhold einfängt.« »Tief dankbar bin ich Euch für die große Gunst!« rief der Flussgeist. Pilger schoss zu den Wolken empor und kam schnurstracks zum Westlichen Ozean. Dort schwebte er nach unten, machte ein magisches Fingerzeichen und murmelte einen Zauberspruch zur Wasserabwehr, dass sich die Wogen trennten. Auf seinem Weg durchs Meer traf er auf den Geist eines Schlangenkopffisches, der mit einem Kästchen mit Einladungsschreiben vom Unterlauf des Stromes heranflitzte. Pilger warf sich ihm in den Weg, hieb ihm die Eisenstange auf den Schädel, dass die Hirnmasse nur so spritzte und der Fisch gluckernd an die Oberfläche stieg. Dann öffnete er das Kästchen. In der Einladung stand: »Geringer Neffe, Alligator Tuojie, wendet sich mit ehrerbietigen Verbeugungen an den Ehrwürdigen Herrn Ao, zweiter Onkel mütterlicherseits: Für Eure stets geneigte Gunst hege ich ausnehmende Dankbarkeit. Neulich gelang mir ein Beutefang, zwei Mönche aus dem Osten, außerordentlich rare Stücke, daher wage ich sie nicht alleine zu verspeisen. Eingedenk Eures baldigen Geburtstages will ich ein bescheidenes Gastmahl zubereiten, um Euch im Voraus zu gratulieren und Langlebigkeit zu wünschen. Mit inständiger Bitte um baldige Ankunft Eures hohen Besuches.« »Der Schuft bringt mir altem Sun gleich das Beweismaterial«, lachte Pilger, steckte die Einladung in den Ärmel und setzte seinen Weg fort. Inzwischen hatte ihn aber bereits ein patrouillierender Yaksa erspäht und im Palast gemeldet. Drachenkönig Ao Shun trat zum Empfang heraus und bat Pilger zum Tee. »Bevor ich Euren Tee trinke, will ich Euch zum Wein einladen«, sagte Pilger. Der Drachenkönig lachte: »Großer Heiliger, Ihr befolgt doch seit langem die Gebote der buddhistischen Lehre und rührt weder Fleisch noch Wein an. Wie kommt es, dass Ihr mich zum Wein einladen wollt?« »Ihr werdet auch gar keinen Wein kriegen, nur habt Ihr Euch bereits die Anklage eingehandelt, an einem Weingelage teilzunehmen«, meinte Pilger, zog das Schreiben aus dem Ärmel und hielt es dem Drachenkönig hin. Als der gelesen hatte, was da stand, wollte ihm vor Schreck die Seele aus dem Leib fahren. Er warf sich vor Pilger nieder und rief: »Großer Heiliger, vergebt mir! Der Kerl ist der neunte Sohn meiner jüngeren Schwester. Mein Schwager, der damals wegen fehlerhafter Ausführung eines Regengusses im Auftrag der Zeitgötter von Kanzler Wei Zheng hingerichtet worden ist, hat mir diesen Neffen hinterlassen. Ich habe ihn ins Schwarzwasser geschickt, damit er sich dort der Vervollkommnung widmen kann; nie hätte ich gedacht, dass er eine solche Übeltat begehen würde. Ich geringer Drache werde sogleich meine Leute ausschicken, ihn hierherzuführen.« Er rief nach Prinz Moang und befahl: »Nimm fünfhundert kräftige Krieger mit und verhafte den kleinen Alligator Tuojie!« Pilger verabschiedete sich vom alten Drachen und verließ mit Moang und dessen Kriegern den Ozean. Prinz Moang schickte ein paar Krieger voraus, dem Ungeheuer seine Ankunft zu melden. Da stutzte das Ungeheuer und dachte: »Ich habe doch den Schlangenkopffisch mit der Einladung zum Onkel geschickt und warte schon lange auf Antwort. Warum kommt jetzt mein Vetter statt meines Onkels?« Während er noch argwöhnte, kam ein kleines Ungeheuer und meldete: »Großer König, im Fluss ist eine Truppe, die westlich der Residenz ein Feldlager aufschlägt.« »Wozu bringt mein Vetter Soldaten, wenn ich zum Bankett lade? Das muss einen bestimmten Grund haben«, sann er und befahl seinem Gesinde: »Haltet mir Rüstung und Gerte bereit!« Die kleinen Ungeheuer taten wie geheißen. Als der Unhold nach draußen kam, sah er tatsächlich eine Truppe Meereskrieger, die ein Feldlager aufgeschlagen hatten. Er ging darauf zu und rief: »Ältester Vetter, seid ehrerbietig gegrüßt!« Der Drachenprinz rückte seine goldene Rüstung zurecht, schnürte einen juwelenbesetzten Gürtel um und schritt mit einem dreikantigen Schlagstock ins Freie. »Zu welchem Anlass hast du deinen Onkel eingeladen?« rief er. Der Unhold antwortete: »Ich darf ja dank seiner gewogenen Gunst seit langem hier wohnen, doch bislang habe ich noch keine Gelegenheit gefunden, mich mit gebührender Kindesliebe bei ihm erkenntlich zu zeigen. Gestern aber habe ich einen Priester aus dem Osten erbeutet, der sich seit zehn Reinkarnationen dem Weg der Vervollkommnung widmet und dessen Fleisch eine lebensverlängernde Wirkung hat. Ich wollte meinen Onkel einladen, sich den Priester anzuschauen, bevor ich ihn zu Ehren seines Geburtstags auf dem Eisenrost dämpfe.« »Du bist wohl nicht bei Trost!« schrie der Prinz, »weißt du eigentlich, wer dieser Mönch ist?« »Eben jener Priester aus China, der in den Westen reist, um Heilige Schriften zu holen.« »Du weißt also nur vom Priester aus China, doch weißt du nichts von der Macht seiner Schüler«, versetzte der Prinz. »Nun, einer heißt Eber Bajie, den habe ich bereits und werde ihn mit dem Priester zusammen kochen. Außerdem ist da noch einer, der sich Sandmönch nennt, der stand gestern vor meinem Palast und wollte seinen Meister wiederhaben. Da hab ich ihm mit der Stahlgerte eine Tracht Prügel verpasst, dass er um sein Leben gerannt ist. Er scheint mir keine großen Fähigkeiten zu besitzen.« »Dann bist du tatsächlich nicht im Bilde«, meinte der Prinz. »Er hat noch einen dritten Schüler, nämlich den Himmelsebenbürtigen Großen Heiligen, der vor fünfhundert Jahren den Himmelspalast in Aufruhr versetzt hat und sich heute Pilger Sun Wukong nennt. Hast du denn nichts anderes zu tun, als solches Unheil anzurichten? Dieser Sun Wukong hat im Ozean deinen Boten getroffen, ihm die Einladung entrissen und ist dann schnurstracks zum Wasserkristallpalast gegangen, wo er mich und meinen Vater in große Verlegenheit brachte, denn er hält uns nun vor, wir seien mit einem Dämon verbündet und hätten Menschen entführt. Gib diesen Priester und den Eber Bajie sofort zurück, dann werde ich mich für dich entschuldigen, und du kommst mit dem Leben davon. Und wenn ich nur ein halbes ›Nein‹ höre, kannst du vergessen, weiterhin friedlich hier wohnen zu können!« Da wurde der Unhold wütend und schrie: »Da sind wir nahe verwandt, und du nimmst Außenstehende in Schutz! Meinst du eigentlich, ich würde diesen Priester einfach so rausrücken? Wenn du Angst vor Pilger Sun hast, heißt das noch lange nicht, dass auch ich mich fürchte. Falls er was draufhat, soll er bloß kommen und mit mir drei Runden ausfechten, ansonsten gebe ich seinen Meister nicht her. Und wenn er mir nicht standhält, koche ich ihn gleich mit, und zwar ohne Einladung. Dann fresse ich sie selber, hinter verschlossener Tür!« »Du verruchter Schurke bist wahrhaftig unverschämt!« polterte der Prinz. »Ich will gar nicht erst den Großen Heiligen holen; wagst du dich mit mir zu messen?« »Wie soll ein rechter Kerl wie ich vor dir Angst haben?« gab der Unhold zurück. Auf seinen harschen Befehl reichten ihm die kleinen Ungeheuer eilends Rüstung und Stahlgerte. Nun standen sich die beiden als Feinde gegenüber, und ein jeder entfaltete sein Heldentum. Dieser Kampf war völlig anders als derjenige mit Sandmönch. Als der Unhold zuschlug, streckte ihm der Prinz zum Schein die Waffe entgegen, als wolle er den Schlag abwehren, wich aber gleichzeitig aus, so dass der Unhold ins Leere hieb und vom Prinzen in einem geschickten Dreh mit dem dreikantigen Schlagstock am rechten Arm getroffen wurde. Der Unhold strauchelte und stürzte. Da drängten die Meereskrieger heran, schnürten ihm die Hände auf den Rücken, stachen ein eisernes Schloss durch sein Schlüsselbein und schleppten ihn ans Ufer, wo sie ihn vor den Großen Heiligen führten und um ein Urteil baten. Pilger sah den Alligator an und rief: »Du Lump hast dich nicht ans Geheiß deines Onkels gehalten. Er hat dich hier wohnen lassen, damit du dich in Ruhe deiner Vervollkommnung widmest. Du aber hast gewaltsam den Palast des Flussgottes besetzt, Übeltaten begangen und noch dazu meinen Meister und meinen Ordensbruder entführt! Am liebsten würde ich dir eins mit meiner Stange überziehen, doch leider ist die zu schwer, dein Leben wäre gleich dahin. Wo hast du meinen Meister versteckt?« Der Unhold machte einen Kotau und sagte: »Großer Heiliger, ich geringer Alligator habe Euren gewichtigen Namen verkannt. Nun hat mich mein Vetter festgenommen, weil ich mich gegen alle Sittlichkeit aufspielen wollte. Ich kann Euch nicht genug dankbar sein für die große Gnade, mich nicht zu töten, o Großer Heiliger! Euer Meister ist noch im Wasserpalast gefesselt. Sobald Ihr mich freilasst, werde ich ihn ans Ufer bringen.« »Großer Heiliger«, warnte Moang, »dieser Schuft ist sehr hinterhältig, ich fürchte, er wird auf böse Gedanken kommen, wenn Ihr ihn freilasst.« »Ich kenne den Ort«, meinte Sandmönch, »ich gehe den Meister suchen.« Zusammen mit dem Flussgott sprang er in die Fluten, wo die beiden direkt auf den Palast zu hielten. Sie fanden ihn weit offen und ohne ein einziges Ungeheuer. Nachdem sie hineingegangen waren, entdeckten sie den Meister und Bajie, beide splitternackt in Stricke gebunden. Rasch lösten sie ihnen die Fesseln, nahmen sie auf den Rücken und schwammen an die Oberfläche. Als Bajie am Ufer den angeketteten Unhold erblickte, erhob er seinen Rechen und schrie: »Du übles Mistvieh! Willst du mich etwa nicht mehr fressen?« Doch Pilger fiel ihm in den Arm und sprach: »Bruder, in Anbetracht unserer Freundschaft mit der Familie Ao wollen wir ihn am Leben lassen!« Pilger fiel ihm in den Arm und sprach: »Bruder, in Anbetracht unserer Freundschaft mit der Familie Ao wollen wir ihn am Leben lassen!« Moang verneigte sich und sprach: »Großer Heiliger, ich geringer Drache will mich nicht länger aufhalten. Da Euer Meister ja gerettet ist, will ich diesen Schurken nun zu meinem Vater bringen. Ihr habt ihm den Tod erspart, Großer Heiliger, mein Vater aber wird ihm gewiss nicht die Strafe erlassen.« »In Ordnung«, beschied Pilger, »bringt ihn nur zurück. Bestellt Eurem werten Vater beste Grüße, ich werde mich später mal persönlich bei ihm bedanken.« Also führte der Prinz den Unhold in den Westlichen Ozean. Der Flussgott des Schwarzwassers aber bedankte sich bei Pilger für die Rückeroberung seines Palastes. »Aber wie kommen wir nun über den Fluss?« fragte Tripitaka. »Ehrwürdiger Herr, Ihr braucht Euch nicht zu sorgen«, antwortete der Flussgott. »Steigt nur in den Sattel, ich werde vorangehen und Euch sicher durch den Fluss führen.« Da stieg der Meister aufs Pferd und sah, wie der Flussgott einen Zauber zum Aufhalten der Wassermassen vollführte. Im Nu war der Unterlauf trocken und gab eine breite Straße frei, auf der Meister und Schüler nun endlich das westliche Ufer erreichten und ihre Reise fortsetzten. Und da wir nicht wissen, wie es weiterging, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第044回 / 44. Kapitel Der Dharma-Körper trifft im Kreislauf auf die Wagenkräfte / Mit rechtem Herzen und Dämonen wird der Grat überwunden Wie berichtet wurde, hatte Tripitaka mit seinen Schülern den Schwarzfluss überquert und seinen Weg in den Westen fortgesetzt. Die Weiterreise war ein wahrer Kampf gegen Wind und Schnee, oft wanderten sie bis spätnachts unter Mond und Sternen dahin. Nachdem sie lange so weitergereist waren, brach der Frühling an. Meister und Schüler gingen ihres Weges, erfreuten sich an der schönen Landschaft und ließen das Pferd gemächlich traben. Auf einmal vernahmen sie ein lautes Brausen, das wie Kampfgeschrei von Tausenden von Menschen anmutete. Tripitaka erschrak, wandte sich um und fragte: »Wukong, woher kommt denn dieses Geräusch?« Bajie meinte: »Das klingt ja, wie wenn die Erde bersten würde!« Sandmönch fügte hinzu: »Oder wie Donnergrollen.« »Fast so wie Schreie und Wiehern«, riet Tripitaka. Pilger lachte: »Ihr könnt das nicht erraten. Wartet mal, ich alter Sun will schauen, was los ist.« Mit einem Satz schoss er in die Lüfte und sperrte die Augen weit auf. Da entdeckte er in der Ferne eine umwallte Stadt. Als er näher kam, sah er den Ort von einer heilvollen Aura umgeben, es schien hier keine schlechte Energie zu herrschen. »Was für ein schöner Ort!« murmelte Pilger, »woher rührt denn wohl dieses Rauschen?« Während er weiter beobachtete, bemerkte er vor den Stadttoren auf einer Sandbank ein freies Gelände, wo sich eine Schar buddhistischer Mönche drängte. Sie waren eben damit beschäftigt, einen Wagen zu ziehen. Das Geräusch aber kam daher, dass alle beim Ziehen mit vereinten Kräften den Ruf ausstießen: »Ehre sei dem König der Großen Kraft!« Das war es also, was Tripitaka so erschreckt hatte. Pilger senkte seine Wolke und besah sich die Szene näher. Oh! Der Wagen war ja voller Ziegel, Balken und anderem Baumaterial. Hinter der Sandbank erhob sich ein steiler Hang, und oben gab es einen schmalen Gratweg sowie zwei große Passtore, von denen der Weg über einen schroff abfallenden Felshang nach unten führte. Wie sollte dieser Wagen denn dort hinaufgezogen werden? Zwar war das Wetter mild, aber die Leute trugen doch gar zerfetzte Kleider. »Vielleicht errichten sie einen Tempel«, sann Pilger, »und weil in dieser fruchtbaren Gegend keine Taglöhner zu finden sind, müssen die Mönche selbst ans Werk.« Während er noch rätselte, sah er zwei junge Daoisten mit gravitätischen Schritten vom Stadttor herankommen. Bei ihrem Anblick zuckten die Buddhisten zusammen und zerrten den Wagen mit doppeltem Eifer den Hang hinan. Da ging Pilger ein Licht auf, und er dachte: »Aha, die Mönche scheinen sich vor den Daoisten zu fürchten! Ich habe mal gehört, dass es auf dem Weg nach Westen eine Gegend geben soll, in der die Daoisten geachtet und die Buddhisten unterdrückt werden. Das ist bestimmt dieser Ort. Da will ich doch mal nach unten gehen!« Bei ihrem Anblick zuckten die Buddhisten zusammen und zerrten den Wagen mit doppeltem Eifer den Hang hinan. Was meint ihr, an wen er sich wandte? Am Fuß der Stadtmauer machte er nun einen leichten Dreh und erschien als daoistischer Wandermönch. Zum Takt einer kleinen Trommel daoistische Lieder singend, ging er auf die Daoisten zu, verbeugte sich und sprach: »Seid gegrüßt, werte Priester.« Die beiden grüßten höflich zurück und fragten: »Woher kommt Ihr, werter Herr?« Pilger antwortete: »Ich geringer Jünger Wandle über die Meere weit An die Enden der ganzen Welt, Heute bin ich an diesem Ort Auf der Suche nach guten Leut’! Hört, ihr Priester, könnt ihr mir sagen, in welcher Straße dieser Stadt die Daoisten gern gesehen sind? Ich möchte ein bisschen Almosen erbetteln.« »Aber werter Herr«, lachten die beiden, »warum sagt Ihr derart unerfreuliche Worte?« »Wieso unerfreulich?« fragte Pilger. »Ist es nicht unerfreulich, wenn Ihr vom Betteln um Almosen sprecht? Bestimmt kommt Ihr aus der Fremde und wisst nicht, wie die Dinge hierzulande stehen. Hier in unserer Stadt neigen nicht nur die Hofbeamten, die Wohlhabenden und Altehrwürdigen zum Daoismus, sondern in erster Linie ist es unsere Majestät persönlich, die den Daoismus verehrt!« Pilger wollte Genaueres wissen, und der eine Daoist erklärte: »Unser Land heißt Chechi – das Land der Trägen Wagen. Der König im Palast ist sogar mit uns verwandt.« Pilger lachte laut und meinte: »Da ist wohl ein Daoist König geworden?« »Das nicht«, antwortete der Daoist, »aber vor zwanzig Jahren ist unser Volk von einer großen Dürre heimgesucht worden, und da haben alle Bewohner, ob am Hofe oder im gemeinen Volk, Reinigungsbäder genommen, Weihrauch verbrannt und um Regen gebetet. Schließlich, als die Not am schlimmsten war, hat uns der Himmel drei Unsterbliche gesandt, die uns endlich Rettung brachten.« »Was für drei Unsterbliche waren das denn?« wollte Pilger wissen. »Es sind unsere eigenen Meister; der älteste heißt Tigerkraft, der zweite Hirschkraft, der dritte Widderkraft.«265 »Und was für Zauberkräfte besitzen die verehrten Meister?« fragte Pilger. »Sie können im Handumdrehen Wind und Regen machen oder Steine in Gold verwandeln. Deshalb werden sie vom König so geachtet, dass er sogar mit uns Verwandtschaft geschlossen hat.« »Euer König hat ja wirklich Glück gehabt. Mit Meistern solcher Künste Verwandtschaft zu schließen, da ist er gut weggekommen. Oh, könnte mir einfachem Daoisten vielleicht gar das große Glück beschert sein, dass ich die ehrwürdigen Meister zu Gesicht bekomme?« Lächelnd sprachen die Daoisten: »Was soll daran schwierig sein? Wir sind deren engste Jünger; Euch bei ihnen einzuführen kostet uns nicht mehr Kraft, als Staub wegzupusten.« Mit vor der Brust übereinandergelegten Händen machte Pilger eine tiefe Verbeugung und sprach: »Ich bin euch zu höchster Dankbarkeit verpflichtet. Gehen wir doch gleich hin!« »Habt einen Moment Geduld«, sagten die Daoisten, »wir müssen noch eine offizielle Angelegenheit erledigen.« »Was haben denn Mönche für offizielle Pflichten?« wunderte sich Pilger. Die beiden zeigten auf die buddhistischen Mönche auf der Sandbank und erklärten: »Die dort arbeiten für uns. Damit sie nicht faulenzen, müssen wir kurz die Namenliste aufrufen. Wir sind gleich wieder da.« Da sagte Pilger lächelnd: »Da liegen die Herren Priester aber falsch. Ob Mönche buddhistischen oder daoistischen Glaubens sind, widmen sie sich doch alle dem religiösen Leben; weshalb müssen jene für uns Daoisten arbeiten und von uns kontrolliert werden?« »Ihr kennt die Umstände nicht«, erklärte der eine Daoist. »Damals, während der großen Dürre, haben auf der einen Seite die Buddhisten ihre Gebete gelesen, und auf der anderen Seite haben die Daoisten zu den Sternen gebetet. Beide machten Ansprüche auf Verpflegung und Sold vom Palast geltend. Doch die Gebete der Buddhisten waren wirkungslos; erst unsere Meister haben das Volk aus Not und Elend erretten können. Das haben die Daoisten dann dem König vorgebracht und gesagt, dass die Buddhisten zu nichts taugen. Anschließend hat man ihre Tempel abgerissen, ihnen die Mönchslizenz entzogen, und der König hat ein Edikt erlassen, das besagt, dass sie für uns arbeiten müssen wie die Knechte. Sie sind es nun, die bei uns das Feuer unterhalten und saubermachen. Weil da drüben noch Wohnhäuser im Bau sind, haben wir die Mönche mit dem Transport der Ziegel und Balken beauftragt. Und damit sie nicht faulenzen und der Muße frönen, machen wir beide nun den Kontrollgang.« Da hielt Pilger die Daoisten am Ärmel zurück und klagte unter Tränen: »Ach, mir bleibt das Glück versagt! Ich ahnte doch, dass ich die verehrten Meister nicht sehen würde!« »Warum denn nicht?« »Nun, es gibt zwei Gründe, weshalb ich einfacher Daoist durch die Welt wandere: Erstens, damit ich was zum Leben habe, zweitens, weil ich auf der Suche nach Verwandten bin.« »Was denn für Verwandte?« »Ich habe einen Onkel väterlicherseits, der bereits als Kind buddhistischer Mönch geworden ist und in den letzten Jahren nie zu Hause erschienen ist. Da ich meine Vorfahren ausfindig machen will, bin ich auf der Suche nach ihm. Ich vermute, dass er hier aufgehalten wird und wir nichts von ihm hören, weil er sich nicht freimachen kann. Ich muss ihn unbedingt finden, bevor ich mit euch in die Stadt gehe.« »Das ist nicht weiter schwierig«, meinten die Daoisten. »Dann warten wir hier auf Euch, und Ihr ruft auf der Sandbank die Namen auf. Es sind bloß fünfhundert Leute. Sollte sich Euer Onkel darunter befinden, werden wir ihn in Anbetracht der Gastfreundschaft freilassen und anschließend mit Euch in die Stadt gehen. Was meint Ihr dazu?« Pilger dankte in einem fort, sprach einen Abschiedsgruß und hielt auf die Sandbank zu, indem er das doppelte Passtor durchquerte und über den schmalen Gratweg nach unten kam. Alle Mönche knieten vor ihm nieder, machten Kotau und riefen: »Ehrwürdiger Herr! Keiner von uns hat die Arbeit vernachlässigt, kein Einziger von uns fünfhundert fehlt, wir ziehen alle zusammen den Wagen.« Pilger winkte ab und sagte: »Ihr braucht nicht niederzuknien, habt keine Angst. Ich bin nicht die Aufsicht. Ich komme, um einen Verwandten zu suchen.« Als die Mönche das hörten, kamen sie alle auf ihn zu und umringten ihn, ein jeder streckte den Kopf hervor, hustete, räusperte sich und versuchte sich auf irgendeine Weise erkennbar zu machen. »Wer von uns ist wohl mit Euch verwandt?« fragten sie. Pilger ließ den Blick über die Menge schweifen, dann begann er zu lachen. »Warum lacht Ihr, ehrwürdiger Herr, noch bevor Ihr Euren Verwandten erkannt habt?« »Warum ich lache? Weil aus euch allen nichts geworden ist! Eure Eltern haben euch wohl nur ins Kloster geschickt, weil eure Horoskope ein schlechtes Schicksal verhießen, das die Eltern in Mitleidenschaft ziehen könnte. Weshalb lasst ihr euch eigentlich von den Daoisten knechten, anstatt die Drei Schätze des Buddhismus zu ehren, die Heiligen Schriften zu lesen und eure Sünden mit frommen Gebeten zu tilgen?« »Ehrwürdiger Herr, Ihr beschämt uns!« riefen die Mönche. »Wahrscheinlich kommt Ihr von anderswo her und wisst nicht, wie schlimm es hier zugeht.« »Was ist denn schlimm?« Unter Tränen berichteten die Mönche: »Der König unseres Landes ist ungerecht und unmenschlich. Nur solche wie Ihr, verehrter Herr, sind bei ihm gern gesehen, uns Jünger Buddhas aber verachtet er.« »Wie kommt das?« »Nur weil drei daoistische Unsterbliche hierherkamen, die Wind und Regen machen konnten. Da haben sie uns zu unterdrücken begonnen und den König verleitet, unsere Tempel zu zerstören, uns die Mönchslizenz zu entziehen und uns zu ihren Knechten zu machen. Das Leid ist unerträglich. Es braucht nur irgendein daoistischer Wandermönch durch die Gegend zu kommen, schon wird er ehrerbietig vor den König gebeten und beschenkt. Wenn aber ein buddhistischer Mönch kommt, ganz gleich ob von nah oder fern, dann wird er den Unsterblichen ebenfalls als Knecht verdingt.« »Diese Daoisten müssen über irgendwelche magischen Fähigkeiten verfügen, dass sie den König derart irreführen können«, meinte Pilger. »Wenn sie bloß Regen machen, reicht das doch nicht, das Herz des Herrschers zu bewegen.« »Sie verstehen sich auch aufs Herstellen von Elixieren aus Zinnober und Quecksilber und können Steine zu Gold machen. Nun haben sie einen Tempel zur Verehrung der Drei Reinen erbauen lassen und lesen dort Tag und Nacht daoistische Gebetsschriften, um dem König ewige Jugend zu erbeten. Deshalb hat sich der König derart von ihnen einnehmen lassen.« »So verhält sich das also«, meinte Pilger. »Aber dann lauft doch alle davon!« »Ehrwürdiger Herr, das geht nicht. Diese Unsterblichen haben vom König die Erlaubnis erhalten, von uns allen ein Abbild festzuhalten, das überall im Lande aufgehängt wurde. Die Grenzen unseres Landes sind weit gesteckt, und nun hängt in jedem Distrikt, jeder Präfektur, jeder Gemeinde, jedem Kreis und jedem Dorf so ein Bild. Darauf steht in der persönlichen Handschrift des Kaisers: ›Wer einen Mönch überführt, wird belohnt: Beamte erhalten eine Erhöhung um drei Amtsränge, Privatpersonen fünfzig Silberlinge.‹ Deshalb ist es uns unmöglich zu fliehen. Es bleibt uns nichts anderes, als diese Mühsal zu ertragen.« »Dann wäre es ja besser, den Tod zu suchen.« »Ehrwürdiger Herr, viele von uns sind schon gestorben. Einschließlich der Mönche, die von außerhalb dazugekommen sind, waren wir einst mehr als zweitausend! Doch in diesem schrecklichen Elend sind fast siebenhundert ums Leben gekommen; an die achthundert suchten freiwillig den Tod. Nur uns verbleibenden fünfhundert ist es nicht möglich zu sterben.« »Was heißt da ›nicht möglich‹?« »Wenn sich einer erhängen will, so reißt der Strick, wenn sich jemand in die Kehle schneiden will, bleibt er unverletzt, wer in den Fluss springt, bleibt an der Oberfläche, und wer sich vergiften will, bleibt unversehrt.« »Das ist doch ein Glück, der Himmel beschert euch ein langes Leben!« rief Pilger. »Ach, ehrwürdiger Herr, Ihr müsst ein Wort ändern: Ein langes Leiden! Zu allen drei Mahlzeiten erhalten wir nichts als dünne Reissuppe aus Rohreis, und abends müssen wir hier auf der Sandbank schlafen. Doch kaum schließen wir die Augen, werden wir von Göttern beschützt.« »Was denn für Götter?« »Es sind die sechs Ding- und die sechs Jia-Götterkrieger und die Schutzgötter der Klöster. Sobald es Nacht wird, sind sie hier und beschützen uns. Im Traume ermahnen sie uns, nicht den Tod zu suchen, sondern uns noch so lange der Mühsal zu beugen, bis ein Heiliger aus dem großen chinesischen Kaiserreich im Osten auf seinem Weg in den Westen hier vorbeikäme. Er habe einen Schüler, den Himmelsebenbürtigen Großen Heiligen, der immense Zauberkräfte besäße, sich ganz dem Wirken guter Taten verschrieben habe und den Menschen auf Erden Unrecht vergelten helfe. Sie trösten uns immer, wir sollten einfach auf seine Ankunft warten, er würde dann die Daoisten vertreiben, so dass wir uns wieder unserer buddhistischen Lehre widmen könnten.« Pilger lachte still in sich hinein: »Denk bloß nicht, es mangelte An Talent dem alten Sun; Schon bevor ich hier erscheine, Künden Götter meinen Ruhm!« Schnell verabschiedete er sich und ging zurück zu den beiden Daoisten, die vor dem Stadttor warteten. »Und, werter Herr, wer ist Euer Verwandter?« fragten sie. »Alle fünfhundert sind mit mir verwandt!« erwiderte Pilger. Die beiden lachten ungläubig und sagten: »Ihr könnt doch nicht so viele Verwandte haben?« Pilger erklärte: »Hundert sind meine Nachbarn rechter Hand, hundert meine Nachbarn linker Hand, weitere hundert gehören der Familie meines Vaters an, hundert der Familie meiner Mutter, und die restlichen hundert sind eng mit mir befreundet. Falls ihr bereit seid, alle fünfhundert freizulassen, werde ich mit euch in die Stadt gehen. Wenn nicht, komme ich nicht mit.« »Ihr müsst verrückt geworden sein, dass Ihr auf einmal solchen Irrwitz redet«, meinten die Daoisten. »Gemäß königlichem Befehl müssen wir, selbst wenn wir bloß einen oder zwei freilassen, ein Krankheitszeugnis abgeben, und erst wenn ein Todeszeugnis vorgelegt werden kann, ist der Fall erledigt. Wie kommt Ihr auf die Idee, alle freizulassen? Das geht gegen jeden Verstand, das ist unmöglich!« »Ihr lasst sie also nicht frei?« fragte Pilger. »Nein«, antworteten sie. Pilger wiederholte seine Frage drei Mal. Da wurde er wütend, riss die Eisenstange aus dem Ohr und streifte sie den Daoisten über die Köpfe. Die beiden gaben sofort den Geist auf. Die Mönche auf der Sandbank hatten aus der Ferne beobachtet, was geschehen war, ließen den Wagen stehen, kamen herbeigelaufen und riefen: »O Unheil, Unheil! Ihr habt Verwandte des Königs erschlagen!« »Wer soll hier mit dem König verwandt sein?« Die Menge umkreiste ihn und rief: »Wenn ihre Meister die Audienzhalle betreten, müssen sie sich vor dem König nicht einmal verbeugen, und wenn sie wieder gehen, brauchen sie sich nicht zu verabschieden. Der König nennt sie die Herren Gebrüder Staatsmeister. Warum müsst Ihr hier ein solches Unheil anrichten? Die Unsterblichen werden behaupten, wir hätten es getan! Was nun? Wir müssen mit Euch in die Stadt, damit Ihr Eure Schuld gesteht.« Pilger aber lachte und rief: »Werte Anwesende, bitte Ruhe! Ich bin kein daoistischer Wandermönch, ich bin Pilger Sun, der Schüler des Heiligen Priesters aus China. Ich bin gekommen, euch zu retten.« »Nein, das kann nicht sein!« riefen die Mönche, »wir wissen, wie jener Herr aussieht.« »Wie wollt ihr das wissen, ihr seid ihm doch noch gar nie begegnet?« »Im Traum ist uns ein Greis erschienen, der sich Abendstern nannte und uns die Gestalt des Pilgers Sun beschrieb, damit wir ihn nicht verkennen.« »Was hat er euch denn gesagt?« »So hat er den Großen Heiligen beschrieben: Seine Stirn ist hoch gewölbt, Goldne Augen funkeln Licht; Rundum ist das Haupt behaart, Mit hohlen Wangen sein Gesicht. Schräge Zähne, spitzer Mund Und ein scharfes Temperament, Noch bizarrer sieht er aus, Als den Donnergott man kennt. Er benutzt als Waffe stets Einen Goldreifstab aus Erz, Stiftete vor langem gar Im Himmelreich Umsturz. Nun geht er den rechten Weg, Behütet einen Priester gut, Zugleich hilft er überall Allen Menschen aus der Not.« Pilger hörte die Verse mit Ärger und Freude zugleich. Dann rief er unvermittelt: »Ja, ihr habt richtig gesehen. Ich bin nicht Pilger Sun, sondern ein Schüler von ihm; habe hier nur gerade ein bisschen ausprobiert, wie man Unheil stiftet. Doch schaut mal dort drüben, da ist doch Pilger Sun!« Während er mit der Hand gen Osten wies und alle Blicke der gezeigten Richtung folgten, nahm er seine eigene Gestalt an. Wie die Mönche ihn nun gewahrten, fielen sie allesamt auf die Knie, verbeugten sich und riefen: »Ehrwürdiger Herr! Mit den Augen gewöhnlicher Sterblicher haben wir Eure Offenbarung nicht erkannt! O bitte, rächt uns und rettet uns aus der Not! Geht baldmöglichst in die Stadt, die bösen Geister zu bezwingen, damit alles wieder ins Reine kommt.« »Kommt mit mir«, sprach Pilger, und die Menge schloss sich ihm an. Der Große Heilige schritt auf die Sandbank zu und zog den Wagen mit einer Magie über die beiden Pässe und den Gratweg, dann hob er ihn hoch und schmetterte ihn zu Boden, dass er zerbrach, und warf die Ziegel und Balken den Hang hinunter. Dann rief er den Mönchen zu: »Nun lauft! Geht mir aus den Augen, bis ich morgen beim König vorgesprochen und die Daoisten besiegt habe.« »Ehrwürdiger Herr«, wandten die Mönche ein, »wir trauen uns nicht wegzugehen. Wir könnten von den Hofbeamten festgenommen werden, dann zögen wir uns so nur noch mehr Unheil zu!« »Nun gut, dann will ich euch einen Schutzzauber mitgeben«, meinte Pilger. Der gute Große Heilige! Er riss sich ein Büschel Körperhaare aus, gab jedem Mönch ein kleines Stückchen davon und hieß sie, es sich unter den Fingernagel des Ringfingers zu stecken, die Faust zu ballen und dann wegzulaufen. »Falls euch jemand fangen will, ballt ihr die Faust und ruft ›Himmelsebenbürtiger Großer Heiliger‹. Dann werde ich auf der Stelle zu Hilfe kommen. Ich garantiere euch, dass im Umfang von 10 000 Meilen keinem von euch etwas zustößt!« Da ballten die kühneren unter den Mönchen sogleich die Faust und riefen leise: »Himmelsebenbürtiger Großer Heiliger!« Schon stand vor ihnen ein Donnergott mit Eisenstange, der so mächtig wirkte, dass selbst eine Armee von Tausenden berittenen Soldaten ihm nichts hätte anhaben können. Und als schließlich über hundert Mönche gleichzeitig den Namen riefen, erschienen mehr als hundert Große Heilige gleichzeitig. Unter Stirnaufschlägen riefen die Mönche: »Ehrwürdiger Herr, es hilft tatsächlich!« »Mit dem Ruf ›Stille!‹ könnt ihr den Zauber stoppen«, fügte Pilger hinzu. Wie die Mönche nun »Stille!« riefen, hatten sie wiederum nichts als ein Stück Haar unter dem Fingernagel. Freudig machten sich die Mönche auf den Weg. »Geht nicht allzu weit weg«, mahnte Pilger, »und seht zu, dass ihr über die Vorgänge in der Stadt auf dem Laufenden bleibt. Sobald ein Edikt verbreitet wird, in dem buddhistische Mönche einbestellt werden, könnt ihr in die Stadt kommen und mir die Haare zurückgeben.« Wie sich die Mönche nun in alle Himmelsrichtungen zerstreuten, sei hier nicht weiter ausgeführt. Wenden wir uns stattdessen Tripitaka und seinen Schülern zu, die lange vergeblich auf Pilger gewartet hatten, so dass Tripitaka schließlich Bajie das Pferd anführen hieß. Während sie weiter gen Westen vorrückten, begegneten sie mehreren davonlaufenden Mönchen. Vor den Mauern der Stadt sahen sie dann Pilger, der sich noch bei einer Gruppe Mönche aufhielt. »Wukong!« rief Tripitaka, »warum bist du so lange fortgeblieben?« Pilger führte die Mönche zu Tripitaka und erzählte ihm, was sich ereignet hatte. Tripitaka erschrak nicht wenig und sagte: »Aber was soll dann aus uns werden?« »Sorgt Euch nicht, ehrwürdiger Herr«, beruhigten ihn die Mönche. »Der Große Heilige Sun verfügt über immense Zauberkräfte, er wird Euch mit Sicherheit gut beschützen. Wir sind Mönche vom Königlichen Kloster der Tiefen Weisheit. Da das Kloster von einem Ahnen des jetzigen Königs errichtet wurde und dessen Statue darin verehrt wird, wurde es nicht abgerissen. Wir bitten die werten Herren, sogleich in die Stadt zu gehen und in unserem einfachen Kloster Quartier zu nehmen. Wartet dort die Morgenaudienz ab, da wird der Große Heilige bestimmt wissen, was zu tun ist.« »So ist es«, sprach Pilger. Nun willigte der Priester ein, stieg vom Sattel und schritt durch das Stadttor. Es dauerte nicht lange, da standen sie vor dem Klosterportal, über dem in goldenen Schriftzeichen die Inschrift prangte: »敕建智淵寺 – Königliches Kloster der Tiefen Weisheit«. Die Mönche stießen das Tor auf, durchschritten die Halle der Schutzgötter und öffneten die Haupthalle. Tripitaka warf sich seine brokatene Robe über und verneigte sich vor dem goldenen Bildnis des Buddha, bevor er eintrat. Nun riefen die Mönche den alten Mönch herbei, der im Kloster Aufsicht hielt. Kaum hatte dieser Pilger erblickt, verbeugte er sich vor ihm und sprach: »Da seid Ihr ja, ehrwürdiger Herr!« »Wisst Ihr denn, wer ich bin?« fragte Pilger. »Ja, der Himmelsebenbürtige Große Heilige. Wir träumen jede Nacht von Euch. Der Abendstern Taibai erscheint mir oft im Traum und sagt, sobald Ihr da wärt, würden wir gerettet. Nun ist es mir tatsächlich gegeben, Euer wertes Antlitz zu erblicken; ach, wie gut!« »Steht auf«, lächelte Pilger, »morgen wird sich zeigen, wie es weitergeht.« Die Mönche bereiteten eine Mahlzeit zu, und Meister und Schüler sättigten sich. Dann wurde die Abtei saubergemacht, und sie legten sich schlafen. Es war schon zur Zeit der zweiten Nachtwache, als der Große Heilige etwas auf dem Herzen hatte, das ihn einfach nicht schlafen ließ. Schließlich vernahm er von irgendwoher Trommel- und Flötenklänge. Leise stand er auf, kleidete sich an, sprang in die Lüfte und hielt Ausschau. Direkt im Süden erspähte er den Schimmer von Kerzen und Lampions. Als er seine Wolke senkte und genauer hinsah, bemerkte er, dass die Daoisten im Tempel der Drei Reinen eine Zeremonie abhielten, in der sie die Sterne um Schutz vor Unheil anbeteten. Zu beiden Seiten des Eingangs waren Banner aus goldgelbem Brokat aufgehängt, auf denen die Verse zu lesen waren: Wind und Regen zur rechten Zeit, Dem König sei Allmacht gelobt! Friede herrsche im ganzen Reich, Dem Herrn langes Leben beschert! Drei ältere Daoisten waren in festliches Ornat gekleidet, und ihnen zur Seite standen an die sieben-, achthundert Menschen, die Trommeln und Glocken schlugen, Weihrauch opferten und Gebete vortrugen. »Am liebsten würde ich gleich runtergehen und mich unter die Menge mischen«, dachte Pilger. »Doch alleine wird das nichts, eine Hand allein gibt keinen Applaus. Da geh ich doch lieber erst mal zurück und hole mir Bajie und Sandmönch, dann können wir uns zusammen vergnügen.« Er senkte die Wolke, ging in die Abtei und rief zuerst Sandmönch wach. »Bruder, schläfst du denn noch nicht?« wunderte sich dieser. »Steh auf!« flüsterte Pilger, »es gibt was Gutes für uns.« »Was soll es denn geben, mitten in der Nacht?« »Es gibt hier tatsächlich einen Tempel der Drei Reinen«, berichtete Pilger, »dort machen die Daoisten gerade eine Zeremonie. In der Halle stehen alle möglichen Opfergaben, Dampfbrote so groß wie Bottiche, Fladenbrote wohl an die sechzig Pfund schwer, zahllose Opferspeisen und frisches Obst. Gehen wir doch hin und bedienen uns!« Bajie, der im Schlaf etwas von Essen gehört hatte, wachte auf und rief: »Bruder, und mir bringst du nichts mit?« »Sei still«, flüsterte Pilger, »sonst wacht der Meister auf. Folgt mir!« Die beiden zogen sich an, schlichen aus der Kammer und stiegen mit Pilger zu den Wolken empor, direkt auf den Tempel zu. Kaum hatte der Tölpel die Lichter erblickt, wollte er schon hinuntergehen, doch Pilger hielt ihn zurück. »Nur mit der Ruhe!« mahnte er. »Warten wir, bis alle gegangen sind, vorher können wir nicht runtergehen.« Dann legte er die Finger aneinander, murmelte einen Zauberspruch, holte aus der Richtung des Wind-Trigramms Xun einen tiefen Atemzug und stieß die Luft zum Tempel hin aus. Schon brauste ein Sturmwind über die Halle der Drei Reinen und fegte sämtliche Blumenvasen, Kerzenständer und die an den Wänden aufgehängten Dankesflaggen zu Boden. Alle Lichter erloschen, und die Daoisten zitterten vor Furcht. »Jünger, lasst uns abbrechen und gehen«, schlug der Tiger- Unsterbliche vor. »Dieser Götterwind hat ja alle Lichter ausgelöscht. Morgen können wir dafür ein paar Gebetsschriften zusätzlich lesen.« Tatsächlich verließen die Daoisten den Tempel. Pilger aber führte Bajie und Sandmönch nun in die Halle der Drei Reinen, wo sich der Tölpel sofort ein Gebäck ins Maul steckte. »Sei doch nicht so kleinlich!« versetzte Pilger, »setzen wir uns anständig hin und essen, wie es sich gehört.« »Unverschämt«, brummte Bajie, »da stiehlt er das Essen und will auch noch anständig sein! Wie sollten wir uns denn verhalten, wenn wir die Sachen geschenkt bekämen?« Pilger aber fragte: »Was für Statuen sind das?« »Die Drei Reinen, kennst du die denn nicht?« rief Bajie. »Welche Drei Reinen?« »Der Himmlische Ehrwürdige des Uranfangs, der Himmlische Ehrwürdige des Magischen Juwels und der Höchste Alte Meister Laozi!« »Wir müssen uns in deren Gestalt verwandeln. Nur so können wir die Sachen in Ruhe genießen.« Bajie, dem die Düfte der Opfergaben in die Nase stiegen, dass er nur noch ans Essen dachte, kletterte auf den Altar, stieß die Statue des Laozi mit der Schnauze vom Sockel und sagte: »Na, alter Herr, hier habt Ihr lange genug gesessen, lasst mich alten Eber ein Weilchen sitzen.« Bajie verwandelte sich also in Laozi, Pilger in den Himmlischen Ehrwürdigen des Uranfangs und Sandmönch in den Himmlischen Ehrwürdigen des Magischen Juwels. Die Statuen aber stießen sie alle zu Boden. »Bruder«, bemerkte Pilger, »falls nun einer der Daoisten vorbeikommt und die Statuen am Boden sieht, verraten wir uns doch. Versteck sie irgendwo.« »Ich kenne mich hier nicht aus, wo soll ich sie verstecken?« fragte Bajie. »Als wir hereingekommen sind, habe ich rechter Hand einen großen Teich gesehen«, erinnerte sich Pilger, »stoß sie einfach dort hinein.« Tatsächlich sprang der Tölpel vom Altar, buckelte die drei Statuen auf und warf sie draußen ins Wasser. Dann schritt er zur Halle zurück und nahm wieder die Gestalt des Laozi an. Nun setzten sich alle drei nieder und machten sich genüsslich über die Speisen her. Pilger aß nur ein paar Früchte, die beiden anderen hingegen machten sich über die Gaben her wie ein Orkan, der die Wolken verweht. Am Ende war alles aufgefressen. Doch lasst uns an dieser Stelle von einem jungen Daoisten berichten, der sich bereits im Korridor im Ostflügel schlafen gelegt hatte, als ihm plötzlich in den Sinn kam, dass er seine kleine Glocke in der Haupthalle hatte liegenlassen. Sofort eilte er in die Halle und tastete nach seiner Glocke, bis er sie endlich gefunden hatte. Als er sich zum Gehen wandte, war ihm auf einmal, als höre er ein Atemgeräusch. Von Entsetzen gepackt lief er aus der Halle, da trat er auf einen Litschikern und fiel der Länge nach zu Boden. Es gab ein helles Klirren, und die Glocke war entzwei. Bajie konnte sich nicht halten und lachte laut heraus. Dem jungen Daoisten wollten sämtliche Seelen aus dem Leib fahren; stolpernd rannte er zur Abtei, polterte an die Tür und rief: »Meister! Ein Unheil!« Die drei Daoisten öffneten und fragten: »Was ist?« Zitternd vor Angst berichtete er: »Euer Jünger war eben in der Halle, um die Handglocke zu suchen, da hat dort jemand laut gelacht. Ich bin fast gestorben vor Schreck!« »Bringt Laternen!« befahl der alte Daoist, »schauen wir nach, was für ein Ungeheuer sich dort versteckt hat.« Mit einem lauten Befehl weckte er alle Daoisten, die in den Seitenflügeln Nachtruhe hielten, worauf Alt und Jung aufstand, Licht anzündete und in die Halle strömte. Und da wir nicht wissen, wie das nun werden sollte, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第045回 / 45. Kapitel Im Tempel der Drei Reinen gibt der Große Heilige Namen an / Im Land der Trägen Wagen zeigt der Affenkönig Zauberkraft Lasst uns nun berichten, wie der Große Heilige mit der linken Hand Sandmönch zwickte und mit der rechten Bajie, was die beiden sofort begriffen, worauf sie stumm und mit erstarrten Gesichtern aufrecht auf ihren Sockeln thronten. Wie sehr die Daoisten auch von hinten und vorn mit Laternen und Fackeln leuchten mochten, die drei blieben starr und steif wie vergoldete Lehmstatuen. »Keine Übeltäter zu finden«, meinte Tigerkraft schließlich. »Doch wie kommt es, dass alle Opfergaben aufgegessen sind?« »Es sieht wirklich aus, als wären sie von Menschen gegessen worden. Das Obst ist geschält worden und die Kerne ausgespuckt«, meinte Hirschkraft, »doch warum können wir niemanden auffinden?« »Brüder«, sprach Widderkraft, »es steht außer Zweifel, unsere frommen Gebete müssen den Himmel so gerührt haben, dass die Drei Reinen niedergestiegen sind, um unsere Opfergaben anzunehmen. Bei dieser Gelegenheit müssen wir die Götter unbedingt um heiliges Wasser und Goldelixier bitten, das wird uns im Palast als Verdienst angerechnet!« »Gute Idee«, pflichtete Tigerkraft bei. Er befahl den Jüngern, Musik zu machen und Gebete anzustimmen, holte seine festlichen Roben und meinte: »Ich werde jetzt den Gang des Siebengestirns ausführen.«266 Die Jünger stellten sich also in ordentlichen Reihen auf, ein heller Klang gab den Auftakt zur Zeremonie, worauf alle im Chor die »Wahre Schrift des Weges und der Kraft vom Gelben Palast« rezitierten. Tigerkraft warf sich die Festrobe über, nahm eine auf Jade geschriebene Gebetsformel zur Hand und vollführte mit gewichtigen Schritten und rituellen Verbeugungen eine ausführliche Gebetszeremonie, mit der er um Goldelixier und heiliges Wasser bat, um es bei Hofe darzubringen. Als Bajie die Gebete hörte, klopfte ihm das Herz bis zum Hals, und er flüsterte Pilger zu: »Das ist unser Fehler! Wir haben die Sachen aufgegessen und uns nicht rechtzeitig aus dem Staub gemacht. Wie sollen wir jetzt reagieren, wenn die eine solche Zeremonie veranstalten?« Pilger zwickte ihn abermals, dann begann er plötzlich zu sprechen: »Werte junge Unsterbliche, haltet inne! Wir kommen gerade vom Pfirsichfest und haben weder Goldelixier noch heiliges Wasser dabei. Ein andermal wollen wir euch gern davon bescheren.« Als all die daoistischen Jünger die Statue sprechen hörten, schlotterten sie am ganzen Leib und riefen: »Meister, die leibhaftigen Himmlischen auf Erden! Diese Gelegenheit dürfen wir nicht ungenutzt lassen, wenigstens um einen Unsterblichkeitszauber müssen wir sie doch bitten!« Da trat Hirschkraft vor, verneigte sich abermals und sprach: »Ihr müsst uns unbedingt etwas heiliges Wasser hinterlassen, dass eure Jünger ihr Leben verlängern können!« Sandmönch zwickte Pilger und flüsterte: »Bruder, die lassen nicht ab, jetzt fangen sie schon wieder an zu beten!« »Dann geben wir eben was«, meinte Pilger. Nachdem Flöten und Trommeln verklungen waren, ergriff Pilger wieder das Wort und sprach: »Junge Unsterbliche! Ihr braucht euch nicht zu verneigen. Zwar wollten wir kein heiliges Wasser geben, doch steht zu befürchten, dass so unsere Nachfahren aussterben. Euch davon zu geben ist uns ein Leichtes.« Da warfen sich die Daoisten allesamt vor ihnen nieder, schlugen die Stirn auf den Boden und riefen: »Inständig bitten wir die Himmlischen, in Anbetracht unserer Verehrung uns mit ein bisschen heiligem Wasser zu beglücken! Wir, eure Jünger, verbreiten die gute Tugend überall und haben sogar den König veranlasst, sich zur Lehre des Mysteriums des Daoismus zu bekehren!« »Dann bringt nun Gefäße«, sprach Pilger. Dankbar verneigten sich alle Daoisten. Seht euch nun die Großen Unsterblichen an! Der eine kam mit einem Bottich, der andere trug einen Steinguttopf heran, der dritte riss die Blumen aus einer Vase und stellte diese zu den anderen Gefäßen in die Mitte. »Geht nun alle nach draußen und schließt die Fenster«, wies Pilger an, »das himmlische Geheimnis darf nicht verraten werden.« Die Daoisten taten wie geheißen und knieten alle draußen vor der Treppe nieder. Da richtete sich Pilger auf, streifte seine Schürze aus Tigerfell beiseite und pisste in die Vase. »Schön«, lachte Bajie, »das wollte ich doch grad mal!« Der Tölpel krempelte sein Gewand hoch, und schon rauschte es wie der Wasserfall am Lüliang-Berg in den Steinguttopf, bis er randvoll war. Auch Sandmönch füllte einen halben Bottich. Anschließend setzten sie sich wie zuvor als Statuen nieder, und Pilger rief: »Junge Unsterbliche, das heilige Wasser steht bereit!« Die Daoisten stießen das Tor auf, dankten unter tiefen Verbeugungen, trugen dann den Krug, die Vase und den Topf nach draußen und befahlen ihren Jüngern, Trinkschalen zu bringen. Tigerkraft schöpfte eine Schale und leerte sie in kleinen Schlucken, dann schürzte er die Lippen und rieb sich den Mund. »Schmeckt es, Bruder?« fragte Hirschkraft. »Nicht besonders«, gab Tigerkraft zur Antwort, »etwas säuerlich herb, wie verdorbener Wein.« Widderkraft kostete ein paar Schlucke und meinte: »Das riecht übel, wie Schweinepisse.« Als Pilger auf dem Altar diese Worte hörte, wusste er, dass sie durchschaut worden waren, und flüsterte: »Ich lasse sie doch einfach unsere Namen wissen!« Dann rezitierte er laut: »Daoisten, Daoisten! Wie seid ihr doch irr! Glaubt, die Drei Reinen Kämen hierher? Die wahren Namen267 Will ich euch weisen: Mönche aus China, Die westwärts reisen, Kamen zum Tempel In nächtlichen Stunden; Erfreuten sich köstlich An dem, was sie fanden. Das Bitten und Beten, Wer könnt’ es vergüten? Das war doch kein heiliges Wasser, Was ihr getrunken habt, war Pisse!« Die Daoisten bewehrten sich mit Rechen und Besen, Ziegeln und Steinen und schleuderten alles blindlings in die Halle. Als die Daoisten das hörten, riegelten sie das Tor ab, bewehrten sich mit Rechen und Besen, Ziegeln und Steinen und schleuderten alles blindlings in die Halle. Der gute Pilger aber packte mit der Linken Sandmönch, mit der Rechten Bajie und stürmte mit ihnen durchs Portal ins Freie, wo sie auf einem glückverheißenden Lichtstrahl in die Höhe stiegen, zurück in den Tempel der Tiefen Weisheit. Auf leisen Sohlen, um den Meister nicht zu wecken, gingen sie wieder in die Abtei und legten sich schlafen. Bald schlug es ein Viertel nach der fünften Nachtwache, der König begab sich zur Morgenaudienz vor den versammelten zivilen und militärischen Ministern. Zur selben Zeit stand Tripitaka auf und rief: »Schüler, begleitet mich zum Palast, damit wir unser Reisedokument vorlegen können!« Pilger, Sandmönch und Bajie folgten ihrem Meister zum großen Eingangstor vor den Königspalast, wo sie den Torwächter höflich begrüßten, ihre Namen nannten und um Audienz baten. Als der König die Meldung erhielt, rief er: »Müssen diese Mönche unbedingt hier den Tod suchen? Warum sind sie nicht längst von der Polizei festgenommen worden?« Da trat der Große Präzeptor vor, verneigte sich und sprach: »Das Kaiserreich China liegt auf dem südlichen Kontinent Jambudvipa, 10 000 Meilen von hier entfernt. Das Schicksal muss ihnen besonders gewogen sein, möge Eure Majestät ihnen vorerst Zutritt gewähren, ihre Dokumente beglaubigen und sie ziehen lassen, nicht dass wir gute Verbindungen brechen.« Der König willigte ein und ließ die Mönche vortreten. Meister und Schüler stellten sich vor der Treppe nebeneinander in eine Reihe und ließen ihren Reisepass dem König überreichen. Der hatte das Papier gerade auseinandergefaltet, als abermals eine Meldung vom Torwächter kam: »Die drei Staatsmeister sind da!« Rasch steckte der König das Dokument zu sich, befahl seinen Leibdienern, prachtvolle Hocker bereitzustellen, und empfing die Staatsmeister unter Verneigungen. Tripitaka und seine Schüler blickten nach hinten und sahen nun die drei Großen Unsterblichen mit gravitätischen Schritten geradewegs auf die Halle zuschreiten, gefolgt von zwei jungen Tempelknaben. Alle Beamten schlugen die Blicke nieder und machten tiefe Verbeugungen. Nun traten sie in die Audienzhalle, ohne sich vor dem König auch nur einmal zu verneigen. »Werte Staatsmeister«, hub der König an, »wie kommt es, dass ihr mich mit eurem Besuch beehrt, ohne dass ich nach euch geschickt habe?« Der älteste der drei Daoisten sprach: »Wir sind gekommen, Euch etwas zu berichten. Woher kommen diese Mönche?« »Es sind Schriftenholer aus dem chinesischen Kaiserreich im Osten; sie reisen in den Westen und wollen ihren Reisepass abstempeln lassen.« Da klatschten die Daoisten in die Hände, stimmten ein Gelächter an und riefen: »Wir dachten schon, die hätten sich aus dem Staub gemacht, nun sind sie tatsächlich noch hier!« Erschrocken fragte der König: »Was habt ihr mir zu berichten? Diese Mönche haben mir eben erst ihre Namen genannt, und eigentlich wollte ich sie euch, werte Staatsmeister, gerade zur Verfügung stellen. Allein weil die Einsprache unseres Großen Präzeptors, sie in Anbetracht ihrer fernen Herkunft ziehen zu lassen, vernünftig schien, habe ich ihnen Audienz gewährt, um ihre Papiere zu begutachten. Dass die werten Staatsmeister danach fragen würden, hätte ich nicht gedacht. Sicherlich haben sie euch beleidigt oder sich vor eurem werten Antlitze ungebührend verhalten?« Lachend erwiderten die Daoisten: »Majestät, Ihr müsst wissen, was sich zugetragen hat. Gestern sind diese Mönche hierhergekommen und haben vor dem Stadttor zwei unserer Jünger erschlagen. Dann haben sie die fünfhundert buddhistischen Frondienstler freigelassen und den Wagen zerstört. Diese Nacht sind sie sogar in unseren Tempel eingedrungen, haben die Statuen der Drei Reinen zerstört und heimlich die königlichen Opfergaben gefressen. Im frommen Glauben, es wären die Himmlischen auf Erden gekommen, haben wir sie um heiliges Wasser und Elixier gebeten, um Eurer Majestät davon darbringen zu können. Sie aber haben uns schmählich betrogen und stattdessen Urin hinterlassen. Als wir sie gerade festnehmen wollten, haben sie sich aus dem Staub gemacht. Dass sie sich heute noch immer hier aufhalten, bestätigt nur das Sprichwort: ›Erzfeinde laufen sich leicht übern Weg‹!« Erzürnt wollte der König sogleich alle vier zum Tode verurteilen. Da rief der Große Heilige mit lauter Stimme: »Wollen Eure Majestät den donnergleichen Zorn besänftigen und uns erlauben, uns dazu zu äußern! Es wird behauptet, wir hätten gestern vor dem Stadttor zwei Daoisten erschlagen. Wer aber kann dies bezeugen? Wir wollen einstweilen die Anschuldigung auf uns nehmen, also lasst zwei von uns für das Leben jener Jünger büßen, so dass noch zwei auf Schriftensuche gehen können. Des Weiteren wird behauptet, wir hätten den Karren zerschlagen und die Mönche freigelassen, doch auch das bleibt ohne Zeugen, kann also kaum mit dem Tod bestraft werden. Es sei damit getan, dass ein weiterer von uns dafür Buße tut. Schließlich wurde uns vorgehalten, wir hätten die Statuen der Drei Reinen zerstört und den Tempel verwüstet, doch wir sind ja eben erst aus dem fernen Osten angekommen, wie sollen wir wissen, was in deren Tempel vor sich geht? Und wenn wir schon Urin gegeben haben sollen, hätten sie uns auf der Stelle festnehmen müssen, statt uns nun hier bloß dem Namen nach Schuld zuzuweisen. Auf Erden gibt es unzählige, die unter falschem Namen agieren, wie kann man also ohne weiteres behaupten, wir seien es wirklich gewesen? Mögen Eure Majestät sich noch mal besinnen und die Sache gründlich untersuchen!« Der König, der an sich wankelmütig war, wusste auf Pilgers Worte gar nicht mehr, was er beschließen sollte. Während er noch unschlüssig zögerte, kam abermals eine Meldung des Torwächters: »Majestät, vor den Toren bitten diverse Dorfälteste um Audienz.« Der König ließ sie umgehend vorladen. Es waren an die vierzig alte Männer, die nun vor dem Thron Kotau machten und ihre Bitte vorbrachten: »Majestät, dieses Jahr ist im ganzen Frühjahr der Regen ausgeblieben. Wir befürchten, dass nun auch die Sommermonate Dürre bringen. Darum sind wir eigens gekommen, die ehrwürdigen Staatsmeister zu bitten, unser Volk mit einem fruchtbaren Regenguss aus der Not zu retten.« »Verstanden«, sprach der König. Dann wandte er sich an Tripitaka und sagte: »Ihr Mönche aus China, wisset, aus welchem Grunde ich die Daoisten verehre und die Buddhisten unterdrücke: Es ist, weil wir einst um Regen beten ließen, die Buddhisten aber keinen Tropfen erbeten konnten. Erst als uns der Himmel unsere Staatsmeister sandte, wurden wir aus der Not gerettet. Nun kommt ihr aus der Ferne hierher und habt unsere Staatsmeister gekränkt, dafür müssten wir euch eigentlich verurteilen. Doch falls ihr bereit seid, im Wettstreit mit den Daoisten Regen zu machen, will ich euch die Strafe vorerst erlassen. Gesetzt den Fall, ihr seid erfolgreich, so will ich euch den Reisepass geben und euch laufenlassen. Falls aber kein Regen fällt, werdet ihr auf der Stelle vor Gericht geführt und öffentlich zum Tode verurteilt.« Pilger lachte und meinte: »Nun, ich geringer Mönch verstehe mich auch ein bisschen aufs Regenmachen.« Da befahl der König, den Altarplatz sauberzumachen, und ließ die königliche Sänfte bereitstellen. »Ich werde die Zeremonie persönlich vom Phönixturm am Palasttor mitverfolgen.«268 Sogleich stellten mehrere Hofdiener die Sänfte bereit und führten den König flugs zu seinem Thronsitz auf dem Phönixturm. Tripitaka aber stellte sich mit Pilger, Sandmönch und Bajie davor auf, während die drei Daoisten den König nach oben begleiteten. Es dauerte nicht lange, da sprengte ein Beamter zu Ross heran und meldete: »Alle Vorbereitungen sind abgeschlossen, mögen die Herren Staatsmeister den Altar besteigen.« Mit einer leichten Verbeugung verabschiedete sich Tigerkraft vom König und ging nach unten. Pilger aber stellte sich ihm in den Weg und fragte: »Wohin des Wegs, werter Herr?« »Zum Altar, um Regen zu erbitten.« »Ihr seid aber selbstsüchtig! Mönchen aus fernen Landen lasst ihr nicht mal den Vortritt«, rief Pilger, meinte dann: »Nun, so ist es eben: ›Auch ein starker Drache kriegt eine eingefleischte Schlange nicht unter.‹ So geht voran, mein Herr. Allerdings solltet Ihr vor dem Herrscher noch eine Vorrede halten.« »Was für eine Vorrede?« wunderte sich der Unsterbliche. »Nun, wir werden ja beide gleichzeitig auf dem Altar stehen, wie soll man wissen, ob der Regen von Euch kommt oder von mir? So wird nicht klar, wem das Verdienst zusteht. Wenn wir dann beiderseits bloß Behauptungen aufstellen, wird das keine rechte Sache. Erst wenn die Frage im Voraus geklärt ist, können wir beginnen.« Da meinte der Große Unsterbliche: »Bei meiner Zeremonie braucht Ihr nur auf meinen Befehlsstab zu achten: Beim ersten Schlag kommt der Wind, beim zweiten ziehen die Wolken auf, beim dritten folgen Blitz und Donner, beim vierten wird Regen fallen. Und mit dem fünften Schlag lösen sich Wolken und der Regen wieder auf.« »Wunderbar!« lachte Pilger, »so was haben wir Mönche noch nie miterlebt. Dann fangt mal an, bitte sehr!« Gewichtigen Schrittes ging der Unsterbliche voran, Tripitaka und seine Schüler folgten ihm nach. Beim Eingang zum Altar sahen sie eine über drei Klafter hohe Tribüne, bei der links und rechts Banner mit den Symbolen der achtundzwanzig Himmelshäuser eingesteckt waren. Oben auf der Plattform stand ein Tisch mit Kerzen und einem Weihrauchgefäß, bei dem eine goldene Tafel lehnte, auf die der Name des Donnergottes eingekerbt war. Vor dem Tisch waren fünf große Tröge angeordnet, die bis obenauf mit klarem Wasser gefüllt waren; darauf schwammen Weidenzweige, die eiserne Täfelchen trugen, auf denen in ornamentalen Symbolen die Namen der himmlischen Abteilungen für Donner geschrieben standen. Links und rechts standen fünf Pfähle, die mit den Namen der Donnerboten der fünf Himmelsrichtungen beschriftet waren. Neben jedem Pfahl standen zwei Daoisten mit Hämmern, die den Befehl abwarteten, auf die Pfähle zu schlagen. Hinter der Plattform waren zahlreiche Daoisten mit dem Schreiben von Gebetsformeln beschäftigt, und genau in der Mitte stand ein Gefäß zum Verbrennen der Gebetssprüche bereit. Außerdem gab es mehrere Figuren, welche Gebetsboten sowie lokale Erd- und Schutzgeister darstellten. Nun schritt der Große Unsterbliche hinein und betrat die Plattform. Ihm zur Seite war ein junger Daoist, der auf gelbes Papier geschriebene Gebetsformeln und ein Schwert bereithielt, das er dem Unsterblichen nun überreichte. Da begann dieser mit dem Schwert in der Hand magische Formeln zu murmeln und verbrannte eines der Gebetspapiere über einer Kerze. Von unten kamen nun zwei, drei Daoisten, nahmen eine der Gebetssprüche haltenden Figuren und einen Schriftbogen und ließen beides ebenfalls in Flammen aufgehen. Jetzt hörte man oben den hellen Klang des Befehlsstabs, und schon konnte man sehen, wie am Himmel der Wind heranbrauste. »Schlimm, schlimm!« brummte Bajie, »diese Daoisten haben tatsächlich was drauf! Kaum schlägt er mit dem Befehlsstab, kommt auch schon der Wind.« »Sei still, Bruder«, flüsterte ihm Pilger zu, »sprecht ab jetzt nicht mehr mit mir; ich gehe die Sache mal anpacken.« Der gute Große Heilige! Schon zupfte er sich ein Haar aus, das er in seine Gestalt verwandelte und neben Tripitaka stellte. Seinen wahren Körper aber ließ er als Urgeist aufsteigen, schnellte in die Lüfte und schrie: »Wer ist hier für den Wind zuständig?« Sofort schürzte die Windmutter ihren Windsack, Xun der Windgeist schnürte sein Seil, und beide kamen Pilger zur Begrüßung entgegen. »Ich beschütze den Heiligen Priester aus dem chinesischen Kaiserreich auf seinem Weg in den Westen«, erklärte Pilger, »im Moment muss ich gerade gegen dämonische Daoisten einen Wettstreit im Regenmachen gewinnen. Wie könnt ihr bloß den anderen helfen statt mir altem Sun? Die Strafe sei euch erlassen, doch stellt sofort den Wind ein! Und wenn ich auch nur den geringsten Wind um die Bärte jener Daoisten spielen sehe, kriegt jeder von euch zwanzig Stockschläge!« »Wir werden es nicht riskieren«, beeilte sich die Windmutter zu sagen, und schon erfolgte kein Windhauch mehr. Unten stand der Unsterbliche mit dem Befehlsstab in der Hand, verbrannte abermals Gebetssprüche und ließ aufs Neue seinen Befehlsstab erklingen. Schon zogen sich am Himmel dicke Wolken zusammen. »Wer ist hier für die Wolken zuständig?« schrie Pilger. Erschrocken schwebten der Wolkenknabe und der Nebelherr heran und grüßten ihn höflich. Pilger wiederholte, was er eben den Windgöttern gesagt hatte. Da zogen auch Wolkenknabe und Nebelherr ihre Wolken wieder ein, dass die Sonne wie zuvor vom Himmel strahlte und am ganzen Himmel kein Wölkchen zu sehen war. Der Daoist wurde nervös. Mit dem Schwert löste er sich die Haare, murmelte Zaubersprüche, verbrannte Gebetspapiere, und schließlich folgte der dritte Schlag mit dem Befehlsstab. Am Südlichen Himmelstor erschien nun Himmelsherr Deng mit dem Donnergott und der Blitzmutter, die Pilger höflich begrüßten. Pilger wiederholte seine Ausführungen und schloss mit den Worten: »Warum führt ihr eigentlich diese Befehle so beflissen aus? Um was für eine Magie handelt es sich?« »Der Fünf-Donner-Zauber dieser Daoisten ist echt!« gab der Himmelsherr zur Antwort. »Ihre Dokumente dringen bis zum Jadekaiser, daher sind wir beauftragt worden, Donner, Blitz und Regen zu bringen.« »Nun, dann haltet erst mal inne und wartet auf meine Anweisungen«, beschied Pilger. Tatsächlich war nun kein Donner zu hören, und keine Blitze zuckten vom Himmel. Die Daoisten wurden immer unruhiger, verbrannten noch mehr Weihrauch und noch mehr Gebetssprüche, rezitierten ihre Zauberformeln, und schließlich erklang der vierte Schlag. Da waren auch schon die Drachenkönige der vier Meere am Himmel. Pilger rief ihnen zu: »Ao Guang, wohin des Wegs?« Ao Guang und seine Brüder traten ihm mit höflicher Begrüßung entgegen. Pilger schilderte auch ihnen die Lage und sagte: »Neulich, als ihr eingesprungen seid, haben wir leider keinen Erfolg gehabt. Nun hoffe ich, dass ihr mir auch heute wieder beisteht.« »Zu Befehl!« sprachen die Drachenkönige. Nun wandte sich Pilger dankend an Ao Shun und sprach: »Neulich wurde mein Meister dadurch gerettet, dass Euer werter Prinz den Unhold einfing.« »Der Schuft ist immer noch im Meer eingesperrt. Wir haben uns nicht getraut, aus eigenem Gutdünken zu handeln, eben wollte ich Euch fragen, Großer Heiliger, was wir mit ihm tun sollen.« »Macht mit ihm, was ihr wollt«, versetzte Pilger, »doch steht mir heute bitte noch mal bei! Die Zeremonie der Daoisten ist nämlich schon abgeschlossen, nun komme ich alter Sun an die Reihe. Doch ich verstehe mich überhaupt nicht auf Zauberformeln, Spruchzettel und Befehlsstab. Da müsst ihr mir helfen.« »Wer könnte es wagen, sich dem Befehl des Großen Heiligen zu widersetzen!« sprach Himmelsherr Deng. »Allein, irgendein Zeichen brauchen wir schon, damit wir wissen, wann die Befehle auszuführen sind. Wenn Donner und Regen durcheinandergeraten, wird es den Anschein machen, ihr hättet keine rechten Regeln.« »Nun gut, ich werde euch mit meiner Stange ein Signal geben«, meinte Pilger. »Sobald ihr seht, dass ich die Stange hochhebe, bringt ihr Wind.« »Machen wir!« beeilten sich die Windmutter und der Windgeist Xun zu antworten. »Wenn ich sie zum zweiten Mal hochhebe, müssen Wolken aufziehen.« »Wolken aufziehen, machen wir«, versicherten Wolkenknabe und Nebelherr. »Beim dritten Mal müssen Blitz und Donner folgen.« »Zu Diensten, zu Diensten«, antworteten der Donnergott und die Blitzmutter. »Beim vierten Mal muss Regen fallen.« »Zu Befehl, zu Befehl«, sprachen die Drachenkönige. »Und beim fünften Mal soll die Sonne wieder hell am klaren Himmel stehen«, schloss Pilger. »Dass ihr mir ja nichts verpasst!« Nun senkte Pilger seine Wolke, holte sein Haar an den Körper zurück und rief laut: »Bitte, mein Herr! Vier Schläge sind verklungen, und kein bisschen Regen ist gefallen. Nun lasst mich auftreten!« Der Unsterbliche musste wohl oder übel die Plattform verlassen. Unzufrieden schürzte er die Lippen und begab sich umgehend zum König auf den Turm. Pilger folgte ihm und hörte, wie der König fragte: »Ich habe hier aufmerksam zugehört: Vier Mal tönte der Befehlsstab, doch warum ist kein Tropfen Regen gefallen?« »Heute sind die Drachenkönige nicht zu Hause«, gab der Unsterbliche zur Antwort. Da mischte sich Pilger ein und rief laut: »Majestät, alle Drachenkönige sind zu Hause, nur wirkt die Magie dieses Staatsmeisters nicht, darum kann er sie nicht herbitten. Seht nun zu, wie wir Buddhisten das machen!« »Dann geht gleich auf die Tribüne, ich warte hier auf den Regen«, sprach der König. Flugs wandte sich Pilger um und kam zum Altar, wo er Tripitaka am Ärmel packte und sagte: »Meister, steigt auf die Plattform!« »Aber mein Schüler!« wehrte dieser ab, »ich kann doch keinen Regen herbeibeten.« »Das nicht, aber Ihr könnt ein Sutra lesen.« Zögerlich willigte der Priester ein und schritt auf den Altar, wo er sich aufrecht hinsetzte, seinen Geist sammelte und innerlich das Herz-Sutra aufsagte. Da sprengte ein Beamter zu Pferd heran und fragte: »Warum benutzt ihr keinen Befehlsstab und verbrennt keine Gebetssprüche?« »Das ist nicht nötig«, rief Pilger, »wir beten in der Meditation.« Der Beamte meldete die Antwort dem König. Als Pilger merkte, dass der Meister mit dem Sutra zu Ende war, nahm er seine Stange aus dem Ohr, schwang sie in den Wind und wies damit in den Himmel. Brausend fegte ein Sturmwind heran, der in der ganzen Stadt Ziegel, Staub und Steine mit sich riss; es war ein so gewaltiger Orkan, wie man ihn noch nie gesehen hatte. Pilger zeigte von neuem mit der Stange zum Himmel, da zogen dichte Nebelschwaden auf, und finstere Wolken ballten sich zusammen. Kaum hatte Pilger zum dritten Mal mit der Stange nach oben gezeigt, krachten Blitz und Donner, dass man hätte meinen können, es würden ganze Berge einstürzen. Die Bewohner der Stadt waren so verängstigt, dass alle Räucherwerk und Opfergeld verbrannten. »He, alter Deng!« rief Pilger in den Himmel, »sucht mir sorgfältig eine Anzahl korrupter Beamter und missratener Söhne und schlagt sie mit Blitzen, zur Warnung für das Volk!« Immer lauter grollte der Donner, Pilger aber hielt nun seine Stange ein viertes Mal in die Höhe, da prasselte ein heftiger Regenguss nieder, der den ganzen Vormittag über bis zum Mittag anhielt. Straßen und Gassen der Stadt waren voller Wasser. Schließlich befahl der König: »Genug! Noch mehr Regen würde die Saat verderben, das wäre zu viel des Guten.« Als Pilger das hörte, hielt er abermals die Stange hoch, worauf Donner und Wind sich legten, die Wolken sich lichteten und der Regen aufhörte. Der König freute sich sehr, und alle Minister riefen bewundernd: »Was für ein wunderbarer Mönch! Zwar verstehen sich unsere Staatsmeister sonst aufs Regenmachen, doch dauert es bei ihnen immer eine ganze Weile, bis der Regen richtig aufhört. Wie kann dieser Mönch nur auf einen Schlag wieder die Sonne an den wolkenlosen Himmel zaubern?« Der König befahl alle zurück in die Audienzhalle, um den Reisepass abzustempeln und Tripitaka und seine Schüler ziehen zu lassen. Doch als er gerade den Stempel aufdrücken wollte, kamen die drei Unsterblichen und sprachen: »Majestät, der Regen war gar nicht das Verdienst der Buddhisten. Er ist durch unsere Kraft gekommen.« »Eben habt ihr doch gesagt, die Drachenkönige seien nicht zu Hause, deshalb habe es keinen Regen gegeben. Als aber dieser Priester auf dem Altar in der Meditation betete, ist der Regen gekommen. Wie wollt ihr dessen Verdienst abstreiten?« »Ich habe vor dem Altar ein Schreiben zum Himmel gesandt und Gebetssprüche verbrannt, da wagt sich kein Drachenkönig zu widersetzen. Wahrscheinlich sind sie gerade woanders hinbestellt worden, weshalb Wind, Wolken, Donner und Regen nicht da waren. Als mein Befehl sie schließlich erreichte, sind sie sofort gekommen, und der Zufall wollte es, dass zu diesem Zeitpunkt bereits der andere beim Altar stand. Nur darum ist Regen gefallen. Was die Ursachen betrifft, bin ich es, der den Regen ausgelöst hat. Das darf doch nicht als Verdienst des anderen gelten!« Der König begann zu zweifeln und blieb unschlüssig. Da trat Pilger vor und sprach: »Majestät, solch abwegige Zaubereien kann man doch gar nicht als Verdienst bezeichnen, weder für uns noch für sie. Zur Zeit aber befinden sich die Drachenkönige der vier Meere noch über uns, denn bevor wir Buddhisten ihnen den Befehl zum Rückzug erteilt haben, wagen sie nicht abzutreten. Falls die Herren Staatsmeister sie veranlassen könnten, sich persönlich auf Erden zu offenbaren, soll das Verdienst ihnen zufallen.« Das freute den König sehr, und er sprach: »Dreiundzwanzig Jahre sitze ich bereits auf dem Drachenthron, ohne je einen leibhaftigen Drachen gesehen zu haben. Einverstanden, mögen beide Parteien ihre Magie vollziehen. Wer es vermag, sie zum Erscheinen zu bewegen, dem soll das Verdienst zustehen; wer es nicht vermag, werde bestraft!« »Das können wir nicht«, sagte der Daoist. »Versucht Ihr es.« Da warf der Große Heilige den Kopf in den Nacken und rief lautstark in den Himmel: »Ao Guang, wo seid Ihr? Kommt her und zeigt euch bitte alle vier in eurer wahren Gestalt!« Die Drachenkönige hörten seinen Ruf, ließen sich in ihrer eigenen Gestalt auf halbe Höhe nieder und schwebten vor der Audienzhalle zwischen Wolken und Nebel anmutig hin und her. Ehrfürchtig brannte der König in der Halle Weihrauch ab, während sich alle Hofbeamten unten an der Treppe zum Gebet verneigten. Schließlich sprach der König: »Habt Dank für euer Erscheinen, ihr werten Wesen! Möget abtreten, wir werden uns mit Opfergaben erkenntlich zeigen!« Und Pilger rief: »Alle Götter können auf ihre Plätze zurück, ich werde mich später bedanken!« Die Drachenkönige strebten ihren Meeren entgegen, und die Götter kehrten in die Himmelssphären zurück. So war es in der Tat: In der grenzenlosen Weite Wahrer wunderbarer Lehre Ist des Wesens höchste Wahrheit, Die vor Irrglauben bewahre! Und da wir nicht wissen, wie das dämonische Übel beseitigt wurde, lasst uns hören, was das nächste Kapitel erzählt. 第046回 / 46. Kapitel Ein Irrweg greift mit Macht die Rechte Lehre an / Der Herzensaffe tilgt mit heiliger Kraft das Böse Wie berichtet wurde, hatte der König ja nun gesehen, dass Pilger Sun die Macht hatte, Drachen herbeizurufen, versah den Reisepass mit dem Abdruck seines Siegels und wollte ihn Tripitaka gerade überreichen, als auf einmal die drei Staatsmeister antraten, sich angstvoll vor dem Throne niederwarfen und um Anhörung baten. Eilends stieg der König vom Thron, reichte ihnen persönlich die königliche Hand zum Aufstehen und sprach: »Werte Staatsmeister, aus welchem Grunde ehrt ihr mich heute mit einem solch gewichtigen Ritus?« »Majestät!« riefen sie, »wir sind in Euer Land gekommen, um Euch zu helfen, das Reich zu retten und das Volk zu schützen. Zwanzig Jahre lang sind wir Euch nach Kräften beigestanden, und nun haben diese Buddhisten mit ihren Wundertaten unseren Ruf vernichtet. Wollen Eure Majestät ihnen wirklich wegen eines einzigen Regenfalles ein Morddelikt nachsehen? Ist dies nicht eine Herabsetzung uns gegenüber? Wir bitten Eure Majestät, ihren Reisepass noch zu behalten, bis wir mit ihnen eine Wette ausgeführt haben.« Diesem König fehlte es wirklich an klarem Verstand. Denn tatsächlich steckte er nun das Reisedokument wieder ein und fragte die Staatsmeister: »Was für eine Wette wollt ihr denn machen?« Tigerkraft antwortete: »Ich will mich mit ihnen in der Meditation messen.« »Das scheint mir unklug, Staatsmeister«, wandte der König ein, »diese Buddhisten üben sich doch von Kindesbeinen an im Meditieren, wie wollt Ihr es gegen sie aufnehmen?« »Was ich beherrsche, ist eine andere Art von Meditation«, sprach der Unsterbliche, »man nennt das ›Offenbarung auf der Wolkenleiter‹.« »Was bedeutet das?« wollte der König wissen. »Es werden aus hundert Tischen zwei hohe Plattformen errichtet, je fünfzig Tische übereinander. Hochklettern ist nicht erlaubt, ebenso wenig darf man mit Hilfe übereinandergestellter Hocker hinaufsteigen. Jeder muss auf einer Wolke emporschweben, sich auf dem obersten Tisch niederlassen und dort mehrere Stunden lang in regloser Versenkung verweilen.« Der König sah die Schwierigkeit des Unternehmens, wandte sich an die Mönche und sprach: »Wer von euch ist in der Lage, es mit der Meditation auf der Wolkenleiter gegen einen der Staatsmeister aufzunehmen?« Pilger zögerte und versank in Schweigen. »Bruder!« drängte ihn Bajie, »warum sagst du denn nichts?« »Offen gesagt«, meinte Pilger nun, »wenn es darum ginge, zum Himmel hochzuwirbeln, Meere oder Flüsse aufzupeitschen und ähnliche Possen, das wäre für mich alles keine Sache. Doch im Meditieren werde ich verlieren; ruhig dasitzen widerstrebt einfach meiner Natur!« Da meldete sich Tripitaka zu Wort: »Ich kann meditieren.« »Dann ist’s ja gut!« freute sich Pilger. »Wie lange könnt Ihr denn sitzen?« »In jungen Jahren bin ich einst einem ausländischen Zen- Mönch begegnet, der hat mich gelehrt, wie man den Geist im Ursprung der Lebenskraft ruhen lassen kann. Auf diese Weise kann ich gut und gerne zwei, drei Jahre sitzend zwischen Leben und Tod verharren. Nur auf die Plattform schweben kann ich nicht.« »Geht nur hin und sagt zu«, antwortete Pilger, »ich werde Euch dann hochbefördern.« Da wandte sich der Priester mit gefalteten Händen an den König und sprach: »Ich geringer Mönch verstehe mich auf die Meditation.« Also erteilte der König den Befehl, die Tische aufzustapeln. Nach weniger als einer Stunde standen beide Tischtürme links und rechts vor der Audienzhalle bereit. Nun schritt Tigerkraft aus der Audienzhalle, stellte sich in der Mitte der Treppenstufen hin, sprang mit einem Satz auf eine Wolke und schwebte auf den Tischturm zur Westseite. Pilger aber zupfte sich ein Haar aus und ließ es als Fälschung neben Bajie und Sandmönch stehen, während er selbst den Meister als regenbogenfarbene Wolke emporhievte und auf dem Tischturm zur Ostseite absetzte. Dann sammelte er sein glückverheißendes Licht und verdichtete sich zu einer Mücke, schwirrte an Bajies Ohr und flüsterte: »Bruder, sprecht meine gefälschte Gestalt nicht an!« »Alles klar«, gab Bajie zurück. Doch wenden wir uns Hirschkraft zu, der lange, auf einem schmucken Hocker sitzend, zugeschaut hatte, ohne dass sich auf einer Seite ein Anzeichen der Überlegenheit zeigte. Um seinem Ordensbruder zu helfen, zupfte er sich schließlich ein kurzes Nackenhaar aus, rollte es zusammen und schnippte es mit dem Finger nach oben, wo es als Wanze auf Tripitakas Glatzkopf landete und ihm in die Haut biss. Zuerst empfand der Priester ein Jucken, dann einen stechenden Schmerz. Doch bei der Meditation durfte er die Hände nicht bewegen, sonst hätte er die Wette verloren. Allmählich wurden die Schmerzen unerträglich, bis er schließlich den Kopf einzog und den Nacken am Kragen rieb. »Es steht nicht gut«, flüsterte Bajie, »der Meister kriegt gleich einen Anfall.« »Es sind gewiss nur Kopfschmerzen«, meinte Sandmönch. Pilger hörte es und dachte: »Mein Meister ist ein edler Charakter, wenn er sagt, dass er sich aufs Meditieren versteht, dann kann man sich drauf verlassen. Ich will mal schauen, was da los ist!« Schon surrte er nach oben, setzte sich auf Tripitakas Haupt und sah die erbsengroße Wanze. Schnell zerquetschte er sie und rieb dem Meister die Haut. Ohne Schmerzen saß der Priester nun wieder ruhig aufrecht. Pilger aber sann im Stillen: »Auf den kahlen Schädel eines Mönchs setzt sich doch nicht mal eine Laus, wie kommt da eine Wanze hin? Das muss ein Trick dieser Daoisten sein. Haha! So schnell wird sich die Wette ohnehin nicht entscheiden, da will ich alter Sun mir auch mal einen Scherz erlauben.« Er surrte hinüber, verwandelte sich in einen sieben Zoll langen Skolopender und biss ihn neben den Nasenflügel. Da kam der Daoist ins Wanken, stürzte kopfüber nach unten und hätte wohl auf der Stelle sein Leben ausgehaucht, wenn nicht so viele Leute sich um seine Rettung gekümmert hätten. Entsetzt beauftragte der König den amtierenden Präzeptor, den Daoisten in die Halle des Schrifttums führen zu lassen, damit er sich frisch machen könne. Pilger aber verwandelte sich wiederum in eine lichte Wolke und trug den Meister vor die Treppenstufen. Da der Priester gewonnen hatte, wollte der König die Mönche ziehen lassen. Doch da meldete sich Hirschkraft wieder zu Wort und sprach: »Majestät, mein Ordensbruder leidet an chronischer Arthritis, und weil er dort oben dem Wind ausgesetzt war, ist die Krankheit ausgebrochen. Nur deshalb hat der Buddhist gewonnen. Lasst sie noch nicht ziehen; ich will mich mit ihnen im Raten durch die Wand messen.« »Was heißt Raten durch die Wand?« wollte der König wissen. Hirschkraft antwortete: »Ich geringer Daoist besitze die Kraft, verborgene Dinge zu sehen. Lasst uns schauen, ob diese Buddhisten sich darauf verstehen oder nicht. Falls sie besser raten als ich, mögen sie weiterziehen; wenn nicht, mögt Ihr sie verurteilen, damit ich mich für meinen Ordensbruder rächen kann.« Wankelmütig wie er war, erteilte der König sogleich ein paar nahe stehenden Hofbeamten den Befehl, eine rotlackierte Truhe in den Wohnpalast zu tragen, damit die Königin einen kostbaren Gegenstand hineinlegte. Bald wurde die Truhe herangeschafft und vor die weiße Jadetreppe gestellt, worauf die Buddhisten und die Daoisten gebeten wurden, um die Wette zu raten, was sich in der Truhe befände. »Aber meine Schüler«, machte Tripitaka erschrocken, »wie ist es möglich, zu wissen, was in der Truhe drin ist?« Da stellte Pilger sein glückverheißendes Licht ein, verwandelte sich abermals in eine Mücke, landete auf Tripitakas Kopf und flüsterte: »Meister, seid unbesorgt! Ich geh hinein und schaue, was drin ist.« Leise surrte er unter die Truhe, fand einen Spalt zwischen zwei Brettern und zwängte sich hinein. Drinnen sah er ein rotlackiertes Tablett, auf dem ein Palastgewand lag. Es bestand aus einem Oberteil mit prachtvollen Stickereien von Bergen und Flüssen und einem mit kosmischen Emblemen verzierten Rock. Pilger schüttelte das Gewand auseinander, dann biss er sich in die Zunge, bespuckte es mit Blut und sprach: »Verwandlung!« Da wurde das Palastgewand zu einem alten, zerlumpten Mönchsrock. Kurz bevor er ging, hinterließ er darauf noch eine Lache Affenpisse. Dann zwängte er sich wieder durch den Spalt ins Freie, flog zu Tripitaka, setzte sich auf dessen Ohr und wisperte: »Meister, ratet, es sei ein alter, zerlumpter Rock.« »Aber es hieß doch, wir sollten einen kostbaren Gegenstand erraten«, flüsterte Tripitaka, »etwas Zerlumptes ist doch keine Kostbarkeit!« »Kümmert Euch nicht drum, sagt es einfach!« Da trat Tripitaka vor und wollte gerade sprechen, als Hirschkraft das Wort an sich riss und sagte: »Ich rate zuerst: In der Truhe befindet sich ein kostbares Palastgewand.« »Nein, nein«, widersprach Tripitaka, »es ist ein alter, zerlumpter Rock.« »Unverschämt!« rief der König, »dieser Mönch macht sich über unsere Staatsschätze lustig!« Er befahl, Tripitaka festzunehmen. Dieser aber faltete die Hände vor der Brust und sprach: »Majestät, gewährt geringem Mönch einen Augenblick Zeit und wartet, bis die Truhe geöffnet ist. Falls es sich tatsächlich um eine Kostbarkeit handelt, werde ich mich der Strafe beugen. Sollte es aber keine Kostbarkeit sein, hättet Ihr mich zu Unrecht beschuldigt.« Da ließ der König die Truhe öffnen, und zum Vorschein kam in der Tat ein alter, zerlumpter Rock. Aufgebracht rief der König: »Wer hat dieses Ding da hineingelegt?« Hinter dem Drachenthron erschien die Königin und sprach: »Mein Herr, ich habe eigenhändig ein kostbares Palastgewand hineingelegt. Ich verstehe nicht, wie das geschehen konnte!« »Möge die Königin abtreten, ich habe verstanden«, sprach der König und befahl: »Tragt die Truhe zu mir, ich werde selbst einen Gegenstand hineinlegen, dann versuchen wir es noch mal.« Der König ging in den Garten im hinteren Teil des Palastes, pflückte einen großen Pfirsich und legte ihn in die Truhe. Diese wurde abermals vor die Treppe gestellt, und das Raten begann von neuem. Pilger schlüpfte wiederum durch die Ritze hinein, und dass er einen Pfirsich vorfand, war natürlich ganz nach seinem Geschmack! Also verwandelte er sich gleich in seine eigene Gestalt, setzte sich hin und verzehrte den Pfirsich genüsslich, bis nur noch der Kern übrig blieb. Den legte er hin, verwandelte sich wieder in eine Mücke, schwirrte zu Tripitaka und flüsterte ihm ins Ohr: »Meister, sagt, es sei ein Pfirsichkern!« Tripitaka wollte sich gerade zu Wort melden, da rief Widderkraft: »Ich rate zuerst: Es ist ein Pfirsich.« Tripitaka aber sprach: »Nein, es ist ein Pfirsichkern.« Da rief der König: »Es ist ein Pfirsich, kein Kern; ich habe ihn eigenhändig hineingelegt. Der dritte Staatsmeister hat richtig geraten!« »Majestät«, wandte Tripitaka ein, »bitte lasst die Truhe öffnen.« Man öffnete und nahm das Tablett heraus. Tatsächlich, darauf lag ein Pfirsichkern, Fruchtfleisch und Schale waren weg. Nun kriegte es der König mit der Angst zu tun. »Staatsmeister«, sprach er, »legt Euch lieber nicht weiter mit diesen Mönchen an. Lassen wir sie laufen. Ich habe wirklich einen Pfirsich hineingetan, und jetzt ist nur noch ein Kern übrig. Wer hat bloß die Frucht gegessen? Es müssen ihnen die Götter beistehen!« Während er noch sprach, trat Tigerkraft, der in der Halle des Schrifttums gebadet hatte und frisch gekämmt worden war, vor den Thron und sprach: »Majestät, diese Mönche müssen sich auf die Magie verstehen, Dinge unbemerkt auszutauschen. Bringt die Truhe, ich werde ihren Zauber brechen. Raten wir noch einmal.« »Was wollt Ihr denn noch raten?« fragte der König. Tigerkraft antwortete: »Der Zauber wirkt nur bei Gegenständen, nicht aber bei Menschen. Wir verstecken jetzt einfach einen jungen Daoisten in der Truhe, dann machen wir den Deckel zu, bringen sie hinunter und lassen diese Buddhisten noch mal raten!« Als Pilger wieder hinübersurrte und sich durch die Ritze zwängte, sah er, dass es ein Tempelknabe war. Geistesgegenwärtig wie er war, verwandelte er sich in einen der daoistischen Meister und sprach: »Mein Jünger!« »O Meister, wo kommt Ihr denn her?« wunderte sich der Knabe. »Ich bin mit einer Unsichtbarkeitsmagie hereingekommen.« »Was gibt es für Anweisungen?« »Die Buddhisten haben gesehen, wie du in die Truhe gestiegen bist. Wenn er nun sagt, drin sei ein junger Daoist, dann haben wir schon wieder verloren. Darum bin ich gekommen, dir vorzuschlagen, dass du deine Haare scherst, und dann raten wir, es sei ein buddhistischer Mönch.« »Ganz nach Eurem Willen, Meister«, sprach der Knabe, »Hauptsache, wir gewinnen!« »So ist es«, sagte Pilger. Er verwandelte die Goldreifstange in ein Rasiermesser, fasste den Knaben um die Schulter und schnitt ihm blitzschnell alle Haare weg. Dann wischte er sie zu einem Haufen zusammen und stopfte sie in eine Ecke der Truhe. Zuletzt steckte er das Messer ein, fuhr dem Knaben mit der Hand über den Kopf und meinte: »So, mein Sohn, dein Kopf sieht jetzt aus wie bei einem buddhistischen Mönch, nur die Bekleidung noch nicht. Zieh mal dein Gewand aus, ich werde es für dich verwandeln.« Von Pilger mit etwas Atem behaucht, wurde aus der weißen Daoistenrobe eine ockergelbe Mönchsrobe. Pilger hieß ihn die Robe anziehen und zupfte sich dazu zwei Haare aus, die er in Holzfisch und Schlagstock verwandelte. Diese legte er dem Knaben in die Hand und sagte: »Höre, was ich dir sage, mein Jünger: Wenn er ›Daoistenmönch‹ ruft, dann geh auf keinen Fall hinaus. Sobald du aber hörst, dass jemand ›buddhistischer Mönch‹ ruft, musst du den Deckel aufstoßen und herauskommen, dazu musst du den Holzfisch schlagen und ›Buddha Amithaba‹ vor dich hinsagen. Merke dir, was ich gesagt habe! Ich gehe.« Als Mücke flog er hinaus und wisperte in Tripitakas Ohr: »Meister, sagt, es sei ein buddhistischer Mönch.« Im selben Moment meldete sich Tigerkraft und sprach: »Majestät, in der Truhe ist ein junger Daoistenmönch!« Und er rief nach ihm, doch natürlich kam er nicht heraus. Da faltete Tripitaka die Hände und sprach: »Nein, es ist ein buddhistischer Mönch.« Laut doppelte Bajie nach: »In der Truhe ist ein buddhistischer Mönch!« Da stieß der Knabe den Deckel auf und trat, den Holzfisch schlagend und buddhistische Gebete murmelnd, ins Freie. Die anwesenden Hofleute spendeten freudige Bravorufe. Die drei Daoisten aber brachten vor Schreck kein Wort heraus. Da sprach der König: »Gewiss stehen diese Buddhisten unter dem Schutz der Götter und Geister. Wie kann es sein, dass ein Daoist hineingeht und ein Buddhist herauskommt! Staatsmeister, lasst sie ziehen!« Doch Tigerkraft sprach: »Majestät, es ist nun so, wie das Sprichwort geht: ›Der Feldherr hat seinen Rivalen gefunden, der Schachspieler seinen ebenbürtigen Gegner.‹ Als ich klein war, habe ich im Zhongnan-Gebirge Kampfkünste erlernt, darin will ich mich mit ihnen messen.« »Welche Art von Kampfkunst?« fragte der König. »Wir besitzen alle drei magische Fähigkeiten, so können wir uns zum Beispiel den Kopf abschlagen lassen und ihn unversehrt wieder aufsetzen, den Bauch aufschlitzen und gleich wieder verheilen lassen oder sogar schadlos im siedenden Öl ein Bad nehmen.« Entsetzt rief der König: »Das ist doch alles tödlich!« »Eben weil wir diese Zauberkräfte besitzen, wagen wir den Vorschlag zu machen. Wir wollen unbedingt einen Entscheidungskampf ausfechten.« Da rief der König: »Ihr Mönche aus dem Osten! Meine Staatsmeister wollen euch nicht ziehen lassen. Sie bestehen darauf, mit euch eine Wette im Köpfen, Bauchaufschlitzen und Baden in siedendem Öl zu machen!« Pilger, der noch als Mücke in der Luft schwirrte, nahm sofort sein Haar an den Körper zurück, erschien wieder in der eigenen Gestalt und rief mit lautem Lachen: »Wunderbar, die bringen uns das Geschäft direkt ins Haus!« »Das sind doch alles tödliche Methoden«, rief Bajie, »warum sagst du so was?« Aber Pilger erklärte unbekümmert: »Du kennst halt meine Fähigkeiten nicht: Auch geköpft kann ich noch sprechen, Nahtlos wächst der Bauch zusammen; Leichter noch das Bad im heißen Öl, Mir zum Waschen grad willkommen!« Mit stolzem Gang trat er vor und sprach: »Majestät, ich geringer Mönch verstehe mich aufs Geköpftwerden.« »Wie denn?« fragte der König. »Ich habe früher mal so eine Methode erlernt, weiß nur nicht, ob sie gut funktioniert oder nicht. Das will ich heute grad mal ausprobieren.« Der König lächelte und sprach: »Der Mönch ist jung und unerfahren. Wie kann man sich zur Probe köpfen lassen?« Tigerkraft aber wandte ein: »Majestät, das ist uns gerade recht, so können wir unserer Wut Luft machen.« Der Herrscher war nun konfus genug, einen Richtplatz herrichten zu lassen, und hieß den Mönch als Ersten zum Köpfen antreten. Freudig wandte sich Pilger mit vor der Brust übereinandergelegten Händen an die Daoisten und rief: »Verzeiht mir die Kühnheit, zuerst anzutreten!« Dann drehte er sich um und betrat den Richtplatz, wo er von zwei Henkern gepackt und gefesselt wurde. Dann hörte man den Ruf: »Los!« und schon fiel der Kopf zu Boden. Der Henker gab ihm einen Tritt, dass er an die vierzig Fuß weit davonrollte. Pilger aber blutete nicht, und aus seinem Bauch tönte es: »Kopf, komm zurück!« Da sprach Hirschkraft eilends eine Zauberformel, die den Ortsgeist veranlasste, den Kopf festzuhalten, und weil er den Fünf-Donner-Zauber beherrschte, mussten sich ihm die Geister beugen. Der Ortsgeist hielt also insgeheim Pilgers Kopf fest, und als Pilger den Ruf wiederholte, schien der Kopf wie angewurzelt und bewegte sich nicht von der Stelle. Da wurde Pilger unruhig. Er ballte die Fäuste und stemmte sich in die Stricke, bis sie aufsprangen, dann rief er: »Wachsen!« Schon wuchs aus seinem Hals ein neuer Kopf heraus. Henker und Milizen der Palastgarde erzitterten bis aufs Mark, und einer der Schergen eilte in die Halle und meldete: »Majestät, dem Mönch ist nach dem Köpfen ein neuer Kopf gewachsen!« Doch schon kam Pilger selbst daher, und der König rief eilig: »Mönch, ihr seid begnadigt!« Doch Pilger widersprach: »Bevor wir unseren Reisepass nehmen, muss sich der Staatsmeister ebenfalls im Geköpftwerden versuchen.« Tigerkraft hatte keine andere Wahl, als sich ebenfalls auf den Richtplatz zu begeben. Die Henker fesselten ihm die Hände auf dem Rücken, schwangen den Säbel, hieben ihm den Kopf ab und beförderten ihn mit einem Fußtritt außer Reichweite. Es spritzte kein Blut, und man hörte ebenfalls den Ruf »Kopf, komm zurück!«. Da riss Pilger sich blitzschnell ein Haar aus und verwandelte es in einen hellbraunen Hund, der zum Richtplatz rannte, den Kopf schnappte, ihn zum Stadtgraben trug und fallen ließ. Nachdem der Daoist drei Mal vergeblich nach seinem Kopf gerufen hatte, strömte sein Blut gurgelnd aus dem Hals, und er fiel augenblicklich in den Staub. Als die Umstehenden ihn besahen, war es ein gelber Tiger ohne Kopf. Der König vernahm die Meldung des Schergen und erblasste. Da stand Hirschkraft auf und sprach: »Meinen Ordensbruder muss das Schicksal ereilt haben, doch wie kann er nur ein Tiger sein! Das ist doch nichts als ein Verblendungstrick dieser Buddhisten. Ich lasse sie auf keinen Fall ungeschoren davon! Jetzt will ich mich mit ihm im Bauchaufschlitzen messen!« Pilger meinte: »Ich habe lange nichts Gekochtes mehr gegessen, doch vor ein paar Tagen hat ein Spender mich ermuntert, mich zu bedienen, da hab ich zu viele Dampfbrötchen gegessen; davon habe ich seit Tagen Bauchschmerzen. Ich wollte eigentlich schon darum bitten, mir das Messer Eurer Majestät auszuleihen, damit ich mir mal den Bauch aufschlitzen und die Eingeweide auswaschen kann; so kann ich erst richtig gereinigt in den Westen reisen und vor Buddha treten.« Der König befahl, ihn abzuführen, doch Pilger entgegnete: »Ihr braucht mich nicht abzuführen, ich gehe selbst hin. Doch eins sei vorgemerkt: Bindet mir die Hände nicht; ich muss damit die Gedärme waschen können.« Stolz schritt er auf den Richtplatz, wo er sich an einen Pfahl lehnte und die Mönchskutte öffnete, dass sein Oberkörper zum Vorschein kam. Die Henker banden ihn oben und unten an den Pfahl, schwangen einen Dolch und schlitzten ihm den Bauch auf. Pilger zog den Schlitz mit beiden Händen auf und begann seine Eingeweide eins ums andere herauszunehmen und zu reinigen. Nach einer geraumen Weile legte er alles wieder hinein, rollte die Darmwindungen wie zuvor zusammen, drückte mit den Fingern die Bauchhaut zusammen und hauchte himmlischen Odem darüber. Mit dem Ruf »Wachsen!« war die Wunde bereits verheilt. Bestürzt hielt ihm der König das Reisedokument entgegen und sagte: »Heilige Mönche, ich will euch nicht länger aufhalten, hier ist euer Reisepass, zieht weiter!« Doch Pilger lachte und meinte: »Der Reisepass kann warten. Wie wäre es, dem zweiten Staatsmeister nun ebenfalls den Bauch aufschlitzen zu lassen?« Der König wandte sich an Hirschkraft und sprach: »Die Sache hat nichts mit mir zu tun, Ihr habt diese Wette verlangt. Also fügt Euch bitte!« »Keine Sorge!« rief Hirschkraft, »ich werde bestimmt nicht verlieren.« Seht, wie er genau wie Pilger mit stolzen Schritten zum Richtplatz schreitet! Die Henker banden Hirschkraft fest und schlitzten ihm den Bauch auf, dann nahm auch er seine Eingeweide heraus und wühlte darin herum. Pilger aber zupfte sich ein Pelzhaar aus und verwandelte es in einen Adler, der die Flügel ausbreitete, im Sturzflug die Eingeweide schnappte und mit sich forttrug, um sie irgendwo weit weg zu verschlingen. Der Daoist aber blieb mit leerem offenem Bauch zurück, ohne Organe und Gedärme. Schließlich traten Henker den Pfahl um und zerrten die Leiche vor die Umstehenden. Oho, es war ein weißer Hirsch! Der Daoist blieb mit leerem offenem Bauch zurück, ohne Organe und Gedärme. Der Scherge eilte zum König und berichtete, was geschehen war. Von Grauen erfüllt rief dieser: »Wie kann es bloß ein Hirsch sein?« Nun aber meldete sich Widderkraft und sprach: »Meine Ordensbrüder sind gestorben, doch wie kann es sein, dass sie Tiergestalt annehmen? Das ist doch nichts als eine Zauberei dieser Buddhisten, nur um uns zu schaden. Jetzt will ich mich für den Tod meiner Brüder rächen!« »Was für Zauberkräfte habt Ihr denn, sie zu besiegen?« fragte der König. »Ich werde mich mit ihnen im Baden in siedendem Öl messen.« Der König ließ also einen großen Kessel mit duftendem Sesamöl füllen und hieß die beiden Parteien beginnen. »Besten Dank für die Gefälligkeit«, meinte Pilger, »ich hab mich so lange nicht gewaschen, dass mich neulich schon die Haut gejuckt hat. Ich muss unbedingt ein Bad nehmen.« Schon stellten des Königs Leibdiener einen Kessel bereit, schichteten Brennholz darunter und entfachten das Feuer. Als das Öl zu sieden begann, wurde der Buddhist geheißen, als Erster anzutreten. »Soll es ein friedliches oder ein kriegerisches Bad sein?« fragte Pilger. »Was meint Ihr damit?« wollte der König wissen, und Pilger erklärte: »Beim friedlichen Bad zieht man die Kleider nicht aus, legt nur die Hände über Kreuz, taucht einmal unter, dreht sich und kommt gleich wieder heraus. Dabei müssen die Kleider unbefleckt bleiben; wenn auch nur ein Tröpfchen Öl haften bleibt, hat man verloren. Für ein kriegerisches Bad benötigt man einen Kleiderständer und ein Waschtuch; man zieht sich ganz aus, springt hinein und purzelt dann nach Lust und Laune im Öl herum, mit Saltos und Handstand, wie bei einem lustigen Badeplausch.« Der König wandte sich an Widderkraft, und dieser meinte: »Womöglich sind seine Kleider mit einer fettabweisenden Substanz behandelt. Besser ein kriegerisches Bad.« Pilger trat also wiederum vor und sprach: »Verzeiht mir die Kühnheit, mich stets vorzudrängen!« Seht, wie er seine Mönchskutte abstreift, sich der Schürze aus Tigerfell entledigt und dann mit einem Satz in den Kessel springt! Dort schlug er Wellen und spielte herum, als wäre er im Wasser. Bajie, der zuschaute, biss sich auf die Finger und flüsterte Sandmönch zu: »Wir haben diesen Affen unterschätzt. Wer hätte je gedacht, dass er solche Fähigkeiten besitzt!« Pilger bemerkte das Geflüster und argwöhnte: »Dieser Tölpel macht sich über mich lustig! Es ist doch, wie das Sprichwort sagt: ›Der Fähige müht sich ab, der Unfähige ruht sich aus.‹ Ich alter Sun muss hier diesen Tanz veranstalten, und er hat es schön gemütlich! Den will ich gleich mal in Stricke legen!« Schon tauchte er mitten im Bade kopfüber auf den Grund, verwandelte sich in einen Dattelkern und kam nicht wieder zum Vorschein. Bald trat der Scherge vor und meldete: »Majestät, der junge Mönch ist im Kessel umgekommen.« Erleichtert befahl der König, die Überreste herauszufischen. Der Henker nahm ein flaches Sieb und tauchte es ins Öl. Da die Löcher des Siebes sehr eng waren, machte sich Pilger klein wie ein Nagel und schlüpfte hin und her durch die Sieblöcher durch, so dass der Henker natürlich nichts herausholen konnte. »Der Mönch war so klein und zart, dass sich seine Überreste bereits aufgelöst haben«, meldete er schließlich dem König. Da befahl der König, die drei Buddhisten festzunehmen. Weil Bajie so furchterregend aussah, packten ihn die zu beiden Seiten bereitstehenden Wachsoldaten zuerst und legten ihn in Stricke. Da rief der erschrockene Tripitaka: »Majestät! Lasst mir geringem Mönch einen Moment Zeit. Mein Schüler hat mir, seit er unserem Orden beigetreten ist, auf Schritt und Tritt große Hilfe geleistet. Nun, da wir Eure Staatsmeister erzürnt haben und mein Schüler im Kessel umgekommen ist, würde ich geringer Mönch mich nie erdreisten, um unser Leben zu flehen, doch bitte ich um Eure Gnade, mir eine halbe Schale Reissuppe zu gewähren und mich vor diesem Kessel etwas Totengeld verbrennen zu lassen, damit ich den Gefühlen für meinen Schüler Ausdruck verleihen kann. Danach will ich mich der Bestrafung beugen.« »Wie aufrichtig diese Chinesen ihre menschlichen Bande pflegen!« meinte der Kaiser und befahl, Reis und Totengeld zu bringen. Tripitaka hieß Sandmönch mit ihm kommen und trat vor die Treppenstufen, während die Wachsoldaten Bajie an den Ohren vor den Kessel schleiften. Nun sprach Tripitaka zum Kessel: »Ach, mein Schüler Sun Wukong! Seit du den Geboten folgtest Zum Buddhismus tief geneigt, Schütztest du mich in den Westen, Groß ist meine Dankbarkeit! Wollten wir doch miteinander Diesen großen Weg vollbringen; Doch wer dachte je, es würde Nun der Tod dich von uns trennen! Stets lag dir die Schriftensuche Als ein klares Ziel am Herzen; So wirst du auch nach dem Tode Weiterhin zu Buddha beten! Weitgereiste Heldenseele Muss nun in Geduld sich üben, Um im Jenseits als Gespenst Buddhas Tempel zu besteigen!« Bajie hatte alles mitangehört und brüllte nun: »Meister, so geht das nicht, jetzt bin ich dran!« Und der am Boden gefesselte Tölpel schrie schnaubend vor Wut: »Du jämmerlicher Affe! Elender Pferdeknecht! Recht geschieht dir, Affenschädel, Du frittierter Pferdeknecht! Endlich Schluss mit diesem Affen, Aus ist es mit diesem Knecht!« Als Pilger am Grunde des Kessel Bajies Schimpftirade hörte, fuhr er auf, stand nackt und triefend in seiner eigenen Gestalt auf dem Kesselboden und schrie: »Du elendes Mistvieh wagst mich zu beschimpfen!« »O Schüler, du hast mich zu Tode erschreckt!« rief Tripitaka. Bestürzt meldeten die zivilen und militärischen Hofbeamten dem König: »Majestät, der Mönch ist nicht gestorben, er ist im Kessel auferstanden!« Aus Furcht, eine falsche Nachricht gebracht zu haben, fügte der Scherge hinzu: »Gestorben ist er schon, doch weil heute ein unheilvolles Datum ist, ist uns die Seele dieses jungen Mönchs erschienen!« Pilger, der die Worte mitangehört hatte, schnellte wütend aus dem Kessel, schwang seine Stange und schlug den Schergen mit einem Hieb zu Brei. »Was, ich soll als Geist auferstehen?« schrie er wütend. Zu Tode erschrocken lösten die Beamten Bajies Fesseln und warfen sich um Vergebung flehend nieder. Der König wollte schon vom Thron steigen, da sprang Pilger hin, packte ihn und rief: »Majestät, bleibt hier! Lasst nun den dritten Staatsmeister ebenfalls in den Kessel steigen.« Zitternd und bebend stammelte der König: »Dritter Staatsmeister, rettet mir das Leben und geht in den Kessel, nicht dass dieser Mönch mich schlägt!« Da schritt Widderkraft die Stufen nieder, zog genau wie Pilger die Kleider aus, sprang in den Kessel und tat ebenfalls so, als würde er baden. Pilger aber trat an den Kessel und hielt die Hand hinein. Das Öl war kalt. »Ha, ich weiß, was los ist«, dachte er, »da muss irgendein Drache liegen, der ihn schützt!« Mit einem Satz schnellte er in die Lüfte und sprach die heilige Silbe »OM«, die den Drachenkönig des Nordmeeres herbeizwang, und schrie: »Weh dir, du elender Schlammbeißer! Warum hilfst du diesem Daoisten mit einem kalten Drachen den Kesselboden isolieren, dass er mich mit seinem Zauber besiegt?« Erschrocken beteuerte der Drachenkönig: »Euer Ao Shun würde es niemals wagen, ihm zu helfen. Aber Ihr müsst wissen, Großer Heiliger, dieses sündige Ungeheuer hat sich so lange harter Übung hingegeben, bis es seine Gestalt abzustreifen vermochte. Allein seine Fünf-Donner-Magie ist echt, alles andere sind abwegige Zaubereien, die nicht zu wahrer Unsterblichkeit führen. Die beiden anderen haben einst auf dem kleinen Maoshan-Berg die Magie der großen Häutung erlernt, und der hier hat sich selbst die Methode des ›kalten Drachens‹ angeeignet. Wie könnte dies auch dem Blick des Großen Heiligen entgehen! Ich geringer Drache werde ihm den ›kalten Drachen‹ sogleich entziehen und garantiere, dass er bis auf die Knochen verbrennt, was auch immer er anwenden mag.« »Tut das sofort«, sagte Pilger. Da verwandelte sich der Drachenkönig in einen Sturmwind, fegte an den Kesselgrund, riss den kalten Drachen mit sich und trug ihn ins Meer. Pilger, der vor der Thronhalle stand, sah, wie der Daoist nun verzweifelt umherruderte, aus dem Kessel zu steigen versuchte, ausglitt und binnen weniger Augenblicke mit Haut und Knochen zuschanden war. Ein Scherge meldete dem König: »Majestät, der dritte Staatsmeister ist verbrannt.« Da stürzten dem König die Tränen aus den Augen; er brach über dem Tisch zusammen und rief laut schluchzend: »Einen Menschenleib erlangen Ist wahrhaftig schwer! Ohne einen wahren Meister Übe nie das Elixier!269 Geister rufen, Regen machen, Eitle Zauber ohne Wert! Denn sie hatten nicht das Mittel, Das zu ewigem Leben führt.« So war es in der Tat: Was hilft die ganze Alchemie Mit Gold und mit Mercurium? Sind doch Wind- und Regenzauber Letzten Endes ohne Sinn! Und da wir nicht wissen, wie Meister und Schüler ihre Reise weiterführten, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第047回 / 47. Kapitel Die heiligen Mönche halten nachts am Fluss zum Himmel / Metall und Holz befreien mit Barmherzigkeit die Kinder Nun lasst uns berichten, wie der König in Tränen aufgelöst in seinem Thronsessel lehnte, als Pilger vortrat und rief: »Wie könnt Ihr nur so verblendet sein! Ihr habt doch die Leichen dieser Daoisten gesehen: Der eine war ein Tiger, der andere ein Hirsch, und Widderkraft war eine Antilope. Lasst doch seine Knochen rausfischen, wenn Ihr’s nicht glaubt! Es waren wilde Tiere aus den Bergen, die sich in Geistwesen verwandelt haben und hierherkamen, Euch zu schaden. Nur weil Eure Lebensenergie bislang noch stark genug gewesen ist, haben sie sich noch nicht getraut, Hand anzulegen. Sobald Eure Energie nachgelassen hätte, wären sie Euch auf den Leib gerückt, und das Reich wäre im Handumdrehen in ihren Besitz gefallen. Ihr könnt von Glück reden, dass wir Euch das Übel rechtzeitig beseitigt und das Leben gerettet haben! Was heult Ihr da noch? Gebt uns jetzt den Reisepass und lasst uns gen Westen ziehen!« Auf diese Worte wurde dem König mit einem Mal alles klar. Gleichzeitig meldeten sich die Hofbeamten zu Wort und sprachen: »Bei den Verstorbenen handelt es sich wahrhaftig um einen Tiger und einen Hirsch. Im Kessel sind die Knochen einer Antilope. Die Worte des heiligen Mönchs dürfen nicht unterschätzt werden.« »Wenn dem so ist«, sprach der König, »will ich mich bei Euch bedanken, heiliger Mönch! Heute ist es schon zu spät; möge der Präzeptor die heiligen Mönche zur Nachtruhe ins Kloster der Tiefen Weisheit bitten, doch morgen werden wir ein Dankesbankett veranstalten.« Tags darauf hielt der König zur fünften Nachtwache vor Sonnenaufgang die Morgenaudienz und erließ vor der versammelten Beamtenschaft ein Dekret, in dem er alle buddhistischen Mönche in die Stadt berief. Das Aufgebot wurde an allen Straßen, die von den vier Stadttoren wegführten, aufgehängt. Gleichzeitig ließ er ein großes Festmahl vorbereiten und begab sich persönlich zum Kloster der Tiefen Weisheit, um Tripitaka und seine Schüler zum Bankett zu laden. Als die geflüchteten Buddhisten vernommen hatten, dass ein königliches Aufgebot für buddhistische Mönche ausgehängt war, kamen sie freudestrahlend in die Stadt, um den Großen Heiligen aufzusuchen, ihm die Haare zurückzugeben und zu danken. Nachdem der Priester das Festmahl beendet hatte, überreichte ihm der König den Reisepass und führte ihn in Begleitung sämtlicher Hofbeamten aus dem Palast. Da sahen sie die buddhistischen Mönche zu beiden Seiten der Straße knien und ihnen zurufen: »Himmelsebenbürtiger Großer Heiliger! Wir sind die Mönche, die Ihr am Sandstrand gerettet habt. Nun haben wir vernommen, dass Ihr die dämonischen Mächte ausgemerzt habt und unser Leid zu Ende ist. Und da unser König uns per Dekret aufbietet, können wir Euch jetzt die Haare zurückgeben und ehrerbietig für die Gnade des Himmels danken!« »Wie viele seid ihr denn?« fragte Pilger lachend. »Fünfhundert, kein Einziger fehlt.« Mit einem Schütteln fing er seine Pelzhaare wieder ein, dann wandte er sich an den König und die Hofbeamten und sprach: »Es ist wahr, dass ich alter Sun die Mönche befreit habe. Ich war es nämlich, der den Karren durch die beiden Passtore geführt und dann durch den Pass des Grates gezogen und hinuntergestoßen hat. Ich war es auch, der die zwei dämonischen Daoisten erschlug. Doch nun, da alles Dämonische vernichtet ist, wisst Ihr endlich, dass der Buddhismus wirklich überzeugend ist. Handelt fortan nie wieder voreingenommen und intolerant. Ich hoffe, dass Ihr von nun an alle drei Lehren miteinander verbindet. Ehrt den Buddhismus, ehrt den Daoismus und bildet auch konfuzianische Gelehrte aus. Dann wird Euer Reich auf ewig in Blüte stehen!« Der König dankte ihm in einem fort. Anschließend geleitete er den Priester zum Stadttor hinaus. Von da an ging es Tag für Tag weiter westwärts, morgens brach man zeitig auf, rastete erst abends spät; so vergingen Frühling und Sommer, und der Herbst begann. Eines Tages, als es schon dämmerte, zügelte Tripitaka sein Pferd und fragte: »Wo sollen wir heute ruhen, meine Schüler?« »Lasst uns noch ein Weilchen im Mondschein weiterziehen, bis wir ein Gehöft finden, wo wir rasten können«, schlug Pilger vor. Also zogen sie weiter. Doch es ging nicht lange, da hörten sie auf einmal ein lautes Wasserrauschen. »Das ist das Ende«, rief Bajie, »hier kommen wir nicht weiter!« »Es ist ein Fluss, der uns im Weg liegt«, stellte Sandmönch fest. »Wie breit er wohl sein mag?« fragte Tripitaka. »Ich schaue mal nach«, rief Pilger, sprang in die Lüfte, spähte in alle Richtungen, kam zurück und berichtete: »Meister, der Fluss muss enorm breit sein! Ich alter Sun kann ja tagsüber im Umkreis von tausend Meilen alles erkennen, und nachts sehe ich immerhin an die drei- bis fünfhundert Meilen weit. Doch von oben habe ich nicht mal das andere Ufer erspähen können. Wer weiß, wie breit der Fluss sein mag!« »Was machen wir denn, meine Schüler?« rief Tripitaka erschrocken. »Meister, schaut mal!« rief Sandmönch, »steht dort nicht jemand am Ufer?« In wenigen Sätzen war Pilger bei der genannten Stelle. Aber oh! Das war ja gar kein Mensch, sondern eine Steinstele, auf der drei große Schriftzeichen antiken Stils eingemeißelt waren: » 通天河 – Fluss zum Himmel«. Darunter stand in kleinerer Schrift: »Achthundert Meilen ist der Weg ans andere Ufer, wenige sind je dort angelangt.« Pilger rief seinen Meister herbei. Als Tripitaka die Inschrift gelesen hatte, kamen ihm vor Verzweiflung die Tränen. Da rief Bajie: »Hört, Meister! Irgendwo klingen Trommeln und Zimbeln, da muss jemand eine Totenzeremonie abhalten. Lasst uns doch hingehen und schauen, ob es vielleicht was zu essen gibt. Dann können wir uns gleichzeitig nach einer Fähre erkundigen und morgen hinüberfahren.« Tripitaka horchte vom Sattel aus und vernahm nun tatsächlich Klänge von Trommeln und Zimbeln. Über Stock und Stein gingen sie das Ufer entlang auf die Musik zu, bis sie eine Gruppe von Häusern erblickten, in denen wohl an die fünfhundert Familien wohnen mochten. Tripitaka stieg vom Pferd und sah nun, dass vor einem der ersten Häuser ein Fahnenmast angebracht war, der Hof von Kerzen und Lampions erleuchtet und mit schweren Weihrauchdüften erfüllt. Da schüttelte Tripitaka den Staub von seiner Robe und schritt mit dem Priesterstab auf das Haus zu. Am Eingang blieb er eine Weile stehen und sah, wie von drinnen ein alter Mann mit Gebetsperlen um den Hals »Buddha Amithaba« murmelnd auf das Tor zukam, um es zu schließen. Bestürzt rief ihm Tripitaka laut mit gefalteten Händen zu: »Seid gegrüßt, ehrwürdiger Herr!« Der Mann erwiderte den Gruß und meinte dann: »Ihr seid zu spät.« »Was wollt Ihr damit sagen?« fragte Tripitaka. »Es ist nichts mehr übrig. Wäret Ihr früher gekommen, hättet Ihr Euch hier satt essen können. Wir haben jedem Mönch drei Maß gekochten Reis, zwei Stück Baumwollstoff und zehn Kupferlinge gespendet. Warum kommt Ihr so spät?« Tripitaka verneigte sich und sprach: »Nicht der Almosen wegen bin ich hier, ehrwürdiger Herr. Ich geringer Mönch bin im Auftrag des Kaisers von China auf Pilgerfahrt in den Westen, um Heilige Schriften zu holen. Da ich erst am späten Abend Euer wertes Dorf erreicht habe, bin ich den Klängen der Trommeln und Zimbeln gefolgt, die aus Eurem Hofe zu hören waren, und wollte Euch um Nachtquartier bitten. Sobald der Morgen anbricht, werde ich weiterziehen.« Der Alte winkte ab und meinte: »Mönche sollten nicht lügen. China liegt 54 000 Wegmeilen weit weg von hier. Wie ist es möglich, dass Ihr alleine eine solche Strecke bewältigt?«270 »Ihr habt recht, ehrwürdiger Herr«, erwiderte Tripitaka. »Ich habe noch drei Schüler dabei, dank deren Hilfe ich bis hier gelangen konnte.« »Warum sind denn Eure Schüler nicht mit Euch zusammen?« wunderte sich der Alte. »Doch kommt herein, bei uns gibt’s genug Platz zum Übernachten.« Tripitaka wandte sich um und rief: »Kommt herein, meine Schüler!« Kaum hatten die drei den Ruf vernommen, führten sie das Pferd am Halfter, schulterten die Bündel und stürmten ohne jede Rücksicht in den Hof. Bei ihrem Anblick torkelte der Alte zu Boden und stammelte: »Ungeheuer, Ungeheuer!« Tripitaka half ihm auf und sprach beschwichtigend: »Fürchtet Euch nicht, das sind meine Schüler.« Zitternd fragte der Alte: »Wie kann sich ein anmutiger Priester wie Ihr nur derart hässliche Schüler aussuchen!« »Nun, zwar sind sie nicht schön anzusehen, aber dafür verstehen sie sich aufs Bändigen von Tigern und Drachen und können auch Ungeheuer austreiben.« Der Alte schien ihm nur halb zu glauben, doch führte er Tripitaka ins Haus, wo gerade mehrere Mönche Sutren rezitierten. Als diese die drei Schüler eintreten sahen, waren sie derart erschrocken, dass sie Hals über Kopf davonliefen. In der Halle brannten keine Fackeln mehr, und die drei brachen in lautes Gelächter aus. »Wie rücksichtslos ihr seid!« schimpfte Tripitaka. »Ohne jeglichen Anstand rennt ihr herein, erschreckt den ehrwürdigen Herrn, verscheucht die versammelten Mönche und stört die wohltätige Zeremonie ehrbarer Leute! Ihr bringt mich noch ins Verderben!« Darauf wagten die Schüler nichts zu erwidern. Der Alte aber glaubte Tripitaka nun, dass es seine Schüler waren, wandte sich mit einer höflichen Geste an ihn und sprach: »Nicht so schlimm, werter Priester, wir haben die Fackeln gelöscht, weil die Zeremonie zu Ende war.« Er rief nach Licht. Sofort kamen mehrere Diener mit Fackeln und Lampions, doch kaum hatten sie Bajie und Sandmönch erblickt, hasteten sie wieder ins Haus und riefen: »Ungeheuer sind da!« Pilger zündete eine Kerze an, zog einen Lehnstuhl herbei und bot ihn Tripitaka zum Sitzen an. Die Ordensbrüder ließen sich neben Tripitaka nieder, und der Alte setzte sich ihm gegenüber. Während sie sich unterhielten, schlurfte noch ein alter Mann heran und fragte, auf seinen Stock gestützt: »Was sind denn das für Ungeheuer, die mitten in der Nacht unser rechtschaffenes Haus unsicher machen?« Eilends stand der Alte auf und sprach: »Bruder, das sind keine Ungeheuer! Es sind Arhats aus dem chinesischen Kaiserreich, die zu Heiligen Schriften pilgern. Seine Jünger sehen etwas wild aus, doch unter dem grimmigen Äußeren verbirgt sich eine gute Natur.« Da legte der Alte seinen Stock nieder, begrüßte die vier mit einer höflichen Geste und setzte sich zu ihnen. Als die Diener bemerkten, wie die beiden Alten sich friedlich mit den Mönchen unterhielten, wich auch ihre Angst, und bald brachten sie Tee und trugen Speisen auf. Nach dem Essen bedankte sich Tripitaka mit einer Verbeugung und fragte: »Ehrwürdige Herren, wie lauten eure werten Namen?« »Unser Nachname ist Chen«, kam die Antwort. Da faltete Tripitaka die Hände vor der Brust und rief: »Dann ehren wir ja dieselben Vorfahren! Auch mein Nachname war im profanen Leben Chen. Darf ich fragen, was das für eine Zeremonie war, die ihr eben veranstaltet habt?« »Das war eine Totenzeremonie im Voraus«, gaben die beiden zur Antwort. »Ha, im Voraus hält man doch nur Zeremonien ab, um Totengeld ins Jenseits zu überweisen oder um ein Gelübde zu erfüllen!« rief Bajie amüsiert, »aber doch nicht Totenzeremonien!« Die Alten verneigten sich leicht und sprachen: »Ihr Schriftenholer, wie kommt es, dass ihr euch zu uns verirrt, anstatt dem rechten Weg zu folgen?« »Freilich folgen wir dem rechten Weg!« erwiderte Pilger, »nur sind wir an einen breiten Strom gelangt, wo wir nicht hinüberkonnten. Dann haben wir Zimbeln und Trommeln gehört und sind hierhergekommen, ein Nachtlager zu suchen.« »Ist euch am Ufer etwas aufgefallen?« wollten die Alten wissen. »Nein, nur eine Steinstele«, gab Pilger zur Antwort. »Etwas weiter am Oberlauf, eine knappe Wegmeile von der Stele entfernt, liegt der Tempel des Großen Königs Beseelten Erfühlens, habt ihr diesen gesehen?« »Nein«, antwortete Pilger, »doch erzählt, Großväterchen, was hat es mit dem Beseelten Erfühler auf sich?« Da brachen die beiden in Tränen aus und schluchzten: »Ach, werter Herr! Weil dieser Große König Unsrer Gegend Not erfühlt, Wir ihm diesen Tempel weihten; Möge er auf tausend Meilen Machtvoll seinen Schutz ausbreiten! Jährlich bringt er unsrem Dorfe Vieles an fruchtbarem Regen, Jahr für Jahr steht unser Weiler Unter seiner Wolken Segen.« »Fruchtbarer Regen und Wolkensegen, dagegen ist doch nichts einzuwenden«, warf Pilger ein, »was ist es denn, das euch solchen Kummer bereitet?« Da stampften die Alten verzweifelt mit den Füßen auf, schlugen sich mit den Fäusten an die Brust und riefen: »Ach, werter Herr! Zwar stehen wir in seiner Gunst, Doch der Kummer ist von Dauer; Auch wenn er Erbarmen hat, Bringt er uns am Ende Trauer! Unsre Knaben, unsre Mädchen Fordert er als Opfer ein; Dies kann doch nicht eine lichte, Aufrecht gute Gottheit sein!« »Er frisst also eure Knaben und Mädchen?« fragte Pilger. »So ist es.« »Und nun wird es wohl eure Familie getroffen haben.« »Ja, in diesem Jahr hat es uns getroffen. Unser Ort heißt ›Dorf der Sippe Chen‹ und liegt im Verwaltungsbezirk Yuanhui im Lande Chechi. Alljährlich verlangt der Große König einen unberührten Knaben und ein jungfräuliches Mädchen als Opfer, dazu Schweine, Schafe und süßen Wein. Wenn er dann alles verschlungen hat, garantiert er uns wieder Wind und Regen zur rechten Zeit, wenn wir ihm aber kein Opfer bringen, gibt es nur Leid und Katastrophen.« »Wie viele Söhne habt ihr denn?« Da schlugen sie sich verzweifelt an die Brust, und der Ältere rief: »Weh mir! Von Söhnen keine Rede! Ich geringer Alter heiße Chen Cheng, und das ist mein Bruder Chen Qing. Ich bin jetzt dreiundsechzig Jahre alt, er achtundfünfzig. Beide hatten wir große Mühe mit dem Nachwuchs. Mir wurde nur eine Tochter geboren, die gerade acht Jahre alt wird. Sie heißt Yicheng Jin, Ein Barren Gold. Mein Bruder hat einen siebenjährigen Sohn, sein Name ist Chen Guanbao, Der vom Kriegsgott Beschützte. Zusammen zählen mein Bruder und ich schon hundertzwanzig Jahre, doch wurden uns nur diese beiden Kinder geschenkt. Nun ist die Opferpflicht völlig unerwartet unserem Hause zugefallen, und wir wagen nicht zuwiderzuhandeln. Aus Mitleid mit den Kindern haben wir ihnen darum im Voraus eine Zeremonie zur Erlösung ihrer Seelen veranstaltet. Dies ist der Grund, weshalb wir von einer Totenzeremonie im Voraus gesprochen haben.« Als Tripitaka das alles vernommen hatte, konnte er seine Tränen nicht mehr zurückhalten und rief: »Es ist in der Tat, wie die alten Weisen sagten: ›Statt der gelben Mirabellen fallen die grünen – das Schicksal setzt jenen zu, die keine Kinder haben.‹« Pilger aber lachte und meinte: »Wartet erst mal, ich will noch mehr erfahren. Großväterchen, wie viel Besitz gehört zu eurem Hofe?« »Nicht wenig! Wir haben an die zweihundert Qing272 Felder für Nass- und Trockenreis, dazu neunundachtzig Weideflächen. Getreidevorräte haben wir mehr, als wir je essen können, Gewänder mehr, als wir tragen können. Außerdem haben wir ansehnliche Ersparnisse und gute Einkommen.« »Ihr müsst wohl durch Habgier zu Wohlstand gelangt sein«, bemerkte Pilger. »Warum Habgier?« »Weil ihr es bei einem solchen Guthaben noch übers Herz bringt, eure eigenen Kinder zu opfern. Ihr könnt euch doch für fünfzig Silberlinge einen Knaben kaufen, für hundert kriegt ihr ein Mädchen, das macht zusammen nicht mal zweihundert Silberlinge. Dann könntet ihr euren Nachwuchs doch behalten, oder?« »Ach, werter Herr!« fielen die beiden schluchzend ein, »Ihr könnt Euch nicht vorstellen, was dieser Große König alles zu erfühlen vermag. Er kommt oft zu uns ins Dorf.« »Wie sieht er denn aus, wenn er im Dorf herumgeht?« wollte Pilger wissen. »Wir können ihn nicht sehen, aber wenn ein duftender Windstoß heranweht, wissen wir, dass es der Große König ist. Dann verbrennen wir Weihrauch und werfen uns betend nieder. Er weiß in jedem Haushalt über jede Einzelheit Bescheid, kennt sämtliche Geburtsdaten von Jung und Alt. Und jetzt will er niemand anderen als unsere beiden Kinder. Kinder, die genau gleich aussehen und dazu noch im selben Jahr und Monat zur Welt gekommen sind, gibt es auch nicht für Millionen von Silberlingen!« »So verhält sich das also«, meinte Pilger. »Nun gut, dann holt bitte mal Euren Sohn, ich möchte ihn sehen.« Chen Qing eilte hinein und trug kurz danach den kleinen Guanbao in die Gästehalle. Was wusste der Kleine von Leben und Tod! Er hatte beide Ärmeltaschen voller Süßigkeiten, hüpfte tanzend umher und naschte im Spiel. Pilger aber sah ihn an, murmelte im Stillen eine Zauberformel, schüttelte sich und sah auf einmal haargenau gleich aus wie Guanbao. Die beiden Kinder fassten sich an den Händen und tanzten zusammen vor den Lampions umher. Da warfen sich die beiden Alten entsetzt auf die Knie und riefen: »Um Himmels willen, werter Herr! Eben haben wir noch miteinander gesprochen, und da seht Ihr aus wie mein Sohn! Das wird uns Lebenszeit kosten! Bitte, verwandelt Euch wieder zurück!« Pilger strich sich mit der Hand übers Gesicht und nahm wieder seine eigene Gestalt an. Da knieten die Alten vor ihm nieder und stammelten: »Dass der werte Herr über derartige Fähigkeiten verfügt!« »Sah ich Eurem Sohne ähnlich?« »Und wie! Aufs Haar.« »Würde das durchgehen beim Opfer?« »O ja, bestimmt!« »Was meint Ihr dazu, wenn ich mich anstelle Eures Kindes dem Großen König opfere, damit Ihr Euren Nachwuchs behalten könnt?« Da schlug Chen Qing die Stirn auf den Boden und rief: »Wenn Ihr so barmherzig seid und Euch anstelle meines Sohnes opfern wollt, so will ich dem Priester aus China 1000 Silberlinge auf seine Reise in den Westen mitgeben!« »Und mir?« versetzte Pilger, »ich kriege nichts zum Dank?« »Wenn Ihr Euch anstelle meines Sohnes opfert, gibt es Euch ja nicht mehr!« »Warum denn nicht?« »Dann wird Euch der Große König auffressen!« »Er soll mich zu fressen wagen?« »Es sei denn, er findet Euch ranzig.« »Mag geschehen, was der Himmel will«, lachte Pilger. »Frisst er mich, so war mir halt ein kurzes Leben bestimmt; frisst er mich nicht, habe ich Glück gehabt. Ich werde mich für Euch opfern.« In höchster Dankbarkeit schlug Chen Qing unentwegt die Stirn auf den Boden und versprach weitere fünfhundert Silberlinge. Chen Cheng aber machte weder Stirnaufschläge, noch sprach er Dank aus, sondern lehnte am Türpfosten und weinte bitterlich. Pilger packte ihn am Arm und rief: »Ihr weint wohl um Eure Tochter, werter Herr?« Da kniete Chen Cheng nieder und schluchzte: »Ja, so ist es. Eigentlich ist es ja mehr als genug, dass wir Euch das Leben meines Neffen verdanken. Aber auch wenn ich bloß eine Tochter habe, wird sie doch auch um mich weinen, wenn ich geringer Alter mal gestorben bin. Wie könnte ich es da übers Herz bringen, sie wegzugeben?« »Nun, dann lasst sofort fünf Scheffel Reis und ein paar leckere fleischlose Gerichte zubereiten, serviert alles dem Priester mit der langen Schnauze und bittet ihn, sich in Eure Tochter zu verwandeln«, meinte Pilger. »Dann wollen wir zwei Ordensbrüder uns zusammen opfern und eine gute Tat vollbringen, indem wir das Leben eurer Kinder retten. Was meint ihr dazu?« Wie Bajie das hörte, durchfuhr ihn ein gehöriger Schrecken, und er rief: »Bruder, was heckst du da aus? Ohne Rücksicht auf mein Leben ziehst du mich in diese Sache rein!« »Werter Bruder, so geht das Sprichwort: ›Auch Hühner müssen für ihr Futter arbeiten!‹ Nun sind wir in dieses Haus gekommen und dürfen uns hier satt essen, warum also nicht die Leute von ihrer Not erlösen?« »Aber ich kann mich doch nicht verwandeln!« »Du kannst doch auch sechsunddreißig Verwandlungen! Warum behauptest du da, es nicht zu können?« »Wuneng!« rief Tripitaka, »dein Ordensbruder hat recht. Du weißt: ›Ein Menschenleben retten ist noch mehr wert, als eine siebenstöckige Pagode zu errichten‹! Mit dieser Tat könnt ihr euch bei den Leuten bedanken und gleichzeitig gutes Karma anhäufen. Geht beide zum Opfer!« »Aber ich kann mich doch höchstens in so was wie Berge, Bäume oder Steine verwandeln, in Elefanten oder Wasserbüffel, vielleicht auch noch in einen Fettwanst, das könnte gehen. Aber doch nicht in ein so kleines Mädchen! Das ist echt schwierig.« »Werter Herr, bringt Eure Tochter hierher«, bat Pilger. Chen Cheng ging unverzüglich hinein und brachte sein Töchterchen Yicheng Jin in die Gästehalle, die ganze Sippschaft hinter ihm her. Nun warfen sich Alt und Jung, Mann und Frau allesamt auf die Knie, machten Kotau und flehten um die Rettung des Kindes. Das Mädchen, das von Kopf bis Fuß in bunten Kleidern steckte, naschte ebenfalls Süßigkeiten. »Bajie«, rief Pilger, »hier ist das Mädchen. Verwandle dich sofort in ihre Gestalt, dann gehen wir zum Opfer!« »Wie soll ich mich bloß in ein derart zierliches Geschöpf verwandeln?« »Beeil dich«, rief Pilger, »sonst gibt’s Schläge!« Da bekam es Bajie mit der Angst zu tun. Er murmelte eine Zauberformel, schüttelte sich und rief: »Verwandlung!« Tatsächlich war nun sein Gesicht dem des Mädchens ähnlich, doch blieb er feist und plump. »Streng dich an!« kicherte Pilger. »Da kannst du mich schlagen, wie du willst; es geht einfach nicht!« »Das sieht ja aus wie der Kopf eines Mädchens auf dem Körper eines Mönchs, weder Mann noch Frau, was soll denn das! Schreite mal den Gang des Siebengestirns ab!« Nun behauchte ihn Pilger mit beseeltem Odem, und tatsächlich, sein Körper veränderte sich, bis er dem Mädchen aufs Haar glich. »Nun lasst eure werten Angehörigen die Kinder hineinbringen«, wies Pilger die beiden Alten an. »Gebt ihnen was Leckeres zu essen und seht zu, dass sie nicht weinen, sonst könnte der Große König noch davon Wind bekommen. Und wir beide machen uns auf ins Vergnügen!« Die Frauen des Hauses gingen wie geheißen mit den Kindern hinein. Nun fragte Pilger: »Wie sollen wir nun geopfert werden? Gefesselt oder geknebelt? Gesotten oder gehackt?« »Bruder, mach jetzt keine Streiche!« flehte Bajie, »solche Künste kann ich doch nicht!« »Aber nein«, beschwichtigten die Alten, »ihr braucht euch nur auf zwei rote Lacktabletts zu setzen, die wir auf einem Tisch zum Tempel tragen.« »Sehr gut«, meinte Pilger, »bringt doch die Tabletts gleich mal her und lasst es uns ausprobieren!« Die beiden Alten brachten die Tabletts, Pilger und Bajie ließen sich darauf nieder, dann wurden sie von vier Burschen auf einem Tisch in den Hof getragen und nach einer Runde wieder in der Halle abgesetzt. Pilger kicherte und meinte: »Bajie, das fühlt sich ja an wie ein Mönch auf einem Ehrensitz!« »Wenn es bloß ums Herumtragen ginge, und sei’s bis morgen früh, hätte ich auch keine Angst«, versetzte dieser. »Doch wir sollen in den Tempel getragen und gefressen werden, das ist doch nicht zum Lachen!« »Verlass dich auf mich«, beruhigte ihn Pilger. »Während er mich frisst, kannst du ja davonrennen.« »Ja, falls er zuerst den Knaben frisst, ist das in Ordnung. Was aber, wenn er zuerst das Mädchen frisst?« Da erklärte der Alte: »Bei den Opferzeremonien haben sich ein paar mutige Gesellen schon mal im hinteren Teil des Tempels oder unter dem Altartisch versteckt und gesehen, dass er immer zuerst den Knaben gefressen hat.« »Zum Glück!« stieß Bajie hervor. Während sie noch redeten, dröhnten auf einmal Gongs und Trommeln, Fackeln und Lampions erhellten die Nacht, die Gästehalle wurde geöffnet, und man hieß die beiden Kinder wegtragen. Die beiden Alten schluchzten, und die vier Burschen trugen die Kinder hinaus. Und da wir nun wirklich nicht wissen, wie es um deren Leben stand, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第048回 / 48. Kapitel Ein Dämon entfacht Sturm und großen Schnee / An Buddha denkend geht der Mönch auf Eis Wie berichtet wird, machten sich alle Gläubigen vom Dorf der Sippe Chen daran, Schweine und Schafe, süßen Wein und andere Opfergaben, darunter auch Pilger und Bajie, unter großem Lärm und Trubel zum Tempel des Beseelten Erfühlens zu tragen. Knabe und Mädchen wurden zuvorderst platziert. Als Pilger sich umblickte, bemerkte er auf dem Altartisch, inmitten von Blütenblättern und Kerzen, eine Schrifttafel, auf der geschrieben stand: »Dem Gott des Beseelten Erfühlens«. Die Gläubigen stellten sich in geordneten Reihen auf, machten alle gemeinsam Kotau und riefen: »Großer König! In diesem Jahr und Monat, am heutigen Tage zur jetzigen Stunde, bringen Euch, wie es der alljährliche Brauch verlangt, Chen Cheng und sein Bruder aus dem Dorf der Sippe Chen einen unbefleckten Knaben namens Chen Guanbao und ein unbeflecktes Mädchen namens Yicheng Jin zum Opfer. Zudem stehen dem Großen König Schweine, Schafe und Opferwein zur Verfügung. Segnet uns mit Wind und Regen zur rechten Zeit, auf dass unsre Ernten reichlich ausfallen.« Nachdem die »Papierpferde« genannten Opferbilder und Gebetssprüche verbrannt worden waren, kehrten die Leute in ihre Häuser zurück. Als Bajie sah, wie sich die Leute entfernten, meinte er zu Pilger: »Lass uns nach Hause gehen!« »Wo bist du denn zu Hause?« fragte Pilger. »Gehen wir doch zu den Chens und legen uns schlafen.« »Quatsch, du Tölpel! Was wir versprochen haben, müssen wir auch halten.« »Du nennst mich Tölpel, dabei bist du selber einer! Wir haben doch nur Spaß gemacht mit den Alten, das war doch nicht ernst!« »Das Sprichwort geht: ›Was du beginnst, das führe auch zu Ende.‹ Wir müssen auf jeden Fall warten, bis der Große König erscheint, nur so können wir die Sache zu Ende führen. Ansonsten wird das Dorf anschließend von Katastrophen heimgesucht, das wäre doch nicht wünschenswert!« Während sie noch redeten, brauste auf einmal ein heulender Windstoß heran. »Jetzt ist es aus«, sagte Bajie. »Wenn der Wind heult, kommt der Dingsda.« »Schweig«, wies ihn Pilger zurecht, »ich werde mit ihm sprechen.« Kurz darauf erschien ein Ungeheuer vor dem Tempelportal, versperrte das Tor und brüllte: »Aus welcher Familie stammt das Opfer?« »Danke für die Nachfrage«, erwiderte Pilger, »wir kommen aus dem Hause von Chen Cheng und Chen Qing.« Der Unhold schöpfte Verdacht und dachte: »Wie kühn und redegewandt dieser Knabe ist! Normalerweise verschlägt es den Opfern auf meine erste Frage die Sprache, und wenn ich weiterfrage, fallen sie vor Schreck in Ohnmacht. Wenn ich sie dann packe, sind sie meist schon tot. Wie kommt es, dass dieses Kind so schlagfertig ist?« Er traute sich nicht, den Knaben sofort zu packen; stattdessen fragte er nach ihren Namen. »Der Knabe heißt Chen Guanbao, das Mädchen Yicheng Jin«, gab Pilger lachend zur Antwort. Da sprach das Ungeheuer: »Die Opferung erfolgt nach alten Regeln. Da du mir zum Opfer dargebracht worden bist, muss ich dich jetzt fressen.« »Ich will mich nicht erdreisten zu widerstehen«, sagte Pilger, »greift nur zu!« Als der Unhold diese Worte hörte, wagte er erst recht nicht zuzupacken, stemmte sich in den Türrahmen und brüllte: »Schluss mit diesen Frechheiten! Sonst fresse ich immer zuerst den Knaben, aber jetzt will ich das Mädchen!« Entsetzt rief Bajie: »Großer König, lasst es doch beim Alten! Althergebrachte Regeln sollte man nicht brechen.« Ohne sich auf weitere Diskussionen einzulassen, stürzte sich der Unhold auf Bajie. Der aber schnellte mit einem Satz vom Tisch, nahm seine eigene Gestalt an, packte den Rechen und schlug zu. Der Unhold wich aus und ergriff die Flucht. Etwas klirrte, und Bajie rief: »Ich habe ihm die Rüstung zerschlagen!« Da verwandelte sich Pilger ebenfalls zurück und fand am Boden zwei tellergroße Fischschuppen. »Ihm nach!« schrien beide und schossen in die Lüfte. Das Ungeheuer, das keinerlei Waffen bei sich hatte, schwebte nun mit leeren Händen in wolkiger Höhe und fragte: »Wo kommt ihr her, ihr Mönche? Wie könnt ihr es wagen, mich zu täuschen?« »Du Zankteufel kennst uns also nicht«, schrie Pilger. »Wir sind heilige Mönche aus dem chinesischen Kaiserreich und reisen im Auftrag des Kaisers in den Westen, um Heilige Schriften zu holen. Gestern haben wir im Hause der Chens übernachtet und dabei vernommen, dass hier ein Dämon umgeht, der sich ›Beseelter Erfühler‹ nennt und alljährlich einen Knaben und ein Mädchen zum Opfer verlangt. Aus Mitleid haben wir beschlossen, ihnen das Leben zu retten und das Ungeheuer festzunehmen. Gib sofort Bescheid, wie viele Jahre lang du dich hier schon als Großer König aufgespielt und wie viele Kinder du schon gefressen hast! Mach eine detaillierte Abrechnung, dann kommst du mit dem Leben davon.« Doch der Unhold floh, von Bajies Rechen knapp verfehlt, in einen Sturmwind verwandelt in den Fluss zum Himmel. »Wir brauchen ihn nicht zu verfolgen«, meinte Pilger. »Es muss sich um irgendeinen Flussdämon handeln. Lass uns morgen überlegen, wie wir ihn festnehmen und den Meister über den Fluss führen.« Bajie zeigte sich einverstanden, und so gingen sie in den Tempel, wo sie alle Opfergaben samt den Tischen einsammelten und zum Gehöft der Chens brachten. Tripitaka, Sandmönch und die Gebrüder Chen saßen gerade in der Haupthalle und warteten auf Nachricht, als sie auf einmal sahen, wie die beiden alle Schweine, Schafe und andere Opfergaben in den Innenhof warfen. Als Tripitaka fragte, wie die Opferung gewesen sei, erzählte Pilger die ganze Geschichte mit dem Ungeheuer. Überglücklich ließen die beiden Alten die Nachtlager herrichten, damit sich die Pilgernden zur Ruhe legen konnten, doch davon sei hier nicht weiter die Rede. Lasst uns stattdessen von dem Unhold erzählen. Dieser war nämlich, knapp dem Tod entronnen, in den Fluss geflohen und hockte nun schweigend in seinem Palast. All die kleinen und großen Wassertiere seiner Sippschaft wunderten sich und fragten: »Großer König, sonst seid Ihr doch nach dem Jahresopfer immer so guter Laune; was verstimmt Euch heute so sehr?« »Ja, sonst habe ich euch auch immer Reste mitbringen können, diesmal hab ich selbst keinen Happen gekriegt. Ich bin auf ebenbürtige Gegner gestoßen und hätte um ein Haar das Leben verloren!« Wer es denn gewesen sei, wollten die Wassertiere wissen. Der Unhold sprach: »Zwei Schüler eines heiligen Mönchs aus dem chinesischen Kaiserreich, die in den Westen pilgern, um Buddha zu sehen und Heilige Schriften zu holen. Die haben, in einen Knaben und ein Mädchen verwandelt, in meinem Tempel gesessen und hätten mich beinahe erschlagen. Dabei ist gar meine eigene Gestalt zum Vorschein gekommen. Schon lange habe ich von einem Priester Tripitaka aus China reden hören. Er soll sich über zehn Inkarnationen hinweg der Vervollkommnung gewidmet haben, und wer ein Stück Fleisch von ihm fressen kann, soll ein ewiges Leben erlangen! Ich hätte nur nicht gedacht, dass ihm solche Schüler zur Seite stehen. Und die haben mir nun meinen Ruf geschändet und die Opfergaben verwehrt! Am liebsten möchte ich mir diesen Priester schnappen, nur scheint das nicht so einfach zu sein.« Da meldete sich aus dem Wasservolk ein gesprenkeltes Mandarinfischweib zu Wort und sprach: »Großer König! So schwierig ist es auch wieder nicht, diesen chinesischen Priester zu fangen. Bekomme ich eine Belohnung, wenn wir ihn mit meiner Hilfe zu fassen kriegen?« »Wenn wir ihn mit Eurem Plan erwischen, werde ich Euch fortan als Schwester betrachten und ihn mit Euch zusammen verspeisen.« Da machte das Fischweib eine Verbeugung und sprach: »Es ist weitum bekannt, Großer König, dass Ihr die Macht habt, Wind und Regen zu machen und Flüsse und Meere aufzupeitschen. Versteht Ihr Euch aber auch darauf, Schnee zu machen?« »Ja, freilich.« »Und Eis?« »Durchaus.« Da klatschte das Fischweib in die Flossen, lachte und rief: »Dann ist es ja ganz einfach!« »Lasst den Plan hören.« »Noch in dieser Nacht lasst Ihr zur Zeit der dritten Nachtwache um Mitternacht einen eiskalten Wind aufziehen, der reichlich Schnee mit sich führt, so dass der Fluss gefriert. Dann schickt Ihr diejenigen von uns, die mit der Kunst der Verwandlung vertraut sind, in Menschengestalt auf die Straßen, von wo aus sie dann, mit Bündeln und Schirmen bestückt, auf dem Eis Lasten tragen, Karren schieben und geschäftig hin und her gehen sollen. Sobald der chinesische Priester, der es sicher eilig hat, seine Schriften zu holen, die Leute übers Eis gehen sieht, wird er sich bestimmt zur Überfahrt anschicken wollen. Ihr aber, Großer König, braucht nur auf dem Grund zu warten. Sobald Ihr seine Schritte hört, lasst Ihr einfach das Eis brechen, dass er mitsamt seinen Schülern ins Wasser fällt. Auf diese Weise ist er auf einen Schlag in unserer Hand.« »Ausgezeichnet!« freute sich der Unhold, verließ den Wasserpalast und stieg in die Lüfte. Wie er nun Wind und Schnee entfesselte und alles in Frost und Eis erstarren ließ, sei hier nicht weiter ausgeführt. Der Unhold entfesselte Wind und Schnee und ließ alles in Frost und Eis erstarren. Zur selben Zeit weilten Tripitaka und seine Schüler im Hause der Chens und schliefen. Kurz vor der Morgendämmerung begann die Kälte in ihre Decken zu dringen. »Ist das aber frisch, Bruder!« rief Bajie. »Tölpel«, gab Pilger zurück, »du bist einfach unverbesserlich. Mönche halten sich doch nicht wegen Kälte oder Hitze auf; warum frierst du so schnell?« »Es ist wirklich kalt«, bemerkte nun auch Tripitaka. Keiner konnte weiterschlafen. Schließlich standen sie auf, kleideten sich an und öffneten die Tür. Oh! Draußen war alles weiß! »Kein Wunder, dass euch derart friert«, meinte Pilger. Wie Jadeplättchen und Baumwollflaum tanzten die Flocken vom Himmel. Während sich Meister und Schüler noch an dem Anblick ergötzten, hörten sie, wie die Brüder Chen ihre Diener anwiesen, den Weg freizukehren und heißes Waschwasser zu bringen. Dann wurde auf einem Ofen mit glühenden Kohlen heißer Tee mit Milchfladen aufgetragen. Nachdem man sich um den Ofen gesetzt hatte, fragte der Priester: »Ehrwürdiger Herr, wie steht es hier mit den Jahreszeiten, kennt Ihr auch Frühling, Sommer, Herbst und Winter?« Lächelnd antwortete der alte Chen: »Wohl leben wir hier recht abgeschieden, unsere Bräuche und unser Anblick mögen anders sein als in Euren werten Landen. Doch abgesehen davon teilen wir doch denselben Himmel und dieselbe Sonne, wie sollten wir also die Jahreszeiten nicht kennen?« »Wie kommt es denn, dass heute Schnee und Kälte eingebrochen sind?« fragte Tripitaka. »Nun, zwar zählen wir erst den siebten Mondmonat«, erklärte der alte Chen, »doch gestern hatten wir ja bereits den Tag ›Weißer Tau‹, den Übergang zum achten Monat. Hier gibt es im achten Monat öfter mal Raureif oder Schnee.« »Das ist ganz anders als bei uns im Osten«, erwiderte Tripitaka, »dort kommen Schnee und Reif erst im Winter.« Während sie sich unterhielten, brachte ein Diener Reisbrei. Nach dem Essen fiel der Schnee noch dichter als am frühen Morgen, so dass der Boden schon bald von einer zwei Fuß dicken Schneeschicht bedeckt war. Tripitaka kamen vor innerer Unruhe die Tränen. »Beruhigt Euch, werter Priester!« sprach ihm der alte Chen zu, »in unserem Hause ist genug Getreide, Euch ein halbes Leben lang zu verköstigen.« »Nicht das ist es, was mir Sorgen bereitet«, antwortete Tripitaka. »Doch damals, als ich in China aufgebrochen bin und unser Kaiser mich persönlich zum Passtor begleitete, da fragte er mich, wie viele Jahre es wohl dauern würde bis zu meiner Rückkehr. Ich habe damals nichts von all den Gefahren gewusst, die auf dieser beschwerlichen Reise über Berg und Tal überall lauern, darum habe ich unbedacht zur Antwort gegeben, drei Jahre würden wohl ausreichen, mit den Heiligen Schriften zurück nach China zu kommen. Seit damals sind jetzt aber schon fast acht Jahre vergangen, und wir sind noch nicht einmal bei Buddha angelangt. Dass ich die Frist überschritten habe, ist, was mir Sorgen macht. Nun, da mich das Schicksal zu Eurem werten Gutshof geführt hat und meine Schüler sich mit ihren geringen Künsten erkenntlich zeigen konnten, hätte ich Euch eigentlich um ein Boot bitten wollen, damit wir den Fluss überqueren können. Ich hätte doch nicht damit gerechnet, dass ein solcher Schneefall den Weg unkenntlich machen würde! Wer weiß, wann wir endlich ans Ziel gelangen und in unsere Heimat zurückkehren können?« »Macht Euch keine Sorgen, werter Herr«, versuchte ihn der alte Herr Chen zu trösten, »so viele Tage sind bereits vergangen, was kommt es auf die wenigen Tage mehr an. Wartet ab, bis die Sonne wieder scheint, dann werde ich geringer Alter alles daransetzen, Euch über den Fluss führen zu lassen, und sollte es unseren gesamten Besitz kosten.« Abermals erschien ein Diener und bat zum Frühstück. Nach nicht allzu langer Zeit folgte das Mittagessen. Beim Anblick des reichgedeckten Tisches wurde Tripitaka nur noch ungeduldiger. Der alte Chen ließ den Garten auskehren und bat seine Gäste in einen hübschen, sauberen Pavillon, wo sie sich wie in einer Schneehöhle unterhalten und die Zeit vertreiben konnten. Dazu offerierte er Klosterwein, damit sie sich erwärmen konnten. Unvermerkt neigte sich der Tag dem Abend zu. Als sie in die Halle zurückkehrten, um das Abendessen einzunehmen, hörten sie Passanten auf der Straße rufen: »Was für eine Kälte dieser Tage! Sogar der Fluss zum Himmel ist zugefroren!« »Wukong«, rief Tripitaka, »was tun wir bloß, wenn der Fluss gefroren ist?« »Es wird wohl das seichte Uferwasser angefroren sein«, meinte der alte Chen, doch der Passant rief: »Auf der gesamten Breite von achthundert Meilen ist alles gefroren, glatt wie ein Spiegel. Es gehen sogar Leute über den Fluss!« Als Tripitaka das hörte, wollte er sofort hingehen. »Nur keine Eile«, mahnte der alte Chen, »heute ist es zu spät, geht lieber morgen hin.« Nach dem Nachtmahl legten sie sich wieder schlafen. Am folgenden Morgen stand Tripitaka in aller Frühe auf und hieß Wujing das Pferd satteln, damit sie das Eis nutzen konnten. »Nur mit der Ruhe«, mahnte der alte Chen, »wartet lieber noch ein paar Tage, bis Schnee und Eis geschmolzen sind, dann werde ich Euch ein Schiff besorgen.« Auch Sandmönch meinte: »Jetzt gleich aufzubrechen ist nicht angebracht. Schauen wir uns die Sache lieber an, als uns nur auf ein Gerücht zu stützen! Ich habe Euch das Pferd gesattelt, Ihr könnt nun zum Fluss reiten und ihn in Augenschein nehmen.« »Gute Idee!« stimmte der alte Chen zu. Er ließ die Diener sechs weitere Pferde satteln, so dass alle zusammen zum Fluss reiten konnten. Tatsächlich waren am Ende der Straße viele Leute zu sehen. »Werter Herr«, rief Tripitaka, »wohin wollen all die Leute auf dem Eis?« »Drüben am anderen Ufer liegt das Frauenland Xiliang. Die Leute hier sind Händler; was bei uns 100 Groschen kostet, ist drüben 10 000 wert, und was drüben 100 wert ist, kostet hier wiederum 10 000. Weil ein so geringes Kapital so große Gewinne abgibt, gehen sie ohne Rücksicht auf ihr Leben über den Fluss. Normalerweise überqueren Schiffe mit fünf bis sieben oder auch mal mit über zehn Leuten dieses ozeangleiche Gewässer. Jetzt aber setzen sie ihr Leben aufs Spiel und gehen zu Fuß hinüber.« »Ruhm und Reichtum«, sann Tripitaka, »hält der Mensch für das Wichtigste im Leben. Und diese Leute hier vergessen gar ihr eigenes Leben dafür. Doch wenn ich es recht bedenke, ist es eigentlich auch des Ruhmes wegen, dass ich alle meine Kräfte einsetze, den Auftrag des Kaisers zu erfüllen. Bin ich wirklich so anders als diese Leute?« Dann rief er Wukong zu: »Geh schnell zu unseren Gastgebern, mach Gepäck und Pferd bereit, wir wollen das Eis zur Weiterfahrt nutzen!« Mit einem breiten Lächeln willigte Pilger ein. »Meister«, mahnte Sandmönch, »das Sprichwort geht: ›In tausend Tagen isst man auch nicht mehr als tausend Maß Reis.‹ Da uns die Chens Gastfreundschaft gewähren, sollten wir doch lieber noch ein paar Tage abwarten, bis sich der Himmel klärt und das Eis schmilzt, damit wir mit dem Schiff hinüber können. Sonst könnten wir leicht in der Hast einen Fehler begehen.« »Was für eine törichte Idee, Wujing!« rief Tripitaka. »Hätten wir Frühling, im ersten oder zweiten Mondmonat, dann könnten wir sehr wohl abwarten, bis das Eis schmilzt. Doch jetzt sind wir im achten Monat, da wird es doch Tag für Tag kälter; wie können wir da auf die Schmelze warten? Wir würden ja ein halbes Jahr Reiseweg einbüßen!« Nun sprang Bajie vom Sattel und rief: »Schluss mit den Diskussionen. Ich alter Eber prüfe jetzt mal das Eis mit meinem Rechen. Wenn es bricht, ist es zu dünn, dann lassen wir es sein. Hält es aber stand, so ist es dick genug, und was soll uns dann am Aufbruch hindern?« »Du hast recht«, stimmte Tripitaka zu. Der Tölpel krempelte die Ärmel hoch, betrat das Eis, schwang seinen Rechen mit beiden Händen hoch und ließ ihn mit aller Kraft niedersausen. Es klirrte, und der Aufprall hinterließ neun kleine weiße Eindrücke auf der Eisfläche. Bajies Hände aber schmerzten vom Aufprall. Der Tölpel lachte und rief: »Wir können gehen, der Fluss ist bis auf den Grund gefroren!« Überglücklich kehrte Tripitaka mit den anderen zum Hause des alten Chen zurück und drängte zum Aufbruch. Vergeblich versuchten ihn die beiden Alten davon abzuhalten; schließlich blieb nichts anderes übrig, als Reiseproviant vorbereiten zu lassen. Dann warf sich die ganze Familie in tiefer Dankbarkeit Tripitaka zu Füßen. Zum Dank wurde ihm ein Tablett voller Bruchgold und Bruchsilber dargebracht, doch Tripitaka schüttelte den Kopf und weigerte sich, irgendetwas anzunehmen. Erst als die beiden Alten darauf bestanden, langte Pilger schließlich mit den Fingerspitzen ein Stückchen heraus. Anschließend verabschiedeten sie sich und gingen zum Ufer. Als sie aufs Eis kamen, glitt das Pferd aus, dass Tripitaka beinahe aus dem Sattel gefallen wäre. »Meister, das wird schwierig!« rief Sandmönch. »Wartet einen Moment«, rief Bajie, »bitten wir den alten Chen um ein bisschen Reisstroh, das wir dem Pferd um die Hufe binden können. Sonst fällt der Meister noch vom Pferd.« Der alte Chen hatte die Bitte vom Ufer aus vernommen, schickte sogleich nach einem Bündel Reisstroh und bat den Priester, am Ufer abzusteigen. Nachdem Bajie die Hufe mit Stroh umwickelt hatte, schritten sie schließlich auf die Eisfläche und zogen von dannen. Seit ihrem Abschied hatten sie bereits an die vier Meilen zurückgelegt, als Bajie Tripitaka den Priesterstab mit den neun Ringen reichte und sagte: »Meister, legt diesen Stab quer übers Pferd.« »Wozu denn das?« wunderte sich Pilger, und Bajie erklärte: »Das verstehst du eben nicht. Eisdecken haben immer irgendwo Löcher, und falls einer in ein solches Loch tritt, sinkt er ein. Ohne Querstange geht er unter, und die Eisdecke schließt sich über ihm wie ein Pfannendeckel; wie soll er dann je wieder rauskommen! Darum muss man sich auf diese Weise absichern.« Pilger lachte im Stillen und meinte: »Dieser Tölpel hat ja richtig Erfahrung im Eislaufen.« Tatsächlich hielten sich nun alle an Bajies Rat: Tripitaka legte seinen Prunkstab quer, Pilger den Goldreifstab, Sandmönch seine Lanze und Bajie, der das Gepäck an einer Tragstange über der Schulter trug, schnürte sich den Rechen kurzerhand an die Lenden. Nun schritten Meister und Schüler sorglos voran. So wanderten sie den ganzen Tag über, und als der Abend anbrach, stärkten sie sich mit etwas Trockenproviant, doch wagten sie nicht zu rasten. Im Mondschein, der die Eisfläche hell beschien, eilten sie voran, und das Pferd blieb die ganze Nacht über in Trab. Am Morgen nahmen sie erneut etwas Trockenproviant zu sich und eilten dann weiter gen Westen. Wie sie nun so vorwärtsgingen, dröhnte plötzlich ein lautes Krachen unter der Eisdecke, dass das Pferd vor Schrecken beinahe stürzte. Natürlich war das der Dämon, der schon lange hier gewartet hatte und nun, als er über sich die Huftritte hörte, die Eisdecke mit einem Zaubertrick sprengte. Pilger schnellte erschrocken in die Höhe, und schon versank das Pferd mitsamt Meister und Schülern im Wasser. Der Dämon aber packte Tripitaka, kehrte in den Wasserpalast zurück und brüllte: »Wo ist meine Schwester Mandarinfisch?« Wie sie vorwärtsgingen, dröhnte plötzlich ein lautes Krachen unter der Eisdecke. »Großer König!« rief das Mandarinfischweib, »wie könnte ich mich zu einem solchen Ehrentitel erdreisten?« »Werte Schwester, so heißt es doch: ›Ein Wort, das ausgesprochen ist, holt auch kein Viergespann mehr ein!‹ Ich habe Euch versprochen, dass ich Euch zu meiner Schwester ernennen werde, falls wir den chinesischen Priester fangen. Und nun ist der Plan ja tatsächlich gelungen!« Der Dämon hieß die Diener Tische herantragen und Messer wetzen, um dem Mönch das Herz herauszuschneiden und ihn zu häuten, damit er ihn mit seiner Schwester verzehren und dann ein ewiges Leben genießen könne. »Großer König«, wandte da das Fischweib ein, »wir sollten ihn nicht sofort verspeisen. Es könnte ja sein, dass seine Schüler noch herkommen und Streit suchen. Warten wir lieber ein paar Tage. Wenn sie dann nicht gekommen sind, können wir ihn in aller Ruhe genießen, das wäre doch besser?« Der Dämon stimmte zu. Also wurde der Priester in einen Hinterhof gebracht, wo man ihn in einen sechs Fuß langen steinernen Kasten legte. Doch davon sei hier nicht weiter die Rede. Der Priester wurde in den Hinterhof gebracht, wo man ihn in einen sechs Fuß langen steinernen Kasten legte. Erzählen wir stattdessen von Bajie und Sandmönch, die im Wasser nach dem Gepäck langten, es dem Pferd auf den Rücken legten und schließlich durch die Fluten rudernd an die Oberfläche stiegen. Pilger, der über ihnen schwebte, schrie: »Wo ist der Meister?« »Der Meister hat den Namen gewechselt«, versetzte Bajie, »er heißt jetzt mit Vornamen Daodi, ›auf den Grund‹, und mit Nachnamen Chen, ›versunken‹. Er ist einfach verschwunden. Lasst uns erst ans Ufer gehen und das Weitere besprechen.« Flugs waren sie wieder am östlichen Ufer und kamen ins Dorf der Sippe Chen. Den beiden Alten war ihre Ankunft schon gemeldet worden, und sie eilten zum Empfang aus dem Haus. Als sie die drei triefendnass daherkommen sahen, riefen sie: »Ach, werte Herren! Wir haben euch doch inständig gebeten, hierzubleiben, doch ihr wart einfach nicht dazu zu bewegen. So weit hat es nun kommen müssen, dass ihr von eurem Vorhaben abseht. Wo ist aber der ehrwürdige Tripitaka geblieben?« »Der heißt nicht mehr Tripitaka«, meinte Bajie, »der heißt jetzt Chen Daodi, ›auf den Grund gesunken‹.« »O weh, o weh!« klagten die Alten. »Wir haben ihm doch gesagt, er möge warten, bis der Schnee geschmolzen ist, damit wir ihn mit dem Schiff sicher ans andere Ufer bringen können. Doch er war nicht von seiner Idee abzubringen. Ach, dass er so ums Leben kommen musste!« »Alterchen«, meinte Pilger, »sorgt euch nicht um die Toten. Ich bin überzeugt, dass mein Meister nicht gestorben ist. Sicher hat ihm nur jener Große König des Beseelten Erfühlens mit einer Magie einen Strich durch die Rechnung gemacht. Beruhigt euch. Lasst unsere Kleider stärken und den Reisepass trocknen, gebt dem Pferd ein bisschen Futter. Ich werde dann mit meinen Ordensbrüdern den Unhold aufspüren und unseren Meister retten, so können wir das Übel an der Wurzel beseitigen. Dann wird auch die Rettung eurer Kinder keine schlechten Folgen nach sich ziehen, und ihr könnt auf ewig in Frieden leben.« Da freuten sich die beiden Alten von Herzen und ließen umgehend eine vegetarische Mahlzeit zubereiten. Nachdem sich die drei Ordensbrüder reichlich beköstigt hatten, machten sie ihre Waffen gebrauchsfertig und eilten ans Ufer, ihren Meister zu suchen und den Dämon aufzuspüren. Und da wir nicht wissen, wie sie den Priester schließlich retteten, lasst uns hören, was das nächste Kapitel berichtet. 第049回 / 49. Kapitel Tripitaka kommt auf tiefem Grund in Not / Guanyin bringt Erlösung mit dem Fischkorb Lasst uns weiter berichten, wie der Große Heilige zusammen mit Bajie und Sandmönch ans Ufer des Flusses zum Himmel kam, wo Pilger rief: »Brüder, besprecht euch mal, wer von euch beiden zuerst ins Wasser geht!« »Aber Bruder«, versetzte Bajie, »wir sind ja beide nicht sonderlich begabt. Geh lieber du zuerst.« »Nun, offen gesagt«, meinte Pilger, »wenn wir es bloß mit dämonischem Gesindel im Gebirge zu tun hätten, bräuchtet ihr euch nicht weiter zu bemühen. Doch im Wasser kenne ich mich schlecht aus. Dass ihr beide euch im Wasser bestens auskennt, weiß ich ja schon lange. Darum will ich, dass ihr reingeht.« Da meinte Sandmönch: »Natürlich kann ich runtergehen, nur weiß ich nicht, wie die Sache dort unten steht. Lass uns lieber alle zusammen gehen! Du, Bruder, kannst dich ja in irgendwas verwandeln, oder ich nehme dich auf den Rücken. Sobald wir das Nest dieses Ungeheuers ausfindig gemacht haben, kannst du erst mal die Lage ausspähen, und dann schauen wir, wie wir weiter vorgehen sollen. Was meint ihr dazu?« »Du hast recht, werter Bruder«, antwortete Pilger. »Wer von euch nimmt mich auf den Rücken?« Da sann Bajie im Stillen: »Dieser Affe hat mir schon wer weiß wie viele Streiche gespielt. Da will ich ihm doch mal was heimzahlen!« Also sagte er kichernd: »Mache ich, Bruder!« Pilger ahnte, dass Bajie etwas im Schilde führte, doch er ließ es dabei bewenden. Also nahm ihn Bajie auf den Rücken, und Sandmönch stach ihnen voran durch die Fluten; so drangen sie gemeinsam auf den Grund. Sie hatten schon mehr als hundert Meilen hinter sich, als Bajie seinen Streich ausführen wollte. Pilger aber zupfte sich ein Pelzhaar aus und legte es in seiner Gestalt auf Bajies Rücken, während er selbst sich als Schweinelaus an Bajies Ohr heftete. Während er vorwärtsdrang, machte Bajie einen plötzlichen Hopser, ließ Pilger absichtlich vornüberfallen und glitt kopfüber aus. Doch der falsche Körper bestand ja nur aus einem Haar, das nun aufwirbelte und spurlos verschwand. »Aber Bruder«, rief Sandmönch, »achte doch auf deinen Weg! Wo hast du unseren großen Bruder liegen lassen?« »Der Affe hält keinen Fehltritt aus, er hat sich aufgelöst. Kümmern wir uns nicht darum; gehen wir den Meister suchen!« »Nein, so geht das nicht«, widersprach Sandmönch. »Wir brauchen ihn, er ist einfach flinker als wir. Ohne ihn komme ich nicht mit.« Da konnte sich Pilger nicht halten und schrie Bajie ins Ohr: »Wujing, hier ist der alte Sun!« Sandmönch hörte es und rief: »Da hast du’s nun, du Tölpel! Mit dir ist es aus. Wie kannst du dich bloß erdreisten, ihn zum Narren zu halten? Jetzt ist er unsichtbar, und wir hören nur noch seine Stimme; das geht doch nicht!« Betroffen kniete Bajie sich in den Schlamm, machte Kotau und rief: »Bruder, es war mein Fehler! Sobald wir den Meister gerettet haben und wieder an Land sind, werde ich mich ordentlich bei dir entschuldigen. Von wo aus rufst du denn? Bitte, verwandle dich zurück, und ich buckle dich wieder auf; nie werde ich dich noch mal zu ärgern wagen!« »Natürlich musst du mich noch mal auf den Rücken nehmen! Ich werde dich nicht schikanieren, lass uns bloß gehen, los!« Der Tölpel brummte immer noch etwas von Entschuldigung vor sich hin, rappelte sich auf und drang mit Sandmönch weiter voran. Nach weiteren hundert Meilen erblickten sie auf einmal ein Palastportal, über dem in vier großen Schriftzeichen die Aufschrift prangte: » 水黿之家 – Residenz der Flussschildkröte«. »Hier muss dieses Ungeheuer wohnen«, meinte Sandmönch. »Lasst uns zu zweit am Eingang zum Kampf aufrufen.« Pilger aber fragte: »Ist drinnen auch Wasser?« »Nein«, antwortete Sandmönch. »Dann versteckt euch mal hier zu beiden Seiten und lasst erst mal mich reingehen, die Lage auszukundschaften.« Der gute Große Heilige kroch aus Bajies Ohr, verwandelte sich mit einem leichten Dreh in ein Hummernweib mit langen Vorderbeinen und schnellte in drei, vier Sätzen zum Tor hinein. Als er sich drinnen umsah, entdeckte er den Unhold auf einem Thron, neben ihm ein gesprenkeltes Mandarinfischweib und zu beiden Seiten das ganze Wasservolk. Alle sprachen nur davon, wie sie Tripitaka fressen wollten. Sorgfältig suchte Pilger alles ab, doch es war nichts zu finden. Auf einmal sah er ein großbauchiges Garnelenweib daherkommen und im westlichen Korridor stehenbleiben. Pilger sprang auf sie zu, grüßte und fragte: »Mütterchen, der Große König bespricht gerade, dass er einen chinesischen Priester fressen will, wo ist der denn überhaupt?« »Den hat der Große König hinten im Palast in einen steinernen Kasten legen lassen. Wenn seine Schüler keinen Krach schlagen, wird er ihn morgen verspeisen.« Pilger unterhielt sich zum Schein noch eine Weile, dann eilte er in den hinteren Teil des Palastes, wo er tatsächlich einen steinernen Kasten fand. Er sah ein wenig aus wie die Schweinetröge auf Bauernhöfen oder so wie ein steinerner Sarg. Drinnen hörte er Tripitaka leise wimmern. Pilger hielt sein Ohr an den Kasten und hörte nun, wie der Meister seufzend sprach: »Ach, dass ich, der Flusslauf-Mönch, So viele Sünden vergelten muss, Dass mir zeit des Lebens immer Unheil widerfährt im Nass! Kaum dem Mutterleib entbunden, Musst’ ich fast im Fluss ertrinken, Und auf Pilgerschaft gen Westen In den tiefen Abgrund sinken! Früher im Schwarzwasser schon Hat das Unglück mich getroffen; Heute ist der Tod mir sicher, Nun ist gar das Eis gebrochen! Wer weiß, ob wohl meine Schüler Mir hier noch zu Hilfe kommen, Auf dass wir die Wahren Schriften Einst in unsre Heimat bringen?« Da konnte sich Pilger nicht halten und rief laut: »Meister, grämt Euch nicht ob Eurem Leid im Wasser! So steht es doch in den Klassikern geschrieben: ›Erde ist der Wandlungsphasen Mutter, Wasser ist der Wandlungsphasen Quelle. Nichts keimt ohne Erde, nichts wächst ohne Wasser‹. Euer alter Sun ist da!« Tripitaka hörte es und rief: »O mein Schüler, rette mich!« »Macht Euch keine Sorgen«, rief Pilger, »wartet einfach, bis wir den Dämon gefasst haben. Ich garantiere Euch, dass Ihr hier wieder rauskommt!« Schon wandte er sich um und war mit einem Satz wieder draußen. Vor dem Tor nahm er seine eigene Gestalt an, rief nach Bajie und Sandmönch und sprach: »Es ist tatsächlich der Dämon, der unseren Meister hinters Licht geführt hat. Er hat ihn in einem Steintrog versteckt. Ruft ihr beide nun zum Kampf auf, ich alter Sun gehe ans Ufer. Falls ihr ihn zu fassen kriegt, nehmt ihn gleich gefangen. Falls nicht, dann müsst ihr die Flucht ergreifen, als hättet ihr verloren, und ihn so aus dem Wasser locken, damit ich ihn verhauen kann.« Mit einem magischen Fingerzeichen zur Wasserabwehr schnellte Pilger aus den Fluten und stellte sich wartend ans Ufer. Bajie aber rannte vor das Tor und schrie: »Du elender Zankteufel, rück meinen Meister raus!« Die kleinen Ungeheuer, die am Tor Wache hielten, erstatteten sofort Bericht. »Sicher sind das diese lumpigen Mönche«, meinte der Dämon und ließ sich Rüstung und Waffen reichen. Nachdem er die Rüstung umgeschnürt hatte, packte er eine neunzackige Kupferkeule, schritt zum Tor hinaus und brüllte Bajie an: »Wo kommst du her, du Mönch, was soll dieser Lärm?« »Du verfluchter Streitbold!« gab Bajie zurück, »gestern hast du dich noch mit mir angelegt, und heute tust du, als wüsstest du von nichts? Ich bin der Schüler des heiligen Priesters aus dem chinesischen Kaiserreich im fernen Osten, und ich reise mit ihm in den Westen, um bei Buddha Heilige Schriften zu holen. Und da gibst du dich hier mit faulen Tricks als Großer König des Beseelten Erfühlens aus und frisst die Kinder vom Dorf der Sippe Chen. Ich bin ›Ein Barren Gold‹, die Tochter von Chen Qing, kennst du mich nicht mehr?« »Du hast gar keinen Grund, mich anzuklagen, Mönch«, gab der Dämon zurück, »vielmehr hast du das Verbrechen begangen, unter falschem Namen als ›Ein Barren Gold‹ aufzutreten. Und zum Dank, dass ich dich nicht gefressen habe, hast du mich auch noch am Handrücken verwundet. Und was treibt dich jetzt vor meine Tore?« »Wenn du mich schon laufen lässt, brauchst du doch nicht Schnee und Eis zu machen und dich an meinem Meister zu vergreifen!« gab Bajie zurück. »Rück jetzt sofort meinen Meister raus! Und wenn dir auch nur ein halbes ›Nein‹ über die Lippen kommt, kannst du gleich sehen, wie du krepierst!« Mit einem kalten Lachen meinte der Dämon: »Dieser Mönch nimmt den Mund ganz schön voll. Es ist richtig, ich habe Schnee und Eis gemacht und deinen Meister entführt. Da du nun vor meinen Toren nach ihm verlangst, will ich mit dir drei Kampfrunden ausfechten. Hältst du mir stand, dann kriegst du deinen Meister wieder; wenn nicht, fresse ich dich gleich mit.« »Brav, mein Sohn«, erwiderte Bajie, »genau so wird es gemacht. Gib auf meinen Rechen acht!« Schon schwang er seinen Rechen über dem Dämon, der ihm seinerseits mit der Kupferkeule entgegentrat. Sandmönch, der die beiden beobachtet hatte, kam mit seinem Prunkstab zu Hilfe. Was für einen prächtigen Kampf die drei auf dem Grund veranstalteten! Kupferkeule, edler Prunkstab, Dazu ein gezahnter Rechen; Wuneng, Wujing kämpfen hier, Sich am Ungetüm zu rächen. Dank der schicksalhaften Bande Wird der Große Weg gelingen; Denn im Ganges-Sand der Welt Wirkt Erzeugen und Bezwingen.274 Erde bezwingt Wasser: Wasser trocknet und versiegt am Grund; Wasser erzeugt Holz: Holz lebt auf und keimt zum Blütenstand. Die Erleuchtung wie die Übung275 Lassen heim ins Eine finden, Und das wiederholte Läutern Lässt drei Sippen sich verbinden.276 Erde ist die Mutter, Kann Metall keimen lassen: Metall schafft Göttliches Wasser, Das Kindlein wird erschaffen.277 Wasser ist die Wurzel, Es ernährt das Holz, Und das Holz erzeugt in Pracht Lichterloh den Feuerglanz. Bei der Sammlung dieser Phasen Sind sie alle fünf verschieden, Darum wandeln sie sich ständig, Liegen unentwegt in Fehden. Die drei rangen ganze vier Stunden miteinander, ohne dass eine Entscheidung fiel. In der Ahnung, dass sie ihn nicht würden besiegen können, warf Bajie Sandmönch einen Blick zu, worauf die beiden eine Niederlage vortäuschten und mit gesenkten Waffen davonrannten. Der Dämon verfolgte sie an die Wasseroberfläche. Pilger, der am östlichen Ufer kein Auge vom Fluss gelassen hatte, sah die jäh aufwogenden Wellen, hörte Kampfgeschrei, und schon stoben Bajie und Sandmönch ans Ufer und riefen: »Er kommt, er kommt!« Der Dämon war ihnen dicht auf den Fersen; kaum tauchte sein Kopf aus den Fluten, schrie Pilger: »Dir zieh ich die Stange über!« Blitzschnell wich der Dämon zur Seite, wehrte den Hieb flink mit der Kupferkeule ab und trat ihm zum Kampf entgegen. Doch noch bevor sie drei Runden ausgetragen hatten, konnte der Dämon nicht mehr standhalten, schnellte herum, dass das Wasser aufspritzte, und tauchte kopfüber ab. Schon lag das Wasser wieder still und glatt, als wäre nichts gewesen. Pilger sprang die Uferböschung hoch und rief: »Besten Dank für eure Mühen, meine Brüder!« »An Land scheint das Biest recht unfähig zu sein«, bemerkte Sandmönch, »doch unten im Wasser war es ganz schön heftig! Bajie und ich haben ihn von beiden Seiten angefallen, und am Ende war der Kampf doch nur unentschieden. Doch was machen wir bloß, um den Meister zu retten?« »Wir dürfen keine Zeit verlieren«, meinte Pilger, »sonst tut er dem Meister womöglich noch etwas an! Ruft noch mal zum Kampf auf und lockt ihn herauf, dann mache ich ihm den Garaus.« Die beiden tauchten also wieder auf den Grund. Doch lasst uns nun vom Dämon berichten, der nach seiner Niederlage zum Palast zurückkam, wo sein Wasservolk ihn erwartete und ihn hineingeleitete. Da kam das Mandarinfischweib auf ihn zu und fragte: »Bis wohin habt Ihr die beiden Mönche gejagt?« »Die haben noch einen Dritten dabei! Erst sind die beiden ans Ufer geflohen, doch dort stand ihr Helfer mit einer Eisenstange bereit, keine Ahnung, wie schwer die war, auf jeden Fall habe ich mit meiner Keule überhaupt nichts dagegen ausrichten können. Schon während der dritten Kampfrunde musste ich aufgeben und zurückkehren.« »Großer König«, versetzte das Fischweib, »wisst Ihr noch, wie der Dritte ausgesehen hat?« »Es ist ein Mönch mit einem haarigen Gesicht, einer Schnauze wie der Donnergott und golden feurigen Augen.« Da fuhr es dem Fischweib kalt über den Rücken, und es rief: »O Großer König! Ihr könnt von Glück reden, dass Ihr so gut reagiert habt! Hättet Ihr weitergekämpft, wäret Ihr kaum heil davongekommen. Ich weiß, wer dieser Mönch ist. Als ich früher im Östlichen Ozean lebte, habe ich den alten Drachenkönig von seinen Taten erzählen hören. Er ist der Himmelsebenbürtige Große Heilige, ein Goldener Unsterblicher aus der kosmischen Urenergie des Höchsten Einen der oberen Sphären, der vor fünfhundert Jahren einen riesen Aufruhr im Himmelspalast gemacht hat! Später hat er sich dann zum Buddhismus bekehrt und begleitet nun einen Priester aus dem chinesischen Kaiserreich auf Pilgerfahrt in den Westen und nennt sich Pilger Sun Wukong. Er hat unsäglich große Zauberkräfte und kann sich in alles Mögliche verwandeln. Wie könnt Ihr Euch bloß mit ihm anlegen, Großer König! Lasst Euch ja nicht mehr in einen Kampf mit ihm verwickeln.« Ihre Worte waren kaum verklungen, als ein kleines Ungeheuer die Meldung brachte: »Die zwei Mönche stehen schon wieder vor dem Tor und rufen zum Kampf auf!« »Eure Worte zeugen von Weitblick, meine werte Schwester«, sprach der Dämon und befahl seinem Gesinde, das Tor fest abzuschließen. So war es nun: ›Ruft draußen, wie ihr wollt, ich mache die Tür nicht auf!‹ Die kleinen Ungeheuer schleppten mit vereinten Kräften Steine und Schlamm herbei und machten den Eingang dicht. Nachdem Bajie und Sandmönch lange vergeblich gerufen hatten, schwang der Tölpel seinen Rechen und schlug den Torflügel ein. Doch drinnen war nichts als eine vielschichtige Masse aus Steinbrocken und Mörtel. »Der Dämon muss ganz schön Angst gekriegt haben«, meinte Sandmönch, »er hat sich verbarrikadiert. Lass uns doch erst mal hochgehen und die Sache mit Pilger besprechen.« Bajie willigte ein, und die beiden stießen schnurstracks zum östlichen Ufer vor, wo sie Pilger berichteten, was geschehen war. »Wenn dem so ist, können wir nichts ausrichten«, meinte dieser. »Haltet ihr beide mal am Ufer Wache und seht zu, dass er nicht abhaut. Ich will derweil kurz mal nach Potalaka gehen und die Bodhisattva fragen, was wir tun können.« Seht, wie er auf einem glückverheißenden Lichtstrahl in die Höhe schießt und zielbewusst dem Südmeer entgegenschwebt! Nach weniger als einer Stunde sah er die Insel, senkte seine Wolke und landete auf einer Klippe von Potalaka. Schon kamen all die göttlichen Wesen auf ihn zu und sprachen: »Die Bodhisattva hat heute früh ihre Grotte verlassen, keinem erlaubt, ihr zu folgen, und ist alleine in den Bambuswald lustwandeln gegangen. Sie weiß, dass Ihr heute kommt, Großer Heiliger, und hat uns befohlen, Euch hier zu erwarten. Setzt Euch ein Weilchen beim Smaragdfelsen nieder, bis die Bodhisattva wieder da ist. Sie wird ihre Gründe haben.« Pilger tat wie geheißen und wollte sich gerade setzen, als der Knabe Sudhana mit einer Verbeugung auf ihn zutrat und sprach: »Großer Heiliger Sun, ich bin Euch zu großer Dankbarkeit verpflichtet! Da die Bodhisattva die Güte hatte, mich aufzunehmen, darf ich nun Tag für Tag bei ihr sein und ihr an ihrem Lotosthron zu Diensten stehen. Sie hat mir große Barmherzigkeit zukommen lassen.« Da merkte Pilger, dass es Rotkindchen war, und meinte lachend: »Damals hat das Dämonische dein Herz verwirrt. Jetzt hast du die rechte Frucht erlangt und weißt endlich, dass der alter Sun ein guter Mensch ist!« Nachdem Pilger eine Weile vergeblich gewartet hatte, wurde er unruhig und meinte: »Werte Herrschaften, richtet ihr doch aus, dass ich da bin; das Leben meines Meisters steht auf dem Spiel, wir dürfen nicht säumen!« Doch die Himmlischen antworteten: »Wir wagen ihr nichts auszurichten; sie hat uns befohlen, hier zu warten, bis sie wieder da sei.« Pilger mit seinem hitzigen Temperament konnte natürlich nicht länger warten. Schon marschierte er mit ausholenden Schritten zum Bambuswald, und da sah er die Bodhisattva: Allein im Bambuswald Auf dürrem Laub sie sitzt; Ihr Haupt mit losem Haar Ist noch ganz ungeschmückt. Nur ein dünnes Oberhemd Trägt sie statt dem blauen Rock; Unter der bestickten Schürze Sind die beiden Füße nackt. Kein Geschmeide um den Hals, Auch die Arme nicht verhüllt; In der sanften Hand ein Messer, Mit dem sie den Bambus schält. Pilger konnte sich nicht halten und rief laut: »Bodhisattva! Euer Jünger Sun Wukong grüßt Euch von Herzen! Mein Meister ist in Gefahr, darum bin ich gekommen, Euch zu fragen, wo der Dämon vom Fluss zum Himmel herkommt.« Die Bodhisattva antwortete: »Bleibe erst mal draußen, ich komme gleich.« Pilger blieb nichts anderes übrig, als sich wieder aus dem Bambuswald zurückzuziehen. Zu den Himmlischen sagte er: »Die Bodhisattva führt wohl eine neue Hausordnung ein; wozu schält sie im Walde Bambus, statt sich ordentlich zu schmücken und auf ihrem Lotosthron zu sitzen?« »Wir wissen es nicht«, war die Antwort, »heute früh ist sie noch vor ihrer Morgenwäsche gleich von der Grotte in den Bambuswald gegangen. Uns hat sie nur gesagt, wir sollten auf den Großen Heiligen warten, also hat es sicher mit Euch zu tun.« Pilger musste nicht lange warten, denn bald kam die Bodhisattva mit einem purpurnen Bambuskorb am Arm aus dem Wald und sprach: »Wukong, ich komme mit dir deinen Meister retten!« Bestürzt warf sich Pilger ihr zu Füßen und sprach: »Euer Jünger wagt Euch nicht zu drängen. Bitte kleidet Euch erst richtig an und besteigt den Thron!« »Ich brauche nicht mehr anzuziehen«, erwiderte die Bodhisattva, »wir können gleich gehen.« Sie ließ ihre himmlischen Jünger zurück, stieg auf eine glückverheißende Wolke und schwebte durch die Lüfte davon. Pilger blieb nichts anderes übrig, als ihr zu folgen. Wenig später hatten sie den Fluss zum Himmel erreicht, wo Bajie und Sandmönch sie kommen sahen und meinten: »Dieser Hitzkopf von Pilger muss sich ja im Südmeer ganz schön wild aufgeführt haben, dass er uns eine ungekämmte Bodhisattva mitbringt!« Schon waren die beiden am Ufer. Nachdem Bajie und Sandmönch sich vor der Bodhisattva verneigt hatten, löste diese das Band, das um ihr Hemd gebunden war, und knüpfte es am Korb fest. Dann schwebte sie auf ihrer Wolke über den Fluss, warf den Korb am Band hinab und zog ihn gegen die Strömung durchs Wasser. Dazu sprach sie die Worte: »Die Toten vergehen, der Lebende bleibe! Die Toten vergehen, der Lebende bleibe!« Nachdem sie den Satz sieben Mal ausgesprochen hatte, zog sie den Korb hoch, und darin sah man jetzt einen glitzernden Goldfisch, der noch mit den Augen zwinkerte und die Schuppen bewegte. »Wukong!« rief die Bodhisattva, »geh jetzt rasch auf den Grund und rette deinen Meister.« »Wie soll ich ihn denn retten, wenn wir den Dämon noch nicht erwischt haben?« fragte Pilger. »Da ist er doch, hier im Korb!« Da fragten Bajie und Sandmönch mit einer Verneigung: »Wie kommt es denn, dass dieser Fisch solche Fähigkeiten hatte?« »Er stammt ursprünglich aus meinem Lotosteich«, erklärte die Bodhisattva. »Jeden Tag streckt er den Kopf aus dem Wasser, wenn wir die Sutren lesen; dadurch hat er seine inneren Kräfte genährt. Die neunzackige Kupferkeule ist eine Lotosknospe, aus der er sich diese Waffe gemacht hat. Irgendwann muss er mit einer Flutwelle hierhergekommen sein. Als ich heute früh am Geländer lehnte und die Blüten im Teich betrachtete, ist dieses Biest nicht wie sonst zur Begrüßung aufgetaucht. Ich habe mir die Sache an den Fingern abgezählt und aus den Handlinien gelesen, dass er hier als Dämon euren Meister in Gefahr gebracht haben muss. Darum habe ich gar nicht erst mit der Morgenwäsche angefangen, sondern gleich mit Zauberkraft einen Bambuskorb geflochten, um ihn zu fangen.« »Bodhisattva«, rief Pilger nun, »bleibt doch noch einen Augenblick hier, dann rufen wir alle Gläubigen aus dem Dorf der Sippe Chen herbei, damit sie Euer Antlitz erblicken. Erstens können wir ihnen so eine Gunst erweisen, zweitens dabei erzählen, wie Ihr den Dämon bezwungen habt. So werden sie Euch in Zukunft aufrichtige Verehrung entgegenbringen.« »Meinetwegen«, sprach Guanyin. »Dann geht rasch hin und holt sie.« Pfeilschnell rannten Bajie und Sandmönch ins Dorf und verkündeten: »Kommt alle her und schaut die leibhaftige Bodhisattva! Schaut die leibhaftige Bodhisattva!« Schon eilten Jung und Alt, Mann und Frau vom ganzen Dorf zum Fluss, und alle knieten ungeachtet des Uferschlammes nieder und vollzogen ehrerbietige Stirnaufschläge. Einer unter ihnen, der gut malen konnte, hielt ihr Abbild fest. Das ist die Offenbarung der allbekannten »Guanyin mit dem Fischkorb«. Anschließend kehrte die Bodhisattva alleine zum Südmeer zurück. Bajie und Sandmönch aber tauchten ins Wasser und hielten direkt auf die Residenz der Flussschildkröte zu, wo sie ihren Meister suchten. Das ganze Wasservolk des Palastes war tot und verfault. Da begaben sich die beiden in den hinteren Teil, öffneten den Steintrog, nahmen den Priester auf den Rücken und führten ihn an Land, wo er von allen Anwesenden begrüßt wurde. Der alte Chen Qing und sein Bruder verbeugten sich dankend und sprachen: »Werter Herr, hättet Ihr nur auf unseren geringen Rat gehört, so hättet Ihr nicht ein solches Leid durchmachen müssen!« Pilger aber meinte: »Lassen wir das. Ihr Leute hier im Dorf braucht nächstes Jahr keine Opfer mehr darzubringen, der Große König ist nicht mehr da, das Übel ist an der Wurzel beseitigt. Nie wird er wieder Schaden anrichten! Doch werter Herr Chen, nun muss ich Euch mit einer Bitte bemühen: Sucht uns ein Boot, mit dem wir über den Fluss fahren können.« »O ja, gerne!« riefen die beiden Alten und ließen sogleich Bretter sägen, um ein Boot zu zimmern. Alle Dörfler boten begeistert ihre Hilfe an; der eine rief: »Ich kaufe Segel und Mast!«, der andere sagte: »Ich besorge die Ruder!«, wieder andere versprachen Taue zu bringen oder Schiffsleute zur Verfügung zu stellen. Mitten im regen Tumult erklang auf einmal eine sonore Stimme im Fluss: »Großer Heiliger Sun! Ihr braucht kein Boot, vergeudet nicht der Leute Hab und Gut. Ich bringe Euch und Euren Meister ans andere Ufer!« Alle horchten erschrocken auf. Mit einem Mal tauchte ein Ungeheuer aus den Wellen auf; es war eine Wasserschildkröte, deren Kopf und Rückenpanzer über lange Jahre hinweg Moos angesetzt hatten. Pilger schwang seine Eisenstange und schrie: »Weh dir, du Sündenbiest! Wenn du hierherkommst, schlage ich dich mit einem Hieb tot!« Doch die Schildkröte antwortete: »Ich bin Euch zu Dankbarkeit verpflichtet, Großer Heiliger. Darum möchte ich Euch gerne über den Fluss führen. Warum wollt Ihr mich stattdessen schlagen?« »Was soll ich dir denn Gutes getan haben?« fragte Pilger. »Wisset, Großer Heiliger: Die Residenz der Flussschildkröte dort unten, das war einst mein Zuhause. Der Palast ist über Generationen hinweg an mich vererbt worden. Weil ich das tiefste Wesen erkannt und mir beseelte Kräfte angeeignet hatte, konnte ich den Wohnsitz meiner Ahnen zu dieser Residenz umbauen. Jener Dämon aber ist vor neun Jahren bei einem Orkan mit einer Woge hierhergespült worden und hat mir den Kampf angesagt. Viele meiner Kinder und Verwandten sind durch seine rücksichtslosen Gewalttaten zu Schaden gekommen. Am Ende habe ich ihm nicht mehr standhalten können, und so hat er mein Heim einfach in Besitz genommen. Da nun Ihr gekommen seid und die Bodhisattva geholt habt, ist mein Palast endlich frei von dämonischer Energie und gehört wieder mir. Dass ich heute Alt und Jung wieder beisammenhabe und in meinem alten Zuhause wohnen darf, habe ich Euch zu verdanken. Diese Gunst wiegt schwerer als ein ganzer Berg! Und nicht nur ich habe Euch so viel zu danken, auch die Leute vom Dorf. Fortan brauchen sie nicht mehr jedes Jahr zu opfern, und ihre Familien bleiben heil. Da habt Ihr wahrlich auf einen Schlag zwei gute Taten vollbracht. Wie könnten wir uns da nicht erkenntlich zeigen?« Pilger freute sich im Stillen, steckte seine Eisenstange ein und fragte: »Bist du wirklich ganz aufrichtigen Sinnes?« Da öffnete die alte Schildkröte ihr rotes Maul, schwor zum Himmel und sprach: »Wenn ich den Priester aus dem chinesischen Kaiserreich nicht über den Fluss führe, so soll sich mein Körper in Blut verwandeln!« Pilger lachte und rief: »Nun, so komm denn ans Ufer, komm schon.« Die Schildkröte näherte sich dem Ufer, bis sie mit einem Satz aus dem Wasser sprang und die Böschung hochkletterte. Alle kamen herbei, um sie zu sehen. Ihr großer weißer Rückenpanzer hatte einen Umfang von gut vier Klaftern. »Meister«, rief Pilger, »lasst uns auf ihren Rücken steigen und ans andere Ufer fahren.« »Aber mein Schüler«, wandte Tripitaka ein, »schon auf dem dicken Eis haben wir unsere liebe Mühe gehabt, voranzukommen. Wie viel unsicherer muss es erst auf diesem Schildkrötenpanzer sein!« Da sprach die Schildkröte: »Macht Euch keine Sorgen, Meister! Auf meinem Rücken seid Ihr weitaus sicherer als auf dem Eis! Schon das geringste Abkippen soll mein Verdienst zunichtemachen.« »Meister«, meinte auch Pilger, »solche Geschöpfe, die der menschlichen Sprache mächtig sind, lügen nicht.« Und er hieß seine Brüder das Pferd ans Ufer führen. Das ganze Dorf der Sippe Chen gab ihnen das Abschiedsgeleit. Pilger gab Anweisung, das Pferd auf den Schildkrötenpanzer zu führen, und bat Tripitaka, sich links neben dem Kopf des Pferdes aufzustellen, während Sandmönch rechts davon und Bajie hinter dem Pferd Stellung bezog. Er selbst stellte sich vor das Pferd. Aus Furcht, dass die Schildkröte sich doch noch schlecht aufführen könnte, löste er das Band seiner Tigerschürze und zog es der Schildkröte durch die Nüstern, dass es aussah, als hielte er Zügel in der Hand. Dann rief er: »So, alte Schildkröte, schön langsam! Wenn du nicht achtgibst, kriegst du eins auf den Schädel!« »Ich gebe acht«, antwortete die Schildkröte. Dann hob sie ihre Füße an und glitt so sicher ins Wasser, als wäre es flacher Grund. Um Ufer entzündeten die Dörfler Räucherwerk, machten tiefe Verbeugungen und sprachen alle: »Ehre sei Buddha Amithaba!« Sie verneigten sich so lange, bis die Pilgerschaft in der Ferne entschwunden war. Die Überfahrt auf der weißen Schildkröte dauerte weniger als einen Tag. Schon war der achthundert Meilen breite Strom überquert, und alle kamen trocken an Hand und Fuß am anderen Ufer an. Nachdem Tripitaka die Uferböschung erklommen hatte, faltete er die Hände zum Dank und sprach: »Werte Schildkröte! Du hast uns große Hilfe geleistet. Wir haben nichts, das wir dir zum Dank anbieten können, doch wollen wir uns erkenntlich zeigen, wenn wir auf dem Rückweg hier vorbeikommen.« »Ihr braucht mir nicht zu danken, Meister«, sprach die Schildkröte. »Doch habe ich gehört, der Buddha im Westen sei ohne Tod und ohne Geburt, und er wisse alles über Vergangenheit und Zukunft. Nun übe ich mich hier seit 1300 Jahren in der Vervollkommnung; dadurch habe ich zwar mein Leben verlängern und die menschliche Sprache erlernen können, doch komme ich einfach nicht aus meiner leiblichen Hülle heraus. Ich bitte Euch, werter Meister, fragt den Buddha unbedingt, wie lange ich noch brauche, bis ich mich von dieser Gestalt befreien und einen menschlichen Körper erlangen kann!« »Gut, ich werde ihn fragen«, versprach Tripitaka, und die Schildkröte tauchte ins Wasser. Pilger half seinem Meister aufs Pferd, dann fanden sie die Landstraße und zogen weiter dem Westen entgegen. Und da wir nicht wissen, wie es danach um ihr Schicksal stand, lasst uns hören, was das nächste Kapitel berichtet. 第050回 / 50. Kapitel Das Wesen folgt den wirren Sinnen wegen Gier und Lust / Der trübe Geist bewegt das Herz und trifft auf einen Dämon Es sei der Herzensgrund Beständig ausgekehrt, Der Staubwelt Sinneslust Sorgfältig abgelegt, Auf dass Vairocana280 In keine Falle geht. Wenn das innere Wesen Geklärt ist und stets rein, Kann vom Urbeginn Erstmals die Rede sein. Pflege stets mit Sorgfalt Den Docht vom inneren Licht; Führe durch den Caoxi-Fluss Den Atem mit Bedacht,281 Dass du Pferd und Affe Nicht unfein schnaufen lässt.282 Ist der Atem Tag und Nacht Immerdar im Gleichgewicht, Offenbart sich darin erst Die wahre Meisterschaft! Dieses Gedicht mit dem Titel Nankezi283 handelt davon, wie Tripitaka, der dem Leid der Eiseskälte im Fluss zum Himmel entronnen war, die weiße Flussschildkröte bestieg und sicher ans andere Ufer gelangte. Meister und Schüler wanderten auf der Landstraße weiter dem Westen zu. Es war bereits Winter geworden, und ringsum sah man: Im Walde schwache Strahlen Durch den Nebel fallen, Berggerippe stehen Frostig über Wellen. Wie sie nun weiter vorandrangen, gelangten sie einmal mehr vor einen hohen Berg, auf dessen Felsenhänge ein schmaler Pfad hochführte. Er war so steinig und so steil, dass er für Menschen wie für Pferde kaum begehbar schien. Tripitaka zügelte sein Ross und rief den Schülern zu: »Seht, wie hoch dieser Berg ist! Sicher gibt es dort Tiger und Wölfe oder dämonisches Getier. Wir müssen uns vorsehen!« Pilger aber meinte: »Keine Sorge, Meister. Wir Ordensbrüder sind ein Herz und eine Seele, alle sind wir auf dem rechten Weg und auf der Suche nach dem Wahren. Was braucht Ihr Euch da vor Tigern, Wölfen oder Dämonen zu fürchten!« Auf diese Worte blieb Tripitaka nichts übrig, als guten Mutes vorwärtszureiten. Durch Schnee und Kälte erklommen sie frierend die aufragenden Felsklippen, bis sie von weitem in einer Talsenke, still entlegen, ein paar hohe Gebäude erblickten. »O Schüler«, freute sich Tripitaka, »heute haben wir lange frieren und hungern müssen. Zum Glück gibt es dort im Tal ein paar Gebäude; mir scheint, sie gehören zu einer Tempelanlage. Lasst uns dorthin gehen und um Almosen bitten. Sobald wir uns gesättigt haben, wollen wir weiterreisen.« Auf diese Worte richtete Pilger seinen Blick sofort in die angegebene Richtung und sah, dass der Ort von unguten Dunstschwaden und schlechter Energie umhüllt war. Er wandte sich zu Tripitaka und rief: »Meister, das ist kein guter Ort!« Tripitaka aber meinte: »Das sind doch richtige Tempelhallen, was soll daran nicht gut sein?« »Ach Meister«, lachte Pilger, »Ihr habt doch keine Ahnung. Auf dem Weg in den Westen gibt es so viele Ungeheuer, die sich darauf verstehen, irgendwelche Gebäude herbeizuzaubern. Dort drüben jedenfalls ist eine ganz üble Energie, da dürfen wir auf keinen Fall hingehen!« »Nun gut«, meinte Tripitaka, »aber ich bin wirklich hungrig.« »Wenn Ihr Hunger habt, Meister, dann steigt erst mal vom Pferd und setzt Euch, ich werde etwas besorgen.« Tripitaka stieg also aus dem Sattel, während Sandmönch die Almosenschale aus dem Reisebeutel holte und sie Pilger reichte. Dieser nahm sie entgegen und schärfte Sandmönch ein: »Werter Bruder, geht ja nicht weiter vorwärts! Du musst gut auf den Meister achten und schauen, dass er hier sitzen bleibt. Wartet, bis ich zurück bin, dann setzen wir die Reise fort.« Sandmönch nickte, und Pilger wandte sich wieder an Tripitaka und sprach: »Meister, dieser Ort verheißt nichts Gutes. Ihr dürft Euch auf keinen Fall von hier wegbewegen. Ich weiß, dass Ihr nicht lange sitzen bleiben könnt, deshalb will ich Euch mit einer Magie zur Ruhe verhelfen.« Schon nahm er seinen Goldreifstab und zog damit auf einer flachen Stelle einen weiten Kreis. Dann bat er Tripitaka, sich in die Mitte zu setzen, und hieß Bajie und Sandmönch, ihm links und rechts zur Seite zu stehen. Nun brachte er auch Pferd und Gepäck zu ihnen und sprach zu Tripitaka: »Der Kreis, den ich gezogen habe, wirkt noch stärker als eine eherne Festung. Kein wildes Tier und kein Dämon würde es je wagen, hier einzudringen. Das Einzige, worauf ihr achten müsst, ist, dass ihr diesen Kreis nicht verlasst. Ihr müsst unbedingt hier sitzen bleiben, nur so kann ich garantieren, dass euch nichts geschieht. Habt bloß acht!« Tripitaka zeigte sich einverstanden und setzte sich mit den zwei Schülern aufrecht in den Kreis. Pilger aber schnellte in die Lüfte und hielt direkt nach Süden, wo er zwischen ein paar hohen alten Bäumen einen Weiler erspähte. Er senkte seine Wolke und schaute sich um. Da ging knarrend eine Holztür auf, ein alter Mann an einem Gehstock aus Gänsefußholz kam heraus, sah zum Himmel auf und brummte: »Ah, Westwind. Morgen wird’s schön.« Hinter ihm sprang ein kleines Löwenhündchen heraus, heftete den Blick auf Pilger und bellte wie wild. Jetzt erst wandte sich der Alte um und sah Pilger, der mit seiner Almosenschale dastand. »Werter Spender«, sprach ihn Pilger an, »ich bin ein Mönch aus dem chinesischen Kaiserreich im Osten und reise in den Westen, um Buddha zu huldigen und Heilige Schriften zu holen. Nun hat mein Meister Hunger bekommen, darum möchte ich an Eurem werten Orte um eine milde Gabe bitten.« Da meinte der Alte: »Hier braucht Ihr nicht um Almosen zu bitten, Priester. Ihr seid auf dem falschen Weg. Der Weg nach Westen geht dort im Norden lang, etwa tausend Meilen weit von hier. Sucht doch erst die richtige Landstraße!« Pilger aber lachte und meinte: »Genau dort im Norden sitzt mein Meister jetzt am Wegrand und wartet, dass ich mit dem Essen zurückkomme.« »Was für ein Unsinn«, versetzte der Alte, »wenn Euer Meister dort an der Landstraße auf Euer Essen wartet, braucht Ihr doch für diese tausend Meilen, auch wenn Ihr gut zu Fuß seid, sechs bis sieben Tage, bis Ihr überhaupt hier seid. Und zurück noch mal sechs bis sieben Tage. Bis dann wäre er doch längst verhungert!« »Nun, ich will Euch nichts verhehlen«, lachte Pilger, »seit ich von meinem Meister weg bin, ist nicht mehr Zeit vergangen, als der Tee in der Tasse heiß bleibt. Und mit dem, was ich hier bekomme, muss ich rechtzeitig zum Mittagessen wieder zurück sein.« Da wurde es dem Alten angst und bange, und er murmelte: »Dieser Mönch ist ein Gespenst! Ein Gespenst!« Er wandte sich ab und wollte ins Haus eilen, doch Pilger fasste ihn am Ärmel und sagte: »Wohin denn, werter Spender? Wenn Ihr was zu essen habt, dann gebt mir gleich was ab!« »Es ist ungünstig«, wand sich der Alte, »ich habe sechs, sieben Erwachsene und Kinder im Haus, und wir haben grad erst drei Maß Reis gewaschen und aufgesetzt; er ist noch nicht gar. Geht erst mal woanders hin!« Doch Pilger insistierte: »So sagten doch die alten Weisen: ›Besser in einem Hause sitzen, als zwischen drei Häusern hin und her gehen.‹ Da will ich geringer Mönch doch lieber ein Weilchen hier warten.« Wie der Alte begriff, dass er ihn nicht loswurde, erhob er im Ärger seinen Gehstock und schlug nach Pilger. Der aber blieb furchtlos stehen und ließ sich sieben, acht Stockhiebe auf seinen kahlen Schädel hauen. Dann meinte er lachend: »Werter Herr, Ihr könnt schlagen, sooft Ihr wollt. Doch vergesst nicht, die Hiebe zu zählen: Ein Stockschlag gibt ein Maß Reis. Also zählt mal ruhig weiter.« Da warf der Alte seinen Stock hin, rannte hinein, schloss die Tür hinter sich und schrie nur noch: »Ein Gespenst, ein Gespenst!« Die ganze Sippschaft zitterte vor Angst, und man verriegelte hinten und vorn alle Tore des Hauses. »Der alte Gauner hat doch eben gesagt, der Reis sei schon im Topf«, sann Pilger, »wer weiß, ob das stimmt. Doch so heißt es ja: ›Mit dem Daoismus gewinnt man die Gebildeten, mit dem Buddhismus die Einfältigen.‹ Da will ich alter Sun doch mal reingehen und mir einen Eindruck verschaffen!« Er machte sich unsichtbar und ging schnurstracks in die Küche, wo tatsächlich ein Topf dampfte, der zur Hälfte mit Reis gefüllt war. Pilger drückte seine Almosenschale hinein und schöpfte eine volle Ladung Reis. Wie er nun auf einer Wolke zurücksauste, sei hier nicht weiter ausgeführt. Lasst uns stattdessen von Tripitaka erzählen, der lange im Kreis gesessen und auf Pilger gewartet hatte. Schließlich neigte er sich vor, spähte in die Ferne und sagte: »Wohin mag dieser Affe wohl gegangen sein?« Bajie neben ihm lachte auf und meinte: »Ha, wer weiß, wo der sich wieder vergnügt! Uns aber lässt er hier in diesem Kerker sitzen.« »Warum denn Kerker?« fragte Tripitaka verwundert. »Ihr müsst wissen, Meister«, erklärte Bajie, »in alten Zeiten hat man die Leute zur Strafe in einem Kreis stehen lassen, der auf dem Boden gezeichnet wurde. Jetzt hat er mit seinem Stab hier einen Kreis gezogen und behauptet, der sei noch stärker als eine eherne Festung. Aber falls jetzt wirklich Tiger oder Wölfe kommen, wie sollen die davon abgehalten werden? Dann können wir uns doch nur noch zum Fressen anbieten!« »Was würdest du denn tun, Wuneng?« »Nun, hier sind wir ja nicht mal vor Wind geschützt, und vor der Kälte auch nicht. Wenn es nach mir altem Eber ginge, würde ich einfach den Weg entlang nach Westen gehen. Unser Ordensbruder wird ja bald vom Almosengang zurückkommen, da wird er uns auf seiner Wolke einholen. Schließlich haben wir nun wirklich schon eine ganze Weile hier gesessen, meine Füße sind eiskalt!« Mit diesen Worten geriet Tripitaka unter einen schlechten Stern. Schon ging er hinter dem Tölpel her aus dem Kreis hinaus, und sie folgten dem Weg, der sie bald zu jenen Gebäuden führte. Sie erwiesen sich als ein nach Süden ausgerichtetes Landgut, dessen Mauern am Haupteingang vornehm weiß getüncht und beidseitig leicht abgewinkelt waren; das noble Portal bestand aus buntbemaltem geschichtetem Balkenwerk mit frei herabhängenden Säulen, die in umgekehrten Lotosblüten endeten. Ein Torflügel stand halb offen. Bajie band das Pferd an einer der Steintrommeln neben der Torschwelle fest, Sandmönch legte das Gepäck nieder, und Tripitaka setzte sich auf die Schwelle. »Meister, dieses Haus muss einem Mann von hohem Stand gehören. Draußen ist niemand zu sehen, sicher sitzen alle drinnen am warmen Feuer. Bleibt hier sitzen, ich schau mich mal drinnen um.« Der Tölpel steckte seinen Rechen in den Gürtel, strich seine blaue bestickte Mönchskutte glatt und schritt sittsam in den Hof. Hier sah er eine dreiteilige Halle mit hohen Fenstern und langen Vorhängen; alles lag still und menschenleer, selbst Einrichtungen wie Tische und Stühle fehlten. Durch die Tür einer Trennmauer gelangte er weiter hinein und kam in eine Durchgangshalle, die zu einem zweistöckigen Gebäude führte. Oben stand ein Fenster halb offen, so dass man vage einen gelbseidenen Bettvorhang erkennen konnte. In dem prachtvollen Himmelbett lag, weiß und bleich, ein Skelett! »Da verträgt wohl einer die Kälte nicht und liegt noch im Bett«, murmelte Bajie und stieg ungeachtet jeglichen Anstands in den ersten Stock hinauf. Als er dort aber die Hand ausstreckte, um den Bettvorhang zu lüften, durchfuhr ihn ein gehöriger Schrecken: In dem prachtvollen Himmelbett lag, weiß und bleich, ein Skelett! Der Schädel war groß wie ein Bottich, die Schenkelknochen mochten gar fünf Fuß lang sein. Nachdem sich der Tölpel wieder gefasst hatte, rannen ihm unversehens die Tränen über die Wangen; er nickte dem Skelett zu, tat einen tiefen Seufzer und sprach: »Wer weiß, Unter welcher Dynastie Ihr als Feldmarschall Oder General gedient, In welchem Lande wohl? Ehedem ein kühner Held, Wo er heute weilen mag? Um den unverzagten Kämpfer Ist es schade, in der Tat!« Während er seiner Ergriffenheit Worte verlieh, fiel ihm auf, dass hinter dem Vorhang etwas wie ein Feuerschein flackerte. »Da sind wohl Leute mit Räucherwerk und Kerzen«, murmelte der Tölpel und eilte hin, um hinter den Vorhang zu schauen, doch da war es nur das Licht, das durch den Fensterflügel der Durchgangshalle eindrang. Weiter drüben stand ein farbig lackierter Tisch, auf dem ein paar mit Stickereien verzierte wattierte Kleider lagen. Der Tölpel hob sie auf. Es waren drei schmucke Westen. Ohne weiter zu überlegen, nahm Bajie die Westen mit nach unten, kam durch die Eingangshalle wieder nach draußen und rief: »Meister, hier ist alles leer, es ist das Haus einer verschiedenen Seele. Ich alter Eber bin drinnen ins große Gebäude hochgegangen, dort liegt hinter einem gelben Bettvorhang ein Skelett. Nebenan habe ich drei bestickte Westen gefunden, die hab ich mitgenommen. Das ist ein Glück für uns, bei dem eisigen Wetter! Meister, legt doch mal Euer Gewand ab und zieht die Weste darunter an, dann braucht Ihr nicht so zu frieren!« »Nein, das geht nicht!« winkte Tripitaka ab, »im Buch der Gesetze heißt es doch: ›Raub und unerlaubtes Nehmen fällt beides unter Diebstahl.‹285 Falls jemand davon erfährt, werden wir als Diebe verklagt! Bring die Sachen sofort dahin zurück, wo du sie genommen hast. Warten wir noch eine Weile, bis Wukong wieder da ist, dann gehen wir weiter.« »Es ist doch weit und breit kein Mensch«, versetzte Bajie, »keiner weiß davon. Was sagt Ihr da von Diebstahl!« »Eine Schande ist das!« schimpfte Tripitaka, »kennst du etwa nicht den Spruch: ›Das schlechte Gewissen in der stillen Kammer sehen die Götter hell wie ein Blitz‹? Also bring die Sachen sofort zurück und vergreife dich nicht an Dingen, die dir nicht gehören!« Doch der Tölpel wollte nicht auf ihn hören und erwiderte: »Meister, wenn Ihr es nicht wollt, dann probiere ich alter Eber halt eins aus, so kann ich mir wenigstens ein bisschen das Rückgrat wärmen. Wenn mein Ordensbruder wieder da ist, lege ich sie zurück, und wir gehen weiter.« »Nun, dann will ich auch eins anziehen«, meinte Sandmönch. Schon zogen beide zusammen ihr Mönchsgewand aus und legten sich die Westen um. Doch kaum hatten sie die Bänder zugeknöpft, vermochten sie sich plötzlich nicht mehr aufrecht zu halten und stürzten um. Die Westen nämlich hatten ihnen die Arme auf den Rücken gebogen und sie noch stärker gebunden, als eine Fessel dies vermocht hätte. Verzweifelt stampfte Tripitaka auf den Boden und versuchte ihnen unter bitterer Klage die Fesseln zu lösen. Doch wie hätte dies auch gelingen können? Ihr Klagen und Rufen aber war bereits dem Dämon zu Ohren gekommen. Tatsächlich war dieser Gutshof von einem Dämon hingezaubert worden, der hier täglich Menschen fing. Er hockte gerade in seiner Grotte, und als er die Klagerufe vernahm, eilte er nach draußen und sah, dass da wirklich zwei Menschen gefangen waren. Sofort hieß er seine kleinen Ungeheuer, mit ihm hinzugehen, löste den Zauber des Gutshofes auf, packte Tripitaka und schleppte ihn mitsamt Pferd und Gepäck, Bajie und Sandmönch in seine Grotte. Dort setzte er sich auf einen hohen Thron, und die kleinen Ungeheuer stießen Tripitaka vor ihm zu Boden. »Woher kommst du, Mönch?« schrie der Dämon, »wie kannst du dich erdreisten, am helllichten Tag meine Kleider zu stehlen?« »Woher kommst du, Mönch?« schrie der Dämon, »wie kannst du dich erdreisten, am helllichten Tag meine Kleider zu stehlen?« Unter Tränen sprach Tripitaka: »Ich geringer Mönch bin vom Kaiser von China im Osten ausgesandt worden, im Westen Heilige Schriften zu holen. Da ich hungrig war, habe ich meinen ältesten Schüler auf Almosensuche geschickt, und weil er nicht zurückkam, haben wir gegen seinen Rat in Eurer himmlischen Residenz Schutz vor dem Wind gesucht. Wider Erwarten haben sich meine Schüler von der Habgier verleiten lassen und die Kleider genommen, um sich eine Weile aufzuwärmen. Unverhofft sind wir Euch, Großer König, dabei in die Falle gegangen. Ich bitte Euch inständig, lasst uns die Heiligen Schriften holen, wir werden Eurer Gnade auf ewig gedenken und Euch im Osten jahrtausendelang verehren lassen!« Der Dämon lachte auf und meinte: »Ich habe doch schon oft sagen hören, dass einem vom Fleisch des chinesischen Priesters die weißen Haare wieder schwarz werden und ausgefallene Zähne neu wachsen. Wie schön, dass Ihr heute ungebeten hierherkommt! Und da glaubt Ihr noch, ich würde Euch laufenlassen! Wie nennt sich Euer erster Schüler und wo ist er auf Almosengang?« Als Bajie die Frage hörte, rief er sofort: »Mein Ordensbruder ist der Große Heilige Sun Wukong, der vor fünfhundert Jahren den Himmelspalast in Aufruhr versetzt hat!« Das jagte dem alten Dämon tatsächlich etwas Angst ein, und er dachte im Stillen: »Ich habe schon lange von dessen Fähigkeiten reden hören. Dass ich auf ihn treffen würde, hätte ich nicht gedacht.« Dann befahl er seinem Gesinde: »Legt den Priester in Fesseln und bringt ihn erst mal nach hinten. Sobald wir seinen ältesten Schüler haben, können wir sie alle zusammen zubereiten.« Dienstbeflissen brachten die Ungeheuer alle drei gefesselt in den hinteren Teil der Grotte, doch davon sei hier nicht weiter die Rede. Lasst uns nun berichten, wie Pilger aus jenem Dorf im Süden mit der Almosenschale voll Reis zurückschwebte und bei der flachen Stelle am Berghang seine Wolke senkte. Tripitaka aber war längst verschwunden. Der Kreis, den er mit seiner Stange gezogen hatte, war unverändert, doch Mensch und Pferd waren weg. Als er um sich blickte, gewahrte er, dass auch die Gebäude verschwunden waren, stattdessen standen nur ein paar bizarre Felsen am Berghang. »Kein Zweifel«, murmelte er, »die sind ihm in die Falle gegangen.« Sogleich folgte er den Hufspuren nach Westen. Nach etwa fünf, sechs Wegmeilen, als ihn schon das traurige Elend überkommen wollte, hörte er von Norden her plötzlich Stimmen. Er spähte hin und sah einen alten Mann, der eine Kutte aus Filz und eine warme Kopfbedeckung trug, auf einen Spazierstock mit Drachenkopf gestützt daherkommen, hinter ihm folgte ein junger Diener. So kamen die beiden, ein Liedchen singend, den Hang entlang näher. Pilger legte die Almosenschale nieder und grüßte den Mann freundlich. Der Alte grüßte zurück und sprach: »Woher kommt Ihr, werter Priester?« »Aus dem Osten«, gab Pilger zur Antwort, »wie waren eigentlich zu viert, Meister und Schüler. Als ich auf Almosengang gegangen bin, habe ich den andern gesagt, sie sollten an dieser Stelle auf mich warten. Doch jetzt, wo ich zurück bin, sind sie nicht mehr da. Ich weiß gar nicht, wo sie hingegangen sind. Darf ich fragen, Väterchen, ob Ihr sie wohl gesehen habt?« Da lachte der Alte auf und sagte: »Eben bin ich hier vorbeigekommen, da habe ich gesehen, wie sie den falschen Weg nahmen und geradewegs in die Höhle des Dämons gelaufen sind.« »Lasst mich wissen, Väterchen, um was für einen Dämon es sich handelt und wo er wohnt, damit ich ihn aufsuchen kann!« »Das hier ist der Goldbeutel-Berg«, antwortete der Alte, »und in diesem Berg ist eine Goldbeutel-Grotte, in der ein Einhörniger Nashornkönig wohnt. Er hat immense Zauberkräfte und übt große Macht aus. Um die drei Gefangenen ist es bestimmt geschehen. Auch Ihr werdet kaum heil davonkommen, wenn Ihr dorthin geht.« »Besten Dank!« rief Pilger. »Es geht doch nicht an, dass ich nicht hingehe.« Er wollte dem Alten den Reis geben und die leere Almosenschale mitnehmen, dieser aber nahm die Schale und reichte sie seinem Diener, worauf beide ihre ursprüngliche Gestalt annahmen, auf die Knie fielen und unter Stirnaufschlägen riefen: »Großer Heiliger! Geringe Götter wagen Euch die Wahrheit nicht zu verhehlen: Wir sind der ortsansässige Berggott und der Erdgeist. In Wirklichkeit haben wir hier auf Euch gewartet. Diese Almosenschale mit dem Reis wollen wir geringen Götter vorerst aufbewahren: Sobald Tripitaka diesem Leid entronnen ist, werden wir sie ihm darbringen. So wird auch Eure Wertschätzung und Ehrfurcht für ihn richtig zum Ausdruck kommen, Großer Heiliger.« »Ihr lausigen Geister habt doch Prügel verdient!« fauchte Pilger. »Warum habt ihr mich nicht gleich empfangen, wenn ihr schon gewusst habt, dass ich hier bin? Wozu dieses zweideutige Versteckspiel!« Der Erdgeist antwortete: »Ihr habt ein hitziges Temperament, Großer Heiliger, darum fürchteten wir uns, unvermittelt vor Euer Antlitz zu treten, und haben es vorgezogen, Euch in anderer Gestalt zu informieren.« Pilger straffte seine Schürze aus Tigerfell, packte den Goldreifstab und flitzte zum Berghang, die Grotte des Dämons zu suchen. Als er um einen hohen Felsen bog, fiel sein Blick auf eine Gruppe aufgetürmter Gesteinsbrocken, und bei einem grünlichen Felsen sah er zwei steinerne Torflügel. Vor dem Tor tollten sich kleine Ungeheuer und exerzierten mit Speeren und Schwertern. Der Große Heilige ging mit großen Schritten auf sie zu und schrie: »He, ihr kleinen Ungeheuer, geht hinein und meldet eurem Grottenherrn, dass ich der Himmelsebenbürtige Große Heilige und Schüler des chinesischen Priesters bin. Er soll meinen Meister auf der Stelle herausrücken, sonst seid ihr des Todes!« Die Ungeheuer stürzten hinein und erstatteten dem Dämonenkönig Bericht. Der aber freute sich und sagte: »Auf den habe ich gerade gewartet! Seit ich aus meinem Palast in die Staubwelt runtergekommen bin, hab ich noch keine Gelegenheit gehabt, meine Kampfkunst anzuwenden. Dann kriege ich ja endlich einen passenden Gegenspieler!« Sofort ließ er sich einen gehärteten Stahlspeer geben, packte ihn und befahl den Ungeheuern, sich in geordneten Reihen hinter ihm aufzustellen. Gehorsam stellten sich diese auf. Nun trat der alte Dämon nach draußen und brüllte: »Wer ist hier Sun Wukong?« Der Große Heilige trat vor und sprach: »Hier ist dein Ahnherr Sun! Rück sofort meinen Meister raus, dann bleiben wir beide unversehrt. Wenn ich aber auch nur ein halbes ›Nein‹ höre, dann bist du des Todes, und zwar ohne Begräbnis!« »Du tollkühner Affenlump!« brüllte der Dämon, »was für Künste hast du eigentlich, dass du den Mund so voll nimmst? Dein Meister hat meine Kleider gestohlen; es stimmt, dass ich ihn gefangen habe. Jetzt warte ich nur noch drauf, dass er im Dampf zubereitet wird. Falls du wirklich was draufhast, dann mach einen Wettkampf mit mir. Solltest du es schaffen, mich in drei Runden zu besiegen, dann lasse ich von deinem Meister ab. Falls du mir aber nicht standhältst, wirst du gleich ins Jenseits befördert!« »Ha, du Zankteufel!« lachte Pilger, »diese Reden kannst du dir sparen, komm her und lass dir eins überziehen!« Der Dämon richtete seinen Stahlspeer auf Pilger und trat in den Kampf. Ganze dreißig Runden fochten die beiden aus, doch Sieg und Niederlage blieben unentschieden. Als der Dämon sah, wie makellos und ohne jeglichen Bruch Pilger seine Stange führte, brummte er anerkennend: »Nicht schlecht, dieser Affe, der hat tatsächlich das Zeug zu einem Aufruhr im Himmelspalast.« Dann ließ er seine Speerspitze in die Erde fahren und schickte seine Ungeheuer los, die flugs mit Säbeln und Stöcken, Schwertern und Speeren heranrückten und den Großen Heiligen in ihre Mitte nahmen. Dieser blieb furchtlos stehen und wehrte die Schläge hinten und vorn, links und rechts geschickt mit seiner Stange ab. Trotzdem ließen sich die Ungeheuer nicht zurückschlagen. Da wurde Pilger ungeduldig, warf den Goldreifstab empor und rief: »Verwandlung!« Auf der Stelle wurde er zu Tausenden von Goldreifstäben, die nun wie fliegende Schlangen durch die Luft wirbelten. Als die Ungeheuer dies bemerkten, ergriffen sie panikartig die Flucht und brachten sich in der Grotte in Sicherheit. Der alte Dämon aber grinste und meinte: »Keine Frechheiten, du Affe. Sieh dich vor!« Er langte in seinen Ärmel, holte einen weiß glänzenden Ring hervor, warf ihn in die Luft und schrie: »Fangen!« Jäh fuhren die vielen Goldreifstäbe zusammen und schwirrten in den Ring. Pilger, der auf einmal mit leeren Händen dastand, machte einen Wolkenüberschlag und floh um sein Leben. Siegreich kehrte der Dämon in die Grotte zurück; Pilger hingegen war wie betäubt und wusste nicht, was tun. So war es in der Tat: Wächst die Tugend einen Fuß, Steigt der Dämon zehn Fuß auf; Macht Gefühl und Wesen wirr, Lockt sie in das falsche Haus. Ach, dass nun der Dharma-Leib Keinen Platz mehr finden kann, Denn er folgte in dem Handeln Unbesonnen einem Wahn! Und da wir nicht wissen, was aus dieser Sache nun werden soll, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第051回 / 51. Kapitel Umsonst gebraucht der Herzensaffe tausend Strategien / Wasser und Feuer vermögen den Dämon nicht zu läutern Wir haben erzählt, wie der Große Heilige im Kampf unterlag und nun mit leeren Händen hinter dem Goldbeutel-Berg saß. Plötzlich rollten ihm die Tränen aus den Augen, und er rief: »Ach, Meister! Wollte ich doch stets: Mit Euch bleiben, mit Euch üben, Mit Euch die Erlösung finden! Mit Euch inniglich verbunden, Zauberkraft zum Wirken bringen. Doch wer ahnte, dass ich heute Wehrlos ohne Stange bin, Und mit diesen leeren Händen Meine Kraft nicht zeigen kann?« Nachdem der Große Heilige lange Zeit verzweifelt dagesessen hatte, ging es ihm auf einmal durch den Sinn: »Dieser Dämon kannte mich ja! Während des Kampfes hat er sogar gesagt, ich hätte wirklich das Zeug zum Aufruhr im Himmelspalast. Wenn ich es so bedenke, müsste es irgendein schlechter Stern sein, der aus Sehnsucht nach dem Erdenleben hierhergekommen ist. Da will ich doch gleich mal in den oberen Sphären nachschauen.« Schon schnellte er hoch und sauste auf einer glückverheißenden Wolke schnurstracks zum Südlichen Himmelstor, wo er gleich bis zur Halle der Himmelshöhen vordrang. Dort standen die Vier Himmelsmeister Zhang Daoling, Ge Xianweng, Xu Jingyang und Qiu Hongji, kamen mit zum Gruß erhobenen Händen auf ihn zu und sprachen: »Was führt Euch hierher, Großer Heiliger?« »Ich muss den Jadekaiser sprechen. Bitte meldet mich an!« antwortete Pilger. Die Vier Himmelsmeister meldeten die Nachricht umgehend in der Halle der Himmelshöhen, und Pilger wurde vor den Thron geladen. Vor dem Jadekaiser machte er eine tiefe Verbeugung und sprach: »Himmlische Majestät! Ich alter Sun beschütze den Priester aus China auf seiner Reise in den Westen. Dass wir unterwegs viel Leid durchmachen müssen und wenig Glück haben, brauche ich nicht weiter auszuführen. Doch heute sind wir auf ein schlimmes Ungeheuer gestoßen, das nun Tripitaka in seiner Grotte gefangen hält. Ich habe ihn schon aufgesucht und mit ihm gekämpft, doch der Dämon hat so große magische Kräfte, dass er meinen Goldreifstab an sich reißen konnte, darum kann ich ihn kaum noch überwinden. Er sagt, er kenne mich, also muss es doch irgendein schlechter Stern sein, der hinunter auf Erden gegangen ist. Darum bin ich jetzt hier und hoffe, dass Eure himmlische Majestät mir die Gunst erweisen mag, den schlechten Stern per Dekret ausfindig zu machen und den Dämon mit einem Aufgebot an Himmelskriegern zu überwältigen. In höchster Ehrfurcht wartet alter Sun bangend auf die hehren Anweisungen!« Daraufhin machte er eine weitere tiefe Verbeugung und fügte hinzu: »Auf dass meine Bitte erhört werde!« »Dieser Affe!« bemerkte Ge, der Unsterbliche Greis, der neben ihm stand. »Wozu sonst so hochfahrend und jetzt so unterwürfig?« »Das hat nichts mit hochfahrend und unterwürfig zu tun«, gab Pilger zurück, »ich alter Sun kann bloß nicht meine Stange spielen lassen!« Der Jadekaiser ließ nun der Kehan-Abteilung286 den Befehl erteilen, dass auf der Stelle sämtliche Sternbilder aller Himmel daraufhin zu überprüfen seien, ob irgendeiner der Sterngötter sich im Verlangen nach irdischen Gelüsten hinunter auf Erden abgesetzt habe; das Ergebnis sei umgehend zu melden, um Maßnahmen ergreifen zu können. Der Wahre Meister nahm den Befehl entgegen und begab sich sofort mit dem Großen Heiligen zur Überprüfung. Sorgfältig durchsuchten sie alle Sterne und Sternbilder des Himmels, doch nirgendwo war jemand in die Erdenwelt entlaufen. Schließlich erstattete der Kehan-Meister dem Jadekaiser Bericht, und dieser sprach: »Dann möge Sun Wukong einige Himmelskrieger auswählen, die ihn in die niederen Sphären begleiten, den Dämon zu bezwingen.« Die Vier Himmelsmeister verließen die Audienzhalle und berichteten Pilger, was der Jadekaiser gesagt hatte. »Die meisten Himmelskrieger sind mir unterlegen«, sann Pilger laut. »Damals, als ich den Himmelspalast in Aufruhr brachte, hatte ich keinen einzigen ebenbürtigen Gegner. Der Dämon aber, mit dem wir es jetzt zu tun haben, ist gleich stark wie ich. Wie sollen wir den bloß besiegen?« »Zwischen heute und damals besteht ein großer Unterschied«, wandte Xu Jingyang ein. »So heißt es doch: ›Jede Kreatur kann irgendeine andere überwinden.‹ Dem Befehl des Himmelskaisers könnt Ihr Euch schwerlich widersetzen; also wählt doch nach Eurem werten Erwägen einige Himmelskrieger aus. Ihr dürft keine Zeit verlieren.« »Nun gut«, meinte Pilger, »dann bitte ich Euch, Jingyang, dem Jadekaiser mitzuteilen, dass ich nur den Pagodentragenden Himmelskönig und Prinz Nata brauche. Die beiden haben ein paar gute Waffen gegen Dämonen, damit sollen sie runterkommen und dem Ungeheuer den Kampf ansagen, dann schauen wir, was sich ergibt.« Nachdem der Himmelsmeister dem Jadekaiser die Bitte gemeldet hatte, erteilte dieser Himmelskönig Li und dessen Sohn umgehend den Befehl, die Himmelskrieger aller Abteilungen anzuführen, um Pilger beizustehen. Unverzüglich machte sich der Himmelskönig auf, mit Pilger zusammenzutreffen. Pilger aber wandte sich abermals an die Himmelsmeister und sprach: »Noch etwas: Bitte meldet, dass ich noch zwei Donnergötter brauche. Wenn der Himmelskönig gegen den Dämon kämpft, lassen wir die Donnergötter von den Wolken aus Blitze auf sein Haupt schleudern, dann wird er gleich erstochen. So ist die Strategie noch perfekter.« Die Himmelsmeister meldeten seinen Wunsch dem Jadekaiser, der sogleich die Donnergötter Deng Hua und Zhang Fan aus dem neunten Himmel antreten ließ, dem Himmelskönig beizustehen. Anschließend begaben sich alle zum Südlichen Himmelstor und kamen binnen kurzem zum Goldbeutel-Berg. »Meine Herrschaften« rief Pilger, »besprecht euch mal, wer zuerst zum Kampf aufrufen soll!« Der Himmelskönig meinte: »Mein Sohn Nata hat ehedem Dämonen von sechsundneunzig Grotten überwunden. Er hat sehr gute Waffen gegen Dämonen bei sich. Lasst ihn zuerst antreten.« »Gut«, meinte Pilger, »dann will ich alter Sun den Prinzen hinführen.« Der Prinz ballte seine Kräfte und folgte Pilger zum Eingang der Grotte. Doch sie fanden das Tor fest verschlossen. »Zankteufel!« schrie Pilger, »mach das Tor auf und gib mir meinen Meister zurück!« Die kleinen Ungeheuer rannten zum Dämon und meldeten: »Großer König, draußen steht Pilger Sun mit einem kleinen Buben und ruft vor dem Tor zum Kampf auf!« Der Dämon packte seinen Speer, trat hinaus und betrachtete die Ankömmlinge. Der Knabe machte einen außerordentlich reinen Eindruck. Da lachte der Dämon und rief: »Ha, du bist Prinz Nata, der Sohn des Himmelskönigs Li. Wie kommt es, dass du hier vor meiner Grotte rumschreist?« »Weil du Zankteufel hier den Frieden störst und dich am Priester aus China vergriffen hast. Darum bin ich auf himmelskaiserliches Geheiß hierhergekommen, dich festzunehmen!« Wütend rief der Dämonenkönig: »Bestimmt hat dich Sun Wukong hierhergebeten. Ich bin niemand anderes als der Widersacher dieses heiligen Priesters! Lass sehen, was du kleiner Bengel für Künste beherrschst, dass du den Mund so voll nimmst!« Schon richtete er seinen Speer gegen den Prinzen, während dieser ihm mit seinem Geisterköpfschwert entgegenkam. Die beiden traten erst aufeinander zu und schätzten ihre Kräfte ab, dann begannen sie den Kampf. Schon schoss der Große Heilige um den Berghang und hieß die beiden Donnergötter, ihre Blitze zu schleudern. Deng und Zhang stiegen auf Wolkenhöhe und wollten gerade anfangen, als sie bemerkten, dass der Prinz seine magischen Kräfte zu entfalten begann und sich in einen dreiköpfigen und sechsarmigen Riesen verwandelte, der nun mit sechs verschiedenen Waffen gleichzeitig auf den Dämon einschlug. Dieser aber wurde ebenfalls dreiköpfig und sechsarmig und wehrte sich mit drei Speeren zugleich. Da griff der Prinz zu einer dämonenbezwingenden Magie und ließ sein Geisterschwert, den Geisterköpfsäbel, das Geisterseil, die Dämonenkeule sowie einen bestickten Seidenball und seine kleinen Feuerräder mit dem Ruf »Verwandlung!« in tausend- und abertausendfacher Vermehrung erscheinen, dass sie wie ein wilder Platzregen oder ein Hagelschlag auf den Dämon niederprasselten. Der aber blieb furchtlos stehen, holte seinen Ring aus der Ärmeltasche, warf ihn hoch und rief: »Fangen!« Schon schwirrten alle sechs Waffenarten in den Ring hinein. Erschrocken stand Nata mit leeren Händen da und musste die Flucht ergreifen. Der Dämon aber kehrte siegreich in seine Grotte zurück. Oben in den Lüften meinten die beiden Donnergötter Deng und Zhang: »Zum Glück haben wir nicht unsere Blitze niederfahren lassen. Wie hätten wir vor den Himmelskaiser treten können, wenn sie vom Dämon ergriffen worden wären?« Die beiden Herren senkten ihre Wolken und begaben sich mit dem Prinzen zum Berghang, wo sie dem Himmelskönig Li meldeten: »Dieser Dämon hat wahrhaftig überragende Kräfte.« Pilger aber meinte: »Was der Kerl an Künsten beherrscht, ist auch nicht umwerfend. Nur dieser Ring ist so unglaublich stark! Wer weiß, was für ein Schatz das ist, dass er damit einfach alles einfangen kann.« »Wie sollen wir bloß mit ihm fertigwerden?« fragte der Himmelskönig. »Macht, was Ihr für richtig haltet«, meinte Pilger. »Es muss nur irgendwas sein, das sich nicht in dem Ring verfängt, dann kriegen wir ihn zu fassen.« Da meinte der Himmelskönig: »Allein Wasser und Feuer lassen sich nicht einfangen. So heißt es ja: ›Wasser und Feuer kennen kein Erbarmen.‹« Als Pilger dies hörte, meinte er: »Das ist eine gute Idee! Bleibt doch mal hier, ich alter Sun gehe kurz in den Himmel, bin gleich wieder da. Wir brauchen dem Jadekaiser nichts zu melden, es genügt, wenn der Sternfürst der Feuertugend runterkommt und dem Ungeheuer einen ordentlichen Brand macht. Am besten soll er auch gleich den Ring einäschern, dann können wir das Biest festnehmen. Zum einen könnten wir Euch dann Eure Waffen zurückgeben, zum anderen meinen Meister befreien.« Der Prinz hörte seine Worte mit Freude und rief: »Geht, Großer Heiliger, und kommt rasch wieder!« Pilger schnellte auf eine glückverheißende Wolke und kam abermals ans Südliche Himmelstor. Diesmal ging er direkt zum Palast der Feuerroten Blüte. Der Sternfürst der Feuertugend der drei Urkräfte287 aus dem Süden strich sich sein Gewand zurecht, trat Pilger zum Empfang entgegen und sprach: »Gestern hat die Kehan-Abteilung meinen Palast durchsucht, hier hat sich keiner nach irdischen Gelüsten gesehnt.« »Ich weiß«, antwortete Pilger. »Aber der Himmelskönig Li und Prinz Nata sind besiegt worden und haben ihre Waffen verloren, darum ersuche ich Euch um Hilfe. Denn dieser Dämon hat einen Ring, mit dem er alles einfangen kann. Ich weiß nicht, um was für einen Schatz es sich handelt. Nun haben wir uns untereinander besprochen und sind der Meinung, dass höchstens noch Feuer und Wasser nicht in diesem Ring eingefangen werden können. Darum bin ich eigens gekommen, Euch zu bitten, mit mir in die unteren Gefilde zu kommen und den Dämon mit Eurem Feuer zu verbrennen, damit wir meinen Meister retten können.« Auf der Stelle gab der Sternfürst seinen Kriegern Befehl und folgte Pilger zum Goldbeutel-Berg, wo er den Himmelskönig, die Donnergötter und die anderen begrüßte. »Großer Heiliger«, sprach der Himmelskönig, »geht doch noch einmal zur Grotte und ruft den Kerl heraus. Dann werde ich mit ihm kämpfen, und wir schicken den Feuerstern mit seiner Truppe, ihn zu verbrennen.« Flugs kam Pilger vor das Grottentor und rief nach dem Dämon. Der erschien mit all seinen Ungeheuern und rief: »Du Zankaffe, was für Krieger hast du denn jetzt wieder mitgebracht?« Da kam der Pagodentragende Himmelskönig und schrie: »Erkennst du mich, du Zankteufel?« »Himmelskönig Li«, grinste der Dämon, »Ihr wollt Euch wohl für den werten Herrn Sohn rächen, damit er seine Waffen wiederkriegt?« »Erstens will ich mich rächen und die Waffen wiederhaben, zweitens will ich dich festnehmen, um den Priester aus China zu retten. Bleib stehen und lass dir eins mit dem Säbel überziehen!« Der Dämon trat ihm mit gezücktem Speer entgegen, und die beiden begannen vor der Grotte ihren Kampf. Gleichzeitig schnellte Pilger mit einem Satz auf den Gipfel und rief dem Sternfürsten der Feuertugend zu: »Gebt acht, Fürst der drei Urkräfte!« Mitten in seinem Kampf gegen den Himmelskönig holte der Dämon aufs Neue seinen Ring hervor, doch der Himmelskönig bemerkte es rechtzeitig und entschwebte auf einem glückverheißenden Lichtstrahl. Da erteilte der Sternfürst der Feuertugend auf dem Gipfel seiner Truppe von Feuergöttern den Befehl, im Verein Feuer zu entfachen. Es war ein ungeheurer Brand. Wie der Dämon das Feuer sah, nahm er ohne jegliches Anzeichen von Furcht seinen Ring und warf ihn in die Luft. Schon schwirrten all die Feuerdrachen, Feuerpferde, Feuerraben, Feuerratten, Speere, Säbel, Pfeilbogen und Pfeile in den Ring hinein. Der Dämon wandte sich um, rief seine Krieger zu sich und kehrte siegreich in die Grotte zurück. Der Sternfürst der Feuertugend blieb mit dem leeren Flaggenmast in der Hand zurück, rief seine Krieger zu sich und setzte sich mit Himmelskönig Li am Südhang nieder. Dann wandte er sich an Pilger und sprach: »Großer Heiliger, so üble Dämonen wie diesen gibt es selten! Nun habe ich all meine Feuergeräte verloren, was soll ich bloß tun?« Da meinte Pilger lachend: »Grämt Euch nicht. Wenn sich das Ungeheuer vor Feuer nicht fürchtet, dann bestimmt vor Wasser. Wartet mal, ich alter Sun gehe gleich mal zum Sternfürsten der Wassertugend und bitte ihn, seine Wassermassen in die Grotte zu gießen, dann können wir diesen Dämonenkönig ertränken und kriegen unsere Waffen wieder.« Kaum hatte er zu Ende gesprochen, schwang er sich im Wolkenüberschlag zum Nördlichen Himmelstor und begab sich dort direkt zum Palast der Schwarzen Wassermassen. Der Sternfürst der Wassertugend288 begleitete ihn hinein und sprach: »Gestern hat die Kehan-Abteilung unseren geringen Palast durchsucht, in der Annahme, dass sich einer unserer Götter im Verlangen nach irdischen Gelüsten abgesetzt haben könnte. Zur Zeit werden gerade die Gottheiten aller Ströme, Flüsse und Meere überprüft, wir sind noch nicht fertig.« »Bei dem Dämon kann es sich nicht um die Gottheit eines Gewässers handeln«, meinte Pilger. »Gestern hab ich alter Sun den Sternfürsten der Feuertugend gebeten, ihn mit seinem Feuer zu verbrennen, doch der Dämon hat sogar seine Feuergeräte in den Ring gesogen. Nun denke ich, wenn dem Biest das Feuer nichts ausmacht, muss es sich bestimmt vor Wasser fürchten, darum bin ich eigens gekommen, Euch zu bitten, mir mit Euren Wassermassen zu helfen, den Dämon festzunehmen und meinen Meister zu befreien.« Umgehend beauftragte der Sternfürst den Wassergott des Gelben Flusses, dem Großen Heiligen beizustehen. Pilger fragte den Wassergott: »Wie wollt Ihr denn Wasser schöpfen?« Da zog der Wassergott aus seinem Ärmel eine kleine bauchige Jadeschale hervor und antwortete: »Mit diesem Gefäß.« »Wie viel soll man damit schöpfen können?« wunderte sich Pilger. »Ihr müsst wissen, Großer Heiliger«, erklärte der Wassergott, »mit dieser Schale kann ich das gesamte Wasser des Gelben Flusses schöpfen. Eine halbe Schale entspricht dem halben Fluss, eine volle Schale dem ganzen.« »Die Hälfte reicht vollkommen«, meinte Pilger erfreut, verabschiedete sich vom Sternfürsten und eilte mit dem Wassergott aus dem Himmel. Der Wassergott schöpfte eine halbe Schale Wasser aus dem Gelben Fluss und folgte Pilger auf den Goldbeutel-Berg, wo auch der Himmelskönig und die anderen Götter waren, und alle berichteten, was sich ereignet hatte. »Halten wir uns nicht länger auf«, meinte Pilger. »Möge der Wassergott mit mir kommen. Ich werde nun den Dämon rufen, und noch bevor er herauskommt, müsst Ihr Euer Wasser in seine Grotte schütten. So wird er mit seinem ganzen Nest ersaufen. Anschließend können wir meinen Meister retten.« Wie befohlen folgte der Wassergott Pilger vor den Eingang der Grotte. »Mach auf, Dämon!« schrie Pilger. Drinnen nahm der Dämon seinen magischen Ring und packte seinen Speer, dann hörte man ein Knarren, und das Steintor öffnete sich. Sofort goss der Wassergott seine Schale in die Grotte. Kaum hatte der Dämon das Wasser bemerkt, nahm er seinen Ring zur Hand und stemmte beide Torflügel zu. Da sah man draußen die Wassermassen auf einmal gurgelnd und rauschend herausfließen. Der erschrockene Große Heilige konnte sich gerade noch mit einem Wolkenüberschlag retten und sprang mit dem Wassergott auf den Gipfel. Gleichzeitig sahen der Himmelskönig und die andern Götter aus wolkiger Höhe, wie alles von schäumenden Wassermassen überflutet wurde. Pilger bekam es mit der Angst zu tun und rief: »Schlimm, schlimm, das gibt ja eine Überschwemmung, das Wasser wird die Felder zerstören! Was tun wir bloß, wenn es nicht in die Grotte fließt?« Er rief dem Wassergott zu, das Wasser zurückfließen zu lassen. Der aber antwortete: »Geringer Gott kann Wasser nur ausschütten, es zurückfließen zu lassen ist nicht möglich. Wie sagt man doch: ›Vergossenes Wasser lässt sich nicht zurückholen!‹« Aber oh! Der Berg war so hoch, dass das Wasser bald zu allen Seiten kleine Bäche bildete und sich in die Täler verteilte. Gleichzeitig sah man schon wieder kleine Ungeheuer aus der Grotte springen und draußen frischfröhlich mit Stangen und Speeren exerzieren, als ob nichts gewesen wäre. »Nun, da das Wasser nicht in die Grotte gelaufen ist, haben wir Euch umsonst bemüht«, meinte der Himmelskönig. Pilger aber überkam plötzlich eine rasende Wut. Er schwang seine Fäuste, rannte auf die Grotte zu und fauchte: »Stehengeblieben! Jetzt werdet ihr allesamt niedergehauen!« Die kleinen Ungeheuer ließen ihre Waffen fallen, schossen in die Grotte und keuchten: »Großer König, er will uns niederhauen!« Der Dämon trat mit gezücktem Speer nach draußen und schrie: »Du Zankaffe, wie oft hast du gegen mich verloren, und da kommst du schon wieder! Suchst du eigentlich den Tod, oder was?« »Verdreh nicht die Tatsachen, mein Sohn!« schrie Pilger, »komm her und lass dir von deinem Ahnherrn Sun eins in die Fresse hauen!« Der Dämon lachte bloß und rief: »Dieser Affe kann’s nicht lassen! Ich bin mit dem Speer bewaffnet, und er kommt mit bloßer Faust! Dabei sind diese Fäustchen gerade mal so groß wie Walnüsse, das sind doch keine rechten Hämmer! Nun gut, wie du willst, dann leg ich mal den Speer nieder und trage mit dir einen Faustkampf aus.« Schon hob der Dämon sein Gewand an, tat einen großen Schritt nach vorn, warf sich in Kampfpose und streckte seine Fäuste hoch, die in der Tat aussahen wie Eisenhämmer. Auch der Große Heilige reckte sich, stellte sich in Kampfpose und begann mit dem Dämon einen Faustkampf. Vom Gipfel her kamen ihm nun der Himmelskönig und Nata mit anderen Gottheiten zu Hilfe, während auf Seiten des Dämons die Ungeheuer ihre Flaggen schwangen, Kriegstrommeln schlugen und mit Schwertern und Säbeln heranwirbelten. Als der Große Heilige merkte, dass die Sache aus dem Ruder zu laufen drohte, zupfte er sich ein Haar aus und schrie: »Verwandlung!« worauf an die fünfzig kleine Affen daherrannten, sich dem Dämon an Lenden und Beine hängten, ihm in die Augen kratzten und ihn an den Haaren rissen. Da bekam es der Dämon mit der Angst zu tun und zog seinen Ring hervor. Der Große Heilige, der Himmelskönig und die anderen bemerkten es sofort, stoben auf ihren Wolken in die Höhe und flohen auf den Gipfel. Der Dämon aber warf seinen Ring in die Luft, und schon schwirrten sämtliche Affen, die aus dem Pelzhaar gezaubert waren, in seinen Ring hinein. Einmal mehr kehrte er siegreich in die Grotte zurück und verriegelte das Tor. Pilger aber besprach sich mit den Göttern und meinte: »Der Dämon wäre schon unterzukriegen, nur sein Ring macht die Sache so schwierig. Was tun wir bloß?« »Wenn wir gewinnen wollen, müssen wir unbedingt diesen Zauberschatz erobern, sonst kriegen wir das Biest nicht zu fassen«, waren sich der Sternfürst der Feuertugend und der Wassergott einig. »Wie sollen wir denn an seinen Schatz herankommen?« fragte Pilger. »Das geht höchstens, wenn wir ihn stehlen.« Die Donnergötter Deng und Zhang lachten und meinten: »Wenn es um Diebstahl geht, dann seid Ihr, Großer Heiliger, doch der Beste! Was Ihr damals bei Eurem Aufruhr im Himmel alles für Künste habt spielen lassen, ist doch genau das, was wir heute hier brauchen.« »In Ordnung, in Ordnung!« meinte Pilger, »dann will ich alter Sun mich mal umsehen.« Der gute Große Heilige! Schon sprang er vom Gipfel, ging alleine zur Grotte, verwandelte sich mit einem leichten Dreh in eine Fliege und surrte durch einen Spalt im Torflügel hinein. Drinnen sah er die Ungeheuer aufgereiht zu beiden Seiten stehen, während der Dämon in der Mitte auf einem Podest thronte. Vor ihm war ein Gelage aus Schlangenfleisch, Hirschbrust, Bärentatzen und Kamelhöckern ausgebreitet, die er sich zum Wein schmecken ließ. Pilger surrte zwischen die Ungeheuer, nahm die Gestalt eines Dachsgeistes an und rückte langsam näher zum Podest. Sorgfältig beobachtete er alles, doch konnte er nicht ausfindig machen, wo der Zauberschatz des Dämons war. Flink hüpfte er schließlich hinter das Podest, und da sah er, dass im hinteren Raum hoch oben die Feuerdrachen und Feuerpferde seufzend und wiehernd an einem Balken hingen. Plötzlich fiel sein Blick auf den Goldreifstab, der an der Ostwand aufgehängt war. Es juckte ihn vor Freude, dass er sich kaum mehr halten konnte. Schon hatte er seine Verwandlung vergessen, riss den Stab an sich und wirbelte in seiner eigenen Gestalt durch die Grotte. Die Ungeheuer bebten vor Angst, und bevor der alte Dämon dazu kam, sich zu wehren, war Pilger schon zum Grottentor hinaus, hinter sich eine blutige Spur. So war es in der Tat: Im Hochmut ist der Dämon Ganz ohne Achtsamkeit; So liegt die Stange wieder Vor ihrem Herrn bereit! Und da wir nicht wissen, wie es um Heil und Unheil stand, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第052回 / 52. Kapitel Wukong wütet in der Goldbeutel-Grotte / Buddha deutet den Herrn und Meister an Wie berichtet, hatte der Große Heilige seinen Goldreifstab wiedererlangt, und nachdem er sich seinen Weg nach draußen freigeschlagen hatte, sprang er auf den Gipfel und gesellte sich freudestrahlend zu den anderen. »Wie war es?« fragte der Himmelskönig. Pilger hatte eben erst fertigerzählt, was er in der Grotte gesehen hatte, als am Berghang plötzlich Gongs und Trommeln erklangen und die Erde von wildem Gebrüll erzitterte. Es war der Nashornkönig, der hinter Pilger her war. Sowie Pilger ihn erblickte, erhob er seinen Goldreifstab und schrie: »Bleib stehen, du Rotzteufel!« »Unverschämt bist du diebischer Affenschädel!« gab der Dämon zurück, »wie kannst du dich erdreisten, am helllichten Tag meine Sachen zu stehlen?« »Verdammtes Biest«, gab Pilger zurück, »du hast doch mit deinem Ring all meine Sachen eingesackt, oder soll etwa irgendwas dir gehört haben? Bleib stehen, lass dir von dem alten Herrn eins überziehen!« Der Dämon schwang seinen Speer und stellte sich in abwehrende Kampfpose. Der Kampf, den die beiden nun ausfochten, dauerte ganze sechs Stunden, ohne dass es zu einer Entscheidung kam. Schon brach die Dämmerung an. Da fauchte der Dämon auf, tat zum Schein einen letzten Hieb und verschwand mit seinen Ungeheuern in der Grotte, wo er das Tor fest verriegeln ließ. Seine Stange hinter sich herziehend, kam der Große Heilige zu den anderen zurück und meinte: »Der Kampf gegen den alten Sun muss dieses Ungeheuer ganz schön erschöpft haben. Bleibt hier ruhig sitzen, ich geh noch mal in seine Grotte und schaue mich nach seinem Ring um. Den will ich unbedingt erbeuten, dann können wir das Biest dingfest machen, unsere Waffen holen, und ihr könnt in den Himmel zurückkehren.« »Heute ist es schon spät«, gab Prinz Nata zu bedenken, »wartet lieber bis morgen.« Pilger aber lachte: »Der junge Herr kennt sich aber schlecht aus in irdischen Belangen. Diebe gehen doch nicht am hellen Tag auf Raubzug? Für ein solches Unterfangen muss man nachts eindringen, sonst wird nichts daraus!« Seht, wie er mit breitem Grinsen den Goldreifstab ins Ohr steckt, vom Gipfel springt und wieder vor das Grottentor tritt! Mit einem leichten Dreh verwandelte er sich in eine Grille, schlüpfte durch eine Ritze in die Grotte hinein und duckte sich in eine Ecke an die Wand. Von hier aus richtete er seinen Blick ins Lampenlicht. Dort saß gerade die gesamte Schar kleiner und großer Ungeheuer laut schmatzend und schlürfend beim Essen. Nach kurzer Zeit wurde aufgeräumt, und alle richteten ihre Schlafstätten her. Erst als ungefähr die Zeit der ersten Nachtwache angebrochen war, schlich Pilger nach hinten ins Wohngemach. Da hörte er nun, wie der Dämon den Befehl erteilte, dass die Ungeheuer an jeder Tür Wache halten sollten, damit nicht Sun Wukong wieder in irgendeiner Verwandlung hereinkommen und etwas stehlen könne. Auch die Klappern und Glöckchen der Nachtwächter waren zu hören. Der Große Heilige zwängte sich durch einen Spalt in die Schlafkammer, wo er ein steinernes Bett vorfand, neben dem mehrere herausgeputzte und gepuderte Berg- oder Baumgeister standen, die dem alten Dämon gerade die Decken ausbreiteten. Als dieser nun sein Gewand auszog, kam an seinem linken Arm der schneeweiß schillernde Ring zum Vorschein. Er sah aus wie ein aus Perlen gefertigter Armreif. Doch seht, er legte den Ring nicht ab, sondern strich nur kurz mit der Hand darüber, um ihn dann hochzustreifen, dass er eng am Oberarm festsaß. Dann legte er sich schlafen. Als Pilger das sah, machte er einen leichten Dreh, verwandelte sich in einen gelben Floh und war mit einem Satz auf dem Bett, wo er unter die Decke schlüpfte, auf den Arm des Ungeheuers kroch und zubiss. Der Dämon wälzte sich herum und schimpfte: »Die verdammten Lakaien schütteln nicht mal die Decken aus und machen einem das Bett nicht sauber! Was für ein Ding hat mich da gebissen?« Er schob seinen Ring höher und schlief weiter. Pilger kroch zum Ring hin und biss ein zweites Mal. Doch der Dämon scherte sich nicht mehr darum. Pilger ahnte, dass er so den Schatz nicht würde stehlen können. Also sprang er aus dem Bett, verwandelte sich wieder in eine Grille, verließ die Schlafkammer und ging nach hinten, wo er von neuem die Feuerdrachen und Feuerpferde seufzen und wiehern hörte. Doch die Tür zu dem Raum, in dem sie aufgehängt waren, war fest verschlossen. Da ging Pilger, in seine eigene Gestalt zurückverwandelt, zur Tür, öffnete mit einer Magie das Schloss, stieß die Tür auf und sprang hinein. Drinnen war es vom Schein der Feuergeräte taghell. Da fiel sein Blick auf die Waffen, die zu beiden Seiten an die Wand gelehnt standen: Prinz Natas Säbel und Schwert und seine anderen Geräte, wie auch Pfeil und Bogen vom Sternfürsten der Feuertugend. Wie er sich weiter umschaute, gewahrte er auf einem steinernen Tisch einen Teller, auf dem ein Büschel Pelzhaare lagen. Überglücklich nahm er die Haare, blies ein paar heiße Atemzüge darauf und rief: »Verwandlung!« Schon wurden vierzig bis fünfzig kleine Affen daraus, denen er nun befahl, Säbel, Schwert, Pfeil und Bogen und alle anderen Sachen an sich zu nehmen. Er selber setzte sich rittlings auf einen Feuerdrachen und schoss mit der Kraft des Feuers durch die Grotte hindurch nach draußen. Es donnerte und krachte, klirrte und knallte, als ob Donner und Kanonen gleichzeitig losgehen würden. Entsetzt fuhren die Ungeheuer aus dem Schlaf, die einen heulten, die anderen flennten, keines wusste, wohin es fliehen sollte, und ein großer Teil kam in den Flammen um. Als Pilger siegreich zurückkehrte, zählte man erst die Zeit der dritten Nachtwache. Vom Gipfel aus gewahrten die Himmelsgötter plötzlich, wie ein gleißender Feuerschein heranbrauste, als Pilger auf dem Feuerdrachen johlend über den Gipfel schoss und rief: »Holt eure Waffen, holt eure Waffen!« Er schüttelte sich und fing seine Haare wieder ein. Prinz Nata nahm seine sechs Waffen wieder an sich, der Sternfürst der Feuertugend holte den Feuerdrachen und seine anderen Geräte. Wie nun alle fröhlich lachend Pilger ihr Lob austeilten, sei hier nicht weiter ausgeführt. Lasst uns stattdessen berichten, wie in der Goldbeutel- Grotte die gleißenden Flammen um sich griffen, dass der Nashornkönig außer sich vor Schrecken die Schlafkammertür aufriss, seinen Ring mit beiden Händen packte, und wie er ihn nun vor sich hinstieß, einmal links, einmal rechts, war das Feuer links und rechts auch gleich verschwunden. So stürzte er sich mit seinem Ring mitten in Rauch und Feuer und lief einmal durch die ganze Grotte. Schon war ringsum der ganze Brand gelöscht. Fieberhaft begann er sich nun um die Rettung seiner Ungeheuer zu kümmern, doch ein Großteil war bereits verbrannt. Und als er sich schließlich auch nach den Waffen umsah, waren keine mehr da. Zuletzt ging er nach hinten, wo er sah, dass Bajie, Sandmönch und der Priester immer noch in Fesseln lagen, mit dem weißen Pferd und dem Gepäck. Hasserfüllt stieß der Dämon hervor: »Das Feuer kann niemand anderes gelegt haben als Sun Wukong, dieser Bandit! Kein Wunder, dass ich nicht recht einschlafen konnte; sicher ist dieser diebische Affe in irgendeiner Verwandlung hereingekommen, um mir den Schatz zu stehlen. Und als er dann sah, dass ich ihn am Leib trage und er nichts ausrichten konnte, muss er absichtlich diese Gemeinheit begangen haben, um mich zu verbrennen. Ha, du Affenschurke, das soll dich teuer zu stehen kommen! Solange ich meinen Schatz habe, werde ich im tiefsten Ozean nicht ertrinken und in der größten Feuersbrunst nicht umkommen. Ich habe nicht eher Ruhe, als bis ich diesen Schurken in Stücke gehackt habe!« So schimpfte er ruhelos vor sich hin, bis die Hähne krähten und der Tag anbrach. Oben auf dem Gipfel sagte nun Prinz Nata, der seine Waffen wieder alle beieinanderhatte, zu Pilger: »Großer Heiliger, es wird schon hell. Lasst uns doch ausnutzen, dass der Dämon geschwächt ist, und Euch gleich noch mal mit den Feuerkriegern und allen anderen beim Kampf beistehen. Vielleicht können wir ihn diesmal festnehmen.« »Gute Idee«, lachte Pilger. Also rüsteten sich alle zum Kampf und begaben sich zur Grotte, wo Pilger rief: »Du Giftteufel, komm raus und kämpfe mit dem alten Sun!« Nun waren aber in der Nacht die Torflügel niedergebrannt, und ein paar kleine Ungeheuer kehrten gerade die verglühten Reste zusammen. Wie sie auf einmal all die Heiligen kommen sahen, ließen sie entsetzt ihre Besen fallen und rannten zum Dämon. Der bekam einen gehörigen Schrecken, packte seinen Speer, trat mit dem Zauberring vors Tor und schrie: »Du diebischer Affe, du Plünderer und Brandstifter! Was für Fähigkeiten hast du eigentlich, dass du derart dreist aufzutreten wagst? Stillgestanden, jetzt kriegst du eins mit meinem Speer!« Der Große Heilige trat ihm mit seinem Goldreifstab entgegen. Während die beiden nun miteinander rangen, regte sich in Nata die Wut, und der Sternfürst geriet in hellen Zorn, schon ließen beide ihre Götterwaffen und Feuergeräte auf den Dämon niederhageln; die Donnergötter schossen ihre Blitze, der Himmelskönig zückte seinen Säbel, und alles wirbelte rücksichtslos auf den Dämon ein. Der Dämon aber zog mit einem siegesbewussten Grinsen unbemerkt den Ring aus dem Ärmel, warf ihn blitzschnell in die Luft und rief: »Fangen!« Mit einem Schwirren schossen sämtliche Götterwaffen, Feuergeräte, Blitze, Säbel und Pilgers Stange schon wieder in seinen Ring. Abermals standen die Himmelskrieger mit leeren Händen da, und auch dem Großen Heiligen Sun blieben nur noch seine nackten Fäuste. Triumphierend wandte sich der Dämon um und rief: »So, ihr Kleinen, mauert den Eingang zu, schaufelt Erde und repariert die beschädigten Stellen; das Haus muss wieder in Ordnung gebracht werden! Wenn ihr fertig seid, schlachten wir den Priester und seine Begleiter als Dankesopfer für die Erde und machen ein großes Fest.«290 Wie die Ungeheuer nun seine Befehle ausführten, sei hier nicht weiter ausgeführt. Erzählen wir stattdessen, wie die Götter auf den Gipfel zurückkehrten, wo der Sternfürst der Feuertugend Prinz Nata überstürztes Handeln vorwarf und die Donnergötter dem Himmelskönig vorhielten, er sei zu hektisch gewesen. Nur der Wassergott stand wortlos daneben. Pilger rief ihnen zu: »Regt euch nicht auf, meine Herrschaften! Ich alter Sun will noch mal nachschauen, was ich über seine Herkunft ausfindig machen kann.« »Aber Ihr wart doch bereits beim Jadekaiser, und man hat schon den ganzen Himmel abgesucht«, warf Prinz Nata ein. »Wo solltet Ihr denn jetzt noch suchen?« »Mir ist in den Sinn gekommen, dass man ja sagt, die buddhistische Lehre sei ohne Grenzen. Darum will ich nun bei Buddha vorsprechen, damit er mal seinen weisen Blick über alle vier Kontinente schweifen lässt. So wird er sehen, woher das Ungeheuer kommt und um was für einen Schatz es sich bei diesem Ring handelt. Der Kerl muss unter allen Umständen festgenommen werden, damit ihr eurem Ärger Luft machen und am Ende frohgemut in den Himmel zurückkehren könnt!« Da riefen alle Götter: »Wunderbar, gute Idee! Geht gleich hin!« Gesagt, getan, schon schoss der gute Pilger im Wolkenüberschlag in die Höhe und kam binnen kurzem zum Seelenberg. Hier senkte er sein glückverheißendes Licht und schaute in alle Himmelsrichtungen. Plötzlich hörte er jemanden rufen: »Sun Wukong! Wo kommt Ihr her?« Der Große Heilige wandte sich um und erblickte die Ehrwürdige Nonne Bhiksuni. Da faltete er die Hände zum Gruß und sprach: »Ich möchte wegen einer Angelegenheit bei Buddha vorsprechen.« »Warum geht Ihr dann nicht gleich zum Tempel, statt hier die Berge anzugucken?« »Ich betrete diesen werten Boden zum ersten Mal«, erklärte Pilger, »darum habe ich mich dazu erkühnt.« »Kommt mit mir!« meinte Bhiksuni, und Pilger folgte ihr zum Tempel des Donnergrollens. Im Eingangsportal sah er die Acht Großen Himmelswächter, die mit grimmigen Mienen zu beiden Seiten Wache hielten. Die Nonne trat vor Buddhas Thron und meldete Pilgers Ankunft, worauf dieser befahl, ihn einzulassen. Nachdem Pilger seine Verneigungen vollzogen hatte, sprach Buddha: »Wukong, wie ich höre, bist du von der Ehrwürdigen Guanyin erlöst worden, hast dich dem buddhistischen Orden zugewandt und begleitest nun den Priester aus China hierher, um die Heiligen Schriften zu holen. Wie kommt es, dass du alleine hier auftauchst?« Pilger machte einen Stirnaufschlag und antwortete: »Das will ich Euch berichten, o Buddha Tathagata. Seit Euer Jünger die buddhistischen Gebote befolgt, reist er mit dem Priester aus China in den Westen. Nun sind wir aber zum Goldbeutel- Berg gekommen und dort an einen schlimmen Dämon geraten, der sich Nashornkönig nennt. Er hat übermächtige Zauberkräfte und hält zur Zeit den Meister und die Ordensbrüder in seiner Grotte gefangen. Euer Jünger hat mehrere erbitterte Kämpfe gegen ihn geführt und sogar die Unterstützung des Jadekaisers erhalten, doch der Dämon besitzt einen Ring, mit dem er all unsere Waffen eingeheimst hat. Wir können ihn einfach nicht bezwingen. Darum bitte ich Euch, Tathagata, um den Gefallen, uns Eure Gnade zuteil werden zu lassen, damit wir den Dämon bezwingen und meinen Meister retten können, auf dass wir weiterhin mit frommen Sinnen der Rechten Frucht zustreben.« Auf diese Worte ließ Buddha seinen weisen Blick in die Ferne schweifen und wusste über alles Bescheid. So sprach er zu Pilger: »Ich weiß, wer der Dämon ist. Allein, zur Zeit darf das Geheimnis noch nicht gelüftet werden. Ich will dir vorerst mit der magischen Kraft der Lehre helfen, ihn zu bezwingen.« Buddha sprach zu Pilger: »Ich weiß, wer der Dämon ist. Allein, zur Zeit darf das Geheimnis noch nicht gelüftet werden.« Pilger verneigte sich dankend und fragte: »Mit was für einer Kraft der Lehre wollen Tathagata helfen?« Da beauftragte Buddha die Achtzehn Arhats, aus der Schatzkammer für Pilger achtzehn Körner Goldelixier-Sand292 herauszunehmen. »Wie wirkt denn dieser Goldelixier-Sand?« wollte Pilger wissen, und Buddha sprach: »Gehe nun hin und rufe den Dämon zum Kampf auf. Sobald du ihn herausgelockt hast, lässt du die Arhats die Sandkörner herunterrieseln. Damit wird er sich nicht mehr regen und die Füße nicht von der Stelle bewegen können. Dann kannst du ihn verhauen, wie du willst.« »Herrlich, herrlich!« lachte Pilger, »gehen wir gleich!« Die Arhats holten das Goldelixier und machten sich auf den Weg. Als Pilger unterwegs nachzählte, waren es nur sechzehn. »Was?« rief er empört, »an einem solchen Orte lasst Ihr Leute um Schmiergeld laufen?« »Wer soll wen laufengelassen haben?« fragten die Arhats, und Pilger gab zurück: »Ihr seid doch achtzehn, warum kommen jetzt nur sechzehn mit?« Kaum hatte er zu Ende gesprochen, traten die Arhats Drachenbezwinger und Tigerbändiger293 vom Tempel her auf ihn zu und riefen: »Wukong, warum gleich dieser Argwohn? Wir mussten doch noch Buddhas Anweisungen entgegennehmen.« Da stieg Pilger glücklich lachend mit den Arhats in die Lüfte. In kürzester Zeit gelangten sie auf den Goldbeutel-Berg, wo sie vom Himmelskönig und den anderen Göttern in Empfang genommen wurden, und alle erzählten, was sich ereignet hatte. Dann sprachen die Arhats: »Wir haben keine Zeit zu verlieren. Geht hin und ruft ihn so schnell wie möglich heraus!« Der Große Heilige ballte seine Fäuste, schritt vor das Grottentor und schimpfte: »Komm raus, du Zankteufel! Miss deine Kräfte mit deinem Ahnherrn Sun!« Wieder rannten die kleinen Ungeheuer Hals über Kopf zum Dämon und meldeten ihm das Gehörte. Da meinte der Dämon: »Seine Stange hab ich doch wieder geschnappt, wieso kommt er schon wieder her? Will er sich noch einmal auf einen Faustkampf einlassen?« Mit Zauberschatz und Speer in der Hand rief er den kleinen Ungeheuern zu, von der frisch aufgeschichteten Mauer einige Blöcke abzutragen, sprang aus der Grotte und schrie: »Du diebischer Affe, wie oft hast du schon verloren, gib es doch endlich auf! Was schreist du schon wieder herum?« »Du Rotzteufel weißt nicht, was rechtens ist!« schrie Pilger zurück. »Wenn du nicht willst, dass dein Ahnherr wiederkommt, gibt’s nur eins: Du unterwirfst dich, entschuldigst dich und gibst mir Meister und Ordensbrüder zurück! Ansonsten lasse ich nicht ab von dir.« »Deine drei Mönche hab ich schon schrubben lassen«, gab der Unhold zurück, »gleich werden sie geschlachtet. Und du begreifst immer noch nicht, wer hier der Stärkere ist. Mach, dass du fortkommst!« Als Pilger diese Worte hörte, geriet er in Rage. Er warf sich in Kampfpose und drosch dem Dämon mit bloßen Fäusten ins Gesicht. Der aber richtete blitzschnell seinen Speer gegen ihn. Pilger hüpfte bald nach links, bald nach rechts und lockte so den Dämon, der nicht wusste, dass er in eine Falle ging, von der Grotte weg in Richtung Süden. Nun gab Pilger den Arhats das Zeichen, den Elixiersand herunterzuwerfen. Da wurde der Dämon wie von einem Sandsturm geblendet, und als er nach unten blickte, waren seine Füße bereits in drei Ellen hohem Sand versunken. Entsetzt gab er sich einen Ruck und sprang auf, doch noch bevor er wieder festen Stand hatte, war er abermals um zwei Fuß eingesunken. Aufgeregt versuchte er seine Füße freizumachen, zog gleichzeitig den Ring hervor, warf ihn in die Luft und rief: »Fangen!« Schon surrte es, alle achtzehn Elixiersandkörner schwirrten in den Ring hinein, und der Dämon stapfte in seine Grotte zurück. Die Achtzehn Arhats blieben mit leeren Händen auf den Wolken. Pilger ging auf sie zu und fragte: »Ihr Arhats, warum streut ihr keinen Sand mehr?« »Eben gab es so ein Surren, da sind unsere Sandkörner auf einmal verschwunden!« erklärten die Arhats. »Schon wieder von diesem Ding aufgesogen«, meinte Pilger. »Wie sollen wir ihn denn dingfest machen, wenn er so schwer zu besiegen ist?« fragten der Himmelskönig und die anderen Götter. Da wandten sich die Arhats Drachenbezwinger und Tigerbändiger an Pilger und sprachen: »Wukong, wisst Ihr, weshalb wir uns verspätet haben?« »Nein.« »Weil Buddha uns Folgendes gesagt hat: ›Dieser Dämon besitzt immense Zauberkräfte. Falls das mit dem Elixiersand nicht funktioniert, dann lasst Sun Wukong in den Himmel der Trennungstrauer zum Höchsten Alten Laozi steigen und dort nach den Spuren suchen. Es kann sein, dass er sich dann gleich beim ersten Angriff festnehmen ließe.‹« »Widerlich!« schrie Pilger, »wie widerlich! Das hätte mir Buddha doch gleich sagen können, statt euch vergeblich hierherzuschicken. Ich gehe!« Schon schoss er im Wolkenüberschlag durch das Südliche Himmelstor bis zum Tusita-Palast im Himmel der Trennungstrauer vor dem dreiunddreißigsten Himmel. Am Eingang standen zwei unsterbliche Knaben, doch Pilger trat ein, ohne auch nur seinen Namen zu nennen. Als der Alte Meister plötzlich herauskam, wäre er beinahe mit ihm zusammengestoßen. Da verbeugte sich Pilger und meinte: »Lang nicht mehr gesehen, werter Alter!« »Dieser Affe!« lachte Laozi. »Was suchst du denn hier? Warum bist du nicht auf Pilgerfahrt?« »Pilgerfahrt, Pilgerfahrt! Natürlich, Tag und Nacht! Nur gibt’s ein kleines Hindernis, darum komm ich kurz mal her!« »Was hat es mit mir zu tun, wenn ihr nicht in den Westhimmel kommt?« fragte Laozi. »Westhimmel, Westhimmel! Sprecht mir nicht davon! Ich suche eine Spur, darum bin ich hier!« reimte Pilger. »Hier ist der Allerhöchste Palast der Unsterblichkeit«, versetzte Laozi, »was soll es da noch für Spuren geben?« Ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen, schritt Pilger in den Palast hinein und spähte umher. Nachdem er mehrere Korridore passiert hatte, fiel sein Blick auf einen Knaben, der neben dem Ochsengehege eingeschlafen war. Der Ochse aber war nicht im Gehege. »He, guter Alter!« rief Pilger, »der Ochse ist entlaufen! Der Ochse ist entlaufen!« Laozi erschrak und rief: »Seit wann ist dieses Sündenbiest denn weg?« Währenddessen wachte der Knabe auf, kniete vor Laozi nieder und rief: »O Großväterchen, Euer Schüler ist eingeschlafen! Ich weiß nicht, wann das Tier entlaufen ist!« »Wie kannst du bloß schlafen, du Lümmel?« schimpfte Laozi. Da schlug der Knabe die Stirn auf den Boden und rief: »Ich habe in der Elixierkammer eine Pille gefunden, und nachdem ich sie eingenommen habe, bin ich hier eingeschlafen.« »Das muss das siebenfach geläuterte Feuer-Elixier gewesen sein, das ich neulich gebraut habe«, brummte Laozi. »Eine Pille ist mir verlorengegangen, dann muss also dieser Lümmel sie geschluckt haben. Wer eine solche Pille isst, schläft sieben Tage lang! Und weil du eingeschlafen bist, hat dieses Biest die Gelegenheit gepackt und sich aus dem Staub gemacht. Das muss auch sieben Tage her sein.« Nun schaute Laozi, ob der Ochse wohl etwas aus seinem Palast gestohlen hatte. Pilger meinte: »Er hatte eigentlich nichts außer einem Ring. Der war aber richtig heftig!« Sofort schaute Laozi nach und rief schließlich: »Das Biest hat mir meinen Diamantring gestohlen!«295 »Das ist also der Schatz!« rief Pilger. »Dasselbe, was mich alten Sun damals am Kopf getroffen hat. Und damit führt er sich nun auf Erden derart rücksichtslos auf! Ich kann gar nicht mehr sagen, wie viele Sachen von uns er mit diesem Ring schon eingesaugt hat!« »Wo ist das Biest jetzt?« fragte Laozi. »In der Goldbeutel-Grotte, auf dem Goldbeutel-Berg. Er hat den Priester gefangen und unsere Waffen gestohlen. Nun, werter Alter, was für eine Strafe verdient einer, der eine solche Kreatur laufenlässt, die Raub und Mord begeht?« stichelte Pilger. »Mit meinem Diamantring habe ich damals, als ich über den Hangu-Pass außer Landes gegangen bin, Dämonen bekehrt. Es ist ein Zauberschatz, den ich von klein auf geläutert habe. Keine Waffe kann dagegen etwas ausrichten, auch Wasser und Feuer nicht. Hätte er meinen Palmfächer gestohlen, könnte auch ich nichts mehr gegen ihn ausrichten!« Fröhlich ging der Große Heilige nun hinter Laozi her; der nahm seinen Palmfächer zur Hand und schwebte mit ihm auf einer glückverheißenden Wolke zum Südlichen Himmelstor hinaus, geradewegs auf den Goldbeutel-Berg zu, wo er Arhats und Götter begrüßte und man sich erzählte, was sich ereignet hatte. Schließlich meinte Laozi: »Sun Wukong, locke ihn noch einmal heraus, dann kann ich ihn bezwingen.« Pilger sprang vom Gipfel herunter und rief abermals mit lauter Stimme: »Du sündiges Vieh, komm raus und stirb!« »Wen hat dieser diebische Affe wohl wieder geholt?« sann der Dämon, packte seinen Speer und den Zauberring und trat ins Freie. »Du Zankteufel«, schimpfte Pilger, »heute bist du des Todes!« Dann schnellte er wie der Blitz hoch, verpasste dem Dämon eine Ohrfeige und rannte davon; der Dämon jagte ihm mit gezücktem Speer hinterher. Da erklang vom Gipfel eine Stimme: »Ochse! Warum kehrst du noch immer nicht nach Hause zurück? Worauf wartest du noch?« Der Dämon sah auf und erkannte den Höchsten Alten Meister Laozi. Von Schrecken durchzuckt dachte er: »Dieser Affendieb kennt sich ja aus wie in der eigenen Tasche. Wie hat er es bloß geschafft, meinen Meister zu holen?« Da murmelte Laozi eine Zauberformel und machte einen Schlag mit seinem Fächer. Schon ließ der Dämon den Ring fallen und wurde von Laozi mit einem Griff gepackt. Beim zweiten Fächerschlag sackte der Dämon kraftlos zusammen und nahm seine eigene Gestalt an: Es war ein schwarzer Ochse. Laozi hauchte göttlichen Odem auf den Ring und zog ihn dem Ochsen durch die Nase, dann löste er das Band, mit dem sein Gewand umgürtet war, knüpfte es an den Ring und zog den Ochsen hinter sich her. Dass Ochsen bis heute ein Ring durch die Nase gezogen wird, geht darauf zurück. Jetzt drang Pilger Sun mit dem Himmelskönig und den anderen Göttern in die Grotte ein, wo sie alle kleinen Ungeheuer erschlugen und ihre Waffen einsammelten. Anschließend bedankte er sich bei den Göttern, und man verabschiedete sich. Endlich befreite er auch Tripitaka, Bajie und Sandmönch, nahm seine Eisenstange und machte Pferd und Gepäck reisefertig. Meister und Schüler kamen aus der Grotte heraus und fanden wieder auf ihren Weg. Wie sie nun voranschritten, tönte auf einmal eine Stimme vom Wegesrand her: »Heiliger Mönch aus China! Nehmt Eure Mahlzeit, bevor Ihr weitergeht!« Der Priester erschrak. Und da wir nicht wissen, wer eben gerufen hatte, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第053回 / 53. Kapitel Der Herr der Sammlung wird durch Speise spukhaft schwanger / Das Gelbe Weib bringt Wasser und entfernt die schlechte Frucht Wer war es also, der, wie berichtet wurde, am Wegesrand rief? Es waren der Berggott und der Erdgeist, die ihnen die purpurgoldene Almosenschale entgegenhielten und riefen: »Heiliger Mönch! Diese Schale Reis hat Euch der Große Heilige Sun an einem guten Ort besorgt. Allein weil Ihr und Eure Schüler nicht auf seinen weisen Rat gehört habt, seid Ihr in die Fänge eines Dämons geraten, so dass der Große Heilige Euch unter tausend Mühen befreien musste. Doch kommt und sättigt Euch, bevor Ihr die Weiterreise antretet. Enttäuscht nicht des Großen Heiligen Demut und Respekt!« »Mein Schüler«, sprach Tripitaka, »ich bin dir so dankbar, mehr als es sich in Worte fassen lässt! Hätte ich den Kreis nicht verlassen, wären wir nie in diese tödliche Gefahr geraten.« »Nur weil Ihr nicht an meinen Kreis glauben wolltet, musste ich mich mit dem Kreis eines anderen abmühen! Und dafür so viel Leid und Qual, ach!« rief Pilger. Dann wandte er sich an Bajie und schimpfte: »Alles nur wegen dir, du Taugenichts! Deinetwegen ist unser Meister in solche Not geraten. Und ich alter Sun habe regelrecht Himmel und Erde umgekrempelt, musste Himmelskrieger herbeten, Feuer und Wasser holen, Buddhas Elixierpillen bringen, und alles war umsonst. Nur dadurch, dass Tathagata schließlich die Herkunft des Ungeheuers hat durchblicken lassen, konnte ich am Ende Laozi kommen lassen, und da hat es sich gezeigt, dass es ein schwarzer Ochse war, der hier sein Unwesen trieb.« Auf diese Worte sprach Tripitaka ergriffen: »Werter Schüler, nach dieser Erfahrung werde ich das nächste Mal ganz sicher auf dich hören!« Anschließend teilten sich alle vier die Schale dampfenden Reis. »Warum ist eigentlich der Reis noch heiß, es sind doch schon mehrere Tage vergangen?« wunderte sich Pilger. Da kniete der Erdgeist nieder und sprach: »Da ich geringer Geist erfahren durfte, dass Ihr, Großer Heiliger, Eure Tat erfolgreich vollendet habt, habe ich Euch den Reis aufgewärmt.« Nach kurzer Zeit hatten sie fertiggegessen, packten die Almosenschale ein und verabschiedeten sich vom Erdgeist und vom Berggott. Der Meister schwang sich am Sattelknauf aufs Pferd und überquerte den hohen Berg. So war es in der Tat: Rein und lauter strebt ihr Sinn Wieder neu zur Weisheit hin; Pilgernd unter Wind und Regen, Immerfort dem Westen entgegen. Lange Zeit wanderten sie weiter, bis einmal mehr der Frühling anbrach. Eines Tages kamen sie an einen Fluss, dessen glasklares Wasser frisch und kühl dahinfloss. Der Priester zügelte sein Pferd und hielt Ausschau. Drüben, am anderen Ufer, ließen sich hinter grünenden Trauerweiden die Dächer einiger Strohhütten ausmachen. Pilger wies mit der Hand in die Richtung und meinte: »Dort gibt es bestimmt Fährleute.« Da legte Bajie die Bündel nieder und rief mit lauter Stimme: »Fährmann! Kommt her mit dem Boot!« Nachdem er mehrmals hintereinander gerufen hatte, regte es sich zwischen den Weiden, und ein Boot stieß knarrend am Ufer ab. Es dauerte nicht lange, da legte es am Ostufer an, und der am Ruder rief: »Kommt her, wenn ihr über den Fluss wollt!« Als Tripitaka mit dem Pferd an den Zügeln hinging, sah er, dass es eine ältere Frau war, die das Boot ruderte. »Wo ist denn der Fährmann, dass seine Frau ans Ruder muss?« fragte Pilger. Die Frau lächelte und gab keine Antwort. Nun betrat Tripitaka mit seinen Schülern, Pferd und Gepäck das Fährboot, die Frau stieß vom Ufer ab, legte sich ins Ruder, und so hatten sie nach kurzer Zeit den Fluss überquert. Am Westufer hieß der Priester Sandmönch ein paar Kupfermünzen aus dem Gepäck nehmen, um sie der Fährfrau zu geben. Die Frau kümmerte sich nicht weiter um die Höhe des Betrags, band das Seil an einem Baum fest und ging freudig lachend in ihr Haus zurück. Beim Anblick des klaren Wassers verspürte Tripitaka auf einmal Durst, und so sagte er zu Bajie: »Hol meine Schale und schöpfe mir etwas Wasser zum Trinken.« Da meinte der Tölpel: »Davon wollte ich auch grad trinken.« Er füllte die Schale und reichte sie dem Meister. Dieser trank, bis etwas mehr als die Hälfte übrig blieb, dann setzte Bajie die Schale an und leerte sie in einem Zug. Schließlich half er Tripitaka in den Sattel, und sie zogen weiter gen Westen. Er füllte die Schale und reichte sie dem Meister. Es war noch keine Stunde vergangen, da stöhnte der Priester auf einmal: »Oh, mein Bauch schmerzt!« Hinter ihm rief auch Bajie: »Mein Bauch schmerzt!« »Wohl vom kalten Wasser«, mutmaßte Sandmönch. Da stöhnte der Meister: »Oh, tut das weh!« und Bajie ebenfalls: »Oh, tut das weh!« Die beiden konnten sich vor Schmerzen kaum mehr aufrecht halten. Allmählich wölbten sich ihre Bäuche, und wenn man die Hand darauf legte, fühlte es sich an, als ob etwas aus Blut und Fleisch darin wäre, das sich hin und her bewegte. Tripitaka konnte sich kaum mehr im Sattel halten, als sie endlich weiter vorn einen Weiler erblickten, dessen gebündelte Strohdächer hinter den Baumwipfeln hervorlugten. »Meister, wir haben Glück«, meinte Pilger, »dort drüben ist das Haus eines Weinhändlers. Lasst uns dorthin gehen und um etwas heißes Wasser bitten. Dann können wir auch gleich fragen, ob da jemand Medizin verkauft, vielleicht gibt es irgendein Kräuterpflaster gegen Eure Bauchschmerzen.« Tripitaka war erleichtert, als er dies hörte. Bald waren sie am Eingang des umzäunten Weilers, und der Priester stieg aus dem Sattel. Vor der Eingangspforte saß ein altes Mütterchen auf einem Strohhaufen und zwirnte Hanfseile. Pilger trat auf sie zu und fragte: »Mütterchen, wir geringen Mönche kommen aus dem chinesischen Kaiserreich im Osten. Mein Meister, der mit dem Kaiser verbrüdert ist, hat bei der Überfahrt über den Fluss vom Wasser getrunken, und nun hat er Bauchschmerzen.« Da lachte das Mütterchen auf und fragte: »Vom Fluss habt ihr getrunken?« »So ist es.« »Lustig, lustig!« rief das Mütterchen, »kommt alle herein, ich will euch sagen, was es damit auf sich hat.« Pilger führte Tripitaka, und Sandmönch stützte Bajie, so kamen die beiden stöhnend mit hervorstehenden Bäuchen und schmerzverzerrten Gesichtern in die Strohhütte und setzten sich. »Macht uns unbedingt heißes Wasser für meinen Meister, ich danke Euch sehr!« rief Pilger. Das Mütterchen aber kümmerte sich gar nicht darum, sondern trippelte fröhlich lachend nach hinten und rief ein paar Frauen mittleren Alters herbei, die sogleich kichernd den Priester umstanden. Pilger knirschte vor Wut mit den Zähnen, worauf alle zusammenfuhren und das Weite suchten. Da ging er auf das Mütterchen zu, packte es am Ärmel und rief: »Macht sofort heißes Wasser, sonst lass ich Euch nicht los!« Zitternd vor Angst antwortete das Mütterchen: »Großväterchen, heißes Wasser hilft nicht gegen eure Bauchschmerzen. Lasst mich los, dann will ich euch sagen, warum.« Pilger ließ von ihr ab, und die alte Frau sprach: »Ihr befindet euch hier im Frauenland Xiliang, da gibt es nur Frauen, keine Männer. Darum haben wir Freude, euch hier zu sehen. Dass euer Meister von dem Wasser getrunken hat, ist nicht gut. Dieser Fluss heißt nämlich Mutterfluss. Unsere Königin besitzt draußen vor der Stadt eine Station zum Yang- Empfang, und dort liegt am Eingang eine Quelle, die ›Embryospiegel‹ genannt wird. Bei uns dürfen erst die Mädchen über zwanzig von diesem Wasser trinken, und wenn sie es getrunken haben, kriegen sie Bauchschmerzen und werden schwanger. Nach drei Tagen gehen sie dann zur Station zum Yang-Empfang und spiegeln sich im ›Embryospiegel‹. Sobald sie ein doppeltes Spiegelbild sehen, heißt das, dass ihr Kind zur Welt kommt. Nun hat euer Meister vom Wasser des Mutterflusses getrunken, und darum ist er schwanger geworden. In wenigen Tagen wird er auch ein Kind kriegen. Was soll da heißes Wasser helfen?« Tripitaka hatte ihre Worte mit Entsetzen vernommen. Nun rief er: »Schüler! Was tun wir bloß?« Bajie wand sich in den Hüften und stöhnte: »Ach herrje, wir haben doch männliche Körper! Wo soll denn der Geburtskanal sein, wenn das Kind zur Welt kommt?« Pilger lachte und meinte: »Es sagten doch schon die alten Weisen: ›Wenn die Melone reif ist, löst sie sich selbst vom Stängel.‹ Wenn die Zeit gekommen ist, wird es wohl unter der Achsel rauskommen.« »Es ist aus!« stöhnte Bajie, der nun vor Angst zitterte. »Wir sind des Todes.« »Ach Bruder«, spaßte Sandmönch, »dreh dich nicht so in den Hüften, sonst kommt es am Ende noch schräg zu liegen und kriegt irgendeine pränatale Krankheit.« Dem Tölpel wurde angst und bange. Mit Tränen in den Augen packte er Pilger am Arm und rief: »Bruder, frag diese Frau, wo es eine Hebamme gibt, die nicht zu hart zugreift. Am besten suchen wir gleich mehrere im Voraus. Bei mir bewegt es sich schon ganz stark, sicher sind es die Geburtswehen! Mach schnell, mach schnell!« »Bruder«, spaßte Sandmönch, »wenn es Geburtswehen sind, dann hör auf, dich so zu winden, sonst zerdrückst du noch die Fruchtblase!« »Mütterchen«, stöhnte Tripitaka, »gibt es bei euch Ärztinnen? Lasst doch meinen Schüler ein Abtreibungsmittel kaufen, dann schlucken wir es und treiben den Fötus ab.« »Medizin würde auch nichts helfen«, gab das Mütterchen zur Antwort. »Doch südlich von hier, da gibt es auf dem Berg der Yang-Auflösung eine Grotte des Schwangerschaftsabbruchs. In dieser Grotte ist eine Abtreibungsquelle. Nur mit einem Schluck Wasser von jener Quelle kann man die Schwangerschaft abbrechen. Heutzutage aber kriegt man dort auch kein Wasser mehr, denn vor ein paar Jahren ist ein Daoist gekommen, der sich Wahrer Unsterblicher Ruyi nennt, hat die Grotte in Besitz genommen und sie in ›Kloster aller Unsterblichen‹ umbenannt. Dort wacht er nun über das Wasser der Abtreibungsquelle und gibt es nicht ohne weiteres heraus. Wer von diesem Wasser haben will, muss anständige Geldgeschenke bieten können und reiche Dankesgaben wie Hammelfleisch, Wein und Obstteller darbringen. Wenn man dann die Gaben in höchster Ehrerbietung dargebracht hat, gewährt er einem gerade mal ein Schälchen Wasser. Doch woher wollt ihr Pilgermönche so viel Geld hernehmen? Euch bleibt nichts übrig, als euch dem Schicksal zu fügen und die Geburt abzuwarten.« »Mütterchen, wie weit ist es denn bis zum Berg der Yang- Auflösung?« fragte Pilger freudig. »An die dreitausend Meilen.« »Sehr gut, bestens!« rief Pilger, »beruhigt Euch, Meister, ich alter Sun bringe Euch gleich von diesem Wasser.« Er ließ sich von der alten Frau eine Schale geben, trat aus der Strohhütte, schoss zum Himmel und war verschwunden. Die Alte blickte mit gefalteten Händen zum Himmel und rief: »Oh, mein Herr! Der Mönch kann ja fliegen!« Dann rief sie abermals nach den anderen Frauen, die sich nun vor dem Priester verbeugten und ihn Arhat und Bodhisattva nannten. Gleichzeitig kochte man Suppe und Reis, doch wie die Mönche aus China damit beköstigt wurden, sei hier nicht weiter ausgeführt. Berichten wir jedoch vom Großen Heiligen, der im Wolkenüberschlag in die Lüfte gestiegen war. Schon bald erblickte er einen Berggipfel, senkte seine Wolke und betrachtete die Gegend genauer, bis er am Nordhang ein Anwesen entdeckte. Als er auf dem Berg landete und dem Eingang zuschritt, sah er einen alten Daoisten im Meditationssitz auf einer Bastmatte sitzen. Da legte der Große Heilige seine Schale nieder, ging auf ihn zu und grüßte freundlich. Der Daoist grüßte, indem er sich leicht vorbeugte und fragte: »Woher kommt Ihr? Was treibt Euch zu unserem kleinen Kloster?« »Ich geringer Mönch komme aus dem Osten und reise als Abgesandter des Kaisers von China in den Westen, um Heilige Schriften zu holen. Mein Meister hat versehentlich vom Wasser des Mutterflusses getrunken und sich starke Bauchschmerzen zugezogen. Ortsansässige, bei denen wir uns erkundigt haben, sind der Meinung, er sei schwanger geworden und es gäbe kein Rezept dagegen, nur auf Eurem werten Berge soll es eine Abtreibungsquelle geben, mit deren Wasser eine Schwangerschaft abgebrochen werden könne. Darum bin ich nun eigens gekommen, um dem Wahren Unsterblichen Ruyi meine Aufwartung zu machen und etwas Wasser zu erbitten, damit ich meinen Meister erlösen kann. Ich hoffe, Ihr könnt mir weiterhelfen.« Lächelnd erklärte der Daoist: »Früher wurde das hier die Grotte des Schwangerschaftsabbruchs genannt, heute aber heißt es Kloster aller Unsterblichen. Ich bin der Jünger des ehrwürdigen Wahren Unsterblichen Ruyi. Wie heißt Ihr denn? Wenn ich Euren Namen weiß, kann ich Euch gern anmelden.« »Ich bin der älteste Schüler des Priesters Tripitaka, mein geringer Name ist Sun Wukong.« »Und wo sind Eure Spenden und Opfergaben?« fragte der Daoist. »Ich bin nur ein einfacher Wandermönch, ich habe nichts Derartiges auftreiben können.« Da lachte der Daoist auf und rief: »Ihr seid wohl nicht bei Trost! Mein Meister hält die Quelle unter seinem Schutz; das Wasser gibt er niemandem umsonst. Geht zurück und bereitet Eure Gaben vor, dann kann ich Euch anmelden. Sonst müsst Ihr halt wieder gehen, da gibt es nichts zu machen.« Pilger aber erwiderte: »Gute Beziehungen sind noch stärker als Edikte. Geht und meldet meinen Namen, dann wird er mir bestimmt helfen, wenn nicht gar die Quelle schenken wollen.« Auf diese Worte ging der Daoist hinein und meldete seine Ankunft. Nun wäre es allerdings besser gewesen, wenn der Wahre Unsterbliche Wukongs Namen nicht vernommen hätte. Denn kaum hatte er den Namen gehört, stieg ihm die Wut ins Herz und der Hass in die Galle. Hastig zog er sein Kleid aus, warf sich eine Daoistenrobe um, sprang mit einem Ruyi- Zepter297 in der Hand nach draußen und schrie: »Wo ist dieser Sun Wukong?« Als Pilger ihn erblickte, legte er die Hände zum Gruß aneinander und sprach: »Ich geringer Mönch bin Sun Wukong.« Da lachte der Herr und rief: »Tatsächlich bist du Sun Wukong. Erkennst du mich auch?« »Nun, ich bin ja dem buddhistischen Orden beigetreten und wandere seither über Berg und Tal, daher habe ich zu meinen Freunden aus der Kindheit den Kontakt verloren und bin noch nicht dazu gekommen, sie wieder aufzusuchen«, erklärte Pilger. »Neulich hab ich die Leute am Westufer des Mutterflusses von Euch reden hören, darum weiß ich, dass Ihr der Wahre Unsterbliche Ruyi seid.« »Dann widme dich doch deiner Reise und ich mich meiner Vervollkommnung«, versetzte der Herr, »wozu musst du mich unbedingt aufsuchen?« »Mein Meister hat versehentlich vom Wasser des Mutterflusses getrunken«, erklärte Pilger, »davon hat er Bauchschmerzen gekriegt und ist schwanger geworden. Nun bin ich eigens zu Eurer Residenz der Unsterblichen gekommen, um etwas Abtreibungswasser zu erbitten, damit ich meinen Meister erlösen kann.« Da blitzte der Zorn aus seinen Augen, und er fragte: »Dein Meister! Ist es etwa jener Tripitaka aus dem chinesischen Kaiserreich?« »Er ist es.« Vor Hass mit den Zähnen knirschend fragte er weiter: »Und seid ihr unterwegs einem Großen König des Heiligen Kindes begegnet?« »So hat sich der Dämon Rotkindchen aus der Feuerwolkengrotte genannt. Weshalb fragt Ihr danach, Wahrer Unsterblicher?« »Er ist mein Neffe. Ich bin nämlich der Bruder des Rinderdämons. Neulich habe ich von meinem Bruder einen Brief erhalten, in dem er mir mitteilte, dass Sun Wukong, der älteste Schüler des Tripitaka aus China, bei ihm rücksichtslos Schaden angerichtet habe. Ich habe dich schon aufsuchen wollen, um mich zu rächen, da läufst du mir selbst über den Weg und willst auch noch Wasser haben!« Pilger erwiderte lächelnd: »Werter Herr, Ihr liegt falsch. Euer Bruder hat mit mir sogar mal Brüderschaft geschlossen. Nur kannte ich damals Eure werte Residenz nicht und habe es versäumt, Euch einen Besuch abzustatten. Euer Neffe aber hat großes Glück gehabt, er lebt jetzt als Knabe Sudhana bei Bodhisattva Guanyin, das ist doch ein viel besseres Los, als unsereiner es hat. Wie könnt Ihr mir so etwas übelnehmen?« »Dieser rotzige Rhesusaffe will sich auch noch herausreden!« polterte der Herr, »soll mein Neffe etwa lieber Sklave anderer Leute sein, statt als freier König zu walten? Keine Frechheiten, lass dir das Zepter überziehen!« Der Große Heilige aber hielt seine Stange dagegen und rief: »Lasst uns nicht von Kampf reden, werter Herr, gebt mir lieber etwas Wasser, dann gehe ich wieder.« »Du rotziger Rhesusaffe!« schrie der Herr wütend, »dir ist wohl nicht klar, wie es um dein Leben steht! Wenn du mich in drei Kampfrunden besiegen kannst, sollst du dein Wasser kriegen. Andernfalls bring ich dich um, damit ich mich für meinen Neffen rächen kann!« »Pestbeule!« schimpfte der Große Heilige, »du hast ja keine Ahnung, wer hier der Stärkere ist. Nun, wenn du unbedingt kämpfen willst, dann komm her. Hab auf meine Stange acht!« Der Herr zückte sein Ruyi-Zepter und schlug los, und die beiden kämpften ganze zehn Runden lang, bis der Große Heilige schließlich seine Eisenstange wie Kometenregen über ihn prasseln ließ. Das ging über die Kräfte des Herrn, und er rannte mit niederhängendem Zepter den Berg hinan. Statt ihn zu verfolgen, eilte der Große Heilige zum Kloster, um Wasser zu holen. Natürlich hatte der Daoist das Tor längst verschlossen, doch der Große Heilige lief mit der Schale zum Eingangstor, stieß es mit einem Fußtritt auf und rannte hinein. Drinnen sah er den Daoisten über den Ziehbrunnen gebeugt, schwang seine Stange und wollte gerade zuschlagen, als der Daoist nach hinten rannte. Doch gerade als er einen Eimer gefunden hatte und ihn in den Brunnen hinunterlassen wollte, sprang der Daoist wieder nach vorn und hakte ihm sein gebogenes Zepter um den Fuß, so dass der Große Heilige kopfüber zu Boden fiel. Als er wieder auf den Beinen war und seine Stange schwang, war der andere mit seinem Haken wieder neben ihm und rief: »Na, schauen wir, ob du mein Wasser kriegst!« »Komm nur her, komm!« schimpfte Pilger, »ich schlage dich gleich tot!« Doch statt vorzutreten, gab der andere nur acht, dass der Große Heilige nicht ans Wasser herankam. Schließlich wirbelte der Große Heilige mit der linken Hand die Stange, während er mit der rechten den Eimer bediente. Doch kaum hatte er den Eimer am Seil hinuntergelassen, schlug ihm der Daoist abermals den Haken seines Zepters um die Fesseln, dass er stürzte und der Eimer mitsamt dem Seil in den Brunnen fiel. »Du gemeiner Kerl!« schrie der Große Heilige, stemmte sich hoch, wirbelte die Stange in beiden Händen und stürzte Hals über Kopf auf seinen Gegner. Der ergriff wie zuvor die Flucht und wagte nicht, gegen ihn zu kämpfen. Der Große Heilige wollte Wasser holen, doch hatte er ja nun keinen Eimer mehr, außerdem fürchtete er auch den Haken. Schließlich dachte er: »Lieber will ich erst mal Hilfe holen.« Schon machte er auf seiner Wolke rechtsum kehrt, kam flugs in den Weiler zurück und schrie: »Sandmönch!« Drinnen stöhnte Tripitaka in Schmerzen, und Eber Bajie ächzte ohne Unterlass vor sich hin. Als Sandmönch seine Stimme hörte, kam er ihm sofort entgegen. Der Große Heilige berichtete Tripitaka, was sich ereignet hatte. Dieser sprach unter Tränen: »Was tun wir bloß, mein Schüler?« »Ich bin gekommen, um Sandmönch zu Hilfe zu rufen. Während ich den Kerl in Schach halte, kann er Wasser schöpfen.« »Wer kümmert sich denn um uns, wenn ihr beide weg seid?« Da sprach das Mütterchen: »Werter Arhat, macht euch keine Sorgen. Wir werden gut für euch sorgen. Schon in der Frühe, als ihr angekommen seid, waren wir von euch sehr angetan. Und seit dieser Bodhisattva in den Himmel gestiegen ist, wissen wir auch, dass ihr Arhats und Bodhisattvas seid. Wir tun euch gewiss nichts an.« Pilger schnaubte und rief: »Ihr Frauen solltet euch anmaßen, einem von uns was anzutun?« Das Mütterchen lachte und meinte: »Nun, werter Herr, eigentlich habt ihr ziemlich Glück gehabt, dass ihr in unser Haus gekommen seid. Im zweiten Haus wäret ihr kaum heil geblieben.« »Was soll das heißen, kaum heil geblieben?« ächzte Bajie. »Bei uns sind alle fünf im Haushalt schon älter, an Liebesaffären finden wir längst keinen Gefallen mehr. Aber die jungen Frauen im zweiten Haus, die hätten euch niemals gehen lassen, ohne sich mit euch vereinigt zu haben. Und wenn ihr euch gewehrt hättet, wären sie euch auf den Leib gerückt und hätten wohl gar aus eurem Fleisch Duftsäckchen gemacht!« »Dann wäre ich bestimmt heil davongekommen«, versetzte Bajie. »Die anderen, die duften, da ließen sich wohl Duftsäckchen machen. Ich bin ein Stinkeschwein, und mein Fleisch stinkt nicht minder, so hätten sie mich sicher heil gelassen.« Pilger bat das Mütterchen um eine Schnur für den Eimer und stieg mit Sandmönch zum Himmel auf. In weniger als einer Stunde hatten sie den Berg der Yang-Auflösung erreicht und landeten vor dem Kloster. Hier befahl der Große Heilige Sandmönch, sich vorerst verborgen zu halten. »Warte, bis ich alter Sun ihn in den Kampf verwickelt habe. Dann packst du die Gelegenheit und holst Wasser.« Sandmönch tat wie geheißen. Der Große Heilige aber zückte seine Eisenstange und schrie: »Aufmachen!« Drinnen eilte der Jünger zu seinem Meister und meldete, was er gehört hatte. Dem Herrn stieg große Wut ins Herz. Er packte sein Zepter, trat heraus und schrie: »Was machst du rotziger Rhesusaffe schon wieder hier?« »Ich bin nur hier, um Wasser zu holen«, versetzte der Große Heilige. »Die Quelle gehört mir«, gab der Wahre Unsterbliche zurück, »hier kommt kein König und kein Kanzler umhin, uns ehrerbietig Dankesgaben darzubringen, wenn sie was abbekommen wollen. Ganz zu schweigen davon, dass du mein Feind bist. Wie kannst du es wagen, mit leeren Händen um Wasser zu heischen?« »Dann gibst du es mir also wirklich nicht?« fragte der Große Heilige. »Nein und nochmals nein!« Da ließ der Große Heilige seine Stange wirbeln, während der Unsterbliche ihm mit dem Zepter entgegentrat. Nun führten sie vom Eingang des Klosters bis zum Fuß des Berges ein bitteres Gefecht. Als Sandmönch mit dem Eimer ins Kloster stürmte, fiel ihm der Jünger in den Arm und rief: »Wer bist du? Wie kannst du es wagen, unser Wasser zu nehmen!« Sandmönch legte den Eimer nieder, packte seinen kostbaren Stab und zerschmetterte dem Daoisten den linken Arm, dass er sich heulend aufrappelte und nach hinten floh. Nun ließ Sandmönch den Eimer langsam in den Brunnen hinab, schöpfte ihn randvoll und lief zum Ausgang, wo er in die Lüfte stieg und Pilger zurief: »Bruder, ich habe das Wasser, lass ihn laufen!« Als Pilger das hörte, drückte er das Zepter mit seiner Eisenstange nieder und sprach: »Hör zu, was ich alter Sun dir sage: Eigentlich wollte ich dich totschlagen. Doch im Grunde hast du ja kein Gesetz verletzt, darum will ich dich auch aus Achtung für Bruder Rinderdämon laufen lassen. Mein Ordensbruder hat das Wasser ja bereits geholt. Mach in Zukunft keinem mehr Schwierigkeiten, der Wasser holen will!« Doch dieser dämonische Unsterbliche hakte ohne jede Rücksicht ein weiteres Mal mit dem Ruyi-Zepter nach Pilgers Fesseln. Der konnte gerade noch ausweichen, tat einen Satz und stieß den Unsterblichen um. Dann packte er das Zepter, brach es entzwei, nahm die beiden Teile und brach sie noch mal, bis er die vier Stücke auf den Boden schmetterte und schrie: »Du Sündenvieh! Willst du dir noch Frechheiten erlauben?« Der Dämon zitterte und war sprachlos vor Schande. Der Große Heilige aber stieg laut lachend auf seiner Wolke empor. Dazu gibt es ein Gedicht: Um das Wahre Blei zu läutern, Ist Wahres Wasser von Belang; Wird das Wahre Wasser vermengt, Trocknet das Wahre Mercurium.298 Doch Mercurium und Blei Sind ohne Mutter-Energie;299 Seelearznei von Zinnobersand Ist das göttliche Elixier.300 So entstand umsonst ein Kindlein In der Embryo-Gestalt; Der Erdmutter Mühe Sei reichlich anerkannt. Abgetan die falsche Lehre, Folgen sie der rechten treu; Und der Fürst des Herzens findet Nun sein Lachen wieder neu. Der Große Heilige stieg auf einem glückverheißenden Lichtstrahl in die Lüfte und holte Sandmönch ein. Fröhlich schwebten sie dem Dorf entgegen. Dort sahen sie Bajie mit aufgeblähtem Bauch stöhnend am Türpfosten lehnen. Pilger trat zu ihm und fragte: »Wann ist die Niederkunft angesagt, Tölpel?« »Mach dich nicht lustig, Bruder!« rief dieser, »hast du jetzt Wasser?« Nun kam auch Sandmönch daher und rief: »Ja, das Wasser ist da!« Tripitaka neigte sich unter Schmerzen anerkennend vor und sprach: »Habt Dank für eure Mühen, meine Schüler!« Auch die alte Frau freute sich, und die ganze Familie kam heraus, sich vor ihnen zu verneigen. »Oh, werte Bodhisattvas! Das ist eine Seltenheit, eine wahre Seltenheit!« rühmten sie alle. Dann beeilte sich die Alte, eine schmuck glasierte Trinkschale zu holen, schöpfte sie halb voll und reichte sie Tripitaka mit den Worten: »Werter Meister, trinkt ganz langsam. Ein Schluck genügt, um die Leibesfrucht zu lösen.« »Ich brauche keine Trinkschale!« rief Bajie dazwischen, »ich leere gleich den ganzen Eimer.« »Erschreckt uns nicht, werter Herr!« erwiderte die alte Frau. »Damit würden sich all Eure Gedärme gleich mit auflösen.« Der bestürzte Tölpel traute sich keine weiteren Scherze zu machen und ließ es bei einer halben Schale bleiben. Es ging nicht länger als die Dauer einer Mahlzeit, da begann es in ihren Bäuchen zu gären, dass man die Gedärme gurgeln hörte. Schon konnte sich Bajie nicht mehr halten und ließ Kot und Urin freien Lauf. Auch der Priester wollte ein stilles Örtchen aufsuchen, um sich zu erleichtern. »Meister, geht ja an einen windstillen Ort, sonst ist es gefährlich! Wenn Ihr Euch jetzt dem Wind aussetzt, kriegt Ihr noch eine Wochenbettkrankheit.« Die Alte trug eilends zwei Nachttöpfe heran und hieß die beiden darauf sitzen. Im Nu hatten sich die beiden mehrmals hintereinander entleert, und bald ließen auch die Schmerzen nach. Anschließend ging auch die Blähung zurück, und Blutund Fleischklumpen lösten sich auf. Die Frauen setzten Reisbrei auf, damit sie sich stärken konnten. »Mütterchen«, meinte Bajie, »ich brauche nichts zur Stärkung. Macht mir lieber warmes Wasser, damit ich ein Bad nehmen kann, nachher esse ich den Reisbrei gern.« »Bruder, nach der Geburt kannst du doch nicht baden«, versetzte Sandmönch. »Im Wochenbett mit Wasser hantieren ist ungesund.« »Ich hab doch gar keine richtige Geburt gehabt«, wehrte sich Bajie, »höchstens so was wie eine Fehlgeburt. Da ist doch nichts zu befürchten!« Tatsächlich setzte die alte Frau nun Wasser auf, damit die beiden sich waschen konnten. Der Priester begnügte sich mit zwei Schalen Reisbrei, Bajie aber schlang mehr als zehn Schalen hinunter und verlangte immer noch mehr. »Du Taugenichts«, spaßte Pilger, »iss doch nicht so viel, sonst kriegst du noch einen Hängebauch, das würde dir schlecht stehen!« Die Frauen des Hauses gingen nun aufräumen und kochen. Die Alte aber wandte sich an Tripitaka und sagte: »Werter Meister, schenkt mir doch das übrige Wasser.« Pilger bedeutete ihr, es zu nehmen. Sie bedankte sich und schöpfte alles in einen irdenen Topf, den sie hinter dem Haus vergrub. Dann sagte sie zu Jung und Alt des Hauses: »Dieser Topf Wasser wird das Geld für meinen Sarg aufwiegen!« Dann wurden vegetarische Gerichte aufgetischt, Tripitaka und seine Schüler sättigten sich und ruhten anschließend eine Nacht im Hause. Tags darauf in aller Frühe bedankten sich Meister und Schüler bei dem Mütterchen, verließen den Weiler und beschritten wieder den Weg nach Westen. So war es in der Tat: Gereinigt ist das Mund-Karma, Der Körper wieder rein; Aufgelöst die irdische Frucht, Der Leib ist wieder frei! Und da wir nicht wissen, wohin ihr Weg sie führen sollte, lasst uns hören, was das nächste Kapitel erzählt. 第054回 / 54. Kapitel Im Westen kommt das Wahre Wesen ins Frauenland / Der Herzaffe weiß dem Liebreiz zu entkommen Wie berichtet wurde, hatten sich Meister und Schüler von den Leuten im Dorf verabschiedet und reisten nun weiter gegen Westen, wo sich in einer Entfernung von dreißig bis vierzig Meilen die Hauptstadt des Landes Xiliang befand. »Wukong«, rief Tripitaka hoch zu Ross und wies nach vorn, »wir nähern uns einer umwallten Stadt. Sicher ist dies das Frauenreich Xiliang. Nehmt Euch in Acht! Ihr dürft Euch keinesfalls gehenlassen.« Die drei Schüler versprachen, sich an die Worte des Meisters zu halten. Sie hatten noch nicht ausgesprochen, als sie bereits auf die Straße zum Stadttor gelangten. Hier trugen alle Menschen lange Röcke und kurze Blusen, ihre Gesichter waren geschminkt und gepudert, die Haare geölt, und alle, ob alt oder jung, waren ausnahmslos weiblichen Geschlechts. Als die Frauen, die auf der Straße Handel trieben, die vier Ankömmlinge erblickten, klatschten sie in die Hände, lachten fröhlich, machten sich hübsch und riefen: »Menschensamen sind da, Menschensamen!« In kürzester Zeit füllte sich die ganze Straße, und ringsum hörte man nichts als freudiges Gelächter. Tripitaka kam mit seinem Pferd nicht mehr weiter. »Ich bin ein Zuchteber!« schrie Bajie in die Menge, »ich bin ein Zuchteber!« »Mach keine Faxen, du Tölpel!« wies ihn Pilger zurecht, »zeig lieber mal deine alte Fratze, das reicht.« Da warf Bajie tatsächlich den Kopf zweimal hoch, stellte seine Fächerohren auf, schwenkte seine hervorstehende Schweineschnauze hin und her und gab ein lautes Grunzen von sich, so dass die Frauen Hals über Kopf das Weite suchten. Dazu gibt es ein Gedicht: Auf dem Weg zu Buddha kommt Der heilige Mönch ins Frauenland, Das Land ist reich an reinem Yin, Doch mangelt es hier sehr an Yang. Hier sind Arbeiter wie Bauern, Gelehrte und Händler lauter Frauen; Damen fischen, holzen und hüten, In Putz gar jene, die Felder bebauen. Bezaubernde Dirnen rufen am Weg: Menschensamen sind da, oh, seht! Junge Damen strömen herbei, Zu schauen, wer der Geliebte sei. Wer hat wohl in fernen Weiten Heut oder in alten Zeiten Schon solch einen sonderbaren Ort wie diesen je befahren? Wie der Priester mit seinen Schülern weiter vorwärtsging, sahen sie gepflegte Häuser an der Marktstraße, in deren schmucken Geschäften genau wie anderswo Reis, Salz, Wein und Tee feilgeboten wurde. Nachdem sie sich eine Zeitlang ihren Weg durch verwinkelte Gassen gebahnt hatten, erblickten sie auf einmal eine Beamtin, die am Straßenrand stand und ihnen mit lauter Stimme zurief: »Weitgereiste Gesandte! Es ist nicht erlaubt, unangemeldet in die Stadt zu dringen. Bitte begebt euch in die Poststation und tragt euch dort ins Register ein. Sobald der Eintrag am Hofe geprüft worden ist, könnt ihr weiterreisen.« Auf diese Worte stieg Tripitaka vom Pferd und gewahrte nun über dem Eingang des Amtshauses eine Tafel, auf der in drei Schriftzeichen geschrieben stand: » 迎陽驛 – Poststation zum Yang-Empfang«. »Wukong«, wandte er sich an Pilger, »es stimmt, was uns die Leute vom Weiler erzählt haben; hier gibt es tatsächlich eine Station zum Yang-Empfang.« Sandmönch lachte: »Na, zweiter Bruder, geh doch zum Embryospiegel und schau, ob du dich doppelt siehst!« »Unsinn«, versetzte Bajie unwirsch, »ich hab doch schon abgetrieben, wozu soll ich mich noch spiegeln?« Tripitaka mahnte die beiden zur Achtsamkeit, dann trat er auf die Beamtin zu und grüßte mit einer höflichen Verneigung. Die Frau geleitete sie in die Poststation, hieß sie Platz nehmen und ließ Tee auftragen. Nun sah man, dass auch ihre Untergebenen ausnahmslos Frauen waren, von Kopf bis Fuß in weiblicher Ausstattung. Seht nur, wie gar jene, die den Tee einschenken, kichern! Als man den Tee getrunken hatte, fragte die Beamtin: »Woher kommen die werten Gesandten?« Pilger antwortete: »Wir Mönche pilgern auf Geheiß des Kaisers von China im fernen Osten zu Buddha in den Westhimmel, um Heilige Schriften zu holen. Mein Meister ist mit dem Kaiser verbrüdert und heißt Tripitaka. Wir drei sind seine Schüler, das Pferd dazugezählt, sind wir zu fünft unterwegs. Wir haben einen Reisepass dabei und bitten Euch, ihn zu begutachten, damit wir weiterreisen können.« Nachdem die Beamtin das Gesagte mit einem Pinsel niedergeschrieben hatte, trat sie hinter dem erhöhten Pult hervor, vollzog einen Stirnaufschlag und sprach: »Werter Herr, verzeiht meine Nachlässigkeit. Ich geringe Beamtin bin nur die Vorsteherin der Station zum Yang-Empfang und wusste nicht, dass die werten Herren aus dem großen Kaiserreich stammen. Entschuldigt, dass ich euch nicht gebührend empfangen habe!« Dann stand sie auf, befahl einer Gehilfin, für Essen und Trinken zu sorgen, und sprach zu Tripitaka: »Ich werde euren Besuch nun bei der Königin melden. Dann könnt ihr euren Reisepass abstempeln lassen, und wir werden euch mit Proviant versorgen und euch auf den Weg nach Westen geleiten.« Die Stationsvorsteherin brachte Gewand und Kopfputz in Ordnung und begab sich vor die Tore des Königshofes, wo sie der Palastwache meldete: »Die Stationsvorsteherin bittet die Königin wegen einer Angelegenheit zu sprechen.« Umgehend brachte die Wächterin die Meldung vor den Thron, worauf die Königin sie vorlud und nach dem Grund ihres Kommens fragte. »Ich geringe Stationsbeamtin habe eben einen gewissen Priester Tripitaka aus dem Osten in Empfang genommen, der mit dem Kaiser von China verbrüdert ist. Er ist mit drei Schülern und einem Pferd zu fünft unterwegs, und sie wollen zu Buddha im Westhimmel, um Heilige Schriften zu holen. Darum möchte ich erlauchte Majestät anfragen, ob es genehm wäre, deren Pass abzustempeln und sie weiterziehen zu lassen?« Da wandte sich die Königin erfreut an ihre zivilen und militärischen Beamtinnen und sprach: »Vergangene Nacht erschien mir im Traum ein goldener Paravent, der in allen Farben schillerte, und ein jadener Spiegel, aus dem Licht strahlte. Sicher waren dies Omen des frohen Ereignisses.« Da neigten sich ihre Hofbeamtinnen vor der zinnoberroten Throntreppe und fragten: »Was meinen erlauchte Majestät mit dem frohen Ereignis?« Da antwortete die Königin: »Dieser Mann aus dem Osten ist mit dem Kaiser verbrüdert. In unser Reich aber ist seit dem Ursprung der Welt über alle Dynastien hinweg noch nie ein Mann gekommen. Das Glück, dass wir heute einen Verbrüderten des Kaisers von China hier empfangen dürfen, ist uns gewiss vom Himmel geschenkt. Darum will ich diesem kaiserlich Verbrüderten alle Schätze unseres Landes vermachen, ihn als König hierbehalten und ihm willig als Königin folgen. Dann können wir Yin und Yang vereinen, Kinder und Kindeskinder bekommen, und unser Königreich wird ewiglich Bestand haben. Ist das nicht ein frohes Ereignis?« Mit anmutigen Verbeugungen gaben die Hofbeamtinnen ihrer Zustimmung Ausdruck, und alle waren überglücklich. Da meldete sich die Stationsvorsteherin aufs Neue und sprach: »Eurer Majestät Ansinnen ist gut; dieser Plan wird über Tausende von Generationen Bestand haben. Zu bedenken wäre allein, dass dieser kaiserlich Verbrüderte drei grimmige Schüler hat, die äußerst garstig anzuschauen sind.« »Wie sehen sie denn aus?« wollte die Königin wissen. »Der kaiserlich Verbrüderte selbst hat ein ebenmäßiges Antlitz; er ist von stattlichem Wuchs und charmantem Auftreten, wirklich wie ein Mann aus einem Kaiserreich, eine wahre Persönlichkeit aus dem fernen China vom Kontinent Jambudvipa. Seine Schüler jedoch sehen so fürchterlich aus, als wären es Ungeheuer oder Dämonen.« »Dann behalten wir einfach den kaiserlich Verbrüderten hier; seinen Schülern geben wir Proviant für die Weiterreise, stempeln ihren Reisepass ab und lassen sie gen Westen ziehen. Das sollte doch machbar sein?« meinte die Königin. Die Hofbeamtinnen verneigten sich und sprachen: »Höchst angemessen ist die Rede erlauchter Majestät! Eure Untertaninnen folgen Eurem Geheiß! Nur kann ja nun mal keine Vermählung ohne Vermittlerin geschlossen werden, denn so heißt es doch seit alters her: ›Mit dem roten Blatt wird einer Ehe recht getan; mit dem roten Band verknüpft der Mondherr Frau und Mann.‹«303 Da erwiderte die Königin: »Schicken wir doch die Präzeptorin als Vermittlerin und die Stationsvorsteherin als Leiterin der Hochzeitsfeier vorab in die Station, um dem kaiserlich Verbrüderten den Heiratsantrag darzubringen. Sobald er sein Einverständnis gegeben hat, werden wir eine Eskorte schicken und ihn vor dem Stadttor in Empfang nehmen.« Die Präzeptorin und die Vorsteherin versprachen zu tun wie geheißen und verließen den Palast. Doch berichten wir nun von Tripitaka, der gerade mit seinen Schülern eine Mahlzeit genoss, als sie draußen jemanden rufen hörten: »Die Palastpräzeptorin und unsere Vorsteherin sind da!« »Die Präzeptorin, was hat dies wohl zu bedeuten?« fragte Tripitaka. »Wahrscheinlich werden wir bei der Königin vorgeladen«, mutmaßte Bajie. »Nicht vorgeladen«, warf Pilger ein, »zur Hochzeit geladen!« »Wukong«, ängstigte sich Tripitaka, »was tun wir bloß, wenn sie uns zur Heirat zwingen wollen?« »Ach Meister, willigt doch einfach ein, ich alter Sun werde schon meine Mittel haben.« Sie hatten kaum zu Ende gesprochen, als die beiden Staatsdienerinnen schon herantraten und sich vor dem Priester verneigten. Dieser erwiderte ihre Begrüßungsgeste und sprach: »Wie habe ich geringer Mönch als einfacher Jünger Buddhas die Verneigung der hohen Damen verdient?« Als die Präzeptorin Tripitakas edles Antlitz erblickte, dachte sie erfreut: »Welch ein Glück für unser Land! Ein solcher Mann passt wahrhaftig als Gemahl unserer Königin.« Nachdem sie sich erhoben und zu beiden Seiten aufgestellt hatten, sprachen die Staatsdienerinnen: »Verehrter Verbrüderter des Kaisers! Wir dürfen Euch eine überaus frohe Botschaft überbringen!« »Wie kann mir Jünger Buddhas solch frohe Botschaft zukommen?« Die Präzeptorin verneigte sich und sprach: »In unser entlegenes Reich Xiliang ist noch niemals ein Mann gekommen. Da nun Ihr, werter kaiserlich Verbrüderter, Euch zu uns herniedergelassen habt, darf ich Euch heute den Heiratsantrag unserer Königin überbringen!« »Gütiger Himmel!« stieß Tripitaka hervor, »ich geringer Mönch habe nur drei Schüler in Eure werten Lande mitgebracht, nun weiß ich nicht, welchem von ihnen die hohen Damen diesen Heiratsantrag bringen?« »Geringe Beamtin hat Euch eben vor dem Throne angemeldet, und da war unsere Königin hocherfreut«, erklärte die Vorsteherin. »Sie sagte, in der Nacht sei ihr ein glückverheißender Traum erschienen, von einem goldenen Paravent, der in allen Farben schillerte, und einem jadenen Spiegel, aus dem Licht erstrahlte. Als sie dann vernehmen durfte, dass Ihr, kaiserlich Verbrüderter, aus dem großen chinesischen Kaiserreich stammt, hat sich unsere Königin entschieden, Euch den Reichtum unseres ganzen Landes anzubieten und Euch, werter Verbrüderter des chinesischen Kaisers, zum Gemahl zu nehmen, auf dass Ihr mit Blick gen Süden als König walten und unsere Königin Euch als Gemahlin zur Seite stehen möge. Sie hat die Präzeptorin zur Ehevermittlerin und mich geringe Beamtin zur Leiterin der Hochzeitsfeierlichkeiten ernannt. Aus diesem Grunde sind wir gekommen, Euch diesen Heiratsantrag zu unterbreiten.« Als Tripitaka dies vernommen hatte, starrte er sprachlos zu Boden. »Ein rechter Mann sollte eine gute Gelegenheit nicht ungenutzt vergehen lassen«, doppelte die Präzeptorin nach. »Dass ein Mann gebeten wird, ins Haus der Braut zu ziehen, mag bisweilen vorkommen, doch dass dafür der gesamte Reichtum eines Landes geboten wird, ist einmalig auf dieser Welt. Wir bitten Euch, Verbrüderter des Kaisers, gebt so bald als möglich Euer Einverständnis, damit wir es der Königin mitteilen können.« Dem Priester aber hatte es die Sprache verschlagen. Stattdessen reckte nun Bajie seine Schnauze wie einen Stößel vor und rief: »Präzeptorin, geht und meldet der Königin, dass mein Meister ein Arhat ist und sich lange Zeit in der Vervollkommnung geübt hat. Er hält nichts vom Reichtum Eures Landes, und für Frauen hat er nichts übrig, egal wie entzückend sie sind. Am besten setzt Ihr ihm gleich den Stempel in den Reisepass und lasst ihn in den Westen ziehen, dann könnt Ihr ja mich als Bräutigam hierbehalten, oder?« Der Präzeptorin war so fassungslos, dass sie gar keine Antwort zu geben wagte. Schließlich sprach die Stationsvorsteherin: »Zwar habt auch Ihr den Körper eines Mannes, doch seid Ihr einfach zu unansehnlich, das würde unserer Königin missfallen.« Bajie lachte und meinte: »Ihr seid einfach zu festgefahren. So heißt es doch im Volksmund: Dicke Zweige werden zur Worfel, dünne zum Weidenkorb – Hässlichkeit ist doch beim Manne kein Grund zum Anstoß!« »Tölpel, lass den Quatsch!« versetzte Pilger, »der Meister soll selbst entscheiden. Wenn er will, dann soll es gelten, wenn nicht, dann eben nicht. Halten wir uns nicht länger auf.« »Wukong«, wandte sich Tripitaka an Pilger, »was sollte ich deiner Meinung nach tun?« »Nun, von mir aus gesehen ist es ganz in Ordnung, wenn Ihr hierbleibt. So heißt es doch seit alten Zeiten: ›Heirat über tausend Meilen hängt an unsichtbaren Banden.‹ Wo wollt Ihr etwas Passenderes finden als das?« »Aber mein Schüler«, wandte Tripitaka ein, »wer soll denn in den Westen gehen und die Heiligen Schriften holen, wenn wir hier der Versuchung des Reichtums verfallen? So werden wir unseren Kaiser in China um seine hohen Erwartungen enttäuschen!« »Verehrter Verbrüderter des Kaisers«, sprach die Präzeptorin, »der Antrag unserer Königin betrifft nur Euch allein. Eure Schüler werden nach dem Verlobungsbankett mit Proviant versorgt, ihr Reisepass wird abgestempelt werden, und so können sie für Euch im Westen die Heiligen Schriften besorgen!« »Ihr habt recht, Präzeptorin«, meinte Pilger nun, »wir drei brauchen Euch nicht zur Last zu fallen. Unseren Meister lassen wir Euch gerne als Gemahl der Königin hier. Macht uns so bald als möglich den Stempel in unsren Pass und lasst uns gen Westen ziehen. Wenn wir dann mit den Schriften zurückkehren, werden wir das Königspaar besuchen und die nötigen Reisespesen für die Rückkehr nach China erbitten.« Da verneigten sich die Präzeptorin und die Stationsvorsteherin vor Pilger und sprachen: »Dank sei Euch, werter Meister, für Euer Mitwirken zum Erfolg!« »Aber Präzeptorin«, warf Bajie ein, »das Bankett bitte nicht nur mündlich! Wenn wir schon einverstanden sind, dann lasst Eure Königin gleich jetzt die Tafel herrichten und mit uns einen Kelch erstklassigen Weines genießen!« »Ja, gewiss, das wird gemacht«, beeilte sich die Präzeptorin zu antworten, »wir lassen sogleich ein Bankett zubereiten.« Wie die Präzeptorin nun mit der Vorsteherin freudestrahlend zur Königin ging, sei hier nicht weiter ausgeführt. Erzählen wir stattdessen vom Priester, der Pilger jetzt mit einem Griff packte und schimpfte: »Du Affenschädel! Willst du mich eigentlich umbringen! Wie kannst du mich hier heiraten lassen, während ihr zu Buddha geht? Eher sterbe ich, als so etwas zu tun!« »Meister, beruhigt Euch«, beschwichtigte ihn Pilger, »ich alter Sun weiß doch, wie Euer Sinn steht! Allein, da wir nun mal hier sind und mit diesen Menschen zu tun haben, müssen wir uns vorerst fügen.« »Was heißt hier fügen?« fuhr Tripitaka auf. Pilger erklärte: »Wenn wir uns jetzt offen zur Wehr setzen, werden sie uns den Reisepass nicht abstempeln und uns nicht weiterziehen lassen. Und falls die Ablehnung gar den Zorn der Königin erregen sollte, könnte sie die Menge versammeln, um wirklich aus Eurem Fleisch Duftsäckchen oder sonst was zu machen. Ihr glaubt doch nicht, wir würden das durchgehen lassen? Natürlich würden wir gegen die Leute kämpfen. Doch Ihr wisst ja, dass wir hart zugreifen und schwere Waffen benutzen, und hier haben wir es ja nicht mit Dämonen und Ungeheuern zu tun, sondern mit Menschen. Gerade Ihr, der Ihr stets barmherzig sein und keiner Seele etwas zuleide tun wollt, wie könntet Ihr es ertragen, wenn wir auf einmal zahllose Menschen töten?« »Deine Worte zeugen von sehr guter Absicht, Wukong«, meinte Tripitaka nun. »Allein, was soll ich tun, wenn die Königin mich in ihre Brautkammer führt und mit mir den ehelichen Ritus vollziehen will? Wie könnte ich als Jünger Buddhas je meine Tugend ablegen und meinen Leib der Erdenwelt verfallen lassen?« »Nun habt Ihr ja zur Heirat eingewilligt«, meinte Pilger, »also wird Euch die Königin gewiss mit ihrer Kutsche vor dem Stadttor abholen. Wehrt Euch nicht, sondern setzt Euch einfach ins königliche Gefährt und anschließend mit Blick gen Süden auf den Thron. Dann aber sollt Ihr die Königin bitten, das Palastsiegel zu holen, uns drei Ordensbrüder mit dem Pass antreten zu lassen und den Siegelstempel aufzudrücken. Gleichzeitig können sie dann das Bankett zubereiten, während wir die Königin beglückwünschen und so tun, als würden wir von Euch Abschied nehmen. Wenn dann nach dem Bankett wieder die Kutsche bereitgestellt wird, sagt Ihr einfach, Ihr möchtet uns noch zum Abschied aus der Stadt hinausbegleiten und würdet Euch anschließend mit der Königin vereinigen. So werden sich die Königin und der ganze Hofstaat im Glück wähnen, und keiner wird daran denken, Euch irgendwie zu hindern. Sobald Ihr aber außerhalb der Stadt seid, steigt Ihr aus der Kutsche aus, und während Sandmönch Euch in den Sattel hilft, werde ich alter Sun einen Bannzauber ausführen, mit dem die Königin und ihr Gefolge an Ort und Stelle festgebannt werden. So reisen wir einfach weiter gen Westen, und wenn wir dann einen Tag und eine Nacht gewandert sind, spreche ich die Formel zur Auflösung des Zaubers, so dass die Königin und ihr Gefolge aus der Erstarrung erwachen und in die Stadt zurückkehren können. Auf diese Weise kommt erstens niemand zu Schaden, und zweitens bleibt Euer Ursprungsgeist unversehrt. Das nennt sich die Strategie, mit falscher Heirat dem Netz zu entkommen. So ist doch allen geholfen, oder?« Tripitaka fühlte sich, als würde er aus einem Rausch erwachen, ja als wäre ein böser Traum zu Ende. Er dankte Pilger in einem fort und sprach: »Oh, wie dankbar bin ich um deinen klugen Plan, mein werter Schüler!« Wie sich die vier nun einhellig absprachen, sei hier nicht weiter ausgeführt. Lasst uns stattdessen berichten, wie die Präzeptorin zusammen mit der Stationsvorsteherin in den Palast zurückkehrte und der Königin meldete: »Der Traum Eurer Majestät hat sich bewahrheitet, die Freuden der Liebe werden sich erfüllen!« Ein frohes Lächeln erhellte das Gesicht der Königin, und sie erkundigte sich: »Was hat denn der kaiserlich Verbrüderte gesagt?« »Nachdem wir uns in der Station vor ihm verneigt und die Angelegenheit dargelegt hatten, hegte der kaiserlich Verbrüderte anfangs noch Bedenken, doch zum Glück war sein ältester Schüler sehr offen und zeigte sich einverstanden, seinen Meister erlauchter Majestät als Gemahl hierzulassen. Er hat nur gebeten, erst ihren Reisepass abzustempeln, damit die Schüler westwärts ziehen könnten, und er sagte, wenn sie auf dem Rückweg mit den Schriften wieder hier vorbeikämen, würden sie beim Königspaar vorsprechen und um Unterhalt für ihre Rückkehr nach China bitten.« »Und was hat der kaiserlich Verbrüderte sonst noch gesagt?« fragte die Königin lächelnd. »Er selbst hat nicht gesprochen«, antwortete die Präzeptorin, »doch willigte er ein. Sein zweiter Schüler allerdings hat verlangt, dass wir zuvor noch ein Bankett mit erstklassigem Wein veranstalten.« Umgehend schickte die Königin der Hofküche den Befehl, ein Festmahl zuzubereiten. Gleichzeitig ließ sie die Kutsche bereitstellen, um den Bräutigam vor dem Stadttor abzuholen. Dienstfertig führten ihre Hofbeamtinnen die Befehle aus, ließen die Palasthalle auskehren und die Festtafel aufstellen. In der Hofküche wurden in Windeseile die Speisen zubereitet, während die Verantwortlichen der Equipage umgehend die Kutsche bereitstellen ließen. Und seht, obschon in Xiliang Frauen am Werk waren, stand die Pracht der königlichen Kutsche derjenigen im chinesischen Kaiserreich um nichts nach! So war es in der Tat: Sechs Drachen, Farben speiend, Führen die Kutsche heran; Zwei Phönixe, Glück verheißend, Besteigen das schöne Gespann.304 Silberhelles Klingeln Schallt durch den ganzen Hof, Wunderschöne Schleier Wehen zum Himmel hoch. Scharen von Amtsträgerinnen Mit jadnen Fisch-Emblemen Und reichgeschmückten Haaren Geordnet in Reihen stehen. Hier trank nie zuvor ein Paar Gemeinsam Hochzeitswein; Doch heute geht die Königin Den Bund der Ehe ein! Es dauerte nicht lange, da fuhr die königliche Equipage aus dem Stadttor und hielt bald vor der Station zum Yang- Empfang. Unverzüglich begab sich die Vorsteherin zu Tripitaka und meldete: »Die Königin ist da!« Tripitaka und seine Schüler strichen ihre Gewänder zurecht und traten zur Begrüßung hinaus. Da rollte die Königin den Vorhang hoch, stieg aus und fragte: »Wer ist der Verbrüderte des Kaisers von China?« Die Präzeptorin deutete auf Tripitaka und sprach: »Derjenige in der bestickten Robe, der vor dem Altartisch steht.« Mit Phönixaugen blickte die Königin zu ihm hin, hob ihre zarten Brauen und ließ den Blick auf Tripitaka ruhen. Wahrhaftig, er war von ausgezeichneter Gestalt. Je länger sie ihn betrachtete, desto mehr war sie ihm zugetan. Unversehens regte sich ihre Lust, bis sie mit betörten Sinnen ihre kirschenroten Lippen leicht öffnete und hauchte: »Kaiserlicher Bruder aus China, was zögert Ihr, Euren Phönix zu reiten?« Tripitaka, dem von diesen Worten die Schamröte ins Gesicht stieg, blieb verdattert stehen und wagte den Blick nicht mehr anzuheben. Bajie hingegen, der neben ihm stand, reckte die Schnauze hoch und heftete seinen Blick auf die Königin. Sie war in der Tat von außerordentlicher Schönheit, als käme hier Chang’e, die Osmanthus-Fee, Vom Mondpalast ins Erdenreich; Oder gar die Königinmutter Der Pfirsiche vom Jaspisteich! Während der Tölpel die entzückende Erscheinung anstarrte, lief ihm das Wasser im Mund zusammen, und sein Herz pochte wie wild. Einen Moment lang war ihm weich in den Knien, dass er schmachtete wie ein Schneelöwe am Feuer. Nun trat die Königin auf Tripitaka zu, legte ihm den Arm um die Schultern und säuselte: »Verehrter Bruder, steige nur ein und fahre mit mir zur Audienzhalle, damit wir uns vermählen können!« Der Priester zitterte und bebte, dass er sich kaum mehr aufrecht halten konnte; er war wie im Rausch. Pilger rief ihm zu: »Meister, seid nicht allzu bescheiden! Steigt einfach mit der Dame ein und seht zu, dass unser Reisepass so bald wie möglich abgestempelt wird, damit wir die Heiligen Schriften holen können.« Da blieb Tripitaka nichts anderes übrig, als mit erzwungenem Lächeln voranzuschreiten, bis er schließlich Hand in Hand mit der Königin das mit Drachen geschmückte Königsgefährt bestieg. Als alle zivilen und militärischen Beamtinnen sahen, wie ihre Königin die Kutsche bestieg und mit Tripitaka Schulter an Schulter Platz nahm, erhellten sich ihre Gesichter mit freudigem Lächeln. Schließlich machte die ganze Gefolgschaft mit Bannern und Flaggen rechtsum kehrt und begab sich in die Stadt zurück. Der Große Heilige aber hieß Sandmönch die Bündel aufbuckeln und das Pferd am Halfter führen; so folgten sie der königlichen Eskorte. Bajie aber rannte wie verrückt nach vorn und kam als Erster beim Palasttor an, wo er schrie: »Wie romantisch! Wie unverblümt! Das ist doch unmöglich, das kann doch nicht wahr sein, erst muss der Hochzeitswein her, bevor der Bräutigam reinkommt!« Die Frauen der Eskorte waren so erschrocken, dass sie sich nicht weiter vorwärts trauten. Sie eilten zur Kutsche und meldeten der Königin: »Majestät, derjenige mit der langen Schnauze und den großen Ohren schreit vor dem Palasttor nach Hochzeitswein!« Da lehnte sich die Königin an Tripitaka, schmiegte ihre zarte Wange an die seine und flüsterte: »Verehrter Bruder, welcher deiner Schüler ist dieser Langschnäuzige mit den großen Ohren?« »Der zweite«, antwortete Tripitaka. »Er hat von Natur aus einen sehr großen Appetit und liebt nahrhafte Speisen. Wir sollten ihm Wein und ein paar Gerichte auftischen, bevor wir die Ehe vollziehen.« Sofort erkundigte sich die Königin: »Ist die Hofküche mit dem Bankett schon fertig?« »Alles steht im Ostflügel bereit«, antwortete die zuständige Beamtin, »getrennt in fleischhaltige und vegetarische Kost.« »Weshalb getrennt?« fragte die Königin. »Eure Untertanen befürchten, dass der kaiserlich Verbrüderte aus China und seine Schüler fleischlose Kost gewohnt sind. Darum haben wir die Tafel in zweierlei Gerichte aufgeteilt.« Da wandte sich die Königin mit bezauberndem Lächeln an Tripitaka und fragte: »Isst du vegetarisch, mein Lieber?« »Ich einfacher Mönch nehme ausschließlich Klosterkost zu mir; meine Schüler allerdings trinken mitunter etwas Wein dazu.« Kaum hatte er zu Ende gesprochen, kam die Präzeptorin und meldete: »Das Brautpaar möge sich im Ostflügel an die Festtafel setzen. Heute stehen die Sterne äußerst günstig zur Vermählung mit dem verehrten Verbrüderten des Kaisers. Morgen aber ist ein Glückstag des Himmels, dann mag der kaiserlich Verbrüderte den Thron besteigen und eine neue Ära begründen.« Freudestrahlend stieg die Königin, eng an Tripitaka geschmiegt, aus dem Königswagen und trat mit ihm Hand in Hand in den Palast. Im Winde wehen holde Klänge Von den hohen Türmen nieder; Durchs Palasttor fährt die Kutsche, Geschmückt mit Eisvogelgefieder. Türme und Paläste rings aufragen, Nicht minder als in Chinas Kaiserreich, Den hehren Jadehallen alter Zeiten Und gar dem Goldpferd-Tore gleich!305 Als sie beim Ostflügel ankamen, sahen sie Ein Orchester mit Gesang Zur Mundorgel vollem Ton; Rote Wangen in zwei Reihen, Alle so bezaubernd schön! In der Mitte der Haupthalle standen zwei reichgedeckte Tische bereit, beim Ehrenplatz linker Hand waren vegetarische Gerichte angerichtet, beim Ehrenplatz rechter Hand allerlei fleischhaltige Speisen. In den Reihen zu beiden Seiten waren nur Einzeltische. Nun zupfte die Königin den Ärmel ihres Gewandes zurück und erhob mit ihren zarten Fingern eine jadene Trinkschale, um das Bankett zu eröffnen. Doch da trat Pilger heran und sagte: »Wir essen alle vier vegetarisch. Bitte lasst erst unseren Meister linker Hand am vegetarischen Tisch Platz nehmen, wir Schüler können dann drei Plätze in der linken Seitenreihe einnehmen.« »Ja, so ist es recht«, sprach die Präzeptorin, »Meister und Schüler stehen zueinander wie Vater und Sohn, daher ziemt es sich nicht, dass sie Schulter an Schulter nebeneinander sitzen.« Eilends rückten die Palastdienerinnen die Tische um. Nun trank die Königin einem nach dem anderen zu und eröffnete damit das Bankett. Pilger bedeutete dem Priester mit einem Blick, das Zutrinken zu erwidern. Da stieg auch Tripitaka von seinem Sitz, erhob die Jadeschale und trank der Königin zu. Nachdem der gesamte zivile und militärische Beamtenstab einen Dankeskotau vollzogen hatte, nahmen alle ihren Rängen gemäß die Plätze zu beiden Seiten ein, worauf die Musik verstummte und das Bankett begann. Bajie langte wieder einmal ohne jegliche Rücksicht zu und hatte bald alles, was auf seinem Tisch stand, aufgefressen. Hinterher leerte er sechs oder sieben Schalen Wein und brummte schließlich: »Bringt einen rechten Krug her! Leeren wir noch ein paar Krüge, dann soll sich jeder an die Arbeit machen. Wir wollen doch nicht überm Saufen die Zeit versäumen. Macht den Reisepass bereit.« In der Tat: Es steigt der Feldherr nicht vom Sattel, Jeder prescht nach seinem Ziele vor. Auf Bajies Worte erteilte die Königin sogleich der neben ihr stehenden Palastdame den Befehl, alle Weinkelche mit dem edelsteinklaren Trunk zu füllen, und so trank man noch eine Runde. Anschließend erhob sich Tripitaka mit einer leichten Verneigung, wandte sich mit gefalteten Händen an die Königin und sprach: »Majestät! Dank sei Euch für die reiche Tafel; des Weines sei nun genug. Bitte begebt Euch auf den Thron und stempelt den Reisepass ab, damit meine Schüler rechtzeitig die Stadt verlassen können.« Seiner Bitte folgend nahm die Königin den Priester bei der Hand, erklärte die Tafel für beendet und begab sich in die Audienzhalle, wo sie dem Priester den Thron anbot. »Nein, nein, das geht nicht!« wehrte Tripitaka ab, »eben hat doch die Präzeptorin gesagt, dass morgen ein Glückstag des Himmels sei; erst dann wage ich geringer Mönch den Thronsitz einzunehmen. Heute sei vorerst nur der Pass abgestempelt, damit wir meine Schüler verabschieden können.« Die Königin zeigte sich einverstanden, setzte sich wieder selbst auf den Drachenthron, ließ aber zu ihrer Linken einen goldenen Klappstuhl aufstellen, den sie Tripitaka anbot. Dann befahl sie, den Reisepass vorzuweisen. Der Große Heilige brachte das Dokument mit beiden Händen dar, und die Königin besah es eingehend. Der Pass war mit neun Siegelabdrücken des Kaisers von China versehen, weiter unten folgten die Siegel vom Königreich Baoxiang, von Schwarzhahnland und vom Land der Trägen Wagen. Nachdem die Königin alles durchgelesen hatte, fragte sie mit lieblichem Lächeln: »Du heißt also auch noch Chen mit Nachnamen, kaiserlicher Bruder?« »Ja, von weltlichem Hause aus heiße ich Chen«, antwortete Tripitaka, »doch da unser Kaiser der Dynastie der Tang angehört, hat er mir zur Verbrüderung den Nachnamen Tang erteilt.«306 »Wie kommt es denn, dass im Reisepass die Namen deiner Schüler nicht vermerkt sind?« wollte die Königin wissen. »Die drei Schüler stammen nicht aus dem chinesischen Kaiserreich«, erklärte Tripitaka. »Ich habe sie unterwegs aufgenommen, darum sind sie nicht eingetragen.« »Dann will ich ihre Ordensnamen anfügen, geht das?« »Wie es Eurer Majestät beliebt«, sprach Tripitaka. Die Königin griff nach Pinsel und Tuschestein, erkundigte sich nach den Namen und setzte schließlich unter den Text der Urkunde die Namen Sun Wukong, Zhu Wuneng und Sha Wujing. Anschließend nahm sie das königliche Siegel zur Hand, drückte sorgsam den roten Stempel auf und fügte zuletzt ihre Unterschrift dazu. Dann ließ sie den Pass aushändigen, der Große Heilige nahm ihn in Empfang und hieß Sandmönch, ihn im Gepäck zu verwahren. Schließlich ließ die Königin eine Platte voller Bruchgold und Bruchsilber bringen und sprach zu Pilger: »Das soll euch vorerst die Reisekosten decken, damit ihr bald in den Westen gelangt. Wenn ihr dann mit den Schriften auf dem Rückweg seid, werden wir euch noch einen besonderen Dankeslohn überreichen.« Pilger aber sprach: »Wir Mönche nehmen kein Geld an, unterwegs werden sich schon Orte finden, wo wir Almosen erhalten.« Da ließ die Königin zehn Ballen Brokatseide bringen und sprach zu Pilger: »Da ihr so rasch aufbrechen müsst, bleibt keine Zeit, euch etwas schneidern zu lassen; nehmt darum diese Seidenstoffe, damit ihr unterwegs etwas gegen die Kälte machen lassen könnt.« Doch Pilger entgegnete: »Wir Mönche tragen keine Seidengewänder; alles, was wir an Kleidern brauchen, haben wir dabei.« Wie die Königin sah, dass er nichts annahm, ließ sie drei Maß Palastreis abfüllen, damit sie unterwegs etwas hätten, den Hunger zu stillen. Bajie nahm den Reis, verstaute ihn im Gepäck und dankte mit gefalteten Händen. Da sprach Tripitaka: »Darf ich Eure Majestät bemühen, mit geringem Mönch die drei Schüler zum Abschied aus der Stadt zu begleiten? Sobald ich ihnen die letzten Unterweisungen gegeben habe, werde ich mit Eurer Majestät zurückkehren und ewiglich Pracht und Reichtum genießen. Dann können wir uns jeder Bürde ledig wie ein Phönixpaar vereinen.« Nicht ahnend, dass es sich um eine Strategie handelte, willigte die Königin ein und ließ die Kutsche zur Ausfahrt bereitstellen. An Tripitaka geschmiegt, bestieg sie die königliche Karosse, und so fuhren sie gemeinsam dem westlichen Stadttor entgegen. In der Stadt säumten die Leute mit Weihwasser und Räucherwerk die Straßen, zum einen, um die Königin vorbeifahren zu sehen, aber auch, um einen Blick auf den männlichen Leib des kaiserlich Verbrüderten zu erhaschen. Alle, ob Jung oder Alt, waren geschminkt und gepudert, und jede hatte ihre schwarze Haarpracht kunstvoll aufgesteckt. Es dauerte nicht lange, da hatte die Equipage die Stadt verlassen und kam zum westlichen Passtor. In stillem Einvernehmen brachten die Schüler alles in Ordnung, schritten dann auf das königliche Gefährt zu und riefen laut: »Möge uns die Königin nicht weiter das Geleit geben, lasst uns hier Abschied nehmen!« Da ließ der Priester den Wagen anhalten, wandte sich mit übereinandergewölbten Händen an die Königin und sprach: »Möge Eure Majestät zurückfahren. Lasst mich geringen Mönch die Heiligen Schriften holen.« Die Königin erblasste, fasste den Priester am Arm und rief: »Aber mein kaiserlich Verbrüderter, ich habe dir doch den Reichtum des ganzen Reiches versprochen, will dich zum Mann nehmen, und morgen sollst du den Thron besteigen und die Nachfolge antreten! Wir haben doch alle schon das Festmahl gegessen, wie kannst du jetzt auf einmal den Plan ändern?« Als Bajie dies hörte, begann er wie verrückt die Schnauze hin und her zu schütteln, wackelte wild mit den Ohren, rannte auf die Kutsche zu und schrie: »Wir sind Mönche! Wir vermählen uns doch nicht mit so einem gepuderten Knochengerüst! Lasst meinen Meister ziehen!« Auf diese unschöne Attacke sank die Königin fassungslos in die Kutsche zurück. Sandmönch aber hob Tripitaka aus der Menge und half ihm in den Sattel. Da sah man am Wegrand eine Frau auftauchen, die fauchte: »Halt, Verbrüderter des Kaisers von China! Komm mit mir, zum schönen Spiel von Wind und Mond!« »Halt, Verbrüderter des Kaisers von China! Komm mit mir, zum schönen Spiel von Wind und Mond!« »Du elender Schuft!« polterte Sandmönch, schwang seinen Prunkstab und schlug nach der Gestalt. Da entfachte die Frau einen Wirbelwind, riss Tripitaka mit einem Schrei an sich und stob davon, ohne eine Spur zu hinterlassen; keiner wusste, wohin. Ach! So war es in der Tat: Gerade erst mit klugem Plan Der Liebelei entronnen, Sieht man schon ein neues Leid Als Liebesdämon kommen! Und da wir nicht wissen, ob das ein Mensch war oder ein Ungeheuer, lasst uns hören, was das nächste Kapitel berichtet. 第055回 / 55. Kapitel Die Fleischeslust sucht Tripitaka zu verführen / Mit innerer Beständigkeit bleibt der Körper heil Erzählen wir weiter, wie der Große Heilige gerade mit einer Magie die Frauen festbannen wollte, als er im Windgeheul Sandmönchs Rufe hörte und zurückblickte, doch schon war Tripitaka verschwunden. »Wer hat den Meister geraubt?« schrie er. »Eine Frau hat einen Wirbelwind gemacht und den Meister mit sich fortgerissen«, schnaubte Sandmönch. Auf diese Worte schnellte Pilger mit einem Pfiff zu den Wolken empor und spähte in alle Richtungen. Es war nur eine Staubwolke zu sehen, die sich in Richtung Westen entfernte. Rasch wandte er sich um und rief: »Brüder, schnell, kommt hoch, dem Meister nach!« Bajie und Sandmönch banden das Gepäck aufs Pferd und rauschten zum Himmel hoch. Erschrocken fiel der gesamte Hofstaat von Xiliang auf die Knie, und die Frauen riefen: »Das sind ja Arhats, die am helllichten Tag zum Himmel steigen! Majestät, beruhigt Euch, dieser kaiserlich Verbrüderte ist ein vollkommener Mönch des buddhistischen Ordens. Wir waren alle mit Blindheit geschlagen, dass wir diesen Mann aus China verkannt und uns in eitle Phantasien verstiegen haben! Bitte, Majestät, nehmt in der Kutsche Platz und lasst uns in den Palast zurückkehren.« Wie die Königin nun mit ihrem Hofstaat zurückfuhr, sei hier nicht weiter ausgeführt. Lasst uns stattdessen vom Großen Heiligen berichten, der mit seinen Ordensbrüdern hoch über den Wolken durch die Lüfte jagte, dicht hinter dem Sturmwind her. Endlich kam er vor einen hohen Berg, doch da waren Staub und Sturm plötzlich nicht mehr zu sehen, und es ließ sich nicht ausmachen, wohin der Dämon verschwunden war. Die Brüder senkten ihre Wolken und suchten einen Weg. Auf einmal fiel ihnen ein heller Felsen auf, der wie ein Paravent aussah. Wie sie nun um diese Felswand gebogen waren, fanden sie zwei steinerne Torflügel, und darüber stand in sechs großen Schriftzeichen die Inschrift: » 毒敵山琵琶洞 – Lautengrotte im Giftfeind-Berg«. Schon schritt Bajie zum Tor und wollte es mit seinem Rechen einrammen, doch Pilger fiel ihm in den Arm und sagte: »Ruhig, Bruder! Wir sind ja bloß dem Wind hierher gefolgt und wissen noch gar nicht sicher, ob das auch wirklich der richtige Ort ist. Bleibt ihr beide hier; ich alter Sun will mal reingehen und mich ein bisschen umhören. Dann wissen wir, wie die Lage steht und was wir tun können.« Die beiden nahmen das Pferd an den Zügeln und zogen sich zurück. Pilger aber verwandelte sich mit einem leichten Dreh in eine Biene und zwängte sich durch den Türspalt ins Innere. Als er auch die zweite Tür passiert hatte, sah er in der Mitte einen Pavillon, in dem eine Dämonin thronte. Links und rechts von ihr standen junge Zofen mit aufgesteckten Haaren und bunten Gewändern, die sich fröhlich lachend über irgendetwas unterhielten. Leise summte Pilger näher und landete sachte auf dem geschnitzten Gitterwerk des Pavillons. Nun sah er, wie zwei Frauen mit aufgelöstem Haar zwei Teller voller Dampfbrötchen zum Pavillon brachten und sprachen: »Mütterchen, die auf diesem Teller sind mit Menschenfleisch gefüllt, die anderen mit feinem Bohnenmark.« Lächelnd sprach die Dämonin: »Dann bringt mir nun den kaiserlich Verbrüderten heraus!« Da begaben sich mehrere Zofen zu einem Hinterzimmer und führten Tripitaka herbei. Der Priester war ganz gelb im Gesicht, seine Lippen waren blass und die Augen rot verweint. Pilger seufzte im Stillen: »Der Meister ist vergiftet!« Nun schritt die Dämonin die Treppenstufen des Pavillons hinab, streckte ihre zarten Finger wie frühlingshafte Bambussprossen nach Tripitaka aus und sprach: »Seid unbesorgt! Zwar ist es hier nicht so feudal wie im Palast von Xiliang, aber immerhin ganz ruhig und gemütlich. Das ist doch genau das Richtige, wenn man sich ins Gebet und in die buddhistischen Schriften vertiefen möchte. Ich werde Eure religiöse Gefährtin sein, so werden wir wahrhaftig hundert Jahre Harmonie genießen!« Tripitaka blieb stumm. »Grämt Euch nicht«, sprach ihm die Dämonin zu, »ich weiß, dass Ihr beim Bankett im Frauenland nichts gegessen habt. Hier sind zwei Teller mit Dampfbrötchen, mit oder ohne Fleisch, bedient Euch, wie es Euch beliebt.« Da überlegte Tripitaka: »Wenn ich jetzt weiterhin nichts sage und ihre Speisen verweigere, könnte das anders ausgehen als im Palast. Die Königin war immerhin ein Mensch, da konnte man auf die Regeln des Anstandes zählen, doch diese Dämonin ist ein teuflisches Wesen. Außerdem wissen meine drei Schüler ja gar nicht, dass ich hier gefangen bin. Falls mir nun etwas zustößt, würde ich doch fruchtlos mein Leben einbüßen!« Also überwand er sich und fragte: »Was ist in den Fleischhaltigen, und was in den Vegetarischen?« »Die einen sind mit Menschenfleisch, die anderen mit Bohnenmark.« »Ich geringer Mönch esse vegetarisch«, sagte Tripitaka, und die Dämonin rief den Zofen zu: »Bringt heißen Tee!« Dann brach sie eines der vegetarischen Dampfbrötchen auf und reichte es Tripitaka. Dieser nahm eines der Fleischhaltigen vom Teller und hielt es der Dämonin ungebrochen hin. »Warum brichst du es mir nicht auf?« fragte sie lächelnd. Tripitaka faltete die Hände und sprach: »Als Mönch wage ich die Gebote nicht zu brechen.« Wie nun Pilger vom Gitterwerk aus mitanhörte, wie die beiden ins Gespräch kamen, befürchtete er, sein Meister könnte doch noch vom wahren Wesen abirren. Schließlich konnte er sich nicht länger halten, nahm seine eigene Gestalt an und schrie, seinen Goldreifstab schwingend: »Du elendes Biest! Schluss mit den Frechheiten!« Da schnaubte die Dämonin einen rauchigen Lichtstrahl aus, der den ganzen Pavillon einhüllte, und befahl ihrem Gesinde, Tripitaka zurückzuführen. Sie selbst aber packte einen Dreizack, schoss aus dem Pavillon und schimpfte: »Du dreister Affe! Wie kannst du es wagen, in mein Haus einzudringen und heimlich mein Antlitz zu schauen! Stillgestanden, krieg meinen Dreizack zu spüren!« Der Große Heilige hielt die Waffe mit seiner Stange auf, und während er mit ihr kämpfte, zog er sich allmählich zurück, bis sie draußen vor der Grotte waren. Wie nun Bajie und Sandmönch, die vor der Felswand warteten, die beiden heranstürmen sahen, schwang der Tölpel seinen Rechen mit beiden Händen hoch, trat vor und schrie: »Zurück, Bruder, lass mich diese Teufelsbraut verhauen!« Als die Dämonin Bajie kommen sah, behalf sie sich abermals mit einem Trick, heulte auf, und schon schoss Feuer aus ihrer Nase und Rauch aus dem Mund, dann schüttelte sie sich, schwang ihren Dreizack und stürmte los. Es war nicht mehr auszumachen, wie viele Hände dieses Ungeheuer hatte, während es Hals über Kopf heranrollte. Pilger und Bajie versuchten die Dämonin von beiden Seiten in Schach zu halten. »Sun Wukong!« schrie sie, »dir fehlt jeder Anstand! Ich kenne dich, aber du kennst mich nicht. Selbst dein Buddha im Tempel des Donnergrollens hat Angst vor mir; ihr haarigen Kerle werdet nicht weit kommen!« Kühn kämpften die drei weiter, und das Gefecht dauerte lange an, ohne dass eine Entscheidung fiel. Schließlich sprang die Dämonin auf und stieß dem Großen Heiligen einen »Huftritt mit dem Giftpfahl« in die Kopfhaut. »Aua!« schrie Pilger, konnte nicht länger standhalten und rannte unter Schmerzen davon. Bajie, der sah, dass die Lage schlecht stand, ließ ebenfalls den Rechen sinken und ergriff die Flucht, worauf die Dämonin siegreich in die Grotte zurückkehrte. Pilger aber hielt sich mit gequälter Miene den Kopf und schrie: »Schlimm, schlimm!« »Bruder«, versetzte Bajie, »wieso fängst du mitten im besten Gefecht zu heulen an und haust einfach ab?« Pilger hielt sich den Kopf mit beiden Händen und rief bloß: »Aua, aua! Grässlich, grauenhaft! Eben habe ich mit ihr gekämpft, und als sie merkte, dass ich ihrem Dreizack gewachsen bin, ist sie aufgesprungen und hat mich mit irgendwas gestochen. Ich weiß nicht, was für eine Waffe das war, aber es macht mir schreckliche Kopfschmerzen. Darum bin ich geflohen.« »Sonst gibst du doch immer groß an, wie hart dein Kopf geläutert sei«, spottete Bajie, »warum macht er dir plötzlich so zu schaffen?« »So ist es«, sagte Pilger. »Seit meiner Vervollkommnung hat nichts diesem Kopf was anhaben können: Säbel, Äxte, Hämmer, Schwerter, Blitz und Feuer, gegen alles war er gefeit. Ich weiß nicht, mit was für einer Waffe mich die Frau heut am Kopf erwischt hat!« »Lass mich in Xiliang ein Kräuterpflaster holen«, schlug Bajie vor. Pilger aber meinte: »Es ist ja weder geschwollen noch blutig, was soll da ein Kräuterpflaster helfen?« »Ach Bruder«, spaßte Bajie, »neulich hatte ich keine weiteren Beschwerden mit der Schwangerschaft, du hingegen kriegst ein Karbunkel auf der Stirn!« »Hört auf zu spotten«, mahnte Sandmönch. »Es ist schon spät, der älteste Ordensbruder hat Kopfschmerzen, und wie es um den Meister steht, wissen wir auch nicht. Was tun wir bloß?« »Der Meister ist wohlauf«, stöhnte Pilger. »Er ist ein wahrer Mönch; er wird sich nie durch eitle Lust das wahre Wesen verwirren lassen. Bleiben wir die Nacht über hier am Berghang sitzen. Sobald der Tag anbricht, wollen wir das Weitere besprechen.« Also legten sich alle drei zur Ruhe, doch davon sei nicht weiter die Rede. Berichten wir stattdessen von der Dämonin, die nun ihren Ingrimm ablegte und sich wieder heiter und anmutig zurechtmachte. Sie hieß ihre Dienerinnen, vorn und hinten alle Eingänge abzuriegeln, und ließ zwei von ihnen Nachtwache halten. Gleichzeitig ließ sie das Schlafzimmer vorbereiten, Kerzen und duftendes Räucherwerk bereitstellen, und rief: »Bringt den kaiserlich Verbrüderten her, ich will mit ihm Liebe machen!« Schon wurde der Priester herbeigeführt. Mit reizendem Charme fasste die Dämonin den Priester am Arm und sprach: »Mit dir, mein lieber kaiserlich Verbrüderter, will ich jetzt ein Weilchen Mann und Frau spielen!« Der Priester biss die Zähne zusammen und gab keinen Laut von sich. Eigentlich wollte er nicht mitgehen, doch aus Furcht, sie könnte böse werden oder ihn gar töten, schritt er schließlich hinter ihr ins duftende Brautgemach hinein, benommen und sprachlos, ohne den Blick zu erheben. Die Dämonin versuchte ihn nun auf verführerischste Weise aufzureizen, er aber blieb unbewegt, als hätte er nichts gesehen und gehört. Nun fochten die beiden mit wenigen Worten und kurzen Sätzen bis spät in die Nacht hin und her, doch der Priester blieb bei alledem innerlich unberührt. So zog es sich hin, bis die Dämonin um Mitternacht ärgerlich auffuhr und ihrem Gesinde befahl, ein Seil zu bringen, mit dem sie den armen Geliebten einschnürte, bis er aussah wie ein Löwenhündchen. Zuletzt ließ sie ihn in den Gang schleppen, machte die Lichter aus und legte sich schlafen. Die ganze Nacht über fiel kein Wort mehr. Die Dämonin ließ ihn in den Gang schleppen, machte die Lichter aus und legte sich schlafen. Unvermerkt war mit drei Hahnenschreien der Morgen angebrochen. Am Berghang neigte sich der Große Heilige vor und sagte: »Der Kopf hat eine ganze Weile weh getan, doch heute ist es wieder gut, es juckt nur noch ein bisschen.« »Wenn’s juckt, dann lass sie doch noch mal stechen«, spaßte Bajie. »Geh, geh, geh!« fauchte Pilger. Lachend gab Bajie zurück: »Geh, geh, geh! Beim Priester war’s die Nacht über sicher toll, toll, toll!« »Es wird hell«, mahnte Sandmönch, »lasst uns so bald wie möglich das Ungeheuer überwinden.« »Bleib du lieber hier«, meinte Pilger, »Bajie soll noch mal mitkommen.« Die beiden sprangen den Hang hinan, bis sie die Felswand erreicht hatten. »Bleib hier stehen«, beschied Pilger. »Es könnte ja sein, dass dieses Ungeheuer über Nacht den Meister verletzt oder er gar seine Gebote gebrochen hat. Lass mich erst reingehen und schauen, wie die Lage steht.« Abermals verwandelte er sich in eine Biene und schwirrte durch einen Türspalt hinein. Drinnen fand er beim Tor zwei schlafende Zofen, die ihre Köpfe auf Schlagstöcke und Alarmglocken gebettet hatten. Dann schwirrte er weiter zum Pavillon. Dort lag die Dämonin nach ihrer anstrengenden Nacht noch immer in tiefem Schlaf. Als er weiter nach hinten flog, hörte er plötzlich ganz leise Tripitakas Stimme. Wie er aufschaute, sah er den Meister gefesselt im Gang an einem Balken hängen. Sachte landete er auf dessen Kopf und rief: »Meister!« Tripitaka erkannte seine Stimme und rief: »Wukong! Schnell, rette mich!« »Was gibt’s für gute Nachrichten von letzter Nacht?« fragte Pilger. Tripitaka stieß mit zusammengebissenen Zähnen hervor: »Lieber sterbe ich, als so etwas zu tun! Sie hat mich die halbe Nacht lang umgarnt, doch ich habe weder das Gewand abgelegt noch ihr Bett berührt. Als sie endlich verstanden hat, dass ich ihr niemals folgen würde, hat sie mich hier anbinden lassen. Du musst mich unbedingt retten, damit wir die Heiligen Schriften holen können!« Das Gespräch zwischen Meister und Schüler hatte die Dämonin längst aus dem Schlaf geweckt. Trotz ihrem Groll dachte sie noch etwas wehmütig an die vergangene Nacht. Wie nun, während sie sich im Schlaf umdrehte, die Worte »Heilige Schriften holen« an ihr Ohr drangen, sprang sie auf und schrie: »Ein schönes Eheleben lehnst du ab und willst stattdessen irgendwelche Schriften holen!« Pilger erschrak, ließ vom Meister ab und schwirrte rasch hinaus. Draußen nahm er wieder seine eigene Gestalt an, rief nach Bajie und berichtete ihm: »Der Meister hat sich nicht verführen lassen. Sie ist wütend geworden und hat ihn gefesselt. Eben hat er mir erzählt, was geschehen ist, da ist sie plötzlich aufgewacht, und ich bin schnell davongesaust.« »Was hat denn der Meister gesagt?« wollte Bajie wissen. »Nur, dass er seine Kleider nicht abgelegt und ihr Bett nicht berührt habe.« »Schön, schön, schön«, machte Bajie. »Also doch ein wahrer Mönch. Gehn wir ihn retten!« Grobschlächtig wie er war, schwang der Tölpel seinen Rechen hoch und ließ ihn auf das Steintor niederschmettern, dass es krachend in Stücke zersprang. Die erschrockenen Zofen rannten zur Dämonin und riefen: »Mütterchen, die beiden hässlichen Männer von gestern sind wieder da; sie haben das Tor zertrümmert!« Schon schoss die Dämonin mit gezücktem Dreizack heraus und schrie: »Zankaffe! Wildsau! Was fällt euch eigentlich ein, mein Tor einzuhauen!« »Du lüsternes Luder«, schimpfte Bajie zurück, »du hältst meinen Meister gefangen und gibst nicht mal zu, dass du im Unrecht bist! Meinen Meister willst du dir zum Gatten machen? Los, rück ihn sofort raus, sonst bist du des Todes! Und wenn ich auch nur ein halbes ›Nein‹ höre, dann reiße ich alter Eber mit dem Rechen gleich deinen ganzen Berg ein!« Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, warf sich die Dämonin in den Kampf. Wie zuvor spuckte sie Feuer und Rauch aus Rachen und Nüstern, erhob gleichzeitig ihren Dreizack und stach auf Bajie ein. Dieser schlug mit seinem Rechen drauflos, während der Große Heilige ihm mit der Eisenstange zu Hilfe kam. Da ließ die Dämonin abermals ihren Zauber spielen, hielt mit wer weiß wie vielen Händen zu beiden Seiten die Waffen ab, bis sie nach drei bis fünf Kampfrunden mit irgendeiner unbekannten Waffe Bajie in die Lippen stach. Da ließ der Tölpel seinen Rechen sinken, hielt sich das Maul zu und rannte von Schmerzen gepeinigt davon. Nun bekam es auch Pilger mit der Angst zu tun, tat zum Schein einen letzten Hieb und ergriff die Flucht. Die Dämonin aber kehrte siegreich zurück und wies ihr Gesinde an, den Eingang mit Felsbrocken zu verrammeln. Doch davon sei hier nicht weiter die Rede. Wenden wir uns nun Sandmönch zu, der gerade am Berghang das Pferd weiden ließ, als er ein lautes Grunzen hörte. Wie er aufblickte, sah er Bajie, beide Hände um die Schnauze gelegt, stöhnend daherkommen. »Was ist denn los?« fragte Sandmönch. »Schlimm, schlimm!« stöhnte Bajie. »Aua, aua, aua!« Schon stand auch Pilger daneben und lachte: »Ach du armer Tölpel, gestern hast du noch gespottet, ich hätte ein Karbunkel, nun hast du die Maulseuche!« »Unerträglich!« stöhnte Bajie, »das tut grauenhaft weh!« Mitten in ihrer üblen Lage gewahrten die drei auf einmal ein altes Mütterchen, das mit einem grünen Bambuskorb am linken Arm vom Südhang her Wildgemüse sammelnd des Weges kam. »Bruder, da kommt ein Mütterchen daher«, meinte Sandmönch, »wollen wir nicht mal Auskunft einholen?« Sofort spähte Pilger mit scharfem Blick hinüber. Über ihrem Kopf schwebten glückverheißende Wolken, und ihr Körper war von duftenden Schleiern umgeben. Pilger verstand und rief sogleich: »Brüder, verneigt euch, es ist die Bodhisattva!« Da schwebte Bodhisattva Guanyin auf einer Wolke in die Höhe und offenbarte ihre wahre Gestalt. Auch Pilger stieg empor, verneigte sich und sprach: »Bodhisattva, verzeiht Eurem Jünger, Euch nicht gebührend empfangen zu haben! Wir haben gerade mit einem dämonischen Übel zu kämpfen und werden einfach nicht damit fertig; bitte helft uns, Bodhisattva!« »Das ist ein schlimmes Ungeheuer«, erklärte Guanyin. »Sein Dreizack besteht aus seinen zwei Vorderzangen, und was den schmerzhaften Stich verursacht, ist ein Haken an seinem Schwanz; man nennt dies das ›Huftritt-Gift‹. Es handelt sich um den Geist eines Skorpions. Einmal hörte dieses Ungeheuer im Tempel des Donnergrollens Buddha beim Predigen zu, und als dieser es unpassenderweise mit der Hand wegstieß, hat es seinen Haken hochgeschlagen und ihn in den Daumen der linken Hand gestochen. Auch Buddha hat brennende Schmerzen bekommen. Anschließend hat er die Diamantwächter geschickt, das Ungeheuer einzufangen, doch ist es hierher geflohen. Auch ich kann ihm nichts anhaben. Das Einzige, was ihr machen könnt, es zu unterwerfen, ist, beim Östlichen Himmelstor im Palast des Strahlenden Lichts den Sternfürsten Maori zu Hilfe zu holen.« Während ihre Worte ausklangen, löste sich die Bodhisattva in einen goldenen Lichtstrahl auf und schwebte zurück zum Südlichen Ozean. Da senkte der Große Heilige Sun seine Wolke und rief Bajie und Sandmönch zu: »Ihr könnt beruhigt sein, unser Meister hat einen rettenden Stern. Die Bodhisattva hat mich eben angewiesen, den Sternfürsten Maori zu Hilfe zu holen. Ich geh jetzt gleich!« Schon schoss er im Wolkenüberschlag empor, kam zum Östlichen Himmelstor und betrat gleich darauf den Palast des Strahlenden Lichts. Doch bald merkte er, dass der Sternfürst nicht da war; dieser hatte nämlich vom Jadekaiser den Auftrag bekommen, auf Inspektion zu fahren. Pilger wandte sich gleich wieder zum Gehen. Auf einmal gewahrte er weiter drüben eine Reihe Soldaten, und hinter ihnen folgte der Sternfürst. Dieser trug noch den Palastornat und steckte von Kopf bis Fuß in Gold. Pilger trat zur Begrüßung auf ihn zu, der Sternfürst erwiderte den Gruß mit einer höflichen Geste und sprach: »Warum kommt Ihr hierher, Großer Heiliger?« »Eigens um Euch zu bemühen, meinen Meister zu retten.« »An welchem Ort?« wollte der Sternfürst wissen, und Pilger antwortete: »In der Lautengrotte auf dem Giftfeind- Berg im Lande Xiliang. Bodhisattva Guanyin hat sich uns offenbart und gesagt, dass es sich um den Geist eines Skorpions handle. Euch hat sie uns zur Rettung empfohlen, und darum bin ich jetzt hier.« »Eigentlich wollte ich gerade beim Jadekaiser Bericht erstatten«, meinte der Sternfürst, doch da Ihr gekommen seid, Großer Heiliger, will ich geringer Gott nicht säumen, sondern gleich mit Euch den Dämon unterwerfen gehen. Danach kann ich immer noch im Palast vorsprechen.« Freudig ging der Große Heilige mit ihm aus dem Östlichen Himmelstor und kam direkt ins Land Xiliang zum Giftfeind- Berg, wo der Sternfürst seine Wolke senkte und mit Pilger am Hang neben der Felswand landete. Sandmönch, der sie kommen sah, sagte zu Bajie: »Steh auf, Bruder, der Sternfürst ist da!« Der Tölpel hielt sich noch immer die Schnauze und brummte: »Verzeihung, ich bin krank, ich kann mich nicht verbeugen.« »Ihr seid doch ein Mensch auf dem Weg zur Vervollkommnung«, sprach der Sternfürst, »was für eine Krankheit plagt Euch denn?« »Heute früh bin ich im Kampf mit diesem Ungeheuer in die Lippe gestochen worden, und jetzt tut’s mir immer noch so weh!« »Kommt her«, sprach der Sternfürst, »ich werde Euch heilen.« Erst jetzt ließ der Tölpel die Hände von der Schnauze, worauf ihm der Sternfürst mit der Hand darüberstrich und etwas Odem darauf blies. Sofort waren die Schmerzen weg. Überglücklich warf sich der Tölpel vor ihm nieder und rief: »Oh, wunderbar, wunderbar!« Pilger lachte und meinte: »Darf ich den Sternfürsten bitten, auch mal über meinen Kopf zu streichen? Gestern bin ich ebenfalls gestochen worden, über Nacht ging zwar der Schmerz weg, doch zur Zeit kribbelt und juckt es immer noch ein bisschen, und ich fürchte, dass es wieder ausbrechen könnte, wenn das Wetter schlecht wird.« Da strich der Sternfürst auch ihm über den Kopf und blies etwas Odem darauf, dass das restliche Gift sich löste und das Jucken verging. Da fuhr Bajie auf und rief: »Los, Bruder, verhauen wir das verdammte Luder!« »Macht ihr beide, dass das Ungeheuer nach draußen kommt, dann kann ich es besiegen«, beschied der Sternfürst. Abermals sprangen Pilger und Bajie den Hang hinauf und drangen hinter die Felswand. Da drosch der Tölpel mit seinem Rechen auf die aufgeschichteten Felsbrocken im Eingang, schob sie zur Seite, stürmte weiter zum zweiten Tor und rammte es mit dem Rechen ein, dass die Splitter stoben. Drinnen hatte die Dämonin gerade Tripitaka die Fesseln lösen lassen und Tee und Reis verlangt, als sie hörte, dass die zweite Tür eingerammt wurde. Mit einem Satz sprang sie aus dem Pavillon, schwang ihren Dreizack und zielte auf Bajie. Dieser hielt ihn mit dem Rechen auf, während Pilger ihm mit seiner Stange zu Hilfe kam. Da lief das Ungeheuer auf sie zu und wollte abermals ihren Giftstachel benutzen. Doch Pilger und Bajie kannten ja nun ihre Methode, wandten sich um und flohen. Als das Ungeheuer ihnen bis hinter die Felswand hinterhergerannt war, rief Pilger: »Wo ist der Sternfürst Maori?« Schon sah man am Berghang den Sternfürsten, der nun seine ursprüngliche Gestalt annahm, nämlich die eines großen Hahns mit doppeltem Kamm. Stolz reckte er den Kopf in die Höhe, dass er gute sechs bis sieben Fuß hoch war, und krähte das Ungeheuer an. Auf der Stelle erschien dieses in seiner eigenen Gestalt. Es war ein Skorpion, so groß wie eine Laute! Als der Sternfürst einen zweiten Hahnenschrei ausstieß, sank der Skorpion in sich zusammen und hauchte sein Leben aus. Da schritt Bajie hin, setzte ihm den Fuß auf die Brust und rief: »Elendes Biest! Jetzt nützt dir dein Giftstachel nichts mehr!« Als das Ungeheuer reglos liegen blieb, drosch Bajie wie wild mit seinem Rechen drauflos und hieb es zu Brei. Der Sternfürst aber sammelte sein goldenes Licht und schwebte auf einer Wolke von dannen. Nachdem Pilger und Sandmönch dankend die Hände gen Himmel gefaltet hatten, gingen sie in die Grotte, wo zu beiden Seiten die vielen Zofen knieten und riefen: »Großväterchen, wir sind keine Ungeheuer, wir sind Frauen von Xiliang! Wir sind von diesem Ungeheuer entführt worden. Euer Meister sitzt hinten im Brautgemach und weint!« Pilger blickte genauer hin und merkte, dass die dämonische Aura tatsächlich verschwunden war. Also drangen sie nach hinten und suchten den Meister. Als Tripitaka seine drei Schüler kommen sah, rief er erleichtert: »Meine guten Schüler! Ich habe euch große Mühe verursacht! Was ist jetzt mit dieser Frau?« »Das Biest war ein riesiger Skorpion«, erklärte Bajie. »Zum Glück hat Guanyin uns einen Hinweis gegeben, dann hat der älteste Ordensbruder im Himmel den Sternfürsten Maori um Hilfe gebeten. So haben wir das Biest endlich unterkriegen können, und ich alter Eber habe es zu Brei gehauen.« Tripitaka dankte ihnen ohne Unterlass. Nun kochten sie etwas Reis und nahmen eine Mahlzeit ein. Die entführten Frauen brachten sie zum Fuß des Berges und wiesen ihnen den Weg nach Hause, dann legten sie in der Grotte ein großes Feuer, das restlos alles vertilgte. Schließlich halfen sie Tripitaka in den Sattel und nahmen ihren Weg nach Westen wieder auf. So war es in der Tat: Ledig sind sie aller Bindung, Fern auch jeder Leiblichkeit; Trocken ist das Meer von Gold,307 Erkannt des Herzens Wesenheit! Und da wir nicht wissen, wie ihre Reise weiterging, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第056回 / 56. Kapitel Der Geist wird wild und tötet die Banditen / Der Weg wird trüb, der Herzaffe verstoßen Ist das Herz von allem frei, Heißt es klar und rein;308 In die grenzenlose Stille Dringt nicht ein Gedanke ein. Halte Pferd und Affe fest, Lass sie nicht ausschweifen; Achte, dass Essenz und Geist Nicht die Macht ergreifen.309 Tilge die Sechs Räuber! Erkenne die Drei Lehren!310 Wer von aller Bindung ledig, Wird in Klarheit stehen. Ist der Lustdämon getilgt, Steige auf zur wahren Welt Und erfreue dich im Westen Heiterer Glückseligkeit! Wie wir berichtet haben, hatte Tripitaka auf Biegen und Brechen darauf beharrt, seinen Körper unbefleckt zu halten, und wenn es ihn das Leben kosten sollte. Seit sie die Lautengrotte verlassen hatten, waren sie schweigend durch den aufblühenden Sommer gewandert. Meister und Schüler erfreuten sich der schönen Zeit des Duanwu-Festes311 und ließen den Tag müßig verstreichen. Plötzlich aber erblickten sie abermals einen hohen Berg. Nach langer Wanderung erreichten sie den Gipfel und gelangten anschließend über den Westhang auf eine weite Ebene. Hier hieß Bajie Sandmönch die Gepäckstange schultern, während er selbst mit seinem Rechen nach vorn rannte, um das Pferd anzutreiben. Doch er mochte herumfuchteln, wie er wollte, das Pferd war nicht aus der Ruhe zu bringen. Da meinte Pilger: »Was drängst du so?« »Es wird bald dunkel«, rief Bajie, »und nachdem wir den ganzen Tag lang über den Berg gewandert sind, plagt mich der Hunger. Legen wir uns alle ins Zeug, damit wir bald ein Haus finden, wo wir Almosen kriegen!« »Nun, dann lass mich mal ran!« rief Pilger, schwang seinen Goldreifstab und fauchte so laut, dass das Pferd sich den Zügeln entriss und pfeilschnell auf der Landstraße über die Ebene galoppierte. Warum das Pferd vor Bajie keine Angst hatte und vor Pilger solchen Respekt? Nun, Pilger hatte ja einst im Himmelskaiserlichen Marstall die Pferde gehütet, und darum hat sich dies bis heute so erhalten: Jedes Pferd fürchtet sich vor Affen. Dem Priester entglitten die Zügel, und es blieb ihm nichts übrig, als sich am Zwiesel festzuklammern und das Pferd zügellos voranpreschen zu lassen, bis es nach gut zwanzig Meilen endlich in gemächlichen Trab verfiel. Während er weiter voranritt, ertönte plötzlich ein Gongschlag, und am Wegesrand sprangen mehr als dreißig Bewaffnete mit Speeren, Säbeln und Stangen auf ihn zu, stellten sich ihm in den Weg und schrien: »Halt, Mönch!« Zitternd und bebend glitt Tripitaka aus dem Sattel, kniete am Wegesrand ins Gras und rief: »Großer König, lasst mich am Leben!« Die Anführer, zwei stämmige Kerle, riefen: »Wir schlagen dich nicht, wenn du uns nur dein Reisegeld abgibst.« Erst jetzt begriff Tripitaka, dass es Räuber waren. Er erhob sich, ging auf die Männer zu und sprach mit gefalteten Händen: »Großer König, ich geringer Mönch aus dem Osten bin auf einer Pilgerfahrt in den Westen, um Heilige Schriften zu holen. Seit ich die Stadt Chang’an verlassen habe, sind Jahre vergangen, und das wenige, was ich an Reisegeld mit dabeihatte, ist längst aufgebraucht. Wir Mönche leben ausschließlich von dem, was wir erbetteln können; wie sollten wir auch Geld und Güter anhäufen können? Bitte, großer König, lasst doch Rücksicht walten und mich geringen Mönch weiterziehen!« Die beiden Anführer traten vor und riefen: »Wir belagern den Weg wie die wilden Tiger, und was wir wollen, ist Geld und Gut; was kümmert uns schon die Rücksicht! Wenn du wirklich nichts hast, dann zieh doch dein Gewand aus und lass dein Pferd hier, dann lassen wir dich ziehen!« »Ach, für dieses Kleid musste ich geringer Mönch die Stoffe Stück für Stück zusammenbetteln; es mir wegzunehmen bedeutet doch schlicht meinen Tod! Bedenkt, dass ihr nur in diesem Leben wackere Kerle seid, im nächsten Leben werdet ihr als Tiere wiedergeboren!« Diese Worte machten die Banditen wütend. Schon stürmten sie mit ihren Waffen auf Tripitaka los, so dass dem Priester, der sein Leben lang nie gelogen hatte, in seiner Not nichts übrigblieb, als sich mit einer Lüge zu behelfen, und er rief: »Schlagt bitte nicht zu, ihr beiden Könige! Dort hinten kommt noch ein Jünger von mir, er ist gleich da. Er hat ein paar Silberlinge; die soll er euch dann geben!« »Dieser Mönch kann auch gar nichts entbehren«, meinten die Banditen. »Legen wir den erst mal in Stricke!« Schon machte sich die ganze Bande daran, ihn zu fesseln und hoch oben an einem Ast aufzuhängen. Doch lasst uns nun berichten, wie die drei Spitzbuben weiterzogen. Bajie lachte gerade aus vollem Hals und meinte: »Der Meister ist aber schnell verschwunden! Wo wird er wohl auf uns warten?« Da fiel sein Blick auf den Priester im Baum, und er fügte hinzu: »Schaut mal, der Meister! Er braucht doch bloß zu warten, wie kommt er auf die Idee, auf einen Baum zu klettern und in den Lianen Schaukel zu spielen?« Pilger hielt Ausschau und rief: »Ach du Tölpel, was für ein Unsinn! Unser Meister ist im Baum aufgehängt! Geht ihr beide langsam weiter, ich will das gleich mal aus der Nähe betrachten.« Eilends stieg der Große Heilige auf einen Hügel und besah sich die Sache genauer. Als er erkannte, dass es sich um eine Räuberbande handelte, meinte er: »Wunderbar! Das Geschäft kommt gleich von selbst ins Haus!« Schon war er wieder unten und verwandelte sich mit einem leichten Dreh in einen reinlichen jungen Mönch von höchstens sechzehn Jahren. In eine schwarze Robe gekleidet, mit einem Bündel aus blauem Tuch über den Schultern, schritt er weit aus, bis er die Stelle erreicht hatte, und rief: »Meister, was ist denn los?« Tripitaka erkannte Pilgers Stimme und rief: »O mein Schüler! Hilf mir doch!« »Was machen diese Leute?« »Diese Wegelagerer haben mich aufgehalten und wollen Geld haben. Weil ich keins geben konnte, haben sie mich hier aufgehängt, und ich konnte nur noch warten, dass du mit ihnen verhandelst.« »Was habt Ihr ihnen denn gesagt?« fragte Pilger. »Als sie mich schlagen wollten, war ich so verzweifelt, dass ich schließlich dich vorgeschoben habe und sagte, du habest ein bisschen Geld dabei, sie sollten mich nicht schlagen. Das ist mir in dem Moment als einzige Rettung eingefallen.« »Das ist auch ganz in Ordnung«, gab Pilger zurück, »danke für Eure Empfehlung, genau so sollt Ihr mich vorschieben.« Als die Räuber sahen, wie Pilger mit seinem Meister sprach, scharten sie sich um Pilger und riefen: »He, du kleiner Mönch, dein Meister sagt, dass du Geld hast. Her damit, dann kommst du mit dem Leben davon. Und wenn wir auch nur ein halbes ›Nein‹ hören, krepiert ihr auf der Stelle!« Da legte Pilger sein Bündel nieder und sprach: »Bitte Ruhe, meine werten Herren. Das Geld ist in dieser Tasche, allerdings nicht viel, nur etwa zwanzig Goldbarren und zwanzig bis dreißig Stück poliertes Silber, außerdem etwas an Bruchsilber. Falls ihr das wollt, dann nehmt es gleich mit der Tasche, aber schlagt auf keinen Fall meinen Meister. So heißt es doch in den Klassikern: ›Tugend ist wesentlich, Reichtum ist zweitrangig.‹ Das Geld ist nicht wichtig, wir Mönche wissen uns mit Almosen zu behelfen. Ich bitte euch nur, meinen Meister herunterzuholen, dann könnt ihr alles zusammen haben.« Als die Banditen das hörten, riefen sie freudig: »Der alte Mönch war richtig geizig, aber der junge ist ganz schön großzügig!« Und sie ließen Tripitaka herunter. Als Tripitaka sein Leben gerettet sah, schwang er sich in den Sattel, und ohne sich um Pilger zu kümmern, preschte er auf dem Weg, auf dem er gekommen war, davon. »Das ist die falsche Richtung!« schrie ihm Pilger nach, nahm das Bündel und wollte ihm hinterher. Doch die Banditen stellten sich ihm in den Weg und schrien: »Halt! Lass das Geld hier, sonst wird’s dir übel ergehen.« »Nun, was das Geld anbelangt«, lachte Pilger, »müssen wir es in drei Teile aufteilen.« »Der ist echt durchtrieben, dieser Mönch!« riefen die Anführer, »jetzt will er auch noch hinter dem Rücken seines Meisters was für sich aufheben. Nun, lass mal sehen, was drin ist. Wenn’s viel ist, lassen wir was für dich übrig, damit du dir mal heimlich ein paar Früchte kaufen kannst.« »So war es nicht gemeint, Brüder«, erklärte Pilger. »Woher sollte ich denn Geld haben? Wenn ihr beide anderer Leute Gold und Silber raubt, dann müsst ihr mir davon was abgeben.« Als die Räuber dies hörten, wurden sie wütend und schrien: »Dieser Mönch ist ja nicht bei Trost! Will uns nichts geben und verlangt auch noch was von uns! Los, jetzt kriegst du aber Prügel!« Schon schwang einer einen knotigen Rohrstock und ließ ihn an die acht Mal auf Pilgers Kopf knallen. Pilger tat, als würde er nichts bemerken, und meinte strahlend: »Nun, ihr Brüder, wenn ihr das so anpackt, könnt ihr gut und gerne bis nächsten Frühling weitermachen, das ist mir ganz egal.« Betroffen riefen die Banditen: »Der Mönch hat einen harten Schädel!« »Zu viel des Lobes!« lachte Pilger, »es mag gerade so hinreichen.« Doch die Banditen ließen nicht mit sich reden, sondern stürzten jetzt in Gruppen herbei und verpassten ihm Prügel. »Beruhigt euch, meine Herren«, meinte Pilger schließlich, »lasst mich mal was rausnehmen.« Er langte in sein Ohr, brachte eine Nadel zum Vorschein und sprach: »Meine Herren, wir Mönche haben in der Tat kein Geld, das Einzige, was ich euch geben kann, ist diese Nadel!« »So ein Pech«, schimpften die Räuber, »da haben wir den reichen Mönch laufenlassen und stattdessen diesen armseligen Glatzesel behalten. Du kannst wohl damit schneidern, doch was sollen wir mit einer Nadel anfangen?« Wie Pilger hörte, dass sie ablehnten, rieb er die Nadel zwischen den Händen und schwang sie hin und her, bis sie die Dicke einer Reisschale erreicht hatte. Verängstigt riefen die Banditen: »Dieser Mönch ist klein von Wuchs, aber er versteht sich auf Zauberei!« Da rammte Pilger die Stange in den Boden und rief: »Wenn ihr sie wegnehmen könnt, kriegt ihr sie geschenkt!« Die beiden Anführer traten vor und begannen daran zu zerren, doch die Armen vermochten nicht mehr, als wenn Libellen an einer Steinsäule zu rütteln versuchten. Sie war nicht ein Haarbreit zu bewegen. Schließlich trat Pilger vor, zog die Stange mit leichter Hand aus dem Boden und vollführte ein paar schleichende Kampfschritte in der ›Pose der ringelnden Riesenschlange‹. Dann zeigte er auf die Banditen und rief: »Euer Pech, dass ihr es mit dem alten Sun zu tun kriegt!« Die Banditen aber rannten abermals auf ihn zu und verpassten ihm wohl fünfzig bis sechzig Stockhiebe, bis Pilger lachend rief: »Euch muss ja bald die Hand weh tun vom Schlagen. Lasst jetzt mal den alten Sun die Stange ausprobieren, nehmt es bloß nicht ernst.« Seht, wie er die Stange schwingt! Schon knallte sie auf den einen Banditenführer, dass er ins Gras biss und keinen Laut mehr von sich gab. Der andere schrie: »Gemein ist dieser Glatzkopf! Geld hat er keins, und bringt auch noch einen von uns um!« »Wartet nur«, lachte Pilger, »euch werd ich gleich einen nach dem anderen umhauen, dass ihr an der Wurzel ausgerottet seid!« Ein zweites Mal knallte die Stange nieder, und der andere Anführer lag ebenfalls am Boden. Entsetzt ließen die restlichen Banditen ihre Waffen fallen und stoben nach allen Seiten davon. Doch berichten wir nun, wie Tripitaka, der schnurstracks gen Osten galoppierte, von Bajie und Sandmönch aufgehalten wurde. »Wo wollt Ihr hin, Meister?« fragten sie, »das ist die falsche Richtung!« »Schüler!« rief Tripitaka, »geht sofort zu eurem Ordensbruder und sagt ihm, er solle seine Stange mit Bedacht benutzen! Nicht, dass er noch die Räuber erschlägt.« »Bleibt hier, Meister«, sagte Bajie, »ich bin gleich wieder da.« Der Tölpel preschte los und schrie: »Bruder! Der Meister sagt, du sollst die Leute nicht schlagen!« »Wer soll geschlagen haben?« gab Pilger zurück. »Wo sind die Banditen hin?« »Die anderen sind auf und davon, nur die Anführer liegen noch da und schlafen.« Nun kam der Tölpel bei Pilger an und schaute. »Die schlafen ja mit offenem Mund; da fließt was Klebriges raus!« »Ich alter Sun hab ihnen die Hirnmasse rausgehauen.« Kaum hatte Bajie dies vernommen, rannte er wie wild zurück und rief Tripitaka zu: »Sie haben sich aus dem Staub gemacht!« »Wohin denn?« »Er hat ihnen die Beine steifgehauen, wo sollen sie da noch hin?« »Also hat er tatsächlich getötet!« rief Tripitaka aufgebracht. Schon begann er ohne Ende zu lamentieren und überhäufte den Affen mit Schimpf und Schande. Dann wandte er ruckartig das Pferd und kam mit Sandmönch und Bajie zu den Toten, die blutend am Berghang lagen. Der Anblick war dem Priester unerträglich. Schnell rief er Bajie zu: »Beeil dich, mach mit dem Rechen eine Grube, damit wir sie begraben können. Ich werde ihnen ein Toten-Sutra lesen.« »Meister, das ist ungerecht!« wehrte sich Bajie, »Pilger hat die beiden erschlagen, warum soll ich alter Eber nun den Totengräber machen?« Pilger aber, wütend über den Tadel des Meisters, gab zurück: »Du faules Mistvieh! An die Arbeit, und wenn’s nicht bald wird, kriegst du eins mit der Stange!« Eingeschüchtert begann Bajie eine große Grube auszuheben, legte die Leichen der beiden Banditen hinein und errichtete darüber einen Grabhügel. Tripitaka steckte Weihrauchstäbchen in etwas angehäufte Erde und hielt eine Totenrede: »Ich verneige mich vor euch wackeren Männern. Höret, was ich euch sage! Vom chinesischen Kaiserreich im Osten pilgere ich Buddha-Jünger auf Geheiß des Kaisers in den Westen, um Heilige Schriften zu holen. Nun habe ich an diesem Ort euch angetroffen und versucht, euch mit guten Worten zur Vernunft zu bringen. Ihr hingegen wolltet nicht auf mich hören und brachtet mir Feindschaft entgegen. Dann seid ihr auf Pilger getroffen, durch dessen Stange ihr getötet wurdet. Damit eure Körper nicht auf offenem Felde verbleiben, habe ich sie der Erde anheimgegeben und euch ein Grab bereitet. Wenn ihr in der Unterwelt zum Senluo-Palast kommt, dann möget bitte das Übel bei der Wurzel nennen. Denn sein Name lautet Sun, und meiner Chen; wir sind nicht von der gleichen Sippe! Jedes Unrecht hat seinen Urheber, jede Schuld ihren Schuldner. Richtet also eure Anklage keinesfalls auf mich, den Schriftenholer!« Bajie lachte: »Das habt Ihr gründlich von Euch gewiesen, Meister! Wir beide sind aber auch nicht dabei gewesen, als er geschlagen hat.« Da fuhr Tripitaka tatsächlich fort und sprach: »Wenn ihr, wackere Männer, Anklage einreicht, dann klagt nur gegen Pilger allein. Diese Sache hat auch mit Bajie und Sandmönch nichts zu tun.« Pilger konnte sich des Kicherns nicht enthalten und meinte: »Meister, Euch fehlt es doch sehr an Freundschaftssinn. Wie viel Leid habe ich schon ertragen müssen, Eurer Schriftensuche wegen! Und jetzt, nur weil ich zwei Räuberlein erschlagen habe, lasst Ihr sie gegen den alten Sun Klage einreichen. Auch wenn ich sie mit eigener Hand erschlagen habe, geschah das nur Euretwegen. Denn würdet Ihr nicht in den Westen pilgern, wäre ich auch nicht Euer Schüler geworden; wozu sollte ich dann hier Leute erschlagen? Lasst mich mal eine Totenrede halten!« Schon hob er seine Stange, stach drei Mal in den Grabhügel und rief: »Ihr verdammten Banditen, hört mal zu! Von euch bin ich ein Dutzend Mal geschlagen worden, und dann noch ein Dutzend Mal; das hat mich zwar nicht gejuckt, aber verärgert. Aus Versehen hab ich euch umgebracht, doch wo ihr mich nun verklagen wollt, ist mir schlicht egal; ich alter Sun brauche mich vor nichts und niemandem zu fürchten. Den Jadekaiser kenne ich persönlich, die Himmelskönige richten sich nach meinem Willen, die Achtundzwanzig Himmelshäuser fürchten sich vor mir, die Neun Strahlenden Sterne ebenfalls, die Götter aller Städte und Marktflecken fallen vor mir auf die Knie, der Gott des Taishan lässt mir den Vorrang, die Zehn Höllenfürsten standen mir auch schon zu Diensten, und die fünf grimmigen Höllengötter waren einst meine Schüler. Ob mit den Fünf Ministerien aller drei Welten oder den Herrschern aller Himmelsrichtungen, ich pflege überall die besten Beziehungen; da könnt ihr mich anklagen, wo ihr wollt!« Als Tripitaka diese Rede hörte, wurde er wieder ängstlich und sagte: »Ach, mein Schüler, mein Gebet sollte doch nur dazu dienen, dir bewusst zu machen, wie wertvoll das Leben ist, dir zu zeigen, dass du gut sein musst zu den Menschen. Warum nimmst du es nur gleich so ernst?« »Nun, vergessen wir es«, versetzte Pilger, »suchen wir ein Nachtlager.« Dem Priester blieb nichts übrig, als verdrossen in den Sattel zu steigen. Äußerlich waren sich Meister und Schüler nun einig, innerlich aber schwelte der Unfrieden. So wanderten sie auf der Landstraße gen Westen, als sie auf einmal nördlich der Straße einen Hof erblickten. Tripitaka wies mit der Peitsche hin und meinte: »Bitten wir dort um Quartier.« Dann ritt er bis vor das Gehöft und stieg ab. Da sah er einen alten Mann herauskommen, begrüßte ihn höflich und brachte sein Anliegen vor. »Wo kommt Ihr denn her?« wollte der Alte wissen. »Ich geringer Mönch komme aus dem großen chinesischen Kaiserreich im Osten und pilgere auf kaiserliches Geheiß in den Westen, um Heilige Schriften zu holen. Da ich zu dieser späten Stunde Euren werten Hof passiere, möchte ich um Erlaubnis bitten, in Eurer Residenz eine Nacht zu verbringen.« Lächelnd erwiderte der Alte: »Von Eurer werten Heimat bis hier ist es eine weite Reise; wie seid Ihr denn alleine hierhergelangt?« »Ich habe noch drei unwerte Schüler bei mir.« »Wo sind sie denn?« Tripitaka wies mit der Hand nach der Straße und sagte: »Dort, bei der Landstraße.« Wie der Alte nun aufsah, gewahrte er auf einmal drei hässliche Gestalten. Hastig wandte er sich zum Gehen. Tripitaka aber hielt ihn zurück und sagte: »Werter Spender, seid doch so barmherzig und lasst uns eine Nacht hier ruhen!« Der Alte schüttelte den Kopf, winkte ab und stammelte, am ganzen Körper zitternd: »Die-die-die sehen nicht wie Menschen aus; da-da-das sind Gespenster!« Tripitaka lächelte ihm freundlich zu und sprach: »Fürchtet Euch nicht, werter Spender. Meine Schüler sehen nur so aus; es sind keine Gespenster.« »Aber seht doch, werter Herr«, rief der Alte, »ein Yaksa, ein Pferdegesichtiger und ein Donnergott!« Als Pilger das hörte, gellte er dazwischen: »Der Donnergott ist mein Enkel, der Yaksa mein Urenkel, der Pferdegesichtige mein Ururenkel!« Der Alte erblasste und wollte sich ins Haus retten, doch Tripitaka fasste ihn am Arm und folgte ihm in die strohbedeckte Eingangshalle. Nun kam von drinnen eine alte Frau mit einem fünf-, sechsjährigen Kind an der Hand auf sie zu und fragte, was los sei. Tripitaka brachte abermals sein Anliegen vor und schloss mit den Worten: »Zwar sehen meine Schüler hässlich aus, doch sind auch sie gläubige Buddhisten und bekennen sich zum Guten. Es sind ja keine Bösewichte, Ihr braucht vor ihnen keine Angst zu haben!« Auf diese Worte beruhigten sich die beiden Alten allmählich und hießen sie kommen. Der Priester ging nach draußen, mahnte seine Schüler, sich gesittet zu benehmen, dann traten sie zusammen in die Eingangshalle, verbeugten sich zum Gruß und nahmen Platz. Das gutherzige Mütterchen bereitete ihnen ein paar vegetarische Speisen zu, und Meister und Schüler sättigten sich. Erst als es allmählich dunkelte und die Laternen aufgehängt wurden, fragte der Priester: »Wie ist Euer geschätzter Name, werter Spender?« »Mein Name ist Yang.« »Wie hoch ist Euer Alter?« »Vierundsiebzig.« »Und wie viele Söhne wurden Euch geschenkt?« »Nur ein einziger«, erwiderte der Alte. »Das Kind, das eben mit der Mutter da war, ist unser Enkel.« Tripitaka bat den Alten, seinen Sohn zu holen, damit er auch ihn begrüßen könne. Doch der Alte entgegnete: »Dieser Kerl verdient keine Verbeugung! Ich törichter Alter habe ein hartes Los, konnte nicht ausreichend für ihn sorgen; jetzt ist er nicht mehr bei uns.« »Wo arbeitet er denn?« fragte Tripitaka. »Ach, ach!« rief der Alte, »wenn er nur irgendwo arbeiten würde, das wäre mein Glück! Der Kerl hält sich nicht an das, was er tun sollte. Er treibt sich mit Schlägern und Banditen herum, mordet und plündert, und Umgang hat er nur mit solchen Hunderotten. Seit fünf Tagen ist er weg und noch heute nicht wieder daheim.« Als Tripitaka dies hörte, wagte er keine Antwort zu geben. Im Stillen sann er: »Wenn es nun derjenige ist, den Wukong getötet hat?« Dann neigte er sich höflich vor und sprach: »Gütiger Himmel! Wie kann so guten Eltern ein solch übler Sohn entsprießen!« »Alter«, mischte sich Wukong ein, »wenn das ein derart missratener Sohn ist, dann braucht Ihr ihn doch nicht. Wenn Ihr wollt, suche ich ihn auf und schlage ihn tot!« »Ich war auch schon drauf und dran, ihn zu beseitigen«, erwiderte der Alte, »doch wie missraten er auch sein mag, am Ende wird er mir altem Manne doch immerhin ein Grab besorgen.« Lachend warfen Sandmönch und Bajie ein: »Bruder, misch dich doch nicht in die Angelegenheiten anderer Leute ein! Werter Spender, dürfen wir Euch um ein Bündel Stroh bitten, damit wir irgendwo ein Nachtlager bereiten können? Sobald es Tag wird, werden wir weiterziehen.« Da führte sie der Alte in den Hinterhof, holte zwei Bündel Reisstroh und wies ihnen eine runde Strohhütte im Garten als Lagerstätte zu. Wie sie sich schlafen legten, sei hier nicht weiter ausgeführt. Berichten wir jedoch von den Banditen, unter denen sich tatsächlich der Sohn des alten Yang befand. Seit Pilger am Morgen ihre beiden Anführer erschlagen hatte, waren sie nach allen Seiten geflohen. Erst gegen die vierte Nachtwache rotteten sie sich wieder zusammen und pochten draußen ans Tor. Der Alte hörte es, warf sich einen Mantel über und öffnete. Da sah er eine Horde Banditen, und alle riefen: »Hunger, Hunger!« Schnell huschte der Sohn des alten Yang hinein, weckte seine Frau und ließ sie Reis aufsetzen, während er in den Hinterhof ging, um Holz zu holen. Als er zurückkam, fragte er seine Frau: »Woher kommt das weiße Pferd im Hof?« »Gestern Abend sind ein paar buddhistische Schriftenholer vom Osten gekommen, um hier zu übernachten. Vater und Mutter haben ihnen Abendessen gemacht und sie über Nacht in der Strohhütte einquartiert.« Als der Kerl dies gehört hatte, ging er aus der Halle, klatschte in die Hände und rief lachend: »He, Brüder, das ist ja unerhört! Prima! Die Übeltäter sind hier im Haus!« »Welche Übeltäter?« fragten die Banditen, und er antwortete: »Die Mönche, die unsre Führer ermordet haben. Sie haben sich bei uns einquartiert und schlafen jetzt hinten in der Strohhütte.« »Das ist aber gut! Nehmen wir diese Glatzesel fest und hacken einen nach dem anderen in Stücke, zur Rache für den Tod der Führer!« »Nur keine Eile«, mahnte der Kerl, »geht erst mal die Messer wetzen. Sobald der Reis gar ist, soll sich jeder satt essen, und dann legen wir gemeinsam Hand an.« Tatsächlich begannen diese Banditen nun ihre Säbel und Speere zu schleifen. Der Alte aber hatte ihre Unterhaltung mitangehört und schlich sich nun auf leisen Sohlen in den Hinterhof, wo er Tripitaka und seine Schüler weckte und sagte: »Der Kerl ist mit seiner Bande da. Sie wissen, dass ihr hier seid, und wollen euch etwas antun. Ich törichter Alter möchte nicht, dass euch Mönchen, die ihr aus der Ferne kommt, etwas zustößt. Packt rasch eure Sachen; ich führe euch zur Hintertür hinaus!« Zitternd vor Angst dankte Tripitaka dem Alten mit einem Stirnaufschlag. Dieser öffnete die Hintertür, und nachdem sie alle draußen waren, ging er leise wieder zurück und legte sich schlafen. Doch berichten wir nun von den Räubergesellen, die inzwischen ihre Waffen blankgewetzt hatten und satt waren. Es war schon um die fünfte Nachtwache, als sie in den Hinterhof kamen, doch hier war nichts mehr zu finden. Rasch zündeten sie Fackeln an und suchten alles ab. Schließlich bemerkten sie, dass die Hintertür offen war, und folgerten, dass die Mönche auf diesem Weg geflohen sein mussten. Mit wildem Geheul jagten sie hinterher, einer schneller als der andere, und als im Osten die Sonne aufging, erblickten sie die Pilgernden. Der Priester aber hörte plötzlich ein Geheul, blickte sich um und gewahrte an die zwanzig bis dreißig Leute, die mit gezückten Waffen auf sie zurannten. »Schüler!« rief er, »was tun wir bloß, die Räuber sind uns auf den Fersen!« »Keine Sorge, keine Sorge!« meinte Pilger, »ich alter Sun werde gleich mit ihnen fertig.« »Wukong, du darfst auf keinen Fall jemanden töten!« mahnte Tripitaka. »Es reicht, wenn du ihnen einen Schrecken einjagst, damit sie gehen.« Unverzüglich packte Pilger seine Stange, wandte sich ihnen zu und rief: »Wohin des Weges, meine Herren?« »Du dreister Glatzkopf!« schimpften die Banditen, »gib uns das Leben unsrer Anführer zurück!« Schon scharten sie sich um Pilger und stachen mit Säbeln und Speeren auf ihn los. Dieser aber wirbelte seinen Goldreifstab um sich, dass die Menge auseinanderstob; wer sich zur Wehr setzte, wurde erschlagen. Ein paar Flinkere konnten sich gerade noch retten, die weniger Flinken fuhren auf der Stelle zur Hölle. Tripitaka aber, der vom Sattel aus mitverfolgt hatte, wie Pilger die vielen Menschen erschlug, gab dem Pferd vor Schreck die Sporen und preschte gen Westen, Bajie und Sandmönch hinter ihm her. Pilger aber fragte einen der verletzten Banditen: »Welcher ist der Sohn des alten Yang?« Stöhnend antwortete dieser: »Der dort, im gelben Kleid.« Pilger trat hinzu, entriss ihm den Säbel und schlug dem im gelben Kleid den Kopf ab. Dann nahm er den bluttriefenden Kopf, rannte zu Tripitaka und rief: »Meister, das war der missratene Sohn des alten Yang. Ich alter Sun bringe Euch seinen Kopf!« Tripitaka erblasste, glitt aus dem Sattel und schimpfte: »Du elender Rhesusaffe, du erschreckst mich ja zu Tode! Nimm das weg, schnell!« Bajie trat vor und kickte den Kopf an den Wegesrand, wo er mit dem Rechen etwas Erde darüberhäufte. Sandmönch stützte Tripitaka und sprach: »Steht auf, Meister.« Der Priester aber blieb am Boden sitzen und versuchte sich zu beruhigen, während er gleichzeitig den Reifverengungsspruch zu murmeln begann, dass sich der Reif so eng um Pilgers Kopf schnürte, bis sein Gesicht rot anlief, die Augen hervorquollen und ihm schwindlig wurde. Wie wild wand er sich auf dem Boden und schrie: »Hört auf! Hört auf!« Der Priester aber sprach die Formel mehr als zehn Mal hintereinander, bis Pilger die Schmerzen nicht länger aushalten konnte und winselte: »Meister, vergebt mir meine Schuld! Redet doch mit mir, bloß hört auf, den Spruch zu sagen, bitte!« Erst jetzt hielt Tripitaka inne und meinte: »Es gibt nichts zu bereden. Ich will nicht, dass du weiter mit mir kommst. Geh weg!« Verzweifelt warf sich Pilger vor ihm nieder und rief: »Meister, warum wollt Ihr mich einfach fortschicken?« »Meister, warum wollte Ihr mich einfach fortschicken?« »Du elender Affe!« schrie Tripitaka, »was du da vollführst, ist abscheulich! Schon gestern, nachdem du die zwei Bandenführer erschlagen hast, habe ich deine Unmenschlichkeit getadelt. Dann waren wir bei den Alten zu Gast, haben Speise und Quartier erhalten, und am Ende hat er uns sogar durch die Hintertür fliehen lassen. Dass sein Sohn ein Taugenichts war, hat doch mit uns nichts zu tun; du kannst ihm doch nicht einfach den Kopf abhauen! Ganz zu schweigen von all den anderen, die du ermordet hast! So viele Menschenleben sind durch dich umgekommen, so viel Harmonie zwischen Himmel und Erde hast du zerstört! Wie oft habe ich dich schon eines Besseren belehrt, du aber denkst kein einziges Mal an das Gute. Wozu soll ich dich weiter bei mir haben? Mach, dass du fortkommst, aber schnell, sonst sage ich den Spruch wieder auf!« Da bekam es Pilger mit der Angst zu tun und rief: »Nein, nein! Ich gehe!« Schon schoss er im Wolkenüberschlag in die Lüfte und verschwand spurlos in der Ferne. Ach! So war es in der Tat: Regt sich Ungestüm im Herzen, Reift das Elixier nicht mehr; Fehlt dem Geist ein fester Ort, Wird der Weg des Dao schwer. Da wir aber nicht wissen, wohin der Große Heilige nun ging, lasst uns hören, was das nächste Kapitel berichtet. 第057回 / 57. Kapitel Der echte Pilger klagt sein Leid beim Potalaka-Berg / Hinterm Wasservorhang sitzt ein falscher Affenkönig Berichten wir nun, wie der Große Heilige wütend und traurig in die Lüfte stieg und eigentlich am liebsten zur Wasservorhang-Grotte auf dem Blumen-Früchte-Berg gegangen wäre, nur fürchtete er, seine kleinen Ungeheuer könnten ihn auslachen. So blieb er lange unschlüssig. Nun steckte er wirklich in der Klemme. »Ach, sei’s drum«, sagte er sich endlich, »lieber will ich zum Meister zurück, nur so erlange ich die Rechte Frucht.« Er senkte seine Wolke, landete neben Tripitakas Pferd und sprach: »Meister! Bitte vergebt Eurem Schüler noch dieses eine Mal. Von jetzt an werde nie mehr wagen, Gewalt anzuwenden; ich werde mich in allen Belangen nach Euren Anweisungen richten. Es ist doch notwendig, dass ich Euch auf dem Weg in den Westen beschütze!« Tripitaka gab keine Antwort. Stattdessen brachte er das Pferd zum Stehen und begann den Reifverengungsspruch zu murmeln, bis Pilger sich vor Schmerzen am Boden wälzte. Dann sagte Tripitaka: »Warum gehst du nicht weg und belästigst mich schon wieder?« »Hört auf, hört auf!« heulte Pilger. »Ich werde schon einen Unterschlupf finden. Nur fürchte ich, dass Ihr ohne mich nie in den Westhimmel kommt!« »Du elender Rhesusaffe!« schrie Tripitaka wütend. »Mord und Totschlag hast du begangen; jetzt will ich dich wirklich nicht mehr haben. Ob ich den Westen erreiche oder nicht, geht dich nichts an. Mach, dass du fortkommst, aber schnell! Sonst sage ich den Spruch und höre nicht mehr auf.« Der Große Heilige verstand, dass der Meister nicht zum Einlenken bereit war, und so blieb ihm nichts übrig, als wieder in die Lüfte zu steigen. Auf einmal kam ihm eine Idee, und er sagte sich: »Dieser Mönch tut mir unrecht! Jetzt gehe ich zur Insel Potalaka und erzähle alles der Bodhisattva Guanyin.« Also schwebte er in Richtung Südmeer, senkte dort sein glückverheißendes Licht und kam geradewegs zum Purpurnen Bambuswald der Insel Potalaka, vor den Kostbaren Lotosthron. Sowie er die Bodhisattva erblickte, warf er sich vor ihr nieder und konnte auf einmal die Tränen nicht mehr zurückhalten. Er weinte hemmungslos. Die Bodhisattva hieß Sudhana, ihm aufzuhelfen, und sprach: »Wukong, was für ein Leid ist dir widerfahren? Erzähle mir alles, ich werde dich aus der Not erlösen.« »Niemals habe ich, Euer Jünger, je zuvor eine solche Demütigung einstecken müssen!« Unter Tränen machte Wukong eine Verbeugung und sagte: »Niemals habe ich, Euer Jünger, je zuvor eine solche Demütigung einstecken müssen! Seit ich dank Euch, Bodhisattva, dem Unheil des Himmels entronnen bin und Tripitaka in den Westen begleite, habe ich mich mit Leib und Seele für ihn eingesetzt. Alle dämonischen Widerstände habe ich ihm aus dem Weg geräumt und habe meine ganze Hoffnung darauf gesetzt, einst die wahre Erlösung zu finden, alles Karma reinzuwaschen und alles Böse auszumerzen. Ich hätte nie gedacht, dass dieser Priester derart ungerecht und undankbar sein würde, dass er mich fortjagt und unsere gute Beziehung zerstört, ohne Schlecht und Recht auseinanderzuhalten!« »Dann erzähle mir mal, was schlecht und recht war und wie alles gekommen ist«, sprach Guanyin. Nachdem Pilger ausführlich geschildert hatte, was mit den Banditen geschehen war, erwiderte die Bodhisattva: »Tripitaka richtet sich als Mönch mit ganzem Herzen nach dem Guten, nie würde er jemanden töten. Du mit all deinen Fähigkeiten hättest es doch nicht nötig, so viele Banditen totzuschlagen! Die Banditen sind zwar schlecht, aber dennoch sind es Menschenleben. Meines Erachtens bist doch du es, der schlecht gehandelt hat.« »Nun, auch wenn ich schlecht gehandelt habe«, lenkte Pilger ein, »sollte ich doch die Möglichkeit haben, es mit Verdiensten wieder gutzumachen; er sollte mich nicht auf diese Art verjagen. Ach Bodhisattva, lasst mir bitte Eure Gunst zukommen und sprecht einen Reiflockerungsspruch, damit ich diesen Reif wegkriege und ihn Euch zurückgeben kann! Und dann lasst mich wieder in die Wasservorhang-Grotte gehen!« »Den Reifverengungsspruch habe ich von Buddha erhalten«, erwiderte die Bodhisattva lächelnd, »einen Lockerungsspruch gibt es nicht.« »Wenn dem so ist«, beschied Pilger, »will ich jetzt von Euch Abschied nehmen und weitergehen.« »Wohin denn?« »In den Westhimmel. Ich will von Buddha den Spruch zur Reiflockerung.« »Warte«, sprach Guanyin, »ich will schauen, wie es um deinen Meister steht.« Die gute Bodhisattva! Auf ihrem Lotosthron versetzte sie sich nun in tiefe Versenkung, ließ ihr Herz durch alle drei Welten wandern und blickte, den ganzen Kosmos erfassend, mit weisem Auge in die Ferne. Einen Augenblick später öffnete sie den Mund und sprach: »Wukong, dein Meister wird sogleich in Not kommen und deiner bedürfen. Bleibe nur hier, ich werde mit ihm sprechen und ihn dazu bewegen, mit dir zusammen die Schriften zu holen, damit ihr letztlich zur Erlösung findet.« Dem Großen Heiligen blieb nichts übrig, als sich ihr anzuvertrauen. Wie er nun wartend beim Kostbaren Lotosthron verharrte, sei hier nicht weiter ausgeführt. Wenden wir uns stattdessen dem Priester zu, der, seit er Pilger verjagt hatte, mit Bajie und Sandmönch zusammen gen Westen gewandert war. Sie hatten noch keine fünfzig Meilen zurückgelegt, als Tripitaka sein Pferd zügelte und sprach: »Seit wir frühmorgens das Dorf verlassen und auch noch Ärger mit diesem Bimawen gehabt haben, plagen mich schon lange Hunger und Durst. Wer von euch geht auf Almosengang?« »Ich gehe, Meister«, antwortete Bajie. »Steigt ab und ruht ein bisschen aus.« Während der Meister aus dem Sattel stieg, schnellte Bajie auf einer Wolke hoch und suchte aus der Höhe sorgfältig die Gegend ab. Schließlich kam er zu Tripitaka zurück und sagte: »Es gibt nirgends etwas zu holen, weit und breit ist kein einziges Haus zu sehen.« »Dann bring mir doch wenigstens etwas Wasser, damit ich den Durst löschen kann.« »Wartet, ich werde es besorgen«, versprach Bajie, nahm die Almosenschale und entschwebte auf einer Wolke. Der Priester aber blieb am Wegrand sitzen und wartete. Sein Gaumen war so trocken, dass sich die Zunge bitter anfühlte, Hunger und Durst wurden unerträglich. Sandmönch sprach: »Meister, bleibt erst mal hier sitzen. Ich schaue zu, dass Ihr so schnell wie möglich Wasser kriegt.« Den Tränen nahe antwortete der Priester mit einem Nicken. Nun entschwebte auch Sandmönch auf einer Wolke und verschwand. Einsam und elend blieb der Meister zurück. Mitten in dieser Bedrängnis hörte er auf einmal einen hellen Klang und erschrak. Als er sich leicht vorbeugte, erblickte er Pilger, der mit einer Porzellantasse in beiden Händen am Wegrand kniete und sprach: »Meister, ohne den alten Sun kommt Ihr nicht mal zu Wasser! Erfrischt Euch doch an dem kühlen Trunk, dann werde ich Euch etwas zu essen holen.« »Dein Wasser trinke ich nicht!« versetzte Tripitaka, »und wenn ich auf der Stelle verdursten muss. Dann ist das eben mein Schicksal. Verschwinde!« »Ohne mich erreicht Ihr den Westen nie.« »Das geht dich nichts an. Hast du denn nichts anderes zu tun, als mich zu belästigen, du Affenpack?« Plötzlich wurde Pilger feindselig und fauchte den Priester an: »Du herzloser Glatzkopf! Richtig gemein bist du zu mir!« Er schwang seine Eisenstange und versetzte Tripitaka einen Hieb auf den Rücken. Ohnmächtig fiel der Priester zu Boden, unfähig, noch einen Laut von sich zu geben. Pilger aber ergriff die beiden Taschen aus grauem Filz und sauste im Wolkenüberschlag in unbekannte Richtung davon. Doch berichten wir nun von Bajie, der mit der Almosenschale an den Südhang des Berges gekommen war, wo er auf einmal in einer Talsohle eine Strohhütte erblickte. Weil sie von der Bergkuppe verdeckt wurde, hatte er sie zuvor nicht gesehen. Da überlegte er: »Wenn ich mit meiner Fratze auftauche, kriege ich sicher nichts. Lieber verändere ich mich ein bisschen.« Schon machte er ein magisches Fingerzeichen, murmelte einen Zauberspruch und erschien als Mönch mit Hungerbauch und fahlem Gesicht. Dann trat er vor die Tür und rief: »Werte Spender! In der Küche habt ihr Reste, draußen steht ein Hungernder. Geringer Mönch kommt aus dem Osten und pilgert in den Westen, um Heilige Schriften zu holen; sein Meister sitzt hungernd und dürstend am Wege. Seid so gut, und gebt etwas ab vom kalten Reis oder was noch im Topf klebt; das wird euer Karma mit der guten Lehre verbinden!« Die Männer des Hauses waren, wie sich herausstellte, alle auf den Feldern; nur zwei Frauen waren zu Hause. Als diese den kränklichen Mönch sahen und vernahmen, dass er aus dem Osten in den Westen pilgere, konnten sie nicht anders, als seine Schale randvoll mit Reisresten zu füllen. Der Tölpel nahm die Schale, machte seine Verwandlung rückgängig und trat den Rückweg an. Unterwegs traf er Sandmönch, ließ ihn den Reis im aufgeschürzten Gewand bergen und ging eine Schale Wasser schöpfen. Als die beiden nun fröhlich zurückkamen, fanden sie Tripitaka kopfüber im Staube; das weiße Pferd hatte sich losgerissen und bäumte sich mit lautem Gewieher am Wegesrand auf. Das Gepäck aber war spurlos verschwunden. Bajie stampfte vor Schreck auf, hämmerte sich mit den Fäusten an die Brust und rief: »Kein Zweifel! Das sind die verbliebenen Banditen gewesen, die von Pilger vertrieben wurden. Nun haben sie aus Rache den Meister umgebracht und das Gepäck gestohlen!« »Binde das Pferd an!« befahl ihm Sandmönch, dann rief er: »Meister!« Er drehte Tripitakas Körper um, hielt die Wange an dessen Gesicht und weinte. Doch da fühlte er, wie warme Luft aus dessen Mund und Nase strömte, auch die Brust war warm. »Bajie«, rief er, »komm her, der Meister ist nicht tot!« Da kam der Tölpel und half dem Priester empor. Allmählich kam Tripitaka wieder zu Bewusstsein, wimmerte eine Weile und sagte schließlich: »Dieser Affenlump wollte mich erschlagen!« »Der Affe ist es gewesen?« fragten Sandmönch und Bajie gleichzeitig. Der Priester verlangte nach Wasser, trank ein paar Schlucke, dann antwortete er: »Kaum wart ihr weg, meine Schüler, ist Wukong schon wieder gekommen und hat mich belästigt. Als ich seine Sache entschieden abgelehnt habe, hat er mich geschlagen und das ganze Gepäck weggenommen.« Bajie knirschte mit den Zähnen und knurrte: »Wer hätte geglaubt, dass dieser Affe sich derart dreist benehmen würde!« Zu Sandmönch gewandt sagte er: »Sorge für den Meister, ich hole gleich unser Gepäck zurück!« »Reg dich erst mal nicht auf«, erwiderte Sandmönch, »lass uns den Meister zu dem Haus dort drüben in der Talsohle bringen. Dort können wir um etwas Tee oder Suppe bitten, den Reis wärmen und schauen, dass der Meister sich erholen kann. Dann können wir den Affen immer noch suchen.« Bajie willigte ein und half dem Meister aufs Pferd, dann führten sie ihn zur Hütte. Diesmal war dort nur eine alte Frau, die nichts von ihnen wissen wollte. »Keiner ist im Hause«, sagte sie, »geht woanders hin.« Da stieg der Priester, auf Bajie gestützt, vom Pferd, verbeugte sich und sprach: »Großmütterchen, ich habe drei Schüler, die mich in den Westen begleiten, um Buddha zu huldigen und Heilige Schriften zu holen. Da mein ältester Schüler schlimme Taten verübt hat, habe ich ihn fortgeschickt, doch plötzlich hat er sich heimlich angeschlichen, mich mit einem Stock geschlagen und das Gepäck gestohlen. Nun will einer meiner Schüler unser Gepäck zurückholen. Da wir nicht einfach auf dem Weg sitzen können, haben wir Euren Hof aufgesucht, um ein Weilchen zu rasten. Sobald wir das Gepäck wiederhaben, reisen wir weiter. Auf keinen Fall wollen wir Euch länger Umstände machen.« Das Mütterchen sagte: »Eben ist hier ein hungerbäuchiger, fahler Mönch vorbeigekommen, der hat um Almosen gebeten und ist weitergezogen. Warum kommt jetzt schon wieder eine Gruppe Mönche?« Bajie konnte ein Lachen nicht unterdrücken und erklärte: »Das war ich. Weil ich eine lange Schnauze und große Ohren habe, hab ich mir gedacht, dass Ihr Euch fürchten könntet und mir dann keine Almosen gebt. Drum hab ich mich ein bisschen verwandelt. Wenn Ihr es nicht glaubt, dann schaut in die Rocktasche meines Ordensbruders; das ist doch Euer Reis?« Als die alte Frau sah, dass es tatsächlich der Reis war, den sie eben gespendet hatte, ließ sie die Mönche drinnen absitzen, kochte eine Kanne Tee und reichte sie Sandmönch. Dann goss sie heißes Wasser über den Reis und reichte ihn dem Meister. Dieser blieb lange reglos und versuchte innerlich zur Ruhe zu kommen. Schließlich fragte er: »Wer von euch beiden geht das Gepäck suchen?« »Ich!« rief Bajie. »Nein, das geht nicht«, wehrte der Meister ab. »Mit dir kommt der Affe schlecht aus, und dann nimmst du auch immer so grobe Worte in den Mund. Wenn ihr jetzt irgendwelche Streitigkeiten kriegt, würde er dich gewiss gleich schlagen wollen. Lassen wir lieber Wujing hingehen!« »Ja, ich gehe«, antwortete Sandmönch. »Sobald du ihn gefunden hast, musst du die Lage richtig einzuschätzen wissen«, wies ihn der Meister an. »Gibt er dir die Sachen, dann bedankst du dich vordergründig und nimmst sie mit. Wenn nicht, dann lass dich keinesfalls auf einen Streit ein. Dann gehst du direkt zur Bodhisattva vom Südmeer, berichtest ihr, was geschehen ist, und bittest sie, die Sachen zurückzufordern.« Sandmönch versprach zu tun wie geheißen, stieg mit einem magischen Fingerzeichen auf eine Wolke und entschwebte in Richtung des östlichen Kontinents Purvavideha. So war es in der Tat: Der Geist entflog dem Körper, Bewacht das Haus nicht mehr; Doch wie wird ohne Feuer Das Elixier im Ofen gar? In Bezügen der Fünf Phasen Fehlt den Gefühlen Fügsamkeit, Bis der Herzensaffe einst Wieder in den Leib einkehrt. Drei Tage und drei Nächte lang schwebte Sandmönch durch die Lüfte, bis er endlich den Östlichen Ozean erreichte, wo er sich direkten Weges zur Wasservorhang-Grotte begab. Schon auf dem Weg hörte er das lärmende Kreischen der zahllosen Affen, die auf dem Berg herumtobten, und als er näher kam, entdeckte er Pilger Sun, der, hoch auf einem Felsplateau thronend, mit lauter Stimme ein Schreiben rezitierte, das er in beiden Händen hielt: »Reisedokument, ausgestellt vom Sohn des Himmels im großen chinesischen Kaiserreich auf dem Kontinent Jambudvipa, nach dem Willen des Himmels und des Schicksals: Unserer geringen Tugend eingedenk, führen Wir das bedeutsame Erbe fort, den Göttern zu dienen und das Volk zu regieren, von früh bis spät um redlichen Einsatz bemüht. Vormals ins Jenseits verschieden, bereisten Wir das Höllenreich, von wo aus Wir dank dem Höllenfürsten ins Leben zurückkehren durften. Infolgedessen ließen Wir eine große religiöse Stätte errichten und eine umfangreiche Zeremonie veranstalten. Fernerhin durften Wir einer Offenbarung der goldenen Gestalt Guanyins teilhaftig werden, welche Uns kundtat, dass im Westen Heilige Schriften vorhanden sind, anhand derer Verstorbene und einsame Seelen Erlösung finden. Darum haben Wir eigens Priester Xuanzang beauftragt, über tausend Gebirge in weiter Ferne die besagten Heiligen Schriften zu holen. Möge ihm auf seiner Reise durch die Länder des Westens aufgrund vorliegender Urkunde die Durchreise gestattet werden, auf dass der frommen Berufung kein Abbruch getan werde. Vorliegendes Dokument muss offiziell eingereicht werden. Kaiserliche Urkunde, unterzeichnet am glückbringenden Tage im Herbst des dreizehnten Jahres der Ära Zhen’guan im Kaiserreich China der Tang-Dynastie. Neun wertvolle Stempel. Seit dem Verlassen des Kaiserreichs und dem Durchqueren vieler Länder sind drei Schüler aufgenommen worden: zu Anfang Sun Wukong, dann Zhu Wuneng, zuletzt Sha Wujing.« Nachdem er es zu Ende gelesen hatte, begann er wieder von vorn. Als Sandmönch merkte, dass es sich um die Passurkunde handelte, konnte er sich nicht länger zurückhalten, trat vor und rief laut: »Bruder, wozu liest du die Passurkunde des Meisters?« Jäh hob Pilger den Kopf, doch erkannte er Sandmönch nicht und rief: »Packt ihn, packt ihn!« Schon hatten die Affen Sandmönch umringt und führten ihn vor den Thron, wo Pilger ihn anfauchte: »Wer bist du, dass du es wagst, in meine himmlische Grotte einzudringen?« Da Pilger ihm feindlich gesinnt war und ihn nicht erkennen wollte, blieb Sandmönch nichts übrig, als eine tiefe Verbeugung zu machen und sein Anliegen vorzutragen: »Dem Ordensbruder sei kundgetan, dass der Meister dich, mein Bruder, neulich wegen zu großer Erregung ungerechtfertigt rügte und verstieß, wobei deine Ordensbrüder nicht dazu gekommen sind, ihn eines Besseren zu überzeugen. Während wir anschließend Wasser und Almosen besorgten, bist du, mein Ordensbruder, unerwartet mit gutem Ansinnen wiedergekommen, und als der Meister leider daran festhielt, dich nicht zu behalten, hast du ihn zu Boden geschlagen und das Gepäck entwendet. Inzwischen ist der Meister wieder wohlauf, und darum bin ich nun eigens gekommen, dich zu bitten, eingedenk deiner einstigen Befreiung nun gemeinsam mit mir das Gepäck zum Meister zu bringen, auf dass wir zusammen in den Westen ziehen und die wahre Erlösung finden. Solltest du selbst nicht mitkommen wollen, bitte ich dich, mir unter allen Umständen das Gepäck zu übergeben. So kannst du fröhlich auf deinem schönen Berg bleiben, und beide Seiten sind zufrieden.« Auf diese Worte stieß Pilger ein kaltes Lachen aus und meinte: »Werter Bruder, was du da sagst, passt gar nicht zu meinen Absichten. Dass ich den Priester geschlagen und die Taschen mitgenommen habe, war nicht deshalb, weil ich nicht in den Westen gehen will, und auch nicht, weil ich hier an diesem Ort leben möchte. Die Passurkunde habe ich heute auswendig gelernt, weil ich die Heiligen Schriften selbst holen will. Dann bringe ich sie in den Osten, und der Erfolg gehört mir allein. So werden die Menschen auf dem Kontinent Jambudvipa mich zum Ahnherrn ernennen, und mein Ruhm wird ewig währen!« »Aber Bruder«, lachte Sandmönch, »was du da sagst, entbehrt doch jeder Vernunft. Nie hat jemand davon gesprochen, dass ein Pilger Sun die Heiligen Schriften holen solle. Unser Buddha, der das Tripitaka der Wahren Schriften verfasste, hat eigens Bodhisattva Guanyin im Osten einen Schriftenholer ausfindig machen lassen. Die Bodhisattva hat damals gesagt, der Schriftenholer sei Priester Goldzikade, ein Schüler des Buddha, der wegen unachtsamen Zuhörens bei einer Predigt Buddhas zur Wiedergeburt in den Osten verbannt worden sei, damit er im Westen die Erlösung finde und den Großen Weg der Vervollkommnung noch einmal beschreite. Auf diesem Wege würden viele dämonische Hindernisse zu beseitigen sein, und wir drei Schüler sollten von ihm befreit werden, um ihm schützend beizustehen. Glaubst du etwa, wenn der Priester nicht mit dir zusammen ist, würde Buddha dir die Heiligen Schriften geben? Dein Plan ist doch völlig umsonst!« »Werter Bruder«, gab Pilger zurück, »du weißt eben nur die Hälfte der Tatsachen. Du hast einen Priester, den du mit mir beschützen willst, sagst du, aber glaubst du denn, ich hätte keinen Priester? Ich habe alle Vorkehrungen getroffen und den morgigen Tag zur Abreise festgelegt. Falls du es nicht glaubst, zeig ich’s dir gleich.« Und er rief seinen kleinen Ungeheuern zu: »Schnell, führt den alten Meister heraus!« Die kleinen Affen hüpften in die Grotte und führten gleich darauf ein weißes Pferd heraus, gefolgt von einem Priester, einem Bajie mit Gepäck und einem Sandmönch mit Pilgerstab. Als Sandmönch dies sah, rief er wütend: »Ich alter Sandmönch bin zeitlebens für meine Taten geradegestanden. Wie kann es sein, dass es einen anderen Sandmönch gibt!« Schon zückte er seinen Prunkstab und schlug den falschen Sandmönch mit einem Hieb auf den Schädel tot. Da stellte sich heraus, dass es ein Affengeist war. Aufgebracht schwang Pilger seinen Goldreifstab und befahl den Affen, Sandmönch zu umzingeln. Der aber schlug wild um sich, bis er endlich einen Fluchtweg freimachen konnte, schnellte auf eine Wolke und suchte das Weite. »Dieser unverschämte Affe!« sagte er vor sich hin. »Jetzt klage ich ihn bei Bodhisattva Guanyin an!« Als Pilger sah, dass Sandmönch die Flucht ergriff, verfolgte er ihn nicht weiter, sondern kehrte in die Grotte zurück, wo er einen anderen Affen mit Zauberkraft auswählte, zu einem weiteren Sandmönch machte und abermals Instruktionen für seine Westreise durchzugeben begann. Sandmönch aber schwebte auf seiner Wolke vom Östlichen Ozean weg und kam nach einem Tag und einer Nacht zum Südlichen Ozean. Dort wandelte er gemächlichen Schrittes auf dem Potalaka-Berg und ergötzte sich an der göttlichen Landschaft, als er auf einmal Pilger Moksa erblickte. Der trat auf ihn zu und fragte: »Wujing, was treibt dich hierher, dass du nicht den Meister in den Westen begleitest?« Sandmönch grüßte und sprach: »Ich muss wegen einer Angelegenheit die Bodhisattva aufsuchen und bitte Euch, meine Ankunft zu melden.« Moksa wusste natürlich, dass es um Pilger ging, überbrachte die Meldung sofort, und die Bodhisattva hieß ihn vortreten. Pilger, der unten am Lotossockel stand, hatte die Worte mitangehört und meinte lachend: »Sicher ist der Priester in Not geraten, nun holt Sandmönch die Bodhisattva zu Hilfe!« Nachdem sich Sandmönch vor der Bodhisattva niedergeworfen hatte, blickte er auf und wollte gerade sein Anliegen vorbringen, als er plötzlich an ihrer Seite Pilger gewahrte. Da zückte er seinen Prunkstab und ließ ihn geradewegs auf Pilger sausen. Dieser aber wehrte sich nicht, sondern wich nur dem Schlag aus. »Du Affenpack und zehnfacher Verbrecher!« schimpfte Sandmönch, »nun willst du auch noch die Bodhisattva hinters Licht führen!« »Hör auf, Wujing!« rief Guanyin streng. »Lass mich erst wissen, was du zu sagen hast.« Da senkte Sandmönch seine Waffe, verneigte sich noch einmal und berichtete dann schnaubend vor Wut, was sich ereignet hatte. Zuletzt sagte er: »Aus diesem Grunde bin ich zu Euch gekommen, Bodhisattva. Ich hätte nicht gedacht, dass er mit seinem Wolkenüberschlag vor mir eintreffen würde. Auch weiß ich nicht, mit welchen gediegenen Lügen er Euch hinters Licht geführt hat.« »Wujing, beschuldige niemanden zu Unrecht«, sprach Guanyin. »Wukong ist seit vier Tagen hier; ich habe ihn nicht weggehen lassen. Wie sollte er also einen anderen Priester zaubern und selbst in den Westen gehen?« »Aber ich habe heute bei der Wasservorhang-Grotte wirklich einen Pilger Sun gesehen; wie könnte ich zu lügen wagen?« »Wenn dem so ist«, sprach die Bodhisattva, »dann beruhige dich jetzt und gehe mit Pilger zusammen hin. Ist es etwas Wahres, so wird es schwer bezwingbar sein; ist es aber Trug, so lässt es sich leicht beseitigen. Sobald ihr dort seid, wird sich die Sache von selbst klären.« Auf diese Worte verabschiedete sich Pilger von Guanyin und machte sich mit Sandmönch auf den Weg. Über diesen Gang heißt es: Vor der Wasservorhang-Grotte Werden Schlecht und Recht geteilt, Auf dem Blumen-Früchte-Berg Werden Falsch und Echt enthüllt. Und da wir nicht wissen, wie dies geklärt werden sollte, lasst uns hören, was das nächste Kapitel berichtet. 第058回 / 58. Kapitel Zwei Herzen versetzen die Welt in Verwirrung / Der eine Körper findet schwer zur Wahren Leerheit Nachdem sich Pilger und Sandmönch von der Bodhisattva verabschiedet hatten, stiegen sie auf zwei glückverheißenden Lichtstrahlen in die Höhe und verließen den Südlichen Ozean. Pilger aber war mit seinem Wolkenüberschlag viel schneller als Sandmönch, der auf seiner Wolke dahinschwebte. Pilger machte Anstalten, vorauszugehen, doch Sandmönch hielt ihn zurück und sprach: »Bruder, versuche nicht, mir etwas zu verheimlichen und irgendwelche Vorbereitungen zu treffen! Warte auf mich.« Der Große Heilige hat es eigentlich gut gemeint, Sandmönch aber hegte noch Zweifel. Also blieben sie zusammen und ließen sich nach einiger Zeit auf dem Blumen- Früchte-Berg nieder. Vor der Grotte schauten die beiden genau hin und sahen nun tatsächlich einen Pilger, der oben auf dem Felsplateau thronte, mit der Affenschar Wein trank und sich amüsierte. Im Äußeren unterschied er sich in keiner Weise vom Großen Heiligen. Er hatte ebenfalls ein behaartes Gesicht mit einer Donnergottschnauze und feurigen Goldaugen, trug ebenfalls eine bestickte Kutte und ein Tigerfell um die Hüften und hielt genauso einen Goldreifstab in der Hand. Alles war ein und dasselbe. Der Große Heilige glühte vor Zorn, riss sich von Sandmönch los, zückte seine Stange und schrie: »Was bist du für ein Ungeheuer, dass du es wagst, meine Gestalt anzunehmen, meine Kinder und Kindeskinder in Besitz zu nehmen und in meine himmlische Grotte einzudringen! Weißt du eigentlich, was für ein Verbrechen dies ist?« Der andere Pilger aber packte, ungerührt und ohne eine Antwort zu geben, seine Eisenstange und warf sich in den Kampf. Schon wirbelten beide Pilger durcheinander; es war ein unerhörtes Gefecht zwischen Sein und Schein! Nun ließ ein jeder sich auf einer Wolke nieder, und beide stürmten bis zum neunten Himmel hinauf. Sandmönch, der nahebei war, hätte nur zu gern geholfen, doch aus Furcht, den Echten zu verletzen, traute er sich nicht einzugreifen. Nachdem er lange gezögert hatte, sprang er schließlich auf den Berg und schlug sich mit seinem Prunkstab einen Zugang zur Grotte frei. Entsetzt stob die Horde der Unholde auseinander. Sandmönch suchte überall nach den Gepäckstücken, doch waren sie nirgends zu sehen. Denn der Eingang zur Wasservorhang-Grotte wurde ja von einem Wasserfall verdeckt, der aus der Ferne einem weißen Vorhang ähnlich sah, daher kam ja auch ihr Name. Da Sandmönch aber gar nicht wusste, wie sie damals hineingefunden hatten, suchte er vergeblich. Schließlich sprang er wieder in die Höhe und schwang seinen Prunkstab, doch abermals war es ihm unmöglich, einzugreifen. »Sandmönch!« rief ihm der Große Heilige zu, »wenn du schon nicht helfen kannst, dann geh doch bitte zum Meister und berichte ihm, dass die Lage so und so steht und dass ich alter Sun mit diesem Ungeheuer jetzt bis zur Bodhisattva vom Südmeer kämpfen werde, damit sie den Echten vom Falschen unterscheidet.« Kaum hatte er zu Ende gesprochen, sagte der andere Pilger genau dasselbe. Sandmönch betrachtete die beiden eingehend, doch ob von der Gestalt oder von der Stimme her, sie waren wie ein und derselbe. Es blieb ihm also nichts anderes übrig, als umzukehren und Tripitaka in Kenntnis zu setzen. Davon sei hier nicht weiter die Rede. Seht, wie die beiden Pilger sich prügelnd vorwärtsbewegen, bis zur Insel Potalaka im Südlichen Ozean! Mit ihrem Kampfgeschrei hatten sie längst die Schutzgötter der Insel aufgeschreckt, die nun in der Grotte meldeten: »Bodhisattva, es kommen tatsächlich zwei kämpfende Sun Wukong daher!« Da trat die Bodhisattva mit Moksa, Sudhana und der Drachenprinzessin nach draußen und rief: »Stillgestanden, du Bestie!« Die beiden packten einander, und der eine rief: »Bodhisattva! Der Kerl hat tatsächlich meine Gestalt angenommen. Wir kämpfen, seit wir die Wasservorhang- Grotte verlassen haben, doch wir sind einander ebenbürtig. Sha Wujing konnte mir mit bestem Willen nicht helfen, drum hab ich ihn zum Meister geschickt. Jetzt bringe ich den Kerl hierher, damit Ihr, Bodhisattva, mit weisem Blick Sein von Schein und das Gute vom Bösen unterscheidet.« Kaum hatte er ausgesprochen, sagte der andere Pilger dasselbe. Lange betrachtete die Bodhisattva mit den anderen Göttern die beiden, doch es war unmöglich, sie auseinanderzuhalten. »Lasst voneinander ab und stellt euch mal nebeneinander«, sagte die Bodhisattva schließlich, »ich will noch einmal genau schauen.« Tatsächlich ließen sie voneinander ab und stellten sich nebeneinander auf. »Ich bin der Echte!« tönte es von der einen Seite, und von der anderen: »Er ist der Falsche!« Die Bodhisattva rief nun Moksa und Sudhana nach vorn und flüsterte ihnen zu: »Jeder von euch soll sich einen der beiden vornehmen; ich werde im Stillen den Reifverengungsspruch aufsagen, und dann schauen wir, welcher Schmerzen kriegt. Der Echte muss es spüren, der Falsche nicht.« Also stellte sich ein jeder zu einem der Pilger. Wie aber die Bodhisattva den Spruch aufzusagen begann, schrien beide gleichzeitig auf, hielten sich den Kopf, wanden sich am Boden und flehten: »Aufhören, aufhören!« Die Bodhisattva hielt inne. Da packten sich die beiden von neuem und prügelten weiter. Nun wusste sich auch die Bodhisattva nicht weiterzuhelfen und rief: »Sun Wukong!« Beide reagierten gleichzeitig. »Früher hast du doch als Bimawen gedient und den Himmelspalast in Aufruhr gebracht. Die Götter und Krieger dort oben kennen dich doch alle. Geh also erst mal in die oberen Sphären, um eine Entscheidung zu finden, dann melde dich wieder.« Der Große Heilige bedankte sich, Pilger bedankte sich ebenso, dann stürmten die beiden zerrend und stoßend, schimpfend und prügelnd bis zum Südlichen Himmelstor, wo der erschrockene Himmelskönig Virupaksha auf der Stelle die Vier Himmelskrieger Ma, Zhao, Wen und Guan zusammen mit weiteren Gottheiten antreten ließ. Diese stellten sich ihnen mit gezückten Waffen in den Weg und riefen: »Wo wollt ihr hin? Dies ist nicht der Ort zum Streiten!« »Weil ich den Priester aus China beschütze«, erklärte der Große Heilige, »habe ich unterwegs ein paar Banditen erschlagen, da hat er mich verstoßen. Ich weiß nicht, wann dieses Ungeheuer meine Gestalt angenommen hat. Es hat den Priester niedergeschlagen, unser Gepäck gestohlen und meine Grotte besetzt. Wir kämpfen schon, seit wir die Wasservorhang-Grotte verlassen haben, und waren auch schon auf Potalaka, doch selbst Bodhisattva Guanyin kann uns nicht auseinanderhalten. Darum kommen wir hierher und bitten alle Himmlischen, sich die Mühe zu machen, uns mit scharfem Blick zu prüfen, um den Echten vom Falschen zu unterscheiden.« Pilger wiederholte das Ganze. Die Götter des Himmels musterten sie lange, doch konnten auch sie keinen Unterschied sehen. Schließlich riefen die beiden laut: »Wenn ihr uns nicht erkennen könnt, dann gebt uns wenigstens den Weg zum Jadekaiser frei!« Die Götter vermochten sie nicht aufzuhalten. Sie öffneten das Himmelstor und eilten zur Halle der Himmelshöhen, wo Marschall Ma zusammen mit den Vier Himmelsmeistern Zhang, Ge, Wu und Qiu meldete: »Aus den unteren Gefilden sind zwei gleiche Sun Wukong eingetroffen. Sie sind durchs Himmelstor eingedrungen und fordern, den Herrn zu sehen.« Die Worte waren kaum verklungen, als die beiden schon heranstürmten. Der Jadekaiser begab sich in die Halle der Himmelshöhen und fragte: »Wie könnt ihr euch erdreisten, im Himmelspalast Unruhe zu stiften und bis vor Unserem Thron zu lärmen? Ihr seid des Todes!« »Majestät, Majestät!« rief der Große Heilige, »Euer Untertan hat sich doch der buddhistischen Lehre anvertraut und wird es nie mehr wagen, das Herz zu täuschen und die Obrigkeit zu hintergehen. Dass ich hierherkomme, ist einzig und allein, weil dieses Ungeheuer meine Gestalt angenommen hat …«, so erzählte er weiter, was sich alles ereignet hatte, und endete mit den Worten: »Möge Eure Majestät Euren wahren Untertan vom falschen unterscheiden.« Jener Pilger aber wiederholte das Gesagte. Da beauftragte der Jadekaiser den Pagodentragenden Himmelskönig Li, die beiden mit seinem Geisterspiegel zu spiegeln, damit man sehen könne, welcher der Echte und welcher der Falsche sei. Sogleich stellte der Himmelskönig seinen Geisterspiegel auf und bat den Jadekaiser und die anderen Götter, hineinzuschauen. Doch man sah nichts als die Spiegelbilder zweier Sun Wukong, die sich um kein Haar unterschieden, auch der goldene Reif und die Kleidung waren identisch. Der Jadekaiser vermochte sie nicht zu unterscheiden und wies sie aus dem Palast. Der Große Heilige lachte kalt auf, und Pilger grinste vergnügt. Dann packten sie sich an den Köpfen, zerrten einander am Hals und wirbelten zum Himmelstor hinaus, bis sie schließlich auf dem Weg nach Westen landeten, wo beide schrien: »Ich bringe dich vor den Meister!« Doch berichten wir hier zuerst von Sandmönch, der abermals drei Tage und Nächte unterwegs gewesen war, bis er das Gehöft erreicht und Tripitaka alles erzählt hatte. Da meinte dieser: »Damals dachte ich nur, Wukong hätte mich geschlagen; wer hätte auch geahnt, dass sich ein Ungeheuer in einen falschen Wukong verwandeln würde!« »Dieser Dämon hat sogar einen falschen Meister, ein Pferd und einen Bajie gezaubert«, erzählte Sandmönch. »Dann hat er noch einen gehabt, der sich in mich verwandelt hat, den habe ich totgeschlagen, da war es ein Affengeist. Das Ungeheuer sieht wirklich haargenau gleich aus wie unser Ordensbruder; man kann sie nicht auseinanderhalten.« Da prustete Bajie los: »Haha, wie das passt! Genau das hat doch das Mütterchen dieses Hauses gesagt: Wie viele Gruppen von Schriftenholern es eigentlich gäbe? Das ist doch wieder eine Gruppe!« Während er noch sprach, ertönte am Himmel ein lautes Getöse, und als sie erschrocken hinaustraten, gewahrten sie, wie zwei Pilger im Kampf heranbrausten. Bajie konnte sich nicht halten, sprang auf und schrie nach oben: »Bruder! Ich alter Eber komme dir zu Hilfe!« Da riefen beide Pilger gleichzeitig: »Erschlag das Ungeheuer, erschlag es!« Sandmönch wandte sich an den Meister und sprach: »Setzt Euch hier nieder, Meister; ich will mit dem zweiten Bruder je einen der beiden zu Euch führen, und Ihr sagt den Spruch auf, dann schauen wir, welcher Schmerzen kriegt, und das wird der Echte sein.« »Sehr gut gesprochen!« stimmte Tripitaka zu. Da sprang Sandmönch in die Lüfte und rief laut: »Hört auf zu kämpfen, ihr zwei! Wir bringen euch vor den Meister und schauen, wer der Echte ist.« Die beiden ließen voneinander ab, Sandmönch packte den einen und Bajie den andern, dann senkten sie die Wolken und landeten vor der Hütte. Unverzüglich begann Tripitaka den Spruch zu murmeln. Da heulten beide schlagartig auf und riefen: »Warum müsst Ihr mich nach dem harten Kampf noch mit diesem Zauber quälen? Hört auf, hört auf!« Der Priester hielt inne. Auch ihm gelang es nicht, die beiden auseinanderzuhalten. Schließlich rissen sich die beiden los und prügelten weiter wie zuvor. »Brüder!« rief der Große Heilige, »habt acht auf den Meister, ich bringe diesen Kerl vor den Höllenkönig!« Der andere Pilger sagte dasselbe; die beiden rasten ringend und drängend davon und entschwanden alsbald den Blicken. »Sandmönch«, meinte Bajie, »du bist doch bei der Wasservorhang-Grotte gewesen und hast jenen falschen Bajie mit dem Gepäck gesehen, warum hast du es denn nicht mitgebracht?« »Als die Ungeheuer gemerkt haben, dass ich den falschen Sandmönch umgebracht hatte, haben sie mich umzingelt und wollten mich packen; ich konnte nur noch um mein Leben rennen. Nachher bin ich noch mal zur Grotte gekommen, während die beiden in der Höhe kämpften. Doch dort habe ich nichts als einen Wasserfall gesehen; keine Ahnung, wo das Tor zur Grotte war. Darum hab ich mit leeren Händen zurückkommen müssen.« »Dann weißt du also nichts davon«, versetzte Bajie. »Als ich ihn vor ein paar Jahren von dort zurückgeholt habe, ist er in die Grotte gegangen, um sich umzukleiden, da habe ich gesehen, wie er durch den Wasserfall gesprungen ist. Eben dieser Wasserfall ist der Eingang. Das Ungeheuer hat unser Gepäck sicher dort drin versteckt.« Da meinte Tripitaka: »Wenn du den Eingang schon kennst, dann geh doch jetzt, wo er weg ist, in die Grotte und nimm unser Gepäck. Dann können wir endlich weitergehen. Auch wenn er kommt, will ich ihn nicht mehr haben.« »Gut, ich gehe«, antwortete Bajie, trat ins Freie, sprang zum Himmel und sauste schnurstracks zum Blumen-Früchte- Berg, wo er das Gepäck holte, doch davon sei hier nicht weiter die Rede. Wenden wir uns stattdessen wieder den beiden Pilgern zu, die sich in lärmender Rauferei bis hinter den Yinshan, den Berg der Unterwelt, geschlagen hatten, wo sich alle Geister zitternd und bebend in Sicherheit zu bringen suchten. Einige stoben zum Senluo-Palast und meldeten: »Großer König! Zwei Himmelsebenbürtige Große Heilige sind prügelnd hierhergekommen!« Ein Schreck durchfuhr die Höllenkönige der zehn Hallen; blitzartig versammelten sie sich und setzten in aller Eile König Ksitigarbha, den Bodhisattva der Unterwelt, in Kenntnis. Alle kamen in die Senluo-Halle, mobilisierten Geisterkrieger und warteten. Da brauste ein Sturmwind heran, die Luft erfüllte sich mit drückendem Dunst, und zwei Pilger wirbelten in die Senluo-Halle. Die Höllenfürsten versperrten ihnen den Weg und fragten: »Was treibt den Großen Heiligen dazu, in der Unterwelt zu wüten?« Der Große Heilige berichtete, was geschehen war, und schloss mit den Worten: »Aus diesem Grunde komme ich jetzt in die dunklen Gefilde der Unterwelt und hoffe, dass ihr, Fürsten des Jenseits, einen Blick ins Buch der Lebenden und Toten werfen könnt, um herauszufinden, wo dieser falsche Pilger herkommt. Dann soll seine Seele so rasch wie möglich eingezogen werden, damit dieses Chaos zweier Herzen ein Ende findet.« Das Ungeheuer wiederholte das Gesagte. Da riefen die Könige der Unterwelt den zuständigen Höllenrichter herbei, der nun das ganze Buch der Lebenden und Toten von Anfang an sorgfältig durchsuchte, doch von einem falschen Pilger stand nirgendwo etwas geschrieben. Anschließend wurden die Listen aller Tierarten überprüft, allerdings waren die hundertdreißig Paragraphen über Affen ja bereits durchgestrichen worden, als der Große Heilige einst in der Unterwelt gewütet hatte, daher waren seither für Affenartige keine weiteren Einträge mehr gemacht worden. Nachdem alles überprüft worden war, wurde in der Senluo-Halle Bericht erstattet. Mit ehrerbietig vor die Brust erhobenen Jadetäfelchen sprachen die Höllenkönige: »Großer Heiliger, da sein Name in der Unterwelt nicht zu finden ist, lasst doch lieber im Diesseits eine Entscheidung fällen.« »Augenblick!« fiel ihnen Bodhisattva Ksitigarbha ins Wort. »Ich werde das Diting, mein Horchtier, die Wahrheit erhorchen lassen.« Diting, »Aufmerksames Horchen«, war nämlich der Name des Tieres, das immer unter dem Tisch lag, auf dem der Bodhisattva die Heiligen Schriften ausbreitete. Wenn dieses Tier sein Ohr an den Boden legte, vermochte es in einem Augenblick sämtliche Vier Kontinente der Welt auszuhorchen. Ganz gleich, ob es sich um nackte, beschuppte, behaarte, gefiederte oder insektenartige Wesen handelte, ob es um himmlische, irdische, göttliche, menschliche oder geisthafte Unsterbliche ging, es wusste in jedem Fall sofort, ob eine Kreatur gut war oder schlecht, klug oder dumm. Auf den erhabenen Befehl des Bodhisattva Ksitigarbha beugte sich das Horchtier im Hof vor der Senluo-Halle zu Boden, hob dann sogleich den Kopf und sprach zu Ksitigarbha: »Ich habe den Namen des Ungeheuers. Doch er darf nicht in seiner Anwesenheit ausgesprochen werden, noch darf man helfen, es einzufangen.« »Was geschieht, wenn der Name in seiner Anwesenheit ausgesprochen wird?« fragte Ksitigarbha. »Dann könnte das Ungeheuer durch unsere Hallen wüten, dass wir in der Unterwelt keine Ruhe mehr finden.« »Und warum darf man es nicht fangen helfen?« »Die Zauberkräfte dieses Ungeheuers unterscheiden sich in nichts von jenen des Großen Heiligen Sun. Die Götter der Unterwelt haben nicht die Kraft, es einzufangen.« »Wie kann man es dann loswerden?« fragte Ksitigarbha. »Buddhas Lehre ist grenzenlos«, sprach das Horchtier. Ksitigarbha hatte längst verstanden. Nun sprach er zu den zwei Pilgern: »Ihr seht aufs Haar gleich aus, und eure magischen Kräfte stehen sich in nichts nach. Wenn ihr also unterschieden werden wollt, müsst ihr zu Buddha Shakyamuni Tathagata im Tempel des Donnergrollens. Erst dort werdet ihr Klarheit finden.« »Ja, ja, recht gesprochen!« riefen die beiden, »ich bringe dich in den Westen zu Buddha, da wird die Entscheidung gefällt!« Die Höllenfürsten der zehn Hallen begleiteten sie nach draußen, und Ksitigarbha kehrte in seinen Palast der Smaragdenen Wolken zurück. Davon sei hier nicht weiter die Rede. Seht, wie die zwei Pilger über Wolken und Nebel in den Westen stürmen! Dazu gibt es ein Gedicht: Hat ein Mensch zwei Herzen, Wird Unheil bald entstehen; Durch die ganze weite Welt Werden Zweifel strömen. Eben weilten die Gedanken Bei Herzögen, edlen Pferden, Gleich sind sie im Kaiserhof, Bei den Ämtern höchster Würden. Überall wird Krieg geführt, Ruhelos in Nord und Süd, Zwischen Ost und West getrieben, Werden sie von Leid gequält. Darum ist’s, dass Buddhas Schule Das Kein-Herz-Geheimnis lehrt;314 Nähre still das Kind im Innern, Das zum Heiligen Embryo wird. Raufend und balgend fuhren die beiden durch die Lüfte, stürmten geradewegs auf den paradiesischen Seelenberg im Westen zu und landeten vor dem Tempel des Donnergrollens. Rings um die Lotosterrasse der Sieben Kostbarkeiten waren die Vier großen Bodhisattvas, die Acht großen Diamantwächter, alle Fünfhundert Arhats und Zehntausend Genien, zahlreiche Nonnen und Mönche, Laienschwestern und Laienbrüder sowie die Heiligen aller Himmel versammelt und lauschten gerade Buddhas Rede. Der Buddha sprach: »Im Nicht-Existenten ist Existenz, im Nicht-Inexistenten ist Inexistenz. Im Nicht-Materiellen ist Materie, im Nicht-Leeren ist Leerheit. Nicht-Existenz ist Existenz, Nicht-Inexistenz ist Inexistenz. Nicht-Materie ist Materie, Nicht-Leerheit ist Leerheit. Leerheit ist Leerheit, Materie ist Materie. Keine Materie ist bleibend materiell: Materie ist Leerheit. Keine Leerheit ist bleibend leer: Leerheit ist Materie. Zu verstehen, dass Leerheit nicht leer ist und Materie nicht materiell, dies wird das klare Erschauen genannt, und damit erlangt man den Kern dieser Worte.«315 Alle verneigten sich in tiefer Gläubigkeit. Während sie nun untereinander ihre Einsichten austauschten, ließ Buddha farbenfrohe Blüten vom Himmel regnen, stieg vom Lotosthron und sprach zur Menge: »Ihr alle seid gemeinsam ein Herz. Doch seht, da kommen zwei Herzen im Streit!« Die Menge richtete den Blick nach oben. Tatsächlich, hier näherten sich zwei Pilger johlend und brüllend den herrlichen Gefilden des Donnergrollens. Bestürzt traten die acht Diamantwächter vor, hielten die beiden auf und fragten: »Wo wollt ihr hin?« »Ein Ungeheuer hat meine Gestalt angenommen«, erklärte der Große Heilige, »darum will ich zum Lotosthron der Sieben Kostbarkeiten, um den Buddha zu bitten, für mich zu klären, wer der Echte ist.« Die Schutzgötter vermochten sie nicht aufzuhalten; schon waren die beiden lärmend zur Lotosterrasse vorgedrungen, knieten vor Buddha nieder und berichteten ausführlich, was sich ereignet hatte. »Euer Jünger hat bis in den Himmelspalast und bis in die Unterwelt gekämpft, doch keiner konnte uns auseinanderhalten. Aus diesem Grunde habe ich mich erdreistet, hierherzukommen. Ich flehe Euch an, lasst Barmherzigkeit walten und helft Eurem Jünger, Schlecht und Recht zu unterscheiden. Dann kann ich wieder den Priester beschützen, auf dass er Buddhas goldener Erscheinung huldige, die Heiligen Schriften in den Osten trage und der Großen Lehre zu ewiger Blüte verhelfe!« Alle hörten zu, wie beide Pilger wie aus einem Munde dasselbe sagten, doch keiner vermochte sie zu unterscheiden. Buddha aber kannte die Wahrheit längst. Doch gerade als er das Geheimnis lüften wollte, erschien am südlichen Horizont, von bunten Wolken umgeben, die Bodhisattva Guanyin, die Buddha ihre Aufwartung machen wollte. Buddha faltete die Hände zum Gruß und sprach: »Verehrte Guanyin, schaut Euch die zwei Pilger an. Wer ist der Echte, wer der Falsche?« »Vor ein paar Tagen sind sie bereits in meinen öden Landen gewesen«, antwortete Guanyin, »doch ist es mir tatsächlich unmöglich gewesen, sie zu unterscheiden. Darum wende ich mich an Euch, Buddha, und bitte Euch inniglich, ihm Klarheit zu verschaffen.« Buddha lachte: »Ihr habt immense Kräfte, und dennoch könnt Ihr lediglich alle Ereignisse des Kosmos erschauen, nicht aber alle Wesen des Kosmos erkennen, auch versteht Ihr es nicht, alle Arten des Universums im Gesamten zu kennen.« Bodhisattva bat um Belehrung bezüglich der Arten des Kosmos. Buddha erklärte: »Im Universum gibt es fünf Arten von Unsterblichen, nämlich die Himmlischen, die Irdischen, die Göttlichen, die Menschlichen und die unter den Geistern. Außerdem gibt es fünf Arten von tierischen Lebewesen, nämlich nackte, geschuppte, behaarte, gefiederten und insektenartige. Dieser Kerl aber ist weder himmlisch noch irdisch, er ist kein Gott, kein Mensch und kein Geist; er ist auch kein nacktes, beschupptes, behaartes, gefiedertes oder insektenartiges Tier, sondern einer der Vier Weltverheerenden Affen.« »Um welche vier Affen handelt es sich?« fragte die Bodhisattva. »Der erste ist der Steinaffe der beseelten Klarheit. Er beherrscht die Kunst der Verwandlung, kennt sich aus mit den Zeiten des Himmels und den Vorzügen der Erde und kann sogar Sterne und Sternbilder versetzen. Der zweite ist der Rotgesäß-Makake. Dieser weiß Bescheid über Yin und Yang, kennt sich aus mit menschlichen Angelegenheiten, kommt und geht, wie er mag, weiß den Tod zu vermeiden und das Leben zu verlängern. Der dritte ist der Langarm-Affe, der Sonne und Mond ergreifen und die Distanzen von tausend Gebirgen verringern kann, Glück und Unglück im Voraus kennt und mit dem Kosmos zu spielen weiß. Der vierte ist der Sechsohrige Rhesusaffe; dieser ist gut im Belauschen von Stimmen und Beobachten von Gesetzmäßigkeiten, kennt die Vergangenheit und die Zukunft und hat Klarheit über sämtliche Dinge der Welt. Diese vier Affen gehören keiner der zehn Gattungen an; ihre Namen sind zwischen Himmel und Erde unbekannt. Meines Erachtens ist der falsche Wukong ein Sechsohriger Rhesusaffe. Wo immer dieser Affe auch stehen mag, weiß er über alles, was im Umkreis von tausend Meilen geschieht, Bescheid, sogar über alles, was die Menschen sagen. Darum sagt man, er sei gut im Lauschen und Beobachten, kenne Vergangenheit und Zukunft und habe Klarheit über alle Dinge der Welt. Derjenige mit derselben Gestalt und Stimme wie Sun Wukong ist der Sechsohrige Rhesusaffe!« Wie nun dieser Rhesusaffe hörte, dass Buddha seinen Namen aussprach, ergriff ihn die Panik; jäh sprang er auf und suchte das Weite. Buddha befahl allen Anwesenden, ihn einzukreisen, und schon hatten ihn Bodhisattvas, Diamantwächter, Arhats und Genien umzingelt. Auch der Große Heilige wollte zu ihm vordringen, doch Buddha sprach: »Wukong, lege nicht Hand an. Ich werde ihn für dich einfangen.« Dem Rhesusaffen standen die Haare zu Berge. Er ahnte, dass er kaum entkommen könnte, machte flugs einen Dreh und schwirrte als Biene davon. Buddha aber warf ihm seine Almosenschale nach, die sich über ihn stülpte und ihn nach unten riss. Die Umstehenden hatten gar nichts davon bemerkt und glaubten, er wäre entflohen. Buddha lachte und sprach: »Das Ungeheuer ist nicht geflohen. Schaut unter meine Schale!« Alle drängten nach vorn, und Buddha hob die Schale an. Tatsächlich, da sah man den Affen in seiner ursprünglichen Gestalt: Es war ein Sechsohriger Rhesusaffe. Der Große Heilige konnte sich nicht halten, schwang seine Eisenstange und schlug ihn mit einem Hieb auf den Schädel tot. Deshalb ist diese Art bis auf den heutigen Tag ausgerottet. Da sah man den Affen in seiner ursprünglichen Gestalt: Es war ein Sechsohriger Rhesusaffe. Betroffen sprach der Buddha: »O gütiger Himmel!« »Ihr braucht Euch seiner nicht zu erbarmen«, wandte der Große Heilige ein, »er hat meinen Meister verletzt und unser Gepäck gestohlen. Nach dem Gesetz geht das unter Raub und Körperverletzung am helllichten Tag, das würde ohnehin mit Enthauptung bestraft!« »Gehe sogleich zum Priester zurück und beschütze ihn gut auf seinem Weg hierher!« sprach Buddha. Da warf sich der Große Heilige vor Buddha nieder, schlug die Stirn auf den Boden und flehte: »Erhabener Buddha! Ihr müsst wissen, dass mich der Meister verstoßen hat. Jetzt zu ihm zu gehen wäre nichts als verlorene Mühe. Bitte helft mir und sagt einen Lockerungsspruch für diesen Goldreif, damit ich ihn abnehmen kann. Ich will ihn Euch zurückgeben und wieder ein normales Leben führen.« »Was stellst du dir vor«, entgegnete Buddha, »mach keinen Unfug! Ich lasse Guanyin mit dir gehen, dann brauchst du nicht zu befürchten, er könnte dich ablehnen. Stehe ihm nach Kräften bei, denn wenn euer Werk vollbracht ist und ihr in die höchste Glückseligkeit einkehrt, wirst auch du auf einem Lotosthron sitzen!« Guanyin, die neben ihm zugehört hatte, faltete die Hände, bedankte sich und führte Wukong auf einer Wolke davon. Nach nicht allzu langer Zeit kamen sie bereits zur Hütte an der Landstraße nach Westen. Sandmönch, der sie kommen sah, beeilte sich, den Meister zum Empfang herauszurufen. »Tripitaka!« rief die Bodhisattva, »derjenige, der dich neulich geschlagen hat, war ein falscher Pilger, ein Sechsohriger Rhesusaffe. Weil Buddha ihn erkannt hat, ist er inzwischen von Wukong getötet worden. Heute musst du Wukong wieder bei dir aufnehmen. Die dämonischen Hindernisse auf dem Weg nach Westen sind noch nicht zu Ende, und du kannst nur unter seinem Schutz zum Seelenberg gelangen, Buddhas ansichtig werden und die Heiligen Schriften in Empfang nehmen. Lass ab von Groll!« Tripitaka vollzog einen Stirnaufschlag und sprach: »Ich werde Eure Anweisung achtsam befolgen.« Noch während er sich dankend verneigte, erklang auf einmal von Osten her das Tosen eines Orkans. Alle hielten Ausschau. Es war Bajie, der mit den zwei Gepäcktaschen auf dem Rücken heranbrauste. Kaum hatte der Tölpel die Bodhisattva erblickt, fiel er vor ihr nieder und rief: »Euer Jünger war eben auf dem Blumen-Früchte-Berg bei der Wasservorhang-Grotte, um nach dem Gepäck zu suchen. Dort waren tatsächlich ein falscher Tripitaka und ein falscher Bajie! Als ich die beiden erschlagen habe, waren es zwei Affenleichen. Dann bin ich in die Grotte gegangen und habe das Gepäck durchgeschaut; es war noch alles drin. Da bin ich gleich auf einem Windstoß hierhergefahren. Nur weiß ich nicht, wie es mit den zwei Pilgern steht.« Da schilderte ihm die Bodhisattva, wie der Buddha das Ungeheuer erkannt hatte, und der Tölpel freute sich mächtig. Schließlich nahmen Meister und Schüler Abschied von der Bodhisattva, und diese kehrte zum Südlichen Ozean zurück. Jetzt waren wieder alle ein Herz und eine Seele, das Unrecht war bereinigt, der Unmut verflogen. Nachdem sie auch den Leuten in der Hütte gedankt hatten, bündelten sie ihr Gepäck, sattelten das Pferd und setzten ihre Reise auf der Landstraße gen Westen fort. So war es in der Tat: Unterwegs bringt eine Trennung Wirren in die Wandlungsphasen; Nach dem Sieg über den Dämon Sammelt sich das Lichte Wesen.316 Kehrt der Geist ins Herz zurück, Wird die innere Sammlung fest; Sind Sechs Sinne überwunden, Reift das Elixier von selbst! Und da wir nicht wissen, wohin sie anschließend gelangen sollten, lasst uns hören, was das nächste Kapitel erzählt. 第059回 / 59. Kapitel Tripitaka wird vom Flammengebirge aufgehalten / Pilger ersucht zum ersten Mal den Palmenfächer Alle Arten auf der Welt Sind im Wesen gleich, Wie der Ozean so weit! Tausendfältige Gedanken Sind doch letzten Endes nichtig; Vielfalt strömt in Einigkeit! Einst, wenn dieser Weg vollbracht Und das Werk getan nach Jahren, Wird vollkommene Transzendenz Rund und hell sich offenbaren. Lasse nicht Urteile irren Zwischen West und Ost; Halte deine Sinne fest im Zaum! Sammle sie und lass sie ruhen In des Elixieres Herd; Bis sie rein geläutert sind Wie der Goldne Rabe rot.317 Alsdann schwebst du klar und heiter Wunderbar gelind dahin, Fliegst auf Drachen ein und aus, Ganz nach deinem freien Sinn!318 Wie berichtet wurde, hatte Tripitaka die Anweisungen von Guanyin befolgt und Pilger wieder bei sich aufgenommen, und so löste er sich gemeinsam mit Bajie und Sandmönch von der Zweiheit des Herzens. Alle schlossen sie nun Pferd und Affe in sich ein und strebten wie ein Herz und eine Seele mit vereinten Kräften dem Westen entgegen. Es lässt sich kaum erzählen, wie rasch die Zeit verging; Sonne und Mond fuhren am Himmel dahin wie Weberschiffchen, bald legte sich die Sommerhitze, und von neuem überzog der kühle Herbst die Felder mit Raureif. Während Meister und Schüler ihres Weges gingen, kam es ihnen vor, als würde es allmählich heiß. Schließlich zügelte Tripitaka sein Pferd und fragte: »Wir haben doch Herbst, woher kommt auf einmal diese Hitze?« Bajie antwortete: »Ich habe mal gehört, auf dem Weg in den Westen soll es ein Land namens Surya geben, das dort liegt, wo die Sonne untergeht. Im Volksmund heißt es das ›Ende des Himmels‹. Der König dieses Landes schickt jeweils zu den Stunden Shen und You am späten Nachmittag Leute auf die Stadtmauer, die Trommeln zu rühren und das Horn zu blasen. Denn wenn die Sonne, das Wahre Feuer der höchsten Yang-Kraft, im Westlichen Ozean versinkt, ist das nicht anders, als wenn man einen glühenden Gegenstand ins Wasser hält; das zischt und spritzt wie wild. Wenn man das Ohr nicht mit dem Lärm von Trommel und Horn unempfindlich machen würde, könnte das Getöse die kleinen Kinder jener Stadt schlicht umbringen. Bei dieser sengenden Hitze müssen wir wohl da angekommen sein, wo die Sonne untergeht.« Als Pilger das hörte, konnte er ein Kichern nicht unterdrücken und meinte: »Ach Tölpel, schwatz doch keinen Unsinn! Im Lande Surya sind wir noch lange nicht! So wie uns der Meister mit immer neuen Gedanken aufhält, könnten wir gut und gerne von klein auf wandern, bis wir alt sind, und von neuem wandern, bis wir wieder klein sind; ganze drei Leben lang könnten wir reisen und wären noch immer nicht da.« »Aber Bruder«, warf Bajie ein, »falls es stimmt, dass wir noch nicht beim Sonnenuntergang sind, wie erklärt sich dann diese schreckliche Hitze?« Sandmönch meinte: »Wahrscheinlich ist das Klima durcheinandergeraten, dass im Herbst noch mal der Sommer herrscht.« Während die drei hin und her berieten, gewahrten sie an der Landstraße ein Gehöft. Das Haus war mit roten Ziegeln überdacht und von einer roten Backsteinmauer umgeben, hatte rotgestrichene Torflügel und rotlackierte Holzbänke. Alles war rot. Tripitaka stieg aus dem Sattel und sprach: »Wukong, geh mal hin und frag die Leute, warum es so heiß ist!« Der Große Heilige steckte seine Eisenstange zurück und lief von der Landstraße zum Eingang des Hauses. Dort trat ein alter Mann heraus, der gewaltig erschrak, als er plötzlich Pilger vor sich sah. Auf einen Bambusstock gestützt rief er: »Wo kommst du her, du komischer Kauz, was hast du vor meiner Tür zu suchen?« Pilger grüßte höflich und sprach: »Werter Spender, fürchtet Euch nicht, ich bin kein komischer Kauz, sondern ein einfacher Mönch aus dem großen chinesischen Kaiserreich im Osten. Ich pilgere mit meinem Meister und zwei Ordensbrüdern auf Geheiß des Kaisers in den Westen, um Heilige Schriften zu holen. Hier an Eurem werten Orte dünkt uns das Wetter gar heiß. Nun können wir zum einen nicht verstehen, wie diese Hitze kommt, und zum anderen wissen wir auch nicht, wie dieser Ort heißt. Daher bin ich nun gekommen, um von Euch das eine oder das andere zu erfahren.« Da beruhigte sich der Alte und sprach lächelnd: »Verzeiht, werter Priester! Mir altem Manne war wohl gerade der Blick getrübt, dass ich Euer wertes Antlitz nicht erkannt habe. Wo ist denn Euer Meister? Lasst ihn nur kommen, herein, herein!« Pilger winkte den anderen; Tripitaka kam mit Bajie, Sandmönch, Pferd und Gepäck herbei und begrüßte den Alten. Wie der Alte die ebenmäßigen Züge Tripitakas und die bizarren Gesichter Bajies und Sandmönchs sah, empfand er Freude und Schrecken zugleich. Er bat alle ins Haus, hieß sie Platz nehmen und beauftragte sein Gesinde, Tee anzubieten und Reis aufzusetzen. Tripitaka stand auf, bedankte sich und sprach: »Werter Herr, wir haben doch schon Herbst; warum ist es an Eurem geschätzten Orte immer noch so brennend heiß?« Da erklärte der Alte: »Unsre öde Gegend gehört zum Flammengebirge, hier gibt es weder Herbst noch Frühling; jede Jahreszeit ist heiß.« »Wo liegt denn das Flammengebirge?« fragte Tripitaka, »doch nicht etwa auf dem Weg nach Westen?« »Nun, gen Westen kommt ihr nicht weiter«, meinte der Alte entschieden. »Das Gebirge liegt sechzig Meilen weit von hier genau auf dem Weg nach Westen. Sein Flammenmeer erstreckt sich über achthundert Meilen, und ringsum wächst kein Grashalm. Selbst wenn da einer mit Kupferschädel und ehernem Leibe hinüber wollte, müsste er schlicht in der Hitze zergehen.« Tripitaka erblasste vor Schrecken und wagte nicht weiter nachzufragen. Beim Tor tauchte nun ein Mann auf, der einen roten Wagen vor sich hin schob; er blieb stehen und rief: »Backwerk zu verkaufen!« Der Große Heilige zupfte sich ein Pelzhaar aus, machte es zu einer Kupfermünze und bat den Mann um ein Stück. Dieser nahm das Geld entgegen, hob die Decke an, die über den Wagen gebreitet war, und zog darunter ein dampfend heißes Stück Kuchen hervor. Als er es Pilger in die Hand legte, war es, als hätte er ein Stück glühende Kohle aus dem Feuer genommen. »Heiß, heiß!« schrie Pilger auf, »das kann ich doch nicht essen!« »Wenn Ihr diese Hitze nicht vertragt, dann kommt lieber nicht in unsere Gegend. Hier ist alles so heiß«, lachte der Verkäufer. »Aber guter Mann«, warf Pilger ein, »Ihr scheint mir nicht recht klug. Es heißt doch ›ohne Kälte und Hitze wird das Korn nicht reif‹; woher also kommt das Mehl für Euer Gebäck, wenn es hier derart heiß ist?« »Wenn’s um Mehl für Kuchen geht, so fragt die Unsterbliche mit dem Eisenfächer«, gab der Mann zur Antwort. »Was hat es mit dieser Unsterblichen auf sich?« interessierte sich Pilger. »Die Unsterbliche mit dem Eisenfächer besitzt einen Fächer aus dem Blatt einer Bananenpalme«, berichtete der Mann, »wenn man den kriegt, kann man mit einem Fächerschlag das Feuer löschen, beim zweiten Schlag kommt Wind, und beim dritten fällt Regen. So können wir die Saat auswerfen, beizeiten ernten und haben genügend Korn, uns zu ernähren. Ansonsten würde hier wahrhaftig kein Gräslein wachsen.« Nachdem er dies vernommen hatte, eilte Pilger hinein, hielt Tripitaka den Kuchen hin und sagte: »Meister, Ihr könnt beruhigt sein, macht Euch keine unnötigen Sorgen. Esst erst mal den Kuchen, dann will ich es Euch sagen.« Nachdem der Priester den Kuchen genommen hatte, fragte Pilger den Alten: »Darf ich fragen, wo die Unsterbliche mit dem Eisenfächer wohnt?« »Wozu wollt Ihr das wissen?« fragte der Alte. »Eben hat der Kuchenverkäufer gesagt, diese Unsterbliche hätte einen Palmfächer, und wenn man den bekäme, ließe sich mit einem Fächerschlag das Feuer löschen, mit dem zweiten würde Wind aufkommen und mit dem dritten Regen. Ich möchte diesen Fächer erbitten, damit wir dieses Flammengebirge löschen und überqueren können. Dann könnt Ihr hier auch den Jahreszeiten gemäß säen und ernten und Euch eines angenehmeren Lebens erfreuen.« Da sprach der Alte: »Es ist zwar so, wie Ihr sagt, doch habt Ihr ja keine Gaben dabei, so könnt Ihr die Heilige kaum dazu bewegen, Euch zu helfen.« »Was für Gaben will sie denn?« fragte Tripitaka. »Wir bitten sie alle zehn Jahre einmal«, erklärte der Alte, »dafür bereiten wir rote Umschläge mit viel Geld vor, opfern Schweine, Schafe, Gänse und Wein, nehmen reinigende Bäder und gehen betend zum Berg der Unsterblichen. Dort bitten wir sie, aus der Grotte zu kommen und bei uns ihre Tat zu vollbringen.« »Wo liegt denn dieser Berg, wie heißt er und wie weit ist es bis dorthin?« wollte Pilger wissen. »Er liegt im Südwesten und heißt Berg der Smaragdenen Wolken. Es gibt dort eine Palmgrotte. Von hier aus sind es tausendundvier-, fünfhundert Meilen.« »Kein Problem«, meinte Pilger lachend, »ich gehe.« Schon war er verschwunden. »Oh, mein Herr!« stammelte der Alte. »Das ist ja ein Gott, der auf Wolken schweben kann!« Doch verlassen wir an dieser Stelle das Haus des Alten, wo man Tripitaka nun mit allen Ehren betreute, und berichten wir von Pilger, der in wenigen Augenblicken beim Berg der Smaragdenen Wolken ankam, sein heiles Licht senkte und sich auf den Weg machte, die Grotte zu suchen. Plötzlich drang ein metallenes Geräusch an sein Ohr. Es war ein Holzfäller, der gerade im Walde einen Baum fällte. Pilger trat auf ihn zu, legte die Hände zur Begrüßung aneinander und sprach: »Seid gegrüßt, Bruder Holzfäller!« Dieser erwiderte die Geste und fragte: »Wohin des Wegs, Priester?« »Darf ich fragen, werter Bruder, ist das der Berg der Smaragdenen Wolken?« »Ja, so ist es.« »Wo liegt denn die Palmgrotte der Unsterblichen mit dem Eisenfächer?« »Eine Palmgrotte gibt es hier wohl, nur keine Unsterbliche mit dem Eisenfächer«, lachte der Holzfäller. »Hier wohnt nur eine Prinzessin mit dem Eisenfächer. Sie nennt sich auch Rakshasi; es ist die Frau des Rinderdämons.« Pilger erschrak nicht wenig, als er dies hörte. »Schon wieder ein Erzfeind!« dachte er im Stillen. »Damals, als ich Rotkindchen besiegt habe, hieß es doch, er sei der Sohn von diesem Weib. Auf dem Berg der Yang-Auflösung bei der Grotte des Schwangerschaftsabbruchs habe ich auch noch seinen Onkel getroffen, der mir nicht mal sein Wasser geben und sich gar rächen wollte. Und jetzt muss ich auch noch seinen Eltern begegnen! Wie kann ich so bloß diesen Fächer ausleihen?« Doch da er nun mal hier war, blieb ihm nichts übrig, als sich vom Holzfäller zu verabschieden und zur Palmgrotte zu schreiten. Er fand beide Torflügel fest verschlossen. Ringsum aber war es wunderschön, ein richtig angenehmer Ort. Schließlich trat Pilger vor und rief: »Bruder Rinderkönig, mach auf!« Quietschend öffnete sich das Tor, und ein Mädchen mit langem Haar trat mit einem Blumenkorb in der Hand und einer Hacke auf der Schulter hervor. Wahrhaftig, sie war Ohne jegliches Geschmeide In ein schlichtes Blau gehüllt, Klar und heiter im Gesicht Und vom Dao ganz erfüllt. Pilger trat zur Begrüßung vor und fragte mit gefalteten Händen: »Junge Maid, bitte melde mich bei der Prinzessin. Ich bin ein Schriftenholer aus dem Osten und bin auf dem Weg in den Westen ans Flammengebirge gelangt, das ich nicht überqueren kann. Daher möchte ich sie nun fragen, ob ich den Palmfächer ausleihen darf.« »Wie ist Euer Name?« »Ich heiße Sun Wukong.« Da wandte sich das Mädchen ab, ging in die Grotte und sprach zur Rakshasi: »Mütterchen, draußen vor dem Tore steht ein Mönch aus dem Osten namens Sun Wukong. Er möchte Euch sprechen und den Palmfächer ausleihen, um das Flammengebirge zu überqueren.« Wie die Rakshasi die drei Silben »Sun Wukong« hörte, war es, als würde man Öl ins Feuer gießen. Eine ungeheure Wut stieg in ihr auf. »Nun kommt er also, dieser verruchte Affe!« rief sie. Schon befahl sie ihren Zofen, die Rüstung zu bringen, packte zwei Schwerter mit blanker Klinge, band sich die Rüstung um, trat nach draußen und schrie: »Wo ist dieser Sun Wukong?« Pilger trat vor, verbeugte sich höflich und sprach: »Werte Schwägerin, der alte Sun begrüßt Euch.« »Wer soll da deine Schwägerin sein!« schnaubte die Rakshasi, »wer will von dir begrüßt werden!« »Euer werter Gemahl, der Rinderdämon, war vor Zeiten mit mir in einer Gemeinschaft von sieben Brüdern vereint. Da Ihr, wie ich vernommen habe, seine Gemahlin seid, ist es doch nur angemessen, wenn ich Euch als Schwägerin anspreche?« »Du elender Affe«, schrie die Rakshasi, »wenn es dir um brüderliche Bande geht, warum hast du dann meinen Sohn in die Falle gelockt?« »Wer ist Euer werter Sohn?« fragte Pilger, Unwissen vortäuschend. »Der Große König des Heiligen Embryos, Rotkindchen! Du hast ihn gestürzt! An dir wollten wir uns schon lange rächen, wussten nur nicht, wo du bist. Und jetzt suchst du tatsächlich hier den Tod! Glaube ja nicht, ich würde dir vergeben!« Da setzte Pilger ein entgegenkommendes Lächeln auf und sprach: »Werte Schwägerin, Ihr seht die Sache nicht im rechten Lichte und beschuldigt mich zu Unrecht. Euer werter Sohn hat damals meinen Meister gefangen und war drauf und dran, ihn zu kochen und zu braten; glücklicherweise ist er dann von der Bodhisattva Guanyin aufgenommen worden, und mein Meister wurde gerettet. Darum weilt er heute als Knabe Sudhana bei der Bodhisattva, so hat er die Rechte Frucht erlangt, und sein Leben ist dem von Himmel und Erde, Mond und Sternen ebenbürtig. Und statt dem alten Sun dafür zu danken, seid Ihr mir böse. Wie soll das aufgehen?« »Da willst du dich noch herausreden, du Drecksaffe!« schimpfte die Rakshasi, »auch wenn mein Sohn nicht umgekommen ist, kann ich ihn so nie wieder sehen!« »Euren werten Sohn zu sehen ist doch nicht schwierig«, meinte Pilger mit einem Lächeln. »Ihr braucht mir bloß den Fächer zu geben, und sobald das Feuer gelöscht und mein Meister über den Berg ist, gehe ich zur Bodhisattva vom Südmeer und bitte ihn, Euch zu besuchen. Und Euch gebe ich den Fächer zurück. Was soll daran schwierig sein? Dann könnt Ihr auch gleich sehen, dass ich ihm nie ein Härchen gekrümmt habe. Sollte auch nur die geringste Verletzung bestehen, könnt Ihr mich zu Recht beschuldigen. Falls er aber noch hübscher ist als früher, könntet Ihr mir auch danken!« »Schluss mit dem Geschwätz, du Drecksaffe!« fuhr ihn die Rakshasi an. »Halt deinen Schädel her und lass dir ein paar Schwerthiebe verpassen; hältst du durch, will ich dir den Fächer ausleihen; wenn nicht, dann fahr zur Hölle!« Pilger legte die Hände vor der Brust übereinander und meinte lächelnd: »Wie Ihr wollt, Schwägerin. Ich alter Sun halte meinen Kopf her, und Ihr haut so lange drauf, bis Ihr keine Kraft mehr habt. Dann aber müsst Ihr mir den Fächer ausleihen.« Ohne ein weiteres Wort schwang die Rakshasi ihre Schwerter in beiden Händen und ließ sie wohl ein Dutzend Mal auf seinen Kopf niederprasseln. Pilger aber blieb unberührt stehen. Da bekam es die Rakshasi mit der Angst zu tun, wandte sich um und wollte davonlaufen, doch Pilger rief: »Wo wollt Ihr hin, Schwägerin? Leiht mir jetzt den Fächer aus!« »Das ist mein Schatz, den gebe ich nicht ohne weiteres her!« »Wenn nicht, dann lass dir eins mit der Stange überziehen!« rief Pilger. Während er mit der einen Hand die Rakshasi festhielt, zog er mit der anderen seine Stange hervor. Sie aber entwand sich seinem Griff und trat ihm mit erhobenen Schwertern entgegen, worauf Pilger seine Stange schwang und zuschlug. Nun entspann sich auf dem Berg der Smaragdenen Wolken ein Kampf, der bis zum Abend andauerte. Ahnend, dass sie der schweren Stange nicht gewachsen war, zog die Rakshasi schließlich ihren Palmfächer hervor und entfachte einen kalten Windstoß, der Pilger davonwehte, dass keine Spur mehr von ihm zu sehen war. Es war ihm unmöglich, irgendwo anzuhalten. Siegreich kehrte die Rakshasi zurück. Der Große Heilige aber wirbelte mit dem Wind dahin und konnte weder festen Boden gewinnen noch irgendwo stillstehen. So trieb er fort wie ein Blatt im Wind, wie ein Blütenblatt auf dem Wasser. Erst als die Morgendämmerung anbrach, gelangte er an einen Berggipfel, wo er sich an einem Felsblock festklammern konnte. Allmählich kam er wieder zur Ruhe. Dann betrachtete er die Gegend und merkte, dass er auf dem Kleinen Sumeru gelandet sein musste. Da stieß der Große Heilige einen langen Seufzer aus und rief: »Verdammt heftig, diese Frau! Wie kann sie mich alten Sun einfach so hierherbefördern? Hier habe ich doch mal Bodhisattva Lingji gebeten, mir bei der Unterwerfung des Gelbwinddämons zu helfen. Vom Gelbwindhügel bis hier waren es dreitausend Meilen, dann müsste ich jetzt vom Westweg aus im Südosten sein, wer weiß wie viele zehntausend Meilen weit! Nun, dann will ich doch mal nach unten gehen und nachfragen, damit ich den Weg wieder finde.« Während er noch zögerte, drang Glockengeläut an sein Ohr. Schnell sprang er den Berg hinab und kam geradewegs zum Kloster. Der Klosterbruder am Eingang kannte Pilger noch und meldete sogleich: »Der Große Heilige mit dem haarigen Gesicht, der Euch damals aufgesucht hat, um einen Dämon zu bändigen, ist wieder da!« Der Bodhisattva stieg von seinem Thron, eilte Pilger zur Begrüßung entgegen und fragte: »Darf ich Euch zur Rückkehr mit den Heiligen Schriften beglückwünschen?« »Ach, noch lange nicht!« entgegnete Pilger, »wir sind noch nicht mal angekommen.« »Was treibt Euch dann auf unseren öden Berg zurück, wenn Ihr noch nicht beim Tempel des Donnergrollens gewesen seid?« Da erzählte Pilger: »Seit wir dank Eurer Hilfe den Gelbwinddämon bändigen konnten, haben wir auf der Weiterreise zahllose Schwierigkeiten überwunden. Jetzt aber sind wir an ein Flammengebirge gelangt und kommen nicht mehr weiter. Da ich alter Sun gehört habe, man könne das Feuer mit dem Fächer der Eisenfächer-Unsterblichen löschen, habe ich sie aufgesucht, doch da hat sich herausgestellt, dass es die Frau des Rinderdämons und die Mutter vom Rotkindchen ist. Weil ich ihren Sohn zum Knaben Sudhana bei Bodhisattva Guanyin gemacht habe und sie ihn darum nicht mehr leicht zu sehen kriegt, betrachtet sie mich als Feind und will mir ihren Fächer nicht ausleihen. Eben habe ich mit ihr gekämpft, da hat sie mich auf einmal mit dem Fächer angefächelt, dass es mich durch die Lüfte gewirbelt hat, bis ich hier endlich zu Boden kam. Aus diesem Grunde habe ich mich erdreistet, leichtfertig Euer Kloster aufzusuchen. Wie viele Meilen sind es von hier bis zum Flammengebirge?« Lingji lachte und sprach: »Die Frau heißt Rakshasi; sie wird auch die Prinzessin mit dem Eisenfächer genannt. Ihr Palmfächer stammt ursprünglich aus dem Kunlun-Gebirge; es ist ein Zauberschatz aus dem Urchaos, bevor Himmel und Erde sich getrennt haben. Es handelt sich um ein Blatt der Essenz der Höchsten Yin-Kraft. Darum lässt sich damit das Feuer löschen. Wenn ein Mensch damit angefächelt wird, würde er 84 000 Meilen weit wegwirbeln, bevor dieser Wind der Yin-Kraft sich legt. Von hier bis zum Flammengebirge sind es bloß etwas mehr als 50 000 Meilen, und das verdankt Ihr Eurer Fähigkeit, Wolken aufzuhalten; ein Normalsterblicher hätte es nie geschafft, hier anzuhalten.« »Heftig, heftig!« rief Pilger, »wie kommt mein Meister je über diesen Berg?« »Macht Euch keine Sorgen, Großer Heiliger«, sprach Lingji. »Dass Ihr heute hierhergekommen seid, steht in Tripitakas Schicksal festgeschrieben, darum werdet Ihr auch Erfolg haben. Von Buddha habe ich einst eine Windstill-Pille und den Stab des Fliegenden Drachen bekommen. Mit dem Stab habe ich schon den Gelbwinddämon gebändigt; die Pille hingegen hat noch keine Verwendung gefunden. Darum will ich sie Euch heute schenken. Ich kann Euch versichern, dass dieses Weib Euch nicht mehr von der Stelle bewegen wird. Dann könnt Ihr den Fächer mitnehmen, und der Erfolg ist gewiss!« Pilger dankte ein ums andere Mal, derweil der Bodhisattva ein brokatenes Täschchen aus dem Ärmel holte, die darin liegende Pille Pilger in den Kragen steckte und mit Nadel und Faden fest einnähte. Dann begleitete er Pilger hinaus und sprach: »Leider reicht die Zeit nicht, Euch zu bewirten. Haltet gen Nordwesten, dann kommt Ihr wieder zum Berg der Rakshasi.« Pilger verabschiedete sich, machte einen Wolkenüberschlag und war in Kürze wieder auf dem Berg der Smaragdenen Wolken. Dort pochte er mit der Stange ans Grottentor und rief: »Der alte Sun ist da, den Fächer auszuleihen!« Bestürzt eilte das Mädchen hinein und überbrachte die Meldung. Da zuckte die Rakshasi zusammen und murmelte: »Der verdammte Affe hat was in sich! Wenn ich mit meinem Schatz Menschen anfächle, schwirren sie an die 84 000 Meilen weit weg. Wie geht es zu, dass er schon wieder da ist, wo ich ihn doch eben erst weggefächelt habe? Warte nur, diesmal werde ich zwei, drei Mal hintereinander fächeln, dass er nie mehr zurückfindet!« Sie sprang auf, legte die Rüstung um, trat mit den Schwertern in beiden Händen aus dem Tor und schrie: »Pilger Sun! Du fürchtest dich also nicht vor mir und suchst schon wieder den Tod?« »Werte Schwägerin«, gab dieser lächelnd zurück, »seid doch nicht so knickerig. Ihr werdet eh nicht umhinkommen, mir Euren Fächer auszuleihen. Sobald der Priester aus China heil über den Berg ist, kriegt Ihr ihn wieder. Ich bin ein Edler mit aufrechtem Sinn, nicht ein Gemeiner, der Ausgeliehenes am Ende nicht zurückgibt!« »Du verdammter Rhesusaffe«, schimpfte die Rakshasi, »gemein bist du! Glaubst du etwa, ich würde dir den Fächer geben, wenn ich mich noch nicht mal für meinen Sohn gerächt habe? Stillgestanden, jetzt kriegst du von der alten Mutter eins mit dem Schwert!« Der Große Heilige trat ihr mit der Eisenstange entgegen, und schon gingen die beiden aufeinander los und fochten fünf bis sieben Runden lang hin und her, bis der Rakshasi die Kräfte schwanden, dass sie die Schwerter nicht mehr zu führen vermochte. Rasch zog sie nun den Fächer heraus und fächelte gegen Pilger. Der aber blieb ungerührt stehen, brachte seinen Stab im Ohr unter und meinte lachend: »Diesmal ist es anders als beim letzten Mal! Du kannst fächeln, wie du willst; wenn ich mich auch nur ein bisschen von der Stelle rühre, will ich kein rechter Mann heißen!« Die Rakshasi ließ zwei weitere Fächerschläge folgen, doch Pilger war wirklich nicht von der Stelle zu bewegen. Entsetzt steckte die Rakshasi ihren Schatz ein, rannte in die Grotte und verriegelte das Tor, so fest sie konnte. Als Pilger sah, dass das Tor verschlossen wurde, griff er zu einem Trick: Er riss die Naht am Kragen auf, steckte die Windstill-Pille in den Mund und verwandelte sich mit einem leichten Dreh in eine Mücke. So schwirrte er durch eine Ritze ins Innere, wo er die Rakshasi sah, die gerade keuchte: »Durst, Durst! Schnell, bringt Tee!« Schon kam eine Zofe mit einer Kanne voll duftendem Tee und goss eine Schale voll, dass es sprudelte. Pilger schwirrte hin und versteckte sich unter einer Blase, die Rakshasi aber nahm den Tee und spülte ihn in zwei, drei Schlucken hinunter. Pilger war nun bereits in ihrem Bauch. Da nahm er wieder seine eigene Gestalt an und rief: »Schwägerin, gebt mir den Fächer!« Bestürzt fragte die Rakshasi, ob die Zofen das Tor auch wirklich verriegelt hätten? Alle bejahten. »Wenn es zu ist, wie kann denn Pilger Sun im Hause rufen?« »Er ruft aus Eurem Leib«, sagten die Zofen. »Pilger Sun!« rief die Rakshasi, »wo treibst du deine falschen Tricks?« »Ich alter Sun habe mein Leben lang keine falschen Tricks gespielt«, gab Pilger zurück. »Alles, was ich mache, ist echtes Handwerk; das sind meine wahren Fähigkeiten. Zur Zeit vergnüge ich mich im werten Bauch der werten Schwägerin; da kann ich auch schon die Lunge und die Leber sehen! Und da Ihr ja gerade so hungrig und durstig seid, gebe ich Euch erst mal eine Schale im Sitzen!« Heftig stampfte er mit dem Fuß nach unten; die Rakshasi fühlte einen stechenden Schmerz im Unterleib, sackte zusammen und blieb heulend am Boden sitzen. »Hört doch endlich auf, Euch aufzulehnen!« rief Pilger, »und jetzt gibt’s noch ein Häppchen fürs Herz!« Er ruckte kräftig mit dem Kopf nach oben, dass sich die Rakshasi unter qualvollen Schmerzen am Boden wälzte, bis sie mit fahlem Gesicht und blassen Lippen wimmerte: »Onkel Sun, lasst mich am Leben!« Da hielt Pilger still und rief: »Endlich anerkennt Ihr Euren Onkel! Dem Rinderdämon zuliebe will ich Euch am Leben lassen, doch gebt mir jetzt sofort den Fächer!« »Onkel«, ächzte die Rakshasi, »den Fächer könnt Ihr haben, kommt heraus und holt ihn.« »Nehmt erst den Fächer, dann komme ich raus!« Die Rakshasi bedeutete ihren Zofen, einen Palmfächer zu holen und bereitzuhalten. Pilger streckte den Kopf aus ihrem Hals, sah den Fächer und rief: »Schwägerin, da ich Euch das Leben schenke, will ich davon absehen, zwischen den Rippen einen Ausgang freizuschlagen. Ich komme wieder aus dem Mund raus; macht ihn ein bisschen auf!« Tatsächlich öffnete die Rakshasi ihren Mund, während Pilger, wieder in eine Mücke verwandelt, nach draußen surrte und auf dem Palmfächer landete. Die Rakshasi, die gar nichts bemerkt hatte, sperrte drei Mal hintereinander den Mund auf und rief: »Onkel, kommt doch heraus!« Da zeigte sich Pilger wieder in seiner eigenen Gestalt, packte den Fächer und rief: »Hier bin ich! Danke für den Fächer, danke schön!« Mit ausholenden Schritten lief er zum Ausgang, wo ihm die Zofen eilfertig das Tor aufschlossen und ihn ins Freie ließen. Der Große Heilige wandte seine Wolke gen Osten und kam in kürzester Zeit beim roten Ziegelhof an, wo er Tripitaka berichtete, was geschehen war. Dann zeigte er dem Alten den Palmfächer und fragte: »Ist es dieser Fächer?« »Ja, er ist es!« gab der Alte zur Antwort. Tripitaka freute sich sehr. Nun verabschiedeten sich Meister und Schüler von dem Alten und eilten gen Westen. Sie waren etwa vierzig Meilen gegangen, und die Hitze wurde immer unerträglicher. Sandmönch rief, seine Fußsohlen würden brennen; Bajie sagte, seine Klauen schmerzten vor Hitze. Auch das Pferd trabte schneller als gewöhnlich, weil der Boden so heiß war, dass es ihn mit den Hufen kaum mehr berühren mochte. Schließlich meinte Pilger: »Meister, steigt ab, ich will jetzt das Feuer ausfächern. Sobald es Wind und Regen gibt und der Boden etwas kühler ist, können wir weitergehen.« Pilger rannte geradewegs vor die Flammen und schwenkte den Fächer kräftig dagegen. Da loderte der brennende Berg hell auf. Als er den Fächer ein zweites Mal schwenkte, lohten die Flammen noch hundertmal höher, und beim dritten Mal stachen sie an die tausend Klafter hoch in den Himmel und drohten Pilger zu verbrennen. Als er jäh davonrannte, waren schon die Pelzhaare an den Beinen versengt. Er rannte zu Tripitaka und schrie: »Schnell, zurück, zurück! Das Feuer kommt!« Der Meister kletterte in den Sattel und ritt mit Bajie und Sandmönch etwa zwanzig Meilen weit gen Osten, wo sie endlich anhielten und Tripitaka rief: »Wukong! Wie kommt das?« Pilger schmiss den Fächer zu Boden und rief: »Das geht nicht mit rechten Dingen zu! Das Weib hat mich betrogen!« »Wie meinst du das?« fragte Bajie. »Beim ersten Fächerschlag ist das Feuer noch stärker geworden, beim zweiten Mal noch höher, und beim dritten Mal haben die Flammen tausend Klafter hoch gelodert! Wenn ich nicht schnell genug gelaufen wäre, hätte es mir den ganzen Pelz versengt!« »Was tun wir bloß, wenn das Feuer so heftig ist und kein Weg in den Westen führt?« fragte Sandmönch. »Wir brauchen doch nur einen Ort zu suchen, wo es kein Feuer gibt, dann können wir von dort aus weitergehen«, meinte Bajie. »Und wo ist kein Feuer?« fragte Tripitaka. »Im Osten, im Süden und im Norden ist nirgendwo Feuer«, erwiderte Bajie. »Und wo sind die Heiligen Schriften?« »Die sind im Westen.« »Ich gehe nur dorthin, wo die Heilige Schriften sind«, versetzte Tripitaka. »Wo die Heiligen Schriften sind, ist Feuer; wo kein Feuer ist, gibt es auch keine Heiligen Schriften«, sprach Sandmönch. »Nun stecken wir wirklich in der Klemme.« Während Meister und Schüler sich berieten, hörten sie auf einmal eine Stimme, die rief: »Großer Heiliger, grämt Euch nicht! Nehmt erst eine Mahlzeit, dann könnt Ihr Euch weiter besprechen.« Die vier drehten sich um und gewahrten einen alten Mann mit schwarzer Daoistenkappe, der sich auf einen Stock mit Drachenkopf stützte. Hinter ihm folgte ein Kobold mit spitzem Mund und eingefallenen Wangen, der auf dem Kopf einen Kupferkessel trug, in dem Gebäck und gekochter Reis lagen. Die beiden knieten am Wegesrand nieder, und der Alte sprach: »Ich bin der Erdgeist des Flammengebirges und bringe Euch hiermit eine Mahlzeit.« »Das Essen ist nicht das Problem«, versetzte Pilger. »Aber wann geht endlich dieses Feuer aus, damit mein Meister hinüber kann?« »Wenn Ihr das Feuer löschen wollt, braucht Ihr den Palmfächer der Rakshasi«, gab der Erdgeist zur Antwort. Pilger wies auf den Fächer, der am Boden lag, und sagte: »Da ist er doch! Warum sind die Flammen denn noch höher geworden, als ich gefächert habe?« Der Erdgeist warf einen Blick darauf, lachte und meinte: »Das ist nicht der richtige. Ihr seid betrogen worden.« »Wie kriege ich aber den richtigen?« Lächelnd sprach der Erdgeist: »Wenn Ihr den echten Fächer noch immer haben wollt, müsst Ihr den König der Großen Kraft um Hilfe bitten.« Und da wir nicht wissen, was es mit diesem König der Großen Kraft auf sich hatte, lasst uns hören, was das nächste Kapitel berichtet. 第060回 / 60. Kapitel Der Rinderdämon unterbricht den Kampf / Pilger sucht zum zweiten Mal den Fächer »Der König der Großen Kraft ist der Rinderdämon«, erklärte der Erdgeist. »Hat also der Rinderdämon hier Feuer gelegt und es dann Flammengebirge genannt?« fragte Pilger. »Nein, so ist es nicht«, sprach der Erdgeist und fügte hinzu: »Nur wenn Ihr, Großer Heiliger, geringem Geist verzeihen könnt, wage ich offen zu sprechen.« »Weshalb sollte ich dir verzeihen müssen? Sprich nur offen, ohne Furcht!« Da sagte der Erdgeist: »Das Feuer stammt von Euch, Großer Heiliger.« »Was für ein Unsinn!« empörte sich Pilger. »Ich soll Feuer gelegt haben?« »Ihr erkennt mich halt nicht mehr«, entgegnete der Erdgeist. »Früher stand hier kein Berg. Doch vor fünfhundert Jahren habt Ihr ja im Himmel einen Aufruhr veranstaltet und seid von Laozi im Ofen der Acht Trigramme geläutert worden, und da sind, als Ihr beim Öffnen rausgesprungen seid und den Ofen umgestoßen habt, ein paar Ziegel zur Erde niedergefallen, die innen noch glühten. Diese wurden hier zum Flammengebirge. Damals weilte ich noch als daoistischer Klosterbruder im Tusita-Palast und hatte die Aufgabe, den Ofen zu warten. Weil der Alte Meister fand, ich hätte den Ofen nicht gut gewartet, schickte er mich zur Strafe hinunter auf Erden, wo ich seither als Erdgeist des Flammengebirges walte.« »Kein Wunder siehst du so aus«, bemerkte Bajie, »ein Erdgeist, der aus einem Daoisten entstanden ist!« Immer noch etwas ungläubig, fragte Pilger: »Doch sag, wozu sollen wir jetzt diesen König der Großen Kraft aufsuchen?« »Der König der Großen Kraft ist der Mann der Rakshasi. Er hat sie verlassen und wohnt jetzt auf dem Donnerhort-Berg in der Grotte der Wolkenhöhe. Da lebte einst ein uralter Fuchskönig, und als dieser starb, hinterließ er eine Tochter, die ›Prinzessin Jadeschön‹ genannt wird. Außerdem ist ein millionenschweres Guthaben zurückgeblieben, das von niemandem mehr verwaltet wurde. Als nun vor zwei Jahren die Prinzessin erfuhr, dass der Rinderdämon so große übernatürliche Fähigkeiten besitzt, hat sie ihn mit einer reichen Mitgift aus dem Familienvermögen zum Mann genommen. Daraufhin hat dieser Rinderkönig die Rakshasi verlassen und hat schon lange nicht mehr dort vorbeigeschaut. Nur wenn Ihr, Großer Heiliger, den Rinderkönig dazu bewegen könnt, hierherzukommen, werdet Ihr den echten Fächer erhalten. Dann könnt Ihr zum einen das Feuer löschen und Euren Meister wohlbehalten über den Berg führen, zum anderen diesen Brand für immer beseitigen und den Menschen hier helfen; nicht zuletzt werde dann auch ich Begnadigung finden, dass ich in den Himmel zurückkehren und mich der Lehre des Laozi widmen kann.« »Wo liegt denn der Donnerhort-Berg? Wie weit ist es bis dorthin?« wollte Pilger wissen, und der Erdgeist antwortete: »Er liegt genau im Süden. Von hier aus sind es etwa dreitausend Meilen.« Nachdem er dies vernommen hatte, wies Pilger Bajie und Sandmönch an, gut auf den Meister aufzupassen, und befahl dem Erdgeist, bei ihnen zu bleiben. Dann schoss er mit einem Pfiff in die Höhe und schwebte auf einer Wolke davon. In weniger als einer Stunde erblickte er bereits einen hohen Berg, landete alsbald auf dem Gipfel und hielt eine Weile Ausschau. Dann schritt er ins Gebirge und suchte einen Weg. Während er gerade ratlos um sich schaute, fiel sein Blick plötzlich auf eine wunderschöne Frau, die mit einer frisch gepflückten Orchidee in der Hand anmutig durch die Gegend trippelte. Der Große Heilige schlüpfte schnell hinter einen bizarr geformten Felsblock und wartete, bis die Frau näher kam. Dann trat er vor, grüßte mit einer leichten Verneigung und sprach: »Wohin des Wegs, werte Dame?« Jäh hob die Frau den Kopf und gewahrte die hässliche Gestalt des Großen Heiligen. Ein Schrecken fuhr ihr in die Glieder; am liebsten wäre sie zurückgewichen oder davongelaufen, doch kam sie nicht vom Fleck. Schließlich hauchte sie zitternd vor Angst: »Wo kommt Ihr her? Wie könnt Ihr es wagen, mich hier anzusprechen?« Da schwindelte der Große Heilige: »Ich komme vom Berg der Smaragdenen Wolken. Da ich heute Eure werte Gegend zum ersten Mal besuche, kenne ich den Weg noch nicht. Darf ich fragen, werte Dame, ist das hier der Donnerhort-Berg?« »Ja.« »Es soll hier eine Grotte der Wolkenhöhe geben; wo liegt die?« »Was wollt Ihr in der Grotte?« »Ich komme von der Prinzessin mit dem Eisenfächer aus der Palmgrotte auf dem Berg der Smaragdenen Wolken mit dem Auftrag, den Rinderdämon um Hilfe zu bitten.« Als die Frau das hörte, schimpfte sie wütend: »Das gemeine Luder! Die hat ja keine Ahnung! In den knapp zwei Jahren, seit der Rinderdämon bei mir wohnt, hat er ihr wer weiß wie viele Juwelen, Gold und Silberschmuck geschenkt, ballenweise Brokatseide, dazu schickt er jährlich Brennholz, jeden Monat Reis! Und sie? Sie braucht gemütlich alles auf und hat keine Scham, ihn auch noch um Hilfe zu bitten!« Auf diese Worte wusste der Große Heilige natürlich, dass er Prinzessin Jadeschön vor sich hatte. Darum packte er nun seine Eisenstange und fuhr sie an: »Du schändliches Weib, mit deinem Besitztum hast du dir den Rinderdämon gekauft! Das heißt wahrhaftig, sich einen zum Mann nehmen und auch noch draufzahlen! Du aber schämst dich nicht und wagst auch noch, eine andere zu beschimpfen!« Zu Tode erschrocken hastete die Frau auf ihren kleinen Lotosfüßchen zitternd von dannen, der Große Heilige laut johlend hinter ihr her. Es stellte sich heraus, dass die Grotte der Wolkenhöhe gleich hinter dem Kiefernwäldchen lag. Die Frau eilte hinein und schloss hinter sich die Tür. Da steckte der Große Heilige seine Stange zurück, blieb stehen und schaute umher. Die Prinzessin aber stürzte schweißgebadet, mit wild pochendem Herzen ins Studierzimmer. Hier vertiefte sich der Rinderkönig gerade in aller Ruhe in die Schriften der Inneren Alchemie. Aufgewühlt warf sie sich ihm an die Brust, vergrub verzweifelt das Gesicht in den Händen und schluchzte laut. Gutmütig lächelnd sprach der Rinderkönig: »Beruhige dich, mein Liebchen. Was ist denn passiert?« Die Frau aber stampfte vor Wut und schrie: »Du verfluchter Dämon bringst mich noch um!« »Warum beschimpfst du mich?« fragte der Rinderkönig lächelnd. »Nachdem meine Eltern gestorben sind, habe ich dich zu mir geholt, damit ich einen Beschützer habe. In allen Landen hieß es damals, du seist ein wackerer Kerl, und dabei bist du bloß ein gemeiner Pantoffelheld!« Der Rinderkönig drückte sie an sich und sprach: »Liebchen, sag mir in aller Ruhe, was ich falsch gemacht habe. Dann will ich mich bei dir entschuldigen.« »Eben bin ich draußen vor der Grotte spazierengegangen und habe Orchideen gepflückt. Da stand auf einmal so ein haariger Mönch mit einer Schnauze wie der Donnergott vor mir und hat mich so unvermittelt gegrüßt, dass ich beinah vor Schreck umgefallen wäre. Dann habe ich mich gefasst und gefragt, wer er sei, und er hat erklärt, er käme von der Prinzessin mit dem Eisenfächer, die den Rinderdämon um Hilfe bitten wollte. Als ich ihn dann mit ein paar Worten zurechtgewiesen habe, hat er mich plötzlich beschimpft und ist mir mit einem Stecken nachgerannt. Wenn ich nicht schnell genug geflohen wäre, hätte er mich erschlagen! Ach, dass ich dich nur zum Mann nehmen musste! Du bringst mich noch um!« Der Rinderkönig strich ihr die Haare aus dem Gesicht und hielt sie lange in den Armen, bis sie sich endlich etwas beruhigte. Da sprach er entschieden: »Liebchen, ich will dir nichts verheimlichen. Die Palmgrotte ist zwar recht abgelegen, doch ist es ein stiller, beschaulicher Ort. Meine Frau hat sich dort von klein auf in der Vervollkommnung geübt und ist immerhin eine Unsterbliche, die das Dao erlangt hat. Sie hält ihre Tore immer streng verschlossen und würde nicht mal einen Buben hineinlassen. Wie kann es möglich sein, dass plötzlich ein Kerl mit der Schnauze eines Donnergotts in ihrem Auftrag erscheint? Ich denke eher, dass es sich um irgendeinen üblen Geist handelt oder um einen, der mich unter falschem Namen aufsuchen will. Warte, ich will mal nachschauen!« Er trat von seiner Studierstube in die Halle, schnürte sich die Rüstung um, packte eine Stange aus Roherz, trat vor das Tor und brüllte: »Wer ist es, der sich hier so unverschämt aufführt?« Pilger betrachtete den Rinderkönig, der sich nach fünfhundert Jahren ziemlich verändert hatte. Der Große Heilige strich sich das Gewand glatt, trat mit einer tiefen Verbeugung vor und sprach: »Werter Bruder! Kennt Ihr Euren jüngeren Bruder noch?« Der Rinderdämon grüßte zurück und meinte: »Du bist doch der Himmelsebenbürtige Große Heilige Sun Wukong?« »Ja, der bin ich!« rief Pilger. »Lange haben wir uns nicht gesehen. Als ich eben hier angekommen bin, habe ich eine Frau nach Euch gefragt, so habe ich Euch jetzt gefunden. Was für eine außerordentliche Freude!« »Schluss mit dieser Heuchelei!« fuhr ihn der Rinderkönig an. »Nach dem, was ich gehört habe, bist du nach deinem Aufruhr im Himmelspalast von Buddha unter den Berg der Wandlungsphasen gesteckt worden, und seit du kürzlich befreit wurdest, sollst du den Priester aus China auf seiner Schriftensuche in den Westen begleiten. Doch warum hast du in der Feuergrotte meinen Sohn, des Rindes Heiligen Embryo, ins Unheil gestoßen? Ich bin schon lange wütend auf dich; warum musst du mich auch noch aufsuchen?« »Werter Bruder«, erwiderte Pilger, »beschuldigt Euren jüngeren Bruder nicht zu Unrecht! Damals hat Euer werter Sohn meinen Meister gefangen und wollte dessen Fleisch verzehren. Ich habe nichts gegen ihn ausrichten können, doch zum Glück hat ihn dann die Bodhisattva Guanyin dazu bewogen, auf den rechten Weg zurückzukehren. Darum steht er heute als Knabe Sudhana an ihrer Seite, das ist rangmäßig noch höher als Ihr, mein werter Bruder. So hat er Zutritt gefunden zur Höchsten Glückseligkeit und erfreut sich der Freiheit des ewigen Lebens – das ist doch nichts als gut, wie könnt Ihr mir dies übelnehmen?« »Du scheinheiliger Rhesusaffe!« rief der Rinderkönig. »Meinetwegen betrachten wir die Sache mit meinem Sohn so, wie du es darstellst. Doch was war da eben los, als du meine Konkubine bedroht und bis zum Tor verfolgt hast?« »Ich konnte Euch ja nicht auffinden, älterer Bruder«, lachte Pilger, »darum habe ich mich bei der Frau erkundigt. Ich habe doch nicht wissen können, dass es meine zweite Schwägerin war. Nachdem sie mir Schimpfworte an den Kopf geworfen hat, bin ich etwas grob geworden und muss die Schwägerin erschreckt haben. Ich bitte den älteren Bruder um Verzeihung!« »Nun gut«, lenkte der Rinderdämon ein, »angesichts unserer alten Freundschaft will ich dich laufenlassen.« »Da bin ich Euch unendlich dankbar«, sprach Pilger. »Allerdings habe ich da noch eine Sache, mit der ich Euch bemühen muss. Ich hoffe sehr, dass Ihr mich dabei unterstützen könnt.« »Du Affenkerl kennst wirklich keine Grenzen!« schimpfte der Rinderkönig, »ich lasse dich laufen, und statt dass du dich aus dem Staub machst, verlangst du auch noch, dass ich dir helfen soll!« »Ich will es Euch offen sagen, werter Bruder«, sprach Pilger. »Weil ich ja diesen Priester aus China in den Westen begleite, bin ich nun an das Flammengebirge gelangt, das uns den Weg versperrt. Nun soll, wie ich hörte, meine werte Schwägerin, die Rakshasi, einen Palmfächer besitzen, und den möchte ich mir mal ausleihen. Gestern habe ich an Eurem vormaligen Wohnort vorgesprochen, doch sie hat sich geweigert, mir den Fächer auszuleihen. Darum wende ich mich mit dieser Bitte an Euch und hoffe, dass Ihr Euren Edelmut an den Tag legt und mit mir der Schwägerin einen Besuch abstattet. Ich muss diesen Fächer unter allen Umständen ausleihen können, damit ich die Flammen löschen kann, den Priester über den Berg bringe und das Werk so bald als möglich zu Ende führen kann.« Als der Rinderkönig dies hörte, stieg ihm die Wut ins Herz, und er rief: »Sieh an, wie unverfroren du bist! In Tat und Wahrheit bist du also bloß des Fächers wegen hier! Sicher hast du meine Frau hintergangen, dass sie dir den Fächer nicht geben will! Und nun, da du mich aufsuchst, verfolgst du auch noch meine geliebte Konkubine! So geht doch das Wort: ›Betrüge nie des Freundes Frau; schände nie des Freundes Liebe.‹ Du aber hast meine Frau hintergangen und meine Konkubine belästigt – was für eine unverschämte Frechheit! Krieg eins mit meiner Stange!« »Ich habe keine Angst, wenn Ihr kämpfen wollt«, gab Pilger zurück, »nur den Fächer muss ich unter allen Umständen haben.« »Wenn du mich in drei Runden besiegst, dann will ich zu meiner Frau gehen und den Fächer für dich ausleihen. Andernfalls hau ich dich tot, um mir Genugtuung zu verschaffen!« Kaum hatte er ausgesprochen, schwang er seine Stange aus Roherz gegen Pilger, der seinerseits mit dem Goldreifstab auf ihn zutrat. So rangen die beiden über hundert Runden aus, ohne dass eine Entscheidung fiel. Mitten in der aussichtslosen Lage ertönte vom Gipfel her eine Stimme: »Verehrter Rinderherr, unser großer König sendet Euch eine herzliche Einladung mit der Bitte, baldmöglichst zu erscheinen, damit das Bankett beginnen kann.« Da hielt der Rinderkönig seine Stange über Pilgers Goldreifstab und sprach: »Affe! Lass erst mal ab und warte, bis ich von meinem Freund zurück bin.« Dann senkte er seine Wolke, betrat die Grotte und sagte zur Prinzessin: »Liebchen, der Mann mit der Donnergottschnauze war der Rhesusaffe Sun Wukong; ich habe ihn mit einem Stockhieb in die Flucht geschlagen. Er wird nicht wiederkommen, du brauchst dir keine Sorgen machen. Ich gehe jetzt zu einem Freund was trinken.« Er entledigte sich seiner Rüstung, schritt aus dem Grottentor und bestieg sein Goldäugiges Wasserwehrtier. Nachdem er dem Gesinde befohlen hatte, das Tor gut zu bewachen, erhob er sich auf seinem Reittier in die Lüfte und entschwebte durch Wolken und Nebelschleier nach Nordwesten. Pilger blickte ihm von einem hohen Felsen nach und sann: »Was für Freunde mag der alte Ochse nun haben? Wohin geht er wohl zu einem Bankett? Da geh ich alter Sun doch gleich mal mit!« Er schüttelte sich, verwandelte sich in einen klaren Windstoß und stob ihm hinterher. Bald kam er zu einem Berg, da war der Rinderkönig plötzlich verschwunden. Also ballte sich der Große Heilige wieder zu seiner körperlichen Gestalt und streifte suchend durch die bergige Landschaft. Auf einmal sah er einen klaren tiefen Teich und daneben eine Steinstele, auf der in sechs großen Schriftzeichen geschrieben stand: »亂石 山碧波潭 – Teich der Smaragdenen Wellen, Berg der Wirren Felsen«. »Sicher ist der alte Ochse hier ins Wasser gestiegen«, sann der Große Heilige. »Da unten muss irgend so ein Geist leben, ein Lindwurm, ein Drache, eine Wasserschildkröte oder ein Alligator. Da geh ich alter Sun gleich mal runter!« Mit einem magischen Fingerzeichen und einem Zauberspruch verwandelte er sich in einen Krebs, ließ sich ins Wasser plumpsen und sank auf den Grund. Auf einmal erblickte er einen prächtigen, mit feinstem Schnitzwerk verzierten Torbogen, und darunter war das Goldäugige Wasserwehrtier angebunden. Er passierte den Torbogen; drinnen war nun kein Wasser mehr. Der Große Heilige kroch voran und blickte sich um. Da sah er weiter drüben, wo Musik zu hören war, den Rinderkönig auf dem Ehrensitz thronen, links und rechts von ihm saßen drei, vier Drachengeister, und auf der gegenüberliegenden Seite ein alter Drachenkönig. An den Tischen zu beiden Seiten saßen die vielen Drachensöhne und Drachenenkel, Drachengemahlinnen und Drachentöchter. Während alle fröhlich becherten und sich mit Zechspielen vergnügten, kroch der Große Heilige stetig voran. Da erblickte ihn der alte Drache und befahl, ihn festzunehmen. Als die Drachensöhne und Drachenenkel herbeidrängten, ihn zu packen, rief der Große Heilige plötzlich mit menschlicher Stimme: »Erbarmen! Lasst mich am Leben!« Auf einmal erblickte er einen prächtigen, mit feinstem Schnitzwerk verzierten Torbogen, und darunter war das Goldäugige Wasserwehrtier angebunden. »Wo kommst du wilder Krebs her?« fragte der alte Drache streng. »Wie kannst du dir erlauben, vor meinem geehrten Gast quer herumzukriechen? Erklär dich, aber schnell, sonst bist du des Todes!« »Geringer Krebs heißt Kämpe Querkopf«, erfand Pilger. »Leider habe ich mich nie im Hofzeremoniell geübt. Sollte ich durch Unkenntnis der anzuwendenden Regeln Eure Majestät beleidigt haben, bitte ich ergebenst um Verzeihung!« Auf diese Worte meinten die Anwesenden zum alten Drachen: »Dieser Krebskämpe scheint zum ersten Mal in Eurem Palast zu sein und kennt sich mit den Palastriten nicht aus. Lassen Eure Majestät ihn doch laufen!« Da rief der alte Drache: »Lasst den Kerl frei. Aber er kriegt noch Schläge; soll draußen warten!« Der Große Heilige nickte und suchte das Weite. Als er unter dem schmucken Torbogen ankam, hatte er plötzlich eine Idee: Erst nahm er wieder seine eigene Gestalt an, dann band er das Goldäugige Wasserwehrtier los, schwang sich auf den prachtvoll verzierten Sattel und ritt nach oben. Als er aus dem Teich herauskam, nahm er die Gestalt des Rinderdämons an, gab dem Tier einen Klaps und stieg auf einer Wolke in die Höhe, so dass er in kürzester Zeit vor der Palmgrotte auf dem Berg der Smaragdenen Wolken ankam. »Aufmachen!« rief er. Eine Zofe öffnete das Tor, erblickte den Rinderdämon und meldete ihrer Herrin: »Der Herr ist da!« Wie die Rakshasi dies hörte, ordnete sie in aller Eile ihren Haarputz und eilte auf ihren Lotosfüßchen mit zierlichen Schritten dem Eingang zu. Der Große Heilige aber stieg vom prächtigen Sattel und zog das Wassertier am Strick hinein. Ohne ihn zu erkennen, nahm die Rakshasi ihn bei der Hand und hieß die Zofen Tee auftragen. Alle eilten heran, den Hausherrn ehrerbietig zu begrüßen. Bald hatten sie ein paar höfliche Worte ausgetauscht, und der Rinderkönig sprach: »Lange haben wir uns nicht mehr gesehen, meine Gattin.« »Glückwunsch dem Großen König«, lächelte die Rakshasi und fügte hinzu: »Welcher Wind hat dich hierhergetrieben, da du nun glücklich in neuer Ehe lebst und deine Frau im Stich lässt?« »Wie könnte ich es wagen, dich im Stich zu lassen«, lächelte der Große Heilige. »Allein, seit Prinzessin Jadeschön mich bei ihr aufgenommen hat, gab es im Haus eine Menge zu regeln; außerdem bin ich durch Besuche bei Freunden aufgehalten worden, und darum war ich öfter unterwegs und musste mich ja gleichzeitig noch um den Haushalt kümmern.« Dann fügte er hinzu: »Ich habe gehört, dass Sun Wukong, dieser Schurke, mit seinem Priester aus China bald zum Flammengebirge kommen soll. Darum fürchte ich, er könnte deinen Fächer leihen wollen, und ich kann es nicht ertragen, dass wir den Schaden an unserem Sohn noch nicht gerächt haben! Falls er kommt, dann schicke mir sofort einen Boten; ich werde ihn in tausend Stücke hauen, damit wir beide endlich Genugtuung kriegen!« »Großer König«, sprach die Rakshasi mit Tränen in den Augen, »um ein Haar hätte mich dieser Affe das Leben gekostet!« Da gab sich der Große Heilige wütend und schrie: »Der verdammte Affe! Wann ist er gegangen?« »Er ist noch nicht gegangen«, entgegnete die Rakshasi. »Gestern war er hier und hat den Fächer verlangt; er nannte mich Schwägerin und behauptete, einst mit dir Brüderschaft geschlossen zu haben.« »Ja, vor fünfhundert Jahren waren wir sieben Brüder.« »Ich habe ihn zurechtgewiesen, bis er kein Wort mehr sagte, und habe ihn verhauen, dass er nicht zu kämpfen wagte. Am Ende hab ich ihn mit dem Fächer weggefächert. Doch irgendwo muss er eine Windstill-Magie erhalten haben, jedenfalls war er schon heute früh wieder vor dem Tor, und als ich den Fächer wieder benutzen wollte, hab ich ihn nicht von der Stelle bewegen können. Dann habe ich meine Schwerter gezückt und auf ihn niedergehauen, doch diesmal hat er sich nicht mehr zurückgehalten. Ich bin dann in die Grotte gerannt und habe das Tor verschlossen. Irgendwie ist er trotzdem reingekommen und in meinen Bauch geschlüpft, und da hätte er mich beinahe umgebracht! Zuletzt hab ich ihn am Ende ein paarmal Onkel gerufen und ihm den Fächer gegeben.« Da schlug sich der Große Heilige an die Brust und rief: »Ach, wie jammerschade! Das ist ein Fehler, meine Gattin! Wie kannst du bloß deinen Schatz diesem Affen geben? Das macht mich wild vor Wut!« Da sagte die Rakshasi lächelnd: »Großer König, der Fächer, den ich ihm gegeben habe, war doch nicht der echte! Ich wollte ihn nur loswerden!« Wo denn der echte Fächer sei, wollte der Große Heilige wissen, und die Rakshasi antwortete: »Da brauchst du dir keine Sorgen zu machen; er ist bei mir!« Und sie winkte den Zofen, Wein zu bringen, um dem Rinderkönig einen Empfang zu geben. Dann erhob sie ihren Kelch und sprach: »Großer König, vergiss in deinem neuen Eheglück auf keinen Fall deine richtige Ehe. Trink einen Becher auf deine Heimat!« Der Große Heilige nahm den Kelch, hielt ihn lächelnd in beiden Händen und sprach: »Trink du zuerst, meine Gattin. Weil ich mit der Führung des anderen Haushaltes so beschäftigt war, blieb ich dir lange fern. Dafür, dass du hier tagtäglich den Haushalt besorgst, will ich dir meinen Dank aussprechen!« Da leerte die Rakshasi den Kelch, füllte ihn von neuem und reichte ihn dem Großen Heiligen mit den Worten: »So heißt es doch seit alten Zeiten: Die Gattin ist diejenige, die das Haus besorgt; der Gatte ist gleich dem Vater, der für den Unterhalt sorgt. Da gibt es nichts zu danken.« So tauschten sie respektvolle Aufmerksamkeiten aus, bis sie sich schließlich setzten, um Speis und Trank einzunehmen. Um das Gebot der fleischlosen Kost nicht zu brechen, nahm der Große Heilige nur ein wenig Obst. Nach mehreren Bechern war die Rakshasi schon leicht angetrunken, ihre Lust regte sich, und sie begann den Großen Heiligen zu streicheln und zu liebkosen. Hand in Hand bezirzte sie ihn mit zärtlichem Liebesgeflüster; Schulter an Schulter hauchte sie ihm leise Koseworte zu. Du ein Schlückchen, ich ein Schlückchen, so nippten sie am selben Kelch und kosteten zwischendurch eine Frucht. Auch der Große Heilige spielte ihr Zuneigung vor, indem er sich an sie schmiegte und sie streichelte. Als er sah, dass sie betrunken war, versuchte er ihr Worte zu entlocken und sagte: »Wo hast du denn deinen echten Fächer, meine Gattin? Du musst Tag und Nacht drauf achtgeben! Es könnte sein, dass dieser Pilger Sun plötzlich wieder in irgendeiner Verwandlung auftaucht und dir den Fächer abluchsen will.« Kichernd spuckte nun die Rakshasi etwas aus dem Mund, das nicht größer war als eine Mandel, reichte es dem Großen Heiligen und sagte: »Da ist er doch, mein Zauberschatz!« Pilger legte das Kleinod in die Hand und fragte sich, wie ein derart kleiner Gegenstand das Feuer löschen sollte. Vermutlich war es wieder etwas Falsches. Die Rakshasi bemerkte sein Sinnen, sie schmiegte ihre gepuderte Wange an Pilgers Gesicht und rief: »Ach mein Herzblatt, steck es doch ein und trink. Was sinnierst du denn die ganze Zeit?« »So ein kleines Ding«, meinte nun der Große Heilige, »wie soll das einen Brand von achthundert Meilen löschen?« Da ließ die Rakshasi im Rausch der Wahrheit freien Lauf und verriet den Trick: »Ach, Großer König, du musst in den zwei Jahren unserer Trennung allzu sehr im Liebesleben geschwelgt haben; hat dir denn diese Prinzessin Jadeschön den Verstand genommen, dass du vergessen hast, wie der Schatz deines Hauses wirkt? Du brauchst doch nur mit dem linken Daumen auf den siebten roten Faden am Stiel zu drücken, dazu sagst du einmal den Spruch: ›Si xu he xi, xi chui hu!‹319 So wird er einen Klafter und zwei Fuß groß. Dieser Schatz hat doch unendliche Verwandlungskraft; einen Brand von achthundert Meilen löscht er mit einem Schlag!« Der Große Heilige prägte sich die Worte tief im Herzen ein. Gleichzeitig steckte er sich den Fächer in den Mund, fuhr sich mit der Hand übers Gesicht und nahm seine eigene Gestalt an. »Rakshasi!« rief er, »schau her! Bin ich etwa dein Gatte, dass du mich die ganze Zeit so geschmacklos umgarnst? Schäme dich!« Als die Rakshasi sah, dass sie Pilger vor sich hatte, stieß sie den Tisch von sich, wankte in den Staub und schrie: »Das bringt mich um! Das bringt mich um!« Ohne sich weiter um sie zu kümmern, stob der Große Heilige mit ausholenden Schritten aus der Palmgrotte und sprang mit einem Satz auf eine glückverheißende Wolke, mit der er auf einen hohen Gipfel stieg, den Fächer ausspuckte und den Trick ausprobierte. Mit dem Daumen der linken Hand drückte er auf den siebten roten Faden am Stiel und murmelte dazu: »Si xu he xi, xi chui hu!« Tatsächlich wurde der Fächer mit einem Schlag einen Klafter und zwei Fuß lang. Er besah ihn von allen Seiten. In der Tat, er sah anders aus als der letzte; glückverheißendes Licht ging davon aus, als würde eine heilvolle Aura darüberliegen. Insgesamt hatte er sechsunddreißig rote Fäden, die ineinander verwoben waren. Nun hatte Pilger allerdings nur die Methode erfahren, wie man den Fächer vergrößern konnte, nicht aber, wie man ihn wieder klein machen konnte. Er blieb groß, wie er war, es war nichts zu machen. Schließlich legte er sich den Fächer über die Schulter und schwebte auf demselben Weg zurück, den er gekommen war. Doch lasst uns nun von dem Rinderdämon berichten, der nach dem Bankett unten im Teich aus dem Palast kam und sein Goldäugiges Wasserwehrtier nicht wiederfand. »Wer hat das Goldäugige Tier des Ochsenherrn gestohlen?« fragte der alte Drachenkönig streng. Alle Geister knieten nieder und beteuerten: »Nie würde jemand von uns es zu stehlen wagen! Wir haben doch alle zusammen in der Halle bei Wein und Musik gesessen; keiner war draußen.« »Angehörige meiner Familie würden sich nie zu so etwas versteigen«, sprach der alte Drache, »war denn irgendein Fremder da?« Da riefen die Drachensöhne und Drachenenkel: »Als wir zu Tische saßen, ist doch ein Krebsgeist gekommen; das war ein Fremder!« Als der Rinderkönig dies hörte, ging ihm plötzlich ein Licht auf. »Kein Wort!« rief er, »heute früh, als Ihr, mein werter Freund, mir die Einladung geschickt habt, war jener Sun Wukong dabei, der den Priester aus China auf Schriftensuche in den Westen begleitet. Weil sie beim Flammengebirge nicht weiterkommen, hat er bei mir den Palmfächer ausleihen wollen, doch ich habe ihn ihm nicht gegeben. Während er mit mir kämpfte, habe ich ihn stehengelassen und bin zum Bankett gekommen. Dieser Affe ist enorm gewieft; sicher hat er sich in einen Krebs verwandelt, um sich hier schlau zu machen, hat dann mein Tier gestohlen und ist zu meiner Frau gegangen, um den Fächer zu ergaunern!« Entsetzt fragten die Wassergeister: »Meint Ihr jenen Sun Wukong, der einst den Aufruhr im Himmelspalast gemacht hat?« »Genau der«, bestätigte der Rinderkönig. »Falls jemand unter den Herren am Weg nach Westen zu Hause ist, rate ich, einen Bogen um ihn zu machen. Nun, auf Wiedersehen, meine Herren, ich gehe ihm auf die Spur!« Er schoss durchs Wasser hoch, sprang aus dem Teich und sauste auf einer gelben Wolke schnurstracks zur Palmgrotte. Dort hörte er die Rakshasi verzweifelt mit den Füßen aufstampfen, sich an die Brust schlagen und heulen. Als er das Tor aufstieß, sah er, dass drinnen das Goldäugige Wasserwehrtier angebunden lag. Laut rief der Rinderkönig: »Frau, wo ist Sun Wukong hin?« Die Zofen knieten nieder und riefen: »Der Herr ist da!« Die Rakshasi krallte sich am Rinderkönig fest, schlug die Stirn auf den Boden und schrie: »Du vom Himmel Verdammter! Wie kannst du nur so fahrlässig sein, diesen Affen dein Goldäugiges Tier klauen zu lassen, dass er mich in deiner Gestalt betrügt!« Zähneknirschend fragte der Rinderkönig: »Wohin ist der Affe gegangen?« Da schlug sich die Rakshasi verzweifelt an die Brust und rief: »Der elende Affe hat mich um den Schatz betrogen, dann hat er sich zu erkennen gegeben und ist davongelaufen. Eine bodenlose Gemeinheit!« »Ruhig, meine Gattin«, sprach der Rinderkönig, »zürne nicht zu sehr. Warte, bis ich den Affen eingeholt habe; ich werde ihm den Schatz abnehmen und ihn dingfest machen. Und dann werde ich ihm die Haut von den Knochen reißen und ihm Herz und Leber ausstechen, um dir Genugtuung zu verschaffen!« Er rief nach seinen Waffen. »Herr, Eure Waffen sind nicht hier«, sprachen die Zofen. »Dann bringt mir eben die Waffen meiner Frau!« Die Zofen reichten ihm die zwei Schwerter. Der Rinderkönig packte sie mit beiden Händen, schritt hinaus und eilte direkt zum Flammengebirge. Und da wir nicht wissen, wie es in der Folge um Heil und Unheil stand, lasst uns hören, was das nächste Kapitel berichtet. 第061回 / 61. Kapitel Eber Bajie hilft den Dämon überwinden / Pilger sucht zum dritten Mal den Fächer Wie berichtet wird, konnte der Rinderdämon den Großen Heiligen Sun schließlich einholen und sah, wie er mit dem Palmfächer auf der Schulter wohlgemut seines Weges ging. Da überlegte der Dämonenkönig: »Wenn ich ihm jetzt den Fächer abverlange, wird er ihn mir gewiss nicht geben. Und würde er mich dabei anfächern, flöge ich ja 84 000 Meilen weit weg, das wäre nichts als in seinem Sinne. Doch wie ich weiß, hat dieser Priester aus China ja noch zwei andere Schüler, der zweite ist ein Ebergeist, der dritte ein Geist vom Treibsandfluss; die beiden hab ich schon mal gesehen. Da will ich mich doch mal in diesen Eber verwandeln und den Affen hinters Licht führen. In seiner Selbstzufriedenheit wird er sicher nicht darauf gefasst sein.« Der gute Rinderdämon! Auch er beherrschte nämlich die zweiundsiebzig Verwandlungen, nur war er seines massigen Leibes wegen nicht ganz so flink. Nun steckte er also seine Schwerter ein, murmelte einen Zauberspruch und schüttelte sich, und schon sah er genau gleich aus wie Bajie. Von unten her holte er sich einen Vorsprung, kam dem Großen Heiligen von vorn entgegen und rief: »Ich komme, Bruder! Der Meister macht sich Sorgen, weil du so lange nicht zurückgekommen bist. Er fürchtet, bei den großen Fähigkeiten des Rinderdämons könnte der Fächer vielleicht nicht so leicht zu gewinnen sein, darum schickt er mich, dir zu helfen.« »Der Meister schickt mich, dir zu helfen.« »Ihr braucht euch nicht zu sorgen«, lachte Pilger, »ich habe ihn ja schon!« »Wie hast du das geschafft?« fragte der Rinderkönig, und Pilger erzählte: »Der alte Ochse hat mit mir an die hundert Runden ausgefochten, doch wir blieben einander ebenbürtig. Mitten im Kampf hat er mich dann plötzlich stehenlassen und ist auf ein Bankett gegangen, zu Drachengeistern im Teich der Smaragdenen Wellen. Ich bin ihm heimlich gefolgt, habe sein Reittier gestohlen, die Gestalt des alten Ochsen angenommen, und dann bin in die Palmgrotte gegangen, die Rakshasi zu überlisten. Ich alter Sun habe mit ihr ein bisschen unbefleckte Ehe gespielt und den Fächer erschmeichelt.« »Da hast du dir aber Mühe gemacht«, meinte der Rinderkönig und fügte hinzu: »Bruder, du hast eine Menge Arbeit gehabt, den Fächer kann ich für dich tragen.« Nichtsahnend reichte ihm der Große Heilige den Fächer. Der Rinderkönig aber wusste natürlich, wie man ihn groß und klein machen konnte. Er nahm ihn zur Hand, und mit irgendeiner unbekannten magischen Fingerbewegung ließ er den Fächer sofort auf die Größe einer Mandel zurückschrumpfen. Er aber nahm seine eigene Gestalt an und wetterte: »Erkennst du mich, du lausiger Affe?« Als Pilger dies sah, dachte er in bitterer Reue: »Das war mein Fehler!« Schnaubend und rasend vor Wut packte er seine Eisenstange und schlug los. Der Rinderkönig aber machte einen Fächerschlag gegen ihn; er wusste ja nichts davon, dass der Große Heilige damals, als er sich als Mücke in den Bauch der Rakshasi begeben hatte, sich die Windstillpille in den Mund gesteckt und sie, ohne es zu merken, verschluckt hatte, daher waren nun all seine Eingeweide samt Knochen und Haut derart standhaft, dass man fächeln mochte, wie man wollte; er war nicht von der Stelle zu bewegen. Der Rinderkönig bekam es mit der Angst zu tun, steckte den Fächer in den Mund, packte die beiden Schwerter und hieb los. Nun lieferten sich die beiden in der Höhe ein wildes Gefecht. Derweil saß der Priester unter der drückenden Hitze dürstend und niedergeschlagen am Weg und sprach zum Erdgeist: »Werter Geist, wie steht es um die Zauberkräfte des Rinderdämons?« »Dieser Rinderkönig hat nicht geringe Fähigkeiten«, antwortete dieser, »er verfügt über grenzenlose Zauberkräfte. Dem Großen Heiligen Sun ist er ein ebenbürtiger Gegner.« »Wukong kann sich sehr schnell fortbewegen«, fuhr Tripitaka fort, »normalerweise hat er zweitausend Meilen in einem Augenblick zurückgelegt. Wie kommt es wohl, dass er jetzt schon einen ganzen Tag weg ist? Sicher kämpft er gegen den Rinderdämon.« Und er rief: »Wuneng, Wujing! Wer von euch beiden geht eurem Ordensbruder entgegen? Falls er an Feinde geraten ist, könnt ihr ihm beistehen und den Fächer mitbringen, damit wir so bald als möglich über diesen Berg kommen!« »Ich möchte schon hin, nur weiß ich nicht, wo es langgeht zum Donnerhort-Berg«, meinte Bajie. Da sprach der Erdgeist: »Ich unbedeutender Geist kenne den Weg. Lasst General Gardinenroller mit Eurem Meister hier warten; ich will Euch begleiten.« Tripitaka war sehr erleichtert. Bajie aber ballte seine Kräfte, packte den Rechen, stieg mit dem Erdgeist auf Wolken, und sie verschwanden alsbald in Richtung Süden. Während sie dahinschwebten, vernahmen sie auf einmal ein lärmendes Kampfgeschrei inmitten tosender Sturmböen. Bajie hielt seine Wolke an und sah genauer hin, da bemerkte er, dass Pilger hier mit dem Rinderkönig kämpfte. »Worauf wartet Ihr noch, Marschall Tianpeng«, drängte der Erdgeist, »geht hin und steht ihm bei!« Da schwang der Tölpel seinen Rechen und schrie: »Bruder, ich komme!« »Du Trottel!« schnaubte ihn Pilger an, »alles hast du mir verdorben!« »Was denn?« »Dieser verdammte Ochse ist unverschämt!« schrie Pilger, »ich hatte der Rakshasi den Fächer schon abgelistet und war gerade auf dem Rückweg, da kommt dieser Kerl in deiner Gestalt und luchst mir den Fächer wieder ab! Und jetzt kämpft er wieder mit mir. Das hat die ganze Sache verdorben.« Rasend vor Wut schwang Bajie seinen Rechen hoch und brüllte: »Sieh dich vor, du blutige Pestbeule! Du wagst es, die Gestalt deines Ahnen anzunehmen! Täuschst meinen Bruder und säst Zwietracht zwischen mir und ihm!« Seht, wie er nun Hals über Kopf seinen Rechen gegen den Rinderkönig schleudert! Der aber kämpfte so lange, bis seine Kräfte nachließen und er merkte, dass er den wilden Hieben von Bajies Rechen nicht länger würde standhalten können. Da gab er auf und wollte die Flucht ergreifen. Doch schon trat ihm der Erdgeist vom Flammengebirge mit einer Truppe unsichtbarer Krieger in den Weg und rief: »Halt, König der Großen Kraft! Tripitaka aus dem chinesischen Kaiserreich ist auf dem Weg in den Westen, um Heilige Schriften zu holen. Es gibt keinen Gott, der ihm nicht beistehen würde, keinen Himmel, der nicht segnend über ihm weilte. In allen Drei Welten ist er bekannt, im ganzen Weltenraum wird er beschützt. Nimm sofort den Fächer und lösche die Flammen, damit er baldmöglichst über den Berg gelangt. Ansonsten wird dich der Himmel bestrafen, und du wirst mit Sicherheit entweder getötet oder verbannt.« »Erdgeist«, versetzte der Rinderkönig, »du siehst die Sache nicht im rechten Licht! Der lumpige Affe hat mir meinen Sohn weggenommen, meine Konkubine bedroht und meine Frau betrogen; eine Anmaßung nach der anderen! Vor Wut würde ich ihn am liebsten mit Haut und Haar verschlingen; wie könnte ich ihm so den Fächer ausleihen wollen!« Er hatte noch nicht zu Ende gesprochen, als Bajie vor ihn trat und schimpfte: »Weh dir, du galliger Ochse! Gib den Fächer, oder du bist des Todes!« Dem Rinderkönig blieb nichts übrig, als von neuem mit seinen Säbeln gegen Bajie zu kämpfen, während der Große Heilige zu Hilfe kam. In diesem Gefecht maßen sich alle drei bis aufs Äußerste. Ringend zogen sie durch die Lüfte und fochten die ganze Nacht hindurch, ohne dass eine Entscheidung fiel. Schon wurde es wieder hell. Vor ihnen lag nun die Grotte der Wolkenhöhe auf dem Donnerhort-Berg, wo ihr Kampfgeschrei längst die Prinzessin Jadeschön aufgeschreckt hatte. Diese beorderte nun alle Krieger der Grotte, dem Rinderkönig mit Speeren und Säbeln beizustehen. Hocherfreut rief dieser: »Ihr kommt genau richtig!« Schon raste die Horde Ungeheuer auf Bajie zu. Der war nicht schnell genug, ließ den Rechen sinken und rannte davon. Der Große Heilige rettete sich mit einem Sprung zu den Wolken aus der Umzingelung, und die unsichtbaren Krieger stoben in alle Himmelsrichtungen davon. Der alte Ochse aber versammelte triumphierend alle Ungeheuer, kehrte mit ihnen in die Grotte zurück und verriegelte das Tor. »Dieser tolldreiste Kerl!« schrie Pilger, »seit gestern kämpft er mit mir, und das ohne Unterlass bis heute Nacht, und immer ist noch kein Entscheid gefallen, obwohl ihr beide mir zu Hilfe gekommen seid. So haben wir eine ganze Nacht lang bitter gekämpft, doch der Kerl scheint nicht mal erschöpft zu sein. Und dann hat er auch noch Unterstützung gekriegt von dieser Horde Ungeheuer. Jetzt hat er das Tor verriegelt. Was tun wir bloß?« »So kriegen wir den Fächer kaum mehr«, meinte Bajie. »Wie sollen wir den Meister je über den Berg bringen? Kehren wir doch einfach um, und jeder geht seinen verdammten Weg!« Da sprach der Erdgeist: »Großer Heiliger, ärgert Euch nicht! Marschall Tianpeng, lasst nicht nach! Wenn ihr umkehrt, kommt ihr auf den falschen Weg, so werdet ihr die Vervollkommnung nie erreichen. Euer Meister sitzt hilflos auf dem rechten Weg und kann nur noch auf euren Erfolg hoffen!« Da riss sich Pilger zusammen und rief: »Ja, so ist es! Recht gesprochen! Jetzt müssen wir mit diesem Kerl Kämpfen und ringen, Zauber vollbringen! So kann ich handeln, Den Unstern wandeln, Uns Kühle gewinnen, Das Feuer bezwingen! Starre Leerheit überwinden, Auf dass wir zu Buddha finden. Und, wenn einst der Weg vollendet, In Glückseligkeit eingehen, Auf dass wir einander alle An Maitreyas Feier sehen!«320 Als Bajie diese Worte hörte, raffte auch er sich auf und rief: »Ja, ja, ja! Hin, hin, hin! Ob der alte Ochse Ja sagt oder nein! ›Holz‹ entsteht im Zeichen Hai, Das dem Eber angehört, Der den Ochsen wieder heim In die Phase ›Erde‹ führt. Unter Shen entsteht ›Metall‹, Dies entspricht dem Affen; So mehrt sich die Harmonie, Ohne Kampf und Strafen.321 Mit dem Palmenfächer, Der für Wasser steht, Werden wir die Flammen löschen, Dass ›Vollendung‹ hier einkehrt.322 Darum lasst uns Tag und Nacht Unermüdlich bitter ringen, Dass wir nach getanem Werk Zum Ullambana-Fest uns schwingen!«323 Nun rannten die beiden mit dem Erdgeist und den unsichtbaren Kriegern voran, schwangen Rechen und Stange und zerschmetterten das Eingangstor zur Grotte der Wolkenhöhen rumpelnd und polternd in tausend Stücke. Die Torwächter rannten bestürzt ins Innere und riefen: »Großer König! Sun Wukong hat mit seinen Truppen das Tor eingeschlagen!« Der Rinderkönig, der gerade seiner Prinzessin Jadeschön alles berichtet hatte, glühte immer noch vor Wut auf den Pilger Sun. Wie er nun hörte, dass dieser sein Tor eingeschlagen habe, warf er sich, rasend vor Zorn, die Rüstung über, packte seine Eisenstange, rannte heraus und brüllte: »Du elender Rhesusaffe! Für wen hältst du dich eigentlich, dass du ohne jede Rücksicht hier zu wüten wagst?« »Du alter Halsabschneider!« fuhr ihn Bajie an, »für wen hältst du dich denn, dass du dir anmaßt, über andere zu urteilen? Halt still, jetzt kriegst du eins mit meinem Rechen!« »Du verfressener Trottel siehst nicht eben tüchtig aus«, höhnte der Rinderdämon, »lass erst mal den Affen antreten!« »Du unbelehrbarer Grasfresser!« schrie Pilger, »gestern habe ich dich noch als Bruder angesehen, doch jetzt sind wir Feinde. Pass auf, du kriegst eins mit meiner Stange!« Furchtlos schritt ihm der Rinderkönig entgegen. Das Gefecht, das nun folgte, war noch heftiger als zuvor. Alle drei prügelten ohne Rücksicht auf Leben oder Tod aufeinander los, und es dauerte abermals über hundert Kampfrunden. Gestützt auf Pilgers magische Fähigkeiten, hämmerte Bajie mit seinem ganzen Trotz so lange drauflos, bis der Rinderkönig nicht mehr standhalten konnte und die Flucht ergriff. Doch als er zu seiner Grotte rannte, wurde er vom Erdgeist und den unsichtbaren Kriegern aufgehalten, die ihm zuriefen: »Wohin, König der Großen Kraft? Wir passen dich ab!« Wie der alte Ochse den Zugang zur Grotte verwehrt sah, wandte er sich um und sah nun von der anderen Seite Pilger und Bajie heranstürmen. Da riss er sich die Rüstung vom Leib, warf die Eisenstange nieder, schüttelte sich und stieg als Schwan zum Himmel hoch. Da riss er sich die Rüstung vom Leib, warf die Eisenstange nieder, schüttelte sich und stieg als Schwan zum Himmel hoch. Pilger sah es und rief lachend: »Bajie, der alte Ochse ist weg!« Der Tölpel aber hatte nichts davon mitbekommen, auch der Erdgeist nicht; alle blickten noch immer verwundert umher. Da wies Pilger nach oben und sagte: »Dort fliegt er!« »Das ist ein Schwan«, erwiderte Bajie. »Eben, der alte Ochse hat sich gerade in diesen Schwan verwandelt!« erklärte Pilger, dann befahl er: »Schlagt ihr beide euch den Weg in die Grotte frei, vernichtet sämtliche Ungeheuer und macht das Nest dem Erdboden gleich; dann ist ihm der Rückweg abgeschnitten. Ich alter Sun werde mich derweil mit diesem Ochsen in der Kunst der Verwandlung messen.« Wie geheißen drang Bajie mit dem Erdgeist in die Grotte ein, doch davon sei hier nicht weiter die Rede. Der Große Heilige aber steckte seine Stange ein, murmelte einen Zauberspruch und schüttelte sich, da hatte er die Gestalt eines Falken angenommen. Er breitete die Schwingen aus und stach durch ein Loch in der Wolkendecke in den Himmel, um sich dann pfeilschnell auf den Schwan zu stürzen, dessen Hals zu umklammern und nach seinen Augen zu picken. Der Rinderkönig wusste natürlich, dass es Pilger war, schlug hastig mit den Flügeln und erschien als Habicht, der nun seinerseits nach dem Falken pickte. Da verwandelte sich Pilger in einen schwarzen Phönix und jagte dem Habicht nach, doch der Rinderkönig erkannte ihn, wurde zu einem weißen Kranich und flog mit einem lauten Schrei gen Süden. Da hielt Pilger an, plusterte seine Federn auf und verwandelte sich mit lautem Krächzen in einen roten Phönix. Wie der weiße Kranich nun merkte, dass er den König aller Vögel vor sich hatte, hielt er inne, denn kein Vogel wagt sich einem roten Phönix gegenüber ungebührlich zu verhalten. Dann aber spreizte er die Flügel und glitt den Hang hinunter, um bald als Moschustier am Fuß des Berges ungelenk herumzugrasen. Pilger erkannte ihn, flog ebenfalls nach unten und sprang nun als hungriger Tiger mit schlagendem Schweif auf das Moschustier zu, um es zu verschlingen. Da geriet der Rinderkönig in Panik, verwandelte sich rasch in einen großen Leoparden und stürzte sich auf den Tiger. Pilger aber bemerkte ihn rechtzeitig, schwenkte den Kopf gegen den Wind und erschien auf einmal als löwenartiges Fabeltier mit goldenen Augen, das mit Donnergebrüll und ehernem Schädel auf den Leoparden zuraste, um ihn zu fressen. Fieberhaft verwandelte sich der Rinderkönig in einen Bären im aufrechten Gang, um sich mit seinen Pranken auf das Fabeltier zu stürzen. Pilger aber wälzte sich über den Boden und stand plötzlich behäbig als Elefant da, mit einem Rüssel wie eine Schlange und mit Stoßzähnen wie Bambussprossen. So schwenkte er seinen Rüssel nach dem Bären aus, um ihn zu ergreifen. Da lachte der Rinderkönig auf und nahm nun seine ursprüngliche Gestalt an, nämlich die eines riesigen weißen Ochsen. Wie ein Berg ragte sein Haupt empor, die Augen funkelten wie Blitze, die Hörner stachen wie eherne Pagoden von der Stirn, und die Zähne waren wie scharfe Klingen. Vom Kopf bis zum Schwanz war er über tausend Klafter lang, von den Hufen bis zum Rücken ragte er an die achthundert Klafter in die Höhe. So brüllte er Pilger zu: »Ha, du lausiger Affe, was willst du mir noch anhaben?« Jetzt zeigte sich auch Pilger in seiner eigenen Gestalt, zückte den Goldreifstab, bückte sich und schrie: »Wachsen!« Schon wuchs er auf zehntausend Klafter an, dass sein Kopf sich ausmachte wie der Taishan und seine Augen aussahen wie Sonne und Mond. Sein Rachen war ein blutiger Schlund mit Zähnen so groß wie Torflügel. So schwang er seine Stange gegen den Rinderkönig, der mit Mühe und Not seine Hörner zur Wehr benutzte. Ihr Kampf ließ das ganze Gebirge erzittern und versetzte Himmel und Erde in Schrecken. Ein Gedicht besagt: Steigt Vervollkommnung um eine Elle, Wächst der Dämon um zehntausend an; Gut, dass der geschickte Herzensaffe Ihn nach Kräften doch bezwingen kann! Soll nun dieses feurige Gebirge Fortan frei von Brand und Flammen sein, Braucht man einen edlen Palmenfächer, Nur so wird es letztlich kühl und rein. Fest entschlossen ist das Gelbe Weib, Seinen Herrn und Meister aufzurichten; Gütig hilft auch die Holzmutter mit Diesen Dämon endlich zu vernichten.324 Also kehren die Fünf Wandlungsphasen Nun in Eintracht heim zur Wahren Frucht, Von Dämonischem und Schmutz sich läuternd, Wird der Weg zum Westhimmel vollbracht. Inzwischen hatte das Gefecht am Berghang, bei dem die beiden ihre enormen magischen Fähigkeiten zum Besten gaben, die in den Lüften umherschwebenden Götter aufgeschreckt, die nun mit dem Goldhäuptigen Genius, den sechs Ding- und den sechs Jia-Götterkriegern sowie den Achtzehn Schutzgöttern der Klöster zu Hilfe kamen und den Dämonenkönig umzingelten. Der aber zuckte mit keiner Wimper. Doch als ihn der Große Heilige Sun frontal angriff und sämtliche Götter von allen Seiten auf ihn einhieben, bekam es der Rinderkönig mit der Angst zu tun. Er wälzte sich über den Boden, nahm seine eigene Gestalt an und eilte der Palmgrotte entgegen. Da legte auch Pilger seinen transzendenten Körper ab und folgte ihm mit den Göttern hinterher. Der Dämonenkönig jagte in seine Grotte, riegelte das Tor ab und ließ sich nicht mehr blicken. Die Götter aber umstellten den Berg der Smaragdenen Wolken nahtlos. Gerade als alle zusammen das Tor stürmen wollten, bemerkten sie, wie Bajie mit dem Erdgeist und den unsichtbaren Kriegern angerauscht kam. Pilger erkundigte sich, wie es mit der Grotte der Wolkenhöhe stehe, und Bajie berichtete: »Die Mätresse dieses Ochsen hab ich alter Eber mit einem Hieb umgelegt; es war der Geist einer Zibetkatze. Alle anderen Untiere hab ich umgebracht und die Grotte ausgebrannt. Wie der Erdgeist sagt, soll er auf diesem Berg noch eine andere Familie haben; darum bin ich jetzt hierher gekommen. Ist das hier die Palmgrotte?« »Ja«, sagte Pilger, »da drinnen ist die Rakshasi.« Da rief Bajie aufbrausend: »Warum schlagen wir nicht gleich das Tor ein und verlangen den Fächer, statt ihnen Zeit zu lassen, sich zu beraten?« Schon ballte der Tölpel seine Kräfte und schmetterte den Rechen mit solcher Wucht gegen das Tor, dass es mitsamt dem Felsen krachend in sich zusammenfiel. Entsetzt stürzte die Zofe zu ihrem Hausherrn und rief: »Jemand hat das ganze Eingangstor zertrümmert!« Der Rinderdämon war eben erst hereingerannt und berichtete gerade keuchend der Rakshasi vom Kampf gegen Pilger. Wie ihn die Meldung erreichte, fuhr er wütend auf, spuckte den Fächer aus und reichte ihn der Rakshasi. Diese nahm ihn in die Hand und sprach mit Tränen in den Augen: »Ach, Großer König! Gebt ihn doch dem Affen und sagt, er solle mit seinen Kriegern abziehen!« Doch der Rinderkönig erwiderte: »Meine Gattin! Auch wenn der Gegenstand klein ist, so ist doch der Hass zu tief! Bleibe nur hier, ich will mich noch einmal mit ihm messen.« Schon brachte der Rinderdämon seine Rüstung in Ordnung, wählte zwei Schwerter aus und trat ins Freie, wo er just mit Bajie zusammenstieß, dem er gleich seine Schwerter über den Schädel hieb. Bajie wehrte sie mit dem Rechen ab und wich vom Eingang zurück, da kam der Große Heilige und schwang seine Stange über ihn. Der Rinderkönig aber fuhr auf einem mächtigen Orkan von der Grotte weg, doch schon führten sie ihr Gefecht auf dem Berg der Smaragdenen Wolken weiter. Von allen Seiten drängten nun die Götter heran, während der Erdgeist und die unsichtbaren Krieger von links und rechts angriffen. Auf Gedeih und Verderb focht der Rinderkönig über fünfzig Kampfrunden aus, bis er nicht mehr standzuhalten vermochte und gen Norden davonjagte. Dort aber stand längst der Dharmakräfte verbreitende Diamantwächter mit überragender Zauberkraft vom Smaragdenen Dämonenfels des Wutai-Gebirges bereit, trat ihm in den Weg und rief: »Rinderdämon! Wo willst du hin? Ich bin auf Geheiß des Buddha hier, das Weltennetz auszulegen und dich festzunehmen!« Während er sprach, waren auch schon der Große Heilige, Bajie und die Götter zur Stelle. Erschrocken wandte sich der Dämonenkönig ab und raste gen Süden, doch dort stieß er auf den Diamantwächter der Siegeshöhe mit grenzenloser Dharmakraft aus der Grotte der Reinen Kühle vom Emei- Gebirge, der ihn aufhielt. Rasch fuhr er zurück und jagte nach Osten, wo er auf den Diamantwächter der Großen Kraft des Vairocana-Mönchs vom Ohrfels des Sumeru traf, und als er entsetzt zurückwich und nach Westen raste, lief er dem Ewigbestehenden Diamantwächter, dem Unzerstörbaren Erhabenen König vom Bergzug der Goldenen Abendröte des Kunlun-Gebirges, in die Arme. Der alte Ochse sah sich von allen Seiten umzingelt, überall waren Buddhas Himmelskrieger; wahrhaftig, er war im Weltennetz gefangen und kam nicht mehr los. Als er nun in seiner Verzweiflung gewahrte, wie Pilger mit einer Truppe Krieger heraneilte, schnellte er auf eine Wolke und schoss in der Höhe davon. Zum Glück weilten oben bereits der Pagodentragende Himmelskönig und Prinz Nata, zusammen mit General Fischbauch, den Yaksas und dem Mächtigen Seelengott, und riefen ihm zu: »Nur mit der Ruhe! Wir sind auf Geheiß des Jadekaisers hier, dir den Garaus zu machen!« In panischer Angst verwandelte sich der Rinderkönig abermals in einen großen weißen Ochsen und stürmte mit seinen Hörnern gegen den Himmelskönig. Dieser schlug mit seinem Säbel zu, während hinter ihm auch schon Pilger herbeieilte. Laut rief Prinz Nata Pilger zu: »Großer Heiliger, verzeiht, dass ich mich in Rüstung nicht gebührend vor Euch verneigen kann! Gestern haben mein Vater und ich gesehen, wie Buddha dem Jadekaiser eine Throneingabe vorbrachte, in der er ihm mitteilt, dass der Priester aus China am Flammengebirge verhindert werde und der Große Heilige Sun den Rinderdämon nicht überwinden könne. Darum hat der Jadekaiser mich und meinen Vater beauftragt, Euch hier mit unseren Truppen beizustehen.« »Der Kerl hat enorme Zauberkräfte«, gab Pilger zurück. »Und jetzt hat er schon wieder eine derart ungeheuerliche Gestalt angenommen. Was sollen wir bloß tun?« Der Prinz lachte: »Lasst das meine Sorge sein, Großer Heiliger! Ich werde ihn gleich unterkriegen.« Mit dem Ruf »Verwandlung!« wuchs er auf der Stelle zu einem Ungetüm mit drei Köpfen und sechs Armen heran, schwang sich dem Rinderkönig auf den Rücken und ließ sein Dämonenschwert über dessen Hals niedersausen. Ehe man sich’s versah, war der Ochsenkopf abgeschlagen. Der Himmelskönig steckte seinen Säbel ein und trat Pilger zur Begrüßung entgegen. Doch da wuchs aus dem Hals des Rinderkönigs ein neuer Kopf hervor, schwarzer Rauch stob aus den Nüstern, und gleißende Strahlen schossen aus den Augen. Nata hieb ihn wieder mit einem Schwerthieb vom Rumpf, doch schon wuchs abermals ein neuer Kopf heraus. Mehr als zehn Mal köpfte Nata den Stier, und ebenso oft wuchs von neuem ein Kopf hervor. Schließlich packte Nata seine Feuerräder, steckte sie dem Ochsen an die Hörner und fachte das Wahre Feuer an. Wild brüllte der Rinderkönig unter den Flammen auf, schwenkte Kopf und Schwanz hin und her und versuchte sich zu befreien. Inzwischen aber hatte ihn der Pagodentragende Himmelskönig mit seinem Dämonenspiegel gebannt, so dass er sich nicht mehr regen konnte. Nun blieb kein Ausweg mehr, und er schrie: »Lasst mich am Leben! Ich werde mich der buddhistischen Lehre anschließen!« »Dann gib sofort den Fächer her«, entgegnete Nata, doch der Rinderkönig antwortete: »Der Fächer ist bei meiner Frau!« Da löste Nata das Dämonenseil, führte es dem Ochsen durch die Nüstern und zog ihn hinter sich her. Pilger aber versammelte die Diamantwächter, die sechs Ding- und die sechs Jia-Götterkrieger, die Schutzgötter der Klöster, die Himmelskönige und Göttergeneräle sowie Bajie, den Erdgeist und die unsichtbaren Krieger um den weißen Ochsen herum, und alle begaben sich zur Palmgrotte zurück. Dort brüllte der alte Ochse: »Frau, bring den Fächer, rette mich!« Als die Rakshasi dies hörte, löste sie Schmuck und Geschmeide, zog ihr buntes Kleid aus, band ihre schwarzen Haare hoch und warf sich ein weißes Trauergewand über. Dann trat sie, den zwei Klafter langen Fächer in beiden Händen tragend, wie eine daoistische Nonne nach draußen, kniete nieder und sprach unter Stirnaufschlägen: »Mögen die werten Götter uns den Tod ersparen! Ich bin gewillt, diesen Fächer dem werten Onkel Sun zu überreichen!« Pilger trat vor und nahm den Fächer, dann stieg er mit allen gemeinsam auf glückverheißenden Wolken in die Lüfte, zurück in den Osten. Doch lasst uns hier berichten, wie Tripitaka und Sandmönch gerade sorgenvoll auf den lange ferngebliebenen Pilger warteten, als sie gewahrten, wie sich auf einmal glückverheißende Wolken am Himmel ausbreiteten. Ein heilvolles Licht strahlte zur Erde, und die Gottheiten schwebten durch die Lüfte hernieder. Ängstlich fragte der Priester: »Wujing, was sind das dort für Götterkrieger?« Sandmönch erkannte sie und rief: »Meister, das sind die Vier Großen Diamantwächter, der Goldhäuptige Genius, die sechs Ding- und die sechs Jia-Götterkrieger, die Schutzgötter der Klöster und viele andere mehr. Derjenige, der den Ochsen führt, ist Prinz Nata, und der mit dem Spiegel ist der Pagodentragende Himmelskönig. Der erste Ordensbruder hält den Palmfächer, und hinter ihm kommt der zweite Ordensbruder mit dem Erdgeist! Alle anderen sind beschützende Himmelskrieger.« Auf diese Worte setzte sich Tripitaka seinen Priesterhut auf, legte die kostbare Robe um und ging mit Sandmönch den Ankömmlingen entgegen. Nachdem er sich verneigt hatte, sprach er: »Wie habe ich einfacher Jünger die Ehre verdient, Euch alle in die niederen Sphären zu bemühen!« »Glückwunsch, heiliger Mönch!« sprachen die Vier Großen Diamantwächter, »Euer Werk wird bald vollendet sein. Wir sind auf Geheiß Buddhas gekommen, Euch zu unterstützen. Ihr aber sollt Euch weiterhin nach besten Kräften dem Weg der Vervollkommnung widmen und keinen Augenblick nachlassen.« Mit Stirnaufschlägen nahm Tripitaka die Ermahnung an. Der Große Heilige aber schritt mit dem Fächer vor den Berg und schwenkte ihn mit aller Kraft einmal auf und ab. Sachte erloschen die Flammen, und das Leuchten versiegte. Freudig schwenkte Pilger den Fächer ein zweites Mal, da säuselte ein kühler Wind herbei, und beim dritten Mal ballten sich am Himmel Wolken zusammen, aus denen alsbald feiner Sprühregen herniederrieselte. Ein Gedicht besagt: Der Flammenberg erstreckte sich Achthundert Meilen weit; Sein Feuerschein auf Erden War weitherum bekannt. Brennt das Feuer die Fünf Sinne,326 Kann das Elixier nicht reifen; Lodert es zu den Drei Pässen,327 Ist der Weg nicht klar zu greifen. Leihe drum den Palmenfächer, Der den kühlen Regen bringt; Dank sei allen Himmelskriegern, Dass die Göttergarde kommt! Zieh den Ochsen nun zu Buddha, Dass er nicht mehr störrisch tut; Denn sind Wasser und Feuer geeint, Kommt das Wesen von selbst ins Lot. Alsbald wich Tripitakas brennende Unruhe einer klaren Gelassenheit. In frommer Zuwendung bedankten sich die vier Pilgernden bei allen. Anschließend kehrten die Diamantwächter auf ihre Berge zurück, die sechs Ding- und die sechs Jia-Götterkrieger stiegen in die Lüfte, um weiterhin schützend über ihnen zu wachen, und die in den Lüften schwebenden Gottheiten verteilten sich. Nun zogen der Himmelskönig und sein Prinz den Ochsen hinter sich her, um ihn Buddha zu bringen. Am Ende war nur noch der Erdgeist des Flammengebirges da, der die Rakshasi in Gewahrsam genommen hatte. Da rief Pilger: »Rakshasi, worauf wartest du noch? Warum machst du dich nicht aus dem Staub?« Da kniete die Rakshasi nieder und sprach mit gefalteten Händen: »Großer Heiliger! Ihr habt versprochen, mir den Fächer zurückzugeben, sobald Ihr ihn nicht mehr braucht. Allein weil ich nicht aufgeschlossen war, ist es zu diesem Kampf gekommen, so viele Götter mussten einspringen. Wahrhaftig, meine Reue kommt zu spät! Immerhin haben der Rinderdämon und ich uns ja bereits so weit in der Vervollkommnung geübt, dass wir menschliche Gestalt annehmen konnten, nur haben wir noch nicht die Rechte Frucht erlangt. Nun hoffe ich, dass Ihr, Großer Heiliger, mir den Fächer zurückgeben könnt; anschließend will ich mich ganz der körperlichen und geistigen Vervollkommnung widmen.« Da sprach der Erdgeist: »Großer Heiliger! Nehmt die Gelegenheit wahr, dass diese Frau das Feuer zu löschen weiß, und löscht es im Kern! Gebt ihr den Fächer zurück und seht zu, dass Ihr die Bewohner dieser Gegend erlöst, das wird Eure gute Tat vollenden!« Da meinte Pilger: »Wie ich gehört habe, reicht die Wirkung des Fächers jeweils nur so lange, dass man Getreide säen und ernten kann, doch dann lodern die Flammen von neuem. Wie lässt sich das Übel an der Wurzel beseitigen?« »Um das Feuer im Keim zu löschen, braucht Ihr nur neunundvierzig Mal hintereinander zu fächern«, sprach die Rakshasi. »So wird das Feuer nie mehr ausbrechen.« Auf diese Worte packte Pilger den Fächer und schwenkte ihn mit aller Kraft neunundvierzig Mal gegen den Berg, bis über dem Berg ein Sturzregen niederprasselte. Es war wirklich ein Zauberschatz, denn der Regen fiel nur dort, wo noch Feuer brannte, überall sonst blieb der Himmel klar. So wurden auch Meister und Schüler, die ja nicht im Feuer standen, vom Regen nicht benetzt. Nachdem sie die Nacht über abgewartet hatten, machten sie am Morgen ihr Gepäck und das Pferd reisefertig und gaben der Rakshasi ihren Fächer zurück. Diese verneigte sich dankend und begab sich von da an in Abgeschiedenheit, wo sie sich ganz der Vervollkommnung widmete. Später sollte auch sie die Rechte Frucht erlangen und ihr Name in den Heiligen Schriften verewigt werden. Der Erdgeist aber dankte gerührt und begleitete sie noch zum Abschied. Dann schritten Pilger, Bajie und Sandmönch mit Tripitaka voran; alle fühlten sich erquickt, und der Boden unter ihren Füßen war angenehm frisch. In der Tat: Kan und Li sind in Vollendung, Der wahre Ursprung ist geeint; Wasser und Feuer sind im Lot, Dass der Große Weg gedeiht!328 Und da wir nicht wissen, wohin sie als Nächstes gelangen sollten, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第062回 / 62. Kapitel Zur innerlichen Reinigung wird die Pagode ausgekehrt / Vervollkommnung bedeutet Überwinden von Dämonen Rund um alle Tagesstunden Soll dies nie vergessen sein: Übe dich zu jedem Zeitpunkt Im Weg der Vervollkommnung, Über hundertundachttausend Zyklen in fünf Jahren hin! Lass das göttliche Wasser Niemals trocken werden, Folge nicht dem Feuerglanz, Denn er bringt nur Sorgen! Wenn das Wasser und das Feuer Ausgewogen und schadlos sind, Weilen die Fünf Wandlungsphasen Gut verkettet dicht im Bund. Im Einklang von Yin und Yang Schwebe auf zum Wolkenland! Auf dem Phönix reite nun Zum Purpurnen Kaiserhof; Mache dich mit einem Kranich Zu der Insel Yingzhou auf! Dieses Gedicht geht nach der Melodie Linjiang Xian, »Der Unsterbliche am Fluss«, und es spricht davon, wie Tripitaka und seine Schüler im Gleichgewicht der polaren Gegensätze von Wasser und Feuer den Zustand der Vollendung erreichten und somit tief im Innern rein und lauter wurden. Nachdem sie mit dem wundersamen Fächer der reinen Yin- Kraft den Brand des Flammengebirges gelöscht hatten, legten sie in einem einzigen Tage achthundert Meilen hinter sich. Frei und heiter strebten Meister und Schüler dem Westen entgegen, während der Herbst sich allmählich dem Winter zuneigte. Nachdem sie lange gereist waren, erspähten sie in der Ferne wiederum eine umwallte Stadt. Tripitaka brachte sein Ross zum Stehen, wandte sich zu Wukong und fragte: »Schau dort, diese aufragenden Bauten; was mag das wohl für ein Ort sein?« Pilger ließ seinen Blick in die Ferne schweifen und antwortete: »Meister, das ist die Festung eines Königreichs.« Da gab der Priester seinem Ross die Sporen, so dass er binnen kurzem vor dem Stadttor ankam und abstieg. Nachdem sie das Tor passiert hatten, bot sich ihnen ein reger Anblick: Es war eine große Stadt mit vielen Straßen und Märkten, einem reichen Angebot an Waren, der Handel blühte, und die Leute waren schön gekleidet. Doch während sie durch die Stadt zogen, gewahrten sie auf einmal etwa ein Dutzend buddhistische Mönche auf Bettelgang, deren Hände in hölzernen Halskragen gefesselt waren. Es war in der Tat ein erbärmlicher Anblick. »Ach«, seufzte Tripitaka, »es trauert der Fuchs um den toten Hasen; es schmerzt das Leid von Mitgenossen!« Und er rief Wukong zu: »Geh und frage, warum ihnen solches Leid geschehen ist!« Wukong tat wie geheißen und rief den Mönchen zu: »Aus welchem Kloster seid ihr? Wie kommt es, dass ihr Halskragen tragen müsst?« Da knieten die Mönche nieder und riefen: »Werter Herr, wir sind Mönche vom Goldglanz-Kloster, die zu Unrecht verurteilt worden sind!« »Wo liegt denn euer Kloster?« wollte Pilger wissen. »Gleich um die Ecke.« Da führte Pilger die Mönche vor Tripitaka und sprach: »Erzählt! Warum seid ihr zu Unrecht verurteilt worden?« »Werte Herren«, sprachen die Mönche, »zwar wissen wir nicht, woher ihr kommt, doch scheint ihr uns irgendwie vertraut. Hier wagen wir eure Frage nicht zu beantworten. Bitte kommt in unser Kloster, dann wollen wir euch unser Leid kundtun.« »Ihr habt recht«, meinte der Priester, und so begaben sie sich zum Kloster, über dessen Portal sieben große Schriftzeichen prangten, die lauteten: » 敕建護國金光寺 – Königliches Klosterstift Zum Goldglanz«. Meister und Schüler traten ein und blickten sich um. Sie sahen: Welke Blütenblätter liegen, Gäste kommen keine mehr. Drinnen hört man Vögel singen; Mönche gehen kaum umher. Tripitaka zog sich unwillkürlich das Herz zusammen, und Tränen rannen über sein Gesicht. Mit ihren hölzernen Halskragen stießen die Mönche das Tor zur Haupthalle auf und baten den Priester hinein, um Buddha zu huldigen. Als sie durch die Halle nach hinten gingen, sahen sie neben der Abtei, an eine Säule gekettet, weitere sechs, sieben junge Mönche. Tripitaka konnte diesen Anblick kaum ertragen. Als sie schließlich die Abtei betraten, warfen sich die Mönche vor ihnen zu Füßen, schlugen die Stirn auf den Boden und riefen: »Die werten Herren sehen so anders aus; kommt ihr etwa aus dem chinesischen Kaiserreich im fernen Osten?« »Ihr versteht euch wohl auf Wahrsagerei«, lachte Pilger, »woher wisst ihr denn das?« Da erwiderten die Mönche: »Nein, mit Wahrsagerei hat es nichts zu tun. Es ist, weil wir uns mit diesem Unrecht an niemanden wenden konnten und Tag für Tag Himmel und Erde unser Leid klagten, bis uns wohl die Götter erhört haben müssen, denn vergangene Nacht ist jedem von uns derselbe Traum erschienen. Wir träumten, es käme ein heiliger Mönch aus dem chinesischen Kaiserreich im Osten und würde uns erlösen. Und da wir nun die werten Herren von fremdartigem Aussehen erblickten, wussten wir sogleich, dass Ihr es sein müsst.« Da fragte Tripitaka: »Was ist denn das hier für ein Ort? Warum ist euch dieses Unrecht widerfahren?« »Ihr seid hier im Lande der Dankopfer, einem der großen Reiche im Westen. Früher haben uns alle umliegenden Länder Tribute dargebracht: im Süden das Reich Yuetuo, im Norden Gaochang, im Osten Xiliang und im Westen Benbo. Jahr für Jahr kamen aus diesen Ländern herrliche Perlen und Edelsteine, anmutige Konkubinen und prachtvolle Pferde an unseren Hof. Ohne dass wir Waffengewalt anwandten oder Feldzüge unternahmen, haben uns diese Länder als führenden Staat betrachtet.« »Ihr müsst einen besonders weisen König haben und tüchtige Minister«, meinte Tripitaka. »Ach, werter Herr«, seufzten die Mönche, »eben haben wir keine tüchtigen Minister und keinen weisen König! Es war unser Goldglanz-Kloster, dessen Pagode seit jeher von glückverheißenden Wolken umgeben war. Von hier entstieg ein heilvoller Glanz, nachts leuchtete es wie Morgenröte, tagsüber wie bunte Funken, so dass man überall nah und fern bewundernd darauf blickte. Aus diesem Grunde wurde unser Land als ein Sitz der Götter betrachtet, und darum brachten uns die umliegenden Länder auch Tribute dar. Dann aber ging vor drei Jahren, an einem Neumond im Herbst zur Mitternachtsstunde, ein Blutregen nieder, der die Goldpagode unseres Klosters verunreinigte. Seither haben uns die umliegenden Länder keine Tribute mehr gebracht, und unser König hatte bereits die Absicht, Straffeldzüge zu unternehmen. Seine Minister aber argwöhnten, dass die Pagode vielleicht deshalb keine heilvolle Aura mehr habe, weil Mönche unseres Klosters den Schatz aus der Pagode gestohlen hätten. Dies brachten sie vor den König. Dieser verblendete Herrscher hat die Sache nicht einmal überprüfen lassen. Seine korrupten Schergen haben uns aus dem Kloster geholt und uns auf jede erdenkliche Weise gefoltert und geschlagen, um irgendein Geständnis zu erpressen. Zuvor waren drei Generationen von Mönchen hier im Kloster; die älteren sind alle schon unter der Folter gestorben. Jetzt haben sie auch uns den Halskragen auferlegt. Aber denkt doch, mein Herr, wie könnten wir uns je dazu versteigen, den Schatz unserer Pagode zu stehlen? Bitte, habt Erbarmen und helft uns kraft der buddhistischen Lehre, dass wir am Leben bleiben!« Tripitaka nickte und sprach seufzend: »Dieser Fall wird nicht leicht aufzuklären sein! Wukong, welche Stunde haben wir?« »Etwa die Zeit Shen«, gab dieser zur Antwort.329 »Eigentlich wollte ich bei Hofe vorsprechen, um den Reisepass begutachten zu lassen. Doch nun ist da die Sache dieser Mönche, die noch ungeklärt ist. Als ich einst die Hauptstadt Chang’an verließ, habe ich geschworen, unterwegs in jedem Tempel Buddha zu huldigen und jede Pagode auszukehren. Und jetzt sind wir hierhergekommen, wo diesen Mönchen aufgrund einer Pagode Unrecht geschieht. Besorge mir einen neuen Besen; ich will ein reinigendes Bad nehmen und dann die Pagode auskehren. So kann ich sie auch gleich selbst in Augenschein nehmen. Dann erst kann ich vor den Herrscher treten und mich für die Befreiung der Mönche einsetzen.« Als die in Halskragen gefangenen Mönche Tripitakas Worte hörten, holten sie eilends ein Hackbeil aus der Küche und reichten es Bajie, er möge die hölzernen Kragen der jungen Mönche zerschlagen, damit diese ihnen eine Klostermahlzeit zubereiten könnten. »Das Beil brauch ich nicht«, meinte Bajie lachend, »der Herr dort mit dem haarigen Gesicht hat langjährige Erfahrung mit dem Knacken von Schlössern!« Tatsächlich trat Pilger vor und strich mit der Hand über die Holzkragen, dass sofort alle Schlösser abfielen. Die jungen Mönche rannten in die Küche und bereiteten das Essen zu. Als Meister und Schüler sich gesättigt hatten, nahte bereits der Abend. Da kam ein Mönch mit einem Besen herein, und einer der jungen Mönche leuchtete Tripitaka mit einer Laterne auf dem Weg zum Bad. Zu dieser Zeit Strahlten Mond und Sterne hell am Himmel, Tönte schon vom Stadttor her die Trommel.330 Nachdem er sich gewaschen hatte, zog Tripitaka eine einfache Mönchsrobe an, deren Ärmel nicht zu weit waren, nahm den neuen Besen zur Hand und sprach zu den Mönchen: »Legt euch zur Ruhe; ich werde nun die Pagode auskehren.« Da meinte Pilger: »Da die Pagode von Blutregen verunreinigt worden ist und seit langem keinen Glanz mehr verstrahlt, steht zu befürchten, dass sich dort üble Wesen angesiedelt haben. Wie wäre es, wenn ich alter Sun Euch begleiten würde?« »Da die Pagode von Blutregen verunreinigt worden ist und seit langem keinen Glanz mehr verstrahlt, steht zu befürchten, dass sich dort üble Wesen angesiedelt haben.« »Sehr gut, bestens!« freute sich Tripitaka. Beide nahmen einen Besen zur Hand und begaben sich erst zur Haupthalle, wo Tripitaka Weihrauch verbrannte und sprach: »Ich, Jünger Chen Xuanzang, komme aus dem Kaiserreich China im Osten und pilgere zum Seelenberg, um Heilige Schriften zu holen. Nun bin ich im Goldglanz-Kloster im Lande der Dankopfer auf eine verunreinigte Pagode gestoßen und auf eine Schar zu Unrecht angeklagter Mönche. Darum will ich nun aufrichtigen Sinnes die Pagode auskehren. Euer Jünger bittet Euch, unseren Buddha, mit beseelter Macht den Grund des Übels zu offenbaren, damit dieses Unrecht bereinigt werde!« Nachdem er zu Ende gesprochen hatte, öffnete er gemeinsam mit Pilger das Tor zur Pagode und begann sie von unten nach oben auszukehren. Der Priester säuberte ein Stockwerk und stieg ins nächste hinauf, und so ging es weiter, bis er das siebte Stockwerk erreicht hatte und man bereits die zweite Nachtwache zählte. Den Priester überkam die Müdigkeit. »Wenn Ihr müde seid, dann setzt Euch doch ein Weilchen«, schlug Pilger vor, »ich alter Sun werde für Euch weitermachen.« »Wie viele Stockwerke hat diese Pagode eigentlich?« fragte Tripitaka. »Möglicherweise gar dreizehn!« »Ich muss weitermachen, nur so kann ich mein Gelübde einhalten.« Tripitaka kehrte weitere drei Stockwerke aus, bis ihm der Rücken schmerzte und seine Beine ihn kaum mehr tragen wollten. Im zehnten Stockwerk setzte er sich auf den Boden und sprach: »Wukong, bitte mach für mich noch die letzten drei Stockwerke!« Pilger gab sich einen tatkräftigen Ruck, stieg in den elften Stock hinauf und anschließend in den zwölften. Während er hier den Boden kehrte, drangen plötzlich menschliche Stimmen an sein Ohr. »Seltsam, seltsam!« sann Pilger, »nun geht es auf die dritte Nachtwache zu, und da oben reden noch Leute? Das müssen ungute Gestalten sein. Da will ich doch gleich mal nachschauen!« Sachte klemmte er den Besen unter den Arm, krempelte die Ärmel hoch und schlüpfte aus dem Eingangstor, um gleich auf einer Wolke aufzusteigen und Ausschau zu halten. Da sah er, dass in der Mitte des dreizehnten Stockwerks zwei Ungeheuer saßen; vor ihnen lagen ein Teller mit einfachen Gerichten, eine Trinkschale und ein Weinkrug. Die beiden vergnügten sich gerade mit Zechspielen. Da warf Pilger den Besen hin, packte seinen Goldreifstab, stellte sich in den Ausgang und schrie: »Ihr seid mir schöne Ungeheuer! Ihr also habt den Schatz dieser Pagode gestohlen!« Bestürzt sprangen die Ungeheuer auf und warfen mit Krug und Schale nach ihm. Pilger aber hielt sie mit der Stange auf und sprach: »Würde ich euch jetzt töten, wäre keiner da, der ein Geständnis ablegt.« Darum richtete er nur die Stange drohend gegen sie, während sich die Ungeheuer starr vor Schrecken an die Wand drückten und riefen: »Erbarmen, Erbarmen! Das hat nichts mit uns zu tun. Derjenige, der den Schatz gestohlen hat, ist woanders.« Da machte Pilger die beiden mit einer Fangmagie unschädlich, brachte sie ins zehnte Stockwerk hinunter und rief: »Meister, ich habe die Schatzdiebe!« Tripitaka war bereits eingeschlummert. Als ihn die Worte aufweckten, fragte er erschrocken und erfreut zugleich: »Wo hast du sie gefunden?« Pilger schleifte die beiden vor ihn, ließ sie niederknien und sagte: »Die sind zuoberst unter dem Dach gewesen, haben dort gezecht und gespielt. Ich alter Sun habe sie ganz leicht fassen können. Nehmt ihnen doch ein Geständnis ab, Meister, fragt sie, woher sie kommen und wo der Schatz jetzt ist!« Die Ungeheuer zitterten vor Angst und riefen in einem fort: »Erbarmen, lasst uns am Leben!« Am Ende gestanden sie wahrheitsgemäß: »Wir beide sind vom Allerheiligen Drachenkönig aus dem Teich der Smaragdenen Wellen vom Berg der Wirren Felsen hierhergeschickt worden, um auf der Pagode Wache zu halten. Er heißt Benborba, ich Baborben. Er ist der Geist von einem Wels, und ich bin ein Schwarzfischgeist. Diese Sache hat damit begonnen, dass dem Allerheiligen Drachenkönig eine Tochter geboren wurde, die Allerheilige Prinzessin. Sie ist wunderschön und außerordentlich begabt. Ihr Gemahl wird Neunhäuptiger Königlicher Schwiegersohn genannt und besitzt große magische Kräfte. Dieser ist nun im vorletzten Jahr mit dem Drachenkönig hierhergekommen und hat mit seiner Magie einen Blutregen verursacht und die Pagode verunreinigt, dann hat er die Reliquien Buddhas aus der Pagode gestohlen. Die Prinzessin selbst ist dann auch noch in die höchste Himmelssphäre gegangen, wo sie vor der Halle der Seelenleere den Neunblättrigen Unsterblichkeitspilz der Königinmutter des Westens gestohlen und auf den Grund des Teiches verpflanzt hat. Dort verbreitet er seither ein golden schimmerndes Licht, dass es Tag und Nacht hell ist. Neulich hieß es, ein gewisser Sun Wukong, der in den Westen pilgere, um Heilige Schriften zu holen, habe immense magische Fähigkeiten und tue nichts anderes, als unterwegs bei den Leuten Fehler aufzuspüren. Darum hat er uns jetzt öfter hierher auf Inspektion geschickt. Damit wir vorbereitet sind, falls dieser Sun Wukong wirklich kommen sollte.« »Diese dreisten Biester«, grinste Pilger. »Kein Wunder ist der Rinderdämon vor ein paar Tagen dort eingeladen worden! Mit solch lausigen Dämonen pflegt dieser Drache Umgang und macht nichts als schräge Geschäfte.« Er hatte noch nicht ausgesprochen, als er sah, wie Bajie und ein paar junge Mönche mit zwei Laternen hochkamen. »Meister!« rief Bajie, »warum geht Ihr nicht schlafen, was redet Ihr noch?« »Du kommst genau richtig«, versetzte Pilger. »Der Schatz dieser Pagode ist von einem Allerheiligen Drachenkönig gestohlen worden. Der hat heute zwei Ungeheuer hierhergeschickt, uns aufzuspüren, die habe ich eben festgenommen.« Bajie schwang seinen Rechen und rief: »Hauen wir sie doch tot, wenn es Ungeheuer sind!« »Vorerst brauchen wir sie lebend«, entgegnete Pilger, »dann können wir beim Kaiser vorsprechen. Außerdem können sie uns verraten, wie wir den Dieb aufspüren und den Schatz wiederfinden.« Da steckte Bajie seinen Rechen ein und schleppte mit Pilger je einen der beiden die Pagodentreppe hinunter. Die jungen Mönche führten den Priester fröhlich mit erhobenen Laternen nach unten, wo einer von ihnen sofort zu den anderen Mönchen lief und berichtete, was geschehen war: »Alles wird gut! Wir werden wieder den klaren Himmel sehen! Die Herren haben die Schatzdiebe festgenommen!« Pilger ließ Ketten heranschaffen, band die Ungeheuer am Schlüsselbein fest und rief den Mönchen zu: »Haltet hier Wache. Wir gehen jetzt schlafen und besprechen das Weitere morgen.« Die Mönche scharten sich eng um die Ungeheuer und ließen Tripitaka und seine Schüler ruhen. Unvermerkt wurde es wieder Tag, und der Priester sprach: »Ich werde jetzt mit Wukong in den Palast gehen und den Reisepass einreichen.« Er warf sich seine kostbare Robe über, setzte den Priesterhut auf, und Pilger holte den Reisepass. »Warum nehmt Ihr die Ungeheuer nicht gleich mit?« fragte Bajie. »Sobald wir vorgesprochen haben, werden die per Strafverfügung geholt«, gab Pilger zur Antwort. Nun begaben sie sich zum Palast, wo Tripitaka sich vor der Palastwache verneigte und sprach: »Bitte meldet Eurem König, dass geringer Mönch als Schriftenholer in den Westen reise und um Audienz beim König bitte, um den Reisepass abstempeln zu lassen.« Der Torwächter rief die Meldung weiter. Nachdem des Königs Einlassbefehl verkündet worden war, betrat Tripitaka mit Pilger den Palast. Pilgers Anblick jagte den versammelten zivilen und militärischen Beamten einen gehörigen Schrecken ein. Während Tripitaka vor der Treppe zur Audienzhalle nun die tiefen Verneigungen des Hofzeremoniells vollführte, blieb Pilger lediglich mit respektvoll übereinandergelegten Händen daneben stehen, ohne das leiseste Anzeichen einer Verbeugung. Nachdem der Priester seinen Antrag vorgebracht hatte, ließ der König verkünden, der heilige Mönch aus China möge die Audienzhalle betreten und auf einem der geschmückten Hocker Platz nehmen. Zuerst händigte der Priester dem König den Reisepass aus, dann nahm er dankend Platz. Der König besah das Dokument und sprach erfreut: »Euer Kaiser von China scheint sich darauf zu verstehen, hohe Priester auszuwählen, dass Ihr einen derart weiten Weg auf Euch nehmt, um Heilige Schriften zu holen! Bei uns haben die Mönche nichts anderes im Sinn als Diebstahl und Umsturz.« Tripitaka faltete die Hände und fragte: »Wie meint Ihr das?« »Unser Reich ist eines der größten Länder im Westen, und früher haben uns alle umliegenden Länder Tribute dargebracht. Dies geschah allein deshalb, weil wir hier ein Goldglanz-Kloster mit einer Goldpagode haben, von der ein farbenfroher Glanz emporsteigt. Doch seit die Mönche vom Kloster vor drei Jahren den Schatz der Pagode entwendet haben, ist ihr Glanz erloschen, und seither sind auch keine Gesandten der umliegenden Staaten mehr an den Hof gekommen. Dies verdrießt uns außerordentlich.« Da faltete Tripitaka die Hände und sprach lächelnd: »Majestät, es liegt ein Irrtum vor. Geringer Mönch traf gestern in der Hauptstadt ein und begegnete gleich beim Eintreten den zu Unrecht angeklagten Mönchen des Goldglanz-Klosters. Anschließend habe ich bis spät in der Nacht die Pagode ausgekehrt und konnte dabei die Schatzdiebe dingfest machen.« Erfreut horchte der König auf und fragte: »Und wo sind sie jetzt?« »Mein Schüler hat sie im Kloster angekettet.« Umgehend sandte der König einen Eilboten mit dem goldenen Befehlsstab aus, um zu melden: »Die Palastgarde soll sofort im Goldglanz-Kloster die Diebe festnehmen. Wir werden sie persönlich befragen.« Da meldete sich Tripitaka und sprach: »Majestät, auch wenn die Palastgarde ausrückt, geht es leider nur, wenn mein Schüler dabei ist.« »Wo ist denn Euer werter Schüler?« Tripitaka wies nach draußen und sprach: »Dort, neben der Jadetreppe.« Als der König ihn gewahrte, fragte er erschrocken: »Wie kommt es, dass ein so anmutiger Mann wir Ihr einen derart ungestalten Schüler hat?« Da schrie Pilger, der die Frage mitbekommen hatte: »Majestät, man soll die Menschen nicht nach dem Äußeren beurteilen; das Meer lässt sich nicht mit dem Litermaß ausschöpfen! Gäbe es nur die Hübschen, wer sollte dann die dämonischen Räuber festnehmen?« Da fasste sich der König und sprach: »Der heilige Mönch hat recht gesprochen. Wir wollen hier auch gar nicht bestimmen, wer geeignet sei, Hauptsache ist, dass wir die Diebe fassen und den Schatz wiederfinden können.« Dann ließ er die amtierenden Hofdiener Sänfte und Baldachin bereitstellen und befahl der Palastgarde, dem heiligen Mönch bei der Festnahme der Räuber zur Seite zu stehen. Die Hofdiener stellten eine große Sänfte mit einem gelben Baldachin bereit, die Palastgarde kommandierte ihre Offiziere ab, dann wurde Pilger in einer von acht Trägern geschulterten Sänfte zum Goldglanz-Kloster getragen; vor ihm vier Beamte, die mit lauten Rufen den Weg freimachten. Im Glauben, der König hätte einen hohen Minister gesandt, traten Bajie und Sandmönch sogleich zum Empfang heraus, da sahen sie Pilger auf der Sänfte thronen. »Bruder«, rief Bajie grinsend, »da sieht man dich ja ganz in deinem Element!« Pilger stieg aus der Sänfte und fragte: »Warum in meinem Element?« »Von acht Leuten in einer Sänfte mit gelbem Baldachin getragen zu werden, das ist doch genau, was ein Affenkönig braucht! Darum sage ich, du seist in deinem Element!« »Bindet schnell die Ungeheuer los und bringt sie vor den König!« wies Pilger an. Also zerrten Bajie und Sandmönch je eines der Ungeheuer hinter sich her, während der Große Heilige wiederum die Sänfte bestieg. Abermals wurde vor der Sänfte mit lauten Rufen der Weg freigemacht und die beiden Ungeheuer in den Palast geführt. Bald war man vor der Weißen Jadetreppe angelangt. Der König stieg vom Thron und sah sich zusammen mit Tripitaka und seinen Ministern die Unholde genauer an. Der eine hatte kiemenartige Wangen, einen schwarzen Schuppenpanzer, scharfe Zähne und ein spitzes Maul, der andere war großbauchig, mit glitschiger Haut und einem großen Maul mit langen Barteln. Dennoch hatten sie Beine, auf denen sie sich fortbewegen konnten, so dass sie im Großen und Ganzen Menschen ähnlich sahen. »Wo kommt ihr Ungeheuer her?« fragte der König, »wann habt ihr den Schatz gestohlen, wie viele seid ihr, und wie lauten die Namen aller Täter? Bekennt alles der Wahrheit gemäß!« Da legten die Ungeheuer kniend ihr Geständnis ab: »Es war vor drei Jahren, am ersten Tag des siebten Mondmonats: Da war ein Allerheiliger Drachenkönig, über hundert Meilen weit von hier. Sein Wohnort heißt ›Teich der Smaragdenen Wellen‹, sein Berg heißt ›Berg der Wirren Felsen‹. Der Drachenkönig hat eine Tochter, und die ist von wunderprächtiger Schönheit; ihr Ehemann ist der Neunhäuptige, und der besitzt unübertroffenen Zauber. Der aber wusste um den kostbaren Schatz Eurer Pagode und wollte ihn zusammen mit dem Drachenkönig entwenden. So machten sie erst einen blutigen Regen und stahlen dann die heilige Reliquie. Diese strahlt jetzt im Drachenpalast, dass die Nacht so hell ist wie der Tag. Die Prinzessin entwendete außerdem der Königinmutter einen Unsterblichkeitspilz, diesen hegt und pflegt sie nun im Teich wie einen Schatz. Wir zwei sind aber nicht Diebe, sondern des Drachenkönigs Soldaten. So wurden wir heut Nacht gefangen; unser Geständnis ist die Wahrheit.« »Warum sagt ihr dann nicht auch offen eure Namen?« fragte der König, und das Ungeheuer antwortete: »Ich heiße Benborba und bin der Geist von einem Wels; er heißt Baborben und ist der Geist von einem Schwarzfisch.« Da gab der König der Palastgarde den Befehl, die beiden in Gewahrsam zu nehmen, und erließ eine Amnestie für die Mönche des Goldglanz-Klosters. Außerdem beauftragte er umgehend das Hofamt für Festlichkeiten mit der Zubereitung eines Festmahls, um den heiligen Mönchen für die Festnahme der Übeltäter zu danken und sie gleichzeitig auch zu bitten, die Haupttäter dingfest zu machen. Rechtzeitig stellte das Hofamt für Festlichkeiten die Festtafel, getrennt in fleischhaltige und vegetarische Speisen, bereit, der König bat Tripitaka und seine Schüler, in der Einhornhalle Platz zu nehmen, und fragte jeden nach seinem Namen. Dann spielte Musik auf, und alle nahmen ihre Plätze ein. Dieses Gastmahl dauerte bis über die Mittagszeit hinaus. Nachdem sich Tripitaka beim König bedankt hatte, lud dieser die Pilgernden in den Palastgarten ein, wo sie die nächste Mahlzeit einnahmen. Da hielt der König seine Weinschale in die Höhe und sprach: »Darf ich die heiligen Mönche bitten, Truppen anzuführen, um den dämonischen Dieb zu fangen?« »Mein ältester Schüler Sun Wukong kann das machen«, antwortete Tripitaka, und Pilger legte zur Zustimmung die Hände vor der Brust übereinander. »Wie viele Streiter und Rosse braucht Ihr, Priester Sun?« fragte der König. Da konnte sich Bajie nicht halten und rief: »Wir brauchen doch keine Streitkräfte! Wir haben ja reichlich gespeist, da kann ich mit meinem Ordensbruder gleich losgehen; wir fangen die Räuber im Handumdrehen!« Da ließ der König einen großen Weinkrug bringen, um den beiden zum Abschied zuzutrinken. Der Große Heilige Sun bat, ihm die beiden Ungeheuer mitzugeben, damit sie ihnen den Weg weisen konnten. Umgehend erteilte der König den Befehl, sie ihnen auszuhändigen. Jeder der beiden klemmte sich eines der Ungeheuer unter den Arm, und so stiegen sie auf einem Windstoß empor, in Richtung Südosten. Und da wir nicht wissen, was dieser Gang mit sich bringen sollte, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第063回 / 63. Kapitel Zwei Mönche bekämpfen im Drachenpalast Dämonen / Die Heiligen tilgen das Übel und erlangen den Schatz Wie berichtet wurde, sahen der König vom Lande der Dankopfer und all seine hohen und niederen Minister, wie der Große Heilige und Bajie, jeder mit einem Ungeheuer unter dem Arm, auf einem Windstoß zu den Wolken stiegen und bald ihren Blicken entschwanden. Alle falteten die Hände gen Himmel. Anschließend verneigte sich der König dankend vor Tripitaka und Sandmönch und sprach: »Mit den Augen des Fleisches haben wir nur gesehen, dass Eure hohen Schüler gewisse Kräfte besitzen, die Ungeheuer festzunehmen, doch hätten wir nicht gedacht, dass sie hohe Unsterbliche sind, die über Wolken und Nebel schweben können!« In der Folge sprach er Tripitaka nur noch mit »ehrwürdiger Buddha« und Sandmönch mit »Bodhisattva« an. Und wie sich nun sämtliche Hofbeamten freudig vor ihnen verneigten, sei hier nicht weiter ausgeführt. Berichten wir stattdessen, wie der Große Heilige und Bajie mit den beiden Ungeheuern zum Teich der Smaragdenen Wellen auf dem Berg der Wirren Felsen kamen. Pilger hielt seine Wolke an und behauchte den Goldreifstab mit göttlichem Odem, dass er sich in ein Messer verwandelte. Damit schnitt er dem Schwarzfisch-Geist die Ohren ab und dem Wels die Unterlippe, warf beides ins Wasser und rief mit barscher Stimme: »Geht sofort zu eurem Allerheiligen Drachenkönig und sagt ihm, unser Himmelsebenbürtiger Großer Heiliger, Ehrwürden Sun, befehle ihm, auf der Stelle den Schatz der Goldglanz-Pagode zu bringen, sonst werde seine gesamte Sippe ausgerottet!« So kamen die Ungeheuer mit dem Leben davon und tauchten, die Ketten hinter sich herschleifend, in die Tiefe, betraten den Palast des Drachenkönigs und riefen: »Unheil!« Der alte Drachenkönig saß gerade mit seinem Schwiegersohn, dem Neunhäuptigen, beim Wein. Wie er die beiden kommen sah, stellte er den Becher hin und fragte, was denn los sei. Da berichteten die beiden: »Gestern, bei der Inspektion, sind wir von dem Priester aus China und dem Pilger Sun, die die Pagode auskehrten, ergriffen und angekettet worden. Heute früh hat man uns vor den König gebracht, und dann sind dieser Pilger und der Eber Bajie gekommen, haben uns Ohren und Lippen abgeschnitten und uns ins Wasser geworfen, damit wir Euch melden, der Himmelsebenbürtige Große Heilige sei draußen und wolle den Schatz der Pagode.« Als der alte Drache hörte, dass der Himmelsebenbürtige Große Heilige da sei, war er außer sich vor Schrecken. Zitternd sprach er zum Neunhäuptigen: »Werter Schwiegersohn, mit jedem anderen ließe sich verhandeln, doch wenn er da ist, verheißt das nichts Gutes.« Der Neunhäuptige lachte nur: »Macht Euch keine Sorgen, Schwiegervater. Ich habe mich von klein auf in der Kampfkunst geübt und einige Helden auf dieser Welt kennengelernt. Was brauchen wir uns vor ihm zu fürchten! Lasst mich hinausgehen und ein paar Runden austragen; ich verspreche Euch, dass der Kerl sich in kurzer Zeit mit gesenktem Kopf ergibt.« Schon sprang der Unhold auf und warf sich in Rüstung, dann schritt er, mit einer Mondsichellanze bewaffnet, aus dem Drachenpalast, stieß durchs Wasser nach oben, sprang aus dem Teich und rief: »Was ist hier für ein Himmelsebenbürtiger Großer Heiliger? Komm her und lass dich umlegen!« Pilger stellte seine Eisenstange vor sich hin und sprach: »Hier ist der ehrenwerte Sun!« »Wie ich gehört habe, bist du ein Mönch auf Schriftensuche«, meinte der Unhold, »und da mischst du dich ungefragt in fremde Angelegenheiten ein und belästigst andere Leute! Was geht es dich an, wenn ich im Land der Dankopfer einen Schatz stehle? Ohne Grund hast du meine Leute verletzt und erkühnst dich auch noch, auf meinem Berg zu randalieren!« »Du teuflischer Schurke!« schrie Pilger, »du weißt ja nicht, was rechtens ist! Auch wenn ich nicht in Diensten des Königs stehe, sind es doch meine Mitbrüder, die im Goldglanz-Kloster wegen deinem Diebstahl jahrelang bittere Strafen erlitten. Wie könnte ich es also unterlassen, mich für sie einzusetzen und dieses Unrecht ans Licht zu bringen?« »Nun, wenn du das so siehst, willst du wohl einen Wettstreit ausfechten«, meinte der Neunhäuptige, »doch wie man sagt, nimmt man ja beim Kampf keine Rücksicht auf Höflichkeit. Wenn ich dich jetzt umbringe, wäre deine Schriftensuche zunichte.« Wütend schrie Pilger: »Du verdammter Schurke, was hast du eigentlich für Fähigkeiten, dass du so großspurig zu reden wagst? Komm her und lass dir eins mit meiner Stange überziehen!« Sowie er Bajie von hinten kommen sah, fing er den Rechen mit dem Knauf seiner Lanze ab und hielt gleichzeitig mit der mondsichelförmigen Schneide die Eisenstange in Schach. Furchtlos wehrte der Neunhäuptige die Eisenstange mit seiner Lanze ab, und auf dem Berg der Wirren Felsen begann ein Kampf, der sich über dreißig Runden lang hinzog, ohne dass eine Entscheidung fiel. Schließlich schwang Bajie, der das erbitterte Gefecht mitverfolgt hatte, seinen Rechen und ließ ihn von hinten auf den Unhold niedersausen. Nun hatte dieser ja neun Häupter, mit denen er gleichzeitig in alle Richtungen sehen konnte. Sowie er Bajie von hinten kommen sah, fing er den Rechen mit dem Knauf seiner Lanze ab und hielt gleichzeitig mit der mondsichelförmigen Schneide die Eisenstange in Schach. So rang er weitere sechs bis sieben Runden, bis er endlich den gleichzeitigen Hieben von hinten und vorn nicht mehr standhalten konnte. Da wirbelte er mit einem Salto durch die Luft und nahm seine ursprüngliche Gestalt an: Es war ein neunköpfiger Lindwurm, der grauenvoll aussah. Bestürzt rief Bajie Pilger zu: »Bruder, seit ich Mensch bin, habe ich noch nie eine so üble Bestie gesehen! Aus wessen Energie und Blut kann ein solches Untier bloß geboren sein?« »In der Tat, das ist selten!« gab Pilger zur Antwort. »Warte, ich will hochgehen und weiterkämpfen!« Jäh stob der Große Heilige auf einer Wolke gen Himmel und holte den Unhold mit wirbelnder Eisenstange ein. Der aber zeigte nun, was er konnte: Er spreizte die Flügel und schoss schräg in die Höhe, dann änderte er blitzschnell die Richtung, streifte den Berg und ließ gleichzeitig aus den Lenden einen weiteren Kopf herauswachsen, der mit grausam blutigem Maul Bajie an den Borsten schnappte und ihn in die Tiefen des Teichs der Smaragdenen Wellen riss. Vor dem Drachenpalast nahm das Untier wieder seine vormalige Gestalt an, schleifte Bajie hinter sich her und rief seinen Ungeheuern zu: »Bindet diesen Mönch dort drüben fest, wir wollen uns für unsere beiden Soldaten, die auf Inspektion waren, rächen!« Mit großem Tumult stießen und zerrten die kleinen Ungeheuer Bajie hinein. Der alte Drachenkönig kam fröhlich herbei und empfing seinen Schwiegersohn mit den Worten: »Ihr habt große Arbeit geleistet, werter Schwiegersohn! Wie habt Ihr ihn nur festnehmen können?« Und er befahl dem Gesinde, Wein zu bringen, um ihm zu gratulieren, doch davon sei hier nicht weiter die Rede. Erzählen wir stattdessen von Pilger, der mitangesehen hatte, wie der Dämon Bajie mit sich riss, und dachte: »Dieser Kerl ist heftig! Wenn ich jetzt zum Palast zurückgehe und dem Meister Bericht erstatte, würde sich der König wohl über mich lustig machen. Rufe ich aber noch mal zum Kampf auf, dann bin ich allein, und zudem komme ich im Wasser nicht gut zurecht. Da will ich doch lieber erst in Verwandlung runtergehen und schauen, was los ist.« Also legte er die Finger aneinander, murmelte einen Zauberspruch, schüttelte sich und erschien abermals als Krebs. So stürzte er sich ins Wasser und kam geradewegs zu dem verzierten Torbogen, denn diesen Weg kannte er ja noch von seinem Angriff gegen den Rinderdämon. Er drang bis zum Palast vor, wo er den Drachenkönig erblickte, der gerade in familiärer Eintracht mit dem Neunhäuptigen becherte. Pilger wagte sich nicht näher heran. Stattdessen kroch er in den östlichen Korridor, wo er ein paar Hummer- und Krebsgeister antraf, die sich dort scherzend die Zeit vertrieben. Pilger hörte eine Weile zu und fragte dann: »Der Mönch mit der langen Schnauze, den unser Neunhäuptiger sich geschnappt hat, ist der eigentlich schon tot?« »Noch nicht«, antworteten die Geister, »dort liegt er doch gefesselt und stöhnt, da drüben im westlichen Korridor!« Nachdem er das vernommen hatte, kroch Pilger sachte zum Westkorridor, wo der Tölpel tatsächlich an eine Säule gefesselt war und vor sich hin stöhnte. Nachdem Pilger sich vergewissert hatte, dass ringsum niemand anwesend war, kroch er zu ihm und rief: »Bajie!« Dann schnitt er mit seiner Krebszange die Fesseln durch und hieß ihn schnell weggehen. Der Tölpel befreite sich aus den Fesseln und sagte: »Aber Bruder, diese Ungeheuer haben meine Waffe in den Palast genommen, was soll ich tun?« »Dann geh erst mal zum Torbogen und warte auf mich«, meinte Pilger. Bajie stahl sich davon. Pilger aber kroch abermals in den Palast und sah sich um. Da sah er linker Hand den Rechen glitzern. Er machte sich unsichtbar, stahl sich mit dem Rechen davon und überreichte ihn am Torbogen Bajie. Kaum hatte dieser seinen Rechen wieder, rief er: »Bruder, geh du erst mal hoch, ich alter Eber stürme den Palast! Wenn ich Erfolg habe, nehme ich die ganze Rotte fest, und falls ich fliehen muss, kannst du mir am Ufer beistehen.« Also schwamm Pilger an die Oberfläche. Bajie aber packte seinen Rechen mit beiden Händen und stürmte mit lautem Kampfgeschrei in den Palast. Die entsetzten Wassertiere sausten ins Innere und schrien: »Schlimm! Der langschnäuzige Mönch hat sich befreit und stürmt den Palast!« Unvorbereitet wie sie waren, sprangen der alte Drache und der Neunköpfige Lindwurm auf und suchten sich in Deckung zu bringen. Der Tölpel aber stürmte heran, zerschmetterte mit seinem Rechen das Tor und schlug drinnen die Tische und Stühle und alles, was ihm in Reichweite kam, kurz und klein. Nachdem der Lindwurm die Prinzessin in den inneren Gemächern versteckt hatte, packte er seine Mondsichellanze, trat vor und fauchte: »Du verfluchtes Wildschwein! Wie kannst du es wagen, meine Sippe zu erschrecken!« »Du diebischer Schurke!« schimpfte Bajie zurück, »wie kannst du es wagen, mich fangen zu wollen? Dass ich hier kämpfe, ist nicht meine Schuld, du hast mich hergeholt! Rück auf der Stelle den Schatz raus, dann bringe ich ihn zum König, und die Sache ist erledigt. Ansonsten bleibt keiner deiner Sippe am Leben!« Der Unhold biss die Zähne zusammen und begann mit Bajie zu ringen. Der alte Drache, der sich nun wieder gefasst hatte, kam ihm mit seinen Drachensöhnen und Drachenenkeln, alle mit Speer und Säbel bewaffnet, zu Hilfe. Als Bajie merkte, dass es schlecht um ihn stand, machte er einen letzten Scheinhieb, schnellte herum und ergriff die Flucht. Der alte Drache und seine Gehilfen folgten ihm auf den Fersen, und einen Augenblick später stoben alle zusammen aus dem Teich und rangen am Ufer weiter. Pilger, der am Ufer gewartet hatte, sah alle hinter Bajie aus dem Teich springen; da schoss er hoch und tat aus halber Höhe einen einzigen Hieb mit seiner Eisenstange, da war der Kopf des alten Drachen zerschmettert, dass das Blut der armen Kreatur in den Teich spritzte und die Leiche obenauf schwamm. Die entsetzten Drachensöhne und Drachenenkel ergriffen die Flucht, und der Neunhäuptige zog sich mit der Drachenleiche in den Palast zurück. Pilger und Bajie sahen von einer Verfolgung ab. Sie kehrten ans Ufer zurück und besprachen gerade das weitere Vorgehen, als auf einmal ein Sturmwind heranbrauste und von Osten her dichte Wolken gen Süden zogen. Pilger heftete seinen Blick darauf. Es war der Offenbarte Heilige Erlang, der mit seinen sechs Brüdern vom Pflaumenberg, mit Jagdfalken und Hunden im Sturmwind voranstob, ein jeder mit Armbrust und blanker Klinge. »Bajie«, rief Pilger, »es sind die sieben heiligen Gebrüder! Wir wollen sie bitten, uns zu helfen; das ist eine großartige Gelegenheit. Allerdings ist darunter auch der Offenbarte Heilige, Bruder Erlang, der mich einst besiegt hat; ihm kann ich schlecht vor Augen treten. Geh du erst mal hin und halte ihre Wolke auf. Wenn er angehalten hat, werde ich ihn begrüßen.« Flugs schoss der Tölpel auf einer Wolke auf den Berggipfel, stellte sich den Heranstürmenden in den Weg und rief laut: »Wahrer Meister Erlang! Haltet einen Augenblick inne, der Himmelsebenbürtige Große Heilige wünscht Euch zu sprechen!« Als der ehrwürdige Herr das hörte, befahl er allen anzuhalten, begrüßte Bajie höflich und fragte: »Wo ist denn der Himmelsebenbürtige Große Heilige?« »Unten am Fuß des Berges.« Da rief Erlang seine sechs Gebrüder namens Kang, Zhang, Yao, Li, Guo und Zhi zu sich, bat Pilger auf den Gipfel und sprach: »Großer Heiliger, nun seid Ihr dem großen Leid entronnen, habt Euch dem Buddhismus zugewendet und die Gebote angenommen; gewiss werdet Ihr Eure Aufgabe bald vollenden und den hohen Lotosthron besteigen. Herzlichen Glückwunsch!« »Das wage ich nicht zu behaupten«, erwiderte der Große Heilige, »zwar bin ich nun auf dem Weg in den Westen, doch keiner weiß, wann wir unser Ziel je erreichen. Zur Zeit sind wir hier, weil wir ins Land der Dankopfer gekommen sind, wo wir den Mönchen zugesagt haben, sie aus der Not zu befreien. Darum versuchen wir hier, einen Dämon festzunehmen und einen Schatz zu finden. Da ich nun zufällig Eure Equipage gewahrte, erkühne ich mich zu fragen, ob Ihr mir vielleicht behilflich sein könnt. Ich weiß nicht, ob Ihr diesem Wunsche wohl entgegenkommen mögt?« Lächelnd antwortete Erlang: »Ich komme mit meinen Brüdern gerade von der Jagd, weil wir sonst nichts zu tun hatten. Es freut mich sehr, dass Ihr, Großer Heiliger, mich nicht verschmäht! Wie könnte ich es wagen, Eurer Weisung nicht zu folgen? Doch ist mir nicht bekannt, was für ein diebischer Dämon sich hier aufhält.« Da riefen die sechs Heiligen: »Hast du es denn vergessen, Bruder? Das ist doch der Berg der Wirren Felsen mit dem Teich der Smaragdenen Wellen, wo sich der Drachenpalast des Allerheiligen befindet!« »Der Allerheilige Drache wird doch nicht etwa Unheil angerichtet haben? Wie kann er es wagen, einen Schatz zu stehlen?« Da berichtete ihm Pilger, was geschehen war, und schloss mit den Worten: »Eben habe ich den alten Drachen erschlagen. Die Bestien haben seine Leiche geborgen und halten jetzt ihre Totenwache. Wir beide haben uns gerade besprochen, als wir am Himmel Eure Flaggen entdeckten, darum die kleine Störung.« »Wenn ihr schon den alten Drachen erschlagen habt«, meinte Erlang, »solltet ihr sofort angreifen, damit der andere euch nicht zuvorkommt. Am besten würdet ihr doch gleich die ganze Bande ausrotten!« »Ihr habt schon recht«, erwiderte Bajie, »doch ist es nicht schon etwas spät?« Da meinte Erlang: »Nun, wir haben Wein und Speisen mit dabei. Ich kann ja meine Diener hier auftischen lassen, dann könnten wir uns die Nacht über unterhalten und, sobald der Tag anbricht, weiterkämpfen; was meint ihr dazu?« Er beauftragte einen seiner Offiziere, sich darum zu kümmern. Und so saßen schließlich alle Brüder gemeinsam im Lichte von Mond und Sternen auf freiem Felde unter dem Himmelszelt, erhoben die Becher und erzählten von alten Zeiten. In der Tat ist jede frohe Nacht zu kurz! Unvermerkt hellte sich im Osten der Himmel auf. Da rief Bajie, nach mehreren Schalen Wein voller Energie: »Es ist hell! Ich alter Eber springe jetzt in den Teich und rufe zum Kampf auf.« Seht, wie er sein Gewand glattstreicht, den Rechen packt und mit einer Wassertrenn-Magie in den Teich saust! Schnurstracks kam er zum Torbogen und stürmte mit Kampfgeschrei in den Palast. Drinnen standen die Drachensöhne gerade in Trauerkleidung weinend um die Leiche herum, während die Drachenenkel hinten schon mit dem Schwiegersohn den Sarg bereit machten. Bajie aber trat vor und hieb seinen Rechen einem der Drachensöhne über den Schädel, dass neun Löcher aufklafften. Panisch rannte die Drachengemahlin mit den anderen ins Innere und heulte: »Der langschnäuzige Mönch hat auch noch meinen Sohn erschlagen!« Als der Schwiegersohn das hörte, packte er seine Mondsichellanze und stürmte mit den Drachenenkeln heraus. Bajie empfing die Feinde mit erhobenem Rechen und focht mit ihnen, indem er sich immer mehr zurückzog, bis sie schließlich aus dem Wasser sprangen. Am Ufer wurden sie vom Großen Heiligen und den sieben Gebrüdern umringt; es hagelte Speer- und Säbelhiebe, und einer der Drachenenkel wurde kurzerhand in Stücke gehauen. Wie der Schwiegersohn sah, dass die Lage schlecht stand, wälzte er sich am Hang über den Boden, nahm abermals seine ursprüngliche Gestalt an, spreizte die Flügel und schwang sich kreisend in den Himmel. Da nahm Erlang seine goldene Steinschleuder und setzte eine silberne Kugel an, dann spannte er die Schnur so stark, wie er konnte, und schoss auf den Lindwurm. Dieser machte eine harte Wende und schoss auf den Berg hinab, wo er Erlang zu beißen suchte, indem er aus den Lenden einen neuen Kopf wachsen ließ. Da aber stach der kleine Jagdhund hervor, bellte und biss den Kopf vom Leibe, dass das Blut troff. Von Schmerzen gepeinigt, ergriff der Unhold die Flucht und schoss in Richtung Nordmeer davon. Bajie wollte ihm nachsetzen, doch Pilger hielt ihn zurück und sagte: »Lass das, es ist doch, wie man sagt: ›Banditen, die am Ende sind, soll man nicht verfolgen.‹ Da er vom Hund gebissen worden ist, wird er schwerlich überleben. Ich will mich jetzt mal in seine Gestalt verwandeln, und du kannst den Wasserweg freimachen und mich nach unten jagen. Dort suche ich dann die Prinzessin und schaue, dass ich ihr den Schatz ablisten kann.« »Zwar brauchen wir ihn nicht zu verfolgen«, meinte Erlang, »doch wenn wir eine solche Kreatur auf Erden lassen, wird sie gewiss späteren Generationen zum Übel werden.« Dass bis heute das Blut einer neunhäuptigen Bestie tropft, geht auf diese Geschichte zurück. Wie geheißen machte Bajie einen Wasserweg frei; Pilger ging in Gestalt des Ungeheuers voran, Bajie folgte ihm nach. So tauchte er bis zum Drachenpalast, wo ihn die Allerheilige Prinzessin mit den Worten empfing: »Wieso bist du so angespannt?« »Dieser Bajie ist mir überlegen; er hat mich hierhergejagt. Gib mir sofort den Schatz, damit ich ihn verstecken kann!« rief Pilger. Nichtsahnend holte die Prinzessin in der hinteren Kammer ein goldenes Kästchen, reichte es Pilger und sagte: »Dies ist der buddhistische Schatz.« Dann holte sie ein weiteres Kästchen aus weißer Jade, händigte auch dieses Pilger aus und sprach: »Und das hier ist der neunblättrige Unsterblichkeitspilz.« Pilger steckte die beiden Kästchen ein, strich sich mit der Hand übers Gesicht und erschien wieder in seiner eigenen Gestalt. Entsetzt wollte ihm die Prinzessin die Kästchen entreißen, doch schon rannte Bajie herbei und schlug ihr den Rechen über die Schulter, dass sie zusammenbrach. Da war noch die alte Drachengemahlin, die gerade in aller Hast davonrannte; Bajie jagte ihr nach, doch Pilger rief: »Erschlag sie nicht, lassen wir lieber einen der Drachen am Leben, dann können wir dem König unseren Erfolg vorführen.« Also zogen sie das Drachenweib aus dem Wasser. Dahinter folgte Pilger mit den zwei Kästchen in den Händen, der Erlang dankend zurief: »Dank Eurer Macht haben wir den Schatz gewonnen und die Diebe ausgemerzt!« Da sprachen Erlang und seine Brüder: »Da Ihr Euer Ziel erreicht habt, wollen wir uns nun von Euch verabschieden.« Und er kehrte mit seinen Leuten zur Mündung des Guanjiang zurück. Nun schwebten Pilger mit den zwei Kästchen und Bajie mit dem Drachenweib zwischen Wolken und Nebel dahin, bis sie nach kurzem wieder ins Land der Dankopfer kamen. Die befreiten Mönche vom Goldglanz-Kloster standen schon vor dem Stadttor zum Empfang bereit. Wie sie nun plötzlich Pilger und Bajie herbeischweben sahen, falteten alle die Hände, schlugen ehrerbietig die Stirn auf den Boden und führten sie dann in die Stadt hinein. Als der König davon erfuhr, stieg er eilends vom Thron, nahm sie gemeinsam mit Tripitaka und Sandmönch in Empfang und wollte nicht aufhören, ihnen zu danken. Dann gab er den Auftrag, ein Dankesbankett zuzubereiten. Tripitaka aber sprach: »Bitte lasst mich geringen Jünger erst in die Pagode zurückgehen und den Schatz an seine Stelle legen! Danach können wir uns gern des Essens und Trinkens erfreuen.« Da fragte der König: »Spricht das Drachenweib die menschliche Sprache?« »Wie könnte sie als Frau des Drachenkönigs der menschlichen Sprache nicht mächtig sein?« versetzte Bajie. »Nun, dann soll sie sofort darlegen, weshalb der Schatz gestohlen wurde!« Da sprach das Drachenweib: »Vom Diebstahl des buddhistischen Schatzes habe ich nichts gewusst. Nur mein Mann, dieser Drachengeist und jener neunhäuptige Lindwurm, die wussten, dass der Glanz Eurer Pagode von buddhistischen Reliquien herrührte. Vor drei Jahren haben sie dann einen Blutregen verursacht, um den Schatz zu entwenden.« Der König fragte weiter, wie der Unsterblichkeitspilz entwendet worden sei, und das Drachenweib sprach: »Das ist ein neunblättriger Unsterblichkeitspilz, den meine Tochter, die Allerheilige Prinzessin, im Daluo-Himmel aus der Halle der Beseelten Leere der Königinmutter des Westens gestohlen hat. Denn wenn diese Reliquie vom beseelten Odem dieser Pflanze wärmend genährt wird, hat sie Jahrtausende Bestand und verstrahlt in aller Ewigkeit ihren Glanz. Auch wenn man damit nur über den Boden streicht, leuchtet es in Tausenden von Strahlen, und eine wunderbare Aura verbreitet sich. Doch jetzt habt Ihr es weggenommen, mein Gatte und mein Sohn sind dabei umgekommen, meine Tochter und mein Schwiegersohn sind gestorben. Lasst doch um alles in der Welt wenigstens mich am Leben!« »In keiner Sippe ist jeder schuldig«, meinte Pilger, »ich lasse dich am Leben, doch will ich, dass du dafür fortan die Pagode bewachst.« »Lieber schlecht leben als gut sterben«, meinte das Drachenweib, »wenn Ihr mich am Leben lasst, so will ich dahin gehen, wo Ihr mich hinschickt.« Pilger ließ eiserne Ketten bringen und schloss sie dem Drachenweib ums Schlüsselbein. Dann rief er Sandmönch zu: »Sage dem König, er möge mitkommen und zuschauen, wie wir die Pagode wiederherstellen.« Umgehend ließ der König die Sänfte bereitstellen, trat Hand in Hand mit Tripitaka aus dem Palast und begab sich mit seinen zivilen und militärischen Hofbeamten zum Goldglanz- Kloster, wo sie die Pagode bestiegen und die Reliquie im dreizehnten Stockwerk wieder in die kostbare Vase legten. Das Drachenweib wurde an die Säule in der Mitte der Pagode gekettet. Mit einem Zauberspruch zwang Pilger den Erdgeist des Landes, den Stadtgott und die Schutzgötter des Klosters herbei und beauftragte sie, dem Drachenweib alle drei Tage etwas zu essen zu bringen, um es am Leben zu halten; sollte es sich auch nur ein bisschen ungehörig benehmen, müsse es auf der Stelle hingerichtet werden. Die unsichtbaren Götter versprachen, sich danach zu richten. Nun wischte Pilger mit dem Unsterblichkeitspilz über alle Stockwerke der Pagode und steckte ihn zuletzt ebenfalls in die Vase, um die Reliquie wärmend zu nähren. Da erst leuchtete das Licht in tausend und abertausend Strahlen, eine wundersame Aura breitete sich aus, die wieder weitherum bis in die umliegenden Länder zu sehen war. Nachdem sie die Pagode verlassen hatten, bedankte sich der König mit gefalteten Händen und sprach: »Wie hätten wir diese Angelegenheit je klären können, wenn nicht Ihr, werter Buddha, mit Euren drei Bodhisattvas gekommen wäret!« Da sprach Pilger: »Majestät, das Wort ›Goldglanz‹ ist nicht gut; das ist nicht von Dauer. Denn Gold ist etwas Fließendes, Glanz etwas Funkelndes. Da wir geringen Mönche für Euch diese Anstrengungen unternommen haben, sollt Ihr den Namen ändern in ›Kloster der Drachenbändigung‹. So wird es auf ewig Bestand haben.« Sofort gab der König den Befehl, eine neue Schrifttafel über dem Eingang anzubringen, mit dem Wortlaut: »Königliches Klosterstift Reichssegen der Drachenbändigung«. Dann ließ er das Festmahl zubereiten und gab gleichzeitig einem begabten Maler den Auftrag, die vier Pilgernden in einem Bilde festzuhalten, derweil ihnen zu Ehren ihre Namen im Eingangsportal zum Palast eingetragen wurden. Schließlich ließ der König seine Sänfte vorfahren, um Tripitaka und seinen Schülern das Abschiedsgeleit zu geben. Zudem bot er ihnen eine Dankesgabe von Gold und Edelsteinen an, doch Meister und Schüler weigerten sich, auch nur das Geringste anzunehmen. So war es in der Tat: Abgeschnitten ist das Ungeheuer, Alle Himmelsgötter sind erfreut; Glanz kehrt heim in die Pagode Und erhellt das ganze Land erneut! Und da wir nicht wissen, was sie auf ihrem weiteren Weg erwartete, lasst uns hören, was das nächste Kapitel berichtet. 第064回 / 64. Kapitel Auf dem Dornenkamm setzt Wuneng seine Kräfte ein / Im Hause der Baumgeister reimt Tripitaka Gedichte Wie berichtet wurde, bedankte sich der König des Landes der Dankopfer bei Tripitaka und seinen Schülern für die Wiedererlangung des Schatzes und die Unterwerfung der Dämonen. Er beauftragte seine Hofdiener, Kleider, Schuhe und Socken anfertigen zu lassen, Gebäck und Dörrfrüchte zuzubereiten, und setzte Stempel und Unterschrift auf den Reisepass. Dann wurde die königliche Sänfte bereitgestellt, und der König geleitete die vier Pilgernden, zusammen mit vielen Hofbeamten und Bürgern der Stadt sowie den Mönchen vom Kloster der Drachenbändigung, mit Trommeln und Trompeten aus der Stadt hinaus. Nach etwa zwanzig Wegmeilen nahmen sie zuerst vom König Abschied, während die Menge sie weitere zwanzig Wegmeilen begleitete. Die Mönche des Klosters jedoch wanderten ganze fünfzig bis sechzig Meilen weit mit den Pilgernden einher; die einen wollten gar mit in den Westen gehen, die anderen wollten ihnen zu Diensten stehen und sich auf Pilgerschaft der Vervollkommnung widmen. Schließlich griff Pilger zu einem Zaubertrick: Er zupfte sich an die vierzig Pelzhaare aus und verwandelte sie in große wilde Tiger, die den Mönchen brüllend und fauchend den Weg versperrten. Erst jetzt hatten die Mönche Angst und wagten nicht weiterzugehen. Pilger aber führte den Meister voran, der gab dem Pferd die Sporen, und so waren sie binnen kurzer Zeit in der Ferne verschwunden, worauf die Mönche unter lauter Klage den Rückweg antraten. Erst als die vier Pilgernden auf die Landstraße kamen, fing Pilger seine Haare wieder ein, und sie wanderten weiter dem Westen entgegen. In der Tat, die Jahreszeiten wandeln sich geschwind, schon ging der Winter zu Ende, und es nahte der Frühling. Während sie ihres Weges gingen, gewahrten sie auf einmal eine lange Hügelkette, und ihr Weg führte geradewegs über deren Grat. Tripitaka zügelte das Pferd und hielt Ausschau. Die Hügel waren über und über von Ranken und Dornen bewachsen. Zwar ließ sich die Spur eines Pfades ausmachen, doch links und rechts davon war nichts als Dorngestrüpp. Tripitaka wandte sich an seine Schüler und rief: »Wie sollen wir diesen Weg begehen? Man sieht zwar, wo er langgeht, doch ist er so sehr mit Dorngestrüpp überwachsen, dass höchstens Schlangen und Käfer hier durchkommen. Hier könnt ihr ja nicht mal aufrecht gehen, wie soll ich erst auf dem Pferd durchkommen?« »Keine Sorge«, rief Bajie, »ich werde mich mal als Roder betätigen. Wenn ich dieses Gestrüpp mit meinem Rechen durchkämme, kommt Ihr auch mit der Sänfte durch!« »Du bist zwar kräftig, doch über eine lange Strecke hin durchzuhalten ist trotzdem nicht leicht. Wie lang mag der Bergkamm wohl sein?« »Ich schaue mal nach«, meinte Pilger, schoss mit einem Satz in die Höhe und überschaute das Gebiet. Er sah: Weit und breit Lianen Sich um Bäume schlingen; Schwere Dornenranken In den Zweigen hängen. Wer hätte nicht auf Erden Dornen schon erfahren? Doch wohl noch nie so viele, Wie sie am Westweg waren! Nachdem Pilger sich alles besehen hatte, kam er hinunter zum Meister und sagte: »Meister, diese Gegend breitet sich aus, so weit das Auge reicht. Es müssen an die tausend Meilen sein.« »Wie kommen wir da jemals durch?« fragte Tripitaka erschrocken. »Dazu braucht man eben mich!« rief Bajie lachend. Der gute Tölpel! Mit einem magischen Fingerzeichen und einem Zauberspruch neigte er sich leicht vor und rief: »Wachsen!« Schon wuchs er zu einer Größe von gut zwanzig Klaftern an, schwang seinen Rechen und rief: »Verwandlung!« Schon verlängerte sich auch der Rechen auf gut dreißig Klafter. So schritt er aus, den Rechen in beiden Händen schwingend, und räumte links und rechts das Dorngestrüpp aus dem Weg. Schließlich rief er: »Meister, Ihr könnt nachkommen!« So schritt er aus, den Rechen in beiden Händen schwingend, und räumte links und rechts das Dorngestrüpp aus dem Weg. Tripitaka freute sich sehr, gab dem Ross die Sporen und ritt dicht hinter Bajie her. Sandmönch schulterte das Gepäck, und Pilger half mit der Eisenstange nach, wo noch etwas aus dem Weg zu räumen war. So machten sie den ganzen Tag lang weiter, ohne anzuhalten, und wanderten über hundert Meilen weit. Gegen Abend erreichten sie eine offenere Stelle, wo am Wegrand eine steinerne Stele angebracht war, auf der in drei großen Schriftzeichen » 荊棘嶺 – Dornenkamm« geschrieben stand. Darunter waren zwei Verse von insgesamt vierzehn Schriftzeichen, die lauteten: Auf achthundert Meilen Weite Hier nur Dornenranken hängen; Dieser Weg aus alten Zeiten Wurde selten je begangen. Als Bajie dies gelesen hatte, lachte er auf und meinte: »Da will ich alter Eber mal zwei Verse hinzufügen: Doch seit hier Bajie war, Der bestens roden kann, Geht’s stracks zum Westen vor, Auf freiem Weg voran!« Erleichtert sprang Tripitaka vom Pferd und sprach: »Hab Dank für deine Mühe, mein Schüler! Lass uns doch gleich an dieser Stelle die Nacht verbringen und morgen zeitig weiterziehen.« Doch Bajie erwiderte: »Haltet nicht inne, Meister! Jetzt, wo der Himmel so klar ist, laufen wir doch einfach die ganze Nacht drauflos!« Dem Priester blieb nichts übrig, als ihm zu folgen, und Bajie schritt kräftig voran. So ging es ohne zu rasten weiter, das Pferd trabte ununterbrochen, und es verging noch einmal ein ganzer Tag, bis es von neuem Abend wurde. Vor ihnen rankten sich die Lianen, man hörte den Wind durch den Bambus rascheln und über die Kiefern streichen. Da kamen sie abermals auf eine Lichtung, wo ein alter Tempel stand, vor dem tiefgrüne Kiefern und Zypressen wuchsen, daneben Pfirsichbäume und Winterkirschen, einer schöner als der andere. Tripitaka stieg ab und hielt mit seinen Schülern eine kleine Rast. Da meinte Pilger: »Das ist kein guter Ort, hier können wir nicht lange bleiben!« Kaum hatte er zu Ende gesprochen, wehte ein kalter Windstoß heran, und aus dem Tempelportal trat ein alter Mann in bescheidener Kleidung; er hatte ein Kopftuch umgebunden und stützte sich auf einen Stock. Hinter ihm folgte ein feuerroter Geist, der hatte eine grünblaue Fratze mit hervorstehenden Zähnen und einem roten Bart und trug eine Schale Kuchen auf dem Kopf. Die beiden knieten vor den Pilgernden nieder, und der alte Mann sprach: »Großer Heiliger, geringer Geist ist der Erdgeist des Dornenkamms. Weil ich wusste, dass ihr kommt, habe ich euch eine Schale gedämpfte Kuchen mitgebracht. Die werten Herren mögen sich daran erlaben. Es gibt in dieser Gegend achthundert Meilen weit kein Haus, so mögt ihr vorerst den Hunger stillen.« Bajie freute sich und wollte gerade einen Kuchen nehmen, als Pilger, der die ganze Zeit über still geblieben war, ihm zuvorkam und fauchte: »Halt! Der Kerl ist kein guter Mensch. Was gibst du dich hier als Erdgeist aus und versuchst den alten Sun hinters Licht zu führen! Gib acht auf meine Stange!« Wie der Alte Pilger angriffslustig auf sich zukommen sah, verflüchtigte er sich zu einem kalten Windstoß, riss den Priester mit sich und brauste durch die Lüfte, keiner wusste, wohin. Wie nun der Große Heilige mit seinen Ordensbrüdern fieberhaft nach ihm suchte, sei hier nicht weiter ausgeführt. Berichten wir stattdessen, wie der Alte, zusammen mit dem Geist, den Priester sachte vor einem dunstumhüllten kleinen Steinhaus absetzte, ihn an der Hand nahm und sprach: »Fürchtet Euch nicht, heiliger Mönch, wir sind keine schlechten Menschen. Ich bin Meister Achtzehn vom Dornenkamm. Wir wollten Euch in dieser schönen Mondesnacht nur einladen, mit uns ein wenig über Poesie zu plaudern und frohgemut die Zeit zu vertreiben.« Nun betrachtete der Priester die Umgebung, sah den hellen Mond und die klaren Sterne am Himmel, und es wurde ihm allmählich heiterer zumute. Da hörte er mehrere Stimmen durcheinanderreden, alle sagten: »Meister Achtzehn hat den heiligen Mönch eingeladen!« Der Priester wandte sich um und sah nun drei ältere Herren. Der erste machte einen heiteren, aufgeweckten Eindruck, der zweite hatte einen üppigen grünen Haarschopf, der dritte wirkte bescheiden und etwas düster. Alle waren ganz unterschiedlich, sowohl von Antlitz als auch in der Bekleidung. So kamen sie höflich grüßend auf Tripitaka zu. Dieser grüßte zurück und fragte: »Wie verdiene ich einfacher Jünger die Gunst der werten Unsterblichen?« Lächelnd sprach Meister Achtzehn: »Lange hörten wir von Eurer hohen Tugend reden, heiliger Mönch, und nun ist uns nach langem Warten endlich das Glück vergönnt, Euch zu begegnen! Wenn Ihr uns Eure Weisheit nicht vorenthalten wollt, so setzt Euch doch ein Weilchen zu uns, dass wir uns unterhalten und etwas über den Kerngehalt des Buddhismus erfahren können.« Tripitaka verneigte sich und sprach: »Darf ich fragen, wie die werten Herren heißen?« Meister Achtzehn stellte sie vor und sprach: »Der Heitere hier ist der Herr Einsam-Aufrecht. Der mit dem grünen Haarschopf heißt Meister Himmelhoch; der Bescheidene nennt sich Greis Wolkenfühler. Und meine Wenigkeit heißt Fester Anstand.«334 »Und wie hoch ist das Alter der geehrten Herren?« fragte Tripitaka weiter. Meister Einsam-Aufrecht sprach: »Mein Leben dauert wohl Schon an die tausend Jahre; Mit dem immergrünen Laub Stütze ich die Himmelssphäre. Süßer Duft liegt im Geäst, Wie ringelnde Drachen gebogen; Altehrwürdig steht mein Leib Von Schattenspiel umwoben. Von klein auf bin ich hart und zäh, Weiß dem Alter standzuhalten; Kann mich heut’ aufrechten Sinnes In Vollendung froh entfalten. Phönixe und Raben nisten, Kein gewöhnliches Getier; Redlich und mit weiten Ästen Steh ich fern vom Staub allhier.« Meister Himmelhoch sprach: »Tausend Jahre bin ich alt, Trotze stolz dem Wind und Frost; Hoher Stamm, beseelte Zweige, Alle sind von starker Kraft. Schön rauscht es in stiller Nacht, Wie wenn Regen leise rinnt; Schatten breiten sich im Herbst, Fast wie Wolken ausgespannt. Meine Wurzeln kennen längst Das Geheimnis langen Lebens; Denn mir ist vom Schicksal schon Die Verjüngungskunst gegeben. Kraniche sind hier und Drachen, Nicht profane Lebewesen; Majestätisch und gelassen Bin ich nah an Paradiesen.« Greis Wolkenfühler fuhr fort und sprach: »Nutzlos hab’ ich alter Mann Tausend Herbste schon verbracht; Lebe alt und abgeschieden, Doch mit tiefer, klarer Sicht. Unberührt vom Lärm der Welt, Bin ich kühl und anspruchslos; Kenne Reif und Schnee genug, Lebe schlicht und frei mein Los. Wie die Sieben Weisen einst Können wir der Lyrik frönen,335 Und den Sechs Einsiedlern gleich Miteinander Lieder reimen.336 Jadereine Töne klingen337 Nicht von ungelenker Hand, Eins bin ich mit der Natur, Mit Unsterblichen im Bund.« Fester Anstand, der Meister Achtzehn, sprach: »Auch ich zähle tausend Jahre, Und sogar ein wenig mehr; Redlich und in hohen Würden Steh’ ich ungebunden hier. Kann dank Morgentau und Regen, Die mir Kraft zum Wachsen geben, Zwischen Firmament und Erde In der großen Schöpfung leben. Keiner hier in allen Tälern Ist von solchem Wuchs wie ich; Aller Jahreszeiten Gäste Halten mich so heiter wach. In dem schattenreichen Laube Weilen Götter zu Besuch, Rezitieren Dao-Schriften, Spielen Zither oder Schach.« Tripitaka bedankte sich und sprach: »Eure Ehrwürden sind von beachtlichem Alter und außergewöhnlicher Anmut. Könnte es sein, dass ich gar die Vier Weißhäuptigen aus dem Shang- Gebirge vor mir habe?«338 »Zu viel der Ehre«, antworteten sie bescheiden, »nicht die Vier Weißhäuptigen sind wir, sondern die Vier Tugenden im Gebirge. Dürfen wir Euch fragen, heiliger Mönch, wie reich an edlen Jahren Ihr seid?« Tripitaka verneigte sich mit gefalteten Händen und sprach: »Vierzig Jahre ist es her, Dass die Mutter mich gebar, Doch bevor sie niederkam, Ihr ein Unheil widerfuhr. In der Not kam ich ins Wasser, Trieb auf Wellen schaukelnd hin; Bis mir in dem Goldberg-Kloster Rettung noch entgegenkam. Fleißig übte ich den Geist, Lernte aus den hehren Schriften; Buddha ehrte ich von Herzen, Nie würd’ ich darauf verzichten! Dann entsandte mich der Kaiser Nach dem weit entfernten Westen; Und nun darf ich unterwegs Bei Unsterblichen gar rasten!« »Also widmet sich der heilige Mönch seit seiner Geburt der buddhistischen Lehre und hat in der Tat von klein auf den Weg zur Vervollkommnung beschritten«, sprachen die Herren anerkennend. »Ein wahrhaft hoher Priester, der das Dao erlangt hat! Da uns nun das große Glück gegeben ist, Euer Antlitz zu schauen, wagen wir um erhabene Belehrung zu bitten und hoffen, dass Ihr uns das eine oder andere von der buddhistischen Lehre offenbaren könnt. Dies wird uns lebenslang ein Geschenk sein.« Wohlwollend ging der Priester auf die Bitte ein und sprach: »Die meditative Versenkung ist Stille; die buddhistische Lehre das Mittel zur Erlösung. In der Stille Erlösung erlangen ist allein durch Erleuchtung möglich. Erleuchtung aber bedeutet das Reinigen des Herzens und der Gedanken in Abgeschiedenheit vom Staube der Welt. Wohlan, eine menschliche Existenz ist schwer zu erlangen; eine Wiedergeburt in der Mitte der Welt ist schwer zu erreichen, und der wahren Lehre begegnet man nicht leicht. So gibt es denn kein größeres Glück, als diese drei Voraussetzungen in sich vereint zu wissen. Die höchste Tugend und das wundervolle Dao sind grenzenlos und unfassbar;339 damit können die sechs Sinne und die sechs Wahrnehmungen abgelegt werden. Bodhi, der Zustand vollkommener Erleuchtung, ist unvergänglich, frei von Geburt und Tod. Es ist hierin nichts zu viel und nichts zu wenig; Leerheit wie Form sind darin enthalten, jeder Unterschied zwischen heilig und profan ist aufgehoben. Wenn die schonungslose Lehre des Uranfangs wahrhaftig erfahren und die Mittel des Shakyamuni wirklich erfasst worden sind, dann löse man sich von dem Absichtslosen342 und zertrete das Nirvana! Wichtig ist es, inmitten der Erkenntnis zu erkennen, inmitten der Erleuchtung erleuchtet zu sein. Der so erfahrene Funke beseelten Lichtes werde vollkommen bewahrt. Mit dieser entfesselten Flamme beleuchte man die ganze wirre Erdenwelt, auf dass das alleinzige Licht alles in Raum und Zeit erhelle. Bis ins Tiefste und Subtilste muss es dringen und dabei doch fest im Grunde verankert sein. Denn wer könnte je allein aufgrund gesprochener Worte den Zugang finden zu dem tiefsten Mysterium? Seit Anbeginn begehe ich den Weg des Großen Erwachens; allein wem es vom Schicksal her bestimmt ist und wer einen festen Willen hat, kann zur Erleuchtung finden.«344 Aufmerksam hatten die vier Ehrwürdigen seiner Rede gelauscht und zeigten große Freude. Ein jeder warf sich Tripitaka ehrerbietig zu Füßen, sie verneigten sich, dankten ihm und sprachen: »Fürwahr, der heilige Mönch hat den Kern der Sache vollkommen erkannt!« Da ergriff Greis Wolkenfühler das Wort und sprach: »Gewiss ist Meditation Stille und die Lehre das Mittel zur Erlösung; wichtig aber ist es, im innersten Wesen gesammelt zu sein und im Herzen wahrhaftig. Auch wenn er ein wahrer Unsterblicher des Großen Erwachens sein mag, erfährt er doch letztlich den Weg der Inexistenz. Unser Geheimnis hingegen ist ein ganz anderes!« »Der Weg des Dao ist doch das, was das Gewöhnliche übersteigt; in ihm sind Substanz und Wirkung eins; was kann dabei anders sein?« fragte Tripitaka. Da lächelte Greis Wolkenfühler und sprach: »Wir sind von Natur aus solide und stark, doch in Substanz und Wirkung sind wir anders als Ihr. Himmel und Erde verdanken wir unseren Leib, Regen und Tau unser Wachstum; lächelnd trotzen wir Wind und Frost, vertreiben uns die Tage und Monate in Muße. So welkt kein einziges Blatt, und alle Zweige stehen in blühendster Tugend. Eure Rede hingegen richtet sich nicht nach der hehren Lehre der Unsterblichkeit, sondern klammert sich an Begriffe aus dem Sanskrit. Die Lehre vom Dao stammt aus China; Ihr hingegen sucht die Wahrheit im Westen! Umsonst lauft Ihr Euch die Schuhe kaputt; was sucht Ihr eigentlich? Wie ein steinerner Löwe ohne Herz und Leber seid Ihr; bis aufs Mark vom Speichel wilder Füchse durchtränkt! Da vertieft Ihr Euch in die Meditation und vergesst Euren eigenen Ursprung; so sucht Ihr vergeblich nach der Wahren Frucht Buddhas! Was Ihr da redet, ist so wirr wie das Rankengestrüpp auf unserem Dornenkamm, ein Dickicht vager Worte. Wo soll man einen solchen Herrn noch abholen? Wie kann ein solches Ausmaß noch Aufklärung finden? Ihr müsst Euer eigen Antlitz wirklich betrachten; in der Stille erst zeigt sich das wahre Leben. Hier schöpft der bodenlose Bambuskorb Wasser; hier trägt der wurzellose Eisenbaum Blüten! Wenn Ihr dann mit beiden Füßen fest auf dem Gipfel des Seelenbergs steht, werdet Ihr zur Drachenblüten-Versammlung des Buddha Maitreya einkehren!« Als Tripitaka diese Worte gehört hatte, berührte er dankend mit der Stirn den Boden, und Meister Achtzehn half ihm auf. Meister Himmelhoch aber sprach mit versöhnlichem Lachen: »Wolkenfühlers Rede hat ganz offensichtliche Ungereimtheiten; bitte stört Euch nicht daran. Eigentlich wollten wir zu diesem schönen Mondschein ja auch gar nicht über den Weg der Vervollkommnung diskutieren, sondern uns einfach gemeinsam mit ein bisschen Poesie entspannen.« Da deutete der Greis Wolkenfühler lächelnd auf das steinerne Häuschen und meinte: »Zum Dichten könnten wir doch drinnen einen Tee trinken?« Der Priester neigte sich leicht vor, um das Steinhaus besser sehen zu können. Über dem Eingang war eine Inschrift, auf der in drei Schriftzeichen geschrieben stand: »木仙庵 – Haus der Baumgeister«. Schließlich folgte er den anderen hinein, wo man der Rangordnung gemäß die Sitzplätze verteilte. Auf einmal fiel sein Blick auf den feuerroten Geisterdiener, der jetzt mit einer Platte voll schwarzem Pudding aus Poria-Pilzen daherkam, den er zu fünf Schalen duftendem Tee servierte. Die vier Ehrwürdigen baten Tripitaka, davon zu kosten, doch dieser zögerte ängstlich. Erst als seine Gastgeber zu essen begannen, nahm auch Tripitaka ein wenig von dem Pudding. Nachdem der Tee getrunken war, wurden die Schalen abgeräumt. Derweil betrachtete Tripitaka aus den Augenwinkeln die in wunderbares Licht getauchte Umgebung, die ihm erschien, als läge sie im schönsten Mondschein. So war es in der Tat: Wasser sprudelt aus dem Fels, Duft entströmt den Blüten. Edel ist der holde Bund, Fern vom Staub auf Erden! In dieser paradiesischen Umgebung wurde es dem Priester ganz wohl ums Herz, ja es dünkte ihn so schön, dass er unwillkürlich einen Vers vor sich hin murmelte: »Das stille Herz ist wie der Mond, Fernab von Staub, vollkommen frei.« Lächelnd nahm Meister Achtzehn sein Wort auf und reimte: »Es ist des Dichters Eingebung Dem Himmel gleich, so frisch und neu!« Nun fuhr Meister Einsam-Aufrecht fort: »Angefüllt mit hübschen Versen, Wie Brokat auf edlem Putz.« Und Meister Himmelhoch fügte hinzu: »Aus ganz wenig schönen Reimen Wird ein gar aparter Schatz!« Zuletzt sprach Greis Wolkenfühler: »Lasst uns allen Schwulst und Prunk Der Sechs Reiche Lyrik räumen;349 Dass wir mit dem Buch der Lieder Wieder neue Strophen reimen!« Da meinte Tripitaka verlegen: »Ganz unbesonnen habe ich diese Verse gemacht; geradeso, als würde ich vor den Toren des Tischlergottes mit der Axt hantieren. Eure Verse hingegen, die ich eben vernehmen durfte, waren von solch reiner und beispielloser Eleganz, dass man euch wahre Meister der Poesie nennen darf!« »Lasst die höflichen Umschweife, heiliger Mönch«, erwiderte Meister Achtzehn. »Doch wer sich zum Mönchtum bekennt, sollte Angefangenes zu Ende führen. Da Ihr also nun den ersten Vers gemacht habt, könntet Ihr doch auch noch einen Schlussvers reimen? Wir wünschten gar sehr, dass Ihr dies Poem vollendet!« Tripitaka blieb nun nichts anderes übrig, als dem Gedicht eine letzte Strophe beizufügen. Er sprach: »In der Kiefern Säuseln lehnend, Während anbei Tee noch siedet, Schwillt mein Herz von Poesie Frühlingstrunken in mir über!« »Herrlich!« lobte Meister Achtzehn, »welch ein schöner Satz: ›Schwillt mein Herz von Poesie frühlingstrunken in mir über!‹ Doch unser heiliger Priester ist ein gebildeter Herr von hoher Tugend; wir wollen ihn nicht länger mit dem Reimen einzelner Zeilen bemühen, sondern ihn bitten, uns mit einem vollständigen Gedicht zu beehren. Anschließend werden wir uns bemühen, ebenfalls mit ganzen Gedichten darauf zu antworten.« Tripitaka musste der Bitte wohl oder übel nachkommen, und so dichtete er lächelnd: »In den fernen Westen pilgernd Hin zu Buddha, ihn zu ehren; Suche ich die edlen Schriften, Um sie weithin zu vermehren. Wie die Pilze langen Lebens350 Möge diese Dichtkunst laben; Edler Bäume tausend Blüten Lotosdüfte weitertragen.351 Auch wer Großes schon erreicht, Schreite unentwegt voran,352 Auf dass er in allen Welten Rechtes tun und lassen kann.353 Wird er durch Vervollkommnung Wie ein Edelstein so rein, Soll am Tor zum höchsten Glück Einst sein wahrer Tempel sein!« Die vier ehrwürdigen Alten pflichteten ihm aufs höchste bei. Dann sprach Meister Achtzehn: »Ich ungeschickter Alter will mich erkühnen, ein Gedicht beizufügen.« Und er hob an: »Fest und aufrecht lache ich Über Königsbäumen hoch; Nicht einmal der Götterbaum Genießt einen solchen Ruf. Hoch über den weiten Bergen Spielen Schatten im Geäst;354 Tausendjährige Quellen spülen Meines Harzes Amberduft. Ich weiß mit dem Lauf des Alls Große Kräfte zu beleben; Wandle gerne meinen Weg Mit dem Lauf von Wind und Regen. Leider habe ich im Alter Kein unsterbliches Gebein; Dann wird nur der Kieferpilz Auch im Tode bei mir sein.«355 Nun folgte Meister Einsam-Aufrecht und sprach: »Hochbejahrt nehm ich mit Freuden Könige der Vögel auf; Vor dem Hause der Aparten356 Breit’ ich meine Größe aus. Schwerer Tau in Perlenfäden Auf dem grünen Wipfel hängt; Tropfen rieseln in der Brise, Die den kalten Duft verdrängt. Nachts ertönt in langen Gängen Leise der Gesang der Stille; Fahle Schattenwürfe fallen In die herbstlich kühle Halle. Zu Neujahr im holden Lenz Brachte ich Geschenke dar, Heut im Alter rage ich In den Bergen stolz hervor.« Meister Himmelhoch fuhr fort: »Gutes Holz für Trägerbalken Liefern wir dem Königshaus; Beim Palast zur Höchsten Reinheit Kennt sich jeder mit uns aus. In der hell besonnten Kammer Liegt ein Hauch von herber Frische; Auch an dunklen Mauern haften Des Wacholders Wohlgerüche. Heldenhaft mit ernster Würde, Wohlgeformt in tausend Jahren, Reichen unsre Wurzeln tief, Die Neun Quellen zu bewahren.357 Hoch zum Himmel strebe ich Aus dem Schatten dieser Welt; Außerhalb der großen Menge, Deren Freuden längst abhold!« Und Greis Wolkenfühler sprach: »In der Bucht am Qi-Fluss wachsend, Weise Herrscher wir erfreuten;358 Konnten uns am Strome Wei Über tausend Mu verbreiten.359 Keine Konkubinentränen Netzen mehr die grünen Stämme,360 Auf gefleckten Bambusstreifen Duftet Han-Geschichte lange.361 Jahr für Jahr sind unsre Blätter Allzeit taubenetzt und grün; Nur die raureifweißen Stämme Lassen neue Ringe sehn. Seit Ziyous Tod haben wir Wenig echte Freunde mehr;362 Doch in Schrift und Malerei Lebt der Name immerdar!«363 Während dieser Worte waren zwei junge Frauen in blauen Gewändern mit einem roten Lampion hereingekommen, und hinter ihnen trat eine Unsterbliche, die einen blühenden Aprikosenzweig zwischen den Fingern hielt, mit anmutigem Lächeln ein. Die vier ehrwürdigen Alten machten eine leichte Verneigung und fragten: »Woher kommt Ihr, Aprikosengöttin?« Die Dame grüßte mit einem Knicks, hauchte ein »Zehntausend Glück!« und sprach: »Ich habe vernommen, dass ein seltener Gast anwesend sei und dass ihr hier Gedichte austauscht. So bin ich eigens gekommen, um einen Blick auf sein Antlitz zu erbitten.« Meister Achtzehn deutete auf Tripitaka und sprach: »Der ehrenwerte Gast sitzt hier, Ihr braucht nicht zu bitten.« Tripitaka neigte sich stumm vor, wagte aber nichts zu sagen. Da rief die Dame: »Bringt Tee!« Schon brachten zwei junge Dienerinnen in gelben Gewändern Teeschalen und eine Teekanne, aus der sich ein intensiver Duft von aromatischem Tee verbreitete. Nachdem man eingeschenkt hatte, erhob die Dame eine Schale und reichte sie Tripitaka, wobei sie unter dem Ärmel ihre grazile Hand zum Vorschein kommen ließ. Dann reichte sie auch den vier Ehrwürdigen je eine Schale, nahm zuletzt eine für sich und setzte sich entspannt in den Kreis. Nachdem alle ausgetrunken hatten, verneigte sie sich leicht und fragte: »Darf ich anlässlich dieser nächtlichen Versammlung von Unsterblichen bitten, mich mit ein paar schönen Versen zu belehren?« »Wir machen alle nur ungehobelte Verse«, meinte Greis Wolkenfühler bescheiden, »nur der heilige Mönch versteht sich wahrhaftig auf die große Lyrik aus der Blüte der Tang- Dynastie. Es ist überaus bewundernswert!« Und die vier Ehrwürdigen beschrieben ausführlich, welche Verse der Priester anfangs und im weiteren Verlauf gemacht und wie er die buddhistische Lehre dargelegt hatte. Da sprach die Dame mit strahlendem Lächeln: »Ich bin ganz unbegabt in Poesie und sollte meine Schwächen eigentlich nicht zur Schau stellen, doch da ich nun solch schönen Versen lauschen durfte, wäre es doch nicht schicklich, gar nichts dazu beizutragen. Darum will ich doch, so gut es geht, auf seine letzte Strophe ein Gedicht zu reimen suchen, falls ihr nichts dagegen habt.« Dann trug sie mit klarer Stimme vor: »Königin von allen Blumen Nennt man mich in Kaisers Garten; An den Ufern des Si-Flusses Preisen Dichter meine Würden. Dong der Göttliche liebte eigens364 Mein frühjährlich’ Blütenmeer; Sun Chu brachte meinen Duft Am Fest der Kalten Speisen dar. Regen nässt das frische Rosa Zierlich und von heller Fülle; Dunst steigt aus dem klaren Grün, Nur der Tau verbirgt sich stille. Liebenswert ist in der Reife Die leicht säuerliche Süße, Dass ich zur Getreideernte Jährlich Früchte fallen lasse.« Nachdem sie geendet hatte, sprachen die vier ehrwürdigen Alten lobend: »Sehr schön, rein und edel, dem Staub der Welt enthoben! Und wie in ihren Worten auch noch ein holder Frühlingssinn mitschwingt! Wundervoll sind die Verse ›Regen nässt das frische Rosa, zierlich und von heller Fülle; Dunst steigt aus dem klaren Grün, nur der Tau verbirgt sich stille.‹!« »Ach, schrecklich schlecht«, wehrte die Dame bescheiden lächelnd ab. »Die Verse aber, die ich zuvor von dem heiligen Mönch vernehmen durfte, waren in der Tat wie schimmernder Brokat, entsprungen einem Herzen von Samt und Seide. Wenn Ihr mir Eure Weisheit nicht verwehret, möchte ich Euch bitten, mich mit einem weiteren Gedicht zu belehren.« Tripitaka gab keine Antwort. Da begann die Dame mit ihrem Liebreiz zu spielen, rückte näher zu Tripitaka, bis sie sich schließlich an ihn schmiegte und flüsterte: »Verehrter Gast, worauf wartet Ihr noch? Lasst uns doch in dieser schönen Nacht vergnüglich beisammen sein! Das Leben ist so kurz, solch großartige Augenblicke sind so selten!« Da meinte auch Meister Achtzehn: »Wie könnt Ihr unserer Aprikosengöttin bei ihrer Hochachtung Euer Entgegenkommen verwehren? Es wäre doch allzu ungalant, ihr Eure zärtliche Zuwendung zu verwehren!« »Unser heiliger Mönch besitzt hohe Bildung und großen Ruhm«, wandte nun Meister Einsam-Aufrecht ein, »er wird sich gewiss nicht leichtsinnigem Handeln hingeben. Wenn wir ihn auf diese Weise nötigen, machen wir uns an ihm schuldig. Doch wenn ihm unsere Aprikosengöttin wirklich zugeneigt ist, könnten ihm Greis Wolkenfühler und Meister Achtzehn gern als Ehevermittler dienen, Meister Himmelhoch und ich wären die Brautzeugen, und so würden die beiden ein wundervolles Hochzeitspaar!« Während dieser Worte verfärbte sich Tripitakas Gesicht; schließlich sprang er auf und rief: »Ihr seid doch alle Ungeheuer, dass ihr mich derart verführen wollt! Dass wir zuvor in lyrischen Worten über das Mysterium des Dao gesprochen haben, war in Ordnung. Doch wie könnt ihr bloß versuchen, mich geringen Mönch durch die List der Verführung ins Leid zu stürzen?« Auf Tripitakas zornige Rede wagten die vier ehrwürdigen Alten nichts zu entgegnen. Doch plötzlich fuhr der feuerrote Geisterdiener auf und schrie: »Der Mönch weiß sich nicht zu benehmen! Was habt Ihr eigentlich an meiner Schwester auszusetzen? Ganz abgesehen von ihrer beispiellosen Schönheit und Grazie würde sie Euch allein mit ihrer kunstvollen Handarbeit und erst recht mit dem Gedicht, das sie eben vorgetragen hat, weit übertreffen! Lasst Euch eine solche Gelegenheit doch nicht entgehen! Was Meister Einsam- Aufrecht sagt, ist höchst angemessen. Wenn ihr euch nicht gleich verkuppelt, dann bestimme ich über Eure Heirat!« Tripitaka erblasste vor Schreck und nahm fortan von allen keine Notiz mehr, was auch immer die anderen sagen mochten. »Mönch!« fing da der Geisterdiener wieder an, »da reden wir Euch gut zu, und Ihr wollt einfach nicht auf uns hören. Wenn Ihr kein Weib kriegt, verbringt Ihr Euer Leben doch umsonst!« Still in sich gekehrt, sann Tripitaka: »Wo mögen mich wohl meine Schüler suchen?« Unvermittelt kamen ihm die Tränen. Die Dame lächelte ihm zu, schmiegte sich an ihn und tupfte ihm mit einem honigfarbenen Damasttüchlein die Tränen aus dem Gesicht. »Grämt Euch nicht, verehrter Gast«, flüsterte sie, »lasst uns doch miteinander Freude haben; ich werde mich Euch mit Leib und Seele hingeben!« Da stieß der Priester einen wütenden Schrei aus und lief davon. Die anderen aber fielen ihm in den Weg, versuchten ihn zurückzuziehen und ließen nicht eher locker, als bis der Morgen graute. Auf einmal erklang eine Stimme: »Meister! Meister! Wo habt Ihr eben gerufen?« Der Große Heilige war nämlich mit Bajie, Sandmönch, Pferd und Gepäck die ganze Nacht hindurch gelaufen; in allen Richtungen hatten sie sich durchs Dorngestrüpp gekämpft und hatten schließlich auf Wolken den achthundert Meilen weiten Dornenkamm überquert. Wie sie nun Tripitakas wütenden Schrei vernahmen, riefen sie nach ihm. Der Priester kämpfte sich aus der Tür und rief: »Wukong! Hier bin ich, rette mich!« Mit einemmal waren die vier Alten, der Geisterdiener und die Dame spurlos verschwunden. Einen Augenblick später eilten Bajie und Sandmönch heran und fragten: »Meister, wie seid Ihr bloß hierhergekommen?« Da berichtete Tripitaka alles, was sich in der Nacht ereignet hatte. »Habt Ihr sie denn nicht nach ihren Namen gefragt, wenn Ihr schon mit ihnen plaudert und Gedichte macht?« fragte Pilger. »Doch, ich kenne ihre Namen«, erwiderte Tripitaka, »der Älteste hieß Meister Achtzehn, mit Beinamen Fester Anstand; die drei anderen nannten sich Meister Einsam-Aufrecht, Meister Himmelhoch, Greis Wolkenfühler, und die Frau wurde Aprikosengöttin genannt.« »Wo sind die Dinger jetzt?« fragte Bajie, »wohin sind sie verschwunden?« »In welche Richtung sie gegangen sind, kann ich nicht sagen«, antwortete Tripitaka, »doch der Ort, wo wir Gedichte gemacht haben, ist ganz nahe.« Die drei Schüler folgten seinem Blick und entdeckten nun eine Steinstele, auf der geschrieben stand: »Haus der Baumgeister«. »Hier ist es«, sagte Tripitaka. Pilger sah sich die Umgebung genauer an und gewahrte nun einen hohen Wacholderbaum, eine alte Zypresse, eine alte Kiefer und einen alten Bambus. Hinter dem Bambus stand ein roter Ahorn. Schließlich entdeckte er neben einer Felswand auch noch einen alten Aprikosenbaum, zwei Winterkirschen und zwei Osmanthussträucher. Pilger lachte und fragte: »Habt ihr die Ungeheuer gesehen?« »Nein«, meinte Bajie. »Ihr wisst das eben nicht. Es sind diese Bäume hier, die sich in Geister verwandelt haben.« »Woher weißt du das, Bruder?« wunderte sich Bajie, und Pilger erklärte: »Meister Achtzehn ist die Kiefer, Meister Einsam-Aufrecht die Zypresse, Meister Himmelhoch der Wacholder und Greis Wolkenfühler der Bambus. Der feuerrote Geist ist der Ahorn, die Aprikosengöttin der Aprikosenbaum, und die jungen Frauen sind die Osmanthussträucher und die Winterkirschen.« Als Bajie dies gehört hatte, drosch er ohne Wenn und Aber mit seinem Rechen auf die Bäume ein und wühlte mit der langen Schnauze, bis die Winterkirsche, der Osmanthus, der Aprikosenbaum und der Ahorn zerstört am Boden lagen. Tatsächlich tropfte frisches Blut aus ihren Wurzeln. Tripitaka fiel ihm in den Arm und rief: »Wuneng, du darfst sie nicht verletzen! Sie haben sich zwar so weit vollendet, dass sie als Geister erscheinen können, doch haben sie mir ja nichts angetan. Lasst uns den Weg suchen und weiterziehen!« »Meister, Ihr braucht kein Mitleid zu haben«, versetzte Pilger, »es kann gut sein, dass sie später zu schlimmen Ungeheuern werden und den Menschen nicht geringen Schaden zufügen!« Da legte der Tölpel kurzerhand auch noch die Kiefer, die Zypresse, den Wacholder und den Bambus um, half dann dem Meister aufs Pferd, und so zogen sie weiter dem Westen entgegen. Und da wir nicht wissen, wie es weiterging, lasst uns hören, was das nächste Kapitel berichtet. 第065回 / 65. Kapitel Ein Dämon zaubert einen Kleinen Donnertempel / Die vier Schriftenholer geraten in große Not Wie wir erzählt haben, wurde Tripitaka, obschon von aufrichtiger Frömmigkeit, von Pflanzengeistern heimgesucht und eine Nacht lang in deren Gesellschaft gehalten, bis er sich endlich aus den Fängen des Dorngestrüpps lösen konnte. Lange wanderten Meister und Schüler weiter voran; es kam die Zeit des dritten Mondmonats, und der Frühling blühte in vollen Zügen. Auf einmal gewahrten sie ein steil aufragendes Gebirge, das von weitem aussah, als würde es den Himmel berühren. Nachdem sie den Grat überquert hatten, erreichten sie auf der Westseite eine Ebene, und dort erblickten sie nun inmitten von heilvoll schimmerndem Licht und farbenfrohen Nebelschleiern eine Tempelanlage, aus der die sachten Klänge von Glocken und Klangsteinen zu ihnen drangen. »Schüler«, rief Tripitaka, »schau doch, um was für einen Ort es sich handelt!« Pilger blickte genauer hin und meldete dann: »Meister, es ist zwar tatsächlich ein Tempel, nur verstehe ich nicht, warum mitten in seiner heilvollen Aura irgendetwas Ungutes schwelt. Wenn ich diese Gegend betrachte, so scheint es mir fast wie der Tempel des Donnergrollens, doch der Weg stimmt nicht. Nie habe ich einfach so eintreten können, wenn ich dort war. Ich fürchte, da will uns jemand eine Falle legen.« »Wenn es aussieht wie der Tempel des Donnergrollens, sind wir doch auf dem Seelenberg!« rief Tripitaka. »Lass uns bloß nichts verpassen!« »Wenn es aussieht wie der Tempel des Donnergrollens, sind wir doch auf dem Seelenberg!« rief Tripitaka. »Nein, nein«, entgegnete Pilger, »zum Seelenberg bin ich schon mehrmals gegangen, das geht doch nicht hier lang!« »Haltet euch nicht länger auf«, fiel Sandmönch ein, »der Weg führt bestimmt an dem Tempel vorbei, dann werden wir sehen, ob er es ist oder nicht.« »Du hast recht«, lenkte Pilger ein. Da gab der Priester dem Ross die Sporen und hatte alsbald den Eingang erreicht, wo er über dem Portal drei große Schriftzeichen sah: » 雷音寺 – Tempel des Donnergrollens«. Aufgeregt sprang er aus dem Sattel und schimpfte: »Du lausiger Affe! Da sind wir nun am Tempel des Donnergrollens, und du willst mich noch hinters Licht führen!« Pilger aber lächelte und sprach: »Beruhigt Euch, Meister, schaut doch mal genauer hin, über dem Portal stehen vier Zeichen, nicht drei! Warum lest Ihr nur drei und tadelt mich noch dafür?« Da blickte der Priester noch einmal hoch; tatsächlich, es waren vier Schriftzeichen, die lauteten: » 小雷音寺 – Kleiner Tempel des Donnergrollens«. »Selbst wenn es nur der Kleine Tempel ist, muss es auch hier einen Buddha geben. Die Heiligen Schriften sprechen von dreitausend Buddhas; die werden sich wohl nicht alle an ein und demselben Ort aufhalten. Wer weiß, welchem Buddha dieser Klostertempel geweiht ist? So hieß es doch schon im Altertum: ›Wo Buddhas und Heilige Schriften sind, ist nirgendwo kein Schatz.‹ Lass uns hineingehen!« »Nein«, versetzte Pilger. »Hier können wir nicht rein; dieser Ort verheißt gar nichts Gutes. Falls Euch ein Unglück zustößt, braucht Ihr mir keine Vorwürfe zu machen!« »Es ist mein Wunsch, Buddha zu huldigen, wo immer ich ihm begegne. Wie sollte ich dir also Vorwürfe machen?« gab Tripitaka zurück. Er befahl Bajie, die kostbare Mönchsrobe aus dem Gepäck zu holen, setzte sich den Priesterhut auf, warf sich die Robe um und schritt auf den Eingang zu. Da hörte man von drinnen eine laute Stimme: »Priester aus China, der du aus dem Osten zu Buddha pilgerst; wie kannst du so nachlässig sein?« Als Tripitaka dies hörte, fiel er sofort auf die Knie und verneigte sich tief. Auch Bajie machte einen Stirnaufschlag, und Sandmönch kniete ebenfalls nieder. Allein der Große Heilige führte erst das Pferd am Halfter und brachte die Reisebündel in Ordnung, ehe er eintrat. Nachdem sie das zweite Portal durchschritten hatten, erblickten sie bereits die Halle des Buddha Tathagata. Unterhalb der Empore vor den Toren der Halle standen alle fünfhundert Arhats, dreitausend Genien, vier Diamantwächter und acht Bodhisattvas, zahlreiche Nonnen und Laienbrüder, heilige Mönche und hohe Geistliche; das Ganze war wie von Blumenduft durchtränkt und von einer wundersamen Aura umspielt. Betroffen näherte sich der Priester mit Bajie und Sandmönch, ehrfürchtig nach jedem Schritt eine Verbeugung vollziehend, dem hohen Thron. Pilger hingegen blieb aufrecht stehen und machte keine Verbeugung. Da tönte es vom Lotosthron laut und in strengem Ton: »Sun Wukong! Wie kannst du dich erdreisten, ohne Verbeugung vor Buddha zu treten?« Pilger schaute genauer hin und sah nun, dass alles nur Schein war. Da ließ er Pferd und Gepäck stehen, zückte seine Stange und fauchte: »Ihr Sündenbiester! Was für eine bodenlose Frechheit, dass ihr euch Buddhas Namen zulegt und dessen reine Lauterkeit beschmutzt!« Die Stange in beiden Händen schwingend trat er vor und schlug los. Da hörte man in der Luft ein metallenes Klimpern, eine Zimbel kam geflogen und schloss Pilger von Kopf bis Fuß zwischen den zwei Becken ein. Erschrocken versuchten Bajie und Sandmönch mit Rechen und Stab zu Hilfe zu kommen, doch schon waren sie von vielen Arhats, Genien, heiligen Mönchen und Geistlichen umringt. In der Eile konnten sich die beiden nicht wehren, wurden samt Tripitaka gepackt und mit Stricken und Ketten gefesselt. Derjenige, der in Gestalt eines Buddhas auf dem Lotossockel thronte, war nämlich ein Dämonenkönig, die Arhats und all die anderen waren seine kleinen Ungeheuer. Nun stellte er seine Erscheinung als Buddha ein und zeigte sich wieder in Dämonengestalt. Die drei Pilgernden aber wurden nach hinten in Verwahrung gebracht, während man den in der Zimbel eingeschlossenen Pilger auf den Lotossockel stellte, wo er sich innerhalb von drei Tagen und Nächten in Eiter auflösen sollte; anschließend würde man die drei anderen verspeisen. So war es in der Tat: Der Knabe mit den blauen Augen365 Weiß, was Trug ist und was Wahr; Holzmutter und Gelbes Weib Sind im Geiste nicht mehr klar. In der Tat, das Dao ist klein, Der Dämonenkönig groß; Auf dem Irrweg sind sie nun, Alle Mühen sind fruchtlos! Inzwischen hatten die Ungeheuer das Pferd hinten angebunden und Tripitakas Robe und den Priesterhut im Gepäck verstaut, doch davon sei hier nicht weiter die Rede. Doch wenden wir uns nun Pilger zu, der in der goldenen Zimbel steckte, wo es stockfinster war und so heiß, dass ihm der Schweiß aus allen Poren drang. Er stieß und drückte gegen die Wände, doch gelang es ihm nicht, herauszukommen. Dann packte er die Eisenstange und schlug wild drauflos, doch es half nicht im Geringsten. Schließlich überlegte er, dass er die beiden Zimbelschalen auseinandersprengen könnte, wenn er sich mit aller Kraft dagegenstemmte. Also machte er ein magisches Fingerzeichen, murmelte einen Zauberspruch und wuchs mehr als tausend Klafter in die Höhe. Die Zimbel aber wuchs nahtlos mit und blieb unversehrt. Da machte er sich wieder kleiner, so klein wie ein Senfkorn gar, die Zimbel aber verkleinerte sich mit ihm, so dass er nicht die kleinste Spalte finden konnte. Schließlich behauchte er seine Eisenstange mit göttlichem Odem und stellte sie wie einen Fahnenmast zwischen die beiden Hälften, zupfte sich dann zwei Pelzhaare aus, die er in einen fünfzackigen Bohrkopf verwandelte, und begann dicht neben der Stange zu bohren. Der Bohrer drehte sich wohl über tausend Mal, doch hörte man nichts als ein hartes Rattern auf der Oberfläche. Da verlor Pilger die Geduld. Mit einem magischen Fingerzeichen sprach er nun den Zauberspruch, der die Schutzgötter herbeizwang. Sogleich scharten sich die Genien der Fünf Himmelsrichtungen, die sechs Ding- und die sechs Jia-Götterkrieger sowie die Achtzehn Schutzgötter der Klöster um die Zimbel und riefen: »Großer Heiliger, wir beschützen doch alle Euren Meister, warum ruft Ihr uns hierher?« »Mein Meister hört einfach nicht auf meinen guten Rat!« rief Pilger, »es geschähe ihm bloß recht, wenn er umkommen würde! Doch macht so schnell wie möglich irgendwas, damit diese Zimbel aufgeht und ich hier rauskomme, dann können wir das Weitere anpacken. Hier drinnen ist es stockdunkel, und mich brennt es am ganzen Körper; ich ersticke noch da drin!« Wirklich versuchten nun die Götter, die Zimbel aufzustemmen. Doch es war, als wäre sie aus einem Stück gegossen; kein Haarbreit war sie zu bewegen. Da sagte der Goldhäuptige Genius: »Großer Heiliger, bei dieser Zimbel muss es sich um irgendeinen besonderen Schatz handeln; die zwei Hälften sind zu einem Stück geworden. Uns geringen Göttern fehlt die Kraft, sie aufzustemmen.« Da schickte der Genius die sechs Ding-Götterkrieger zu Tripitaka zurück, hieß die sechs Jia-Götterkrieger die Zimbel bewachen und die Schutzgötter der Klöster dazwischen hin und her gehen. Er aber sprang auf eine glückverheißende Wolke und schnellte zum Südlichen Himmelstor, wo er, ohne auch nur einen Einlassbefehl abzuwarten, vor den Jadekaiser trat und meldete: »Majestät! Untergebener ist der Genius der Fünf Himmelsrichtungen. Heute hat es sich zugetragen, dass der Himmelsebenbürtige Große Heilige, der den Priester aus China auf Schriftensuche beschützt, zu einem Berg kam, wo es einen Kleinen Tempel des Donnergrollens gibt. Nun sind Meister und Schüler in Gefangenschaft eines Ungeheuers geraten, der Große Heilige steckt zwischen den zwei Hälften einer Zimbel fest und kann keinen Ausweg finden; wenn wir nichts tun, wird er darin umkommen. Dies zu melden bin ich eigens gekommen.« Der Jadekaiser erteilte umgehend den Befehl, alle Achtundzwanzig Himmelshäuser zu entsenden, um die Pilgernden aus dem Leid zu erlösen und die Dämonen zu unterwerfen. Ohne zu zögern, folgten die Sterngötter dem Genius, verließen den Himmel und kamen in den Tempel. Es war zur Zeit der zweiten Nachtwache, als alle großen und kleinen Ungeheuer bereits schliefen. Die Sterngötter gingen zur Zimbel hin und sprachen: »Großer Heiliger, wir sind die Achtundzwanzig Himmelshäuser, entsandt vom Jadekaiser, Euch zu befreien!« Als Pilger dies vernommen hatte, hieß er sie mit den Waffen die Zimbel zertrümmern, doch die Sterngötter meinten: »Wir trauen uns nicht zu schlagen. Dies ist ein Schatz aus reinem Gold; darauf zu schlagen würde bestimmt Lärm machen, davon würden die Ungeheuer erwachen, und wir könnten Euch kaum noch befreien. Wir wollen es erst einmal mit den Waffen aufzukeilen versuchen. Sobald Ihr drinnen ein bisschen Licht seht, könnt Ihr herauskommen.« »In Ordnung«, gab Pilger zurück. Seht, wie sie nun Speere und Schwerter, Säbel und Äxte ansetzen! Sie stemmten und zerrten, hoben und keilten, mühten sich ab bis zur dritten Nachtwache, doch die Zimbel blieb unverändert, als wäre alles aus einem Guss. Drinnen spähte Pilger in alle Richtungen, kletterte hoch, rollte herab, doch nirgendwo schien auch nur der geringste Lichtstrahl herein. Schließlich rief Golddrache Kang: »Großer Heiliger! Mir scheint, dass es sich hier um einen Zauberschatz handelt, der sich verwandeln kann. Fühlt einmal dort, wo die beiden Hälften zusammenkommen, mit der Hand alles ab, derweil werde ich mein Horn hineinstoßen. Dann könnt Ihr Euch verkleinern und rauskommen, wo es einen Zwischenraum gibt.« Wie geheißen tastete Pilger nun drinnen mit den Händen über die Wand. Der Sterngott aber machte sich so klein, dass sein Horn spitz wurde wie eine Nadel, dann versuchte er es zwischen die Teile der Zimbel zu keilen. Der Arme mühte sich mit aller Kraft, bis es ihm endlich gelang, ins Innere zu dringen. Da machte er sich mit einer Magie und dem Ruf: »Wachsen! Wachsen! Wachsen!« immer größer, bis das Horn so dick war wie eine Reisschale. Die Zimbel aber schien nun gar nicht aus Gold, sondern vielmehr aus Fleisch und Haut gemacht zu sein, denn sie schloss sich eng um das Horn des Golddrachens, ohne die geringste Spalte freizulassen. Pilger befühlte das Horn und rief: »Es hilft nichts, es gibt keinen einzigen Zwischenraum! Nun, es geht nicht anders, als dass Ihr ein bisschen Schmerz aushaltet, dann kann ich herauskommen.« Schon machte er den Goldreifstab zu einem Stahlbohrer, mit dem er dem Drachen ein kleines Loch ins Horn bohrte. Dann machte er sich klein wie ein Senfkorn, duckte sich in die Höhlung und hieß Golddrachen Kang, das Horn herauszuziehen. Der gute Sterngott riss und zerrte von neuem mit aller Kraft, bis er endlich sein Horn wieder draußen hatte und erschöpft zu Boden fiel. Pilger aber sprang aus dem Bohrloch an der Spitze des Horns heraus, nahm wieder seine eigene Gestalt an, packte die Eisenstange und schmetterte sie gegen die Zimbel, dass es dröhnte, als würde ein ganzer Kupferberg zertrümmert. Der schöne buddhistische Ritualgegenstand zersprang in tausend Stücke. Vor Schreck standen den Achtundzwanzig Himmelshäusern und den Genien der Fünf Himmelsrichtungen die Haare zu Berge, während der alte Dämon aus seinem Traum schreckte und aus dem Bett sprang, sich ein Gewand umwarf und die Trommel rührte, dass sämtliche Ungeheuer mit ihren Waffen heranstürmten. Zu dieser Zeit dämmerte bereits der Morgen. Als sie alle zum großen Sockel drängten, fanden sie den Großen Heiligen und die Sterngötter neben der zersplitterten Zimbel. Der alte Dämon erschrak nicht wenig, und er erteilte den Befehl: »Riegelt alle Tore ab, es darf keiner hinausgelassen werden!« Pilger aber nahm die Sterngötter an der Hand und schoss auf einer Wolke geradewegs zum neunten Himmel hoch. Nachdem der Dämon die Splitter der Zimbel zusammengekehrt hatte, stellte er seine Soldaten vor dem Eingang auf, während er selbst sich die Rüstung umlegte, eine kurze, biegsame Wolfszahnkeule packte, nach draußen trat und schrie: »Pilger Sun! Ein rechter Mann fliegt nicht einfach so davon. Komm her und miss dich drei Runden im Kampf!« Da führte Pilger die Sterngötter auf der Wolke nach unten, stellte seine Eisenstange aufrecht vor sich hin und brüllte: »Was für ein Ungeheuer bist du eigentlich, dass du es wagst, dich als Buddha zu verkleiden und aus dem Nichts einen Kleinen Tempel des Donnergrollens hinzustellen!« »Du Affe, du weißt also tatsächlich nicht, wer ich bin«, sprach der Dämon, »sonst hättest du dich nicht erkühnt, in mein göttliches Gebiet einzudringen! Die Gegend hier wird der Kleine Westhimmel genannt. Weil ich mich mit Erfolg vervollkommnet habe, hat mir der Himmel diesen Tempel verliehen. Ich bin der alte Buddha mit den Gelben Brauen! Die Leute hier wissen das leider nicht, darum nennt man mich nur den Großen König mit den Gelben Brauen. Ich weiß schon lange, dass du in den Westen pilgerst und auch so gewisse Fähigkeiten hast. Darum habe ich hier diese Gebilde hingezaubert, um deinen Meister hereinzulocken und mit dir um die Wette zu fechten. Hältst du mir stand, so will ich euch laufenlassen, dann sollt ihr eure Rechte Frucht erlangen. Wenn du es aber nicht schaffst, dann schlag ich euch alle tot, hole bei Buddha die Schriften und ernte den Erfolg in China!« »Nimm bloß den Mund nicht zu voll, du Ungeheuer!« lachte Pilger. »Wenn du kämpfen willst, dann komm und lass dir eins überziehen!« Frohlockend trat ihm der Dämonenkönig mit seiner Wolfszahnkeule entgegen, und nun kämpften die beiden ganze fünfzig Runden aus, ohne dass auszumachen war, wer den Sieg davontragen sollte. Gleichzeitig rührten die Ungeheuer vor dem Portal Gongs und Trommeln und schwenkten mit Kriegsgebrüll ihre Standarten, während auf der anderen Seite die Götter der Achtundzwanzig Himmelshäuser und die Genien der Fünf Himmelsrichtungen sich mit schlagbereiten Waffen schreiend auf den Dämon stürzten und ihn in ihre Mitte schlossen. Furchtlos schwang der Dämon mit der einen Hand seine Wolfszahnkeule, um die Krieger abzuwehren, löste gleichzeitig mit der anderen Hand ein abgenutztes Täschchen aus weißem Stoff vom Gürtel, warf es in die Luft, und schon schwirrten der Große Heilige, die Achtundzwanzig Himmelshäuser und die Genien der Fünf Himmelsrichtungen brausend in seine Tasche. Da hängte sie der Dämon um die Schulter, machte kehrt und schritt unter dem Freudengeschrei seiner Ungeheuer siegreich zurück. Nun ließ sich der alte Dämon an die fünfzig Hanfseile bringen, machte die Tasche auf und legte einen nach dem anderen in Stricke. Dann trug er sie nach hinten und warf sie ohne jede Rücksicht auf einen Haufen. Anschließend veranstaltete der Dämonenkönig ein großes Festessen, und alle zechten, bis der Morgen graute. Wie sie dann schlafen gingen, sei hier nicht weiter ausgeführt. Erzählen wir stattdessen vom Großen Heiligen, der bis Mitternacht gefesselt dagelegen hatte, sich dann mit einem Zauber verkleinerte, aus den Stricken schlüpfte, zu Tripitaka ging und flüsterte: »Meister!« Der Priester erkannte seine Stimme und sagte: »Rette mich, mein Schüler! Von jetzt an will ich mich ganz an dich halten und nie mehr auf etwas beharren!« Pilger befreite erst den Meister, dann Bajie und Sandmönch, und schließlich löste er auch den Himmelshäusern und Genien die Fesseln. Dann holte er das Pferd und hieß alle rasch hinauslaufen. Als alle draußen waren, ging er zurück und suchte das Gepäck. »Es reicht doch, dass Ihr Euren Meister gerettet habt«, warf Golddrache Kang ein, »wozu nach dem Gepäck suchen?« »Natürlich ist der Meister am wichtigsten«, erwiderte Pilger, »aber Robe und Almosenschale sind auch wichtig. Im Gepäck sind unser Reisepass, ein kostbares Priestergewand und eine Almosenschale aus Purpurgold. Es sind dies wertvolle buddhistische Schätze; wie könnte ich sie einfach so aufgeben!« »Geh hin und suche, Bruder«, meinte Bajie, »wir gehen mit dem Meister auf die Landstraße und warten dort auf dich.« Seht, wie nun alle Sterngötter Tripitaka umringen und ihn mit vereinten Kräften in einem Windstoß über die Mauern des Tempels heben! Dann eilten sie auf der Landstraße den Hang hinunter und warteten. Um die dritte Nachtwache schlich Pilger leise ins Innere, wo alle Tore fest verschlossen waren. Da murmelte er einen Zauberspruch, schüttelte sich und wurde zu einer göttlichen Maus, oder, wie sie der Volksmund nennt, einer Fledermaus. So zwängte er sich durch die Ritzen zwischen den Ziegeln hinein. Hinter einem Fenster im zweiten Stockwerk gewahrte er nun ein schwaches Licht, und wie er näher kam, merkte er, dass das Licht den Reisebündeln entstieg. Der Dämon hatte nämlich die kostbare Robe, nachdem er sie Tripitaka vom Leib gerissen hatte, achtlos ins Gepäck gestopft. Da aber die Robe mit vielen Perlen und Kostbarkeiten versehen war, leuchtete sie in der Nacht. Vor lauter Freude über diesen Anblick nahm Pilger seine eigene Gestalt an und warf sich das Gepäck an der Tragstange über die Schulter. Doch da löste sich plötzlich ein Bündel von der Stange und fiel polternd zu Boden. Genau darunter aber schlief der alte Dämon. Der schreckte aus dem Schlaf, sprang auf und rief nach seinen Ungeheuern; Fackeln und Lampions wurden angezündet und laut johlend alles von hinten bis vorn durchsucht. Aus Angst, in ihre Fänge zu geraten, ließ Pilger die Bündel liegen und floh aus dem Fenster davon. Der Dämon aber durchsuchte nun den ganzen Tempel und konnte Tripitaka und die anderen nirgends finden. Wie er bemerkte, dass bereits der Morgen dämmerte, nahm er seine Keule und machte sich mit allen seinen Ungeheuern auf Verfolgungsjagd. Schon entdeckte er die Achtundzwanzig Himmelshäuser und die Genien der Fünf Himmelsrichtungen, die am Berghang in dichten Wolkenschleiern ihr Lager aufgeschlagen hatten und Rast hielten. »Halt!« schrie der Dämonenkönig, »hier bin ich!« Eilends weckte Holzdrache vom Horn seine Gebrüder auf und rief auch die Genien, die sechs Ding- und die sechs Jia- Götterkrieger, die Schutzgötter der Klöster sowie Bajie und Sandmönch wach, worauf sie Tripitaka und das Pferd stehenließen und mit gezückten Waffen gegen den Dämon anstürmten. Der aber gab nur ein kaltes Lachen von sich, stieß einen Pfiff aus, und schon erschienen vier- oder fünftausend Ungeheuer, ein jedes strotzend vor Kraft, die nun am westlichen Berghang ein wildes Gefecht begannen. Mitten im Kampfgetümmel hörte man auf einmal, wie Pilger brüllte: »Der alte Sun ist wieder da!« Während die Himmelshäuser, die Genien, die Ding- und Jia-Götterkrieger und andere Krieger auf dem Schlachtfeld von den Ungeheuern in Schach gehalten wurden, rannte nun der alte Dämon mit seiner Keule auf Pilger, Bajie und Sandmönch los, die sich nach Kräften mit Stange und Stab und Rechen wehrten. Himmel und Erde schienen wahrhaftig in heillosem Chaos zu versinken, und das Gefecht dauerte an, bis die Sonne im Westen hinter den Bergen versank und im Osten der Mond aus dem Meer stieg. Als der Dämon sah, dass es spät war, stieß er einen schrillen Pfiff aus, löste sein Täschchen vom Gürtel und hielt es hoch. Pilger, der ihn beobachtet hatte, konnte gerade noch schreien: »Hilfe, nichts wie weg!« Dann schoss er, ohne sich um die anderen zu kümmern, in einer Reihe von Wolkenüberschlägen stracks zum neunten Himmel hoch. Bevor die anderen verstanden hatten, was er meinte, fanden sie sich, von ihm verlassen, in der Tasche wieder. Der Dämon aber holte seine Krieger ein und kehrte in seinen Tempel zurück, wo er abermals Stricke bringen ließ und die drei Pilgernden wie zuvor aufhängte. Die Götter aber warf er gefesselt in ein Kerkerloch und setzte einen Deckel darauf, doch davon sei hier nicht weiter die Rede. Pilger aber, der vom neunten Himmel aus zusah, wie die Dämonenkrieger in den Tempel zurückkehrten, war bereits klar, dass alle anderen gefangen worden waren. Da senkte er sein glückverheißendes Licht und landete auf dem östlichen Berggipfel. Zähneknirschend grollte er dem Dämon; unter Tränen gedachte er des Priesters. »Ach Meister!« rief er, »in welcher Existenz habt Ihr nur all dieses schlechte Karma angehäuft, dass Ihr in diesem Leben auf Schritt und Tritt Dämonen begegnen müsst! Was tun wir bloß in dieser Not, der wir einfach nicht entkommen?« Lange saß er einsam da und seufzte. Endlich kam er innerlich zur Ruhe, festigte seinen Sinn und dachte, still in sich gekehrt: »Was für ein Taschenspieler mag dieser Dämon wohl sein, dass er eine solche Menge einsacken kann? Jetzt hat er gar die ganze Heerschar von himmlischen Göttern und Kriegern eingesteckt! Am liebsten möchte ich gleich beim Jadekaiser um Hilfe bitten, nur fürchte ich, dass der es mir übelnimmt. Doch da fällt mir ein, es gibt ja einen Wahren Krieger des Nordens, der wird auch der Himmlische Ehrwürdige Dämonenzerstörer genannt und weilt heutzutage auf dem Wudang-Gebirge im südlichen Kontinent Jambudvipa. Den will ich doch mal bitten, meinem Meister aus der Not zu helfen!« So war es in der Tat: Bevor Unsterblichkeit erlangt, Sind Pferd und Affe außer Haus; Fehlt dem Herzensgeist der Meister, Trocknen die Fünf Phasen aus! Da wir aber nicht wissen, was aus diesem Gang werden sollte, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第066回 / 66. Kapitel Alle Götter fallen der Gewalt anheim / Buddha Maitreya bändigt den Dämon Wie berichtet wurde, hatte sich der Große Heilige nicht anders zu helfen gewusst, als im Wolkenüberschlag zum Kontinent Jambudvipa zu eilen, um den Himmlischen Ehrwürdigen Dämonenzerstörer aus dem Wudang-Gebirge zu bitten, Tripitaka und die anderen zu retten. Schon nach kurzer Zeit erblickte er aus der Luft die paradiesischen Gefilde des Ehrwürdigen. Dieser göttliche Ehrwürdige entstammte dem König der Reinen Freude und der Königin des Guten Sieges, welche einst im Traume die Sonne verschlungen hatte und dann gewahrte, dass sie schwanger war. Vierzehn Monate später wurde der Ehrwürdige im Jahr der Kalenderzeichen Jia-Chen, dem ersten Jahr der Ära Kaihuang, am ersten Tag des dritten Mondmonats zur Mittagszeit im Kaiserpalast geboren. Und so war dieser ehrwürdige Herr: In der Kindheit forsch und kühn, Göttlich weise wuchs er an, Lehnte ab den Königsthron, Ihm galt nur Vervollkommnung. Machtlos waren seine Eltern, Als er dem Palast entlief, Fortan weilt’ er in den Bergen, Übte innere Sammlung tief. Als sein Werk vollendet war, Schwebte er am hellen Tag Auf zum Himmel, wo der Kaiser Ihn zum »Wahren Krieger« erhob. Sein Mysterium ward erhört, Schildkröte vereint mit Schlange; Seither und zu allen Zeiten Macht er den Dämonen Bange. Frohgemut betrachtete der Große Heilige die paradiesische Gegend und gelangte alsbald zum Palast der Höchsten Harmonie, der sich hinter drei Torbogen befand, und gewahrte inmitten heilvoller Dünste die fünfhundert beseelten Schutzgötter. Ihm entgegentretend fragten sie: »Wer ist dieser Ankömmling?« »Ich bin der Himmelsebenbürtige Große Heilige Sun Wukong und möchte bei eurem Meister vorsprechen«, gab er zur Antwort. Kaum hatten ihn die Schutzgötter gemeldet, trat der Ehrwürdige aus der Halle und geleitete den Gast in seinen Tempel. Pilger verbeugte sich und sprach: »Ich möchte Euch um einen Gefallen bitten.« Der Ehrwürdige fragte nach dem Anliegen. Pilger berichtete, was sich ereignet hatte, und schloss mit den Worten: »Nun weiß ich nicht mehr, was ich tun kann, darum möchte ich Euch, werter Meister, um Hilfe bitten.« Da sprach der Ehrwürdige: »Als ich vormals den Norden eroberte, dort den Thron des Wahren Kriegers einnahm und alle Dämonen unter dem Himmel vertrieb, geschah dies auf Geheiß des Jadekaisers. Später, als ich mit fünf Donnerkriegern, Bestien und Giftdrachen auszog, im Nordosten die dämonische Aura einer finsteren Energie auszutreiben, tat ich dies auf Befehl des Himmlischen Ehrwürdigen des Ursprungs. Doch nun weile ich in der Stille geistiger Übung hier im Wudang-Gebirge; weder hier in Jambudvipa noch im nördlichen Kontinent Uttarakuru lassen sich noch Dämonen blicken. Nun habe ich die Ehre, von Euch, Großer Heiliger, um Hilfe gebeten zu werden, doch fehlt mir dazu leider ein entsprechendes Dekret aus den oberen Sphären, weshalb ich nicht eigenmächtig zu den Waffen zu greifen wage. Eure Bitte nun aber rundweg abzuschlagen wäre meiner Verbundenheit zu Euch doch sehr abträglich. So, wie ich das sehe, können die Dämonen auf dem Westweg gar so schlimm nicht sein. Darum will ich Euch vorerst meine Krieger Schildkröte und Schlange zur Verfügung stellen, und dazu noch die fünf großen Götterdrachen. Mit ihnen werdet Ihr das Ungeheuer gewiss besiegen und Euren Meister befreien können.« Dankend verneigte sich Pilger und begab sich mit Schildkröte, Schlange und Götterdrachen, alle mit Truppen ausgestattet, zum Kleinen Tempel des Donnergrollens, wo sie sogleich zum Kampf aufriefen. Drinnen aber weilte der Dämonenkönig gerade im Kreise seiner Ungeheuer und sprach: »Dieser Tage ist der Pilger Sun nicht wieder aufgetaucht; wer weiß, wo er sich wohl Beistand holt?« Seine Worte waren noch nicht verklungen, als ein kleines Ungeheuer meldete: »Pilger steht mit Drachen, Schlange und Schildkröte draußen vor dem Tor und ruft zum Kampf auf!« Der Dämon warf sich unverzüglich in seine Rüstung, trat hinaus und rief: »Was für Drachengeister wagen es, in meinen göttlichen Bereich einzudringen?« »Lausiges Ungeheuer!« fauchten die fünf Drachen und die zwei Krieger zurück. »Wir sind die fünf Drachengötter und die Krieger Schildkröte und Krieger Schlange, abgesandt von Seiner Hoheit, dem Himmlischen Ehrwürdigen Dämonenzerstörer, Erzvater des Uranfangs vom Palast der Höchsten Harmonie im Wudang-Gebirge! Auf Antrag des Himmelsebenbürtigen Großen Heiligen und auf Geheiß unseres Himmlischen Ehrwürdigen sind wir gekommen, dich festzunehmen. Gib uns den Priester aus China und die Sterne des Himmels zurück, du Ungeheuer, sonst bist du des Todes! Wenn du dich nicht fügst, so werden wir deine Leiche in Stücke hacken und all deine Hallen in Schutt und Asche legen!« Wütend schrie der Dämon: »Was für Fähigkeiten habt ihr überhaupt, dass ihr Biester so großspurig daherkommt? Los, dann kriegt meinen Stock zu spüren!« Unverzüglich ließen die fünf Drachen Wolken und Regen wogen, die zwei Krieger wirbelten Sand und Staub empor, und alle stürmten mit Speeren, Säbeln, Schwertern und Lanzen heran, der Große Heilige mit seiner Eisenstange hinter ihnen her. Nachdem das Ringen schon eine gute Stunde gedauert hatte, löste der Dämon seine Tasche vom Gürtel; Pilger sah es und schrie: »Passt auf!« Doch Götterdrachen, Schlange und Schildkröte wussten ja nicht, worauf sie aufpassen sollten, und nahmen kampfbereite Abwehrstellung ein. Schon stülpte der Dämon seine Tasche über die Krieger, und nur der Große Heilige vermochte sich abermals mit einem Wolkenüberschlag in den neunten Himmel zu retten. Götterdrachen, Schlange und Schildkröte jedoch waren in der Tasche gefangen. Siegreich kehrte der Dämon in seinen Tempel zurück, legte die Beute in Fesseln, warf sie in den Kerker und schob den Deckel darüber. Der Große Heilige aber landete und lehnte sich erschöpft an den Gipfel. Die Augen fielen ihm zu, und es sah aus, als ob er schliefe. Auf einmal aber klang eine Stimme an sein Ohr: »Schlaft nicht, Großer Heiliger! Ihr müsst Hilfe suchen; das Leben Eures Meisters steht auf dem Spiel!« Pilger riss die Augen auf, sprang auf die Füße und gewahrte vor sich den Gott der Tageszeiten. »Lausiger Geist!« wetterte er, »keiner weiß, wo du bist, nie meldest du dich, und jetzt kommst du bloß, mich zu erschrecken!« Der Tagesgott machte eine eilfertige Verbeugung und sprach: »Auf Geheiß der Bodhisattva Guanyin stehen wir Eurem Meister stets im Verborgenen bei und dürfen ihn niemals alleine lassen; darum ist es uns nicht möglich, öfter bei Euch vorzusprechen. Dieser Tage sind wir ohne Nachricht von Euch geblieben, und da wir nun sahen, wie der Dämon gar Götterdrachen, Schlange und Schildkröte einfing, und gleichzeitig erfuhren, dass sie von Euch, Großer Heiliger, zu Hilfe geholt worden waren, habe ich geringer Gott mich auf den Weg gemacht, Euch zu suchen. Großer Heiliger, Ihr dürft jetzt nicht Erschöpfung vorschieben; Ihr müsst um alles in der Welt so rasch wie möglich Hilfe holen!« Da brach Pilger vor dem Tagesgott in Tränen aus. »Ich schäme mich bis zum Himmel hoch«, schluchzte er, »bis in den tiefsten Ozean herab! Ich fürchte mich, die Bodhisattva nach den Ursachen zu fragen, wage auch nicht, vor die jadereine Gestalt Buddhas zu treten! Die eben festgenommen worden sind, waren Schildkröte, Schlange und Götterdrachen des Wahren Kriegers. Was soll ich bloß tun; ich weiß doch nicht, wen ich noch um Hilfe bitten kann!« »Grämt Euch nicht, Großer Heiliger«, versuchte ihn der Tagesgott zu beruhigen, »ich kenne einen Ort, wo Ihr Verstärkung holen könnt, dann werdet Ihr den Dämon gewiss besiegen. Eben wart Ihr doch im Wudang-Gebirge, auf dem Kontinent Jambudvipa. Die Krieger, von denen ich spreche, befinden sich ebenfalls auf Jambudvipa, nämlich beim Berg Xuyi in der Stadt Bincheng, die heute Sizhou genannt wird. Dort lebt ein Bodhisattva mit Namen Großer Heiliger König Staatsmeister, und der verfügt über enorme Zauberkraft. Er hat einen Schüler mit Namen Prinz Zhang und vier große Götterkrieger. Früher hat er einst gar die Wassermutter unterworfen. Wenn er sich bereit erklärt, Euch zu helfen, werdet Ihr den Dämon garantiert überwinden und Euren Meister retten können.« Erleichtert rief Pilger: »Dann geh jetzt meinen Meister schützen; ich alter Sun hole gleich Hilfe!« Mit einem Wolkenüberschlag sauste Pilger dem Berg Xuyi entgegen und kam über den Fluss Huaihe nach Bincheng, geradewegs zum Eingang des »Tempels des Großen Heiligen«. Hier erhoben sich prächtige Tempelhallen mit schmucken Korridoren und einer steil aufragenden Pagode. Pilger trat ein und schaute sich um, dann schritt er weiter zum zweiten Toreingang. Der Bodhisattva wusste längst, dass Pilger kommen würde. Darum kam er ihm zusammen mit dem jungen Prinzen Zhang entgegen, man begrüßte sich, und Pilger erklärte den Grund seines Kommens. Zuletzt sprach er: »Nun habe ich keinen Halt und keine Stütze mehr, darum wende ich mich an Euch, Bodhisattva. Bitte, lasst Eure große Macht walten und helft mit der Kraft, die einst die Wassermutter bezwang, meinen Meister zu retten, auf dass wir die Heiligen Schriften nach China bringen und sie dort auf ewig Verbreitung finden!« »Euer Anliegen ist wahrhaftig eng mit dem Los der buddhistischen Lehre verbunden«, sprach König Staatsmeister, »daher müsste ich eigentlich persönlich zu Hilfe kommen. Doch jetzt ist leider gerade Frühsommer, wenn die Wasser des Huaihe über die Dämme fluten, und da wir kürzlich einen Großen Heiligen Wasseraffen eingefangen haben, der bei jeder Berührung mit Wasser rasend wird, fürchte ich, dass er in meiner Abwesenheit sein Unwesen treiben könnte, und dann würde ihn kein Gott mehr je zu bändigen vermögen. Darum will ich Euch vorerst meinen Schüler mitgeben, dass er Euch mit meinen vier Generälen den Dämon besiegen helfe.« Pilger dankte und entschwebte mit dem jungen Prinzen Zhang und den vier Generälen auf einer Wolke bis zum Kleinen Westhimmel, wo sie vor dem Kleinen Tempel des Donnergrollens niedergingen. Prinz Zhang führte einen Speer aus weißem Maulbeerholz, die vier Generäle schwangen Schwerter aus edlem Kunwu-Stahl, so traten sie mit dem Großen Heiligen Sun vor und riefen zum Kampf auf. Kaum hatten die kleinen Ungeheuer ihr Kommen gemeldet, kommandierte der Dämon abermals seine Truppen und schritt unter ohrenbetäubendem Trommelwirbel nach draußen. »Übler Zankaffe!« schrie er. »Wen hast du jetzt wieder geholt?« Doch bevor Pilger zu Wort kam, trat Prinz Zhang mit den vier Generälen vor und schrie: »Du tollkühner Teufel! Ich bin der Schüler des Bodhisattva Großer Heiliger König Staatsmeister aus Sizhou und bin auf Geheiß des Meisters mit vier großen Götterkriegern hier, dich festzunehmen!« »Ach, mein Kind«, spottete der Dämon, »deine Künste mögen gerade mal reichen, die Flussgeister des Huaihe in Schach zu halten. Doch wozu schenkst du bloß diesem Pilger Sun Vertrauen und folgst ihm über tausend Berge und Täler, nur um hier dein Leben zu lassen?« Prinz Zhang hörte diese Worte mit wachsendem Zorn; schließlich packte er seinen Speer und stürmte mit den vier Generälen zum Angriff; auch der Große Heilige griff mit wirbelnder Eisenstange an. Der Dämon aber wehrte sich mit seiner Wolfszahnkeule und versetzte seinerseits gezielte Hiebe. Lange hielt der Kampf an, ohne dass eine Entscheidung fiel, bis der Dämon abermals seine Tasche vom Gürtel löste, worauf Pilger wiederum schrie: »Aufpassen!« Doch der Prinz und seine Krieger wussten ja nicht, worauf sie aufpassen sollten, und schon steckten sie allesamt in der Tasche dieses Scheusals; einzig Pilger hatte sich auf eine Wolke retten können. Triumphierend kehrte der Dämon in den Tempel zurück, ließ abermals Stricke bringen und alle in den Kerker werfen, doch davon sei hier nicht weiter die Rede. Pilger aber blieb alleine am westlichen Berghang stehen. Er war verzweifelt. Doch nun gewahrte er auf einmal, wie von Südwesten her eine farbenschillernde Wolke zur Erde niederschwebte, der ganze Berg in heiteren Blütenregen gehüllt wurde, und eine Stimme erklang, die rief: »Sun Wukong! Erkennst du mich?« Pilger schaute genauer hin und sah, dass es der höchste Ehrwürdige des Paradieses war: der erhabene Buddha Maitreya! Eilends verneigte er sich und fragte: »Wohin des Weges, Buddha aus dem Osten? Verzeiht Eurem Jünger, Euch nicht gebührend empfangen zu haben!« »Ich bin eigens wegen dem Dämon des Kleinen Donnergrollens hier«, gab der Buddha zur Antwort. »Habt besten Dank!« rief Pilger. »Doch sagt, was ist das für ein Ungeheuer, und was hat es mit seiner Tasche auf sich? Ich bitte den verehrten Buddha um Aufklärung.« »Es ist der Knabe mit den gelben Brauen, der schlägt bei mir die Klangsteine. Am dritten Tag des dritten Mondmonats, als ich auf einer Versammlung beim Himmlischen Ehrwürdigen des Ursprungs weilte, habe ich ihn den Tempel bewachen lassen; er aber hat meinen Zauberschatz gestohlen und sich in einen falschen Buddha verwandelt. Seine Tasche ist der Beutel meines irdischen Lebens; im Volksmund nennt man ihn den Beutel der Menschensamen. Die Wolfszahnkeule aber ist der Schlagstock für die Klangsteine.« »Ihr seid mir ein schöner lachender Mönch«, rief Pilger. »Da entläuft Euch Euer Knabe, und Ihr lasst zu, dass er hier als falscher Buddha sein Unwesen treibt und mich alten Sun in die Falle lockt! Das kommt einer groben Vernachlässigung häuslicher Disziplin gleich!« »Zum einen mag es mein Fehler sein, dass er mir entlaufen ist«, räumte Maitreya ein, »doch zum anderen ist es einfach so, dass Ihr, Meister wie Schüler, noch nicht alle dämonischen Hindernisse durchlebt habt. Darum kommen all die Geistwesen hinunter auf Erden, denn diese Widerstände sind notwendig. Jetzt aber bin ich gekommen, ihn zu holen.« »Dieser Dämon hat unglaubliche Fähigkeiten«, versetzte Pilger, »wie wollt Ihr ihn ohne Waffen bezwingen?« Maitreya lächelte und sprach: »Ich werde hier am Hang eine Strohhütte hervorzaubern und Wassermelonen säen. Anschließend kannst du ihn zum Kampf aufrufen, doch darfst du nicht gewinnen, sondern musst ihn auf mein Feld locken. Die Melonen werden noch nicht ganz reif sein, du aber sollst dich in eine große, reife Wassermelone verwandeln. Sobald er da ist, will er gewiss eine kosten, dann werde ich ihm dich überreichen, damit er dich verschlingt. In seinem Bauch kannst du dann treiben, was du willst, während ich die Gelegenheit nutze, ihm die Tasche abzunehmen und ihn selbst darin einzupacken.« »Ein großartiger Plan«, meinte Pilger. »Allein, was soll ich tun, wenn der Dämon mir nicht folgt?« Lachend sprach Maitreya: »Streck deine Hand aus!« Pilger hielt ihm seine Linke entgegen. Maitreya befeuchtete seinen rechten Zeigefinger mit dem göttlichen Nass aus seinem Munde und schrieb damit das Schriftzeichen für »Verbot« in Pilgers Handfläche: 禁. Dann hieß er ihn die Faust ballen und erst wieder öffnen, wenn er das Ungeheuer sähe. Dann würde es ihm willig folgen. Freudig versprach Pilger, zu tun wie geheißen. Seine Eisenstange einhändig wirbelnd ging er auf den Tempel zu und schrie: »Dämon! Dein Ahnherr Sun ist da, komm und miss dich noch mal mit ihm!« Als der Dämon dies vernahm, warf er sich abermals in seine Rüstung, packte seinen Zauberschatz und trat, die Wolfszahnkeule schwingend, aus dem Tor. »Sun Wukong!« brüllte er, »diesmal entkommst du mir nicht!« »Zankteufel«, rief Pilger, »warum etwa nicht?« »Mir scheint, du bist am Ende deiner Künste!« gab der Dämon zurück, »nirgendwo gibt’s mehr Verstärkung, und nun stürzt du dich alleine in den Tod. Wer soll dir denn zu Hilfe kommen, wenn ich dich zu packen kriege?« »Du Ungeheuer hast keinen blassen Schimmer. Keine Rede mehr, jetzt kriegst du eins mit meiner Stange!« Der Unhold schritt mit seiner Wolfszahnkeule in den Kampf, doch gleichzeitig hielt ihm Pilger die Handfläche entgegen, wirbelte den Goldreifstab mit beiden Händen und rannte nach wenigen Runden davon. Durch das Zeichen gebannt, kam es dem Dämon nicht in den Sinn, sich zurückzuziehen, ja er griff auch nicht zur Tasche, sondern war nur noch auf Verfolgung aus. So jagte er Pilger bis zuunterst an den westlichen Berghang. Pilger aber hatte das Melonenfeld bereits gefunden, kugelte sich hinein und nahm sogleich die Gestalt einer großen, reifen Wassermelone an. Der Dämon hielt inne und spähte umher. Als er nicht ausmachen konnte, wo Pilger sein mochte, lief er auf die Strohhütte zu und schrie: »Wer baut hier Melonen an?« In Gestalt eines alten Bauern trat Maitreya aus der Hütte und antwortete: »Großer König, geringer Diener hat die Melonen angebaut.« »Gibt es reife? Her damit, ich will meinen Durst löschen!« Maitreya nahm diejenige, in die sich Pilger verwandelt hatte, und brachte sie dem Dämonenkönig mit beiden Händen dar. Dieser packte die Melone und sperrte sein Maul auf, um einen Bissen zu nehmen, doch schon packte Pilger die Gelegenheit, kollerte seinen Hals hinunter und begann im Bauch zu rumoren. Er zerrte an den Därmen, kickte an die Bauchwand, schlug Purzelbäume und machte den Handstand, bis sich der Dämon mit qualvoller Miene und Tränen in den Augen auf dem Boden wälzte, bis das Melonenfeld aussah wie ein Dreschplatz. »Aufhören!« schrie er, »aufhören! Wer hilft mir bloß?« Da offenbarte sich Maitreya in seiner wahren Gestalt, lachte und sprach: »Sündenbiest! Siehst du jetzt, wer ich bin?« Der Dämon hob den Kopf und gewahrte Maitreya. Unverzüglich fiel er auf die Knie, presste die Hände auf den Bauch, schlug die Stirn zu Boden und rief: »O mein Herr, lasst mich am Leben, ich werde das nie wieder tun!« Maitreya trat vor und packte ihn mit einem Griff. Sogleich nahm er ihm die Tasche vom Gürtel, entwand ihm den Schlagstock und rief: »Sun Wukong, lass ihn am Leben, mir zuliebe!« Pilger aber war so wütend, dass er im Bauch gleich noch mehr Fausthiebe und Fußtritte folgen ließ, bis der Dämon von Schmerzen gepeinigt zu Boden sackte. »Wukong!« rief Maitreya von neuem, »jetzt hat er genug abbekommen; lass ihn am Leben.« Da hieß ihn Pilger den Mund aufmachen und rief: »Dann lass mich alten Sun raus!« Gequält sperrte der Unhold seinen Rachen auf; Pilger sprang heraus, nahm seine eigene Gestalt an und wollte gerade seine Stange packen, um den Dämon zu verprügeln, doch Maitreya hatte ihn bereits in den Sack gesteckt, warf ihn schräg über die Schulter, nahm den Schlagstock und schimpfte: »Sündenbiest! Und wo ist die Zimbel, die du gestohlen hast?« Pilger wollte gerade seine Stange packen, um den Dämon zu verprügeln, doch Maitreya hatte ihn bereits in den Sack gesteckt. »Die hat Sun Wukong zerschlagen«, ächzte der Dämon im Beutel. »Dann gib mir das Gold zurück!« »Die Scherben sind in der Tempelhalle!« stöhnte der Dämon. Da sprach der Buddha lachend zu Pilger: »Wukong, dann komm du mit und gib mir die Goldscherben zurück.« Pilger ging mit ihm zum Tempel. Das Portal war verschlossen, doch als der Buddha es mit seinem Schlagstock berührte, öffnete es sich von selbst. Drinnen waren die kleinen Ungeheuer, die bereits erfahren hatten, dass der alte Dämon gefangen worden war. Wie sie nun nach allen Seiten auseinanderstoben, wurden sie von Pilger restlos erschlagen. Der Buddha aber sammelte die Goldscherben auf, behauchte sie mit seinem göttlichen Odem, murmelte dazu einen Zauberspruch, und schon erschien die goldene Zimbel wieder in ihrer ursprünglichen Form. Nun verabschiedete sich Maitreya von Pilger und schwebte auf einer glückverheißenden Wolke den Gefilden der Glückseligkeit entgegen. Der Große Heilige aber konnte nun endlich Tripitaka, Bajie und Sandmönch befreien. Anschließend ging er nach hinten, wo er das Kerkerloch öffnete, allen Göttern heraushalf und sie vor die Tempelhallen führte, wo Tripitaka schon in seiner kostbaren Robe bereitstand und sich nun vor jedem dankend verneigte. Danach verabschiedete Pilger die Götter, und diese kehrten in ihre Paläste zurück. Meister und Schüler aber ließen sich einen halben Tag Zeit, sich zu sättigen, bevor die Reise weiterging. Kurz vor Aufbruch entfachten sie noch ein Feuer und legten die prunkvolle Anlage in Schutt und Asche. So war es in der Tat: Ohne Leiden, ohne Dämon Streben sie zu Buddha hin; Überwunden sind die Hürden, Freien Mutes sind sie nun! Und da wir nicht wissen, wann sie endlich den Großen Tempel des Donnergrollens erreichen sollten, lasst uns hören, was das nächste Kapitel berichtet. 第067回 / 67. Kapitel Die Rettung von Dhara macht die innere Sammlung fest / Frei von Unreinheiten wird das Dao- Herz rein und klar Wie berichtet, waren Tripitaka und seine Schüler dem Kleinen Westhimmel entronnen und machten sich nun frohen Mutes auf die Weiterreise. Einen ganzen Monat lang wanderten sie dahin, und ringsum grünte der Frühling. Tripitaka brachte sein Pferd zum Stehen und sprach: »Meine Schüler, bald wird es dunkel; wo sollen wir bloß übernachten?« »Macht Euch keine Sorgen, Meister«, lachte Pilger, »wir werden schon was finden!« Noch während sie sprachen, erblickten sie in nicht weiter Ferne ein Haus. »Nun«, meinte Pilger, »zwischen jenen Bäumen wohnt doch jemand? Lasst uns dort um Aufnahme bitten.« Der Priester hielt auf das Haus zu und stieg frohgemut aus dem Sattel. Das hölzerne Gatter war zu. Erst als der Priester daran pochte, öffnete ein alter Mann mit Gehstock in der Hand und erkundigte sich, wer da sei. Tripitaka faltete die Hände vor der Brust, neigte sich grüßend und sprach: »Geringer Mönch kommt aus dem Osten und pilgert in den Westen, um Heilige Schriften zu holen. Da wir nun Eure werte Wohnstätte passieren, ist schon bald Abend, und darum möchten wir gern um ein Lager in dem geschätzten Hause bitten. Wir hoffen sehr auf Euer Entgegenkommen.« »Werter Mönch«, entgegnete der Alte, »nach Westen geht es hier nicht weiter. Ihr seid hier im Kleinen Westhimmel, doch bis zum Großen Westhimmel ist es noch weit. Und auch abgesehen von allen weiteren Schwierigkeiten ist allein dieser Ort schon nahezu unpassierbar.« Tripitaka wollte wissen, was damit gemeint sei. Der Alte wies in die Ferne und erklärte: »Etwas mehr als dreißig Meilen westlich von hier führt eine Khakigasse über ein Gebirge, das ›Gebirge der Sieben Extreme‹ genannt wird.« »Was bedeutet denn ›Sieben Extreme‹?« fragte Tripitaka, und der Mann sprach: »Der Pfad, der über dieses Gebirge führt, ist achthundert Meilen lang und geht durch lauter Khakiwälder. Alte Schriften besagen, dass der Khakibaum sieben außerordentliche Eigenschaften besitze: Er erreicht ein hohes Alter, spendet reichlich Schatten, ist frei von Vogelnestern und Ungeziefer, hat schönen Raureif, herrliche Früchte und großflächige Blätter. Darum nennt man es das Gebirge der Sieben Extreme. Dieser Landstrich ist weit, aber nahezu unbewohnt, und das Gebirge ist seit Urzeiten von keinem Menschen begangen worden. Jedes Jahr, wenn die Khakis reif sind, fallen sie von den Bäumen und faulen; der von Steinmauern gesäumte Weg ist dann voll bis obenauf. Sobald Regen, Schnee und Frost darübergehen, wird das Ganze zwischen Regenzeit und Sommer zu einem schmierigen Matsch, dass die Leute es nur noch ›Kackegasse‹ nennen. Wenn der Westwind geht, weht ein furchtbarer Gestank hierher, schlimmer, als wenn man die übelste Latrine auskehrt! Jetzt im Frühling geht der Südostwind, darum merkt man nichts davon.« Tripitaka verfiel in bedrücktes Schweigen. Da konnte sich Pilger nicht halten und rief laut: »Wie seid Ihr doch borniert, mein werter Herr! Da kommen wir von weit her gereist und bitten Euch um Nachtquartier; Ihr aber wisst nichts Besseres, als uns abzuschrecken. Falls es in Eurem Hause wirklich keinen Ort zum Schlafen gibt, hocken wir uns eben die Nacht über unter den Baum; wozu die lange Rede?« Wie der Alte Pilgers hässliches Gesicht erblickte, verstummte er ängstlich. Doch bald fasste er Mut, wies mit seinem Stock auf Pilger und rief: »Du ausgemergeltes Ding, du! Ohne jegliche Achtung vor dem Alter wagst du mich alten Mann mit deinem spitzen Maul zu verunglimpfen!« »Werter Alter«, meinte Pilger und lachte versöhnlich, »Euch fehlt der Blick für das, was wichtig ist. Ihr habt keinen Schimmer, wer in diesem ausgemergelten Ding vor Euch steht. ›In bizarren Formen stecken die schönsten Juwelen‹ – so sagen doch die Wahrsager, die aus der Hand und aus dem Gesicht zu lesen vermögen! Wenn Ihr die Leute nur nach dem Äußeren und nach ihrer Rede beurteilt, liegt Ihr falsch. Ich mag zwar unschön aussehen, doch besitze ich dafür besondere Fähigkeiten und verstehe mich hervorragend aufs Austreiben von Dämonen.« Kaum hatte der Alte diese Worte vernommen, war sein Zorn verflogen. Mit einer Verbeugung hieß er sie willkommen, und alsbald traten alle vier mit Pferd und Gepäck in den Innenhof, wo der Alte Stühle bereitstellte, Tee aufgoss und eine fleischlose Mahlzeit zubereiten ließ. Bald wurden auch schon Tische herangerückt und allerlei leckere Gerichte aufgetragen. Meister und Schüler konnten sich ausgiebig sättigen. Nach dem Essen nahm Bajie Pilger beiseite und fragte: »Wie geht es bloß zu, dass der Alte uns so reich bewirtet, nachdem er uns erst gar nicht haben wollte?« »Das hat sicher einen Grund«, meinte Pilger, »ich werde gleich fragen.« Als die Dämmerung anbrach und der Alte Laternen aufhängen ließ, fragte Pilger: »Wie ist Euer geschätzter Name, mein Herr?« »Ich heiße Li.« »Dann wird die werte Ortschaft ›Dorf der Sippe Li‹ heißen?« »Nein, unser Dorf heißt Dhara«, gab der Alte zurück. »Wir haben hier an die fünfhundert Haushalte, die meisten aber sind aus anderen Sippen; ich bin der Einzige mit Sippennamen Li.« »Wie kommt es aber, werter Herr Li, dass Ihr uns so köstlich bewirtet habt?« Der Alte erhob sich und sprach: »Eben habe ich erfahren dürfen, dass Ihr Euch darauf versteht, Ungeheuer auszutreiben. Bei uns gibt es tatsächlich ein Ungeheuer, und darum möchte ich Euch bitten, es zu bezwingen. Wir werden uns mit reichen Gaben erkenntlich zeigen.« »Besten Dank für Euer Entgegenkommen!« rief Pilger und verbeugte sich mit vor der Brust gewölbten Händen. »Seht euch an, wie der wieder Unheil vom Zaun reißt!« empörte sich Bajie. »Er tut ja herzlicher, als wenn er für seinen eigenen Großvater Dämonen austreiben sollte! Verneigt sich gar im Voraus!« »Werter Bruder«, warf Pilger ein, »das kapierst du eben nicht. Meine Verneigung steht als Garantie, damit er weiß, dass niemand sonst um Hilfe gebeten zu werden braucht.« An den Alten gewandt fragte er: »Welches Ungeheuer kann es nur wagen, in dieses geschätzte Dorf einzudringen, so friedlich gelegen und so zahlreich bewohnt?« »Nun«, hub der Alte an, »ich will Euch sagen, wie sich alles zugetragen hat. Lange Zeit haben wir hier in Frieden leben können. Doch vor drei Jahren, im sechsten Mondmonat, brauste plötzlich ein Orkan heran, gerade als wir massenhaft Arbeit hatten: Die einen waren beim Dreschen, die anderen steckten Setzlinge im Reisfeld. In der Eile achtete keiner auf den Wind; man hat bloß gedacht, das Wetter wechselt. Wie hätten wir auch ahnen können, dass in diesem Wind ein Ungeheuer war! Es verschlang alles, was ihm in die Fänge kam. Auf den Weiden hat es Kühe, Pferde, Schweine und Schafe gerissen, ganze Hühner und Gänse verschluckt und Männer und Frauen bei lebendigem Leibe verschlungen – und seit jenem Tag ist das immer wieder vorgekommen. Ach Priester, wenn Ihr wirklich die Macht habt, so ein Ungeheuer auszutreiben, werden wir uns mit den größten Gaben erkenntlich zeigen; es soll Euch an nichts fehlen!« Da meinte Pilger: »So gesehen sieht die Sache allerdings schwierig aus.« »Ja, wirklich«, fiel Bajie ein, »schließlich sind wir bloß Wandermönche und wollten doch nur hier übernachten, morgen früh ziehen wir gleich weiter. Was sollen wir da noch Ungeheuer austreiben?« »Also habt ihr nur groß angegeben, um ein Essen zu ergattern, ihr elenden Bonzen!« rief der Alte. »Erst behauptet ihr, Dämonen austreiben zu können, und wenn die Sache konkret wird, heißt es, es sei zu schwierig!« »Werter Alter«, entgegnete Pilger, »das Ungeheuer auszutreiben ist keine Sache. Nur scheint es mir, als wären die Leute hier im Dorf nicht einig.« »Wie meint Ihr das?« fragte der Alte. »Wenn Euch das Ungeheuer seit drei Jahren heimsucht, muss es doch schon etlichen Menschen Schaden zugefügt haben. Hätten die fünfhundert Familien auch nur je einen Silberling gegeben, wären längst stattliche fünfhundert Silberlinge beisammen, damit hättet Ihr an jedem beliebigen Ort daoistische Magier anheuern können, die Euch den Dämon austreiben. Wie kommt es, dass Ihr Euch ganze drei Jahre quälen lasst?« »Ach, das mit dem Geld ist eine peinliche Angelegenheit«, seufzte der Alte. »Wer wäre nicht bereit, sogar drei bis fünf Silberlinge beizusteuern! Im vorletzten Jahr haben wir einen Mönch südlich dieser Berge gebeten, diesen Dämon auszutreiben, doch der hat es nicht geschafft.« »Wie hat er’s denn angestellt?« wollte Pilger wissen. Da sprach der Alte: »Es kam dieser Sangha In der langen Kasaya,368 Las vorab das Pfauen-, Dann das Lotos-Sutra. Hat Weihrauch gebrannt, Ein Glöcklein zur Hand, Was er rezitiert’, Hat den Geist alarmiert, In einem Orkan Kam er im Dorf an. Der beiden Gefecht War auch gar nicht schlecht: Mit einer Faust gerammt, Mit einem Griff gebannt! Noch hat der Mönch reagiert, Doch war sein Kopf rasiert. Der Geist hat ihn bezwungen Und ist im Nebel gegangen. Wir gingen hin und sahen Den Prediger von nahem: Es war sein Schädel so zerschmettert, Wie ’ne Wassermelone rottet!« »Der hat aber Pech gehabt!« lachte Pilger. »Er hat doch bloß sein Leben verloren«, ereiferte sich nun der Alte, »richtig Pech hatten wir! Für Sarg und Bestattung mussten wir aufkommen und auch seinen Jüngern ein paar Silberlinge geben; die aber wollten sich nicht abfinden und führten Anklage gegen uns, so dass die Sache bis heute nicht ins Reine gekommen ist!« »Habt Ihr denn noch sonst jemanden gebeten, den Dämon auszutreiben?« fragte Pilger. »Letztes Jahr haben wir noch einen Daoisten kommen lassen.« »Und wie stellte der sich an?« Da sprach der Alte: »Dieser Daoist Hatte ’nen goldenen Hut, Steckte in langem Ornat, Hat mit dem Stab hantiert, Mit Zauberwasser agiert, Die Götter zu bezwingen, Den Dämon herzubringen. Da brauste plötzlich ein Orkan In schwarzem Rauch heran, Der Dämon und der Daoist Gerieten beide gleich in Zwist, Sie rangen fast bis in die Nacht, Doch schließlich hat er kehrtgemacht. Als die Sonne wieder schien, Gingen wir zusammen hin, Wollten ihn zu finden hoffen, Doch er war im Bach ersoffen! Wir haben ihn herausgeholt Und ihn bei Tage angeschaut; Da hat er bereits ausgesehn Wie ein nasses Suppenhuhn!« »So, wie das klingt, hat der auch Pech gehabt«, lachte Pilger. »Der hat auch bloß sein Leben verloren«, versetzte der Alte, »während wir schon wieder den ganzen Aufwand mit den Bestattungskosten hatten!« »Macht Euch keine Sorgen«, meinte Pilger, »ich werde Euch den Dämon austreiben!« »Wenn Ihr das wirklich schafft, werde ich unsere Dorfältesten bitten, einen Vertrag auszustellen. Wenn Ihr Erfolg habt, kriegt Ihr so viel Geld, wie Ihr nur wollt; es soll an keinem Groschen fehlen. Doch wenn die Sache misslingt, macht uns bitte keinen Ärger. Dann soll jeder sein Schicksal nehmen, wie es ist.« »Ihr habt schlechte Erfahrungen gemacht, Alter«, kicherte Pilger. »Doch wir gehören nicht zu diesem Schlag. Holt rasch die Dorfältesten!« Frohen Mutes schickte der Alte seine Diener aus, acht oder neun Dorfälteste zu holen. Bald waren alle eingetroffen; man besprach die Sache mit dem Ungeheuer, und es war keiner, der sich nicht freute. »Welcher von euch Priestern will das Ungeheuer bezwingen?« wollten nun die Dorfältesten wissen. Pilger verneigte sich mit gewölbten Händen und sprach: »Ich geringer Mönch.« Die Ältesten zuckten zusammen und riefen: »Unmöglich! Dieser Dämon hat gewaltige Zauberkräfte; er ist ein richtiger Koloss. Ihr aber seid ja ganz klein und mager, werter Priester, Ihr füllt keine Zahnlücke von diesem Ungeheuer!« »Die werten Herren irren sich«, versetzte Pilger. »Ich bin zwar klein von Wuchs, doch ganz schön fest. Ich habe halt, wie das Sprichwort sagt, Wetzsteinwasser getrunken: Der Schneid liegt im Innern!« Den Dorfältesten blieb nichts übrig, als ihm Glauben zu schenken, und sie sprachen: »Wie viel Dankesgeld möchtet Ihr fürs Austreiben, Priester?« »Ach was, kommt mir nicht mit Dankesgeld!« rief Pilger, »uns Mönchen geht es nur darum, gute Taten auszuüben, wir kümmern uns nicht um Geld.« »Aber es geht doch nicht, dass Ihr umsonst arbeitet!« riefen die Ältesten und meinten schließlich: »Wir leben hier von Fischzucht; falls es Euch tatsächlich gelingen sollte, das Ungeheuer zu überwinden, soll Euch jede Familie zwei Mu gutes Land abtreten, insgesamt gibt das 1000 Mu. Darauf könnt Ihr einen schönen Tempel bauen und Euch in aller Ruhe der Meditation und dem Buddhismus widmen; das ist doch viel besser, als durch die weite Welt zu ziehen.« Pilger lachte und sprach: »Das passt erst recht nicht. Wer Land hat, braucht Pferde und Diener, muss ernten und heuen, kommt abends nicht zur Ruhe und morgens nicht zu Schlaf; das ist doch schlicht tödlich!« »Wie können wir uns denn bedanken, wenn Ihr alles ablehnt?« »Uns Mönchen genügen Speis und Trank vollauf zum Dank!« »Nun, dann ist es ja ein Leichtes«, freuten sich die Dorfältesten. »Doch sagt, wie wollt Ihr den Dämon bezwingen?« »Ganz einfach«, versetzte Pilger, »wenn er kommt, fange ich ihn eben!« »Aber er ist riesengroß! Er reicht vom Himmel bis zur Erde, kommt im Sturm und geht im Dunst. Wie wollt Ihr überhaupt an ihn herankommen?« »Ach, solche Ungeheuer mit Sturm und Dunst sind für mich ein Kinderspiel. Außerdem ist es für mich auch keine Sache, groß zu werden.« Mitten in diesen Worten hörte man auf einmal einen Sturm heranbrausen. Zitternd riefen die Dorfältesten: »Dieser Mönch malt den Teufel an die Wand! Kaum spricht er vom Ungeheuer, kommt es auch schon!« Rasch machte der alte Herr Li eine Seitentür auf und rief den Alten und Tripitaka zu: »Schnell, hier hinein, das Ungeheuer kommt!« Vor lauter Schrecken wollten sich auch Bajie und Sandmönch in die Nebenkammer drängen, doch Pilger hielt sie fest und rief: »Was stellt ihr euch denn vor? Es geht doch nicht an, dass wir Mönche in private Kammern eindringen! Bleibt hier bei mir, damit wir sehen, um was für ein Ungeheuer es sich handelt.« Schon zerrte er die beiden in den Hof. Draußen tobte der Sturmwind so wild, dass Bajie sich vor Angst platt auf den Boden warf, die Schnauze in die Erde wühlte und wie ein eingeschlagener Nagel liegen blieb. Auch Sandmönch verbarg sein Gesicht und konnte kaum mehr die Augen öffnen. Pilger aber schnupperte im Wind nach dem Dämon. Bald legte sich der Sturm, und es waren nur noch zwei verschwommene Lichter auszumachen, die langsam auf sie zukamen. »Aufstehen, Brüder, der Wind ist vorbei!« rief Pilger. Der Tölpel hob seine Schnauze hoch und schüttelte den Staub ab. Da gewahrte er die beiden Lichter am Himmel. Plötzlich lachte er laut und rief: »Oh, wunderbar! Das ist doch ein ganz artiger Dämon, lasst uns mit ihm Freundschaft schließen!« »Wie willst du in dieser Finsternis wissen, ob er gut oder schlecht ist?« wunderte sich Sandmönch. »So sagten es doch die alten Weisen: ›Nachts bewege man sich mit Fackeln, ohne bleibe man zu Haus.‹ Du siehst ja, er führt zwei Laternen mit sich. Dann ist er gewiss nicht böse.« »Du irrst dich«, warf Sandmönch ein, »das sind keine Laternen. Das Monster hat leuchtende Augen!« Da fuhr der Tölpel zusammen, schrumpfte um drei Zoll und brummte: »Ach du lieber Himmel! Wenn der schon solche Augen hat, wie ist dann erst sein Maul?« »Keine Angst, guter Bruder«, warf Pilger ein. »Kümmert euch um den Meister; ich alter Sun will mal nach oben gehen und schauen, was das für ein Ungeheuer ist und was der Kerl im Schilde führt.« Mit einem Satz schoss er pfeifend durch die Luft, packte seine Eisenstange und schrie: »Stillgestanden! Ich bin hier!« Als der Dämon ihn sah, richtete er sich auf und fuchtelte mit einem Speer. »Wo kommst du her, du Ungeheuer?« schrie Pilger. Der Dämon aber gab keine Antwort. Auch als Pilger ein zweites Mal fragte, kam nichts zurück als das Zucken des Speeres. »Der ist wohl taub und stumm«, meinte Pilger und rief schließlich: »Halt, gib auf meine Stange acht!« Der Dämon zeigte keinerlei Furcht und wehrte sich, indem er seinen Speer wild um sich wirbelte. So fuhren die beiden hoch in den Lüften ein ums andere Mal aufeinander los, und ihr Kampf dauerte bis Mitternacht. Bajie und Sandmönch schauten vom Hof aus zu und merkten bald, dass das Ungeheuer sich mit seinem Speer nur verteidigen konnte; es kam überhaupt nicht zum Angriff. Pilgers Stange hingegen schwirrte immer über seinem Kopf. Schließlich meinte Bajie lachend: »Sandmönch, halte mal hier Wache, ich alter Eber will auch ein bisschen mitmachen, damit nicht dieser Affe schon wieder das ganze Verdienst ergattert und den ersten Weinkelch kriegt.« Schon fuhr der Tölpel zu den Wolken auf, schwang seinen Rechen und hieb zu. Da wehrte sich der Dämon mit einem zweiten Speer, und seine Waffen blitzten wie fliegende Schlangen. Bewundernd rief Bajie: »Dieses Monster hat eine großartige Speerkunst! Es ist weder die Kunst mit dem ›Speer hinterm Berg‹ noch die des ›Seidenwicklers‹ und auch nicht die Speerkunst von Meister Ma. Es muss sich um ›Speere mit biegsamem Schaft‹ handeln!« »Unsinn«, versetzte Pilger, »es gibt doch keine Speere mit biegsamem Schaft!« »Schau doch, immer wenn die Spitze gegen uns gerichtet ist, kann man den Speerschaft nicht sehen. Ich frage mich nur, wo er den hat?« »Mag ja sein, dass die einen biegsamen Schaft haben«, meinte Pilger. »Aber dieses Monster kann ja nicht mal sprechen. Wahrscheinlich ist es noch nicht auf der Stufe einer menschlichen Existenz, noch zu sehr in der trüben Yin-Kraft verhaftet. In diesem Falle wäre bloß zu befürchten, dass es sich verdrückt, sobald am Morgen die lichte Yang-Kraft steigt. Wenn es flieht, müssen wir es unbedingt verfolgen; es darf uns nicht entwischen!« »Ja, auf keinen Fall«, versetzte Bajie. Von neuem warfen sie sich ins Gefecht und rangen so lange mit dem Ungeheuer, bis sich im Osten der Horizont aufhellte. Tatsächlich war dem Dämon nun nicht mehr zum Kämpfen zumute; er wandte sich ab und flitzte davon, Pilger und Bajie dicht hinter ihm her. Auf einmal wehte ihnen ein übler Geruch entgegen: die Khakigasse auf dem Berg der Sieben Extreme! »Pah, wer fegt denn da Latrinen aus«, prustete Bajie, »das stinkt ja jämmerlich!« Auch Pilger hielt die Hand vor die Nase und rief: »Schnell, dem Monster nach!« Wie nun das Ungeheuer über den Berg schoss, nahm es seine eigene Gestalt an und war eine rote Riesenschlange. »Was für eine gewaltige Schlange!« rief Bajie, »wenn die sich von Menschen ernährt, sind dafür mindestens fünfhundert Stück pro Mahlzeit nötig. Und satt wäre sie wohl dann noch immer nicht.« »Was für eine gewaltige Schlange!« rief Bajie, »wenn die sich von Menschen ernährt, sind mindestens fünfhundert Stück pro Mahlzeit nötig.« »Dann waren diese Speere mit biegsamem Schaft ihre gespaltene Zunge«, stellte Pilger fest. »Doch muss sie erschöpft sein, weil wir sie gejagt haben. Schlagen wir von hinten zu!« Mit einem Satz war Bajie bei der Schlange und wollte gerade mit dem Rechen zuschlagen, als das Monster sich bereits in eine Höhle gezwängt hatte. Nur das Schwanzende lugte an die acht Fuß heraus. Bajie warf den Rechen nieder, packte die Schlange am Schwanz und schrie: »Ich hab sie! Ich hab sie!« Mit aller Kraft zerrte er an der Schlange, doch sie war um kein Haarbreit zu bewegen. »Ach Tölpel«, lachte Pilger, »lass sie doch rein, es wird sich schon was machen lassen. Wozu die Schlange rückwärtsziehen!«369 Da ließ Bajie los, und das Biest schlüpfte in die Höhle. »Wenn ich sie nicht losgelassen hätte, wäre wenigstens ein Teil in unserer Hand gewesen!« ereiferte sich Bajie. »Wie sollen wir sie jetzt wieder kriegen, wenn sie sich verzogen hat? Jetzt haben wir buchstäblich ›keine Schlange mehr zur Hand‹!«370 »Dieses Viech ist doch viel zu plump und die Höhle viel zu eng, als dass es sich drinnen umwenden könnte. Sicher kann es nur geradeaus; irgendwo muss ein Ausgang sein. Geh du mal gleich zur Öffnung gegenüber, ich halte hier beim Eingang Wache!« Blitzschnell setzte der Tölpel über den Berg und fand dort tatsächlich einen Ausgang. Doch bevor er richtig gelandet war, hatte Pilger bereits mit seiner Stange in die Höhle gestochert, worauf das Monster vor Schmerz aus dem Ausgang hervorschoss und den überraschten Bajie mit dem Schwanz zu Boden schleuderte. Nachdem er vergeblich versucht hatte, wieder auf die Beine zu kommen, blieb Bajie schmerzgeplagt liegen. Pilger aber, der bemerkt hatte, dass die Höhle leer war, kam mit seiner Stange angerannt und rief: »Dem Monster nach!« Da schämte sich Bajie, verbiss die Schmerzen und rappelte sich hoch, um mit dem Rechen wild um sich zu hauen. Pilger sah ihn an und lachte: »Das Monster ist weg, was fuchtelst du da rum?« »Ich haue eben ins Gras, um Schlangen aufzuscheuchen!« gab dieser zurück.371 »Du bist ein echter Tölpel«, versetzte Pilger, »los, ihm nach!« Die beiden überquerten einen Fluss und fanden nun das Monster zusammengerollt am Boden. Doch plötzlich erhob es sein Haupt und schnappte mit weit aufgerissenem Maul nach Bajie, der sofort in panischer Angst davonrannte. Pilger hingegen ging auf das Untier zu und wurde verschlungen. Schmerzlich trommelte sich Bajie mit beiden Fäusten an die Brust und begann laut zu schreien. Pilger aber keilte seine Stange in den Bauch des Ungeheuers und rief: »Schrei nicht so, Bajie! Schau her, jetzt lass ich dieses Viech die Brücke machen!« Schon wölbte sich das Ungeheuer, dass es aussah wie eine Bogenbrücke. »Das sieht schon aus wie ’ne Brücke, aber da würde sich keiner trauen, drüberzugehen«, meinte Bajie. »Jetzt mache ich ein Boot draus, schau her!« rief Pilger und stieß drinnen mit der Eisenstange in den Bauch des Monsters, dass es sich zu Boden presste und den Kopf hochreckte wie die Segelboote auf dem Gan-Fluss. »Sieht schon aus wie ein Boot, nur fehlt ein Segel, damit man den Wind nutzen kann«, versetze Bajie. »Geh zur Seite«, gab Pilger zurück, »jetzt mach ich dem Monster Wind, schau her!« Mit aller Kraft stach er die Eisenstange durch den Rücken des Ungeheuers, dass sie an die sieben Klafter herausschaute wie ein richtiger Segelmast. Das Monster aber wand sich vor Schmerz und schoss voran, schneller als jeder Wind es hätte treiben können. Schließlich machte es kehrt und flitzte den Berg hinunter, bis es nach etwa zwanzig Meilen erschöpft im Staub sein Leben aushauchte. Bajie lief hinzu und hieb mit seinem Rechen los. Pilger schlitzte den Bauch auf, schlüpfte hinaus und rief: »Tölpel! Das Biest ist tot, was haust du noch?« »Bruder«, gab Bajie zurück, »weißt du nicht, dass ich zeitlebens gern tote Schlangen verhaue?« Schließlich steckte er den Rechen ein, packte die Schlange beim Schwanz und schleppte sie hinter sich her. Doch wenden wir uns wieder dem Dorfe Dhara zu, wo der alte Herr Li und die anderen gerade zum Priester sprachen: »Euer Schüler ist die ganze Nacht nicht zurückgekommen, sicher ist um ihn geschehen.« »Ausgeschlossen«, entgegnete Tripitaka. »Lasst uns draußen nachschauen.« Nach kurzer Zeit sahen sie Pilger und Bajie mit einer Riesenschlange im Schlepptau unter lautem Gejohle heranbrausen. Alle waren hocherfreut; Alte und Junge, Männer und Frauen aus dem Dorfe knieten vor ihnen nieder und riefen: »Oh, werte Herren! Genau dieses Ungeheuer war es, das so viele von uns das Leben kostete. Endlich haben wir das große Glück, es ausgemerzt zu wissen, dass wir wieder in Frieden leben können!« Aus lauter Dankbarkeit wollten sämtliche Familien die Wohltäter zum Essen einladen und mit Geschenken überhäufen, wodurch der Priester und seine Schüler gute fünf bis sieben Tage aufgehalten wurden, bevor die Dorfbewohner ihren dringlichen Bitten endlich nachgaben und sie weiterziehen ließen. Da man schließlich auch verstanden hatte, dass die Mönche keine Geschenke annahmen, wurde jede Menge Gebäck und Obst zubereitet und ein reiches Abschiedsmahl gegeben. Zuletzt gaben ihnen von den fünfhundert Familien des Dorfes an die achthundert Menschen mit roten Girlanden und bunten Flaggen ein feierliches Abschiedsgeleit. Frohgemut gingen die Pilgernden ihres Weges, bis sie zur Khakigasse am Berg der Sieben Extreme gelangten. Als Tripitaka den Gestank gewahrte und den schmierigen Pfad sah, rief er verzweifelt: »Wukong! Wie sollen wir da bloß durch?« Mit vorgehaltener Hand meinte Pilger: »Das wird allerdings schwierig.« Als Tripitaka das Wort »schwierig« hörte, kamen ihm die Tränen. Doch da traten der alte Li und andere Dorfbewohner zu ihm und sprachen: »Priester, macht Euch keine Sorgen. Wir haben bereits besprochen, was wir für Euch tun können. Da Euer werter Schüler uns den Dämon ausgetrieben und die ganze Gegend vom Leid erlöst hat, sind wir mit frommen Sinnen dazu bereit, Euch einen anderen Weg zu schlagen, um den werten Herren über den Berg zu helfen.« »Guter Alter«, warf Pilger ein, »was Ihr da sagt, geht nicht auf. Anfangs habt Ihr noch behauptet, dieses Gebirge sei achthundert Meilen breit. Ihr seid doch nicht die göttlichen Krieger des Großen Yu; wie wollt Ihr dieses Gebirge neu begehbar machen! Um unseren Meister hinüberzuführen, bedarf es unserer Kräfte. Das einzige Problem ist, dass keiner sich ums Essen kümmert.« »Wo denkt Ihr hin, Priester!« rief der alte Li, »natürlich können wir Essen besorgen, ganz gleich, wie lange Ihr Euch hier aufhaltet! Wie könnt Ihr bloß glauben, keiner würde sich ums Essen kümmern?« »Nun, wenn dem so ist«, meinte Pilger, »dann bringt zwei große Eimer Reis und eine rechte Menge Dampfbrötchen. Sobald der Priester mit der langen Schnauze satt ist, kann er sich in einen riesigen Eber verwandeln und uns diesen Pfad freiwühlen. Danach setzt sich unser Meister aufs Pferd, und wir gehen an seiner Seite; so werden wir gewiss gut rüberkommen.« Als Bajie dies hörte, rief er: »Aber Bruder, ich alter Eber soll wieder allein die schmutzige Arbeit machen, und ihr bleibt alle schön rein?« »Wuneng«, sprach Tripitaka, »wenn du wirklich das Zeug dazu hast, diese Gasse freizumachen, dann hilf mir bitte hinüber, das werde ich dir hoch anrechnen!« »Werter Meister«, versetzte Bajie, »ich alter Eber verfüge über sechsunddreißig Verwandlungen; mich in einen großen Eber zu verwandeln ist keine Sache. Bloß wächst mit der Größe auch der Hunger, und erst wenn ich wirklich satt bin, kann ich diese Sache anpacken.« »Es gibt genug von allem«, riefen die Dorfleute. »Wir haben reichlich Proviant und Backwerk dabei, das wollten wir eigentlich zum Bau des neuen Pfades austeilen. Doch jetzt können wir ja alles hervornehmen, damit Ihr Euch nach Lust und Laune sättigen könnt. Bevor Ihr loslegt, können wir noch mal im Dorf nach Reis schicken.« Erfreut zog Bajie seine schwarze Mönchskutte aus, warf den Rechen hin und rief den Dorfleuten zu: »Keine Scherze bitte. Schaut her, wie der alte Eber diese Drecksarbeit macht!« Der gute Tölpel! Schon machte er ein magisches Fingerzeichen, murmelte einen Zauberspruch, schüttelte sich und stand als riesiger Eber da. So war es in der Tat: Ein Eber mit harten Borsten, Ragt hundert Klafter empor; Die Schenkel wohl tausend Ellen, Dies macht kein Götterhund vor! Die Mönche und die Profanen Stimmen ein Loblied an; Groß sind die Zauberkräfte Des himmlischen Tianpeng! Als Pilger ihn in dieser Verwandlung erblickte, befahl er den Dorfleuten, allen Proviant auf einen Haufen zu legen, und bedeutete Bajie, sich zu bedienen. Schon fraß der Tölpel alles ratzekahl und machte sich an die Arbeit. Pilger hieß Sandmönch, Schuhe und Socken auszuziehen, und sah zu, dass Tripitaka fest im Sattel saß. Auch er zog seine groben Stoffschuhe aus, bat die Dörfler heimzukehren und sprach: »Wenn ihr wollt, könnt ihr so schnell wie möglich noch mal Reis bringen, damit mein Ordensbruder bei Kräften bleibt!« Mehr als die Hälfte der achthundert Dorfleute hatte Maulesel dabei, und so sprengten sie sogleich ins Dorf und setzten Reis auf. Doch wie sie schließlich mit dem Reis zurückkehrten, waren Meister und Schüler längst weit weg. Die Dorfleute wollten aber die Mönche nicht einfach ziehen lassen, sondern trieben ihre Maulesel an und folgten ihnen die ganze Nacht über, bis sie am Morgen Meister und Schüler endlich einholten. »Halt, ihr werten Schriftenholer!« riefen sie. »Wir bringen euren Reis!« Der Priester dankte in einem fort und hieß Bajie rasten. Der Tölpel, der schon zwei Tage lang gewühlt hatte, verspürte auch schon einen Riesenhunger. Er fraß sich so satt wie möglich und machte sich sogleich wieder an die Arbeit. Tripitaka, Pilger und Sandmönch aber bedankten sich bei allen und verabschiedeten sich. Und da wir nicht wissen, an welchen Ort sie kommen sollten, lasst uns hören, was das nächste Kapitel berichtet. 第068回 / 68. Kapitel In Purpurien spricht Tripitaka über die Vergangenheit / Pilger Sun setzt seine Kräfte als begabter Heiler ein Wie berichtet, hatten Tripitaka und seine Schüler die schmutzige Gasse gereinigt, und nun machten sie sich frei und leicht auf den Weg. Im Nu war die Zeit vergangen, und schon brach wieder der Sommer an. Wie sie so dahinwanderten, erblickten sie in der Ferne eine umwallte Stadt. Tripitaka zügelte sein Pferd und rief den Schülern zu: »Schaut, was mag das wohl für eine Ortschaft sein?« »Könnt Ihr denn nicht lesen, Meister?« fragte Pilger. »Als Mönch habe ich von klein auf Tausende von Heiligen Schriften gelesen; wie sollte ich nicht lesen können?« entgegnete Tripitaka. »Dann lest doch die drei großen Zeichen auf der aprikosengelben Flagge über dem Stadttor!« »Wie soll ich aus dieser Entfernung Schriftzeichen ausmachen können, wo man noch nicht mal die Stadt richtig sieht?« »Aber da steht es doch geschrieben: Purpurien!«372 »Purpurien«, sann Tripitaka, »das ist gewiss eines jener Königreiche im Westen. Dann müssten wir dort unseren Reisepass abstempeln lassen.« Binnen kurzem hatten sie das Stadttor erreicht. Tripitaka stieg ab und überquerte die Torbrücke zu Fuß, worauf sie durch drei große Torbogen in die Stadt gelangten. Was für eine herrliche Kaiserstadt! Auf der breiten Marktstraße sahen Meister und Schüler lauter wohlgekleidete Bürger, die sich in klaren Lauten verständigten und den Bewohnern des chinesischen Kaiserreichs in nichts nachzustehen schienen. Alsbald hatten die Kaufleute, die zu beiden Straßenseiten ihre Ware feilboten, die vier Pilgernden entdeckt und strömten herbei, sie anzuschauen. »Keine Dummheiten!« mahnte Tripitaka seine Schüler, »haltet den Kopf gesenkt.« Gehorsam steckte Bajie seine Schnauze in den Kragen, und auch Sandmönch wagte sich nicht länger umzuschauen. Allein Pilger spähte unverwandt hierhin und dorthin, während er dicht neben dem Priester einherging. Derweil drängten sich die Leute unter lautem Gelächter um sie. Als sie nach einiger Zeit um eine Ecke bogen, fanden sie eine Residenz, auf deren hochstrebender Außenmauer drei Schriftzeichen zu lesen waren: »會同館 – Amt für auswärtige Gesandtschaften«. »Meine Schüler«, sprach der Priester, »lasst uns vorerst in diesem Amtshaus rasten. Sobald ich beim König vorgesprochen habe und der Reisepass abgestempelt ist, wollen wir schnell wieder zur Stadt hinaus.« Da riss Bajie seine Schnauze aus dem Kragen, dass etliche der Umstehenden vor Schreck ins Stolpern kamen, dann gingen sie ins Haus hinein. Drinnen waren zwei Staatsdiener, ein Vorsteher mit einem Gehilfen, die gerade in der Haupthalle ihre Untergebenen anwiesen, irgendeinen hohen Beamten abzuholen. Als sie den eintretenden Priester gewahrten, erschraken sie nicht wenig und riefen: »Wer ist denn das? Wo will der hin?« Tripitaka faltete die Hände und sprach: »Geringer Mönch kommt aus dem großen chinesischen Kaiserreich im Osten und pilgert auf Geheiß des Kaisers in den Westen, um Heilige Schriften zu holen. Da ich in euer geschätztes Reich gekommen bin, möchte ich den Reisepass vorlegen, damit ich weiterziehen kann. Um eine kurze Rast zu halten, habe ich vorerst eure hohe Residenz betreten.« Die Beamten strichen ihre Gewänder zurecht und schritten Tripitaka zur Begrüßung entgegen. Dann gaben sie den Auftrag, eine Gästekammer herzurichten und vegetarische Speisen aufzutragen. Tripitaka dankte, und die beiden Staatsdiener verließen mit ihrer Belegschaft die Halle. Nun stand Tripitaka das Hauspersonal zu Diensten und wies dem werten Herrn eine Gästekammer zu. Weitere Diener brachten Reis, Nudeln und frisches Gemüse und sprachen: »In der Westkammer gibt es einen Herd und Feuerholz, bitte kocht selbst.« »Könnt ihr mir vielleicht sagen, ob der König zur Zeit in der Audienzhalle weilt?« erkundigte sich Tripitaka. »Unsere Majestät hat den Thron seit langem nicht mehr bestiegen«, kam die Antwort. »Nur heute, weil wir ein glückbringendes Datum haben, weilt er im Audienzsaal, um im Kreise der Hofbeamten ein Edikt zu verfassen. Wenn ihr euren Reisepass besiegeln wollt, dann geht am besten sofort hin; die Zeit müsste gerade noch reichen. Morgen wäre es zu spät, und niemand weiß, wie lange ihr dann warten müsstet.« »Wukong!« rief Tripitaka, »macht hier was zu essen bereit, ich will jetzt gleich den Pass einreichen. Danach können wir essen und uns wieder auf den Weg machen.« Rasch holte Bajie Tripitakas Priesterrobe und den Reisepass aus dem Gepäck; Tripitaka machte sich bereit und ging zum Palast. Nach kurzer Zeit kam er vor ein prächtiges Palastportal. Unbeschreiblich, wie majestätisch hier prachtvolle Türme und Hallen in die Höhe strebten! Tripitaka schritt voran bis zum zweite Palasttor, wo er der Torwache sein Anliegen vorbrachte: Man möge bitte im Palast kundtun, dass er einen Reisepass vorlegen möchte. Tatsächlich begab sich der Wächter unverzüglich zur Audienzhalle und meldete das Anliegen. Als der König dies vernahm, sprach er freudig: »So lange habe ich wegen meiner Krankheit den Thron nicht mehr bestiegen, und gerade jetzt, da ich in die Audienzhalle gekommen bin, um per Edikt erfahrene Mediziner einzubestellen, kommt ein hoher Geistlicher in unser Land!« Er wies an, den Priester aus China umgehend vorzuladen. Da schritt Tripitaka vor die Jadestufen und vollführte die höfischen Verbeugungen. Der König ließ verkünden, man möge ihm einen Platz in der Halle anbieten, und beauftragte gleichzeitig das Hofamt für Festliche Angelegenheiten, vegetarische Gerichte aufzutischen. Tripitaka dankte für die königliche Gunst und überreichte sein Reisedokument. Als der König alles durchgelesen hatte, sprach er erfreut: »Verehrter Priester, wie ist es denn in Eurem chinesischen Kaiserreich? Wie viele Herrscher sind sich schon auf dem Throne gefolgt? Wie viele Generationen begabter Staatsdiener walten bereits am Hofe? Und was den Kaiser von China betrifft: Was war der Grund, dass er erkrankte und danach aus dem Tode wiederauferstand, dass er Euch auf die weite Reise sandte, um Heilige Schriften zu holen?« Der Priester verneigte sich, faltete die Hände und sprach: »Dort, wo ich geringer Mönch herkomme, Ordneten einst Drei Kaiser die Welt, Fünf Könige schufen die Sittlichkeit; Yao und Shun bestimmten die Ränge, Yu und Tang brachten Friedenszeit.373 Doch teilten die Nachfahrn der großen Zhou374 Das Reich in Stücke und herrschten getrennt. Bald rangen gar sieben Helden um Macht, Sechs Länder wurden den Qin zuerkannt.375 Nicht lange danach kam die Han-Dynastie, Man schuf das Gesetz und hielt es in Ehren. Doch kam sie unter die Macht der Sima,376 Dass während Jin wieder Unruhen waren. Da herrschten zwölf Länder in Nord und Süd, Song, Qi und Liang, darunter auch Chen; Es folgten einander die Fünf Dynastien,377 Bis mit den Sui die Einheit kam. Ihr Herrscher jedoch war ohne Maß, Er stürzte die Völker in Agonie; Doch unsere Kaiser der Sippschaft Li Walten nun über die Tang-Dynastie. Seit unser erster Kaiser verschied, Waltet Shimin nun über das Land. Heute herrscht Friede weit und breit, Tugend und Güte sind allseits bekannt. Eines Tages jedoch, da kam Nördlich von der Hauptstadt Chang’an Aus dem Wasser ein Ungetüm, Nämlich ein Drachengott heran. Der hatte die Regenmenge verringert Und sollte deshalb enthauptet werden; Da kam er nachts im Traume zum Kaiser Und flehte, er möge ihm Hilfe besorgen. Der Kaiser sprach ihm die Hilfe zu, Bestellte den besten Minister ein; Den ließ er in seinen Hallen weilen Und spielte Schach mit ihm allein. Als aber schließlich der Mittag nahte, Da hatte auf einmal der gute Minister Dem Drachen im Traume den Kopf abgeschlagen!« Als der König diese Worte vernommen hatte, fragte er: »Werter Priester, aus welchen Landen stammt denn jener hohe Minister?« »Es ist der Kanzler unseres Kaisers; sein Sippenname lautet Wei, sein Vorname Zheng. Er ist äußerst bewandert in den Gebieten der Astronomie und Geographie und steht dem Kaiser als ein Minister zur Seite, der es versteht, den Frieden zu erhalten und das Reich zu festigen. Doch weil er im Schlaf den Drachenkönig vom Jing-Fluss enthauptet hatte, worauf dieser in der Unterwelt Anklage erhob, wurde unser Kaiser von einer tödlichen Krankheit befallen. Daher überreichte Wei Zheng dem Kaiser für die Reise ins Jenseits ein Empfehlungsschreiben an den Richter Cui Jue von der Höllenstadt Fengdu. Dank dieser Beihilfe fand unser Kaiser nach drei Tagen wieder ins Leben zurück. Da er nun eine große Zeremonie für die unerlösten Seelen veranstalten will, hat er geringen Mönch auf diesen weiten Weg gesandt, mit dem Auftrag, bei Buddha vorzusprechen und drei Körbe von Heiligen Mahayana-Schriften zu holen, auf dass die Seelen im Reiche der Finsternis Erlösung finden und zum Himmel aufsteigen werden.« Da tat der König einen tiefen Seufzer und sprach: »Wahrhaftig, ein Imperium mit einem rechtschaffenen Herrscher und achtbaren Ministern! Wir hingegen liegen seit langer Zeit krank darnieder, ohne dass auch nur ein einziger Minister helfen könnte!« Der Priester wagte einen verstohlenen Blick zum König und gewahrte nun dessen blasses und hageres Antlitz. Des Königs ganze Erscheinung wirkte abgespannt und hinfällig. Gerade als sich der Priester nach dem Grund dieses Befindens erkundigen wollte, trat ein Hofdiener vom Palastamt für Festliche Angelegenheiten hinzu und bat den Priester zur Tafel. »Seine Speisen sollen im Duftumhüllten Palast neben den meinen aufgetragen werden«, ließ da der König verlauten, »ich will mit dem Priester gemeinsam speisen.« Tripitaka bedankte sich für die königliche Gunst. Wie er anschließend mit dem König tafelte, sei hier nicht weiter ausgeführt. Wenden wir uns stattdessen wieder Pilger zu, der gerade im Gästehaus Sandmönch gebeten hatte, Tee, Reis und Gemüse anzurichten. Doch dieser entgegnete: »Tee und Reis ist keine Sache, doch für die Beilagen fehlen Öl, Salz, Sojasoße und Essig.« »Ich habe da noch ein paar Kupfermünzen von Spendern«, meinte Pilger, »Bajie soll was einkaufen gehen.« Der Tölpel aber versuchte sich zu drücken und wandte ein: »Ich traue mich nicht, bei meinem Aussehen könnte das Ärger bringen.« »Es geht doch bloß um fairen Handel, das bringt doch keinen Ärger!« »Hast du nicht mitbekommen, wie ich vorhin die Schnauze hochgereckt und die Meute zu Tode erschreckt habe! Wenn ich mich jetzt auf den vollen Marktplatz dränge, kriegen die doch Panik!« »Du denkst nur an den vollen Marktplatz! Hast du überhaupt gesehen, was da alles feilgeboten wird?« »Der Meister hat ja gesagt, ich soll zu Boden gucken, damit nichts passiert. Ich hab wirklich nichts gesehen.« »Es gibt da lauter Tavernen, Reishandlungen, Müllereien, Seidengeschäfte, außerdem richtig gute Teehäuser und Nudelbuden, die große Fladenbrote und Dampfkuchen feilhalten. In den Gasthöfen gibt’s reichlich Speis und Trank, die haben gute Gewürze und frisches Gemüse, und dann gibt es auch noch allerlei fremdländisches Backwerk, gedämpft, frittiert, in Honig eingelegt, massenhaft leckere Sachen! Ich kaufe was und lade dich ein, einverstanden?« Dem Tölpel lief natürlich längst das Wasser im Munde zusammen. Schon sprang er auf und rief: »Diesmal gerne, Bruder. Wenn ich nächstens etwas Geld verdiene, werde ich dich auch mal einladen!« Pilger verkniff sich ein Lachen und rief: »Sandmönch, setz schon mal den Reis auf; wir gehen einkaufen!« Der Tölpel fasste eine Schale, trat mit Pilger auf die Straße und fragte einen Passanten: »Wo gibt’s Gewürze zu kaufen?« »Geht da lang gen Westen; weiter vorn, an der Ecke beim Trommelturm, findet ihr die Gemischtwarenhandlung der Zhengs. Dort kriegt ihr alles: Öl, Salz, Sojasoße, Essig, Ingwer, Pfeffer, Tee, so viel ihr wollt!« Die beiden folgten der Straße gen Westen, und Pilger schritt an mehreren Teebuden und Wirtshäusern vorbei, ohne etwas zu kaufen. Doch während sie plaudernd ihres Weges gingen, zogen sie abermals Blicke auf sich, und alsbald waren sie wieder von einer Schar Neugieriger umringt. Als sie zum Trommelturm gelangten, stießen sie auf eine große Menschenmenge, die sich lärmend durch die Straße drängte. »Bruder, da geh ich nicht hin!« rief Bajie. »Da ist ein solches Gerangel, die wollen sicher Mönche festnehmen.« »Unsinn!« versetzte Pilger, »Mönch sein ist doch nicht rechtswidrig, warum sollten sie uns festnehmen? Lass uns rübergehen und beim Laden der Zhengs einkaufen.« »Nein, nein und nochmals nein!« beharrte Bajie. »Ich will keinen Ärger. Wenn ich mich jetzt in die Menge dränge und einige vor Schreck tot umfallen, werden sie an mir Rache nehmen!« »Dann bleibst du halt hier an der Mauer stehen, bis ich wieder da bin«, entschied Pilger. »Ich kaufe dir etwas Nudeln und Fladenbrote.« Der Tölpel reichte ihm die Schale, und Pilger schritt zum Turm und drängte sich in die Menge. Nun bemerkte er, dass sich die Leute um eine königliche Bekanntmachung scharten. Pilger ging hin und las, was darauf geschrieben stand: »Bekanntmachung des Königs von Purpurien: Seit Unserer Thronbesteigung herrscht Friede im Königreich wie im Umland, und alle Sippen leben in Eintracht. Doch da zur Zeit die Staatsangelegenheiten unter einem schlechten Stern stehen, liegen Wir in schwerer Krankheit darnieder. Dieselbige zieht sich schon lange dahin und erweist sich als schwer heilbar, denn die vom Hofamt für Medizin ausgestellten Rezepte zeitigen keinerlei Wirkung. Gegebene Bekanntmachung dient daher der Suche vorzüglicher Fachleute im In- und Ausland. Wer immer die Medizin und Kräuterlehre meisterhaft beherrscht, möge sich in den Palast begeben, um Unser Leiden zu kurieren. Bei erfolgter Heilung wird dem Retter die Hälfte des Reiches abgetreten. Dies ist mitnichten leeres Versprechen. Vorliegende Bekanntmachung dient dem obengenannten Zwecke; die Aushängung derselbigen ist vorgeschrieben.« Freudig dachte Pilger: »So sagten es doch die alten Weisen: ›Wer sich regt, hat halb gewonnen.‹ Ein Glück, dass wir nicht im Gästehaus geblieben sind! Nun, dann brauch ich ja erst mal nichts einzukaufen. Lassen wir die Sache mit der Schriftensuche einen Tag ruhen; ich alter Sun will mal ein bisschen Arzt spielen.« Schon stieß er in Richtung des Trigramms Xun seinen Odem aus, worauf sich ein heftiger Windstoß erhob, der das ganze Volk auseinandertrieb. Dann machte er sich unsichtbar, löste die Bekanntmachung ab und ging dorthin zurück, wo er Bajie verlassen hatte. Er fand den Tölpel mit der Schnauze an die Mauer gelehnt, als wäre er eingeschlafen. Ohne ihn zu wecken, faltete Pilger das Papier zusammen und steckte es Bajie sachte in den Kragen. Anschließend machte er kehrt und ging ins Gästehaus zurück. Derweil hatten die Leute beim Trommelturm bemerkt, dass nach dem Windstoß die königliche Bekanntmachung verschwunden war, und erschraken nicht wenig. Denn das Schreiben war erst kurz nach der Morgenaudienz von zwölf Eunuchen und der Palastwache ausgehängt worden, seither waren gerade erst drei Doppelstunden vergangen. Fieberhaft wurde überall nach dem fortgewehten Papier gesucht. Auf einmal bemerkte jemand das Papier, das aus Bajies Kragen lugte. Da traten die Leute heran und riefen: »Habt Ihr die Bekanntmachung abgenommen?« Verwundert blickte Bajie auf, bedeckte aber gleich mit beiden Händen seine Schnauze. Doch schon waren die Soldaten der Palastwache so erschrocken, dass sie zu Boden strauchelten. Bajie wandte sich ab und wollte weglaufen, doch ein paar besonders Mutige hielten ihn fest und riefen: »Was wartet Ihr denn noch; geht doch in den Palast, wenn Ihr das königliche Aufgebot für Mediziner abgenommen habt!« »Was für ein königliches Aufgebot! Selber Mediziner!« schrie Bajie aufgebracht. »Was habt Ihr denn da im Kragen?« insistierte ein Soldat der Palastwache. Erst jetzt blickte der Tölpel an sich herab und sah, dass tatsächlich ein beschriftetes Papier in seinem Kragen steckte. Er zog es heraus und las, dann stieß er zähneknirschend hervor: »Dieser Affenschädel bringt mich um!« Er fauchte und hätte um ein Haar das Papier zerrissen, wenn ihm nicht die Umstehenden in den Arm gefallen wären mit den Rufen: »Seid Ihr denn lebensmüde? Das ist ein Edikt des regierenden Königs! Wer könnte ein solches je zu zerreißen wagen? Wenn Ihr es eingesteckt habt, müsst Ihr das Zeug dazu haben, unseren Herrscher zu heilen. Kommt sofort mit uns!« »Ihr wisst doch gar nicht, wie sich die Sache zugetragen hat«, versuchte sich Bajie zu rechtfertigen, »ich habe es gar nicht genommen, das war mein Ordensbruder, Sun Wukong, der hat es mir heimlich in den Kragen gesteckt. Wenn ihr die Sache klären wollt, können wir ihn gleich aufsuchen.« »So ein Unsinn«, riefen die Umstehenden, »als wollte einer, statt die Glocke zu schlagen, erst noch eine Glocke schmieden gehen! Ihr habt den Erlass genommen und behauptet nun, wir sollten einen anderen aufsuchen? Keine Widerrede, Ihr kommt mit in den Palast!« Rücksichtslos packten die Leute zu und begannen an dem Tölpel zu schieben und zu zerren. Der aber verankerte seine Füße am Boden und stand wie angewurzelt, so dass selbst ein ganzes Dutzend Männer ihn nicht von der Stelle zu rücken vermochten. »Euch fehlt jeglicher Respekt!« schrie Bajie. »Wenn ihr weiter an mir rumzerrt, kommt meine Unart zum Ausbruch, dann braucht ihr euch aber nicht zu beklagen!« Bald war die ganze Umgebung auf das Gemenge aufmerksam geworden, und noch mehr Leute versammelten sich ringsum. Darunter befanden sich zwei ältere Eunuchen, die Bajie nun zuriefen: »Ihr seht fremd aus, und Eure Stimme klingt ungewohnt. Wo kommt Ihr denn her, dass Ihr Euch so grobschlächtig anstellt?« »Ich bin aus dem Osten, abgesandt, im Westen Heilige Schriften zu holen«, gab Bajie zur Antwort. »Mein Meister ist mit dem Kaiser von China verbrüdert; eben ist er in den Palast gegangen, um den Reisepass vorzuweisen. Derweil bin ich mit meinem Ordensbruder hierhergekommen, um einzukaufen, doch dann hat er mich hier warten lassen. Sicher hat er den Erlass abgenommen und ihn mir heimlich in den Kragen gesteckt!« Da meinte einer der Eunuchen: »Eben sah ich einen rundlichen Priester mit hellem Gesicht dem Palast entgegengehen. War das wohl Euer Meister?« »Ja, das war er«, bestätigte Bajie. »Und wo ist nun Euer Ordensbruder?« »Wir sind zu viert und logieren zur Zeit im Haus für Auswärtige Gesandtschaften«, erklärte Bajie. »Mein Ordensbruder muss dorthin zurückgekehrt sein, nachdem er mir diesen Streich gespielt hat.« »Dann lasst von ihm ab, Palastsoldaten«, rief der Eunuch, »wir wollen mit ihm zum Gästehaus gehen, dann sehen wir, wie die Sache steht.« »Ihr beiden Omas seid immerhin verständig«, versetzte Bajie. »Dieser Mönch kann nicht mal die Leute unterscheiden«, meinten die Offiziere, »wie kann er bloß die Herren ›Omas‹ heißen?« »Schämt euch doch«, grinste Bajie, »ihr bringt Yin und Yang durcheinander! Wie soll man die alten Damen denn nennen, wenn nicht Omas? Ihr hingegen nennt sie immer noch ›Herren‹!« Die lärmende Menge zählte inzwischen wohl über fünfhundert Menschen, die nun allesamt mit ihm zum Gästehaus drängten. »Augenblick, meine Herrschaften!« rief Bajie. »Mit meinem Ordensbruder könnt ihr nicht so umgehen. Er ist ein reizbarer Herr und nimmt die Sache ernst. Sobald ihr ihn seht, müsst ihr eine tiefe Verneigung machen und ihn mit ›ehrenwerter Herr Sun‹ ansprechen. Sonst stellt er sich quer, und dann könnt ihr die Sache gleich vergessen.« »Falls Euer Ordensbruder tatsächlich die Fähigkeit hat, unseren König zu heilen, wird ihm ja ohnehin das halbe Königreich zufallen; in diesem Sinne ist eine Verneigung angebracht«, meinten die Eunuchen und Offiziere. Während sich die Neugierigen vor dem Eingang drängten, führte Bajie die Eunuchen und die Offiziere hinein. Drinnen konnte man gerade hören, wie Pilger und Sandmönch in ihrer Kammer über den gelungenen Streich lachten. Bajie trat zu ihnen, packte Pilger am Arm und rief: »Was fällt dir eigentlich ein, mir weiszumachen, du wollest Nudeln und Fladenbrote kaufen? Am Ende ist alles nur Schwindel! Und da steckst du mir gar noch den königlichen Aushang in den Kragen und tust dich groß damit. Geht man so mit seinem Bruder um?!« »Ach Tölpel«, lachte Pilger, »du bist wohl in eine falsche Richtung gelaufen. Ich habe doch bloß die Sachen besorgt und war gleich wieder da, doch dann hab ich dich nicht mehr gefunden. Dann bin ich halt zurückgekommen. Wo soll denn ein Aushang herkommen?« »Die Beamten, die ihn bewacht haben, sind da!« gab Bajie zurück. Kaum hatte er zu Ende gesprochen, traten mehrere Eunuchen und Palastsoldaten heran, verneigten sich und sprachen: »Werter Herr Sun, welch ein Glück für unseren König, dass der Himmel Euch hohen Herrn zu uns sendet! Gewiss werdet Ihr zur Rettung des Königs all Eure Kräfte einsetzen und Eure hohen Kenntnisse der Medizin entfalten. Wer unseren König heilen kann, der bekommt das halbe Königreich.« Da setzte Pilger eine ernste Miene auf, nahm das königliche Schreiben und fragte die Eunuchen: »Seid ihr die Amtsdiener, die das Edikt bewachten?« Diese warfen sich nieder und riefen: »Wir sind vom Hofamt für Palastangelegenheiten; die hier sind Offiziere der Palastwache.« Da sprach Pilger: »Es stimmt, ich habe den Aushang abgenommen. Darum habe ich meinen Ordensbruder euch hierherführen lassen. Da euer Herrscher erkrankt ist, gilt das Sprichwort: ›Gute Arznei kommt nicht leicht in den Handel; schwere Krankheiten sind nicht leicht zu heilen.‹ Geht also zu eurem König und gebt ihm Bescheid, er möge sich persönlich hierherbequemen; dann werde ich ihn umgehend kurieren.« Die Eunuchen waren fassungslos. Schließlich äußerte sich einer der Palastsoldaten und meinte: »Wenn er so große Worte spricht, sollte es an seiner Kunst nicht fehlen. Am besten teilen wir uns auf; die einen bleiben hier, die anderen erstatten im Palast Bericht.« Umgehend wurden vier Eunuchen und sechs Palastsoldaten losgeschickt. Diese gingen zum Palast und riefen vor der Treppe zur Audienzhalle: »Majestät, ein unerhörtes Glück!« Der König, der nach beendeter Mahlzeit gerade ein erbauliches Gespräch mit Tripitaka führte, fragte überrascht: »Was für ein Glück?« »Kurz nachdem Eure Diener am Morgen Euer Edikt beim Trommelturm ausgehängt hatten, kam ein heiliger Mönch namens Priester Sun aus dem chinesischen Kaiserreich im fernen Osten und hat das Schreiben abgelöst. Zur Zeit befindet er sich im Haus für Auswärtige Gesandtschaften und verlangt, dass ihn der König persönlich aufsuche, denn er habe die Macht, Eure Krankheit sogleich zu heilen. Nun sind wir eigens gekommen, dies zu melden.« Diese Worte erfüllten den König mit großer Freude. Zu Tripitaka gewandt fragte er: »Wie viele hohe Schüler habt Ihr im Gefolge, werter Priester?« Tripitaka faltete die Hände und sprach: »Geringer Mönch hat drei unwerte Schüler.« »Und welcher von ihnen versteht sich auf die Heilkunst?« »Offen gesagt, Majestät«, sprach Tripitaka, »meine unwerten Schüler stammen aus der Wildnis und besitzen keinerlei besondere Fähigkeiten. Sie sind zwar gut beim Wandern im Gebirge, und wenn es gefährlich wird, können sie auch mal Geister austreiben oder Tiger und Drachen bändigen, das ist alles. Auf die Medizin versteht sich keiner von ihnen.« »Wozu diese große Bescheidenheit, werter Priester!« versetzte der König. »Es ist doch wahrlich eine Fügung des Himmels, dass mir heute, da ich erstmals wieder den Thron bestiegen habe, das Glück beschert ist, Euch hier im Palast empfangen zu dürfen! Euer ehrenwerter Schüler würde doch niemals das Edikt an sich nehmen und Uns persönlich zu sich bitten, wenn er sich nicht auf die Medizin verstünde? Sicherlich weiß er Unser Reich zu retten!« Dann ließ er verlauten: »Werte Minister: Wegen Krankheit und Entkräftung wagen Wir die königliche Sänfte nicht zu besteigen. Geht an meiner Statt ins Gästehaus und bittet Priester Sun ergebenst, meine Krankheit zu diagnostizieren. Redet ihn an mit ›Göttlicher Priester Sun‹ und behandelt ihn in aller Form wie einen König!« Die Hofminister gelobten, zu tun wie geheißen, und begaben sich mit den Eunuchen und Offizieren zum Gästehaus, wo sie sich in geordneten Reihen aufstellten, um Pilger ihre Aufwartung zu machen. Ängstlich verzog sich Bajie in eine Kammer, und Sandmönch wich bescheiden zur Wand. Der Große Heilige hingegen blieb aufrecht in der Mitte sitzen und regte sich nicht. Nachdem das Begrüßungszeremoniell beendet war, sprachen die spalierstehenden Minister: »Dem Göttlichen Priester Sun sei Folgendes kundgetan: Wir sind Hofminister des Königs von Purpurien. Auf Gebot unserer Majestät sei Göttlicher Priester ergebenst in den Palast gegeben, des Königs Krankheit zu diagnostizieren.« Pilger erhob sich und fragte: »Warum ist euer König nicht da?« »Wegen Krankheit und Entkräftung wagte unsere Majestät die königliche Sänfte nicht zu besteigen. Darum hat er uns eigens beauftragt, Euch, Göttlicher Priester, in aller Form mit der Staatsfürsten gebührenden Etikette ergebenst in den Palast zu bitten.« »Wenn dem so ist«, meinte Pilger, »dann mögen sich die Herrschaften auf den Rückweg machen; ich werde gleich folgen.« Nach Ranghöhe geordnet begaben sich die Minister zum Palast zurück, während Pilger aufstand und sein Gewand glattstrich. Als binnen kurzem alle im Palast waren, sprachen erst die Minister beim König vor. Dieser ließ den Perlvorhang lichten, tat einen königlichen Blick in den Raum, öffnete seinen goldenen Königsmund und sprach: »Welcher ist der Göttliche Priester Sun?« Pilger trat vor und schrie: »Hier ist der alte Sun!« Als der König Pilgers schrille Stimme und sein verschmitztes Gesicht gewahrte, sank er zitternd in die Kissen zurück, und die entsetzten Konkubinen und Eunuchen eilten herbei, ihn zu stützen. »Das erschreckt uns zu Tode!« hauchte der König. Der ganze Hofstaat war entrüstet, und allseits raunte es: »Dass dieser Mönch sich dermaßen unfein benimmt! Wie konnte er nur wagen, das königliche Schreiben an sich zu nehmen?« Pilger aber rief lachend: »Die Herren zürnen mir zu Unrecht. Wenn hier die Leute so herablassend behandelt werden, wird Euer König noch tausend Jahre krank bleiben.« »Wie lange soll ein Mensch denn leben, wenn seine Krankheit tausend Jahre währen soll?« fragte ein Minister. »Nun, zur Zeit ist er ein kranker König, und falls er in diesem Zustand stirbt, wird er ein krankes Gespenst, und dann ist er eben auch im nächsten Leben krank. Das heißt doch nichts anderes, als tausend Jahre krank zu bleiben?« Empört riefen die Minister: »Mönch, Euch fehlt jeglicher Anstand! Wie könnt Ihr nur solch anmaßende Reden führen!« »Das ist doch nicht anmaßend«, lachte Pilger. »Hört zu, was ich euch sage: Es stimmt die Kunst der Medizin Mit der des Dao überein; Schauen, Horchen, Fragen, Fühlen, All dies muss vollständig sein.378 Wenn ein Mediziner nicht Schaut und horcht und fragt und fühlt, Dann glaubt bloß nicht, euer Leiden Würd’ zeitlebens noch geheilt!« Da trat ein Beamter der Hofakademie für Medizin aus den Reihen und sprach: »Dieser Mönch hat nicht unrecht. Auch ein Heiliger käme bei der Diagnose nicht umhin, sich an die Grundprinzipien Schauen, Horchen, Fragen und Fühlen zu halten. Nur so kann die göttliche Wirkung auch zur Geltung kommen.« Nun wurde ein Leibdiener zum König geschickt, der meldete: »Der Priester muss die medizinischen Prinzipien des Schauens, Horchens, Fragens und Fühlens anwenden, um die Krankheit zu erkennen und die rechte Medizin verschreiben zu können.« Ohne sich aus den Kissen zu erheben, ließ der König den Leibdiener wieder abtreten, und dieser meldete: »Mönch, unsere Majestät lässt ausrichten, dass Ihr gehen sollt. Er kann den Anblick fremder Menschen nicht ertragen.« »Wenn nicht, dann könnte ich seinen Puls mit Hilfe von Seidenfäden ertasten«, schlug Pilger vor. Da meinten die Hofbeamten erfreut: »Den Puls über Seidenfäden ertasten? Davon haben wir schon gehört, doch gesehen haben wir diese Methode noch nie. Lasst dem König noch einmal Bericht zukommen.« Der Leibdiener ging abermals zum König und meldete, was er eben erfahren hatte. »Drei Jahre liege ich nun schon krank darnieder«, sann der König, »dies jedoch habe ich noch nie ausprobiert.« Und so ließ er verlauten: »Lasst ihn kommen!« Eilends ließ der Leibdiener Pilger in den Palast bitten. Dieser trat in die Audienzhalle, wo ihm Tripitaka tadelnd zuraunte: »Du dreister Affe ziehst mich ins Unglück!« Lachend gab Pilger zurück: »Ach, mein guter Meister! Da verschaffe ich Euch Ansehen, und Ihr behauptet, ich brächte Euch Unglück!« Da rief Tripitaka unwirsch: »Wann hast du in den Jahren, seit du bei mir bist, jemals irgendwen kuriert? Du hast doch keine Ahnung von der Wirkung der Kräuter! Du hast doch keine einzige medizinische Schrift gelesen! Wie kannst du nur ein solches Unheil heraufbeschwören?« »Ihr müsst wissen, Meister, dass ich sehr wohl ein paar Rezepturen kenne, mit denen man schwere Krankheiten heilen kann. Ich kann Euch versichern, dass ich ihn gesund kriege. Und falls er denn sterben sollte, würde ich doch bloß der Tötung durch Quacksalberei angeklagt, darauf steht nicht die Todesstrafe; was habt Ihr also zu fürchten! Keine Sorge, setzt Euch doch einfach hin und seht zu, wie ich den Puls nehme.« Doch der Priester ließ nicht locker und fuhr fort: »Hast du denn jemals die Einfachen Fragen studiert? Kennst du überhaupt den Klassiker der Schwierigkeiten? Hast du jemals den Klassiker der Heilkräuter oder das Geheimnis des Pulstastens gelesen? Du hast doch keine Ahnung von der Pulsfühlung mit Seidenfäden! Wie kannst es nur wagen, mit solchem Unsinn anzugeben?« »Ich habe eben goldene Fäden am Leib«, lachte Pilger, »die habt Ihr bloß noch nicht gesehen!« Schon zupfte er sich drei Pelzhaare aus und verwandelte sie in drei Fäden von je zwei Klafter und vier Ellen Länge, in Entsprechung mit den vierundzwanzig Jahreseinteilungen. Dann hielt er sie Tripitaka auf der flachen Hand hin und sagte: »Da sind sie, meine Goldfäden!« Dann verließ er Tripitaka und folgte dem Leibdiener in die inneren Gemächer. So war es in der Tat: Das Herz kennt ein Geheimrezept, Mit dem das Reich gerettet wird; Tief im Innern liegt der Schlüssel, Der Langlebigkeit gewährt! Und da wir nicht wissen, was für eine Krankheit er wohl diagnostizieren würde, lasst uns hören, was das nächste Kapitel berichtet. 第069回 / 69. Kapitel Es braut der Herr des Herzens über Nacht Arznei / Beim Festmahl spricht der König über Ungeheuer Wie berichtet, war der Große Heilige den Leibdienern und Eunuchen in die inneren Bereiche des Palastes gefolgt, bis vor das Schlafgemach des Königs. Dort blieb er am Eingang stehen und reichte einem der Eunuchen die Enden der drei goldenen Seidenfäden, und dieser führte sie ins Schlafgemach und befestigte sie am linken Handgelenk des Königs, genau auf den drei Taststellen unter dem Daumenansatz. Anschließend wurden die Fäden durch das Ziergitter des Fensters zu Pilger gezogen, der nun die Enden auf seine rechte Hand legte und jedes einzeln mit Zeigefinger, Mittelfinger und Ringfinger befühlte. Mit ruhigen Atemzügen ergründete er so die vier Arten der Körperenergie, die fünf verschiedenen Stagnationen, achtete auf die sieben äußeren Pulse ebenso wie auf die acht inneren Pulse, befühlte gleichzeitig alle neun Pulsformen an den drei Teilen des Leibes382 und ertastete auch die Tiefe in oberflächlichen Pulsen und die Oberfläche in tiefen Pulsen. Auf diese Weise klärte er die Mangel- und Füllezustände der leiblichen Verfassung des Monarchen. Schließlich hieß er die Fäden vom linken Handgelenk auf das rechte Handgelenk übertragen. Nachdem Pilger mit den Fingern seiner rechten Hand auch hier alles aufs gründlichste ertastet hatte, sprang er auf, verwandelte die Fäden wieder in Pelzhaare und rief: »An der linken Hand Eurer Majestät ist der Puls an der ersten Taststelle stark und straff, an der zweiten rau und träge, an der dritten hohl und tief. Rechts ist der Puls an der ersten Stelle oberflächlich und glatt, an der zweiten langsam und stockend, an der dritten schnell und haftend. Dass der erste Puls links stark und straff ist, deutet auf eine geschwächte Mitte mit Herzschmerz; der raue und träge Puls an der zweiten Stelle deutet auf Schwitzen und Taubheitsgefühle; der hohle, tiefe Puls an der dritten Stelle verweist auf Blut in Urin und Stuhlgang. Rechts deutet der oberflächlich-glatte Puls auf innere Stagnation im Fluss der Meridiane, der langsame und stockende Puls zeigt eine Retention von Trank und Speise an, der schnelle, haftende Puls an der dritten Taststelle weist auf innere Depression mit gestauter Hitze und Mangel-Kälte hin. Daraus ergibt sich folgende Diagnose für die ehrenwerte Krankheit: Es handelt sich um ein Leiden an schreckhafter Angst und quälenden Sorgen; es wird dieses Leiden auch bezeichnet als ›Getrenntes Vogelpaar‹.« Mit ruhigen Atemzügen ergründete er die vier Arten der Körperenergie, die fünf verschiedenen Stagnationen, achtete auf die sieben äußeren Pulse ebenso wie auf die acht inneren Pulse. Als der König in seiner Schlafkammer dies vernahm, erfüllte ihn eine tiefe Erleichterung. Er nahm all seine Kräfte zusammen und rief laut: »Ihr habt es erfühlt, genau das ist es! Bitte besorgt die Heilkräuter.« Gemessenen Schrittes verließ der Große Heilige den Wohnbereich des Palastes. Längst hatten die umstehenden Eunuchen die Neuigkeit allseits verkündet. Als er wenig später vom Wohnbereich zurückkam, fragte ihn Tripitaka sogleich, wie es gewesen sei, und Pilger erklärte: »Ich habe die Pulsdiagnose gemacht, jetzt muss nur noch die passende Kräutermedizin hergestellt werden.« Da traten die Hofbeamten vor und sprachen: »Werter heiliger Priester! Eben habt Ihr den Begriff ›Getrenntes Vogelpaar‹ benutzt; was hat es damit auf sich?« »Nun«, lachte Pilger, »es gibt da zwei Vögel, ein Männchen und ein Weibchen; die flogen einst zusammen, doch in Sturm und Regen sind sie auseinandergeraten. Nun können sie sich nicht mehr finden und sehnen sich nacheinander. Das ist doch ein ›Getrenntes Vogelpaar‹, oder?« Als die Hofbeamten das hörten, riefen alle anerkennend: »Fürwahr, ein heiliger Mönch! Fürwahr, ein göttlicher Arzt!« Und ihr Lob wollte kein Ende nehmen. Auch der Hofarzt stand dabei und fragte nun: »Das Krankheitsbild ist nun erkannt, doch darf ich fragen, mit welchen Kräutern Ihr es zu heilen gedenkt?« »Ach, wir brauchen uns nicht auf Rezepte zu fixieren«, meinte Pilger, »wir nehmen einfach alle Heilkräuter, die wir finden können.« »In den alten Klassikern heißt es: ›Heilkräuter gibt es in achthundertachtzig verschiedenen Sorten; der Mensch hat vierhundertvierzig verschiedene Krankheiten‹«, gab der Hofarzt zu bedenken. »Wie lässt sich begründen, dass man alle Heilkräuter benutzen könnte, wo doch nicht alle Krankheiten in einem Körper vorhanden sind?« Pilger entgegnete: »So sagten es doch die alten Weisen: ›Heilkräuter sollen nicht streng nach Rezepten verwendet, sondern gemäß den Erfordernissen verschrieben werden.‹ Darum müssen jetzt sämtliche Kräuter gebracht werden, und wir bestimmen dann, von welchem ungefähr wie viel verwendet werden muss.« Der Hofarzt versagte sich weitere Einwände und trat ab, um die Ingredienzen zusammen mit Gefäßen und Instrumenten zur Arzneiherstellung ins Gästehaus schaffen zu lassen. Pilger bat seinen Meister, zurückzukehren, doch gerade als dieser sich erhob, erschien ein Hofbeamter aus den inneren Gemächern mit der Anweisung, der Meister des werten Herrn möge vorläufig im Palast verweilen und die Nacht in der Halle der Kulturblüte383 zubringen. Sobald der König am folgenden Tage die Medizin eingenommen habe und sein Leiden geheilt sei, werde man ein Dankesmahl veranstalten, den Reisepass abstempeln und den Pilgernden ein Abschiedsgeleit geben. Erschrocken flüsterte Tripitaka Pilger zu: »Oh, mein Schüler, das bedeutet nichts Gutes. Sie wollen mich als Geisel im Palast behalten! Wenn die Medizin wirkt, werden sie mich ziehen lassen, andernfalls ist es um mein Leben geschehen! Du musst mit äußerster Vorsicht handeln!« »Macht Euch keine Sorgen, Meister!« lachte Pilger, »ich alter Sun habe von Natur aus das Zeug dazu, ein ganzes Königreich zu kurieren.« Er verabschiedete sich von Tripitaka und kehrte ins Gästehaus zurück. Bajie empfing ihn mit einem Grinsen und meinte: »Bruder, ich hab dich doch längst durchschaut. Weil aus der Sache mit dem Schriftenholen nichts wird, willst du es mit Handel versuchen, bloß fehlt dir noch das nötige Kapital. Jetzt hast du hier einen Ort gefunden, wo es reichlich Waren gibt, und da hast du nun einen Plan ausgeheckt, wie du eine Apotheke eröffnen kannst.« »Sobald der König geheilt ist, verabschieden wir uns und ziehen weiter«, versetzte Pilger, »was soll da eine Apotheke!« »Aber«, warf Bajie ein, »jetzt haben wir hier achthundertachtzig verschiedene Kräuter und nur einen einzigen Patienten; so viel können wir doch gar nicht brauchen!« »Wer sagt, dass wir nicht so viel brauchen?« gab Pilger zurück. »Diese Hofärzte sind doch einfältige Trottel; ich habe sie doch bloß so viele Sorten bringen lassen, damit sie keinen Beleg für unser Rezept haben. So wissen sie nicht, welche Heilkräuter ich verwende, und können mein Geheimrezept nicht durchschauen.« Während ihrer Unterhaltung tauchten zwei Diener der Gaststätte auf, knieten vor ihnen nieder und sprachen: »Die Herren Göttlichen Priester werden zur Tafel gebeten.« Freudig schritt Pilger in die Speisehalle und nahm seinen Platz ein, und als die Speisen aufgetragen wurden, bedienten sich die Ordensbrüder nach Lust und Laune. Als es dunkelte, bat Pilger die Diener, möglichst viele Kerzen zu bringen. Es ging schon gegen Mitternacht, die Straßen waren leer, und ringsum lag alles in nächtlicher Stille, als Bajie schließlich meinte: »Bruder, was willst du eigentlich für eine Arznei herstellen? Machen wir uns doch an die Arbeit, ich werde langsam müde.« »Nimm mal fünfzig Gramm Rhabarberwurzel und zermahle sie ganz fein«, ordnete Pilger an. Sandmönch aber wandte ein: »Rhabarberwurzel ist bitter von Geschmack und im Wesen kalt, aber ungiftig; sie wirkt senkend und steigt nicht an die Oberfläche. Durch die abführende Wirkung kann sie Depressionen und gestaute Energien beseitigen, so werden Unruhen gelöst, und damit kommt Friede ins Reich. Darum wird sie auch als ›General‹ bezeichnet. Es ist ein gebräuchliches Heilkraut, doch steht zu befürchten, dass es dem König, der von langer Krankheit geschwächt ist, unzuträglich sein könnte.«384 Pilger aber meinte lächelnd: »Werter Bruder, dann hast du nicht daran gedacht, dass diese Ingredienz auch Schleim löst und die Energie in Fluss bringt, außerdem bewegt sie auch im Bauch gestaute Kälte oder Hitze. Kümmere dich nicht darum, nimm mal fünfzig Gramm Krotonbohnen, entferne Schale und Häutchen, dann musst du sie mörsern, damit das giftige Öl ausfließt, und sie am Ende zu Pulver zermahlen.« »Krotonbohnen sind scharf im Geschmack und wirken erhitzend, außerdem enthalten sie Gift«, gab Bajie zu bedenken. »Sie lösen verhärtete Stauungen, bewegen tiefsitzende Kälte in der Lunge und machen den Nahrungsweg durchlässig. Diese Ingredienz entspricht einem draufgängerischen General und darf nicht unbesonnen verwendet werden.« »Werter Bruder«, gab Pilger zurück, »dir fehlt es eben auch an tieferer Erkenntnis: Diese Bohnen sind auch gut gegen Tumore und machen den Darm durchlässig, außerdem helfen sie bei Ödemen aufgrund von Herzschwellungen. Leg schon mal los, ich brauche dann noch Zutaten, die als Assistenten wirken.«385 Da machten sich die beiden daran, die Heilkräuter zu zermahlen. Als sie fertig waren, fragten sie: »Was brauchst du noch, Bruder?« »Nichts«, gab Pilger zurück. »Von achthundertachtzig verschiedenen Heilkräutern hast du ja nicht mehr als zweimal fünfzig Gramm genommen«, empörte sich Bajie, »du willst dich wohl über uns lustig machen!« Pilger aber nahm eine schmucke Porzellanschale und sprach: »Halte dich nicht länger damit auf, werter Bruder. Nimm diese Schale und mach sie mal halb voll mit Wokasche.« »Wozu denn das?« »Wokasche wird auch ›Raureif der hundert Kräuter‹ genannt«, erklärte Pilger, »damit lassen sich gut hundert Krankheiten regulieren, weißt du das denn nicht?« Also begann der Tölpel die unten am Wok haftende Asche abzuschaben, bis eine halbe Schale voll war, und zerrieb sie dann zu Pulver. Nun reichte ihm Pilger eine weitere Schale und sagte: »Und nun bring mir eine halbe Schale Urin von unserem Pferd.« »Was willst du denn damit?« »Pillen kneten!« Sandmönch lachte: »Aber Bruder, wer hat je gesehen, dass man Pillen mit Pferdeurin macht? Das stinkt doch grässlich; wenn ein Patient mit geschwächter Milz das riecht, wird er sich übergeben müssen. Zusammen mit Krotonbohnen und Rhabarberwurzel kriegt er auch noch Durchfall. Soll das ein Scherz sein?« »Du verstehst eben nicht, worum es wirklich geht«, versetzte Pilger. »Unser Pferd ist doch gar kein gewöhnliches Pferd; es ist ein Drache vom Westmeer. Wenn du es hinkriegst, dass es Wasser lässt, kannst du damit jede beliebige Krankheit heilen!« Als Bajie das hörte, eilte er schnurstracks zum Pferd, doch das lag am Boden und schlief. Der Tölpel weckte es mit ein paar Fußtritten, und als es aufstand, hielt er die Schale hin und wartete. Das Tier machte aber durchaus keine Anstalten, sich zu erleichtern. Nach einiger Zeit rannte er zu Pilger zurück und rief: »Bruder! Bevor du den Kaiser heilst, kurier mir bitte mal dieses Pferd! Das blöde Viech ist wie ausgetrocknet, es kriegt nichts raus.« Der Tölpel weckte das Pferd mit ein paar Fußtritten, und als es aufstand, hielt er die Schale hin und wartete. »Dann geh ich mal mit«, lachte Pilger, folgte Bajie zum Pferd und gewann eine halbe Schale Urin. Zurück in der Halle, mengten sie die vorbereiteten Kräuterpulver zu einer Masse und kneteten daraus drei große Pillen, die in eine Dose gelegt wurden. Anschließend legten sich die Brüder unausgekleidet schlafen. Tags darauf bestieg der König trotz seiner Krankheit den Thron, lud Tripitaka zur Audienz und schickte seine Hofbeamten zum Gästehaus, um bei dem Göttlichen Priester Sun die Arznei zu holen. Also gingen die Hofbeamten hin und baten ergebenst um die Medizin. Pilger hieß Bajie die Dose überreichen. »Wie heißt denn diese Arznei?« wollten die Hofleute wissen. »Schwarzgold-Elixier«, gab Pilger zur Antwort. »Wie muss sie eingenommen werden, damit die Wirkung sich entfaltet?« »Mit unverwurzeltem Wasser.« Da lachten sie erleichtert und meinten: »Das ist ein Leichtes!« »Warum ein Leichtes?« fragte Pilger. »Bei uns herrscht im Volk der Glaube, dass man ›unverwurzeltes Wasser‹ erhält, wenn man es mit einer Schale aus einem Brunnen oder einem Fluss schöpft und dann rasch, ohne etwas zu verschütten und ohne sich umzublicken, nach Hause trägt.« Doch Pilger entgegnete: »Wasser in Brunnen und Flüssen ist bereits verwurzelt. Mein ›unverwurzeltes Wasser‹ ist nicht so gemeint. Es muss Wasser vom Himmel sein, das getrunken wird, bevor es mit dem Boden in Berührung gekommen ist. Nur so ist es wirklich unverwurzelt.« »Das ist auch nicht weiter schwierig«, meinten die Hofleute, »dann warten wir eben ab, bis sich der Himmel bedeckt und Regen fällt.« Also verabschiedeten sie sich von Pilger und begaben sich mit der Arznei zum König. Dieser hieß seinen Leibdiener, die Dose entgegenzunehmen, dann besah er sich die Arznei und fragte: »Was sind das für Pillen?« »Der Göttliche Priester nennt es Schwarzgold-Elixier«, antworteten die Beamten, »er sagt, sie müssten mit unverwurzeltem Wasser eingenommen werden.« Der König wollte gerade seine Palastdiener rufen, um solches Wasser zu beschaffen, doch die Hofbeamten erklärten: »Der Göttliche Priester sagt, ›unverwurzeltes Wasser‹ dürfe nicht aus Brunnen oder Flüssen geschöpft werden; es müsse vom Himmel kommen und dürfe den Boden nicht berühren.« Da befahl der König den zuständigen Beamten, daoistische Hofmeister zu einer Regenzeremonie einzubestellen. Wie die Hofbeamten nun botmäßig den gewünschten Erlass erstellten, sei hier nicht weiter ausgeführt. Wenden wir uns stattdessen Pilger zu, der in der Haupthalle des Gästehauses zu Bajie und Sandmönch sagte: »Eben habe ich ihm gesagt, er müsse die Medizin mit Wasser einnehmen, das vom Himmel fällt. Doch wie sollen wir auf die Schnelle Regen kriegen? Mir scheint dieser König im Grunde ein rechtschaffener Herr zu sein, da könnten wir ihm doch zu etwas Regen verhelfen, was meint ihr?« »Wie willst du dies anstellen?« fragte Bajie. Pilger bat die beiden, ihm links und rechts zu assistieren, und begann Gebete murmelnd das Siebengestirn abzuschreiten. Schon bald konnte man beobachten, wie sich von Osten her eine dunkle Wolke heranschob, bis sie über ihren Köpfen schwebte. Daraus tönte eine Stimme, die sprach: »Großer Heiliger! Drachenkönig Ao Guang vom Ostmeer steht Euch zu Diensten!« »Ohne einen ernsten Anlass hätte ich mich nicht erdreistet, Euch zu bemühen«, erklärte Pilger. »Ich möchte Euch nur bitten, mir etwas unverwurzeltes Wasser zu spenden, damit der König seine Medizin einnehmen kann.« »Als Ihr mich gerufen habt, Großer Heiliger, habt Ihr nicht erwähnt, dass Ihr Wasser braucht«, erwiderte der Drachenkönig, »daher habe ich geringer Drache gar keine Regengeräte dabei; wie soll ich so Regen machen?« »Im Moment brauchen wir nicht viel, es reicht ein kleiner Regenguss, nur damit die Arznei zur Wirkung kommt.« »Nun denn«, meinte der Drachenkönig, »lasst mich ein paar Mal niesen und spucken, dann hat er etwas für seine Medizin.« Freudig rief Pilger: »Genau so ist’s am besten, wunderbar! Dann wollen wir nicht säumen, fangt gleich an!« Da ließ der Drache seine dunkle Wolke niedersteigen, bis sie über dem Palast schwebte, und spuckte aus. Sein Mundwasser verwandelte sich sofort in erquickenden Regen. Der ganze Hofstaat brach in Freudenrufe aus, überall tönte es: »Unserem Herrscher ist ein unerhörtes Glück beschieden! Der Himmel segnet uns mit köstlichem Regen!« Sogleich befahl der König, den Regen in Gefäßen zu sammeln. Seht nur, wie all die zivilen und militärischen Amtsträger des Palastes, all die Konkubinen und Palastdamen aus den Frauengemächern sich nun mit Schalen und Bechern, Schüsseln und Platten hinstellen und warten, dass sich die Gefäße mit dem wunderbaren Regenwasser füllen! Etwa nach einer Doppelstunde verabschiedete sich der Drachenkönig vom Großen Heiligen und kehrte in sein Meer zurück. Die Hofleute aber gossen das Wasser ihrer Gefäße zusammen und erhielten gut drei Schalen, die man auf die königliche Tafel stellte. Da ließ sich der König das Schwarzgold-Elixier und das kostbare Nass in den Wohnpalast bringen und nahm die drei Pillen mit drei Schlucken Regenwasser ein. Es dauerte nicht lange, da begann es in seinen Eingeweiden zu rumoren und wollte nicht wieder aufhören; schließlich musste er sich den Nachttopf bringen lassen, und erleichterte sich drei bis fünf Mal hintereinander. Anschließend nahm er etwas Reissuppe zu sich und sank in die Kissen seines Himmelbettes. Zwei Konkubinen hoben gemeinsam den Nachttopf hoch und besahen diese unglaubliche Ansammlung von Dreck und Schleim; sogar ein ganzes Stück Klebreis war darin. Da traten die Konkubinen ans königliche Lager und meldeten: »Die Wurzel des Übels ist ausgeflossen!« Das freute den König sehr, und er nahm abermals etwas Reis zu sich. Es dauerte nicht lange, da begann sich seine Brust zu weiten, und seine Energie und sein Blut kamen in harmonische Bewegung. Der König fühlte, wie seine Kräfte zurückkehrten, auch seine Beine konnten ihn wieder tragen. Da erhob er sich von der Bettstatt, zog sein Palastgewand an und bestieg den Thron. Als Tripitaka vortrat, fiel ihm der König zu Füßen und vollzog einen Stirnaufschlag, den der Priester eilends erwiderte. Nach diesen Ehrenbezeugungen reichte der König dem Priester persönlich die Hand zum Aufstehen und rief seinen Hofbeamten zu: »Man beschrifte auf der Stelle ein Papier mit den Worten: ›Wir werfen Uns im Kotau vor Euch nieder‹! Dann sende man Hofbeamte zu den drei erhabenen Schülern des Priesters, öffne die Tore der Gasthalle im Ostflügel und beauftrage das Hofamt für Festlichkeiten, ein Dankesmahl herzurichten.« Die Hofbeamten taten wie geheißen, und binnen kurzem war alles vorbereitet, und der König ließ die drei Schüler in den Palast bitten. Die Hofbeamten geleiteten sie in die östliche Halle, wo Tripitaka und der König bereits warteten. Pilger und die anderen begrüßten ihren Meister mit vor der Brust gewölbten Händen; hinter ihnen folgten die höfischen Amtsträger. In der Halle standen etliche Tafeln mit fleischlosen und fleischhaltigen Speisen in ordentlichen Reihen bereit. Der König nahm einen Weinkelch und wollte ihn dem Priester darbringen, doch Tripitaka wehrte ab mit den Worten: »Abstinenz vom Alkohol ist für uns Mönche oberstes Gebot. Ich habe mein Leben lang nie Alkohol getrunken; möge einer meiner unwerten Schüler an meiner Statt trinken.« Da bot der König den goldenen Kelch Pilger an. Dieser trank ihn gleich aus, worauf ihm der König einen zweiten Kelch kredenzte, den er abermals leerte. Da lachte der König und sprach: »Noch einen auf die drei Schätze!« Pilger lehnte nicht ab und trank ein drittes Mal. Da ließ der König aufs Neue nachgießen: »Auf die vier Jahreszeiten!« Doch nun konnte Bajie, der neben ihm wartete, dass auch er endlich an die Reihe kommen würde, sich nicht länger halten und rief: »Majestät, Eure Arznei habt Ihr auch mir zu verdanken, darin ist nämlich Pferde…« Als Pilger das hörte, streckte er ihm geschwind den Weinkelch entgegen, den er gerade in der Hand hielt, damit der Tölpel bloß nichts ausplauderte. Bajie verstummte und leerte den Kelch in einem Zug. »Jener Göttliche Priester sagte eben, die Arznei enthalte Pferde; um was für Pferde handelt es sich?« interessierte sich nun der König. Eilig erklärte Pilger: »Ach, mein Ordensbruder ist immer so redselig, kaum kennt er irgendein bewährtes Rezept, will er es gleich ausplaudern. Die Medizin, die Ihr heute früh eingenommen habt, enthielt Pferdewurz.«387 Da wandte sich der König an die Hofbeamten und fragte: »Für welche Krankheitsbilder wird Pferdewurz verwendet?« »Werter Herrscher«, ergriff der Hofarzt das Wort, »Pferdewurz ist bitter im Geschmack, In der Wirkung kalt und ohne Gifte, Sehr gut kann er gegen Asthma sein, Löst auch wirkungsvoll den Schleim. Zudem bringt er Energie in Fluss, Treibt auch Blutvergiftung aus, Stärkt bei Mangel, stillt den Husten, Weitet die bedrückte Brust.« »In der Tat, das passt sehr gut«, meinte der König lächelnd. »Trinkt noch einen Becher, Priester Eber!« So kam auch Bajie schließlich zu einem dritten Becher. Zuletzt bot der König Sandmönch drei Becher an, dann setzte man sich zur Unterhaltung. Nachdem lange getafelt worden war, goss der König abermals aus einem großen, schmucken Weinkrug einen Kelch voll und hielt ihn Pilger hin. »Setzt Euch, Majestät«, sprach Pilger, »ich alter Sun werde mit Freuden so viel trinken, wie es sich schickt, und Eure Gabe keinesfalls ablehnen.« »Ich habe Euch ein Verdienst zu danken, das nicht geringer wiegt als wohl ein ganzer Berg«, sprach der König. »Ich bin Euch unsäglich dankbar. Diesen Krug wollen wir nun gemeinsam leeren, denn ich habe Euch noch etwas mitzuteilen.« »Worum handelt es sich denn?« fragte Pilger, »sprecht frei von der Leber weg, damit ich alter Sun drauf trinken kann.« »Viele Jahre lang war ich von Kummer und Sorgen geplagt«, sprach der König, »und Ihr, Göttlicher Mönch, habt diesem Leiden mit einer einzigen Dosis Eurer Arznei ein Ende gesetzt. Darum geht es mir jetzt wieder gut.« »Gestern, als ich Eure Majestät erblickte, wusste ich bereits, dass es sich um ein Leiden mit Kummer und Sorgen handelte. Doch darf ich fragen, was es war, das Euch solchen Kummer bereitete?« »Nun, zwar sagen die alten Weisen, man sollte Mängel der eigenen Sippe nicht nach draußen tragen«, hub der König an, »doch da Ihr, Göttlicher Priester, mein Retter seid, will ich Euch dennoch davon berichten.« »Bitte, sprecht nur ohne Bedenken«, forderte ihn Pilger auf. Der König sprach: »Darf ich fragen, wie viele Königreiche Ihr auf Eurer Reise aus dem Osten bis hierher durchwandert habt?« »Fünf oder sechs.« »Und wie nennt man in jenen Ländern die Gemahlinnen der Könige?« »Sie werden ihrem Rang gemäß nach der jeweiligen Palasthalle benannt, die sie bewohnen: Die Königin mit ›Halle der Mitte‹, die Nebenfrauen mit ›Osthalle‹ und ›Westhalle‹.« »Bei uns heißen sie anders«, sprach der König. »Wir nennen die Halle der Mitte ›Palast der Goldenen Heiligkeit‹, die Osthalle heißt ›Palast der Jadenen Heiligkeit‹ und die Westhalle ›Palast der Silbernen Heiligkeit‹. Zur Zeit sind nur die Königinnen vom Palast der Silbernen und der Jadenen Heiligkeit hier am Hofe.« »Und warum ist der Palast der Goldenen Heiligkeit unbewohnt?« wollte Pilger wissen. Da rollten dem König Tränen über die Wangen, und er sprach: »Schon drei Jahre weilt die Königin nicht mehr hier!« »Wo ist sie denn hingegangen?« »Es war vor drei Jahren, am Tag des Drachenbootfestes, als ich zusammen mit der Königin und den Konkubinen im Granatblütenpavillon im Palastgarten weilte, wo wir die Klebreisklöße aus den Bambusblättern wickelten, sie zum Wein verzehrten und dabei dem Wettstreit der Drachenboote zusahen. Plötzlich aber brauste ein Windstoß heran, und in der Höhe kam ein Dämon zum Vorschein. Der nannte sich Sai Taisui, ›Mächtiger Unglücksstern‹, und gab an, auf dem Berg Kirin in der Chimärengrotte389 zu wohnen. Da ihm dort eine Gattin fehle und er erfahren habe, dass meine Gemahlin vom Palast der Goldenen Heiligkeit so wunderschön sei, verlangte er, sie ihm sofort auszuliefern, andernfalls würde er mich und alle Hofbeamten verschlingen, ja gar sämtliche Bewohner der Kaiserstadt! Da habe ich aus Sorge um unser Königreich und unser Volk meine Gemahlin aus dem Granatblütenpavillon gestoßen, der Dämon schoss mit einem Pfiff auf sie zu und riss sie fort. Im Schrecken ist mir der Klebreiskloß im Magen steckengeblieben, und zusammen mit dem Kummer, der mich in der Folge Tag und Nacht plagte, kam es schließlich so weit, dass ich drei Jahre lang krank darniederlag. Doch heute, nachdem mir vergönnt war, Eure Wundermedizin einzunehmen, konnte ich mich mehrmals erleichtern, und so ist das, was vor drei Jahren steckengeblieben ist, endlich herausgekommen. Darum bin ich jetzt wieder wohlauf. Ihr habt mir ein neues Leben geschenkt, Göttlicher Mönch!« Als Pilger das hörte, freute er sich von Herzen. Er leerte den großen Weinkrug in wenigen Schlucken und sprach dann lachend zum König: »Das war es also, was Eurer Majestät solchen Kummer bereitete! Nun seid Ihr ja zum Glück genesen. Nur weiß ich nun nicht, ob Ihr wohl möchtet, dass Eure Gemahlin vom Palast der Goldenen Heiligkeit wieder in Euer Land zurückkehrt, oder nicht?« Unter Tränen sprach der König: »Tag und Nacht sehne ich mich inniglich nach ihr! Nur gibt es hier niemanden, der einen Dämon zu unterwerfen vermöchte. Wie könnte ich nicht wünschen, sie wieder im Land zu haben?« »Was meint Ihr dazu, wenn ich alter Sun den Dämon unterwerfen würde?« Da kniete der König vor ihm nieder und rief: »Falls Ihr mir wirklich helfen könnt, bin ich sogar bereit, mit den Damen aller drei Paläste die Kaiserstadt zu verlassen und als einfacher Bürger im Volke zu leben! Ich würde Euch mein ganzes Reich abtreten, o göttlicher Mönch; Ihr sollt König werden!« Bajie, der zugesehen hatte, wie der König seine Worte mit solch gewichtigem Ritus untermauerte, prustete: »Dieser König verliert ja ganz die Haltung! Es kann doch nicht sein, dass ein Monarch das Reich für sein Weib hingibt und vor einem Mönch niederkniet?« Pilger beeilte sich, dem König beim Aufstehen behilflich zu sein, und sprach: »Sagt, Majestät, ist denn der Dämon wieder aufgetaucht, seitdem er Eure Gemahlin aus dem Palast der Goldenen Heiligkeit geraubt hat?« »Nachdem er vorletztes Jahr im fünften Mondmonat die Königin geraubt hatte, kam er im zehnten Mondmonat wieder und verlangte nach zwei Palastdamen, als Zofen für die Herrin. Da habe ich ihm zwei mitgegeben. Doch letztes Jahr im dritten Monat ist er wieder gekommen und hat abermals zwei Palastdamen verlangt, und so auch im siebten Monat. Und in diesem Jahr wollte er im zweiten Monat abermals zwei Damen haben. Wir wissen nie, wann er wieder auftaucht!« »Habt Ihr denn Angst, wenn er so oft kommt?« fragte Pilger. »Das machte mir nicht nur Angst, es lässt mich um mein Leben zittern! Letztes Jahr habe ich deswegen eigens den Bau einer Schutzburg veranlasst. Sobald wir den Sturm brausen hören, wenn der Dämon kommt, bringe ich mich dort mit den beiden Nebenfrauen und den Konkubinen in Sicherheit.« »Könntet Ihr mir diese Schutzburg vielleicht zeigen?« fragte Pilger. Der König führte Pilger hinaus, und auch die Hofbeamten erhoben sich. »Aber Bruder!« protestierte Bajie, »wie taktlos von dir, die Festtafel einfach so zu verlassen, statt den königlichen Wein auszutrinken. Bloß um schnell mal was anzusehen!« Wohl wissend, dass es Bajie um die Gaumenfreuden leidtat, wies der König seine Diener an, zwei Tische mit vegetarischen Gerichten und Wein zum Kastell zu tragen. Da hörte der Tölpel auf zu murren und folgte mit seinem Meister und Sandmönch. Zuvorderst schritten in geordneten Reihen alle zivilen und militärischen Hofbeamten, dahinter Arm in Arm der König mit Pilger. So durchquerten sie den königlichen Wohnbezirk und gelangten in den Palastgarten, wo allerdings nichts zu sehen war, das an eine Burg erinnert hätte. »Wo ist denn Eure Schutzburg?« wunderte sich Pilger. Doch bevor er zu Ende gesprochen hatte, bemerkte er, wie zwei Eunuchen mit rotlackierten Tragstangen auf den Schultern am Boden eine Steinplatte aufstemmten. »Hier ist es«, sprach der König. »Wir haben hier eine drei Klafter tiefe und neun Kammern breite Palasthalle graben lassen. Da unten gibt es vier große Steinguttöpfe mit Pflanzenöl für die Lampions, damit wir Tag und Nacht Licht haben. Sobald wir den Sturmwind kommen hören, verstecken wir uns dort unten und lassen draußen die Steinplatte darüberschieben.« »Das zeigt doch bloß, dass Euch der Dämon nicht übelgesinnt ist«, lachte Pilger. »Was würde das nützen, wenn er Euch wirklich was antun wollte?« Doch mitten in seinen Worten hörte man auf einmal ein Brausen; ein Sturm zog von Süden her auf, der Staub und ganze Kiesel mit sich riss. »Dieser Mönch hat uns den Teufel an die Wand gemalt!« riefen die Hofbeamten erschrocken, »kaum spricht er vom Dämon, kommt er daher!« Erschrocken ließ der König Pilger stehen und schlüpfte in die unterirdische Halle. Tripitaka folgte ihm, und von den Hofbeamten war auf einmal keiner mehr zu sehen. Auch Bajie und Sandmönch drängten ins Versteck, doch Pilger packte sie und rief: »Ihr braucht doch nichts zu fürchten, Brüder! Lasst uns schauen, was das für ein Ungeheuer sein soll.« Der Tölpel versuchte sich aus Pilgers Griff zu befreien, doch dieser hielt so lange fest, bis man in der Höhe ein Ungeheuer ausmachen konnte. »Könnt ihr ihn erkennen?« fragte Pilger. »Nein«, gaben Bajie und Sandmönch gleichzeitig zurück. »Er sieht aus wie jener Geist mit schwarzem Gesicht und goldenen Augen, der beim Gott des Taishan den Eingang bewacht«, meinte Pilger. »Nein«, widersprach Bajie, »Geister sind Wesen der Yin- Sphäre; sie erscheinen, wenn es dunkel wird, im Übergang der Doppelstunden Shen und You. Jetzt ist doch erst die Doppelstunde Si, noch nicht mal Mittag; wie könnte so ein Geist sich trauen, da zu erscheinen! Und wenn, so würde ein Geist niemals einen Sturmwind wie diesen zustande bringen, höchstens einen kleinen Wirbelwind! Ich glaube eher, dass es wirklich der Mächtige Unglücksstern ist.« »Na dann«, lachte Pilger, »bleibt mal hier; ich alter Sun geh ihn mal fragen.« Schon schoss er auf einem heilvollen Lichtstrahl in die Höhe. So war es in der Tat: Soll ein Staat zum Frieden finden, Werde des Königs Leiden geheilt; Wer sich dem Dao widmen will, Sich von Lieb’ und Hass befreit!392 Und da wir nicht wissen, wie es droben weiterging, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第070回 / 70. Kapitel Ein Dämon zaubert Feuer, Rauch und Sand / Wukong stiehlt mit List die goldenen Schellen Lasst uns berichten, wie Pilger nun seine göttlichen Kräfte ballte, mit der Eisenstange in die Höhe schoss und schrie: »Wo kommst du her, du übler Dämon? Wo willst du dein Unwesen treiben?« Das Ungeheuer schrie zurück: »Ich bin kein anderer als der Vorkämpfer unseres Königs, dem Mächtigen Unglücksstern, aus der Chimärengrotte auf dem Kirin-Berg! Auf Geheiß des Großen Königs bin ich gekommen, zwei Palastdamen zu holen für die Dame der Goldenen Heiligkeit. Wer bist du eigentlich, dass du es wagst, mich zu befragen?« »Ich bin der Himmelsebenbürtige Große Heilige Sun Wukong«, antwortete Pilger. »Und ich begleite den Priester aus China auf seiner Reise in den Westen zu Buddha. Darum bin ich in dieses Land gelangt und habe erfahren, dass der Herrscher von einer Horde Dämonen drangsaliert wird. Eben habe ich mich gefragt, wo ich euch wohl aufstöbern könnte; da kommst du schon her und suchst den Tod!« Da schwang der Dämon, ohne sich weiter zu besinnen, den Speer und richtete ihn gegen Pilger, der ihm seinerseits mit der Eisenstange entgegenkam. Die beiden hatten in den Lüften noch keine zwei Kampfrunden ausgefochten, als der Speer unter Pilgers Stange in zwei Teile zerbrach, der Unhold entsetzt kehrtmachte und gen Westen um sein Leben floh. Pilger ließ von einer Verfolgung ab, senkte seine Wolke und landete vor der Schutzburg. »Meister!« rief er, »Ihr könnt mit Seiner Majestät herauskommen, das Monster ist geflohen!« Tripitaka reichte dem König die Hand, um ihm aus dem Verlies zu helfen. Draußen strahlte der blaue Himmel, und nichts erinnerte an Ungeheuer. Da trat der König an den Tisch, ergriff mit eigener Hand den Weinkrug, füllte einen goldenen Kelch und reichte ihn Pilger mit den Worten: »Göttlicher Priester, nehmt dies als erstes kleines Zeichen meiner Dankbarkeit!« Pilger ergriff den Becher, doch noch bevor er etwas erwidern konnte, trat ein Hofbeamter vom Palasttor heran und meldete: »Das Westtor steht in Flammen!« Als Pilger dies hörte, warf er den goldenen Weinkelch hoch, der gleich darauf zu Boden klirrte. Erschrocken sprach der König mit einer höflichen Verneigung: »Göttlicher Priester, bitte verzeiht! Wir müssen Euch beleidigt haben!« »So war das nicht gemeint«, lachte Pilger. Schon kam eine weitere Meldung: »Ein fabelhafter Regen! Das Feuer am Westtor ist eben von einem Regenguss gelöscht worden; das Wasser riecht nach Alkohol!« »Majestät«, wandte sich Pilger an den König, »der Dämon ist nach Westen entflohen, und weil ich ihn nicht verfolgte, muss er das Tor in Brand gesteckt haben. Doch mit diesem Becher Wein konnte ich das dämonische Feuer löschen und die Menschen zu beiden Seiten des Tores retten. Nichts anderes war damit gemeint!« Das freute den König umso mehr, und er begegnete Pilger mit noch größerer Achtung. Anschließend bat er Tripitaka mit den Schülern in die Audienzhalle und machte Anstalten, ihnen den Thron abzutreten. »Majestät«, erklärte Pilger lachend, »das Ungeheuer von vorhin nannte sich ›Vorkämpfer des Mächtigen Unglückssterns‹ und wollte hier Palastdamen holen. Nun, da es eine Niederlage eingesteckt hat, wird es bestimmt zurückkehren und Bericht erstatten, und dann wird jener Lump zweifellos einen Kampf ausfechten wollen. Doch fürchte ich, dass er hier Eurem Volke Schaden zufügen und Euch erschrecken könnte, darum möchte ich ihn lieber unterwegs in der Luft abfangen, auch damit ich Euch am Ende die heilige Königin zurückbringen kann. Dazu müsste ich aber wissen, in welcher Richtung seine Grotte liegt und wie groß die Entfernung ist.« »Einst haben wir Späher ausgesandt, die Lage auszukundschaften«, antwortete der König, »diese sind Tag und Nacht durchgeritten, und dennoch brauchten sie mehr als fünfzig Tage, hin und zurück. Die Grotte liegt über dreitausend Wegmeilen südlich von hier.« Als Pilger dies vernommen hatte, hieß er Bajie und Sandmönch gut achtgeben und rief: »Ich bin gleich wieder da!« Da König hielt ihn zurück und sprach: »Aber göttlicher Mönch, lasst Euch doch wenigstens einen Tag Zeit bis zur Abfahrt, dann könnten wir Euch ausreichend Proviant mitgeben. Außerdem braucht Ihr unbedingt ein schnelles Pferd, sonst kommt Ihr nicht weit!« Pilger lachte: »Eure Majestät stellen sich eine Reise über Berg und Tal vor. Dann will ich alter Sun Euch verraten, dass ich für dreitausend Wegmeilen hin und zurück nicht länger brauche, als der Wein im Kruge warm bleibt.« Da sprach der König: »Göttlicher Mönch, bitte nehmt mir meine Worte nicht übel: Euer wertes Antlitz sieht doch eher dem eines Affen ähnlich; wie kommt es denn, dass Ihr über solche Zauberkräfte verfügt?« Da gab Pilger zur Antwort: »Wenn es auch den Anschein hat, Dass ich ein Menschenaffe sei, Mach ich doch den Überschlag, Als stünden mir die Götter bei! Hin und her zum hohen Himmel Kann ich ohne Schranken eilen, Denn ich schaff’ in einem Sprunge Hundertundachttausend Meilen!« Über diese Worte war der König erschrocken und beglückt zugleich. Lächelnd hielt er Pilger den Becher hin und sprach: »Göttlicher Priester, also nehmt diesen Becher zum Dank für Eure Mühen in weiter Ferne!« Der Große Heilige aber mochte sich nicht länger mit Wein abgeben; er hatte nichts anderes mehr im Sinn als die Bändigung des Ungeheuers. Und so gab er zurück: »Lasst den Wein erst mal stehen, ich trinke, wenn ich wieder da bin!« Dann hörte man nur noch sein »Ich gehe!« und schon war er mit einem Pfiff verschwunden. Verdutzt blieben der Herrscher und sein Hofstaat stehen, doch davon sei hier nicht weiter die Rede. Pilger aber sauste voran und erblickte schon bald einen hoch aufragenden Berg, mitten auf seinem Weg. Da senkte er die Wolke, landete auf dem Gipfel und besah sich die Gegend. Als er sich schließlich anschickte, nach einer Grotte zu suchen, fiel ihm in einer Senke ein Feuerschein ins Auge, der wenig später wie ein rotes Flammenmeer den ganzen Himmel überzog. Bald entwich den Flammen ein übler Rauch, schlimmer noch als das Feuer selbst. Während der Große Heilige wie gebannt zusah, spritzte auf einmal Sand aus dem Berg, bedeckte buchstäblich den ganzen Himmel, und die Sonne verfinsterte sich. Pilger beobachtete das Geschehen lange, ohne zu begreifen, was da vor sich ging. Schließlich gab er sich einen Ruck, verwandelte sich in einen feuerfesten Habicht und stürzte sich mitten in Rauch und Flammen. Er tat ein paar kräftige Flügelschläge, und plötzlich waren Sand und Asche verflogen, Rauch und Flammen dahin. Rasch nahm Pilger seine eigene Gestalt an und hielt Ausschau. Auf einmal drangen Klänge eines Kupfergongs an sein Ohr. Bald entwich den Flammen ein übler Rauch, schlimmer noch als das Feuer selbst. »Ich muss mich verirrt haben«, sann er. »Das kann doch nicht der Ort sein, wo dieser Dämon haust. Der Gong klingt allerdings, als wäre ein Kriegsbote unterwegs. Dann müsste es hier eine Straße geben, die zu einem Königreich führt, zu dem jemand mit einer offiziellen Botschaft unterwegs ist. Da will ich alter Sun mich gleich mal schlau machen!« Wie er nun ausschritt, entdeckte er ein kleines Ungeheuer, das mit einer gelben Flagge auf der Schulter und einer Ladung Schriften auf dem Rücken einherschritt und den Gong schlug. »Der ist es also«, lachte Pilger. »Was hat er wohl für Schriften bei sich? Den will ich doch gleich ein bisschen aushorchen!« Mit einem leichten Dreh verwandelte er sich in eine Heuschrecke, schwirrte empor und landete auf dem Tornister mit den Schriften. Nun hörte er, wie das Ungeheuer zum Takt seiner Gongschläge Selbstgespräche führte: »Unser Großer König ist doch einfach zu brutal! Nun hat er vor drei Jahren in Purpurien die Königin entführt, doch bislang nie vermocht, an sie heranzukommen. Stattdessen mussten all die armen Damen vom Palast herhalten. Zwei von ihnen hat er umgebracht, dann kamen noch mal vier, die hat er auch erlegt. Vorletztes Jahr hat er wieder zwei geholt, im letzten Jahr noch mal, und dieses Jahr von neuem. Bloß ist er jetzt auf einen Feind gestoßen; sein Kämpfer, der die Damen holen sollte, ist von einem in die Flucht geschlagen worden, der sich ›Pilger Sun‹ oder so ähnlich nennt, und auch die Damen hat er nicht gekriegt. Da ist nun unser Großer König so in Wut geraten, dass er das Königreich erstürmen will, und drum hat er mich jetzt hingeschickt, mit diesem Fehdebrief, oder wie das auch immer heißt. Wenn ich den abgegeben habe, soll sich jener König bloß nicht auf den Kampf einlassen. Ansonsten hat er nämlich Pech gehabt. Wenn unser Großer König erst mit Rauch und Feuer und dem Sand anrückt, dann wird im ganzen Reiche keine Menschenseele überleben, weder der Herrscher noch sein Hofstaat und das Volk. Danach wird dieses Land von uns besetzt, und unser König wird sich selbst zum Kaiser machen; wir alle werden dann die Hofminister. So kämen wir zwar wohl zu Adelsrängen, doch würde dies der Himmel schwerlich dulden.« Pilger, der alles mitangehört hatte, freute sich im Stillen und sann: »Da gibt es sogar Ungeheuer mit rechtem Sinn; was er da im letzten Satz vom Himmel gesagt hat, ist ja ganz in Ordnung. Doch was er gesagt hat von der Königin, an die der Dämon nicht herankomme, versteh ich noch nicht ganz. Ich will mich doch mal näher erkundigen.« Surrend flog er davon, bis er ein paar Wegmeilen Vorsprung hatte, dann verwandelte er sich mit einem leichten Dreh in einen daoistischen Knaben: Das Haar in Knoten aufgesteckt, Von Flicken das Gewand besetzt, Summt zur Bambustrommel leise Eine Daoistenweise. An einer Wegbiegung trat er auf das Ungeheuer zu, hielt nach daoistischem Brauch die Hände übereinandergelegt vor die Brust und sprach: »Wohin des Weges, mein Herr? Was für Schriften tragt Ihr da?« Das Ungeheuer blieb stehen, hielt mit dem Anschlagen inne und erwiderte lächelnd den Gruß, dann sprach es wie zu einem alten Bekannten: »Unser Großer König sendet mich mit einer Kriegserklärung nach Purpurien.« Da fragte Pilger gleich: »Hat sich denn die Dingsda von Purpurien schon mit dem Großen König vereinigt?« »Vor zwei Jahren, als er sie geholt hat«, erklärte das Ungeheuer, »kam ein Unsterblicher und hat ihr ein regenbogenfarbenes Göttergewand geschenkt, und wie sie es angezogen hat, sind ihr am ganzen Leib Stacheln gewachsen. Unser Großer König wagt sie nicht mal zu streicheln, schon wenn er nur leicht mit den Stacheln in Berührung kommt, schmerzt ihn gleich die Hand. Keine Ahnung, warum. Drum hat er sie nie befleckt. Heute früh hat er seinen Vorkämpfer geschickt, ihm zwei Palastdamen zu holen, doch der ist von einem Pilger Sun, oder wie der hieß, in die Flucht geschlagen worden. Das hat unseren König so wütend gemacht, dass er mich mit dieser Kriegserklärung ausgeschickt hat und die angreifen will.« »Warum ist denn der König so wütend?« fragte Pilger. »Er tobt immer noch, dort drüben ist er! Geh am besten mal hin und muntere ihn mit ein ein paar daoistischen Liedern auf.« Da legte Pilger zum Abschied die Hände übereinander und verschwand, während das Ungeheuer, seinen Gong schlagend, den Weg fortsetzte. Pilger aber schwang seine Eisenstange, wandte sich um und schmetterte sie dem Ungeheuer über den Schädel, dass es sofort den Geist aufgab. Gleich darauf meinte er reuig: »War ein bisschen voreilig, hab ja noch gar nicht nach seinem Namen gefragt.« Als er sich die Schriftrolle mit der Kriegserklärung in die Ärmeltasche steckte und die gelbe Flagge und den Gong ins Gras am Wegrand legte, hörte er am Gürtel des Ungeheuers etwas klingeln. Zum Vorschein kam ein Elfenbeintäfelchen, auf dem in goldenen Schriftzeichen geschrieben stand: »Fußsoldat, enger Vertrauter des Königs, mit Beinamen ›Komm-und-Geh‹. Gedrungener Wuchs, pickliges Gesicht, bartlos. Vorliegende Plakette muss getragen werden, ansonsten gilt die Nachricht als gefälscht.« »Der Kerl nannte sich also ›Komm-und-Geh‹!« lachte Pilger. »Nun denn, dann hab ich ihn halt zum ›Geh und Nimmerwiederkomm‹ gemacht!« Er löste das Elfenbeintäfelchen und befestigte es am eigenen Gürtel. Eigentlich hätte er die Leiche am liebsten beiseitegeworfen, doch als ihm der schlimme Rauch und das Feuer einfielen, wagte er nicht gleich die Grotte aufzusuchen, sondern bohrte stattdessen seine Eisenstange durch die Brust des Ungeheuers, buckelte es auf und kehrte ins Königreich zurück, um die Leiche als erste Siegesbeute abzuliefern. Seht, wie er mit einem Pfiff davonsaust! Gleich darauf landete er vor der Audienzhalle, warf das Ungeheuer vor die Jadetreppe und bat Bajie, den Meister kommen zu lassen. Er schob die Kriegserklärung Tripitaka in den Ärmel mit den Worten: »Behaltet das bei Euch, Meister. Lasst es den König vorerst nicht sehen!« Kaum hatte er zu Ende gesprochen, kam auch schon der König aus der Audienzhalle, begrüßte Pilger und sprach: »Werter Priester, Göttlicher Mönch, da seid Ihr wieder! Wie steht es mit dem Dämon?« Pilger wies auf das Ungeheuer und meinte: »Da liegt er doch, vor der Treppe! Ich alter Sun hab ihn erschlagen.« Da erblickte der König die Leiche und sagte: »Das mag wohl die Leiche eines Ungeheuers sein, doch nicht die des Großen Unglückssterns. Den Unglücksstern haben unsere Wenigkeit zwei Mal mit eigenen Augen gesehen: Er ist acht Klafter hoch, und seine Arme sind fünfmal so dick wie unsere; sein Gesicht glänzt wie Gold, und seine Stimme klingt wie Donner. So klein und garstig kann er gar nicht sein.« »Ihr habt es erkannt, Majestät! Er ist es tatsächlich nicht«, erwiderte Pilger. »Das hier ist eines seiner Ungeheuer, das auf Botendienst war. Ich alter Sun habe es erschlagen, damit ich Euch eine Beute bringen kann.« Da freute sich der König, und er rief: »Das ist ja wundervoll! Das wird Euch als höchstes Verdienst angerechnet! Unsere Wenigkeit haben schon öfter Leute gesandt, die Lage auszukundschaften, doch keiner hat je etwas Handfestes mitgebracht. Ihr aber, Göttlicher Priester, bringt schon beim ersten Mal ein Ungeheuer. Was für göttliche Kräfte!« Und er rief: »Bringt warmen Wein, damit ich mit dem Priester auf seinen Erfolg trinken kann!« »Auf den Wein kommt’s nicht an«, versetzte Pilger. »Doch sagt, Majestät: Hat Eure Gemahlin damals vielleicht irgendein Andenken hinterlassen?« Beim Wort »Andenken« fuhr der König zusammen, als ob ihm ein Messer ins Herz fahren würde. Er konnte die Tränen nicht zurückhalten und sprach schluchzend: »Ehedem in jenem Jahre Zu dem Fest im Sommer, Stürzte dieser Unglücksstern Uns in Angst und Kummer. Die Königin entriss er mir Unerwartet jäh und hart; Wer wohl gäbe solcherart Noch ein Angedenken zart!« »Nun, wenn es kein Andenken gibt, wird die Gehuldigte doch vielleicht einen Gegenstand im Palast zurückgelassen haben, der ihr besonders am Herzen liegt? So was könntet Ihr mir auch mitgeben.« »Was wollt Ihr denn damit?« fragte der König, und Pilger erklärte: »Dieser Dämonenkönig verfügt in der Tat über sehr große Zauberkraft. Ich habe gesehen, wie er Feuer, Rauch und Sandstürme entfachte; leicht ist er gewiss nicht zu kriegen. Und wenn er denn überwunden ist, bleibt fraglich, ob die Königin bereit wäre, mit mir, einem Fremden, ins Königreich zu kommen. Darum brauche ich einen Gegenstand, der ihr im täglichen Leben wichtig war, damit sie mir vertraut.« »In ihrem Palastgemach sind zwei goldene Armreife auf dem Schminktisch. Diese hat die Königin immer getragen; nur weil man zum Drachenbootfest ein Armband aus fünffarbenen Fäden zu tragen pflegt, hat sie sie an jenem Abend abgelegt. Die Reife liegen ihr sehr am Herzen. Sie sind zur Zeit in der Schatulle für schlichten Alltagsschmuck. Unsere Wenigkeit wagen sie gar nicht anzuschauen; es wäre, als ob ich ihr Antlitz erblicken würde, da könnte die Krankheit wieder ausbrechen!« »Sprecht erst mal nicht davon und lasst die Armreife holen«, beschied Pilger. Der König wies seine Nebenfrau der Jadenen Heiligkeit an, die Schmuckstücke zu bringen. Sowie er sie gewahrte, stöhnte er auf und rief klagend: »Ach, meine inniglich Geliebte!« Dann händigte er sie Pilger aus. Dieser streifte sich die Reife um den Arm, und ohne sich weiter um Wein und Verdienst zu kümmern, schoss er auf einer Wolke zum Kirin- Berg, wo er sogleich die Grotte aufsuchte. Wie er seines Weges ging, drang ein Stimmengewirr an sein Ohr. Er blieb stehen und spähte umher. Die Stimmen kamen von der Chimärengrotte, wo sich mehrere hundert Kriegsleute aller Ränge versammelt hatten. Als Pilger dies sah, wagte er nicht weiter vorzudringen, sondern machte kehrt und ging den Weg zurück, den er gekommen war. Er ging bis hin zur Stelle, wo er das Ungeheuer erschlagen hatte, nahm die gelbe Flagge und den Gong an sich, hielt ein magisches Fingerzeichen in den Wind und verwandelte sich mit einem leichten Dreh in die Gestalt jenes Boten mit Namen »Komm-und-Geh«. Schallend schlug er den Gong und ging mit ausholenden Schritten voran, bis er zur Grotte kam. Dort rief ihm ein Gorilla in menschlicher Sprache entgegen: »Komm-und-Geh, da bist du ja!« »Da bin ich«, gab Pilger zurück. »Beeil dich«, meinte der Gorilla, »unser Großer König wartet auf deine Nachricht, drüben im Häutungs-Pavillon!« Pilger marschierte, immer noch den Gong schlagend, durch den zweiten Toreingang. Dort erblickte er einen geräumigen, hellen Pavillon, in dem auf einem Klappstuhl mit goldenen Ornamenten ein Dämonenkönig thronte, der wahrlich einen grausigen Anblick bot. Pilger aber wandte sich ohne jegliche Furcht ab und fuhr fort, mit Blick nach außen den Gong zu schlagen. »Da bist du wieder«, meinte der Dämon. Pilger gab keine Antwort. »Komm-und-Geh! Du bist zurück?« rief der Dämon. Die Antwort blieb abermals aus. Da kam der Dämon heraus, packte ihn und schrie: »Warum schlägst du zu Hause den Gong und antwortest nicht, wenn man dich fragt? Was soll das?« Da knallte Pilger den Gong auf den Boden und rief: »Was soll das? Was soll das? Ich habe doch gesagt, dass ich nicht gehen will, Ihr aber habt darauf bestanden! Als ich angekommen bin, standen schon zahllose Ritter in langen Reihen, und kaum haben sie mich erblickt, haben alle geschrien: ›Packt ihn! Haltet das Ungeheuer!‹ Dann haben sie mich in ihre Stadt geschleppt und vor den König geführt, und der hat Befehl gegeben, mich zu köpfen. Zum Glück waren da noch seine Berater, die haben gesagt: ›Wenn zwei in Fehde liegen, töte man nicht deren Boten.‹ Am Ende haben sie mich freigesprochen, mir den Fehdebrief abgenommen, mich aus der Stadt geführt und nach dreißig Stockhieben endlich laufenlassen, damit ich Euch Bericht erstatten kann. Schon bald wollen sie gegen Euch in den Krieg ziehen!« »Nach dem, was du sagst, hast du allerdings Pech gehabt«, meinte der Dämonenkönig, »kein Wunder, dass du keine Antwort gegeben hast.« »Ja, wirklich!« versetzte Pilger. »Wie viele Ritter waren es denn?« fragte der Dämonenkönig. »Ich bin vor Schrecken fast in Ohnmacht gefallen«, rief Pilger, »wie soll ich da noch Ritter zählen! Ich habe bloß gesehen, wie sie ihre Waffen kampfbereit hielten, das sah aus wie ein ganzer Speerwald!« Der Dämonenkönig lachte verächtlich: »Keine Sache! Das krieg ich mit einer Feuersalve weg. Geh du erst mal zu meiner Braut der Goldenen Heiligkeit und sag ihr, sie braucht sich keine Sorgen zu machen. Heute früh, als sie hörte, dass ich wütend war und in den Krieg ziehen wollte, ist sie gleich in Tränen ausgebrochen und war für nichts mehr zu haben. Wenn du ihr nun sagst, dass drüben eine Menge Ritter bereitstehen, wird sie das fürs Erste beruhigen.« Das kam Pilger höchst gelegen. Seht, wie er ohne weiteres den Weg findet! Durch eine Seitentür kam er in die Empfangshalle, und weiter drinnen in geräumige hohe Hallen, die ganz anders aussahen als der Eingangsbereich. So gelangte er auf direktem Wege zu den Wohngemächern, wo er schon von weitem ein schmuckes Portal sehen konnte. Dort war die Residenz der Königin. Als er eintrat, sah er eine Dienerschaft von lauter dämonischen Füchsinnen und Rehen, die sich zu hübschen Damen zurechtgemacht hatten und dienstbereit auf beiden Seiten standen. In der Mitte aber saß die besagte Königin, ihre parfümierten Wangen in die Hände gestützt, die Augen tränennass. Es war in der Tat wie in diesem Gedicht: Einsamkeit im Angesicht, Das Wangenrot erstarrt; Verworren ist das volle Haar, Der schöne Blick entleert. Selten war den schönen Frauen Je das Schicksal wohlgesinnt, Und so blickt sie trüben Sinnes Sprachlos in den Frühlingswind.393 Pilger trat vor und rief: »Tag!« »Unverschämt!« empörte sich die Königin, »wenn ich nur daran denke, wie in Purpurien sich sogar Staatsminister und Kanzler tief vor mir verneigten und nicht einmal die Augen zu mir aufzuheben wagten – und hier kommt so ein Flegel und ruft einfach ›Tag!‹ Was ist das für ein Rüpel, wo kommt der denn her?« Eine der Dienerinnen trat vor und sprach: »Zürnt nicht, werte Königin. Das ist ein enger Vertrauter unseres Großen Königs, er heißt ›Komm-und-Geh‹. Er war es, der heute früh mit dem Fehdebrief gesandt worden ist.« Als die Königin dies vernommen hatte, schluckte sie ihren Ärger und fragte: »Bist du mit dem Fehdebrief bis nach Purpurien gekommen?« »Ich bin bis zur Audienzhalle gekommen und habe beim König persönlich vorgesprochen. Jetzt bin ich schon mit seiner Antwort zurück.« »Du hast den König persönlich gesehen? Was lässt er ausrichten?« »Was die Sache mit dem Fehdebrief angeht, habe ich alles bereits dem Großen König erzählt. Nur war da noch ein Satz dabei, den mir der König im Angedenken an Euch mitgegeben hat, darum ich bin eigens gekommen, ihn Euch zu überbringen. Allein, hier ist nicht der Ort zu sprechen; da sind zu viele Leute.« Auf diese Worte schickte die Königin ihre Füchsinnen und Rehe mit einem barschen Ruf nach draußen. Pilger aber machte die Tür zu, fuhr sich mit der Hand übers Gesicht und zeigte sich in eigener Gestalt. Dann sprach er zur Königin: »Fürchtet Euch nicht. Ich bin ein Mönch aus dem chinesischen Kaiserreich im fernen Osten und pilgere in den Westen, um Heilige Schriften zu holen; mein Name ist Sun Wukong. Weil ich mit meinem Meister in Euer Königreich kam, wo wir unser Passdokument vorweisen mussten, habe ich einen öffentlichen Aushang gesehen, mit dem der König Mediziner anwarb. Anschließend habe ich seine Krankheit heilen können, und während des Festmahls, das der König mir zum Dank gegeben hat, erzählte er, dass Ihr von einem Dämon entrissen wurdet. Und da ich mich äußerst gut aufs Bezwingen von Drachen und Tigern verstehe, hat er mich gebeten, diesen Dämon dingfest zu machen und Euch ins Königreich zurückzuführen. Ich war es, der den Vorkämpfer besiegte, und auch das kleine Ungeheuer habe ich erschlagen. Weil draußen vor dem Tor so viele Krieger standen, habe ich mich in die Gestalt von ›Komm-und-Geh‹ verwandelt und mich auf Gedeih und Verderb der Gefahr ausgeliefert, hierherzukommen, um Euch Kunde zu bringen.« Nachdem die Königin alles vernommen hatte, versank sie in nachdenkliches Schweigen. Da zog Pilger die Armreife hervor, brachte sie der Königin mit beiden Händen dar und sprach: »Falls Ihr es nicht glauben mögt, dann schaut her: Woher sind diese Reife?« Wie die Königin den Schmuck erblickte, brach sie in Tränen aus, kniete vor Pilger nieder und rief: »Priester! Ihr wollt mich also wirklich retten und in den Palast zurückbringen! Eure Gunst werde ich bis zum Lebensende nicht vergessen!« Pilger aber fragte: »Könnt Ihr mir vielleicht sagen, was für ein Schatz das ist, mit dem er Feuer, Rauch und Sand machen kann?« »Das ist doch kein Schatz«, erwiderte die Königin, »es sind bloß drei kleine goldene Schellen. Wenn er die erste schüttelt, verbreitet sich Feuer im Ausmaß von dreihundert Klaftern; wenn er die zweite schüttelt, steigt beißender Qualm über dreihundert Klafter auf, und wenn er die dritte schüttelt, dann weht ein Sandsturm, ebenfalls über dreihundert Klafter hinweg. Rauch und Feuer sind nicht allzu schlimm, am gefährlichsten ist dieser gelbe Sand, schon wenn nur wenig davon in die Nase dringt, kann es tödlich enden.« »Das klingt allerdings gefährlich«, meinte Pilger. »Wo verwahrt er diese Glöckchen denn?« »Er würde sie niemals niederlegen!« rief die Königin, »immer trägt er sie am Gürtel; wo er geht und steht, wacht und schläft; nie legt er sie ab.« Da meinte Pilger: »Falls Ihr gewillt seid, den König wiederzusehen und Eurem Leid ein Ende zu setzen, dann müsst Ihr nun vor dem Dämon ein fröhliches Gesicht aufsetzen und so tun, als würdet Ihr ihn begehren. Unter dem Vorwand ehelicher Bande müsst Ihr ihn dazu bewegen, Euch die Glöckchen in Verwahrung zu geben. Sobald ich sie habe, kann ich das Ungeheuer bändigen. Und dann werde ich Euch nach Hause führen, damit Ihr wieder wie ein glückliches Phönixpaar zusammenleben könnt.« Die Königin versprach zu tun wie geheißen, Pilger aber verwandelte sich abermals in den Botengänger, öffnete die Tür und hieß die Zofen zurückkommen. »Komm-und-Geh!« rief die Königin, »geh sofort zum Pavillon und bitte den Großen König hierher, ich möchte mit ihm sprechen.« Pilger bejahte, kehrte zum Häutungs-Pavillon zurück und sprach zum Dämon: »Großer König, die Königin bittet Euch in ihr Gemach!« Da meinte der Dämon erfreut: »Normalerweise schimpft sie nur auf mich, wie kommt es, dass sie mich heute rufen lässt?« »Als sie nach dem König von Purpurien gefragt hat, habe ich ihr gesagt: ›Er hat sich eine andere zur Königin genommen und will Euch nicht mehr haben.‹ Da war all ihre Hoffnung dahin, und darum bittet sie Euch nun, zu ihr zu kommen.« »Du bist wirklich zu was nütze«, meinte der Dämon erheitert, »sobald ich jenes Reich vernichtet habe, mache ich dich zum Hofminister für Personale Angelegenheiten.« Pilger bedankte sich und folgte dem Dämonenkönig zu den hinteren Gemächern. Dort empfing die Königin den Dämon mit freudiger Miene und machte Anstalten, ihn beim Arm zu fassen. Furchtsam wich der Dämon aus und sprach: »Ich danke sehr für deine Zuneigung, doch fürchte ich die Schmerzen, drum will ich dir lieber nicht zu nahe kommen.« »Setzt Euch bitte, großer König«, sprach die Königin, »ich möchte Euch etwas sagen.« »Sprich nur frei und unbefangen!« »Drei Jahre sind es nun, dass ich Eure geschätzte Liebe erfahren darf, Großer König. Obschon es uns bislang nicht vergönnt war, auf demselben Kissen unter einer Decke zu weilen, zeugt doch unsere Ehe davon, dass uns sicherlich ein vergangenes Leben schicksalhaft verbindet. Allerdings hätte ich nicht gedacht, dass Ihr, Großer König, etwas gegen mich haben würdet und mich nicht wirklich als Eure Gemahlin betrachtet. Wenn ich nur daran denke, wie es damals in Purpurien war: Immer wenn ausländische Gesandte Tributgeschenke brachten, gab mir der König, nachdem er alles gesichtet hatte, die Schätze in Verwahrung. Ihr hingegen habt gar keine Kostbarkeiten, und wenn, so lasst Ihr sie mich weder sehen, noch wollt mir etwas davon geben. Zum Beispiel habe ich gehört, dass Ihr drei Schellen besitzen sollt, das scheint so eine Art Schatz zu sein. Doch warum tragt Ihr diese stets an Euch, wo immer Ihr steht und geht? Gebt sie mir doch in Verwahrung, und nehmt sie dann, wenn Ihr sie braucht. Das ist doch kein Ding der Unmöglichkeit; schließlich leben wir in trauter Ehe beisammen. Eine solche Geste würde Eure Verbundenheit mit mir bezeugen. Wenn Ihr aber immer alles für Euch behaltet, kann das doch nichts anderes bedeuten, als dass Ihr irgendetwas gegen mich habt?« Da lachte der Dämonenkönig entgegenkommend und sprach: »Ihr tadelt mich zu Recht, meine Königin! Hier ist mein Schatz, ab sofort sei er bei Euch in Verwahrung!« Schon lüftete er sein Gewand, und Pilger, der danebenstand, heftete seinen Blick darauf, während der Dämon unter zwei, drei Schichten seine Schellen hervorklaubte, die er zuinnerst auf der Haut trug. Er löste sie vom Strick, stopfte die Öffnungen mit Watte zu, wickelte ein Pantherfell darum und reichte es der Königin mit den Worten: »Zwar ist das nichts Großes, doch verwahrt es mit Acht. Keinesfalls dürft Ihr die Schellen schütteln!« Die Königin nahm das Päckchen und sprach: »Verstehe. Ich lege sie hier auf meinen Schminktisch, da wird niemand etwas nehmen.« Und sie rief: »Wein auftragen, Zofen! Ich will mit dem Großen König auf das frohe Ereignis trinken!« Alsbald wurden Wein und Fleischhäppchen aufgetischt. Da kehrte die Königin all ihren Charme hervor, tändelte mit dem Dämonenkönig und verdrehte ihm die Augen, während Pilger geschäftig hin und her schlich, sich endlich dem Schminktisch näherte und die Schellen sachte aufhob und einsteckte. Dann huschte er durchs Palasttor zum Häutungs-Pavillon, wo niemand zu sehen war, rollte das Pantherfell auf und besah sich die Schellen. Die mittlere hatte die Größe einer Teeschale, die beiden anderen waren etwa faustgroß. Ohne zu wissen, worauf er sich einließ, zupfte er die Wattebäusche heraus. Da zischte es, und aus den Schellen sprühten Rauch, Feuer und Sand, was er in der Eile nicht mehr aufzuhalten wusste. Schon stand der ganze Pavillon in Flammen. Hals über Kopf stoben die Ungeheuer, die am Tor Wache hielten, zum Wohngemach und schrien dem Dämonenkönig zu: »Hilfe, Feuer!« Und wie alle herbeieilten, sahen sie »Komm-und-Geh« mit den Schellen dastehen! Der Dämonenkönig schritt auf ihn zu und brüllte: »Du schändlicher Sklave! Wie kannst du dich an meinem Schatz vergreifen und solchen Unfug treiben!« Und er schrie: »Festnehmen!« Schon stürzten sich alle Ungeheuer auf ihn; Pilger bekam es mit der Angst zu tun, ließ die Schellen fallen, nahm seine eigene Gestalt an und begann mit dem Goldreifstab blind um sich zu schlagen. Der Dämon aber nahm seine Schellen und befahl, alle Tore zu verriegeln. Wie Pilger nun gewahrte, dass er nicht entweichen konnte, steckte er die Stange ein, machte einen leichten Dreh und flog in Gestalt einer wirren Schmeißfliege auf eine Felswand, wo kein Feuer brannte. Die Ungeheuer konnten ihn nicht mehr finden und meldeten: »Großer König, der Dieb ist entkommen!« »Ist er etwa zum Tor hinaus?« fragte der Dämon, doch die Ungeheuer beteuerten: »Das vordere Tor ist verriegelt, da konnte er nicht durch.« Der Dämon befahl, alles aufs gründlichste zu durchsuchen, doch man fand keine Spur. Da brüllte er wutentbrannt: »Welcher Schuft hat sich da in ›Komm-und-Geh‹ verwandelt? Wer hat sich erdreistet, reinzukommen und mit mir zu sprechen, mir am Ende gar zu folgen und meine Schellen zu stehlen! Ein Glück, dass er sie nicht ins Freie mitgenommen hat; nicht auszudenken, was geschehen wäre, wenn er sie draußen in den Wind gehalten hätte!« Da trat ein Tigergeneral vor und sprach: »Großer König, der Dieb war kein anderer als jener Sun Wukong, der den Vorkämpfer besiegt hat! Er muss unterwegs ›Komm-und-Geh‹ begegnet sein, ihn erschlagen und und sich mit Gong und Flagge in seine Gestalt verwandelt haben, um Euch hinters Licht zu führen.« »Wahrhaftig, so muss es sein«, sprach der Dämonenkönig, »das ergibt Sinn.« Und er befahl dem Gesinde: »Haltet sorgfältig Wache und lasst ihn auf keinen Fall zum Tor hinaus!« So war es in der Tat: Ein kluger Plan kommt unbedacht zu Fall; Aus einem Spiel wird unerwartet Ernst. Und da wir nicht wissen, wie Pilger schließlich zu entkommen vermochte, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第071回 / 71. Kapitel Unter falschem Namen bekämpft Pilger den Dämon / Guanyin offenbart sich und bezwingt das Ungeheuer Wie wir berichtet haben, hatte der Mächtige Unglücksstern seine Tore verriegelt und suchte nun überall nach Pilger, doch man fand keine Spur. Schließlich setzte er sich in den Häutungs-Pavillon, versammelte all seine Ungeheuer und schärfte ihnen ein, mit höchster Aufmerksamkeit Nachtwache zu halten. Der Große Heilige aber saß weiterhin in Gestalt einer wirren Schmeißfliege an der Wand beim Eingangstor. Als er sah, dass der vordere Teil der Grotte so stark überwacht wurde, schwirrte er nach hinten, wo er schon am Eingang zu den Wohngemächern sehen konnte, wie die Königin der Goldenen Heiligkeit einsam über einen Tisch gebeugt saß und verhalten vor sich hin schluchzte. Pilger surrte hinein und landete sachte auf dem tiefschwarzen losen Haar. Da hörte er, wie sie vor sich hin redete und sprach: »Ach, mein Gemahl! Brachten wir denn, ich und du, Einst in einem früheren Leben Wohl zerbrochenen Weihrauch dar,394 Dass wir einsam trauern müssen Als getrenntes Phönixpaar! Noch ist unklar, ob der Priester Sündhaft oder heilsam war, Doch ist meine Sehnsucht nun Brennender als je zuvor!« Als er dies vernommen hatte, schwirrte er hinter ihr Ohr und wisperte: »Königin der Goldenen Heiligkeit, fürchtet Euch nicht! Ich bin wiederum der von Eurem Königreich gesandte göttliche Priester Sun. Ich bin unversehrt, nur habe ich leider im Übereifer die Schellen gleich zum Pavillon mitgenommen und es dort nicht lassen können, das Päckchen aufzumachen. Und wie dann plötzlich Rauch und Feuer sprühten, sind mir die Schellen vor Schreck aus der Hand gefallen, und ich habe mich nach einem bitteren Kampf, weil es mir nicht gelungen ist zu fliehen, in eine Fliege verwandelt. So habe ich mich eine Zeitlang beim Eingangstor versteckt, aus Furcht vor den Gegnern. Doch jetzt lässt der Dämonenkönig alles streng bewachen und hält die Tore verriegelt. Am besten wäre, Ihr würdet ihn noch einmal hierherlocken und ihm das Bett bereitmachen, dann komme ich hier weg und kann das weitere Vorgehen überdenken!« Die Königin hatte diese Worte mit pochendem Herzen und wachsender Beklemmung vernommen. Endlich fragte sie schluchzend: »Seid Ihr denn ein Mensch oder ein Gespenst?« »Weder Mensch noch Gespenst«, gab Pilger zur Antwort, »ich bin in Gestalt einer Fliege hier. Macht Euch keine Sorgen, lasst einfach gleich den Dämonenkönig kommen!« »Dass Ihr mich bloß nicht zum Narren haltet!« hauchte die Königin. »Wie könnte ich Euch zum Narren halten?« gab Pilger zurück. »Wenn Ihr mir nicht glaubt, dann haltet mal Eure Hand hin; ich werde darauf landen, damit Ihr mich sehen könnt.« Die Königin streckte tatsächlich ihre linke Handfläche aus, und Pilger ließ sich sachte darauf nieder. Da erhob die Königin ihre edle Hand und hauchte: »Göttlicher Priester!« »Ich bin die Verwandlung des Göttlichen Priesters«, wisperte Pilger. Da glaubte ihm die Königin und flüsterte: »Wie wollt Ihr vorgehen, wenn ich jetzt den Dämon kommen lasse?« »Es sagten doch schon die alten Weisen: ›Nichts ist besser als der Wein, um Dinge aufzubrechen.‹ Lasst ihn einfach trinken. Ruft mal Eure vertrauteste Zofe, damit ich sie sehen kann. Ich werde dann in ihrer Gestalt Euch zu Diensten stehen, so kann ich am besten Hand anlegen.« Da rief die Königin: »Lenzfreude, wo bist du?« Hinter einem Paravent trat eine Füchsin mit hellem Gesicht hervor, kniete nieder und fragte: »Welchen Befehl darf Lenzfreude entgegennehmen?« »Rufe die anderen herein. Sie sollen Lampions anzünden und die Kammer mit Moschus parfümieren. Dann führt mich in den vorderen Palast, damit ich den Großen König zu Bett bitte.« Rasch rief Lenzfreude acht Reh- und Fuchsgeister, die alsbald mit vier Lampions und zwei aufhängbaren Weihrauchgefäßen erschienen und dieselben zu beiden Seiten anbrachten, derweil sich die Königin zum Gehen erhob. Pilger aber klaubte ein Schlafkäferchen vom Gürtel und setzte es Lenzfreude sachte ins Gesicht. Schon wurde sie von so großer Müdigkeit übermannt, dass sie sich nicht mehr aufrecht halten konnte; eilig suchte sie einen stillen Winkel und nickte auf der Stelle ein. Da sprang Pilger herab, verwandelte sich mit einem leichten Dreh in die Gestalt von Lenzfreude und folgte der Königin in die vorderen Hallen, wo dem Dämonenkönig ihr Kommen bereits gemeldet worden war. Dieser trat sofort zum Empfang aus dem Pavillon, und die Königin sprach: »Großer König! Rauch und Feuer sind gelöscht, und der Dieb ist verschwunden. Jetzt bin ich eigens hier, Euch zu dieser späten Stunde zur Ruhe zu bitten.« Der Unhold freute sich und sprach: »Habt acht, meine Gemahlin. Der Dieb war Sun Wukong, das ist derselbe, der meinen Vorkämpfer besiegt und den Boten getötet hat. Er hat sich in einer Verwandlung eingeschlichen und uns betrogen. Obwohl wir alles sorgfältig durchsucht haben, bleibt er unauffindbar. Das lässt mir keine Ruhe.« »Der Kerl hat sich gewiss aus dem Staub gemacht«, meinte die Königin. »Macht Euch keine Sorgen, Großer König, legt Euch schlafen.« Als die Königin respektvoll wartend neben ihm stehen blieb, konnte der Dämon ihre Bitte nicht länger ausschlagen. Er befahl seinen Ungeheuern, achtsam Wache zu halten, und ging mit der Königin zu den hinteren Gemächern. Pilger folgte in Gestalt von Lenzfreude mit zwei anderen Zofen nach. »Bringt Wein, damit sich der Große König erholen kann!« rief die Königin, und sogleich tischte die falsche Lenzfreude Wein und Erfrischungen auf. Artig hob die Königin den Becher, der Dämonenkönig tat es ihr nach, und sie tauschten die Becher untereinander aus. Da meinte die falsche Lenzfreude, die mit dem Weinkrug aufwartete: »Nun, Großer König, tauscht Ihr also endlich mit Eurer Gemahlin den Kelch! Trinkt diesen Becher, und dann einen zweiten auf Euer Eheglück!« Tatsächlich ließen sich beide aufs Neue eingießen und tranken, und die falsche Lenzfreude sprach: »Zum trauten Beisammensein von König und Königin mögen alle Zofen mit Gesang und Tanz aufspielen!« In der Folge leerten beide immer wieder ihre Becher, bis die Königin Gesang und Tanz beenden ließ und sich die Zofen in geordneten Reihen hinter die Paravents zurückzogen. Nur die falsche Lenzfreude blieb mit dem Weinkrug und füllte weiterhin die Becher auf. Derweil unterhielt die Königin den Dämon mit Liebesgeflüster, das ganze Gemach schien erfüllt von ihren Reizen, und dem Dämon wurde ganz anders zumute. Allein, er konnte sie ja nicht berühren. Das war nun in der Tat wie die sprichwörtliche Katze, die in eine Blase beißt: Umsonst gefreut! Nachdem sie eine Weile zärtliche Worte getauscht hatten, fragte die Königin: »Großer König, ist denn Euer Schatz unversehrt?« »Die Schellen sind noch älter als der Uranfang des Himmels«, entgegnete der Dämon, »sie kommen niemals zu Schaden. Nur das Pantherfell ist verbrannt, weil jener Kerl die Watte aus den Schellen genommen hat.« »An welchem Ort wollt Ihr sie denn jetzt verwahren?« fragte die Königin. »Ich brauche sie an keinem Ort zu verwahren, habe sie doch hier am Gürtel!« Wie Pilger, die falsche Lenzfreude, dies vernahm, zupfte er sich gleich ein paar Pelzhaare aus, zerkaute sie und setzte sie sachte auf den Dämon, während er seinen himmlischen Odem darauf hauchte und flüsterte: »Verwandlung!« Schon wurden die Haare zu dreierlei Ungeziefer: Läuse, Flöhe und Wanzen. Alsbald krochen sie dem Dämon in die Kleider und begannen ihn zu stechen. Das Jucken war so unerträglich, dass der Dämonenkönig schließlich in den Kragen langte und zu kratzen begann, und als er die Hand wieder herauszog, betrachtete er unter einem Lampion die Laus, die er herausgeklaubt hatte. Die Königin bemerkte es und meinte spöttisch: »Großer König, das kommt wohl daher, dass Ihr Euer Hemd lange nicht gewaschen habt.« »Ich habe doch sonst nie Ungeziefer«, erwiderte der Dämon beschämt. »Ausgerechnet jetzt muss ich mich damit blamieren!« »Ihr blamiert Euch nicht, Großer König«, lächelte die Königin, »es ist doch bloß, wie man sagt: ›Auch der Kaiser hat drei majestätische Läuse am Leib‹! Zieht Euch aus, ich werde die Tierchen wegmachen.« Tatsächlich begann sich der Dämon zu entkleiden. Die falsche Lenzfreude stand daneben und beobachtete ihn genau. Sämtliche Kleidungsstücke waren voller Flöhe, Läuse und Wanzen! Endlich lüftete der Dämon auch die dritte Schicht, unter der die Haut zum Vorschein kam, und nun sah man, dass auch die Schellen voller Ungeziefer waren. »Großer König«, sprach die falsche Lenzfreude, »gebt mir die Schellen, ich will sie von den Läusen reinmachen.« In seiner Beschämung war der Dämonenkönig außerstande, echt und falsch zu unterscheiden, und so reichte er seine Schellen der falschen Lenzfreude. Pilger nahm sie, hantierte einen Weile herum, und als sich der Dämon über seine Gewänder beugte, um sie auszuschütteln, steckte er die Schellen ein und zauberte aus einem Pelzhaar goldene Schellen, die genau gleich aussahen wie die echten. Diese drehte er nun unter einem Lampion prüfend hin und her und wiegte sich dienernd in den Hüften, um mit dieser Bewegung Flöhe, Läuse und Wanzen wieder einfangen zu können. Schließlich hielt er dem Dämon die goldenen Schellen hin, dieser nahm sie entgegen und bot sie mit beiden Händen der Königin dar, mit den Worten: »Diesmal müsst Ihr sie aber gut verwahren, nicht dass es wieder geht wie beim letzten Mal!« Die Königin legte die Schellen in ihre Kleidertruhe und schloss diese mit einem goldenen Riegel ab. Abermals trank sie dem Dämon ein paar Becher zu und hieß die Zofen das schmucke Himmelbett bereitmachen. Dann lüftete sie die damastseidenen Decken und hauchte: »Ich möchte das Bett mit Euch teilen, Großer König.« Der Dämon aber winkte betreten ab und meinte: »Dieses Glück ist mir nicht vergönnt; ich wage Euch nicht Gesellschaft zu leisten. Ich will mir lieber im Westgemach eine Konkubine nehmen. Möge es sich die Königin alleine bequem machen.« Wie nun beide ihr eigenes Lager bezogen, sei hier nicht weiter ausgeführt. Berichten wir stattdessen, wie Pilger, der als falsche Lenzfreude sein Ziel erreicht hatte, die Schellen an seinem Gürtel befestigte, wieder in der eigenen Gestalt erschien, sein Schlafkäferchen aufnahm und zum vorderen Teil des Palastes eilte, wo mit Warnglocken und Klappern Nachtwache gehalten wurden. Mit einem Zauber machte er sich unsichtbar und ging auf das Portal zu, das fest verriegelt war. Nachdem er die Schlösser mit einem magischen Trick geöffnet hatte, tat sich das Tor leise auf, und er schlüpfte nach draußen. Dort blieb er stehen und schrie: »Mächtiger Unglücksstern! Gib die Königin der Goldenen Heiligkeit zurück!« Diesen Ruf wiederholte er mehrmals. Die erschrockenen Ungeheuer blickten hastig um sich und bemerkten auf einmal, dass das Tor offen stand. Schnell schoben sie den Riegel vor und schickten ein paar Ungeheuer, im Wohnpalast Meldung zu erstatten, doch diese wurden von Zofen aufgehalten mit den Worten: »Still, der Große König ist eben erst eingeschlafen!« So ging das drei, vier Mal hin und her, derweil der Große Heilige draußen vor dem Tor weitertobte, bis der Morgen dämmerte. Da konnte er sich nicht länger halten, holte weit aus und ließ seine Eisenstange auf das Tor schmettern. Der Dämonenkönig schreckte aus dem Schlaf und vernahm ein Geschrei. Da stand er auf und fragte: »Was soll dieser Lärm?« Jetzt erst knieten die Zofen vor ihm nieder und sprachen: »Werter Herr, irgendjemand hat die halbe Nacht draußen vor dem Tor Radau gemacht, und jetzt hat er es eingeschlagen!« Als der Dämonenkönig aus dem Wohnpalast kam, sah er die verstörten Ungeheuer, die ihm zuriefen: »Draußen lärmt jemand herum und schreit, er wolle die Königin der Goldenen Heiligkeit haben! Die ganze Zeit hat er nichts als Schimpf und Schande gerufen, das war unschön anzuhören. Als Ihr, Großer König, zur frühen Morgenstunde noch nicht gekommen seid, hat er angefangen, auf das Tor einzuhauen.« »Macht nicht auf!« befahl der Dämon, »fragt, woher er kommt und wie sein Name lautet, und dann stattet mir Bericht ab.« Die kleinen Ungeheuer eilten zum Eingang und riefen durch die verschlossene Tür: »Wer ist es, der ans Tor schlägt?« »Ich bin der von Purpurien abgesandte Ahnherr von Außen395 und bin hier, die Königin der Goldenen Heiligkeit heimzuführen!« Die kleinen Ungeheuer meldeten den Wortlaut dem Dämon, worauf dieser zu den Wohngemächern ging, um sich nach dem Genannten zu erkundigen. Die Königin war eben aufgestanden und machte sich in aller Eile zurecht, den Dämon zu empfangen. Doch kaum hatten sie sich gesetzt, meldete, noch bevor er seine Frage stellen konnte, eines der kleinen Ungeheuer: »Jener Ahnherr von Außen hat das Tor zertrümmert!« Der Dämon aber lachte nur und sprach: »Werte Gemahlin, wie viele Generäle gibt es bei Euch am Hofe?« »Am Hof sind achtundvierzig Palasttruppen, dazu gibt es gut tausend hohe Generäle; an den Grenzen sind Marschälle und zahllose Soldaten.« »Ist darunter irgendeiner mit Nachnamen von Außen?« fragte der Dämon. »Wie soll ich denn am Hofe alle Namen kennen?« »Der Eindringling nennt sich Ahnherr von Außen, doch will mir scheinen, im ›Buch der Hundert Sippen‹ sei kein solches Geschlecht verzeichnet. Ihr aber, Königin, seid doch gebildet und von edler Abstammung; gewiss habt Ihr bei Hofe viele Bücher gelesen. Könnt Ihr Euch an ein Werk erinnern, in dem dieser Sippenname verzeichnet ist?« Da gab die Königin zur Antwort: »Nur im ›Tausend- Zeichen-Klassiker‹, da gibt es eine Stelle, die lautet: ›Von außen her erhalte man des Meisters Anweisung‹. Das wird es wohl sein?«397 »Ja, das muss es sein!« rief der Dämon erleichtert. Dann erhob er sich, verabschiedete sich von der Königin und ging zum Häutungs-Pavillon. Dort legte er die Rüstung um und trat schließlich mit einer Truppe dämonischer Soldaten im Gefolge und einer ziervollen Axt in der Hand hinaus und schrie: »Wo ist dieser Ahnherr von Außen aus Purpurien?« Pilger zückte den Goldreifstab und rief: »Wie nennst du mich, liebes Kind?« Da begriff der Dämon, und er brüllte wutentbrannt: »Du elender Kerl, wie kannst du es wagen, dich ›Ahnherr‹ zu heißen! Man braucht dich doch bloß anzuschauen: Aussehn tust du wie ein Affe, Wie ’ne Meerkatze dein Maul, Zu zwei Dritteln ein Gespenst, Wagst du hier zu schwindeln faul!« »Du Lump hast wohl keine Augen im Kopf!« höhnte Pilger. »Als ich alter Sun im Himmel Aufruhr gemacht habe, hat kein einziger Gott sich getraut, mich nicht mit ›Ehrwürden‹ anzureden. Es geht dir doch nichts ab, wenn du mich Ahnherr nennst!« »Dann bist du jener Lümmel, der den Aufruhr im Himmelspalast gemacht hat!« fauchte der Dämonenkönig. »Wenn du schon heil davongekommen bist und jetzt den chinesischen Priester in den Westen begleitest, dann geh doch deiner Wege! Wozu lässt du dich in Purpurien als Sklave anheuern und suchst hier den Tod?« »Du elender Diebesteufel!« schrie Pilger, »was hast du für eine Ahnung! Der König von Purpurien begegnet mir mit Hochachtung; er behandelt mich wie seine eigenen Eltern, ja wie einen Gott. Wie kannst du dich erdreisten, das Wort ›Sklave‹ zu benutzen! Stillgestanden, lass dir von deinem Ahnherrn eins in die Fresse hauen!« Blitzschnell wich der Dämon aus und trat ihm mit erhobener Axt entgegen, dann fochten die beiden gut fünfzig Runden aus, ohne dass eine Entscheidung fiel. Schließlich sah der Dämon ein, dass Pilger überragende Fähigkeiten hatte und er ihn kaum je würde besiegen können. Also hielt er seine Axt gegen die Eisenstange und sprach: »Pilger Sun, halt inne. Ich habe heute noch gar nichts gegessen; warte mal, sobald ich satt bin, will ich mit dir einen Entscheidungskampf ausfechten.« Pilger wusste natürlich, dass der Dämon seine Schellen holen wollte. Also steckte er die Stange ein und meinte: »Ein Held läuft keinem matten Hasen nach. Geh nur essen, und wenn du satt bist, kannst du hier in den Tod rennen.« Schnell wandte sich der Dämon ab, stürzte in die Grotte und rief der Königin zu: »Gib mir sofort meinen Schatz!« »Was wollt Ihr damit?« fragte die Königin. »Es ist Sun Wukong, der da draußen zum Kampf aufgerufen hat. Er hat sich bloß als Ahnherr ausgegeben. Ich habe die ganze Zeit über mit ihm gekämpft, ohne dass eine Entscheidung fiel. Jetzt mache ich mit den Schellen Feuer und Rauch, bis dieser Affe verbrennt.« Als die Königin das hörte, begann ihr Herz wild zu pochen. Sie zögerte, doch als der Dämon drängte, blieb ihr schließlich nichts anderes übrig, als den Kasten zu entriegeln und die drei Schellen auszuhändigen. Der Dämon lief damit hinaus, während die Königin unter Tränen niedersank und sich große Sorgen machte, ob Pilger wohl lebend davonkommen würde. Wie der Dämon aus dem Tor trat, rief er im sicheren Gefühl seiner Überlegenheit: »Stillgestanden, Pilger Sun! Jetzt will ich meine Schellen läuten!« Pilger lachte nur und gab zurück: »So, du hast Schellen? Glaubst du denn, ich hätte keine? Denkst du, wenn du damit bimmelst, könnte ich das nicht ebenso?« »Was für Schellen hast du denn? Lass sehen!« rief der Dämon. Pilger steckte seinen Goldreifstab zurück, löste die drei echten Zauberschätze vom Gürtel und rief: »Das sind sie, meine Schellen aus Purpurgold!« Der Dämon erschrak und sann: »Seltsam! Wieso sehen die genau gleich aus wie meine?« Dann fragte er: »Woher hast du denn diese Schellen?« »Woher hast du die deinen, mein Kind?« fragte Pilger zurück. Da sprach der Dämon: »Diese meine Schellen wurden In Gefilden höchster Reinheit, Wo des Dao Ursprung liegt, In dem Herd der Hexagramme Als Metalle lang legiert. So entstanden diese Schellen Als das wahrhaft beste Gut, Das der Alte Meister Laozi Bis zu diesem Tag bewahrt.« »Ha, meine Schellen sind auch aus jener Zeit«, lachte Pilger. »Wie kann das denn sein?« wunderte sich der Dämon. Da erklärte Pilger: »Diese meine Schellen Hat der Patriarch des Dao, Der die Elixiere braut, Im Tusita-Hof geläutert Und zu Schellen ausgebaut. Zweimal Drei ergibt die Sechs, Edle Kreislaufbahn vom Sein;398 Meine sind die weiblichen, Die männlichen sind dein!« »Diese Schellen sind doch keine Tiere, es sind Schätze des Goldenen Elixiers!« rief der Dämon empört. »Sie können doch nicht männlich oder weiblich sein! Aber wie auch immer, gut sind die, mit denen man zaubern kann.« »Worte zählen nicht«, versetzte Pilger, »probier’s erst mal aus.« Tatsächlich nahm der Dämon jetzt die erste Schelle und schüttelte sie drei Mal. Kein Feuer kam heraus. Da schüttelte er die zweite drei Mal, doch kein Rauch entstand, und bei der dritten blieb auch der Sand aus. Da bekam es der Dämon mit der Angst zu tun und rief: »Seltsam, unbegreiflich! Die Welt muss sich geändert haben. Die Schellen stehen ja unter dem Pantoffel; vor dem Weibchen versagt das Männchen!« »Dann halt mal inne, mein Kind«, rief Pilger, »lass mich mal die Schellen schütteln!« Schon packte er alle drei auf einmal und begann zu schütteln. Seht, wie es schlagartig feuerrot auflodert, düstere Rauchschwaden emporsteigen und gelber Sand sprüht! Binnen kurzem standen Bäume und bald gar der ganze Berg in Flammen. Der Große Heilige aber murmelte einen Zauberspruch und ließ aus der Richtung des südöstlichen Wind-Trigramms Xun einen Sturm aufziehen. So war es in der Tat: Die Böe facht das Feuer an, Es lodert mächtig im Orkan, Rote Flammen glühen, Dunkle Schwaden wallen! Der ganze Himmel steht in Brand, Am Boden lauter gelber Sand! Der Mächtige Unglücksstern war zu Tode erschrocken. Jetzt blieb kein Ausweg mehr; wie hätte er sich aus dieser Feuersbrunst je retten können! Doch da erklang eine Stimme in der Höhe: »Sun Wukong, ich bin hier!« Jäh hob Pilger den Kopf und gewahrte die Bodhisattva Guanyin. Mit ihrer Reinen Vase in der linken Hand und dem Weidenzweig in der rechten sprühte sie süßen Tau hernieder, um das Feuer zu löschen. Bestürzt knüpfte Pilger die Schellen an den Gürtel und warf sich mit gefalteten Händen nieder. Die Bodhisattva aber fuhr mit ihrem Weidenzweig über die Flammen, Rauch und Feuer vergingen, und auch der Sand war auf einmal verschwunden. Pilger schlug die Stirn auf den Boden und sprach: »Ich wusste nicht, dass Ihr auf Erden seid, o Göttin der Großen Barmherzigkeit! Verzeiht, dass ich Euch nicht gebührend empfangen habe! Darf ich fragen, Bodhisattva, wohin Ihr Euch begeben wollt?« Guanyin sprach: »Ich bin eigens gekommen, dieses Ungeheuer einzufangen.« »Woher stammt denn dieser Dämon, dass wir gar Eure Heiligkeit in diese niederen Gefilde bemühen müssen?« »Es ist die goldbehaarte Bestie, die mir als Reittier dient«, antwortete die Bodhisattva. »Der Hirtenjunge ist eingeschlafen, seine Wachsamkeit war dahin, und so hat das Untier den Strick durchgebissen und ist hierhergekommen, um den König von Purpurien von seinem Leid zu befreien.« »Umgekehrt, Bodhisattva«, widersprach Pilger. »Der Dämon hat König und Königin betrogen und dem König ein großes Leid zugefügt. Warum sagt Ihr stattdessen, er habe ihn vom Leid befreit?« »Du weißt eben noch nicht alles«, entgegnete die Bodhisattva. »Damals, als in Purpurien noch der alte König herrschte, weilte der jetzige König als Kronprinz im Ostpalast. In jungen Jahren liebte er die Jagd über alles, und so kam er eines Tages mit einer Jagdgesellschaft an den Phönixhügel, wo er Jagdfalken und Hunde losließ. Am Fuß des Hügels aber befanden sich gerade zwei junge Pfauen, ein Weibchen und ein Männchen, und das waren die Kinder der Buddha-Mutter aus dem Westen, der großen erleuchteten Pfauen-Bodhisattva. Der Prinz aber spannte seinen Bogen und streckte das Pfauenmännchen nieder, während das Weibchen mit einem Pfeil im Leib nach Westen floh. Da verdammte die Pfauen- Bodhisattva den Prinzen zu einer dreijährigen Trennung von seiner Gattin und zu einer langwierigen Krankheit aufgrund der Trennung. Damals habe ich gerade diese Bestie geritten, daher muss sie wohl die Geschichte mitbekommen und sich die Sache gemerkt haben, so dass sie nun eigens gekommen ist, die Königin zu rauben, damit der König seine Schuld abbüßen kann. Nun sind aber die drei Jahre vergangen, die Leidenszeit ist um, und zum Glück bist du gekommen, den König zu heilen. Ich aber bin hier, um den Dämon einzufangen.« »Aber Bodhisattva«, versetzte Pilger, »auch wenn eine solche Geschichte dahintersteckt, hat er sich immerhin an der Königin vergriffen; das verstößt gegen Sitte und Recht, dafür hätte er den Tod verdient. Da Ihr heute eigens hinunter auf Erden gekommen seid, mag ihm die Todesstrafe erspart bleiben, doch lasst mich wenigstens zwanzig Stockschläge verabreichen, dann mag er mit Euch ziehen!« »Wukong«, entgegnete die Bodhisattva, »du siehst ja, dass ich eigens hinab auf Erden gekommen bin, also verschone ihn bitte, mir zuliebe!« Pilger wagte nichts mehr einzuwenden. Guanyin aber rief mit strenger Stimme: »Sündenbiest! Willst du dich wohl endlich zurückverwandeln? Worauf wartest du noch?« Da rollte sich das Ungeheuer über den Boden, nahm seine ursprüngliche Gestalt an und schüttelte sein Fell; Guanyin aber schwang sich auf seinen Rücken. Wie sie gewahrte, dass an seinem Hals die drei goldenen Schellen fehlten, rief sie: »Wukong, gib mir die Schellen wieder!« »Wukong, gib mir die Schellen wieder!« »Ich habe keine gesehen«, gab dieser zurück. »Dann will ich gleich mal den Reifverengungsspruch aufsagen«, versetzte die Bodhisattva. Pilger erschrak, und es blieb ihm nichts anderes übrig, als ihr die Schellen darzubringen. So war es in der Tat: Wer war es, der die Schellen Vom Hals der Bestie nahm? Die Antwort auf die Frage Weiß, wer sie drangetan! Guanyin legte dem Untier die Schellen um und rief: »Los!« Seht nur: Wie unter seinen Pranken Lotosblüten schimmern, Die goldnen Haare wallend An seinem Leibe flimmern! So schwebten sie im Nu zum Südmeer hinweg. Der Große Heilige aber stürmte mit wirbelnder Eisenstange in die Chimärengrotte, vernichtete sämtliche Ungeheuer und eilte schließlich zu den Wohngemächern, wo er die Königin aufforderte, mit in ihr Land zurückzukehren. Diese warf sich nieder und dankte ihm mit vielen Stirnaufschlägen. Pilger suchte ein paar biegsame Halme, die er zu einem Drachen zusammenflocht, dann hieß er die Königin aufsitzen und ohne Furcht die Augen schließen, und entfachte einen göttlichen Windstoß. Es sauste und brauste, bis sie nach kurzer Zeit den Palast erreichten, wo Pilger die Wolke senkte und rief: »Augen auf, Königin!« Der Blick der Königin fiel auf die vertrauten Hallen und Dächer des Palastes. Überglücklich ließ sie den Grasdrachen liegen und trat mit Pilger in die Audienzhalle. Der König stieg unverzüglich vom Thron, fasste nach ihrer Hand und wollte gerade sein Glück in Worte fassen, als ihn plötzlich ein so heftiger Schmerz durchzuckte, dass er zu Boden stürzte. »Oh, die Hand schmerzt!« rief er in einem fort. Bajie prustete vor Lachen und rief: »Haha, Pech gehabt, der kriegt nichts zu naschen. Kaum hat er sie erblickt, gibt sie ihm den Todesstoß!« »Tölpel!« versetzte Pilger, »traust du dich etwa, sie anzufassen?« »Warum auch nicht?« »Die Königin hat giftige Stacheln am ganzen Leib«, erklärte Pilger, »in den drei Jahren auf dem Kirin-Berg hat der Dämon sie nie beflecken können. Wenn er sich ihrer bemächtigen wollte, kriegte er Schmerzen am Leib, wenn er ihre Hand fasste, schmerzte ihn die Hand.« Ratlos sprachen die Hofbeamten: »Was kann man da bloß tun?« Inzwischen hatten die Nebenfrauen vom Palast der Jadenen und der Silbernen Heiligkeit dem König aufgeholfen. Mitten in der Aufregung hörte man aus der Höhe eine Stimme nach dem Großen Heiligen rufen: »Hier bin ich!« Da sah Pilger, dass es Himmelsmeister Zhang Daoling war. Er trat ihm entgegen und begrüßte ihn mit den Worten: »Wohin des Wegs, Himmelsmeister?« Vor der Palasthalle angelangt, erwiderte dieser den Gruß und sprach: »Ich bin vor drei Jahren auf dem Weg zu einer Versammlung des Buddha hier vorbeigekommen und habe gesehen, wie der König von Purpurien das Leid der Trennung erfuhr. Damit der Dämonenkönig die Königin nicht beflecken und eine spätere Wiedervereinigung mit dem König vereiteln würde, habe ich eine alte Kutte aus Palmfasern in ein regenbogenfarbenes Gewand verzaubert und es dem Dämon als Brautkleid für die Königin mitgegeben. Wie sie es angezogen hat, sind ihr am ganzen Leib giftige Stacheln gewachsen. Und diese Stacheln waren eben die Palmfasern. Da nun Ihr, Großer Heiliger, die Königin erfolgreich heimgeführt habt, bin ich eigens gekommen, sie davon zu erlösen.« Er trat vor und wies mit dem Finger auf die Königin, da löste sich das Faserkleid, und die Königin war am ganzen Leibe wieder so wie früher. Der Himmelsmeister schüttelte das Kleidungsstück aus, warf es sich über die Schultern, verabschiedete sich von Pilger und stieg mit einem ehrerbietigen Gruß in die Lüfte. König und Königin, Konkubinen und Hofleute sahen ihm mit gefalteten Händen nach. Nun wurde angeordnet, die Gasthalle im Ostflügel zu öffnen und den Pilgernden ein reiches Dankesmahl zu geben. Der König verneigte sich mit allen anderen zusammen kniend vor ihnen. Jetzt waren die beiden Eheleute endlich wieder in trautem Bunde. Nun bat Pilger Tripitaka, dem König die Kriegserklärung zu zeigen, und berichtete ausführlich, was ihm die Bodhisattva Guanyin über die Erlösung von seinem Leiden erzählt hatte. Ein jeder im ganzen Palast war von Dankbarkeit erfüllt. Da sprach Tripitaka: »Zum einen ist es das Verdienst meines geringen Schülers, zum anderen aber das Glück des werten Königs. Die Bewirtung, die wir hier erfahren dürfen, ist uns reichlich Dank genug, danach aber lasst uns ziehen; haltet geringen Mönch nicht von der Pilgerfahrt in den Westen ab!« Der König verstand, dass er sie nicht länger aufhalten durfte, und drückte sein Siegel in das Reisedokument. Dann ließ er eine königliche Eskorte bereitstellen und bat Tripitaka in seine königliche Sänfte, während er selbst mit Königinnen und Konkubinen an seiner Seite, die Hände an der Sänfte, das Geleit gab. So war es in der Tat: Von sorgenvollem Leiden Wäscht ihn das Schicksal rein; Ohne Sehnen und Sinnen Kehrt ins Herz Friede ein. Und da wir nicht wissen, was auf diesen Abschied folgte, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第072回 / 72. Kapitel Sieben Gefühle der Zwirnspinngrotte betören das Wesen / Im Badhaus der Reinigungsquelle wird Bajie bloßgestellt Wie berichtet wurde, hatte Tripitaka vom König von Purpurien Abschied genommen, und so gab er nun dem Ross die Sporen und strebte weiter dem Westen entgegen. Sie wanderten entlang zahlloser Berge und Täler, während der Herbst dem Winter zuging und schließlich wieder das Licht des Frühlings erstrahlte. Wie die vier Pilgernden nun eines Tages so dahinwanderten, gewahrten sie ein umwalltes Gehöft. Tripitaka stieg vom Pferd, blieb am Wegrand stehen und sagte: »Dort scheinen Leute zu wohnen. Ich möchte selbst um Almosen bitten gehen.« Pilger lachte und meinte: »Meister, diese Mühe kann Euch doch jeder von uns ersparen; Ihr braucht nicht selber hinzugehen!« Doch Tripitaka entgegnete: »Es geht nicht darum. Normalerweise, wenn wir auf weiter Flur und fernab jeder Behausung sind, müsst ihr für mich Almosen holen, da ihr keine Nähe und Ferne kennt. Heute jedoch sind die Häuser so nah, und das Wetter ist so schön und heiter, dass ich mich nur allzu gern ein wenig zu Fuß bewege.« Da holte Bajie die Almosenschale und reichte sie dem Meister, und dieser ging mit ausholenden Schritten dem Gehöft entgegen. Dabei betrachtete er das Anwesen, das über eine steinerne Brücke zu erreichen war; es machte einen anmutigen Eindruck. Nun verhielt es sich aber so, dass es in diesem Hause keine Männer gab; hinter den überdachten Fenstern konnte man in dem strohbedeckten Haus vier junge Frauen erkennen, die mit Handarbeit beschäftigt waren. Der Priester wagte sich ihnen nicht zu nähern und verbarg sich in einer Waldung, von wo aus er die Frauen beobachtete. Sie schienen allesamt: Zur baldigen Vermählung fest entschlossen, Wie eine frühlingsfrohe Orchidee; Morgenröte tönt die zarten Wangen, Kirschenlippen wie von rotem Schnee.400 Zarte Brauen, schön wie Sichelmonde; Dunkles Haar wie Flügel von Zikaden, Stünden sie in einem Blumenbeete, Würden Bienen ihrer nicht entsagen! Eine ganze Weile blieb der Priester stehen; ringsum war alles still, man hörte nicht einmal Hähne schreien oder Hunde bellen. Da sann der Priester: »Wenn es mir jetzt nicht gelingt, Almosen zu kriegen, werden mich meine Schüler sicher auslachen.« Und ehe er sich’s versah, trugen ihn seine Füße über die Brücke, obschon er noch ein leichtes Unbehagen verspürte. Ein paar Schritte weiter gewahrte er neben dem Strohhaus einen kleinen hölzernen Pavillon, wo sich weitere drei Damen beim Ballspiel vergnügten. Ein paar Schritte weiter gewahrte er neben dem Strohhaus einen kleinen hölzernen Pavillon, wo sich weitere drei Damen beim Ballspiel vergnügten. Tripitaka schaute ihnen eine Weile zu, doch schließlich blieb ihm nichts anderes übrig, als laut zu rufen: »Werte Damen! Geringer Mönch ist auf Almosengang und bittet um ein wenig Trank und Speise.« Wie die Damen seine Worte hörten, warfen sie die Stickereien zur Seite, ließen den Ball liegen, sprangen fröhlich lachend auf ihn zu und riefen: »Verzeiht, dass wir Euch nicht empfangen haben, werter Priester! Einem Mönch auf Almosengang werden wir gewiss nicht den Zutritt verwehren. Kommt nur herein und setzt Euch!« »Wie wunderbar«, dachte Tripitaka im Stillen, »der Westen ist in der Tat ein Land Buddhas! Wenn gar Frauen einem Pilger auf Almosengang solche Achtung schenken, wie fromm müssen dann erst die Männer sein!« Mit gefalteten Händen machte er eine leichte Verneigung und folgte den Damen zum Haus. Als sie den Pavillon passiert hatten, spähte er hinein. Aber oho! Drinnen gab es ja gar keine richtigen Zimmer, da war nur ein felsiges Grottengewölbe! Eine der Damen trat vor, stieß das steinerne Tor auf und bat Tripitaka, drinnen Platz zu nehmen. Der Priester trat ein und sah sich um. Hier gab es nur ein paar steinerne Tische und Bänke, und eine frostige Kälte schlug ihm entgegen. Da erfüllte sich sein Herz mit Furcht, und er sann im Stillen: »Da liegt etwas Ungutes in der Luft.« Lächelnd riefen ihm die Damen zu: »Nehmt doch Platz, Priester!« Da blieb ihm nichts anderes übrig, als sich zu setzen. »Von welchem Kloster seid Ihr denn«, wollten die Damen wissen, »und was sammelt Ihr für wohltätige Spenden?« »Ich bin nicht wegen wohltätiger Spenden auf Almosengang«, erwiderte Tripitaka. »Ich komme aus dem chinesischen Kaiserreich im Osten und pilgere zum Westhimmel, um Heilige Schriften zu holen. Weil ich an diesem geschätzten Ort hungrig geworden bin, habe ich Eure werte Residenz aufgesucht, um eine Mahlzeit zu erbitten.« »Gerne, gerne!« meinten da die Damen, »so heißt es doch im Volksmund: ›Weitgereiste Mönche predigen die Heiligen Schriften am besten.‹ Schwestern, wir wollen es an nichts fehlen lassen, tischen wir gleich auf!« Drei Damen blieben bei Tripitaka, um ihm Gesellschaft zu leisten, und unterhielten sich mit ihm ein wenig über den buddhistischen Gedanken der Vergeltung, während die anderen vier in der Küche hantierten. Und was glaubt ihr, was für Speisen sie dort zubereiteten? Es waren: in Menschenöl gebratenes Menschenfleisch, so lange gesotten, dass es ganz dunkel war und aussah wie weiche Teigbällchen, dazu gedünstetes Menschenhirn, wie Tofu in Stücke geschnitten. Schließlich wurden die Gerichte aufgetragen und vor Tripitaka auf dem Steintisch platziert, und die Damen sprachen: »Bedient Euch, bitte!« Der Priester schnupperte ein wenig, und der Fleischgeruch stieg ihm in die Nase. Da neigte er sich mit gefalteten Händen vor und sprach: »Werte Damen, geringer Mönch ist von Geburt an abstinent.« »Aber Priester, das ist doch alles vegetarisch!« lachten die Damen. »Buddha Amithaba!« rief der Priester aus, »wenn ich dies verzehren würde, könnte ich niemals das Antlitz des Erhabenen erblicken und würde niemals die Heiligen Schriften erhalten. Werte Damen, es ist wahrlich besser, Lebewesen freizulassen, als sich von Lebewesen zu ernähren. Bitte, lasst geringen Mönch gehen!« Schon erhob er sich, doch da versperrten ihm die Damen die Tür und wollten ihn unter keinen Umständen fortlassen. »Wo wollt Ihr hin?« riefen sie vorwurfsvoll, »Ihr habt doch Eure Sache noch gar nicht erledigt!« Da sich jede der Damen ein wenig auf Kampfkunst verstand und sie Hände und Füße flink zu bewegen wussten, war es ihnen ein Leichtes, den Priester zurückzuhalten. Bald hatten sie ihn zu Boden gezerrt und hielten ihn gemeinsam fest, dann banden sie ihn in Stricke und hievten ihn an den Firstbalken. Als sie damit fertig waren, begannen sie ihre Kleider abzulegen. Erschrocken dachte Tripitaka: »Wenn sie sich ausziehen, werden sie mich gewiss prügeln. Oder gar bei lebendigem Leibe fressen, wer weiß!« Die Damen aber entledigten sich ihrer Kleider nur so weit, bis ihre Bäuche zum Vorschein kamen, und nun vollführten sie eine Magie: Alle zauberten sie aus dem Bauchnabel Schnüre hervor, die so dick waren wie ein Entenei und in einem fort herausquollen, weiß wie Jade und glänzend wie Silber. Binnen kurzem war das ganze Anwesen davon bedeckt. Doch wenden wir uns Pilger, Bajie und Sandmönch zu, die immer noch an der Landstraße warteten, wo die beiden Jüngeren das Pferd weideten und das Gepäck bewachten. Nur Pilger hatte sich, keck wie er war, auf einen Baum geschwungen, wo er die Äste bog, an den Blättern rupfte und nach Früchten suchte. Als er sich zwischendurch einmal umblickte, fiel ihm eine helle Fläche auf. Bestürzt sprang er vom Baum und rief den anderen zu: »Unheil, Unheil! Unserem Meister muss etwas zugestoßen sein!« Er wies mit der Hand auf das Anwesen und rief: »Seht ihr, wie der Hof aussieht?« Bajie und Sandmönch spähten hin und bemerkten jetzt auch, dass sich dort etwas Schneeweißes ausgebreitet hatte, das wie Silber schimmerte. »Ach herrje!« rief Bajie, »unser Meister ist gewiss einem Dämon in die Falle gegangen! Retten wir ihn schnell!« »Nur mit der Ruhe, werter Bruder«, versetzte Pilger, »lass erst den alten Sun hingehen.« In wenigen Sprüngen war Pilger angelangt und sah nun, dass alles von dicken Seilen umwoben war, so eng ineinander verstrickt wie Zettel und Kettfaden, und das zu tausendfältigen Schichten. Die Stricke fühlten sich leicht klebrig an. Ohne zu wissen, was geschehen war, packte er seine Stange und wollte sie niederschmettern, doch plötzlich hielt er inne und sann: »Wenn es was Hartes wäre, könnte ich es leicht in Stücke hauen, doch dieses weiche Zeug lässt sich höchstens flachschlagen. Würde ich aber damit den Dämon aufschrecken und er mich alten Sun umgarnen, hätte ich auch nichts davon. Lieber will ich mich erst mal schlau machen.« Was glaubt ihr, wo er sich erkundigte? Mit einem magischen Fingerzeichen und einem Zauberspruch zwang er einen alten Erdgeist hervor und fragte ihn: »Was ist das für ein Ort?« Der Erdgeist antwortete: »Dieser Hügel heißt Zwirnspinnhügel, und an seinem Fuße liegt die Zwirnspinngrotte. In dieser Grotte aber wohnen sieben weibliche Ungeheuer.« »Wie groß sind ihre Zauberkräfte?« »Meine Wenigkeit hat nur geringe Kräfte und wenig Autorität«, sprach der Erdgeist, »darum ist mir nicht bekannt, wie groß ihre Fähigkeiten sind. Was ich weiß, ist einzig, dass drei Wegmeilen südlich von hier eine heiße Quelle liegt, die Reinigungsquelle. Dort war einst das Bad der Sieben Himmlischen Feen, doch als diese Ungeheuer gekommen sind, haben sie die Quelle in Besitz genommen, und die Feen haben sich nicht einmal mit ihnen angelegt, sondern sie ihnen einfach abgetreten. Ungeheuer, an die sich gar Gottheiten des Himmels nicht herantrauen, müssen meiner Meinung nach ziemlich mächtig sein.« »Wozu halten sie denn die Quelle besetzt?« wollte Pilger wissen. »Sie kommen täglich dreimal hierher zum Baden. Jetzt ist erst Vormittag, wartet bis Mittag, dann gehen sie wieder hin!« Als Pilger dies vernommen hatte, hieß er den Erdgeist abtreten, verwandelte sich mit einem leichten Dreh in eine Schmeißfliege, landete am Wegesrand auf einem Grashalm und wartete. Plötzlich vernahm er ein Rascheln, das sich anhörte wie Maulbeerblätter fressende Seidenraupen, bald aber anschwoll wie ein Meeresrauschen. Es dauerte nicht länger, als man braucht, eine halbe Schale Tee zu trinken, da waren die seidenen Stricke auf einmal verschwunden, und das Gehöft war wieder sichtbar. Mit einem Quietschen ging die Tür auf, und die sieben Damen kamen fröhlich lachend aus dem Haus. Pilger beobachtete aus seinem Versteck, wie sie Hand in Hand, Schulter an Schulter über die Brücke schlenderten und lachend miteinander plauderten. Es war in der Tat ein anmutiger Anblick. Pilger grinste vor sich hin und meinte: »Kein Wunder wollte der Meister selbst Almosen holen gehen! So was Nettes gibt’s hier also. Aber wenn die sieben Hübschen meinen Meister fressen, werden die ja nicht mal für eine einzige Mahlzeit satt. Und wollten sie ihn benutzen, hielte er auch nicht länger als zwei Tage durch; er würde doch gleich sterben in ihren Händen. Da will ich mal aushorchen, was sie mit ihm vorhaben.« Schon surrte er hoch und landete auf dem Haarknoten der vordersten Dame. Als sie eben die Brücke überquert hatte, kam eine andere herbeigeeilt und rief: »Schwester, wenn wir gebadet haben, wollen wir den fetten Mönch dünsten und verspeisen!« Hie und da ein paar Blumen pflückend, schlenderten die Damen weiter gen Süden und hatten ihr Ziel bald erreicht. Das Bad war von einer Mauer umgeben und hatte ein prächtiges Portal. Eine der Damen trat vor und stieß die beiden Torflügel auf, und drinnen war tatsächlich eine heiße Quelle. Woher wohl diese Quelle stammte, fragt ihr? Im Anbeginn der Weltenschöpfung gab es einst zehn Sonnen. Später kam der Held Houyi, der neun dieser Sonnenraben niederschoss, so dass einzig unser Sonnenstern, der Goldene Rabe, dieses Wahre Feuer der Höchsten Yang- Kraft, am Himmel blieb. Auf Erden aber wurden die anderen Sonnenraben zu neun heißen Quellen: die Duftkältequelle, die Bergquelle, die Thermalquelle, die Ostquelle, die Quellen von Huangshan, Xiao’an und Guangfen, die Hitzequelle und diese hier, die Reinwaschquelle. Das Schwimmbecken mass etwa fünf Klafter in der Breite und zehn in der Länge und war etwa vier Fuß tief. Das Wasser war so klar, dass man auf den Grund sehen konnte, wo das Quellwasser in silbernen Bläschen aufstieg. Seitlich hatte das viereckige Bassin sechs oder sieben Öffnungen, durch die das Wasser ausströmte und wohl zwei, drei Meilen weiterrann, bis es noch warm in den Feldern versickerte. Am Rande des Bassins waren außerdem drei Badehäuschen; dort stand in der Mitte an der hinteren Wand eine achtbeinige Sitzbank, und an den Seitenwänden gab es buntlackierte Kleiderständer. Pilger schwirrte zu den Ständern hinüber und wartete. Wie sie das klare, warme Wasser erblickten, wollten die Damen gleich ihr Bad nehmen. Schon begannen sie sich ihrer Gewänder zu entledigen und hängten sie auf den Kleiderständer. Seht, wie sie nun allesamt Die Verschlüsse flink aufknöpfen, Ihre Seidengürtel lösen; Silberhelle sanfte Brüste, Schneeig weiße Haut entblößen! Arme schimmern fein wie Jade, Schultern wie von Mehl so zart; Weich und samten ihre Bäuche, Hell und rein ihr Rückengrat! Artig kleine Lotosfüßchen, Runde Knie, welch zarter Schatz; In der Mitte, Lust und Wonne, Zeigt sich gar ihr Liebesschlitz! Nun sprangen sie ins Bad, dass es nur so spritzte, und vergnügten sich spielend im Wasser. Da sann Pilger: »Wenn ich sie jetzt erschlagen wollte, bräuchte ich bloß mit der Stange ein wenig im Wasser zu rühren, so wie man kochendes Wasser in ein Mäusenest gießt, dann wären die Ärmsten erledigt! So hätte ich sie zwar erschlagen, aber dann wäre auch mein Ruf dahin. Denn schließlich heißt es ja: ›Ein Mann kämpft nicht mit einer Frau.‹ Nein, es geht nicht an, dass ein wackerer Kerl wie ich wehrlose Damen umlegt. Verhauen will ich sie nicht, aber doch dafür sorgen, dass sie nicht so bald wieder hier rauskommen. Fürs Erste soll das reichen.« Da verwandelte er sich mit einem leichten Dreh in einen hungrigen Adler, stach in einem Schwung herab, spreizte die scharfen Krallen und packte alle sieben Gewänder auf den Kleiderständern. Flugs überquerte er damit den Hügel, nahm vor Bajie und Sandmönch seine eigene Gestalt an und rief: »Schaut her!« »Der Meister muss wohl in ein Pachthaus geraten sein!« spottete der Tölpel. »Wieso das?« wunderte sich Sandmönch. »Schau doch, unser Bruder hat so viele Kleider mitgebracht!« Pilger warf die Sachen hin und erklärte: »Das sind die Kleider der Ungeheuer.« »Warum denn so viele?« wunderte sich Bajie. »Sieben.« »Wie hast du es bloß geschafft, die auszuziehen, gar bis auf die Haut?« »Hab die doch nicht ausgezogen«, versetzte Pilger und erklärte: »Hier ist der Zwirnspinnhügel, und dieser Gutshof ist die Zwirnspinngrotte, in der sieben weibliche Ungeheuer wohnen, und die halten unseren Meister in ihrer Grotte gefangen. Jetzt sind sie zum Bad in der Reinigungsquelle gegangen, das ist eine natürliche Heißwasserquelle. Sie hatten die Absicht, nach dem Bad den Meister zu kochen und zu fressen, doch ich bin ihnen gefolgt und habe gesehen, wie sie die Kleider auszogen. Erst wollte ich sie verhauen, doch dann hab ich mir überlegt, dass ich meine Stange lieber nicht beschmutze, damit nicht mein guter Ruf zuschanden geht. Drum hab ich mich in einen Adler verwandelt und ihre Kleider davongetragen; jetzt trauen sie sich nicht mehr raus und hocken immer noch im Wasser. Lasst uns rasch den Meister retten und weiterziehen!« »Aber Bruder«, warf Bajie lachend ein, »du verpasst es immer, die Dinge an der Wurzel zu beseitigen! Wenn du schon siehst, dass es Ungeheuer sind, warum haust du sie nicht tot? Wenn ich dort gewesen wäre, hätte ich sie hingemacht und dann gleich den Meister gerettet; das nennt sich doch erst ›das Übel an der Wurzel packen‹!« »Ich werde das nicht tun«, gab Pilger zurück, »wenn du es für nötig hältst, dann geh selber hin!« Da warf sich Bajie in die Brust, packte seinen Rechen und stob beschwingt davon. Bald war er beim Bad, stieß das Tor auf und sah die sieben Damen, die sich im Wasser duckten und vor sich hin schimpften: »Dieses flachhaarige Biest, dieser katzenköpfige Landstreicher! All unsere Kleider hat er uns gestohlen, wie sollen wir bloß wieder fortkommen?« Bajie prustete vor Lachen und rief: »Werte Damen, wie schön ihr hier badet! Lasst den Mönch doch auch ein bisschen ins Wasser, ja?« Als die Damen ihn erblickten, riefen sie wütend: »Was soll denn das für ein Mönch sein, unverschämt! Wir sind Frauen aus gutem Hause, und Ihr seid ein Geistlicher aus dem Kloster. Schon in den alten Schriften steht: ›Vom siebten Lebensjahre an teilen sich Knaben und Mädchen nicht länger die Sitzmatte.‹401 Wie könnt Ihr Euch erdreisten, mit uns im selben Bade baden zu wollen!« »Tut mir leid, heut ist’s so heiß, lasst mich einfach ein bisschen ins Wasser. Wir haben ja keine Schulbücher dabei, was kümmert uns, wer mit wem auf der Matte sitzt!« Ohne sie zu Wort kommen zu lassen, warf der Tölpel seinen Rechen nieder, zog sich die schwarze Mönchskutte aus und platschte ins Wasser. Wütend stürzten die Ungeheuer auf ihn ein und wollten ihn schlagen, nur hatten sie nicht damit gerechnet, dass Bajie im Wasser erstaunlich gewandt war. Schon hatte er sich mit einem leichten Dreh in einen Wels verwandelt, und die Ungeheuer versuchten ihn vergeblich zu fassen. Wollten sie ihn auf der einen Seite packen, war er schon auf der anderen, fassten sie nach links, flutschte er nach rechts. Schlüpfrig wie er war, glitt er zwischen ihren Beinen hin und her, und die Damen stürmten so lange im Kreis herum, bis sie vor Erschöpfung keuchten. Schließlich sprang Bajie ans Ufer und nahm seine eigene Gestalt an, dann zog er die Mönchskutte an, schwang seinen Rechen und brüllte: »Schaut, wer ich bin! Glaubt bloß nicht, ich wäre nur der Geist von einem Wels!« Als die Ungeheuer ihn so auftreten sahen, fuhr ihnen ein Schrecken in die Glieder, und sie riefen: »Wer seid Ihr denn? Sagt offen, woher Ihr kommt; Ihr müsst Euren Namen nennen!« »Gemeine Ungeheuer!« schrie Bajie, »ihr wollt mich also nicht erkennen! Ich bin Eber Bajie, Schüler des schriftenholenden Priesters aus dem großen chinesischen Kaiserreich! Ihr habt meinen Meister in eurer Grotte gefangen und wollt ihn kochen und verspeisen. Ihr glaubt wohl, meinen Meister könne man einfach so kochen? Los, her mit den Köpfen, jede kriegt eins mit der Harke, dass ich euch an der Wurzel ausrotte!« Ängstlich knieten die Ungeheuer nun im Wasser nieder und flehten: »Werter Priester, habt Erbarmen! Wir mussten von Blindheit geschlagen sein, dass wir uns an Eurem Meister vergriffen. Zwar haben wir ihn in der Grotte hochgebunden, doch haben wir ihm nichts angetan. Bitte erbarmt Euch unser und lasst uns am Leben! Gerne geben wir Euch Reisegeld und bringen Euren Meister in den Westen!« Bajie winkte ab: »Nichts da. Der Volksmund sagt: ›Wer mal dem Zuckerhändler auf den Leim gegangen ist, glaubt honigsüßen Worten nimmermehr.‹ Ich verdresche euch, und dann geht jeder seiner Wege.« Grobschlächtig wie er war, mochte der Tölpel sich nicht länger mit den Schönen abgeben, schwang seinen Rechen und rannte blindlings auf sie zu. Da gerieten die Ungeheuer in Panik und vermochten in ihrer Todesangst nicht mehr auf ihr Schamgefühl Rücksicht zu nehmen; schützend hielten sie die Hände unter den Bauchnabel, sprangen aus dem Wasser und rannten zum Badehaus. Dort aber ließen sie ihren Zauber spielen, und schon quollen aus jedem Bauchnabel Stricke hervor, die sich alsbald zu einem dichten Netz verflochten, das sich über Bajie legte. Als der Tölpel gewahrte, dass sich der Himmel bedeckte, wollte er davonlaufen, doch schon verstrickten sich seine Füße in den Seilen, welche die Ungeheuer als Fallstricke ausgelegt hatten. Der Boden war voll davon, so dass Bajie im Versuch, sich fortzubewegen, nur noch strauchelte. Längelang fiel er hin und purzelte zur Seite, und als er hastig kehrtmachen wollte, kam er ins Stolpern, taumelte in den Staub, rappelte sich wieder hoch, doch nur um gleich wieder kopfüber am Boden zu landen. Wer weiß, wie viele Purzelbäume dieser Tölpel noch aufführte, bis ihm endlich die Kräfte versagten und ihm so schwindlig war, dass er nur noch wimmernd am Boden liegen blieb. Da banden ihn die Ungeheuer in Stricke, ließen ihn aber unversehrt. Schließlich stürzten sie hinaus, hüllten sich in eine Decke aus Stricken und kehrten zur Grotte zurück. Auf der Steinbrücke ließen sie die Decke verschwinden und liefen splitternackt in die Grotte hinein, kichernd und glucksend an Tripitaka vorbei. In den Felsgemächern suchten sie ein paar alte Kleidungsstücke hervor und zogen sich an, dann gingen sie zum hinteren Ausgang und riefen: »Kinderchen, wo seid ihr?« Es verhielt sich nämlich so, dass jedes dieser Ungeheuer einen Sohn hatte, allerdings nicht einen eigenen, sondern einen angenommenen. Deren Namen lauteten Bi, We, Wan, Rau, Ho, Heu und Li, denn es waren eine Biene, eine Wespe, eine Wanze, eine Raupe, eine Hornisse, eine Heuschrecke und eine Libelle. Einst hatten die Ungeheuer diese Insekten in ihrem Netz gefangen, doch die Insekten hatten inständig um ihr Leben gefleht und versprochen, sie als Mütter anzuerkennen. Seither brachten sie den Ungeheuern stets Blumen und Früchte und sorgten für sie. Wie sie nun deren Ruf vernahmen, eilten sie herbei und fragten, womit sie den Müttern dienen könnten. »Ach Kinderlein!« riefen die Ungeheuer, »heute früh haben wir uns aus Versehen mit einem Priester aus dem chinesischen Kaiserreich angelegt. Eben sind wir von dessen Schüler im Bad aufgehalten worden; es war schrecklich beschämend, beinah hätte es uns das Leben gekostet! Macht euch auf und seht zu, dass ihr die vertreiben könnt. Wenn ihr fertig seid, kommt zum Hause vom Oheim.« Während sich die Ungeheuer zu ihrem Meisterbruder begaben, ballten die Insekten die Fäuste, rieben sich die Hände und machten sich auf, gegen den Feind anzukämpfen. Doch wenden wir uns wieder Bajie zu, der halb ohnmächtig am Boden lag, bis er auf einmal gewahrte, dass die Stricke ringsum verschwunden waren. Da rappelte er sich auf und ging den Weg zurück, den er gekommen war. Als er Pilger sah, rief er ihm zu: »Bruder, hab ich Beulen am Kopf? Hab ich blaue Flecken im Gesicht?« »Warum denn?« fragte dieser. »Diese Biester haben mich mit Strängen umwickelt und mir Fallstricke vor die Füße gelegt; ich kann gar nicht sagen, wie oft ich drüber gestrauchelt bin. Eben sind die Stricke plötzlich verschwunden, und ich bin zum Glück noch mal heil davongekommen.« »Schlimm!« rief da Sandmönch, »was hast du angerichtet! Gewiss sind die Ungeheuer in die Grotte zurückgekehrt und wollen nun unserem Meister was antun. Wir müssen ihn sofort retten!« Schon schritt Pilger voran, und Bajie folgte ihm, das Pferd am Halfter führend, zum Gutshof. Bei der Steinbrücke trafen sie auf sieben kleine Ungeheuer, die sich ihnen in den Weg stellten mit dem Ruf: »Halt! Hier geht’s nicht weiter!« »Lächerlich!« rief Pilger, als er die Insekten erblickte, »das sind ja winzige Persönchen! Keine drei Ellen lang, keine zehn Pfund schwer!« Und er fauchte sie an: »Wer seid ihr?« »Wir sind die Söhne der Sieben Feen«, kam die Antwort, »ihr habt unsere Mütter gedemütigt, und nun seid ihr auch noch so ahnungslos, hier anklopfen zu wollen! Stehengeblieben, Achtung!« Schon wirbelten alle durcheinander und starteten zum Angriff. Als Bajie aufgeregt mit seinem Rechen um sich zu fuchteln begann, zeigten sich die Ungeheuer in eigener Gestalt, surrten herbei und schrien: »Verwandlung!« Auf der Stelle wurden aus jedem Insekt zehn, aus zehn hundert, bald waren es Tausende und Abertausende. Man sah nur noch: Oben ein Heuschreckenschwarm, Unten die Libellen tanzen; Bienen, Wespen um die Ohren, In die Augen stechen Wanzen! Käfer zwicken vorn und hinten, Hornissen von Kopf bis Fuß; Schwarz schwirrt alles ums Gesicht, Gar die Götter werden blass! Erschrocken rief Bajie: »Bruder, und da sagst du noch, Schriftenholen sei keine Sache! Auf dem Weg in den Westen greifen einen sogar die Insekten an!« »Keine Sorge!« winkte Pilger ab, »ich habe ein Gegenmittel.« Aus einem Pelzhaar, das er rasch auszupfte, zerkaute und ausspuckte, zauberte er einen Wanderfalken, einen Wespenbussard, eine Kornweihe, einen Seeadler, einen Bussard, einen Falken, einen Fischadler und einen Habicht. »Was murmelst du da für Fachwörter?« fragte Bajie. »Das verstehst du eben nicht«, gab Pilger zurück, »die Viecher sind sieben Insekten, darum hab ich aus dem Haar sieben Raubvögel gezaubert.« Die Raubvögel verstanden sich ausgezeichnet aufs Fangen von Insekten. Mit jedem Schnappen war eins weg, und während sie mit gespreizten Klauen ihre Flügel schlugen, wurde binnen kurzem alles leergefegt, bis in den Lüften nichts mehr zu sehen, der Boden hingegen von einer knöchelhohen Schicht Insekten bedeckt war. So gelangten die drei Ordensbrüder schließlich über die Brücke und eilten in die Grotte, wo sie den schluchzenden Meister antrafen. Bajie trat auf ihn zu und rief: »Meister, bloß weil Ihr Euch unbedingt hier aufhängen wolltet, musste ich in einem fort stolpern!« Pilger hingegen machte sich unverzüglich daran, den Meister zu befreien. Dann fragte er: »Wo sind denn die Ungeheuer?« »Alle sieben sind splitternackt nach hinten gerannt und haben nach ihren Kindern gerufen«, antwortete Tripitaka. Da packten die drei ihre Waffen und durchsuchten den Hinterhof, doch dort war niemand aufzufinden. Also kamen sie schließlich zurück und baten Tripitaka aufs Pferd. Alle waren der Meinung: »Meister, wenn Ihr nächstes Mal was zu essen braucht, dann lasst doch lieber uns auf Almosengang!« »Ja, werte Schüler. Von jetzt an werde ich nie wieder auf eigene Faust herumwandern, auch nicht, wenn ich hungrig bin.« Zuletzt sammelte Bajie dürre Äste und Ranken und entfachte ein Feuer im Gutshof, dass er alsbald in Glut und Asche zerfiel. Beruhigt setzten Meister und Schüler nun ihren Weg fort. Und da wir nicht wissen, ob ihnen in der Folge Glück oder Unglück beschieden war, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第073回 / 73. Kapitel Alte Feindschaft weckt in den Gefühlen übles Gift / Der Herr des Herzens bricht des Dämons Licht Wie berichtet, waren Tripitaka und seine drei Schüler wieder auf die Landstraße geeilt und zogen nun weiter dem Westen entgegen. Bald gewahrten sie in der Ferne eine Ansammlung prachtvoller Bauwerke. Tripitaka brachte sein Pferd zum Stehen und fragte: »Schaut mal, meine Schüler, was mögen das für Gebäude sein?« Pilger spähte hinüber und meinte: »Meister, das hat ganz den Anschein von einem buddhistischen oder daoistischen Kloster. Wenn wir dort sind, werden wir sehen, was es ist.« Als sie das Kloster erreicht hatten, lasen sie auf einer Steinplatte über dem Portal: »Kloster der Gelben Blüte«. »Das ist daoistisch«, erklärte Bajie. »Lasst uns reingehen. Schließlich beschreiten die Daoisten genauso den Weg zur Vervollkommnung, auch wenn sie anders gekleidet sind als wir.« »Du hast recht«, meinte Sandmönch, »gehen wir rein. Da können wir uns umsehen und gleichzeitig schauen, ob wir für den Meister etwas zu essen kriegen.« Der Priester war einverstanden, und so traten sie denn alle vier ein. Am zweiten Toreingang waren links und rechts in senkrechter Schrift die Verse zu lesen: »Gelbe Keime, Weißer Schnee, eine Götterresidenz,402 Jadeblüten, Jaspiskräuter, Heimat von Unsterblichen.« Hinter diesem Portal lag die Haupthalle, deren Tore aber verschlossen waren. Doch rechter Hand saß ein Daoist im östlichen Korridor, gerade damit beschäftigt, Kräuterpillen zu drehen. Tripitaka gewahrte ihn und rief: »Seid gegrüßt, werter Unsterblicher!« Jäh blickte der Daoist auf und sah die Ankömmlinge erschrocken an. Dann ließ er seine Präparate liegen, strich sich die schwarze Robe zurecht und kam ihnen über die Treppe hinab entgegen. »Werte Meister, bitte nehmt in der Halle Platz!« begrüßte er Tripitaka. Freudig stieg der Priester zur Haupthalle und stieß die Tore auf. Drinnen waren die Statuen der Drei Reinen zu sehen. Nachdem er ein Räucherstäbchen entzündet und sich respektvoll verneigt hatte, vollzog er vor dem Daoisten die Begrüßungsriten und setzte sich schließlich. Rasch schickte der Daoist ein paar Tempelknaben, Tee aufzugießen. Doch kaum waren diese hineingegangen, um Tee zuzubereiten, hatten auch schon die Widersacher Lunte gerochen. Es verhielt sich nämlich so, dass die sieben Ungeheuer der Zwirnspinngrotte früher mit diesem Daoisten magische Künste erlernt hatten, und so waren sie heute, nachdem sie ihre Kinderchen gerufen hatten, auf schnellstem Weg hierhergekommen. Nun saßen sie im hinteren Klosterteil und schneiderten sich neue Kleider. Wie sie bemerkten, dass die Knaben Tee kochten, fragten sie gleich: »Was sind denn für Gäste da, dass ihr so geschäftig seid?« »Vier buddhistische Mönche sind eben angekommen«, erwiderten die Knaben, »drum hat uns der Meister Tee auftragen geheißen.« »Ist auch ein feister mit heller Haut dabei?« wollten die Ungeheuer wissen. »Ja«, antworteten die Knaben. »Dann bittet euren Meister hierher, sobald ihr den Tee hineingebracht habt; wir müssen ihm etwas Dringendes mitteilen.« Die Knaben brachten den Tee nach vorn und bewirteten die Gäste. Als alle ausgetrunken hatten, warf einer von ihnen dem Daoistenmeister einen bedeutungsvollen Blick zu, da stand dieser mit einer leichten Verneigung auf und sprach: »Mögen die werten Gäste einen Augenblick warten, ich bin gleich wieder da.« Als er in die Abtei kam, knieten die sieben Damen in einer Reihe vor ihm nieder und riefen: »Bitte, hört Eure Schwestern an!« Der Daoist reichte ihnen die Hand zum Aufstehen und sprach: »Als ihr heute früh angekommen seid und mit mir sprechen wolltet, konnte ich euch keine Antwort geben, weil ich gerade ein Kräuterelixier zubereitete, das nicht mit weiblicher Energie in Kontakt kommen darf. Doch jetzt sind auch noch Gäste da; also erzählt nun ruhig, was ihr sagen wolltet.« »Werter Bruder«, begannen die Ungeheuer, »diese Sache wagen wir Euch nur zu erzählen, weil ebenjene Gäste da sind. Die vier Mönche, die nun vorne sitzen, kommen aus dem chinesischen Kaiserreich und wollen im Westen Heilige Schriften holen. Heute früh ist der eine in unsere Grotte gekommen und hat um Almosen gebeten. Da wir wussten, dass dieser chinesische Priester sich seit zehn Inkarnationen im Weg der Vervollkommnung übt und einen so reinen Leib besitzt, dass schon ein einziges Stück von seinem Fleisch unsterblich macht, haben wir ihn eingesperrt. Doch dann hat uns ein Mönch mit einer langen Schnauze und großen Ohren im Bad der Reinigungsquelle aufgehalten; erst hat er uns die Kleider entwendet, dann ist er ins Wasser gesprungen und wollte uns schänden. Weil wir uns wehrten, ist er gar mit einem Rechen auf uns losgegangen und wollte uns töten. Hätten wir nicht schlagfertig gehandelt, wären wir unter seiner Hand umgekommen. Darum haben wir am Ende aufs beschämendste fliehen müssen. Danach haben wir Eure Neffen ausgeschickt, sie zu bekämpfen, und zur Zeit wissen wir noch nicht einmal, wie es um ihr Leben bestellt ist! Darum sind wir hierhergekommen, um bei Euch Zuflucht zu suchen. Bitte, Bruder, helft uns, eingedenk unserer gemeinsamen Studien, uns an diesen Mönchen zu rächen!« Da stieß der Daoist mit hasserfüllter Miene hervor: »Welch eine Schamlosigkeit von diesen Mönchen! Ihr könnt beruhigt sein, die werde ich erledigen.« »Wenn Ihr gegen sie kämpft, werden wir Euch zu Hilfe kommen«, versprachen die Ungeheuer. »Kampf ist gar nicht nötig«, winkte der Daoist ab, »so heißt es doch: ›Wer kämpft, ist selber angreifbar.‹ Kommt mal alle mit!« Die Damen folgten ihm bis zu einem der hintersten Räume. Dort brachte der Daoist eine Leiter an und stieg zum Tragbalken hoch, wo er ein ledernes Kästchen holte. Unten öffnete er es, entnahm ein Päckchen Arzneipulver und sprach zu den Damen: »Hiervon, meine werten Schwestern, braucht ein Normalsterblicher nur ein einziges Gramm einzunehmen, dann ist er mausetot. Für einen Unsterblichen geht es mit drei Gramm, dann ist er auch hin. Die Mönche verstehen sich wohl auf ein paar Zauberkünste, da nehmen wir lieber drei Gramm. Bringt die Waage!« Eine der Damen wog mit einer kleinen Handwaage zwölf Gramm des Pulvers ab und verteilte es in vier Häufchen, dann spalteten sie zwölf rote Datteln leicht auf und drückten in jede ein Gramm Pulver. Schließlich wurden die Datteln in vier Teeschalen verteilt. Zuletzt legte der Daoist zwei schwarze Datteln in eine fünfte Schale, stellte dann alles auf ein Tablett und sprach zu den Damen: »Nun wartet ab, bis ich gefragt habe, woher sie kommen. Sollten sie nicht aus China sein, dann lassen wir es. Falls sie es aber wirklich sind, werde ich gleich nach frischem Tee rufen, und dann lasst ihr diese Schalen auftragen. Sobald sie alles verzehrt haben und tot sind, ist die Rache getan.« Die sieben Damen waren ihm überaus dankbar. Der Daoist aber zog ein frisches Gewand über und empfahl sich höflich. Nun bat er Tripitaka und seine Schüler abermals, sich zu setzen, und sprach: »Verzeiht, werte Meister, eben habe ich den Schülern aufgetragen, ein Mahl herzurichten, darum musste ich euch einen Augenblick allein lassen.« »Geringer Mönch ist mit leeren Händen gekommen«, erwiderte Tripitaka bescheiden, »wie könnten wir von Euch ein Mahl zu begehren wagen?« Lächelnd sprach der Daoist: »Ihr seid doch Geistliche wie ich auch; was sprecht Ihr von leeren Händen. In jedem Kloster stehen Euch zumindest drei Maß Getreide zu. Doch darf ich fragen, werter Meister, aus welchem Kloster Ihr seid und was Ihr hier vorhabt?« »Geringer Mönch befindet sich im Auftrag des Kaisers von China auf einer Reise in den Westen, um dort im Tempel des Donnergrollens Heilige Schriften zu holen. Da wir eben hier entlangkamen, sind wir eingetreten, um unsere aufrichtige Reverenz zu erweisen.« »Werter Meister ist wahrlich ein Buddha der Wahrheitsliebe und der Tugend«, sprach der Daoist, »verzeiht, dass geringer Daoist es versäumte, Euch gebührend zu empfangen!« Nun schickte er die Knaben, Tee aufzutischen und ein paar kleine Imbisse zuzubereiten. Drinnen aber gaben die Damen den Knaben das Tablett mit den fünf Teeschalen, und sie trugen es nach vorn. Der Daoist überreichte erst Tripitaka eine der Schalen mit den roten Datteln, dann Bajie, den er wegen seiner Beleibtheit für den ältesten Schüler hielt, und dann Sandmönch. Pilger, den er wegen seines kleinen Wuchses für den jüngsten hielt, überreichte er die vierte Schale. Indessen aber hatte Pilger mit seinem wachsamen Blick längst bemerkt, dass in der Schale, die jetzt noch auf dem Tablett stand, schwarze Datteln lagen. Da sagte er: »Ich möchte mit Euch die Schale austauschen, werter Herr.« Lächelnd sprach der Daoist: »Werter Priester, ich will Euch offen sagen, dass es uns armen Daoisten hier im Gebirge zur Zeit an Teefrüchten mangelt. Eben habe ich im Klostergarten eigenhändig nach Datteln gesucht, doch habe ich leider nicht mehr als zwölf finden können und Euch nun daraus diesen Tee zubereiten lassen. Da geringer Daoist aber nicht ohne Tee mit Euch beisammen sein möchte, habe ich für mich selbst Früchte geringerer Qualität genommen. Nehmt es als Zeichen meines großen Respekts.« »Ach was!« machte Pilger, »so sagten doch schon die alten Weisen: ›Niemand ist zu Hause wirklich arm; nur unterwegs kann man vor Armut sterben.‹ Ihr seid hier zu Hause, also braucht Ihr nicht über Armut zu klagen. Lasst uns die Schalen tauschen!« »Wukong!« mahnte Tripitaka. »Das ist ein Zeichen von aufrichtiger Gastfreundschaft; was fällt dir ein, da tauschen zu wollen? Nimm, was du bekommen hast!« Pilger aber nahm mit der linken Hand die Schale, legte seine Rechte darüber und blickte die anderen vielsagend an. Doch Bajie, hungrig und durstig wie er war, gelüstete es so sehr nach den drei roten Datteln, dass er seine Schale nahm und in einem Zug heruntergoss. Da tranken auch Tripitaka und Sandmönch den Tee aus und aßen die Datteln. Im nächsten Augenblick begann sich Bajies Gesicht zu verfärben, Sandmönch traten Tränen in die Augen, und Tripitaka stand Schaum vor dem Mund. Dann sanken sie ohnmächtig zu Boden. Jetzt war dem Großen Heiligen klar, dass es sich tatsächlich um Gift handelte; er packte die Schale und schleuderte sie dem Daoisten ins Gesicht, der sie gerade noch mit dem Ärmel abhalten konnte. Klirrend zersprang die Schale am Boden. »Liederlicher Mönch! Was fällt Euch ein, meine Schale zu zerbrechen?« rief der Daoist. »Unmensch!« schrie Pilger, »seht doch meine Leute an, was ist da los? Was habe ich mit Euch zu schaffen, dass Ihr meinen Meister vergiftet?« »Ruchloses Vieh! Ein Desaster habt ihr angerichtet und wollt es nicht zugeben!« »Wir sind eben erst angekommen und haben kein einziges unangebrachtes Wort geäußert! Wo sollen wir ein Desaster angerichtet haben?« »Wart ihr etwa nicht in der Zwirnspinngrotte? Habt ihr etwa nicht in der Reinigungsquelle gebadet?« »In der Reinigungsquelle waren sieben Ungeheuer«, sagte Pilger. »Wenn Ihr das erwähnt, müsst Ihr mit denen verbandelt sein. Dann seid auch Ihr ein Ungeheuer. Stillgestanden, jetzt gibt’s eins mit der Stange!« Schon riss er seinen Goldreifstab aus dem Ohr, schwang ihn durch die Luft und schlug los. Der Daoist konnte gerade noch ausweichen, zückte ein Schwert und warf sich in den Kampf. Während die beiden, Schimpf und Schande rufend, gegeneinander antraten, kamen die sieben Ungeheuer und riefen: »Müht Euch nicht zu sehr, werter Bruder, wir fangen ihn gleich!« Als Pilger sie erblickte, packte er seine Stange mit beiden Händen und rannte in jähem Zorn wild um sich wirbelnd auf sie zu. Da aber lüfteten die sieben ihre Gewänder, entblößten ihre weißen Bäuche und ließen ihren Zauber spielen. Schon quoll aus jedem Nabel ein dickes Seil heraus, und alle verwoben sich zu einer dichten Decke, die sich im Handumdrehen über Pilger ausbreitete. Dieser aber bemerkte, dass es schlecht um ihn stand, schnellte im Wolkenüberschlag hoch, zerriss die Decke und war weg. Oben in den Lüften hielt er wutschnaubend inne, zwang sich zur Ruhe und blickte hinunter, wo die Ungeheuer ihre schimmernden Stricke so dicht verflochten hatten wie Zettel und Kettfäden. Das Kloster Zur Gelben Blüte war mit allen Türmen und Hallen darunter verschwunden. »Das war stark!« murmelte Pilger, »zum Glück bin ich ihnen nicht in die Fänge geraten. Kein Wunder ist Eber Bajie derart gestrauchelt. Aber was soll ich bloß tun? Mein Meister und meine Ordensbrüder sind vergiftet, und dieses Pack von Ungeheuern spielt sich in die Hände! Ich weiß ja nicht mal, wo die eigentlich herkommen. Da will ich doch gleich mal den Erdgeist fragen.« Mit einem magischen Fingerzeichen und einem Zauberspruch zwang er den Erdgeist hervor und rief: »Diese sieben Ungeheuer spucken immerzu Seile aus; du als Ortsgeist musst wissen, woher sie kommen und um was für Ungeheuer es sich handelt!« Der Erdgeist antwortete: »Sie sind erst seit knapp zehn Jahren hier; geringer Geist hat sie erstmals vor drei Jahren gesehen. In Wirklichkeit sind es sieben Spinnen; ihre Seile sind Spinnfäden.« Pilger freute sich und rief: »Dann ist es ja keine Sache. Du kannst abtreten!« Mit einem Stirnaufschlag verschwand der Erdgeist, und Pilger ging vors Kloster, wo er sich siebzig Schwanzhaare auszupfte, die er in siebzig kleine Pilger verwandelte, dann zauberte er siebzig Astgabeln aus seinem Goldreifstab und reichte jedem kleinen Pilger eine. Zuletzt nahm er selber eine Astgabel zur Hand und begann damit die Seile aufzurollen. Alsbald machten alle mit und riefen »Hau-Ruck!«, bis ein jeder über zehn Pfund Stricke aufgerollt hatte. Drinnen aber kamen sieben Spinnen zum Vorschein, mit Leibern groß wie Weidenkörbe. Alle zogen ängstlich Beine und Köpfe ein und riefen: »Erbarmen, Erbarmen!« Gleichzeitig aber stürzten sich die siebzig Pilger auf die sieben Spinnen und ließen nicht von ihnen ab. »Schlagt sie nicht!« verwies sie Pilger. »Sie sollen mir bloß meinen Meister und die Ordensbrüder wiedergeben!« Da riefen die Spinnen: »Bruder, gebt ihm den Priester aus China zurück, rettet uns!« Da trat der Daoist aus den hinteren Hallen und sagte: »Ich kann euch leider nicht retten, Schwestern; ich will den Priester fressen!« Als Pilger dies hörte, schrie er wütend: »Dann sieh zu, wie deine Schwestern aussehen, wenn du meinen Meister nicht rausrücken willst!« Er schwenkte die Astgabel in den Wind, dass sie wieder zum Goldreifstab wurde, packte ihn mit beiden Händen und drosch ungehemmt auf die Spinnen ein, bis nur noch Blut und Fetzen übrig waren. Zuletzt fing er mit einem leichten Dreh seine Schwanzhaare wieder ein und stürzte sich mit wirbelnder Stange auf den Daoisten, der ihm schon mit dem Schwert entgegenkam. Zornentbrannt entfachten beide ihre magischen Zauberkräfte und fochten an die sechzig Kampfrunden aus, bis der Daoist seine Kräfte schwinden fühlte. Da aber knöpfte er seinen Gürtel auf, riss sich die schwarze Robe vom Leib und hielt die Arme hoch, denn er hatte an seinen Flanken tausend Augen, denen ein goldenes Licht entströmte, das von enormer Kraft war. Der überraschte Pilger verlor das Gleichgewicht und kreiste auf einmal haltlos in goldenen Lichterfluten, unfähig, seine Füße auch nur vor- oder rückwärts zu bewegen. Es war, als wäre er in einem Bottich gefangen. Diese Ohnmacht machte ihn rasend vor Wut. Jäh schoss er hoch, prallte aber sofort am Goldlicht ab und fiel hart nach unten. Sein Kopf schmerzte vom Aufprall, und als er mit der Hand die Stelle befühlte, merkte er, dass sein Scheitel weichgeschlagen war. Der Daoist hatte an seinen Flanken tausend Augen, denen ein goldenes Licht entströmte, das von enormer Kraft war. »Verdammt!« murmelte er bedrückt, »so ein Pech! Jetzt hält nicht mal dieser Schädel! Sonst ist er so hart, dass keine Axt und kein Säbel was anrichten kann! Wie kommt es, dass er von diesem Goldlicht weich wird?« Einen Moment lang glaubte er vor Wut platzen zu müssen. Dann überlegte er: »Nach vorn geht’s nicht und nach hinten nicht, und oben komme ich auch nicht durch. Was soll ich bloß tun? Dann geh ich eben nach unten!« Schon murmelte er einen Zauberspruch und verwandelte sich mit einem leichten Dreh in ein Gürteltier. Seht, wie er sich jetzt mit dem Kopf voran durch die Erde gräbt, um erst nach zwanzig Meilen wieder hervorzukommen! Mit dem Goldlicht verhielt es sich nämlich so, dass es nur einen Umkreis von etwa zehn Meilen abzudecken vermochte. Pilger schlüpfte heraus und nahm wieder seine eigene Gestalt an. Er war aufs äußerste erschöpft, der ganze Leib schmerzte ihn, und wie er nun seines Meisters gedachte, konnte er die Tränen nicht zurückhalten. Mitten in seinem Kummer hörte er auf einmal hinter sich ein lautes Schluchzen. Er erhob sich und hielt Ausschau. Es war eine Frau in Trauerkleidung, die mit einer Schale Reissuppe in der Linken und einem Bündel Totengeld in der Rechten einherging und bei jedem Schritt laut aufschluchzte. Pilger nickte vor sich hin und seufzte: »Ach, da treffen nun buchstäblich Tränen auf Tränen; ein Trostloser findet einen anderen Trostlosen! Weshalb wohl diese Frau ihre Tränen vergießt? Ich will sie mal fragen.« Es dauerte nicht lange, da war die Frau auf seiner Höhe; Pilger machte eine leichte Verbeugung und fragte: »Werte Dame, um wen weint Ihr denn?« Unter Tränen antwortete die Frau: »Mein Mann ist wegen eines Kaufs von Bambusstangen mit dem Abt des Klosters der Gelben Blüte in Streit geraten, da hat ihn der Abt mit vergiftetem Tee ermordet. Jetzt will ich Totengeld verbrennen, um meinen ehelichen Banden Ausdruck zu geben.« Da rannen auch Pilger Tränen über die Wangen. Als die Frau es bemerkte, rief sie empört: »Unwissender! Wie könnt Ihr Euch über mich lustig machen, während ich um meinen Gatten trauere!« »Beruhigt Euch, werte Dame«, entgegnete Pilger. »Ich bin der älteste Schüler von Tripitaka, der im Auftrag des Kaisers von China in den Westen reist. Als wir am Kloster der Gelben Blüte vorbeikamen und uns dort ein bisschen ausruhen wollten, hat dieses Ungeheuer von Daoist meinen Meister und meine zwei Ordensbrüder mit seinem Tee vergiftet. Sie alle und auch unser Pferd sind immer noch im Kloster; nur ich habe den Tee nicht genommen und außerdem eine ganze Weile mit dem Daoisten gerungen. Doch zuletzt hat er seinen Oberkörper entblößt, und von da ist plötzlich ein gleißendes Goldlicht ausgeströmt, das mich ganz überwältigt hat. Gerade erst bin ich in verwandelter Gestalt unter dem Boden hindurch bis hierher gelangt, und da hörte ich mitten in der Verzweiflung auf einmal Euer Schluchzen, weshalb ich Euch nach dem Grund fragte. Wie ich denn sah, dass Ihr Totengeld für Euren Gatten opfert, musste ich an meinen Meister denken und daran, dass ich für ihn nicht einmal etwas zum Opfern habe, drum bin ich noch trauriger geworden. Wie könnte ich es wagen, mich über Euch lustig zu machen!« Da entschuldigte sich die Frau und sprach: »Seid mir nicht böse, ich wusste nicht, dass auch Euch ein Leid geschehen ist. So, wie Ihr das schildert, scheint Ihr ja gar nicht zu wissen, wer dieser Daoist ist. Sein Name lautet Hundertäugiger Dämonenfürst, aber man nennt ihn auch das Ungeheuer mit den vielen Augen. Da Ihr Euch auf die Kunst der Verwandlung versteht und dem Goldlicht ausweichen konntet, müsst Ihr magische Fähigkeiten besitzen, aber trotzdem konntet Ihr dem Kerl nichts anhaben. Ich will Euch eine Heilige nennen, die das Goldlicht vernichten kann und den Daoisten zu überwältigen vermag.« Respektvoll legte Pilger die Hände übereinander und rief: »Bitte, werte Dame, gebt mir unbedingt einen Rat!« »Allerdings«, meinte die Frau, »wird es wohl nur noch zur Rache reichen, auch wenn Ihr die Heilige aufsucht, sobald ich sie Euch genannt habe, und den Daoisten überwältigt; Euren Meister werdet Ihr kaum retten können.« »Warum nicht?« »Das Gift dieses Ungeheuers ist das Schlimmste, was es gibt. Wer es eingenommen hat, dem werden innerhalb von drei Tagen die Knochen verfaulen. Bis Ihr wieder zurück seid, ist es sicherlich zu spät. Also wird er nicht zu retten sein.« »Ich kann mich sehr schnell fortbewegen«, versetzte Pilger, »mehr als einen halben Tag brauche ich nicht, egal, wie weit es ist.« »Nun, dann hört mir gut zu: Tausend Meilen entfernt von hier gibt es einen Berg der Purpurnen Wolken, und auf diesem Berg ist die Grotte der Tausend Blüten. In der Grotte wohnt jene Heilige, das alte Weib Pilan. Sie kann das Ungeheuer unterwerfen.« »In welcher Richtung liegt dieser Berg denn?« fragte Pilger. »Direkt im Süden«, antwortete die Frau und wies ihm die Richtung mit der Hand. Pilger schaute in die angegebene Richtung, und als er sich wieder umdrehte, war die Frau verschwunden. Jäh blickte er nach oben und erkannte, dass es die Alte Mutter vom Lishan war. Er eilte ihr nach und rief: »Woher kommt Ihr denn, dass Ihr mir hier Hilfe bringt?« »Vom Drachenblüten-Fest des Buddha Maitreya«, erklärte die Alte Mutter, »weil ich unterwegs gesehen habe, dass Euer Meister in Not ist, bin ich gekommen. Nun geht aber, so schnell Ihr könnt, und holt das alte Weib Pilan! Nur dürft Ihr nicht verraten, dass ich es war, die Euch auf sie hingewiesen hat. Diese Heilige nimmt einem leicht mal was übel.« Pilger bedankte sich und schoss mit einem Satz im Wolkenüberschlag zum Berg der Purpurnen Wolken. Kaum schickte er sich an, seine Wolke zu senken, fand er auch schon die Grotte der Tausend Blüten und ging gleich hinein. Drinnen war es still und leer, keine Menschenseele war zugegen, man hörte nicht einmal Hühner oder Hundegebell. »Die Heilige ist wohl außer Haus«, sann Pilger, während er weiter ins Innere drang. Mehrere Meilen ging er so weiter, bis er schließlich eine Daoistin erblickte, die auf einer einfachen Lagerstätte saß. Pilger trat auf sie zu und rief: »Seid gegrüßt, Bodhisattva Pilan!« Diese stieg vom Lager, grüßte zurück und sprach: »Verzeiht, dass ich Euch nicht empfangen habe, Großer Heiliger! Wo kommt Ihr denn her?« »Warum kennt Ihr mich?« wunderte sich Pilger. »Damals, nach Eurem Aufruhr im Himmel, hat Euer Name doch überall die Runde gemacht; wer könnte Euch nicht kennen?« »Doch wisst Ihr sicher noch nicht, dass ich mich dem Buddhismus zugewandt habe!« versetzte Pilger. »Oh, seit wann denn? Gratuliere, gratuliere!« »Seit kurzem bin ich mit meinem Meister, dem Priester aus China, auf einer Reise in den Westen, um Heilige Schriften zu holen. Doch jetzt ist mein Meister von einem Daoisten aus dem Kloster der Gelben Blüte vergiftet worden, und als ich mit ihm kämpfte, hat er mich mit einem goldenen Licht in Bann geschlagen, so dass ich allein dank eines Verwandlungszaubers fliehen konnte. Da ich sagen hörte, dass Ihr dieses Goldlicht vernichten könnt, bin ich gekommen, Euch um Hilfe zu bitten.« »Wer hat Euch das gesagt?« wollte Bodhisattva Pilan wissen. »Seit ich am Fischkorb-Fest teilgenommen habe, bin ich dreihundert Jahre nicht mehr ausgegangen. Ich lebe in gänzlicher Abgeschiedenheit, und keiner weiß etwas von mir. Wie konntest du bloß von mir erfahren?« »Ich bin halt ein Bodengeist«, versetzte Pilger, »ich weiß alles, wo immer ich bin.« »Sei’s drum«, meinte Pilan. »Eigentlich sollte ich nicht hingehen. Doch da Ihr eigens gekommen seid, Großer Heiliger, will ich Eurer Schriftensuche nicht im Wege stehen, schließlich ist das eine gute Sache. Ich komme gleich mit.« Und so stieg sie mit Pilger zusammen in die Lüfte. »Allerbesten Dank für Euer Entgegenkommen!« rief Pilger. »Darf ich fragen, was Ihr als Waffe dabeihabt?« »Ich habe eine Nadel, mit der ich ihn besiegen kann«, antwortete die Bodhisattva Pilan. »Wenn ich das gewusst hätte«, versetzte Pilger, »hätte ich auch eine Nadel zur Verfügung stellen können.« »Was Ihr habt, wird bloß aus Stahl, Eisen oder Gold sein, das taugt nicht. Meine Nadel ist ein Schatz ganz besonderer Art, weder aus Stahl, noch aus Eisen, noch aus Gold. Sie ist im Auge meines Sohnes gewachsen.« »Wer ist denn Euer Sohn?« wollte Pilger wissen. »Der Sternfürst Maori«, war die Antwort, was Pilger in höchstem Maße erstaunte. Inzwischen konnte man bereits das gleißende Goldlicht sehen; Pilger wies in die Richtung und sprach: »Dort ist das Kloster der Gelben Blüte, wo dieses goldene Licht herkommt.« Da klaubte die Bodhisattva eine Stecknadel aus ihrem Kragen, die war so klein wie eine Augenbraue und kaum länger als ein halber Zoll. Sie hielt die Nadel zwischen zwei Finger und schleuderte sie nach unten. Einen Augenblick später hörte man ein Klirren, und das Goldlicht war zerbrochen. Erleichtert rief Pilger: »Wunderbar, Bodhisattva, wunderbar! Lasst uns die Nadel suchen!« Doch Pilan hielt ihre Hand hin und meinte: »Da ist sie doch!« Da senkte Pilger seine Wolke und landete mit Pilan vor dem Kloster. Drinnen aber fanden sie den Daoisten, mit geschlossenen Augen, unfähig, sich zu bewegen. »Spielst wohl blind, du leidiges Ungeheuer!« schimpfte Pilger und zerrte seine Stange hervor, um ihn zu erschlagen. Pilan aber hielt ihn zurück und sprach: »Lasst ab, Großer Heiliger. Kümmert Euch um Euren Meister!« Pilger lief zum Gästetisch und sah alle drei mit Schaum vor dem Mund am Boden liegen. »Was tun wir bloß?« rief er unter Tränen. »Grämt Euch nicht, Großer Heiliger«, sprach Pilan. »Da ich ohnehin ausgegangen bin, will ich Euch auch richtig beistehen. Ich habe hier ein paar entgiftende Pillen, davon will ich Euch drei geben.« Aus ihrem weiten Ärmel zog sie ein zerschlissenes Päckchen aus Papier hervor, dem sie drei Pillen entnahm und Pilger überreichte mit dem Hinweis, jedem eine in den Mund zu legen. Pilger stemmte jedem den Kiefer auseinander und steckte allen eine Pille in den Mund. Es dauerte nicht lange, da war die heilende Medizin im Bauch, und alle mussten sich übergeben. So kam das Gift heraus, und sie fanden ins Leben zurück. Bajie rappelte sich als Erster auf und keuchte: »Ich bin fast erstickt!« Bald erwachte auch Sandmönch und stöhnte: »Mir ist ganz schwindlig!« »Euer Tee war vergiftet«, sagte Pilger, »Ihr könnt von Glück reden, dass Euch Bodhisattva Pilan gerettet hat. Kommt und verneigt Euch vor ihr!« Tripitaka strich eilends sein Gewand zurecht und sprach der Bodhisattva seinen Dank aus. »Wo ist denn jener Daoist hin, Bruder?« wollte Bajie nun wissen. »Den will ich doch mal fragen, warum er uns so übel zugerichtet hat!« Als Pilger ihm erzählt hatte, was mit den Spinnengeistern geschehen war, rief Bajie aufgebracht: »Der Kerl ist also mit Spinnen verbrüdert! Er muss ein Ungeheuer sein!« Pilger wies mit der Hand auf den Daoisten und meinte: »Jetzt steht er dort vor der Halle und spielt den Blinden!« Schon schwang Bajie seinen Rechen und wollte losschlagen, doch Pilan hielt auch ihn zurück und sprach: »Beruhigt Euch, Tianpeng! Wie der Große Heilige weiß, bin ich in meiner Grotte ohne Dienerschaft. Ich will ihn einfangen, damit er mir als Torwächter dient.« »Welch hohe Tugend!« rief Pilger bewundernd, »das ist ja geschenkt! Lasst ihn doch seine eigene Gestalt annehmen, damit wir sehen können, was er ist.« »Nichts leichter als das«, meinte Pilan und zeigte mit dem Finger auf den Daoisten. Schon stürzte dieser in den Staub, und sein ursprünglicher Leib kam zum Vorschein: Ein mächtiger Skolopender von sieben Zoll Länge! Pilan hakte ihn mit dem kleinen Finger auf und schwebte auf einer glückverheißenden Wolke zu ihrer Grotte der Tausend Blüten zurück. Bajie starrte ihr am Himmel nach und meinte: »Das Mütterchen hat es in sich. Wie schafft sie es bloß, derart übles Getier unterzukriegen?« »Ich hab sie gefragt«, versetzte Pilger lachend. »Ihr Sohn ist der Sternfürst Maori, das ist doch ein Hahn; also muss seine Mutter eine Henne sein! Hühner verstehen sich am besten darauf, Skolopender zu fangen; darum hat sie ihn so leicht besiegt.« Als Tripitaka dies hörte, machte er viele tiefe Verbeugungen. Anschließend hieß er die Schüler, etwas zum Essen zuzubereiten, und als alle satt waren, brachte man das Gepäck in Ordnung und verließ das Kloster. Pilger aber ging in die Küche und entfachte einen Brand, der das Kloster binnen kurzem in Schutt und Asche legte. Danach eilte er in langen Schritten voran. Und da wir nicht wissen, was im Folgenden auf sie zukommen sollte, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第074回 / 74. Kapitel Der Abendstern bringt Kunde von bösen Dämonen / Pilger zeigt sein Können im Verwandlungszauber Was zur Liebeslust bewegt, Rührt aus ganz normalen Gründen; Doch wie kann je Frieden finden, Wer an Liebeslust gebunden? All die Mönche, die sich üben In der Lehre der Buddhisten: Es fängt innere Sammlung an, Wenn die Liebestriebe rasten! Richte wachsam deinen Sinn, Sei im Herzen stets bestimmt; So fernab vom Staub der Welt Wie der Mond am Firmament! Schreite fort in guten Taten, Gib dich keinem Fehl anheim; Wenn der Weg vollendet ist, Wirst du ein Erwachter sein! Wie berichtet, hatten sich Tripitaka und seine Schüler aus dem Netz der Begierde befreien können und waren letztendlich dem Bann der Sinnesreize entgangen. Nun gaben sie dem Pferd die Sporen und zogen weiter dem Westen entgegen. Lange wanderten sie dahin, bis der Sommer zur Neige ging und der Herbst mit frischer Kühle aufwartete. Auf einmal gewahrte Tripitaka ein hohes Gebirge, dessen Gipfel in den Himmel ragten, als wollten sie die Wolken betasten oder gar die Sonne aufhalten. Der Priester gab dem Ross die Sporen und ritt frisch den felsigen Hang hinan. Nach einigen Wegmeilen sahen sie einen alten Mann mit schlohweißem Haar und silbernem Bart auf einen Stock gestützt am Berghang stehen. Schon von weitem rief er ihnen zu: »Halt, ihr Priester, die ihr in den Westen reist! In diesem Gebirge hausen Dämonen, die alle Menschen der Welt auffressen mögen. Hier kommt ihr nicht weiter!« Diese Worte jagten dem Priester einen solchen Schrecken ein, dass er vom Sattel glitt und wie erstarrt am Boden liegen blieb. Pilger ging hin, ihm aufzuhelfen, und sagte: »Fürchtet Euch nicht. Ihr habt doch mich!« Diese Worte jagten dem Priester einen solchen Schrecken ein, dass er vom Sattel glitt und wie erstarrt am Boden liegen blieb. »Hast du denn nicht gehört, was der alte Mann sagte? Eine ganze Horde Dämonen haust auf diesem Berg! Jemand von euch soll hingehen und um nähere Auskunft bitten!« »Bleibt erst mal hier sitzen«, meinte Pilger, »ich gehe mich erkundigen.« »Der Alte könnte sich an deinem Aussehen und deinen unfeinen Reden stören«, gab Tripitaka zu bedenken, »dann könnte er womöglich die Auskunft verweigern.« »Dann verwandle ich mich eben in was Nettes«, gab Pilger lachend zurück, machte einen leichten Dreh und stand als artiger junger Mönch da. Dann ging er hin, verbeugte sich vor dem Alten und sprach: »Seid gegrüßt, werter Onkel!« Der Alte betrachtete seine jugendliche Anmut mit Wohlgefallen, legte ihm lächelnd die Hand auf den Kopf und fragte: »Wo kommst du her, mein kleiner Mönch?« »Wir kommen aus dem chinesischen Kaiserreich im Osten und pilgern in den Westen, um Heilige Schriften zu holen«, erklärte Pilger. »Da wir Euch eben von Dämonen sprechen hörten, hat mein Meister Angst bekommen und schickt mich, Euch zu fragen, was für Dämonen sich hier in den Weg stellen wollen. Bitte, werter Onkel, lasst mich Genaueres wissen, dann führe ich die Kerle ab, und wir können weiterreisen.« »Du bist jung und unerfahren, mein kleiner Mönch«, sprach der Alte lächelnd. »Diese Dämonen besitzen gewaltige Kräfte! Wie kannst du nur glauben, du könntest sie einfach so abführen und weiterreisen?« »Was für Kräfte haben sie denn?« fragte Pilger. »Sie brauchen bloß einen Brief zum Seelenberg zu senden, dann werden sie von allen fünfhundert Arhats persönlich empfangen; mit einem einzigen Schreiben an den Himmelskaiser erreichen sie, dass ihnen alle Elf Strahlenden ehrerbietig entgegenkommen. Selbst die Drachenkönige der Vier Ozeane sind mit ihnen befreundet, und auch die Unsterblichen der oberen, mittleren und unteren Acht Grotten pflegen Umgang mit ihnen. Alle zehn Höllenfürsten behandeln sie als Brüder, und Gottheiten wie der Erdgeist oder der Stadtgott nehmen sie als gerngesehene Gäste auf!« Als der Große Heilige dies vernommen hatte, brach er in Gelächter aus und prustete: »Das reicht, das reicht! Die sind ja bloß mit meinen Nachfahren befreundet; das ist nicht weiter von Belang. Wenn die wüssten, dass geringer Mönch da ist, würden sie über Nacht ausziehen!« »Buddha Amithaba!« stöhnte der Alte, »dieser Mönch wird nie erwachsen, wenn er sich in solch übertriebenen Reden versteigt!« »Ich bin wahrhaftig alt genug, werter Herr!« warf Pilger ein. »Wie alt bist du denn?« »Ratet mal!« »Sieben, acht?« »Zehntausendmal so viel!« lachte Pilger. »Da Ihr uns freundlicherweise vor den Dämonen gewarnt habt, sagt uns doch bitte, wie viele es sind, damit ich sie rechtzeitig aus dem Weg räumen kann!« Der Alte aber war es leid, auf solchen Wahnwitz einzugehen, und gab keine Antwort mehr. Da wandte sich Pilger ab und rannte den Hang hinunter. »Wukong«, rief Tripitaka, »was hat er dir gesagt?« »Ach, nichts zu fürchten!« winkte Pilger lachend ab. »Es soll zwar eine Handvoll Dämonen geben, doch die Leute hier sind bloß ängstlich und nehmen sie viel zu ernst. Keine Sache, keine Sache, Ihr habt ja mich!« »Hast du denn überhaupt gefragt, wie dieser Berg heißt, in was für einer Grotte die Dämonen hausen, wie viele es sind und welcher Weg zum Tempel des Donnergrollens führt?« insistierte Tripitaka. »Ach Meister!« rief Bajie dazwischen, »er hat doch bloß ein bisschen was gefragt und ist gleich wieder zurückgerannt! Lieber will ich alter Eber mich mal erkundigen.« »So ist es recht«, sprach Tripitaka. Der Tölpel strich seine schwarze Kutte ordentlich glatt, schritt den Hang hinan auf den Alten zu und rief: »Seid gegrüßt, werter Onkel!« Als der Mann nach seiner Herkunft fragte, antwortete Bajie: »Ich bin der zweite Schüler des Priesters aus China, mein Name ist Eber Wuneng. Der vorhin war mein älterer Ordensbruder. Mein Meister ist ungehalten darüber, dass er so unanständig war und keine rechte Auskunft brachte, drum hat er mich geschickt, Euch zu fragen, was dies für ein Berg sei und was für eine Grotte, wie viele Dämonen es in der Grotte gebe und welcher Weg in den Westen führe. Bitte helft uns weiter, werter Onkel!« »Bist du auch ehrlich und anständig?« fragte der Alte. »Ich habe mein Leben lang niemanden betrogen«, gab Bajie zur Antwort. Da stützte sich der Alte auf seinen Stock und sprach: »Das hier ist das Löwengebirge, es ist achthundert Meilen breit. Mitten im Gebirge ist eine Löwengrotte, dort hausen drei Dämonen.« »Ihr scheint doch etwas übervorsichtig zu sein, werter Herr«, versetzte Bajie. »Wegen drei Dämonen nehmt Ihr Euch die Mühe, uns zu warnen!« »Fürchtet ihr euch denn nicht?« fragte der Alte. »Ehrlich gesagt, mit drei Dämonen nehmen wir Ordensbrüder es leicht auf. Jeder knöpft sich einen vor, und mein Meister geht ungeschoren über den Berg, was sollte daran schwierig sein?« Da lachte der Alte und sprach: »Ihr seid Euch nicht bewusst, wie es um die Sache steht, guter Mönch! Diese Dämonen verfügen über ungeheure Kräfte! Unter ihrem Kommando schwärmen kleine Ungeheuer über das ganze Gebirge, im Süden wie im Norden, auf dem Westweg wie auf dem Ostweg. Dazu kommen an die 48 000 Inspektoren sowie Wachen, Feuermacher und Holzhacker, ein jeder mit Namen und Plakette, alle Übrigen noch gar nicht mit eingerechnet! Und all diese Ungeheuer sind einzig darauf aus, Menschen zu fressen.« Als der Tölpel dies vernommen hatte, rannte er zitternd vor Angst zu Tripitaka und sagte: »Wir brauchen uns nicht weiter zu unterhalten. Nichts wie weg, wenn wir lebend davonkommen wollen!« »Du unverbesserlicher Tölpel«, versetzte Pilger, »was soll das heißen?« »Der Alte sagt, hier sei der Löwenberg, und es gebe eine Löwengrotte, in der drei alte Dämonen hausten, unter sich 48 000 kleine Ungeheuer, alle einzig und allein darauf aus, Menschen zu fressen! Selbst wenn wir bloß in der Nähe durchschleichen, können wir zur Beute werden. Hier kommen wir niemals durch!« Tripitaka standen die Haare zu Berge. »Wukong«, rief er, »was tun wir bloß?« Pilger aber lachte und sprach: »Meister, macht Euch keine Sorgen. Geht einfach voran; ich weiß schon, was zu tun ist.« Tripitaka blieb keine andere Wahl; er versuchte sich zu beruhigen, stieg in den Sattel und führte seinen Weg fort. Der Alte aber war plötzlich verschwunden. »Das war wohl ein Ungeheuer, das uns hier was vorgegaukelt hat«, meinte Sandmönch, »wie der sprichwörtliche Fuchs, der die Macht des Tigers nutzt, um sich stark zu zeigen.« »Lass mich mal nachsehen«, meinte Pilger, sprang mit einem Satz auf einen hohen Gipfel und spähte ringsumher, bis er ein bunt schillerndes Licht bemerkte, das durch die Lüfte segelte. Auf einer Wolke sauste er ihm nach und hatte es alsbald eingeholt. Es war Taibai, der Abendstern. Pilger packte ihn am Ärmel und rief, ihn beim Vornamen nennend: »Li Changgeng! Warum sagst du nicht direkt, was du zu sagen hast? Wozu das eitle Gaukelspiel?« Eilends machte der Abendstern eine höfliche Begrüßungsgeste und sprach: »Verzeiht, Großer Heiliger! Diese Dämonen haben in der Tat gewaltige Zauberkräfte. Ihr kommt hier nur durch, wenn Ihr Eure Zauberkraft und Strategie sehr weise einzusetzen wisst. Auch wenn Euch nur die geringste Unachtsamkeit unterläuft, könnte es wahrhaft schwierig werden!« Pilger verabschiedete sich, landete wieder bei Tripitaka und berichtete: »Der Alte, der uns vorgewarnt hat, war Taibai, der Abendstern.« Da faltete der Priester die Hände und sprach: »Eile ihm nach, mein Schüler! Frage ihn, wo es einen anderen Weg gibt, damit wir nicht hier lang müssen!« »Es gibt keinen anderen Weg«, gab Pilger zurück. »Das Gebirge ist über achthundert Meilen breit, und kein Mensch weiß, wie weit im Umfang. Wie kämen wir je darum herum?« Da meinte Tripitaka mit Tränen in den Augen: »Aber mein Schüler, wie sollen wir jemals zu Buddha gelangen, wenn das so schwierig ist?« »Heult doch nicht«, versetzte Pilger, »war wohl ein bisschen übertrieben, was er uns da erzählt hat. Es geht doch nur darum, dass wir uns in Acht nehmen. Steigt mal vom Pferd und setzt Euch; Bajie und Sandmönch sollen Euch gut beschützen, derweil ich alter Sun auf den Hügeln Ausschau halte.« Mit einem Pfiff stob er im Wolkenüberschlag davon. In den Lüften hielt er Ausschau, doch ringsum lag alles still und leer. Er überlegte sich gerade, was er tun sollte, da hörte er auf einmal hinter dem Berg ein Klingeln und Klappern, und wie er sich umwandte, sah er ein Ungeheuer nach Süden wandern. Es hatte eine Flagge mit dem Schriftzeichen »Befehl« über die Schulter geworfen, an seinem Gürtel baumelten Schellen, und mit der Hand betätigte es eine Klapper. Pilger stellte fest, dass das Ungeheuer ziemlich groß war, etwa einen Klafter und zwei Fuß. »Das muss ein Krieger sein, der mit einer Botschaft unterwegs ist«, sann er. »Den will ich gleich mal ausfragen.« Mit einem Zauberspruch und einem magischen Fingerzeichen verwandelte er sich in eine Fliege und landete sachte auf der Hutkrempe des Ungeheuers. Während dieses auf die Landstraße kam, murmelte es zum Takt von Klappern und Schellen vor sich hin: »Wir Soldaten, die den Berg absuchen, Müssen äußerst wachsam sein, Ganz besonders, weil der Pilger Sun Sich in Fliegen gar verwandeln kann!« Verdutzt sann Pilger: »Der Kerl muss mich gesehen haben! Wie kann er bloß wissen, wie ich heiße? Woher weiß er, dass ich mich in eine Fliege verwandeln kann?« Allerdings hatte das Ungeheuer ihn gar nicht gesehen. Der Dämon hatte ihm bloß, aus welchem Grund auch immer, diese Worte eingeschärft, in Form eines vierteiligen Merkspruchs, den das Ungeheuer nun gedankenlos vor sich hin brummte. Pilger, der das ja nicht wissen konnte, wollte schon seine Stange packen, es zu erschlagen, doch plötzlich hielt er inne und dachte: »Der Abendstern hat Bajie doch gesagt, es gäbe hier drei alte Dämonen und 48 000 kleine Ungeheuer. Noch einige tausend Ungeheuer wie das hier wären keine Sache. Nur weiß ich noch nicht, was für Kräfte denn die Dämonen haben. Da will ich ihn lieber mal ausfragen, umhauen kann ich ihn nachher immer noch.« Wie er das anstellte? Er flog vom Hut herunter, landete auf einem Baum und ließ das Ungeheuer erst ein paar Schritte Vorsprung gewinnen, dann machte er einen schnellen Dreh und erschien in Gestalt eines Ungeheuers, das genau wie das andere mit Klapper und Schellen ausgestattet war, eine Flagge auf der Schulter trug und denselben Spruch vor sich hin murmelte. So eilte er voran und rief: »He, du da vorne, warte auf mich!« Das Ungeheuer wandte sich um und fragte: »Woher kommst du denn?« »Du bist mir einer!« gab Pilger lachend zurück, »kennst nicht mal die Leute deiner Sippe!« »Du bist doch gar nicht einer von uns!« »Wie, ich bin keiner von uns? Sieh mich doch genau an!« »Nein, wirklich, ich kenne dich nicht.« »Dacht’ ich mir doch«, meinte Pilger, »ich bin Feuermacher, drum siehst du mich selten.« Da schüttelte das Ungeheuer den Kopf und sagte: »Auch bei den Feuermachern ist keiner, der aussieht wie du. Außerdem führt unser großer König eine strenge Hausordnung: Die Feuermacher sind ausschließlich für das Feuer zuständig, die Soldaten der Patrouille ausschließlich für die Rundgänge. Es kann doch nicht sein, dass er dich gleichzeitig fürs Feuer und für die Rundgänge einstellt?« »Du bist eben nicht informiert«, erwiderte Pilger. »Unser großer König hat mich zur Patrouille befördert, weil ich so begabt war im Feuermachen.« »Wie auch immer«, meinte das Ungeheuer, »auf Patrouille sind wir ja immer in Truppen von vierzig Soldaten eingeteilt, verteilt in zehn Schichten, macht vierhundert Soldaten. Unser König hat jedem von uns eine Holzplakette gegeben, darauf sind Alter, Aussehen und Namen verzeichnet. Hast du so eine Plakette?« Statt zu verneinen, rief Pilger lauthals: »Wieso sollte ich keine haben? Nur hab ich eben erst eine neue bezogen. Lass mal deine sehen!« Wie hätte das Ungeheuer ahnen können, dass dies ein Trick war? Es langte unter sein Gewand und zog ein golden lackiertes Täfelchen hervor, das an einem Garnstrick um seinen Leib gebunden war, und hielt es Pilger hin. Auf der Vorderseite prangten die goldenen Schriftzeichen: »Bezwingung aller Dämonen«, auf der Rückseite stand in feiner Regelschrift geschrieben: »Kleiner Windstecher«. »Keine Frage, alle Soldaten auf Patrouille müssen das Wort ›Wind‹ im Namen haben«, überlegte Pilger. Dann meinte er: »Geh mal voran, dann nehm ich mein Täfelchen raus und zeig es dir.« Flink wandte er sich um, langte unter sein Kleid, um sich ein Schwanzhaar auszuzupfen, und machte daraus ein goldenes Täfelchen, das ebenfalls mit einem Stück Garn versehen war und auf dem geschrieben stand: »Ober- Windstecher«. Dann hielt er es dem Ungeheuer hin. Da rief es erschrocken: »Aber wir heißen doch alle ›Kleine Windstecher‹; wie kommst ausgerechnet du zum Namen ›Ober-Windstecher‹?« »Du weißt das eben noch nicht«, gab Pilger zurück. »Weil unser König sah, wie gut ich Feuer mache, hat er mich zur Patrouille befördert und mich mit dieser Plakette zum Oberaufseher aller Windstecher ernannt, damit ich mich um deine Truppe von vierzig Windstechern kümmere.« Als das Ungeheuer dies hörte, legte es ehrerbietig die Hände übereinander und rief: »Gebieter, da Ihr neu im Amte seid, habe ich Euch in der Tat nicht erkannt. Bitte nehmt mir meine respektlosen Worte nicht übel!« Pilger erwiderte die Geste und meinte lächelnd: »Ich will dir verzeihen. Doch merk dir eins: Willkommensgeld verlange ich, und zwar von jedem fünf Silberlinge.« »Bitte habt etwas Geduld, Gebieter! Sobald ich am Südhang bei meiner Truppe bin, bekommt Ihr alles auf einmal!« »Nun gut«, meinte Pilger, »dann geh ich gleich mit dir.« Tatsächlich schritt das kleine Ungeheuer voran, Pilger folgte ihm, und nach wenigen Meilen waren sie angelangt. Pilger sprang auf einen hohen Felsen, setzte sich und rief: »Alle herkommen, ihr Windstecher!« Unten verbeugten sich die kleinen Windstecher und antworteten: »Zu Diensten, Herr Gebieter!« »Ist euch bekannt, weshalb mich der Große König hierher beordert hat?« »Nein«, antworteten die Windstecher. »Weil der Große König den Priester aus China fressen will, sich aber vor den großen Zauberkünsten von Pilger Sun in Acht nehmen muss, denn man sagt ja, der beherrsche die Kunst der Verwandlung. Damit sich dieser Sun nicht plötzlich in einen kleinen Windstecher verwandelt und so wichtige Informationen ausspioniert, hat er mich zum Ober- Windstecher ernannt, um zu überprüfen, ob es unter euch einen Falschen gibt.« »Gebieter«, riefen alle wie aus einem Munde, »wir sind echt!« »Wenn ihr behauptet, echt zu sein, dann lasst mal hören, was der Große König für Fähigkeiten hat! Wisst ihr das alle?« »Ja«, ließ jemand aus der Truppe verlauten. »Dann lass hören; wenn es mit meinem Wissen übereinstimmt, bist du echt, wenn aber irgendwas davon abweicht, bist du falsch, und dann bring ich dich sofort vor den Großen König!« Der kleine Windstecher, den Pilger von seiner hohen Warte aus anherrschte, konnte nicht anders, als wahrheitsgemäß zu berichten, was er wusste: »Unser Großer König hat so gewaltige Zauberkräfte und derart große Macht, dass er einst hunderttausend Himmelskrieger auf einmal verschlang.« Als Pilger dies hörte, fauchte er wütend: »Du bist nicht echt!« Erschrocken rief der kleine Windstecher: »Werter Herr Gebieter, ich bin echt, was soll denn falsch sein?« »Wie kannst du nur so dummes Zeug erzählen, wenn du echt bist! Wie soll der Große König hunderttausend Himmelskrieger auf einmal verschlucken; so groß kann er doch gar nicht sein!« »Dann seid Ihr nicht informiert, Gebieter«, gab der kleine Windstecher zurück. »Unser Großer König versteht sich dermaßen gut auf die Kunst der Verwandlung, dass er so groß werden kann wie der Himmel oder so klein wie ein Samenkorn. Weil er einst keine Einladung zum großen Pfirsichfest der Königinmutter erhielt, wo alle Himmlischen eingeladen werden, wollte er sich den Himmel erstreiten. Als dann der Jadekaiser hunderttausend Himmelskrieger schickte, ihn zu überwältigen, ist unser Großer König in einem transzendenten Körper erschienen und hat sein Maul aufgesperrt wie ein Stadttor, um sie allesamt zu verschlingen. Bloß waren diese Himmelskrieger dann so eingeschüchtert, dass sie sich nicht weiter mit ihm anzulegen wagten und das Südliche Himmelstor verriegelten. In diesem Sinne hat er hunderttausend Himmelskrieger verschlungen.« Pilger grinste in sich hinein und dachte: »Unter uns gesagt, so weit ist der alte Sun auch schon gekommen.« Dann fragte er: »Und der zweite Große König, was hat der für Fähigkeiten?« Wieder antwortete jemand aus der Truppe: »Der zweite Große König ist drei Klafter groß, hat hochfliegende Augenbrauen, schön geschlitzte Mandelaugen und eine wunderbare Stimme. Er hat Zähne wie Tragstangen und eine Nase wie ein Lindwurm, damit kann er im Kampf seine Gegner umwickeln, und selbst wenn einer aus Kupfer und Eisen wäre, würde ihm dabei vor Schreck das Herz stillstehen.« »Ein Dämon, der die Leute mit einem Rüssel fängt, wird leicht zu besiegen sein«, überlegte Pilger im Stillen, dann rief er laut: »Und der dritte Große König, was kann der?« Ein weiterer Windstecher antwortete: »Unser dritter Großer König kommt nicht aus den irdischen Gefilden. Er heißt Wolkenumspannender Phönix, und er braucht sich nur zu regen, dann gibt es Wind und Wogen. So zieht er zwischen Nord und Süd dahin und hat immer seinen Zauberschatz, die Yin-Yang-Vase, dabei. Darin kann er einen Menschen binnen kürzester Zeit in Blut und Wasser auflösen.« Als Pilger dies vernahm, dachte er schaudernd: »Der Dämon selbst wäre nicht schlimm, doch vor seiner Vase muss ich mich in Acht nehmen!« Dann forschte er weiter: »Die Fähigkeiten der drei Großen Könige habt ihr recht gut geschildert; das deckt sich mit dem, was ich weiß. Doch sagt mir jetzt: Welcher der Großen Könige will den Priester aus China fressen?« Da rief einer der Windstecher: »Ihr wisst es ja gar nicht, Gebieter!« »Was soll ich denn weniger wissen als du?« fuhr ihn Pilger an, »ich bin hier, um euch zu befragen, damit keiner was Falsches sagt!« Da sprach der kleine Windstecher: »Der erste und der zweite Große König wohnen ja beide schon lange in der Löwengrotte hier auf dem Löwenberg, nur der dritte Große König ist nicht von hier. Früher wohnte er vierhundert Meilen weiter westlich, wo das Königreich mit Namen Löwenland liegt. Dort hat er vor fünfhundert Jahren den König mitsamt seinem Hofstaat gefressen, sämtliche Männer und Frauen, Kinder und Alte der ganzen Reichsstadt ebenfalls, und dann hat er sich deren Land angeeignet. Drum wohnen heute nur noch Ungeheuer dort. Irgendwann ist ihm dann zu Ohren gekommen, dass ein Priester aus dem chinesischen Kaiserreich in den Westen pilgert, um Heilige Schriften zu holen, und dass dieser Priester ein vorbildlicher Mensch ist, der sich über zehn Inkarnationen dem Weg der Vervollkommnung gewidmet hat, so dass schon ein einziges Stück von seinem Fleisch unsterblich macht. Weil er sich aber vor dessen Schüler, dem gefährlichen Pilger Sun, fürchtete und dachte, dass er alleine kaum gegen ihn ankommen würde, ist er zu uns gekommen und hat sich mit unseren Großen Königen verbrüdert, um jenen Priester mit vereinten Kräften einzufangen.« Nachdem sich Pilger alles angehört hatte, rief er: »Was ihr da erzählt, entspricht der Wahrheit. Das Willkommensgeld braucht ihr mir heute noch nicht zu geben, doch derjenige, den ich zuerst getroffen habe, soll jetzt mit mir zum Großen König kommen und Bericht erstatten.« Der kleine Windstecher, der auf Patrouille gewesen war, schenkte ihm Glauben und ging mit. Doch sie waren noch keine halbe Wegmeile unterwegs, als Pilger auf einmal seine Eisenstange zückte und ihn mit einem Hieb zu Brei schlug. Rasch knüpfte er die Plakette los, band sie sich um, schulterte die Flagge, befestigte sich die Schellen am Gürtel und nahm die Klappern in die Hand, dann wandte er sich in den Wind und nahm flugs die Gestalt des kleinen Windstechers an. So machte er sich mit ausholenden Schritten auf, die Grotte aufzusuchen, um mehr über die drei alten Dämonen zu erfahren. Während er voranschritt, vernahm er auf einmal Stimmen und Gewieher; beim näheren Betrachten bemerkte er, dass der Lärm von der Löwengrotte herrührte, wo sich Tausende und Abertausende von kleinen Ungeheuern mit Speeren und Schwertern, Fähnchen und Flaggen in kampfbereiten Reihen aufgestellt hatten. Konzentriert überlegte Pilger: »Wenn ich alter Sun jetzt hineingehe und die Dämonen mich fragen, was ich auf Patrouille gesehen habe, dann muss ich schnell und gefasst reagieren. Sobald ich nur irgendetwas Falsches sage, würden sie mich doch gleich erkennen! Und wenn ich dann fliehen wollte, wie käme ich je durch, wenn die ganze Rotte am Eingang Wache steht? Wenn ich die Dämonen in der Grotte dingfest machen will, muss ich erst zusehen, dass die Ungeheuer hier am Eingang wegkommen.« Wie er das anstellte, fragt ihr? Er erwog im Stillen: »Diese Dämonen kennen zwar meinen Namen, doch gesehen haben sie mich noch nie. Da will ich mal ein bisschen aufschneiden und ihnen einen gehörigen Schrecken einjagen.« Also schritt er mit Klappergerassel und bimmelnden Schellen auf den Eingang zu, wo die Ungeheuer der vordersten Reihen sogleich riefen: »Der kleine Windstecher ist zurück!« Ohne eine Antwort zu geben, trat Pilger gesenkten Hauptes ein. Beim dritten Torbogen standen weitere Ungeheuer, die ihm zuriefen: »Da bist du ja, kleiner Windstecher!« »Da bin ich«, gab Pilger zurück. »Wie war’s denn auf Patrouille, hast du den Pilger Sun gesehen?« »Hab ich«, erwiderte Pilger, »er ist schon dabei, seine Stange zu wetzen!« »Wie sieht er denn aus?« wollten die Ungeheuer wissen, »was für eine Stange hat er denn gewetzt?« »Wie er dort unten am Fluss hockte, hätte man ihn noch für einen gewöhnlichen Weggott halten können; im Stehen aber ist er gewiss über zehn Klafter groß! Er hielt eine Eisenstange, dick wie eine Reisschale, die hat er mit Wasser am Felsen blankgescheuert. Und dazu hat er vor sich hin geredet und gesagt: ›Lange habe ich dich nicht benutzt, meine Stange. Diesmal aber gibt es hunderttausend Ungeheuer, und die sollst du mir allesamt erschlagen! Ich werde dir die drei Dämonen opfern, sobald ich sie getötet habe.‹ Er hat sie blankgeschliffen, um erst einmal die vordersten zehntausend von euch zu erschlagen!« Als die kleinen Ungeheuer das hörten, erbebten sie und gerieten außer sich vor Angst. Pilger aber fuhr fort: »Hört zu, dieser Priester aus China wird gewiss nicht so viel Fleisch abgeben, dass ihr was davon abbekommt. Wozu also für andere den Kopf hinhalten? Macht euch lieber rechtzeitig aus dem Staub, dass ihr mit dem Leben davonkommt!« Hätte es sich um Soldaten einer richtigen menschlichen Miliz gehandelt, die der heiligen Befehlsgewalt ihre Treue schwören, so hätten sie selbst angesichts des Todes nicht zu desertieren gewagt. Doch das hier waren nichts als die Geister von Wölfen, Tigern, Panthern und sonstigem Getier, und so machte es »Husch!«, und alle waren auf und davon. Das war just wie einst, als die Lieder vom Staate Chu achttausend Soldaten vertrieben! »So ist es gut!« lachte Pilger, »jetzt kann ich mich unbesorgt in die Grotte wagen.« Und da wir nicht wissen, was er mit den Dämonen besprach, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第075回 / 75. Kapitel Der Herzensaffe dringt tief ein in Yin und Yang / Es fügt sich der Dämonenherr dem Großen Weg Berichten wir nun, wie der Große Heilige in die Löwengrotte drang und ganze sieben, acht Meilen zurücklegte, bis er endlich beim dritten Toreingang aufblickend drei alte Dämonen gewahrte, die grimmig auf hohen Sesseln thronten. Ihnen zur Seite standen mehr als hundert Krieger in voller Rüstung, unerbittliche Macht und wilde Kampfeslust demonstrierend. Pilger blickte ihnen ohne jede Furcht entgegen, trat mit großen Schritten heran, legte Klappern und Schellen nieder und rief den Thronenden zu: »Große Könige!« Die Dämonen grinsten und sprachen: »Da bist du ja, kleiner Windstecher.« »Da bin ich«, gab Pilger zurück. »Wie war’s auf Patrouille, hast du etwas über den Pilger Sun in Erfahrung bringen können?« erkundigte sich der alte Dämon. »Das wage ich den Großen Königen kaum zu sagen«, antwortete Pilger. »Warum nicht?« »Während ich in Eurem Auftrag unterwegs war, Großer König, habe ich plötzlich gesehen, wie einer dahockte und eine Stange blankscheuerte. Kauernd hätte man ihn noch für einen Weggott halten können, doch im Stehen muss er über zehn Klafter hoch sein! Und als er mit der hohlen Hand Wasser an die Felswand sprengte, um die Stange zu schleifen, sprach er vor sich hin: ›Lange hab ich diese wundervolle Stange nicht benutzt, drum reib ich sie schön blank, damit ich diese Großen Könige verhauen kann!‹ Da wusste ich, dass es Pilger Sun war, und drum bin ich eigens gekommen, Euch dies zu melden.« Als die Dämonen dies hörten, trat ihnen der Schweiß aus den Poren. »Ich habe doch gesagt, wir sollten diesen Priester aus China in Ruhe lassen«, meinte der eine, »sein Schüler besitzt immense Zauberkräfte. Und jetzt trifft er sogar schon Vorkehrungen, schleift die Stange und will uns verhauen. Was nun? Nehmen wir die Ungeheuer lieber wieder rein, riegeln die Tore ab und lassen ihn vorbeiziehen!« Unter den Kriegern, die den Dämonen zur Seite standen, waren einige bereits informiert und berichteten: »Die Ungeheuer am Eingang haben sich aus dem Staub gemacht.« »Was soll das heißen, aus dem Staub gemacht?« rief der alte Dämon erschrocken. Dann meinte er: »Wahrscheinlich haben sie schon Wind bekommen. Schnell, schließt die Tore und macht alles dicht!« Schon stießen die Ungeheuer die Torflügel zu und verriegelten alle Eingänge. Da durchfuhr es Pilger mit Schrecken: »Wenn die alles absperren und mich über interne Angelegenheiten befragen, kriegen sie den Betrug gewiss heraus. Und sobald ich irgendwas Unpassendes sage, fassen sie mich! Nun gut, dann will ich ihnen noch mal Angst einjagen, damit sie wieder aufmachen und ich entwischen kann.« Also trat er abermals vor und sprach: »Große Könige! Er hat aber noch Schlimmeres gesagt.« »Was denn?« »Er sagte, den ersten Großen König wolle er häuten, dem zweiten die Knochen raspeln und dem dritten die Sehnen ausreißen. Wenn wir jetzt hinter verschlossenen Toren sind und dieser Sun, der sich ja verwandeln kann, plötzlich als Fliege durch irgendeine Türspalte eindringt, kriegt er uns doch alle zusammen. Was dann?« »Brüder, seht euch vor!« sprach der alte Dämon, »seit Jahren hat es in unserer Grotte keine Fliegen mehr gegeben. Wenn ihr also eine Fliege seht, dann muss es Pilger Sun sein.« Pilger kicherte in sich hinein, sprang zur Seite und zupfte sich rasch ein Pelzhaar aus, das er in eine Schmeißfliege verwandelte und dem Dämon ins Gesicht fliegen ließ. Der fuhr zusammen und rief: »Schlimm, Brüder, dieser Dingsda ist schon hier!« Entsetzt rannten alle großen und kleinen Ungeheuer herbei und patschten mit Rechen und Besen nach der Fliege. Da konnte sich der Große Heilige nicht länger halten und gluckste vor Lachen. Das aber hätte er nicht tun dürfen, denn mit dem Lachen kam sein ursprüngliches Gesicht zum Vorschein! Schon hatte es der dritte Dämon bemerkt. Er ging auf ihn zu, packte ihn und schrie: »Seht euch das an, Brüder! Um ein Haar wären wir ihm auf den Leim gegangen! Das Ungeheuer, das hier Bericht erstattet, ist gar nicht der Windstecher, es ist Pilger Sun! Sicher ist er einem unserer Windstecher über den Weg gelaufen, hat ihn erschlagen und wollte uns nun in dessen Gestalt hinters Licht führen!« Dann rief er dem Gesinde zu: »Bringt Stricke!« Schon hatte man Pilger überwältigt und an Händen und Füßen gefesselt. Und als man sein Gewand lüftete, konnte man sehen, dass es tatsächlich rundum ein Affe war! Es verhielt sich nämlich so, dass Pilger, der die zweiundsiebzig Verwandlungen beherrschte, sich zwar vollständig in Tiere oder Pflanzen verwandeln konnte, doch wenn er sich in Menschen verwandelte, vermochte er nur das Gesicht zu ändern, den Körper nicht. »Er ist es!« bezeugte der alte Dämon, nachdem er ihn betrachtet hatte, dann rief er dem Gesinde zu: »Holt Wein! Diesen Sieg haben wir dem dritten König zu verdanken, darauf wollen wir trinken! Da wir den Pilger Sun nun haben, ist der Priester aus China so gut wie in unserer Hand.« »Moment!« warf der dritte Dämon ein, »wenn wir gleich zu trinken anfangen, könnte uns Pilger Sun mit irgendeinem Trick entwischen. Stecken wir ihn lieber in meine Vase!« Sofort wurden sechsunddreißig Ungeheuer beauftragt, die Vase herbeizuschaffen. Ihr fragt, wie groß diese Vase war? Nicht mehr als zwei Fuß und vier Zoll! Warum dann so viele Leute zum Tragen nötig waren? Nun, die Vase war eben ein Yin-Yang- Zauberschatz und enthielt daher alle Sieben Kostbarkeiten, die Acht Trigramme und die Vierundzwanzig Energien der Jahreszeiten. Daher ließ sie sich allein von sechsunddreißig Mann hochstemmen, dies entsprechend der Anzahl der Sterngötter im Siebengestirn. Binnen kurzem wurde die Vase herbeigeschafft und aufgestellt; die drei Dämonen öffneten sie, lösten Pilgers Fesseln, zogen ihm die Kleider aus und hielten ihn an die Öffnung, wo er vom göttlichen Odem der Vase mit einem schlürfenden Geräusch aufgesogen wurde. Da setzten sie einen Pfropfen darauf, versiegelten ihn und wandten sich dem Weingelage zu. »In meiner Vase kann dieser Affe seine Westreise vergessen!« meinte der eine; die drei grölten laut und begannen sich zu ihrem Sieg zuzuprosten. Doch wenden wir uns dem Großen Heiligen zu, dessen Leib beim Einsaugen geschrumpft war, so dass er erst einmal in dieser Gestalt am Boden der Vase sitzen blieb, wo es ihn eine gute Weile angenehm kühl dünkte. Schließlich lachte er auf und rief: »Dieser Dämon hat doch bloß einen eitlen Ruhm nach außen hin, drinnen ist gar nichts echt! Warum sagte wohl jener Windstecher, ein Mensch würde sich binnen kurzem in Blut und Wasser auflösen? Wenn es so schön kühl ist, könnte ich gut und gerne sieben, acht Jahre da verbringen!« Oho! Das war nun etwas, was der Große Heilige nicht wusste: Wenn man nämlich in diesen Zauberschatz geriet, konnte es ein gutes Jahr lang kühl bleiben, solange man die ganze Zeit über kein Wort äußerte. Sobald man jedoch zu sprechen begann, entzündete sich ein gleißendes Feuer. Noch bevor der Große Heilige zu Ende gesprochen hatte, begannen sich in der Vase Flammen auszubreiten, und er konnte nur von Glück reden, dass er Zauberkräfte besaß. Denn vorerst brauchte er nur ein magisches Fingerzeichen zu machen, das vor Feuer schützte, und schon hatte er nichts mehr zu fürchten. So verharrte er eine gute Stunde, bis auf einmal ringsum Schlangen auftauchten und nach ihm schnappten. Pilger aber packte sie mit einem Griff und zerfetzte die Schlangen in achtzig Stücke. Bald darauf erschienen drei Feuerdrachen, die sich von oben und von unten um Pilger zu ringeln begannen, bis er es kaum mehr aushalten konnte und merkte, dass er allmählich die Fassung zu verlieren drohte. »Alles andere ginge ja noch«, überlegte er, »bloß gegen diese Drachen komme ich nicht an. Wenn das so weitergeht, wird mir dieses Feuer nach kürzester Zeit das Herz angreifen, was dann?« Schließlich meinte er: »Dann mache ich mich einfach groß und sprenge das Ganze!« Mit einem magischen Fingerzeichen murmelte er einen Zauberspruch, rief: »Wachsen!«, und schon wuchs er auf mehr als einen Klafter an. Allein, die Vase wuchs eng an seinem Körper mit. Und als er sich daraufhin ganz klein machte, schrumpfte die Vase ebenso. Pilger war machtlos. Plötzlich verspürte er einen leichten Schmerz an den Knöcheln, und als er sie befühlte, merkte er, dass sie vom Feuer weich geworden waren. »Was tu ich bloß?« durchfuhr es ihn. Tränen kamen ihm, und er rief verzweifelt: »Ach, mein Meister! Seit die Bodhisattva mich einst befreite und zum Guten bewog, habe ich mit Euch unzählige Not und Mühen durchgestanden, immer von der Hoffnung getragen, dass wir einst gemeinsam den Westen erreichen und die Wahre Frucht der Buddhaschaft erlangen würden! Wer hätte je gedacht, dass ich heute in diese Falle geraten und das Leben verlieren würde! Sicher ist es wegen meines einstigen Rufs als Dämon, dass mir heute dieses Leid zustoßen muss!« Doch mitten in seiner Verzweiflung ging es ihm plötzlich durch den Kopf: »Hat mir nicht die Bodhisattva auf dem Schlangenberg einst drei lebensrettende Haare geschenkt? Die könnte ich doch ausprobieren!« Er tastete in seinem Nacken, wo die drei festen, kräftigen Haare saßen. Nun riss er alle auf einmal aus, behauchte sie mit göttlichem Odem und machte so das eine zu einem Diamantbohrer, das zweite zu einer Bambusleiste und das dritte zu einem Stück Baumwollgarn. Die Bambusleiste spannte er zu einem Pfeilbogen, legte dann den Bohrer an und ließ ihn auf den Boden der Vase sausen. Ein kleines Loch entstand, durch das Licht eindrang. »Herrlich! Was für ein Glück!« frohlockte Pilger. Kaum war diese Veränderung vollzogen, wurde es in der Vase wieder angenehm kühl, weil nämlich durch das Loch auch die Yinund Yang-Energien ausliefen. Nun fing der Große Heilige seine Haare wieder ein, verwandelte sich in eine Mücke und zwängte sich durch das Loch ins Freie. Statt gleich zu fliehen, schwirrte er erst zum alten Dämon und setzte sich auf dessen Kopf. Der Dämon schlürfte gerade seinen Wein, als er plötzlich den Becher hinknallte und rief: »Dritter Bruder! Pilger Sun muss sich doch aufgelöst haben?« »Es ist gewiss an der Zeit«, grinste der Dritte. Der älteste Dämon befahl, die Vase herbeizuschaffen. Doch wie nun die sechsunddreißig Ungeheuer die Vase anhoben, war sie auf einmal ganz leicht. Erschrocken meldeten sie: »Großer König! Die Vase ist leicht!« »Unsinn!« fauchte der Dämon. Da hob eines der Ungeheuer die Vase hoch und meinte: »Seht doch, so leicht!« Der Dämon riss die Vase an sich, und als er den Pfropfen herauszog und drinnen den Lichtschimmer erspähte, der durch das Loch eindrang, schrie er: »Leer ist sie, ganz leer!« Da konnte sich der Große Heilige auf seinem Kopf nicht halten und rief: »Ha, mein Söhnchen: Weg ist er, ganz weg!« Als die Dämonen das hörten, riefen sie: »Er ist weg! Er ist entlaufen!« Und sie befahlen: »Alle Tore schließen!« Pilger aber fing mit einem Schütteln seine Kleider ein, nahm seine eigene Gestalt an und sprang mit einem Satz aus der Grotte hinaus. Draußen wandte er sich um und schrie: »Eure Frechheiten könnt ihr euch sparen, Ungeheuer! Die Vase hat ein Loch, die saugt keinen mehr ein. Die taugt höchstens noch als Nachttopf!« Fröhlich kichernd sprang er auf eine Wolke und sauste schnurstracks zu Tripitaka. »Meister, da bin ich wieder!« rief er ihm zu, als er bei ihm landete. Tripitaka fasste ihn am Arm und rief: »Wukong! Du bist lange fort gewesen. Wie steht es nun um Heil und Unheil in diesem Gebirge?« Pilger schilderte ihm ausführlich, wie er sich in einen Windstecher verwandelt hatte und zuletzt von der Vase aufgesogen worden war, und schloss mit den Worten: »Dass ich wieder vor meinen Meister treten darf, ist wahrhaftig, als ob ich ein neues Leben beginnen würde!« Der Priester sprach ihm seinen Dank aus. Dann fragte er: »Hast du denn noch nicht mit den Dämonen gekämpft?« »Nein«, gab Pilger zurück. »Wie können wir uns dann weiter voranwagen?« »Aber Meister«, versetzte Pilger, »wie soll ich alter Sun alleine gegen drei Dämonen und Tausende von Ungeheuern kämpfen? Lasst Bajie mithelfen.« Schon warf sich der Tölpel in Kampfpose und stieg mit Pilger zusammen auf einer Wolke in die Höhe. Wie die beiden zur Grotte kamen, sahen sie schon von weitem, dass der Eingang verriegelt war und ringsum alles leer. Pilger trat mit gezückter Stange vor das Tor und schrie: »Macht auf, ihr Ungeheuer! Kommt raus und kämpft mit dem alten Sun!« Als die kleinen Ungeheuer seine Worte den Dämonen gemeldet hatten, sprach der alte Dämon zitternd vor Angst: »Wir hörten doch seit Jahren, Wie schlimm der Affe sei; Nun zeigt es sich im Wahren, Es war nichts falsch dabei! Da hat sich doch dieser Pilger heute früh als Windstecher ausgegeben, und keiner von uns hat was gemerkt; wir können ja noch von Glück reden, dass unser dritter Bruder ihn erkannt hat. Dann haben wir ihn in die Vase gesteckt, er aber hat ein Loch gemacht und ist raus. Und jetzt steht er schon wieder vor den Toren und ruft zum Kampf auf! Wer von euch ist bereit, eine erste Runde auszufechten?« Keiner antwortete. Auch als er die Frage wiederholte, blieb es still, gerade so, als spielten alle taubstumm. Da schrie der alte Dämon wütend: »Dann werden wir auf dieser Westreise einen schändlichen Ruf hinterlassen! Wenn wir jetzt, wo dieser Pilger Sun so anmaßend daherkommt, nicht hingehen und gegen ihn Krieg führen, ist unsere Ehre zunichte! Jetzt werde ich unter Einsatz meines alten Lebens drei Runden ausfechten; wenn ich gewinne, ist das Fleisch des chinesischen Priesters unser, andernfalls könnten wir ja immer noch die Tore schließen und ihn ungeschoren vorbeiziehen lassen!« Schon band er sich die Rüstung um, dann schritt er hinaus und schrie: »Wer pocht hier ans Tor?« »Dein Ahnherr Sun, der Himmelsebenbürtige Große Heilige!« »Du tollkühner Affe«, rief der Dämon grinsend, »was schreist du hier herum, ich habe dich doch nicht aufgebracht!« »Du willst mich nicht aufgebracht haben?« gab Pilger zurück. »Du hast dich mit einer Horde dämonischem Gesindel verschworen, um meinen Meister zu fressen! Darum bin ich hier.« »Willst du dich etwa prügeln, dass du so großspurig daherkommst?« »Genau das will ich!« »Tu bloß nicht so tollkühn!« gab der Dämon zurück. »Meine Krieger gegen dich ins Feld zu schicken käme mir schlecht zu stehen, das hätte ja den Anschein, als wollte ich dich schikanieren. Darum will ich jetzt eigenhändig mit dir einen Kampf ausfechten, aber von Mann zu Mann, Hilfskräfte sind nicht erlaubt!« Pilger hieß Bajie zur Seite treten und meinte: »Schauen wir mal, was der gegen mich alten Sun ausrichten kann!« Der Tölpel ging auf die Seite, und nun rief der Dämon Pilger zu: »Komm und stell dich hierher wie ein Pflock, dass ich dir drei Hiebe auf deinen kahlen Schädel verpasse, dann lass ich deinen Priester aus China ziehen. Falls du nicht standhältst, lieferst du mir auf der Stelle deinen Priester, das gibt ein Häppchen Fleisch zum Reis.« Auf diese Worte kicherte Pilger bloß und gab zurück: »Du lausiges Ungeheuer! Falls es in deiner Grotte Papier und Pinsel geben sollte, dann bring es her und lass uns das vertraglich unterzeichnen. Und wenn du mir ein Jahr lang auf den Schädel hauen willst; das ist mir schlicht egal.« Da ballte der Dämon all seine Kräfte, nahm eine Kampfpose ein, indem er den linken Fuß abgewinkelt vor den rechten setzte, packte sein Schwert mit beiden Händen und schmetterte es dem Großen Heiligen über den Schädel. Der aber reckte sich gleichzeitig, es folgte ein Klirren, doch der Hieb hatte ihm nicht einmal die Kopfhaut gerötet. Der Dämon erschrak und brummte: »Was für einen harten Schädel dieser Affe hat!« »Siehst du«, gab der Große Heilige lachend zurück, »ich alter Sun habe von Geburt an einen stahlharten Schädel, wie aus Kupfer und Eisen, so was hat’s seit Urzeiten nicht gegeben. Und damit er wirklich fest genug ist, hat der Priester aus China auch noch einen Reif aus Purpurgold draufgesetzt!« »Gib bloß nicht an, du Äffchen!« fuhr ihn der Dämon an. »Du willst einen Schädel aus Kupfer und Eisen haben? Dann sieh zu, wie ich jetzt zuschlage: Ich spalte dich mit einem Schlag in zwei Hälften, so wie man aus der Kalebasse die Schöpfkellen macht!« »Du lausiger Dämon bist wohl blind!« lachte Pilger, »eine Kelle soll ich werden? Aber wie du magst, probier’s aus, dann schauen wir weiter.« Der Dämon schwang ein zweites Mal seinen Säbel und ließ ihn niedersausen, abermals reckte sich der Große Heilige und wurde in zwei Hälften gespalten. Die Hälften aber rollten über den Boden und wurden zu zwei ganzen Pilgern. Den Dämon überlief ein Schaudern. Mit gesenktem Schwert wies er mit der Hand auf Pilger und rief: »Dass du dich auf Körperteilung verstehst, hab ich schon gewusst. Doch warum musst du den Trick unbedingt vor meinen Augen aufführen?« »Um Tricks brauchst du dich nicht zu kümmern, lausiges Ungeheuer«, lachte Pilger, »schlag doch einfach zehntausend Mal zu, dann kriegst du zwanzigtausend Leute!« »Du Äffchen kannst doch nichts weiter als dich aufteilen! Dich wieder zusammenfügen schaffst du bestimmt nicht. Falls es dir gelingt, magst du mir eins mit deiner Stange verpassen.« »Nun denn«, meinte der Große Heilige, »dein Wort soll gelten!« Schon umfassten sich die beiden Körper, rollten über den Boden, und Pilger erschien von neuem wie zuvor. Dann aber schwang er seine Stange gegen den Dämon, und dieser suchte sie mit seinem Schwert abzuwehren, so dass sich vor dem Grottentor ein erbitterter Zweikampf entspann. Bald erhoben sich beide auf Wolken, um ihr Duell in halber Höhe fortzusetzen. Als aber nach über zwanzig Runden noch immer kein Entscheid gefallen war, konnte sich Bajie, der das schöne Gefecht von unten mitverfolgte, nicht länger halten. Er sprang hoch und schleuderte dem Dämon seinen Rechen ins Gesicht, worauf dieser den Säbel fallen ließ und floh. »Ihm nach, schnell!« schrie Pilger. Schon sauste der Tölpel im sicheren Gefühl der Überlegenheit hinter dem Dämon her. Als der aber merkte, dass Bajie näher kam, blieb er an einem Felshang stehen und vollzog mit einem leichten Dreh gegen den Wind eine Verwandlung in seine ursprüngliche Gestalt, sperrte sein Maul auf und wollte Bajie verschlingen. Der stürzte sich vor Schreck kopfüber ins Gesträuch und verharrte dort zitternd und ungeachtet aller Dornen, während er ängstlich horchte, ob das Säbelrasseln weiterging. Schon kam Pilger hinterhergerannt, und der Dämon sperrte abermals sein Maul auf, nicht wissend, dass er damit selbst in die Falle ging. Denn Pilger steckte einfach seine Eisenstange ein, rannte weiter und ließ sich verschlingen. Der Tölpel, der das Geschehen aus seinem Versteck entsetzt mitverfolgt hatte, rief aufgebracht: »Dieser elende Pferdeknecht kennt einfach kein Maß! Renn doch weg, wenn der Dämon dich fressen will! Stattdessen gehst du auf ihn zu, und jetzt liegst du gefressen in seinem Bauch; heute noch als Mönch, morgen bist du Kot!« Erst nachdem der Dämon siegreich in seine Grotte zurückgekehrt war, schlich der Tölpel aus dem Gesträuch und verdrückte sich auf dem Weg, den er gekommen war. Wenden wir uns aber Tripitaka zu, der mit Sandmönch in banger Erwartung am Fuße des Berges verharrte und nun Bajie keuchend herbeirennen sah. Tripitaka durchfuhr ein Schrecken. »Bajie!« rief er ihm zu, »was ist dir zugestoßen? Wo ist Wukong?« »Der Dämon hat ihn gefressen!« schrie Bajie. Als Tripitaka das hörte, brach er zusammen und schlug sich verzweifelt mit der Faust gegen die Brust. »Ach, mein Schüler!« brach er in Klage aus, »immer hast du doch beteuert, wie gut du Dämonen bekämpfen könnest. Und jetzt bist du dem Dämon erlegen! Wie entsetzlich! Welch ein Jammer!« Der Meister wand sich in bitterstem Leid. Doch seht euch jetzt den Tölpel an! Statt den Meister zu trösten, rief er Sandmönch zu: »Bring das Gepäck; wir teilen alles auf!« »Warum denn, Bruder?« fragte dieser verwundert. »Wir teilen uns die Sachen, und jeder geht seines Weges: du zum Treibsandfluss, da kannst du wieder Menschen fressen; ich ins Dorf der Sippe Gao, dort seh ich mein Weib wieder. Den Schimmel können wir verkaufen, vom Erlös besorgen wir einen Sarg und machen ein Begräbnis.« Seine Worte wollten dem Priester das Herz zerreißen. Laut rief er den Himmel an und schluchzte hemmungslos. Doch davon sei hier nicht weiter die Rede. Berichten wir stattdessen, wie der Dämon, nachdem er Pilger verschlungen hatte, siegesgewiss in seine Grotte zurückkehrte und den anderen Dämonen zurief: »Ich hab einen!« »Welchen?« fragte der zweite Dämon. »Den Pilger Sun!« »Wo denn?« wollte der Zweite wissen. »Im Bauch, aufgefressen!« Da rief der Dritte erschrocken: »Aber Bruder, ich hab dir doch gesagt, dass der Pilger Sun sich nicht zum Fressen eignet!« Da antwortete der Große Heilige aus dem Bauch: »Doch, er eignet sich bestens! Sättigt sehr gut, man kriegt nie wieder Hunger!« Erschrocken riefen die kleinen Ungeheuer: »Schlimm, Großer König! Pilger Sun spricht aus Eurem Bauch!« »Mir egal«, versetzte der Dämon, »wenn ich es geschafft habe, ihn zu fressen, werd ich auch mit ihm fertig! Setzt heißes Salzwasser auf, dann sauf ich das und kotze ihn raus. Anschließend können wir ihn gemütlich braten und zum Wein verzehren.« Tatsächlich gossen nun die kleinen Ungeheuer eine halbe Schale Salzwasser auf, der Alte leerte sie in einem Zug, wischte sich übers Maul und übergab sich. Nur hatte der Große Heilige inzwischen im Bauch Wurzeln geschlagen und ließ sich nicht von der Stelle rücken. Der Dämon langte sich in den Hals und erbrach sich ein zweites Mal, dass ihm schwindelte. Sterne tanzten vor seinen Augen, und ihm war, als würde ihm gleich die Galle platzen. Pilger aber regte sich erst recht nicht. Nachdem der Dämon sich vom Keuchen erholt hatte, rief er: »Pilger Sun! Kommst du raus oder nicht?« »Noch lange nicht«, gab dieser zurück, »nicht rauskommen ist genau das, was ich jetzt will.« »Warum nicht?« »Bist du schwer von Begriff, du Ungeheuer!« rief Pilger. »Ich gebe mich mit wenig zufrieden, seit ich Mönch bin, doch immerhin ist jetzt schon Herbst, und ich trage immer noch eine ungefütterte Baumwollkutte. In deinem Bauch aber ist es schön warm und ohne Durchzug, hier will ich erst mal überwintern, bevor ich wieder rauskomme.« Als die kleinen Ungeheuer das hörten, riefen sie: »O Großer König! Pilger Sun will in Eurem Bauch überwintern!« »Wenn der da überwintern will, dann meditiere ich, mache einen Verrückungszauber und faste den ganzen Winter über, dass der verdammte Pferdeknecht verhungert!« Da antwortete der Große Heilige: »Du weißt leider nicht, mein Söhnchen, dass der alte Sun sich vorgesehen hat. Ich habe nämlich einen faltbaren Topf dabei, damit werd ich mir hier Eingeweidesuppe kochen. Dann kann ich Leber, Darm, Bauch und Lungen ganz gemütlich verspeisen, das reicht mindestens bis zum Ahnenfest im Frühjahr!« Da meinte der zweite Dämon bestürzt: »Bruder, dass er die Gedärme fressen will, mag noch hingehen, doch wo stellt er seinen Topf hin?« »Den leg ich aufs Kreuzbein«, meinte Pilger. »Schlimm!« meinte der Dritte. »Wenn er dort unterm Topf Feuer macht, kommt dir der Rauch zur Nase raus, dann musst du niesen.« »Nicht allzu schlimm«, versetzte Pilger lachend, »ich alter Sun brauche doch bloß meine Goldreifstange durch seinen Schädel zu stechen, dann hab ich nicht nur ein schönes Fenster, sondern auch noch einen Schornstein!« Jetzt konnte der Dämon nicht länger behaupten, ihm wäre nicht bange. Dennoch versuchte er sich mutig zu geben und rief: »Keine Angst, Brüder! Bringt mir den Kräuterschnaps; ein paar Becher davon werden diesen Affen umlegen.« Schon machten sich die kleinen Ungeheuer daran, Schnaps in zwei Krüge zu sieben, und reichten dem Dämon einen randvollen Becher. Schon als dieser ihn zur Hand nahm, stieg dem Großen Heiligen der Alkoholduft in die Nase, und er sagte sich: »Davon soll er nichts abkriegen!« Er drehte seinen Kopf zu einem Trichter und legte ihn so am Hals an, dass der ganze Schnaps, den der Dämon nun die Kehle hinuntergoss, von Pilger getrunken wurde. So ging es auch mit dem zweiten und mit allen weiteren Bechern. Nachdem der Dämon sieben-, achtmal den Becher geleert hatte, stellte er ihn auf den Tisch und meinte: »Seltsam. Normalerweise brennt mir von diesem Zeug nach zwei Bechern der Bauch wie Feuer. Aber jetzt habe ich sieben, acht Becher gesoffen und bin nicht mal rot im Gesicht!« Pilger hingegen, der ja sonst kaum Alkohol zu sich nahm, begann sich nun im Bauch auszutoben, spreizte sich nach allen Seiten, machte tolle Luftsprünge, kickte mit den Füßen zum Kopf, begann schließlich an der Leber zu schaukeln und machte Handstand und Purzelbäume, bis der Dämon unter qualvollen Schmerzen zusammenbrach. Und da wir nun nicht wissen, wie es um sein Leben stand, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第076回 / 76. Kapitel Der Herzensgeist verweilt daheim, ein Dämon kehrt ins Wesen ein / Auch Holzmutter wird bezähmt, Unholde erfahren Wahrhaftigkeit Wie berichtet wurde, hatte der Große Heilige im Bauch des alten Dämons so lange ausgeharrt, bis dieser am Boden zusammengebrochen war und lange keinen Laut mehr von sich gab. Im Glauben, er sei tot, hielt Pilger eine Weile inne. Doch da kam der Dämon wieder zu sich und ächzte: »Himmelsebenbürtiger Großer Heiliger, o Bodhisattva der Barmherzigkeit!« »Erspar dir diese Mühe, mein Söhnchen«, gab Pilger zurück, »es reicht, wenn du mich Ahnherr Sun nennst!« In seiner Todesangst rief nun der Dämon tatsächlich: »Ahnherr, Ahnherr! Es war mein Fehler! Versehentlich habe ich Euch verschluckt und mir damit solche Qualen zugezogen. Ich flehe Euch an, Großer Heiliger, lasst Barmherzigkeit walten; habt Erbarmen mit einem armen Würmchen, dem sein Leben lieb ist! Wenn Ihr mir das Leben schenkt, werde ich zum Dank Euren Meister über den Berg geleiten!« Nun war es ja so, dass der Große Heilige zwar gerne den Helden spielte, doch wichtiger noch war ihm Tripitakas Reiseziel. Wie er nun den Dämon mit solchen Versprechungen um Vergebung betteln hörte, besann er sich des Guten und rief: »Und wie, bitte, willst du meinen Meister hinüberführen?« »Leider haben wir weder Gold und Silber noch Edelsteine, die wir Euch als Geschenk anbieten könnten«, erwiderte der Dämon, »doch besitzen wir eine aus Duftlianen geflochtene Sänfte, mit der wir Euren Meister über das Gebirge tragen können.« »Eine Sänfte ist doch viel besser als Kostbarkeiten«, lachte Pilger, »dann halt mal dein Maul auf, damit ich rauskommen kann!« Tatsächlich sperrte der Dämon seinen Rachen auf. Gleichzeitig aber trat der dritte Dämon zu ihm hin und flüsterte: »Bruder, wenn er rauskommt, beißt du einfach zu und zermalmst den Affen zwischen den Zähnen! Dann schluckst du ihn runter, und gut ist’s.« Pilger aber ahnte bereits, was da im Gange war, und streckte probehalber erst die Eisenstange hinauf. Prompt biss der Unhold zu, dass es nur so knirschte, und seine Schneidezähne barsten. Da zog Pilger die Stange zurück und rief: »Du bist mir ja ein nettes Ungeheuer! Da schenk ich dir das Leben und willige ein, rauszukommen; du aber willst mich zu Tode beißen! Dann bleibe ich eben drin und plage dich, bis du tot umfällst!« »Alles wegen dir!« grollte der alte Dämon dem Dritten. »Endlich hab ich ihn so weit gehabt, dass er rauskommen wollte, und da heißt du mich zubeißen! Was nun, wenn er nie wieder herauskommt?« Auf diesen Tadel hin versuchte es der dritte Dämon mit Aufstacheln und rief: »Pilger Sun! Dein Ruf ist wie der Donner in aller Ohren; überall erzählt man sich, wie gewaltig du beim Südlichen Himmelstor und vor der Halle der Himmelshöhen deine Macht gezeigt haben sollst und wie du jetzt auf der Westreise Dämonen bändigen würdest, doch im Grunde bist du ja nichts als ein hundsgemeiner Affe!« »Was soll das heißen?« »So heißt es doch: Wenn ein wackerer Kerl weit reist, so dringt sein guter Ruf noch weiter. Komm raus und wage den Kampf mit mir, nur so bist du es wert, ein rechter Kerl zu heißen. Was treibst du dich im Bauch anderer Leute rum? Das ist doch nichts anderes als hundsgemein!« Als Pilger das hörte, durchfuhr es ihn: »In der Tat! Das wäre ja viel zu einfach, ihn jetzt umzubringen, wenn ich weiter in seinen Gedärmen wühle. Das würde tatsächlich meinem Ruf schaden.« Also rief er: »Nun gut! Mach dein Maul auf, dann komm ich raus und messe mich im Kampf. Diese Grotte aber ist zu eng, mit Waffen zu hantieren. Ich mache nur im Freien mit!« Als der dritte Dämon dies hörte, schickte er alle kleinen Ungeheuer mit scharfem Kriegsgerät auf Lauer und befahl ihnen, Pilger sofort zu überfallen, sobald er herausgekommen sei. Dann wurde der alte Dämon, gestützt von den beiden anderen, ins Freie gebracht, wo sie riefen: »Pilger Sun, komm raus, wenn du ein rechter Kerl heißen willst! Hier ist Platz genug zum Fechten!« Wie der Große Heilige das Krächzen von Raben und Elstern hörte, wusste er, dass sie sich tatsächlich im Freien befanden. Doch nun überlegte er: »Wenn ich jetzt drinbleibe, halte ich mein Versprechen nicht, aber wer weiß, was die verdammten Kerle wieder im Schilde führen, wenn ich rauskomme? Nun gut, dann will ich zusehen, dass beiden Seiten Genüge getan wird: Ich gehe raus und schlage gleichzeitig eine Wurzel in seinem Bauch.« Er zupfte sich ein Pelzhaar aus, das er in ein langes Seil von etwa vierzig Klafter verwandelte, und dieses band er mit einer losen Schlinge am Herzen fest, die offen blieb, solange man nicht daran zog. Sobald daran gezerrt würde, hätte der Dämon gleich wieder Schmerzen. Anschließend nahm er das andere Ende zur Hand und lachte: »Wenn ich jetzt rausgehe und er wirklich meinen Meister über den Berg führen will, dann soll’s mir recht sein. Falls er aber mit Kriegern und Waffen daherkommt, mache ich mir nicht erst die Mühe, gegen die anzukämpfen, dann brauch ich ja bloß am Seil zu ziehen, und schon ist es wieder, als wäre ich noch immer in seinem Bauch.« Nun machte er sich ganz klein, kroch zum Gaumen und sah, dass das Ungeheuer sein Maul aufhielt; oben und unten blitzten die Zähne wie stählerne Klingen. »Wenn ich zum Mund rausgehe«, sann Pilger, »braucht er nur zuzubeißen, und das Seil ist durch. Ich muss da raus, wo’s keine Zähne gibt.« Also wickelte er das Seil auf und kroch hinter dem Gaumen die Nase hoch. Das juckte den alten Dämon so sehr, dass er laut niesen musste. »Hatschi!« machte es, und Pilger schoss ins Freie. An der frischen Luft neigte er sich leicht vor, dass er auf einen Schlag drei Klafter groß wurde, dann hielt mit der einen Hand das Seil und wirbelte mit der anderen die Eisenstange. Der Dämon aber, der noch nicht wusste, wie es um ihn bestellt war, wollte Pilger schon mit dem Säbel ins Gesicht stechen, während sich auch der Zweite und der Dritte mit Speer und Lanze auf ihn stürzten. Da schoss Pilger mit einem Satz davon und landete auf einem flachen Gipfel, wo er das Seil mit beiden Händen packte und aus Leibeskräften daran zerrte. Dem Dämon fuhr ein so heftiger Schmerz in die Brust, dass er in die Luft sprang, doch schon zerrte ihn Pilger wieder nach unten. Da riefen die kleinen Ungeheuer, die von weitem zuschauten: »Hört auf, Große Könige, lasst ihn laufen! Dieser Affe hält sich ja nicht mal an die Jahreszeiten; er lässt schon vor dem Ahnenfest Drachen steigen!« Der Große Heilige aber stampfte mit aller Kraft mehrmals auf den Boden, dass der alte Dämon wie eine Spindel nach unten surrte und schwer in den Staub sackte. Am Berghang blieb eine tiefe Delle. Bestürzt eilten die beiden anderen Dämonen herbei, hielten das Seil fest und flehten auf den Knien: »O Großer Heiliger! Überall heißt es, Ihr wäret ein so edler Unsterblicher, und Eure Nachsicht sei so tief wie der Ozean. Wer hätte je geglaubt, dass Eure Gnade nicht weiter reicht als die einer Ratte, einer Schnecke! Mit bester Absicht lassen wir Euch heraus, um einen Kampf auszutragen; Ihr aber bindet unserem Bruder ein Seil ans Herz!« »Diese schamlose Dämonenrotte«, grinste Pilger. »Beim letzten Mal habt ihr mich rausgelockt, um mich zu zerbeißen, und diesmal habt ihr eine ganze Armee aufgestellt! Es geht doch nicht an, dass ihr mit Zehntausenden von Kriegern gegen mich allein anrennt? Los, jetzt wird er vor meinen Meister geschleppt!« Da warfen sich alle drei Dämonen vor ihm nieder und flehten: »Erbarmen, Großer Heiliger! Wir sind bereit, Euren ehrenwerten Meister über den Berg zu führen!« Da warfen sich alle drei Dämonen vor ihm nieder und flehten: »Erbarmen, Großer Heiliger! Wir sind bereit, Euren ehrenwerten Meister über den Berg zu führen!« »Ihr braucht doch bloß das Seil mit dem Säbel durchzuschneiden!« meinte Pilger lachend. »Aber werter Herr!« rief der alte Dämon, »das Ende säße ja dann immer noch am Herzen, es wäre nur von außen abgetrennt. Das Seil liegt mir schon jetzt ihm Hals, dass mir speiübel wird! Was soll ich bloß tun?« »Na gut«, meinte Pilger, »dann halt dein Maul auf, damit ich den Knoten lösen kann.« Erschrocken meinte der alte Dämon: »Wenn er jetzt reingeht und auf einmal wieder nicht rauskommen will, dann wird es erst recht schwierig!« »Das Seil zu lösen ist keine Sache«, versetzte Pilger, »die Frage ist bloß, ob ihr auch wirklich aufrichtig bereit seid, meinen Meister über den Berg zu führen?« »Gewiss, wenn Ihr nur das Seil losmacht! Wir werden Euch nicht betrügen.« Da schenkte ihnen der Große Heilige Glauben, fing sein Pelzhaar mit einem Schütteln ein, und schon war der Unhold wieder schmerzfrei. Alle drei Dämonen sprangen auf und riefen dankend: »Möge der Große Heilige seinen Meister rufen und das Gepäck bereitstellen; wir kommen sogleich mit der Sänfte nach.« Die Dämonen zogen die Truppen ab und kehrten in ihre Grotte zurück. Als der Große Heilige aber auf dem Rückweg um den Berghang kam, sah er schon von weitem, wie sich Tripitaka schluchzend am Boden wälzte. »Keine Frage«, sann er, »gewiss hat ihm Bajie erzählt, ich sei gefressen worden, darum ist er so verzweifelt.« Schnell senkte er seine Wolke und rief: »Meister!« Sandmönch hörte ihn und rief Bajie vorwurfsvoll zu: »Schau, was du angerichtet hast, du elender Sargdeckel! Unser Ordensbruder ist ja gar nicht tot; da kommt er doch und ruft!« »Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie er vom Ungeheuer aufgefressen worden ist«, beharrte Bajie. »Heute muss ein Unglückstag sein, dass dieser Affe uns als Geist heimsucht.« Pilger landete, packte Bajie am Arm und verpasste ihm eine Ohrfeige. »Du Trottel!« rief er, »ich soll als Geist erscheinen? Glaubst du etwa, ich sei so eine unnütze Eiterbeule wie du? Nachdem er mich verschluckt hat, habe ich ihn eben in den Darm gezwickt und in die Lunge gekniffen, ihm ein Seil ums Herz geschnürt, bis er’s vor Schmerzen nicht mehr ausgehalten hat. Am Ende haben alle drei Dämonen vor mir Kotau gemacht und mich angefleht, sie am Leben zu lassen. Gleich werden sie den Meister mit einer Sänfte über den Berg tragen!« Als Tripitaka dies hörte, sprang er mit einem Satz hoch, bedankte sich bei Pilger und sprach: »O mein Schüler, das muss dich ungeheure Anstrengung gekostet haben! Hätte Wuneng recht behalten, wäre es mein Ende gewesen.« Pilger schalt Bajie von neuem, dann aber machten sie Pferd und Gepäck reisefertig und stellten sich wartend an die Landstraße, doch davon sei hier nicht weiter die Rede. Wenden wir uns stattdessen den drei Dämonen zu, die in ihre Grotte zurückgekehrt waren. Dort sprach der zweite Dämon: »Werte Brüder, immer glaubten wir, was für ein neunköpfiges, achtschwänziges Monster dieser Pilger Sun sein müsse, und dabei ist es ein klitzekleiner Affe! Du hättest ihn bloß nicht fressen sollen, sondern gegen ihn kämpfen. Gegen uns drei käme er niemals an! Und von den zehntausend Soldaten, die wir hier in der Grotte haben, reicht doch schon die Spucke, ihn zu ertränken. Weil du ihn geschluckt hast, konnte er in deinem Bauch sein Unwesen treiben; so hast du dich gar nicht mit ihm messen können. Die Zusage, den Priester hinüberzuführen, haben wir doch nur gemacht, damit er den Ältesten am Leben ließ. So haben wir ihn noch mal rauslocken können. Es kann doch nicht sein, dass wir ihn wirklich rüberführen, oder?« »Was ist deine Meinung, werter Bruder?« fragte der alte Dämon. »Gib mir dreitausend kleine Ungeheuer; ich werde diesen Affen gefangennehmen, das krieg ich hin«, gab der zur Antwort. »Dann tu, was du für richtig hältst«, meinte der Alte. Der zweite Dämon gab also dreitausend kleinen Ungeheuern Befehl, stellte sie am Rande der Landstraße auf und schickte vorab einen Boten mit blauer Flagge, auf der die Nachricht stand: »Pilger Sun wird aufgefordert, unverzüglich zum Kampf gegen den zweiten Großen König anzutreten.« Als Bajie dies hörte, lachte er auf und rief: »Ach, Bruder, es ist doch, wie das Sprichwort geht: ›Der Landsmann geht Lügen nicht auf den Leim!‹ Warum gibst du vor, diese Ungeheuer gebändigt zu haben, und behauptest gar, sie wollten unseren Meister mit der Sänfte hinübertragen? Da rufen sie doch schon wieder zum Kampf auf!« »Den alten Dämon habe ich bezwungen, der traut sich nicht mehr raus«, versetzte Pilger. »Sicher will sich der zweite Dämon, der jetzt zum Kampf aufruft, nicht damit abfinden, uns hinüberzuführen. Diese Dämonen halten zueinander, sie sind verbrüdert. Doch wir sind ebenfalls zu dritt, und ich habe den ältesten Dämon bereits geschlagen. Da jetzt der zweite Dämon kommt, könntest du doch auch mal kämpfen, oder?« »Klar, vor dem fürcht ich mich doch nicht!« rief Bajie. »Wartet nur, ich lege gleich los.« Der Tölpel packte seinen Rechen, rannte den Hang hinauf und schrie: »Komm raus, du Ungeheuer! Auf in den Kampf mit Ahnherrn Eber!« Da trat der zweite Dämon heraus, und als er Bajie erblickte, richtete er, ohne ein Wort zu verlieren, seinen Speer gegen ihn. Bajie aber hielt den Rechen dagegen, und so begannen die beiden ihr Gefecht. Doch es dauerte keine acht Runden, da konnte Bajie sich nicht länger wehren und ergriff die Flucht. Der Dämon aber blieb ihm auf den Fersen, streckte bald seinen Rüssel aus und rollte ihn wie einen Lindwurm um Bajie. So kehrte er siegreich mit seiner Beute in die Grotte zurück. Da rief Tripitaka, der unten zugeschaut hatte, Pilger zu: »Wuneng ist gefangen! Was tun wir bloß?« Pilger lachte: »Ach Meister, Ihr seid einfach zu parteiisch! Als ich alter Sun gefangen war, habt Ihr Euch keine Sorgen gemacht, und jetzt, kaum ist dieser Tölpel in Gefangenschaft, seid Ihr gleich so aufgeregt. Lasst ihn doch auch mal ein bisschen Leid erfahren, so versteht er wenigstens die Schwierigkeit unserer Schriftensuche.« »Aber, mein Schüler!« erwiderte Tripitaka, »wie hätte ich mir keine Sorgen machen können, als du weg warst! Doch immerhin weiß ich ja, dass du dich verwandeln kannst und dir daher nichts Lebensgefährliches zustoßen wird. Dieser Tölpel aber ist so ungeschickt, dass ihm gewiss nichts Gutes bevorsteht. Geh doch bitte und hilf ihm heraus!« Pilger schoss in die Lüfte und kam auf den Berg, doch gleichzeitig ging es ihm durch den Kopf: »Dieser Tölpel hat mich einfach totgesagt! Jetzt geh ich erst mal rein und gucke, wie die Ungeheuer mit ihm umspringen. Er soll doch auch mal ein bisschen leiden, danach werde ich ihn befreien.« In Gestalt einer Mücke surrte er hinüber, landete auf Bajies Ohr und kam so mit ihm in die Grotte hinein. Hier warf der zweite Dämon Bajie hin und rief: »Bruder, ich hab einen!« »Dieser Kerl ist zu nichts nütze«, versetzte der Ältere. Als Bajie das hörte, rief er schnell: »Großer König, dann lasst doch die Nutzlosen laufen und holt die Nützlichen!« Doch da ließ der dritte Dämon verlauten: »Ob nützlich oder nicht, immerhin ist der Eber Bajie auch ein Schüler des chinesischen Priesters.« Und er trug den Ungeheuern auf, ihn, an Händen und Füßen gefesselt, im Hinterhof in den Teich zu werfen. Der Große Heilige schwirrte hoch und konnte bald sehen, wie Bajie im Teich Hände und Füße von sich streckte und mühsam die Schnauze über Wasser zu halten versuchte. Wie er dabei fortwährend keuchte, sah lächerlich aus; man hätte ihn geradezu für eine verdorrte Lotoskapsel halten können. Der Anblick löste im Großen Heiligen Widerwillen und Erbarmen zugleich aus, und er dachte: »Immerhin wird auch er einst am Fest der Drachenblüte des Buddha Maitreya teilnehmen. Es ist nur widerlich, wie er die Schriftensuche immer gleich aufgeben will und dazu noch den Meister gegen mich aufstachelt. Ha, neulich hat Sandmönch doch mal gesagt, er habe sich heimlich Geld eingesteckt. Fragt sich doch, ob das stimmt. Ich will ihm gleich mal einen Schrecken einjagen und schauen, was dabei rauskommt.« Schon surrte er an Bajies Ohr und rief mit verstellter Stimme: »Eber Wuneng! Eber Wuneng!« »Mist!« machte der Tölpel, »den Namen Wuneng hab ich von Bodhisattva Guanyin erhalten; seit ich mit dem Priester unterwegs bin, nennt mich doch jeder nur Bajie. Wie kommt es, dass hier jemand meinen Ordensnamen kennt?« Schließlich fragte er: »Wer ruft mich denn?« »Ich bin’s«, antwortete Pilger. »Wer bist du denn?« »Der Todesschlepper.« Betroffen rief Bajie: »Woher kommt Ihr, hoher Herr?« »Von Yama, dem fünften Höllenkönig; er hat mich geschickt, dich zu holen!« »Hoher Herr, geht doch bitte zum Höllenkönig zurück«, rief Bajie, »der ist gut befreundet mit meinem Bruder Sun Wukong. Richtet ihm aus, er möge mir einen Tag Zeit zu geben und mich morgen holen.« »Unsinn!« gab Pilger zurück, »wenn der Höllenkönig bestimmt hat, dass einer zur dritten Nachtwache sterben soll, wagt doch keiner auch nur bis zur vierten Nachtwache zu warten! Komm gefälligst mit, sonst muss ich dich an Stricken hinzerren.« »Aber hoher Herr«, flehte Bajie, »das passt doch jetzt nicht, seht Euch nur an, wie ich aussehe! Ich möchte noch leben; sterben werde ich bestimmt, nur einen Tag möchte ich noch haben. Bis dann haben die Ungeheuer sicher auch meinen Meister und die anderen gefangengenommen, so kann ich sie noch mal sehen, und dann fahren wir alle zusammen zur Hölle.« »Nun gut«, machte Pilger, »ich habe dreißig Leute abzuholen, alle hier in der Nähe. Wenn ich erst die anderen hole, wird es wohl einen Tag dauern, bis du drankommst. Hast du Geld, dann rück es raus. Dann gehe ich.« »Ach, Erbarmen!« rief Bajie, »wir Mönche haben doch kein Geld!« »Dann wird dir jetzt der Strick umgelegt!« Entsetzt rief der Tölpel: »Bitte nicht, hoher Herr! Das ist doch der Todesstrick, wenn der einem umgelegt wird, ist die Lebensenergie dahin. Ja, ja, doch, ich habe was, nur nicht so viel.« »Wie viel denn? Her damit!« befahl Pilger. »Ach, Erbarmen, Erbarmen! Das sind Almosenbatzen, die ich über Jahre hinweg gesammelt habe. Insgesamt fünf Silberlinge. Kürzlich habe ich einen Silberschmied gebeten, mir die Batzen zu einem Stück zu schmelzen, der aber war so gewissenlos, einige davon einzuheimsen. Jetzt sind es nur noch vier Silberlinge und sechs Batzen am Stück. Es steckt in meinem linken Ohr, aber mit den Fesseln kann ich es nicht rausnehmen, holt es Euch selbst!« Als Pilger das hörte, langte er in Bajies Ohr und klaubte das Stück heraus: Tatsächlich, es war ein Silberling in Sattelform, knapp fünfzehn Gramm schwer. Kaum hatte er ihn eingesteckt, konnte er sich nicht länger halten und zeigte prustend vor Lachen seine eigene Gestalt. Als Bajie Pilgers Stimme erkannte, begann er aus dem Teich heraus laut zu belfern: »Du verdammter Pferdeknecht! In einer solchen Notlage prellst du mich auch noch um mein Geld!« »Das mit dem Geld wäre noch das geringste Übel«, versetzte Pilger lachend. »Aber warte, ich will dich gleich befreien.« Mit seiner Stange fischte er Bajie aus dem Wasser und löste die Fesseln. Da sprang Bajie auf und rief: »Schnell, Bruder, durch die Hintertür raus!« »Doch nicht durch die Hintertür«, gab Pilger zurück. »Wir schlagen uns wieder zum vorderen Eingang raus. Komm mit!« Bajie folgte Pilger zum zweiten Portal. Als er plötzlich an einer Wand seinen Rechen stehen sah, riss er die Waffe an sich und stürmte wild dreschend voran. So kamen sie zum dritten und zum vierten Portal, während sie unzählige Ungeheuer erschlugen, bis schließlich der alte Dämon sie entdeckte und dem Zweiten zurief: »Du hast ja einen netten Gefangenen! Schau mal, jetzt hat Pilger Sun den Eber Bajie befreit und erschlägt bei den Toren unsere Leute!« Da zückte der zweite Dämon seinen Speer, rannte durch den Torbogen und schrie: »Du verdammter Affenschädel, welche Frechheit!« Schon erhob er den Speer gegen Pilger, und dieser trat ihm mit seiner Stange entgegen. Während die beiden vor der Grotte in ein hitziges Gefecht gerieten, stand Bajie unten am Berg, den Rechen vor sich aufgestellt, und starrte dümmlich auf das Gefecht, ohne einzuspringen. Als dem Dämon Pilgers Stange zu gefährlich wurde, hielt er sie mit seinem Speer ab und schickte sich an, Pilger mit dem Rüssel zu fangen. Der aber kannte den Trick, darum hielt er die Stange mit beiden Händen hoch, so dass sich der Rüssel nur um seine Hüfte rollte, nicht aber um die Arme. Seht, wie er jetzt die Stange mit beiden Händen auf dem Kopf des Unholds tanzen lässt! »Dieser Lump ist wohl nicht bei Verstand«, brummte Bajie. »Einem Ungelenken wie mir umwickelt er die Arme, dem Flinken hingegen nur die Hüfte. Er bräuchte ihn doch bloß in den Rüssel zu stechen, wenn er schon seine Stange hat, das würde dem Viech genug zu schaffen machen!« Pilger, der seine Worte gehört hatte, schwenkte seine Stange, bis sie die Dicke eines Hühnereis und eine Länge von über einem Klafter hatte, dann stieß er sie in den Rüssel. Da bekam es der Dämon mit der Angst zu tun; laut schnaubend schwenkte er seinen Rüssel und ließ Pilger fallen. Der aber wirbelte herum, packte ihn am Rüssel und zerrte mit aller Kraft, bis dem Dämon vor Schmerz nichts übrigblieb, als nachzugeben und hinter Pilger herzuschreiten. Erst jetzt traute sich Bajie heran, hob seinen Rechen und hieb wie wild auf die Flanken des Dämons. Pilger wirbelte herum, packte ihn am Rüssel und zerrte mit aller Kraft, bis dem Dämon vor Schmerz nichts übrigblieb, als hinter Pilger herzuschreiten. »Nein, so nicht!« rief Pilger, »mit den Rechenzähnen machst du seine Haut kaputt, und wenn Blut fließt, wird uns der Meister wieder vorhalten, Lebewesen zu verletzen. Kehr den Rechen um und hau mit dem Stiel!« Tatsächlich wandte der Tölpel den Rechen und versetzte dem Dämon bei jedem Schritt einen Hieb, während Pilger ihn am Rüssel führte. Wie zwei Elefantenwärter führten sie ihn nun hinunter zu Tripitaka. Als Sandmönch sie kommen sah, meinte er lachend zum Meister: »Nicht schlecht! Der ältere Bruder führt das Ungeheuer an der Nase herum!« Da erblickte ihn auch Tripitaka und rief: »Meine Güte! Dass es ein so gewaltiges Ungeheuer gibt, mit einer derart langen Nase!« Dann ließ er Sandmönch den Dämon fragen, ob er bereit sei, ihn über den Berg zu führen. Wenn ja, dann möge man ihn unversehrt am Leben lassen. Der Dämon fiel auf die Knie, nickte schluchzend und rief: »Werter Herr aus China! Wenn Ihr mir das Leben schenkt, will ich Euch liebend gerne mit der Sänfte abholen!« Da sagte Pilger: »Wir und mein Meister sind äußerst freundliche Menschen. Wenn du dein Wort hältst, dann soll dir nichts geschehen, doch bring nun gleich die Sänfte! Solltest du aber wieder was anderes im Schilde führen, werden wir dich nicht noch einmal laufenlassen!« Der Dämon kam also frei, machte einen Kotau und stapfte zu seiner Grotte. Als der alte Dämon fragte, wie er freigekommen sei, berichtete er von Tripitakas barmherzigen Worten, worauf alle einander anblickten und keiner etwas zu sagen wagte. »Bist du bereit, den Priester hinüberzuführen, ältester Bruder?« fragte der zweite Dämon schließlich. »Was fragst du da noch! Machen wir alles bereit und bringen ihn so schnell wie möglich rüber.« Der Dritte aber lachte abschätzig und rief: »Ja, ja, bringen wir ihn rüber!« »Werter Bruder«, sagte da der alte Dämon, »das klingt gerade so, als ob du nicht ganz einverstanden wärst? Wenn du nicht mitmachen willst, dann tragen wir ihn!« »Hört mal, ihr verehrten Brüder«, meinte der Dritte nun, »wenn dieser Mönch was dagegen hätte, dass wir ihn über den Berg tragen, und heimlich rübergehen würde, dann wäre das sein Glück. Weil er aber darauf besteht, dass wir ihn tragen, tappt er gleich in meine Falle. Das ist doch exakt die Strategie, mit der man den Tiger aus dem Berg lockt!« »Wie meinst du das?« wollte der alte Dämon wissen. »Lasst uns von allen Ungeheuern sechzehn Mann auswählen, dazu eine Mannschaft mit dreißig Leuten.« »Wozu denn das?« »Die dreißig von der Mannschaft müssen kochen können; ihnen geben wir etwas Reis und Gemüse mit und lassen sie am Weg Lager aufschlagen, wo sie den Priester mit Speis und Trank beköstigen.« »Und wozu noch sechzehn Mann?« fragte der alte Dämon. »Acht sollen die Sänfte tragen, weitere acht machen vorne den Weg frei. Wir drei aber gehen auf beiden Seiten mit, so als würden wir sie zum Abschied begleiten. Aber gegen vierhundert Meilen westlich liegt doch meine Burg, dort hab ich genügend Leute, die ihn in Empfang nehmen können. Sobald wir also meine Burg erreicht haben, brauchen wir bloß dafür zu sorgen, dass die Schüler sich nicht um ihren Meister kümmern können, und dann ist es nur noch die Sache der sechzehn Geister, den Priester festzunehmen.« Als der alte Dämon dies vernommen hatte, rief er: »Gut, sehr gut!« Schon wurden die Ungeheuer zusammengerufen; man wählte dreißig aus und gab ihnen die nötigen Dinge mit, weitere sechzehn wurden für den Transport der Lianensänfte bestimmt, und so gingen alle zur Grotte hinaus. Der alte Dämon führte das Gefolge an, und wie sie zur Landstraße kamen, rief er mit lauter Stimme: »Ehrenwerter Herr aus China! Heute steht kein Unglück mehr in den Sternen, darum bitten wir Euch, sogleich den Berg zu überqueren.« Pilger wandte sich an Tripitaka und sagte: »Das dort ist der Dämon, den ich alter Sun bezwungen habe. Jetzt kommt er mit der Sänfte.« Da faltete Tripitaka die Hände gen Himmel und rief: »Oh, wie wunderbar! Wie wäre dies ohne deine großen Fähigkeiten je gelungen, mein lieber Schüler!« Er trat vor, grüßte die Dämonen mit einer höflichen Verneigung und sprach: »Besten Dank für euer Entgegenkommen! Wenn ich wieder im Osten bin, werde ich die Kunde dieser guten Tat in Chang’an verbreiten!« Auch die Ungeheuer verneigten sich und sprachen: »Wir bitten den ehrenwerten Herrn, die Sänfte zu besteigen.« Mit den Augen des Fleisches vermochte Tripitaka nicht zu erkennen, dass es eine List war. Und sogar der Große Heilige, als Goldener Unsterblicher des Höchsten Einen von innerer Aufrichtigkeit beseelt, dachte im Moment nur an seinen Sieg, der ihm die Dämonen gefügig gemacht hatte. Ohne die Lage weiter zu überprüfen, befahl er Bajie, das Gepäck aufs Pferd zu schnüren, und hieß ihn mit Sandmönch hinter der Sänfte hergehen, während er selbst seine Stange zur Hand nahm und voranschritt, um rechtzeitig Heil und Unheil erkennen zu können. Nun hoben acht Ungeheuer die Sänfte an, weitere acht schritten vorne einher und stießen bei jedem Schritt laute Rufe aus. Die drei Dämonen aber hoben die Tragstangen an, und Tripitaka thronte glücklich lächelnd in der Sänfte. So ging es auf der Landstraße den Berg hinan. Einträchtig spielte die Rotte der Ungeheuer einander in die Hand, alle machten sich von früh bis spät behilflich, und so war auf der ganzen Strecke alles bestens vorbereitet. Täglich gab es drei schmackhafte Mahlzeiten, und jeden Abend stand ein schönes Nachtlager bereit. Nachdem sie an die vierhundert Wegmeilen zurückgelegt hatten, näherten sie sich der Burg. Als der Große Heilige, der seine Stange in beiden Händen hielt und etwa eine Wegmeile Vorsprung hatte, diese Burg erblickte, durchzuckte ihn ein heftiger Schrecken. Und wisst ihr auch, weshalb? Die Festung nämlich war von einer derart üblen Energie umhüllt, dass es ihm kalt den Rücken hinunterlief. Während der Große Heilige noch betroffen dastand, hörte er plötzlich hinter sich einen Windstoß pfeifen, und wie er sich umblickte, sah er, wie der dritte Dämon mit einer Lanze heranstürmte. Der Große Heilige schnellte herum und trat ihm mit der Stange entgegen, und beide waren so aufgebracht, dass sie, ohne ein Wort zu verlieren, mit zusammengebissenen Zähnen aufeinander losstürmten. Nun stieß der alte Dämon einen Befehl aus und erhob seinen Säbel gegen Bajie, der erschrocken das Pferd stehenließ, mit ausholendem Rechen vortrat und den Angriff abzuwehren suchte, während der zweite Dämon seinen Speer gegen Sandmönch richtete, der sich mit seiner kostbaren Lanze zur Wehr setzte. So fochten nun drei Mönche mit drei Dämonen auf dem Berg einen erbitterten Kampf auf Gedeih und Verderb. Die sechzehn kleinen Ungeheuer aber taten nach Kräften, was ihnen befohlen worden war: Sie rissen das Pferd an sich, ergriffen das Gepäck, nahmen die Sänfte mit Tripitaka bis zur Burg auf die Schulter und riefen dort laut: »Aufmachen, der ehrenwerte Große König ist da!« Schon stürmten kleine Ungeheuer von der Stadtmauer herab und stießen die Tore auf. Alle Lager erhielten Befehl, die Flaggen einzuziehen, keine Trommeln zu rühren und weder Kriegsgeschrei noch Gongschläge hören zu lassen. »Der Große König hat befohlen, der Priester aus China dürfe nicht erschreckt werden«, hieß es, »wenn ihm der Schrecken in die Glieder fahre, werde sein Fleisch sauer.« Die Ungeheuer trugen Tripitaka in die Audienzhalle und hießen ihn in der Mitte Platz nehmen, während nebenan Tee und Reis aufgetragen wurde und man ihn geschäftig umringte. Der Priester aber fühlte sich matt und benommen; ringsum konnte er keinen einzigen vertrauten Menschen erblicken. Und da wir nicht wissen, wie es um sein Leben bestellt war, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第077回 / 77. Kapitel Die Dämonen hintergehen das innere Wesen / Der eine Körper kommt zu Buddha Tathagata Sehen wir vorerst ab vom Leid des Priesters und wenden uns den drei Dämonen zu, die im Gebirge östlich der Festung erbittert mit dem Großen Heiligen und seinen Ordensbrüdern rangen. Das Gefecht dauerte so lange, bis der Abend anbrach. Und da sich ringsum Wolken ballten, wurde es in kürzester Zeit dunkel. Schließlich konnte Bajie nicht mehr standhalten, ließ seinen Rechen sinken und ergriff die Flucht, doch schon schnappte ihn der älteste Dämon am Kragen und schleppte ihn in die Burgstadt, wo er vor die kleinen Ungeheuer geworfen wurde, die ihn in der Audienzhalle in Fesseln legten. Der alte Dämon aber stieg abermals auf einer Wolke in die Höhe, um den anderen beizuspringen. Sandmönch merkte, dass es schlecht um ihn stand; er tat einen letzten Scheinhieb und wandte sich ab, um die Flucht zu ergreifen, als plötzlich der zweite Dämon schnaubend seinen langen Rüssel ausstreckte und Sandmönch um Leib und Arme rollte. Die kleinen Ungeheuer wurden angewiesen, auch ihn in der Halle zu fesseln, dann stieg der Dämon wieder in die Höhe, um Pilger einzufangen. Dieser aber hatte plötzlich gewahrt, dass beide Ordensbrüder gefangen waren und er den Gegnern alleine nicht gewachsen war, da schoss er mit einem Schrei im Wolkenüberschlag davon. Als der dritte Dämon Pilgers Flucht bemerkte, schüttelte er sich, um die eigene Gestalt anzunehmen, breitete seine Flügel aus und holte Pilger ein. Warum er ihn einzuholen vermochte, fragt ihr? Der Grund war, dass Pilger zwar freilich in einem Wolkenüberschlag 108 000 Meilen hinter sich legen konnte, doch der Dämon schaffte allein mit einem einzigen Flügelschlag 90 000 Meilen, so dass er ihn mit nicht mehr als zwei Flügelschlägen eingeholt hatte. Pilger wurde also ebenfalls gepackt, und es gelang ihm nicht, sich aus den Fängen des Dämons zu befreien, sosehr er sich auch winden mochte. Flugs kamen sie zur Burgstadt. Der Dämon warf Pilger in den Staub, wies seine Ungeheuer an, ihn zu fesseln und dorthin zu bringen, wo auch schon Bajie und Sandmönch lagen. Nun traten die drei Dämonen in die Audienzhalle, setzten sich auf den Thron und stießen Tripitaka zur Halle hinaus. Nun erkannte der Priester im Schein der Laternen, dass alle drei Schüler gefesselt am Boden lagen. Aufschluchzend rief er Pilger zu: »Ach, mein Schüler! Immer wenn wir in Not gerieten, warst du außerhalb und konntest deine Zauberkräfte zur Geltung bringen. Doch jetzt bist sogar du in Gefangenschaft; wie werde ich armer Mönch das je überleben!« Als Bajie und Sandmönch diese bittere Klage hörten, brachen auch sie in Tränen aus. Pilger aber meinte mit leichtem Lächeln: »Macht Euch keine Sorgen, Meister. Weint nicht, Brüder. Was auch immer sie vorhaben; es wird uns nichts geschehen.« Da drang auf einmal die Stimme des alten Dämons in ihren Wortwechsel, als er sprach: »Dank seiner Stärke und Klugheit hat es unser Bruder tatsächlich geschafft, den Priester aus China gefangen zu nehmen! Lassen wir nun die Diener Wasser holen, Töpfe schrubben und Eisenkörbe bereitstellen, dann können wir diese Mönche im Dampf zubereiten. Beim Verzehr mag jeder von uns einen Happen für die Ungeheuer übrig lassen, damit auch sie ein langes Leben haben.« Kaum hatten die kleinen Ungeheuer ihren Auftrag erhalten, machten sie sich in emsigem Treiben an die Arbeit. Schon standen Töpfe und Dämpfkörbe bereit, und wenig später meldeten die Ungeheuer, die das Feuer unterhielten, das Wasser sei am Kochen. Der alte Dämon befahl, die Mönche hinzutragen. Sofort legten alle Ungeheuer gleichzeitig Hand an, hievten Bajie in den untersten Dämpfkorb und Sandmönch in den zweiten. Bevor sie aber bei Pilger waren, zupfte sich dieser im Schein der Laterne ein Pelzhaar aus und verwandelte es rasch in einen falschen gefesselten Pilger, während er sich als Geistkörper verflüchtigte und aus halber Höhe zusah. Die Ungeheuer, die Trug und Wahrheit nicht unterscheiden konnten, legten den falschen Pilger in den dritten Korb. Zuletzt packten sie auch Tripitaka, banden ihn in Stricke und hoben ihn in den vierten Korb. Dann wurde Holz nachgelegt, und das Feuer loderte auf. Da sann Pilger in der Höhe: »Bajie und Sandmönch müssten ein bisschen Dampf vertragen können, doch mein Meister wäre in kürzester Zeit gegart. Wenn ich ihn nicht sofort mit einem Zauber rette, ist es um ihn geschehen!« Mit einem magischen Fingerzeichen und einem Zauberspruch zwang er den Drachenkönig des Nördlichen Ozeans herbei und sprach: »Ich würde mich nicht erdreisten, Eure Mühe in Anspruch zu nehmen, wenn nicht gerade jetzt mein Meister bei bösen Dämonen im Dampf gegart werden sollte! Geht bitte schnellstmöglich hin und beschützt ihn; der Dampf darf ihm auf keinen Fall etwas anhaben!« Sofort verwandelte der Drachenkönig seinen Leib in einen kalten Windstoß und fuhr unter den Topf, wo er sich schützend über dem Feuer zusammenrollte, so dass die Hitze gar nicht in den Topf dringen konnte. Auf diese Weise blieben alle drei unversehrt. Gegen Mitternacht hörte man den alten Dämon rufen: »Diener! Nachdem wir den Priester und seine Schüler mit List und Anstrengung gefangen und sie in den Dämpfkorb gesteckt haben, werden sie uns kaum mehr entwischen. Haltet trotzdem gut Wache und lasst zehn Ungeheuer reihum anfeuern, während wir schlafen. Morgen früh zur fünften Nachtwache sind sie sicher gar, dann könnt ihr Knoblauch, Salz und Essig bereitstellen und uns wecken, dass wir sie gleich auf nüchternen Magen genießen können.« Die Ungeheuer versprachen zu tun wie geheißen, und die drei Dämonenkönige verzogen sich in ihre Schlafgemächer. Pilger aber, der die Worte aus der Höhe mitangehört hatte, senkte seine Wolke und horchte. Es drangen keine Stimmen aus den Dämpfkörben. »Sind sie etwa im Dampf umgekommen?« durchfuhr es ihn plötzlich. Schnell verwandelte er sich in eine kleine schwarze Fliege und heftete sich an einen der metallenen Dampfkörbe. Nun konnte er hören, wie Bajie brummte: »Pech, so ein Pech! Werden wir eigentlich offen oder geschlossen gedämpft?« »Was meinst du damit, Bruder?« hörte man nun Sandmönchs Stimme. »Geschlossen heißt, dass zuoberst ein Deckel drauf ist, offen ist ohne Deckel.« Tripitaka, der zuoberst lag, antwortete: »Es ist kein Deckel drauf, meine Schüler.« Als Pilger hörte, dass die drei am Sprechen und also noch am Leben waren, flog er leise hoch, nahm den Deckel und setzte ihn auf die Körbe. »Oh, meine Schüler!« rief Tripitaka entsetzt, »jetzt haben sie zugemacht!« »Dann ist’s um uns geschehen«, meinte Bajie, »wenn oben zu ist, sind wir noch in dieser Nacht tot!« Sandmönch und Tripitaka begannen leise zu schluchzen. »Heult doch nicht«, meinte Bajie, »ich glaube, die Feuermacher haben gerade Schichtwechsel.« »Woher willst du das wissen?« fragte Sandmönch. »Am Anfang, als man uns hier draufgesetzt hat, war es genau so warm, wie ich es mir gewünscht habe. Mir sitzen noch Kälte und Feuchtigkeit in den Knochen, das macht meiner Gesundheit zu schaffen, mit Wärme hätte man das austreiben können. Doch jetzt ist es schon wieder kalt. He, ihr Aufseher der Feuermacher! Kann man nicht ein bisschen Holz nachlegen? Ihr werdet gebraucht!« Als Pilger das hörte, konnte er ein Kichern nicht unterdrücken und dachte bei sich: »So ein Trottel! Kälte ist doch zu ertragen; wenn es heiß wird, geht’s euch ans Leben. Wenn der so weiterschreit, kriegen die Aufseher Wind davon. Ich muss sie rechtzeitig befreien. Doch Moment! Wenn ich sie hier rausholen will, müsste ich mich ja in meiner eigenen Gestalt zeigen, und falls mich diese zehn Feuermacher entdecken und Alarm schlagen, haben wir schon wieder Ärger! Ich muss die erst mal mit Schlafkäferchen versorgen.« Hurtig langte er unter seinem Gürtel zehn Käferchen hervor und schnippte allen zehn Ungeheuern eins ins Gesicht. Die Tierchen krochen ihnen in die Nasenlöcher, worauf sie bald träge wurden und endlich alle in tiefen Schlaf versanken. Nun nahm Pilger seine eigene Gestalt an, trat vor und rief: »Meister!« Tripitaka hörte seine Stimme und rief: »Wukong! Rette mich!« »Rufst du von draußen, Bruder?« fragte Sandmönch. »Klar«, gab Pilger zurück, »wenn ich nicht draußen wäre, müsste ich doch mit euch da drinnen Buße tun!« »Ha, die Flinken haben sich wieder mal aus dem Staub gemacht«, versetzte Bajie, »wir hingegen müssen das Leid absitzen und ersticken!« »Sei still, du Tölpel«, gab Pilger lachend zurück, »ich werde dich retten.« »Dann tu’s bitte gründlich, nicht dass ich nachher gleich wieder in den Dämpfkorb komme!« murrte Bajie. Nun hob Pilger den Deckel an, befreite erst seinen Meister, fing dann sein verwandeltes Pelzhaar wieder ein und befreite schließlich Bajie und Sandmönch aus den unteren Körben. Der Tölpel wollte gleich davonrennen, doch Pilger rief: »Langsam, nur mit der Ruhe!« Mit einer magischen Formel entließ er den Drachengott, suchte auf den Zehenspitzen nach Gepäck und Pferd und hieß Tripitaka schließlich in den Sattel steigen. Bajie und Sandmönch folgten dem Pferd, Pilger aber ging an der Spitze und führte alle geradewegs zum südlichen Ausgang der Festung. Dort aber konnte man hören, dass draußen Glocken und Klappern geschlagen wurden; das Tor war also streng bewacht. Sie eilten zum hinteren Ausgang, doch auch dort wurde Wache gehalten. »Was tun wir bloß?« fragte Pilger. »Wenn wir nicht den sterblichen Leib unseres Meisters dabeihätten, könnten wir uns einfach aus dem Staub machen!« »Bruder, wir dürfen keine Zeit verlieren«, drängte Bajie. »Lasst uns einen stillen Winkel suchen, wo wir den Meister über die Mauer hieven können!« Pilger lachte: »Das ist keine gute Idee. Im Moment bleibt uns allerdings nicht viel anderes übrig, doch wenn wir das machen, wirst du Tölpel mit deinem losen Maulwerk später überall rumerzählen, wir wären Mönche, die über Mauern klettern!«406 »Wer kümmert sich denn jetzt um korrektes Verhalten; es geht um unser Leben!« rief Bajie. Wohl oder übel musste sich Pilger fügen, und so machten sie sich daran, über die Mauer zu klettern. Aber ach! Was jetzt geschah, beweist, dass Tripitaka noch immer unter einem Unglücksstern stand. Denn genau in jenem Augenblick wachten die drei Dämonen auf, warfen sich ihre Gewänder um und gingen stracks zum Thronsitz in der Audienzhalle, wo sie sich erkundigten, wie oft das Wasser unter dem Priester neu aufgekocht worden sei. Die Ungeheuer aber, die das Feuer hätten schüren sollten, lagen alle in tiefstem Schlaf und waren einfach nicht zu wecken, sogar Schläge machten sie nicht wach. Endlich erwachten einige von jenen, die keine Schicht gehalten hatten, und gaben verzagt zur Antwort: »Sie-siesieben Mal!« Und als sie bei der Feuerstelle die metallenen Dämpfkörbe am Boden herumliegen sagen, eilten sie erschrocken zurück und meldeten: »Sie, sie, sie sind weg, Großer König!« Da stiegen die drei Dämonen vom Thron, um die Sache selbst in Augenschein zu nehmen. Und tatsächlich: Kreuz und quer lagen die Dämpfkörbe am Boden herum, das Wasser im Topf war kalt, kein Feuerholz lag darunter, und die Feuermacher schliefen wie die Steine. Bestürzt riefen alle Ungeheuer: »Haltet den Priester! Haltet den Priester!« Ihr Geschrei war so durchdringend, dass die Ungeheuer im ganzen Palast aufwachten. Bald rannten alle mit Säbeln und Lanzen zum vorderen und zum hinteren Stadttor, doch da war nichts zu finden. Schließlich wurde in wildem Tumult alles aufs genaueste abgesucht, die ganze Burgstadt mit Laternen und Fackeln hell erleuchtet, und siehe da! An einer Mauer sah man nun klar und deutlich, wie die vier Pilgernden gerade hinaufkletterten. Der alte Dämon sprang hinzu und schrie: »Runter mit euch!« Dem Priester fuhr ein solcher Schrecken in die Glieder, dass er den Halt verlor und gleich vom Dämon aufgefangen wurde. Der zweite Dämon fing Sandmönch, der dritte Bajie, und die kleinen Ungeheuer rissen Gepäck und Pferd an sich. Einzig Pilger konnte sich retten. Verdrossen murrte Bajie vor sich hin: »Verflucht! Ich hab doch gesagt, er soll uns gründlich befreien! Jetzt landen wir schon wieder im Dämpfkorb.« Die Ungeheuer stießen den Priester und seine Schüler in die Audienzhalle, doch statt sie von neuem dämpfen zu wollen, banden sie Bajie und Sandmönch vor und hinter der Halle jeweils an eine Säule, während der alte Dämon den Priester festhielt. »He, Bruder!« rief da der Dritte, »warum hältst du den so fest, willst du ihn etwa bei lebendigem Leibe fressen? Ein solches Stück allein zu verschlingen wäre nicht grad erfreulich, schließlich ist das was anderes als die gewöhnlichen Kerle, mit denen wir uns sonst den Bauch füllen. Immerhin eine echte Rarität aus dem chinesischen Kaiserreich. Der muss blitzsauber und delikat bearbeitet werden, bevor wir ihn verspeisen.« »Da magst du ja recht haben, Bruder«, grinste der alte Dämon, »bloß fürchte ich, dass dieser Pilger Sun ihn wieder klaut!« Da meinte der Dritte: »Ich habe hier im Palast einen stählernen Kasten, der steht im Pavillon der Brokatenen Düfte. Meiner Meinung nach sperren wir diesen Priester am besten erst mal in diesen Kasten. Dann schließen wir den Pavillon ab und lassen von unseren Ungeheuern das Gerücht verbreiten, wir drei hätten diesen chinesischen Priester roh gefressen. Denn jener Pilger wird gewiss versuchen, Neuigkeiten zu erfahren; sobald er das hört, verliert er jede Hoffnung und zieht ab. Dann brauchen wir bloß noch ein paar Tage abzuwarten, und wenn er uns keinen weiteren Ärger macht, können wir den Priester rausholen und in aller Ruhe verzehren. Was meint ihr dazu?« »Gute Idee, Bruder!« riefen der Alte und der Zweite gleichzeitig. Wie sie nun den Priester in den Kasten steckten, den Pavillon abschlossen und das Gerücht in der ganzen Stadt verbreiteten, sei hier nicht weiter ausgeführt. Berichten wir stattdessen von Pilger, der nach seiner Flucht mitten in der Nacht schnurstracks zur Löwengrotte gesaust war und dort mit seiner Stange sämtliche Ungeheuer kurz und klein gehauen hatte. Als er anschließend wieder nach draußen stürmte, ging im Osten bereits die Sonne auf. Wie er schließlich vor dem Stadttor stand, wagte er nicht zum Kampf aufzurufen, denn jetzt war er ja ganz allein. Es war genau, wie es der Volksmund sagt: »Eine Faser allein macht kein Garn, eine Hand allein keinen Ton.« Also senkte er seine Wolke, verwandelte sich in ein kleines Ungeheuer und begab sich in den Palast, um die Lage auszukundschaften. In der ganzen Burgstadt hörte man die Leute einander erzählen: »Der Priester aus China ist über Nacht von den Königen gefressen worden!« Da kriegte es Pilger mit der Angst zu tun. Er sauste zur Audienzhalle, wo er eine Menge dämonisches Getier geschäftig auf und ab gehen sah; alle trugen goldbesetzte Palasthüte und lange gelbe Palastroben, hatten rotlackierte Stöcke zur Hand und Elfenbeintäfelchen am Gürtel. »Das müssen jene Ungeheuer sein, die Zugang zu den Palasthallen haben«, sann Pilger. »Dann will ich mich in deren Gestalt verwandeln und weiter drinnen noch mal rumhorchen.« Als er in solcher Gestalt weiterging, fiel sein Blick auf Bajie, der vor der Audienzhalle an eine Säule gebunden vor sich hin stöhnte. Pilger trat zu ihm und rief leise: »Wuneng!« Der Tölpel erkannte seine Stimme und rief: »Da bist du ja, Bruder! Rette mich!« »Das werde ich tun. Doch sag, weißt du, wo der Meister ist?« »Der ist nicht mehr. Über Nacht haben ihn die drei Teufel gefressen!« Als Pilger dies hörte, versagte ihm die Stimme, und er brach in Tränen aus. »Ich hab das auch nur von den Ungeheuern gehört, Bruder«, versuchte ihn Bajie zu trösten, »hab es nicht mit eigenen Augen gesehen. Frag doch noch ein bisschen rum.« Da schluckte Pilger die Tränen hinunter und drang weiter in den Palast, um mehr in Erfahrung zu bringen. Hinter der Audienzhalle entdeckte er nun auch den an eine Säule gefesselten Sandmönch. Er trat auf ihn zu, berührte ihn an der Brust und rief: »Wujing!« Sandmönch erkannte ihn und rief: »Bruder, du bist in Verwandlung hier! Bitte befreie mich!« »Dich zu befreien wäre keine Sache«, gab Pilger zurück, »doch weißt du, wo der Meister ist?« Mit Tränen in den Augen antwortete Sandmönch: »Ach, Bruder! Die Dämonen wollten sich nicht länger mit Kochen aufhalten und haben ihn lebend aufgefressen!« Dass Pilger nun beide dasselbe sagen hörte, fuhr ihm wie ein Messer ins Herz. Die Tränen stürzten aus seinen Augen, bis er plötzlich mit einem Satz in die Höhe schoss und, ohne sich um die Rettung von Bajie und Sandmönch zu kümmern, auf einem Berggipfel östlich der Burgstadt landete, wo er laut schluchzend sitzen blieb. »Ach, mein Meister!« klagte er, »Einst, als ich den Himmel hintergangen, Wurde ich im großen Netz gefangen, Bis Ihr, Meister, mich errettet habt, Und erlöstet mich aus tiefer Not! Aufrecht und mit reinem Sinn Folgt’ ich Euch zu Buddha hin, Schulte mich durch stetes Mühen, Läuterte mit Euch Dämonen!407 Niemals hätte ich gedacht, Dass Euch nun der Tod gebracht; Nur das nächste Leben bleibt, Hier in dieser Welt voll Leid! Doch das Tor zum Glück im Westen Ist vom Schicksal uns verwehrt; Trister Lauf von Tod und Leben, Hilflos sind wir ihm ergeben!« Einsam und verzweifelt brütete er vor sich hin und sann: »Das ist doch alles nur wegen diesem Buddha Tathagata! Der sitzt dort in seinem Paradies, und nur weil ihm nichts Besseres einfällt, macht er diese drei Körbe mit Schriften. Wenn es ihm wirklich darum geht, die Menschen zu bessern, kann er die Schriften doch selbst in den Osten bringen, damit sie dort auf ewig Verbreitung finden! Aber dazu ist er sich wohl zu schade. Stattdessen beauftragt er unsereinen, sie abzuholen. Ach, dass mein Meister nach all diesen Mühen hier sein Leben lassen muss! Sei’s drum: Ich alter Sun geh jetzt zu Buddha und berichte ihm, was geschehen ist. Dann kann er ja seine Schriften, falls es ihm denn beliebt, mir mitgeben, damit ich sie in den Osten bringen kann. So würde zumindest die gute Lehre verbreitet, und so wäre letztlich doch auch unser Herzenswunsch erfüllt. Und falls er sie mir nicht geben mag, lass ich ihn einen Spruch aufsagen, der diesen Goldreif löst, damit ich den endlich wegkriege. Und dann geh ich alter Sun zurück in meine Grotte!« Mit einem Sprung schoss er zu den Wolken empor und sauste gen Indien. Schon nach einer knappen Doppelstunde gewahrte er den Seelenberg, senkte seine Wolke und landete am Fuß des Geiergipfels. Doch hier traten die Vier Großen Diamantwächter vor und riefen: »Halt!« Pilger grüßte und sagte: »Ich muss unbedingt Tathagata sprechen.« Da rief der Himmelskönig des Ostens empört: »Wie unverschämt, du Affenschädel! Neulich haben wir uns noch für dich eingesetzt, als du mit dem Rinderdämon in Schwierigkeiten geraten bist. Und jetzt, da wir uns wiedersehen, fehlt dir jeglicher Anstand! Wenn du etwas vorzubringen hast, dann warte gefälligst, bis deine Ankunft gemeldet ist und man dir Audienz gewährt. Das ist hier nicht wie beim Südlichen Himmelstor, wo du mir nichts, dir nichts rein- und rausgehst!« Wie der Große Heilige in seinem Elend nun auch noch gescholten wurde, geriet er in Rage, brüllte donnergleich und verlor vollständig die Fassung. Längst war Buddha Tathagata aufmerksam geworden und schickte einen Arhat, Pilger vor den Lotosthron zu rufen. Sowie Pilger den Buddha erblickte, fiel er vor ihm auf die Knie und schluchzte bitterlich. Da sprach der Buddha: »Wukong! Was ist es, das dich so traurig macht?« »Euer Jünger ist in Obhut Eurer Lehre diesem Orden beigetreten und hat sich seither stets für das Gute eingesetzt, den Priester aus China beschützt und dabei schon unsägliche Anstrengungen auf sich genommen. Doch jetzt sind wir im Löwenland, und dort haben drei schändliche Dämonen meinen Meister gefangengenommen und über Nacht bei lebendigem Leibe gefressen! Nicht mal Fleisch und Knochen sind übrig. Und meine Ordensbrüder Wuneng und Wujing sind immer noch angekettet; bald wird es um ihr Leben auch geschehen sein. Euer Jünger hatte keine andere Wahl, als bei Euch vorzusprechen, o Tathagata! Ach, habt Erbarmen und sagt einen Spruch zum Lösen des Goldreifs auf, damit ich ihn wegkriege. Und dann lasst mich auf meinen Berg zurückkehren!« Noch bevor er richtig enden konnte, brach er abermals in Tränen aus und wurde von verzweifeltem Schluchzen geschüttelt. Da sprach Tathagata lächelnd: »Gräme dich nicht, Wukong. Diese Dämonen besitzen immense Zauberkräfte. Was dir im Herzen so weh tut, ist, dass du sie nicht überwinden kannst.« Pilger schlug sich mit der Faust an die Brust und rief: »Ehrenwort, Tathagata, Euer Jünger hat, seit er Mensch geworden ist, nie eine Niederlage einstecken müssen. Doch jetzt sind wir diesen abscheulichen Dämonen in die Fänge geraten!« »Halte deinen Groll im Zaum«, sprach Buddha. »Ich kenne diese Ungeheuer.« »Tathagata!« rief Pilger ungestüm, »ich habe sagen hören, diese Dämonen seien mit Euch verwandt!« »Du dreister Affe! Wie denn mit mir verwandt?« »Wie könntet Ihr sie sonst kennen, wenn sie mit Euch nicht verwandt wären?« meinte Pilger scherzhaft. »Ich kenne sie, weil ich sie mit dem Auge der Weisheit erschaut habe«, erwiderte Buddha. »Der älteste und der zweite Dämon haben beide einen Herrn.« Dann rief er seinen Jüngern Ananda und Kasyapa zu: »Eilt auf Wolken durch die Lüfte, einer von euch zum Berg Wutai, der andere zum Berg Emei, lasst die Bodhisattvas Manjushri und Samantabhadra hierherkommen!« Wie geheißen machten sich die beiden auf den Weg. »Das sind die Herren des ältesten und des zweiten Dämons«, erklärte Buddha. »Der dritte Dämon aber, der steht, wenn man so will, tatsächlich in entfernter Verwandtschaft zu mir.« »Mütterlicherseits oder väterlicherseits?« wollte Pilger wissen. »Es geht auf jene Zeit zurück, als sich erst das große Urchaos teilte, als Himmel und Erde entstanden und alle Lebewesen zur Existenz kamen«, erklärte der Buddha. »Nun gibt es ja unter den vielen Lebewesen teils gehende, teils fliegende Tiere; das Oberhaupt der Gehenden ist das Kirin, und das Oberhaupt der Fliegenden ist der Phönix. Diesem Phönix aber gelang es, die polaren Energien in sich zu verschmelzen, so dass er den Pfau und den Vogel Peng gebar. Kaum aber war dieser Pfau auf der Welt, begann er auf schrecklichste Art Menschen zu fressen. Er konnte nämlich alle Menschen im Umfeld von 45 Meilen gleichzeitig einsaugen. Zu jener Zeit weilte ich im Schneegebirge, wo ich durch die Ausübung der Vervollkommnung bereits meine einen Klafter und sechs Fuß hohe goldene Gestalt erlangt hatte, und trotzdem wurde auch ich in seinen Schlund gesogen. Anfangs hatte ich im Sinn, aus dem After zu entweichen, doch um die goldene Gestalt nicht zu verunreinigen, habe ich schließlich den Pfau am Rücken aufgetrennt und bin auf ihm zum Seelenberg geritten, wo ich ihn töten wollte. Doch alle anderen Buddhas erhoben Einspruch und sagten, diesen Pfau zu töten wäre nicht anders, als wenn ich meine eigene Mutter töten würde. Darum habe ich ihn schließlich auf dem Seelenberg belassen und ihm den Titel ›Buddhas Pfauenmutter, Bodhisattvakönig der Großen Klarheit‹ verliehen. Da der Vogel Peng ja von derselben Mutter abstammt wie dieser Pfau, könnte man sagen, dass ich entfernt mit ihm verwandt sei.« Als Pilger das hörte, musste er lachen und meinte: »Tathagata, wenn man das wörtlich nimmt, wäret Ihr ja der Neffe dieses Ungeheuers!« »Um diesen Dämon zu unterwerfen«, sprach der Buddha, »muss ich persönlich hingehen.« Mit einem tiefen Stirnaufschlag gab Pilger seiner inständigen Bitte Ausdruck. Nun stieg der Buddha von seinem Lotosthron und schritt aus dem Tempel, als er gerade auf Ananda und Kasyapa stieß, die mit Manjushri und Samantabhadra zurückkehrten. Die beiden Bodhisattvas verneigten sich vor Buddha, und dieser sprach: »Seit wann sind diese Tiere von euren Bergen entwichen?« »Sieben Tage«, antwortete Manjushri. »Sieben Tage auf eurem Berge, das entspricht mehreren tausend Jahren auf Erden! Diese Ungeheuer müssen zahllose Wesen das Leben gekostet haben. Kommt sofort mit und fangt sie ein!« Die Bodhisattvas stellten sich Buddha links und rechts zur Seite und schwebten mit ihm durch die Lüfte. Bald konnte man die Burgstadt erkennen; Pilger wies mit der Hand darauf und rief: »Tathagata, dort drüben, wo diese finstere Energie aufsteigt, dort liegt das Löwenland!« Da sprach der Buddha: »Dann gehe jetzt nach unten und rufe die Ungeheuer zum Kampf auf. Du darfst aber nicht siegen, sondern musst fliehen und hierher kommen, dann kann ich sie einfangen.« Sofort senkte Pilger seine Wolke, landete auf der Stadtmauer, stellte sich mit einem Fuß auf einer Mauerzinne auf und schrie: »Ihr verdammten Sündenbiester! Kommt raus und stellt euch dem alten Sun im Kampf!« Die Ungeheuer vom Wachtturm stürzten zu den Dämonenkönigen hinunter und meldeten sein Kommen. Auf der Stelle packten alle drei ihre Waffen und stürmten auf die Stadtmauer, wo sie ohne ein einziges Wort in wildem Tumult auf Pilger loszuprügeln begannen. Pilger aber schwang seine Eisenstange und rang an die acht Kampfrunden, bis er schließlich eine Niederlage vortäuschte und mit einem Satz in die Höhe schoss. Die drei Dämonen blieben ihm auf den Fersen. Da schnellte Pilger wie der Blitz herum und versteckte sich im goldenen Licht Buddhas, wo man ihn nicht mehr sehen konnte. Nun traten die Buddhas der Vergangenheit, der Zukunft und der Gegenwart alle gleichzeitig in Erscheinung und umringten zusammen mit den fünfhundert Arhats und dreitausend Genien die drei Dämonenkönige. Erschrocken rief der alte Dämon: »Schlimm, Brüder! Dieser Affe kennt sich ja überall aus; er hat unsere Herren geholt!« »Keine Angst, Brüder«, gab der dritte Dämon zurück, »wir greifen einfach alle zusammen an, stechen diesen Tathagata mit unseren Waffen nieder, und dann besetzen wir seinen Tempel!« Wie von Sinnen erhob dieser Übeltäter wahrhaftig sein Schwert und trat vor, doch schon wurde er von Manjushri und Samantabhadra abgefangen und mit einer Zauberformel gebannt. »Willst du dich immer noch nicht des Rechten besinnen, du sündiges Vieh!« riefen sie, »worauf wartest du noch?« Da wagten sich der älteste und der zweite Dämon nicht länger zur Wehr zu setzen. Sie ließen ihre Waffen fallen, rollten sich über den Boden und erschienen in ihrer wahren Gestalt als blauer Löwe und weißer Elefant. Die Bodhisattvas aber warfen ihnen die Lotossattel über und setzten sich rittlings auf die Ungeheuer, die sich mit hängenden Ohren ergaben. Einzig der dritte Dämon wollte sich nicht fügen. Er warf seine Lanze weg, schlug heftig mit den Flügeln und stieg wie ein Wirbelwind nach oben, wo er seine scharfen Krallen nach dem Affenkönig ausstreckte. Nur weil der Große Heilige sich im strahlenden Glanz des Buddha verbarg, kam er nicht näher an ihn heran. Nun aber ließ der Buddha sein Goldlicht aufblitzen und verwandelte flugs sein Haupt, das einst Elstern als Nest gedient hatte, in ein frisches, blutiges Stück Fleisch. Unverzüglich stürzte sich der Dämon mit seinen scharfen Krallen darauf, doch schon hatte ihm der Buddha mit einer leichten Fingerbewegung die Sehnen aus den Flügeln gerissen, dass er nicht wieder auffliegen konnte. Unfähig, die Flucht zu ergreifen, blieb er auf Buddhas Kopf sitzen und zeigte sich nun in seiner eigenen Gestalt: Es war ein Distelfink mit goldenen Flügeln. Nun öffnete er den Schnabel und rief: »Tathagata, warum haltet Ihr mich mit diesem Zauber fest?« »Du hast hier schon viel schlechtes Karma angehäuft«, sprach der Buddha, »nun komm mit mir, das wird dir großen Vorteil bringen.« Das Ungeheuer gab zurück: »Bei Euch muss man immer fasten und darf sich nur fleischlos ernähren; bei mir aber gibt’s Menschenfleisch in rauen Mengen. Wenn Ihr mich verhungern lasst, begeht Ihr eine Sünde!« Da sprach der Buddha: »Alle vier Kontinente dieser Erde sind unter meiner Verwaltung, unzählige Wesen bringen mir Opfer dar. Also werde ich zusehen, dass alle, die eine gute Tat vollbringen wollen, als Erstes ein Opfer bringen, das du verspeisen kannst.« Ein letztes Mal versuchte sich der große Vogel zu befreien, doch es gelang ihm nicht. So musste er sich wohl oder übel fügen. Da trat Pilger wieder vor, verneigte sich tief vor Tathagata und sprach: »Verehrter Buddha, nun habt Ihr diese Dämonen gefangen und damit ein großes Unheil beendet. Allein, mein Meister lebt nicht mehr!« Gehässig rief nun Vogel Peng: »Du lausiger Affenschädel! Wehe, dass du mir mit diesen ruchlosen Leuten nachgestellt hast! Wir haben deinen alten Priester doch gar nicht aufgefressen; der steckt immer noch in dem Eisenschrank im Pavillon der Brokatenen Düfte!« Kaum hatte Pilger dies vernommen, warf er sich dankerfüllt Buddha zu Füßen. Buddha, der noch nicht riskieren wollte, Vogel Peng loszulassen, hielt diesen wie eine Schutzgottheit über seinem flammenden Glanz und entschwebte mit seinem Gefolge auf Wolken zum Tempel zurück. Buddha hielt den Vogel Peng wie eine Schutzgottheit über seinem flammenden Glanz. Pilger aber senkte seine Wolke und landete in der Festung, wo nun kein einziges Ungeheuer mehr zu sehen war. Es verhielt sich eben hier auch nicht anders als bei der Schlange: Ohne Kopf regt sich nichts mehr. Denn als die Ungeheuer mitansehen mussten, wie Buddha den Dämonenkönig bezwang, hatten sie allesamt Reißaus genommen. Pilger aber ging nun endlich zu Bajie und Sandmönch, löste ihre Fesseln und holte Gepäck und Pferd. Dann sprach er zu ihnen: »Der Meister ist nicht gefressen worden.« Er führte die beiden in den Innenhof, wo sie den Pavillon der Brokatenen Düfte fanden, und als sie eintraten, war drinnen tatsächlich ein eherner Schrank, aus dem man Tripitaka leise wimmern hörte. Sandmönch öffnete mit seinem dämonenbändigenden Prunkstab das Schloss, riss die Tür auf und nahm den Meister in die Arme. Wie Tripitaka ihn erblickte, rief er: »Oh, mein Schüler! Wie konntet ihr nur hierherfinden?« Da berichtete ihm Pilger ausführlich, was alles geschehen war, und Tripitaka wollte nicht aufhören zu danken. Anschließend bereiteten Meister und Schüler in der Festung ein kleines Essen zu, und nachdem sie sich gesättigt hatten, ordneten sie die Reisebündel, verließen die Stadt und zogen weiter dem Westen entgegen. So war es in der Tat: Allein Wahre Menschen können409 Wahre Schriften auch erlangen; Abertausende Dämonen – Letztlich sind es Illusionen! Und da wir nicht wissen, wohin sie im Weiteren kommen sollten, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第078回 / 78. Kapitel In Bhiksu sorgen Schutzgottheiten heimlich für die Kinder / Bei Hofe kennt man den Dämon und spricht über die Ethik Wie berichtet wurde, hatte der Große Heilige am Ende seiner Kräfte Buddha um Hilfe gebeten, und dieser hatte schließlich alle Dämonen gebändigt und Tripitakas Leid ein Ende gesetzt. Nachdem sie nun das Löwenland verlassen hatten, wanderten sie weiter dem Westen entgegen. Mehrere Monate vergingen, und schon war es abermals Winter geworden. Meister und Schüler kämpften sich durch die Kälte und waren oft gezwungen, im Regen zu nächtigen und auf freiem Feld zu speisen. Eines Tages erblickten sie einmal mehr eine umwallte Festung, und während sie sich noch darüber unterhielten, gelangten sie an den Eingang. Tripitaka sprang vom Pferd und durchschritt mit seinen Schülern das Portal des halbrunden Schutzwalls vor dem Stadttor. Drinnen saß, an die Südmauer gelehnt, ein alter Soldat und döste vor sich hin. Pilger rüttelte ihn wach und rief: »Herr Offizier!« Der Mann schreckte hoch und blinzelte verschlafen. Kaum gewahrte er Pilger, fiel er auf die Knie, schlug die Stirn auf den Boden und rief: »Hoher Herr!« »Wozu denn ›Hoher Herr‹?« gab Pilger zurück. Der Alte wollte nicht aufhören mit Kotaus und rief: »Ihr seid doch der Donnergott!« »Unsinn! Ich bin ein buddhistischer Pilger aus dem Osten und reise in den Westen, um Heilige Schriften zu holen. Bloß sind wir hier eben erst angekommen und wissen noch gar nicht, wie dieser Ort heißt. Darum wollte ich mich bei Euch erkundigen.« Auf diese Worte beruhigte sich der alte Soldat, rappelte sich gähnend hoch, reckte und streckte sich und meinte schließlich: »Priester, werter Priester, verzeiht mir bitte. Das hier ist eigentlich die Stadt Bhiksu, doch neulich hat man sie in ›Kinderstadt‹ umbenannt.«410 »Gibt es einen König in Eurer Stadt?« wollte Pilger wissen. »O ja, freilich!« Da ging Pilger zurück und berichtete Tripitaka, was er erfahren hatte. Der aber stutzte und fragte: »Warum wohl der Name Kinderstadt, wenn der Ort zuvor Bhiksu hieß?« »Wahrscheinlich ist ein ›König Bhiksu‹ gestorben, und sein Nachfolger ist noch ein Kind«, warf Bajie ein. »Nein, das kann nicht sein«, erwiderte Tripitaka, »mit Sicherheit nicht. Lasst uns eintreten und uns erkundigen!« Nachdem sie weitere drei Portale passiert hatten, gelangten sie auf eine breite Marktstraße und sahen sich um. Die Menschen hier waren ordentlich gekleidet und von schönem Wuchs. Ringsum sah man außerdem: Viele tausend Häuser, Bürger, Pferd und Wagen lärmend drängen, Ob auf Märkten oder Straßen, Reichtum fließt in rauen Mengen. Wie die Ameisen so fleißig Handeln sie Brokat und Gold; Gierig nach Profit und Ruhm, Trachtet jeder nur nach Geld. Lange gingen die vier Pilgernden durch die Straßen und sahen sich satt an den reichen Gütern der Stadt. Dabei fiel ihnen auf, dass vor jedem Haus ein Gänsekorb aufgestellt war. »Schaut doch, meine Schüler«, meinte Tripitaka schließlich, »wie kommt es wohl, dass alle Familien hier Gänsekörbe draußen stehen haben?« Bajie blickte nach beiden Seiten und sah nun auch, dass reihenweise Gänsekörbe dastanden, alle mit bunten Stoffen bedeckt. Der Tölpel meinte lächelnd: »Meister, gewiss ist heut ein glückverheißendes Datum, das für Hochzeiten und Geselligkeit geeignet ist, drum haben alle Geschenke vorbereitet.« »Unsinn«, warf Pilger ein, »es kann doch nicht sein, dass jede Familie mit Geschenken aufwartet! Doch irgendeinen Grund muss das haben. Ich will da mal reinschauen.« Mit einem magischen Fingerzeichen und einem Zauberspruch verwandelte er sich in eine Biene, surrte zu einem der Körbe und zwängte sich hinein. Darin saß ein kleines Kind. Er surrte weiter zum nächsten Haus und fand abermals ein Kind in dem Korb. Bei den folgenden acht, neun Häusern verhielt es sich ebenso. Allerdings waren es durchweg Knaben, keine Mädchen waren darunter. Manche spielten im Korb, andere weinten. Als Pilger all dies gesehen hatte, trat er in seiner ursprünglichen Gestalt auf Tripitaka zu und berichtete: »In allen Körben sind Kinder um die fünf bis sieben Jahre. Ich verstehe gar nicht, was das bedeuten soll.« Tripitakas Zweifel mehrten sich. Nachdem sie um die nächste Ecke gebogen waren, standen sie auf einmal vor einem Amtsgebäude. Es war die Herberge der Poststation, Zum Goldenen Pavillon genannt. »Gehen wir doch in diese Herberge«, schlug Tripitaka vor, »hier können wir uns weiter erkundigen und haben gleich noch ein Nachtlager.« Erfreut traten alle vier ein. Ein Aufseher meldete ihre Ankunft dem Stationsvorsteher, dann wurden sie in den Empfangsraum geführt und geheißen, Platz zu nehmen. »Woher kommt Ihr, werter Priester?« erkundigte sich der Vorsteher, und Tripitaka antwortete: »Ich geringer Mönch komme aus dem großen chinesischen Kaiserreich im Osten und bin auf Pilgerreise nach Westen, um dort Heilige Schriften zu holen. Da wir heute Eure werte Stadt erreicht haben, ist es unsere Pflicht, unser Reisedokument überprüfen zu lassen. Gleichzeitig möchten wir gerne eine Nacht in Eurer werten Herberge verbringen.« Der Vorsteher ließ Tee servieren und befahl den Diensthabenden, sich um die Unterkunft der Gäste zu kümmern. Da fragte Tripitaka: »Wäre es wohl möglich, heute noch eine Audienz beim König zu erhalten?« »Heute ist es zu spät«, antwortete der Vorsteher, »ihr müsst warten, bis morgen früh die Morgenaudienz beginnt. Macht es euch vorerst in unserer bescheidenen Herberge bequem.« Es dauerte nicht lange, da stand schon eine Klostermahlzeit bereit, und der Vorsteher bat die Pilgernden zu Tisch, während er gleichzeitig die Gästezimmer herrichten ließ. Tripitaka dankte ein ums andere Mal. Schließlich aber setzte er sich und sprach: »Es gibt da etwas, was ich geringer Mönch noch nicht ganz verstanden habe, worüber Ihr mich vielleicht aufklären könntet. Wie haltet Ihr es in Euren werten Landen mit den Kindern?« »Nun«, meinte der Vorsteher, »es leben doch alle Menschen unter der gleichen Sonne und nach denselben Gesetzen, das ist auch mit den Kindern nicht anders: Aus dem väterlichen Samen und dem mütterlichen Blut411 entsteht ein Embryo, nach zehn Monaten folgt die Niederkunft, dann wird das Kind drei Jahre lang an der Brust genährt, bis es allmählich eine rechte Gestalt annimmt. Das ist doch allgemein bekannt?« »Eurer werten Rede nach verhält es sich hier nicht anders als bei uns«, meinte Tripitaka, »allein, als ich heute in die Stadt kam, sah ich vor jedem Hause Gänsekörbe stehen, in denen Kinder versteckt waren. Da ich dies nicht begreifen konnte, wagte ich Euch darauf anzusprechen.« Da neigte sich der Vorsteher zu Tripitaka und sprach hinter vorgehaltener Hand: »Kümmert Euch nicht darum, Priester. Legt Euch zur Ruhe und zieht morgen zeitig weiter!« Doch wie der Priester diese Worte vernommen hatte, hielt er den Vorsteher fest und wollte nun unbedingt Klarheit gewinnen. Der aber schüttelte fortwährend den Kopf und winkte ab: »Still, nehmt Euch in Acht!« Tripitaka ließ nun erst recht nicht locker. Inständig bat er, mehr erfahren zu dürfen, bis der Vorsteher schließlich nicht mehr darum herumkam, Auskunft zu geben. Er schickte alle Bediensteten weg und flüsterte schließlich im Schein einer Kerze: »Das mit den Gänsekörben ist eine gewissenlose Tat unseres Königs. Warum müsst Ihr bloß danach fragen!« »Was meint Ihr mit gewissenlos?« fragte Tripitaka. »Ich möchte mir unbedingt Klarheit darüber verschaffen.« Nun erzählte der Vorsteher: »Eigentlich heißt unsere Stadt Bhiksu; erst seit kurzem geht im Volk der Name ›Kinderstadt‹ um. Vor drei Jahren nämlich ist ein alter Mann hierhergekommen, der war nach Art der Daoisten gekleidet und führte eine junge Frau mit sich, die war erst sechzehn Jahre alt. Und diese Frau war von solcher Schönheit, dass man sie für eine Fee des Himmels hätte halten mögen! Er hat sie unserem König dargebracht, und dieser hat sie fortan im Palast verwöhnt und ihr den Titel ›Wunderschöne Königin‹ zugesprochen. Seitdem frönte er Tag und Nacht der Lust, und davon ist er mittlerweilen geistig und körperlich schon ganz geschwächt. Zur Zeit nimmt er kaum mehr Trank und Speise zu sich, sein Leben hängt an einem seidenen Faden. Die Palastakademie für Medizin hat schon alles ausprobiert, was an heilsamen Rezepten vorhanden ist, doch nichts hat ihm geholfen. Nun wusste aber jener alte Daoist, der die Frau dargebracht und dafür den Titel ›Reichsvater‹ erhalten hatte, eine Kräuterrezeptur aus den Inseln der Unsterblichen, die eine starke lebensverlängernde Wirkung haben soll. Kürzlich hat er die Heilkräuter auf den fernen Inseln der Unsterblichen gepflückt und alles vorbereitet. Doch das Schlimme daran ist, dass er jetzt noch eine Ingredienz verlangt, welche zur Wirkung der Kräuter notwendig sein soll, nämlich ein Dekokt aus den Herzen von 1111 Kindern! Er behauptet, wenn der König dies einnehme, werde er tausend Jahre lang jung bleiben. Eigens dazu stehen nun die Kinder in den Gänsekörben bereit. Aus Furcht vor den strengen Strafen des Königs wagen die Eltern nicht einmal zu weinen! Darum hat sich im Volk der Name ›Kinderstadt‹ verbreitet. Wenn das nicht gewissenlos ist! Priester, wenn Ihr morgen früh zur Audienz geht, dann lasst nur Euren Pass abstempeln und erwähnt auf keinen Fall etwas von dieser Angelegenheit!« Nun erhob er sich ruckartig und verließ den Raum. Tripitaka aber war so tief erschüttert, dass ihm die Tränen über die Wangen liefen. »Abscheulicher Despot!« entfuhr es ihm. »Krank bist du geworden, weil du deine Gier nach Liebeslust nicht gezügelt hast. Wie kannst du jetzt auch noch all diese Kinder ermorden! Oh, was für ein ungeheures Leid, das ist nicht zu ertragen!« Da trat Bajie zu ihm und meinte: »Aber Meister, was ist denn in Euch gefahren? Wozu fremde Särge ins Haus tragen? Grämt Euch doch nicht so; was ein König mit seinem eigenen Volk macht, hat mit Euch doch nichts zu tun! Legt Euch ruhig schlafen und sorgt Euch bloß nicht auch noch um das Leid vergangener Zeiten!« »Mein Schüler!« rief Tripitaka unter Tränen, »wir Mönche sind doch stets bemüht, gute Taten zu vollbringen. Anderen Menschen zu helfen ist unser oberstes Gebot. Wie kann dieser Herrscher nur so rücksichtslos handeln! Nirgends wurde je verzeichnet, dass der Verzehr von Menschenherzen lebensverlängernd wirken soll! Das ist unmenschlich! Wie könnte ich vor einer solchen Grausamkeit keine Trauer empfinden!« »Meister, beruhigt Euch vorerst«, sprach Sandmönch, »morgen, wenn wir mit dem Reisepass vor den König treten, werden wir sehen, um was für einen Reichsvater es sich handelt. Es könnte ja sein, dass es ein Dämon ist, der Menschenherzen fressen will und dazu diese Strategie ausgeheckt hat.« »Ja, Wujing hat recht«, fiel Pilger ein. »Meister, morgen werde ich alter Sun mit Euch zur Audienz gehen. Dann sehe ich sofort, ob dieser Reichsvater gut ist oder schlecht. Ist es ein Mensch, dann muss er auf Irrwege geraten sein und den rechten Weg verloren haben, wenn er bloß die Medizin für das Wahre hält. In diesem Falle könnte ich alter Sun ihm den Sinn der vorgeburtlichen Wahrheit erläutern und ihn dazu bewegen, auf den rechten Weg zurückzukehren. Sollte es sich aber um etwas Dämonisches handeln, werde ich es einfangen und dem König vor Augen halten; damit könnte ich ihn veranlassen, fortan seine Begierden zu zügeln und ein gesundes Leben zu führen. Auf keinen Fall werde ich zulassen, dass er diesen Kindern das Leben nimmt!« Auf diese Worte verneigte sich Tripitaka vor Pilger wie vor seinem Meister und sprach: »O mein Schüler, deine Worte sind wundervoll! Allein, vor dem verblendeten Monarchen können wir die Sache doch nicht direkt vorbringen, sonst werden wir womöglich unter irgendeinem Vorwand für schuldig erklärt, ohne dass man der Sache auf den Grund geht. Was sollen wir bloß tun?« Pilger aber lachte und meinte: »Ich alter Sun habe doch meine Zauberkräfte! Zuallererst werde ich dafür sorgen, dass sämtliche Gänsekörbe aus der Stadt wegkommen. So ist morgen zumindest niemand da, dem er das Herz entreißen könnte. Die Staatsdiener werden das dem König natürlich melden, der wird die Sache mit dem Reichsvater besprechen und vielleicht daraufhin eine andere Entscheidung fällen. Wenn wir bei dieser Gelegenheit eine Anklage vorbringen, wird er die Schuld gewiss nicht uns zuschieben.« Da freute sich Tripitaka und sprach: »Wie willst du aber all die Kinder aus der Stadt bringen? Falls du sie wirklich retten kannst, ist das ein himmelhohes Verdienst, mein geschätzter Schüler! Handle, so schnell du kannst.« Pilger ballte seine göttlichen Kräfte, sprang auf und sprach zu Bajie und Sandmönch: »Bleibt beim Meister und wartet ab. Ihr werdet an einem kalten Windstoß merken, dass die Kinder aus der Stadt gebracht werden.« Da sprachen alle drei wie aus einem Munde: »Namo jiusheng Yaoshi fo! Gelobt sei der lebensrettende Medizinbuddha!«413 Der Große Heilige aber ging hinaus und schoss mit einem Pfiff in die Höhe, machte ein magisches Fingerzeichen und rief: »Om! Reine Dharmawelt!« Denn dieser Zauberspruch vermochte alle göttlichen Wesen der Umgebung herbeizurufen: den Stadtgott, den Erdgeist, die Himmelsdiener, die Genien und die Zeitgötter, die sechs Dingund die sechs Jia-Götterkrieger sowie die Schutzgottheiten aller Klöster. All diese kamen nun in den Lüften auf Pilger zu, verneigten sich und sprachen: »Großer Heiliger! Welchen dringlichen Befehl gibt es auszuführen, dass Ihr uns zu dieser späten Stunde ruft?« »Wir sind heute ins Land Bhiksu gekommen, wo ein unmenschlicher Monarch regiert«, erklärte Pilger. »Er ist einem Dämon aufgesessen und will nun auf dessen Rat Kinderherzen verspeisen, um die Wirkung einer angeblich lebensverlängernden Medizin zu verstärken. Mein Meister, der tiefes Mitleid mit den Kindern hat, will sie unbedingt retten und den Dämon austreiben. Darum habe ich alter Sun eine Bitte an euch alle: Lasst eure göttlichen Kräfte walten und bringt alle Kinder, die in Gänsekörben versteckt sind, mitsamt den Körben aus der Stadt hinaus, irgendwo an eine geschützte Stelle im Gebirge oder in einem dichten Wald. Dort sollt ihr sie ein, zwei Tage behalten und ihnen etwas Obst zu essen geben. Sie dürfen auf keinen Fall hungern oder erschrecken. Sobald ich die dämonische Energie vertrieben habe, das Reich gewandelt ist und der Herrscher sich eines Besseren besonnen hat, könnt ihr die Kinder zurückbringen.« Die Götter versprachen zu tun wie geheißen und setzten sofort ihre göttlichen Kräfte ein. Binnen kurzem wehte ein kalter Sturmwind herbei und verfinsterte die ganze Stadt. Um Mitternacht schließlich schafften die Götter sämtliche Gänsekörbe aus der Stadt und verwahrten sie an einem stillen Ort. Pilger aber senkte sein heilsames Licht und landete im Hof der Poststation, wo die drei anderen immer noch das Mantra rezitierten. Darüber freute er sich im Stillen, trat vor und rief: »Meister, da bin ich wieder! Mit dem kalten Windstoß, der eben herbeigefegt ist, habe ich die Kinder allesamt in Sicherheit gebracht. Bevor wir weiterziehen, werden wir sie ihren Eltern zurückbringen können.« Um Mitternacht schafften die Götter sämtliche Gänsekörbe aus der Stadt und verwahrten sie an einem stillen Ort. Der Priester bedankte sich in einem fort. Schließlich legten sie sich schlafen. Tags darauf erhob sich Tripitaka in aller Frühe, warf sich seine kostbare Robe um und sprach: »Wukong, ich will die Morgenaudienz nutzen, um das Reisedokument abstempeln zu lassen.« »Ich begleite Euch«, rief Pilger, »dann sehe ich gleich, wie es um diesen Reichsvater steht.« »Aber du willst dich ja nie verbeugen«, wandte Tripitaka ein, »der König wird dir das bestimmt übelnehmen!« »Ich zeige mich nicht«, erwiderte Pilger, »ich werde Euch unsichtbar folgen, als Geleitschutz.« Da freute sich Tripitaka sehr. Als er gerade gehen wollte, eilte der Vorsteher herbei und flüsterte ihm ins Ohr, er möge sich ja nicht in fremde Angelegenheiten mischen. Tripitaka antwortete mit einem Nicken. Pilger aber huschte zur Tür, verwandelte sich mit einem leichten Dreh in eine Mücke und landete auf Tripitakas Priesterhut. So verließen sie die Poststation und kamen zum Palast. Vor dem Eingangstor wandte sich Tripitaka mit einem höflichen Gruß zum Torwächter und sprach: »Ich geringer Mönch komme aus dem großen chinesischen Kaiserreich im Osten und pilgere in den Westen, um Heilige Schriften zu holen. Hier in Eurem werten Königreich ist es meine Pflicht, unseren Reisepass besiegeln zu lassen. Darum möchte ich um Audienz beim König ersuchen und bitte ergebenst, den Antrag zu melden.« Wie gewünscht leitete der Wächter die Bitte weiter. Der König freute sich über die Meldung und sprach: »Ein Mönch, der aus weiter Ferne kommt, muss von hoher Tugend sein.« Sogleich hieß er den Priester antreten. Nachdem Tripitaka vor der breiten Treppe zur Audienzhalle das Verbeugungszeremoniell vollführt hatte, wurde er in die Halle gerufen und gebeten, Platz zu nehmen. Er bedankte sich für die hohe Gunst und setzte sich. Da fiel ihm auf, wie schwach und abgezehrt der König aussah. Seine zum Gruß erhobenen Hände wollten ihm kaum mehr gehorchen, und seine Stimme war stockend. Der Priester legte den Reisepass vor, doch der König brauchte mit seinen trüb gewordenen Augen eine ganz Weile, bis er alles gelesen hatte. Schließlich drückte er sein königliches Siegel auf, gab Tripitaka das Dokument zurück, und dieser steckte es ein. Der König wollte sich gerade nach dem Grund der Schriftensuche erkundigen, als ein Hofbeamter meldete: »Der hochverehrte Herr Reichsvater ist da!« Sogleich erhob sich der König, stützte sich mühevoll auf seine Leibdiener und empfing den Reichsvater mit einer Verneigung. Erschrocken sprang Tripitaka zur Seite, wo er respektvoll stehen blieb. Aufblickend sah er, wie ein alter Daoist gemessenen Schrittes die Jadetreppe emporstieg und ohne jegliches Zeremoniell erhobenen Hauptes vor den Thron trat. Der König neigte sich im Sitzen und sprach: »Euer zeitiges Erscheinen ist uns eine wahre Freude, werter Reichsvater.« Er bat ihn, sich zu seiner Linken zu setzen. Da tat Tripitaka einen Schritt vor, verneigte sich und sprach: »Seid gegrüßt von geringem Mönch, werter Herr Reichsvater!« Dieser Reichsvater machte keine Anstalten, den Gruß zu erwidern, sondern wandte sich an den König und fragte: »Wo kommt dieser Mönch her?« »Ein Pilger aus China, der im Westen Schriften holen will«, antwortete der König, »er ist gekommen, um seinen Reisepass abstempeln zu lassen.« Der Reichsvater lachte abschätzig und meinte: »Auf dem Weg nach Westen ist doch nichts als Finsternis, wozu soll das denn gut sein?« »Seit alters ist der Westhimmel als Paradies bekannt«, erwiderte Tripitaka, »was sollte daran nicht gut sein?« Da warf der König ein: »Wie Wir vernommen haben, werden Mönche seit alters auch als Jünger Buddhas bezeichnet. Doch weiß ich nicht, ob man als buddhistischer Mönch unsterblich werden kann. Lebt man länger, wenn man sich zu Buddha bekennt?« Auf diese Frage faltete Tripitaka die Hände und sprach: »Wer als Mönch lebt, hat sich von allen Bindungen gelöst; wer das Wesen erkennt, sieht alle Erscheinungen in ihrer Leerheit. Denn die große Weltweisheit macht sicher und frei, zwanglos und mild verweilt sie in zeitloser Ewigkeit. Das wahre Geheimnis der Welt ist stumm; frei und heiter weilt es in der Auslöschung des Seins. Wenn die Drei Welten in Leerheit aufgehen, kommen alle Belange der Menschen ins Reine; wenn die Sechs Sinne gereinigt sind, finden alle Ursachen ein Ende.415 Um aber dies mit höchster Aufrichtigkeit wahrzunehmen, muss man das Herz erkennen: Ist das Herz rein, so leuchtet es in einsam erhabener Helle; weilt das Herz still, so zeigen sich alle Erscheinungen klar. Übungspraktik und Meditation bilden die Quelle zu tiefer Versenkung; das Spenden von Weisheit und Güte aber ist wahrlich die Grundlage zur Vervollkommnung. Es reicht, in der reglosen Einheit des Herzens zu weilen, dass alles Tun von selbst vollkommen wird. Doch Reden wie jene vom Pflücken der Yin-Kraft zur Stärkung der Yang-Kraft sind wahrlich irreleitend; Langlebigkeit durch äußerliche Elixiere erreichen zu wollen ist in Wirklichkeit leeres Gerede. Was nottut, ist einzig, jegliche Bindung zur Welt des Staubes abzulegen, aller Dinge Stofflichkeit in ihrer Leerheit zu verstehen, ehrlich und bescheiden zu leben und Maß zu halten in der Liebeslust. Dann wird man von selbst die Unendlichkeit des ewigen Lebens genießen können.«418 Da lachte der Reichsvater verächtlich, zeigte mit dem Finger auf Tripitaka und rief: »Ha! Ha! Du hast wohl Stroh im Kopf, mein guter Mönch! Im Buddhismus, dem Tor zum Nirvana, muss über die Erkenntnis des ursprünglichen Wesens gesprochen werden. Doch bei dir muss dieses Wesen irgendwie erloschen sein. Trocken über Koans zu meditieren ist doch nichts als blind und sinnlos! So heißt es ja im Volksmund: Sitz, sitz, sitz, bis dein Hintern platzt! Im Feuer verbrannt, ins Unheil verrannt! Was weißt du schon von meinen Dingen: Wer die Unsterblichkeit übt, hat gute und starke Knochen; wer das Dao erlangt, verfügt über höchste Wachsamkeit des Geistes. Er mag mit seiner Zither Freunde besuchen oder Heilkräuter pflücken, um anderen zu helfen, mag beim Erläutern der daoistischen Weisheit die allerhöchste Lehre verkünden und durch Zauberformeln oder gesegnetes Wasser Menschen von dämonischen Einflüssen erlösen. Indem er Himmel und Erde die edelsten Kräfte entwendet und von Sonne und Mond die feinsten Essenzen aufnimmt, lässt er Yin und Yang im Körper kreisen, dass innerlich das Elixier der Unsterblichkeit entsteht. So vereint er Wasser und Feuer, bis sich ein heiliger Embryo bildet. Bei zweimal Acht nimmt die Yin-Kraft ab, da ist es wie ein Taumel; bei dreimal Neun nimmt die Yang-Kraft zu, da geht es in unfassbare Tiefen. Im Laufe der Jahreszeiten werden so die Zutaten für die innere Medizin gepflückt und das Elixier durch neunmalige Läuterung vollkommen gemacht. Dann steige man auf einem blauen Phönix empor und fliege zur Purpurnen Residenz der Unsterblichen oder auf einem weißen Kranich bis hin zur fernen Jaspisstadt des Himmelskaisers. Um wie viel besser ist dies doch als deine Meditation und Predigt, dein Erlöschen zu einem Gespenst der Yin-Energie, dein Eingang ins Nirvana, bei dem du doch eine faulige Hülle zurücklässt. So löst man sich doch nicht aus der Welt des Staubes! Unter den drei Religionen steht seit jeher der Daoismus am höchsten, ihm allein gebührt Verehrung!«421 Der König hatte diesen Worten mit Freude gelauscht, und nun rief der ganze Hofstaat im Chor: »Gut hat er gesprochen: ›Dem Daoismus allein gebührt Verehrung‹!« Während der Daoist ringsum Beistimmung fand, schämte sich der Priester in Grund und Boden. Schließlich ließ der König das Hofamt für Festlichkeiten beauftragen, eine vegetarische Mahlzeit zuzubereiten, damit der Mönch aus fremden Landen etwas zu essen habe, bevor er weiter gen Westen ziehe. Tripitaka dankte und trat ab. Kaum schritt er von der Audienzhalle dem Ausgang zu, surrte Pilger vom Priesterhut herunter und flüsterte ihm ins Ohr: »Meister! Dieser Reichsvater ist ein Dämon! Der König ist durch seine dämonische Energie krank geworden. Geht in die Poststation und wartet dort auf Euer Essen; ich alter Sun will vorerst hierbleiben und hören, was sie vorhaben.« Tripitaka verstand und ging alleine zum Palast hinaus. Pilger aber schwirrte mit seinen Mückenflügeln in die Audienzhalle und landete auf einem Paravent aus grüner Jade. Da sah er einen Offizier der Reichsstädtischen Schutzwache vortreten und melden: »Mein Herrscher, nachts sind alle Kinder in den Gänsekörben von einem kalten Windstoß mitgerissen worden, nun sind sie spurlos verschwunden.« Der König hörte die Meldung mit Ärger und Schrecken. Dann wandte er sich an den Reichsvater und sprach: »Das bedeutet doch, dass der Himmel mein Verderben will! Nun bin ich seit Monaten krank, und keine Medizin meiner Leibärzte hat geholfen, und nun bei dem großen Glück, Euer Rezept der Unsterblichkeit erhalten zu dürfen, wo wir doch heute Mittag zu den Messern greifen und die Herzen hätten entnehmen können, werden sie plötzlich von einem kalten Windstoß entrissen. Was kann dies anderes heißen, als dass der Himmel mein Verderben will?« Der Reichsvater aber lächelte und sprach: »Grämt Euch nicht, Majestät. Dass die Kinder weg sind, bedeutet das Gegenteil, nämlich dass der Himmel Eurer Majestät ein langes Leben schenkt!« »Wie könnt Ihr angesichts der Tatsache, dass die Kinder in den Körben weg sind, eine solche Behauptung aufstellen?« »Eben habe ich beim Eintreten eine wundervolle Ingredienz gesehen. Die ist noch zehntausendfach stärker als 1111 Kinderherzen! Die Herzen hätten Eurer Majestät das Leben nur um eintausend Jahre verlängern können, doch diese Ingredienz wird Euch, wenn Ihr sie mit meiner Medizin einnehmt, das Leben um viele Jahrtausende verlängern.« Der König verstand nicht, um was für eine Ingredienz es sich handeln sollte. Erst auf mehrmaliges Nachfragen erklärte ihm der Reichsvater schließlich: »Jener Priester aus dem Osten, der zu den Heiligen Schriften pilgert, der hat sich schon zehn Inkarnationen lang der Vervollkommnung gewidmet und einen Wahren Körper entwickelt. Von klein auf lebt er als Mönch, und seine ursprüngliche Yang-Energie ist noch unversehrt. Das wirkt zehntausendmal stärker als diese Kinder! Wenn wir aus seinem Herzen ein Dekokt brauen können, das Ihr mit meiner Unsterblichkeitsmedizin einnehmt, dann ist Euch ein zehntausendjähriges Leben garantiert.« Tatsächlich schenkte dieser verblendete Herrscher den Worten sein volles Vertrauen und sprach zum Reichsvater: »Warum habt Ihr das nicht eher gesagt, dann hätten wir ihn doch gleich hierbehalten können.« »Das ist doch ganz einfach«, meinte der Reichsvater, »eben habt Ihr ja das Hofamt für Festlichkeiten geschickt, ihn zu verköstigen, also wird er die Stadt gewiss erst verlassen, wenn er fertiggegessen hat. Ihr braucht jetzt nur den Befehl zu geben, sofort alle Tore abzuriegeln, und Soldaten auszuschicken, welche die Poststation Zum Goldenen Pavillon umstellen. Dann wird der Priester festgenommen, und wir bitten ihn in aller Höflichkeit um sein Herz. Falls er uns entgegenkommt, schneiden wir es ihm gleich heraus, besorgen seiner Leiche ein königliches Begräbnis und errichten ihm zu Ehren einen Tempel. Sollte er sich aber weigern, werden wir ohne großes Federlesen zu den Waffen greifen, ihn in Stricke legen und ihm das Herz ausreißen. Das ist doch ein Leichtes!« Schon erließ dieser verblendete Herrscher den Befehl, alle Tore zu schließen, und schickte die Palastgarde, die Poststation zu umstellen. Als Pilger all dies vernommen hatte, schwirrte er flugs zur Poststation und rief Tripitaka zu: »Schlimm, o Meister, ein Unheil!« Bei diesen Worten brach Tripitaka, der gerade mit Bajie und Sandmönch bei der königlichen Mahlzeit saß, der kalte Schweiß aus allen Poren, und es verschlug ihm die Sprache. »Was für ein Unheil?« fragte Bajie, und Pilger berichtete: »Kurz nachdem der Meister den Palast verlassen hat, ist ein Offizier gekommen und hat die Sache mit den fortgewehten Kinderkörben gemeldet. Zuerst war der König erzürnt, doch dann hat ihm der Reichsvater freudig erklärt: ›Das bedeutet, dass Euch der Himmel ein langes Leben schenkt.‹ Und jetzt will er als Ingredienz das Herz von unserem Meister haben und sagt, dies würde dem König zu einem zehntausendjährigen Leben verhelfen. Dieser verblendete König schenkt diesem Unsinn Glauben und hat bereits Soldaten ausgeschickt, die Poststation zu umstellen. Und nun soll die Palastgarde den Meister um sein Herz bitten!« »Das habt Ihr nun von Eurer Wohltat«, grinste Bajie. »Die Kinder sind gerettet, und Ihr habt das Unglück am Hals!« Zitternd hielt sich Tripitaka an Pilger fest und sagte: »O mein werter Schüler! Was können wir jetzt bloß tun?« »Aus groß mach klein, dann renkt sich’s ein«, versetzte Pilger. »Was soll das heißen?« fragte Sandmönch. »Wenn wir ihm das Leben retten wollen, muss der Meister zum Schüler werden, und der Schüler zum Meister. Das ist die einzige Rettung.« »Wenn du mir das Leben retten kannst, will ich noch so gerne dein Schüler sein«, erwiderte Tripitaka. »Dann wollen wir keine Zeit verlieren«, rief Pilger. »Lasst Bajie sofort etwas Lehm mit Wasser verkneten.« Schon harkte der Tölpel mit seinem Rechen den Boden auf. Weil er sich nicht nach draußen wagte, mischte er etwas Urin zur Erde und überreichte Pilger einen übelriechenden Lehmbrei. Angesichts der Dringlichkeit blieb Pilger nichts übrig, als daraus einen Fladen zu schlagen und ihn sich ins Gesicht zu drücken, so dass ein Abdruck seines Affengesichtes entstand. Nun hieß er Tripitaka stillhalten und kein Wort mehr sagen. Er legte ihm die Maske aufs Gesicht, sprach eine Zauberformel, und mit dem Ruf »Verwandlung!« behauchte er sie mit göttlichem Odem. Da verwandelte sich des Priesters Antlitz in dasjenige von Pilger; er legte seine Robe ab und zog Pilgers Gewand über. Pilger aber legte sich des Meisters Robe um, machte ein magisches Fingerzeichen, murmelte einen Zauberspruch und nahm mit einem leichten Dreh Tripitakas Gesichtszüge an. Kaum war die Verkleidung fertig, vernahmen sie auch schon den Lärm von Gongs und Trommeln und sahen alsbald, wie die dreitausend Soldaten der Palastgarde, mit Speer und Säbel bewaffnet, die Station umzingelten. Nun trat einer der Offiziere in den Hof und rief: »Wo ist der Priester aus dem chinesischen Kaiserreich?« Der Stationsvorsteher fiel auf die Knie und sprach: »Hinten im Gästezimmer.« Stracks kam der Offizier zum Gästezimmer und rief: »Priester aus China! Unser König lässt bitten!« Da trat der falsche Priester zur Tür hinaus, grüßte und fragte: »Herr Offizier, was hat die Majestät geringem Mönch auszurichten?« Der Offizier trat vor, hielt ihn fest und sprach: »Ich begleite Euch in den Palast. Ihr werdet wohl gebraucht.« Oho! So war es in der Tat: Des Dämons böser Zauber ist stärker als Barmherzigkeit, Wohltat kehrt ins Gegenteil und bringt nun nichts als Leid! Und da wir nicht wissen, wie es nach diesem Gang um sein Leben stand, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第079回 / 79. Kapitel Bei der Bändigung des Dämons kommt der Lebensstern / Im Palast befreit der wahre Herrscher die kleinen Kinder Lasst uns berichten, wie der Offizier den gefälschten Priester aus der Poststation zerrte, wo er sogleich von der Palastgarde umringt und zur Audienzhalle geführt wurde. Als vor der Jadetreppe alle Militärbeamten ihren Kniefall machten, blieb der gefälschte Priester in ihrer Mitte aufrecht stehen und rief laut: »König von Bhiksu! Was habt Ihr dem geringen Mönch auszurichten?« Der verblendete Herrscher lächelte und sprach: »Seit langem leide ich an einer unheilbaren Krankheit, und nun hat unser Reichsvater zum großen Glück ein gutes Rezept, dessen Ingredienzen bereits vorliegen. Das Einzige, was uns noch fehlt, ist ein stimulierender Wirkstoff. Darum möchten wir den werten Priester bitten, uns dabei behilflich zu sein. Im Falle erfolgter Heilung werden wir Euch eine Ahnenhalle errichten, zu allen Jahreszeiten Opfer darbringen und Euch von Staates wegen bis in alle Ewigkeit mit Weihrauch ehren.« Da antwortete der gefälschte Priester: »Ich bin ein Mönch und bin nun ganz alleine hier; Eure Majestät mögen den Herrn Reichsvater fragen, was er denn benötige als stimulierenden Wirkstoff.« »Wir bitten eigens um Euer Herz«, sprach der verblendete Herrscher. »Nun, um ehrlich zu sein«, gab der gefälschte Priester zurück, »Herzen habe ich mehrere, was für eines soll’s denn sein?« Der Reichsvater, der neben dem König stand, erklärte: »Wir wollen dein schwarzes Herz!«422 »Wenn dem so ist«, meinte der gefälschte Priester, »dann bringt mir ein Messer, damit ich mir die Brust aufschneiden kann. Falls es da ein solches Herz geben sollte, will ich dem Befehl gerne Folge leisten.« Freudig dankte der verblendete Herrscher. Dann hieß er einen Leibwächter, dem Priester einen scharfen Dolch auszuhändigen. Dieser nahm den Dolch zur Hand, entblößte erhobenen Hauptes seine Brust, tastete sie mit der linken Hand ab und setzte mit der rechten den Dolch an. Man hörte ein schneidendes Geräusch, schon war die Brust aufgeschlitzt, und ein Haufen Herzen kollerte heraus. Die Zivilbeamten erblassten vor Schreck, und selbst den Militärbeamten lief ein Schauer über den Rücken. Der Reichsvater aber, der vom Thron aus zugeschaut hatte, rief: »Das ist ja ein vielherziger Priester.«423 Der gefälschte Priester aber nahm die bluttriefenden Herzen in beide Hände und inspizierte eines nach dem andern. Es gab da allerhand rote, weiße und gelbe Herzen, gierige, gewinnsüchtige, neidische und zänkische Herzen, ehrgeizige, hochstrebende und selbstsüchtige Herzen, tödliche, grausame, ängstliche, umsichtige und irrige Herzen, auch im Dunkeln verborgene namenlose Herzen, sowie diverse ungute Herzen; einzig ein schwarzes Herz kam nicht zum Vorschein. Der König erstarrte vor Schreck und brachte kein Wort heraus. Endlich rief er, am ganzen Körper zitternd: »Weg damit! Weg damit!« Da konnte der gefälschte Priester nicht länger an sich halten, er setzte dem Zauber ein Ende und nahm seine eigene Gestalt an. »O Majestät, wie verblendet Ihr seid!« rief er dem König zu. »Wir Mönche hegen nur Gutes im Herzen, allein Euer Reichsvater hat ein schwarzes Herz! Wenn Ihr mir nicht glauben wollt, dann lasst mich doch das seine rausnehmen, so könnt Ihr Euch mit eigenen Augen überzeugen!« Als der Reichsvater dies hörte, riss er die Augen auf und prüfte ihn mit einem scharfen Blick. Erst jetzt bemerkte er, dass der Priester auf einmal ein ganz anderes Gesicht hatte. Oho! Er sah, dass der von einst es war: Großer Heiliger Sun genannt; Sein Name war vom Pfirsichfest Doch allen weitherum bekannt! Mit einem Satz schoss er zu den Wolken empor. Pilger jagte ihm im Wolkenüberschlag nach und fauchte: »Halt! Jetzt kriegst du meine Stange zu spüren!« Da zückte der Reichsvater einen drachengeschmückten Stock, warf sich in Kampfpose, und schon maßen die beiden in luftiger Höhe ihre Kräfte, bis der Unhold nach zwanzig erbitterten Kampfrunden dem Goldreifstab nicht länger standzuhalten vermochte. Nach einem letzten Scheinhieb sauste er als kalter Lichtstrahl zum Palast nieder, um die dämonische Königin mit sich fortzureißen, und schon schossen zwei kalte Lichter in unbekannte Richtung davon. Der Große Heilige aber senkte seine Wolke, kam in den Palast zurück und rief den Hofbeamten zu: »Da habt ihr ja einen schönen Reichsvater!« Die Hofbeamten fielen dem göttlichen Mönch dankend zu Füßen. »Lasst das«, versetzte Pilger, »schauen wir lieber nach, wo euer verblendeter Herrscher steckt!« »Unsere Majestät hat sich aus Furcht in ein Versteck zurückgezogen, als sie Euer Gefecht sah. Wir wissen nicht, in welcher Palasthalle sie ist.« Pilger gab Befehl, den König unverzüglich aufzuspüren, um zu verhindern, dass er am Ende noch von der Wunderschönen Königin entführt würde. Also suchten die Hofbeamten mit Pilger zusammen den gesamten Palast ab, ohne Rücksicht darauf, ob es sich um Diensthallen oder Wohngemächer handelte. Doch es zeigte sich keine Spur, nicht einmal die Königin war aufzufinden. Derweil aber strömten aus den Frauengemächern der drei Paläste und sechs Höfe Nebenfrauen und Konkubinen herbei und warfen sich dankend dem Großen Heiligen zu Füßen. »Steht auf!« rief dieser, »zum Danken ist es noch zu früh. Geht und sucht euren Herrscher!« Es dauerte nicht lange, da kamen einige Eunuchen, in ihrer Mitte den König stützend, aus der Halle der Edlen Haltung. Alle Hofbeamten warfen sich vor ihm nieder und riefen einstimmig: »Majestät, o Majestät! Danket dem göttlichen Mönch, der gekommen ist, uns die Augen zu öffnen, damit wir Wahr und Falsch erkennen! Der Reichsvater war ein dämonisches Ungeheuer, jetzt ist er mitsamt der Wunderschönen Königin verschwunden.« Als der König das vernommen hatte, bat er Pilger, vom Wohnpalast zur Audienzhalle zu kommen. Dort verneigte er sich dankend und sprach: »Priester, heute früh war Euer Antlitz noch so anmutig; wie kommt es nur, dass Ihr auf einmal so anders ausseht?« Pilger lachte: »Ich will es Euch offen sagen, Majestät. Derjenige, der in der Frühe kam, das war mein Meister, der kaiserlich verbrüderte Tripitaka aus dem chinesischen Kaiserreich. Ich aber bin sein Schüler, Sun Wukong. Außerdem hat er noch zwei andere Schüler, den Eber Wuneng und Sandmönch Wujing; beide sind zur Zeit in der Poststation Zum Goldenen Pavillon. Weil wir hörten, dass Ihr einem Dämon verfallen seid und schließlich gar meines Meisters Herz in Eure Medizin brauen wolltet, habe ich alter Sun die Gestalt meines Meisters angenommen, um diesem Dämon ein Ende zu bereiten.« Nachdem der König dies vernommen hatte, erteilte er dem Minister für Personalwesen den Befehl, auf der Stelle zur Poststation zu gehen, um Meister und Schüler in den Palast zu geleiten. Tripitaka aber hatte mit Entsetzen vernommen, dass Pilger in den Lüften gegen das Ungeheuer kämpfte, und brütete gerade mit der stinkenden Maske auf dem Gesicht verdrossen vor sich hin, als er auf einmal hörte, dass er von einem Hofminister zur Audienz in den Palast gerufen wurde. »Ihr braucht Euch nicht zu fürchten, Meister«, lachte Bajie, »diesmal will er Euch gewiss nicht ans Herz. Sicher hat mein Ordensbruder gewonnen, weshalb der König uns zum Dank verköstigen will!« »Das mag wohl sein«, erwiderte Tripitaka, »doch wie kann ich mit diesem übelriechenden Gesicht vor die Leute treten?« »Geht einfach zu meinem Ordensbruder, er wird Euch schon befreien.« Dem Priester blieb keine andere Wahl, und so begab er sich denn mit Bajie und Sandmönch zusammen zum Eingang der Poststation. Als der Minister ihn erblickte, sprach er erschrocken: »Aber werte Herren! Ihr seht ja alle wie Ungeheuer aus!« Da meinte Sandmönch: »Stört Euch nicht am hässlichen Äußeren, Herr Palastdiener. Wir sind halt geborene Leichen.« Anschließend folgten sie dem Minister zur Audienzhalle. Sowie Pilger sie kommen sah, trat er heraus, löste seinem Meister die Maske ab und hauchte ihm göttlichen Odem ins Gesicht, so dass der Priester wieder genauso war wie zuvor, ja sogar im Geiste fühlte er sich nun frisch und beschwingt. Nun trat auch der König persönlich aus der Halle und empfing Tripitaka mit den Worten: »Verehrter Priester und Buddha!« Meister und Schüler begaben sich in die Halle und vollführten vor dem König das Begrüßungszeremoniell. Dann fragte Pilger: »Majestät, wisst Ihr eigentlich, woher der Unhold kam? Ich alter Sun werde die beiden dingfest machen, damit sie Euch nie mehr etwas antun können!« Betreten gab der König zur Antwort: »Als er vor drei Jahren hierherkam, fragte ich ihn danach, und er gab an, aus einem Ort unweit der Reichsstadt zu stammen, kaum siebzig Meilen südlich von hier. Er sei dort im Hof der Reinen Blüte am Weidenhain zu Hause. Der Reichsvater war schon älter und hatte keine Söhne, doch seine zweite Frau hatte ihm eine Tochter geboren, die gerade sechzehn war und noch unvermählt, daher brachte er sie uns dar. Nachdem ich sie zu mir genommen hatte und sie im Palast verwöhnte, ereilte mich unerwartet eine schwere Krankheit, die mit keiner Arznei unserer Hofärzte geheilt werden konnte. Da sagte der Reichsvater: ›Ich habe eine Rezeptur, die unsterblich macht; es ist dazu nur noch eine stimuliernde Ingredienz aus Kinderherzen nötig.‹ Aus einer Schwäche heraus habe ich seinen Worten Glauben geschenkt und im Volk Kinder aussuchen lassen, und heute Mittag hätte man ihnen eigentlich die Herzen entnehmen sollen. Gerade nachdem die Kinder verschwunden sind, seid Ihr zufällig dazugekommen, göttlicher Mönch. Da hat mir der Reichsvater gesagt, der heilige Priester habe sich bereits zehn Inkarnationen lang der Vervollkommnung gewidmet, und seine ursprüngliche Yang- Kraft sei noch unversehrt, und daher würde sein Herz noch tausendmal stärker wirken als die Herzen der Kinder. Seinerzeit war ich mir des Vergehens nicht bewusst, auch ahnte ich nichts davon, dass Ihr, göttlicher Mönch, den Dämon bereits durchschaut hattet. Nun wage ich nur noch zu hoffen, dass Ihr, gestützt auf die große Kraft der buddhistischen Lehre, das Übel an der Wurzel packen und beseitigen könnt. Ich werde es Euch mit dem gesamten Vermögen des Königreichs danken!« »Nun, offen gesagt«, lachte Pilger, »die Kinder hat mein Meister mich verstecken lassen, weil er tiefes Mitleid mit ihnen empfand. Von Dank und Gaben braucht Ihr nicht zu sprechen, wartet einfach ab, bis ich das Ungeheuer gefangen habe. Dies gehört zu den guten Taten, die ich als Mönch auszuüben verpflichtet bin.« Und er rief Bajie zu: »Komm mit mir!« Der aber meinte: »Gerne folge ich dem Befehl. Nur ist mir zur Zeit im Bauch so leer, dass ich meine Kräfte nicht gut entfalten kann.« Auf der Stelle hieß der König das Hofamt für Festlichkeiten eine vegetarische Mahlzeit bereitstellen. Als Bajie sich gesättigt hatte, ballte er seine göttlichen Kräfte und stieg mit Pilger auf Wolken in die Lüfte empor. Staunend blickten der König, die Konkubinen und alle zivilen und militärischen Hofbeamten den beiden nach und falteten ehrfürchtig die Hände zum Himmel. Alle waren sich einig: Das mussten leibhaftige Unsterbliche und Buddhas sein, die hinab auf Erden gekommen waren. Der Große Heilige aber führte Bajie direkten Weges gen Süden. Nach siebzig Meilen hielten sie Wind und Wolken an und machten sich auf die Suche nach dem Aufenthaltsort des Dämons. Es gab da aber nur ein klares Bächlein, an dessen Ufer unzählige Weiden wuchsen. Wo hier ein »Hof der Reinen Blüte« liegen sollte, war nicht ausfindig zu machen. So war es in der Tat: Ausgedehnte Auen, So weit das Auge reicht; Dämme voller Weiden Verlieren sich im Dunst. Nach vergeblichem Suchen legte der Große Heilige schließlich die Finger zu einem magischen Zeichen aneinander und sprach das Zauberwort »OM!« zur Beschwörung des lokalen Erdgeistes. Schon warf sich dieser vor ihm nieder, und Pilger sprach: »Sage mir, wo liegt der Hof der Reinen Blüte im Weidenhain?« »Es gibt hier nur eine Grotte der Reinen Blüte, keinen Hof«, antwortete der Erdgeist. »Geht einfach das Südufer entlang, bis Ihr zu einer neunstämmigen Pappel kommt. Diese müsst Ihr dreimal von links und dreimal von rechts umschreiten, und dann dreimal hintereinander rufen: ›Öffne dich!‹ Dann kommt die Grottenresidenz der Reinen Blüte zum Vorschein.« Auf diese Auskunft hieß Pilger den Erdgeist abtreten und sprang mit Bajie über den Bach, um nach der besagten Pappel zu suchen. Tatsächlich fanden sie bald einen Baum mit neun Stämmen, die alle aus derselben Wurzel wuchsen. Da rief Pilger Bajie zu: »Bleib du erst mal beiseite und halt dich bereit, während ich die Grotte öffne und den Dämon ausfindig mache. Sobald wir rauskommen, musst du mir beistehen.« Bajie hielt sich also abseits bereit, und Pilger umkreiste den Baum, wie ihn der Erdgeist belehrt hatte: dreimal von links und dreimal von rechts. Dann packte er den Baum und rief: »Öffne dich! Öffne dich!« Da gab es einen Krach, zwei breite Torflügel taten sich donnernd auf, und auf einmal war der Baum spurlos verschwunden. Innen schimmerte ein regenbogenfarbener Glanz, doch niemand war zu sehen. Pilger rannte hinein und sah sich gründlich um. Auf einer freistehenden Steinmauer sah er nun vier große Schriftzeichen: »清華仙府 – Himmlische Residenz der Reinen Blüte«. Als er hinter die Mauer sprang und nach innen spähte, sah er den alten Dämon mit einer schönen Frau in den Armen. Gerade erzählte er keuchend von der Sache in Bhiksu. Am Ende meinten beide: »Endlich ist die große Gelegenheit da, die wir drei Jahre lang vorbereitet haben, und nun platzt dieser elende Affenschädel herein!« Da schoss Pilger auf sie zu und schrie mit gezückter Stange: »Wehe euch, haarige Rotte! Was für eine große Gelegenheit? Halt, lasst euch eins mit meiner Stange überziehen!« Der alte Unhold ließ seine Grazie liegen, schoss mit hoch erhobenem Drachenstock auf Pilger zu, und schon begannen die beiden vor der Grotte mit dem Kampf. Als Bajie draußen den Lärm vernahm, juckte es ihn so sehr in der Hand, dass er den neunstämmigen Baum niederriss und mit seinem Rechen verdrosch. Frisches Blut spritzte heraus, und es war, als ob man ein Wimmern hörte. »Der Baum ist ja auch ein Geist!« rief Bajie erstaunt. Während er ihn noch betrachtete, schossen auf einmal Pilger und der Unhold heraus. Ohne auch nur ein Wort zu verlieren, rannte der Tölpel voran, erhob seinen Rechen und drosch drauflos. Da bekam es der alte Unhold mit der Angst zu tun. Er ließ vom Kampf ab, verwandelte sich mit einem leichten Dreh in einen kalten Lichtstrahl und suchte gen Osten das Weite. Pilger und Bajie schossen in dieselbe Richtung hinter ihm her. Plötzlich aber hallte der Schrei eines Kranichs in das Kriegsgeheul, und ein glückverheißendes Licht erstrahlte. Aufblickend gewahrten sie den Alten vom Südpol: der Stern der Langlebigkeit! Der Alte stülpte seine Hand über den kalten Lichtstrahl und rief: »Gemach, Großer Heiliger! Nur mit der Ruhe, Marschall Tianpeng! Seid gegrüßt vom alten Daoisten!« Pilger erwiderte den Gruß und sprach: »Wo kommt Ihr denn her, Bruder Stern?« Bajie aber lachte und rief: »Alter Fleischkopf! Ihr habt ja den kalten Lichtstrahl bedeckt, bestimmt ist das Ungeheuer nun gefangen!« Lächelnd erwiderte der Stern der Langlebigkeit: »Ja, da ist er, ich habe ihn. Doch bitte ich die beiden Herren, ihn am Leben zu lassen!« »Wieso setzt Ihr Euch für dieses Biest ein, wenn es nichts mit Euch zu tun hat?« fragte Pilger. »Es ist eines meiner Reittiere«, erklärte der Stern mit einem Lächeln. »Es ist mir entlaufen und hier zu einem Ungeheuer geworden.« »Dann lasst es doch mal seine Gestalt annehmen!« forderte ihn Pilger auf. Da lüftete der Stern die Hand und rief harsch: »Sündenbiest! Zeige dich in deiner wahren Gestalt, sonst bist du des Todes!« Da wälzte sich der Unhold und erschien als weißer Hirsch. Der Stern der Langlebigkeit aber hob den Drachenstock auf und rief: »Sündiges Tier, sogar meinen Stock hast du mir gestohlen!« Da warf sich der Hirsch vor ihm nieder und schlug, unfähig zu sprechen, unter Tränen den Kopf auf den Boden. Der Stern der Langlebigkeit aber bedankte sich bei Pilger und stieg auf den Hirsch. Gerade wollte er entschweben, als Pilger ihn am Arm packte und rief: »Halt, alter Bruder, zwei Dinge sind noch nicht im Reinen!« »Was denn?« »Die schöne Frau haben wir noch nicht erwischt und wissen auch nicht, um was für ein Unding es sich handelt. Außerdem müsst Ihr mit uns nach Bhiksu kommen und Euch dem verblendeten Herrscher offenbaren, damit sich die Profanen von der Wahrheit überzeugen können.« »Nun denn«, meinte der Stern, »so will ich mich noch ein Weilchen aufhalten. Geht mit Tianpeng in die Grotte und nehmt die Schöne gefangen, anschließend will ich mit Euch vor den König treten.« Pilger bejahte und ging voran, während Bajie seine Kräfte ballte, mit Pilger in die Grotte der Reinen Blüte trat und brüllte: »Her mit dem Ungeheuer!« Zitternd floh die Schöne hinter die steinerne Mauer, doch da die Grotte keinen hinteren Ausgang hatte, stieß sie geradewegs mit Bajie zusammen. »Halt, du lüsternes Gespenst, das wackere Kerle verführen will!« schrie dieser. »Gib auf meinen Rechen acht!« Da zuckte die Schöne zusammen und stob als kalter Lichtstrahl ins Freie. Pilger aber drängte den Strahl zurück und drosch – ping, pang! – mit seiner Stange darauf ein. Alsbald konnte sich das Ungeheuer nicht mehr halten, stürzte in den Staub und nahm seine wahre Gestalt an: Es war ein weißer Fuchs. Da konnte sich der Tölpel nicht halten, schwang seinen Rechen und erschlug das arme Tier. So war es nun: Eine Schönheit, die ein Reich zerstörte, Mit tausend Reizen lächelnd ihn betörte, Als Häufchen Pelz nun hier ein Ende nimmt, In Gestalt von einem Sündentier erkannt. »Mach es nicht kaputt!« rief Pilger, »lassen wir den Balg unversehrt, damit wir ihn dem verblendeten König zeigen können.« Da schleifte der Tölpel das Tier hinter Pilger zur Grotte hinaus, wo auch schon der Stern der Langlebigkeit mit dem Hirsch ankam. Bajie warf den toten Fuchs vor den Hirsch und rief: »Und das soll deine Tochter sein?« Mit einem Nicken streckte der Hirsch die Schnauze vor und schnupperte. Dabei gab er ein leises Winseln von sich, als ob er wirklich um einen lieben Menschen trauerte. Der Stern der Langlebigkeit gab ihm einen Klaps auf den Kopf und sprach: »Sündentier! Es reicht doch, dass du mit dem Leben davongekommen bist! Was schnupperst du noch an ihm herum?« Nun knöpfte er das Band, das sein Gewand gürtete, dem Hirsch um den Hals, zog ihn mit sich und sprach: »Großer Heiliger, ich folge Euch jetzt ins Land Bhiksu.« »Moment mal«, rief Pilger, »machen wir erst alles rein, damit sich nicht noch mal ein Ungeheuer einnistet!« Er beschwor den Erdgeist herauf und befahl ihm, in der Grotte dürres Geäst aufzuschichten. Nachdem er ein Feuer entfacht und alles ausgebrannt hatte, hieß er den Erdgeist abtreten. Zusammen mit dem Stern der Langlebigkeit, den Hirsch und den toten Fuchs im Schlepptau, kehrten sie nun in den Palast zurück, wo der König samt Hofstaat vor Verblüffung auf die Knie fiel. Pilger trat vor, fasste den König am Arm und meinte spottend: »Verneigt Euch doch vor diesem Hirsch und nicht vor mir; er ist der Reichsvater!« Dann wies er auf den Fuchsbalg und erklärte: »Das war Eure ›Wunderschöne Königin‹. Nun, wollt Ihr Euch nicht mit ihr vergnügen?« Der König schämte sich zu Tode. Schließlich stammelte er: »Dank sei Euch, o Göttlicher Mönch, dass Ihr die Kinder unseres Landes gerettet habt! Das ist wahrlich ein himmelhohes Verdienst!« Er befahl dem Hofamt für Festlichkeiten, in der Gasthalle im Ostflügel ein vegetarisches Festmahl aufzutischen, damit er sich zusammen mit dem Alten vom Südpol, Tripitaka und dessen Schülern zur Tafel setzen und sich bei ihnen bedanken könne. Anschließend verneigte sich Tripitaka vor dem Stern der Langlebigkeit, auch Sandmönch erwies ihm seine Reverenz, und beide fragten: »Wie konnte nur der weiße Hirsch, der doch Euer Reittier ist, hier Schaden anrichten?« Der Stern lächelte und sprach: »Als kürzlich der Königsvater des Ostens mich auf meinem geringen Berge besuchte, habe ich ihn gebeten, ein Weilchen Platz zu nehmen, und so haben wir dann zusammen Schach gespielt. Doch noch bevor die erste Partie fertig war, ist mir dieses sündige Tier entlaufen! Ich habe mich sofort auf die Suche gemacht, aber es war einfach nicht aufzufinden. Zuletzt habe ich mir die Sache an den Fingern ausgerechnet und kam schließlich darauf, dass er hier sein muss. Darum habe ich mich auf den Weg gemacht und bin ja auch gleich auf den Großen Heiligen Sun gestoßen, der ihn verfolgte. Einen Augenblick später hätte das Biest sein Leben ausgehaucht!« Während er noch erzählte, traf die Meldung ein: »Die Tafel steht bereit!« Sogleich wurde die Sitzordnung festgelegt und das Hofamt für Musik beauftragt, musikalische Darbietungen vorzuführen. Der König aber hob seinen schimmernden Purpurkelch und trank einem nach dem anderen zu. Als die Tafel beendet war, wollte der Stern der Langlebigkeit Abschied nehmen. Doch da trat der König vor und bat ihn auf den Knien um eine Methode der Heilung und Lebensverlängerung. Lächelnd sprach der Stern: »Da ich ja nur den Hirsch suchen wollte, habe ich jetzt kein Elixier dabei. Eine Methode zur körperlichen Vervollkommnung könnte ich Euch schon vermitteln, doch da Ihr zur Zeit körperlich und geistig so geschwächt seid, wäre es trotzdem nicht möglich, damit Unsterblichkeit zu erlangen. Doch habe ich in meiner Ärmeltasche noch drei Datteln, die ich eigentlich dem Königsvater des Ostens zum Tee geben wollte. Da ich sie noch nicht gegessen habe, will ich sie Euch jetzt zum Geschenk anbieten!« Nachdem der König sie verzehrt hatte, fühlte er sich leicht und frei, und alsbald war er wieder gesund. Der Stern der Langlebigkeit aber verließ die östliche Halle, befahl dem Hirsch mit einem barschen Ruf, aufzustehen, hob sich auf dessen Rücken und war binnen kurzem in den Wolken entschwunden. Im Palast und in der ganzen Stadt weihten alle Weihrauch und beteten, vom König über die Konkubinen bis hin zum gemeinen Volk, doch davon sei hier nicht weiter die Rede. Tripitaka aber mahnte seine Schüler, sich für die Weiterreise bereitzumachen. Als er sich vom König verabschieden wollte, flehte dieser bitterlich, er möge doch noch etwas länger bleiben, um ihn zu unterweisen. Schließlich meinte Pilger: »Majestät, seht zu, dass Ihr von jetzt an Eure Sinneslust in Zaume haltet, viele gute Taten vollbringt und alle Dinge so anpackt, dass Schwächen durch Stärken ausgeglichen werden. Dies reicht hinlänglich, um Krankheiten fernzuhalten und Euch ein langes Leben zu sichern. Dies möge Euch als Unterweisung gelten.« Nun wollte ihnen der König zwei Schalen Bruchgold und Bruchsilber zum Reiseunterhalt mitgeben, doch Tripitaka weigerte sich, auch nur einen Heller anzunehmen. Schließlich sah der König ein, dass nichts zu machen war, befahl, die königliche Sänfte bereitzustellen, und bat Tripitaka, an seiner Statt in der mit Drachen und Phönixen geschmückten Sänfte Platz zu nehmen. Der König aber schritt mit den Konkubinen zu Fuß nebenher, und alle geleiteten ihn mit den Händen an der Sänfte zum Palast hinaus. Dort warteten auch schon die Stadtbürger mit Wasserschalen und duftendem Räucherwerk und geleiteten die Pilgernden aus der Stadt hinaus. Plötzlich aber brauste es in der Höhe, und mit einem jähen Windstoß landeten zu beiden Seiten der Straße 1111 Gänsekörbe, in denen das Weinen von Kindern zu hören war. Laut riefen die unsichtbaren Götter: »Großer Heiliger! Ihr habt uns beauftragt, die Körbe mit den Kindern zu verbergen. Da wir nun wissen, dass Euer Werk vollendet ist und Ihr Euren Weg fortführt, bringen wir sie allesamt hierher zurück.« Abermals fielen der König und all seine Untertanen auf die Knie und verneigten sich in großer Ehrfurcht. Pilger blickte in die Höhe und bedankte sich. Anschließend wurden alle Familien aufgefordert, ihre Kinder ausfindig zu machen. Sogleich eilten alle herbei, fanden ihre Kinder und trugen sie glücklich nach Hause. Man tanzte und jauchzte vor Freude, und alle riefen: »Lasst die Herren von China nicht gehen, wir wollen sie einladen, um ihnen für die Rettung unserer Kinder zu danken!« Alle strömten herbei, Jung und Alt, Mann und Frau, keiner fürchtete sich vor ihrem unfeinen Aussehen; man stemmte Eber Bajie und Sandmönch hoch, hievte Sun Wukong über alle Köpfe hinweg, hob auch Tripitaka empor, und sogar Pferd und Gepäck wurden mitgerissen und in einem Husch in die Stadt zurückgeführt. Selbst der König konnte nichts dagegen ausrichten. Alle strömten herbei, Jung und Alt, Mann und Frau, keiner fürchtete sich vor ihrem unfeinen Aussehen. Nun begann eine Familie nach der anderen reiche Mahlzeiten herzurichten, und wer nicht dazu kam, sie zum Essen einzuladen, schneiderte ihnen Kleider und Hüte, Socken und Schuhe und brachte ihnen die Gaben dar. So ging das nahezu einen Monat lang, ehe sie endlich die Stadt verlassen konnten. Derweil hatten außerdem geschickte Maler ihren Anblick zu Papier gebracht, die Bilder wurden mit Namenstafeln versehen und in einen Tempel gestellt, wo man sich davor verneigte und Räucherwerk opferte. So war es in der Tat: Es erlöste eine gute Tat Tausend Kinder aus der Not; Fortan wird die Kinderstadt Bhiksu wiederum genannt! Und da wir nicht wissen, was sich im Folgenden ereignen sollte, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第080回 / 80. Kapitel Die Jungfrau nährt ihr Yang und sucht sich einen Gatten / Der Herzensaffe schützt den Herrn und kennt den Dämon Nun begleiteten also der König von Bhiksu und all seine Untertanen den Priester aus China zur Stadt hinaus und wohl noch an die zwanzig Meilen weiter, bis Tripitaka sich endlich verabschieden konnte. Lange reisten sie einher, der Winter ging zu Ende, und der Frühling brach an. Ringsum grünte es und blühte, dass es eine wahre Freude war. Einmal mehr ragte vor ihnen ein Gebirge auf, und während Tripitaka versonnen die Berglandschaft betrachtete und einen Vogel zwitschern hörte, gedachte er auf einmal wehmütig seiner Heimat. »Geht ruhig voran und macht Euch nicht unnötig Sorgen, Meister«, meinte Pilger. »So sagten es doch die alten Weisen: ›Wer im nächsten Leben Wohlstand will, der muss sich bitterlich darum bemühen.‹« »Das ist recht gesprochen, mein Schüler«, erwiderte Tripitaka, »doch wer weiß, wie lange der Weg in den Westen noch dauert!« »Meister«, warf da Bajie ein, »vielleicht mag ja unser Buddha Tathagata seine drei Körbe mit den Heiligen Schriften gar nicht mehr hergeben. Drum ist er wohl umgezogen, weil er weiß, dass wir bald kommen und seine Schriften haben wollen.« »So ein Unsinn!« versetzte Sandmönch. »Lasst uns einfach dem ältesten Ordensbruder folgen. Wenn wir uns nach Kräften anstrengen, werden wir eines Tages das Ziel erreichen.« Während ihrer Unterhaltung gewahrten die Pilgernden einen großen, dunklen Kiefernwald. »Wukong!« rief Tripitaka, »eben waren wir noch auf einem gewundenen Bergpfad, wieso kommt hier auf einmal ein so finsterer Kiefernwald? Wir müssen auf der Hut sein!« Pilger nahm die Eisenstange zur Hand und drang allen voran in den Wald hinein. Lange Zeit wanderten sie durch den Wald dahin, ohne dass sich auch nur eine Lichtung zeigte. Schließlich sprach Tripitaka: »Meine Schüler! So viele Wälder und gefährliche Gebirge haben wir auf unserem Weg nach Westen schon durchquert, und hier haben wir das Glück, einen derart schönen und ruhigen Ort zu finden. Was da alles an exotischen Pflanzen und Blumen wächst! Das tut einem richtig gut. Ich möchte hier ein Weilchen Rast halten, dann kann auch das Pferd mal ausruhen, und außerdem habe ich ein wenig Hunger. Ihr könntet mir derweil etwas zu essen holen.« Pilger half seinem Meister aus dem Sattel, dann holte er die Almosenschale, und der Meister machte es sich unter einer Kiefer bequem. Im Wolkenüberschlag schoss Pilger in die Lüfte, hielt dann inne und spähte nach unten. Da fielen ihm glückverheißende Dunstschleier auf, die rein und heilsam aus dem Walde stiegen. »Oh, wie gut!« rief er unvermittelt aus. Was glaubt ihr, warum er das rief? Es war Tripitaka, den er damit lobte! Denn dieser war ja eine Inkarnation des Meisters Goldzikade, war ein guter Mensch und widmete sich seit zehn Inkarnationen dem Weg der Vervollkommnung, daher lag diese heilvolle Aura über seinem Haupt! »Vor fünfhundert Jahren bin ich alter Sun erst richtig Mensch geworden«, sann Pilger, »später konnte ich der Strafe des Himmels entrinnen und sein Schüler werden. Wenn mein Meister einst in den Osten zurückkehrt, wird es gewiss eine Belohnung geben, da sollte auch ich alter Sun die Rechte Frucht der Buddhaschaft erlangen.« Mitten in dieser Lobpreisung fiel ihm plötzlich auf, dass im Süden des Waldes eine finstere Energie aufbrodelte. Mit Schrecken dachte er: »Dort muss etwas Dämonisches stecken. Es kann nicht sein, dass Bajie und Sandmönch eine solche Energie abgeben.« Unschlüssig schwebte der Große Heilige in halber Höhe und beobachtete die Lage. Doch wenden wir uns wieder Tripitaka zu, der unten im Walde saß. In stiller Versenkung klärte er seinen Geist und schaute die Wesenheit, während er das Herz-Sutra vor sich hin murmelte. Plötzlich aber drang eine wimmernde Stimme an sein Ohr: »Zu Hilfe!« »Gütiger Himmel!« entfuhr es ihm erschaudernd, »wie kommt es nur, dass jemand in diesem tiefen Wald um Hilfe ruft? Sicher wurde jemand von wilden Tieren angegriffen. Ich muss nachschauen!« Der Priester erhob sich und drang ins Gehölz, indem er sich an Ästen und Lianen vorankämpfte. Auf einmal sah er eine bildhübsche junge Frau, die an einen Baum gefesselt war, den Oberkörper von Stricken umschnürt, den Unterleib im Boden vergraben. Der Priester blieb stehen und richtete das Wort an sie: »Holde Dame, was ist Euch bloß passiert, dass Ihr hier angebunden seid?« »Holde Dame, was ist Euch bloß passiert, dass Ihr hier angebunden seid?« Oho! Da hatte der Priester doch nun klar und deutlich einen Dämon vor sich, doch die Augen des Fleisches vermochten ihn nicht zu erkennen! Nun seht euch an, wie dieses Ungeheuer Tränen über seine pfirsichroten Wangen rinnen lässt und die traurigen Sternenaugen zu ihm aufschlägt! Mit betörender Stimme gab die Frau eilfertig zur Antwort: »Ach Meister! Ich komme aus Armfrauenland, das ist nur zweihundert Meilen weit von hier. Meine Eltern sind gesunde und überaus wohltätige Menschen. Dieser Tage sind wir zur Feier des Ahnenfestes mit der ganzen Familie ausgefahren, um die Gräber zu pflegen und für unsere Ahnen zu beten. Mit Ross und Sänften waren wir in der Wildnis am Stadtrand unterwegs, als auf einmal Gongs und Trommeln ertönten und eine ganze Räuberbande mit Kampfgeheul und Säbelrasseln angerannt kam. Wir sind zu Tode erschrocken, Papa und Mama sind um ihr Leben gelaufen. Ich armes Mägdelein bin nicht weit gekommen, denn ich bin ja noch so klein! Vor lauter Angst bin ich gestürzt, und da haben mich die Räuber auf ihren Berg verschleppt. Dort wollte mich der Älteste zur Frau haben, aber der Zweite wollte mich ebenfalls heiraten, und auch der Dritte und Vierte waren auf mich versessen, bis sie am Ende in Streit gerieten. Drum haben sie mich armes Mägdelein hier im Walde angebunden, und dann ging jeder seines Weges. Schon fünf Tage und fünf Nächte bin ich hier gefesselt und sehe nur noch dem Tod entgegen. Wer weiß, welchen guten Taten meiner Ahnen ich es zu verdanken habe, dass ich heute Euch begegnen darf, o Priester. Ach bitte, habt Erbarmen und rettet mir das Leben! Ich werde Euch bis an mein Lebensende dankbar sein!« Nach diesen Worten stürzten ihr die Tränen aus den Augen. Tripitaka hatte so großes Mitleid, dass auch ihm die Augen feucht wurden. »Schüler!« rief er mit belegter Stimme. Bajie und Sandmönch, die im Wald nach Beeren suchten, hörten den kläglichen Ruf ihres Meisters, eilten herbei und fragten, was denn los sei. Tripitaka wies mit der Hand auf den Baum und bat Bajie: »Bitte befreie diese Dame, rette ihr das Leben!« Ohne sich zu scheren, um was es sich da überhaupt handelte, legte Bajie Hand an. Der Große Heilige jedoch konnte von seiner hohen Warte aus beobachten, wie das finstere Gewölk sich verdichtete und sich über den heilsamen Glanz schob. »Schlimm, schlimm!« rief er aus, »die schwarze Energie bedeckt das heilvolle Licht; mein Meister wird gewiss von einem Dämon überwältigt! Ich muss mich erst um den Meister kümmern, die Almosen können warten.« Sofort änderte er die Richtung seiner Wolke und landete im Wald, wo er gerade dazukam, als Bajie an den Fesseln herumklaubte. Er packte Bajie am Ohr und stieß ihn so heftig zur Seite, dass er umfiel. Als er wieder auf den Beinen war, brummte er: »Der Meister hat gesagt, ich solle ihr das Leben retten! Was schubst du mich da einfach um?« Pilger lachte und rief: »Bruder, lass die Fesseln dran, das ist ein Dämon! Der gaukelt uns was vor!« Da rief Tripitaka mit barscher Stimme: »Was für Unsinn redet dieser lausige Affe! Wie kann er diese Dame für einen Dämon halten!« »Ihr wisst das eben nicht, Meister«, gab Pilger zurück. »Solche Streiche hab ich alter Sun doch früher auch gespielt! Genauso macht man es, wenn man Lust auf Menschenfleisch kriegt. Doch wie sollt Ihr sie auch erkennen können?« Da reckte Bajie seine Schnauze hoch und rief: »Meister, glaubt doch dem dummen Pferdeknecht nicht!« »Sei’s drum«, lenkte Tripitaka ein. »Bajie, dein Ordensbruder hat gewöhnlich keinen schlechten Blick für solche Sachen. Wenn er das so sieht, dann wollen wir uns nicht länger damit aufhalten. Lasst uns weiterziehen!« Pilger freute sich sehr und meinte: »Sehr gut, so ist der Meister in Sicherheit! Steigt auf, Meister. Sobald wir aus dem Wald heraus sind, schauen wir, wo man Euch etwas zu essen spenden kann.« So gingen die vier Pilgernden tatsächlich ihres Weges und ließen den Dämon hinter sich. Doch wenden wir uns nun der Dämonin zu, die, an den Baum gebunden, zähneknirschend vor sich hin murmelte: »Seit Jahren muss ich mir anhören, wie groß die Zauberkräfte dieses Sun Wukong seien. Tatsächlich scheint er diesen Ruf nicht von ungefähr zu haben. Doch jener chinesische Priester, der seit seiner Kindheit den Weg zur Vervollkommnung begeht und noch keinen Tropfen seiner ursprünglichen Yang-Kraft verloren hat, den will ich mir holen und ihm beischlafen, dann kann ich selbst ein Goldener Unsterblicher des Höchsten Einen werden! Aber jetzt hat dieser Affe meinen Plan durchkreuzt, und die ganze Mühe war umsonst! Nun, dann will ich ihn noch einmal rufen und schauen, wie er dann anspringt.« Ohne sich aus den Fesseln zu befreien, hauchte die Dämonin ein paar Worte vor sich hin und ließ sie mit einem göttlichen Wind sachte an Tripitakas Ohr dringen. Was für Worte es waren, fragt ihr? Sie sagte: »O Meister! Mit welchem Gewissen wollt Ihr vor Buddha treten und die Heiligen Schriften holen, wenn Ihr nicht einmal einem Menschen das Leben rettet?« Als Tripitaka diese Stimme hörte, zügelte er sein Pferd und sprach zu Wukong: »Wir müssen die Frau befreien!« »Warum denkt Ihr schon wieder an sie?« fragte Pilger. »Eben hat sie mich wieder gerufen und zu Recht gefragt, mit was für einem Gewissen ich vor Buddha treten und die Heiligen Schriften holen wolle, wenn ich nicht einmal bereit sei, einem Menschen das Leben zu retten. Ein Leben zu retten ist noch um vieles mehr wert, als eine siebenstöckige Pagode für Buddha zu errichten! Schnell, wir müssen sie befreien; das ist noch viel wichtiger als die Heiligen Schriften!« »Wenn des Meisters Güte hochgeht, wirkt keine Medizin!« lachte Pilger. »Nun, wenn Ihr sie wirklich retten wollt, will ich Euch nicht mit guten Ratschlägen im Weg sein, sonst werdet Ihr wieder zornig. Befreit sie, wenn es sein muss, nur kann ich alter Sun diese Bürde schwer auf mich nehmen. »Schweig, Affenschädel«, wies ihn Tripitaka zurecht. »Bleib hier sitzen, ich gehe mit Bajie hin.« Der Priester ging ins Gehölz zurück und hieß Bajie, der Frau oben die Fesseln zu lösen und sie unten mit dem Rechen auszugraben. Die Dämonin stampfte mit den Füßen auf, strich ihr Kleid glatt und schritt dann frisch und fröhlich hinter Tripitaka aus dem Kiefernwald, wo sie auf Pilger traf. Dieser zeigte nur ein kaltes Grinsen. »Was soll dieses Grinsen, du Affenschädel?« rügte Tripitaka. »Ich lache bloß darüber, wie Ihr ›Bei Gewinn die Kumpel trefft, bei Verlust ein Liebchen sucht‹, wie man so sagt.« »Unsinn«, versetzte Tripitaka, »ich bin doch nicht einer, der mit Geld spekuliert. Was soll ich für Gewinne und Verluste haben!« »Ach Meister«, gab Pilger lachend zurück, »Ihr seid von klein auf Mönch, und alles, was Ihr gelernt habt, ist Sutrenlesen und Beten. Ihr habt ja nicht einmal den Königlichen Kodex studiert. Denkt doch mal nach, wir als Mönche mit dieser hübschen jungen Frau unterwegs! Wir brauchen doch nur auf irgendwelche übelgesinnten Leute zu stoßen, dann könnte man uns leichter Hand vor Gericht führen. Und dort hört dann keiner drauf, ob wir Heilige Schriften holen oder Buddha ehren oder was: Wir werden schlicht und einfach unzüchtiger Handlungen bezichtigt. Selbst wenn dafür keine Beweise vorliegen, würde man uns zumindest der Entführung beschuldigen, und am Ende könnten wir uns alle nicht reinwaschen. Euch, Meister, würde man die Mönchslizenz entziehen und Euch halbtot prügeln; Bajie würde zum Frondienst an die Grenze verbannt und Sandmönch zur Strafe als Laufbursche in eine Poststation versetzt. Mich alten Sun würde man wohl besser behandeln, weil ich mich gut rausreden kann, aber man würde mich mindestens der Fahrlässigkeit beschuldigen, was auch immer ich sagen mag.« »Nun halt den Mund!« rief Tripitaka barsch. »Sie wird uns schon nicht in Komplikationen führen, schließlich haben wir ihr das Leben gerettet! Ich übernehme die volle Verantwortung.« »Auch wenn Ihr die volle Verantwortung übernehmen wollt, Meister«, versetzte Pilger, »ist Euch dabei nicht bewusst, dass Ihr sie nicht befreit, sondern ihr im Gegenteil schadet.« »Was soll denn das heißen?« fragte Tripitaka. »An den Baum gefesselt wäre sie binnen fünf oder zehn Tagen verhungert, dann wäre sie wenigstens mit unversehrtem Leib gestorben. Doch jetzt habt Ihr sie rausgeholt; Ihr reitet auf einem schnellen Pferd, wir folgen hinter Euch her, doch wie soll diese Dame mit den kleinen Füßen uns folgen können? Und wenn sie nun zu weit hinter uns bleibt und von wilden Tieren überfallen wird? Dann kommt sie doch erst recht zu Schaden!« »Das stimmt, zum Glück denkst du daran«, pflichtete ihm Tripitaka bei, »was sollen wir tun?« »Nehmt sie doch in die Arme und lasst sie auf Eurem Sattel reiten!« spottete Pilger. »Ich kann doch nicht mit ihr im selben Sattel sitzen«, entgegnete Tripitaka. Schließlich meinte er: »Nun gut, ich kann ja auch ein paar Schritte zu Fuß gehen, dann will ich eben absteigen und nebenher gehen; Bajie soll das Pferd am Halfter führen.« »Haha, da kriegt der Tölpel aber eine nette Arbeit«, spottete Pilger, »hör, der Meister lässt dich das Pferd führen!«427 »Du Affenschädel, schon wieder redest du solchen Unsinn!« schalt ihn Tripitaka. »So sagten doch die alten Weisen: ›Auch wenn ein Pferd tausend Meilen galoppieren mag, so geht es doch nicht ohne Reiter.‹ Wenn Bajie das Pferd führt, können wir doch alle zusammen gemächlich mit der werten Dame den Berg hinuntersteigen. Vielleicht finden wir irgendwo ein Nonnenkloster, wo wir sie abgeben können. Dann hätten wir sie auch gerettet.« »Ihr habt recht, Meister. Bitte geht voran«, willigte Pilger nun ein. Also schritt Tripitaka voran, Sandmönch schulterte das Gepäck, Bajie nahm das Pferd am Halfter, und so führten sie die junge Frau mit sich. Nach nicht mehr als zwanzig oder dreißig Wegmeilen erblickten sie in der anbrechenden Dämmerung eine Gruppe hoher Gebäude. »Meine Schüler«, sprach Tripitaka, »bestimmt liegt dort drüben ein Tempel oder ein Kloster. Lasst uns da übernachten und morgen weiterziehen.« Als sie bald darauf vor dem Eingang standen, wies Tripitaka seine Schüler an: »Wartet etwas abseits auf mich; ich will erst fragen, ob wir hier übernachten dürfen. Falls es geht, werde ich nach euch schicken lassen.« Also stellten sich die Schüler wartend unter ein paar Weidenbäume, und der Priester schritt auf das Portal zu. Dabei fiel ihm auf, wie verfallen es war und wie schief es in den Angeln hing, alles wirkte verkommen. Wie er die Torflügel aufstieß, sah er: Stille alte Wandelgänge, Öde Hallen ohne Leben; Moosbedeckt der ganze Hof, Unkraut über allen Wegen. Dem Priester wurde ganz trostlos ums Herz. Doch dann nahm er seinen Mut zusammen und schritt durch das zweite Portal. Dahinter erblickte er die Ruinen eines Trommelturms und eines Glockenturms. Am Boden lag eine bronzene Glocke, schon halb in der Erde versunken. Oben war sie weiß wie Schnee, unten blau wie Indigo. Sie musste über Jahre hinweg in Wind und Regen gelegen haben, weshalb der obere Teil vom Regen abgewaschen war, der untere hingegen durch die Feuchtigkeit der Erde Patina angesetzt hatte. Tripitaka legte die Hand auf die Glocke und seufzte tief. Da gab die Glocke einen Schall von sich, und Tripitaka fuhr zusammen. Es hatte nämlich weiter hinten ein Klosterdiener gestanden, der sich um Kerzen und Weihrauch kümmerte, und als dieser jemanden hatte sprechen hören, hatte er ein Stück Ziegel genommen und an die Glocke geworfen. Daher rührte der Klang. »O Glocke!« rief Tripitaka schauernd, »ist es etwa, weil Auf diesem Weg nach Westen Niemand hier erschienen ist, Dass du nach vielen Jahren Zu einem Geist geworden bist?« Da trat der Klosterbruder vor, fasste Tripitaka am Arm und sprach: »Fürchtet Euch nicht, werter Herr. Das war kein Spuk; ich habe die Glocke angeschlagen.« Tripitaka blickte in ein finsteres, unschönes Gesicht und rief aus: »Bist du ein Gespenst, ein Ungeheuer? Wisse, ich bin kein Gewöhnlicher: Ich komme aus dem chinesischen Kaiserreich und habe Schüler bei mir, die Drachen und Tiger zu bändigen wissen. Wenn du mir etwas antun willst, so ist es um dein Leben schlecht bestellt!« Da kniete der Klosterbruder vor ihm nieder und sprach: »Werter Herr, ich bin kein Ungeheuer. Ich lebe hier als Klosterdiener. Eben hörte ich Euch sprechen und wollte Euch eigentlich gebührend empfangen, werter Herr. Nur fürchtete ich meinerseits, Ihr könntet ein Gespenst sein. Darum habe ich zuerst ein Ziegelstück an die Glocke geworfen, um meine Angst zu mildern. Dann erst habe ich mich herangetraut. Bitte, werter Herr, tretet ein!« Nun fasste sich der Priester und sprach: »Werter Vorsteher, Ihr habt mich zu Tode erschreckt. Bitte führt mich hinein.« Der Klosterdiener geleitete Tripitaka durch das dritte Portal ins Innere des Klosters, wo es auf einmal ganz anders aussah. Hier sah man: Blaue Wände, grüne Ziegel, Alle Hallen schön geschmückt; Mit Achaten, Gold und Jade Sind die Paravents besetzt. Hinten ist die halbe Wand Von Lampions beschienen; Durch den ganzen Innenhof Die Weihrauchdüfte ziehen. Bei diesem Anblick rief Tripitaka verwundert aus: »Warum ist denn bei Euch der vordere Teil so verkommen und der hintere so schön?« Der Klosterbruder lächelte und sprach: »Werter Herr, in diesem gebirgigen Landstrich gehen viele Dämonen um, außerdem gibt es Räuberbanden, die bei schönem Wetter auf Raubzug gehen und sich bei schlechtem Wetter hier im Tempel verstecken. Sie haben hier schon Statuen vom Sockel gestürzt und haben alles, was aus Holz ist, zum Feuermachen benutzt. Unsere Mönche sind ihnen nicht gewachsen und wagen auch nicht, mit ihnen zu diskutieren. So haben wir schließlich die vorderen Gebäude den Banditen überlassen und den hinteren Teil mit Spendengeldern ausgebaut.« »So verhält sich das also«, meinte Tripitaka. Im Weitergehen las er über einem Toreingang fünf große Schriftzeichen: » 鎮海禪林寺 – Kloster zur Beherrschung des Ozeans«. Als er über die Schwelle trat, sah er auf einmal einen Geistlichen daherkommen. Seht, wie dieser aussah: Den bestickten Sammethut Ziert die Nadel linker Hand; Ein Paar Bronzeringe ziehen Die zwei Ohrenläppchen lang. Seine lange Priesterrobe Ist aus Wollengarn gemacht; Und die beiden Augen leuchten Silberhell aus dem Gesicht. Mit der einen Hand bewegt er Eine kleine Rasseltrommel; Dazu hört man unverständlich Ihn Sanskrit-Gebete murmeln. Tripitaka konnte nämlich Dies noch nicht verstehen: Das hier war ein Lamaist, Wie wir sie im Westen sehen! Beim Herantreten ließ der Lama seinen Blick auf Tripitaka weilen, der mit seinen schönen, klaren Augen, einer hellen Stirn, nahezu schulterlangen Ohrläppchen und zu den Knien reichenden Armen aussah wie ein leibhaftiger Arhat. Darum fasste er ihn nun freudig lächelnd am Arm, berührte seine Hände und Füße, fasste an seine Nase und zupfte ihn an den Ohren, um seine Sympathie zu bekunden. Dann geleitete er ihn in die Abtei, und nachdem sich beide voreinander verneigt hatten, fragte er: »Wo kommt Ihr denn her, werter Priester?« Tripitaka antwortete: »Geringer Jünger ist im Auftrag des Kaisers von China unterwegs zum Tempel des Donnergrollens, um Buddha zu huldigen und Heilige Schriften zu holen. Da ich zu dieser abendlichen Stunde an Eure werte Stätte gelangen durfte, möchte ich Euch bitten, in diesem ehrenwerten Tempel eine Nacht verbringen zu dürfen. Morgen würde ich dann zeitig wieder aufbrechen. Ich hoffe sehr auf Euer Entgegenkommen.« Da lachte der Lama auf und rief: »Das kann doch gar nicht sein! Jünger Buddhas sollten keine Worte reden, die nicht der Wahrheit entsprechen!« »Meine Worte sind ganz aufrichtig«, beteuerte Tripitaka. »Aber zwischen dem Osten und dem Westen liegt doch ein unermesslich weiter Weg«, wandte der Lama ein, »alle Gebirge sind voller Dämonen, in allen Höhlen hausen Ungeheuer. Ihr alleine unterwegs, und noch dazu von solch sanfter Art, so sieht doch kein Schriftenholer aus!« »Da habt Ihr nicht unrecht, werter Abt, denn alleine wäre ich geringer Mönch niemals bis hierher gelangt. Ich habe drei Schüler, die mir in den Gebirgen den Weg weisen, mich sicher über Gewässer führen und mir stets schützend beistehen. Nur dank ihnen konnte ich bis zu Eurem ehrenwerten Tempel gelangen.« »Und wo befinden sich denn die werten Schüler?« »Zur Zeit warten sie draußen beim Eingangstor.« Da meinte der Lama erschrocken: »Aber Meister, hier gibt es doch gefährliche Wölfe und Tiger und sogar Dämonen! Selbst bei Tage wagen wir uns nicht weit weg, und nachts verschließen wir stets alle Pforten. Wie könnt Ihr Eure Leute zu dieser späten Stunde draußen stehen lassen!« Unverzüglich wies er an, die Schüler bitten zu lassen. Zwei junge Mönche liefen nach draußen, doch als sie dort Pilger erblickten, wären sie vor Schreck schier umgefallen. Gleich darauf bemerkten sie Bajie und kamen abermals ins Straucheln. Kaum konnten sie sich wieder auf den Beinen halten, stürzten sie zurück und riefen: »O Herr, es ist etwas Schlimmes passiert! Eure Schüler sind nicht mehr da, nur drei oder vier Ungeheuer stehen vor dem Tor!« »Wie sehen sie denn aus?« fragte Tripitaka. »Der eine sieht aus wie der Donnergott, der andere hat eine Schnauze wie ein Mühlenrad, der Dritte ein grünes Gesicht und schreckliche Zähne. Bei ihnen steht noch eine junge Frau, die sieht allerdings recht hübsch aus.« Da lachte Tripitaka und sprach: »Ihr habt sie nur nicht erkannt. Die drei Hässlichen sind meine Schüler. Die Frau habe ich vor kurzem im Kiefernwald gerettet.« »Aber, werter Herr«, riefen da die jungen Mönche, »wie kann ein so gepflegter Meister derart unansehnliche Schüler haben?« »Unansehnlich sind sie schon, doch auch äußerst nützlich«, erklärte Tripitaka. »Geht gleich noch einmal hin und bittet sie herein. Beeilt euch, sonst dringt der mit dem Donnergottgesicht noch mit Gewalt ein. Er ist nicht von menschlichen Eltern aufgezogen worden und macht leicht Ärger.« Da eilten die beiden Mönche abermals hinaus und riefen: »Werte Herren! Der werte Herr aus China lässt bitten!« Nun gingen sie der Reihe nach hinein, vorne Bajie mit dem Pferd, hinter ihm Sandmönch mit dem Gepäck, und zuhinterst folgte Pilger, um die junge Frau in ihrer Mitte zu behalten. An den Ruinen vorbei kamen sie schließlich durch das dritte Tor in den Hof, wo sie das Pferd anbanden, ihre Bündel niederlegten und sich in die Abtei begaben. Dort begrüßten sie den Lama, und jeder bekam einen Sitzplatz angeboten. Bald darauf ging der Lama zu den hinteren Kammern und brachte an die achtzig junge Mönche mit nach vorn. Es folgten die üblichen Begrüßungsriten, dann wurde aufgeräumt und ein Klostermahl hergerichtet. So war es in der Tat: Gute Taten zu vollbringen Muss auf Menschenliebe gründen; Wo des Buddhas Lehre blüht, Lobt ein Mönch den andern. Und da wir nicht wissen, wie sie diesen Tempel wieder verließen, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第081回 / 81. Kapitel Der Herzensaffe weiß im Kloster um den Dämon / Im Kiefernwalde suchen drei nach ihrem Meister Wie berichtet wurde, waren Tripitaka und seine Schüler ins »Kloster zur Beherrschung des Ozeans« gekommen, und die Mönche hatten ihnen eine Mahlzeit zubereitet. Die vier Pilgernden sättigten sich, und auch die junge Frau nahm etwas zu sich. Als die Dämmerung anbrach und in der Abtei ein Licht angemacht wurde, scharten sich die Mönche dicht gedrängt um die Laterne, zum einen um den chinesischen Priester über seine Reise zu den Heiligen Schriften zu befragen, zum anderen um einen Blick auf die junge Frau zu erhaschen. Tripitaka wandte sich an den Lama und fragte: »Werter Abt, wie steht es um den Weg nach Westen, wenn wir morgen von Eurem werten Kloster aus weiterziehen?« Der Lama aber fiel vor ihm auf die Knie, worauf ihm der Priester erschrocken aufhalf und rief: »Steht auf, werter Abt! Ich wollte Euch nur nach dem Weg fragen; warum vollzieht Ihr diesen Ritus?« Da antwortete der Lama: »Wenn Ihr morgen nach Westen zieht, werter Meister, kommt Ihr auf einen ebenen, sicheren Weg, da braucht Ihr Euch keine Sorgen zu machen. Nur ist da noch eine Sache, die uns peinlich ist: Die werten Meister können gut in den Klausen unserer jungen Lamas unterkommen, doch mit der Unterkunft der geehrten Dame haben wir ein Problem; wir wissen gar nicht, wo sie nächtigen könnte.« »Werter Abt«, sprach Tripitaka, »denkt bitte nicht, wir hätten Unlauteres im Sinne. Wir sind heute früh in dem finsteren Kiefernwald auf diese Frau gestoßen, die dort an einen Baum gebunden war. Eingedenk der Sorge um das Wohl aller Wesen habe ich sie gerettet und mitgenommen. Ihr könnt sie unterbringen, wo es Euch passend scheint.« »Dann möge sie in der Halle der Himmelskönige nächtigen, wenn Ihr so verständnisvoll seid. Wir werden ihr dort eine Strohmatte hinlegen.« »Ja, das ist gut«, stimmte Tripitaka zu. Ein paar junge Lamamönche wurden beauftragt, die Frau in die Halle zu geleiten. Der Priester aber bat die Lamas, die noch in der Abtei waren, abzutreten, und sprach zu Wukong: »Lasst uns zeitig ruhen und morgen beizeiten aufstehen.« So begaben sich alle zum Nachtlager und legten sich schlafen. Bei Tagesanbruch stand Pilger auf, hieß Bajie und Sandmönch Gepäck und Pferd bereitstellen und den Meister zur Weiterreise bitten. Der Priester jedoch lag noch immer in tiefem Schlaf. Schließlich ging Pilger zu ihm hin und rief: »Meister!« Da hob der Priester den Kopf, gab aber keine Antwort. »Was ist denn, Meister?« fragte Pilger. »Warum ist mir nur so schwindlig?« stöhnte der Priester, »es schmerzt mich am ganzen Körper.« Bajie streckte die Hand aus und befühlte des Meisters Stirn. Er hatte tatsächlich leicht Fieber. »Ich weiß, warum«, lachte der Tölpel, »Ihr müsst Euch gestern übergessen haben, weil es umsonst zu essen gab!« »Nein«, erwiderte Tripitaka. »Ich muss mich erkältet haben, als ich in der Nacht ohne Kopfbedeckung hinausging, um mich zu erleichtern.« »Könnt Ihr denn weiterreisen?« fragte Pilger. »Ich kann mich ja nicht einmal aufsetzen«, meinte Tripitaka, »wie soll ich mich so im Sattel halten? Aber nun versäumen wir wieder unnötig Zeit!« »Ach Meister, sprecht jetzt nicht davon; was ist schon daran, ein paar Tage Geduld zu üben, wenn Ihr Euch unwohl fühlt!« versetzte Pilger. Also kümmerten sich die drei Ordensbrüder um ihren Meister, derweil der Morgen zum Mittag wurde und schließlich der Abend dämmerte, und als eine friedliche Nacht um war, brach schon wieder ein neuer Morgen an. So flog die Zeit dahin, und ehe man sich’s versah, waren drei Tage um. Am dritten Tag richtete sich der Priester auf, rief nach Wukong und fragte: »Die letzten Tage war ich so krank, dass ich ganz vergessen habe, dich zu fragen, wie es eigentlich mit der jungen Frau steht. Hat man ihr denn zu essen gebracht?« »Ach, sorgt Euch doch nicht darum«, lachte Pilger, »kümmert Euch lieber um Eure eigene Gesundheit.« »Dann hilf mir bitte, mich aufzusetzen, und hole Papier, Pinsel und Tusche. Im Kloster kannst du mir einen Reibstein ausleihen.« »Wozu das?« fragte Pilger. »Ich will einen Brief aufsetzen und mit dem Reisepass zusammen in einen Umschlag legen. Das sollst du nach Chang’an zu Kaiser Taizong bringen.« »Keine Sache«, antwortete Pilger, »in anderen Belangen mag ich alter Sun weniger tauglich sein, doch was das Überbringen von Briefen anbelangt, bin ich die Nummer eins auf der Welt. Ihr braucht den Brief bloß schön säuberlich in den Umschlag zu stecken, dann sause ich im Wolkenüberschlag nach Chang’an, gebe ihn dem Kaiser von China, und bin im nächsten Wolkenüberschlag wieder zurück, noch bevor die Tusche am Pinsel getrocknet ist! Aber wieso wollt Ihr eigentlich einen Brief schreiben? Lasst erst mal hören, was Ihr zu schreiben gedenkt!« Da sprach der Priester unter Tränen: »Ich will schreiben: Untertäniger Priester grüßt Mit drei Kotaus die Majestät! Es lebe unser Heiliger Herr Zehntausend Jahre wohl und gut! Auf Seiner Majestät Geheiß Verließ ich einst das Ostgebiet; Hoffend, den Erhabenen Zu schauen auf dem Seelenberg. Jedoch kam ich unverhofft Auf der Reise in Gefahr, Ach, dass mir auf dem halben Weg Dieses Unglück widerfuhr! Krank liegt Euer Mönch darnieder, Kann unmöglich weitergehn, Und das Tor zu Buddhas Lehre Liegt wie das des Himmels fern. Es verwehrt mein Los die Schriften, Fruchtlos alle Mühen enden; Darum bitte ich ergebenst, Einen anderen zu senden!« Als Pilger das gehört hatte, brach er in lautes Gelächter aus und rief: »Meister, Ihr seid so was von kleinmütig! Wegen dem bisschen Krankheit kommt Ihr gleich auf solche Gedanken! Falls Ihr wirklich mal sterbenskrank seid, braucht Ihr Euch doch bloß an mich zu wenden; ich alter Sun weiß genau, was zu tun ist. Ich werde nämlich einfach fragen: ›Welcher Höllenfürst hat sich zu dieser Idee verstiegen? Welcher Höllenrichter wagt es, dafür seine Stimme einzulegen? Welcher Totenschlepper traut sich herzukommen?‹ Und falls sie sich dann noch mit mir anlegen wollen, mache ich es genauso wie damals beim Aufruhr im Himmel, jage einfach mit meiner Stange durch die Hölle, packe alle zehn Höllenkönige beim Kragen und reiße jedem die Sehnen aus dem Leib! Und dabei werde ich es nicht bleiben lassen!« »O mein Schüler, ich bin schwerkrank«, stöhnte Tripitaka, »du solltest dich nicht so groß aufspielen.« »Bruder«, warf Bajie ein, »wenn es unserem Meister wirklich nicht mehr gutgeht, sollten wir uns rechtzeitig um das Begräbnis kümmern.« »Schon wieder dieser Unsinn, du Tölpel!« wies ihn Pilger zurecht. »Du weißt doch, dass unser Meister einst der zweite Jünger des Buddha war, damals Priester Goldzikade genannt. Er muss dieses Leiden nur deshalb durchmachen, weil er damals zu wenig Achtung hatte vor der buddhistischen Lehre.« »Aber Bruder«, erwiderte Bajie, »auch wenn er deshalb in den Osten verbannt wurde, hat er sich doch immerhin die Pflicht auferlegt, in den Westen zu reisen, um die Schriften zu holen. All die Dämonen und Plagen auf dem Weg sind doch schon Leid genug; warum muss er auch noch krank werden?« »Das weißt du eben nicht«, versetzte Pilger. »Damals ist unser Meister während einer Predigt Buddhas eingenickt, und als er zur Seite kippte, trat er mit seinem linken Fuß auf ein Reiskorn. Dafür verdient er in der irdischen Welt eine dreitägige Krankheit.« Da rief Bajie erschrocken: »So wie ich alter Eber beim Fressen nicht aufpasse, müsste ich ja jahrzehntelang krank werden!« »Mit profanen Kreaturen wie dir hat Buddha ohnehin nichts Großes im Sinn«, versetzte Pilger. »Heute ist doch schon der letzte Tag, und morgen geht’s dem Meister wieder gut.« Da sprach Tripitaka: »Heute fühle ich mich anders als gestern. Es ist mir ganz trocken im Hals, und ich habe großen Durst. Bitte bringe mir etwas kaltes Wasser.« »Wenn Ihr nach Wasser verlangt, wird es wieder gut«, freute sich Pilger. »Ich bringe Euch gleich welches.« Er nahm die Almosenschale und ging nach hinten zur Klosterküche. Dabei fiel ihm plötzlich auf, dass alle Mönche gerötete Augen hatten, schluchzten und klagten. »Seid ihr aber kleinlich, ihr Mönche!« rief Pilger. »Wir bleiben doch nur ein paar Tage; beim Abschied werden wir uns gebührend bedanken, die Kosten fürs Essen nach Tagen berechnen und alles begleichen. Tut doch nicht so empfindlich! Hat euch etwa der mit der langen Schnauze alle Vorräte weggefressen?« »Ach, werter Herr!« riefen die Mönche, »wir sorgen uns doch nicht ums Essen. In diesem abgelegenen Kloster leben über hundert Mönche; wenn Euch jeder auch nur einen Tag verpflegt, reichte es für mehr als hundert Tage!« »Worüber heult ihr denn alle?« »Werter Herr, in unserem Tempel muss irgendein Ungeheuer sein. Gestern Abend haben wir zwei junge Mönche geschickt, die Trommel und die Glocke zu schlagen, wir haben auch die Klänge gehört, doch danach sind sie nicht wieder zurückgekommen. Und als wir sie tags darauf gesucht haben, waren im hinteren Tempelhof außer Mützen und Schuhen nur noch die Knochen zu finden; sie sind gefressen worden! In den drei Tagen, seit Ihr hier seid, sind im Kloster schon sechs Mönche verschwunden. Wir können Angst und Trauer einfach nicht mehr zurückhalten. Zwar wollten wir Euch nichts davon sagen, weil Euer werter Meister noch unpässlich ist, aber nun sind uns doch die Tränen hochgekommen.« Pilger hörte das mit Schrecken und Freude zugleich. »Keine Frage«, bestätigte er, »da ist ein Dämon, der Menschen tötet. Ich werde ihn für euch austreiben.« »Werter Herr«, sprachen die Mönche, »Dämonen sind raffinierte Wesen, sonst könnten sie ja auch kein Unwesen treiben. Es muss sich hier um ein Ungeheuer handeln, das auf Wolken fliegen kann und in der Unterwelt ein und aus geht! Aber werter Herr, bitte nehmt es uns nicht übel: Sollte es Euch tatsächlich gelingen, das Ungeheuer gefangenzunehmen und unser geringes Kloster davon zu befreien, wäre das für uns ein unermessliches Glück! Sollte es Euch aber nicht gelingen, so könnte es noch ein bisschen schwierig werden.« »Was meint ihr damit?« »Nun, offen gesagt, werter Herr, wir über hundert Mönche, die hier in diesem entlegenen Gebirge leben, sind alle im Kloster aufgewachsen: Werden uns die Haare lang, Können wir sie stutzen; Kleider, wenn sie durchgewetzt, Bessern wir mit Flicken. Morgens waschen wir uns das Gesicht, Verneigen uns, die Hände vor der Brust, Und geben uns der Großen Lehre hin. Abends zünden wir den Weihrauch an, Rezitieren dann mit frommem Sinn In Gebeten Buddha Amithaba. Darum: Können wir keine Tiger bezwingen, Verstehen nicht, mit Drachen zu ringen, Und wissen weder Ungeheuer Noch Dämonen zu erkennen! Falls Ihr, werter Herr, dieses Ungeheuer nun auch noch zornig machen würdet, könnte es uns womöglich alle zusammen verschlingen. Dann wäre nicht nur unser Leben in dieser Inkarnation vertan, sondern es würde sich auch niemand mehr um unser altes Kloster kümmern. Das ist der Grund, weshalb wir fürchten, es könnte etwas schwierig werden.« Diese Worte brachten Pilger in Rage. »O ihr Ölgötzen von Mönchen!« schrie er, »seht ihr eigentlich nichts als das Ungeheuer? Habt ihr denn noch nie was gehört von der Macht des alten Sun?« »In der Tat, davon wissen wir nichts.« »Dann will ich euch mal was erzählen. Hört gut zu: Ehedem Lebt’ ich auf dem Blumen-Früchte-Berg Und herrschte dort alleine als Despot. Außerdem War ich in den hehren Himmelshallen, Wo ich mal ein Riesenchaos bot! Habe, wenn mich hungerte, Laozis Elixier geklaut, Davon jeweils zwei, drei Stück Gleich mit einem Mal zerkaut. Holte mir zudem im Durste Auch des Jadekaisers Wein, Goss wohl an die sieben Becher Leichter Hand in mich hinein. Ich muss meine Goldpupillen Nur zu einem Blick aufschlagen: Schon wird auch der Himmel blass, Schon wird gar der Mond verlegen! In den Händen schwinge ich Meinen edlen Goldreifstab: Komme unsichtbar daher, Trete spurlos wieder ab. Wozu müßiges Gerede Von den Geistern groß und klein? Sollen diese Tiger, Drachen Noch so übel sein! Ich jage sie mit einem Satz, Da rennen sie, da ducken sie! Ich packe zu mit einem Griff, Erdrücke sie, zerquetsche sie! So ist es doch: Die Kunst der Acht Unsterblichen im Ozean Kann ich allein, mit Zauber sei’s getan! Also schaut ihr Mönche erst mal zu, wie ich das Ungeheuer fange, dann werdet ihr den alten Sun kennenlernen!« Die Mönche, die zugehört hatten, nickten still und meinten: »Dass dieser Mönch den Mund so voll nimmt, muss wohl seine Gründe haben.« Es folgte ein zustimmendes Gemurmel. Einzig der Lamapriester wandte ein: »Bedenkt, dass Euer Meister schwerkrank ist. Solange Ihr das Ungeheuer in einem kurzen Entscheidungskampf überwinden könnt, geht es ja noch, doch es wäre sehr unratsam, wenn Euer Meister in Mitleidenschaft gezogen würde.« »Allerdings, da habt Ihr recht«, lenkte Pilger ein. »Ich will erst mal meinem Meister Wasser bringen, dann komme ich wieder.« Mit beiden Händen trug er eine Schale kühlen Wassers in die Abtei und reichte es dem Meister. Tripitaka, der starken Durst verspürte, legte die Schale an den Mund und leerte sie in einem Zug. Pilger merkte, wie sich der Priester allmählich wohler fühlte und seine Augenbrauen sich glätteten. Darum fragte er: »Meister, möchtet Ihr vielleicht etwas essen?« »Dieses kühle Wasser ist mir wie eine heilende Medizin«, erwiderte Tripitaka, »ich fühle mich schon halb genesen. Doch falls es etwas Reis und Suppe gibt, würde ich es gern versuchen.« Da rief Pilger laut: »Es geht dem Meister wieder gut, er verlangt nach Reis und Suppe!« Eifrig stellten die Mönche mehrere Tische mit fleischlosen Gerichten bereit und brachten sie hinein. Tripitaka nahm allerdings nur eine halbe Schale Nudelsuppe, während Pilger und Sandmönch sich der Gerichte auf einem der Tische bedienten. Alles, was auf den anderen Tischen stand, wurde von Bajie verschlungen. Anschließend räumte man ab, zündete die Laternen an, und die Mönche des Tempels zogen sich zurück. »Wie viele Tage sind wir eigentlich schon hier?« wollte Tripitaka wissen. »Drei volle Tage«, antwortete Pilger. »Da es Euch jetzt bessergeht, könnten wir morgen weiterziehen.« »Ja«, meinte Tripitaka, »es wird wohl nichts ausmachen, wenn die Krankheit noch nicht gänzlich ausgeheilt ist.« »Dann lasst mich aber heut Nacht noch einen Dämon dingfest machen«, bat Pilger. Erschrocken rief Tripitaka: »Was, schon wieder ein Dämon?« »Es ist ein Ungeheuer im Kloster; ich alter Sun will es austreiben.« »Aber mein Schüler!« mahnte Tripitaka, »noch bevor ich ganz genesen bin, kommst du schon wieder auf solche Ideen. Was, wenn dieser Dämon überragende göttliche Kräfte hat und du ihn nicht fangen kannst? Dann werde ich wieder das Nachsehen haben!« »Ihr könnt einem ja den Wind aus den Segeln nehmen!« entfuhr es Pilger. »Überall hab ich alter Sun Dämonen gebändigt, wo habt Ihr jemals gesehen, dass ich unterlegen wäre? Mir gelingt etwas höchstens deshalb nicht, weil ich nichts unternehme. Wenn ich was anpacke, gelingt es auch!« Doch Tripitaka fasste ihn am Arm und sprach: »Hör zu, mein Schüler, halte dich an das Wort: ›Wo man helfen kann, da soll man helfen; Wo man’s lassen soll, da muss man’s lassen. Besser, als sich strapazieren, ist das Meditieren; Edler, als sich schlagen, ist doch das Ertragen!‹« Wie der Große Heilige merkte, dass ihm der Meister unbedingt abraten wollte, meinte er: »Dann will ich es Euch offen sagen, Meister: Der Dämon hat hier bereits Menschen gefressen!« Bestürzt fragte Tripitaka: »Wen denn?« »Während der drei Tage, die wir hier gewesen sind, wurden in diesem Kloster sechs junge Mönche gefressen.« Da sprach der Priester: »Es ist, wie das Sprichwort sagt: ›Wenn der Hase stirbt, trauert auch der Fuchs; jeder hat mit seiner Gattung Mitleid‹. Da es sich um Klosterbrüder handelt, will ich es dir erlauben. Doch hab acht!« »Keine Frage«, gab Pilger zurück. Seht, wie er nun fröhlich grinsend aus der Abtei kommt! Während er auf die Tempelhalle zuging, sah er die Sterne am Himmel. Der Mond war noch nicht aufgegangen, und in der Tempelhalle war es stockfinster. Mit einem Hauch seines Wahren Feuers entzündete er die Kristalllampen, schlug auf der Ostseite die Trommel, auf der Westseite die Glocke, und als die Schläge verklungen waren, verwandelte er sich mit einem leichten Dreh in einen zwölf-, dreizehnjährigen Mönch mit halbseitiger Mönchsrobe aus gelber Seide über einer weißen Kutte. Den Holzfisch schlagend, murmelte er buddhistische Sutren. Erst um die zweite Nachtwache stieg ein bleicher Mond empor. Da strömte auf einmal zischelnd ein leichter Windstoß heran, schwere Düfte von Moschus und Orchideen blieben in der Luft hängen, und man hörte das Klingeln von Jadegehänge. Pilger blickte auf. Oh! Eine wunderschöne Dame kam geradewegs auf die Halle zu. Pilger aber fuhr mit seinem Gemurmel fort und ließ sich nicht aufhalten. Da trat die Dame zu ihm, fasste ihn an der Schulter und fragte: »Was für ein Sutra rezitierst du da, junger Priester?« Da strömte auf einmal zischelnd ein leichter Windstoß heran, schwere Düfte von Moschus und Orchideen blieben in der Luft hängen, und man hörte das Klingeln von Jadegehänge. »Das Sutra zur Bändigung von Dämonen«, gab Pilger zur Antwort. »Alle anderen liegen doch wohlig im Schlaf, wozu jetzt noch rezitieren?« »Hab’s versprochen«, gab Pilger zurück. Da legte ihm die Dame den Arm um die Schulter, gab ihm einen Kuss und sagte: »Komm doch mit mir nach hinten, vergnügen wir uns ein bisschen!« Pilger wandte sich ab und versetzte: »Du bist wohl nicht ganz bei Sinnen!« »Warum nicht bei Sinnen?« entgegnete die Frau, »man sagt doch seit jeher: ›Wenn das Schicksal zwei verbindet, finden sie sich über tausend Meilen.‹ Schau doch, wie schön der Sternenhimmel ist, wie klar der Mond! Lass uns doch im Hinterhof ein bisschen Liebe machen.« Als Pilger das hörte, nickte er im Stillen und dachte: »Die dummen Mönche ließen sich verführen, darum mussten sie ihr Leben lassen. Und jetzt versucht sie gar, mich reinzulegen.« Dann gab er zur Antwort: »Werte Dame, ich bin ein junger Mönch und weiß nichts von Dingen wie Liebe machen.« »Komm nur mit, ich zeig es dir!« Pilger lachte in sich hinein und dachte: »Nun gut, dann geh ich mit und schaue mal, wie sie das anpacken will.« So gingen beide Arm in Arm aus der Tempelhalle zum Hinterhof. Dort aber stellte die Dämonin Pilger ein Bein, dass er stolperte und längelang hinfiel, worauf sie mit lautem »Oh, mein Schätzchen!« nach seinem Geschlecht fasste. »Ha, mein Kind, du hast ja tatsächlich vor, den alten Sun zu fressen!« versetzte Pilger und zog sie mit einem leichten Sturzgriff an der Hand, dass sie schwungvoll am Boden landete. Selbst da fuhr das Ungeheuer noch fort zu rufen: »Oh, mein Schätzchen, du kannst ja gar deine Dame umwerfen!« Da sann Pilger: »Wenn nicht jetzt, wann dann?« Denn so ist es in der Tat: Wer zuerst anpackt, ist stärker. Also nahm er mit einem Satz seine eigene Gestalt an und schwang die Eisenstange. Zuerst erschrak die Dämonin und dachte: »Dieser kleine Mönch ist ja ein starkes Stück!« Doch wie sie genauer hinsah, begriff sie auf einmal, dass es einer der Schüler des chinesischen Priesters war, nämlich derjenige mit Namen Sun. Dennoch blieb sie furchtlos, und schon hatte sie zwei Schwerter zur Hand, mit denen sie sich beiderseits der Stange erwehrte, dass es nur so klirrte. Während die beiden im Hinterhof ihre Zauberkräfte maßen, stieg ein kalter Wind auf, und der Mond verfinsterte sich. Ganz in seinem Element, schwang der Große Heilige zielgenau seine Stange, bis die Dämonin schließlich merkte, dass sie nicht länger standzuhalten vermochte. Sie zog die Brauen zusammen, wandte sich in plötzlicher Entschlossenheit ab und floh. »Halt, du lausiges Ding!« schrie Pilger, »ergib dich!« Doch die Dämonin scherte sich nicht darum. Als Pilger sie beinahe eingeholt hatte, zog sie den bestickten Schuh vom linken Fuß, murmelte einen Zauberspruch und rief: »Verwandlung!« Schon nahm der Schuh ihre Gestalt an und raste mit wirbelnden Schwertern auf Pilger zu, derweil die Dämonin sich ruckartig in einen Windstoß verwandelte, pfeilschnell in die Abtei schoss und Tripitaka mit sich riss. Einen Augenblick später war sie schon beim Einsturzberg und schlüpfte in die Bodenlose Grotte. Wie sie dort ihrem Gesinde befahl, auf der Stelle ein Hochzeitsbankett herzurichten, sei hier nicht weiter ausgeführt. Berichten wir stattdessen von Pilger, der verbissen weiterkämpfte, bis er nach einem Scheinschlag in die Höhe sprang und das Ungeheuer erschlug. Da war es nichts als ein bestickter Schuh. Pilger begriff, dass er auf einen Trick hereingefallen war, wandte sich sofort ab und eilte zum Meister. Doch wo sollte da noch ein Meister sein? Er fand nur den Tölpel und Sandmönch, die etwas vor sich hin brummelten. Pilger geriet derart in Rage, dass er ohne jede Rücksicht mit seiner Stange um sich drosch und in einem fort schrie: »Ich bringe euch um! Ich bringe euch um!« Entsetzt wollte der Tölpel die Flucht ergreifen, doch es gab keinen Ausweg. Sandmönch hingegen, der ja als General vom Seelenberg429 reichlich Erfahrung hatte, war gefasster und versuchte es auf die weiche Tour, indem er vor Pilger niederkniete und sprach: »Werter Bruder, ich weiß, du willst uns erschlagen, damit du nach Hause gehen kannst, ohne noch den Meister retten zu müssen.« »Wenn ich euch erschlagen habe, rette ich den Meister alleine!« »Was sind das denn für Worte von unserem werten Bruder«, lachte Sandmönch, »ohne uns beide wäre es, wie das Sprichwort sagt: ›Aus einer Seidenfaser wird kein Garn; von einer Hand allein ertönt kein Klatschen.‹ Werter Bruder, wer soll denn auf das Gepäck und auf das Pferd schauen? Denk doch lieber daran, wie einst Guan Zhong und Bao Shuya sich das Geld teilten, statt es so zu machen wie Sun Bin und Pang Juan, deren Kameradschaft in Fehden endete! So heißt es doch seit alters her: ›Um einen Tiger zu erlegen, verlässt man sich am besten auf die Brüder; um eine Schlacht zu gewinnen, schickt man am besten Vater und Sohn.‹ Ich bitte unseren werten Bruder, uns zu verschonen. Morgen wollen wir mit dir als ein Herz und eine Seele unseren Meister suchen!« Pilger war ein reizbarer Charakter, doch er konnte ebenso Einsicht zeigen. Darum besann er sich nun und meinte: »Dann steht mal auf und helft morgen nach Kräften mit, wenn wir den Meister suchen gehen.« Als der Tölpel sah, dass er verschont blieb, hätte er Pilger am liebsten das Blaue vom Himmel versprochen und rief: »O Bruder, ich alter Eber nehme das alles auf meine Schultern!« In dieser Nacht fanden die drei Brüder keinen Schlaf. Unruhig warteten sie den Morgen ab und machten sich zum Aufbruch bereit. Schon kamen Klosterbrüder und fragten: »Wo ist denn euer werter Meister?« »Schwer zu sagen«, lachte Pilger, »als ich euch gestern versprach, den Dämon auszutreiben, habe ich zu groß angegeben. Jetzt ist das Ungeheuer immer noch nicht gefasst, und auch unser Meister ist verschwunden. Wir gehen ihn jetzt suchen.« »Werter Herr, nun ist Euer Meister wegen einer kleinen Sache in große Schwierigkeiten geraten!« meinten die Mönche verängstigt und fragten: »Wo wollt Ihr ihn denn suchen?« »Es wird sich schon was finden«, gab Pilger zurück. In aller Eile trugen die Mönche mehrere große Schüsseln Reis und Suppe herbei. Nachdem Bajie sich gesättigt hatte, meinte er: »Gute Mönche! Sobald wir den Meister gefunden haben, statten wir euch noch mal einen Besuch ab.« »… willst du dich hier noch mal satt essen«, korrigierte Pilger und meinte: »Geh mal zur Halle der Himmelskönige und schau, ob die Dame noch da ist.« Da antworteten die Mönche: »Sie ist nicht mehr da, werter Herr. Schon nach der ersten Nacht ist sie verschwunden.« Pilger kicherte vergnügt. Dann bedankte er sich und verabschiedete sich von allen Mönchen, hieß Bajie und Sandmönch Gepäck und Pferd hinausführen und schritt dann gen Osten voran. »Bruder, du bist falsch!« rief Bajie, »warum gehst du nach Osten?« »Was hast du für eine Ahnung«, rief Pilger, »die Frau, die vor ein paar Tagen im Kiefernwald angebunden war, hab ich alter Sun doch längst erkannt! Ihr aber wolltet sie unbedingt für einen guten Menschen halten! Sie war es, die die Mönche gefressen hat, und sie ist es auch, die unseren Meister entführt hat. Da habt ihr ja eine nette Dame gerettet! Und weil sie jetzt den Meister entführt hat, müssen wir eben auf demselben Weg zurück, wie wir gekommen sind.« Da erst nickten die beiden seufzend und eilten mit ihm auf den Wald zu. Doch sie fanden nicht die geringste Spur. Pilger war wie auf glühenden Kohlen, vor lauter Wut packte er seine Stange und verwandelte sich mit einem Ruck in ein Monster mit drei Köpfen und sechs Armen. Mit drei wirbelnden Eisenstangen stürmte er durch den Wald und hieb alles kurz und klein. »Sandmönch«, meinte Bajie, der ihm nachblickte, »unser Bruder ist total verrückt geworden, weil er den Meister nicht finden kann.« Pilger aber, der durch den Wald tobte, hatte unversehens zwei Greise aufgeschreckt, nämlich den Berggott und den Erdgeist. Diese knieten nun vor ihm nieder und riefen: »Großer Heiliger! Berggott und Erdgeist begrüßen Euch!« »Na schön!« meinte Bajie, »da hat er immerhin zwei Geister rausgehauen! Wenn er noch mal so eine Strecke wütet, kommt wohl gar der Große Unglücksstern daher!« »Berggott! Erdgeist!« schrie Pilger, »wie ich höre, steckt ihr mit einer Räuberbande unter einer Decke. Wenn die Räuber was erbeutet haben, kaufen sie euch Schweine und Schafe als Opfergaben. Und außerdem habt ihr zusammen mit einem Ungeheuer meinen Meister entführt! Wo ist er jetzt? Rückt sofort mit der Wahrheit raus, dann erspart ihr euch die Prügel!« Bestürzt sprachen die Geister: »Großer Heiliger, Ihr beschuldigt uns zu Unrecht. Das Ungeheuer wohnt nicht auf unserem Berg. Weil es aber öfter des Nachts als Windstoß vorbeirauscht, ist geringen Geistern das eine oder andere bekannt geworden: Es haust tausend Meilen südlich von hier, auf einem Berg, der ›Einsturzberg‹ genannt wird, und darin gibt es eine Höhle mit dem Namen ›Bodenlose Grotte‹. Das Ungeheuer, das hier in verwandelter Gestalt aufgetaucht ist und Euren Meister entführt hat, kommt von dort.« Diese Worte beunruhigten Pilger. Er schickte die beiden Geister weg, legte seine Verwandlung ab und erschien wieder in seiner eigenen Gestalt. Dann rief er Bajie und Sandmönch zu: »Der Meister ist weit weg!« »Wenn’s weit ist, fliegen wir ihm eben nach!« gab Bajie zurück. Schon stob Bajie einem Sturmwind gleich in die Höhe, gefolgt von Sandmönch, der ebenfalls auf eine Wolke stieg. Ja sogar das weiße Pferd, das ursprünglich ein Drachensohn gewesen war, erhob sich mitsamt Gepäck auf zu Wind und Nebel. Zuletzt schoss Pilger in seinem Wolkenüberschlag schnurstracks gen Süden. Es dauerte nicht lange, da gewahrten sie einen großen Berg, der hoch in den Himmel aufragte. Da senkten alle drei ihre Wolken und landeten auf dem Gipfel. Pilger aber rief Sandmönch zu: »Wir beide bleiben erst mal hier, derweil soll Bajie runterlaufen und ausfindig machen, ob es da wirklich eine Grotte gibt. Anschließend können wir dann zusammen den Meister suchen.« Der Tölpel warf seinen Rechen nieder, schüttelte sein Gewand, dann lief er mit leeren Händen den Hang hinunter und suchte nach einem Weg. Und da wir nicht wissen, ob dieser Gang gut oder schlecht endete, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第082回 / 82. Kapitel Die Jungfrau trachtet nach Yang / Der Urgeist beschützt den Weg Erzählen wir also weiter, wie Bajie den Berghang hinunterrannte, wo er bald einen Pfad entdeckte, dem er folgte. Nach fünf, sechs Meilen erblickte er auf einmal zwei Dämoninnen, die gerade an einem Brunnen Wasser schöpften. Woran er erkannte, dass es Dämoninnen waren? Weil ihm auffiel, dass sie unter ihren Käppchen aus Bambusgeflecht einen völlig unzeitgemäßen, mit Schmuck besteckten Kopfputz trugen, der eine Elle und zwei, drei Zoll hoch aufragte! Der Tölpel ging auf sie zu und rief: »Ungeheuer!« Aufgebracht meinten die beiden zueinander: »Was für ein unverschämter Mönch! Wir kennen ihn nicht, haben nichts Schlechtes über ihn gesagt, und er ruft uns einfach ›Ungeheuer‹!« Schon packten sie ihre Tragstangen, die sie zum Wasserholen benutzten, und schlugen auf ihn ein. Bajie, der keine Waffe bei sich hatte, konnte sich nicht wehren, und als er einige Schläge eingesteckt hatte, rannte er mit den Händen über dem Kopf den Hang hinauf und schrie: »O Bruder, schnell weg von hier! Die Ungeheuer sind böse!« »Wie denn?« fragte Pilger. »Da unten im Tal waren zwei Furien, die an einem Brunnen Wasser schöpften. Ich habe sie bloß gerufen, da haben sie mir mit ihren Tragstangen gleich drei, vier Mal auf den Kopf gehauen!« »Was hast du denn gerufen?« wollte Pilger wissen. »›Ungeheuer!‹ hab ich gerufen.« Pilger lachte: »Dann haben sie dich ja noch gut behandelt!« »Na danke«, gab Bajie zurück, »ich hab den Schädel voller Beulen, und du sagst, die hätten mich verschont!« »Mit Milde geht es überall; mit Härte keinen Schritt voran«, zitierte Pilger. »Schließlich sind diese Ungeheuer hier zu Hause, wir hingegen kommen aus weiter Ferne und sind fremd hier. Da musst du dich schon ein bisschen freundlich zeigen, selbst wenn du ringsum bewaffnet sein solltest! Ist doch klar, dass sie dich verhauen, wenn du einfach so ›Ungeheuer‹ rufst. Wen sollen sie sonst verhauen? Hast du denn noch nie davon gehört, dass ›der Mensch die Riten und die Musik voranstellt‹?«433 »Nein, das habe ich noch nie gehört«, meinte Bajie. »Nun, du bist ja im Gebirge aufgewachsen und hast von klein auf Menschen gefressen«, fuhr Pilger fort, »dann weißt du doch immerhin, dass es zwei Arten von Holz gibt?« »Nein, was für Holz?« »Zum einen das von der Pappel, zum anderen das vom Sandelbaum. Pappelholz ist weich, darum schnitzen geschickte Handwerker daraus Heiligenfiguren und sogar Statuen des Buddha Tathagata. Diese werden dann mit Goldpulver bestäubt, geschmückt und mit Edelsteinen besetzt, und es kommen Tausende und Abertausende von Gläubigen, sich davor zu verneigen und Weihrauch zu opfern. So kommt diesem Holz ein unermessliches Glück zu. Sandelholz hingegen ist hart und fest, darum werden daraus Keile für Ölpressen hergestellt. Die werden dann oben mit einem eisernen Ring befestigt und unten mit einem schweren Eisenhammer eingeschlagen. Nur weil es so hart ist, muss es diese Qualen erleiden.« »Ach Bruder«, meinte Bajie, »hättest du mir das doch früher gesagt, dann hätte ich keine Schläge abgekriegt.« »Geh doch noch mal hin und frag nach.« »Aber jetzt kennen sie mich doch!« »Dann verwandle dich!« »Nun gut, aber wie soll sie ich fragen?« »Erst gehst du auf sie zu und machst eine artige Verbeugung. Dabei musst du auf ihr Alter achten: Sind sie etwa gleich alt wie wir, dann redest du sie mit ›Schwester‹ an, sind sie älter, nennst du sie ›Mütterchen‹.« »So ein Schmarren!« versetzte Bajie, »wie soll ich auf Distanz sehen, ob die mit mir verwandt sind?« »Es geht doch nicht darum, ob sie mit dir verwandt sind! Die richtige Anredeform sollst du benutzen! Dann kommen wir leichter ran, falls sie denn unseren Meister geschnappt haben. Und falls es nichts mit ihnen zu tun haben sollte, brauchen wir uns auch nicht unnütz aufzuhalten!« »Du hast recht«, meinte Bajie, »dann geh ich mal.« Er steckte sich seinen Rechen in den Gürtel, und während er dem Tal zuging, verwandelte er sich mit einem leichten Dreh in einen feisten Mönch mit dunklem Gesicht. Dann ging er mit ausholenden Schritten auf die Damen zu, verbeugte sich tief und sprach: »Mütterchen, geringer Mönch grüßt euch ehrerbietig.« Da meinten die beiden zueinander: »Dieser Mönch ist aber nett.« Und sie fragten: »Von wo kommt Ihr denn, werter Priester?« »Von wo«, gab Bajie zur Antwort. »Und wohin seid Ihr unterwegs?« »Wo hin«, machte Bajie. »Und wie ist Euer Name?« »Wie ist mein Name.« Da lachten die Ungeheuer und meinten: »Nett ist er schon, nur hat er keine Herkunft und sagt einem alles nach.« Da fragte Bajie: »Wozu schöpft ihr hier Wasser, Mütterchen?« »Ihr müsst wissen, werter Priester, unsere Herrin hat in der Nacht einen chinesischen Mönch in unsere Grotte gebracht, den will sie jetzt bewirten. Weil das Wasser in der Grotte nicht so sauber ist, hat sie uns hierher geschickt, von dem guten Wasser zu schöpfen, das von Yin und Yang gezeugt ist. Dann gibt es ein vegetarisches Hochzeitsbankett, und am Abend werden sie ein Ehepaar!« Als der Tölpel dies vernommen hatte, stürmte er den Hang hinauf und schrie Sandmönch zu: »Hol das Gepäck, wir teilen es auf!« »Wozu denn das, zweiter Bruder?« fragte Sandmönch. »Unser Meister hat in der Grotte dieser Ungeheuer geheiratet. Jetzt müssen wir uns selbst einen Lebensunterhalt suchen!« »Was für einen Unsinn dieser Tölpel wieder von sich gibt«, warf Pilger ein, »da ist unser Meister in der Grotte gefangen und wartet hilflos darauf, dass wir ihn rausholen, und du sagst solche Worte!« »Wie denn rausholen?« fragte Bajie. »Wir folgen einfach den beiden Ungeheuern. Die weisen uns doch geradezu den Weg! Sobald wir am Eingang sind, können wir zusammen Hand anlegen.« Tatsächlich fügte sich Bajie, und so gingen sie in einiger Entfernung den Ungeheuern hinterher. Es ging immer tiefer ins Gebirge hinein, bis sie nach zehn, zwanzig Meilen die Ungeheuer plötzlich aus dem Blick verloren. Erschrocken rief Bajie: »Unser Meister ist einem Phantom in die Falle gegangen!« »Woher willst du das wissen?« fragte Pilger. »Eben waren die beiden Ungeheuer noch mit ihren Wasserkübeln unterwegs, jetzt sind sie plötzlich weg. Was kann das anderes sein als ein Phantom!« »Ich denke eher, sie sind in irgendeinem Loch verschwunden«, meinte Pilger. »Lass uns mal nachschauen!« Mit weit offenen feurigen Goldaugen ließ der Große Heilige seinen Blick über das Gebirge schweifen. Es regte sich tatsächlich nichts mehr. Doch vor einem steilen Felshang fiel ihm ein bizarrer Hügel auf, vor dem ein hübsch verzierter Torbogen mit dreilagiger Bedachung stand. Oben war in sechs großen Schriftzeichen zu lesen: » 陷空山無底洞 – Bodenlose Grotte am Einsturzberg«. »Seht doch, Brüder!« rief Pilger, »dort hat sich das Ungeheuer verschanzt. Wir müssen nur noch rausfinden, wie man da hineinkommt.« Als er um den Torbogen herumging, erblickte er am Fuß des Hügels einen etwa zehn Meilen weiten Felsboden, und genau in der Mitte war ein Loch, das ganz blankgewetzt war. »Schaut, bei diesem Loch gehen die Ungeheuer ein und aus!« rief Bajie. »Seltsam«, wunderte sich Pilger, »seit ich alter Sun den Priester aus China beschütze, habe ich ja schon einige Dämonen bezwungen, doch einen solchen Grotteneingang habe ich noch nie gesehen. Bajie, geh du mal runter und schau nach, wie tief es ist! Anschließend werde ich hineingehen und den Meister retten.« »Nein, das ist mir zu schwierig«, wehrte Bajie ab, »dazu bin ich alter Eber viel zu ungelenk! Was tun, wenn ich plötzlich ins Leere trete? Das würde doch Jahre dauern, bis ich unten ankomme!« »So tief soll dieses Loch sein?« wunderte sich Pilger. »Schau doch mal!« rief Bajie. Da beugte sich der Große Heilige über den Rand der Öffnung und spähte nach unten. Oh! Es war wirklich tief und maß an die dreihundert Meilen im Umfang. Aufblickend rief seinen Ordensbrüdern zu: »Tatsächlich, das sieht bedenklich tief aus!« »Dann lass uns doch gehen, so können wir den Meister nicht mehr retten«, meinte Bajie. »Was kommt dir in den Sinn!« schalt Pilger. »Gib dich nicht der Faulheit hin, lass dich jetzt nicht gehen! Such lieber einen Platz für Gepäck und Pferd, dann könnt ihr beide hier am Eingang Wache halten, während ich mich drinnen umsehe. Falls unser Meister wirklich da unten ist, werde ich das Ungeheuer zum Ausgang jagen, damit ihr es hier stellen könnt. Auf diese Weise spielen wir uns von drinnen und draußen in die Hände. Erst wenn das Ungeheuer erledigt ist, können wir unseren Meister retten.« Die beiden versprachen zu tun wie geheißen. Pilger aber sprang in die Höhle und ließ unter seinen Füßen weiche Wolken entstehen, auf denen er immer weiter ins Innere schwebte. Bald wurde es heller, die Sicht klärte sich auf, ja es gab sogar Sonnenschein und Wind, genau wie oben auf der Erde, selbst Blumen, Gräser und Bäume wuchsen hier. »Was für ein hübscher Ort«, meinte Pilger bewundernd, »das ist ja so was wie ein Grottenhimmel in gesegneten Landen!« Ringsum spähend gewahrte er nun zwischen Pinien und Bambusstauden ein Portal mit zweifacher Bedachung, hinter dem mehrere Gebäude zu erkennen waren. »Das muss der Wohnort dieses Ungeheuers sein«, sann er. »Da will ich doch gleich mal in Verwandlung reingehen und mich ein bisschen umschauen.« Mit einem leichten Dreh und einem magischen Fingerzeichen nahm er die Gestalt einer Fliege an und schwirrte ungehindert hinein. Da erblickte er in einem strohbedeckten Pavillon thronend die Dämonin, diesmal noch feiner herausgeputzt, als er sie im Tempel gesehen hatte. Pilger horchte eine Weile. Schließlich sah er, wie sie ihre roten Kirschenlippen öffnete und mit heiterer Stimme rief: »Dienerinnen! Bereitet sofort ein vegetarisches Mahl zu; nach dem Essen will ich mich mit dem chinesischen Priester vermählen!« Pilger kicherte in sich hinein und murmelte: »Tatsächlich! Dann will ich mal schauen, wo der Meister ist. Wer weiß, wie ihm zumute sein mag?« Also machte er kehrt und schwirrte tiefer in die Anlage hinein. An einem Korridor im östlichen Teil fand er eine verschlossene Tür vor, und hinter dem hölzernen Gitterwerk, das mit rotem Papier verklebt war, saß Tripitaka! Pilger stürzte durch das Papier ins Innere, landete auf dem kahlen Haupt des Priesters und rief: »Meister!« Tripitaka erkannte seine Stimme und rief: »O mein Schüler, rette mich!« »Meister, die Dämonin hat schon das Hochzeitsbankett bestellt, und wenn Ihr fertiggetafelt habt, sollt ihr ein Ehepaar werden. Dann kommt vielleicht bald ein Knabe oder ein Mädchen zur Welt, das sind dann Eure priesterlichen Nachkommen; was macht Ihr Euch da Sorgen?« Mit zusammengebissenen Zähnen rief der Priester: »Mein Schüler! Wann hätte ich je einen unlauteren Gedanken gehabt, seit ich in den Westen reise? Doch jetzt werde ich von diesem Ungeheuer festgehalten, das mich zwingen will, ihm beizuschlafen. So würde doch meine ursprüngliche Yang-Kraft ausfließen und mein Leib wieder der Reinkarnation anheimfallen. Dann käme ich in die Hölle hinterm Berg der Finsternis und würde nie mehr einen Ausweg aus dem Kreislauf der Wiedergeburten finden!«434 »Nun, wenn dem so ist, will ich alter Sun Euch raushelfen!« lachte Pilger. »Aber ich weiß gar nicht mehr, auf welchem Weg ich hereingekommen bin«, meinte Tripitaka. »Das allein wäre nicht schlimm«, versetzte Pilger, »doch diese Grotte ist ziemlich seltsam. Man kann nicht einfach rein und raus, sondern muss oben rein und sich nach unten fallen lassen. Wenn ich Euch hier rausholen will, müsst Ihr von zuunterst hochsteigen und dann oben rausschlüpfen. Ob Ihr das wirklich schafft, ist noch nicht sicher!« Mit Tränen in den Augen fragte Tripitaka: »Aber was tun wir bloß, wenn es so schwierig ist?« »Keine Sache, keine Sache«, meinte Pilger. »Wenn die Dämonin Euch jetzt zutrinken will, wird Euch vorerst nichts übrigbleiben, als auch eine Schale Wein zu trinken. Anschließend müsst auch Ihr eine Schale anbieten, dabei braucht Ihr nur schnell genug einzugießen, dass sich Bläschen bilden. So kann ich in Gestalt eines winzigen Insekts in eins dieser Bläschen fliegen. Sobald sie mich geschluckt hat, werde ich ihr Herz, Leber und alle anderen Organe zerquetschen. Denn erst wenn dieses Ungeheuer tot ist, könnt Ihr hier entkommen.« »Sei’s drum«, seufzte Tripitaka, »dann komm mit mir.« Wie nun Meister und Schüler ihren Plan besprochen hatten, war auch das Ungeheuer mit allen Vorbereitungen fertig, kam zum Korridor, schloss die Tür auf und rief: »Priester!« Tripitaka traute sich nicht zu antworten. Erst auf den zweiten Ruf kam er nicht umhin und sagte: »Hier, meine Dame.« Da kam die Dämonin auf ihn zu, zog ihn vom Sessel hoch und schmiegte sich eng an ihn. Seht, wie sie vor ihm tänzelt und ihn mit den bezauberndsten Gebärden zu verführen sucht! Wie hätte sie auch Tripitakas Kummer erahnen können. So war es in der Tat: Arglos trifft der wahre Mönch Auf die zauberhafte Maid; Lieblich ist das Ungeheuer, Welch ein graziöser Leib! Zart gezogne Augenbrauen, Feinen Weidenblättern gleich; Ihre frischen runden Wangen Sind wie Pfirsichblüten weich. Kleine Phönixfüßchen lugen Reizvoll aus den Seidenschuhen; Hochgebauscht die langen Haare An den Schläfen dunkel ruhen. So geht sie mit feinem Lächeln Mit dem Priester Hand in Hand, Dass betörendes Parfüm Tief in seine Robe dringt. Die Dämonin führte Tripitaka am Arm zu ihrem strohbedeckten Pavillon und sprach: »Priester, ich habe Wein bestellt, lasst uns hier trinken.« Die Dämonin führte Tripitaka am Arm zu ihrem strohbedeckten Pavillon. »Werte Dame, ich geringer Mönch trinke keinen Alkohol.« »Das weiß ich wohl, deshalb habe ich eigens reines Wasser holen lassen, das durch die Paarung von Himmel und Erde entstanden ist. Dazu gibt es frisches Obst und Gemüse, an dem Ihr Euch laben könnt.« Tripitaka blieb nun nichts anderes übrig, als ihr in den Pavillon zu folgen. Mit ihrer schönen schmalen Hand fasste die Dämonin einen glänzenden Goldkelch, füllte ihn mit edlem Trunk und überreichte ihn Tripitaka mit den Worten: »Mein herrlicher Priester! Trinkt einen Schluck auf unsere Vermählung!« Schamhaft nahm Tripitaka die Schale entgegen und zögerte. Doch da hörte er, wie Pilger an seinem Ohr flüsterte: »Das ist vegetarischer Traubenwein, davon könnt Ihr schon ein bisschen kosten.« Tripitaka musste also wohl oder übel trinken. Dann langte er eilig nach der Weinkanne, goss einen Kelch voll und hielt ihn dem Ungeheuer hin. Tatsächlich hatte sich beim Eingießen eine Blase gebildet; Pilger verwandelte sich in eine winzige Mücke und flog darunter. Die Dämonin nahm den Kelch entgegen, doch statt zu trinken, setzte sie ihn ab und verneigte sich wieder und wieder unter zärtlichem Geflüster vor Tripitaka. Nach weiteren Liebeleien nahm sie endlich den Kelch zur Hand. Doch in der Zwischenzeit war die Blase längst geplatzt, und das Insekt schwamm obenauf. Ohne zu bemerken, dass es sich um eine Verwandlung Pilgers handelte, fischte die Dämonin das Mückchen mit dem kleinen Finger heraus und schnippte es weg. Als Pilger sah, dass die Lage schlecht stand und er schwerlich in ihren Bauch gelangen konnte, verwandelte er sich Hals über Kopf in einen hungrigen Adler, flog auf und segelte mit gespreizten Krallen über den gedeckten Tisch, dass alle Schalen und Teller mit Obst und Speisen klirrend am Boden zerschellten. Dann ließ er Tripitaka alleine zurück und suchte das Weite. Die Dämonin war zutiefst erschüttert. Zitternd klammerte sie sich an Tripitaka und sprach: »Wo kommt nur dieses Ding her, mein Priesterbruder?« Er segelte mit gespreizten Krallen über den gedeckten Tisch, dass alle Schalen und Teller mit Obst und Speisen klirrend am Boden zerschellten. »Geringer Mönch weiß es auch nicht«, entgegnete Tripitaka. »Ich habe mir solche Mühe gegeben, dir diese vegetarischen Speisen anzubieten, und da kommt dieses garstige Federvieh und macht mir das ganze schöne Geschirr kaputt!« »Herrin«, meldeten die Ungeheuer aus ihrem Gesinde, »nun liegen die Speisen im Dreck, so können wir sie nicht mehr servieren!« »Jetzt weiß ich, warum das passiert ist, meine Dienerinnen«, sprach die Dämonin. »Mit der Gefangennahme von Tripitaka habe ich mir den Fluch von Himmel und Erde zugezogen. Darum haben sie dieses Viech hierhergeschickt. Sei’s drum, räumt die Scherben auf und richtet eine neue Tafel mit Wein und Speisen her, egal ob vegetarisch oder nicht. Der Himmel soll uns als Ehemittler gelten; die Erde sei unsere Trauzeugin! Und dann will ich mit dem Priester Hochzeit feiern.« Wie sie nun Tripitaka abermals in der Kammer beim östlichen Korridor warten ließ, sei hier nicht weiter ausgeführt. Wenden wir uns stattdessen Pilger zu, der im Auffliegen seine eigene Gestalt angenommen hatte und beim Ausgang schrie: »Weg frei!« Bajie und Sandmönch hörten es, zogen ihre Waffen zurück, und Pilger sprang heraus. Bajie wollte genau wissen, was geschehen sei, und Pilger stattete ausführlich Bericht ab. Zuletzt meinte er: »Bleibt vorerst hier und haltet weiterhin Wache. Ich alter Sun gehe noch mal hinunter.« Schon wandte er sich ab und sprang in das Loch hinein, wo er abermals in eine Fliege verwandelt auf dem Torbogen landete und horchte. Da hörte er, wie die Dämonin im Pavillon wutschnaubend Anweisungen erteilte: »Bringt alles her, ob vegetarisch oder nicht, und verbrennt dazu Gebetspapiere. Ich nehme mir Himmel und Erde als Vermittler und Zeugen; jetzt will ich mit diesem Priester Hochzeit feiern, koste es, was es wolle!« Pilger lachte vor sich hin: »Dieses Ungeheuer hat ja nicht das geringste Schamgefühl; schließt am helllichten Tag einen Mönch zu Hause ein und will sich seiner bedienen. Nun, da schaue ich gleich noch mal nach, wie es dem Meister geht.« Er surrte zum östlichen Korridor, wo er in der Kammer seinen Meister in Tränen aufgelöst vorfand. Nachdem er sich durch eine Ritze gezwängt hatte, landete er auf Tripitakas Kopf und rief: »Meister!« Sowie der Priester ihn hörte, sprang er auf und rief aufgebracht: »Was spielst du da mit Verwandlungen rum und machst alles kaputt; wozu soll das gut sein! Jetzt ist diese Furie erst recht lüstern und kümmert sich nicht einmal mehr, ob die Speisen fleischlos sind oder nicht. Und sie will unter allen Umständen, dass ich ihr beischlafe! Wie soll das bloß weitergehen?« Pilger grinste versöhnlich und meinte: »Nehmt es mir nicht übel, Meister. Ich weiß, wie ich Euch retten kann.« »Wie denn?« »Als ich eben aufgeflogen bin, habe ich gesehen, dass es hinten einen Lustgarten gibt. Macht nun dem Ungeheuer irgendwas vor, damit es mit Euch im Garten spazierengeht. Sobald Ihr aber an einem Pfirsichbaum vorbeikommt, müsst Ihr stehenbleiben, dann werde ich hinfliegen und mich in einen reifen roten Pfirsich verwandeln. Diesen Pfirsich sollt Ihr pflücken und der Dämonin zu essen geben. So kann ich ihr im Bauch die Gedärme zerfetzen, bis sie tot umfällt. Dann seid Ihr frei!« »Kämpf doch mit ihr, wenn du das Zeug dazu hast«, versetzte Tripitaka, »warum fällt dir nichts Besseres ein, als in ihren Bauch zu kriechen?« »Meister, überlegt doch: Wenn man in dieser Grotte leicht ein und aus gehen könnte, würde ich natürlich mit ihr kämpfen. Doch hier geht das nicht, und ich kann nicht gut zuschlagen. Darum muss ich die Sache auf diese Weise anpacken. Nur so kommt alles ins Reine.« Da nickte Tripitaka und vertraute ihm. Nachdem der Plan festgelegt war, stand Tripitaka auf und rief durch das Fenstergitter: »Werte Dame!« Als die Dämonin dies hörte, trippelte sie mit beglücktem Lächeln herbei und rief: »Was ist, mein herrlicher Bruder?« »Meine Dame«, hub Tripitaka an, »der Weg in den Westen war sehr anstrengend, und im Kloster zur Beherrschung des Ozeans habe ich mir vor ein paar Tagen eine schwere Erkältung geholt; erst seit ich stark geschwitzt habe, geht es etwas besser. Dank Euch, meine Dame, darf ich nun in dieser göttlichen Residenz weilen, doch nach dem langen Herumsitzen fühle ich mich etwas bedrückt. Würdet Ihr mich vielleicht ein wenig nach draußen begleiten, wo wir uns ein bisschen die Zeit vertreiben können?« Ganz beschwingt antwortete die Dämonin: »Das kommt mir ganz entgegen, mein herrlicher Bruder! Ich will mit Euch in den Garten gehen.« Die Dämonin hieß ihr Gesinde, im Hinterhof das Tor zum Garten aufzumachen und die Gartenwege zu reinigen. Dann öffnete sie die Kammertür und geleitete Tripitaka am Arm nach draußen. Seht, wie nun zahlreiche Ungeheuer anmutig um Tripitaka tänzeln, ein jedes mit gesalbtem Haar und gepudertem Gesicht! So wurde er in den Garten geführt, wo ihm die Dämonin zuflüsterte: »Mein herrlicher Bruder, hier können wir uns wunderbar amüsieren und die Zeit vertreiben.« An ihrer Hand wandelte Tripitaka gemächlich durch den Garten, der über und über mit wunderlichen Blumen und ausgesuchten Pflanzen bewachsen war. Nachdem sie schon an vielen Pavillons vorbeigegangen waren, kamen sie endlich zu einem Pfirsichhain. Pilger zwickte seinen Meister am Kopf, surrte auf einen Ast und verwandelte sich mit einem leichten Dreh in einen köstlich roten Pfirsich. Da sprach der Priester: »Werte Dame, Euer Garten duftet von all der Blütenpracht, und die Äste sind voll reifer Früchte. Doch sagt, wie kommt es, dass an diesem Baum teils rote und teils grüne Pfirsiche wachsen?« Die Dämonin lächelte und gab zur Antwort: »Gäbe es nicht Yin und Yang, so wären weder Sonne noch Mond am Himmel, und auf Erden würden weder Gräser noch Bäume wachsen. Ohne Yin und Yang wären auch die Menschen nicht in Mann und Frau geteilt. Ebenso verhält es sich mit diesen Früchten: Diejenigen, die in der Sonne sind, werden eher reif, die im Schatten aber wachsen langsamer, darum sind sie noch grün. Dies ist das Prinzip von Yin und Yang.« »Besten Dank für Eure Belehrung, meine Dame«, sprach Tripitaka. Dann brach er den roten Pfirsich vom Ast, während die Dämonin einen grünen pflückte. Mit einer Verneigung überreichte Tripitaka ihr den roten Pfirsich und sprach: »Meine Dame, da Ihr die Lust liebt, sollt Ihr den roten Pfirsich essen; den grünen aber mögt Ihr mir geben.« Tatsächlich tauschte die Dämonin mit ihm und dachte erfreut: »Dieser Priester ist ein echter Verehrer! Schon jetzt zeigt er mir seine Zuneigung, obschon wir noch keinen Tag verheiratet sind!« Tripitaka aber nahm den grünen Pfirsich und biss sofort hinein. Und weil die Dämonin es ihm liebend gern gleichtun wollte, öffnete sie ihre roten Kirschenlippen, dass die silberhellen Zähne zu sehen waren, und wollte gerade ein Stück abbeißen, als Pilger vor lauter Aufregung mit einem Überschlag in ihren Bauch kollerte. Erschrocken sprach sie zu Tripitaka: »Oh, Priester! Warum lässt sich diese Frucht nicht beißen und rollt mir einfach den Hals hinunter?« »Meine Dame«, meinte Tripitaka, »wenn der Garten offen ist, werden die reifen Früchte gern gegessen, darum rutschen sie schnell hinunter.« Inzwischen hatte Pilger im Bauch des Ungeheuers seine eigene Gestalt angenommen und rief: »Meister, ich alter Sun habe es geschafft! Ihr braucht Euch nicht weiter mit ihr abzugeben.« »Sei nicht allzu grob, mein Schüler«, mahnte Tripitaka. Die Dämonin hörte es und fragte erstaunt: »Mit wem sprecht Ihr da?« »Mit meinem Schüler Sun Wukong.« »Wo ist er denn?« »In Eurem Bauch«, antwortete Tripitaka. »Er war der Pfirsich, den Ihr eben gegessen habt!« Die Dämonin erschrak und rief: »O weh, das ist mein Ende! Pilger Sun, warum musst du unbedingt in meinen Bauch reinkommen?« »Da gibt’s kein Warum«, meinte Pilger. »Ich will hier bloß deine Leber, deine sechs Lungenlappen und dein Herz mit allen Kapillaren fressen. Das säubert dir die Organe und macht dich zu einem Klappergespenst!« Der Dämonin wollte schier das Herz stillstehen. Da begann Pilger ihren Bauch mit Fäusten und Fußtritten zu bearbeiten, spreizte sich nach allen Seiten und machte Luftsprünge, dass ihr beinahe die Bauchdecke platzen wollte. In qualvollen Schmerzen stürzte die Dämonin in den Staub und gab lange keinen Laut von sich. Als Pilger nichts mehr hörte, glaubte er sie tot und ließ eine Weile nach. Doch schon kam das Ungeheuer wieder zu sich und rief: »Dienerinnen, wo seid ihr?« Ihre Ungeheuer hatten sich nämlich im Garten verstreut und mit Blumenpflücken vergnügt, um ihre Herrin in aller Ruhe mit Tripitaka tändeln zu lassen. Erst als sie diesen Ruf vernahmen, eilten sie herbei und fanden die Dämonin, die sich mit fahlem Gesicht stöhnend am Boden wälzte. Eilends halfen sie ihr auf und fragten: »Was ist mit Euch, Herrin? Hat Euch ein akuter Herzschmerz befallen?« »Nein, nein«, ächzte die Dämonin, »es ist jemand in meinem Bauch; lasst diesen Priester sofort raus!« Tatsächlich fassten die kleinen Ungeheuer Tripitaka unter und wollten ihn hochtragen. Doch da rief Pilger aus dem Bauch heraus: »Wer erkühnt sich, meinen Meister zu tragen! Bringe du ihn persönlich hinaus, wenn dir das Leben lieb ist!« Die Dämonin, der es jetzt nur noch ums nackte Leben ging, raffte sich auf, nahm Tripitaka auf den Rücken und ging mit ihm aus dem Garten. »Wohin wollt Ihr denn, Herrin?« fragten die Ungeheuer. »Solange noch der helle Mond über den fünf Seen scheint, wird sich schon ein Ort zum Angeln finden!« versetzte die Dämonin. »Ich schicke diesen Kerl weg und hole mir einen anderen!« Mit einem Satz stieg sie auf einer lichten Wolke zur Öffnung auf, wo man schon das metallene Klirren der Waffen hören konnte. »Mein Schüler, draußen hört man Waffen klirren!« rief Tripitaka. »Das ist Bajie, der seinen Rechen wetzt«, versetzte Pilger, »ruft ihn mal!« »Bajie!« rief Tripitaka. Der hörte es und rief Sandmönch zu: »Der Meister kommt!« Da zogen beide ihre Waffen ein, und die Dämonin hievte Tripitaka ins Freie. Oho! So war es in der Tat: Der Herzensaffe geht ins Loch, Das Ungeheuer zu bezwingen; Holz und Erde halten Wacht, Den Priester zu empfangen. Und da wir nicht wissen, wie es um das Leben des Ungeheuers stand, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第083回 / 83. Kapitel Der Herzensaffe kennt den Punkt des Elixiers / Die Jungfrau kehrt zurück ins Innere Wesen Wie nun Tripitaka von dem Ungeheuer aus der Grotte gehievt wurde, meinte Sandmönch: »Da seid Ihr ja, Meister! Wo ist unser Ordensbruder?« Tripitaka wies auf die Dämonin: »Wukong ist in ihrem Bauch.« »Ha«, lachte Bajie auf, »diese schmutzige Art zu töten! Was suchst du in ihrem Bauch, komm doch raus!« Da rief Pilger von innen: »Mund auf, dann komme ich raus!« Wirklich öffnete die Dämonin ihren Mund. Pilger machte sich ganz dünn und kroch zur Kehle hinauf, wo er gerade hinausspringen wollte, als er sich besann: Das Ungeheuer könnte sich ja erdreisten, ihn zu beißen. Also behauchte er seine Eisenstange mit göttlichem Atem und machte einen Dattelkern daraus, mit dem er ihr den Kiefer aufstemmte. Dann nahm er einen Satz und war draußen; gleichzeitig riss er flink die Stange an sich, beugte sich vornüber und nahm wieder seine eigene Gestalt an. Nun schwang er seine Stange und ließ sie niedersausen, während sich das Ungeheuer flugs mit zwei Schwertern zur Wehr setzte, dass es nur so klirrte. So lieferten sich die beiden auf dem Berg ein weiteres Gefecht. Bajie brummelte missvergnügt vor sich hin und meinte schließlich zu Sandmönch: »Schau, wie unvorsichtig unser Ordensbruder wieder vorgeht! Eben hätte er sie im Bauch doch bloß mit den Fäusten traktieren müssen, bis sie Blut gespuckt hätte. Dann hätte er ihr den Bauch aufreißen und rauskommen können, und die Sache wäre erledigt gewesen! Wozu muss er zum Mund rauskommen, bloß um schon wieder kämpfen zu müssen und sie von neuem in Wut zu bringen?« »Stimmt«, meinte Sandmönch, »und es ist auch schade um die Mühe, die er sich gemacht hat, den Meister aus der Grotte zu befreien. Lassen wir den Meister doch eine Weile hier warten, während wir beide dem Ordensbruder mit unseren Waffen beistehen, bis dieses Ungeheuer erledigt ist.« Bajie winkte ab: »Das geht doch nicht! Er hat magische Kräfte, nicht wir!« »Was redest du da«, rief Sandmönch, »das kommt uns doch allen zugute! Komm mit!« Ohne sich weiter um ihren Meister zu kümmern, schossen die beiden auf einem Windstoß hinterher und begannen wild auf die Dämonin einzudreschen. Diese hatte bereits Mühe gehabt, Pilger allein in Schach zu halten, und als nun zwei dazukamen, konnte sie sich nicht länger wehren. Schon wandte sie sich ab und stob davon. Pilger schrie seinen Ordensbrüdern zu, ihr dicht auf den Fersen zu folgen. Als die Dämonin bemerkte, dass sie verfolgt wurde, zog sie ihren rechten Schuh aus und warf ihn hinter sich, wo er in ihrer Gestalt mit schwirrenden Schwertern auf die beiden zukam, während sie in ihrem echten Körper als Windstoß zurücksauste. Man würde nun denken, dass sie einfach um ihr Leben floh, weil sie dem Kampf gegen die drei Ordensbrüder nicht gewachsen war. Doch wer hätte gedacht, dass jetzt noch ein solches Missgeschick folgen würde? Gewiss weil noch immer ein Unglücksstern über Tripitaka stand. Denn als die Dämonin nun am Torbogen vor dem Grotteneingang den Priester ganz alleine sitzen sah, schoss sie auf ihn zu, packte ihn mit einem Griff, riss gleichzeitig das Gepäck an sich, biss dem Pferd die Zügel durch und riss Tripitaka mitsamt dem Pferd ein zweites Mal nach unten. Doch davon sei hier nicht weiter die Rede. Wenden wir uns stattdessen Bajie zu, der mit einem Hieb das Ungeheuer zu Boden schlug – doch da war es nur ein bestickter Schuh! Pilger sah es und rief: »Ihr seid doch Tölpel! Den Meister sollt ihr bewachen, wer hat euch gesagt, hierher zu kommen?« »Siehst du, Sandmönch, ich hab’s doch gesagt!« versetzte Bajie. »Aber der Affe ist auch nicht gescheit: Wir helfen ihm das Ungeheuer bezwingen, und er nimmt es uns übel!« »Ihr wollt ein Ungeheuer bezwungen haben?« schrie Pilger. »Gestern im Kampf ist es mir mit demselben Schuh-Trick entwischt. Wer weiß, wie es jetzt um den Meister steht; gehen wir sofort zu ihm!« Und wirklich, als die drei herbeieilten, war der Meister verschwunden, ebenso das Gepäck und das weiße Pferd. Fassungslos begannen Bajie und Sandmönch alles durchzustöbern, und der Große Heilige glühte vor Wut. Schließlich entdeckte er ein Stück Zügel, das am Wegesrand liegengeblieben war. Als er es zur Hand nahm, kamen ihm plötzlich die Tränen. Da konnte sich Bajie nicht halten und brach in schallendes Gelächter aus. »Elender Taugenichts«, schrie Pilger, »willst du etwa schon wieder alles aufgeben?« »Nein, Bruder«, gab Bajie zurück, »aber der Meister ist sicher wieder in die Grotte verschleppt worden, und man sagt doch: ›Aller guten Dinge sind drei‹! Du bist schon zweimal in der Grotte gewesen, wenn du jetzt noch mal reingehst, kommt der Meister mit Sicherheit frei!« Pilger wischte sich die Tränen ab und sagte: »Ach sei’s drum. Jetzt hab ich auch gar keine andere Wahl. Dann haltet hier am Ausgang schön Wache.« Abermals sprang Pilger hinein und kam zum Wohnort der Dämonin, doch das Tor war verschlossen. Da schwang er seine Eisenstange, zertrümmerte es mit einem Hieb und stürmte hinein. Hier lag alles still und menschenleer, auch im östlichen Korridor war Tripitaka nicht zu finden, und im Pavillon waren weder Tische und Stühle noch sonstige Gegenstände zu sehen. Da diese Grotte ja ganze dreihundert Meilen im Umfang maß, verfügte die Dämonin natürlich über etliche Schlupfwinkel. Zuvor hatte sie Tripitaka hierher gebracht, doch weil Pilger sie aufgespürt hatte, war sie diesmal umgezogen. Aber wohin? Vor lauter Wut hämmerte sich Pilger verzweifelt mit den Fäusten an die Brust und tobte laut schreiend herum. Auf einmal drang ein Hauch von Weihrauchduft an seine Nase. Er sann: »Dieser Duft kommt von hinten. Dort muss es sein!« Er lief los und hielt Ausschau. Was er schließlich fand, war ein dreiteiliger Raum gegenüber der Haupthalle. An der Rückwand stand ein Altartisch, auf dem duftende Rauchschwaden aus einem Weihrauchgefäß aufstiegen. Dahinter war eine senkrecht stehende Ahnentafel angebracht, auf der in goldener Schrift geschrieben stand: »Dem verehrten Vater, Himmelskönig Li«, und etwas weiter hinten: »Dem verehrten Bruder, Dritter Prinz Nata«. Als Pilger dies entdeckte, füllte sich sein Herz mit Freude. Ohne weiter nach dem Ungeheuer und Tripitaka zu suchen, packte er die Ahnentafel mitsamt dem Weihrauchgefäß und schoss auf einer Wolke schnurstracks zum Ausgang, wo er fröhlich kichernd ins Freie sprang. »Du bist ja ganz glücklich, Bruder«, riefen Bajie und Sandmönch, »sicher hast du den Meister gerettet!« »Wir brauchen ihn nicht mehr zu retten«, lachte Pilger, »wir müssen uns bloß an diese Tafel halten!« Er legte seine Beute nieder und rief: »Schaut euch das an!« Sandmönch besah sich die Sachen und fragte: »Was soll das bedeuten?« »Das stand auf dem Altar dieses Ungeheuers«, erklärte Pilger, »eben habe ich seinen Wohnort gestürmt, aber dort war kein Mensch. Nur diese Ahnentafel hab ich gefunden. Demnach muss das Ungeheuer eine Tochter des Himmelskönigs Li sein, eine jüngere Schwester von Nata, seinem dritten Prinzen. Wahrscheinlich hat sie sich nach irdischen Freuden gesehnt und sich deshalb hier als Ungeheuer unseren Meister unter den Nagel gerissen. Von wem sonst sollen wir unseren Meister fordern? Haltet ihr beide weiterhin an dieser Stelle Wache; ich alter Sun gehe derweil mit der Ahnentafel in die Himmelshallen und erstatte vor dem Jadekaiser Anklage, damit der alte Herr Himmelskönig mir den Meister zurückgibt.« »Aber Bruder, beim Kaiser des Himmels kannst du doch nicht einfach so Klage einreichen!« gab Bajie zu bedenken. Pilger lachte: »Ich weiß, wie ich vorgehen muss. Die Ahnentafel und das Weihrauchgefäß dienen mir als Beweisstücke, und dazu verfasse ich eine Anklageschrift.« »Was willst du denn schreiben?« wollte Bajie wissen, »lass mal hören!« Da trug Pilger vor: »Ankläger Sun Wukong, Geburtsdaten gemäß Ausweis, Schüler des Indienpilgers und Schriftenholers Tripitaka aus China im fernen Osten, erhebt Anklage wegen Menschenverschleppung durch Ungeheuer. Aufgrund nachlässiger Beaufsichtigung der Frauengemächer entlief Himmelskönig Li Jing und seinem Sohne Nata eine Tochter, welche sich in den niederen Gefilden auf dem Einsturzberg in der Bodenlosen Grotte als Ungeheuer eingenistet, zahlreiche Lebewesen irregeführt und vernichtet hat. Zur Zeit wird mein Meister von besagter Tochter an unbekanntem Orte festgehalten. Es gilt zu untersuchen, ob es Vater und Sohn an Güte ermangelte, dass sie zulassen konnten, besagte Dame in Gestalt eines Ungeheuers Schaden anrichten zu lassen. Ergebenst bitte ich um Entgegenkommen sowie um Erteilung eines Haftbefehls mit nachfolgender Gerichtsverhandlung, auf dass dem Dämonischen ein Ende bereitet, mein Meister gerettet und ein klarer Schuldspruch gefällt werde. In Dankbarkeit für die huldvolle Anteilnahme sei obige Klage eingereicht.« Nachdem sich Bajie und Sandmönch diesen Wortlaut angehört hatten, meinten sie: »Bruder, die Anklage ist gerechtfertigt, damit wirst du sicher Erfolg haben. Beeil dich und komm bald wieder zurück!« Da stieg Pilger mit Ahnentafel und Weihrauchgefäß auf einer glückverheißenden Wolke zum Südlichen Himmelstor auf und drang schnurstracks bis zur Halle der Durchdringenden Klarheit vor. Dort empfingen ihn die Vier Großen Himmelsmeister mit höflichen Verneigungen und fragten: »Was ist der Grund Eures Kommens, Großer Heiliger?« »Ich komme mit einer Anklageschrift, es geht um die Klage gegen zwei Personen!« »Dieser dreiste Kerl!« riefen die Himmelsmeister bestürzt, »gegen wen richtet sich die Klage wohl?« Doch es blieb ihnen nichts anderes übrig, als ihn zur Halle der Himmelshöhen zu führen. Dort legte Pilger Ahnentafel und Weihrauchgefäß nieder, verneigte sich vor dem Jadekaiser und ließ die Klageschrift einreichen. Nachdem der Jadekaiser alles durchgelesen hatte, setzte er den Vermerk dazu, selbige Schrift sei als himmelskaiserliches Edikt zu betrachten, und beauftragte Abendstern Taibai, mit Pilger zum Palast der Wolkentürme zu gehen, um den Pagodentragenden Himmelskönig zur Audienz zu bitten. Im Palast der Wolkentürme nämlich residierte der Himmelskönig. Pilger folgte dem Abendstern, und der Himmelskönig kam ihnen zum Empfang aus dem Palast entgegen. Als er sah, dass der Abendstern ein kaiserliches Edikt mitbrachte, gab er Auftrag, Weihrauch anzuzünden. Wie er sich umwandte, erblickte er auf einmal Pilger. Da konnte er sich nicht halten zu fragen: »Werter Abendstern Changgeng, was bringt Ihr denn für ein Edikt?« »Es ist eine Anklage des Großen Heiligen Sun gegen Euch.« Wie der Himmelskönig das Wort »Anklage« hörte, rief er verärgert: »Gegen mich? Warum denn das?« »Wegen Menschenverschleppung durch Ungeheuer«, erklärte der Abendstern. »Lest selber, sobald Ihr mit dem Weihrauchopfer fertig seid.« Wutschnaubend platzierte der Himmelskönig den Weihrauch auf dem Altartisch, faltete mit Blick zum Himmel die Hände und verneigte sich, dann rollte er das Edikt auf und las, dass es sich um besagte Sache handelte. Aufgebracht schlug er mit der Hand auf den Altartisch und rief: »Dieser Affenschädel verklagt mich zu Unrecht!« »Beruhigt Euch«, mahnte der Abendstern, »beim Jadekaiser liegen zwei Beweisstücke vor, eine Ahnentafel und ein Weihrauchgefäß. Diese bezeugen, dass es sich um Eure Tochter handeln muss!« »Ich habe nicht mehr als drei Söhne und eine Tochter«, erklärte der Himmelskönig, »die Söhne sind der Reihe nach: Suvarnata, der Buddha Tathagata in der Vorhut als Schutzgott dient; Moksa, der als Jünger von Bodhisattva Guanyin im Südmeer lebt, und Nata, der tagaus, tagein an meiner Seite ist. Meine einzige Tochter ist gerade erst sieben Jahre alt und heißt Zhenying. Sie kennt ja noch nicht mal das Leben richtig, wie könnte sie auf die Idee kommen, sich in einen bösen Geist zu verwandeln? Wenn Ihr’s nicht glaubt, bringe ich sie sofort hierher, dann könnt Ihr Euch selbst überzeugen! Unverschämt ist dieser Affenschädel! Außerdem habe ich so hohe Verdienste erworben, dass der Jadekaiser mir einen Rang erteilt hat, der es mir erlaubt, Hinrichtungen vorzunehmen, ohne den Jadekaiser um Genehmigung bitten zu müssen! Selbst ein Mann aus dem gemeinen Volk in den irdischen Gefilden darf nicht einfach so verleumdet werden! So steht es im Buch der Gesetze geschrieben: ›Bei Verleumdung wird die Strafe um drei Stufen erhöht‹!« Er gab Befehl, den Affen zu fesseln. Sogleich stürzten sich der Mächtige Seelengott, General Fischbauch, die Yaksas und andere Generäle auf Pilger und legten ihn in Fesseln. »Richtet bloß kein Unheil an, Himmelskönig!« mahnte der Abendstern. Doch dieser schlug die Bedenken in den Wind und meinte: »Werter Abendstern, man kann doch nicht zulassen, dass dieser Kerl mit einer falschen Anklage kommt! Bitte geruht ein Weilchen Platz zu nehmen, bis ich mit meinem Dämonenschwert diesem Affen den Kopf abgehauen habe. Anschließend werde ich mit Euch bei Throne Bericht erstatten.« Als der Abendstern sah, wie der Himmelskönig den Säbel zur Hand nahm, machte er sich ernsthaft Sorgen um Pilger. Der jedoch zeigte überhaupt keine Furcht, sondern lachte vergnügt und rief ihm zu: »Macht Euch nichts draus, Alter, es wird schon nichts geschehen. So laufen die Geschäfte des alten Sun: Erst verlieren, dann gewinnen!« Er hatte kaum geendet, da schwang der Himmelskönig auch schon seinen Säbel in die Höhe. Gerade wollte er ihn auf Pilger niedersausen lassen, als ihm plötzlich Nata in den Arm fiel und rief: »Besänftigt Euren Zorn, Vater König!« Der Himmelskönig erblasste vor Schreck. Oho! Wenn ein Sohn des Vaters Schwert aufhält, muss ihn der Vater doch mit harschen Worten abhalten; wie kam es, dass stattdessen der Vater erschrak? Nun, dafür gab es allerdings einen triftigen Grund. Denn damals, als Nata geboren wurde, war auf seiner linken Handfläche das Schriftzeichen »Na« und auf seiner rechten das Zeichen »Ta« zu sehen, weshalb er den Namen »Nata« erhalten hatte. Schon nach drei Tagen war dieser Prinz ins Meer hinabgetaucht, um sich zu reinigen, doch dabei richtete er großes Unheil an. Er stieß nämlich den Wasserkristallpalast um und nahm einen Wasserdrachen gefangen, dem er die Sehnen entreißen wollte, um daraus Kordeln zu drehen. Als der Himmelskönig davon erfuhr, beschloss er ihn zu töten, um weiterem Unheil vorzubeugen. Aus Zorn darüber nahm Nata einen Dolch zur Hand und schnitt sich sein Fleisch vom Leib, um es seiner Mutter zurückzugeben, dann schälte er die Knochen aus dem Fleisch und gab sie seinem Vater zurück. Damit hatte er den Eltern Samen und Blut zurückerstattet. Daraufhin stieg seine kleine Seele flugs ins Paradies des Westhimmels auf und erstattete Anklage vor Buddha. Dieser war gerade dabei, vor einer Schar Bodhisattvas die Heiligen Schriften zu erläutern, als er unter seinem Baldachin auf einmal ein menschliches Stimmchen vernahm, das rief: »Zu Hilfe!« Mit seinem Auge der Weisheit erkannte der Buddha, dass es die Seele von Nata war. Sofort fertigte er aus einer Lotoswurzel Knochen und aus Lotosblättern Kleider und sprach ein heiliges Mantra zur Wiederbelebung, dass Nata wieder ins Leben kam. Unter Einsatz seiner göttlichen Kräfte unterwarf Nata anschließend Ungeheuer von sechsundneunzig Grotten, und dabei zeigte sich, welch immense Zauberkräfte er besaß. Anschließend wollte er den Himmelskönig umbringen, aus Rache dafür, dass er ihm seine Knochen zurückgegeben hatte. Da sah der Himmelskönig keine andere Wahl, als vor Buddha Einspruch zu erheben und um Hilfe zu bitten. Buddha schenkte ihm eine wunscherfüllende goldene Requisiten- Pagode mit Buddhas auf jedem Geschoss und sprach Nata zu, fortan ihn, Buddha, als Vater zu betrachten. Auf diese Weise wurde die Fehde gelöst, und Natas Vater ward von da an der Pagodentragende Himmelskönig genannt. Nun hatte er aber an diesem Tage untätig zu Hause geweilt und daher seine Pagode nicht mitgenommen; darum fürchtete er, Nata wollte sich doch noch rächen. Dies war der Grund, warum er vor Schreck erblasste. Er eilte also unverzüglich zu seinem Thron, nahm die goldene Pagode und stellte sie sich auf die Handfläche, bevor er fragte: »Was möchtest du mir sagen, mein Kind?« Nata berührte mit der Stirn den Boden und sprach: »Vater König, Ihr habt tatsächlich eine Tochter in den irdischen Gefilden!« »Mir sind nicht mehr als vier Kinder geboren worden«, versetzte der Himmelskönig, »woher sollte ich eine weitere Tochter haben?« »Habt Ihr es denn vergessen, Vater König?« drängte Nata. »Es war doch einst eine Dämonin, die vor dreihundert Jahren auf dem Seelenberg heimlich Lampenöl und Kerzenwachs fraß. Buddha Tathagata hat uns beide ausgeschickt, sie zu bändigen. Eigentlich hätten wir sie töten müssen, doch Buddha hat uns ermahnt mit den Worten: ›Züchte Fische, ohne sie zu angeln; füttere den Hirsch, auf dass er lange lebe!‹ Darum haben wir sie schließlich am Leben gelassen. Und weil ihr diese Gunst zuteilwurde, hat sie Euch als Vater und mich als Bruder verehrt und uns in den unteren Gefilden Ahnentafeln aufgestellt, vor denen sie seither immer Räucherwerk opfert. Nur hätten wir nicht gedacht, dass sie sich von neuem in einen bösen Geist verwandeln und gar dem Priester aus China zusetzen würde. Sie, die Euch als Vater verehrt, ist also keine leibliche Schwester von mir.« Auf diese Rede rief der Himmelskönig erschrocken: »Mein Kind, das habe ich tatsächlich vergessen! Wie nannte sie sich noch?« »Sie hat drei Namen«, antwortete Nata, »ihrer ursprünglichen Herkunft gemäß heißt sie ›Geist der weißen Maus mit der goldenen Nase‹. Seit sie aber Lampenöl und Kerzenwachs gefressen hatte, nannte sie sich ›Halbe Guanyin‹, und seit wir sie verschont haben und sie in den irdischen Gefilden lebt, hat sie sich den Namen ›Erdquelldame‹ zugelegt. Da besann sich der Himmelskönig. Eilends stellte er seine Pagode ab und kam zu Pilger, um ihm eigenhändig die Fesseln zu lösen. Der aber spielte jetzt den Schalk und rief: »Es wage mich keiner loszubinden! Bringt mich mitsamt der Fesseln vor den Thron, nur so werde ich alter Sun den Prozess gewinnen!« Dem Himmelskönig erlahmte vor Schreck die Hand, und selbst seinem Prinzen verschlug es die Sprache. Der Große Heilige aber begann sich auf dem Boden zu wälzen und verlangte wie besessen, er wolle solchergestalt mit dem Himmelskönig vor dem himmelskaiserlichen Thron erscheinen. Himmelskönig Li wusste nicht mehr, was er tun sollte, und flehte den Abendstern an, doch bitte ein gutes Wort einzulegen. Dieser versuchte Pilger mit allen Mitteln zur Vernunft zu bringen und bat so lange, bis Pilger sich endlich einverstanden erklärte, dass der Himmelskönig ihm eigenhändig die Fesseln lösen und sich anschließend vor ihm verneigen und entschuldigen sollte. »Nun, alter Mann!« rief er dem Abendstern zu, »da seht Ihr’s doch! Ich habe ja gesagt, dass ich zuerst verliere und dann gewinne; so werden die guten Geschäfte gemacht. Und nun seht zu, dass Ihr schnellstmöglich zum Jadekaiser geht, dass mein Meister bloß nicht zu lange aufgehalten wird!« Der Abendstern drängte den Himmelskönig zum Gehen, doch dieser traute sich nicht vor den Thron, aus Furcht, ihm könne etwas zur Last gelegt werden, was doch eigentlich gar nicht zu ihm gehörte. Wie sollte er sich dann vor dem Jadekaiser verteidigen? Verzweifelt bat er abermals den Abendstern, für ihn ein gutes Wort einzulegen. Da sprach der Abendstern zu Pilger: »Ich habe eine Idee. Seid Ihr bereit, mir Folge zu leisten?« »Sagt nur, sprecht!« »Wie ihr wisst, ›zieht sich ein Prozess von einem Tag meist zehn Tage hin‹. Ihr habt vor dem Jadekaiser Anklage erhoben mit der Behauptung, das Ungeheuer sei eine Tochter des Himmelskönigs; dieser wiederum verneint das, und so würdet ihr vor dem Jadekaiser nur noch über diese Frage debattieren. Nun entspricht ja aber ein Tag im Himmel einem Jahr auf Erden, und so wäre Euer Meister bald ein ganzes Jahr in der Grotte der Dämonin gefangen. Dann bräuchten wir nicht mehr über die Vermählung zu reden, denn bis dahin wäre wohl schon ein kleiner Mönch zur Welt gekommen. Und damit wäre der Sache doch auch kein Dienst erwiesen?« Nachdenklich senkte der Große Heilige den Kopf und meinte: »Da habt Ihr allerdings recht! Nun gut, Alter, wie sollten wir Eurer Meinung nach dem Jadekaiser Rechenschaft ablegen?« »Lasst den Himmelskönig Truppen aufstellen und bezwingt das Ungeheuer gemeinsam, derweil ich beim Jadekaiser Bericht erstatte.« »Und wie soll Euer Bericht lauten?« »Ich werde einfach sagen, der Ankläger sei entlaufen und der Angeklagte darum der Anklage enthoben.« »Na bitte!« versetzte Pilger lachend, »Euch zuliebe habe ich nachgegeben, und nun wollt Ihr erzählen, ich sei entlaufen? Lasst ihn mit Truppen beim Südlichen Himmelstor warten, derweil ich mit Euch bei Throne vorspreche!« Ängstlich wandte der Himmelskönig ein: »Aber wenn er bei Throne zu viel sagt, fällt die ganze Schuld auf mich, dann wird es heißen, ich hätte den Himmelskaiser hintergangen!« »Für wen haltet Ihr den alten Sun eigentlich?« fuhr ihn Pilger an, »ich bin ein Mann von edler Gesinnung und weiß sehr wohl um den Spruch: ›Ist ein Wort einmal gefallen, holt kein Viergespann es ein.‹ Ich werde Euch doch nicht diffamieren!« Da bedankte sich der Himmelskönig bei Pilger, und dieser ging mit dem Abendstern zum Jadekaiser. Als er bald darauf zurückkam, sah er bereits den Himmelskönig und Nata mit ihren Truppen vor dem Südlichen Himmelstor warten. Sogleich brausten die göttlichen Krieger in Wind und Nebel hinter Pilger her, senkten alsbald ihre Wolken und landeten auf dem Einsturzberg. Bajie und Sandmönch traten ihnen zum Empfang entgegen, und dann gingen alle gemeinsam zum Grotteneingang. »Wer nicht in die Tigerhöhle dringt, wird keinen jungen Tiger kriegen«, sprach der Himmelskönig und fragte: »Wer wagt die Vorhut zu übernehmen?« »Ich!« rief Pilger. Doch Prinz Nata sprach: »Ich will die Vorhut übernehmen, denn mir wurde der Befehl erteilt, das Ungeheuer zu besiegen.« Da drängte sich Bajie grobschlächtig vor und schrie: »Für die Vorhut braucht’s auch noch den alten Eber!« »Lärmt nicht so«, mahnte der Himmelskönig, »haltet Euch an meine Anweisung: Der Große Heilige Sun soll sich mit Prinz Nata allen voran nach unten begeben, derweil wir drei hier am Ausgang Wache halten. So bleibt dem Ungeheuer kein Ausweg, weder zum Himmel noch in die Erde.« »Das ergibt Sinn«, waren sich alle einig. Seht, wie nun Pilger und der dritte Prinz den Truppen voran in die Grotte hinabgleiten! Im Nu kamen sie auf glückverheißenden Wolken unten an und drangen geradewegs in den vormaligen Wohnsitz der Dämonin. Dort suchten sie jede Kammer ab und durchkämmten sämtliche Winkel, bis Boden und Rasenflächen über die gesamten dreihundert Meilen hinweg ganz zertrampelt waren. Doch nirgends kam ein Ungeheuer zum Vorschein! Bald waren alle der Meinung, das Sündentier sei gewiss geflohen, irgendwohin weit weg von dieser Grotte. Wie hätten sie auch wissen können, dass es in einem dunklen Winkel unten am südöstlichen Rand noch eine winzige Grotte gab? Ein unscheinbar kleiner Toreingang führte zu einem Häuschen, davor standen ein paar Bonsai-Töpfe, und an der Außenwand wuchsen Bambusstauden. Alles war in trübes Dunkel gehüllt und von dumpfen Gerüchen durchzogen. Die Dämonin hatte Tripitaka hierher entführt, um ihn endlich zur Heirat zu zwingen, und war sich sicher, dass Pilger ihn hier niemals finden würde. Doch wer hätte gedacht, dass das Schicksal es anders wollte? Drinnen waren ja auch zahlreiche kleine Ungeheuer, und die schwatzten und lärmten, schubsten und drängten, bis schließlich eines leichtfertig den Kopf hinausstreckte. Zufällig war genau im selben Augenblick einer der himmlischen Krieger zur Stelle und schrie nun laut: »Hier!« Pilger fasste seine Stange und sprang mit einem Satz hinein. Da fand er in dem engen Raum ein ganzes Nest von Ungeheuern, denen nun jeder Fluchtweg verwehrt war, denn hinter Pilger stießen ja bereits alle himmlischen Krieger geschlossen vor! Bald fand Pilger auch Tripitaka, Pferd und Gepäck wieder. Der Dämonin war klar, dass kein Ausweg blieb. Wie sie nun den Prinzen Nata erblickte, warf sie sich vor ihm zu Füßen, schlug in einem fort die Stirn auf den Boden und flehte um Vergebung. Prinz Nata aber sprach: »Diesmal müssen wir dich auf Befehl des Jadekaisers festnehmen, darüber lässt sich nicht verhandeln. Wegen deines Weihrauchopfers wären mein Vater und ich beinahe in ernsthafte Schwierigkeiten geraten!« Und er rief den Kriegern zu: »Bringt die dämonenbändigenden Stricke und legt sämtliche Ungeheuer in Fesseln!« Dann wandte er seine lichte Wolke und stob mit den anderen zur Grotte hinaus. Pilger kicherte fröhlich vor sich hin, worauf der Himmelskönig die Öffnung freigab, und schon führte Pilger Tripitaka hinaus, dem Himmelskönig und Prinz Nata zu danken. Sandmönch und Bajie dachten nur daran, das Ungeheuer zu erschlagen, doch der Himmelskönig sprach: »Wir haben es auf Geheiß des Jadekaisers gefangen und dürfen nicht leichtfertig handeln. Wir müssen ja noch vor ihm Rechenschaft ablegen!« Schließlich zogen Himmelskönig und Prinz Nata ihre Truppen zurück und brachten das Ungeheuer zum Himmelspalast. Der Priester und seine Schüler aber gaben dem Pferd die Sporen, schulterten das Gepäck und traten gemeinsam die Weiterreise an. Und da wir nicht wissen, wie die Reise voranging, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第084回 / 84. Kapitel Unzerstörbar ist der Segen, der zum Großen Erwachen führt / Aufrecht wird der Dharmakönig, der des Himmels Kraft erfährt Wie berichtet wurde, konnte Tripitaka seine unversehrte ursprüngliche Yang-Kraft bewahren, entkam der Bodenlosen Grotte und schritt nun weiter mit Pilger dem Westen entgegen. Schon brach der Sommer an, warmer Südwind kam auf und brachte lauen Nieselregen. Wie sie so dahinzogen, bemerkten sie auf einmal ein altes Mütterchen, das mit einem Kind an der Hand zwischen einigen Trauerweiden hervortrat und dem Priester vom Wegesrand her laut entgegenrief: »Geht nicht weiter, werter Priester! Wendet Euer Ross und reist nach Osten; alle Wege nach Westen führen in den Tod!« Bestürzt sprang Tripitaka vom Pferd, grüßte höflich und sprach: »Werte Dame, sagten nicht die alten Weisen: ›In Meeresweiten springen Fische überall; in Himmelshöhen fliegen Vögel ungehindert.‹ Warum sollte uns der Weg in den Westen verwehrt sein?« Das Mütterchen wies mit der Hand in westliche Richtung und sprach: »Da kommt Ihr nach fünf, sechs Meilen in das Reich Dharmaverderb. Der dortige König hat sich mit den Taten eines vergangenen Lebens Hass und Feindschaft zugezogen, daher begeht er nun ohne ersichtlichen Anlass große Sünden. Vor zwei Jahren hat er das ungeheuerliche Gelübde abgelegt, 10 000 Mönche zu töten. Seither lässt er fortwährend Mönche hinrichten, so geht das nun schon zwei Jahre lang. Inzwischen sind es bereits 9996 unbekannte Mönche, und zum Abschluss will er jetzt noch vier namhafte Mönche töten, damit die Zahl Zehntausend erreicht und sein Gelübde vollbracht ist. Wenn ihr in diese Stadt geht, macht ihr Bodhisattvas euch geradezu zum Opfer!« Tripitaka war zutiefst erschüttert. »Werte Frau«, stammelte er, »wir sind Euch äußerst dankbar für Eure Aufmerksamkeit. Doch sagt, gibt es vielleicht einen anderen Weg, der nicht durch dieses Königreich führt, damit geringer Mönch es umgehen könnte?« Da lächelte das Mütterchen und sprach: »Nein, es lässt sich nicht umgehen. Es sei denn, ihr könnt fliegen.« »Ach Mütterchen!« mischte sich Bajie ein, »malt doch nicht den Teufel an die Wand. Wir können alle fliegen!« Pilger aber richtete seine feurigen Goldaugen auf die alte Frau mit dem Kind und sah nun klar: Es war Bodhisattva Guanyin mit ihrem Jünger Sudhana! Bestürzt fiel er ihr zu Füßen und rief: »Bodhisattva! Verzeiht Eurem Jünger, Euch nicht gebührend empfangen zu haben!« Da schwebte die Bodhisattva sachte auf eine bunt schillernde Wolke. Tripitaka schien vor Verblüffung der Boden unter den Füßen zu schwinden; er fiel auf die Knie und schlug nur noch die Stirn auf den Boden. Auch Baije und Sandmönch falteten andächtig die Hände. Bald entfernte sich die heilvolle Wolke, und die Bodhisattva begab sich zurück auf ihre Insel im Südlichen Ozean. Pilger erhob sich, reichte dem Meister die Hand und sprach: »Kommt, die Bodhisattva ist längst zurück auf ihrer heiligen Insel.« Tripitaka richtete sich auf und sprach: »Wukong, nun wissen wir dank der Offenbarung der Bodhisattva, dass man im Reich Dharmaverderb Mönche tötet. Doch was sollen wir bloß tun?« »Habt keine Angst, Meister!« gab Pilger zurück, »wir sind doch schon den schlimmsten Dämonen und Ungeheuern begegnet und immer heil geblieben. Was sollen wir uns vor einem Land mit gewöhnlichen Sterblichen fürchten? Das einzige Problem ist, dass wir dort wohl schwerlich eine Unterkunft finden. Und jetzt, da der Tag sich bald neigt, könnten wir leicht irgendwelchen Dörflern begegnen, die von der Stadt nach Hause gehen. Wenn sie sehen, dass wir Mönche sind, und das ausplaudern, sind wir in Gefahr. Suchen wir uns doch abseits der Landstraße einen ruhigen Schlupfwinkel und besprechen dort alles Weitere.« Tripitaka war einverstanden. Also bogen die Pilgernden von der Straße ab, fanden bald eine tiefer gelegene Stelle und setzten sich nieder. »Brüder«, sprach Pilger, »schaut gut zum Meister. Ich alter Sun werde mich nun verwandeln und im Königreich nach einem Nebenweg suchen, auf dem wir über Nacht durchreisen können.« Kaum hatte er ausgesprochen, schoss er mit einem Pfiff in die Höhe. Seltsam war das doch: Kein Seil zieht ihn von oben, Kein Stab stützt ihn von unten; Andere sind den Eltern gleich, Bei ihm sind die Knochen leicht! In wolkiger Höhe hielt er inne und spähte nach unten. Die Reichsstadt hatte eine gute Aura und war von einem heilvollen Glanz umspielt. »Was für ein schöner Ort«, sann Pilger, »warum wohl der Name ›Dharmaverderb‹?« Und er überlegte: »Wenn ich jetzt in meiner Gestalt einen Weg suche, wird man gleich sehen, dass ich ein Mönch bin.« Also verwandelte er sich mit einem leichten Dreh in eine jener Motten, die sich ins Lampenlicht zu stürzen pflegen. Dann regte er die Flügel und schwebte in die belebten Straßen der Stadt, wo er sich dicht unter den Dächern an den Mauern entlang bewegte. An einer Ecke fielen ihm einige Häuser auf, vor denen Lampions hingen. Er hielt darauf zu und sah nun vor dem mittleren Gebäude einen eckigen Lampion mit der Aufschrift: »Unterkunft für reisende Händler«. Darunter stand: »Herberge von Wang dem Zweiten«. Es war also ein Gasthof. Wie er nun hineinspähte, sah er acht, neun Männer, die gerade ihre Gewänder und Turbane auszogen, um sich für die Nachtruhe bereit zu machen. Pilger frohlockte und meinte: »Der Meister wird durchkommen!« Warum er sich auf einmal so sicher war? Er war gerade auf eine dreiste Idee gekommen: Sobald diese Leute schliefen, wollte er ihnen die Kleider und Turbane entwenden, damit sie in profaner Verkleidung durch die Stadt gehen konnten! Während er den Plan ausheckte, sah er, wie Wang der Zweite hinzutrat und sprach: »Mögen die Herren wachsam sein! Es treiben sich hier auch ehrlose Leute herum; haltet also acht auf Kleidung und Gepäck.« Doch denkt, welcher Händler wäre in der Fremde nicht wachsam? Die Worte des Wirtes aber machten sie nun besonders vorsichtig. Sie standen sogar auf und meinten: »Ihr habt recht, Wirt. Nach der anstrengenden Reise werden wir sicher tief schlafen. Und wenn nun etwas geschieht? Nehmt doch bitte unsere Gewänder, Turbane und Taschen in Verwahrung und bringt sie uns morgen früh, bevor wir weiterziehen!« Tatsächlich nahm Wang der Zweite nun alle Gewänder, Turbane und Taschen in seine eigene Kammer. Ungeduldig wie er war, schwirrte Pilger sofort hinein und landete auf einem Hutständer. Von dort aus sah er Wang den Zweiten den Lampion vom Türrahmen nehmen, die Fensterläden schließen, Türen und Fenster verriegeln, um sich schließlich auszuziehen und sich ins Bett zu legen. Es war aber auch noch seine Frau dabei, die sich noch um zwei herumtollende Kinder kümmern musste, anschließend eine Flickarbeit zur Hand nahm und geschäftig zu nähen und zu stopfen begann, anstatt sich schlafen zu legen. Da überlegte Pilger: »Wenn ich jetzt warte, bis die endlich Schluss macht und schläft, sind die Stadttore längst geschlossen!« Da konnte er sich nicht halten und stürzte sich mit einem Satz in den Lampendocht, dass die Lampe erlosch. Dann verwandelte er sich in eine Maus, stieß ein paar spitze Schreie aus, sprang nach unten und lief mit Kleidern und Turbanen davon. Entsetzt rief die Frau: »Hilfe, Alter! Eine Maus ist ein Geist geworden!« Als Pilger das hörte, griff er zu einem weiteren Kniff, hielt die Tür zu und rief: »Wang der Zweite, hört nicht auf Eure Frau! Ich bin kein Geist einer Nachtmaus; lautere Menschen tätigen keine trüben Geschäfte. Ich bin der Himmelsebenbürtige Große Heilige und bin hinab auf Erden gekommen, weil ich mit dem chinesischen Priester in den Westen pilgere, um Heilige Schriften zu holen. Weil wir in dieses Reich geraten sind, bin ich gekommen, mir Kleider auszuleihen. Sobald wir die Stadt verlassen haben, bringe ich sie Euch zurück.« Ruckartig richtete sich Wang der Zweite auf, tastete im Dunkeln nach den Kleidern, erwischte statt dem Hemd die Hose, steckte den linken Arm ins Hosenbein, versuchte es mit dem rechten, und währenddessen hatte sich der Große Heilige längst auf einer Wolke aus dem Staub gemacht. Schon landete er in der Senke bei der Landstraße. Tripitaka, der sich gerade gereckt hatte, um Mond und Sterne zu betrachten, sah Pilger kommen und fragte: »Lässt sich das Land Dharmaverderb durchqueren, mein Schüler?« Pilger legte die Gewänder nieder und sprach: »Meister, wenn Ihr es durchqueren wollt, dann nicht als Mönch.« »Was meinst du damit?« »Ich habe mir die Reichsstadt angeschaut, Meister. Obschon der König schlecht regiert und Mönche tötet, liegt ein heiler Glanz darüber. Eben habe ich in einer Herberge diese Kleider und Turbane ausgeliehen, damit können wir uns vorübergehend in der Stadt einquartieren. Zur vierten Nachtwache stehen wir dann in aller Frühe auf, lassen uns vom Wirt ein Frühstück geben, und so haben wir zur fünften Nachtwache die Stadttore hinter uns und können weiter gen Westen ziehen. Selbst wenn uns jemand aufhalten sollte, brauchen wir nur zu sagen, wir seien Gesandte des Kaisers von China, dann wird uns der König nicht weiter behelligen.« »Das klingt sehr gut«, pflichtete Sandmönch bei, »machen wir es so, wie unser Ordensbruder sagt!« Also musste der Priester wohl oder übel Robe und Priesterhut ablegen und sich mit Kleid und Hut eines Profanen begnügen. Auch Sandmönch zog sich um. Nur Bajie konnte den Turban nicht aufsetzen, weil sein Schädel zu breit war. Da zauberte Pilger Nadel und Faden, entrollte den Turban, nähte dann zwei Turbane zu einem zusammen und stülpte ihn Bajie auf den Kopf. Dann suchte er ihm ein besonders weites Gewand und zog sich zuletzt selber um. »Meine Herren!« sprach er dann, »auf diesem Gang müssen wir uns die Worte ›Meister‹ und ›Schüler‹ einstweilen aufsparen. Wir sprechen uns alle nur noch mit ›Bruder‹ an. Unser Meister soll ›Herr Tang der Älteste‹ heißen, du ›Herr Zhu der Dritte‹, Sandmönch nennen wir ›Herr Sha der Vierte‹ und mich ›Herr Sun der Zweite‹. In der Herberge sollt ihr stumm bleiben und mich alleine auf alle Fragen antworten lassen. Sollte jemand fragen, was für Handel wir treiben, geben wir uns als Pferdehändler aus und sagen, wir hätten diesen Schimmel zur Ansicht mit. Wir geben an, zu einer Gruppe von zehn Händlern zu gehören, denen wir vier vorausgegangen seien, um hier Zimmer zu mieten und mit den Geschäften anzufangen, denn so wird uns der Wirt zuvorkommend behandeln. Bevor wir uns wieder auf den Weg machen, werde ich ihn entsprechend entlohnen, und dann ziehen wir weiter.« Der Priester musste sich schweren Herzens fügen. Dann beeilten sie sich, mit Pferd und Gepäck in die Stadt zu kommen. Es schien ein recht friedlicher Ort zu sein, denn selbst zu dieser nächtlichen Stunde waren die Stadttore noch geöffnet, und sie kamen ungehindert in die Stadt hinein. Bald kamen sie an der Herberge von Wang dem Zweiten vorbei. Drinnen hörte man Gejammer, und jemand rief: »Die Turbane sind verschwunden!« Ein anderer rief: »Die Kleider sind weg!« Pilger tat, als wüsste er von nichts, und führte sie zu einer schräg gegenüberliegenden Herberge, wo die Laterne am Eingang noch nicht eingezogen war. Er trat ein und rief: »Herr Wirt! Gibt’s noch leere Kammern für uns?« Drinnen hörte man eine Frau antworten: »Freilich, freilich! Mögen die Herren hinaufkommen!« Sie hatte kaum zu Ende gesprochen, als schon ein Bursche zur Stelle war und sich um das Pferd kümmerte. Pilger überließ es ihm und schritt vor dem Meister im Schein einer Laterne in den oberen Stock. Hier standen bequeme Tische und Stühle, und so setzten sie sich, nachdem sie die Fenster geöffnet hatten, im hellen Mondschein nieder. Bald kam jemand mit einer Kerze hoch. Pilger aber stellte sich in den Türrahmen, blies die Kerze aus und meinte: »Bei dem schönen Mondschein brauchen wir kein Licht.« Kaum war die Person wieder unten, erschien eine Dienerin mit vier Schalen Tee, die Pilger entgegennahm, danach kam eine Frau, wohl sieben- oder achtundfünfzig Jahre alt, die Treppe hoch, blieb neben ihnen stehen und fragte: »Woher kommen die werten Gäste? Welche kostbaren Güter führt ihr mit euch?« »Wir kommen aus dem Norden und haben ein paar Gäule feilzubieten«, antwortete Pilger. »Wie lauten eure werten Namen?« wollte die Frau wissen. »Das hier ist Herr Tang der Ältere, das Herr Zhu der Dritte, das Herr Sha der Vierte, und meine Wenigkeit heißt Sun der Zweite.« Die Frau lachte erstaunt: »Ihr habt ja ganz unterschiedliche Familiennamen!« »So ist es, wir heißen alle anders und leben doch zusammen«, erwiderte Pilger. »Eigentlich sind wir zu zehnt; wir vier sind vorausgegangen, um für Zimmer und Essen zu sorgen. Die anderen sechs übernachten heut noch vor der Stadt, da sie mit all den Pferden zu später Stunde nicht mehr in die Stadt konnten. Sie lassen uns erst Zimmer finden und kommen dann morgen früh nach. Erst wenn alle Pferde verkauft sind, gehen wir zurück.« »Wie viele Pferde habt ihr denn?« wollte die Frau wissen. »Alles in allem über hundert, alle so ähnlich wie unser Pferd, nur mit unterschiedlichen Fellen.« »Was für ein vorbildlicher Gast Ihr seid, Herr Sun der Zweite!« freute sich die Frau, »ein Glück, dass Ihr hierhergefunden habt; kein zweiter Gasthof würde Euch aufnehmen können. Wir haben hier einen großen Hof mit vielen Futterkrippen, da gibt es Heu und Futter auch für mehrere hundert Pferde. Doch eins muss ich Euch sagen: Wir führen diese Herberge seit vielen Jahren, und sie ist ziemlich bekannt. Weil mein Mann, der Zhao hieß, leider schon früh verstorben ist, nenne ich sie ›Gasthof der Witwe Zhao‹. Wir führen hier drei Preisklassen, daher erlaubt uns eine etwas kleinliche Sache vorab zu klären, bevor wir Euch großzügig entgegenkommen: Legen wir erst die Preise fest, damit wir am Ende eine faire Rechnung stellen können.« »Das ergibt Sinn«, meinte Pilger, »doch was für Preisklassen führt Ihr denn? Es heißt doch: ›Güter haben ungleiche Preise; Gäste werden gleich behandelt‹! Sagt doch, wie kommt es zu drei Preisklassen für Gäste?« Da erklärte die Frau: »Wir führen eine obere, eine mittlere und eine untere Klasse. Die obere Preisklasse enthält Verköstigung mit fünf verschiedenen Obstsorten und fünf Gängen, je ein Tisch für zwei Gäste, dazu stehen junge Damen mit Gesang und Unterhaltung zur Verfügung. Dies kostet pro Person fünf Silberlinge, Zimmermiete eingerechnet.« »Das passt doch bestens!« rief Pilger lachend, »bei uns kriegt man das niemals für nur fünf Silberlinge.« »In der mittleren Preisklasse«, fuhr die Frau fort, »gibt es einen Esstisch für alle, dazu warmen Wein zum Zechen, wie viel man immer mag, bloß dass keine Damen zur Verfügung sind. Das macht pro Person nur zwei Silberlinge.« »Das passt genauso gut«, meinte Pilger, »und wie steht es mit der niederen Klasse?« »Das wage ich den geehrten Gästen kaum zu sagen.« »Lasst nur hören«, drängte Pilger, »dann nehmen wir das, was passt.« Da sprach die Frau: »Für die untere Klasse gibt es keine Bedienung. Man kann sich nehmen, was im Topf noch übrig ist, und dann am Boden ein Strohlager aufschlagen. Wenn die Nacht um ist, sollte man ein paar Groschen fürs Essen dalassen, je nachdem, was einer vermag, da tun wir dann nicht kleinlich.« Als Bajie das hörte, meinte er: »Wunderbar! Das ist genau, was ich alter Eber brauche: Fresse den Topf ratzekahl, dann schmeiß ich mich vor den Herd und penne!« »Was fällt dir ein, Bruder!« rief Pilger, »die paar Silberlinge verdienen wir doch leicht, wenn wir durch die Lande ziehen! Bitte macht alles für die obere Klasse zurecht!« Erfreut rief die Frau: »Tee auftragen! Los, ihr Köche, alles bereitmachen!« Dann ging sie die Treppe hinunter und rief in einem Atemzug: »Rupft Hühner und Gänse, schlachtet ein Schwein und ein Schaf, stellt Wein bereit, setzt weißen Reis auf, macht Fladen aus Weißmehl!« Tripitaka, der oben die Rufe hörte, sprach zu Pilger: »Sun der Zweite, was tun wir bloß, jetzt wollen sie Tiere töten!« Eilends sprang Pilger zur Treppe, trampelte mit den Füßen und rief: »Mütterchen Zhao! Kommt noch mal hoch!« Die Witwe kam und fragte: »Was darf ich für den Zweiten Herrn tun?« »Lasst für heute das Schlachten sein. Wir haben gerade Fastenzeit.« Erstaunt fragte die Frau: »Fasten die Herren langfristig oder nur für einen Monat?« »Beides nicht«, gab Pilger zurück, »wir nennen es das Geng-Shen-Fasten. Da heute dieser Kalendertag ist, müssen wir uns an die Regel halten. Morgen am Tag Xin-You gilt die Regel nicht mehr. Lasst jetzt ein paar vegetarische Gerichte zubereiten; wir werden auf jeden Fall die obere Preisklasse bezahlen.« Noch erfreuter eilte die Frau nach unten und rief: »Nicht schlachten, nicht schlachten! Macht sofort ein fleischloses Mahl bereit!« Die in ihrer Arbeit geübten Köche hatten binnen kurzem alle Gerichte bereit und brachten sie nach oben, wo die vier nun nach Lust und Laune tafelten. Plötzlich hörte man unten etwas poltern, und Pilger fragte: »Mütterchen, was ist da unten los?« »Es sind ein paar Laufburschen da«, erklärte die Frau, »ich habe sie beauftragt, mit Sänften die Damen abzuholen, die euch Gesellschaft leisten sollen. Wahrscheinlich ist einer mit der Tragstange an die Decke gestoßen.« »Zum Glück sagt Ihr das«, meinte Pilger, »sie brauchen nicht hinzugehen. Erstens haben wir Fastenzeit, zweitens sind ja noch gar nicht alle da. Warten wir bis morgen, dann kann sich jeder mit einer Hure vergnügen.« »Jawohl, bestens!« antwortete die Frau und hieß die Burschen bleiben. Als die Mahlzeit beendet war, wurde alles abgeräumt. Da wandte sich Tripitaka an Pilger und flüsterte: »Wo schlafen wir denn?« »Hier im oberen Stock«, gab dieser zurück. »Das ist nicht so gut«, wandte Tripitaka ein. »Wir sind doch alle müde von der Reise. Wenn wir jetzt schlafen gehen und vielleicht noch einmal jemand hochkommt, könnten sich im Schlaf die Turbane lösen, dass unsere kahlen Köpfe zum Vorschein kommen. Dann würde man sehen, dass wir Mönche sind, und es womöglich auch noch ausplaudern. Das geht doch nicht!« »Ihr habt recht«, meinte Pilger, ging abermals zur Treppe und trampelte mit den Füßen. Die Witwe kam wiederum hoch und fragte: »Was darf ich für Euch tun, Herr Sun?« »Wo schlafen wir?« »Oben schläft es sich bestens, hier gibt es keine Mücken. Außerdem geht der Südwind, da könnt Ihr die Fenster offen lassen, das schläft sich wunderbar.« »Das geht nicht«, versetzte Pilger. »Unser Zhu der Dritte hat die Gicht, Sha der Vierte hat die Arthritis an der Schulter, Tang der Ältere kann nur im Dunkeln schlafen, und ich bin auch etwas lichtempfindlich. Hier können wir nicht schlafen.« Da ging das Mütterchen nach unten, lehnte sich erschöpft an einen Schrank und seufzte. Nun hatte sie aber eine Tochter, die gerade mit einem Kind im Arm daherkam und sprach: »Mutter, so heißt es doch: ›Zehn Tage saß er tatenlos im Sande, dann machte er an einem Tag neun Strände.‹439 In diesen heißen Sommertagen kommen nicht viele Gäste, doch wenn’s dann gegen Herbst zu geht, werden bald mehr kommen, als wir aufnehmen können. Warum seufzt du?« »Ach, mein Kind«, sprach die Frau, »nicht, dass ich dächte, das Geschäft liefe nicht gut. Heut Abend, als ich grad schließen wollte, haben sich vier Pferdehändler einquartiert, die alle an irgendeiner Krankheit leiden, wind- oder lichtempfindlich sind und nur im Dunklen schlafen wollen. Bedenke, bei uns sind ja alle Kammern nur mit einlagigen Ziegeln bedeckt, wir haben gar keinen richtig dunklen Raum. Am liebsten würd ich ihnen das Essen umsonst lassen und sie woanders hinschicken!« »Mutter«, wandte die Tochter ein, »wir haben doch eine dunkle Kammer, in die auch kein Wind eindringt, das passt ausgezeichnet.« »Wo denn?« wunderte sich die Mutter. »Als Vater noch da war, hat er doch mal einen großen Kasten gezimmert, der ist vier Fuß breit, sieben Fuß lang und drei Fuß hoch; darin könnten sechs, sieben Leute schlafen. Lasst sie einfach darin übernachten!« »Ich weiß nicht, ob das genehm ist. Warte, ich will sie mal fragen«, meinte die Frau und rief: »Herr Sun! In unserem bescheidenen Haus findet sich keine dunkle Kammer, einzig einen großen Kasten hätten wir, wo weder Wind noch Licht eindringen. Möchtet ihr darin nächtigen?« »O ja, sehr gut!« gab Pilger zurück. Sogleich wurden ein paar Burschen geheißen, den Kasten hinauszutragen und den Deckel aufzumachen, dann ließ man die Gäste nach unten kommen. Pilger ging dem Meister voran, und Sandmönch trug das Gepäck, so kamen sie, dem Schein einer Laterne folgend, zu dem Kasten. Bajie warf sich gleich hinein, während Pilger bat, das Pferd daneben anzubinden. Dann stieg auch er in den Kasten und rief: »Mütterchen Zhao, macht den Deckel zu und hängt ein Schloss daran; morgen früh könnt Ihr es beizeiten wieder aufmachen.« Die Frau nickte, schloss den Kasten ab und legte sich schlafen. Davon sei hier nicht weiter die Rede. Wenden wir uns stattdessen den vier Pilgern im Kasten zu, den Armen! Denn da war es nicht nur heiß, sondern auch schrecklich stickig, und es drang kein bisschen Luft herein. Bald zogen sie Turbane und Kleider aus, und da sie keine Fächer hatten, versuchten sie sich mit ihren Mönchskappen etwas Luft zuzufächeln. In der Enge stießen sie sich immer wieder gegenseitig und konnten erst zur zweiten Nachtwache einschlafen. Pilger aber trieb sich noch mit einem Gedanken herum und konnte lange nicht einschlafen. Schließlich streckte er die Hand aus und zwickte Bajie in den Schenkel. Unwillig murrte der Tölpel: »Schlaf doch! Was soll der Unfug nach all der Anstrengung?« Pilger aber stach der Schalk, und er sprach: »Zuvor hatten wir 5000 Silberlinge; neulich haben wir für 3000 Pferde verkauft, jetzt sind in beiden Beuteln je 4000. Wenn wir diese Pferde erst mal verkauft haben, kommen gleich noch mal 3000 dazu. Das ist ein guter Gewinn, recht einträglich!« Bajie, der nichts als schlafen wollte, gab keine Antwort. Doch wer hätte auch geahnt, dass in dieser Herberge Laufburschen, Wasserträger und Feuermacher allesamt mit Räubern im Bunde waren? Wie nun einer von ihnen Pilger von so viel Silber sprechen hörte, huschte er mit anderen hinaus, wo sich binnen kurzem über zwanzig Räuber zusammengerottet hatten. Schon stürmten sie mit lodernden Fackeln herein, um die Pferdehändler auszurauben. Als das Tor eingebrochen wurde, riegelten die Witwe Zhao und ihre Tochter zitternd die Tür zu ihrer Kammer ab und ließen die Bande marodieren. Die Einbrecher hatten es ja auch nicht auf die Sachen des Hauses abgesehen, sondern auf die Gäste. Als sie im oberen Stock alles leer vorfanden, suchten sie mit ihren Fackeln alle Winkel ab, bis sie schließlich im Hof den großen Kasten fanden, wo der Schimmel angebunden stand. Der Deckel aber war verschlossen und der Kasten nicht zu bewegen. Da meinten die Räuber zueinander: »Wer so weit herumgekommen ist wie wir, sieht sofort, dass in diesem schweren Kasten haufenweise Fracht und Schätze sein müssen! Nehmen wir doch einfach dieses Pferd und tragen den Kasten zur Stadt hinaus, dann machen wir ihn auf und teilen uns den Inhalt. Das ist doch gut, oder?« Tatsächlich begannen die Diebe nun Seile und Tragstangen zu holen, buckelten dann den Kasten auf und machten sich aus dem Staub. Vom Schaukeln erwachte Bajie und meinte: »Schlaf doch, Bruder, was schaukelst du da?« »Still!« machte Pilger, »keiner schaukelt.« Schlagartig waren auch Tripitaka und Sandmönch wach und fragten: »Wer trägt uns da?« »Seid still, macht keinen Lärm!« flüsterte Pilger, »sollen sie uns tragen, bis wir im Westen sind, dann brauchen wir wenigstens nicht zu laufen.« Die Diebesbande aber hielt mit ihrer Beute gar nicht nach Westen, sondern nach Osten. Nachdem sie die Wache am Stadttor in die Flucht geschlagen hatten, öffneten sie das Tor und ließen die Stadt hinter sich. Es hatte aber bereits ein Wachsoldat der Stadtpatrouille das Amt für öffentliche Ordnung in Kenntnis gesetzt, worauf berittene Soldaten nach den Dieben ausgeschickt wurden. Wie diese gewahrten, dass ihnen die königliche Armee auf den Fersen war, nahmen alle Reißaus und versteckten sich in den umliegenden Wäldern. Kein halber Räuber ging den Soldaten ins Netz, nur den Kasten und das Pferd konnten sie beschlagnahmen und kehrten damit siegreich zurück. Im Schein einer Laterne begutachtete der Wachsoldat den Schimmel. Da mochte er nicht länger auf seinem Pferd sitzen und ritt auf dem Schimmel in die Stadt zurück. Der Kasten aber wurde in die Hauptwache geschafft, mit einem beschrifteten Papierstreifen versehen und streng bewacht. Wie man nun den Morgen abwartete, um die Sache bei Throne zu melden und Weisung zum weiteren Vorgehen zu erhalten, sei hier nicht weiter ausgeführt. Erzählen wir stattdessen, wie Tripitaka nun im Kasten Pilger rügte: »Du Affenschädel bringst mich noch um! Wären wir draußen festgenommen und vor den König von Dharmaverderb gebracht worden, hätten wir uns noch herausreden können, doch jetzt sind wir in diesem Kasten von Dieben entführt und auch noch von der königlichen Miliz beschlagnahmt! So werden wir morgen auf einen einzigen Befehl des Königs umgebracht, und schon hat er seine gewünschte Anzahl von 10 000 Mönchen.« »Macht Euch vorläufig keine Sorgen und schlaft«, versetzte Pilger. »Morgen, wenn wir vor den verblendeten König treten, werde ich alter Sun schon wissen, was zu sagen ist. Ich garantiere, dass Euch kein Haar gekrümmt wird.« Gegen Mitternacht zur dritten Nachtwache aber vollführte er einen Zauber: Er zog seine Stange hervor, blies göttlichen Odem darauf und verwandelte sie in einen Dreikantbohrer. Damit bohrte er ein kleines Loch in den Kastenboden, wurde mit einem leichten Dreh zu einer Ameise und kroch ins Freie. Dort sprang er, in seine eigene Gestalt zurückverwandelt, auf eine Wolke und schwebte geradewegs in den königlichen Wohnpalast, wo er den König in tiefem Schlaf vorfand. Da bediente er sich der »Göttlichen Magie der großen Körperteilung«: Erst zupfte er sich am linken Arm sämtliche Pelzhaare aus, verwandelte sie mit göttlichem Odem in Schlafkäferchen, zwang dann mit dem Zauberwort »OM« den ortsansässigen Erdgeist heraus und befahl ihm, die Tierchen im gesamten Wohnbereich des Palastes sowie in den Fünf Behörden, den Sechs Ministerien, den Ämtern und Wohnstätten der Beamten zu verteilen. Jeder, der auch nur irgendeinen Beamtenrang innehatte, sollte eines der Käferchen bekommen, damit er tief und reglos schlafe. Anschließend riss er sich sämtliche Pelzhaare am rechten Arm aus und verwandelte sie in Hunderte von kleinen Pilgern. Zu guter Letzt schwenkte er die Eisenstange und verwandelte sie in Hunderte von Scheren. Diese verteilte er an alle kleinen Pilger und befahl ihnen, allen Menschen im gesamten Wohnbereich des Palastes sowie in den Fünf Behörden, den Sechs Ministerien und den anderen Ämtern die Kopfhaare abzuscheren. Oho! So war es in der Tat: Ein König will das Dharma enden, Doch ist das Dharma endlos weit, Denn die vielen tausend Lehren Finden zurück zur Einigkeit; Fraglos wird der Dharmakönig Zu der Rechten Frucht gelangen, Außerhalb von Tod und Leben Wandeln, frei und unbefangen. Nach einer halben Nacht war die Aktion vollendet, und Pilger schickte den Erdgeist mit einem Zauberwort von dannen. Nun schüttelte er sich, und schon fanden alle Pelzhaare an ihren Ursprungsort zurück. Weiter bündelte er die vielen Scheren zur wahren Einheit, und so vereinigten sie sich wieder zum einen Goldreifstab, den er im Ohr unterbringen konnte. Zuletzt verwandelte er sich wieder in eine Ameise, kroch in den Kasten, nahm dort seine eigene Gestalt an und harrte mit Tripitaka der Gefangenschaft, doch davon sei hier nicht weiter die Rede. Berichten wir stattdessen aus dem Königshof, denn dort waren die vielen hübschen Hofdamen schon vor Anbruch der Dämmerung aufgestanden, sich zu waschen und zu kämmen, doch nun waren sie ja allesamt ohne Haare. Auch sämtliche Eunuchen des Palastes hatten keine Haare mehr, und so erschienen sie denn alsbald beim Schlafgemach des Königs und ließen Musik aufspielen, um ihn zu wecken. Allen standen Tränen in den Augen, doch keiner wagte etwas zu sagen. Bald erwachte in den Frauengemächern die Königin, auch sie ohne Haare. Sofort eilte sie mit einer Laterne ans Himmelbett des Königs, doch hier fand sie unter brokatenen Bettdecken einen Mönchskönig! Da konnte sie sich nicht länger zurückhalten und weckte den König. Als dieser die Augen aufschlug und die Königin mit einer Glatze sah, sprang er auf und rief: »Wie seht Ihr denn aus, meine Königin?« »Genauso wie Ihr, mein König!« Hastig fasste sich der König an den Kopf, und da wollte ihm schier das Herz stillstehen. Entsetzt rief er: »Wie konnte uns das nur passieren?« Mitten in dieser Aufregung sahen sie auf einmal, wie sich sämtliche Konkubinen und Hofdamen und alle Eunuchen des Palastes mit kahlgeschorenen Köpfen verneigten und riefen: »O König! Wir sind zu Mönchen geworden!« Dem König stiegen die Tränen auf, und er sprach: »Das muss eine Vergeltung sein für das Töten der Mönche!« Sogleich gab er den Befehl: »Diese Angelegenheit darf nicht weiter erwähnt werden, sonst könnten womöglich zivile oder militärische Hofbeamte an unserem Reich Kritik üben. Es mögen sich alle zur Morgenaudienz begeben.« Doch nun hatten ja die Hofbeamten aller Rangstufen, wie auch die Staatsdiener der Fünf Behörden, der Sechs Ministerien und aller übrigen Ämter, die sich schon vor Tagesanbruch zur Morgenaudienz vorbereitet hatten, ebenfalls über Nacht ihre Haare verloren, und so hatte ein jeder eine Throneingabe verfasst, um das Ereignis mitzuteilen. Und da wir nicht wissen, wie es mit dieser Sache weiterging, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第085回 / 85. Kapitel Der Herzensaffe bringt Holzmutter Neid entgegen / Ein Dämon will die innere Sammlung verschlingen Wie berichtet, kamen all die zivilen und militärischen Hofbeamten mit ihren Throneingaben zur Morgenaudienz und sprachen: »O Herrscher, verzeiht uns diese sträfliche Vernachlässigung der Etikette!« Da sprach der König: »Die Minister scheinen mir nicht weniger gesittet als sonst. Was meint ihr damit?« »O Herrscher!« riefen die Minister, »aus einem unbekannten Grunde haben alle Eure Minister über Nacht sämtliche Haare verloren!« Da stieg der König mit den Eingabeschriften in der Hand vom Thron hernieder und sprach zu den Hofbeamten: »In der Tat haben im Palast aus unbekannten Gründen alle Menschen, ob alt oder jung, über Nacht ihre Haare verloren.« Unter Tränen riefen nun der König und sein Hofstaat aus: »Nie werden wir wieder Mönche töten!« Als sich der König schließlich wieder auf den Thron gesetzt hatte und die Beamten ordentlich in ihren Reihen standen, trat ein Hofdiener vor und rief: »Wer noch etwas zu sagen hat, möge seine Eingabe vorbringen! Ansonsten werden die Gardinen hochgerollt, und die Audienz ist beendet.« Aus den Reihen der Militärbeamten trat nun der Wachsoldat der Stadtpatrouille vor, aus den Reihen der Zivilbeamten der Ordnungshüter der Oststadt. Nach einem Stirnaufschlag vor den Thronstufen sprachen sie: »Eure Minister, die in königlichem Auftrag die Stadt bewachen, konnten in der Nacht Diebesgut in Beschlag nehmen. Es handelt sich um einen Kasten und ein weißes Pferd. Geringe Minister wagen keine eigenmächtigen Entscheidungen zu treffen und bitten um Anweisung.« »Hierher bringen, mitsamt dem Kasten!« befahl der König. Die beiden Minister traten ab, um in ihren Amtsresidenzen Soldaten zu beauftragen, den Kasten zum Palast zu tragen. Im Kasten geriet Tripitaka in Panik und flüsterte: »Was tun wir bloß, meine Schüler, wenn sie uns jetzt vor den König bringen?« »Still«, machte Pilger grinsend, »ich habe schon alles vorbereitet. Sobald sie den Deckel aufmachen, wird uns der König anbeten!« Im Nu war der Kasten im Palast und wurde vor den Thronstufen niedergesetzt, wo die beiden Hofbeamten den König um Erlaubnis baten, ihn zu öffnen. Der König gab Befehl, den Kasten aufzumachen. Kaum war der Deckel weg, sprang Bajie mit einem Satz nach draußen. Den Hofbeamten verschlug es die Sprache. Dann sahen sie, wie Pilger Tripitaka beim Aufstehen behilflich war und Sandmönch mit dem Gepäck heraustrat. Als Bajie bemerkte, dass der Wachsoldat der Stadtpatrouille den Schimmel am Halfter führte, rannte er auf ihn zu und donnerte: »Dieses Pferd gehört mir, her damit!« Der Wachsoldat machte vor Schreck einen Luftsprung und torkelte rücklings zu Boden. Die vier Pilgernden aber stellten sich vor den Palaststufen auf. Wie der König nun sah, dass es vier Mönche waren, stieg er eilends vom Thron, ließ die Königin, die Konkubinen und Hofdamen aus den Frauengemächern rufen, dann schritt er über die Treppenstufen aus der Audienzhalle heraus, verneigte sich zusammen mit allen Hofbeamten vor ihnen und fragte: »Woher kommen die werten Priester?« »Aus dem chinesischen Kaiserreich im fernen Osten«, gab Tripitaka zur Antwort. »Geringer Mönch wurde vom Kaiser in den Westen entsandt, um in Indien im Großen Tempel des Donnergrollens Buddha zu huldigen und Heilige Schriften zu holen.« »Warum ruht Ihr denn in diesem Kasten, werter Priester, wenn Ihr von so weit her kommt?« »Da geringer Mönch wusste, dass Eure Majestät ein Gelübde abgelegt hat, Mönche zu töten, wagten wir Euer Reich nicht in erkennbarer Gestalt zu betreten. Daher haben wir uns gestern Nacht als Profane verkleidet und in einer Herberge dieser werten Stadt übernachtet. Aus Furcht, dass jemand unser wahres Aussehen dennoch erblicken könnte, haben wir uns über Nacht in diesem Kasten schlafen gelegt. Unglücklicherweise wurde dieser von Räubern entführt und zuletzt von der Stadtwache beschlagnahmt. Nun, da wir das Antlitz Eurer Majestät erblicken dürfen, ist uns wahrhaftig, als würde die Sonne hinter den Wolken hervortreten. Möge Eure Majestät uns geringe Mönche begnadigen; es wäre dies eine unermessliche Gunst!« »Der werte Meister ist also ein hoher Geistlicher vom chinesischen Kaiserhof. Verzeiht, dass wir Euch nicht gebührend empfangen haben«, sprach der König und erklärte: »Dass ich einst den Wunsch hegte, Mönche zu töten, ging darauf zurück, dass Mönche mich verleumdet hatten. Daraufhin tat ich einen Schwur zum Himmel, nicht weniger als 10 000 Mönche umzubringen. Nun sind wir aber über Nacht wider Erwarten selbst zu buddhistischen Mönchen geworden, unser ganzer Hofstaat besteht nur mehr aus Mönchen! Im Palast sind alle, vom König über die Minister bis hin zu Königin und Konkubinen, ohne Kopfhaar. Möge der Meister nicht mit Belehrungen sparen. Wir sind gewillt, Euch als Jünger zu folgen.« Als Bajie dies hörte, lachte er laut auf: »Und was kriegen wir, wenn wir Euch als Jünger annehmen?« »Falls die Meister bereit wären, uns aufzunehmen, würden wir alle Schätze unseres Landes hergeben«, antwortete der König. »Reden wir nicht von Schätzen«, fiel Pilger ein, »wir sind redliche Mönche. Ihr braucht uns bloß den Reisepass abzustempeln und uns aus der Stadt zu führen. Ich kann Euch versichern, dass Euer Reich fortan groß und mächtig sein wird und Euch ein langes Leben beschieden ist.« Der König beauftragte das Hofamt für Festlichkeiten, eine reiche Festtafel herzurichten. Indem er sich zusammen mit allen Hofbeamten vor den Pilgernden verneigte, erkannte er sie als Meister an. Bald drückte er auch das königliche Siegel auf ihr Passdokument und bat zuletzt Tripitaka, seinem Königreich einen neuen Dynastienamen zu verleihen. Da meinte Pilger: »Majestät, ›Dharma‹ wäre ein ausgezeichneter Name für Euer Land, nur das Wort ›Verderb‹ ist nicht gut. Ab dem Tag unserer Ankunft könnt Ihr Euer Land ›Reich Zum Königlichen Dharma‹ nennen. Dann wird in Eurem Reich für Tausende von Generationen Friede herrschen, Eure Felder werden fruchtbar sein und von Unwettern verschont bleiben.« Da bedankte sich der König und befahl die Kutsche bereitzustellen, um Tripitaka und seine Schüler aus der Stadt zu geleiten. Wie der Herrscher und sein Hofstaat von nun an gute Taten vollbrachten und sich hingebungsvoll der Wahrheit widmeten, sei hier nicht weiter ausgeführt. Wenden wir uns wieder dem Priester zu, der beim Verlassen des Reichs Zum Königlichen Dharma hoch zu Ross freudig bemerkte: »Wukong, dein Zauber war wunderbar, das ist ein unermessliches Verdienst!« »Aber Bruder«, fragte nun Sandmönch, »wo hast du denn all die Barbiere gefunden, um mitten in der Nacht so viele Köpfe kahlzuscheren?« Pilger erzählte, wie er sich verwandelt und seinen Zauber ausgeführt hatte, und Meister und Schüler konnten kaum aufhören zu lachen. Heiter gingen sie einher, bis sie auf einmal gewahrten, dass weiter vorn ein hoher Berg aufragte. Tripitaka zügelte sein Pferd und sprach: »Schaut, meine Schüler, was für ein gewaltiger Berg! Wir müssen uns vorsehen!« »Keine Angst«, meinte Pilger, »es wird Euch schon nichts geschehen.« »Sag das nicht allzu voreilig«, entgegnete Tripitaka, »diese Gipfel sehen ungewöhnlich steil aus. Und aus der Ferne nähern sich Gewitterwolken, das sieht nicht gut aus. Ich fühle mich sehr beunruhigt.« Pilger jedoch lachte und meinte: »Ihr habt schon wieder das Herz-Sutra des Meisters vom Rabennest vergessen!« »Ich habe es sehr gut im Gedächtnis«, erwiderte Tripitaka. »Das mag sein, doch gibt es noch vier Verse, die Ihr vergessen haben müsst!« »Welche Verse meinst du?« fragte Tripitaka. Da rezitierte Pilger: »Buddha ist am Seelenberg, Aber suche nicht zu fern; Denn der Seelenberg ist nur Tief in deinem Herzen drin. Jeder Mensch hat innerlich Eine Seelenberg-Pagode; Und genau dies ist der Ort, Wo sich jeder üben möge!«442 »Mein Schüler«, sprach Tripitaka, »wie könnte ich dies vergessen? Nach diesen Versen geht es in allen Heiligen Schriften letztlich um nichts anderes als um die Arbeit am eigenen Innern!« »Keine Frage«, gab Pilger zurück und sprach: »Weilt das Herz in Stille, So strahlt es hell und wahr; Ist das Herz besonnen, Wird alles rein und klar.443 Doch wer dies nur leicht verfehlt, Unbedacht und achtlos wird, Dem ist viele tausend Jahre Lange kein Erfolg gewährt. Was nun nottut, ist allein Innere Wahrhaftigkeit; Denn so liegt des Buddhas Tempel Vor den Augen jederzeit! Aber mit Eurer furchtsamen Art und Eurem unruhigen Geist ist der Große Weg noch lang und der Tempel des Donnergrollens noch immer in weiter Ferne. Hört auf zu argwöhnen und kommt mit mir!« Auf diese Worte wurde dem Priester wohl ums Herz, und seine Sorgen verflüchtigten sich. Gemeinsam schritten sie voran und erreichten nach kurzer Zeit den Gipfel. Wie sie nun vor sich hin wanderten, hörten sie auf einmal den Wind brausen. »Ein Windstoß!« rief Tripitaka, der sich schon wieder fürchtete. »Ob Brise oder Föhn, Herbstwind und Nordwind«, meinte Pilger, »das sind doch nichts als die Winde verschiedener Jahreszeiten. Was fürchtet Ihr Euch, wenn der Wind geht?« Er hatte noch nicht geendet, als auf einmal Nebel aufzog. Tripitaka ängstigte sich umso mehr und rief: »Wukong, warum kommt jetzt Nebel auf, noch bevor sich der Wind gelegt hat?« »Nur keine Hast«, mahnte Pilger. »Steigt ab, Meister, meine Ordensbrüder sollen Euch hier bewachen, und ich will schauen gehen, ob es sich da um Heil oder Unheil handelt.« Er beugte sich leicht vor und schoss in die Höhe, schirmte die Hand über die Augen und spähte mit seinen feurigen Augen nach unten. Tatsächlich hockte dort unten an einem Steilhang ein Dämon. Um ihn herum scharten sich dreißig, vierzig kleine Ungeheuer, während er mit einer Magie Wind und Nebel aufsteigen ließ. »Da hat mein Meister ja was gespürt, tatsächlich treibt hier ein Dämon sein Unwesen«, dachte Pilger grinsend. »Wenn ich alter Sun ihn jetzt mit meiner Stange zerhaue, wie man Knoblauch mörsert, dann wäre er zwar erledigt, doch wäre auch mein guter Ruf dahin.« Pilger hielt ja zeitlebens den Heldenmut hoch, daher hätte er auch nie jemanden hinterrücks angegriffen. Nun sagte er sich: »Ich will mir erst mal Bajie vorknöpfen. Der soll hierherkommen und als Erster gegen dieses Ungeheuer kämpfen. Allerdings ist der immer so träge und mag nichts riskieren, da will ich ihn mal ein bisschen einwickeln!« Schon senkte er seine Wolke und landete vor Tripitaka, der gleich fragte: »Wukong, wie steht es um Heil und Unheil in Wind und Nebel?« »Es ist alles wieder rein und klar, es gibt weder Wind noch Nebel.« »In der Tat«, meinte Tripitaka. Lachend sagte Pilger: »Meister, normalerweise beurteile ich die Dinge richtig, diesmal aber lag ich falsch! Ich dachte schon, hinter Wind und Nebel könnte ein Dämon stecken, dabei stimmt es gar nicht.« »Was war es denn?« wollte Tripitaka wissen. »Da vorn, nicht allzu weit, liegt ein Dorf, dessen Bewohner gute Taten vollbringen wollen und darum gerade dabei sind, weißen Reis zu kochen und Brötchen aus Weißmehl zu dämpfen, um Mönche zu verköstigen! Vermutlich stammt der Nebel vom Dampf ihrer Garkörbe. Das ist auch ein Zeichen der Wohltätigkeit.« Bajie, der seine Worte für wahr hielt, zupfte Pilger am Ärmel und flüsterte: »Bruder, hast du denn schon was davon gegessen?« »Nur ganz wenig«, gab dieser zurück, »die Beilagen sind zu salzig, das liegt mir nicht.« »Pah«, machte Bajie, »wäre mir egal, ob salzig oder nicht. Ich würde mich einfach richtig vollfressen!« »Magst du was abhaben?« fragte Pilger. »Na klar!« gab Bajie zurück, »ich habe echt Hunger, am liebsten ginge ich sofort hin. Weiß nur nicht, ob das geht.« »Bruder, so heißt es doch in den alten Schriften: ›Ist der Vater da, darf der Sohn nicht eigenmächtig handeln.‹ Keiner von uns wagt vorab zu gehen, wenn unser Meister da ist!« Bajie grinste: »Wenn du mir versprichst, den Mund zu halten, geh ich trotzdem.« »Ich werde nichts sagen. Bin gespannt, wie du das anstellst.« Da dieser Tölpel nun einmal gefräßig war, trat er vor und sprach: »Meister, eben hat mein Ordensbruder gesagt, die Leute im Dorf da vorn würden Mönche verköstigen. Doch schaut Euch unser Pferd an, es ist ja schon ganz ungehalten, braucht frisches Gras und Hafer! Ansonsten würde es uns nur Ärger machen. Zum Glück sind Nebel und Wind weg, so könnt Ihr Euch hier ein bisschen ausruhen, und ich werde derweil frisches Gras holen. Es ist doch besser, wenn wir erst das Pferd füttern, bevor wir im Dorf Almosen holen!« »Sehr gut«, freute sich Tripitaka, »heute bist du ja richtig hilfsbereit! Geh nur, und komm bald wieder!« Grinsend zog der Tölpel von dannen. Pilger aber holte ihn ein und sagte: »Bruder, die Leute dort verköstigen nur feine Mönche, du musst dich ein bisschen verwandeln.« Da lief der Tölpel zu einer Senke, legte die Finger zu einem magischen Zeichen aneinander, murmelte einen Zauberspruch und wurde mit einem leichten Dreh zu einem molligen Mönch. Auf einem Holzfisch den Takt schlagend, murmelte er, weil er keine buddhistischen Schriften auswendig kannte, in einem fort »Hoher Herr!«.444 Doch berichten wir nun von dem Ungeheuer, das Wind und Nebel wieder eingezogen hatte und nun die Landstraße umstellen ließ, um Reisenden aufzulauern. Da hatte unser guter Tölpel Pech! Schon tappte er in die Falle und wurde sogleich von Ungeheuern umringt. Sie zerrten ihn am Kittel, zogen ihn am Gürtel, stupsten und schoben ihn allesamt herum. »Hört auf!« schrie Bajie, »wartet doch, bis ich in jedem Haus was gegessen habe!« »Was willst du essen, du Mönch?« fragten die Ungeheuer. »Ihr wollt doch Mönche verköstigen, darum bin ich gekommen!« »Ha, du glaubst, hier würden Mönche beköstigt. Hier werden Mönche gefressen!« riefen die Ungeheuer. »Wir sind dämonische Unsterbliche und haben hier im Gebirge das Dao erlangt. Mönche wie dich nehmen wir mit nach Hause, werfen sie in den Dämpfkorb, und dann werden sie gefressen. Und da glaubst du noch, du kriegst selber was zu fressen!« Da ging Bajie auf, dass Pilger ihn hinters Licht geführt hatte. »Dieser verdammte Pferdeknecht!« polterte er, »so eine Frechheit! Behauptet, die Leute im Dorf würden Mönche verköstigen, dabei sind es Ungeheuer!« Entnervt über das Gezerre, nahm Bajie plötzlich seine wahre Gestalt an, riss den Rechen aus dem Gürtel und begann wild draufloszudreschen, bis er alle Ungeheuer in die Flucht geschlagen hatte. Diese aber rannten nun zu ihrem Dämon und schrien: »Großer König! Eben ist ein Mönch gekommen, der sah ganz ordentlich aus. Doch als wir gesagt haben, dass wir ihn kochen und fressen wollen, hat er sich plötzlich verwandelt.« »In was denn?« wollte der Dämon wissen. »Er sah gar nicht mehr aus wie ein Mensch«, sagten die Ungeheuer, »er hatte plötzlich eine lange Schnauze und große Ohren, im Nacken sogar Borsten! Dann hat er einen Rechen geschwungen und rücksichtslos damit herumgefuchtelt, bis wir vor Angst hierhergerannt sind, um Eure Hoheit zu benachrichtigen.« Da trat der Dämon mit erhobener Eisenkeule vor das Tor und beäugte den Tölpel, der in der Tat unschön anzusehen war. Der Dämon nahm all seinen Mut zusammen und schrie: »Wo kommst du her und wie heißt du? Gib sofort Antwort, oder wir bringen dich um!« »Ach mein Sohn«, lachte Bajie, »erkennst du deinen Ahnherrn nicht? Ich bin Eber Bajie, Schüler des Priesters aus China!« »Sieh an, du bist ein Schüler des Priesters aus China! Schon lange hörte ich sagen, wie gut dessen Fleisch schmeckt! Dich wollte ich mir ohnehin schnappen, da läufst du mir auch schon von selbst in die Falle. Glaubst du etwa noch, ich würde dich laufenlassen? Stillgestanden, schau auf meine Keule!« Ohne Bajie zu Wort kommen zu lassen, stürzte der Dämon auf ihn los und schlug zu. Bajie warf sich in in den Kampf, und der Unhold befahl seinen Ungeheuern, ihn zu umzingeln. Doch wenden wir uns Pilger zu, der hinter Tripitakas Rücken plötzlich höhnisch auflachte. »Was lachst du denn?« fragte Sandmönch. »Bajie ist so albern!« rief Pilger, »kaum hört er was von essen, geht er schon auf den Leim! Und jetzt ist er noch immer nicht zurück. Falls er das Ungeheuer mit einem Hieb erschlagen sollte, wird er sich gleich mit seinem Verdienst großtun, du wirst sehen. Schafft er das nicht und wird geschnappt, wird er mich hinterrücks wer weiß wie oft als Pferdeknecht beschimpfen! Wujing, sag bitte nichts, ich will mal nachschauen.« Ohne es den Priester merken zu lassen, zupfte er sich ein Pelzhaar aus und verwandelte es in seine Gestalt. Während diese beim Priester blieb, stieg er in seinem wahren Geistkörper hoch und spähte hinunter. Bald sah er den Tölpel, von Ungeheuern umzingelt, mit seinem Rechen um sich fuchteln und allmählich die Oberhand verlieren. Da senkte Pilger seine Wolke und rief: »Bajie, keine Hast, der alte Sun ist da!« Als der Tölpel Pilgers Stimme erkannte, nahm er seine letzten Kräfte zusammen und drosch so wild drauflos, dass der Dämon sich nicht mehr wehren konnte und mit seinen Ungeheuern die Flucht ergriff. Als Pilger sah, dass die Ungeheuer geschlagen waren, machte er kehrt und sauste zurück zur Stelle, wo er gestanden hatte. Hier zog er sein Pelzhaar mit einem Schütteln wieder an sich. Bald trottete der Tölpel daher, keuchend und von der Anstrengung das ganze Gesicht rotzbeschmiert und Schaum vor dem Mund. »Meister!« japste er. Erstaunt blickte der Priester auf und rief: »Bajie! Du hast doch nur Gras holen wollen, warum kommst du so mitgenommen zurück?« Da warf der Tölpel seinen Rechen nieder, trampelte mit den Füßen auf den Boden, schlug sich verzeifelt an die Brust und rief: »Meister! Ich muss mich in Grund und Boden schämen. Mein Ordensbruder hat mich angeführt, als er sagte, im Dorf würden Mönche beköstigt. Ich habe es für wahr gehalten, und weil ich Hunger hatte und schon was essen wollte, bin ich unter dem Vorwand, Gras zu suchen, hingegangen. Wie hätte ich auch wissen können, dass stattdessen Ungeheuer kommen würden! Ich habe erbittert gekämpft, doch wenn am Ende nicht mein Ordensbruder mit seiner blöden Grabstange mir geholfen hätte, wäre ich niemals heil davongekommen!« Pilger neben ihm grinste: »Dieser Tölpel quatscht wieder Unsinn! Ich war ja gar nicht weg, habe doch die ganze Zeit den Meister bewacht!« »Ja, Wukong ist nicht weggegangen«, bestätigte der Priester. Aufgebracht sprang der Tölpel auf und rief: »Meister, Ihr müsst eben wissen, dass er seinen Körper ersetzen kann!« »Wukong«, sprach der Priester, »was ist nun wirklich mit den Dämonen?« Da konnte Pilger die Sache nicht weiter verheimlichen. Mit einer Verneigung meinte er lachend: »Nun, es gibt da schon eine Handvoll Ungeheuer, doch die wagen uns nicht anzugreifen. Bajie, komm mal her, ich will dir was zu tun geben. Wenn wir den Meister beschützen wollen, müssen wir auf diesen steilen Pfaden wie ein Armeetrupp vorgehen.« »Wie denn?« »Du übernimmst die Vorhut und machst den Weg frei. Wenn kein Dämon erscheint, brauchen wir uns nicht weiter zu kümmern. Falls aber einer auftaucht, musst du mit ihm kämpfen, und wenn du ihn besiegst, dann soll dies als dein persönliches Verdienst gelten.« Bajie, der die Kräfte des Dämons als den seinen ebenbürtig einschätzte, gab zurück: »Mache ich!« Pilger frohlockte, half dem Meister in den Sattel, und Sandmönch schulterte die Gepäckstange. Wie sie nun hinter Bajie ins Gebirge drangen, sei hier nicht weiter ausgeführt. Wenden wir uns stattdessen dem Dämon zu, der in seine Grotte zurückgekehrt war, wo er nun auf einem erhöhten Felsblock hockte und vor sich hin starrte. In der Grotte aber waren viele kleine Ungeheuer, und die kamen nun und fragten: »Großer König, sonst seid Ihr immer so vergnügt, wenn Ihr zurückkehrt; was macht Euch denn heute Kummer?« »Meine Kleinen«, sprach der Dämon, »wenn ich den Berg durchstreife, kann ich sonst immer ein paar Menschen oder Tiere erbeuten, damit ihr was zu essen habt. Heute aber war mir gar kein Glück beschert; ich bin auf einen Gegner gestoßen.« »Wer denn?« wollten die kleinen Ungeheuer wissen. »Ein Mönch, Schüler jenes Priesters aus China, der Heilige Schriften holen will; er nennt sich Eber Bajie. Der hat mich mit einem Rechen verprügelt und am Ende gar in die Flucht geschlagen, das macht mich wütend! Dabei hörte ich immer sagen, dieser Priester sei ein leibhaftiger Arhat und widme sich seit zehn Inkarnationen dem Weg der Vervollkommnung. Schon ein einziges Stück von seinem Fleisch soll unsterblich machen! Und jetzt, wo er hier in meinem Gebirge ist und ich ihn fressen könnte, stellt sich heraus, dass er einen solchen Schüler dabeihat.« Kaum hatte er geendet, trat eines seiner Ungeheuer aus den Reihen und sprach: »Großer König, eben habt Ihr erwähnt, dass Ihr das Fleisch dieses Priesters essen möchtet. Man kann es aber nicht essen.« »Wieso nicht?« »Wenn man es könnte, wäre er niemals bis hierher gelangt, sondern längst von anderen Dämonen gefressen worden. Außerdem hat er insgesamt drei Schüler bei sich: Der älteste heißt Pilger Sun, der dritte Sandmönch, und derjenige, der da war, ist sein zweiter Schüler, der Eber Bajie.« »Wie stark ist denn dieser Sandmönch im Vergleich zum Eber Bajie?« wollte der Dämon wissen. »Etwa gleich.« »Und jener Pilger Sun?« Da streckte das Ungeheuer verschmitzt die Zunge zwischen die Lippen und meinte: »Das wage ich Euch kaum zu sagen. Pilger Sun hat unermessliche Zauberkräfte und kann sich in alles Mögliche verwandeln. Vor fünfhundert Jahren hat er einmal im Himmelspalast einen großen Aufruhr gemacht, da konnten ihn nicht einmal die versammelten Himmelskrieger besiegen. Wie könnt Ihr auch nur daran denken, den Priester aus China zu verspeisen?« »Warum weißt du so genau Bescheid?« wunderte sich der alte Dämon. »Ich diente früher beim König der Löwengrotte auf dem Löwenberg. Damals hat sich jener König dazu verstiegen, den Priester aus China fressen zu wollen, doch am Ende hat der Pilger Sun mit seiner Stange das Tor eingehauen und ihn so arg verdroschen, dass es ihm ergangen ist wie beim Würfelspiel: ›Eins bis Sechs, alles nix‹! Zum Glück konnte ich gerade noch schnell durch die Hintertür fliehen, und dann bin ich hierher gekommen, wo Eure Majestät mich glücklicherweise aufgenommen hat. Darum kenne ich seine Fähigkeiten.« Wie der Dämon dies vernahm, erblasste er vor Schreck. Es war in der Tat, wie man sagt: Hohe Feldherren fürchten sich vor Prophezeiungen. Und dass gar einer der Seinen so sprach, beunruhigte ihn natürlich umso mehr. Während alle verängstigt dastanden, trat ein weiteres Ungeheuer vor und sprach: »Fürchtet Euch nicht, Großer König! Wenn Ihr den Priester aus China fressen möchtet, weiß ich eine List, mit der wir ihn kriegen.« »Wie denn?« fragte der Unhold. »Es ist die Strategie ›Auszupfen einer Pflaumenblüte‹.« »Und wie soll das funktionieren?« »Dazu müssen wir zuerst von allen Ungeheuern unserer Grotte die tausend besten aussuchen, dann davon hundert wählen, von hundert zehn, und zuletzt nehmen wir deren drei. Diese müssen sehr begabt sein und die Kunst der Verwandlung beherrschen, denn sie sollen alle drei in Gestalt Eurer Majestät erscheinen, ein jeder mit einer Keule bewaffnet, und an drei verschiedenen Orten lauern. Zuerst muss einer gegen den Eber Bajie kämpfen, dann einer gegen Pilger Sun, und schließlich noch einer gegen den Sandmönch. Sobald diese drei Ungeheuer die Ordensbrüder abgelenkt haben, brauchen Eure Majestät nur noch von oben die Hand nach dem Priester auszustrecken, und schon ist er gefangen. Das ist doch ein Kinderspiel, nicht schwieriger, als einen Gegenstand aus einem Sack zu langen!« Da rief der Dämon erfreut: »Diese Strategie ist hervorragend! Erstklassig! Falls wir so den Priester kriegen, ernenne ich dich zum Vorkämpfer der Fronttruppen!« Das kleine Ungeheuer machte einen Kotau und bedankte sich. Dann wurden alle Ungeheuer der Grotte versammelt, und man wählte auf besagte Weise drei besonders Begabte aus, welche die Gestalt des Dämons annahmen. Wie nun jeder mit einer Keule bewaffnet Stellung bezog, sei hier nicht weiter ausgeführt. Wenden wir uns stattdessen dem Priester zu, der sorglos hinter Bajie herging. Nachdem sie einige Zeit gewandert waren, schoss mit einem plötzlichen Knall vom Wegesrand ein Dämon hervor, rannte auf sie zu und griff nach dem Priester. »Der Dämon ist da, warum tust du nichts?« schrie Pilger Bajie zu. Da warf sich der Tölpel mit seinem Rechen ins Gefecht, und das Ungeheuer schwang seine Keule gegen ihn. Doch mitten im Kampf sprang mit einem schrillen Pfiff ein weiterer Dämon aus dem Gebüsch und rannte auf Tripitaka zu. »Meister!« rief Pilger, »Bajie hat wohl nicht recht hingeschaut; er hat den Dämon verfehlt, und jetzt will der Euch fangen. Ich alter Sun werde ihn gleich verprügeln!« Schon zückte er seine Stange und trat in den Kampf, während ihm das Ungeheuer, ohne ein Wort zu verlieren, mit der Keule entgegentrat. Die beiden tauschten Schlag auf Schlag, und während sie sich in Schach hielten, hörte man hinter dem Berg abermals einen Pfiff, und schon sprang ein weiteres Ungeheuer auf Tripitaka zu. Erschrocken packte Sandmönch seinen Stab und stellte sich dem Angreifer zur Wehr, der erbittert mit einer Keule gegen ihn ankämpfte. Allmählich verschob sich das Kampfgeschrei immer weiter weg, bis schließlich der Dämon oben in den Lüften den Priester alleine auf seinem Pferd sitzen sah. Da streckte er seine stählerne Kralle herab, packte den Priester und entführte ihn mit einem jähen Windstoß in seine Grotte. Dort rief er mehrmals: »Vorkämpfer!« Der Dämon streckte seine stählerne Kralle herab, packte den Priester und entführte ihn mit einem jähen Windstoß. Das Ungeheuer, das den Plan ausgeheckt hatte, kniete vor ihm nieder und stammelte: »Zu viel der Ehre!« »Wenn ein großer Feldherr spricht, gilt das schwarz auf weiß! Ich habe gesagt, dass ich dich zum Vorkämpfer der Fronttruppen ernenne, wenn wir den Priester kriegen. Nun ist der Plan geglückt, da kann ich doch nicht mein Wort brechen? Lass die Kleinen das Feuer schüren und den Priester garen, dann verspeisen wir beide je ein Stück von seinem Fleisch, damit wir länger leben.« »Großer König«, wandte der Vorkämpfer ein, »vorerst sollten wir ihn noch nicht fressen.« »Warum nicht, wir haben ihn doch schon!« rief der Dämon. »Ihn zu fressen wäre nicht so schlimm, Majestät«, sprach der Vorkämpfer, »Eber Bajie und der Sandmönch ließen sich schon mit irgendwelchen Abfindungen zufriedenstellen, doch der Pilger Sun, ihr Oberhaupt, ist gnadenlos. Wenn der das erfährt, würde er gar nicht erst kämpfen, sondern gleich seinen Goldreifstab in den Hang bohren und den ganzen Berg umkippen. So hätten wir am Ende gar keine Bleibe mehr!« »Was ist also deine werte Meinung, Vorkämpfer?« fragte der Dämon. »Meiner Ansicht nach sollten wir den Priester erst zwei, drei Tage im Hinterhof einsperren. Sobald die anderen ihn nicht mehr suchen, können wir ihn dann in aller Ruhe verspeisen; ist das nicht am besten?« Der Dämon gab also Befehl, den Priester in den Hinterhof zu schleppen, wo er an einen Baum gekettet wurde. Der Priester konnte seine Tränen nicht zurückhalten und klagte: »Ach, meine Schüler! Während ihr auf dem Berge Ungeheuer fangt, muss ich hier leiden. Ob wir uns uns je wiedersehen? Ach, es will mir schier das Herz brechen!« Wie ihm die Tränen über die Wangen rollten, hörte er plötzlich vom Baum gegenüber eine Stimme: »Priester, Ihr seid auch hierhergekommen?« »Wer seid Ihr denn?« fragte der Priester erstaunt. »Ich bin ein Holzfäller aus diesem Gebirge«, gab der andere zur Antwort, »vor ein paar Tagen hat mich dieser Bergherr gefangen und hier angekettet, schon drei Tage bin ich hier, sie könnten mich jederzeit fressen!« Unter Tränen sprach der Priester: »Ach, Herr Holzfäller, wenn Ihr sterben müsst, geht es wenigstens nur um Euch allein, Ihr habt keine weiteren Pflichten. Ich hingegen muss mitten in einer ungelösten Aufgabe sterben!« »Aber Ihr seid doch ein Klosterbruder, werter Priester«, entgegnete der Holzfäller, »was soll denn ungelöst sein, wenn Ihr sterben müsst?« »Eigentlich bin ich auf einer Pilgerschaft in den Westen«, erklärte der Priester. »Ich sollte auf Geheiß des Kaisers von China bei Buddha vorsprechen und Wahre Schriften holen, damit die verlassenen Seelen in der Unterwelt erlöst werden können. Wenn ich jetzt mein Leben verliere, wird unser Kaiser bis zum Tode vergeblich auf mich warten, sein ganzer Hofstaat wird enttäuscht sein von mir, und die zahllosen Seelen in der Hölle der zu Unrecht Verstorbenen verlieren ihre einzige Hoffnung und finden nie und nimmer den Weg in eine neue Wiedergeburt! Damit löst sich mein ganzes Verdienst in Staub auf. Ist das etwa nicht eine ungelöste Aufgabe?« Da aber schluchzte der Holzfäller: »Priester, das ist nur halb so schlimm; bei mir ist es viel trauriger! Ich lebe von meinem kargen Einkommen als Holzfäller, und meine dreiundachtzigjährige Mutter hat niemand anderen als mich. Wer soll sie in den Tod begleiten und sich um ihr Begräbnis kümmern, wenn ich gestorben bin? O Bitternis, das bricht mir das Herz!« Auf diese Worte klagte der Priester laut schluchzend: »Erbarmen, Erbarmen! Ob wir dem Herrscher dienen oder den Eltern, es geht um das gleiche Prinzip. Ihr wollt die Fürsorge Eurer Mutter vergelten, ich will die Gunst unseres Kaisers vergelten.« So war es in der Tat: Es blicken tränennasse Augen In andere tränennasse Augen, Da steht ein gebrochenes Herz Vor einem gebrochenen Herzen! Doch beschäftigen wir uns nicht weiter mit Tripitakas Notlage und wenden uns stattdessen Pilger zu, der in der Zwischenzeit an dem grasbewachsenen Berghang das Ungeheuer in die Flucht geschlagen hatte und flugs zur Landstraße eilte. Hier aber waren nur noch Pferd und Gepäck zu finden, der Meister war verschwunden. Erschrocken packte er das Pferd am Halfter, schulterte die Bündel und eilte suchend dem Gipfel entgegen. Und da wir nicht wissen, ob er fündig wurde, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第086回 / 86. Kapitel Holzmutter hilft den Unhold überwinden / Metallherr tilgt die Ungeheuer mit Magie Wie berichtet, suchte der Große Heilige den ganzen Berg ab und rief unermüdlich nach dem Meister. Auf einmal sah er Bajie wutschnaubend herbeirennen, ihm zurufend: »Was brüllst du da rum, Bruder?« »Der Meister ist weg!« schrie Pilger, »hast du ihn gesehen?« »Ich bin doch bloß als Mönch mit ihm zusammen, warum hast du mich schon wieder veräppelt und als Feldherr ausgeschickt! Eben habe ich auf Leben und Tod gegen den Dämon gekämpft; den Meister solltest du mit Sandmönch bewachen. Und da fragst du mich!« Er hatte noch nicht geendet, da sah man auch Sandmönch kommen. »Wo ist der Meister hin?« fragte Pilger. »Ihr habt wohl beide keine Augen im Kopf, dass ihr den Unhold einfach fahren lasst!« rief dieser. »Er wollte den Meister fangen, da hab ich gegen ihn gekämpft, während der Meister alleine im Sattel blieb.« Da stampfte Pilger wütend auf und rief: »Wir sind ihm auf den Leim gegangen, das war eine Strategie!« »Was für eine Strategie?« fragte Sandmönch. »Das ist die Strategie ›Auszupfen der Pflaumenblüte‹! Damit hat er uns abgehalten, so dass er sich am Ende leichter Hand den Meister angeln konnte. Irgendwo auf diesem Berg muss er sein, machen wir uns auf die Suche!« Eilends drangen die drei ins Gebirge und suchten überall, bis sie nach etwa zwanzig Meilen unter einem steilen Felshang einen Grotteneingang entdeckten. Über dem steinernen Portal war eine Steinplatte mit acht Schriftzeichen angebracht: »隱霧 山折岳連環洞 – Faltberg-Kringelgrotte im Nebelgebirge«. »Los, leg Hand an, Bajie!« forderte Pilger, »hier wohnt das Ungeheuer, da muss auch der Meister sein.« Der Tölpel schwang seinen Rechen und ließ ihn so heftig gegen das Tor schmettern, dass ein großes Loch klaffte. »Unhold!« schrie er, »gib auf der Stelle meinen Meister her!« Die Ungeheuer, die am Tor Wache hielten, stürzten Hals über Kopf ins Innere und meldeten dem Dämon, was geschehen war. »Wer ist es denn?« fragte dieser erschrocken, und der Vorkämpfer meinte: »Ich schaue gleich nach.« Er rannte zum Tor, spähte durch das Loch und erblickte draußen eine lange Schnauze mit großen Ohren. Da wandte er sich um und rief: »Keine Angst, Großer König! Es ist bloß der Eber Bajie, der hat keine besonderen Fähigkeiten. Der Einzige, vor dem wir uns in Acht nehmen müssen, ist jener Haarige mit der Donnergottfratze.« Draußen aber hatte Bajie diese Worte mitangehört und rief: »Bruder, vor mir haben die keine Angst, nur vor dir! Sicher ist der Meister hier drin. Schnell, geh du voran!« Da schrie Pilger: »Lausiges Sündenbiest, dein Ahnherr Sun ist hier! Rück meinen Meister raus, sonst geht’s dir an den Kragen!« »Schlimm, Majestät!« rief der Vorkämpfer, »Pilger Sun ist auch schon da!« »Da haben wir’s nun, alles wegen deiner Auszupferei!« schalt der Dämon. »Jetzt haben wir das Unheil am Hals, wie soll das nur weitergehen?« »Bitte seid mir nicht böse, Großer König«, meinte der Vorkämpfer, »soviel ich weiß, ist dieser Pilger Sun trotz allem ein großmütiger Affe. Obschon er immense Zauberkräfte besitzt, lässt er sich doch ziemlich leicht umgarnen. Zeigen wir ihm einfach einen falschen Menschenkopf und behaupten, wir hätten seinen Meister schon aufgefressen. Wenn wir ihn auf diese Weise loswerden, bleibt der chinesische Priester unser. Und sollte es nicht klappen, so können wir das Weitere immer noch besprechen.« »Woher willst du denn einen Menschenkopf kriegen?« fragte der Dämon. »Ich mache gleich einen«, versprach der Vorkämpfer. Schon hatte er den Wurzelstock einer Weide gefunden, den er so beschnitt, dass er einem Kopf ähnlich sah. Dann schmierte er etwas Blut darauf und schickte eines der kleinen Ungeheuer, ihn auf einem Tablett zum Tor zu bringen und Pilger mit den Worten anzusprechen: »Hoher Herr Großer Heiliger! Besänftigt Euren Zorn und gestattet uns eine Meldung.« Tatsächlich war Pilger leicht zu umgarnen, denn kaum hatte er die Worte »Hoher Herr Großer Heiliger« vernommen, hielt er Bajie am Arm zurück und sagte: »Schlag nicht zu, lass erst hören, was die zu sagen haben.« Da sprach das Ungeheuer: »Als Euer Meister von dem Großen König in die Grotte gebracht wurde, haben sich unsere unflätigen Ungeheuer gleich auf ihn gestürzt und ihn ruckzuck aufgefressen. Nur der Kopf ist noch übrig.« »Wenn er gefressen wurde, dann bringt den Kopf her, ich will ihn sehen!« schrie Pilger. Das kleine Ungeheuer warf den Kopf durch das Loch nach draußen. Bei dem Anblick brach Bajie in Tränen aus; Pilger jedoch rief: »Schau doch erst richtig hin, du Tölpel, bevor du losheulst! Der Kopf ist gar nicht echt!« »Woran siehst du das?« »Ein echter Kopf landet dumpf am Boden, ein falscher tönt wie eine Holzklapper. Wenn du es nicht glauben willst, dann zeig ich’s dir!« Schon nahm er den falschen Kopf und schmiss ihn gegen den Felsen, wo er mit hellem Klang abprallte. Dann zückte er wutentbrannt seine Stange und schmetterte ihn in Stücke. Da erkannte auch Bajie, dass es bloß ein Wurzelstock war, und polterte: »Wehe euch, haarige Rotte! Ihr versteckt unseren Meister in der Grotte und glaubt, ihr könnt euren Ahnherrn Eber mit einem Wurzelstock hinters Licht führen! Ihr wollt doch nicht behaupten, mein Meister sei ein Baumgeist?« Erschrocken rannte das Ungeheuer mit dem Tablett zurück, trat zitternd vor den Dämon und stammelte: »Das ist schwierig, schwierig, schwierig!« »Warum so viele ›schwierig‹?« fragte dieser. »Der Eber Bajie und der Sandmönch sind drauf reingefallen, doch dieser Pilger Sun muss wohl mal Antiquitätenhändler gewesen sein; der kennt sich aus und sieht auf den ersten Blick, was echt ist! Er hat sofort gemerkt, dass der Kopf gefälscht war. Wir brauchen einen echten, dann zieht er vielleicht ab.« Da befahl der Dämon seinen Ungeheuern, einen frischen Menschenkopf zu bringen und dessen Haare abzunagen, bis er glatt und sauber war, und dann ließ er ihn abermals auf einem Tablett zum Tor tragen. »Hoher Herr Großer Heiliger!« rief das Ungeheuer, »eben war es tatsächlich ein falscher Kopf, doch das hier ist wirklich der Kopf des werten Herrn aus China. Unsere Majestät hat ihn schon für den Haussegen aufgestellt, jetzt haben wir ihn eigens für Euch geholt.« Schon warfen sie den Menschenkopf zum Loch hinaus, dass er bluttriefend über den Boden rumpelte. Als Pilger sah, dass es ein echter Kopf war, brach er verzweifelt in Tränen aus, auch Bajie und Sandmönch fielen lauthals ein. »Bruder«, schluchzte Bajie, »ich will ihn begraben, solange mich die Wut sticht, nachher können wir immer noch trauern.« »Ja, gut«, schluchzte Pilger. Ohne sich um Blut und Schmutz zu kümmern, nahm der Tölpel den Kopf in die Arme und rannte damit den Berg hinan. An einer sonnigen Stelle schlug er mit dem Rechen eine Grube, legte den Kopf hinein und häufte einen Grabhügel an. Dann brach er an einem Bach einige Weidenzweige, nahm eine Handvoll Steine und kehrte damit zum Grab zurück, wo er zu beiden Seiten Zweige einsteckte und davor die Steine auftürmte. »Was soll denn das?« fragte Pilger. »Die Zweige stehen symbolisch für die Kiefern und Zypressen, die neben unseres Meisters Grab stehen sollten. Die Steine stehen für Opfergaben.« »Hör doch auf mit dem Unsinn«, versetzte Pilger. »Sandmönch soll erst mal hierbleiben, um das Grab zu bewachen, und auch, um Pferd und Gepäck zu hüten. Wir beide aber gehen die Grotte zertrümmern, packen uns den Dämon und hacken seine Leiche in tausend Stücke, dass wir unseren Meister rächen!« Bajie schwang seinen Rechen und stapfte hinter Pilger zur Grotte, wo er, ohne ein Wort zu verlieren, das steinerne Tor zerschmetterte. Mit einem ohrenbetäubenden Schrei brüllte er: »Ich will den Priester lebend!« Zu Tode erschrocken machten die Ungeheuer in der Grotte dem Vorkämpfer bittere Vorwürfe. »Was tun wir bloß, wenn dieser Mönch jetzt einfach unsere Grotte stürmt?« fragte der Dämon. Da sagte der Vorkämpfer: »Recht hatten die Weisen des Altertums: ›Wer in den Fischkorb langt, der riecht nach Fisch.‹ Entweder man fängt erst gar nicht an, oder man hält durch bis zum Schluss. Versammeln wir all unsere Krieger und bringen diese Mönche um!« Dem Dämon blieb nun keine andere Wahl. Tatsächlich bot er er all seine Ungeheuer auf, und diese stürmten mit lautem Kampfgeheul zur Grotte hinaus. Flink wich der Große Heilige mit Bajie ein paar Schritte zurück und stellte sich auf einer ebenen Stelle den Ungeheuern zur Wehr. »Wer von euch Ungeheuern hat meinen Meister gefangen?« schrie er. »Elender Mönch, lass mich gefälligst in Ruhe!« rief der Dämon mit erhobener Eisenkeule. »Ich bin der Große König vom Südberg und herrsche hier seit hundert Jahren. Deinen Priester habe ich aufgefressen, na und?« »Du aberwitziges Pelzbündel, von dir kann man auch gar nichts Besseres erwarten!« schimpfte Pilger. »Selbst der alte Meister Laozi, Ahnherr aus dem Uranfang der Welt, sitzt nicht höher als im Himmel der Höchsten Reinheit, und gar Buddha Tathagata, der große Weltenlenker, sitzt noch unter dem Vogel Peng. Und du sündiges Biest wagst dich hier ›Großer König vom Südberg‹ zu nennen und willst schon hundert Jahre dein Unwesen getrieben haben! Stillgestanden, lass dir von deinem Ahnherrn eins in die Fresse hauen!« Der Unhold duckte sich zur Seite und wehrte gleich darauf mit seiner Keule die Eisenstange ab. Da konnte sich Bajie nicht länger halten und drosch mit seinem Rechen wild drauflos, während der Vorkämpfer seine Truppen stürmen ließ, dass sich auf dem flachen Feld am Berghang ein wildes Kampfgetümmel entspann. Als der Große Heilige gewahrte, wie kühn die Ungeheuer angriffen, bediente er sich einer Magie, indem er sich rasch ein Büschel Pelzhaare ausriss und jedes Haar in seine Gestalt verwandelte, jedes wie er selbst mit einem Goldreifstab bewaffnet. Diese schlugen nun von außen auf die Truppen ein, während Pilger und Bajie sich mitten ins Gemenge stürzten. Den armen Ungeheuern spritzte vom Rechen das Blut aus neun Wunden zugleich; wer eins mit der Eisenstange abbekam, dem wurden Knochen und Fleisch zermalmt. Entsetzt löste sich der Dämon in Wind und Nebel auf und brauste in seine Grotte zurück. Der Vorkämpfer aber, der sich nicht schnell genug verwandeln konnte, wurde von Pilger mit einem Hieb umgelegt. Da zeigte sich seine wahre Gestalt: Es war ein grauer Wolf mit schwarzem Rücken. Pilger schüttelte sich, um seine Pelzhaare einzufangen, und schrie: »Tölpel, wir dürfen keine Zeit verlieren; wir müssen dem alten Dämon nachjagen und uns für den Meister rächen!« Der Dämon aber, der sich in die Grotte gerettet hatte, befahl seinen Ungeheuern, das Tor zu verbarrikadieren, und wagte keinen Blick mehr nach draußen. Als Pilger und Bajie angerannt kamen und zum Kampf aufriefen, gab keiner Antwort. Schließlich schmetterte Bajie seinen Rechen gegen den Eingang, doch diesmal war er nicht zu zerschlagen. »Bajie, spar dir deine Kräfte, die haben den Eingang zugebaut. Schauen wir lieber noch mal beim Grab vorbei«, schlug Pilger vor. Als die beiden dorthin zurückkehrten, fanden sie Sandmönch noch immer in Tränen. Von Trauer übermannt warf sich Bajie auf den Grabhügel, schlug mit den Händen auf die Erde und flennte. »Brüder«, sagte Pilger, »wenn der Dämon seine Grotte so fest verschließt, hat er bestimmt irgendeine Hintertür, wo er rein und raus kann. Bleibt mal hier; ich will mich noch mal umschauen.« »Ach Bruder«, schniefte Bajie, »nimm dich bloß in Acht und lass dich nicht auch noch erwischen! Sonst kommen wir gar nicht mehr nach mit Weinen. Erst für den Meister und dann gleich noch für den Ordensbruder Klage halten, das würde die ganze Trauer durcheinanderbringen.« »Unsinn!« versetzte Pilger. Er steckte seine Stange ins Ohr und schritt am Berghang voran. Auf einmal hörte er Wasser glucksen. Er sah sich um und gewahrte einen Bergbach, der den Hang herabrieselte. Am gegenüberliegenden Ufer erspähte er eine Pforte, von der eine Abflussrinne mit rotem Wasser in den Bach führte. »Keine Frage, das muss ihre Hintertür sein«, meinte er. Auf der Stelle nahm er die Gestalt einer Wasserratte an, flitzte hinüber und gelangte durch die Rinne in einen Innenhof. Hier sah er ein paar kleine Ungeheuer, die gerade an einer sonnigen Stelle Menschenfleisch zum Trocknen aushängten. »Ach wie schrecklich, das ist gewiss das Fleisch meines Meisters! Was sie nicht gleich essen können, machen sie zu Trockenfleisch für harte Zeiten«, ging es ihm durch den Kopf. »Doch jetzt will ich reingehen und den alten Dämon suchen, dann sehe ich, wie die Lage steht.« Aus der Abflussrinne springend verwandelte er sich mit leichtem Dreh in eine geflügelte Ameise und schwirrte flugs in die Haupthalle. Dort sah er den alten Dämon vergrämt auf dem Thron sitzen. Nun aber hüpfte ein kleines Ungeheuer hervor und meldete: »Ein riesiges Glück, Majestät!« »Was für ein Glück?« fragte der Unhold. »Eben habe ich zur Hinterpforte rausgeschaut, da hab ich Leute weinen hören. Ich bin dann den Hang hinaufgekrochen und habe gesehen, wie dort Eber Bajie, Pilger Sun und Sandmönch vor einem Grab wehklagten. Das heißt doch, dass sie den falschen Kopf wirklich für den Kopf ihres Priesters halten. Nun haben sie ihn vergraben und halten Totenklage!« Pilger, der die Worte heimlich mitangehört hatte, sagte sich: »Nach dieser Aussage müsste mein Meister noch immer irgendwo versteckt sein, dann haben sie ihn ja gar nicht gefressen! Ich will mich gleich auf die Suche machen.« Im Nu surrte er durch die Haupthalle und spähte in alle Richtungen, bis er eine kleine Seitentür entdeckte, die fest verriegelt war. Er schlüpfte durch eine Ritze und fand sich in einem geräumigen Hof wieder. Ein leises Schluchzen drang an sein Ohr. Als er weiterflog, kam er schließlich zu Bäumen, an denen zwei Menschen angebunden waren, und der eine von ihnen war Tripitaka! Als Pilger ihn sah, war er so glücklich, dass er gleich seine eigene Gestalt annahm, auf ihn zutrat und rief: »Meister!« »Wukong!« rief der Meister schluchzend, »da bist du ja, rette mich!« »Leise, Meister! Da ist ja noch ein anderer; nicht, dass wir verraten werden. Da Ihr am Leben seid, werde ich Euch mit Sicherheit retten können.« Schon hatte er mit einem leichten Dreh wieder die Gestalt einer fliegenden Ameise angenommen und schwebte in die Haupthalle zurück, wo er auf einem Deckenbalken landete. Hier sah er unter sich eine Schar drängelnder und lärmender Ungeheuer, aus der plötzlich eines nach vorn sprang und rief: »Großer König! Sie haben das verbarrikadierte Tor nicht einschlagen können; jetzt haben sie für den falschen Kopf einen Grabhügel angelegt, also werden sie gewiss erst mal einen Tag lang Totenklage halten. Morgen und übermorgen wird es so weitergehen, und wenn dann der dritte und letzte Trauertag vorbei ist, werden sie sicherlich abziehen. Sobald wir wissen, dass sie sich verzogen haben, können wir den Priester in Stücke hacken. Die großen werden geschmort, und jeder kriegt einen Happen vom saftigen Braten, damit er ein langes Leben genießen kann.« Eines der Ungeheuer klatschte in die Hände und rief: »Gedämpft schmeckt er sicher noch besser!« Und ein weiteres rief: »Das ist eine erstklassige Delikatesse, wir sollten ihn in Salz einlegen, damit wir lange dran haben.« Empört meinte Pilger, der am Deckenbalken alles mitgehört hatte: »Was hat mein Meister eigentlich an euch verbrochen, dass ihr nichts im Sinn habt, als ihn aufzufressen?« Nun aber rupfte er sich ein Büschel Pelzhaare aus und machte sie zu Schlafkäferchen, die er sofort über alle Ungeheuer streute, worauf ihnen die Käferchen die Nase hochkrochen, dass alsbald alle träge wurden und schließlich in tiefen Schlaf versanken. Nur der alte Dämon schlief noch nicht fest und fuhr sich ständig mit den Pranken übers Gesicht. »Warte nur, der kriegt gleich die doppelte Portion!« dachte Pilger, zauberte ein weiteres Schlafkäferchen und ließ es in seine Nase krabbeln. Da gähnte der Dämon zwei Mal laut auf und versank schnarchend in tiefen Schlaf. Pilger sprang herab, nahm seine eigene Gestalt an, zerschmetterte die Seitentür, rannte in den Hof und rief: »Meister!« Er löste ihm die Fesseln, bot ihm stützend den Arm und wollte gehen. Da hörten sie den Mann am anderen Baum rufen: »Werter Herr, bitte habt Erbarmen und rettet mich auch!« »Ja, Wukong, binde diesen Mann auch los!« sagte Tripitaka. »Wer ist das?« fragte Pilger. »Ein Holzfäller. Er sagt, er habe eine alte Mutter zu pflegen. Rette ihn gleich!« Da löste Pilger auch dem Holzfäller die Fesseln und führte ihn mit zur Hinterpforte, wo sie am steilen Uferfels den Bach überquerten. »Wo sind denn Wuneng und Wujing?« fragte der Priester. »Die beiden halten Totenwacht für Euch. Ruft sie mal!« Laut rief der Priester: »Bajie! Bajie!« Vom vielen Weinen ganz benommen, wischte sich der Tölpel die Tränen ab und meinte: »Sandmönch, jetzt kommt des Meisters Geist daher; hat er nicht eben gerufen?« Da sprang Pilger hervor und rief: »Was für ein Geist, du Trottel? Du siehst doch, dass der Meister kommt!« Als Sandmönch ihn erblickte, fiel er auf die Knie und rief: »Meister! Was für Qualen müsst Ihr gelitten haben! Wie hat unser Bruder es geschafft, Euch zu retten?« Pilger erzählte, was sich alles ereignet hatte. Da schwang Bajie seinen Rechen, schlug das Grab ein, buddelte den Kopf heraus und zertrümmerte ihn. »O Meister!« rief er dann, »da hab ich keine Ahnung, wo dieser Tote herkommt, und halte noch Klage für ihn!« »Immerhin hat er mir das Leben gerettet«, sprach Tripitaka, »grabe ihn wieder ein, das zeugt vom guten Willen, wie es uns Mönchen geziemt.« Auf diese Worte grub der Tölpel den Kopf wieder ein. Pilger lachte und rief: »Meister, setzt Euch mal ein Weilchen hin. Ich will hier noch alles ausrotten, bin gleich wieder da.« Schon sprang er vom Fels, gelangte durch den Bach in die Grotte, wo er die Stricke, mit denen man Tripitaka und den Holzfäller angebunden hatte, in die Haupthalle schleppte und nun den alten Dämon, der noch immer tief schlief, an allen vieren fest verschnürte. Dann schulterte er ihn mit dem Goldreifstab, schritt durch die Hintertür nach draußen und warf ihn dem Meister vor die Füße. Bajie wollte ihn gleich mit dem Rechen erschlagen, doch Pilger meinte: »Halt, in der Grotte sind noch seine Ungeheuer. Sparen wir uns die Kräfte, sie anzugreifen, suchen wir einfach Brennholz und machen ihnen den Garaus!« Der Holzfäller sammelte mit Bajie im Tal ein großes Bündel dürres Geäst, das sie durch die Hinterpforte in die Grotte stopften. Pilger zündete das Feuer an, und Bajie fächelte es mit seinen Ohren an. Zuletzt zog der Große Heilige mit einem Schütteln die in Schlafkäferchen verwandelten Haare an seinen Körper zurück. Als die Ungeheuer erwachten, wurden sie von Rauch und Feuer überrascht, und kein einziges konnte sich retten. So wurde in der Grotte alles mit Haut und Haar verbrannt. Schließlich kehrten sie zum Meister zurück, als gerade auch der alte Dämon erwachte. Doch nun trat Bajie vor und erlegte ihn mit einem Hieb, dass seine wahre Gestalt zum Vorschein kam: Es war ein Leopard, der sich in einen bösen Geist verwandelt hatte; sein Fell war gemustert wie Beifußblätter! Nun trat Bajie vor und erlegte ihn mit einem Hieb, dass seine wahre Gestalt zum Vorschein kam. Überglücklich bedankte sich der Priester ein ums andere Mal. Als er sich endlich in den Sattel schwang, sprach der Holzfäller: »Werter Herr, mein Haus liegt nicht weit südwestlich von hier; bitte macht doch meiner Mutter einen kurzen Besuch, damit sie sich bei den werten Herren, die mir das Leben gerettet haben, bedanken kann. Ich werde Euch dann auf den Weg führen.« Der Priester freute sich, verzichtete aufs Reiten und ging mit dem Holzfäller zu Fuß neben seinen Schülern einher. So wanderten sie auf einem gewundenen Bergpfad in südwestlicher Richtung dahin und erblickten bald eine alte Frau, die, an eine Holztür gelehnt, mit tränennassem Gesicht um ihren Sohn klagte. Der Holzfäller aber eilte hin, warf sich vor ihr nieder und rief: »Mutter! Euer Sohn ist da!« Die alte Frau fasste ihn am Arm und sprach: »Oh, mein Kind! All die Tage bist du ferngeblieben; ich dachte schon, der Bergherr hätte dich geholt! Ich habe mir schreckliche Sorgen gemacht! Warum kommst du erst jetzt zurück, wenn dir nichts geschehen ist?« »Mutter«, sprach der Holzfäller, »tatsächlich hat der Bergherr mich gefangen. Er hat mich an einem Baum festgebunden, und ich sah nur noch dem Tod entgegen. Zum großen Glück sind diese werten Herren gekommen, sie haben mit unglaublichen Zauberkräften den Bergherrn erschlagen und diesen hohen werten Herrn und Euer Kind gerettet. Damit haben sie uns eine unerhörte Gunst erwiesen! Von nun an wird es friedlich sein auf unserem Berg, selbst nachts wird Eurem Kinde draußen nichts geschehen.« Als die alte Mutter dies vernommen hatte, ging sie betend auf den Priester und seine Schüler zu, indem sie sich nach jedem Schritt niederwarf und mit der Stirn den Boden berührte. Dann bat sie alle, in ihrer Hütte Platz zu nehmen, worauf Mutter und Sohn abermals vor ihnen niederknieten und in einem fort dankten. In aller Eile wurde etwas Wildgemüse zubereitet, damit Meister und Schüler sich sättigen konnten, dann nahmen sie ihre Reisebündel und machten sich auf den Weg. Der Holzfäller gab sich alle Mühe, sie gebührlich zu begleiten, führte sie auf die Landstraße und sprach: »Macht euch keine Sorgen, werte Herren. Von hier aus sind es kaum tausend Meilen bis in den Westen. Bald seid ihr in Indien, dem Land der Glückseligkeit.« Da sprang der Priester vom Pferd, sprach dem Holzfäller seinen Dank aus und verabschiedete sich. Nun strebten Meister und Schüler weiter dem Westen entgegen, und da wir nicht wissen, wohin sie im Weiteren gelangen sollten, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第087回 / 87. Kapitel Die Stadt der Phönixgötter wird mit Dürrezeit bestraft / Der Große Heilige gemahnt zur Güte und bringt Regen Der Große Weg ist still und tief, Was hält seinen Wandel in ewigem Gang? Dies Rätsel zu lüften lässt Geister und Götter erzittern! Wer das ganze All umfasst, Eröffnet das tiefdunkle Tor, Des wahre Freude dann ist beispiellos auf Erden! Vor dem Geierfels am Seelenberg Nehme diese edle Perle Und lasse ihr fünffarbenes Licht verströmen. Damit erhelle die ganze Welt, Führe alle Wesen ins Licht, Wer darum weiß, der lebt so lange wie Gebirge und Meere! Berichten wir nun, wie Tripitaka und seine Schüler nach dem Abschied vom Holzfäller auf der Landstraße dem Westen zueilten und nach einigen Tagen in der Ferne eine umwallte Stadt erblickten. »Wukong«, rief Tripitaka, »schau mal, diese Stadt da vorn! Ist dort vielleicht der Tempel des Donnergrollens von Indien?« »Nein, das kann nicht sein«, erwiderte Pilger abwinkend. »Der Ort, an dem Tathagata weilt, wird zwar Reich der höchsten Freude genannt, doch gibt es dort keine Reichsstadt. Was man den Großen Tempel des Donnergrollens auf dem Seelenberg nennt, ist ein hoher Berg mit einer prächtigen Tempelanlage. Und gesetzt den Fall, wir wären schon in Indien, heißt das noch lange nicht, dass wir bereits da sind, wo Tathagata wohnt. Wer weiß, wie weit es in Indien noch ist bis zum Seelenberg! Die Stadt ist vermutlich eine Präfektur unter indischer Herrschaft. Sobald wir dort sind, wird es sich klären.« Es dauerte nicht lange, da standen sie vor den Toren der Stadt. Tripitaka stieg vom Sattel und schritt durch die drei Portale in die Stadt hinein, dabei fiel ihm auf, wie verlassen alles aussah, es gab kaum Menschen oder Waren zu sehen, alle Straßen und Gassen waren öd und leer. Als sie an eine Marktstraße kamen, sahen sie viele blau gekleidete Leute, die sich zu beiden Seiten der Straße aufgereiht hatten, und an einer Hauswand standen mehrere Männer in Beamtentracht unter dem Dachvorsprung. Da sie keine Anstalten machten auszuweichen, als die vier Pilgernden näher kamen, reckte Bajie seine Schnauze hoch und schrie: »Weg frei, Weg frei!« Wie die Leute überrascht aufblickten, jagte ihnen der Anblick dieser Gestalten einen solchen Schrecken ein, dass sie ins Stolpern gerieten und schrien: »Ungeheuer! Ungeheuer!« Zitternd verneigten sich die Beamten unter dem Dachvorsprung vor ihnen und fragten: »Wo kommt ihr her?« Um seinen Schülern zuvorzukommen, beeilte sich Tripitaka zu antworten: »Geringer Mönch ist vom Kaiser von China ausgesandt, im Großen Tempel des Donnergrollens von Indien bei Buddha Heilige Schriften zu holen. Der Weg führt uns durch eure werte Gegend, deren Name uns noch unbekannt ist. Mögen die Herren unser ungebührliches Auftreten verzeihen!« Allmählich fassten sich die Beamten, grüßten höflich und sprachen: »Ihr seid hier in einer Grafschaft von Indien, genannt Stadt der Phönixgötter. Da wir unter einer jahrelangen Dürre leiden, lässt unser Graf uns eine Bekanntmachung aushängen, um Geistliche zu suchen, die sich aufs Regenmachen verstehen und unser Volk retten können.« Als Pilger das hörte, fragte er: »Wo ist eure Bekanntmachung?« »Hier«, antworteten die Beamten, »wir haben gerade diese Wand säubern lassen, um sie hier aufzuhängen.« »Lasst mich mal sehen«, meinte Pilger. Da rollten die Beamten das Edikt auseinander und hängten es unter den Dachvorsprung; Pilger und seine Gefährten traten hinzu und lasen. Es stand geschrieben: »Graf Shangguan von der Grafschaft der Phönixgötter im großen Königreich Indien erlässt nachfolgende Bekanntmachung, um hohe Geistliche anzuwerben: Aus nämlichem Grunde, dass seit Jahren Dürre herrscht, sind der Felder Erträge ausgeblieben. Derzeit vermögen nur noch Wohlhabende auszuharren, wohingegen Mittellose kaum mehr überleben. Inzwischen ist ein Scheffel Hirse bereits hundert Goldstücke wert; ein Bündel Reisig ist beim Preis von fünf Silberlingen. Zehnjährige Töchter werden gegen drei Maß Reis gehandelt, fünfjährige Söhne umsonst abgegeben. Während in der Stadt aus Furcht vor dem Gesetz noch Kleider und Güter verpfändet werden, herrschen auf dem Lande bereits Raub und Menschenfresserei. Es möge diese Bekanntmachung die Weisen aller Länder erreichen, auf dass man für uns um Regen bete und unser Volk vor dem Verderben bewahre. Wir werden uns mit 1000 Goldstücken erkenntlich zeigen und selbiges Versprechen unter allen Umständen einhalten. Obige Kundgebung werde ausgehängt.« Nachdem Pilger alles durchgelesen hatte, wandte er sich an die Beamten und fragte: »Wer ist Graf Shangguan?« »Shangguan ist der Name des Herrschers unserer Grafschaft.« Da meinte Tripitaka: »Wukong, du kannst doch Regen machen. Bringe ihnen einen erquickenden Regenguss, damit das Volk gerettet wird; das wäre eine große Wohltat. Ansonsten lass uns zeitig weiterziehen, damit wir nicht unnötig die Reise verzögern.« »Regen machen ist keine Sache!« rief Pilger, »Flüsse und Meere aufpeitschen, Regen und Wind bringen, mit solchen Kleinigkeiten hab ich alter Sun schon als Kind gespielt!« Als die Beamten dies hörten, schickten sie sofort zwei Männer an den Hof, und diese meldeten: »Hoher Herr! Eine überaus frohe Botschaft!« Der Graf, der gerade mit Räucherstäbchen in stummem Gebet dastand, vernahm die Meldung und fragte sogleich, was denn die frohe Botschaft sei. Der Beamte sprach: »Gerade als wir die Bekanntmachung am Eingang zur Marktstraße aushängen wollten, kamen vier Mönche daher. Sie sagen, sie kämen aus dem chinesischen Kaiserreich im fernen Osten und pilgerten zum Tempel des Donnergrollens, um bei Buddha Heilige Schriften zu holen. Als sie die Bekanntmachung lasen, sagten sie sogleich, sie verstünden sich aufs Regenmachen. Dies zu melden sind wir gekommen.« Da brachte der Graf sein Gewand in Ordnung und begab sich zu Fuß zur Marktstraße, wo die Menschen respektvoll zur Seite wichen. Als er den Priester aus China erblickte, kniete er ohne Furcht vor den grimmig aussehenden Schülern mitten auf der Straße nieder und sprach: »Geringer Herr ist Shangguan der Aufrechte, Gebieter der Grafschaft der Phönixgötter. Mit Weihrauch und läuterndem Bade will ich die werten Meister bitten, um Regen zu beten, damit unser Volk gerettet werde. Mögen die werten Meister so gütig sein und uns zu Hilfe kommen!« Tripitaka machte eine Verneigung und sprach: »Es ist hier nicht der Ort, dies zu besprechen. Lasst geringe Mönche in einem Tempel Unterkunft beziehen, danach werden wir uns damit beschäftigen.« »Kommt in meine bescheidene Residenz«, sprach der Graf, »dort wird sich gewiss ein reiner, ruhiger Ort für euch finden.« Also folgten Meister und Schüler mit Pferd und Gepäck in die gräfliche Residenz, wo erst die erforderlichen Begrüßungsriten vollzogen, dann Tee und Speisen aufgetragen wurden. Nachdem sie sich gesättigt hatten, bedankte sich Tripitaka und fragte: »Geehrter Graf, wie lange herrscht schon Dürre in Euren werten Landen?« Da gab der Fürst zur Antwort: »Hier in unserem öden Land, Das zum Indischen Reich gehört, Wird die Stadt der Phönixgötter Von mir selbst als Graf geführt. Seit drei langen Jahren schon Herrscht die große Dürre nun; Unsre Saaten keimen nicht, Das Getreide ist dahin! Alt und Jung im ganzen Volke Können Güter kaum erwerben; Neune von zehn Sippen weinen Um das nahende Verderben! Bald zwei Drittel aller Bürger Hungernd schon gestorben sind, Und ein letztes Drittel zittert Wie ein Kerzenlicht im Wind. Daher suche ich Geringer Per Bekanntmachung nach Weisen; Welch ein Glück, dass wahre Mönche Jetzt durch unsre Gegend reisen! Wenn ihr auch nur einen kleinen Regen unsrem Volke schenkt; Spenden wir für diesen Segen Tausend Gulden euch zum Dank!« Auf diese Worte grinste Pilger nur und meinte: »Ach was, lasst das. Wenn Ihr mit 1000 Gulden danken wollt, gibt’s keinen halben Tropfen Regen. Als eine gute Tat jedoch will ich alter Sun Euch gern einen großen Regen machen.« Der Fürst war ein redlicher und tugendsamer Mensch, dem sein Volk am Herzen lag, und so bat er denn Pilger auf seinen Thronsitz, neigte vor ihm das Haupt und verbeugte sich mit den Worten: »Wenn der werte Meister wahrhaftig gewillt ist, uns zu helfen, wird geringer Herr sich nicht erdreisten, sich Eurem Edelsinn zu widersetzen.« »Steht auf, Graf«, meinte Pilger, »lasst den alten Sun gleich anpacken.« »Wie willst du denn vorgehen, Bruder?« fragte Sandmönch. »Du kannst mir mit Bajie da draußen vor der Residenz assistieren, derweil ich alter Sun den Drachen rufe, damit er Regen bringt.« Also stellten sich Bajie und Sandmönch an seine Seite, und die drei Brüder traten vor die Residenz, während der Fürst sich betend mit Räucherwerk verneigte und Tripitaka sitzend Sutren rezitierte. Kaum hatte Pilger das Zauberwort gesprochen, konnte man bereits eine dunkle Wolke sehen, die von Osten her aufzog, allmählich näher kam und sich vor der Residenz niederließ. Es war Drachenkönig Ao Guang vom Östlichen Ozean. Er verneigte sich vor Pilger und sprach: »Großer Heiliger, Ihr habt geringen Drachen gerufen. Womit darf ich dienen?« »Danke, dass Ihr aus weiter Ferne hierher kommt«, sprach Pilger, »es gibt kein großes Problem, nur leidet diese Grafschaft der Phönixgötter seit mehreren Jahren unter einer Dürre, und darum bitte ich Euch, ein bisschen Regen zu spenden, um das Volk aus seiner Not zu retten.« »Großer Heiliger«, sprach der Drachenkönig, »Ihr müsst wissen, dass ich zwar freilich Regen machen kann, doch nur auf himmlisches Geheiß. Wie könnte ich es wagen, ohne Auftrag des Himmels eigenmächtig zu handeln? Doch da Ihr, Großer Heiliger, die Absicht habt, dieses Volk zu retten, lasst geringen Drachen in den Ozean zurückkehren, um die Krieger zu versammeln. Der Große Heilige möge sich derweil in den Himmelspalast bemühen und um ein schriftliches Geheiß zur Erteilung von Niederschlag bitten, damit der Wasserminister geringen Drachen entsende und ich hier nach der vorgeschriebenen Menge Regen niedergehen lassen kann.« Also blieb Pilger nichts anderes übrig, als den Drachen zurückkehren zu lassen. Dann aber sprang er aus dem Ritualplatz und sprach zu Bajie und Sandmönch: »Beschützt den Meister; ich muss kurz zum Himmelspalast!« Mit einem »Ich gehe!« war er auf und davon. Verwundert rief der Graf: »Wo ist denn der werte Herr Sun hin?« »Auf einer Wolke in den Himmel gestiegen«, versetzte Bajie lachend. Da ließ der Graf in höchster Achtung eine Eilbotschaft verbreiten, in der alle Amtsdiener und Bürger der Stadt aufgefordert wurden, in sämtlichen Häusern Ahnentafeln für den Drachenkönig zu errichten, Wasserkrüge mit Weidenzweigen vor die Tore zu stellen und dem Himmel Weihrauch zu opfern. Doch davon sei hier nicht weiter die Rede. Berichten wir stattdessen, wie Pilger im Wolkenüberschlag zum Westlichen Himmelstor sauste, wo ihm Himmelskönig Dhritarashtra entgegenkam und rief: »Großer Heiliger! Ist die Sache mit dem Schriftenholen beendet?« »Es fehlt nicht viel«, gab Pilger zurück, »heute sind wir in die Grafschaft der Phönixgötter gekommen, da ist seit drei Jahren kein Regen mehr gefallen, und das Volk leidet bittere Not. Ich alter Sun möchte ihnen ein bisschen Regen bringen und komme darum eigens, um beim Jadekaiser vorzusprechen und um Erlaubnis zu bitten.« »Die Gegend wird nicht grundlos ohne Regen sein«, bemerkte der Himmelskönig. »Ich habe sagen hören, dieser Graf habe sich an Himmel und Erde vergangen, weshalb ihm zur Strafe im Himmel ein Reisberg, ein Mehlberg und ein goldener Riegel aufgestellt wurde. Es soll nicht eher Regen fallen, als bis diese drei Dinge geschwunden sind.« Pilger begab sich zur Halle der Durchdringenden Klarheit, wo er den Vier Himmelsmeistern sein Anliegen erklärte, worauf diese ihn zur Halle der Himmelshöhen führten und sprachen: »Zehntausend Jahre Eurer Majestät! Es bittet Sun Wukong um Audienz, da sein Weg durch die indische Grafschaft der Phönixgötter führt und er dort um Regen bitten möchte.« Da rief der Jadekaiser: »Vor drei Jahren, am fünfundzwanzigsten Tag des zwölften Mondmonats, sind Wir anlässlich einer Inspektionsreise durch alle Himmel und alle drei Welten in das Gebiet dieses Schurken gekommen und haben gesehen, wie ehrfurchtslos Shangguan der Aufrechte sich verhielt. Er hat die für den Himmel bestimmten Opfergaben umgestoßen, sie den Hunden zum Fraß vorgeworfen und dabei schmutzige Worte geäußert. Damit hat er die Sünde der Gotteslästerung begangen, weshalb Wir in der Duftumhüllten Halle drei Gegenstände aufstellen ließen. Führt Sun Wukong dorthin und schaut, wie es um die Sachen steht. Sollten sie bereits geschwunden sein, wird die Erlaubnis erteilt, ansonsten möge er sich nicht länger um müßige Angelegenheiten kümmern.« Die Vier Himmelsmeister führten Pilger zur Duftumhüllten Halle, und dort fanden sie einen etwa zehn Klafter hohen Reisberg, daneben einen wohl gar zwanzig Klafter hohen Mehlberg. Am Rande des Reisberges aber war ein faustgroßes Hühnchen, das hie und da ein Körnchen pickte, und neben dem Mehlberg lag ein Löwenhündchen, das hin und wieder etwas Mehl ableckte. Weiter links lag ein goldenes Schloss auf einem aufgehängten Gestell, das war etwa einen Fuß und drei, vier Zoll lang, und darunter stand eine Öllampe, deren Flamme den fingerdicken Riegel erhitzte. Pilger wunderte sich und fragte die Himmelsmeister: »Was soll das bedeuten?« »Weil dieser Schuft gegen den Himmel gelästert hat, ließ der Jadekaiser diese drei Dinge aufstellen. Erst wenn das Huhn alle Körner gefressen, der Hund alles Mehl abgeleckt hat und auch der Riegel über der Flamme geschmolzen ist, wird in jener Gegend wieder Regen fallen.« Pilger erblasste vor Schreck. Er wagte nicht noch einmal beim Jadekaiser vorzusprechen und trat beschämt aus der Halle. Lachend meinten die Vier Himmelsmeister: »Macht Euch keine Sorgen, Großer Heiliger! So etwas kann nur mit guten Taten gelöst werden. Ein einziger Gedanke der Barmherzigkeit kann den Himmel so bewegen, dass der Reisberg und der Mehlberg einstürzen und der Riegel des Schlosses auf der Stelle schmilzt. Geht und ermahnt ihn zum Guten, dann kommt das Glück von selbst!« Da verabschiedete sich Pilger und schwebte auf seiner Wolke in die unteren Sphären zurück, wo ihn der Graf, Tripitaka und die anderen umringten und ihn mit Fragen bestürmten. Pilger aber fuhr den Fürsten an: »Ihr Schuft habt vor drei Jahren am fünfundzwanzigsten Tag des zwölften Monats gegen Himmel und Erde gelästert, darum ist Eurem Volk dieses Unheil geschehen! Jetzt sind sie nicht mehr bereit, es regnen zu lassen.« Bestürzt kniete der Fürst nieder, warf sich ihm zu Füßen und sprach: »Woher wisst Ihr das, werter Meister?« Pilger aber rief: »Warum habt Ihr die für den Himmel bestimmten Opfergaben den Hunden zum Fraß vorgeworfen? Sprecht die Wahrheit!« Da wagte der Fürst nichts zu verschweigen und sprach: »Vor drei Jahren, am fünfundzwanzigsten Tage des zwölften Mondmonats, habe ich hier in dieser Residenz dem Himmel Opfer dargebracht. Weil sich meine Frau gerade unziemlich verhielt, habe ich sie gescholten und mit ihr gestritten; zuletzt habe ich in blinder Wut den Altartisch umgestoßen, und die Opferspeisen sind zu Boden gefallen. In der Tat habe ich die Hunde gerufen, sie zu fressen. In diesen Jahren ist mir das oft durch den Sinn gegangen, doch blieb es mir verworren, ich konnte mir keinen Reim darauf machen. Ich wusste nicht, dass der Himmel diese Sünde an meinem Volk vergelten würde. Da ich heute den werten Meistern begegnen darf, bitte ich inniglich, mich aufzuklären, wie in den oberen Gefilden geurteilt wird!« »An jenem Tag war der Jadekaiser auf Erden«, erklärte Pilger, »und als er Euch die Opfergaben vor die Hunde werfen sah und Eure Flüche hörte, beschloss er, drei Dinge aufzustellen, um Euch einen Denkzettel zu verpassen.« Dann schilderte er die Sache mit dem Reisberg, dem Mehlberg und dem Schloss. »Was kann man da bloß tun?« fragte Tripitaka. »Das ist auch nicht weiter schwierig«, meinte Pilger, »als ich gegangen bin, sagten mir die Vier Himmelsmeister, man brauche nur gute Taten zu begehen, dann würde sich das Problem von selbst lösen.« Da warf sich der Graf mit gefalteten Händen vor ihm nieder und flehte: »Geringer Herr wird alles tun, was der werte Meister befiehlt!« »Falls Ihr Euren Sinn zum Guten wendet, bald zu Buddha betet und die Heiligen Schriften lest, will ich mich für Eure Sache einsetzen. Falls Ihr aber unbeirrt weitermacht, kann ich Euch auch nicht helfen und werde auch, wenn Euch der Himmel töten will, Euer Leben nicht retten können.« Der Fürst schlug die Stirn auf den Boden und schwor, sich der buddhistischen Lehre zuzuwenden. Auf der Stelle ließ er Geistliche herbeirufen, einen Ritualplatz einzurichten und Gebetsschriften an den Himmel zu verfassen. Der Graf selbst stellte sich an ihre Spitze und verneigte sich mit Räucherstäbchen in den Händen vor Himmel und Erde, dabei gestand er seine Sünde und übte Tadel an sich selbst, derweil Tripitaka für ihn ein Sutra rezitierte. Gleichzeitig wurden Eilboten ausgesandt, sämtlichen Sippen innerhalb und außerhalb der Stadt zu verkünden, dass jeder Mann und jede Frau Weihrauch verbrennen und zu Buddha beten müsse. Von da an war alles durchdrungen vom Klange barmherziger Stimmen. Pilger freute sich und meinte zu Bajie und Sandmönch: »Schaut ihr beide gut zum Meister; ich alter Sun will noch mal raufgehen und den Jadekaiser um Regen bitten.« Mit einem Satz sprang er auf eine Wolke, kam abermals zum Himmelstor und sprach zum Himmelskönig Dhritarashtra: »Der Graf hat sich zum Guten gewandelt.« Schon kam vom Himmelstor ein Gebetsbote mit Gebetsschriften daher. Der Bote begrüßte Pilger höflich und sprach: »Eure Ermahnung hat dies bewirkt, Großer Heiliger.« »Wohin bringt Ihr diese Schriften?« wollte Pilger wissen. »In die Halle der Durchdringenden Klarheit«, erklärte der Bote, »dort werden die Himmelsmeister sie dem Großen Jadekaiser unterbreiten.« »So ist es gut!« freute sich Pilger, »dann gehe ich gleich mit.« Und so kam er mit dem Boten zur Halle der Durchdringenden Klarheit, wo die Vier Himmelsmeister die Botschaft in die Halle der Himmelshöhen weiterleiteten. Nachdem der Jadekaiser die Schriften eingesehen hatte, sprach er: »Wenn diese Sünder jetzt so gute Gedanken hegen, wollen wir schauen, wie es um die drei Gegenstände steht.« Da erschien auch schon der General, der die Duftumhüllte Halle bewachte, und meldete: »Die Berge sind eingestürzt, Reis und Mehl haben sich in Luft aufgelöst, und auch der Riegel ist geschmolzen!« Noch bevor er seine Meldung fertig vorbringen konnte, traf auch ein Himmelsbeamter mit dem Erdgeist, dem Stadtgott und dem Gott der Altäre der Grafschaft der Phönixgötter ein. Alle warfen sich vor dem Jadekaiser nieder und sprachen: »Der Herrscher unserer Grafschaft hat sich zusammen mit seinen Bewohnern zum Guten gewendet; alle beten sie zu Buddha und ehren den Himmel. Nun bitten wir um die barmherzige Gunst, erquickenden Regen zu gewähren, um das Volk zu retten!« Erfreut über diese Meldung, erteilte der Jadekaiser sogleich den Befehl: »Schickt alle Götter für Donner, Blitz, Wind, Wolken und Regen hin! Ein jeder möge gemäß Anweisung noch zu dieser Stunde über der Grafschaft der Phönixgötter den Donner schlagen, Wolken ausbreiten und eine Regenmenge von drei Fuß und zweiundvierzig Tropfen niedergehen lassen.« Die Himmelsmeister leiteten den Befehl an die jeweiligen Zuständigen weiter, welche sich unverzüglich in die unteren Sphären begaben. Auch Pilger stand auf, bedankte sich und ging mit den Göttern zur Grafschaft. Dort ballten alle Gottheiten ihre Energien und legten sich gemeinsam ins Zeug, dass alsbald am Himmel der Donner rollte, Blitze zuckten, Wind und Wolken heranfuhren und endlich ein heftiger Regenguss niederprasselte. Die Bewohner waren trunken vor Freude. Es war in der Tat, als grünten verdorrte Bäume auf, als würden bleiche Gerippe auferstehen! Nach kaum einem halben Tag war die Menge von drei Fuß und zweiundvierzig Tropfen Niederschlag erreicht, und die Götter wollten sich zurückziehen, doch da rief Pilger mit lauter Stimme: »Götter der vier Abteilungen! Lasst die Wolken ruhen, ich alter Sun will den Grafen rufen, dass er sich bei euch bedanke. Es mögen die werten Gottheiten die Wolken lichten und sich in ihrer wahren Gestalt offenbaren, damit die Sterblichen euch mit eigenen Augen schauen. So werden sie euch festen Glaubens verehren.« Alle Gottheiten ballten ihre Energien und legten sich gemeinsam ins Zeug, dass alsbald am Himmel der Donner rollte, Blitze zuckten, Wind und Wolken heranfuhren und endlich ein heftiger Regenguss niederprasselte. Auf diese Worte blieb den Göttern nichts übrig, als in der Höhe zu verweilen. Pilger aber senkte seine Wolke und landete in der Stadt, wo ihm der Fürst entgegenkam, indem er sich nach jedem Schritt zu Boden warf. »Nur mit der Ruhe«, rief Pilger, »mir braucht Ihr nicht zu danken! Ich habe die Wettergötter aller vier Abteilungen gebeten, einen Augenblick hierzubleiben, damit Ihr das Volk versammeln und Euch mit allen gemeinsam bei den Göttern bedanken könnt, auf dass sie Euch auch in Zukunft ausreichend Regen bringen.« Der Graf ließ die Kunde im Volk verbreiten, und bald verneigte sich jeder mit Räucherstäbchen zum Gebet. Nun sah man, wie die Götter der vier Abteilungen Wolken und Nebel lichteten und sich in wahrer Gestalt zeigten. Die Offenbarung dauerte etwa eine Stunde, bis Pilger schließlich zu den Wolken aufstieg, sich vor den Göttern verneigte und sprach: »Habt Dank für eure Mühen! Nun mögen alle abtreten und zurückkehren. Ich alter Sun will die Leute hier noch mal dazu anhalten, die Götter mit Opfergaben zu ehren und an Feiertagen Dankesriten zu veranstalten. Ihr aber sollt fortan alle fünf Tage frischen Wind und alle zehn Tage Regen bringen, damit sie vor Unheil bewahrt bleiben.« Die Götter versprachen, sich an seine Worte zu halten, und jeder kehrte in seine Abteilung zurück, doch das sei hier nicht weiter ausgeführt. Berichten wir stattdessen, wie sich nun der Große Heilige an Tripitaka wandte und sprach: »Die Tat ist vollbracht, das Volk ist beruhigt; wir können uns für die Weiterreise rüsten.« Doch da trat der Graf hinzu, verneigte sich und sprach: »Wo denkt Ihr hin, werter Herr Sun! Was heute vorgefallen ist, zeugt von unermesslicher Gnade; dafür will ich geringer Herr zum Dank ein bescheidenes Festmahl geben. Danach wollen wir den werten Herren einen Tempel mit eigener Tempelhalle errichten und Denkschriften in Steinstelen meißeln, damit wir Euch zu allen Jahreszeiten Opfer darbringen können. Dies Ereignis hat uns tief berührt und unsere Herzen geprägt, doch werden wir es zu keinem Tausendstel vergelten können. Was denkt Ihr schon an die Weiterreise?« Da antwortete Tripitaka: »Die Worte des hohen Herrn sind schicklich, doch dürfen wir als Pilgermönche nicht zu lange an einem Orte weilen. Nach höchstens ein bis zwei Tagen müssen wir uns auf den Weg machen.« Der Graf wollte sie um keinen Preis ziehen lassen, ließ noch über Nacht ein Bankett herrichten und mit dem Bau des Tempels beginnen. Tags darauf wurde ein feierliches Dankesmahl gegeben, und am Ende wurden die Pilgernden fast einen halben Monat aufgehalten, derweil man auf die Fertigstellung der Bauarbeiten wartete. Eines Tages lud der Graf die vier Mönche schließlich zur Besichtigung, und Tripitaka rief voller Staunen: »Wie ist es möglich, ein so großes Bauwerk so schnell fertigzustellen?« »Geringer Herr hat die Arbeiter zu höchster Eile angehalten«, sprach der Graf. »Es wurde Tag und Nacht gebaut, eigens um den werten Herren noch einen Augenschein gewähren zu können.« »Ihr seid wahrlich ein tüchtiger Graf!« lachte Pilger. Beim Tempel angelangt, sahen sie hinter dem prächtigen Eingangsportal die stattlichen Bauwerke, und ihr bewunderndes Lob wollte kein Ende nehmen. Pilger bat den Meister, dem Tempel einen Namen zu verleihen. »Er soll ›Gnadenreicher Tempel des Reinen Regens‹ heißen«, schlug Tripitaka vor. Beglückt gab der Fürst sofort den Auftrag, dies auf eine Tafel zu schreiben und den Schriftzug zu vergolden. Dann ließ er von ringsum Mönche kommen, die Kerzen und Weihrauch darbrachten. Im Tempel war linker Hand eine Halle den vier Pilgernden geweiht, wo man fortan viermal jährlich Opfer darzubringen gelobte, außerdem gab es auch eine Halle für den Donnergott und den Drachenkönig, um deren göttliche Gnade zu vergelten. Nachdem Tripitaka alles gesehen hatte, ließ er unverzüglich zur Weiterreise aufbrechen. Die Leute der Grafschaft verstanden nun, dass sie die Mönche nicht länger aufhalten durften, und so kamen alle mit Abschiedsgeschenken und Reisegeld vorbei. Die Pilgernden aber nahmen keinen Groschen an. Schließlich versammelten sich alle Amtsträger und Bewohner der Grafschaft und begleiteten sie wohl an die dreißig Meilen weit mit Trommelwirbel und wehenden Flaggen, bis sie schweren Herzens Abschied nahmen und mit Tränen in den Augen zurückkehrten. Und da wir nicht wissen, wohin Tripitaka und seine Schüler im Folgenden gelangen sollten, lasst uns hören, was das nächste Kapitel erzählt. 第088回 / 88. Kapitel Bei Jadeblüte gibt die innere Sammlung eine Feier / Herzensaffe, Holz und Erde nehmen Schüler auf Wie berichtet, hatte der Priester frohgemut vom Grafen Abschied genommen, und nun wandte er sich hoch zu Ross an Pilger und sprach: »Mein lieber Schüler! Die Wohltat, die du hier vollbracht hast, ist noch größer als die Rettung der Kinder im Lande Bhiksu!« »Das ist nur gelungen, weil der reine Sinn des Grafen selbst den Himmel rührte«, entgegnete Pilger, »mir kommt kein Verdienst zu.« Meister und Schüler schritten auf der Landstraße weiter, die Zeit verging wie im Fluge, und bald war es wieder Herbst. Nach längerer Zeit erblickten die Pilgernden die vagen Umrisse einer Stadtmauer. Der Priester wies mit seiner Peitsche in die Ferne und rief: »Wukong! Schau, dort ist wieder eine Stadt. Was mag das wohl für ein Ort sein?« Seine Worte waren kaum verklungen, da trat ein alter Mann aus dem Gebüsch am Wegesrand. Der Priester sprang vom Pferd und begrüßte ihn freundlich, worauf der Alte die Begrüßung erwiderte und sprach: »Woher kommt Ihr, werter Priester?« Tripitaka faltete die Hände vor der Brust und antwortete: »Geringer Mönch stammt aus dem chinesischen Kaiserreich im fernen Osten; wir pilgern auf Geheiß unseres Kaisers zum Tempel des Donnergrollens, um Buddha zu huldigen und Heilige Schriften zu erbitten. Nun kommen wir zu diesem werten Ort, dessen Namen wir noch gar nicht kennen. Gerne möchte ich Euch bitten, uns darüber Kunde zu geben.« Da sprach der Alte: »Ehrenwerter buddhistischer Meister! Diese geringe Gegend steht unter der Herrschaft des Indischen Königreichs und gehört zur Region Yuhua, Jadeblüte. Der Herrscher dieser Stadt, ein Angehöriger der königlichen Familie von Indien, wurde zum König von Yuhua ernannt. Er ist ein vorbildlicher Regent, verehrt die Geistlichen und kümmert sich liebevoll um sein Volk. Wenn Ihr, werter Meister, bei ihm vorsprecht, wird er Euch gewiss mit großem Respekt begegnen.« Tripitaka bedankte sich, der Alte verschwand wieder im Wald, und Tripitaka ging zu den Schülern zurück, um zu berichten, was er erfahren hatte. Bald kamen sie der Stadt näher und sahen sich in den Straßen außerhalb der Stadtmauer um. Hier wurden rege Geschäfte getätigt, die Straßen waren voller Menschen, und der Handel schien zu florieren. Im Äußeren und im Klang ihrer Stimmen unterschieden sich die Menschen kaum von jenen im chinesischen Reich. Tripitaka mahnte seine Schüler, sich zu beherrschen und ja nicht unhöflich zu sein. Bajie senkte den Kopf, und auch Sandmönch verbarg sein Gesicht, nur Pilger Sun ging erhobenen Hauptes neben dem Meister her und führte ihn am Arm. Bald drängten sich neugierige Menschen um sie und riefen: »Von Priestern, die Tiger und Drachen bändigen, haben wir schon gehört, doch einen Mönch, der Schweine und Affen bändigt, haben wir noch nie gesehen!« Da konnte sich Bajie nicht zurückhalten, fuhr mit seiner Schnauze hoch und brüllte: »Und habt ihr schon einen Mönch gesehen, der den König der Schweine bändigen kann?« Entsetzt stoben die Leute auseinander. Der Tölpel aber blickte wieder nach unten und grinste vor sich hin. Nachdem sie die Hängebrücke überquert und das Stadttor passiert hatten, kamen sie abermals auf eine geschäftige Straße. Wahrhaftig, das war die Stadt eines göttlichen Reichs. Tripitaka freute sich im Stillen und dachte: »All die Leute, die von den Barbaren des fernen Westens sprechen, sind ja noch nie hier gewesen. Wenn ich mir das alles anschaue, ist es doch gar nicht anders als bei uns in China! Wahrhaftig, das ist ja eine paradiesische Welt!« Als er die Leute sagen hörte, dass zehn Scheffel Reis nur vier Groschen kosteten und ein Pfund Sesamöl bloß acht Heller, fand er, dieser wohlhabenden Gegend könne es an nichts mangeln. Sie mussten lange gehen, bis sie endlich den Regierungssitz von Yuhua erreichten. Links und rechts davon lagen die Residenz des Statthalters, das Gerichtsgebäude, ein Amt für Ernährung und ein städtisches Gästehaus. »Hier ist die Stadtverwaltung, meine Schüler«, sprach Tripitaka, »ich will hineingehen und dem König unser Reisedokument vorlegen. Ihr könnt derweil im Gästehaus warten. Sollte mich der König zum Essen einladen, werde ich euch rufen lassen, damit wir gemeinsam speisen können.« Also trug Sandmönch das Gepäck ins Gästehaus. Als die Angestellten die garstigen Gesichter sahen, wagten sie weder Fragen zu stellen noch sie fortzuschicken, und so blieb denn nichts übrig, als sie Platz nehmen zu lassen. Doch berichten wir erst von Tripitaka, der seine Robe und den Priesterhut anlegte, das Passdokument zur Hand nahm und sich direkt zur Residenz des Königs aufmachte. Schon von weitem sah er den für Hofriten zuständigen Beamten, der ihn schließlich in Empfang nahm und fragte: »Woher kommt Ihr, werter Priester?« »Aus dem Osten«, antwortete Tripitaka, »ich bin vom Kaiser von China entsandt, im Großen Tempel des Donnergrollens Buddha zu huldigen und Heilige Schriften zu holen. Da wir heute durch diese werte Ortschaft ziehen, möchte ich unser Passdokument vorlegen und bitte dafür um Audienz bei Seiner Hoheit.« Der Beamte leitete das Anliegen umgehend weiter, und tatsächlich zeigte sich der König großmütig und ließ verkünden, man möge sogleich Einlass gewähren. Tripitaka schritt zur Audienzhalle, vollzog die höfischen Verneigungen, und der König rief ihn in die Halle, wo er ihm einen Platz anbot. Nun überreichte Tripitaka das Passdokument, der König besah sich eingehend die Siegel und Unterschriften aller Herren Länder und freute sich sehr. Zuletzt setzte auch er sein Siegel und seine Unterschrift dazu, dann gab er Tripitaka das Schriftstück zurück und sprach: »Werter Staatspriester! Wie weit ist der Weg, der Euch vom chinesischen Kaiserreich durch all die vielen Länder bis zu uns führte?« »Geringer Mönch vermochte die Entfernung nicht aufzuzeichnen«, antwortete Tripitaka, »doch in jenem Jahr, als Bodhisattva Guanyin sich unserem Kaiser offenbarte, hinterließ sie einen Reimspruch, in dem von einer Entfernung von 108 000 Meilen die Rede war. Bislang habe ich vierzehn Sommer und Winter durchwandert.« Da lachte der König und meinte: »Vierzehn Sommer und Winter, das sind ja vierzehn Jahre! Ihr müsst wohl unterwegs aufgehalten worden sein?« »Ja, das ist eine lange Geschichte!« sprach Tripitaka. »Tausende von wilden Tieren und Ungeheuern haben mir aufgelauert; unbeschreibliche Nöte musste ich durchstehen, bis ich endlich an diesen werten Ort gelangen durfte.« Erfreut beauftragte der König einen Beamten vom Amt für Ernährung, den Gast mit einer vegetarischen Mahlzeit zu bewirten. Da erhob sich Tripitaka und sprach: »Ich habe noch drei unwerte Schüler, die draußen warten. Würde ich jetzt speisen, fürchte ich die Weiterreise zu verzögern.« Da schickte der König einen Beamten der Audienzhalle, die drei Schüler ebenfalls in seine Residenz zu bitten, damit man sich gemeinsam zur Tafel setze. Der Beamte ging hinaus, um die Schüler vorzuladen, doch dort sagten alle: »Wir haben niemanden gesehen.« Einer der Umstehenden sagte: »Im Gästehaus sind drei Mönche, die ziemlich garstig ausschauen. Die müssen es wohl sein.« Also ging der Beamte mit ihnen zum Gästehaus und fragte: »Wo sind die geschätzten Schüler des Schriftenholers aus dem chinesischen Kaiserreich? Unser König lässt zum Essen vorladen!« Bajie, der im Sitzen eingenickt war, drang das Wort »Essen« ans Ohr, und er sprang auf und schrie: »Das sind wir!« Sein Anblick jagte dem Beamten einen gehörigen Schrecken ein, und er musste sich überwinden, die Einladung vorzutragen. Unverzüglich folgten ihm Pilger und die anderen zur Residenz. Der Beamte ging vorab hinein, ihr Kommen zu melden, und als der König die unansehnlichen Fratzen gewahrte, stieg auch in ihm Furcht auf. Tripitaka aber faltete die Hände und sprach: »Fürchtet Euch nicht, königliche Hoheit. Meine unwerten Schüler sind zwar etwas hässlich, doch im Herzen sind sie gut.« Da vollzog Bajie vor dem König eine leichte Verbeugung und rief: »Seid gegrüßt vom geringen Mönch!« Dem König war umso unheimlicher zumute. Tripitaka aber erklärte: »Meine unwerten Schüler stammen aus der Wildnis, daher kennen sie sich nicht mit den höfischen Riten aus. Möge Eure Hoheit deren Unhöflichkeit verzeihen!« Der König versuchte seine Angst in Zaum zu halten und hieß einen Beamten des Hofamtes für Ernährung, die Mönche im Baosha-Pavillon zur Tafel zu bitten. Tripitaka dankte für die königliche Gunst, sprach ein Abschiedswort und begab sich mit den anderen in den Pavillon, wo der Beamte bereits mit Dienern Tische und Stühle zurechtrückte und die fleischlosen Speisen auftrug, an denen sich Meister und Schüler labten. Doch wenden wir uns nun dem König zu, der sich aus der Audienzhalle zurückgezogen und in seinen Wohnpalast begeben hatte. Dort waren drei Prinzen, die angesichts der verstörten Miene des Königs sofort fragten: »Was hat Euch heute so eingeschüchtert, Vater König?« »Eben war ein Mönch da, ein Abgesandter aus dem Osten, der Heilige Schriften holen will. Er hat sein Passdokument vorgelegt und eigentlich einen ganz vornehmen Eindruck gemacht, doch als ich ihn eingeladen habe, hier zu tafeln, sagte er, draußen seien noch drei Schüler. Also habe ich diese ebenfalls einladen lassen. Als sie aber nach kurzer Zeit eintrafen, haben sie nicht einmal richtig Kotau gemacht, sondern einfach nur gegrüßt! Da war ich natürlich schon etwas verärgert. Bei näherem Hinsehen habe ich dann gemerkt, dass sie aussehen wie Ungeheuer. Das hat mir solche Angst eingejagt, dass ich wohl etwas erblasst sein muss.« Nun verhielt es sich aber so, dass diese drei Prinzen sich hervorragend auf die Kampfkunst verstanden und den Wettkampf liebten. Darum ballten sie nun alle drei die Fäuste, krempelten ihre Ärmel hoch und riefen: »Es könnten ja wirklich Ungeheuer sein, solche aus den Bergen, die sich als Menschen verkleiden. Lasst uns mit Waffen hingehen!« Schon holten die Prinzen ihre Waffen: Der älteste führte eine mannshohe Stange aus Eschenholz, der zweite einen neunzinkigen Rechen, der dritte einen schwarzglänzenden Stab. So traten sie mit stolz erhobenem Haupt aus der Residenz und brüllten: »Was sind das für schriftenholende Mönche? Wo seid ihr?« Da kniete der Beamte vom Hofamt für Ernährung vor ihnen nieder und sprach: »Junge Herrscher! Sie speisen gerade im Baosha-Pavillon.« Ohne jede Rücksicht stürmten die Prinzen hinein und schrien: »Seid ihr Menschen oder Ungeheuer? Antwortet, oder ihr werdet verprügelt!« Tripitaka fiel vor Schrecken die Reisschale aus den Händen. Er verneigte sich und sprach: »Geringe Mönche kommen aus dem chinesischen Kaiserreich und sind auf Pilgerschaft, um Heilige Schriften zu holen. Wir sind Menschen, keine Ungeheuer.« »Ihr seht freilich wie ein Mensch aus«, meinte einer der Prinzen, »doch die drei Garstigen neben Euch, das sind bestimmt Ungeheuer!« Während Bajie unberührt weitertafelte, machten Sandmönch und Pilger nun eine leichte Verneigung und sprachen: »Wir sind alle Menschen. Von Antlitz sind wir ungeschlacht, Im Herzen sind wir rein; Es mag der Körper grob aussehn, Das Wesen gütig sein! Was aber wollt ihr dreie, Wer seid ihr überhaupt, Dass ihr in solcher Weise Euch prahlerisch großtut?« Der danebenstehende Beamte erklärte: »Die jungen Hoheiten sind die Königssöhne.« Da stieß Bajie seine Reisschale von sich und rief: »Na und, was wollen diese jungen Hoheiten mit ihren Waffen? Etwa mit uns kämpfen?« Da trat der zweite Prinz mit ausholenden Schritten vor und schwang seinen Rechen mit beiden Händen. Bajie kicherte und meinte: »Dein Rechen ist nicht mal ein Enkel von meinem!« Er lüftete das Gewand, zog seinen Rechen aus dem Gürtel und schwang ihn durch die Luft, dass tausendfältige Strahlen aufblitzten. Als er damit ein paar Kampfposen vollführte, erstrahlte ringsum ein heilvoller Glanz. Da erschrak der Prinz so sehr, dass ihm alle Kraft aus den Gliedern wich. Wie Pilger nun den Ältesten mit dem Eschenholzstab hantieren sah, holte er seinen Goldreifstab aus dem Ohr, schwang ihn durch die Luft, bis er die Dicke einer Reisschale und eine Länge von zwei Klaftern hatte, dann rammte er ihn gut drei Fuß in den Boden, dass er senkrecht stehen blieb, und rief lachend: »Diese Stange schenk ich dir!« Der Prinz warf seine Waffe nieder und wollte die Stange an sich reißen, doch wie er auch daran zerren mochte, sie ließ sich um kein Haar bewegen. Da stürmte der Dritte heran und stellte sich mit seiner schwarzglänzenden Stange kampfbereit. Sandmönch schlug ihm die Waffe mit einem Handschlag weg und packte seinen dämonenbezwingenden Prunkstab, dem nun ein schimmerndes Licht entströmte, das sich wie Abendrot ausbreitete. Der Beamte, der mit weiteren Hofdienern danebenstand, war starr vor Schrecken und vermochte kein Wort zu äußern. Die Prinzen aber warfen sich alle gleichzeitig auf die Knie und riefen: »O göttliche Meister! Wir Sterblichen haben euch verkannt! Bitte lasst uns eure hohen Künste sehen, damit wir von euch lernen können!« Da trat Pilger vor, hob mit leichter Hand die Stange hoch und meinte: »Hier ist es zu eng, da können wir nicht richtig loslegen. Lasst mich in die Lüfte springen, dann könnt ihr ein bisschen zuschauen.« Mit einem schrillen Pfiff schoss er auf einer buntschillernden Wolke in die Höhe und begann seinen Goldreifstab um Kopf und Körper zu wirbeln, dass es aussah, als würden Blumen regnen und gelbe Drachen um seinen Leib ringeln. So ging es in einem fort, hoch und runter, hin und her; Mensch und Waffe sahen aus wie schimmernder Brokat, zuletzt war gar kein Mensch mehr auszumachen, vielmehr schien der ganze Himmel im Waffenwirbel zu wogen. Unten stieß Bajie bewundernde Rufe aus. Schließlich konnte er sich nicht länger halten und rief: »Warte, ich alter Eber will auch mitspielen!« Schon fuhr er auf einem Windstoß hoch und begann seinen Rechen zu schwingen: drei-, viermal hoch und runter; fünf-, sechsmal hin und her; sieben-, achtmal vor- und rückwärts; sein ganzer Körper zuckte im unaufhörlichen Wechsel der Kampfposen, bis man nur noch schneidende Geräusche im Wind vernahm. In dem feurigen Treiben sagte Sandmönch zum Priester: »Meister, lasst auch Euren alten Sandmönch was vorführen!« Seht, wie er mit einem Satz in die Höhe schießt und seine Lanze um sich schwingt! Eine heilvolle Aura ging von ihm aus, ringsum schimmerte goldener Glanz, während er mit beiden Händen seinen Prunkstab führte, sich reckte wie ein zur Sonne fliegender Phönix, sich duckte wie ein anschleichender Tiger, mal in flinkem Angriff, mal in gefasster Abwehr, mit wendigem Schwung und festem Schlag. Wie nun alle drei Brüder in halber Höhe ihre brillanten Künste demonstrierten, waren die drei Prinzen so verblüfft, dass sie auf der staubigen Erde in die Knie fielen. Auch die Leute beim Pavillon und alsbald gar der König in seiner Residenz, ja sogar die Bürger der ganzen Stadt begannen Buddha zu preisen und ehrerbietige Stirnaufschläge zu vollziehen; in jedem Hause wurde Weihrauch geopfert und gebetet. So war es in der Tat: Offenbarung weist zur Wahrheit, Bringt Erlösung allen Mönchen;446 Wer auf Erden Wohltat stiftet, Wird des Friedens sich erfreuen. Fortan ist die Frucht im Reinen, Zur Erleuchtung führt der Weg; Hier lebt man im Geist des Dhyana, Steht vor Buddha im Gebet! Nachdem die drei Brüder ihre göttlichen Kräfte zur vollen Entfaltung gebracht hatten, senkten sie die glückverheißenden Wolken, steckten ihre Waffen ein, falteten die Hände vor Tripitaka und gingen an ihre Plätze zurück. Die drei Prinzen aber liefen in den Palast hinein und riefen dem König zu: »Vater König, ein unermessliches Glück! Habt Ihr diesen Tanz am Himmel gesehen?« »Eben sah ich schillernde Wolken am Himmel und habe mit eurer Mutter im Palast Weihrauch geopfert und gebetet«, antwortete der König, »doch weiß ich nicht, was für Götter herniedergekommen sein mögen.« »Das waren keine Götter, sondern die drei hässlichen Schüler des Schriftenholers!« riefen die Prinzen. »Der eine hat eine Eisenstange, der zweite einen Rechen und der dritte einen Stab; unsere Waffen sind nichts dagegen! Wir haben sie gebeten, eine Partie vorzuführen, da sagten sie, auf der Erde sei es zu eng, man könne sich da nicht frei bewegen; darum sind sie in die Lüfte gestiegen und haben dort ihre Waffen tanzen lassen. Aus diesem Grunde war der Himmel so voll von schillernden Wolken! Eben sind sie heruntergekommen und sitzen jetzt im Baosha-Pavillon. Eure Kinder sind überglücklich und möchten sie als Meister verehren, damit wir ihre Künste erlernen und unser Land beschützen können. Das wäre doch ein immenses Verdienst! Wie Vater König wohl darüber denken mag?« Als der König dies vernommen hatte, willigte er zuversichtlich ein. Also begaben sich der Vater und seine Söhne alsbald ohne jegliche Sänften oder Baldachine zu Fuß zum Pavillon. Die vier Pilgermönche waren dabei, ihr Gepäck zu ordnen, und wollten eigentlich gerade in die Residenz gehen, um sich zu verabschieden und die Weiterreise anzutreten, als sie den König und die Prinzen gewahrten, die nun beim Pavillon vor ihnen niederknieten. Bestürzt warf sich der Priester der Länge nach auf den Boden, während Pilger und die beiden anderen nur zur Seite wichen und leicht grinsend stehen blieben. Nachdem der König und seine Söhne ihre Ehrbezeugung beendet hatten, baten sie die Pilgernden in die Residenz, wo alle Platz nahmen. Da erhob sich der König und sprach: »Werte Meister aus China! Wir haben ein Anliegen und möchten dafür um eure Hilfe bitten, doch wissen wir nicht, ob die hohen Meisterschüler uns dies wohl gestatten?« »Wir richten uns ganz nach dem Befehl Eurer Hoheit«, sprach Tripitaka. Da begann der König: »Beim ersten Anblick glaubten wir, die werten Herren wären gewöhnliche Pilgermönche; unseren profanen Augen war der Blick getrübt, so dass ich es versäumte, euch gebührenden Respekt zu bezeigen. Doch als wir eben die Künste eurer hohen Schüler sehen durften, wurde uns bewusst, dass ihr leibhaftige Buddhas und Unsterbliche seid! Da nun meine unwerten Söhne von Kindesbeinen an die Kampfkunst lieben, haben sie den frommen Wunsch geäußert, eure Jünger zu werden, um von euren Künsten zu lernen. Wir hoffen inniglich, dass die werten Meister uns die Herzen öffnen und meine Kinder in ihre Künste einführen. Wir werden uns mit allen Schätzen des Reiches erkenntlich zeigen!« Auf diese Worte meinte Pilger lachend: »Ach König, Ihr versteht nicht eben viel von dieser Sache! Wir Mönche wünschen doch nichts sehnlicher, als dass wir Schüler unterrichten dürfen. Da Eure werten Söhne diese Absicht hegen, dürft Ihr keinesfalls von Bezahlung reden. Es reicht vollauf, dass sie uns ihre Zuneigung entgegenbringen.« Da freute sich der König sehr, ließ ein großes Festmahl zubereiten und in der Haupthalle seiner Residenz auftischen, dazu gab es Gesang und Tanz, Flöten und Zithern spielten auf, und vielerlei Kunststücke wurden aufgeführt. So verbrachten Meister und Schüler einen fröhlichen Tag. Als der Abend kam und das Festgelage beendet war, stellte man ihnen im Pavillon Betten und Moskitonetze auf, und alle legten sich zur Ruhe. Bald war die Nacht um, und am Morgen erschien der König abermals mit seinen Prinzen. Tags zuvor hatte man sich noch nach den Regeln der Hofetikette begrüßt, heute hingegen galt bereits die Begrüßung für Meister. Alle drei Prinzen warfen sich vor Pilger, Bajie und Sandmönch nieder, berührten mit der Stirn den Boden und sprachen: »Verehrte Meister, bitte lasst uns noch einmal eure Waffen sehen!« Wie Bajie und Sandmönch nun freudig Rechen und Lanze zückten, sprangen der zweite und der dritte Prinz herzu und wollten sie ergreifen. Doch es war nicht anders, als wenn Libellen an einer Steinsäule rütteln wollten: Sie mühten sich ab, bis ihre Gesichter rot anliefen, ohne die Waffen nur um ein Haar bewegen zu können. Schließlich rief der älteste Prinz, der zugeschaut hatte: »Lasst es, Brüder! Unsere Meister haben göttliche Waffen, wer weiß, wie schwer sie sein mögen!« »Allzu schwer ist mein Rechen auch wieder nicht«, lachte Bajie. »Er wiegt nicht mehr als die Anzahl Heiliger Schriften eines Korbes: 5048 Pfund.« Da wollte der dritte Prinz wissen, wie schwer denn Sandmönchs Lanze sei, und dieser gab lachend zur Antwort: »Ebenfalls 5048 Pfund.« Als der älteste Prinz Pilger bat, ihm den Goldreifstab zu zeigen, langte Pilger in sein Ohr, zog ein nadelgroßes Stäbchen heraus, schwang es in den Wind, und schon ragte vor ihm eine Stange so dick wie eine Reisschale kerzengerade empor. Alle, die das mitangesehen hatten, erschauderten. Mit einer Verneigung fragten die drei Prinzen: »Meister Eber und Meister Sand tragen die Waffen unterm Gewand, Meister Sun aber nimmt seine Waffe aus dem Ohr und lässt sie im Wind wachsen; wie geht das zu?« »Nun, ihr müsst wissen, dass diese Stange nicht von profaner Herkunft ist«, lachte Pilger und sprach: »Die Stange wurde nämlich Einst vom göttlichen Großen Yu Eigenhändig hergestellt; Stand im Ozean des Ostens, Für den Meerpalast zum Halt. Vorbestimmt dem alten Sun, Daher nahm ich sie an mich; Und mit grenzenloser Wandlung Folgt sie meinem Zauberspruch. Ihr Gewicht beträgt in Pfund Dreizehntausendundfünfhundert; Ist mal dicker und mal dünner, Kann auch wachsen oder mindert. Aus dem Urchaos vererbt Bis zu unsrer heutigen Zeit, Ist dies Eisen keineswegs Von profaner Weltlichkeit!« Auf diese Worte wollten die Prinzen gar nicht mehr aufhören mit ehrfurchtsvollen Verneigungen. Schließlich traten alle drei vor, verneigten sich abermals vor ihren Meistern und baten fromm um Unterweisung. Da fragte Pilger: »Welche Kampfkunst wollt ihr drei denn lernen?« Die Prinzen antworteten: »Der mit der Stange die Kunst der Stange, der mit dem Rechen die Kunst des Rechens, der mit dem Stab die Kunst des Prunkstabes.« Pilger lachte und meinte: »Euch zu lehren wäre ein Leichtes, nur fehlen euch die Kräfte, darum könnt ihr unsere Waffen gar nicht benutzen. So könnte es sein, dass ihr die Sache am Ende doch nicht recht beherrscht, gerade wie jener, der einen Tiger zeichnen wollte, und am Ende sah es aus wie ein Hund. Doch da ihr aufrichtig lernen wollt, sollt ihr erst einmal Weihrauch opfern und euch vor Himmel und Erde verneigen, dann will ich euch göttliche Kräfte verleihen, damit wir euch unterweisen können.« Die Prinzen waren überglücklich, errichteten eigenhändig einen Altar, wuschen die Hände, brannten Weihrauch und beteten zum Himmel. Dann baten sie ihre Meister um Unterweisung. Pilger aber wandte sich erst ab, trat mit gefalteten Händen vor Tripitaka und sprach: »Möge der verehrte Meister seinen Schülern verzeihen! Da sich drei Prinzen eines redlichen Königs an uns wenden, um die Kampfkunst zu erlernen, werden sie zu Meisters Schülern zweiter Generation. Daher bitte ich unseren Meister um Erlaubnis, die Prinzen unterweisen zu dürfen.« Die Prinzen baten ihre Meister um Unterweisung. Mit Freude gab Tripitaka seine Zustimmung. Da erst führte Pilger die Prinzen in einen stillen Raum hinter dem Pavillon, wo er die magischen Schrittfolgen des Siebengestirns auf den Boden zeichnete und die Prinzen aufforderte, sich darin auf den Boden zu kauern, die Augen zu schließen und den Geist ruhen zu lassen. Dann sprach er im Stillen eine magische Formel und blies göttlichen Odem in ihren Bauch, so dass ihr Ursprungsgeist an den ureigenen Ort einkehrte. Anschließend übermittelte er ihnen einen Zauberspruch, der ihnen das Zehntausendfache an Kräften verlieh, als würden sie neu geboren. Nachdem er ihre Energie den Himmlischen Kreislauf entlang von Kopf bis Fuß in Fluss gebracht hatte, kamen die Prinzen wieder zu sich, standen gleichzeitig auf, rieben sich die Gesichter und schüttelten sich. Jeder fühlte sich von frischer Kraft durchströmt. Da nahm der Älteste den Goldreifstab, der Zweite schwang den neunzinkigen Rechen, und der Dritte hob den Prunkstab hoch. Als der König dies sah, war er außer sich vor Freude und ließ abermals ein vegetarisches Festmahl zubereiten, um den Pilgernden zu danken. Vor dem Bankett unterwies nun jeder Meister seinen Schüler: Der mit der Stange nahm die Stange, der mit dem Rechen schwang den Rechen, der mit dem Prunkstab führte den Prunkstab. Einige Wendungen und Kampfposen schafften sie bereits, doch die Anstrengung war groß. Bei jeder Schrittfolge kamen sie ins Keuchen und hielten nicht lange durch, denn obschon diese Waffen die wunderbare Gabe der Wandlung und geistigen Durchdringung hatten, waren die Prinzen eben doch gewöhnliche Sterbliche. Wie hätten sie als solche ihr Ziel auf die Schnelle erreichen können? Das Festmahl ging zu Ende, und tags darauf kamen die drei Prinzen wieder, bedankten sich und sprachen: »Habt tausend Dank, dass Ihr uns solche Kräfte verliehen habt! Nun konnten wir zwar die Waffen unserer Meister tatsächlich benutzen, aber der Umgang damit war doch sehr anstrengend. Darum möchten wir gerne einen Handwerker beauftragen, nach dem Vorbild der Waffen unserer göttlichen Meister welche zu schmieden, die etwas weniger schwer sind. Nur wissen wir nicht, ob unsere Meister damit einverstanden sind.« »Das ergibt Sinn«, meinte Bajie, »erstens könnt ihr mit unseren Waffen nicht recht umgehen; zweitens brauchen wir sie zum Schutz der Rechten Lehre und zum Bändigen von Dämonen. Man sollte also wirklich welche anfertigen lassen.« Da ließen die Prinzen Schmiede herbeiberufen und 10 000 Pfund Eisen beschaffen, gleichzeitig wurde in der Residenz eine Schmiedewerkstatt mit einem einfachen Schmelzofen eingerichtet, und so konnte die Arbeit beginnen. Am ersten Tag wurde der Stahl geschmolzen, am zweiten Tag bat man Pilger und seine Brüder, Eisenstange, Rechen und Prunkstab in den Werkschuppen zu stellen, damit die Waffen nach deren Vorbild gefertigt werden konnten. Dort blieben sie nun Tag und Nacht stehen. Aber oho! Die Waffen waren ja Zauberschätze, und als solche hätten sich die Ordensbrüder keinen Augenblick von ihnen trennen dürfen! Denn während die Waffen nun mehrere Tage im Schuppen standen, schossen Zehntausende von Strahlen zum Himmel, und eine tausendfältige heilvolle Aura verbreitete sich auf Erden. Und so kam es denn, dass ein Ungeheuer, das nur siebzig Meilen außerhalb der Stadt in der Tigermaulgrotte auf dem Pantherkopfberg hauste, eines Abends vor sich hin brütete, als ihm auf einmal die buntschillernden, heilvollen Nebelschleier auffielen. Unverzüglich stieg es in die Höhe, um zu schauen, was da vor sich gehe, und sah, dass das Licht aus der königlichen Residenz strahlte. Also senkte das Ungeheuer seine Wolke und besah sich die Sache näher: Es waren drei Waffen, die dieses Licht aussandten. Das Ungeheuer war wie bezaubert. »Schöne Schätze, gute Schätze!« rief es aus. »Wer mag sie wohl benutzen, wer hat sie hierhingestellt? Das ist ja wohl ein Glück! Her damit!« Da entfachte der Unhold einen gewaltigen Windstoß, der die drei Waffen erfasste und in seine Grotte führte. So war es in der Tat: Lasse keinen Augenblick vom Weg des Dao, Denn was man lassen kann, ist nicht der Weg;447 Verschwunden sind die göttlichen Waffen nun, Alle Mühen der sich Übenden vertan! Und da wir nicht wissen, wie sie die Waffen wiederfanden, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第089回 / 89. Kapitel Vergebens plant der Löwengeist ein Rechenfest / Holz, Metall und Erde ringen am Berg mit List Wenden wir uns den Schmieden zu, die im Hof der Residenz mehrere Tage lang hart gearbeitet hatten, so dass sie in der Nacht in tiefem Schlaf lagen. Wie sie nun am Morgen aufstanden, waren die Waffen im Schuppen plötzlich weg. Die Schmiede waren fassungslos. Während sie in großer Angst alles absuchten, kamen auch schon die drei Prinzen daher. Die Schmiede warfen sich ihnen zu Füßen und riefen im Kotau: »Ach, junge Hoheiten! Die Waffen der göttlichen Meister sind nicht mehr da!« Die Prinzen erschraken nicht wenig. »Ob unsere Meister sie vielleicht über Nacht verwahrt haben?« mutmaßten sie und eilten zum Pavillon, wo sie sich nicht halten konnten, laut zu rufen: »Meister, schlaft ihr noch?« »Wir sind auf«, rief Sandmönch und öffnete die Tür. Die Prinzen traten ein und schauten sich um, doch waren keine Waffen zu sehen. Ängstlich fragten sie: »Haben die Meister ihre Waffen verwahrt?« »Nein!« rief Pilger und sprang auf. »Eure Waffen sind über Nacht verschwunden!« Da sprang auch Bajie auf und fragte: »Und mein Rechen, ist der da?« »Eben haben eure Jünger draußen gesehen, wie die Leute überall danach suchten, da dachten wir, vielleicht könnten ja die Meister sie in Verwahrung genommen haben; darum sind wir hergekommen. Eure Zauberwaffen können doch wachsen und schrumpfen, vielleicht habt ihr sie ja nur versteckt, um eure Jünger zu narren!« »Wir haben sie ganz ehrlich nicht genommen«, sagte Pilger. »Gehen wir alle zusammen suchen!« Sie kamen zum Schuppen, wo tatsächlich keine Waffen mehr zu sehen waren. Da rief Bajie: »Sicher hat diese Schmiedebande sie gestohlen! Her damit, sonst hauen wir euch mausetot!« In panischer Angst warfen sich die Schmiede zum Kotau nieder und riefen unter Tränen: »Werte Herren! Wir haben in diesen Tagen hart gearbeitet und nachts tief geschlafen, und heute früh beim Aufstehen waren sie einfach weg. Wir sind doch gewöhnliche Sterbliche, wie sollten wir diese Geräte auch tragen können? Bitte, werte Herren, lasst uns am Leben!« Pilger, der wortlos zugehört hatte, bemerkte nun grimmig: »Es ist unser Fehler. Schließlich haben sie die Exemplare schon zu sehen bekommen, wir hätten sie wieder zu uns nehmen sollen. Wie konnten wir sie bloß stehen lassen! Diese Schätze strahlen doch ein Licht aus wie Morgenrot, das hat gewiss irgendein böses Wesen angelockt, das sie über Nacht gestohlen hat.« Bajie wollte ihm nicht glauben. »Aber Bruder«, rief er, »wir sind doch nicht fernab in gebirgiger Wildnis; woher soll in einer so friedlichen Umgebung ein böses Wesen kommen? Sicher sind es die Schmiede gewesen! Die haben den Waffen doch am Glanz angesehen, dass es sich um Zauberschätze handelt, dann sind sie über Nacht rausgegangen, haben sich mit anderen zusammengerottet und die Waffen geraubt. Her mit diesen Betrügern! Verhaut sie, verprügelt sie!« Die Schmiede schlugen unentwegt die Stirn auf den Boden und schworen, dass sie es nicht gewesen seien. In diesem Lärm erschien nun auch der König, fragte, was geschehen sei, und meinte dann nach einem nachdenklichen Schweigen: »Die Waffen der göttlichen Meister sind ja anders als irdische Dinge; auch tausend Mann könnten sie nicht fortbewegen. Außerdem darf ich ohne Übertreibung sagen, dass unsere Stadt, über die ich seit fünf Generationen herrsche, einen sehr guten Ruf genießt. Alle Bürger, Handwerker und Soldaten fürchten die harten Strafen des Königs und würden es niemals wagen, einen solchen Betrug zu verüben. Wir bitten die göttlichen Meister, die Lage nochmals zu überdenken.« »Nicht nötig«, warf Pilger lachend ein, »wir brauchen uns gar nicht auf die Schmiede festzulegen. Nur will ich Eure Hoheit etwas fragen: Gibt es in den umliegenden Bergen oder Wäldern vielleicht irgendein Ungeheuer?« »Diese Frage, göttlicher Meister, scheint mir sehr angebracht«, sprach der König. »Im Norden unserer Stadt liegt der Pantherkopfberg, und dort gibt es eine Tigermaulhöhle. Immer wieder hört man munkeln, es lebe dort ein Unsterblicher, dann heißt es wiederum, Tiger- und Wolfsgeister würden dort hausen. Allerdings haben wir das bislang noch nicht näher untersucht. Wer weiß, was für ein Wesen das sein mag.« »Keine Frage«, lachte Pilger, »dann ist es zweifellos jenes üble Wesen, das unsere Waffen geklaut hat.« Er rief Bajie und Sandmönch zu sich und sprach: »Bleibt hier beim Meister, ich alter Sun suche die Kerle mal auf. Bin gleich wieder da!« Mit einem Pfiff schoss er hoch und kam in einem Satz auf den Pantherkopfberg. Als er vom Gipfel Ausschau hielt, sah er tatsächlich eine dämonische Aura. Beim weiteren Umschauen drangen plötzlich Stimmen an sein Ohr, die hinter einem Hang näher kamen. Rasch wandte er sich um und entdeckte zwei wolfsköpfige Ungeheuer, die schwatzend in Richtung Nordwesten wanderten. »Das müssen Ungeheuer sein, die den Berg absuchen«, sann er. »Denen will ich alter Sun gleich folgen, damit ich höre, was die so erzählen.« Schon machte er ein magisches Fingerzeichen und sprach eine Zauberformel, verwandelte sich mit einem leichten Dreh in einen Schmetterling, breitete seine Flügel aus und flatterte den Wolfsköpfigen nach. Als er über ihren Köpfen schwebte, hörte er plötzlich, wie der eine sagte: »Zweiter Bruder, unser großer König hat in letzter Zeit echt Glück. Letzten Monat hat er eine hübsche Frau erwischt, mit der er in der Grotte seine Freude hat, und gestern hat er auch noch drei Waffen gekriegt, echt feine Kostbarkeiten! Wenn morgen zur Feier das Rechenfest stattfindet, werden wir alle was davon abkriegen.« »Und wir beide haben ja auch Glück, dass wir zwanzig Silberlinge gekriegt haben, um Schweine und Ziegen zu kaufen«, meinte der andere. »Wenn wir in Qianfang auf dem Markt sind, gehen wir erst mal einen zechen. Für die Einkäufe lassen wir uns eine gefälschte Rechnung ausstellen, damit noch mal zwei, drei Silberlinge für uns abfallen, dann können wir uns was Warmes für den Winter kaufen, ist doch gut, oder?« So schritten die beiden Ungeheuer schwatzend und lachend auf der Landstraße dahin. Pilger frohlockte, als er hörte, dass ein Rechenfest stattfinden sollte. Am liebsten hätte er die beiden gleich erschlagen, nur hatte er ja eben keine Waffe bei sich. Also flatterte er voran, zeigte sich in seiner wahren Gestalt und stellte sich mitten auf die Straße. Als die Ungeheuer ihn bemerkten und auf ihn zukamen, spuckte er ihnen ins Gesicht und sprach die Zauberformel »Om Hum Zha Li!«. Damit wurden ihre Körper gebannt, so dass die zwei Wolfsköpfigen wie angewachsen stehen blieben. Pilger stieß sie um, durchsuchte ihre Kleider und fand an der Hüfte des einen eine Umhängetasche, in der tatsächlich zwanzig Silberlinge waren. Außerdem hatte jeder ein weißes Täfelchen am Rockgürtel hängen; auf dem einen stand »Tricklister«, auf dem anderen »Listtricker«. Der Große Heilige nahm die Silberlinge, löste beide Täfelchen ab, wandte seine Wolke um und kam wieder in die Residenz, wo er dem König, Tripitaka und den anderen alles erzählte. Bajie lachte: »Mein Schatz leuchtet sicher besonders hell, dass sie eigens dafür ein Fest machen! Aber wie kriegen wir ihn denn wieder?« »Gehen wir gleich alle drei hin«, schlug Pilger vor. »Die Silberstücke hier waren für den Kauf von Schweinen und Ziegen bestimmt, jetzt sollen die Schmiede sie zum Lohn haben. Es möge die königliche Hoheit ein paar Schweine und Ziegen besorgen, dann soll Bajie den Tricklister spielen, und ich Listtricker; Sandmönch kann als Viehhändler verkleidet mitkommen. Sobald wir in der Grotte sind, nimmt bei Gelegenheit jeder seine Waffe, und dann rotten wir das ganze Gesindel aus. Danach kommen wir zurück, räumen unsere Sachen auf und ziehen weiter.« »Sehr gut, wunderbar!« pflichtete Sandmönch bei, »gehen wir!« Der König war mit allem einverstanden, schickte sogleich einen Hofdiener nach Schweinen und Schafen, und die drei Ordensbrüder verabschiedeten sich vom Meister, um vor der Stadt ihre göttlichen Kräfte zu entfalteten. »Aber Bruder«, meinte Bajie nun, »ich habe diesen Tricklister doch gar nie gesehen, wie soll ich mich in ihn verwandeln?« »Ich weiß, wie er aussieht«, gab Pilger zurück, »bleib stehen, ich verwandle dich.« Also murmelte der Tölpel einen Zauberspruch, und Pilger behauchte ihn mit göttlichem Odem, so dass er augenblicklich die Gestalt von Tricklister annahm. Das Täfelchen befestigte er an seinem Gürtel. Nun verwandelte sich Pilger in Listtricker, ebenfalls mit dem entsprechenden Täfelchen, und Sandmönch verkleidete sich als Händler. So gingen sie nun, Schweine und Ziegen vor sich her treibend, auf der Landstraße dem Berg entgegen. Bald gelangten sie in eine Talsenke, wo ihnen ein kleines Ungeheuer mit grünem Gesicht und roten Haaren entgegenkam, das eine farbig lackierte Briefschatulle unter die linke Achsel geklemmt hatte. Es kam auf Pilger zu und rief: »Listtricker, ihr seid schon wieder da? Wie viele Tiere habt ihr gekauft?« »Siehste doch!« gab Pilger zurück, »wo gehst du denn hin?« »Auf den Bambusberg, den alten Großen König zum morgigen Fest einladen«, gab das Ungeheuer zurück. »Wie viele sollen denn kommen?« fragte Pilger. »Der alte Große König soll den Ehrensitz kriegen, außerdem kommen noch etliche von unserem Berg, alles in allem wohl über vierzig.« Pilger bat ihn, die Einladung sehen zu dürfen. Darauf stand geschrieben: »Morgen in der Frühe wird ein Festmahl zu Ehren des Rechens gegeben. Wir ersuchen Ehrwürden hochachtungsvoll, unserem Berg einen Besuch abzustatten. Auf geschätztes Entgegenkommen hoffend und in höchster Dankbarkeit sei geehrter Ahnherr Neunbeseelter Urheiliger mit Hochachtung zur Tafel gebeten. Enkeljünger Gelber Löwe sendet ergebene Grüße mit hundert Verneigungen.« Nach dem Durchlesen gab Pilger das Schreiben zurück, das Ungeheuer steckte es wieder in sein Kästchen und machte sich in südöstlicher Richtung davon. »Was stand auf dem Zettel geschrieben?« wollte Sandmönch wissen. »Eine Einladung zum Rechenfest. Unterschrieben ist sie mit ›Enkeljünger Gelber Löwe‹; der Empfänger ist ein ›Ahnherr Neunbeseelter Urheiliger‹.« Sandmönch lachte: »Gelber Löwe, das ist sicher der Geist eines Löwen mit goldener Mähne. Aber was mag wohl dieser Neunbeseelte Urheilige sein?« »Das ist ein Stück für den alten Eber!« fiel Bajie lachend ein. »Wieso denn das?« wunderte sich Pilger. »So sagte man doch schon im Altertum: ›Eine räudige Sau rennt Löwen mit Goldmähnen hinterher.‹ Darum passt es für mich.« So kamen die drei lachend und plaudernd mit den Schweinen und Ziegen zur Tigermaulhöhle. Vor dem Eingang war eine Schar Ungeheuer verschiedenster Ränge unter blühenden Bäumen versammelt, die sich mit Spielen vergnügte. Als sie Bajie mit lauten Rufen die Herde treiben hörten, kamen sie ihnen entgegen, packten die Schweine und Ziegen und banden ihnen die Beine zusammen. Schon war auch der Dämonenkönig in der Grotte aufmerksam geworden, trat heraus und rief: »Da kommt ihr ja, ihr beiden! Wie viele Tiere habt ihr erstanden?« So kamen die drei lachend und plaudernd mit den Schweinen und Ziegen zur Tigermaulhöhle. »Insgesamt fünfzehn; acht Säue und sieben Ziegen«, gab Pilger zur Antwort. »Die Säue kosten sechzehn Silberlinge, die Schafe neun. Zwanzig haben wir von Euch bekommen, fünfe fehlen noch. Das hier ist der Viehhändler, er ist mitgekommen, damit er sein Silber kriegt.« Als der Dämonenkönig das hörte, beauftragte er ein Ungeheuer, dem Händler die Silberstücke zu bringen und ihn fortzuschicken. Da meinte Pilger: »Der Gast ist zum einen da, das Geld zu holen, zum anderen, um das Fest zu sehen.« »Unverfroren bist du, Tricker!« polterte der Dämon, »du sollst einkaufen, nicht den Leuten von Festen erzählen!« Da trat Bajie hinzu und sprach: »Der Schatz, den unser Herr gefunden hat, ist eine wahre Rarität. Zeigt ihn doch, Ihr braucht ja nichts zu fürchten!« »Elender Lister, auch du bist so unverschämt!« fuhr ihn der Dämon an, »diese Schätze hab ich in Yuhua gefunden. Wenn der Mann die sieht und das dort rumerzählt, kommt am Ende noch der König daher; was dann?« »Aber werter Herr«, wandte Pilger ein, »der Mann kommt aus dem Hinterland beim Markt von Qianfang, das ist doch weit weg von der Stadt, was soll er da rumerzählen? Außerdem hat er Hunger, und wir beide haben auch noch nicht gegessen; wenn in der Küche Wein und Reis übrig sind, so gebt ihm doch was ab, dann soll er gehen!« Pilger hatte noch nicht geendet, da kam ein Ungeheuer und reichte ihm die fünf Silberlinge. Pilger gab sie Sandmönch und sprach: »Werter Gast, nehmt das Geld und kommt herein, was zu essen.« Die drei gingen in die Höhle, und nach dem zweiten Portal, mitten in der geräumigen Empfangshalle, fanden sie den Rechen, von dem tatsächlich ein gleißendes Licht ausging. An der Ostwand stand der Goldreifstab und an der Westwand der Prunkstab. Der Dämon, der ihnen folgte, sprach: »Gast, was hier in der Mitte leuchtet, das ist der Rechen. Anschauen dürft Ihr ihn, doch keinesfalls irgendwem davon erzählen!« Sandmönch nickte verständnisvoll. Aber oho! So war es eben: »Kommt ein Ding zu seinem Herrn, so muss es angenommen werden.« Bajie, grobschlächtig wie er war, hatte längst keinen Sinn mehr für höfliches Geplänkel. Schon rannte er hin, schwang seinen Rechen und stürzte sich in eigener Gestalt auf den Dämon. Da liefen auch Pilger und Sandmönch zu den Seitenwänden, packten ihre Waffen und zeigten sich in ihrer wahren Gestalt. Vor dem wilden Angriff der drei Brüder wich der Dämon erschrocken zurück, packte weiter hinten eine scharfe Lanze mit langem Schaft, rannte damit in den Hof und stellte sich den drei Angreifern zur Wehr. »Wer seid ihr eigentlich?« schrie er, »wie könnt ihr es wagen, mir hinterlistig meine Schätze zu rauben?« »Du haariges Diebespack!« schrie Pilger zurück, »natürlich kennst du uns nicht; wir sind die Schüler des heiligen Priesters Tripitaka. Weil die drei Prinzen in Yuhua von uns die Kampfkunst lernen wollten, haben wir unsere Wunderwaffen in den Hof gestellt, damit man ihnen gleiche schmieden kann. Du haariges Diebespack aber hast sie über Nacht geraubt, und jetzt willst du behaupten, wir würden dich berauben! Halt, jetzt kriegst du mit jeder Waffe eins übergezogen!« Der Dämon stellte sich mit der Lanze entgegen, und alsbald verlagerte sich der Kampf aus dem Innenhof zum Höhleneingang. Seht, wie nun drei Mönche mit dem Dämon ringen! Lange kämpften sie am Pantherkopfberg, bis endlich der Dämon nicht länger standhalten konnte und gen Südosten in der Richtung des Trigramms Xun auf einem Windstoß davonstob. Als Bajie ihm nachjagen wollte, hielt ihn Pilger zurück und sagte: »Lass ihn laufen. So heißt es doch: ›Geschlagne Räuber soll man nicht verfolgen.‹ Schneiden wir ihm lieber den Rückweg ab.« Bajie zeigte sich einverstanden. Die drei gingen in die Höhle, erschlugen dort alle Wölfe, Ungeheuer und Bestien, dann schaffte Pilger mit Magie sämtliche Wertgegenstände mitsamt den toten Ungeheuern, Schweinen und Schafen aus der Grotte, und Sandmönch legte dürres Holz hinein und ließ alles in Flammen aufgehen. Anschließend brachten sie die ganze Beute in die Stadt. Die Stadttore waren noch offen, und der König und seine Prinzen hielten gerade mit Tripitaka beim Pavillon Ausschau, als plötzlich alle möglichen Sachen herunterpurzelten: tote Ungeheuer, Schweine, Schafe, Schätze; alles landete polternd im Hof. Einstimmig riefen die drei Schüler: »Meister, wir haben gesiegt!« Der König bedankte sich in einem fort, und der Priester war überglücklich. Die drei Prinzen aber warfen sich auf die Knie und fragten: »Wo kommen denn all die Sachen her?« Lachend berichtete Pilger: »Das sind die zu Ungeheuern gewordenen Tiergeister aus dem Gebirge. Der alte Dämon aber ist ein Löwe mit goldener Mähne. Als wir unsere Waffen fanden, haben wir ihn aus der Grotte gejagt. Der Kampf dauerte bis zum Abend, aber am Ende hat er eine Niederlage eingesteckt und ist geflohen. Wir haben ihn ziehen lassen, aber seine Grotte haben wir ausgeräumt, die Ungeheuer erschlagen und diese Sachen eingesammelt.« Als der König dies vernommen hatte, mischte sich seine Freude mit Furcht. Denn sosehr ihn die siegreiche Rückkehr freute, fürchtete er sich nun auch vor einer möglichen Rache des Dämons. »Macht Euch keine Sorgen, Majestät«, meinte Pilger, »ich habe mir alles reiflich überlegt, und Ihr könnt Euch darauf verlassen, dass wir erst weiterziehen, wenn alles Übel ausgemerzt ist. Wir würden niemals zulassen, dass es ungute Folgen nach sich zieht. Heute Mittag habe ich dort ein kleines Ungeheuer angetroffen, das mit einem Einladungsschreiben zu einem sogenannten ›Ahnherrn Neunbeseelter Urheiliger‹ unterwegs war. Dorthin muss der Dämon nach dem verlorenen Kampf geflohen sein. Also werden sie sich morgen gewiss rächen. Wir werden Euch ein für alle Mal reinen Tisch machen.« Der König dankte und ließ ein Abendmahl auftragen. Wie Meister und Schüler sich nun sättigten und danach schlafen legten, sei hier nicht weiter ausgeführt. Wenden wir uns stattdessen dem Dämon zu, der tatsächlich zum südöstlich gelegenen Bambusberg gesaust war, wo sich eine Grotte mit Namen ›Spiralgrotte der Neun Windungen‹ befand, in der sein Großvater, der Neunbeseelte Urheilige, hauste. Eine ganze Nacht lang war der Dämon dahingebraust, bis er frühmorgens zur fünften Nachtwache endlich bei der Grotte anklopfte und eintrat. Wie er den alten Dämon erblickte, warf er sich ihm zu Füßen und konnte seine Tränen nicht mehr zurückhalten. »Mein liebes Kind«, sprach der alte Dämon, »gestern hast du mir doch eine Einladung geschickt, und heute wollte ich zu deinem Fest kommen. Warum kommst jetzt du hierher und bist so traurig?« Da schlug der Dämon die Stirn auf den Boden und berichtete, was sich ereignet hatte. »Ich weiß nicht einmal, wie die drei Mönche heißen!« schloss er, »sie haben so große Zauberkräfte, dass geringer Enkel ihnen nicht gewachsen war. Großvater, bitte nehmt Euren Säbel und kommt mir zu Hilfe, damit ich diese Mönche packen und mich rächen kann! Dies brächte Eure liebende Verbundenheit zu Eurem Enkel zum Ausdruck.« Der alte Dämon aber verfiel in tiefes Schweigen. Plötzlich aber lachte er auf und rief: »Aha, er ist es! Mein liebes Kind, mit ihm hättest du dich nicht anlegen dürfen!« »Ihr wisst also, wer es ist?« wunderte sich der Dämon. »Der mit der langen Schnauze und den großen Ohren, das ist Eber Bajie; der mit dem finsteren Gesicht ist Sandmönch. Diese beiden wären noch nicht allzu schlimm. Doch der Dritte, der mit dem behaarten Gesicht, der aussieht wie der Donnergott, der nennt sich Pilger Sun, und dieser Affe hat wahrhaft überragende göttliche Kräfte. Vor fünfhundert Jahren hat er mal im Himmelspalast einen Aufruhr gemacht, und da konnten ihn selbst hunderttausend Himmelskrieger nicht bändigen. Er ist ein richtiger Chaot, ein Unglücksstern, mit dem hat man nichts als Ärger! Wie kannst du dich nur mit ihm anlegen? Nun, sei’s drum! Dann will ich halt kommen und zur Rache den dreisten Kerl mitsamt dem König von Yuhua einfangen.« Der Dämon bedankte sich mit einem weiteren Stirnaufschlag. Der alte Dämon aber rief auf der Stelle seine Enkel zusammen, nämlich Affenlöwe, Schneelöwe, Wildlöwe, Weißlöwe, Ducklöwe und Klüngellöwe und stattete sie mit scharfem Kriegsgerät aus, dann brausten alle im Sturmwind hinter dem Gelben Löwen her zum Pantherkopfberg. Bald schlug ihnen Rauch und Brandgeruch entgegen, dann hörten sie weinende Stimmen und erkannten schließlich Tricklister und Listtricker, die kläglich um ihren Herrn weinten! Da trat der Dämon heran und rief barsch: »Bist du der echte Lister oder der falsche?« Die Ungeheuer fielen auf die Knie, schlugen unter Tränen die Stirn auf den Boden und riefen: »Wir können doch nicht falsch sein! Gestern in der Frühe sind wir ja mit dem Silber zum Markt gegangen, um Schweine und Ziegen zu kaufen, doch westlich vom Berg auf der Landstraße ist plötzlich ein Mönch gekommen, der hatte ein haariges Gesicht und eine Schnauze wie der Donnergott. Der hat uns angespuckt, und da wurden uns die Beine ganz weich und der Mund war wie verschlossen, wir konnten weder sprechen noch laufen. Dann hat er uns umgestoßen, uns das Silber und die Täfelchen weggenommen, und wir waren so betäubt, dass wir eben erst wieder zu uns gekommen sind. Und wie wir nun nach Hause kamen, haben wir den Rauch gesehen; die Flammen haben unser ganzes Zuhause zerstört! Weil unser Herr und alle anderen nirgends zu sehen waren, haben wir nur noch verzweifelt geweint. Warum ist sie nur in Brand geraten?« Da stürzten dem Dämon die Tränen aus den Augen. Verzweifelt stampfte er auf den Boden und brüllte: »Dieser elender Kerl! Wie kann er auf so gemeine Art meine Grotte ausbrennen? Mein Liebchen ist verbrannt, mein Haushalt, all meine Leute! Weh mir, ich sterbe vor Kummer!« Hart schlug er seinen Kopf an die Felswand. Der alte Dämon hieß den Affenlöwen, ihn zurückzuhalten, und sprach: »Mein liebes Kind! Es ist geschehen, und nun ist es, wie es ist. Wüten hilft nicht weiter. Stärke lieber deinen Kampfgeist, damit wir in der Stadt die Mönche fangen können.« Also verließen sie die Stätte und eilten der Stadt entgegen. In der Stadt hörte man nun ein donnerndes Brausen, finstere Sturmwolken rollten heran, so dass Männer und Frauen außerhalb der Stadtmauer ihre Häuser verließen, um sich in der Stadt in Sicherheit zu bringen. Die Torwächter riegelten die Stadttore ab und liefen zum Königshof, um das Unwetter zu melden. Als die Meldung eintraf, saß der König gerade mit Tripitaka und den anderen im Pavillon beim Frühstückstisch. Da trat er heraus und fragte, was geschehen sei. Die Leute berichteten: »Eine Horde Ungeheuer greift unsere Stadt an; sie kommen in einem Sturm, der Sand und Kieselsteine mit sich reißt!« Entsetzt rief der König: »Was nun?« Pilger aber lachte: »Keine Sorge, keine Sorge! Das ist der Dämon aus der Tigermaulhöhle, der gestern den Kampf verloren hat. Im Südosten hat er sich mit seinem Neunbeseelten Urheiligen zusammengetan, und jetzt kommen sie hierher. Ich werde gleich mit meinen Brüdern hinausgehen; Ihr könnt derweil alle Stadttore schließen und Krieger den Stadtgraben verteidigen lassen.« Wie geheißen ließ der König die Tore schließen und schickte Krieger aus. Er selbst begab sich mit seinen Söhnen und Tripitaka in einen Wachtturm auf der Stadtmauer und führte das Kommando. Das Flaggenmeer der Truppen verbarg schier die Sonne, und Kanonendonner dröhnte zum Himmel. Pilger mahnte den König und Tripitaka, gut auf sich achtzugeben, und stob in wolkiger Höhe aus der Stadt hinaus den Feinden entgegen. So war es in der Tat: Der Weisheit Waffen sind verloren, Weil sie unaufmerksam waren; Prompt sind schon Dämonen da, Boshaft alles zu verheeren! Und da wir nicht wissen, wie es um ihr Heil bestellt war, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第090回 / 90. Kapitel Meister und Löwen lehren und lernen, alles findet zur Einheit heim / Geraubtes Dao umrankt die Sammlung, der Neunbeseelte wird still Berichten wir nun vom Großen Heiligen, der mit Bajie und Sandmönch zur Stadt hinaus den Feinden entgegenstürmte und sah, dass es allerlei löwenartige Ungeheuer waren: An der Spitze war Gelblöwe, links von ihm Wildlöwe und Klüngellöwe, rechts Weißlöwe und Ducklöwe, dahinter Affenlöwe und Schneelöwe, und aus ihrer Mitte ragte ein neunköpfiger Löwe, hinter dem das grüngesichtige Ungeheuer einen runden, brokatenen Baldachin hochhielt, während Tricklister und Listtricker daneben zwei rote Flaggen schwenkten. So standen alle ordentlich aufgereiht im Bereich des Trigramms Kan zum Kampf bereit.450 Bajie, ungehobelt wie er war, rannte hin und schrie: »Du Lump von Schatzräuber! Wo hast du dich mit dieser haarigen Rotte zusammengetan? Was habt ihr überhaupt hier zu suchen?« Zähnefletschend brüllte der Gelbe Löwe zurück: »Du verruchter Glatzkopf! Gestern wart ihr zu dritt gegen mich, da hab ich verloren und bin gegangen, hab euch die Glorie überlassen, und gut war’s. Ihr aber antwortet mit einer solchen Barbarei, verbrennt meine Grotte und ermordet meine ganze Sippschaft! Mein Hass gegen euch ist abgrundtief wie der Ozean! Stillgestanden, jetzt kriegt ihr die Lanze eures Herrn zu spüren!« Bajie schwang seinen Rechen und warf sich in den Kampf. Anfangs war noch nicht klar, wer überlegen sein würde, doch bald griffen der Affenlöwe mit einer Stachelkeule und der Schneelöwe mit einer dreikantigen Bambusgerte ein und droschen wie wild auf Bajie ein. Auf dessen Seite kam nun Sandmönch mit dem Prunkstab zu Hilfe, doch schon fielen Wildlöwe und Weißlöwe zusammen mit Klüngellöwe und Ducklöwe über ihn her. Da trat ihnen der Große Heilige mit dem Goldreifstab in den Weg. Wildlöwe schwang einen Stecken, Weißlöwe eine Kupferkeule, Klüngellöwe einen stählernen Speer und Ducklöwe eine Axt. So lieferten sich sieben Löwengeister und drei furchtlose Mönche einen erbitterten Kampf. Das Gefecht dauerte, bis der Abend anbrach. Bajies Kräfte drohten zu schwinden. Nach einem letzten Scheinhieb ergriff er die Flucht, doch schon hatten ihn Schneelöwe und Affenlöwe eingeholt, die Bambusgerte sauste über sein Rückgrat, er stürzte und konnte sich nicht mehr erheben. Da zerrten ihn die beiden Geister an Borsten und Schwanz hinter sich her und brachten ihn schließlich, an eine Stange gebunden, vor den neunhäuptigen Löwen mit den Worten: »Werter Ahnherr, wir haben einen!« Auch Sandmönch und Pilger erlitten eine Niederlage und suchten das Weite, doch die Ungeheuer blieben ihnen auf den Fersen. Pilger riss sich ein Büschel Haare aus, zerkaute sie und spuckte sie aus, worauf die Ungeheuer von über hundert kleinen Pilgern umringt wurden. Da gingen Sandmönch und Pilger noch einmal zum Angriff über. Am Abend hatten sie schließlich Wildlöwe und Weißlöwe gefangen, doch Ducklöwe, Klüngellöwe und der mit der goldenen Mähne waren ihnen entgangen. Diese statteten nun beim alten Dämon Bericht ab. Wie das alte Ungeheuer sah, dass zwei Löwen fehlten, befahl er: »Legt diesen Bajie in Fesseln, aber lasst ihn unversehrt! Wenn sie meine zwei Löwen freilassen, kriegen sie ihren Bajie wieder, doch falls sie meinen Löwen etwas antun, wird Bajie erledigt!« Auch Sandmönch und Pilger erlitten eine Niederlage. Die Nacht über ruhten die Ungeheuer vor der Stadtmauer. Der Große Heilige aber brachte die beiden Löwengeister zur Stadtmauer und zeigte sie dem König, worauf dieser das Tor öffnen ließ und an die dreißig Offiziere mit Stricken hinausschickte, die Löwengeister zu fesseln und in die Stadt zu befördern. Derweil zog der Große Heilige seine Haare wieder an sich und kam mit Sandmönch auf den Wachtturm zu Tripitaka. »Die Lage ist außerordentlich ernst!« sprach dieser. »Wer weiß, ob Wuneng noch am Leben ist?« »Keine Sorge!« versetzte Pilger, »jetzt, wo wir die beiden Geister gefangen haben, werden die drüben ihm nichts antun. Wir müssen sie nur fest anketten, dann können wir sie morgen früh gegen Bajie tauschen.« Die drei Prinzen aber warfen sich vor Pilger nieder, schlugen die Stirn auf den Boden und sprachen: »Meister, eben hattet Ihr im Kampf zuerst nur einen Körper, doch nach der vorgetäuschten Niederlage waren plötzlich über hundert Meister zu sehen. Wie ging das zu? Und am Ende, als die Ungeheuer gefangen waren und Ihr in die Stadt gegangen seid, hattet Ihr wieder nur einen Körper. Was war das für ein Zauber?« Pilger lachte: »Ich habe 84 000 Haare, und wenn ich aus einem Haar zehn und aus zehn hundert mache und so weiter, so ergibt das tausend- und millionenfache Verwandlungen. Das ist die Außenkörper-Magie.« Ehrfürchtig verneigten sich alle drei Prinzen vor ihm. Anschließend wurde das Essen aufgetragen, das man gleich im Wachtturm auf der Stadtmauer einnahm. Dann erging der Befehl, zwischen den Mauerzinnen Laternen und Flaggen aufzuhängen, mit Klappern, Warnglocken, Gongs und Trommeln Wache zu halten, rechtzeitig die Stunden der Nachtwache zu schlagen, Kanonen zu feuern und Kampfgeheul anzustimmen. Als der Morgen anbrach, rief der alte Dämon den Gelben Löwen zu sich, um das weitere Vorgehen abzusprechen, und sagte: »Heute müsst Ihr Euch auf die Festnahme von Pilger und Sandmönch konzentrieren. Derweil können wir heimlich auf die Stadtmauer fliegen, ihren Meister und den König gefangennehmen und vorerst in die Spiralgrotte bringen, bis wir Kunde Eures Sieges haben.« Der Gelbe Löwe war einverstanden und führte Affenlöwe, Schneelöwe, Klüngellöwe und Ducklöwe mit gezückten Waffen zur Stadtmauer, wo sie in Sturm und Nebel zum Kampf aufriefen. Auf der Gegenseite schossen Pilger und Sandmönch hervor und schrien: »Lausige Ungeheuer! Rückt sofort unseren Ordensbruder Bajie heraus, sonst hacken wir euch in tausend Stücke!« Natürlich ließen die Ungeheuer nicht mit sich reden, sondern starteten gleich einen Angriff. Pilger und sein Ordensbruder hielten die fünf Löwen mit ihren göttlichen Kräften in Schach. Wie sie nun mitten im schönsten Gefecht waren, rauschte auf einmal der alte Dämon in einer schwarzen Wolke auf den Wachtturm zu und schüttelte all seine Häupter, dass die Zivil- und Militärbeamten mitsamt Söldnern von der Stadtmauer stürzten. Dann rannte er in den Wachtturm, sperrte seine neun Mäuler auf und schnappte Tripitaka, den König und die drei Prinzen. Unten vor der Stadtmauer nahm er auch noch Bajie mit. So hielt er sechs Menschen in sechs Mäulern fest, drei Mäuler waren noch frei, und er brüllte donnergleich: »Ich gehe!« Der Anblick ihres siegreichen Ahnherrn beflügelte die Kräfte der fünf Löwengeister. Wie Pilger das Siegesgebrüll auf der Stadtmauer hörte, wusste er gleich, dass er den Feinden in die Falle gegangen war, und mahnte Sandmönch zur Vorsicht. Nachdem er sich in aller Eile sämtliche Haare vom Arm gerissen, zerkaut und ausgespuckt hatte, griff nun ein Schwarm von Tausenden kleiner Pilger an. Im Handumdrehen waren Affenlöwe und Schneelöwe überwältigt, Klüngellöwe und Ducklöwe wurden gefesselt und der Gelbe Löwe erschlagen. Mit großem Getöse stürmten sie hinunter vor das Stadttor. Nur der Grüngesichtige, Tricklister und Listtricker entgingen ihnen leider. Die Beamten auf der Stadtmauer hatten alles mitangesehen. Nun ließen sie das Tor wieder öffnen und alle fünf Löwengeister gefesselt in die Stadt tragen. Bevor entschieden war, was mit ihnen geschehen sollte, kam auf einmal die Königin schluchzend daher, verneigte sich vor Pilger und sprach: »Ach, göttlicher Meister! Mit unserer Hoheit, seinen Prinzen und Eurem Meister ist es zu Ende! Was soll bloß mit der verwaisten Stadt geschehen?« Der Große Heilige machte seine Körpermagie rückgängig, verneigte sich und sprach: »Grämt Euch nicht, werte Königin! Da nun die sieben Löwengeister gefangen sind, wird meinem Meister und den werten Hoheiten nichts geschehen. Morgen werde ich mit meinem Ordensbruder ins Gebirge gehen, dort den alten Dämon dingfest machen und Euch alle vier Männer zurückbringen; das verspreche ich Euch!« Da verneigte sich die Königin mit ihren Palastdamen dankend vor Pilger und ging, in Tränen aufgelöst, in ihren Wohnpalast zurück. Pilger aber befahl den Beamten: »Lasst den Gelben Löwengeist häuten, setzt die sechs lebenden Löwengeister hinter Schloss und Riegel und bringt uns was zu essen. Nach dem Essen werden wir uns schlafen legen. Macht euch keine Sorgen, ich garantiere, dass euch nichts geschehen wird.« Am folgenden Morgen stieg der Große Heilige mit Sandmönch auf eine glückverheißende Wolke, und bald landeten sie auf dem Bambusberg, wo sie auf dem Gipfel Ausschau hielten. Da sahen sie, dass vom Tal her jener Grüngesichtige mit einem kurzen Stock in der Hand gelaufen kam. »Halt!« schrie Pilger, »der alte Sun ist hier!« Vor Schrecken rannte das Ungeheuer Hals über Kopf ins Tal zurück, die beiden hinter ihm her. So kamen sie zu einer Grotte mit einem schmucken Steintor, das verschlossen war. Darüber prangten zehn große Schriftzeichen: »萬靈竹節山九曲盤 桓洞 – Spiralgrotte der Neun Windungen, Bambusberg der Zehntausend Geister«. Der Grüngesichtige aber war bereits hineingerannt und hatte die Tore von innen verriegelt. Dort meldete er dem alten Dämon: »Hoher Herr, draußen sind zwei Mönche!« »Sind der Große König, Affenlöwe, Schneelöwe, Klüngellöwe und Ducklöwe auch dabei?« wollte dieser wissen. »Nein, die hab ich nicht gesehen.« Da versank der alte Dämon in tiefes Schweigen. Plötzlich brach er in Tränen aus und schluchzte: »Ach, es ist so schrecklich! Meine Enkel Gelblöwe, Affenlöwe und alle anderen sind von diesen Mönchen gefangen worden! Wie kann ich diese Schande nur rächen?« Schließlich rief er seinen Untergebenen zu: »Bewacht hier das Tor; ich gehe hinaus und packe mir die beiden Mönche. Dann bringe ich sie rein und erteile ihnen ihre Strafe.« Seht, wie er ohne Harnisch und Waffe breitbeinig voranschreitet! Schon hörte er Pilger draußen johlen. Er stieß das Grottentor auf und stürzte sich, ohne ein Wort zu verlieren, in den Kampf. Pilger wehrte sich mit seiner Stange, und Sandmönch griff mit der Lanze an, doch bald schwenkte der alte Dämon sein Haupt, sperrte all seine Mäuler auf und schnappte sich Pilger und Sandmönch. Mühelos trug er sie in seine Grotte und rief nach Stricken. Zusammen mit dem Grüngesichtigen schleppten Tricklister und Listtricker zwei dicke Seile heran und legten die beiden in Fesseln. »Du verruchter Affe!« polterte der alte Dämon, »alle meine sieben Kinder hast du gefangen! Aber ich habe euch beide und den König mit seinen Prinzen, an ihnen werde ich den Tod meiner Enkel rächen! Diener, holt Weidengerten und verprügelt erst diesen Affen, um das Unrecht zu vergelten, das meinem Gelblöwen geschehen ist!« Jedes der drei Ungeheuer nahm eine Weidengerte zur Hand und begann auf Pilger einzuschlagen. Doch dieser hatte ja einen stählernen Körper, und darum konnten sie schlagen, so viel sie wollten, es machte ihm nichts aus. Bald waren die Gerten zerbrochen, und der Tag ging zur Neige. Da rief der alte Dämon: »Genug für heute, meine Kleinen! Zündet die Laternen an, dann könnt ihr essen gehen. Ich werde mich im Nest der Brokatwolken ein bisschen aufs Ohr legen, doch ihr drei müsst sorgfältig Wache halten. Morgen werden die Prügel weitergeführt!« Die Ungeheuer brachten die Laternen und schlugen Pilger nun mit Weidenstöcken auf den Kopf. Es hörte sich an, als würde man die Holzklapper schlagen: ticktick, tocktock, mal schnell, mal langsam. Als die Nacht kam, waren schließlich doch alle eingeschlafen. Da bediente sich Pilger eines Schlupfzaubers: Er machte sich ganz klein und schlüpfte aus den Fesseln. Dann klaubte er seine Stange aus dem Ohr, schwang sie durch die Luft und richtete sie auf die drei Ungeheuer mit den Worten: »Sündenbiester! Nachdem ihr eurem Ahnherrn so viele Hiebe verpasst habt, wird euer Ahn jetzt mal jeden von euch mit dieser Stange streifen, was meint ihr dazu?« Er verpasste allen drei Ungeheuern einen leichten Streich, und schon lagen nur noch drei Fleischklößchen da. Pilger beschnitt den Lampendocht, dass es etwas heller wurde, und befreite Sandmönch. Bajie konnte sich nicht halten und rief: »Bruder, warum befreist du nicht mich zuerst, mir sind schon Hände und Füße geschwollen!« Dieser Ruf aber schreckte den alten Dämon auf. Mit einem Satz sprang er hoch und schrie: »Wer wird da befreit?« Pilger blies sofort die Lampe aus und jagte, ohne sich noch um Sandmönch und Bajie kümmern zu können, hinaus, indem er mit der Stange sämtliche Tore einschlug. Als der alte Dämon in die Haupthalle kam, war es stockfinster, und sein Ruf blieb ohne Antwort. Auch als er ein zweites Mal rief, blieb es still. Da holte er eine Laterne und sah sich um. Am Boden lagen drei blutige Fleischhaufen, ansonsten waren alle da, außer Pilger und Sandmönch. Als er mit einer Fackel von vorn bis hinten alles absuchte, entdeckte er Sandmönch, der eng an die Wand gepresst in einem Gang stand. Der Dämon packte ihn und legte ihn wieder in Fesseln. Als er schließlich sah, dass all seine Tore zertrümmert waren, wusste er natürlich, dass es Pilger gewesen sein musste. Er sah von einer Verfolgung ab und begann die zerstörten Tore zu reparieren. Wie er sich nun um seinen Haushalt kümmerte, sei hier nicht weiter ausgeführt. Wenden wir uns stattdessen dem Großen Heiligen zu, der die Spiralgrotte der Neun Windungen verlassen und auf einer glückverheißenden Wolke die Stadt Yuhua erreicht hatte. Dort sah er, dass über der Stadt die Erdgeister aller Himmelsrichtungen mit dem Stadtgott durch die Lüfte auf ihn zukamen. »Warum kommt ihr erst jetzt?« rief Pilger ihnen zu. »Geringe Geister wussten, dass Ihr nach Yuhua gekommen seid, Großer Heiliger«, sprach der Stadtgott, »doch weil der werte König Euch zu Gast hatte, trauten wir uns nicht, vor Euch zu erscheinen. Jetzt aber sind wir eigens gekommen, bei Euch vorzusprechen, denn wir haben vernommen, dass der König und andere in Not geraten sind und Ihr, Großer Heiliger, gerade dabei seid, den alten Dämon zu unterwerfen.« Pilger stieg schon der Ärger hoch, doch da sah er, wie die Genien zusammen mit den sechs Ding- und den sechs Jia- Götterkriegern einen Erdgeist herbeiführten. Alle fielen vor ihm auf die Knie und riefen: »Großer Heiliger! Das ist der Erdgeist vom Bambusberg. Er weiß, woher der Dämon kommt. Wir haben ihn gefangen und bitten den Großen Heiligen, ihn zu befragen, denn dann wird es viel einfacher sein, den Heiligen Priester und den werten König zu befreien.« Wie nun Pilger den Erdgeist befragte, schlug dieser die Stirn auf den Boden und sprach: »Jener Dämon ist im vorletzten Jahr zum Bambusberg gekommen. Die Spiralgrotte der Neun Windungen war eigentlich ein Nest von Sechs Löwen, doch seit er da ist, verehren ihn die Löwen als ihren Ahnherrn. Es ist ein Löwe mit neun Köpfen, und er nennt sich Neunbeseelter Urheiliger. Um ihn zu überwinden, müsst Ihr seinen Herrn vom Wunderfels-Palast am Ostpol hierherbitten. Nur so könnt Ihr ihn besiegen, kein anderer hat Macht über ihn.« Als Pilger dies vernahm, überlegte er eine Weile und meinte dann: »Vom Wunderfels-Palast am Ostpol? Dort ist der Höchste Eine Himmlische Ehrwürdige der Erlösung, der reitet doch einen neunköpfigen Löwen! Moment, ich bin gleich wieder da.« Er hieß die Götter abtreten und sauste im Wolkenüberschlag eine ganze Nacht lang dahin, bis er etwa zur Stunde Yin, kurz vor Anbruch der Dämmerung, zum Östlichen Himmelstor kam, wo er just auf Himmelskönig Virupaksha stieß, der ihn mit ehrerbietig übereinandergelegten Händen begrüßte und fragte: »Wohin des Wegs, Großer Heiliger?« »Ich geh mal kurz zum Wunderfels-Palast«, meinte Pilger. »Was wollt Ihr denn im Osthimmel, führt Eure Reise nicht mehr in den Westen?« »Wir sind nach Yuhua gekommen, dort hat uns der König gebeten, seine drei Söhne als Schüler aufzunehmen, damit wir sie in der Kampfkunst ausbilden, doch dabei sind wir unerwartet auf eine Horde Löwengeister gestoßen. Nun will ich zum Wunderfels-Palast, weil der alte Dämon dem Höchsten Einen Himmlischen Ehrwürdigen der Erlösung gehört. Ich will ihn bitten, den Dämon zu bändigen und meinen Meister zu erlösen.« Da sprach der Himmelskönig: »Dass Ihr Euch zu Meistern über andere erheben wolltet, hat diese Löwenbande angelockt.« »Fürwahr«, lachte Pilger, »das muss es sein!« Dann trat er durchs Östliche Himmelstor und erreichte nach kurzer Zeit den Wunderfels-Palast. Am Eingang stand ein himmlischer Knabe in einem Überwurf aus Morgenröte. Beim Anblick des Großen Heiligen eilte er in den Palast und rief: »Hoher Herr! Draußen steht der Rebell vom Himmelspalast, der Himmelsebenbürtige Große Heilige!« Als der Himmlische Ehrwürdige dies hörte, berief er sogleich all seine himmlischen Wächter ein. Dann hieß er ihn eintreten. Der Ehrwürdige thronte auf einer neunfarbigen Lotosblüte in Tausenden und Abertausenden von Lichtstrahlen. Als er Pilger eintreten sah, erhob er sich und ging ihm entgegen. Pilger grüßte respektvoll, der Ehrwürdige grüßte zurück und sprach: »Großer Heiliger, wir haben uns einige Jahre nicht mehr gesehen. Wie ich sagen hörte, sollt Ihr vom Daoismus zum Buddhismus übergetreten sein und nun den Priester aus China auf seiner Reise zu den Heiligen Schriften im Westen beschützen. Gewiss habt Ihr Eure Aufgabe vollendet.« »Noch nicht ganz«, antwortete Pilger, »aber es fehlt nicht viel. Zur Zeit sind wir bei der Spiralgrotte am Bambusberg; dort hat uns ein neunhäuptiger Löwe in Not gebracht. Erst durch den Erdgeist jenes Berges habe ich erfahren, dass Ihr, Himmlischer Ehrwürdiger, sein Herr seid. Darum bin ich nun eigens gekommen, Euch zu bitten, ihn einzufangen.« Als der Himmlische Ehrwürdige dies hörte, schickte er umgehend einen seiner Unsterblichen zum Löwenkäfig, um den Löwenwächter zu rufen. Der aber lag in tiefem Schlaf. Man schüttelte ihn, bis er erwachte, und zerrte ihn in die Haupthalle vor den Ehrwürdigen. »Wo ist die Löwenbestie?« rief dieser. Da schlug der Wächter unter Tränen die Stirn auf den Boden und bat nur noch, ihn am Leben zu lassen. »Da der Große Heilige Sun hier ist, will ich dich vorerst nicht bestrafen«, sprach der Ehrwürdige. »Doch sage mir, warum warst du so achtlos, dass der Löwe entlaufen konnte?« »Hoher Herr!« rief der Sklave, »vor zwei Tagen fand ich im Ambrosiatempel der Großen Tausendwelt eine Flasche Wein und habe sie heimlich ausgetrunken. Weil ich im Rausch einschlief, habe ich vergessen, ihn anzubinden. Darum muss er entlaufen sein.« »Das war ein Geschenk des Höchsten Alten Meisters; dieser Wein war ein Jadeklarer Trunk der Wiedergeburt. Davon bleibt man drei Tage lang im Rausch. Wie lange ist denn dieses Löwenbiest schon weg?« »Gemäß Aussagen des Erdgeistes ist er im vorletzten Jahr hinunter auf Erden gekommen; es müsste also zwei, drei Jahre her sein.« »In der Tat«, lachte der Ehrwürdige, »ein Tag im Himmel entspricht einem Jahr auf Erden.« Da rief er dem Löwenwächter zu: »Steh auf, ich will von der Todesstrafe absehen. Komm mit hinunter auf Erden, damit wir ihn für den Großen Heiligen einfangen können.« Da schwebten der Himmlische Ehrwürdige, der Große Heilige und der Löwenwächter auf Wolken zum Bambusberg und fanden die Genien, die sechs Ding- und die sechs Jia- Götterkrieger sowie den örtlichen Erdgeist, die sogleich vor ihnen niederknieten. »Ihr, die ihr hier Wache haltet«, rief Pilger, »sagt, ist mein Meister irgendwie verletzt worden?« »Der Dämon ist in seinem Groll eingeschlafen«, antworteten die Götter, »er hat keine weiteren Körperstrafen angeordnet.« Da sprach der Himmlische Ehrwürdige: »Immerhin ist mein Urheiliger ein wahres Seelenwesen, das sich über lange Zeit der Vervollkommnung des Dao gewidmet hat. Sein Brüllen dringt oben durch alle Drei Welten, unten durch alle Neun Quellen, nie würde er bedenkenlos ein Lebewesen töten. Großer Heiliger Sun, geht nun vor sein Tor und ruft zum Kampf auf, damit er herauskommt; so kann ich ihn am besten fangen.« Pilger packte seine Stange, sprang vor das Grottentor und schrie: »Elendes Ungeheuer! Gib mir meine Leute zurück!« Doch auch nach mehrmaligem Rufen kam keine Antwort. Wütend erhob Pilger seine Stange und schlug schreiend und schimpfend das Tor ein. Da endlich erwachte der alte Dämon. Sein Herz erfüllte sich mit einem solchen Zorn, dass er aufsprang, mit donnergleichem Brüllen seine Häupter schwenkte und nach Pilger schnappte. Der aber machte rechtsum kehrt und rannte davon, das Ungeheuer hinterher. »Bleib stehen, du diebischer Affe!« brüllte der Dämon. Pilger aber sprang auf einen erhöhten Felsen und rief lachend: »Du weißt wohl nicht, wie es um dein Leben steht, dass du dir noch solche Frechheiten erlaubst!« Als der Dämon beim Felsen ankam, hatte der Himmlische Ehrwürdige bereits ein Zauberwort gesprochen und rief mit barscher Stimme: »Urheiliger! Ich bin hier!« Wie nun der Dämon seinen Herrn erkannte, wagte er nicht länger zu kämpfen, sondern streckte alle viere von sich und schlug nur noch den Kopf auf den Boden. Da sprang der Löwenwächter hinzu, packte ihn an der Mähne und verpasste ihm wohl über hundert Faustschläge, dabei schimpfte er: »Du elendes Viech! Wie kannst du dir erlauben, heimlich auszubrechen, und ich muss dafür büßen!« Unfähig zu sprechen, blieb der Löwe reglos am Boden liegen. Erst als dem Löwenwächter die Hand weh tat, hielt er inne und warf ihm einen prachtvollen Sattel über den Rücken. Da stieg der Himmlische Ehrwürdige auf, stieß einen Ruf zum Aufbruch aus und stieg auf bunten Wolken empor, geradewegs bis zu seinem Wunderfels-Palast. Gen Himmel gewandt, rief ihm der Große Heilige seinen Dank nach. Dann ging er in die Grotte, befreite den König und die Prinzen von Yuhua, den Meister und seine Ordensbrüder. Zuletzt durchsuchten sie in aller Ruhe die Sachen in der Grotte und gingen dann hinaus. Bajie trug Reisig zusammen, schichtete es drinnen vorn und hinten auf und brannte die Spiralgrotte der Neun Windungen aus, dass sie aussah wie ein verkohlter Ziegelofen. Nun hieß der Große Heilige alle Götter abtreten und befahl dem Erdgeist, den Ort weiterhin gut zu bewachen. Dann hieß er Bajie und Sandmönch, den König und dessen Söhne mit Zauberkraft in die Stadt zu buckeln, während er selbst den Priester mit sich führte, so dass sie binnen kurzem in der Stadt ankamen. Gegen Abend kamen die Königin, die Konkubinen und die Hofbeamten zum Empfang, dann wurde ein reiches Festmahl aufgetischt, und alle setzten sich gemeinsam an die Tafel. Anschließend legten sich der Priester und seine Schüler im Pavillon, der König und die Prinzen im Wohnpalast zur Ruhe und verbrachten eine friedliche Nacht. Tags darauf ließ der König ein großes Klostermahl zubereiten, bei dem er sich zusammen mit den Hofbeamten aller Ränge persönlich bei den Mönchen bedankte. Da sprach Pilger zum König: »Lasst einen Schlächter rufen, die sechs Löwen zu töten sowie den Gelben Löwen zu häuten. Das Fleisch soll zum Verzehr verteilt werden: Einer geht an die Bewohner des Königshauses, einer an die Dienstältesten, und die restlichen fünf sollen in Stücke von fünfzig bis hundert Gramm zerlegt und durch Offiziere an die Soldaten und Bürger der ganzen Stadt verteilt werden. So kriegt ein jeder etwas ab und kann beim Essen auch den Schrecken stillen.« Die Leute des Bezirks zollten ihm ausnahmslos Respekt. Dann nahm Pilger die geschmiedeten Waffen in Augenschein und wollte wissen: »Wie schwer sind die nun?« »Der Goldreifstab wiegt 1000 Pfund, der neunzinkige Rechen und die Lanze je 800.« »Na gut«, meinte Pilger und ordnete an, die drei Prinzen kommen zu lassen, damit jeder seine Waffe in Empfang nehme. »Für diese Waffen hätten ich und meine Söhne beinahe das Leben hergegeben!« bemerkte der König, und die Prinzen erwiderten: »Zum Glück haben uns die göttlichen Meister mit ihren Zauberkräften gerettet! Und gleichzeitig haben sie sogar noch das dämonische Übel getilgt und dafür gesorgt, dass nichts Böses mehr geschehen wird. Wahrhaftig, das kann man eine Strategie zum ewigen Frieden nennen!« Darauf zahlten der König und die Prinzen den Schmieden ihren Lohn aus und gingen dann zum Pavillon, um den Meistern für die große Hilfe zu danken. Nun aber drängte Tripitaka den Großen Heiligen, so schnell wie möglich die Kampfkunst zu lehren, damit die Reise nicht noch länger verzögert würde. Also begannen die drei mit der Unterweisung, und schon nach wenigen Tagen harter Übung beherrschten die drei Prinzen die nötigen Kunstgriffe sowie alle zweiundsiebzig Folgen der Kampfkunst. Zum einen war dies der festen Entschlossenheit der Prinzen zu verdanken, zum anderen auch der Verleihung göttlicher Kräfte durch Pilger, denn erst dadurch war es ihnen ja möglich, mit einer 1000 Pfund schweren Stange und 800 Pfund schweren anderen Waffen umzugehen. Im Vergleich zu dem, was sie vormals selbst an Kampfkunst erlernt hatten, war dies ein himmelhoher Unterschied! Abermals veranstaltete der König ein großes Dankesmahl und brachte außerdem ein Tablett voller Gold und Silber, um sich erkenntlich zu zeigen. Pilger aber lachte und meinte: »Nehmt das schnell weg! Was sollen wir Pilgermönche damit anfangen?« Bajie aber fügte hinzu: »Gold und Silber wagen wir nicht anzunehmen, doch die Löwengeister haben mein Gewand zerrissen. Es wäre reichlich gedankt, wenn Ihr uns neue Kleider besorgen könntet.« Sogleich ließ der König mehrere Ballen kostbarer Brokatstoffe bringen und den dreien neue Kleider anfertigen. Freudig nahmen die Ordensbrüder die Gabe entgegen, ordneten ihre Sachen und machten sich zum Aufbruch bereit. In der Stadt war keiner, der sie nicht als vom Himmel gestiegene Arhats oder leibhaftige Buddhas gerühmt hätte. Die Straßen waren voll von Menschen, die ihnen mit Trommeln, Fanfaren und Standarten ein langes Abschiedsgeleit gaben, bis die vier Schriftenholer endlich wieder auf dem Weg nach Westen waren. Beim Weiterziehen streiften sie alle Gedanken ab und widmeten sich mit ganzem Herzen dem Erlangen der Wahren Frucht. So war es in der Tat: Ohne Kummer, ohne Sorgen Kommen sie in Buddhas Land; Steigen aufrecht und in Frieden Hoch zu Buddhas Tempel auf! Und da wir nicht wissen, wann sie endlich den Seelenberg erreichen würden, lasst uns hören, was das nächste Kapitel berichtet. 第091回 / 91. Kapitel In Jinping schaut man Lampions bei Vollmond an / In einer Grotte legt der Priester ein Geständnis ab Wie man erzählt, zogen der Priester und seine Schüler von der Stadt der Jadeblüte weiter und kamen unbehindert durch eine wahrhaft paradiesische Landschaft. Nach fünf oder sechs Tagesmärschen erreichten sie abermals eine umwallte Stadt. Am östlichen Stadtrand herrschte geschäftiges Treiben, Marktschreier priesen zu beiden Straßenseiten lautstark ihre Waren an, überall wurde rege gefeilscht und gehandelt. In den Gassen trieben sich untätige Burschen herum, die prompt auf Bajies lange Schnauze, Sandmönchs finsteres Gesicht und Pilgers feurige Augen aufmerksam wurden, sich bald um sie scharten und sie beäugten, doch wagten sie nicht vorzutreten oder Fragen zu stellen. Vor Angst, die Schüler könnten wieder etwas anstellen, stand Tripitaka der Schweiß im Nacken. Auch nach weiteren Gassen war das Stadttor noch nicht in Sicht, stattdessen gewahrten sie ein Tempelportal, auf dem in drei Schriftzeichen geschrieben stand: »慈雲寺 – Kloster der Barmherzigkeit«. »Gehen wir doch hinein, lassen das Pferd ein wenig ruhen und schauen, ob wir etwas zu essen bekommen«, schlug Tripitaka vor. »Sehr gut!« stimmte Pilger zu. Also traten die vier Mönche in den Klosterhof, wo ihnen aus einem der Säulengänge ein Mönch entgegenkam, der sie freundlich grüßte und sprach: »Wo kommt Ihr her, werter Meister?« »Geringer Jünger kommt aus dem chinesischen Kaiserreich«, gab Tripitaka zur Antwort. Da warf sich der Mönch ehrfürchtig vor ihm auf die Knie. Eilends reichte ihm Tripitaka den Arm zum Aufstehen und fragte: »Werter Abt, wie habe ich eine solch gewichtige Ehrbezeigung verdient?« Da faltete der Mönch die Hände und sprach: »Wir alle, die wir uns dem Guten widmen, Heilige Schriften lesen und zu Buddha beten, wünschen uns nichts sehnlicher, als in Eurem gesegneten Lande wiedergeboren zu werden! Schon auf den ersten Blick habe ich Eurem Auftreten und Eurer Kleidung angesehen, dass Ihr Euch bereits in früheren Inkarnationen der Vervollkommnung gewidmet haben müsst, sonst wäret Ihr ja niemals in diesen Genuss gekommen. Darum bin ich vor Euch niedergekniet.« »Ach du lieber Schreck«, lächelte Tripitaka, »ich Buddhajünger bin nur ein Wandermönch, was für ein Genuss sollte mir da zuteilwerden? Vielmehr führt doch Ihr, werter Abt, hier ein glückliches Leben in freier Muße!« Da führte ihn der Geistliche in die Haupthalle, wo Tripitaka sich erst vor den Statuen verneigte und anschließend seine Schüler zu sich rief. Wie der Klosterbruder nun Pilger und die anderen erblickte, rief er entsetzt: »Oh, werter Herr! Warum sind denn Eure hohen Schüler so ungestalt?« »Ungestalt mögen sie sein«, erwiderte Tripitaka, »doch besitzen sie große Zauberkräfte. Dass ich bis hierher gelangen konnte, habe ich allein ihrem Schutz zu verdanken.« Während sie sich unterhielten, kamen von drinnen weitere Mönche auf sie zu und grüßten freundlich. Da fragte derjenige, der Tripitaka empfangen hatte: »Was treibt denn Euch hierher, werter Meister aus China?« »Ich pilgere auf Geheiß unseres Kaisers zum Seelenberg, um Buddha zu huldigen und Heilige Schriften zu erbitten. Weil unser Weg durch diese prächtige Gegend führt, haben wir beschlossen, Euren hehren Tempel zu besuchen, einerseits um uns über diesen Ort zu erkundigen, andererseits um etwas Speise zu erbitten. Danach werden wir gleich weiterziehen.« Freudig baten ihn die Mönche in die Abtei, wo gerade ein paar Klosterbrüder für fromme Spender eine Zeremonie zur Erlösung der Seelen von Verstorbenen abhielten. Der Mönch, der zuerst eintrat, rief ihnen zu: »Kommt und seht euch die Menschen aus China an! Schaut, in China gibt es hübsche wie hässliche Menschen; die Hübschen sind von einer Schönheit, wie man sie kaum auf einem Bilde festhalten könnte, die Hässlichen aber sehen gar merkwürdig aus!« Da kamen die Mönche mit ihrem Zeremonienmeister herbei und begrüßten sie freundlich. Nachdem man sich gesetzt und Tee getrunken hatte, fragte Tripitaka: »Wie wird denn Eure werte Ortschaft genannt?« »Das hier ist Jinping, die Stadt des Goldenen Friedens, eine der äußeren Grafschaften von Indien«, war die Antwort. »Und wie weit ist es von Eurer werten Stadt bis zum Seelenberg?« »Von hier zur Hauptstadt sind es zweitausend Meilen; diese Reise haben wir schon gemacht. Doch noch weiter nach Westen, bis zum Seelenberg, sind wir noch nie gekommen. Darum wissen wir auch nicht, wie weit der Weg ist; wir wollen Euch keine falschen Angaben machen.« Bald wurde das Essen aufgetragen, und als die Mahlzeit beendet war, wollte Tripitaka weiterziehen. Die Mönche und der Zeremonienmeister wollten ihn nicht gehen lassen und sprachen: »Werter Meister, lasst Euch doch ein paar Tage Zeit und feiert mit uns das Laternenfest!«453 Da rief Tripitaka erstaunt: »Oh, unterwegs habe ich die Zeit ganz vergessen! Ich wusste gar nicht, dass Laternenfest ist.« »Eure ganze Aufmerksamkeit weilt bei Buddha«, meinten die Mönche lächelnd und erklärten: »Heute haben wir den dreizehnten Tag des ersten Mondmonats, da werden am Abend die Laternen zur Probe angezündet. Übermorgen, am fünfzehnten, findet dann die richtige Feier statt, und am achtzehnten oder neunzehnten werden die Laternen wieder abgehängt. Die Menschen hier sind sehr friedliebend, und unser Bürgermeister kümmert sich liebevoll um sein Volk, darum werden ringsum in jeder Ortschaft Laternen aushängen, und man wird die ganze Nacht über mit Mundorgeln und Flöten aufspielen. Außerdem gibt es noch die ›Brücke Zur Goldenen Laterne‹, das ist ein alter Brauch, der bis heute gepflegt wird. Bleibt doch ein paar Tage hier, werte Herren, wir haben genug, Euch ausreichend zu verpflegen!« Tripitaka sah sich schließlich genötigt zu bleiben. Schon am selben Abend hörte man den Schall von Glocken und Trommeln, auf den Gläubige der ganzen Stadt die Laternen für Buddha herbeischafften. Tripitaka ging mit den anderen hinaus, die Laternen zu schauen, und anschließend legten sich alle schlafen. Tags darauf begab man sich nach dem Frühstück in den Hinterhof und verbrachte einen vergnüglichen Tag in Muße. Gegen Abend bewunderte man erst die Laternen im Tempel und schlenderte dann durch die Straßen, wo es viel Amüsantes zu sehen gab. Erst zur zweiten Nachtwache gingen alle zurück und legten sich zur Ruhe. Tags darauf sprach Tripitaka zu den Mönchen des Klosters: »Ich habe einst gelobt, Pagoden auszukehren, darum möchte ich dies auch heute, am Tage des Laternenfestes, einhalten.« Bereitwillig öffneten ihm die Mönche die Pagode. Tripitaka verneigte sich erst vor Buddha, nahm dann einen Besen und kehrte von oben nach unten ein Stockwerk nach dem anderen aus. Als er fertig war, begann es schon zu dunkeln, und die Lampions wurden wieder angezündet. Dies war nun das richtige Laternenfest, die Vollmondnacht am fünfzehnten Tag des ersten Mondmonats. »Werter Meister«, sprachen die Mönche, »gestern Abend haben wir die Laternen im Kloster und in der Vorstadt schon gesehen; heute wollen wir in die Stadt gehen und uns die Goldlaternen anschauen; seid Ihr einverstanden?« Tripitaka willigte freudig ein, und so ging er denn mit seinen Schülern und den Mönchen in die Stadt, um die Laternen zu schauen. Es war in der Tat, wie das Gedicht besagt: Mitten in geschmückten Plätzen Man vom Lotospflücken singt; Hier in wundervollem Frieden Alles Volk sich rege drängt. Hell in dieser Vollmondnacht Mond und Lampions erstrahlen; Mögen heuer Wind und Regen Große Ernten uns bescheren! Es war jene Zeit, in der die Nachtsperre aufgehoben wird und die Menschen sich zu Tausenden in der Stadt tummeln. Man sah auch Leute, die Tänze aufführten oder auf Stelzen liefen, andere hatten sich als Geister verkleidet oder ritten auf Elefanten; mal hier eine Schar, mal dort eine Gruppe, eine wahre Augenweide! Schließlich kamen sie zur Brücke der Goldlaterne. Tripitaka trat mit den Mönchen näher und sah nun, dass hier drei goldene Lampions angebracht waren, so groß wie Steinguttöpfe. Sie waren über und über mit Zierwerk in Form mehrstöckiger Häuser dekoriert, alles war aus feinstem Golddraht geflochten und mit dünnen Glasplättchen belegt. Ihr Glanz schien gar den Mond zu blenden, und das Lampenöl duftete herrlich. Tripitaka wandte sich an die Mönche und fragte: »Was ist das für ein aromatisches Öl?« »Wisset, werter Meister«, erklärten die Mönche, »im Hinterland dieser Stadt liegt eine Gemeinde namens Mintian, ›Hehrer Himmel‹. Sie umfasst insgesamt zweihundertvierzig Weiler und damit zweihundertvierzig Familienbetriebe, die alle Lampenöl herstellen. Diese Familien haben neben den üblichen Frondiensten für Stadt und Gemeinde eine schwere Aufgabe, denn jedes Jahr kommt einer dieser Betriebe an die Reihe und muss über zweihundert Silberlinge ausgeben. Es handelt sich nämlich um ein ganz besonderes Öl, das aus dem Storax-Harz vom Amberbaum gewonnen wird. Schon ein Liang davon kostet zwei Silberlinge, ein Pfund wird mit zweiunddreißig Silberlingen aufgewogen. Diese drei Lampions aber enthalten je 500 Pfund von diesem Öl, das macht zusammen 1500 Pfund, also insgesamt 48 000 Silberlinge. Einschließlich der übrigen Nebenkosten macht das über 50 000 Silberlinge, und das für nur drei Nächte.« »Wie kann denn in drei Nächten so viel Öl aufgebraucht werden?« wollte Pilger wissen. »In jedem Behälter stecken neunundvierzig Dochtschnüre, alle aus Dochtgras gebündelt und mit Seidenwatte umwickelt, dick wie ein Hühnerei. Schon in dieser Nacht, sobald die Buddhas sich offenbart haben, wird das Öl aufgebraucht sein, und die Lampen erlöschen.« Da lachte Bajie: »Da nehmen die Buddhas das Öl wohl gleich mit!« »So ist es«, bestätigten die Mönche. »Seit alters wird es von den Leuten unserer Stadt so erzählt. Wenn das Öl aufgebraucht ist, haben die Buddhas es an sich genommen, und dann steht uns ein reiches Erntejahr bevor. Wenn aber Öl übrig bleibt, werden wir im bevorstehenden Jahr von Dürre heimgesucht, und das Wetter wird uns nicht wohlgesinnt sein. Darum bringen wir stets diese Gabe dar.« Kaum hatte er geendet, als plötzlich aus der Höhe ein Sturm heranbrauste, dass die Leute, die sich eben noch an den Laternen ergötzt hatten, erschrocken zur Seite wichen. Auch die Mönche wollten nicht stehen bleiben und mahnten: »Gehen wir, werter Meister! Dieser Wind bedeutet, dass die Buddhas die Laternen schauen wollen.« »Woran erkennt Ihr denn, dass es Buddhas sind?« fragte Tripitaka. »Jedes Jahr ist es so«, erwiderten die Mönche, »immer, wenn vor Mitternacht der Sturmwind kommt, wissen wir, dass die Buddhas vom Himmel kommen, darum gehen wir alle respektvoll aus dem Weg.« »Ich lese doch stets Buddhas Schriften und verneige mich vor Buddha«, wandte Tripitaka ein, »warum soll ich mich an diesem schönen Ort nicht verneigen, wenn Buddhas herabkommen?« Die Mönche versuchten ihn noch mehrmals zum Gehen zu bewegen, doch Tripitaka ließ sich nicht umstimmen. Es dauerte nicht lange, da erschienen inmitten der Sturmböe tatsächlich die Gestalten von drei Buddhas, die sich den Lampions näherten. Tripitaka lief auf die Brücke und warf sich vor ihnen nieder. Pilger aber sah klar, riss ihn hoch und rief: »Schlimm, Meister, das sind sicher Dämonen!« Doch schon erloschen die Lampions, Tripitaka wurde im Sturm hochgehoben und auf Wolken davongetragen. Oho! Wer weiß, aus welcher Grotte von welchem Berg diese Ungeheuer stammen mochten, die sich hier seit Jahren als falsche Buddhas der Goldlaternen bemächtigten! Erschrocken begannen Bajie und Sandmönch nach dem Meister zu suchen. Pilger aber rief: »Brüder, ihr braucht ihn nicht zu rufen. Dem Meister hat sich ›übergroße Freude ins Leid gekehrt‹, wie man so sagt. Die Ungeheuer haben ihn mit sich fortgerissen.« Da fragten die Mönche verängstigt: »Werter Herr, wie kommt Ihr darauf, dass es Ungeheuer sein sollten?« »Ihr seid mir ja ein Volk von gewöhnlichen Sterblichen!« rief Pilger, »über Jahre wisst ihr nicht, dass ihr einem dämonischen Übel aufgesessen seid! Stattdessen glaubt ihr gar, es würden echte Buddhas vom Himmel steigen, um euer Laternenopfer anzunehmen. Was eben im Sturm wie Buddhastatuen aussah, waren drei Ungeheuer! Mein Meister hat sie auch nicht erkannt, darum ist er auf die Brücke gegangen und hat sich vor ihnen verneigt. Da haben die Ungeheuer das Licht ausgemacht, das Öl in ihre Gefäße gegossen und meinen Meister gleich mitgenommen. Ich bin nicht schnell genug hingelaufen, drum sind sie schon als Sturm davongestoben.« »Aber was tun wir jetzt, Bruder?« fragte Sandmönch. »Wir dürfen keine Zeit verlieren«, gab Pilger zurück. »Geht ihr beide mit den anderen in den Tempel und passt auf Pferd und Gepäck auf; ich alter Sun will gleich mal diesem Wind nachgehen.« Kaum hatte er zu Ende gesprochen, sprang er im Wolkenüberschlag hoch und sauste hinter dem fauligen Geruch in Richtung Nordosten. Als bereits der Morgen dämmerte, war es plötzlich windstill. Vor ihm ragte ein Berg mit steilen Felshängen auf. Von einem erhöhten Fels spähte der Große Heilige umher und gewahrte nun vier Männer, die am westlichen Berghang drei Ziegen trieben und dazu im Chor riefen: »Frühling, erwache!« Erst beim näheren Hinsehen merkte Pilger, dass es die Vier Zeitgötter waren. Da zückte er seine Stange, sprang vom Fels und schrie: »Halt, vermummte Bande!« Bestürzt nahmen die Götter ihre eigenen Gestalten an, grüßten ehrerbietig und sprachen: »Verzeiht, Großer Heiliger, verzeiht!« »Nie habt ihr euch gezeigt, seit ich euch das letzte Mal gerufen habe! Wo wollt ihr denn hin? Warum steht ihr nicht meinem Meister bei?« Da sprachen die Götter: »Euer Meister war nachlässig in seiner Hingabe zum innersten Wesen und hat sich stattdessen im Kloster Vergnügungen anheimgegeben. Dadurch ist Tai, das Zeichen des Friedens, in Pi, das Zeichen der Stockung, übergegangen, so kehrte Freude sich in Leid. Jetzt haben ihn Ungeheuer fortgetragen, doch die Schutzgötter der Klöster stehen ihm bei. Wir aber sind eigens gekommen, Euch Bericht zu erstatten, weil wir dachten, dass Ihr Euch hier im Gebirge vielleicht nicht so gut auskennt.« »Wozu dann diese Maskerade, wenn ihr mir Bericht erstatten wollt?« fragte Pilger, »was sollen diese Ziegen und euer Geschrei?« »Die drei Ziegen«, erklärten die Götter, »stehen für Tai, das Zeichen des Frühlings und des Friedens, denn so heißt es doch: ›Mit drei Yang-Linien beginnt das Zeichen Tai.‹456 Damit wollen wir Pi, das Zeichen der Stockung, auflösen, das Euren Meister ereilt hat.« »Ist hier der Ort, wo sich die Ungeheuer aufhalten?« wollte Pilger wissen. »So ist es«, bestätigten die Götter. »Das hier ist der Berg des Grünen Drachen, und darin gibt es eine ›Grotte der Finsterblüte‹. Dort hausen drei Ungeheuer, die nennen sich König Kältewehr, König Hitzewehr und König Staubwehr. Sie leben schon seit tausend Jahren hier, und weil sie von klein auf liebend gerne Harz vom Amberbaum fressen, haben sie sich damals, als sie zu Ungeheuern wurden, in falsche Buddhas verwandelt und die Leute von Jinping dazu gebracht, ihnen goldene Laternen mit Lampenöl vom Harz des Amberbaumes zu füllen, dass sie es sich jedes Jahr zum ersten Vollmond in Gestalt von Buddhas holen können. Wie sie diesmal Euren Meister sahen, haben sie sofort gemerkt, dass er ein Heiliger ist, darum haben sie ihn in ihre Grotte entführt. In wenigen Tagen wollen sie sein Fleisch in Öl braten und fressen! Kümmert Euch so schnell wie möglich um seine Rettung!« Pilger hieß die vier Götter abtreten, ging um den Berggipfel und hielt Ausschau nach einer Grotte. Schon nach wenigen Meilen sah er neben einem Bach eine Felswand mit einer steinernen Hütte, deren Tore halb offen standen. Auf einer Steinstele prangten sechs Schriftzeichen: »青龍山玄英洞 – Grotte der Finsterblüte, Berg des Grünen Drachen«. Pilger wagte sich nicht direkt hinein, sondern hielt inne und rief: »Bringt meinen Meister heraus, Ungeheuer!« Da rauschte es, das Tor ging auf, und eine Schar Rindergeister glotzte ihn an. »Wer bist du, dass du hier herumzuschreien wagst?« fragten sie. »Ich bin der Schüler des heiligen Priesters Tripitaka aus dem großen chinesischen Kaiserreich. Mein Meister ist in Jinping von euren Dämonen entführt worden; her damit, oder ihr seid des Todes!« Da stürzten die Geister hinein und riefen: »Unheil!« Die Dämonen hatten nämlich den Priester aus China gerade erst in ihre Grotte gebracht und ihre Untergebenen beauftragt, ihn zu entkleiden und zu waschen, in der Absicht, ihn anschließend, in Stücke gehackt, in Amber-Öl zu braten und zu fressen. Wie sie nun das Wort »Unheil« hörten, schreckten sie auf und fragten, was los sei. »Vor dem Tor steht ein Mönch mit haarigem Gesicht und einer Schnauze wie der Donnergott und lärmt, er wolle seinen Meister haben!« Da meinten die Dämonen: »Wir haben den Kerl, den wir da geschnappt haben, ja noch gar nicht nach seinem Namen gefragt. Lasst ihn die Kleider wieder anziehen und bringt ihn zum Verhör!« Schon stürzte sich die Horde Ungeheuer auf Tripitaka und zerrte ihn vor den Thron, wo er zitternd vor den Dämonen niederkniete und rief: »Lasst mich am Leben, große Könige!« Da fragten alle drei Dämonen gleichzeitig: »Aus welchen Landen kommst du, Mönch? Warum stellst du dich in unseren Wolkenweg, statt wie es sich gehört respektvoll auszuweichen, wenn sich Buddhas offenbaren?« Da fragten alle drei Dämonen gleichzeitig: »Aus welchen Landen kommst du, Mönch?« Tripitaka schlug die Stirn auf den Boden und sprach: »Geringer Mönch kommt aus dem Osten und wurde vom Kaiser von China ausgesandt, im Tempel des Donnergrollens Buddha zu huldigen und Heilige Schriften zu erbitten. Weil wir im Kloster der Barmherzigkeit von Jinping um Kost und Unterkunft baten, haben uns die Klosterbrüder eingeladen, bis zum Laternenfest zu bleiben. Auf der Brücke der Goldlaternen sah ich geringer Mönch die Großen Könige als Buddhas, und als gewöhnlicher Sterblicher mit den Augen des Fleisches wusste ich nichts weiter, als mich vor Buddha zu verneigen. So bin ich euch in den Weg geraten.« »Vom Osten bis hier ist ein weiter Weg«, meinten die Dämonen. »Wie viele seid ihr und wie heißt ihr alle? Sprich die Wahrheit, dann lassen wir dich am Leben!« »Geringer Mönch heißt Chen Xuanzang, doch werde ich auch Tripitaka aus China genannt. Ich habe drei Schüler, der erste heißt Pilger Sun Wukong, er ist der Himmelsebenbürtige Heilige, der sich dem Guten zugewandt hat.« Wie die Ungeheuer diesen Namen hörten, erschraken sie nicht wenig. »Ist das nicht derjenige, der vor fünfhundert Jahren im Himmelspalast gewütet hat?« fragten sie. »So ist es«, sprach Tripitaka. »Mein zweiter Schüler ist Eber Wuneng, genannt Bajie, er ist die Reinkarnation von Marschall Tianpeng. Und der dritte ist Sandmönch Wujing, Reinkarnation des Generals Gardinenroller.« »Zum Glück haben wir ihn noch nicht gefressen«, meinten die Dämonen bestürzt und riefen: »Diener! Kettet ihn mit eisernen Schlössern im Hinterhof an, wir wollen erst noch seine Schüler fangen.« Dann befahlen sie einer Horde Rindergeister, auf der Stelle mit gezückten Waffen hinauszustürmen, Fanfaren zu blasen, Flaggen zu schwenken und die Trommeln zu rühren. Die drei Dämonen aber warfen sich die Rüstung um, kamen heraus und riefen: »Wer wagt es, vor unseren Toren zu lärmen?« Pilger betrachtete die drei Dämonen eingehend. Der eine schwang ein Beil, der zweite hielt einen breiten Säbel, und der dritte hatte eine knotige Liane über der Schulter hängen. Daneben stand eine kunterbunte Schar von Rindergeistern, alle mit Speeren bewaffnet. Außerdem hatten sie drei große Flaggen, auf denen geschrieben stand: »Große Könige Kältewehr, Hitzewehr und Staubwehr«. Nachdem Pilger alles betrachtet hatte, trat er vor und rief laut: »Verruchtes Diebesgesindel, erkennt ihr den alten Sun?« Da brüllte einer der Dämonen zurück: »Du bist also jener Sun Wukong, der im Himmelspalast gewütet hat? So heißt es doch: ›Schon gehört und nie gesehen; beim Anblick sich die Götter schämen‹! Du bist also bloß ein kleines Äffchen, und da wagst du es, den Mund so voll zu nehmen?« Wütend schrie Pilger: »Wehe, ihr Öl raubendes Ölmaulgesindel! Keine Worte mehr, rückt sofort meinen Meister raus!« Schon trat er auf sie zu und schwang seine Stange, da erhoben die drei Dämonen ebenfalls ihre Waffen und warfen sich in den Kampf. So fochten sie in einer Talsenke nahezu fünfzig Runden aus, bis der Abend dämmerte, doch der Kampf blieb unentschieden. Da ließ König Staubwehr seine Peitsche knallen und sprang mit einer Flagge vor, worauf sämtliche Rindergeister Pilger mit gezückten Waffen umzingelten. Sowie dieser sah, dass die Lage schlecht stand, schoss er mit einem langgezogenen Pfiff zu den Wolken auf. Die Dämonen sahen von einer Verfolgung ab, sammelten ihre Krieger und verschwanden in der Grotte. Pilger aber kehrte ins Kloster der Barmherzigkeit zurück, wo er Bajie und Sandmönch ausführlich berichtete, was geschehen war. »Das müssen Geisterkönige aus der Höllenstadt sein«, mutmaßte Bajie. »Woher willst du das wissen?« fragte Sandmönch. »Weil unser Ordensbruder sagt, es wären Rindergeister.« »Nein, das kann nicht sein«, versetzte Pilger. »Meiner Meinung nach müssen sich hier drei Nashörner in Geister verwandelt haben.« »Wenn es Nashörner sind, fangen wir sie ein und sägen ihnen die Hörner ab, die wären einige Silberlinge wert!« warf Bajie ein. Während sie sich unterhielten, trugen die Klosterbrüder das Abendessen auf, und nach dem Essen meinte Pilger: »Lasst uns aufräumen und schlafen gehen. Morgen früh gehen wir zusammen hin, nehmen die Dämonenkönige gefangen und befreien unseren Meister.« »Aber Bruder«, warf Sandmönch ein, »man sagt doch ›Zögern macht den Gegner klug‹; was nun, wenn die Dämonen dem Meister noch in dieser Nacht etwas antun? Gehen wir doch lieber hin, solange sie unvorbereitet sind. Nur so können wir den Meister retten.« Als Bajie dies hörte, ballte er seine Kräfte und rief: »Bruder Sand hat recht! Nutzen wir den Mondschein und legen diese Dämonen um!« Da wandte sich Pilger an die Klosterbrüder und wies sie an, gut auf Gepäck und Pferd aufzupassen. »Sobald wir die Ungeheuer geschnappt haben, werden wir eurem Bürgermeister beweisen, dass es sich um falsche Buddhas handelte, dann wird fortan kein Lampenöl mehr nötig sein, und die Leute jener Gemeinden werden von ihrer Bürde befreit. Das ist doch eine gute Sache, oder?« Die Mönche zeigten sich einverstanden und bedankten sich, worauf die drei Ordensbrüder auf Wolken aus der Stadt schwebten. Und da wir nicht wissen, ob dieser Gang wohl siegreich endete, lasst uns hören, was das nächste Kapitel berichtet. 第092回 / 92. Kapitel Drei Mönche kämpfen am Berg des Grünen Drachen / Vier Sterngottheiten fangen Nashorn- Ungeheuer Wenden wir uns nun dem Großen Heiligen zu, der mit seinen Ordensbrüdern auf Wolken schwebend binnen kurzem bei der Grotte der Finsterblüte auf dem Berg des Grünen Drachen ankam. Bajie wollte gleich das Tor einschlagen, doch Pilger meinte: »Lass mich erst hineingehen und schauen, ob der Meister noch am Leben ist. Kämpfen können wir nachher immer noch.« Mit einem magischen Fingerzeichen und einer Zauberformel verwandelte er sich in einen Leuchtkäfer und flog in die Grotte. Drinnen lagen Rinder kreuz und quer am Boden und schnarchten, was das Zeug hielt. Pilger surrte in die Haupthalle, doch dort waren alle Türen und Fenster abgeschlossen. Er konnte nicht ausmachen, in welchem Raum die drei Dämonen schliefen. Darum flog er außen herum nach hinten, und auf einmal drang ein Schluchzen an sein Ohr. Es war Tripitaka, der in einer der hinteren Kammern an eine Säule gekettet vor sich hin weinte! Pilger bewegte seine Flügel schneller und kam zu Tripitaka. Da wischte sich dieser die Tränen ab und murmelte: »Oh, im Westen ist es wirklich anders! Da haben wir den ersten Mondmonat, wenn sich unter der Erde die Insekten erst gerade zu regen beginnen, und hier fliegen schon die Leuchtkäfer. Warum wohl?« Da konnte sich Pilger nicht zurückhalten und rief: »Meister, ich bin’s!« »Wukong, da bist du ja!« rief Tripitaka freudig. Schnell nahm Pilger seine eigene Gestalt an und rief: »Ach, Meister! Wie viele Umwege müssen wir machen und wie viele Kräfte vergeuden, allein weil Ihr Wahr und Falsch nicht auseinanderhalten könnt! Ich habe heute bis zum Abend gegen diese Ungeheuer gekämpft, und jetzt bin ich mit den Ordensbrüdern da. Weil ich fürchte, dass wir nachts nicht gut kämpfen können, und außerdem nicht wusste, wo Ihr seid und wie es Euch geht, bin ich in dieser Verwandlung hereingekommen. Eben habe ich gesehen, dass die Ungeheuer tief schlafen. Ich bringe Euch gleich raus.« Mit einem Öffnungszauber strich er über das Kettenschloss, und schon war Tripitaka frei. Wie er nun seinen Meister nach vorn führte, hörte man plötzlich in der mittleren Halle einen Dämonenkönig rufen: »He, ihr Kleinen! Warum haltet ihr nicht Nachtwache und macht keine Patrouillen? Man hört ja gar keine Klappern und Schellen!« Die Horde Ungeheuer war nämlich vom Kampf so erschöpft gewesen, dass alle in tiefen Schlaf gefallen waren. Auf diesen Ruf erwachten sie, und alsbald erklangen auch schon ihre Klappern und Schellen. Einige der Ungeheuer liefen nach hinten, wo sie just auf den Meister und seinen Schüler stießen. Da riefen sie: »Das ist ja ein netter Mönch! Macht das Schloss auf und will fliehen!« Ohne ein Wort zu verlieren, schwang Pilger seine Stange und schlug los. Im Nu waren zwei Ungeheuer erschlagen, während die anderen Hals über Kopf in die Halle rannten, an die Tür pochten und schrien: »Schlimm, Große Könige! Der Mönch mit dem haarigen Gesicht tötet unsere Leute!« Da sprangen die drei Dämonen auf und brüllten: »Haltet ihn! Haltet ihn!« Tripitaka wurden Hände und Füße windelweich vor Schrecken. Pilger aber konnte sich nicht länger um seinen Meister kümmern; mit wirbelnder Stange stürmte er voran, und noch bevor ihn irgendein Ungeheuer aufhalten konnte, hatte er mehrere Tore durchbrochen und war draußen. Dort rief er nach Bajie und Sandmönch und erzählte, was geschehen war. Die Dämonenkönige aber packten Tripitaka, legten ihn wieder in Ketten und stellten sich mit gezückten Waffen in der nun hell erleuchteten Grotte vor ihm auf. »Du Lump!« brüllten sie. »Wie hast du das Schloss aufgemacht, und wie ist dieser Affe hereingekommen? Sprich die Wahrheit, wenn dir das Leben lieb ist, sonst wirst du entzweigehackt!« Zitternd und bebend kniete Tripitaka nieder und sprach: »Große Könige! Mein Schüler Sun Wukong beherrscht zweiundsiebzig Verwandlungen und ist eben in Gestalt eines Leuchtkäfers hereingekommen, um mich zu befreien. Unerwartet sind die Großen Könige aufmerksam geworden, und als eure werten Beamten uns entdeckten, hat mein Schüler aus Versehen zwei von ihnen verletzt. Als dann alle geschrien haben, konnte er sich nicht mehr um mich kümmern und ist geflohen.« Die drei Dämonen lachten laut und riefen: »Da haben wir ja noch mal Glück gehabt, dass du uns nicht entlaufen bist!« Und sie befahlen ihren Dienern, die hinteren Tore abzuriegeln und keinen Lärm zu machen. Draußen meinte Sandmönch: »Jetzt schließen sie die Tore und sind auf einmal still. Heißt das vielleicht, dass sie unserem Meister etwas antun? Lasst uns lieber gleich das Tor einschlagen!« Schon schwang der Tölpel seinen Rechen und schmetterte ihn mit solcher Wucht auf das steinerne Tor, dass es in tausend Stücke zersprang. Dann brüllte er: »Ölraubendes Diebesgesindel! Rückt unseren Meister raus!« Als die drei Dämonen hörten, was geschehen war, warfen sie sich zornentbrannt in Rüstung, packten ihre Waffen und stellten sich an die Spitze ihrer Ungeheuer, um den Feinden entgegenzutreten. Inzwischen war es Mitternacht, der Mond stand hoch am Himmel und erleuchtete die Umgebung taghell. Draußen schwangen sie ohne weitere Worte ihre Waffen, während sich auf der Gegenseite Pilger der Axt, Bajie dem Säbel und Sandmönch dem langen Stock zur Wehr setzten. Auch nach langem Ringen blieb der Kampf unentschieden. Schließlich stieß König Kältewehr einen Schrei aus, mit dem er die kleinen Ungeheuer auf den Plan rief. Diese stürzten sich auf der Stelle mit gezückten Klingen auf Bajie, warfen ihn zu Boden, und mehrere Wasserbüffelgeister schleiften ihn in die Grotte, wo man ihn in Stricke legte. Als Sandmönch sah, dass Bajie fehlte, schwang er die Lanze zu einem letzten Scheinhieb gegen König Staubwehr, doch als er die Flucht ergreifen wollte, hatten ihn die Ungeheuer schon umzingelt. Er strauchelte und wurde ebenfalls festgenommen. Pilger, der gewahrte, dass die Lage schwierig wurde, sauste im Wolkenüberschlag ins Kloster der Barmherzigkeit zurück. Dort wollten die Mönche sofort wissen, ob der werte Herr aus China gerettet worden sei. Draußen schwangen sie ohne weitere Worte ihre Waffen, während sich auf der Gegenseite Pilger der Axt, Bajie dem Säbel und Sandmönch dem langen Stock zur Wehr setzten. »Schwierig, schwierig!« rief Pilger, »richtig schwierig! Diese Dämonen haben solche Zauberkräfte, dass sie sogar meine Ordensbrüder gefangen haben. Habt acht auf Gepäck und Pferd, ich alter Sun gehe im Himmel Verstärkung holen.« »Oh, werter Herr, Ihr könnt zum Himmel aufsteigen?« staunten die Mönche. »Im Himmelspalast war ich doch früher zu Hause«, lachte Pilger, »da geh ich öfter mal hin, nur so zum Spaß!« Ehrfürchtig warfen sich die Mönche vor ihm nieder. Pilger aber ging nach draußen, schoss mit einem Pfiff in die Höhe und stand vor dem Westlichen Himmelstor. Hier traf er auf Taibai, den Abendstern, der gerade mit Himmelskönig Virudhaka und den vier großen Schutzgöttern Yin, Zhu, Tao und Xu plauderte. Als sie Pilger kommen sahen, begrüßten sie ihn und fragten: »Wohin des Weges, Großer Heiliger?« Pilger erzählte ihnen die Sache mit der Grotte der Finsterblüte und schloss mit den Worten: »Nun schaff ich alter Sun es einfach nicht, diese Ungeheuer zu besiegen. Drum will ich jetzt zum Jadekaiser, damit ich weiß, wo die herkommen, und er den Befehl erteilt, sie zu unterwerfen.« Der Abendstern lachte auf und rief: »Ach, großer Heiliger! Habt Ihr denn im Kampf nicht einmal gesehen, wo sie herkommen?« »Dass es eine Horde Rindergeister sein muss, hab ich schon gemerkt«, meinte Pilger, »doch die Dämonen haben so große magische Kräfte, dass ich sie so leicht nicht unterkriege.« »Es sind drei Nashorngeister«, erklärte der Abendstern nun. »Weil sie am Himmel ein Sternbild haben, konnten sie sich über all die Jahre der Vervollkommnung widmen und sind unsterblich geworden, daher können sie auf Wolken schweben und in Flüsse und Meere dringen, indem sie die Wassermassen teilen. Wenn Ihr sie festnehmen wollt, braucht Ihr Euch nur an die Gestirne der vier Holztiere zu wenden. Sobald die Dämonen sie erblicken, werden sie sich ergeben.« Pilger dankte ehrerbietig und fragte: »Um welche vier Holztiere handelt es sich denn? Ich bitte den werten Abendstern um Aufklärung.« Dieser entgegnete lächelnd: »Sie liegen außerhalb des Südlichen Scheffels und des Rinderhirten. Beim Jadekaiser werdet Ihr Klarheit erlangen.« Dankend wölbte Pilger die Hände übereinander und schritt durch das Himmelstor zur Halle der Durchdringenden Klarheit, wo ihn die Vier Himmelsmeister zur Halle der Himmelshöhen führten. Nachdem er sein Anliegen vorgebracht hatte, sprach der Jadekaiser: »Es handelt sich bei den Dämonen um zu Geistern gewordene Rhinozerosse. Allein die vier Gestirne der Holztiere vermögen sie zu überwinden.«458 Er schickte Himmelsmeister Xu mit Pilger zum Palast des Südlichen Scheffels und des Rinderhirten, um die vier Holztiere zu beauftragen, in den irdischen Gefilden Dämonen zu bannen. Schon traten der Holzdrache vom Sternbild Horn, der Holzlöwe vom Sternbild des Scheffels, der Holzwolf vom Sternbild Kui und der Holzhund vom Sternbild Brunnen vor und fragten: »Großer Heiliger, wo dürfen wir für Euch Dämonen unterwerfen?« »Ach, ihr seid es!« lachte Pilger, »der alte Abendstern hat es mir nicht sagen wollen. Hätte ich gewusst, dass er die Holztiere der Achtundzwanzig Sternbilder meint, hätte ich alter Sun euch doch gleich direkt um Hilfe gebeten; wozu der ganze Umweg über den Jadekaiser?« »Wo denkt Ihr hin, Großer Heiliger!« riefen die vier Sterngötter, »wer von uns würde je wagen, ohne himmelskaiserlichen Erlass wegzugehen? Doch kommt, machen wir uns rasch auf den Weg!« Also schwebte Pilger mit den vier Sterngöttern auf Wolken zur Grotte der Finsterblüte auf den Berg des Grünen Drachen. »Großer Heiliger«, sprachen die Sterngötter, »geht und ruft zum Kampf auf, damit sie herauskommen. Anschließend werden wir Hand anlegen.« Vor dem Tor polterte und schimpfte Pilger so lange, bis die drei Dämonen abermals bewaffnet aus der Grotte traten. Zähnefletschend stürmte Pilger mit der Stange auf sie zu, während die Dämonen ihre Ungeheuer Pilger umzingeln ließen, dass er in ihrer Mitte eingeschlossen war. Jetzt aber traten die vier Sterngötter, ein jeder mit scharfer Klinge bewaffnet, vor und riefen: »Halt, ihr Sündenbiester!« Als die drei Dämonen die Sterngötter erblickten, bekamen sie es mit der Angst zu tun. »Schlimm, er hat unsere Bezwinger gefunden!« schrien sie. »Lauft um euer Leben, ihr Kleinen!« Mit wildem Geheul rasten die Ungeheuer allesamt in ihren eigentlichen Gestalten über die Hänge davon; es waren lauter Kuh-, Büffel- und Rindergeister. Die drei Dämonen aber warfen ihre Waffen nieder und nahmen nun ebenfalls ihre eigene Gestalt an, indem sie sich auf die Hände fallen ließen und wie Kanonenfeuer auf vier Hufen nach Nordosten davonstoben. Pilger jagte ihnen mit Holzhund und Holzdrache hinterher und blieb ihnen dicht auf den Fersen, nur Holzlöwe und Holzwolf blieben am östlichen Felsabhang beim Bergbach, wo sie alle Rindergeister entweder töteten oder lebend einfingen, bis endlich reiner Tisch gemacht war. Zuletzt drangen sie in die Grotte der Finsterblüte und befreiten Tripitaka, Bajie und Sandmönch. »Wie kommt denn ihr hierher?« fragte Sandmönch, als er die Sterngötter erkannte. Diese antworteten: »Der Große Heilige hat beim Jadekaiser vorgesprochen, und dieser hat uns mit der Unterwerfung der Dämonen und eurer Rettung beauftragt.« »Warum ist denn mein Schüler Wukong nicht da?« fragte Tripitaka. Da erklärten die Sterngötter: »Die drei Dämonen sind eigentlich Nashörner; als sie uns erblickt haben, sind sie geflohen. Der Große Heilige ist zusammen mit Sterngott vom Brunnen und Sterngott vom Horn hinter ihnen her. Wir aber haben hier alle Ungeheuer ausgerottet und sind nun eigens gekommen, den heiligen Priester zu retten.« Tripitaka konnte nicht aufhören zu danken. Schließlich meinte Holzwolf von Kui: »Marschall Tianpeng, führt doch zusammen mit General Gardinenroller Euren Meister ins Kloster; derweil werden wir in Richtung des Trigramms Gen den Feind verfolgen.«459 »Gut, das ergibt Sinn«, meinte Bajie, »geht den anderen zu Hilfe, wir werden hier aufräumen.« Unverzüglich nahmen die beiden Sterngötter die Verfolgung auf. Bajie und Sandmönch aber sammelten alle Kostbarkeiten ein, die in der Grotte waren: Korallen, Achate, Perlen, Bernstein, Perlmutt, allerlei Kleinode, wie auch Jade und pures Gold. Einen ganzen Bottich voll trugen sie zusammen, schafften dann alles hinaus und baten ihren Meister, auf einem Felsen Platz zu nehmen, während sie noch einmal hineingingen, ein Feuer entfachten und die Grotte der Finsterblüte in Schutt und Asche legten. Anschließend führten sie Tripitaka zu Fuß ins Kloster zurück. Doch wenden wir uns nun dem Sterngott vom Scheffel und dem Sterngott Kui zu, die auf Wolken in Richtung des nordöstlichen Trigramms Gen entschwebt waren und nun in der Höhe Ausschau hielten. Sie konnten niemanden entdecken. Erst beim Westlichen Ozean erblickten sie von weitem den Großen Heiligen, der gerade mit lauten Rufen über dem Meer dahinsauste. Die beiden Götter senkten ihre Wolken und riefen: »Großer Heiliger, wo sind die Dämonen?« Wütend gab Pilger zurück: »Warum seid ihr nicht gleich gekommen?« »Wie ich sah, dass Ihr zusammen mit Brunnen und Horn die Dämonen verfolgt habt, dachte ich mir, Ihr würdet sie gewiss gleich gefangen nehmen«, entgegnete Holzhund vom Scheffel, »darum haben wir erst die Ungeheuer ausgerottet und Euren Meister und Eure Ordensbrüder befreit, damit sie in die Stadt zurückkehren konnten. Da wir Euch, Großer Heiliger, nach alldem noch nicht zurückkommen sahen, sind wir Euch hierher gefolgt.« Pilger war nun doch erfreut und sprach: »Dann habe ich euch für eure Mühen zu danken! Die drei Dämonen sind einfach ins Meer gestochen, als ich sie hierher gejagt habe. Nun sind Brunnen und Horn hinter ihnen her; mich alten Sun haben sie gebeten, am Ufer aufzupassen. Nun könnt ihr ja hier Wache halten; ich will gleich mal runtergehen.« Der Große Heilige schwang seine Stange, murmelte eine Zauberformel zur Teilung der Wassermassen und sprang in die Wogen. Nun sah er, wie die Dämonen unter Wasser erbittert mit den Sterngöttern Brunnen und Horn rangen; es war wirklich ein Kampf auf Leben und Tod. Da sprang er hinzu und rief: »Der alte Sun ist da!« Als nun die Ungeheuer in ernster Bedrängnis Pilgers Ruf vernahmen, wandten sie sich ab und schossen zur Meeresmitte. Sie konnten nämlich mit ihren Hörnern die Wassermassen unglaublich gut auseinanderteilen; nur ein leichtes Rauschen war zu hören, während sie auf freier Bahn voranstoben. Die beiden Sterngötter und der Große Heilige Sun sausten ihnen nach. Im Westmeer war gerade ein Yaksa auf Patrouille, der aus der Ferne beobachtete, wie diese Nashörner die Wassermassen teilten. Als er gleich darauf auch den Großen Heiligen und die beiden Sterne des Himmels erkannte, eilte er geschwind zum Wasserkristallpalast und meldete die Sache dem Drachenkönig. Der alte Ao Shun rief Prinz Moang zu sich und sprach: »Wir müssen unverzüglich Wasserkrieger entsenden! Sicher sind die Nashörner Kältewehr, Hitzewehr und Staubwehr dem Großen Heiligen Sun über den Weg gelaufen. Nun, da sie in unserem Meer sind, müssen wir sofort zu den Waffen greifen, um ihm beizustehen.« Folgsam begann Moang in aller Eile Hummer- und Krabbenkrieger einzuberufen, die kurz darauf mit Speeren, Säbeln und wildem Kriegsgeheul den Nashörnern entgegenstürmten. Die Dämonen sahen nun den Weg nach vorn verwehrt, doch wie sie sich umwandten, waren hinter ihnen bereits die Sterngötter Brunnen und Horn mit dem Großen Heiligen. Panisch stoben die Dämonen auseinander, jeder in eine andere Richtung. Bald aber war Staubwehr umzingelt. Der Große Heilige Sun rief: »Sachte, sachte! Fangt sie lebend, ich will keine Toten!« Da stürmte Moang vor, warf Staubwehr auf den Rücken, stach ihm einen eisernen Haken durch die Nase und band ihm die Beine zusammen. Der alte Drachenkönig befahl, die Truppen aufzuteilen, um die zwei anderen Dämonen einzuholen. Als Moang mit seinen Soldaten ankam, warf sich Holzhund vom Brunnen gerade in eigener Gestalt über Kältewehr und biss wie wild auf ihn ein. »Gott vom Brunnen, Gott vom Brunnen!« rief Moang laut, »beißt ihn nicht tot, der Große Heilige Sun will ihn lebend fangen!« Doch während er noch rief, hatte ihm der Sterngott schon die Kehle durchgebissen. Moang hieß seine Krieger das tote Nashorn zum Wasserkristallpalast schleppen, während er mit Holzhund vorwärtsstürmte, um den letzten Dämon einzuholen. Holzdrache vom Horn war gerade dabei, Hitzewehr von der gegenüberliegenden Seite zurückzudrängen, so dass es nun dem Sterngott vom Brunnen und Moang in die Fänge lief. Moang ließ seine Krieger den Dämon umzingeln. Der aber bettelte nur noch um sein Leben. Holzhund vom Brunnen packte ihn am Ohr und schrie: »Der Tod sei dir erspart, aber wir bringen dich zum Großen Heiligen Sun, der wird entscheiden, was mit dir geschieht!« Nun kamen alle zum Wasserkristallpalast und meldeten: »Sie sind gefangen!« Als Pilger sah, dass der eine blutüberströmt mit abgetrenntem Kopf dalag, betrachtete er ihn eingehend und rief dann erstaunt: »Der Kopf wurde ja gar nicht mit einer Klinge abgehauen!« Moang lachte: »Ja, wenn ich nicht dazugekommen wäre, hätte ihn Sterngott vom Brunnen wohl gleich aufgefressen!« »Sei’s drum«, meinte Pilger. »Holt mal eine Säge und sägt ihm die Hörner ab, dann könnt ihr ihm die Haut abziehen und sie mitnehmen. Das Fleisch sei dem werten Drachenkönig und seinem Sohn überlassen.« Staubwehr und Hitzewehr wurden Ringe durch die Nasen gezogen, und die beiden Sterngötter vom Horn und vom Brunnen erhielten den Auftrag, sie nach Jinping zu führen und beim Bürgermeister vorzusprechen, um die Ursache des Übels aufzuklären und eine gerechte Strafe zu fällen. Nun verabschiedeten sich alle vom Drachenkönig und seinem Prinzen, begaben sich, die Rhinozerosse an der Leine führend, zu den Sterngöttern Kui und Großer Bär und entschwebten schließlich alle in die Lüfte, zurück nach Jinping. Über der Stadt hielt Pilger auf einer glückverheißenden Wolke inne und rief laut: »Hört, Bürgermeister von Jinping! Hört, ihr Adjutanten, Beamten, Soldaten und Bewohner der Stadt! Ich bin der heilige Mönch vom großen chinesischen Kaiserreich im fernen Osten, ausgesandt, im Westhimmel Heilige Schriften zu holen. Die in eurer Stadt alljährlich erschienenen Buddhagestalten, die sich euer Opfer der Goldlaternen holten, sind in Wahrheit diese dämonischen Rhinozerosse! Weil wir unterwegs hier zur Festnacht die Laternen betrachteten, konnten wir sehen, wie diese Dämonen das Lampenöl nahmen und gleichzeitig unseren Meister an sich rissen. Inzwischen habe ich die Götter des Himmels gebeten, sie zu unterwerfen; nun ist ihre Grotte geräumt, und alle Ungeheuer sind ausgerottet, so werden sie euch nie mehr Schaden zufügen. Fortan sollen keine Goldlaternen mehr geopfert werden, denn diese haben eurem Volk viel unnütze Arbeit gebracht und wertvolle Güter vergeudet.« Beim Kloster der Barmherzigkeit waren Bajie und Sandmönch mit dem Meister gerade eingetreten, als sie Pilger aus der Höhe rufen hörten. Da ließen sie ihren Meister stehen und schossen zu Pilger empor, um zu fragen, was mit den Dämonen geschehen sei. »Den einen hat Sterngott vom Brunnen totgebissen«, erzählte Pilger, »aber die Hörner und die Haut haben wir mitgenommen. Die beiden anderen sind hier.« »Bringen wir sie doch gleich herab und führen sie den Leuten der Regierung und dem Volk vor, damit alle verstehen, dass wir heilige Mönche sind. Gleichzeitig mögen sich die vier Sterngötter bemühen, aus den Wolken zu treten und mit uns in die Stadt zu kommen, um über die Ungeheuer ein Urteil zu fällen. Dann ist die Sache geklärt, es kann eine gerechte Strafe gefällt werden, und keiner wird Einwände erheben!« Also stießen die Sterngötter die Rhinozerosse nach unten und ließen sich in bunten Wolkenschleiern bei der Präfektur nieder. Die Beamten und Bürger inner- und außerhalb der Stadt waren so verblüfft, dass sogleich in jedem Hause Weihrauch geopfert und gebetet wurde. Wenig später trugen die Klosterbrüder Tripitaka in einer Sänfte zur Präfektur, wo sie Pilger fanden, der ihnen berichtete, was sich alles ereignet hatte. Der Priester war des Lobes voll und dankte in einem fort. Die Beamten der Präfektur aber zündeten kostbare Kerzen an, opferten ganze Scheffel voll Weihrauch und beteten zum Himmel. Plötzlich aber kam Bajie in Fahrt, packte ein Mönchsmesser und hieb Staubwehr und Hitzewehr die Köpfe ab. Dann nahm er eine Säge zur Hand und sägte gleich noch alle vier Hörner weg. Das brachte den Großen Heiligen auf eine Idee, und so sprach er zu den Sterngöttern: »Bringt doch die vier Hörner in die oberen Sphären und überreicht sie dem Jadekaiser, zum Dank für die Genehmigung eurer Mithilfe. Von den zwei Hörnern, die ich mitgenommen habe, soll eines zum Schutz der Schatzkammer hier in der Präfektur bleiben, als sichtbares Zeugnis dafür, dass fortan kein Lampenöl mehr eingezogen werden darf. Das andere wollen wir mit zum Seelenberg nehmen und Buddha darbringen.«460 Erfreut verabschiedeten sich die vier Sterngötter vom Großen Heiligen und stiegen auf bunten Wolken zum Himmel auf. Die Beamten aber baten Meister und Schüler, noch eine Weile zu bleiben, und ließen ihnen ein vegetarisches Festmahl auftischen, zu dem auch alle Amtsträger der umliegenden Dörfer eingeladen wurden. In einer Bekanntmachung an Volk und Miliz wurde kundgetan, dass das Aufstellen der Goldlaternen fortan verboten sei und die Ölhersteller für immer von der Abgabepflicht befreit würden. Außerdem schickte man Schlächter, die Rhinozerosse zu häuten, das Leder für die Herstellung von Rüstungen zu benutzen und das Fleisch unter Beamten und Volk zu verteilen. Mit vorrätigen Geldern und Getreidevorräten wurde zudem ein privates Grundstück erworben, auf dem zu Ehren der Sterngötter ein Tempel errichtet wurde, in dem man zum Zeichen der Dankbarkeit auch dem chinesischen Priester und seinen Schülern eine eigene Gedenkhalle einrichtete und zum ehrenvollen Andenken für jeden ein beschriftetes Täfelchen anbrachte. Meister und Schüler nahmen es gelassen und ließen es auf sich beruhen. Nun aber schickten die zweihundertvierzig Ölhersteller Einladungen; jede Sippe wollte sie zu Gast haben, so dass sie keinen Augenblick zur Ruhe kamen. Bajie bediente sich nach Lust und Laune, und da er immer noch einige Kostbarkeiten aus der Grotte in seiner Ärmeltasche hatte, verteilte er sie an die Leute zum Dank für die Einladung. So zog es sich einen ganzen Monat hin, ohne dass sie dazu kamen, ihre Reise fortzusetzen. Schließlich ordnete der Priester an: »Wukong, gib die restlichen Schätze den Klosterbrüdern als Dankesgeschenk, und dann wollen wir vor Sonnenaufgang und ohne Wissen der Ölfamilien aufbrechen. Wenn wir hier weiter dem Gaumen frönen, versäumen wir am Ende das Schriftenholen, und Buddha könnte es uns gar verübeln, so dass plötzlich ein neues Unheil folgt. Damit wäre der Sache nicht gedient.« Pilger brachte alles wie gewünscht in Ordnung, und tags darauf erhob er sich in aller Frühe, um Bajie das Pferd satteln zu heißen. Der Tölpel, der all die Tage über nach Lust und Laune gefuttert hatte, fragte schlaftrunken: »Warum denn das so früh?« »Der Meister heißt uns aufbrechen!« versetzte Pilger barsch. Da fuhr sich Bajie mit der Hand übers Gesicht und brummte: »Ist doch wirklich taktlos! Da laden uns zweihundertvierzig Sippen zum Essen ein, und ihr lasst mich alten Eber wieder hungern. Bin doch gerade erst dreißig Mal satt geworden!« »Unnützer Fresssack!« schimpfte Tripitaka. »Keine Widerrede, steh sofort auf. Wenn du noch einmal widersprichst, sage ich Wukong, er soll dich mit seiner Stange hauen!« Beim Wort »hauen« zuckte der Tölpel zusammen und rief: »Meister, Ihr seid ja ganz verändert! Sonst steht Ihr immer auf meiner Seite; wie kommt Ihr heute dazu, dass ich Prügel kriegen soll?« »Der Meister nimmt es dir übel, dass du wegen deiner Fressgier die Reise verzögern willst«, versetzte Pilger. »Mach dich bereit, damit wir gehen können, dann gibt’s auch keine Prügel!« Da blieb dem Tölpel nichts übrig, als aufzustehen. Auch Sandmönch sprang auf, und jeder machte sich reisefertig. Mahnend winkte der Priester mit der Hand und sprach: »Leise, nicht dass die Mönche etwas merken!« Geschwind öffneten sie das Portal, traten auf die Landstraße hinaus und eilten von dannen. Und da wir nicht wissen, was am Morgen die Familien machten, die sie hätten einladen wollen, lasst uns hören, was das nächste Kapitel berichtet. 第093回 / 93. Kapitel Beim Jetavana-Hain ergründet man die alten Zeiten / Im Königreich von Indien wird eine Braut gefunden Wenn sich ein Gedanke regt, Folgt zwingend das Verlangen; Wenn der Sinn darin verweilt, Wird bald ein Unheil kommen. Warum muss beseelte Klarheit Sich in drei Podeste teilen? Wenn der Weg vollendet ist, Wird man doch im Urmeer weilen!461 Willst du nun zu Buddha werden, Die Unsterblichkeit erlangen, Musst du doch in jedem Falle Hier im Inneren beginnen. Dereinst frei vom Erdenstaub, Wirst du rein und lauter sein, Und mit dieser Rechten Frucht Gehst du in den Himmel ein! Doch wenden wir uns den Klosterbrüdern zu, die bei Tagesanbruch bemerkten, dass Tripitaka und seine Schüler nicht mehr da waren. »Ach, dass wir sie nicht länger hierbehalten haben!« riefen alle, »wir konnten nicht einmal Abschied nehmen, geschweige denn um Hilfe bitten. Leibhaftige Bodhisattvas haben wir uns entgehen lassen!« Schon kamen Dienstboten der Ölbetriebe mit neuen Einladungen daher. Die Mönche klatschten in die Hände und riefen: »Sie sind über Nacht zum Himmel aufgestiegen!« Da wandten sich alle mit gefalteten Händen dankend zum Himmel. Flugs verbreitete sich die Kunde in der ganzen Stadt. Die Ölfamilien wurden gebeten, Opfertiere, Blumen und Obst zu spenden, um im Gedenktempel ein Dankesopfer darzubringen. Doch davon sei hier nicht weiter die Rede. Wenden wir uns stattdessen den Pilgernden zu, die nun unbehindert ihres Weges gingen, auf freiem Felde aßen und schliefen, mehr als einen halben Monat lang, bis sie eines Tages in der Ferne einen hohen Berg erblickten. Einmal mehr bangte der Priester und sprach: »Nehmt euch in acht, meine Schüler. Seht nur, wie gefährlich steil dieser Berg ist!« Pilger lachte: »Wir sind schon bald in Buddhas Gefilden, hier gibt es doch keine Ungeheuer mehr. Bleibt gelassen, Meister, und macht Euch keine Sorgen!« »Ach mein Schüler, vor einigen Tagen sagten doch die Mönche vom Kloster, allein bis zur Hauptstadt von Indien wären es noch zweitausend Meilen. Und wie weit es von dort zum Seelenberg ist, wissen wir ja noch immer nicht!« »Aber Meister, habt Ihr schon wieder das Herz-Sutra des Meisters vom Rabennest vergessen?« »Das Herz-Sutra der Weisheit rezitiere ich jeden Tag; ich kann es in- und auswendig«, sprach Tripitaka. »Wie könnte ich es je vergessen?« »Ihr rezitiert es nur, ohne dass Ihr es zu verstehen sucht!« versetzte Pilger. »Affenschädel!« fuhr Tripitaka auf, »warum behauptest du schon wieder, ich würde es nicht verstehen? Willst du es etwa verstanden haben?« »Ich habe es verstanden«, sprach Pilger. Und von da an gab er kein Wort mehr von sich. Schließlich prustete Bajie vor Lachen und rief: »Na so was! Er ist genau wie ich als Dämon geboren und hat niemals auch nur irgendeinen Zen-Mönch oder einen Buddhajünger die heiligen Schriften predigen hören. Er will uns doch bloß was vormachen, tut sich groß mit seinem eitlen ›Ich weiß‹ oder ›Ich habe verstanden‹. Na, warum schweigst du? Lass hören, erklär’s uns!« »Unser Bruder reimt irgendwas zusammen, weil er den Meister zum Weitergehen bewegen will. Er weiß seine Stange zu schwingen, das ist alles. Wie könnte er je ein Sutra auslegen!« stimmte Sandmönch bei. Tripitaka aber sprach: »Wuneng, Wujing, seid nicht so unbesonnen! Was Wukong verstanden hat, ist die Schrift ohne Worte. Das erst ist wahres Verstehen.« Während ihrer Unterhaltung hatten Meister und Schüler eine Anhöhe erklommen und gewahrten nun weiter vorn ein stattliches Kloster. Über dem Eingangstor stand in vier großen Schriftzeichen geschrieben: »布金禪寺 – Kloster der Goldgabe«. Nachdenklich murmelte Tripitaka im Sattel: »Goldgabe, Goldgabe – sind wir etwa bereits an der Grenze zu Sravasti?« »Wie seltsam!« rief Bajie verwundert, »all die Jahre, die ich Euch nun begleite, habt Ihr nie gewusst, wo unser Weg hinführt. Und nun kennt Ihr Euch plötzlich aus!« »So ist das nicht«, erwiderte Tripitaka. »Aber ich habe in den Sutren gelesen, dass Buddha einst im Jetavana-Hain des Anathapindika in der Nähe von Sravasti weilte. Anathapindika wollte diesen Hain einem Prinzen abkaufen, um Buddha einzuladen, hier zu predigen. Der Prinz aber sagte: ›Diesen Hain verkaufe ich nicht, es sei denn, du lässt seinen Boden mit Gold auslegen.‹ Auf diese Worte ließ Anathapindika den ganzen Hain mit Gold bepflastern. So konnte er ihn schließlich dem Prinzen abkaufen und Buddha einladen, hier zu predigen. Ich frage mich, ob dieses Kloster wohl damit zu tun hat.«462 »Das wäre ja wunderbar!« rief Bajie, »vielleicht finden wir noch ein paar Pflastersteine zum Verschenken.« Man lachte und scherzte eine Weile, dann sprang Tripitaka vom Pferd und trat ein. Im Eingangsbereich herrschte ein reges Treiben: Leute gingen mit Tragstangen oder Lasten auf dem Rücken hin und her, andere schoben Karren vor sich her, manche saßen in Gruppen zusammen, schliefen oder unterhielten sich. Als die Leute die Pilgernden bemerkten und sahen, wie anmutig der eine und wie garstig die anderen waren, traten sie ihnen leicht befangen aus dem Weg. Voller Angst, seine Schüler könnten wieder Ärger machen, mahnte Tripitaka in einem fort: »Benehmt euch! Seid sittsam!« Tatsächlich blieben alle zurückhaltend. Sie waren gerade bei der Halle der Diamantwächter, da kam ihnen ein Mönch entgegen, der eine außergewöhnliche Würde ausstrahlte. In der Tat: Mondhell strahlt sein Antlitz schön, Sein Körper gleicht dem Bodhi-Baum; Den Stab zur Hand, die Ärmel im Wind, Geht er in Strohsandalen auf Stein. Tripitaka grüßte, der Mönch grüßte zurück und fragte: »Woher kommt Ihr, werter Meister?« »Geringer Jünger heißt Chen Xuanzang«, sprach Tripitaka, »auf Geheiß des Kaisers von China im fernen Osten pilgere ich nach dem Westhimmel, um Buddha zu huldigen und Heilige Schriften zu holen. Da unser Weg durch Eure geschätzte Ortschaft führt, wollten wir kurz hier vorsprechen und wenn möglich ein bescheidenes Nachtlager beziehen. Morgen früh werden wir gleich weiterziehen.« »Unser abgeschiedenes Kloster ist vielbesucht«, sprach der Mönch, »jeder kann sich hier nach Belieben einrichten, umso mehr ein göttlicher Mönch wie Ihr, werter Priester aus dem Osten. Euch zu dienen ist uns eine Ehre!« Tripitaka bedankte sich und betrat mit seinen Schülern die Abtei, wo man nach den üblichen Begrüßungsriten Platz nahm. Inzwischen hatte sich im Kloster herumgesprochen, dass Schriftenpilger aus dem fernen chinesischen Kaiserreich eingetroffen waren, und schon drängten Geistliche, Gäste, Priester und Mönchsknaben allesamt herbei, sie zu sehen. Als nach dem Tee eine Mahlzeit aufgetischt wurde, begann der Priester das Gebet zum Eröffnen der Mahlzeit zu murmeln, während Bajie schon ein Dampfbrötchen und eine Nudelsuppe verschlang. Unter den Schaulustigen draußen vor der Abtei priesen die Gebildeten Tripitakas Würde, und die Neugierigen hefteten ihre Blicke auf den fressenden Bajie. Sandmönch bemerkte es, zwickte Bajie verstohlen und flüsterte ihm zu: »Sittsam!« Verstimmt fuhr Bajie auf: »Sittsam, sittsam! Ich hab ’nen leeren Bauch!« Sandmönch lachte auf und meinte: »Denk mal, Bruder, wenn man all die Sittsamen dieser Welt nach dem Bauch beurteilen wollte, sind die doch auch nicht anders als du und ich!« Schließlich sprach Tripitaka das Schlussgebet, der Tisch wurde abgeräumt, und Tripitaka bedankte sich. Einer der Mönche erkundigte sich, weshalb Tripitaka aus dem Osten hierhergepilgert sei, worauf Tripitaka seinerseits auf die alten Stätten zu sprechen kam und fragte, was es mit dem Namen des Klosters auf sich habe. Da erklärte der Mönch: »Unser Kloster hieß vormals ›Kloster des Anathapindika-Gartens von Sravasti‹. Doch weil Anathapindika einst Buddha einlud, die Heiligen Schriften zu predigen, und dafür den ganzen Boden mit Gold bepflastert hatte, nannte man den Tempel so, wie er heute heißt. Wir blicken direkt auf das Land Sravasti, wo Anathapindika damals wohnte. Weil hier an dieser Stelle ursprünglich sein Jetavana-Kloster stand, wurde es später als ›Kloster der Goldgabe des Anathapindika‹ bezeichnet. Im hinteren Teil der Anlage befinden sich noch die Ruinen des einstigen Klosters. Nach starken Regengüssen kommen manchmal sogar einige Gold- oder Silberkörnchen zum Vorschein; manche haben Glück und finden etwas davon.« »Dann ist es also wahr, was man erzählt!« rief Tripitaka. Und er fragte: »Als ich eben Euer geschätztes Kloster betrat, habe ich im Eingangsbereich gar viele Händler mit Pferden und Mauleseln, Karren und Lasten gesehen; warum nehmen diese hier Quartier?« Die Mönche erklärten: »Auf unserem Berg, der Hundertfüßerberg genannt wird, war es früher ganz friedlich, doch seit einiger Zeit gehen aus unbekannten Gründen Skolopendergeister um, die Reisenden oft Schaden zufügen. Zwar ist noch niemand ums Leben gekommen, doch es wagt keiner mehr hier langzugehen. Weiter unten liegt ein Passübergang, der heißt ›Hahnenschrei‹, denn erst frühmorgens zum ersten Hahnenschrei trauen sich die Leute dort hinüber. Die Händler, die Ihr gesehen habt, haben bei uns Quartier bezogen, weil es bald dem Abend zugeht und sie sich fürchten. Beim ersten Hahnenschrei werden sie weiterziehen.« »Dann wollen wir auch lieber den ersten Hahnenschrei abwarten«, sprach Tripitaka. Während ihrer Unterhaltung waren abermals vegetarische Speisen aufgetragen worden, und die vier Pilgernden nahmen nun ihre Mahlzeit ein. Draußen stand der anwachsende Mond hell und klar am Himmel. Als Tripitaka mit Pilger gemächlich im Mondschein spazierenging, kam ein Klosterdiener und meldete: »Unser alter Meister möchte die verehrten Herren aus China sehen.« Da wandte sich Tripitaka um und erblickte einen alten Mönch, der mit einem Bambusstock in der Hand auf ihn zutrat, höflich grüßte und sprach: »Ihr seid also der Meister, der aus China gekommen ist?« »Zu viel der Ehre«, sprach Tripitaka und grüßte höflich zurück. Der alte Mönch aber sprach in einem fort seine Bewunderung aus und fragte schließlich: »Wie hoch ist Euer Alter, werter Meister?« »Fünfundvierzig Jahre habe ich unnütz verbracht«, gab Tripitaka zur Antwort. »Darf ich nach dem geehrten Alter des werten Abtes fragen?« Der alte Mönch lächelte und sagte: »Einen Sechzigerzyklus mehr als Ihr habe ich töricht schon verlebt.« »Hundertfünf Jahre«, bemerkte Pilger. »Was meint Ihr, wie alt ich bin?« »Euer Antlitz, Meister, wirkt altertümlich, doch Euer Geist wirkt sehr klar«, antwortete der Mönch, »im Mondschein aber sehen meine Augen schlecht; so leicht kann ich es nicht erraten.« So gelangten sie plaudernd in weiter hinten gelegene Wandelgänge. Da fragte Tripitaka: »Wo befinden sich denn die Ruinen des Anathapindika-Klosters, von denen wir gesprochen haben?« »Dort draußen, außerhalb des Hintertores«, antwortete der Mönch und ließ sogleich öffnen. Draußen lag ein braches Feld, auf dem nur zerbröckelnde Mauerreste zu sehen waren. Tripitaka faltete die Hände, tat einen tiefen Seufzer und sprach: Gedenken wir des Sudatta, Der hier einst Spender war; Er brachte Gold und Güter Armen und Kranken dar! Jetavana, dieser Name Ist aus alter Zeit erhalten; Wo mag heute der Geehrte Sich bei Arhats wohl aufhalten? Gemächlich gingen sie im schönen Mondschein voran und kamen bald zu einer leicht erhöhten Plattform, wo sie sich niedersetzten. Auf einmal drang ein Schluchzen an ihr Ohr. Tripitaka horchte aufmerksam, bis er in der Klage die Worte vernahm: »Vater und Mutter wissen nichts von diesem Leid!« Da wurde ihm so schwer ums Herz, dass er die Tränen nicht zurückhalten konnte. An die Mönche gewandt, fragte er: »Wo kommt denn diese Stimme her? Wer weint denn da?« Auf diese Frage wies der alte Mönch die anderen Mönche an, zurückzugehen und Tee zu kochen. Kaum waren alle weg, warf er sich flehend vor Tripitaka und Pilger nieder. Tripitaka reichte ihm den Arm und sprach: »Wozu diese Ehrbezeugung, werter Abt?« Da sprach der alte Mönch: »Ich Buddhajünger bin nun über hundert Jahre alt und habe von den Menschen doch einigermaßen eine Ahnung. Auch sehe ich manchmal beim Meditieren besondere Erscheinungen. Bei Euch etwa wusste ich auf den ersten Blick, dass Ihr anders seid als andere. Was nun diese Sache mit der traurigen Klage angeht, wird keiner außer diesem Meister fähig sein, Klarheit zu schaffen.« »Sagt doch erst mal, worum es sich handelt!« meinte Pilger. »Genau heute vor einem Jahr, als ich in tiefer Versenkung im mondhellen innersten Wesen weilte, vernahm ich plötzlich einen brausenden Windstoß, und darin war eine klagende Stimme zu hören. Da habe ich mich von meinem Lager erhoben, bin in den Jetavana-Garten gegangen, und dort fand ich eine schöne junge Frau. Auf meine Frage, aus welchem Hause sie stamme und warum sie hierhergekommen sei, sagte sie: ›Ich bin die Prinzessin des Königs von Indien. Als ich im Mondschein Blumen betrachtete, wurde ich von einem Sturmwind erfasst und hierhergetragen.‹ Ich habe sie in eine leere Kammer geschlossen und den Raum außen herum wie einen Kerker gestalten lassen, mit einer kleinen Öffnung in der Tür, durch die man nur gerade eine Reisschale reichen kann. Am selben Tage habe ich zu den Mönchen gesagt: ›Dort habe ich einen Dämon eingesperrt. Jeden Tag sollt ihr ihm zwei Mal groben Reis und Tee reichen, so mag er sein Leben fristen.‹ Die Frau war verständig und hat gleich begriffen, dass ich mir Sorgen machte, sie könnte von den Mönchen befleckt werden. So hat sie denn auch so getan, als wäre sie eine Verrückte oder ein Ungeheuer. Tagsüber redet sie wie im Wahn oder starrt wie versteinert vor sich hin, doch wenn die stille Nacht einbricht, gedenkt sie ihrer Eltern und beginnt zu weinen. Ich bin schon öfter in die Stadt gegangen und habe mich erkundigt, was denn mit der Prinzessin los sei, doch jedes Mal musste ich mir sagen lassen, sie sei wohlauf, und es gäbe kein Problem. Darum halte ich diese Frau hier fest und lasse sie nicht nach draußen. Zum Glück seid Ihr, geschätzte Meister, heute hierhergekommen, darum bitte ich Euch inständig, in unserem Lande Eure Kräfte zu entfalten, damit diese Sache geklärt werden kann. So wird einer Unschuldigen geholfen, und außerdem werden Eure Stärken zum Ausdruck kommen.« Tripitaka und Pilger behielten die Worte tief im Gedächtnis. Während sie sich weiter unterhielten, kamen zwei junge Mönche mit der Bitte, man möge sich zum Tee in die Abtei begeben und dann das Nachtlager beziehen. Der alte Mönch ging von dannen, und Tripitaka legte sich alsbald zur Ruhe. So war es in der Tat: Alles ruht, es sinkt der Mond, Einsam stiller Blumentraum; Lauer Wind dringt sachte ein Durch der Gaze hellen Schein. Kupferkannen tröpfeln Zeit, Mahnen Unvollkommenheit;464 Rein leuchtet der Silberstrom Auf Neunfache Blüten schön.465 Sie hatten noch nicht lange geschlafen, als schon die Hähne krähten. Im vorderen Teil des Klosters begannen sich die Händler geräuschvoll zu regen, zündeten Lampions an und kochten ihr Frühstück. Der Priester rief Bajie und Sandmönch wach und hieß sie das Pferd satteln und die Reisebündel schnüren. Im Kloster warteten die Mönche bereits mit heißem Tee und Kleingebäck auf sie, und nachdem sie gegessen hatten, nahmen sie dankend Abschied. Der alte Mönch schärfte Pilger nochmals ein, sich um die Sache mit der traurigen Klage zu kümmern. »Das werde ich, verlasst Euch drauf«, gab Pilger lachend zurück. Mit ihnen machten sich auch all die reisenden Händler rufend und lärmend auf den Weg. Vor Sonnenaufgang hatten sie den Hahnenschrei-Pass überschritten, und am späten Vormittag erblickten sie auch schon die Mauern der Stadt. Die prachtvolle Festung ragte wie ein ehernes Bollwerk empor, gleich einer himmlischen Hauptstadt in göttlichen Gefilden. Ein Gedicht beschreibt sie so: Wie ein Tiger oder Drache, Hoch und herrlich imposant; Phönixdächer, Einhorntürme Glitzern in der Sonne bunt. Königliche Wasserläufe Fließen wie ein Band darum, Heiles Land am Fuß der Berge, Wie ein Medaillon so schön! Flaggen wehen früh am Morgen Heiter auf den Kaiserwegen; Trommeln, Flötenklänge dringen Frühlingshaft von Brückenstegen. Tugendhaft ist dieser König, Unbeschreiblich sein Ornat. Schöne Damen, kühne Helden Bilden den Palast-Hofstaat. Noch am selben Tage kamen sie in die Straßen der östlichen Vorstadt. Während sich die Händler in Herbergen verteilten, schritten Meister und Schüler in die Stadt hinein und kamen bald an einer Poststation mit amtlicher Herberge vorbei. Tripitaka und seine Schüler traten in den Vorhof, wo ein Angestellter ihr Kommen umgehend dem Vorsteher meldete: »Draußen stehen vier fremdartige Mönche mit einem weißen Pferd.« Da der Vorsteher hörte, dass ein Pferd dabei sei, konnte er davon ausgehen, dass es sich um Gesandte handeln musste, und so trat er zum Empfang aus der Halle. Tripitaka grüßte mit gefalteten Händen und sprach: »Geringer Mönch ist vom chinesischen Kaiserhof ausgesandt, im Tempel des Donnergrollens auf dem Seelenberg Buddha zu huldigen und Heilige Schriften zu erbitten. Ich habe einen Passschein dabei, den ich bei Hofe zur Begutachtung vorlegen muss. Gleichzeitig möchten wir bitten, hier eine Nacht verbringen zu dürfen; sobald wir unsere Angelegenheiten beendet haben, werden wir weiterziehen.« Mit einer höflichen Geste sprach der Vorsteher: »Bitte, tretet ein!« Tripitaka freute sich und winkte seinen Schülern, ihm zu folgen und den Vorsteher zu begrüßen. Beim Anblick ihrer unansehnlichen Fratzen wurde es dem Vorsteher unheimlich zumute; ängstlich überlegte er, ob es wohl Menschen oder Ungeheuer seien, doch nun blieb ihm nichts anderes übrig, als Tee und Speisen auftragen zu lassen. »Fürchtet Euch nicht, hoher Herr«, sprach Tripitaka. »Meine Schüler sind zwar äußerlich nicht schön, doch im Herzen sind sie wohlgesinnt. So sagt es doch der Volksmund: ›Hinter einem grimmigen Gesicht mag sich ein guter Mensch verbergen.‹ Bitte misstraut ihnen nicht zu sehr!« Da beruhigte sich der Vorsteher ein wenig und fragte: »Werter Staatsmeister, wo liegt denn das Kaiserreich China?« »In den blühenden Gebieten der Mitte, auf dem südlichen Kontinent Jambudvipa«, antwortete Tripitaka. »Und seit wann seid Ihr schon unterwegs?« »Ich bin im dreizehnten Jahr der Ära Zhen’guan aufgebrochen, seither sind ganze vierzehn Jahre vergangen, in denen wir unter vielen Mühen endlose Gebirge und Gewässer überqueren mussten, bis wir endlich an diesen geschätzten Ort gelangen konnten.« »Welch göttliche Mönche!« rief der Vorsteher bewundernd aus. Da erkundigte sich Tripitaka: »Wie lange währt denn die Geschichte Eures werten Reiches?« »Unsere unwerte Gegend gehört zum Großreich Indien, und dieses währt seit unserem ersten und zweiten König schon über fünfhundert Jahre. Der jetzige Herrscher ist ein Liebhaber der Natur und der Blumen; er nennt sich ›König der Harmonie‹, und seine Ära mit dem Namen ›Friedensreich‹ dauert bereits achtundzwanzig Jahre.« »Könnte es geringem Mönch wohl möglich sein, die Majestät zu treffen, wenn ich heute zur Audienz gehe, um das Passdokument vorzulegen?« »Das passt sehr gut!« rief der Vorsteher. »Unser König hat nämlich eine Prinzessin, die ist zwanzig Jahre jung und weilt gerade in einem hohen Zierturm an der Kreuzung der Hauptstraße, um einen schmucken Seidenball nach dem Gatten ihrer Wahl zu werfen. Zu dieser frohen Veranstaltung wird sich unser König sicher nicht zurückziehen. Wenn Ihr also Euer Dokument vorlegen möchtet, geht am besten gleich jetzt.« Freudig wollte sich Tripitaka auf den Weg machen, doch da wurde gerade eine Mahlzeit aufgetragen. Also setzte er sich vorerst mit Pilger und den anderen zu Tisch. Inzwischen zählte man bereits die mittägliche Doppelstunde Wu. Da meinte Pilger: »Ich gehe mit Euch, Meister.« »Nein, ich!« warf Bajie ein. »Lass das, Bruder«, versetzte Sandmönch, »mit deiner Fratze machst du keinen guten Eindruck, du brauchst dich nicht am Palasttor zur Schau zu stellen. Lass lieber unseren ältesten Bruder mitgehen.« Also legte Tripitaka seine Robe um, und Pilger nahm die Tasche mit dem Passdokument. In den Straßen drängten sich Soldaten und Bauern, Arbeiter und Händler, Gelehrte und gemeines Volk, und alle riefen in lebhaftem Durcheinander: »Auf zum Ballwurf!« Tripitaka blieb am Straßenrand stehen und sprach zu Pilger: »Schau dir diese Menschen an, ihre Kleider und Hüte, ihre Häuser und Waren, ihre Sprache und ihre Gebärden, ist das nicht genauso wie im großen chinesischen Kaiserreich? Und das hier erinnert mich daran, dass einst auch meine Mutter einen Seidenball geworfen hat, um ihren Gatten zu erwählen. Nun gibt es hier sogar denselben Brauch!« »Dann lasst uns doch auch hingehen«, meinte Pilger. »Unsere Kleidung passt nicht dazu«, gab Tripitaka zu bedenken, »das könnte Misstrauen wecken.« »Meister«, wandte Pilger ein, »habt Ihr denn vergessen, was der alte Mönch im Kloster der Goldgabe gesagt hat? Zum einen schauen wir uns den Zierturm an, zum anderen aber wollen wir sehen, was da wahr ist, und was falsch!« Auf diese Worte ging Tripitaka tatsächlich mit Pilger hin. Aber oho! Wie hätte er das auch wissen können: Als würd’ ein alter Fischer Haken und Schnur aushängen, Mit diesem Augenblicke Verwicklungen begannen! Wie berichtet wird, war dieser König, weil er ja Natur und Blumen über alles liebte, im Vorjahr mit seiner Königin, den Konkubinen und der Prinzessin bei Mondschein im Palastgarten lustwandeln gegangen, was jedoch ein Ungeheuer angelockt hatte, das schließlich die Prinzessin entführt und sich selbst in eine falsche Prinzessin verwandelt hatte. Da diesem Ungeheuer wohlbekannt war, dass Tripitaka im selbigen Jahr, im selbigen Monat, am selbigen Tag und zu selbiger Stunde hier erscheinen würde, hatte es sich den Reichtum des Landes zunutze gemacht und diesen bunten Zierturm errichten lassen, um Tripitaka zum Gatten zu nehmen, sich dessen wahre Energie der ursprünglichen Yang- Kraft anzueignen und auf diese Weise in die höchsten Ränge der Unsterblichen zu gelangen. Es war genau ein Viertel vor Mittag, als sich Tripitaka nun mit Pilger in der Menschenmenge dem prachtvollen Zierturm näherte. Eben hatte die Prinzessin ein Räucherstäbchen angezündet und sich zu Himmel und Erde verneigt, während unter den fünfzig bis siebzig zierlichen Zofen die am nächsten stehende einen schmucken Seidenball bereithielt. Der Turm war so filigran gebaut, dass die Prinzessin nach allen Seiten Ausblick hatte. Wie sie nun sah, dass Tripitaka ganz nahe war, nahm sie den Seidenball und warf ihn Tripitaka an den Kopf. Ein Schrecken durchzuckte den Priester, sein Priesterhut saß schief, und als er den Ball aufhob, kullerte ihm dieser geradewegs in den Ärmel. Schon erschollen vom Turm her vielstimmige Rufe: »Ein Mönch! Sie hat einen Mönch getroffen!« Wie sie nun sah, dass Tripitaka ganz nahe war, nahm sie den Seidenball und warf ihn Tripitaka an den Kopf. Da eilten Zofen und Palastdamen vom Turm herunter, traten zusammen mit mehreren Eunuchen auf Tripitaka zu und sprachen unter tiefen Verbeugungen: »Edelmann! Lasst Euch im Palast beglückwünschen!« Hastig erwiderte Tripitaka mit einer höflichen Geste, beeilte sich, den Verbeugenden aufzuhelfen, und warf Pilger einen tadelnden Blick zu. »Was hat das mit mir zu tun?« lachte Pilger, »der Ball hat Euren Kopf getroffen und ist in Euren Ärmel gerollt!« »Aber was tun wir bloß?« »Beruhigt Euch, Meister«, meinte Pilger. »Geht einfach in den Palast, und ich benachrichtige in der Poststation Bajie und Sandmönch. Falls die Prinzessin Euch gar nicht heiraten möchte, ist die Sache erledigt, dann lasst Ihr einfach den Reisepass abstempeln, und wir ziehen weiter. Sollte sie Euch aber unbedingt haben wollen, dann sagt Ihr dem König: ›Lasst meine Schüler kommen, ich muss ihnen noch ein paar Anweisungen geben.‹ Wenn wir dann alle drei im Palast sind, werde ich gleich erkennen, wie es um die Wahrheit steht. Das nennt man ›Strategie zur Unterwerfung eines Dämons mittels Heirat‹.« Mit einem Nicken gab Tripitaka sein Einverständnis, worauf Pilger zur Poststation zurückging. Der Priester aber wurde von zahlreichen Palastdamen umringt und zum Zierturm geführt. Dort stieg die Prinzessin herab, hielt ihm ihre makellos schöne Hand entgegen, bestieg mit ihm eine edle Kutsche, ließ ihre Gefolgschaft voranschreiten, und so fuhren sie dem Palast entgegen, wo der Torwächter auch schon die Meldung durchgab: »Majestät, die Dame Prinzessin kommt mit einem Mönch am Arm, vermutlich hat sie ihn mit dem Seidenball getroffen. Beide befinden sich am Palasttor und warten auf den königlichen Einlassbefehl.« Diese Nachricht verstimmte den König, doch da er noch nicht wusste, wie der Sinn seiner Prinzessin stand, blieb ihm vorerst nichts übrig, als seinen Unmut zu unterdrücken und Einlass zu gewähren. Also trat die Prinzessin mit dem chinesischen Priester vor die Audienzhalle, und so war es in der Tat: Hier begrüßt ein Ehepaar Den König mit Respekt; Es neigen Gut und Böse Sich vor der Majestät. Nach den zeremoniellen Verneigungen wurden sie in die Halle gerufen, und der König fragte: »Woher kommt Ihr denn, werter Mönch? Wurdet Ihr vom Seidenball unserer Tochter getroffen?« Da warf sich Tripitaka dem König zu Füßen und sprach: »Geringer Mönch befindet sich im Auftrag des Kaisers von China im Kontinent Jambudvipa auf einer Reise zum Westhimmel, um im Tempel des Donnergrollens Buddha zu huldigen und Heilige Schriften zu holen. Weil ich ein Passdokument mitführe, wollte ich es Eurer Majestät zu Begutachtung vorlegen, doch da führte mich der Weg am Zierturm bei der großen Kreuzung vorbei, weshalb geringer Mönch überraschend vom Ball der werten Dame getroffen wurde. Doch wie könnte ich als fremdländischer Klosterbruder mich erdreisten, einer Tochter aus königlichem Hause als Gatte zu dienen? Ich bitte inständig, geringem Mönch die Todesstrafe zu erlassen und den Pass abzustempeln, auf dass ich weiterziehen und bald den Seelenberg erreichen möge, um bei Buddha die Heiligen Schriften zu erbitten. In meiner Heimat werde ich auf ewig der großen Gunst Eurer Majestät gedenken!« Da sprach der König: »Ihr seid also ein heiliger Mönch aus dem fernen Osten. Fürwahr, es muss ein starkes Band sein, das Euch über viele tausend Meilen diesem Ehebund zuführt. Für unsere Prinzessin, die im zwanzigsten Lebensjahr steht, haben wir den heutigen Tag als glückverheißendes Datum erwählt und den Zierturm errichten lassen, damit sie die Gattenwahl treffe. Nun hat ihr Ball Euch also getroffen, doch weiß ich nicht, wie es um den Sinn der Prinzessin steht?« Da kniete die Prinzessin vor dem König nieder und sprach: »Vater König, so heißt es doch: ›Die Gattin folgt dem Gatten, ob Gockel oder Hund.‹ Eure Tochter hat ein Gelöbnis getan, den Seidenball bestickt und vor Himmel, Erde und Göttern geschworen, des Schicksals Entscheid anzunehmen. Da ich nun diesen heiligen Mönch getroffen habe, muss uns die Verbindung aus einem vergangenen Leben vorbestimmt sein; wie könnte ich mich zu wehren wagen? Ich bin gewillt, ihn zum Gemahl zu nehmen.« Nun freute sich der König doch und gab dem Hofamt für Astronomie den Auftrag, ein günstiges Hochzeitsdatum festzulegen. Gleichzeitig wurde die Brautausstattung vorbereitet und die Nachricht im ganzen Land verkündet. Tripitaka aber, anstatt sich gebührend für die königliche Gunst zu bedanken, rief laut: »Gnade, Gnade!« »Dieser Mönch ist gar zu unvernünftig«, sprach der König vorwurfsvoll, »wie könnt Ihr Euch widersetzen, wenn wir Euch mit den Gütern des Reiches beglücken und Euch zum königlichen Schwiegersohn erheben? Noch ein Einwand, und wir heißen die Palastwache, Euch vorm Palasttor hinzurichten!« Dem Priester wollte das Herz stillstehen. Zitternd und bebend vollzog er einen Stirnaufschlag und sprach willfährig: »Dank sei der großen Gunst Eurer Majestät! Allein, geringer Mönch war zu viert auf Pilgerschaft; draußen warten noch drei Schüler. Da ich hierhergekommen bin, habe ich ihnen noch nicht die notwendigen Anweisungen geben können. Darum bitte ich Eure Majestät inständig, besagte Schüler zur Audienz vorzuladen, ihnen den Passschein abzustempeln und sie bald weiterreisen zu lassen, auf dass ihre Ankunft im Westen nicht verzögert werde.« Der König willigte ein und fragte: »Wo befinden sich Eure Schüler?« »Sie sind alle in der Poststation«, antwortete Tripitaka. Da wurden Beamte geschickt, die Schüler des heiligen Mönchs herbeizurufen, damit sie nach Vorlegen des Passscheins in den Westen ziehen und der heilige Mönch als königlicher Schwiegersohn am Hofe bleiben könne. Tripitaka hatte keine andere Wahl, als sich zu erheben und neben dem König alles Weitere abzuwarten. Doch wenden wir uns nun Pilger zu, der den Priester beim Zierturm verlassen hatte und dann hüpfend und lachend zur Poststation gekommen war. Als Bajie und Sandmönch ihn so vergnügt sahen, fragten sie: »Was macht dich so fröhlich, Bruder? Warum ist denn der Meister nicht da?« »Unser Meister hat großes Glück!« rief Pilger. »Was denn?« fragte Bajie. Lachend erzählte Pilger: »Als ich mit ihm zur großen Kreuzung kam, wo der Zierturm steht, ist er just vom Ball der Prinzessin getroffen worden! Dann haben ihn Palastdamen und Eunuchen zum Turm geführt, er ist mit der Prinzessin in eine Kutsche gestiegen und bei Hofe als Bräutigam empfangen worden. Was ist das anderes als großes Glück?« Als Bajie dies vernommen hatte, stampfte er aufgebracht mit den Füßen, hämmerte sich mit der Faust an die Brust und rief: »Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich doch selbst hingegangen! Sandmönch ist schuld; wenn er mich nicht gehindert hätte, wäre ich gleich zu diesem Turm gerannt, der hübsche Ball hätte mich alten Eber getroffen, und die Prinzessin hätte mich geheiratet. Herrlich wäre das gewesen, einfach wunderbar! Alle beide hübsch aufgeputzt, und dann kriegt jeder sein Vergnügen, eine Wonne ohnegleichen!« Sandmönch fuhr ihm mit der Hand übers Gesicht und rief: »Schäm dich, schau dir nur deine Fratze an! Kauft einer für drei Groschen einen Esel und brüstet sich, dass er ihn reiten kann! Wärst du getroffen worden, hätte man noch in derselben Nacht Bannformeln verbrannt und nur gewartet, dich so schnell wie möglich auszutreiben. Glaubst du eigentlich, einem Griesgram wie dir würde man Einlass gewähren?« »Du gemeiner Finsterling!« gab Bajie zurück, »ich mag ja hässlich sein, aber immerhin hab ich auch gewisse Vorzüge.« »Lass das Gerede, du Tölpel«, rief Pilger, »mach das Gepäck bereit. Wahrscheinlich wird uns der Meister bald rufen lassen, dann können wir in den Palast gehen und ihn dort beschützen.« »Du liegst wieder falsch, mein Bruder«, versetzte Bajie, »unser Meister ist doch jetzt königlicher Schwiegersohn und liegt glücklich bei der Prinzessin. Da geht’s doch nicht mehr drum, über Berge zu kraxeln und Dämonen abzuwehren, wovor willst du ihn da noch schützen? Er wird wohl alt genug sein zu wissen, wie man’s unter der Bettdecke treibt, was willst du ihm da noch helfen?« In dem Moment erschien der Stationsvorsteher und meldete: »Heiliger Erlass des Kaisers: Die heiligen Mönche werden zur Audienz gebeten.« »Und warum, wenn ich fragen darf?« wollte Bajie wissen. »Der ehrenwerte göttliche Priester hatte das Glück, vom Ball der Prinzessin getroffen und zum königlichen Schwiegersohn erkoren zu werden. Darum ist ein Palastbote hier, euch vorzuladen.« »Lasst ihn hereinkommen«, meinte Pilger. Als der Bote den höflich grüßenden Pilger erblickte, wagte er seinen Blick nicht mehr zu heben, sondern murmelte verstört: »Ein Gespenst, ein Ungeheuer? Ein Donnergott, ein Yaksa?« »Ach, mein guter Herr!« rief Pilger, »sagt doch, was Ihr zu sagen habt, was soll denn dieses Gemurmel?« Zitternd hielt der Bote mit beiden Händen das Edikt in die Höhe und stammelte: »Die Prinzessin lobt zur Verladung … lädt zur Verlobung!« »Ich verhau dich doch nicht«, meinte Bajie, »sprich langsam, brauchst doch keine Angst zu haben!« »Du meinst, er fürchtet Prügel?« warf Pilger ein, »vor deiner Fratze hat er Angst! Schnell, macht alles bereit, wir gehen zum Palast und besprechen uns mit dem Meister.« Und da wir nicht wissen, was sie dem König sagten, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第094回 / 94. Kapitel Vier Mönche vergnügen sich im Königsgarten / Ein Dämon hofft vergebens auf Sinnesfreuden Wie berichtet wurde, folgte Pilger mit seinen Ordensbrüdern dem Palastboten zum Königshof, wo die Torwache ihre Ankunft meldete und sie eintreten ließ. Aufrecht und ohne jede Verneigung blieben die drei vor der Audienzhalle stehen. Da fragte der König: »Wer sind die hohen Schüler unseres Schwiegersohnes, dem heiligen Priester? Wie lauten eure Vorund Nachnamen, wo seid ihr gebürtig, aus welchen Gründen seid ihr in den Mönchsstand getreten, und was für Schriften gedenkt ihr zu holen?« Pilger trat vor und machte Anstalten, die Thronhalle zu betreten, doch sofort trat ihm ein Leibwächter in den Weg und rief barsch: »Halt! Was ihr zu sagen habt, wird hier an dieser Stelle vorgetragen!« »Wir Mönche gehen halt immer so weit, wie wir können«, lachte Pilger. Auch Bajie und Sandmönch taten einen Schritt nach vorn. Aus Furcht, sie könnten mit ihrem ungehobelten Auftreten den Kaiser erschrecken, erhob sich Tripitaka und rief: »Die Majestät fragt nach dem Grund eures Kommens, meine Schüler! Gebt angemessen Antwort!« Wie nun Pilger Tripitaka neben dem Kaiser stehen sah, konnte er sich nicht halten und rief laut: »Majestät, Ihr missachtet die Leute und damit Euch selbst! Warum lasst Ihr meinen Meister einfach stehen, wenn Ihr ihn doch zum Schwiegersohn erkoren habt? Der Gatte der Prinzessin wird nicht von ungefähr als ›Edelmann‹ bezeichnet; wie kann man es unterlassen, einem Edelmann einen Sitzplatz anzubieten!« Der König erblasste und hätte am liebsten auf der Stelle die Audienzhalle verlassen. Allein um keinen schlechten Eindruck zu hinterlassen, nahm er sich zusammen, hieß einen Leibwächter einen schmucken Keramikhocker herantragen und bat den Priester, sich zu setzen. Nun brachte Pilger seine Antwort vor und sprach: »Alter Sun, gebürtig im östlichen Kontinent Purvavideha, Land Aolai, Berg der Blumen und Früchte. Meine Eltern sind Himmel und Erde; geboren bin ich aus einem berstenden Stein. Bei einem vollkommenen Meister erlernte ich den Großen Weg, ging dann zurück in die paradiesische Heimat und bewohnte dort mit Artgenossen einen Grottenhimmel in glücklichen Gefilden. Auf dem Meeresgrund besiegte ich Drachen, im Gebirge fing ich Ungeheuer, in der Hölle strich ich Namen aus dem Totenbuch. Von Dienstgrad Himmelsebenbürtiger Großer Heiliger, weilte ich im Himmel täglich mit Unsterblichen bei Sang und Trank frohgemut in heiligen Sphären. Nur weil ich das Pfirsichfest gestört und im Himmel Aufruhr gemacht hatte, wurde ich von Buddha übermannt und im Berg der Fünf Wandlungsphasen eingeschlossen. Dort stillte ich den Hunger mit Eisenkugeln, trank flüssiges Kupfer und fristete so fünf Jahrhunderte ohne Reis und Tee. Zum Glück erschien dann mein Meister, der vom Osten nach dem fernen Westen reist, um Buddha aufzusuchen. Im Auftrag von Bodhisattva Guanyin hat er mich gerettet, weshalb ich mich der Lehre des Yogachara zugewendet habe. Mein Ordensname lautet Wukong, mein Rufname Pilger.« Wie der König von derart hoher Herkunft erfahren hatte, stieg er betroffen vom Thron, fasste den Priester höchstpersönlich am Arm und sprach: »Schwiegersohn, der Ihr im Dunstkreis Unsterblicher weilt, es muss uns vom Himmel vorbestimmt sein, Euch begegnen zu dürfen!« Tripitaka dankte und bat ihn, wieder den Thronsitz einzunehmen. »Welcher ist der zweite der hohen Schüler?« fragte der König. Bajie reckte seine Schnauze hoch, warf sich in die Brust und begann: »Alter Eber, in letzter Inkarnation Mensch, frönte einst Genuss und Faulheit, lebte dumpf dahin, im Innern des Herzens verworren. Eines Tages, als ein Wahrer Mensch in wenigen Worten die Netze des Karmas erläuterte, gewann ich Klarheit, schloss mich einem Meister an und erwarb von da an mit großem Eifer die Kunst des Gleichgewichts von Yin und Yang, übte achtungsvoll die drei Passtore vorn und hinten. Als ich die Vollkommenheit erreichte, schwebte ich empor und fand Erlösung im Himmlischen Palast. Nachdem der Jadekaiser mir den Dienstgrad ›Marschall Tianpeng‹ verlieh, stand ich der Armee der Milchstraße vor, frei und leicht am Himmel schwebend. Allein weil ich am Pfirsichfest betrunken mit der Mondfee Chang’e scherzte, hat man mir den Titel abgesprochen und mich in die Niederungen der irdischen Welt verstoßen, wo ich versehentlich in einen Schweinebauch geriet, weshalb ich diese Züge trage. Wohnhaft auf dem Fuling-Berg, tat ich zahllose Sünden, bis ich schließlich Guanyin traf, die mir den Weg zum Guten wies, weshalb ich dem Buddhismus beigetreten bin. Zur Zeit beschütze ich den Priester aus China auf seiner Reise in den Westen, wo er wundervolle Schriften holen will. Mein Ordensname ist Wuneng, mein Rufname Bajie.« Der König zitterte vor Angst und wagte kaum mehr aufzublicken. Der Tölpel begann sich umso mehr aufzuplustern, schwenkte seinen Schädel, warf Schnauze und Ohren hoch und verfiel in derbes Gelächter. Tripitaka, der wieder fürchtete, den König zu verärgern, rief ungehalten: »Bajie, benimm dich!« Da legte dieser die Hände ineinander und warf sich in eine gekünstelt sittsame Haltung. Schließlich fragte der König: »Und der dritte hohe Schüler, aus welchem Grunde ist er dem Orden beigetreten?« Sandmönch faltete die Hände und sprach: »Alter Sand, einst gewöhnlicher Erdenbürger, hat sich aus Furcht vor dem Rad der Wiedergeburten dem Daoismus zugewandt. Durch die Weiten der Welt streifend, nur mit Kleid und Schale bewehrt, übte ich stetig, meinen Geist in Bann zu halten. Mit frommer Hingabe fand ich Gleichgesinnte, nährte Kindlein und Jungfrau, vollbrachte dreitausend gute Taten und übte den Einklang der vier Sinne. So fand ich Eingang in die himmlischen Gefilde, und im Azurnen Himmelszelt wurde mir der Titel ›General Gardinenroller‹ verliehen, dem gemäß ich in der himmelskaiserlichen Eskorte diente. Ebenfalls am Pfirsichfest zerbrach ich aus Unachtsamkeit einen gläsernen Kelch, worauf man mich zum Sandfluss in die irdischen Gefilde verbannte. Dort war ich ganz verändert, tat Sünden und aß Menschenfleisch, bis zum Glück die Bodhisattva kam und mich zum Guten bekehrte. Darum folgte ich dem Buddhajünger aus dem chinesischen Kaiserreich, um im Westen die Heiligen Schriften zu holen und damit die Rechte Frucht zu erlangen. Mein Name lautet gleich wie der Fluss, mein Ordensname ist Wujing, mein Rufname Mönch.« Nachdem der König all dies vernommen hatte, war er betroffen und erfreut zugleich. Was ihn freute, war, dass seine Tochter einen leibhaftigen Buddha zum Mann gewonnen hatte; dass die drei Schüler aber tatsächlich dämonische Götter gewesen waren, ängstigte ihn. Mitten in diese Verwirrung brachte der für Vermählung zuständige Beamte vom Hofamt für Astronomie die Meldung vor: »Das Hochzeitsdatum wurde auf den zwölften Tag des laufenden Monats laufenden Jahres festgelegt. Die Vermählung soll zur glückverheißenden Stunde Ren-Zi vollzogen werden, da besagte Zeit für eine Heirat äußerst vorteilhaft ist.« »Welchen Tag haben wir heute?« fragte der König. »Heute ist der achte, die Kalenderzeichen sind Wu-Shen, da ›bringt der Affe die Frucht dar‹; dieser Tag eignet sich besonders zur Aufnahme edler Gelehrter und neuer Aufgaben«, erklärte der Hofastronom. Erfreut befahl der König den Beamten der Audienzhalle, den Palastgarten zu reinigen, um den Schwiegersohn und seine drei hohen Schüler dort in Erwartung des Hochzeitsbanketts einzuquartieren. Alle sprachen ihren Beifall, der König zog sich zurück, und die Hofbeamten zerstreuten sich. Es war schon gegen Abend, als Tripitaka und seine Schüler in den Palastgarten kamen, wo man sie mit einer vegetarischen Mahlzeit bewirtete. »Nach dem langen Tag sollten wir wirklich was essen«, brummte Bajie. Bald wurden ganze Ladungen von Reis, Teigwaren und anderen Sachen aufgetischt, und Bajie schlug sich den Bauch voll, bis er nicht mehr konnte. Schließlich wurden Laternen angezündet, die Schlaflager vorbereitet, und jeder legte sich zur Ruhe. Als Tripitaka sicher war, dass ringsum niemand mehr zugegen war, wandte er sich aufgebracht an Pilger und sprach: »Du Affenschädel! Immer ziehst du mich ins Unheil! Ich habe dir doch gesagt, dass ich nur wegen des Reisepasses in den Palast gehen will, ich wollte gar nicht zum Zierturm! Warum wolltest du mich unbedingt dorthin führen? Nun haben wir eine solche Schererei! Was sollen wir bloß tun?« Pilger lächelte versöhnlich und meinte: »Meister, Ihr habt doch selbst gesagt, Eure Mutter habe einst ebenfalls einen Seidenball ausgeworfen und so ihren Gatten gefunden. In Euren Worten lag eine Art Achtung vor der Vergangenheit, nur deshalb bin ich alter Sun mit Euch dorthin gegangen. Außerdem dachte ich an die Worte des alten Mönchs vom Kloster zur Goldgabe und wollte die Gelegenheit nutzen, um Licht in die Sache zu bringen. Eben habe ich mir den König näher angeschaut, und es sieht ganz so aus, als wäre sein Antlitz von einer finsteren Energie überzogen. Nur habe ich die Prinzessin noch nicht gesehen.« »Was nützt es, wenn du die Prinzessin siehst?« fragte Tripitaka. »Ich alter Sun habe feurige Augen mit Goldpupillen! Ich brauche doch nur jemandem ins Gesicht zu schauen, um zu wissen, wie es um dessen innere Wahrheit und Güte steht. Anschließend kann ich alles Weitere unternehmen, um Klarheit in diese Geschichte zu bringen.« »Aber jetzt hat sie sich in den Kopf gesetzt, mich zu heiraten«, wandte Tripitaka ein, »was willst du dagegen unternehmen?« »Lasst uns den zwölften Tag abwarten, wenn die Hochzeit stattfinden soll, denn dann wird die Prinzessin gewiss antreten, um sich vor ihren Eltern zu verneigen. Ich alter Sun werde sie von der Seite beobachten. Sollte es sich um eine echte Frau handeln, dann schickt Euch einfach in die Rolle des königlichen Schwiegersohns und genießt den Ruhm und Reichtum dieses Landes.« Da fuhr Tripitaka zornig auf und rief: »Wehe, du Affenschädel! Du willst mich immer noch ins Unheil ziehen! Wuneng hat es doch neulich gesagt: Von zehn Etappen dieser Reise haben wir die letzte schon zu sieben, acht Teilen gewonnen. Was redest du da noch für Unsinn daher? Halte sofort diesen unreinen Mund! Sonst werde ich den Spruch aufsagen, dass dir nicht mehr zum Lachen zumute ist!« Erschrocken kniete Pilger nieder und rief: »Bitte nicht, Meister! Lasst uns warten, bis die Zeremonie abgehalten wird, dann machen wir einen großen Aufruhr im Palast und führen Euch hier raus.« Als der Meister und sein Schüler das Gespräch beendet hatten, legten sie sich schlafen. Bald war die Nacht vorüber, der goldene Hahn kündigte den Morgen an, und pünktlich um drei Viertel nach der dritten Nachtwache bestieg der König seinen Thron zur Morgenaudienz. So war es in der Tat: Offen stehen alle Tore, Hoch die heile Aura dringt; Und Palastmusik erschallt Bis hinauf zum Firmament. Wolken ziehen mit dem Winde, Bunte Pantherflaggen schwingen; Dächer leuchten in der Sonne, Jadene Gehänge klingeln. Durch die Dünste schimmert fein Frühlingshaftes Weidengrün; Morgentau netzt Perlen gleich Sanft des Gartens holdes Blühn. Tausende in Reih und Glied, Stirnaufschläge, Lobgesänge; Friede herrscht im ganzen Reich, Eintracht währe ewig lange! Nachdem die Hofbeamten abgetreten waren, rief der König Tripitaka und seine Schüler zu sich. Gleichzeitig beauftragte er die Abteilung für höfische Unterhaltung, für die Festlichkeiten des zwölften Tages ein vorzügliches Bankett herzurichten und Wein für den ganzen Tag vorzubereiten, damit der neue Schwiegersohn sich nach Herzenslust im Palastgarten ergehen könne. Dem Hofamt für Riten erteilte er den Auftrag, die drei Anverwandten in die Herberge der Poststation zu geleiten und eine Weile abzuwarten; der Abteilung für höfische Unterhaltung befahl er, drei Einzeltische mit vegetarischen Speisen in die Herberge zu bringen und dort Gesellschaft zu leisten, und das Hofamt für Musik erhielt Weisung, an beiden Orten aufzuspielen, damit man sich in aller Muße des Frühlings erfreuen und während dieser Tage angenehm die Zeit vertreiben könne. Als Bajie dies mitbekommen hatte, meinte er: »Majestät, seit wir unserem Meister folgen, haben wir uns nie auch nur einen Augenblick von ihm getrennt. Wenn er im Palastgarten verköstigt werden soll, so lasst doch auch uns in den Tagen hier die Zeit vertreiben. Anschließend werden wir ihn Euch als Schwiegersohn überlassen. Sonst gehen wir auf diesen Handel nicht ein.« Wie nun Bajie mit seinem unansehnlichen Äußeren und seiner grobschlächtigen Art noch dazu die Schnauze hochreckte und mit den Ohren wackelte, gab der König schließlich aus Furcht, die Ehe könnte beeinträchtigt werden, nach und befahl: »Zwei Tische kommen in den Pavillon zur Befriedung Chinas, wo ich mit dem Schwiegersohn Platz nehmen will. Drei weitere Tische sollen im Pavillon zum Fortwährenden Frühling aufgestellt werden, wo die drei Schüler gesondert tafeln mögen, da ansonsten die Sitzfolge zwischen Meister und Schülern schwer zu arrangieren ist.« Da machte Bajie endlich eine Verneigung und bedankte sich, dann traten alle ab, und der König befahl den Bediensteten der inneren Gemächer, in Erwartung der Vermählung am zwölften Tag die Königin, die Hofdamen und die Prinzessin mit feierlichem Festputz auszustatten. Am späteren Vormittag ließ der König Sänften bereitstellen und lud Tripitaka und seine Schüler zum Lustwandeln in den Palastgarten. Nachdem sie eine Weile durch die prächtigen Anlagen flaniert waren, wurden Pilger und seine Ordensbrüder von einem Vertreter des Hofamtes für Riten in den Pavillon zum Fortwährenden Frühling gebeten, worauf der König Tripitaka in den Pavillon zur Befriedung Chinas geleitete. Nun gab man sich Trank und Speise hin, zur prachtvollen Tafel spielten Flöten und Zithern auf, es gab Darbietungen in Gesang und Tanz, alles war von unsäglicher Pracht. Da dieser König nun eine solche Ehrerbietung zeigte, blieb dem Priester nichts übrig, als die frohe Stimmung, so gut es ging, zu teilen. Doch es war in der Tat eine Maske der Freude über einem Herzen voller Kummer! Während er zu Tische saß, bemerkte er an der Wand vier goldene Holztafeln, auf denen Szenerien der vier Jahreszeiten prangten. Jedes Bild war mit dem Gedicht eines berühmten Hofpoeten versehen. Das Gedicht zum Frühling lautete: Des Universums eine Kraft Vollzieht die große Bahn, Auf Erden sprießt es wieder, Und alles fängt neu an. Pfirsiche und Pflaumenblüten Leuchten um die Wette schön, Und an prachtvoll bunte Balken Schichten Schwalben ihr Parfüm. Das Gedicht zum Sommer lautete: Sachte streicht ein heißer Wind, Macht das Denken träge dämmern; Granatblust und Sonnenblumen In der hellen Sonne flimmern; Einer Jadeflöte Klänge; In den Mittagsschlummer dringen Wassernuss- und Lotosdüfte, Säuseln hinter Bettvorhänge. Das Gedicht zum Herbst lautete: Ein Platanenblatt liegt einsam Gelb im goldverbrämten Brunnen; Keiner rollt die Perlvorhänge, Über Nacht wird Raureif kommen. Schwalben wissen um den Herbst,471 Lassen ihre Nester weilen; Wie die Gänse, die vom Schilf Auf zu fernen Landen eilen. Das Gedicht zum Winter lautete: Kalter Regen, Wolken stieben Düster in die eisige Welt; Schneegestöber aus dem Norden Tausend Hügel weiß umhüllt. Tief im Königshofe glimmt Warm des Ofens rote Glut; Jemand meldet: Pflaumen blühn, Wie Juwelen vor dem Zaun!472 Der König bemerkte, wie Tripitaka sich den Gedichten zuwandte, und sprach: »Werter Schwiegersohn, Eure Freude an der Poesie verrät, dass Ihr selbst ein guter Dichter sein müsst. Darf ich, falls Ihr gewillt seid, Eure gewiss glänzende Begabung zu offenbaren, Euch bitten, auf die gegebenen Verse je ein eigenes Poem zu reimen?« Ganz versunken in die poetischen Bilder und in innere Klarheit, sprach Tripitaka auf die achtungsvolle Einladung des Königs vor sich hin: »Sonnenwärme rührt das Eis, Die Welt zieht ihren Lauf …« Erfreut winkte der König einen Leibwächter heran, die vier Schätze des Studierzimmers zu bringen. Dann wandte er sich an Tripitaka und sprach: »Unser Schwiegersohn sei gebeten, den Vers zu vollenden und aufzuschreiben, damit wir uns später in Ruhe daran erlaben können.« Der Priester nahm das Angebot freudig an, setzte den Pinsel an und begann zu dichten. Zum Frühlingsgedicht reimte er das Folgende: »Sonnenwärme rührt das Eis, Die Welt zieht ihren Lauf; Blumen in des Königs Garten Blühn von neuem auf. Warme Brise, milder Regen Labt das Volk mit frischem Nass; Friede herrscht im ganzen Reiche, Nimmer gibt es Krieg und Hass.« Zum Sommergedicht reimte er: »Südlich steht der Große Wagen, Sommertage enden spät, Eschenblüten messen sich Mit dem feurigen Granat. Schwalben und Pirole singen In des Hofes Trauerweiden, Ihre beiden Stimmen dringen Kunstvoll hinter rote Seiden.« Zum Herbstgedicht reimte er: »Apfelsinen, Mandarinen Ihre Düfte nun verströmen; Während Tannen und Zypressen Schon dem Reif entgegensehen. Knospenfrische Chrysanthemen Bündeln ihre schöne Kunst; Lieder und Mundorgeln tönen Wie entrückt im fernen Dunst.« Zum Wintergedicht reimte er: »Sonnenwetter folgt auf Schnee, Kälte hält die Luft in Bann; Und bizarre Felsenspitzen Setzen weiße Kuppen an. Während über Kohleglut In dem Ofen Käse schmort, Sing ich laut, die Hand im Ärmel, An der Brüstung von Smaragd.474 Beschwingt lobte der König: »Welch ein schöner Vers, dieses ›Sing ich laut, die Hand im Ärmel, an der Brüstung von Smaragd‹!« Sogleich beauftragte er das Amt für Musik, die neuen Gedichte zu vertonen. So verging der Tag, bis sich am Abend alle zerstreuten. Auch die Ordensbrüder gaben sich im Pavillon zum Fortwährenden Frühling dem Genuss hin, und nach mehreren Bechern Wein verspürten sie allmählich einen leichten Rausch. Gerade wollten sie den Priester aufsuchen, als sie ihn beim König im Pavillon sitzen sahen. Bajie, ungehobelt wie er war, schnauzte: »Ha, wie nett, wie angenehm! Jetzt haben wir uns lang genug vollgeschlagen, hauen wir uns auf die Pritsche!« »Bruder, dir fehlt es wirklich an rechtem Benehmen«, lachte Sandmönch, »wie sollen wir schlafen, wenn wir so satt sind?« »Du weißt eben nicht, was der Volksmund sagt«, gab Bajie zurück: »Streck dich nach dem Essen aus, sonst wächst dir kein Speck am Bauch!« Nachdem sich Tripitaka vom König verabschiedet hatte, kam er zum anderen Pavillon und rügte Bajie: »Du ungehobelter Tollpatsch! Immer unmöglicher benimmst du dich! Wie kannst du an einem solchen Ort lauthals Kommentare abgeben? Ist dir denn nicht bewusst, dass wir in Lebensgefahr kommen, wenn wir den König verärgern?« »Ach, halb so schlimm«, versetzte Bajie, »wir stehen mit ihm in verwandtschaftlicher Verbundenheit, was kann er uns schon übelnehmen! So heißt es doch im Volksmund: ›Verwandtschaft lässt sich nicht wegprügeln, Nachbarschaft lässt sich nicht wegschimpfen.‹ Wir vergnügen uns ja bloß ein bisschen, brauchen doch nichts zu fürchten!« Da rief der Priester aufgebracht: »Bringt mir diesen Bajie her, der kriegt jetzt zwanzig Schläge mit dem Priesterstab!« Schon packte Pilger Bajie mit einem Griff, stieß ihn zu Boden, und der Priester begann auf ihn einzuschlagen. »Verehrter Edelmann! Königlicher Schwiegersohn!« schrie der Tölpel auf, »noch bevor Ihr richtig zur königlichen Familie gehört, erteilt Ihr schon drakonische Strafen!« Pilger hielt ihm die Hand vor den Mund und versetzte: »Lass den Unsinn! Leg dich beizeiten schlafen.« Abermals verbrachten sie die Nacht im Pavillon zum Fortwährenden Frühling, und tags darauf vergnügten sie sich weiter mit Speis und Trank. So vergingen drei, vier Tage, und es kam der zwölfte Tag des Mondmonats. Vom Hofamt für Festlichkeiten und dem Ministerium für Bauarbeiten traf folgende Meldung ein: »Die Bauarbeiten für die Residenz des königlichen Schwiegersohnes, welche zu errichten Eure Diener Befehl erhalten durften, sind beendet; es fehlen nur noch Hochzeitsdekoration und Einrichtung. Das Hochzeitsbankett steht ebenfalls bereit, insgesamt fünfhundert Tische, geteilt in vegetarische und fleischhaltige Speisen.« Gerade wollte der König zufrieden seinen Schwiegersohn zur Tafel laden, als aus den inneren Gemächern die Meldung eintraf: »Majestät, die Königin lässt bitten!« Also begab sich der König zu den Wohngemächern. Dort traf er im Shaoyang-Palast die von Konkubinen und Palastdamen umgebene Königin, die fröhlich mit der Prinzessin plauderte. In der Tat, das war wie seidener Brokat mit schönen Blumenmustern, ein Meer von prächtigem Gepränge, bezaubernder als im Paradies oder im Mondpalast, gewiss nicht weniger auserlesen als in den Jaspispalästen der Unsterblichen! Glücklich lächelnd trat der König in den Shaoyang-Palast und setzte sich. Nachdem sich die Konkubinen mit der Prinzessin vor ihm verneigt hatten, sprach er: »Prinzessin, meine liebe Tochter! Seit du am achten Tag deinen Seidenball geworfen und das Glück hattest, einen heiligen Mönch zu treffen, musst du rundum zufrieden sein. Die Staatsdiener aller Ämter haben ganz nach meinen Sinnen gehandelt, so dass mittlerweile alle Vorbereitungen beendet sind. Heute also ist der glückliche Tag, so kannst du dich nun zum Festbankett begeben!« Da tat die Prinzessin einen Schritt nach vorn, ging vor dem König in die Knie und sprach: »Vater König! Verzeiht Eurem Kind die große Sünde, hierzu noch ein Wort einzuwenden. Dieser Tage hörte ich Bedienstete erzählen, dass der heilige Priester aus China drei Schüler bei sich habe, die schrecklich wüst aussehen sollen. Euer Kind wagt diesen Anblick nicht zu sehen, darum bitte ich Vater König inständig, sie vorab aus der Stadt zu schicken, sonst wäre der Schrecken für mein zartes Wesen allzu groß, und das wäre gewiss nicht segensreich.« »Zum Glück erwähnst du das, mein Kind«, sprach der König, »beinah hätte ich es vergessen. Die drei sind in der Tat nicht ansehnlich. Ich habe sie nun schon mehrere Tage lang im Palastgarten verköstigt, so will ich sie heute erst zur Audienz kommen lassen, ihren Pass abstempeln und sie auf die Reise schicken, aus der Stadt hinaus. Dann können wir die Tafel ungestört genießen.« Mit Stirnaufschlägen bedankte sich die Prinzessin für die königliche Gunst. Der König begab sich zur Audienzhalle, wo er gleich nach dem Schwiegersohn und dessen Schülern schicken ließ. Tripitaka aber hatte sich die Tage an den Fingern abgezählt, und als nun endlich der zwölfte Tag kam, besprach er sich schon vor Tagesanbruch mit seinen Schülern. »Heute ist der Zwölfte; was sollen wir jetzt tun?« fragte er. Pilger sprach: »Dass der König eine düstere Aura um sich hat, hab ich schon gemerkt, doch da sein Körper nicht davon befleckt ist, scheint mir das Übel nicht allzu groß. Nur habe ich ja eben die Prinzessin noch nicht zu Gesicht bekommen. Sobald sie sich zeigt, sehe ich alter Sun auf den ersten Blick, ob sie echt ist oder falsch. Erst dann kann ich alles Weitere unternehmen. Ihr braucht Euch also keine Sorgen zu machen. Heute wird sie uns bestimmt zu sich bitten, um uns zu verabschieden. Wenn wir aus der Stadt sind, werde ich sofort wieder zu Euch kommen und schützend bei Euch bleiben.« Da erschien ein Hofdiener der Audienzhalle zusammen mit einem Beamten des Hofamtes für Zeremonien und lud zur Audienz. »Sofort«, lachte Pilger, »wir kommen gleich.« Also folgten sie den Staatsdienern mit Gepäck und Pferd bis zu den Stufen zur Audienzhalle. Als der König sie gewahrte, bat er sie nach vorn und sprach: »Bringt euren Passschein, damit ich das königliche Siegel daraufsetzen kann. Ihr werdet reichlich Spesen und Proviant erhalten, damit ihr baldmöglichst zum Seelenberg und zu Buddha gelangt. Wenn ihr mit den Schriften auf dem Rückweg seid, soll euch abermals mit reichen Gaben gedankt werden. Unseren Schwiegersohn könnt ihr unbesorgt zurücklassen.« Pilger dankte und überreichte das Passdokument; der König besah es, drückte sein Siegel auf und setzte seine Unterschrift dazu. Dann ließ er ihnen zum Zeichen verwandtschaftlicher Verbundenheit zehn Goldbarren und zwanzig Silberbarren aushändigen. Bajie wollte sie gleich nehmen, Pilger hingegen legte nur die Hände vor der Brust übereinander, rief »Vielen Dank!« und wandte sich zum Gehen. Entsetzt hielt ihn Tripitaka zurück und sprach: »Jetzt wollt ihr wirklich alle gehen?« Pilger kniff ihn in die Hand, zwinkerte ihm zu und meinte: »Bleibt nur hier und genießt sorglos das schöne Fest. Sobald wir die Schriften haben, kommen wir Euch besuchen.« Nun rief der König seinen Schwiegersohn zu sich und schickte einige Hofbeamte, die drei aus dem Palast zu geleiten. Tripitaka blieb nichts übrig, als von ihnen zu lassen und sich in die Halle zu begeben, während Pilger und die anderen mit den Amtsträgern zum Palasttor gingen und sich dort verabschiedeten. Abermals gingen sie zur Poststation, wurden vom Vorsteher in Empfang genommen und mit Tee und Speise bewirtet, dann sprach Pilger zu Bajie und Sandmönch: »Bleibt hier, doch lasst euch ja nicht draußen blicken. Falls der Vorsteher fragt, was los sei, dann gebt irgendeinen vagen Grund an, doch sprecht mich nicht an; ich gehe jetzt den Meister beschützen.« Er zupfte sich ein Pelzhaar aus und ließ es in seiner Gestalt in der Poststation, während er selbst in die Lüfte sprang und als Biene leise in den Palast surrte. Dort fand er Tripitaka mit sorgenvoll gerunzelter Stirn zur Linken des Königs auf einem hübschen Porzellanschemel sitzend. Rasch surrte er an sein Ohr und flüsterte: »Meister, da bin ich, macht Euch keine Sorgen!« Dies hatte niemand außer Tripitaka gehört. Jetzt war ihm endlich wohler zumute. Es dauerte nicht lange, da kam ein Palastbeamter und sprach: »Majestät, das Hochzeitsbankett steht im Elsternpalast bereit. Die Königin und die Prinzessin warten bei der Tafel und bitten Eure Majestät, gemeinsam mit dem Edelmann vor die neue Verwandtschaft zu treten.« In höchster Freude begab sich der König mit seinem Schwiegersohn zur genannten Palasthalle. Und da wir nicht wissen, was geschah, nachdem Tripitaka in die Halle trat, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第095回 / 95. Kapitel Was in falschem Leib erschien, wird als Jadehase gefasst / Wahres Yin kehrt ein in den beseelten Ursprung Berichten wir weiter, wie Tripitaka nun dem König in den hinteren Teil des Palastes folgte, wo Paukenschläge und Musik erschollen und exotische Düfte die Luft durchzogen, während der Priester gesenkten Hauptes voranschritt, ohne einen Blick zu wagen. Pilger, der auf dem Priesterhut saß, frohlockte heimlich und besah sich das Ganze im göttlichen Licht seiner weit offenen Augen. Zu beiden Seiten standen anmutige Palastdamen Spalier, nicht weniger prachtvoll als in den hehren Himmelspalästen der Unsterblichen, ja noch wundervoller als kunstvoll bestickte Brokatgehänge oder silberhelle Wandschirme. Als Pilger bemerkte, wie unbeeindruckt Tripitaka blieb, schnalzte er im Stillen bewundernd mit der Zunge. Nach kurzer Zeit führte die Königin mit vielen Palastdamen die Prinzessin aus dem Elsternpalast heraus, und alle riefen einstimmig: »Lang lebe der König! Zehntausend Jahre unserem König!« Furchtsam blieb der Priester stehen, bebte am ganzen Körper und wusste nicht, was er tun sollte. Pilger jedoch hatte die Prinzessin bereits durchschaut: Es lag eine dämonische Aura über ihrem Haupt, allerdings nicht von auffällig boshafter Art. Rasch surrte er an Tripitakas Ohr und flüsterte: »Meister! Es ist eine falsche Prinzessin!« »Aber wie willst du es anstellen, dass sie ihre wahre Gestalt zeigt?« fragte der Priester. »Meine wahre Gestalt zeigen und sie an Ort und Stelle packen!« »Nein, nein, das geht doch nicht!« wehrte der Priester erschrocken ab, »so erschreckst du den Herrscher zu Tode! Warte lieber, bis sich König und Königin zurückgezogen haben.« Doch wie hätte Pilger, dieser ungeduldige Charakter, darauf eingehen können! Schon nahm er seine eigene Gestalt an, stürzte sich fauchend auf die Prinzessin und schrie: »Gutes Sündenbiest, was gaukelst du hier vor, als wäre es echt! Mit all dem, was du hier schon genossen hast, solltest du dich längst begnügen, doch jetzt willst du gar meinen Meister betrügen und seine wahre Yang-Kraft zerstören mit deiner Lüsternheit!« Der König war fassungslos, Königin und Konkubinen drohten in Ohnmacht zu fallen, und die Palastdamen rannten in alle Richtungen um ihr Leben. Tripitaka aber umklammerte zitternd den König und rief unentwegt: »Keine Angst, Majestät! Das ist nur mein Schüler, der mit göttlicher Kraft die Wahrheit aufdeckt!« Als die Dämonin sah, dass es schlecht um sie bestellt war, entwand sie sich dem Griff, warf ihr Gewand ab, riss sich den Kopfputz aus den Haaren und schoss in den Palastgarten. Dort holte sie im Erdgeisttempel eine Art Stößel, machte rechtsum kehrt und schlug damit wie wild auf Pilger ein, der sie mit seiner Eisenstange abwehrte. So lieferten sich die beiden mit lautem Kampfgeschrei im Palastgarten ein wildes Gefecht, ließen dann ihre Zauberkräfte spielen und stiegen in wolkige Höhe, wo das Ringen weiterging. Im Erdgeisttempel holte sie eine Art Stößel, machte rechtsum kehrt und schlug damit wie wild auf Pilger ein, der sie mit seiner Eisenstange abwehrte. Das gesamte Stadtvolk war fassungslos, die Hofbeamten zitterten, der Priester aber hielt immer noch den König am Arm und rief ihm zu, er möge keine Angst haben, während er gleichzeitig auch noch die Königin und alle anderen zu beruhigen suchte und rief: »Eure Prinzessin ist ein Ungeheuer, das ihre Gestalt angenommen hat; sobald mein Schüler sie gefangen hat, werdet ihr alles Weitere erfahren.« Die Konkubinen hoben Gewand und Kopfputz auf, hielten die Sachen der Königin hin und sprachen: »Das sind die Sachen der Prinzessin. Sie hat das einfach abgeworfen und kämpft nun mit bloßem Leib am Himmel gegen den Mönch. Es muss tatsächlich eine Dämonin sein.« Allmählich fanden König, Königin und Konkubinen ihre Beherrschung wieder, und alle blickten zum Himmel. Doch wenden wir uns dem Ungeheuer und Pilger zu, deren Gefecht lange andauerte, ohne dass eine Entscheidung fiel. Da warf Pilger seine Stange in die Luft und schrie: »Verwandlung!« Schon wurden aus der einen Stange zehn, aus zehn hundert, und bald wimmelte der ganze Himmel von Stangen, dass es aussah, als ob sich zahllose Schlangen ringeln würden. Damit schlug er nun wild auf die Dämonin ein, bis sie es mit der Angst zu tun bekam, sich ruckartig in einen klaren Windstoß verwandelte und am blauen Himmel das Weite suchte. Pilger aber steckte seine Stange ein und schoss auf einem glückverheißenden Lichtstrahl hinter ihr her. Sie näherten sich schon dem Westlichen Himmelstor, wo man die hellen Flaggen wehen sah. Laut schrie Pilger: »Wächter! Haltet das Ungeheuer, lasst es nicht entwischen!« Tatsächlich trat der Himmelskönig Dhritarashtra mit den vier Marschällen Pang, Liu, Gou und Bi heraus, und alle stellten sich der Dämonin mit erhobenen Waffen in den Weg. Da sie nicht eindringen konnte, wandte sie sich jäh um, erhob ihren kurzen Stock gegen Pilger und stürzte sich in einen Kampf auf Leben und Tod. Während Pilger sie mit seiner Eisenstange in Schach hielt, richtete er das Augenmerk auf ihre Waffe. Sie war am einen Ende dicker und sah wirklich aus wie ein Stößel, den man für einen Mörser benutzt. »Sündenbiest!« fauchte er, »was für eine Waffe führst du da, dass du es wagst, gegen den alten Sun anzutreten?« Das Ungeheuer ließ die Zähne knirschen und rief: »Du weißt also nichts davon! Hör zu, was ich dir sage: Diese göttergleiche Wurzel Ist aus weißem Jadestein; Ward vor ungezählten Jahren Zu der Form gefeilt so fein. Schon zur Urzeit war sie mein, Als das Chaos aufgegangen; Hat neben dem Mondpalast Im Osmanthus-Schloss gehangen. Diese Waffe ist fürwahr Von bemerkenswertem Ruhm, Denn sie existiert viel länger Als dein Goldreifstäbchen schon! Vom Palast der Weiten Kälte Dieser Kräutermörser stammt; Wer nur leicht damit getroffen, Wird ins Totenreich verbannt!« Pilger brach in Gelächter aus und rief: »Du bist mir ja ein schönes Sündenbiest! Kommst vom Mond und kennst nicht mal die Fähigkeiten des alten Sun! Und nun wagst du es gar, dich noch hier aufzuhalten! Nimm auf der Stelle deine wahre Gestalt an und ergib dich, wenn dir dein Leben lieb ist!« »Natürlich weiß ich, dass du der Pferdeknecht bist, der vor fünfhundert Jahren im Himmelspalast wütete«, gab das Ungeheuer zurück, »und ich weiß auch, dass ich eigentlich von dir lassen sollte. Aber es ist nun mal so, dass das Vereiteln eines Ehebundes einen Hass erzeugt, der nicht geringer ist als eine Ermordung der eigenen Eltern! Rein vom Gefühl her kann ich das einfach nicht hinnehmen; ich muss dich verprügeln!« Wütend hob Pilger seine Eisenstange, die Dämonin schwang ihren Stößel, und es entfachte sich vor dem Westlichen Himmelstor ein grimmiger Kampf, der abermals an die zehn Runden dauerte, bis die Dämonin allmählich spürte, dass sie Pilger nicht gewachsen war. Da erhob sie ihren Stößel zu einem letzten Scheinschlag, machte kehrt und stob als tausendfaches Strahlenbündel gen Süden, der Große Heilige hinter ihr her. Bald kamen sie zu einem hohen Berg, wo die Dämonin ihre Strahlen senkte und in einem Erdloch verschwand. Da Pilger fürchtete, sie könnte sich mit Zauber ins Königreich zurückversetzen und dort Tripitaka etwas antun, prägte er sich die Form des Berges ein und sauste auf einer Wolke zum Königreich zurück. Es war bereits am späten Nachmittag, als das Königspaar und die Palastdamen immer noch in heller Aufregung den Großen Heiligen aus den Wolken niedergleiten sahen. »Meister, da bin ich!« schrie Pilger, und Tripitaka beeilte sich zu rufen: »Wukong, bleib stehen; du darfst die Majestät nicht erschrecken! Und sage mir, wie steht es mit der falschen Prinzessin?« Pilger blieb aufrecht vor dem Elsternpalast stehen, legte die Hände vor der Brust übereinander und sprach: »Die falsche Prinzessin ist ein Ungeheuer. Ich habe gegen sie gekämpft, bis sie nicht mehr standhalten konnte und auf einen Berg geflohen ist. Ich habe sie verfolgt, doch dort konnte ich sie nicht mehr finden. Aus Furcht, sie könnte Euch hier was antun, bin ich zurückgekommen.« Da klammerte sich der König an Tripitaka und fragte: »Aber wo ist denn meine Prinzessin, wenn die falsche eine Dämonin ist?« »Sobald ich die falsche Prinzessin gefasst habe, wird Eure richtige Prinzessin zum Vorschein kommen«, gab Pilger zur Antwort. Als Königin und Konkubinen dies gehört hatten, legte sich ihre Angst. Eine nach der anderen trat vor, verneigte sich und sprach: »Möge der heilige Mönch unsere Prinzessin retten! Wir werden Euch mit reicher Belohnung danken.« »Hier ist nicht der Ort zum Sprechen«, versetzte Pilger, »Majestät, bitte geht mit meinem Meister zur Audienzhalle; die werte Königin und ihr Gefolge mögen sich derweil in die Gemächer zurückziehen. Außerdem schicke man bitte nach meinen Ordensbrüdern Bajie und Sandmönch, damit sie hier den Meister beschützen können, während ich das Ungeheuer überwältige. So bleiben die inneren und die äußeren Bereiche gebührlich getrennt, und ich brauche mir keine unnötigen Sorgen zu machen. Die Sache muss unter allen Umständen ins Reine kommen, so kommt auch mein aufrichtiger Einsatz zur Geltung.« Der König dankte in einem fort. Dann nahm er den Priester an der Hand und schritt mit ihm aus dem Wohnpalast der Audienzhalle entgegen, während sich die Palastdamen in die Wohngemächer zurückzogen. Es wurde eine vegetarische Mahlzeit zubereitet, gleichzeitig schickte man nach Bajie und Sandmönch, und wenig später trafen beide ein. Pilger erzählte ihnen, was sich zugetragen hatte, und schärfte ihnen ein, den Meister achtsam zu schützen. Nun schoss der Große Heilige auf seiner Wolke zum Himmel auf und hielt nach Süden, wo er jenen Berg absuchte. Die Dämonin aber hatte sich in eine Höhle gezwängt, die Öffnung mit einem großen Stein versperrt, und dort hielt sie sich nun versteckt. Pilger suchte eine Weile, doch als sich ringsum nichts regte, packte ihn die Ungeduld, bis er schließlich mit Fingerzeichen und Zauberwort Berggott und Erdgeist hervorzwang und rief: »Schläge seien euch vorerst erspart, doch gebt klare Auskunft: Wie heißt dieser Berg und wie viele Ungeheuer hausen hier? Sprecht die volle Wahrheit, dann bleibt ihr von Strafe verschont.« »Großer Heiliger!« antworteten die beiden Geister, »der Berg heißt Maoying, Pinselspitze; hier gibt es nichts als drei Hasenhöhlen. Seit Urzeiten hat hier nie ein Ungeheuer gelebt; es ist ein Land von fünffacher Glückseligkeit! Wenn Ihr, Großer Heiliger, Ungeheuer sucht, werdet Ihr sie eher auf dem Weg in den Westen finden!« »Aber eben habe ich ein Ungeheuer bis hierher verfolgt«, erwiderte Pilger, »warum ist es jetzt einfach weg?« Auf diese Frage führten die Geister Pilger zu den drei Höhlen. Zuerst kamen sie zu einer Höhle am Fuß des Berges, wo ein paar Kaninchen ängstlich davonhoppelten. Erst oben auf dem Gipfel entdeckten sie eine Höhle, die mit zwei großen Steinen versperrt war. »Sicher hat sich der Dämon in der Not hier versteckt«, meinte der Erdgeist. Da hob Pilger seine Eisenstange und zertrümmerte die Steine, worauf die Dämonin, die sich tatsächlich dort versteckt hielt, mit einem Schrei auffuhr und sich mit ihrem Stößel auf Pilger stürzte, der ihn mit der Stange abwehrte. Entsetzt fuhr der Berggott zurück, der Erdgeist suchte das Weite, und das Ungeheuer rief den Geistern wütend nach: »Wer hat euch gesagt, ihr sollt ihn hierherführen?« Nach Kräften wehrte sie sich gegen die Eisenstange, zog sich aber immer mehr zurück, dem Himmel entgegen. Wieder wurde es Abend. Pilger war nun so wütend, dass er sie am liebsten mit einem Schlag totgehauen hätte. Plötzlich aber klang aus den Höhen des azurnen Himmels eine Stimme: »Halt, Großer Heiliger!« Wie Pilger sich umwandte, sah er den Mondgott der Höchsten Yin-Kraft mit Mondfeen im Gefolge auf bunten Wolken zu ihm herniederschweben. Rasch steckte er seine Stange weg, verneigte sich und sprach: »Wohin des Weges, werter Mond?« Der Mondgott sprach: »Die Dämonin, mit der Ihr hier kämpft, ist der Jadehase, der bei uns im Palast der Weiten Kälte das Kraut der Unsterblichkeit des tiefdunklen Raureifs mörsert. Sie hat eigenmächtig das goldene Schloss des Palasttors aufgebrochen und ist mir entlaufen, genau heute vor einem Jahr. Weil ich mir ausrechnen konnte, dass ihr in diesem Augenblick ein tödliches Unheil geschehen kann, bin ich gekommen, sie zu retten. Möge der Große Heilige mir zuliebe den Hasen laufenlassen!« Pilger stimmte ihm zu und sprach: »Gewiss, ich will ihr nichts antun. Kein Wunder also, dass sie einen Stößel zur Waffe nimmt; es ist also das Jadehäschen! Ihr müsst wissen, werter Mond, dass sie die Prinzessin von Indien geraubt und sich selbst in deren Gestalt verwandelt hat. So wollte sie meines Meisters ursprüngliche Yang-Energie zerstören. Dieses Vergehen ist wirklich nicht leicht zu verzeihen!« »Ihr wisst noch nicht alles«, entgegnete der Mond. »Die Prinzessin jenes Königs ist nämlich auch keine Normalsterbliche. In Wirklichkeit ist es eine der Feen vom Mondpalast. Vor zwanzig Jahren hat sie dem Hasen einmal einen Klaps gegeben und bekam dann Sehnsucht nach dem Erdenleben, so dass ihre Seele in den Bauch der Königin von Indien einging und zur Prinzessin ward. Der Hase aber, der ihr noch immer grollte wegen dieses Schlags, hat vor einem Jahr eigenmächtig den Palast verlassen und die Fee in eine entlegene Gegend versetzt. Allerdings hätte er sich nicht dazu versteigen dürfen, den Priester aus China heiraten zu wollen; dies lässt sich wahrlich nicht entschuldigen. Zum Glück habt Ihr die Wahrheit ans Licht gebracht, so konnte er wenigstens Eurem Meister nichts antun. Doch bitte ich inständig, mir zuliebe dem Hasen zu verzeihen, dann werde ich ihn mitnehmen.« »Nun, angesichts dieser Umstände will ich alter Sun mich nicht dagegen auflehnen«, lachte Pilger. »Was ich fürchte, ist allein, dass der König mir nicht glauben wird, wenn Ihr den Hasen jetzt einfach mitnehmt. Dürfte ich Euch, werter Mondgott und Feenschwestern, vielleicht bemühen, den Hasen dorthin zu bringen, damit wir dem König einen handfesten Beweis vorführen können? So würde sich zum einen die Macht des alten Sun offenbaren, zum anderen können wir erklären, warum die Fee hernieder auf Erden gekommen ist. Danach soll der König seine Feenprinzessin in Empfang nehmen, damit die karmischen Zusammenhänge offen ans Licht kommen.« Auf diese Worte wies der Mondgott mit dem Finger auf die Dämonin und rief mit harter Stimme: »Sündiges Tier! Willst du dich endlich zum Guten wenden!« Da rollte sich der Jadehase zusammen und erschien in seiner eigenen Gestalt. Der Große Heilige freute sich über alle Maßen und führte den Mondgott mit allen Mondfeen und dem Hasen auf lichten Wolken zum Königreich Indien. Dort brach gerade die Dämmerung an, der Mond stieg auf, und im Stadtturm schlugen die Trommeln zur ersten Nachtwache. Der König, der mit dem Priester in der Audienzhalle weilte, erwähnte gerade, dass er die Audienz beenden wolle, als plötzlich von Süden her vielfarbige Wolken am Himmel zu sehen waren, die ein taghelles Licht verströmten. Gleich darauf erklang die laute Stimme des Großen Heiligen Sun, der nach unten rief: »Majestät, König von Indien, ruft Eure Königin und alle Palastdamen, kommt heraus und schaut! Unter diesem Baldachin seht Ihr den Mondgott des Höchsten Yin; ihm zur Seite sind die Mondfeen vom Mondpalast. Dieser Hase aber ist jene falsche Prinzessin, die bei Euch war und heute wieder ihre wahre Gestalt angenommen hat!« Eilends hieß der König die Königin und alle Konkubinen, Palastdamen und Zofen, zum Himmel zu beten. Auch er selbst, der Priester und alle Hofbeamten falteten die Hände und verneigten sich gen Himmel. In der ganzen Stadt war kein Haus, in dem man nicht Weihrauch entzündet, Stirnaufschläge vollzogen und zu Buddha gebetet hätte. Während alle in tiefer Hingebung weilten, regte sich in Bajie die Lust. Da konnte er sich nicht länger halten, schoss in die Lüfte und umschlang die Unsterbliche mit dem Regenbogengewand und rief: »O Schwesterlein, wir kennen uns doch, komm, wir gehen uns ein bisschen amüsieren!« Da schoss Pilger hinzu, packte Bajie und versetzte ihm zwei Ohrfeigen. »Du unverbesserlicher Tölpel«, schimpfte er, »ist dir eigentlich nicht bewusst, wo wir uns befinden? Und da wagst du mit deiner Lüsternheit zu kommen!« »Wollte mir doch bloß ein bisschen die Zeit vertreiben, war doch nur ein Spaß«, brummte Bajie. Der Mondgott gab sogleich Befehl, den Rückweg anzutreten, und entschwebte mit seinen Feen und dem Jadehasen zum Mondpalast, während Pilger Bajie in die Staubwelt zerrte. Der König aber betrat die Audienzhalle, dankte Pilger und sprach: »Wir sind Euch aufs höchste verbunden, göttlicher Mönch! Dank Eurer immensen Zauberkraft ist es Euch gelungen, die falsche Prinzessin einzufangen. Doch wo ist nun unsere wahre Prinzessin?« Der Mondgott gab sogleich Befehl, den Rückweg anzutreten, und entschwebte mit seinen Feen und dem Jadehasen zum Mondpalast. »Auch Eure Prinzessin ist nicht von gewöhnlicher Herkunft. Sie ist in Wirklichkeit eine Mondfee und kam vom Mondpalast herunter auf Erden. Vor zwanzig Jahren hatte sie dem Jadehasen einen Klaps gegeben, was dieser ihr nicht verzeihen konnte, weswegen er auf Rache sann. Daher ist der Hase letztes Jahr herab auf Erden gekommen und hat diese Fee geraubt und in einer entlegenen Gegend versteckt, während er selbst ihre Gestalt annahm und Euch so hinters Licht führte. Über diese Zusammenhänge hat mich eben der Mondgott aufgeklärt. Und da nun die Falsche nicht mehr hier ist, könnt Ihr morgen ausfahren, die Wahre zu suchen.« Da konnte der König die Tränen nicht mehr zurückhalten und schluchzte: »Ach, mein Kind! Von klein auf sitze ich auf diesem Thron und bin noch nicht einmal zum Stadttor hinausgekommen. Wo soll ich dich nur suchen gehen?« Pilger lachte: »Grämt Euch nicht, Eure Prinzessin ist im Kloster zur Goldgabe im Jetavana-Garten. Heute mögen sich vorerst alle zur Ruhe legen, morgen werde ich Euch die wahre Prinzessin wiedergeben!« Da warfen sich die Hofbeamten dem König zu Füßen und sprachen: »Möge unser König sich den göttlichen Mönchen anvertrauen! Es sind wahrhaftig Buddhas, die auf Wolken schweben. Morgen braucht Ihr nur ihnen zu folgen, dann wird sich alles klären.« Der König willigte ein und gab Befehl, im Pavillon zum Fortwährenden Frühling eine vegetarische Mahlzeit aufzutischen, damit man sich anschließend zur Ruhe legen könne. So war es in der Tat: Der Kupferkannen Tropfen verklingt,475 Der Mond scheint leuchtend hell; Goldne Glöcklein bimmeln leise, Und der Wind trägt ihren Schall. Während noch der Kuckuck ruft, Ist der Frühling nur noch halb; Blütenblätter fallen wortlos, Mitternacht kommt bald. In dieser Nacht löste sich die dämonische Aura vom König, und er fühlte seine Kräfte wachsen. Frühmorgens um drei Viertel nach der fünften Nachtwache begab er sich zur Morgenaudienz, anschließend ließ er Tripitaka und dessen Schüler bitten. Umgehend trat der Priester an, vollführte die vorgeschriebenen Hofriten, während der Große Heilige und die anderen beiden nur grüßend die Hände falteten. Der König machte sitzend eine leichte Verneigung und sprach: »Gestern sprachen wir von meinem Kinde, der Prinzessin. Dürften wir heute die göttlichen Mönche bemühen, zwecks ihrer Errettung mit der Suche zu beginnen?« Der Priester berichtete nun ausführlich von der Frau, die im Kloster zur Goldgabe Wahn vortäuschte. Als der König dies vernommen hatte, weinte er bitterlich. Bald eilten die Frauen der inneren Gemächer herbei, fragten nach dem Grund, und es war keine unter ihnen, die nicht schmerzliches Mitleid empfand. Es dauerte lange, bis der König schließlich fragte, wie weit denn das Kloster zur Goldgabe von der Stadt entfernt sei. »Nur sechzig Wegmeilen«, antwortete Tripitaka. Sogleich erteilte der König den Befehl: »Die Prinzen vom Ost- und vom Westpalast sollen sich um die Angelegenheiten aller Hallen kümmern, und der Präzeptor soll Audienz halten. Ich werde nun mit der Königin, den Hofbeamten und den vier göttlichen Mönchen zum Kloster fahren, um die Prinzessin abzuholen.« Umgehend wurden die Kutschen bereitgestellt, und der König verließ mit seiner Eskorte den Palast. Pilger aber schoss in die Lüfte, schwenkte leicht die Hüften, und schon war er vor allen anderen beim Kloster. Die Mönche warfen sich vor ihm nieder und riefen: »Werter Herr, bei Eurer Abreise wart Ihr doch zu Fuß mit allen anderen; wie kommt es, dass Ihr nun vom Himmel niedersteigt?« Pilger lachte nur und fragte: »Wo ist der alte Meister? Ruft ihn schnell und stellt Altäre mit Weihrauch bereit, den König zu empfangen! Gleich werden der König und die Königin von Indien kommen, mit allen Hofbeamten und meinem Meister!« Die Mönche konnten sich das nicht erklären. Eilends schickten sie nach ihrem alten Meister. Als dieser Pilger sah, fiel er ihm zu Füßen und rief: »Werter Herr! Wie steht es um die Sache mit der Prinzessin?« Pilger berichtete ausführlich, was geschehen war. Dankend vollzog der alte Mönch zahlreiche Stirnaufschläge. Pilger aber reichte ihm die Hand zum Aufstehen und sprach: »Lasst das, macht lieber alles zum Empfang des Königs bereit.« Die Mönche, die erst jetzt erfuhren, dass hinter ihrem Kloster eine Frau eingeschlossen war, waren erschüttert und erfreut zugleich. Nun machten sich alle daran, Weihrauchtische aufzustellen, Festgewänder anzuziehen, Glocken und Trommeln zu schlagen, und so warteten sie auf die Ankunft des Königs. Es dauerte nicht lange, da stand die königliche Eskorte vor den Toren, und man sah die Mönche in Reih und Glied am Wegesrand knien und den König mit tiefen Verbeugungen empfangen, während Pilger in ihrer Mitte stand. »Wie konntet Ihr nur vor uns ankommen, göttlicher Mönch?« wunderte sich der König. »Ich alter Sun habe eben mal ein bisschen die Hüften geschwenkt, da war ich halt schon da. Warum habt Ihr denn so lange gebraucht?« lachte Pilger. Inzwischen waren auch der Priester und alle anderen angekommen. Der König wurde gleich zur Kammer hinter dem Kloster geführt, wo die Prinzessin noch immer verrückt spielte und wie ihm Wahn vor sich hin redete. Kniend wies der alte Mönch auf die Kammer und sprach: »In diesem Raum befindet sich die werte Dame Prinzessin, welche vorigen Jahres vom Wind hierhergetragen wurde.« Er öffnete das Schloss und stieß die Tür auf. Der König und die Königin erkannten ihre Prinzessin auf den ersten Blick und nahmen sie in die Arme. »Mein armes Kind!« rief der König, »wie konnte dir ein solches Leid widerfahren, dass du hier hast büßen müssen!« Wenn Eltern und Kinder sich wiederfinden, übertrifft das in der Tat jedes andere Wiedersehen! Lange hielten sich alle drei laut schluchzend in den Armen. Als sie denn einander all das Leid der Trennung erzählt hatten, wurde duftend warmes Badewasser bestellt, damit sich die Prinzessin reinigen, neu einkleiden und in der Kutsche heimwärts fahren konnte. Pilger aber wandte sich mit vor der Brust gewölbten Händen an den König und sprach: »Ich alter Sun muss Euch noch etwas fragen.« Der König erwiderte die höfliche Geste und fragte: »Was darf ich für den göttlichen Mönch tun?« »Dieser Berg heißt Hundertfüßerberg«, begann Pilger, »und man sagt, dass hier neuerdings der Geist eines Skolopenders umgehen soll, der nachts Menschen angreife. Für Reisende ist das sehr beschwerlich. Meines Wissens ist der Hahn das einzige Wesen, das den Skolopender zu überwinden vermag; es wäre darum angebracht, von den besten Hähnen Eures Reiches tausend auszuwählen und sie hier auszusetzen, damit die giftige Kreatur ausgetrieben wird. Gleichzeitig soll der Berg neu benannt werden und das Kloster einen königlichen Titel bekommen. Damit würde dem alten Mönch die Gunst gedankt, dass er die Prinzessin hier geborgen hat.« Freudig versprach der König, dies zu tun, und schickte umgehend Hofbeamte in die Stadt, die Hähne zu besorgen. Dem Berg verlieh er den Namen Baohua-Shan, Berg der Edlen Blüte. Anschließend beauftragte er das Ministerium für Bauwesen, Baumaterialien zu beschaffen, um das Kloster neu zu errichten, und verlieh ihm den Titel »Königliches Kloster der Goldgabe auf dem Berg Zur Edlen Blüte«. Den alten Mönch aber ernannte er zum Mönchsminister mit Reichsverdienst, dessen Titel über Generationen weitergegeben werden solle, und überreichte ihm eine Spende von sechsunddreißig Zentnern Getreide. Die Mönche sprachen ihren Dank aus und gaben der königlichen Eskorte ihr Abschiedsgeleit. Als die Prinzessin im Palast eintraf, wurde sie von allen Seiten begrüßt, und es gab einen üppigen Festschmaus, um sie aufzuheitern und zu beglückwünschen. So weilten nun die Königin, die Konkubinen und die Prinzessin wieder glücklich beisammen. Auch der König und die Hofleute speisten und tranken fröhlich eine ganze Nacht lang. Am folgenden Morgen beauftragte der König einen Hofmaler mit der Abbildung der vier Mönche, damit er deren Bildnisse ihnen zu Ehren im Pavillon zur Befriedung Chinas aufstellen konnte. Anschließend bat er die Prinzessin, abermals frische Gewänder anzuziehen und den Pilgermönchen für die Errettung zu danken. Nachdem alle ihren Dank ausgesprochen hatten, wollte sich der Priester vom König verabschieden, um gen Westen zu reisen. Doch wie hätte ihn der König leichthin ziehen lassen! Stattdessen gab er ein reiches Festmahl, das ganze fünf, sechs Tage dauerte, bis er schließlich verstand, wie sehr den Pilgernden daran gelegen war, zu Buddha zu gelangen. Da wollte er sie nicht länger zurückhalten, ließ zweihundert Gold- und Silberbarren und für jeden ein Tablett voller Kostbarkeiten bringen, doch Meister und Schüler weigerten sich, auch nur das Geringste anzunehmen. So ließ der König schließlich die Palastkutsche bereitstellen, bat den verehrten Meister aufzusteigen und ließ seine Hofleute ein langes Geleit geben. Alle in der ganzen Stadt, vom König über die Minister und Hofleute bis hin zum einfachen Bürger, warfen sich in höchster Dankbarkeit vor ihnen nieder. Als sie schon aufbrachen, kamen auch die Mönche herbei, um Abschied zu nehmen, alle verbeugten sich vor ihnen, und keiner wollte von ihnen lassen, so dass Pilger schließlich mit Fingerzeichen und Zauberspruch in Richtung des südöstlichen Wind-Trigramms Xun tief Luft holte und sie auspustete, dass ein dunkler Windstoß kam und allen Begleitern die Sicht derart trübte, dass sie sich dem ganzen Trubel endlich entziehen konnten. Und da wir nicht wissen, was sich auf der Weiterreise noch alles ereignete, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第096回 / 96. Kapitel Junker Kou beherbergt freudig hohe Priester / Tripitaka trachtet nicht nach Wohlstand Form ist formhaft, doch ist Form Im Grunde ohne Form; Ebenso ist Leerheit leer, Und doch nicht wirklich leer.476 Lärm und Stille, Reden, Schweigen Letztlich gleichen Ursprung haben; Wozu also noch sich mühen, Und im Traum von Träumen reden? Denn was nützlich ist, kann auch In dem Nutzen nutzlos sein; Was verdienstlos ist, das bringt Anderswie Verdienste ein. Letzten Endes wird die Frucht Doch von selber reif und rot; Frage darum nicht danach, Wie man Samen kultiviert. Wie berichtet wird, hatten Tripitaka und seine Schüler die Mönche vom Kloster der Goldgabe mit einer Magie von sich abgehalten. Als diese den düsteren Sturmwind sahen, der die Sicht auf die Pilgernden verdeckte, glaubten sie, es wäre ein Buddha hinab auf Erden gekommen, warfen sich vor der Erscheinung nieder und gingen schließlich zurück, doch davon sei hier nicht weiter die Rede. Während Meister und Schüler weiter gen Westen zogen, neigte sich der Frühling dem Ende zu, und der Sommer begann. Unzählige Tage reisten sie wieder von früh bis spät durch Schluchten und Gebirge und kamen wohl einen halben Monat lang ungehindert voran, bis sie eines Tages in der Ferne eine umwallte Stadt erblickten. »Meine Schüler«, rief Tripitaka, »was mag das wieder für ein Ort sein?« »Keine Ahnung, weiß ich nicht«, meinte Pilger. Bajie lachte: »Du bist doch diesen Weg schon oft gegangen, wie kannst du behaupten, du wüsstest das nicht! Du hältst uns doch bloß zum Narren!« »Du verstehst auch gar nichts, du Tölpel!« fuhr Pilger auf, »natürlich habe ich den Weg schon öfter zurückgelegt, aber immer hoch oben über den Wolken; hier bin ich doch nie gelandet! Was nichts mit der Sache zu tun hat, brauche ich auch nicht zu untersuchen, und darum weiß ich es auch nicht. Wozu sollte ich euch zum Narren halten!« So gelangten sie bald vor die Mauern der Stadt. Dort stieg Tripitaka vom Pferd, überquerte die Hängebrücke und passierte das Stadttor. An der langen Straße saßen zwei alte Männer plaudernd unter einem Dachvorsprung. Tripitaka hieß die Schüler auf der Straße warten, ging mit gefalteten Händen auf die beiden zu und sprach: »Seid gegrüßt, werte Spender!« Die Alten waren ganz in ihr Gespräch vertieft; es ging um Aufschwung und Verfall, um Gewinn und Verlust, um die Frage, wer zu den Heiligen und wer zu den Vorbildlichen zähle, und wie doch von all den einstigen Helden und Heldentaten heutzutage nichts mehr übrig sei; es sei wirklich ein Jammer! Von Tripitakas Gruß überrascht, grüßten die Männer zurück und fragten: »Was wollt Ihr, werter Priester?« »Geringer Mönch ist aus der Ferne hierher gepilgert, um Buddha zu huldigen. Da ich eben erst angekommen bin, weiß ich gar nicht, wie die Stadt heißt und wo es wohl Leute gibt, die Almosen spenden?« »Ihr seid hier in Tongtai, der ›Stadt der Kupfertribüne‹«, erklärten die Alten, »weiter hinten liegt die Kreisstadt Diling, ›Erdseele‹. Wenn Ihr was essen wollt, Priester, braucht Ihr nicht von Haus zu Haus betteln gehen. Kehrt lieber da vorn beim Torbogen ein, im Haus vom Junker Kou. Dort steht schon am Eingang angeschrieben: ›Wir heißen zehntausend Mönche willkommen‹. Als Pilgermönch könnt Ihr Euch dort nach Herzenslust verpflegen. Aber geht jetzt und stört nicht unser Gespräch!« Tripitaka dankte, kehrte zu Pilger zurück und berichtete, was er erfahren hatte. Also zogen die vier gemächlich die Straße entlang, wo sie einmal mehr erschrockene und neugierige Blicke auf sich zogen und bald von Schaulustigen umringt waren. Der Priester schärfte seinen Schülern ein, sich zu benehmen, worauf tatsächlich alle drei die Köpfe senkten und nicht aufzuschauen wagten. Nach einer Wegbiegung kamen sie an ein Eingangsportal mit Tigerstatuen, und an der Schattenmauer im Eingangsbereich hing eine große Plakette, auf der eine Aufschrift in vier Schriftzeichen zu lesen war: »萬 僧不阻 – Alle Mönche sind willkommen«. Tripitaka tat einen tiefen Seufzer, nickte und sprach: »Es ist tatsächlich wahr: Der Westen ist ein Buddhaland!« Bajie wollte gleich eintreten, doch Pilger rief: »Halt, Tölpel! Erst wenn jemand rauskommt und fragt, dürfen wir eintreten.« Also legten sie die Reisebündel vor dem Tor nieder und ließen das Pferd ruhen. Es dauerte nicht lange, da trat ein Diener mit einer Waage und einem Korb nach draußen. Kaum hatte er die Wartenden erblickt, ließ er vor Schrecken beides fallen, stürmte ins Haus und rief: »Herr, draußen sind vier fremdartige Mönche!« Jener Junker, der gerade, auf einen Spazierstock gestützt, durch den Hof wandelte und buddhistische Gebete murmelte, legte den Stock beiseite und trat zum Empfang nach draußen. Ohne sich vor dem garstigen Aussehen der Schüler zu fürchten, rief er ihnen zu: »Herein! Kommt nur herein!« In bescheidener Haltung trat Tripitaka mit den anderen in den Hof. Über einen Seitenweg führte sie der Junker zu einem Gebäude und sprach: »Hier sind die vorderen Räume, die Halle mit dem Buddha-Altar, die Gebetshalle und die Speisehalle. Den hinteren Teil bewohne ich Buddhajünger mit meiner Familie.«477 Tripitaka spendete bewunderndes Lob. Dann nahm er seine Priesterrobe heraus, legte sie um und schritt, nachdem er sich vor der Buddhahalle verneigt hatte, zum Altar, wo er mit gereinigten Händen ein Räucherstäbchen entzündete und sich tief verneigte. Anschließend wandte er sich mit grüßender Geste dem Junker zu, der ihn gleich am Arm in die Gebetshalle führte, um die Grußriten zu vollziehen. Als der Priester gerade seine Verbeugung machen wollte, fiel ihm der Junker abermals in den Arm und sprach: »Legt das Buddhakleid nur ab.« Tripitaka zog also die Priesterrobe wieder aus, führte mit dem Junker die gebotenen Verneigungen aus und bat schließlich auch seine drei Schüler, zum Gruß vorzutreten. Der Junker hieß seine Diener das Pferd versorgen und die Reisebündel in den Korridor stellen, dann erkundigte er sich nach ihrem Anliegen. Tripitaka sprach: »Geringer Mönch ist im Auftrag des Kaisers von China im Osten unterwegs, um hier in dieser geschätzten Gegend auf dem Seelenberg Buddha zu huldigen und Heilige Schriften zu erbitten. Da wir vernehmen durften, dass in Eurer werten Residenz Mönche verpflegt werden, sind wir gekommen, Euch einen Besuch abzustatten. Wir bräuchten nur eine Mahlzeit, dann können wir gleich weiterziehen.« »Wir bräuchten nur eine Mahlzeit, dann können wir gleich weiterziehen.« Der Junker strahlte vor Freude und sprach lächelnd: »Mein geringer Name lautet Kou Hong, der Beiname ist Dakuan, der Freigiebige. Unnütz bin ich schon vierundsechzig Jahre alt geworden. Zu meinem vierzigsten Geburtstag legte ich das Gelübde ab, 10 000 Mönche zu verköstigen; erst wenn diese Zahl erreicht ist, ist das Gelübde eingelöst. Inzwischen sind vierundzwanzig Jahre vergangen, und insgesamt habe ich 9996 Mönche bewirtet. Zur Vollendung der Zahl fehlen also noch genau vier Mönche, und da schickt mir nun der Himmel euch vier werte Meister, das muss gefeiert werden! Richtet euch hier gemütlich ein und bleibt mindestens einen Monat bei uns. Am Ende werde ich euch mit Pferden und Sänften auf den Berg führen. Von hier bis zum Seelenberg sind es nur noch achthundert Meilen; bald seid ihr vom Leid befreit!« Dies zu hören freute Tripitaka sehr, und so zeigte er sich vorerst einverstanden. Schon machten sich die vielen Bediensteten des Hauses daran, Holz und Wasser herbeizuschaffen, um das Essen vorzubereiten. Der unerwartete Betrieb kam auch der Mutter des Hauses zu Ohren, und sie fragte: »Was für Mönche sind denn da, dass plötzlich alle so geschäftig sind?« »Eben sind vier fremdländische Mönche eingetroffen«, erklärte einer der Diener. »Sie haben dem Hausvater gesagt, sie kämen aus dem Osten und seien vom Kaiser von China entsandt, auf dem Seelenberg Väterchen Buddha zu huldigen. Wer weiß, wie weit sie schon gereist sind. Unser Hausvater sagt, der Himmel hätte sie geschickt, und er hat uns befohlen, sofort eine Mahlzeit zuzubereiten.« Das freute auch die alte Frau, und sie rief einer Kammerdienerin zu: »Bring mir was Hübsches zum Anziehen, ich will mal schauen gehen.« Der Diener aber lief zur Gebetshalle und sagte es dem Junker, worauf sich Tripitaka höflich erhob. Schon stand die alte Frau vor der Halle und blickte in das wohlgestalte Antlitz des chinesischen Priesters. Erst beim zweiten Blick fielen ihr die sonderbaren Gestalten Pilgers und der anderen Schüler auf, die an seiner Seite standen. So gern sie glauben wollte, dass die Mönche vom Himmel gesandt seien, wurde sie doch von Furcht beschlichen, als sie vor der Halle kniend die Hände faltete. Tripitaka beeilte sich, die Geste zu erwidern, und sprach: »Dank sei Euch für diese unverdiente Beehrung, gnädige Frau!« Zum Junker gewandt fragte die Frau: »Warum sitzen denn die vier Meister nicht nebeneinander?« Da reckte Bajie seine Schnauze hoch und rief: »Wir drei sind seine Schüler!« Oho! Diese Stimme wirkte wie das Brüllen eines Tigers im tiefen Gebirge, und dem Mütterchen wurde bang und bänger. Auf einmal traten zwei junge Scholaren hinzu und warfen sich in der Gebetshalle vor Tripitaka nieder. Als dieser verwundert die Geste erwidern wollte, hielt ihn der Junker zurück und erklärte: »Das sind meine Söhne Kou Liang und Kou Dong. Sie kommen gerade aus dem Studierzimmer zum Mittagessen. Da sie wohl von der Ankunft der vom Himmel gesandten Meister erfahren haben, sind sie gekommen, euch zu begrüßen.« »Wie artig! Wie sittsam!« freute sich Tripitaka. »Es ist wirklich, wie man sagt: Wer hohe Gäste haben will, der walte mit Güte, wer folgsame Nachkommen haben will, der lasse sie studieren.« Nun wandten sich die beiden an ihren Vater und fragten: »Woher kommt denn der werte Meister?« Der Junker lächelte und sprach: »Aus weiter Ferne! Der Kaiser von China weit im Osten auf dem Kontinent Jambudvipa hat sie hierher zum Seelenberg gesandt, um Väterchen Buddha zu huldigen und von ihm Heilige Schriften zu erbitten.« Da meinte der eine: »In den ›Umfassenden Notizen zu allen Dingen‹479 habe ich gelesen, dass es auf Erden vier Kontinente gibt und wir uns auf dem Kontinent Aparagodaniya befinden. Wie viele Jahre mag er wohl gereist sein, von Jambudvipa bis hierher?« Lächelnd antwortete Tripitaka: »Auf dieser Reise sind wir wohl mehr Tage aufgehalten worden, als wir wirklich unterwegs waren. Oft mussten wir schrecklichen Dämonen und grimmigen Ungeheuern begegnen, das hat uns große Anstrengung und auch viel Leid gebracht. So brauchten wir insgesamt vierzehn Sommer und Winter, bis wir an diesen werten Ort gelangen durften.« Voller Bewunderung riefen die jungen Scholaren: »Ihr seid ja göttliche Mönche! Wirklich göttliche Mönche!« Das Gespräch wurde nun von einem jungen Diener unterbrochen, der meldete, das Essen stehe bereit. Der Junker bedeutete seiner Frau, sich mit den Söhnen ins Wohnhaus zurückzuziehen, und geleitete die vier Mönche in die Speisehalle, wo alles fein säuberlich ausgelegt war. Beflissen gingen Diener hin und her, ein jeder mit einer festen Aufgabe. Der eine brachte die Suppe, der andere schöpfte den Reis, so eilten sie flink wie Sternschnuppen hin und her, während Bajie eine Schale Reis nach der anderen verschlang, dass es geradezu aussah, als würden kleine Wolken von einem Sturmwind weggefegt. Nachdem sich Meister und Schüler nach Herzenslust gesättigt hatten, stand Tripitaka auf, dankte dem Junker und wollte die Weiterreise antreten. Der aber hielt ihn zurück und sprach: »Werter Meister, bleibt getrost ein paar Tage hier! So sagt es doch der Volksmund: ›Vollenden ist schwieriger als beginnen‹: Ich kann mir nicht erlauben, euch vor der Feier zur Vollendung meines Gelübdes auf die Weiterreise zu geleiten.« Angesichts dieses frommen Ansinnens kam Tripitaka schließlich nicht umhin zu bleiben. Es waren schon sechs, sieben Tage vergangen, als der Junker endlich vierundzwanzig buddhistische Mönche aus der Umgebung kommen ließ, um die Zeremonien zur Einlösung seines Gelübdes zu veranstalten. Die Mönche verbrachten erst drei, vier Tage mit dem Abfassen von Texten und der Wahl eines günstigen Datums, und nachdem man schließlich drei Tage und Nächte durchgefeiert hatte, drängte es Tripitaka so sehr zum Tempel des Donnergrollens, dass er sich fest entschlossen an den Junker wandte, um Abschied zu nehmen. »Ihr habt es aber eilig, werter Meister«, meinte dieser, »ich muss Euch wohl verstimmt haben, weil ich Euch wegen der Zeremonie nicht genügend Beachtung zukommen ließ!« »Wir haben Euch große Umstände gemacht«, entgegnete Tripitaka, »wir wissen gar nicht, wie wir Euch das alles vergelten sollen! Von Verstimmung ist gar keine Rede. Das Problem ist nur, dass ich damals beim Verlassen unserer Hauptstadt auf die Frage des Kaisers von China, wann ich wohl zurückkehren würde, fälschlicherweise gesagt habe, drei Jahre sollten wohl ausreichen. Nun wurden wir aber unterwegs so oft aufgehalten, dass bereits vierzehn Jahre verflossen sind! Und ob wir die Heiligen Schriften auch wirklich erhalten werden, wissen wir immer noch nicht. Für die Rückkehr brauchen wir ja auch noch einmal zwölf bis dreizehn Jahre, das kommt bereits einem Verstoß gegen das kaiserliche Edikt gleich; wie darf ich mir eine solche Sünde aufbürden! Bitte, werter Junker, lasst geringen Mönch ziehen! Sobald wir die Schriften haben, werden wir Eure Residenz gerne wieder aufsuchen und dann etwas länger bleiben. Wäre das nicht auch gut?« Bajie konnte es nicht lassen, sich einzumischen, und rief: »Meister, das ist nicht eben taktvoll! Da hat der werte Junker nun in seinem wohlhabenden Haus ein Gelübde eingelöst und will uns in aller Aufrichtigkeit beherbergen; wir könnten doch problemlos ein Jahr hierbleiben! Wozu denkt Ihr immer nur ans Gehen? Wollt Ihr all die leckeren Speisen stehen lassen, nur um wieder von Tür zu Tür betteln zu gehen? Wo sollen wir unterwegs noch mal so gastfreundliche Hausherren und Hausfrauen finden?« »Schwachkopf!« fuhr ihn der Priester an, »denkst immer nur ans Essen; zu welchem Ziel wir diese Reise unternehmen, ist dir gleichgültig! Wie ein Tier in seiner ersten menschlichen Inkarnation. Wenn ihr hier dem Genuss frönen wollt, gehe ich morgen alleine weiter!« Als Pilger seinen Meister mit solch strenger Miene sah, packte er Bajie, hieb ihm mit beiden Fäusten auf den Schädel und schimpfte: »Du undankbarer Tölpel! Nur deinetwegen ist der Meister jetzt mit uns unzufrieden!« Wutschnaubend stand Bajie neben ihm, wagte aber nichts mehr zu sagen. Wohlmeinend versuchte der Junker Tripitaka zu beschwichtigen und sprach lächelnd: »Beruhigt Euch, werter Meister. Geduldet Euch heute noch ein wenig; für morgen will ich Flaggen und Trommeln vorbereiten und Euch mit Nachbarn und Verwandten das Abschiedsgeleit geben.« Doch nun kam die Frau des Hauses und fragte: »Werter Meister, wie viele Tage wohnt Ihr schon bei uns?« »Bereits einen halben Monat«, antwortete Tripitaka. Da erklärte die Frau: »Dann mag diese Hälfte als Verdienst des Junkers gelten, die andere Hälfte werde ich mit dem, was ich von meinen Näharbeiten erspart habe, übernehmen.« Sie hatte noch nicht zu Ende gesprochen, als Dong mit seinem Bruder hinzutrat und sprach: »Werte Meister! Während der vierundzwanzig Jahre, in denen unser Vater Mönche verköstigt hat, ist nie ein halbwegs anständiger Mensch gekommen. Nun, da wir das Glück haben, unser Gelübde erfüllt zu wissen und göttliche Mönche bewirten zu dürfen, scheint es uns, als würde ein schäbiges Strohhaus auf einmal in prachtvollem Glanz erstrahlen. Wir beide sind zwar jung und wissen nicht viel von den karmischen Zusammenhängen, doch haben wir öfters sagen hören: ›Was der Mann sät, erntet der Mann; was die Frau sät, erntet die Frau; wer aber nichts sät, der erntet auch nichts.‹ Da nun Vater und Mutter beide nach gutem Karma streben, möchten auch wir Brüder mit dem wenigen, was wir erspart haben, die werten Meister einen halben Monat bewirten, bevor wir euch verabschieden müssen.« Da sprach Tripitaka: »Allein schon die holde Gunst der Frau des Hauses darf ich nicht anzunehmen wagen; wie könnte ich noch dazu dies Angebot der tugendhaften Gebrüder annehmen? Darauf kann ich nicht eingehen; ich muss jetzt unter allen Umständen aufbrechen. Ich bitte Euch inständig um Verzeihung!« Als die Mutter und ihre Söhne merkten, dass er nicht von seinem Willen abzubringen war, fühlten sie sich gekränkt und meinten: »Da wollen wir ihn mit bester Absicht bewirten, er aber besteht stur darauf, zu gehen! Dann soll er doch gehen, wozu uns noch mit ihm abgeben?« Sie wandten sich ab und gingen hinein. Wie der Junker nun Meister und Schüler in missvergnügter Stimmung sah, wagte er sie nicht länger zum Bleiben zu bitten. Er ging aus der Gebetshalle hinaus und beauftragte seine Schreiber, Bekannten und Verwandten die Einladung zu schicken, man möge sich morgen früh zur Abschiedsfeier für den Meister aus China einfinden. Dann ließ er die Köche ein reiches Festmahl zubereiten und gab gleichzeitig den Auftrag, bunte Flaggen zu besorgen, Trommler und Musikanten anzuheuern und buddhistische und daoistische Mönche einzuladen. Die Zeit, zu der alles bereitstehen sollte, wurde auf die vormittägliche Doppelstunde Si festgesetzt. Die Diener nahmen ihre Aufträge entgegen und traten ab. Bald nahte auch schon der Abend, und nach dem Abendmahl legte man sich schlafen. Doch seht, wie nun die Diener geschäftig hin und her eilen und von oben nach unten ihre Anweisungen erteilen! Der emsige Betrieb dauerte bis in den frühen Morgen, und als die Doppelstunde Si anbrach, stand alles bereit. Priester und Schüler waren früh aufgestanden, hatten ihre Reisebündel geschnürt, das Pferd gesattelt und warteten nur noch darauf, endlich aufbrechen zu können. Der Junker lud sie in die große Halle im hinteren Teil des Hauses, wo wiederum ein üppiges Festmahl bereitstand, noch exquisiter als alles, was sie bisher in der Speisehalle genossen hatten. Gerade als der Priester sich vor dem Junker dankend verneigen wollte, trafen die Gäste ein. Die Nachbarn, Verwandten und Freunde, die am Vortag eingeladen worden waren, traten alle zusammen vor den Priester und verneigten sich, um anschließend ihre Plätze einzunehmen. Am unteren Ende der Halle spielten Zithern und Mundorgeln auf, und am oberen Ende, wo das Festgelage stattfinden sollte, erklang Saitenmusik und Gesang. Die Festtafel war in der Tat von außergewöhnlicher Pracht. Nachdem alles vorüber war, bedankte sich der Priester beim Junker und allen Anwesenden, und man machte sich zum Aufbruch bereit. Vor den Toren standen bunte Flaggen und Baldachine in ordentlichen Reihen aufgestellt, Trommler und Musikanten standen bereit sowie je eine Gruppe buddhistischer und daoistischer Mönche. Man ließ den Priester und seine Schüler die Spitze des Zuges einnehmen und setzte sich zum Schall von Trommeln und Trompeten unter wehenden Flaggen in Bewegung. Von allen Seiten strömten Menschen herbei, Sänften und Pferde folgten dem Zug, und alle wollten sehen, wie der Junker Kou den chinesischen Priester verabschiedete. Es war ein Prunk ohnegleichen. Auf der einen Seite sangen die Buddhisten ihre Litaneien, auf der andern Seite bliesen Daoisten ihre mystischen Melodien, so geleitete man die Pilgernden zum Stadttor hinaus, bis zum Zehnmeilen-Pavillon, wo abermals ein vegetarisches Festmahl bereitstand, bei dem alle die Becher erhoben und einander zum Abschied zutranken. Mit Tränen in den Augen sprach der Junker: »Meister, wenn ihr auf dem Rückweg seid, müsst ihr unbedingt noch einmal ein paar Tage bei uns wohnen, das würde mir einen Herzenswunsch erfüllen!« Tief gerührt sprach Tripitaka: »Wenn ich auf dem Seelenberg Buddha erblicke, werde ich als Erstes Eure große Gunst preisen, werter Junker! Auf dem Rückweg werden wir gewiss wieder bei Euch vorbeikommen und uns in Dankbarkeit vor Euch niederwerfen.« Im Gespräch hatten sie weitere zwei, drei Meilen zurückgelegt, und nun bat der Priester inständig, Abschied zu nehmen. Da brach der Junker in lautes Wehklagen aus und kehrte um. So war es in der Tat: Er gelobte, Mönche zu bewirten, Um in die Erleuchtung einzugehen, Doch es war ihm nicht gegeben, Buddha Tathagata selbst zu sehen. Doch wenden wir uns den Pilgernden zu, die bald weitere fünfzig Wegmeilen zurückgelegt hatten, als es zu dunkeln begann. »Es ist spät«, bemerkte der Priester, »wo sollen wir übernachten?« Bajie rümpfte seine Schnauze und rief: »Das habt Ihr nun vom Weiterziehen! Reis und Tee lasst Ihr stehen, und in dem Haus, wo es so schön kühl war, wollt Ihr nicht bleiben. Und wenn es nun regnet in der Nacht, was dann?« »Elendes Sündenvieh«, schimpfte Tripitaka, »schon wieder beklagst du dich! So heißt es doch: ›In der Hauptstadt ist es schön, doch ist dies nicht der Ort zu weilen.‹480 Sobald wir, so unser Schicksal will, endlich vor Buddha treten und die Heiligen Schriften erhalten haben, werden wir nach China zurückkehren und beim Kaiser vorsprechen, dann kannst du dich jahrelang aus der Hofküche vollfressen, bis du platzt, du sündiges Tier! Zum Gespenst eines Überfressenen wirst du dann!« Der Tölpel kicherte, wagte aber nichts mehr zu erwidern. In der Ferne konnte Pilger an der Landstraße einige Gebäude ausmachen, und er wandte sich an den Meister: »Da vorn können wir ruhen.« Doch als der Priester ankam, sah er, dass es sich um einen verfallenen Torbogen handelte. Auf einer verwitterten Holztafel waren vier Schriftzeichen zu lesen: » 華光行院 – Kloster des Padmaprabha«. Der Priester stieg vom Sattel und sprach: »Bodhisattva Padmaprabha war ein Jünger des Flammenbuddhas der Fünf Lichter. Weil er den Dämonenkönig des Giftfeuers besiegt hatte, wurde er des Amtes enthoben und zum Göttlichen Minister der Fünffachen Offenbarung gemacht. Es muss bestimmt noch jemand da sein, der sich um den Altar kümmert.« Also gingen sie hinein. Drinnen aber fanden sie alles in Ruinen, selbst die noch vorhandenen Mauern standen schief. Weit und breit war keine Menschenseele, und alles war von Gras und Unkraut überwachsen. Sie wandten sich zum Gehen. Doch in der Zwischenzeit hatte sich eine finstere Wolke über ihnen zusammengeballt, aus der es jetzt in Strömen zu regnen begann. Da blieb ihnen nichts übrig, als unter Mauerresten Schutz zu suchen, und so drängten sie sich denn so gut es ging an eine geschützte Stelle und wagten kein lautes Wort zu sagen, aus Furcht, irgendwelche Ungeheuer könnten auf sie aufmerksam werden. Im Kauern und Stehen verbrachten sie eine mühselige Nacht und taten kein Auge zu. Ach! So war es in der Tat: Im Frieden liegt versteckt sein Gegenteil,482 In höchster Freude trifft noch Trauer ein. Und da wir nicht wissen, was am folgenden Morgen auf sie zukam, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第097回 / 97. Kapitel Der fromme Spender wird von Unheil heimgesucht / Als dunkle Seele setzt der Heilige den Urgrund frei Wie Tripitaka und seine Schüler im nächtlichen Regen zwischen den Ruinen des Padmaprabha-Klosters ausharrten, sei einstweilen dahingestellt. Stattdessen wollen wir uns einer Horde Banditen zuwenden, die sich in der Gemeinde Diling, Präfektur Tongtai, herumtrieb und von Raub und Plünderung lebte. Diese Räuber nämlich unterhielten sich gerade darüber, wer wohl der reichste oder wer der zweitreichste Mann der Stadt sei, denn sie planten ihren nächsten Überfall. Einer meinte: »Wir brauchen keine großen Untersuchungen anzustellen; die im Hause Kou haben doch heute jenem Priester aus China ein derart luxuriöses Geleit gegeben, dort wird einiges an Gold und Silber zu holen sein. Gerade jetzt bei diesem nächtlichen Regen, wenn auf den Straßen keiner aufpasst und in den Vierteln keine Patrouille gemacht wird, passt es wunderbar, oder?« Die Räuber frohlockten und trabten gleich, mit Waffen und Fackeln gerüstet, in den Regen. Beim Hause Kou schlugen sie das Tor ein und stürmten mit lautem Kriegsgeheul ins Innere, wo sich Männer und Frauen, Alte und Junge zu verstecken suchten, wo es nur irgend möglich war, die Mutter kroch unters Bett, der Junker drückte sich hinter die Tür, während Liang, Dong und die anderen Söhne und Töchter zu allen Seiten davonstoben. Die Räuber aber, mit Säbeln und Fackeln bewaffnet, räumten nach Lust und Laune alles aus, was sie an Gold, Silber, Schmuck, Kleidern und Hausrat finden konnten. Schließlich trat der Junker, dem es um die Sachen leid war, todesmutig hinter der Tür hervor und rief den Räubern jammernd zu: »Große Könige! Begnügt euch doch mit dem, was ihr benötigt; lasst ein paar Kleider hier, damit dem alten Manne etwas übrig bleibt für das Grab!« Ohne darauf einzugehen, rannten die Räuber auf ihn zu und stießen den Junker Kou mit einem Tritt in die Scham zu Boden. Ach, der Arme: Benommen schwebten drei Lichtseelen Schon dem Totenreich entgegen, Und die sieben Schattenseelen Schieden traurig aus dem Leben.483 Die Räuber aber kletterten mit ihrem Diebesgut über die Stadtmauer und liefen die ganze Nacht im strömenden Regen nach Westen. Im Hause Kou aber wagte sich, nachdem die Räuber weg waren, ein Diener hervor, und da fand er den Junker tot am Boden. Aufschluchzend schrie er: »O Himmel! Der Herr ist erschlagen worden!« Schon beugten sich alle weinend über die Leiche und klagten bitterlich. Gegen die vierte Nachtwache kam der Mutter plötzlich jener chinesische Priester in den Sinn, dem sie es noch immer verargte, dass er ihr Angebot abgelehnt hatte. Nur weil sie den so prunkvoll verabschiedet hatten, war dieses Unglück geschehen! Missgunst stieg in ihr auf, und sie sann darauf, den vier Mönchen etwas heimzuzahlen. Da fasste sie Kou Liang am Arm und sprach: »Ach, mein Sohn, lass uns nicht länger weinen. Nun hat euer Vater doch wirklich Tag für Tag Mönche bewirtet, und da fällt er zur Vollendung seines Gelübdes einer Horde todbringender Mönche in die Hände!« »Aber Mutter, warum denn todbringende Mönche?« fragte dieser. »Als die Diebe gewaltsam eingedrungen sind, habe ich mich unter dem Bett versteckt und konnte sie im Schein der Fackeln beobachten. Was glaubst du, wer es war? Der mit der Fackel war der Priester aus China, der mit dem Dolch war der Eber Bajie; Gold und Silber hat jener Sandmönch eingesackt, und derjenige, der euren Vater erschlagen hat, war Pilger Sun!« Im Glauben, sie spräche die Wahrheit, riefen die beiden Söhne: »Wenn Ihr, Mutter, das gesehen habt, muss es so sein! Schließlich kennen sie nach dem halben Monat unser Haus inund auswendig, und Reichtum ist ja eben verführerisch. Also haben sie den nächtlichen Regen genutzt, wieder hierherzukommen. Doch dass sie uns nicht nur ausgeraubt, sondern auch noch unseren Vater erschlagen haben, ist entsetzlich niederträchtig! Sobald der Tag anbricht, werden wir in der Präfektur eine Verlustanzeige einreichen und gegen sie Anklage erheben.« »Wie sollen wir die Anklage schreiben?« fragte Dong. »So wie Mutter es gesagt hat«, erwiderte Liang: »Der Priester hielt die Fackel, Bajie rief zum Töten auf, Sandmönch raubte Gold und Silber, Pilger Sun erschlug den Vater.« So redete man aufgeregt durcheinander, bis schließlich der Morgen anbrach, die einen den Sarg besorgten und die anderen zur Präfektur gingen, um Anzeige zu erstatten. Nun verhielt es sich so, dass der Präfekt von Tongtai ein höchst tugendsamer Mann war, der seit langem einen guten Ruf hatte. An jenem Morgen hatte er sich gerade auf den Richterstuhl gesetzt und draußen bereits die Klagetafel aufgestellt, als die Gebrüder Kou mit der Tafel hereinkamen, vor dem Präfekten niederknieten und riefen: »Hoher Herr! Wir erstatten Anzeige gegen Räuber wegen Einbruch mit Mord!« Der Präfekt nahm ihr Schreiben entgegen. Nachdem er es gelesen und eingehend nachgefragt hatte, gab er an die hundertfünfzig berittenen und scharf bewaffneten Schutzleuten Befehl, dem chinesischen Priester und seinen Schülern nachzupreschen. Doch wenden wir uns wieder Meister und Schülern zu, die bis zum Morgengrauen in den Klosterruinen ausgeharrt hatten und nun endlich wieder auf der Landstraße gen Westen strebten. Nun befanden sich aber jene Räuber, die nachts über die Stadtmauer geklettert waren, just auf derselben Straße und hatten sich etwa zwanzig Meilen westlich des Padmaprabha- Klosters in einer Mulde versteckt, um Gold und Silber untereinander aufzuteilen. Noch bevor sie damit fertig waren, erblickten sie auf der Landstraße plötzlich den chinesischen Priester und seine Schüler. Schon erwachte ihre Gier von neuem. »Das ist doch jener Mönch, der gestern verabschiedet worden ist!« meinte einer, auf den Priester weisend. Da riefen alle lachend: »Der kommt gerade recht, wie bestellt! Wir machen ohnehin unfromme Geschäfte, und wer weiß, was die nach ihrer langen Reise und vor allem, nachdem sie so lange bei den Kous gewesen sind, alles an Schätzen bei sich haben! Wir brauchen ihnen bloß den Weg abzuschneiden, dann plündern wir ihre Reisekasse, nehmen das Pferd und teilen alles untereinander auf!« Schon packten die Räuber ihre Waffen und stürmten mit lautem Gebrüll auf die Landstraße. In einer Reihe aufgestellt, schrien sie: »Halt, ihr Mönche! Her mit dem Geld, oder ihr seid des Todes!« Vor Schreck begann Tripitaka auf dem Pferd wild mit den Armen zu fuchteln, Pilger aber lachte nur und meinte: »Ach Meister, fürchtet Euch doch nicht. Ich alter Sun will sie gleich ein bisschen ausfragen.« Er trat vor, wölbte grüßend die Hände vor der Brust und fragte: »Was macht ihr da, meine Herren?« »Dieser Kerl ist wohl nicht ganz gescheit«, brüllte einer der Räuber, »wagt uns noch zu fragen! Hast du keine Augen im Kopf, dass du nicht siehst, dass wir große Könige sind? Bring sofort alles Geld, dann lassen wir euch laufen.« Pilger lächelte freundlich und sprach: »Dann seid ihr also Wegelagerer.« Wütend riefen die Räuber: »Tötet ihn!« Pilger tat erschrocken und rief: »Große Könige! Ich bin ein Mönch vom Lande und kann mich nicht so gut ausdrücken; verzeiht, wenn ich euch beleidigt haben sollte! Was Geld angeht, könnt ihr euch an mich wenden, die andern braucht ihr gar nicht zu fragen, ich bin der Geldverwalter. Alles, was fürs Sutrenlesen, von Almosen oder Spenden an Geldern hereinkommt, ist in diesem Bündel; Ein- und Ausgänge der Finanzen gehen über mich. Der auf dem Pferd ist zwar mein Meister, doch er kann bloß Sutren lesen, auf alltägliche Dinge versteht er sich nicht. Der mit dem dunklen Gesicht ist ein Bursche, den ich unterwegs mitgenommen habe, er verpflegt das Pferd. Und den anderen mit der langen Schnauze habe ich für die Reise als Kuli angestellt, der kann bloß Lasten tragen. Lasst die drei erst mal durch, dann überlasse ich euch die Reisekasse, die Kleider und die Reisschalen.« Wie die Räuber dies vernahmen, meinten sie: »Ein anständiger Kerl, dieser Mönch. Wenn das so ist, sollst du am Leben bleiben. Die anderen drei sollen alle Gepäckstücke ablegen, dann lassen wir sie durch.« Pilger wandte sich um und zwinkerte den anderen zu. Da warf Sandmönch die Gepäckstange nieder und führte Tripitaka, das Pferd am Halfter, mit Bajie weiter gen Westen. Pilger aber beugte sich, als wollte er die Bündel öffnen, nahm aber gleichzeitig eine Handvoll Erde und warf sie mit einer Zauberformel hoch. Es war ein Bannzauber, und so blieben auf den Ruf »Halt!« die insgesamt über dreißig Räuber allesamt mit aufgesperrten Augen und hängenden Armen stehen, unfähig zu sprechen oder sich zu regen. Pilger aber sprang auf die Straße und rief seinem Meister zu: »Kommt! Kommt zurück!« Der Priester wandte sein Pferd zu ihm und fragte: »Was ist, Wukong?« »Schaut Euch mal die Räuber an, was sagt Ihr nun?« Bajie schubste einen und rief: »He, du Räuber! Warum regst du dich nicht?« Der Räuber aber schien wie bewusstlos und gab keine Antwort. »Sieht ziemlich benebelt aus«, bemerkte Bajie. Pilger lachte: »Die hab ich alter Sun mit einem Zauber festgebannt. Meister, steigt ab und setzt Euch ein bisschen. So sagt es doch der Volksmund: ›Es gibt wohl zu Unrecht Gefangene, doch nicht zu Unrecht Freigelassene.‹ Los, Brüder, legt mal alle Banditen lang und fesselt sie, dann werde ich sie verhören.« Schon zupfte er sich ein paar Pelzhaare aus und machte daraus dreißig Stricke, mit denen allen Banditen Hände und Füße zusammengebunden wurden. Dann sprach er die Formel zur Auflösung des Bannes, worauf die Räuber allmählich zu Bewusstsein kamen. Da schrie Pilger mit der Stange in der Hand: »Diebesgesindel! Wie viele seid ihr, und wie viele Jahre lebt ihr schon von diesem Geschäft? Wie viele Sachen habt ihr geraubt? Habt ihr Mord begangen? War das euer erstes Delikt, das zweite, das dritte? Gesteht die volle Wahrheit!« »Hoher Herr!« ächzten die Räuber, »wir sind nicht Gewohnheitsdiebe; wir kommen alle aus gutem Hause, nur haben wir aus mangelnder Begabung Gut und Erbe aufgebraucht, drum haben wir kein Geld mehr. Weil wir hörten, wie reich der Junker Kou sei, sind wir gestern Abend bei ihm eingebrochen und haben ein bisschen Gold, Silber und Kleider erbeutet. Das wollten wir gerade unter uns verteilen, als wir auf einmal die hohen Herren kommen sahen. Ein paar von uns wussten, dass ihr diejenigen seid, die gestern von Kou verabschiedet wurden, und bei dem schweren Gepäck haben wir gedacht, ihr hättet sicher Kostbarkeiten dabei. Der Mensch ist nie zufrieden mit dem, was er hat, drum haben wir euch dann den Weg abgeschnitten. Wir konnten ja nicht wissen, dass Ihr, hoher Herr, so große magische Kräfte habt, dass ihr uns fesseln konntet. Hoher Herr, bitte lasst Barmherzigkeit walten, nehmt die gestohlenen Sachen und lasst uns am Leben!« Als Tripitaka hörte, dass es sich um Diebesgut aus dem Hause Kou handelte, erschrak er heftig. Schnell stand er auf und sagte: »Wukong, der Junker Kou ist doch ein rundum wohltätiger Mensch, wie kann ihm nur ein solches Unheil geschehen?« »Weil er solchen Prunk zur Schau stellte, als er uns das Geleit gab«, lachte Pilger. »Das fällt doch den Leuten ins Auge, darum haben Banditen Hand angelegt. Immerhin sind sie ja nun auf uns gestoßen, so können wir ihnen die Sachen abnehmen.« Tripitaka sprach: »Wir sind den Kous zu tiefem Dank verpflichtet. Am besten bringen wir ihnen die Wertsachen gleich zurück!« Pilger war einverstanden, und so ging er mit Bajie und Sandmönch zu der Mulde, wo das Diebesgut lag, und sie luden alles aufs Pferd. Bajie hieß er ein Bündel Gold und Silber tragen, und Sandmönch übernahm das Gepäck. Am liebsten hätte Pilger die ganze Räuberbande erschlagen, doch aus Furcht, der Meister könnte es ihm wieder übelnehmen, fing er schließlich mit einem leichten Schütteln seine Pelzhaare wieder auf, so dass die Räuber Hände und Füße freibekamen, sich aufrappelten und ins Gehölz davonstoben. Der Priester aber trat den Rückweg an, um dem Junker seine Sachen zurückzugeben. Das war ja nun nicht anders, als wenn eine Motte sich ins Feuer stürzt: Es wurde ihm zum Verhängnis. Während Meister und Schüler ihres Weges gingen, gewahrten sie plötzlich, wie ein Heer mit gezückten Speeren und Säbeln auf sie zupreschte. Erschrocken fragte Tripitaka: »Seht nur, meine Schüler, was soll das denn bedeuten, all diese Waffen?« »Da haben wir nun das Unglück«, meinte Bajie, »das sind doch die Räuber, die wir eben laufenließen! Nun haben sie sich mit anderen zusammengerottet und kommen uns angreifen!« »Das kann keine Räuberhorde sein«, wandte Sandmönch ein. »Ältester Bruder, schau du mal genauer hin!« Da raunte Pilger Sandmönch zu: »Es hängt wieder ein Unglücksstern über dem Meister. Es müssen offizielle Soldaten sein, die nach den Räubern fahnden!« Bald waren die Soldaten da, stellten sich sogleich geschlossen um sie herum und schrien: »Das sind ja nette Mönche, rauben erst die Leute aus und spazieren danach hier herum!« Schon machten sich die Soldaten gemeinsam ans Werk. Sie zerrten Tripitaka vom Pferd, legten ihn und dann auch Pilger und die anderen beiden Schüler in Stricke, worauf jeder an einer Tragstange von zwei Soldaten aufgebuckelt wurde. So führte man sie mitsamt Pferd und Gepäck in die Stadt zurück. So sah das nun aus: Tripitaka bebt vor Angst, Sprachlos und von Tränen voll; Eber Bajie murrt und mault, Hegt im Herzen seinen Groll. Sandmönch murmelt vor sich hin, Innerlich doch sehr bedrückt; Pilger kichert nur und sinnt, Welche List er nun ausheckt! Flugs brachten die Soldaten die Mönche in die Stadt, führten sie zur zuständigen Behörde und erklärten: »Verehrter Herr, Eure Soldaten haben die Banditen festgenommen!« Der Präfekt, der in der Halle thronte, erteilte die Belohnung, nahm die erbeuteten Gegenstände in Augenschein und benachrichtigte die Familie Kou, die Sachen abzuholen. Dann ließ er Tripitaka und die anderen vor sich führen und sprach: »Ihr Mönche behauptet, ihr kämet aus dem fernen Osten und wolltet im Westen Buddha huldigen. Dabei seid ihr nur Räuber und Einbrecher!« Da sprach Tripitaka: »Möge der hohe Herr uns anhören! Geringe Mönche sind keine Räuber; dies ist aus unserem Reisepass zu ersehen. Weil uns Junker Kou einen halben Monat lang beherbergte, wofür wir ihm äußerst dankbar sind, haben wir den Räubern, denen wir unterwegs begegnet sind, das Diebesgut entwendet, um es im Sinne unserer Dankbarkeit der Familie Kou zurückzubringen. Entgegen aller Erwartung wurden wir jedoch von Euren Soldaten festgenommen, die uns dann fälschlicherweise für Diebe hielten. Wir sind wirklich keine Diebe; möge der hohe Herr dieser Sache auf den Grund gehen!« Der Präfekt aber rief: »Elendes Pack! Da seid ihr von der Streitmacht festgenommen worden und sucht euch mit Dankbarkeit herauszureden! Warum bringt ihr denn die Räuber nicht mit, wenn ihr sie getroffen haben wollt? Warum seid nur ihr da? Lest die Schrift, die Kou Liang eingereicht hat, darin wird auf eure Namen Anklage erhoben! Und da erdreistet ihr euch noch, euch rechtfertigen zu wollen!« Tripitaka las die Anklageschrift und war zu Tode erschrocken. Dann rief er Wukong zu: »Warum hilfst du nicht, uns zu verteidigen?« »Die Beweise liegen vor, was hilft es?« versetzte Pilger. »So ist es!« rief der Präfekt. »Angesichts dieser Beweise lässt sich nichts abstreiten!« Und er rief seinen Untergebenen zu: »Bringt die Schädelschnüre! Erst werden diesen kahlköpfigen Banditen die Schädel eingeschnürt, dann kriegen sie eine Tracht Prügel!« Da sann Pilger: »Auch wenn das Unglück meinem Meister vorbestimmt ist, darf ich ihn nicht leiden lassen.« Schon legten die Schergen Schnürbänder bereit. Da rief er: »Hoher Herr, bitte verschont jenen Mönch! Ich war es, der gestern Nacht bei den Kous eingebrochen ist; ich war es auch, der die Fackel hielt, den Dolch benutzte, raubte und mordete. Ich bin der Anführer, Ihr braucht nur mich zu schlagen. Es reicht, wenn Ihr mich allein festhaltet.« Da gab der Präfekt Befehl, diesem Mönch zuerst den Kopf zu schnüren. Gemeinsam legten die Schergen Hand an und stülpten Pilger das Schnürband über den Kopf, doch als sie es enger zogen, machte es »ratsch!« und das Band zerriss. Sie legten ein zweites an, zogen an, und schon war es wieder entzwei. So ging es drei, vier Mal, ohne dass Pilgers Kopfhaut auch nur einen Kratzer davontrug. Als sie abermals ein neues Band holen wollten, hörte man plötzlich, wie jemand meldete: »Ehrwürdiger Herr! Der Hofrat Chen ist eingetroffen; der hohe Herr möge ihn vor dem Stadttor in Empfang nehmen!« Da rief der Präfekt seinen Bütteln zu: »Steckt die Diebe in den Kerker und bewacht sie gut. Nach dem Empfang der Obrigkeit wird das Verhör weitergeführt.« Also stießen die Folterknechte Tripitaka und seine Schüler in den Kerker; Bajie und Sandmönch schulterten auch das Gepäck mit hinein. »Meine Schüler, was geht hier vor?« rief Tripitaka. »Geht nur rein, Meister«, lachte Pilger, »geht einfach rein! Hier bellt kein Hund, das ist doch ganz lustig.« Ach die Armen! Alle vier wurden in eine Kerkerzelle gedrängt, auf Folterpritschen an Bauch, Stirn und Brust festgeschnürt, und dann begannen die Büttel wild auf sie einzuschlagen. Tripitaka konnte die Schmerzen nicht ertragen und schrie: »Wukong! Was tun wir bloß!« »Die hauen uns nur, weil sie Geld wollen«, meinte Pilger, »so heißt es doch im Volksmund: ›Wenn’s gutgeht, mach es dir schön fein, wenn’s schlechtgeht, setz Moneten ein.‹ Es reicht, wenn wir ihnen ein bisschen Geld geben.« »Woher soll ich denn Geld nehmen?« rief Tripitaka verzweifelt. »Wenn nicht, geht auch ein Kleid. Gebt einfach Eure Robe.« Das gab Tripitaka einen Stich ins Herz. Doch die Schläge waren unerträglich, und so rief er schließlich: »Wie du willst, Wukong!« »Werte Herren«, rief Pilger, »ihr braucht nicht länger zu schlagen. In unserem Gepäck ist eine brokatene Priesterrobe, die ist Gold wert. Macht die Bündel auf und nehmt sie mit!« Als die Büttel dies hörten, machten sie sich über das Bündel her. Anfangs fanden sie nur ein paar Kleidungsstücke, doch nichts von Wert. Erst zuletzt entdeckten sie, eingepackt in mehrere Lagen Pergamentpapier, etwas Glitzerndes und merkten sofort, dass es sich um eine Kostbarkeit handeln musste. Sie nahmen das Gewand heraus und sahen: Prächtig ausgeschmückt mit Perlen Buddhas Schätze hier in Füllen, Drachenmuster auf den Knöpfen, Phönixe die Robe schmücken! Alle wollten einen Blick erhaschen, bis am Ende der Kerkermeister aufmerksam wurde, herbeigelaufen kam und schrie: »Was soll dieser Radau?« Die Büttel knieten vor ihm nieder und sprachen: »Väterchen, eben hat unser Vorgesetzter diese Mönche heruntergeschickt, es sind Banditen. Nach ein paar Schlägen haben sie uns dieses Gewand gegeben. Nun wäre es doch zu schade, wenn wir es zerteilen würden, aber wenn nur einer es kriegt, hätten die anderen nichts davon. Glücklicherweise seid Ihr gekommen, möget Ihr die Entscheidung fällen!« Der Kerkermeister betrachtete das Gewand und sah, dass es eine Priesterrobe war. Da machte er das Gepäck auf, fand das Passdokument und darin die Siegel und Unterschriften von Königen aller Herren Länder. Da rief er: »Ein Glück, dass ich gekommen bin, sonst hättet ihr noch etwas angestellt. Diese Mönche sind keine Banditen; lasst mir die Finger von diesem Kleid! Morgen, wenn der hohe Herr die Befragung weiterführt, werden wir gewiss mehr erfahren.« Als die Büttel dies hörten, packten sie alles wieder ein und reichten es dem Kerkermeister zur Verwahrung. Allmählich brach die Dämmerung an, vom Trommelturm erklangen die ersten Schläge, und die Nachtwächter machten ihren Gang. Pilger harrte bis zum frühen Morgen, als es drei Viertel nach der vierten Nachtwache schlug. Wie er die anderen fest schlafen sah, sann er: »Diese Nacht im Kerker war dem Meister vorbestimmt; nur deshalb hab ich alter Sun noch nichts gesagt und keinen Zauber angewendet. Doch nun ist die vierte Nachtwache um, sein Leid bald ausgestanden. Jetzt muss ich die nötigen Vorkehrungen treffen, dass wir hier rauskommen, sobald es Tag wird.« Er verkleinerte sich, bis er aus den Gürteln der Folterpritsche schlüpfen konnte, verwandelte sich mit einem leichten Dreh in eine Flugheuschrecke und surrte durch eine Ritze zwischen den Dachziegeln ins Freie. Draußen leuchteten die Sterne am Himmel, und der Mond schien hell, so dass er eine gute Sicht hatte, und so flog er geradewegs dem Hause Kou entgegen. Etwas weiter westwärts an derselben Straße fiel ihm ein Hauseingang auf, der hell erleuchtet war, da surrte er hin und schaute. Es waren Leute, die Tofu herstellten. Ein alter Mann fachte gerade das Feuer an, während ein altes Mütterchen die Sojamilch durch ein Tuch drückte. Da begann der Alte zu reden und meinte: »Mutter! Der Kou, der hat ja Söhne und Geld gehabt, aber ein langes Leben war ihm nicht vergönnt. Ich hab doch als Kind mit ihm auf derselben Schulbank gesessen, dabei bin ich fünf Jahre älter als er. Sein Vater, der alte Ming, der hatte damals noch keine tausend Mu Ackerland. Hat auch bisschen Geld verliehen, aber die Zinsen dann doch nicht gekriegt. Als Kou zwanzig war, ist der alte Ming gestorben, da hat er selbst den Haushalt geführt; eigentlich war das sein Glück. Dann hat er sich eine Frau genommen, das war die Tochter vom Zhang Wang, die nannte man als Kind ›Nadelörchen‹, aber die hat ihn richtig reich gemacht. Seit sie in seinem Haus war, hat er immer reiche Ernte eingefahren, der Geldverleih lief gut, wo er anlegte, fiel Rendite ab; was er auch tat, er verdiente dran. Die haben heute sicher mindestens hunderttausend an Vermögen. Als er dann vierzig wurde, hat er sich besonnen und wollte was Gutes tun. Hat angefangen, zehntausend Mönche zu beköstigen. Und jetzt ist er gestern Nacht einfach von Banditen umgebracht worden. Der Arme ist doch dieses Jahr erst grad vierundsechzig geworden, da hätte er so schön den ganzen Besitz genießen können. Dass ihm seine Wohltätigkeit kein besseres Schicksal gebracht hat! Stattdessen musste er vorzeitig sterben; es ist ein Elend!« Pilger hatte sich alles angehört. Inzwischen war es kurz nach der fünften Nachtwache. Da surrte er ins Haus der Kous hinein, wo in der Haupthalle bereits der Sarg aufgebahrt war. Am Kopfende waren Räucherwerk, Früchte und Blumen aufgestellt, und die alte Frau saß weinend daneben. Nun sah er, wie die beiden Söhne herantraten und sich weinend verneigten, dann stellten die zwei Schwiegertöchter je eine Schale Reis als Opfergabe hin. Pilger ließ sich am Kopfende nieder und hüstelte. Entsetzt warfen die Schwiegertöchter die Arme hoch und liefen davon. Kou Liang und sein Bruder aber beugten sich kniend vornüber und riefen, ohne eine Regung zu wagen: »Vater, was ist?« Die Mutter hingegen schlug forsch mit der Hand auf den Sarg und rief: »Lebste noch, alter Junker?« Da sprach Pilger mit der Stimme des Junkers: »Ich lebe nicht mehr.« Den Söhnen standen die Haare zu Berge. Da nahm die Mutter allen Mut zusammen und fragte: »Aber Junker, warum sprichst du denn?« »König Yama hat Geisterboten geschickt, mich hierherzuführen und mit euch zu reden«, sprach Pilger. »Er sagt, Nadelörchen Zhang habe Unschuldige durch Lügen ins Verderben gezogen.« Wie das Mütterchen nun ihren Kindernamen hörte, kniete sie bestürzt nieder, schlug die Stirn auf den Boden und sprach: »Ach guter Alter, in den alten Tagen erinnerst du dich noch an meinen Kindernamen! Aber was für Lügen sollen welche Unschuldigen ins Verderben gebracht haben?« Da rief Pilger mit gestrenger Stimme: »Was war das für ein ›Der Priester hielt die Fackel, Bajie rief zum Töten auf, Sandmönch nahm die Schätze, Sun erschlug den Vater‹? Weil du gelogen hast, müssen jetzt gute Menschen leiden! Die vier hohen Herren aus dem chinesischen Kaiserreich sind auf ihrem Weg den Räubern begegnet, haben ihnen die Beute abgenommen und wollten sie uns in bester Absicht bringen. Du aber hast eine falsche Aussage gemacht und unsere Söhne geschickt, sie anzuzeigen. Nun hat die Verwaltung den Fall nicht weiter untersucht und sie eingekerkert; darob sind der Kerkergott, der Erdgeist und der Stadtgott so entsetzt, dass sie die Sache König Yama gemeldet haben. Darum hat König Yama mich von einem Geisterboten hierherführen lassen, damit ihr so schnell wie möglich dafür sorgt, dass die Mönche aus dem Kerker herauskommen. Andernfalls, hat er mir gesagt, soll ich einen Monat lang im Haus herumgeistern, bis im ganzen Anwesen keiner mehr übrig bleibt, Hühner und Hunde eingeschlossen!« Da flehten die Gebrüder Kou unter vielen Stirnaufschlägen: »Vater, bitte kehrt zurück, tut um Himmels willen unserer Familie nichts an! Sobald der Tag anbricht, werden wir bei der Verwaltung eine Erklärung einreichen. Wir hoffen, dass diese anerkannt wird und man Euch zurückruft, auf dass die Lebenden und die Toten ihre Ruhe haben!« Pilger forderte sie auf, Totengeld zu verbrennen, und rief: »Ich gehe!« Nun setzte sich die ganze Familie zusammen und verbrannte Totengeld. Pilger aber schlug mit seinen Flügeln und surrte geradewegs zum Anwesen des Präfekten, wo er hinunterspähte und sah, dass in einem der Zimmer bereits Licht angezündet war; der Präfekt musste also schon aufgestanden sein. In der Haupthalle fiel Pilger in der Mitte der Rückwand ein Bild auf, das einen Beamten zeigte, der auf einem Schimmel saß, daneben mehrere Gefolgsleute. Der Beamte hielt einen blauen Schirm über sich aufgespannt und trug einen Klappstuhl in der Hand. Ohne zu wissen, um was für eine Geschichte es sich handelte, landete Pilger auf dem Bild. Da kam der Präfekt aus seinem Zimmer und begann in gebeugter Haltung das Gesicht zu waschen. Pilger gab ein lautes Räuspern von sich. Der Präfekt fuhr zusammen, lief verängstigt ins Zimmer zurück, und als er schließlich fertig gekämmt und eingekleidet wieder herauskam, entzündete er vor dem Bild ein Räucherstäbchen, verneigte sich und sprach: »Seliger Onkel Jiang Qianyi auf dem Ahnenthron! Dank der schützenden Tugend meiner Vorfahren habe ich, Neffe Jiang Kunsan, die Prüfung ersten Ranges bestanden und bekleide heute das Amt des Präfekten. Täglich bringe ich Euch morgens und abends Weihrauch und Kerzen dar; wie kommt es, dass heute plötzlich Eure Stimme erklingt? Bitte macht uns keinen Spuk im Hause, es würde dies die Familie sehr erschrecken.« Pilger kicherte in sich hinein und dachte: »Dann ist das Bild zu Ehren seines Onkels aufgehängt!« Also ergriff er die Gelegenheit und rief: »Kunsan, werter Neffe! Wie konntest du, der du unter Obhut deiner Vorfahren aufrichtigen Sinnes als Beamter waltest, gestern nur so unwissend handeln und vier Mönche ohne weitere Untersuchungen als Räuber einsperren lassen? Diese Tat hat den Kerkergott und den Erdgeist so beunruhigt, dass sie bei König Yama vorsprachen. Dieser hat nun einen Geisterboten beauftragt, mich hierherzuführen, damit ich zu dir spreche und dafür sorge, dass du der Sache auf den Grund gehst und die Mönche so schnell als möglich befreist. Ansonsten wollen sie dich zum Verhör in die Unterwelt bestellen.« Diese Worte flößten dem Präfekten mächtig Angst ein. Schließlich antwortete er: »Kehrt zurück, werter Onkel, Euer Neffe wird sogleich die Amtsstube betreten und sie auf der Stelle freilassen.« »Wenn dem so ist«, sprach Pilger, »dann opfere jetzt Totengeld; ich werde König Yama gleich Bericht erstatten.« Der Präfekt entzündete abermals Räucherstäbchen, verbrannte Totengeld und verbeugte sich dankend. Pilger aber surrte hinaus und sah, dass der Himmel im Osten schon heller wurde. Da flog er zur Kreisstadt Diling, wo er in einer Amtshalle alle Kreisbeamten bei einer Versammlung vorfand. Da dachte er bei sich: »Wenn ich hier als Heuschrecke spreche und dabei entdeckt werde, käme der Pferdefuß zum Vorschein; das wäre der Sache nicht dienlich.« Da verwandelte er sich in der Höhe zu einem großen Dharmakörper und streckte einen Fuß in die Halle hinein, dass sie fast ausgefüllt war. Gleichzeitig rief er: »Hört gut zu, ihr Amtsträger! Ich bin der Schweifende Wandergeist; der Jadekaiser hat mich ausgesandt, euch zu melden, dass im Kerker eurer Präfektur buddhistische Pilgermönche zu Unrecht festgehalten werden. Die Götter aller drei Sphären sind darob beunruhigt, darum habe ich den Auftrag, euch diese Meldung zu bringen, damit die Pilgermönche so schnell als möglich freigelassen werden. Ich soll, falls ihr noch zu säumen wagt, jeden Amtsträger hier in der Präfektur und in der Kreisstadt zu Tode treten, ringsum alles Volk zerstampfen und die ganze Stadt in Schutt und Asche legen!« Entsetzt knieten Beamte und Büttel der Kreisverwaltung nieder und riefen: »Hoher Heiliger, bitte kehrt zurück. Wir werden sogleich in die Präfektur gehen und den geschätzten Präfekten in Kenntnis setzen, damit er die Pilger freilässt. Aber verschont uns um alles in der Welt, wir sind zu Tode erschrocken!« Da stellte Pilger den Zauber ein, verwandelte sich wieder in eine Flugheuschrecke und surrte in den Kerker zurück, wo er sich wie zuvor in die Gürtel der Folterpritsche zwängte. Doch wenden wir uns nun dem Präfekten zu, der inzwischen seine Amtsstube betreten und die Klagetafel draußen aufgestellt hatte, als auf einmal die Brüder Kou unter lauten Rufen mit der Tafel hereinkamen und ein Schreiben mit der Bitte um Einstellung der Anklage einreichten. Ungehalten rief der Präfekt: »Gestern habt ihr eine Verlustanzeige erstattet, und ich habe die Diebe verhaften lassen, und jetzt kommt ihr wieder mit einer Bitte um Einstellung?« Unter Tränen berichteten die beiden, wie ihnen die Stimme ihres Vaters erschienen sei, und schlossen mit den Worten: »Wir bitten den hohen Herrn um gnädiges Entgegenkommen!« Als der Präfekt dies hörte, dachte er bei sich: »Ihr Vater ist ja eben erst gestorben, dass seine Seele erscheint, ist so weit nachvollziehbar. Mein Onkel aber ist vor bald sechs Jahren verschieden; wie kommt es, dass heute früh auch er mir erschien und mich die Mönche freisprechen hieß? Da muss es sich wahrhaftig um ein großes Unrecht handeln!« Er war noch ganz in diese Gedankengänge versunken, als auf einmal der Kreisvorsteher von Diling mit seinen Beamten eintraf. Alle rannten herein und riefen wild durcheinander: »Verehrter hoher Herr, ein Unheil! Eben hat der Jadekaiser den Schweifenden Wandergeist auf Erden gesandt, und der sagte, Ihr solltet auf der Stelle die Mönche freilassen, die bei Euch im Kerker sitzen, denn sie seien keine Räuber, sondern schriftenholende Buddhajünger. Falls Ihr auch nur ein bisschen säumen solltet, droht er alle Amtsträger zu zertreten und die Stadt mitsamt der Bevölkerung in Schutt und Asche zu legen!« Der Präfekt erblasste. Sogleich ließ er den Kerkermeister eilends eine Befehlstafel beschriften, dann wurden die Gefangenen geholt. Sorgenvoll meinte Bajie: »Wer weiß, wie sie uns heute wieder traktieren!« »Ich gebe dir mein Wort, dass sie uns kein Haar krümmen«, lachte Pilger. »Ich alter Sun habe alles perfekt organisiert. Geht in der Halle bloß nicht in die Knie; die werden uns in allen Ehren Sitzplätze anbieten. Ihr könnt dann zuschauen, wie ich sie abfertige.« Er kam nicht weiter, denn nun waren sie bereits in der Amtshalle und wurden auch schon von Amtsträgern aller Ränge aus Präfektur und Kreisstadt in Empfang genommen. »Heilige Mönche!« rief der Präfekt, »als ihr gestern eingetroffen seid, war ich zum einen mit dem Empfang der Obrigkeit beschäftigt, zum anderen lag das Diebesgut vor, daher kamen wir leider nicht dazu, euch näher zu befragen.« Der Priester verneigte sich mit gefalteten Händen und berichtete nun ausführlich, wie sich alles zugetragen hatte. Einhellig stimmten ihm die Beamten zu und riefen: »Ja, es war ein Unrecht! Was für eine Schande!« Doch nun trat Pilger vor, rollte zornig seine Augen und schrie: »Und unser Schimmel, unser Gepäck? Gebt uns sofort alles zurück! Heute müsste ich euch mal ins Verhör nehmen! Überlegt euch mal, was für eine Strafe ihr verdient dafür, dass ihr rechtschaffene Bürger als Diebe zu verleumden wagt!« Dieses grimmige Auftreten jagte jedem Beamten Furcht und Schrecken ein. Unverzüglich ließ man Pferd und Gepäck bringen und übergab ihnen alle Sachen. Seht, wie die drei Schüler nun zornig auffahren, während die Beamten die Verantwortung auf die Kous zu schieben suchen! Beschwichtigend rief Tripitaka: »Meine Schüler, das ist der Sache auch nicht dienlich. Lasst uns erst zum Hause Kou gehen, um zu kondolieren und auch um herauszufinden, wer uns eigentlich als Diebe verleumdet hat.« »Ihr habt recht«, stimmte Pilger zu, »wartet, ich alter Sun will erst den Toten auferwecken, dann können wir ihn fragen, wer ihn ermordet hat.« Mitten in der Halle half Sandmönch Tripitaka in den Sattel, dann drängten sie unter lauten Rufen nach draußen. Auch die zahlreichen Präfektur- und Kreisbeamten begaben sich einer nach dem anderen zum Hause Kou, wo die bestürzten Gebrüder Kou sie am Eingang unter Stirnaufschlägen willkommen hießen. Drinnen fanden sie die Halle, wo die Leiche aufgebahrt war und die Familie hinter einem Vorhang weinend und klagend den Sarg umstand. »Hör auf zu heulen, du Lug und Trug stiftendes Weib!« rief Pilger, »warte nur, bis ich alter Sun deinen Mann gerufen habe! Dann wollen wir schauen, wer ihn umgebracht hat. Du sollst dich schämen!« Die Beamten hielten Pilgers Worte für einen Scherz, doch nun rief Pilger: »Werte Herren, bitte geruht einen Moment Platz zu nehmen; ich bin gleich wieder da.« Schon sprang er zur Tür hinaus, sah zum Himmel auf und schoss empor. Da begriffen die Anwesenden, dass er ein Unsterblicher war, der auf Wolken fliegen konnte, und so nahm jeder Räucherstäbchen zur Hand und verneigte sich ehrfürchtig. Der Große Heilige aber schoss unter vielen Wolkenüberschlägen in die Welt der Finsternis, wo er sich geradewegs in die Senluo-Halle stürzte. Erschrocken traten die Zehn Höllenkönige vor und fragten nach seinem Anliegen. »Wer von euch hat den Geist des Kou Hong eingezogen, der im Kreise Diling in der Präfektur Tongtai Mönche beköstigte? Schnell, macht ihn ausfindig und gebt ihn mir mit!« Da sprach König Qinguang: »Der wohltätige Kou Hong wurde nicht von einem Geisterboten geholt, er ist von selbst gekommen. Er traf den Goldgewandeten Knaben des Bodhisattvakönigs Ksitigarbha, der hat ihn mitgenommen, bei König Ksitigarbha vorzusprechen.« Pilger rief einen kurzen Abschiedsgruß und sauste weiter zum Palast der Smaragdenen Wolken, wo er König Ksitigarbha fand und berichtete, was sich zugetragen hatte. König Ksitigarbha aber sprach: »Das Erdenleben des Kou Hong sollte der Bestimmung nach an dieser Stelle enden; sein Schicksal wollte es, dass er nicht auf dem Krankenlager sterben würde. Weil er aber so wohltätig war, habe ich ihn zum Verwalter der Aufzeichnungen heilsamer Schicksalsverbindungen ernannt. Da Ihr nun eigens gekommen seid, Großer Heiliger, will ich sein Erdenleben um ein Dutzend Jahre verlängern. Er mag mit Euch gehen, Großer Heiliger.« Der Goldgewandete Knabe führte Kou Hong vor Pilger, und dieser erklärte: »Ihr seid von einem Räuber mit einem Fußtritt getötet worden und befindet Euch jetzt im Palast des Bodhisattvakönigs Ksitigarbha. Ich alter Sun bin eigens gekommen, Euch ins Diesseits zurückzuführen, damit das Geschehnis aufgeklärt werden kann. Da der Bodhisattva Euch vergönnt, zurückzukehren, und gar Euer Erdenleben verlängert, braucht Ihr erst in zwölf Jahren wieder hierherzukommen.« Der Junker vollzog tiefe Verbeugungen und wollte gar nicht mehr damit aufhören. Pilger aber dankte dem Bodhisattva und verabschiedete sich. Mit einem Atemhauch löste er den Junker in Luft auf, steckte ihn in seine Ärmeltasche und kehrte zurück in die Sphäre der Lebenden. Alsbald senkte er seine Wolke und kam ins Haus zurück, wo er Bajie den Sarg aufstemmen hieß. Gleichzeitig stieß er die Seele in den Körper, so dass dieser wieder zu atmen begann und ins Leben zurückkehrte. Bald stieg der Junker aus dem Sarg, warf sich vor dem Priester und dessen Schülern auf die Knie und rief unter ehrerbietigen Stirnaufschlägen: »Meister, o Meister! Ich bin eines unverdienten Todes gestorben; dank sei Euch, der Ihr ins Totenreich gekommen seid, mich wieder ins Leben zu rufen! Euch verdanke ich ein neues Leben!« Bald stieg der Junker aus dem Sarg und warf sich vor dem Priester und dessen Schülern auf die Knie. So sprach er in einem fort seinen Dank aus. Als er schließlich ringsum die vielen Amtsträger gewahrte, warf er sich erneut zu Stirnaufschlägen nieder und rief: »Wie kommt es, dass all die geehrten hohen Herren in unserem Hause sind?« Da berichtete ihm der Präfekt, was sich alles ereignet hatte, und der Junker sprach immer noch kniend: »Hohe Herren! In der Tat sind die vier heiligen Mönche zu Unrecht angeklagt worden. In jener Nacht war eine Bande von über dreißig Räubern da; sie hatten Fackeln und Stangen und raubten alles aus. Beim Versuch, mit ihnen zu verhandeln, wurde ich von einem von ihnen mit einem Fußtritt getötet. Was könnte dies auch mit den vier verehrten Mönchen zu tun haben?« Er rief nach seiner Frau und fragte: »Wie konntest du nur eine verleumderische Klage einreichen? Bitte die hohen Herren um einen Schuldspruch!« Da warfen sich alle Angehörigen auf die Knie und schlugen die Stirn auf den Boden. Der Präfekt jedoch ließ Milde walten und sah von weiteren Befragungen ab. Schließlich ließ Junker Kou Hong ein reiches Festmahl zubereiten und entlohnte die Präfektur- und Kreisbeamten für ihre hohe Gunst. Diese aber gingen, ohne zu säumen, zu ihren Ämtern zurück. Tags darauf wurde das Schild, das die Verköstigung von Mönchen ankündigte, von neuem aufgehängt und Tripitaka zum Verweilen gebeten. Da dieser sich standhaft weigerte, lud man abermals Verwandte und Bekannte ein, bereitete Flaggen und Fahnen vor und gab der Pilgerschaft wie zuvor ein großes Abschiedsgeleit. Oho! So war es in der Tat: Es kann die weite Erdenwelt Gar schlimme Sachen bergen, Doch das hohe Himmelszelt Missachtet nicht die Guten. Festen Sinnes schreiten sie Auf Buddhas lichten Wegen; Der Seelenberg allein ist Ziel, Das Tor zum höchsten Segen! Und da wir nicht wissen, ob sie von hier aus zu Buddha gelangten, lasst uns hören, was das nächste Kapitel erzählt. 第098回 / 98. Kapitel Affe und Pferd sind reif und zahm, die Hülle endlich abgelegt / Vollendet ist das Große Werk, das wahre So-Sein tritt hervor Wie berichtet, hatten sich der chinesische Priester und seine Schüler vom Junker Kou verabschiedet und kamen abermals auf die Landstraße. Wahrhaftig, hier war das Buddhaland des Westens, ganz anders als alles, was sie bisher gesehen hatten. Es gab Blumen und Gräser aus Jaspis und Edelsteinen, uralte Zypressen und tiefdunkle Kiefern, und wo sie auch hinkamen, waren alle wohltätig und spendeten Mönchen Almosen. An jedem Berg konnte man Menschen sehen, die sich meditierend der Vervollkommnung hingaben, in Wäldern wurden Heilige Schriften vorgetragen. So gingen Meister und Schüler Tag für Tag von früh bis spät ihres Weges. Nachdem sie sechs, sieben Tage gepilgert waren, fiel ihnen eine Gruppe stattlicher Bauwerke und vielstöckiger Pagoden in den Blick. So war es in der Tat: Himmelwärts wohl hundert Fuß Sie zum Silberfluss sich recken; Nach entrückten Höhen strebend, Wie um Sterne sich zu pflücken. Wenn des Kranichs Botschaft kommt, Der alte Baum schon herbstlich steht; Trifft des Phönix Schreiben ein, Kühl der Abendwind schon weht.485 Tripitaka deutete mit der Peitsche zu den Bauten und rief: »Wukong, was für ein schöner Ort!« »Meister«, entgegnete Pilger, »vor falschen Bildern und Statuen habt Ihr Euch immer unbedingt verneigen wollen; warum mögt Ihr denn heute, da wir am wahren Ort vor dem wirklichen Buddha stehen, nicht einmal vom Pferd steigen?« Auf diese Worte sprang Tripitaka bestürzt vom Sattel. Als sie bald darauf am Eingang der hohen Bauwerke standen, gewahrten sie einen Daoistenknaben, der ihnen, an den Torbogen gelehnt, zurief: »Sind die Ankömmlinge etwa die Schriftenholer aus dem Osten?« Der Priester sah genauer hin, konnte aber nicht ausmachen, wer es war. Doch der Große Heilige hatte ihn längst erkannt und rief seinem Meister zu: »Das ist der Große Goldhäuptige Unsterbliche vom daoistischen Kloster der Jadenen Wahrheit am Fuß des Seelenberges. Er ist hier, uns zu empfangen!« Da erst ging Tripitaka ein Licht auf; er trat vor und grüßte höflich. Der Unsterbliche lächelte: »Da seid Ihr ja endlich, heiliger Priester. Bodhisattva Guanyin hat mich schön verulkt. Vor zehn Jahren, als sie mit Buddhas goldenem Edikt aufbrach, um im Osten einen Schriftenholer zu suchen, meinte sie, in zwei, drei Jahren müsste dieser wohl hier ankommen. Nun habe ich Jahr für Jahr auf Euch gewartet, ohne auch nur die geringste Nachricht zu erhalten. Euch heute anzutreffen hätte ich nicht gedacht.« Tripitaka faltete die Hände vor der Brust und sprach: »Dank sei Euch, Großer Unsterblicher, für Euren herzlichen Empfang! Ich bin gerührt, äußerst gerührt!« Nun betraten alle vier mit Pferd und Gepäck die Klosteranlage, und jeder vollzog vor dem Großen Unsterblichen die Begrüßungsriten. Dieser ließ Tee und Speisen auftischen und schickte dann einen Klosterknaben, duftendes Badewasser zu wärmen, damit die heiligen Mönche ein reinigendes Bad nehmen konnten, bevor sie Buddhas Boden betraten. So war es in der Tat: Der Weg vollbracht, das Werk getan, Es steht ein reines Bad bereit; Das innere Wesen, zahm und rein, Kehrt zur himmlischen Lauterkeit. Hundert Leiden, tausend Mühen Dürfen heut endgültig ruhen; Neun Geboten, drei Hingaben486 Kann Erneuerung geschehen. Frei fürwahr von Ungeheuern Sie hier Buddhas Land betreten; Nun, da alle Not vergangen, Schauen sie des Buddha Pforten. Rundum sind sie nunmehr rein, Schmutz und Staub sind abgetan; In den Urgrund kehrt ihr Sein, Nimmt den ewigen Körper an.487 Nachdem Meister und Schüler ihr Bad genommen hatten, ging der Tag allmählich zur Neige, und so verbrachten sie die Nacht im Kloster der Jadenen Wahrheit. Tags darauf kleidete sich Tripitaka um, legte seine brokatene Robe an, setzte den Priesterhut auf und trat mit dem Priesterstab in der Hand in die Tempelhalle, um sich vom Großen Unsterblichen zu verabschieden. Dieser lachte und meinte: »Gestern in schäbiger Kutte, heute in frischem Glanz! In dieser Ausstattung macht Ihr Euch wahrhaftig wie ein echter Buddhasohn.« Tripitaka verneigte sich und wollte sich zum Gehen wenden, da sagte der Große Unsterbliche: »Wartet, ich will Euch ein Stück begleiten.« »Nicht nötig«, versetzte Pilger, »ich alter Sun kenne den Weg.« »Ihr kennt nur den Wolkenweg. Der heilige Mönch kann noch nicht auf Wolken schweben; er muss auf dem eigentlichen Weg hingehen.« »Ihr habt recht«, stimmte Pilger bei, »ich alter Sun war ja schon öfter hier, doch immer nur auf Wolken; diesen Boden hab ich tatsächlich noch nie betreten. Nun, wenn es einen eigentlichen Weg gibt, mögt Ihr ihn uns weisen. Meinen Meister drängt es sehr, vor Buddha zu treten, dann werden wir auch nicht unnötig aufgehalten.« Lächelnd führte der Unsterbliche den Priester am Arm und geleitete damit Meister Sandal zur Pforte des Dharma. Nun stellte sich heraus, dass der Weg gar nicht vom Klosterportal wegführte, sondern direkt durch die mittlere Halle über den hinteren Ausgang zu erreichen war. Dort wies der Große Unsterbliche mit der Hand zum Seelenberg und sprach: »Seht, heiliger Priester, dort oben am Himmel, inmitten jener heilvollen regenbogenfarbenen Strahlen und des vielfältig schimmernden Dunstes, dort auf dem Geiergipfel vom Seelenberg, sind Buddhas heilige Gefilde.« Der Priester blickte empor und vollzog eine tiefe Verbeugung. »Ach Meister«, lachte Pilger, »hier ist noch längst nicht der Ort, sich zu verbeugen! Ihr kennt doch das Wort: ›In den Bergen zieht der Weg sich hin, als würd’ man rückwärtsreiten.‹ Von hier aus ist es noch weit, wozu schon mit Beten anfangen? Denkt bloß, wie viele Stirnaufschläge wir machen müssten, wenn wir so auf den Gipfel klettern wollten!« Da sprach der Unsterbliche: »Heiliger Priester, Ihr befindet Euch nun mit dem Großen Heiligen, dem Marschall Tianpeng und dem General Gardinenroller bereits in den Glücklichen Gefilden und seht den Seelenberg. Dann gehe ich jetzt zurück.« Tripitaka verabschiedete sich mit einer Verneigung und ging seines Weges. Gemessenen Schrittes führte der Große Heilige den Priester und die anderen voran. Nach fünf, sechs Meilen gelangten sie an einen reißenden Strom, dessen Wogen sich tosend und schäumend überschlugen. Er mochte an die acht, neun Meilen breit sein. Ringsum war kein Mensch zu sehen. Verängstigt meinte Tripitaka: »Wukong, hat uns vielleicht der Große Unsterbliche gar nicht den richtigen Weg gewiesen? Wie sollen wir je über dieses Wasser gelangen, das so breit und wild daherströmt, und weit und breit kein Schiff in Sicht?« »Doch, genau das ist der richtige Weg!« lachte Pilger. »Schaut, dort drüben ist eine große Brücke. Nur wenn Ihr sie überquert, könnt Ihr die Wahre Frucht erreichen!« Der Priester ging mit den anderen hin und schaute. Vor der Brücke stand eine Tafel, auf der in drei Schriftzeichen geschrieben stand: » 凌雲渡 – Wolkenhoher Übergang«. Nun stellte sich heraus, dass es nur ein dünner Baumstamm war. In der Tat: Was von ferne in den Lüften Einem jadenen Balken glich, Ist von nah ein schmaler Stecken, Überm Wasser nur ein Strich. Eine Planke, schmal und glatt, Fürwahr schwierig zu beschreiten, Es sei denn, man wär’ ein Gott, Könnte über Wolken gleiten! Tripitaka rief erschrocken: »Wukong, diese Brücke ist nicht für Menschen gemacht, lass uns einen anderen Weg suchen!« »Doch, doch!« gab Pilger lachend zurück, »genau das ist der Weg!« »Wenn das der Weg ist«, meinte Bajie, »wer soll sich da drüberwagen? Ein derart breiter Strom mit schäumenden Wogen, darüber nichts als ein dünner, glitschiger Balken, wie soll man da hinüberkommen?« »Bleibt stehen und schaut mal, wie ich alter Sun das mache«, rief Pilger. Schon holte er ein paar Schritte aus, sprang auf den Steg und tänzelte schwankend hinüber. Im Nu war er auf der anderen Seite, winkte und rief: »Kommt her, kommt her!« Entmutigt winkte der Priester ab. Bajie und Sandmönch bissen sich auf die Finger und murmelten: »Schwer, schwer, schwer!« Schließlich lief Pilger über die Brücke zurück, zerrte Bajie hin und rief: »Komm mit, Tölpel!« Bajie aber warf sich platt auf den Boden und rief: »Das ist viel zu glitschig! Das geht gar nicht! Verschone mich, lass mich über Wind und Nebel fliegen!« Pilger aber packte ihn und sprach: »Wo denkst du hin? Glaubst du etwa, an einem solchen Ort wäre es dir erlaubt, einfach so rumzufliegen? Nur wenn du über diese Brücke gehst, wirst du ein Buddha.« »Bruder«, ächzte Bajie, »ob Buddha oder nicht, hier komm ich wirklich nicht rüber!« Während die beiden aneinander zerrten und zankten, tauchte am Oberlauf ein Boot auf, von wo jemand rief: »Überfahrt! Überfahrt!« Glücklich rief der Priester: »Hört auf zu streiten, meine Schüler, da kommt ein Fährschiff!« Alle drei blickten hinüber und gewahrten auf einmal, dass es eine bodenlose Barke war. Pilger mit seinen feurigen Goldaugen hatte längst erkannt, dass es der Empfangsbuddha war: Namo Buddha Ratnadhvaja. Doch er behielt das Geheimnis für sich und rief nur: »Kommt hierher!« Einen Augenblick später legte die Barke am Ufer an. Da rief Tripitaka erschrocken: »Wie wollt Ihr mit diesem kaputten Boot jemanden hinüberführen?« Da sprach der Buddha: »Meine Fähre Hat schon großen Ruhm genossen, Als das Urchaos aufbrach; Da ich sie hinüberführe, Bleibt es so auch heute noch. Auch wenn Wind und Wogen toben, Wird sie fest und sicher bleiben; Ohne Kummer, ohne Sorgen Wird der Körper leicht hintreiben. Unbefleckt vom Erdenstaube Geht er in die Leerheit ein, Wird äonenlange Zeiten Heiter und gelassen sein. Schwerlich überquert ein Boot Bodenlos die weite See; Doch seit jeher führt es schon Wesen der Erlösung zu!« Da faltete der Große Heilige die Hände und sprach: »Habt Dank für die große Gunst, meinen Meister zu empfangen! Meister, steigt auf! Seine Barke hat zwar keinen Boden, aber sie ist fest und stabil, geht auch bei Wind und Wetter nicht unter.« Als der Priester immer noch zögerte, stieß ihn Pilger am Nacken voran. Der Meister verlor den Halt und fiel ins Wasser, doch schon hatte ihn der Fährmann hochgezogen, und nun stand er in der Barke. Während er noch sein Gewand auswrang und Pilger rügte, stieg Pilger mit Sandmönch und Bajie, Pferd und Gepäck ebenfalls ein, und alle drängten sich an die Bootswand. Sachte stieß der Buddha seine Barke vom Ufer ab. Da trieb vom Oberlauf eine Leiche auf den Wellen heran. Der Priester war sehr erschrocken. »Fürchtet Euch nicht, Meister«, lachte Pilger, »das wart einst Ihr!« »Fürchtet Euch nicht, Meister«, lachte Pilger, »das wart einst Ihr!« Bajie und Sandmönch klatschten in die Hände und riefen ebenfalls: »Ja, ja, das wart Ihr!« Und der Fährmann sprach im Rhythmus seines Ruderliedes: »Ja, das wart Ihr, gratuliere, gratuliere!« Binnen kurzem hatten sie leicht und sicher den Wolkenhohen Übergang der Unsterblichen überquert. Da wandte sich Tripitaka nach vorn und sprang leichten Fußes ans andere Ufer. Ein Gedicht besagt: Abgestreift die äußere Hülle Dieses Fleisch und dies Gebein, Innigste Verbundenheit Ist im Ursprungsgeist daheim. Heute ist der Weg vollendet, Buddhas sollen sie nun werden; Reingewaschen ist der Staub Aller Wahrnehmung auf Erden.488 Das war nun also tatsächlich jene zeitlose Unendlichkeit: in vollkommener Weisheit das andere Ufer erreichen.489 Als die vier vom Ufer zurückblickten, war die bodenlose Barke verschwunden. Jetzt erst verriet Pilger, dass es der Empfangsbuddha gewesen war. In plötzlicher Erkenntnis wandte sich Tripitaka um und bedankte sich stattdessen bei seinen Schülern. »Wir brauchen einander nicht zu danken«, meinte Pilger, »wir haben uns doch alle gegenseitig unterstützt. Wir haben es dem Meister zu verdanken, dass er uns dazu bewogen hat, der Lehre beizutreten und uns der Vervollkommnung zu widmen, und jetzt haben wir ja tatsächlich die Rechte Frucht erlangt! Unser Meister wiederum hat dank uns und dank Buddhas Kraft glücklich seinen irdischen Leib abstreifen können. Schaut nur, Meister, all die Blumen und Gräser, Kiefern und Bambusstauden, all die Paradiesvögel, Phönixe, Kraniche und Hirsche in dieser wunderbaren Umgebung! Und das im Vergleich zu jener Welt, in der so viele dämonische Wesen in Erscheinung treten! Welche ist von Heil und welche von Übel?« Tripitaka dankte in einem fort. Anschließend schritten sie leicht und frei den Seelenberg hinan und erblickten bald den ehrwürdigen Tempel des Donnergrollens. So sah er aus: Hoch strebt er zum Himmel auf, Wurzelnd im Sumeru-Berg; Prachtvoll wie die Gipfelkuppen Mit bizarrem Felsengrat. Unter Felsabhängen blühen Jadegräser, Jaspisblumen; An gewundnen Pfaden reifen Purpurpilze, Orchideen. Stupas sind zu sehen, Udumbaras duften!490 Golden leuchten Dächer hell Mit gepaarter Ziegelschicht; Blendend strahlt das Mauerwerk Mit Achat in herrlicher Pracht. Unermesslich viele Hallen Gleich wie Blüten oder Perlen; So weit auch das Auge reicht: Edle Türme und Kapellen! Von der Himmelskönigshalle Scheint der Morgenröte Hauch; Wo die Schutzgottheiten stehen, Lodern Purpurflammen auf! So war es in der Tat: In den herrlichen Gefilden, Scheint der Himmel wie erneuert; Wenn die Wolken ruhig gleiten Ist’s, als ob der Tag fortdauert. Hier dringt Erdenstaub nicht ein, Alles Schicksal ist vorbei; Groß sind diese Dharmahallen, Ewiglich von Leiden frei! Erlöst und erleichtert erreichten Meister und Schüler den Gipfel des Seelenberges. Hier sahen sie: Mönche und Nonnen in Reihen Unter Zypressen-Alleen, Zwischen smaragdenen Kiefern Lauter Gläubige stehen. Der Priester verneigte sich grüßend, worauf die Mönche, Nonnen, Laienbrüder und Laienschwestern sprachen: »Heiliger Priester, Ihr braucht Euch hier nicht zu verneigen. Wenn Ihr Shakyamuni gesehen habt, können wir uns gerne noch unterhalten.« »Ja, das ist noch viel zu früh«, lachte Pilger, »lasst uns zuerst den auf dem höchsten Throne ehren.« Leichtfüßig und beschwingt folgte der Priester Pilger zum Tempel des Donnergrollens. Am Portal wurden sie von zwei Diamantwächtern empfangen, die ihnen zuriefen: »Da seid Ihr also, heiliger Priester!« »Ja«, sprach Tripitaka mit einer leichten Verneigung, »Jünger Xuanzang ist hier.« Nach dieser Antwort wollte er eintreten, doch der Diamantwächter sprach: »Wartet einen Augenblick, heiliger Priester. Gestattet, dass wir Euch anmelden, bevor Ihr eintretet.« Einer der Diamantwächter meldete die Nachricht vom Eingangsportal an die Vier Großen Diamantwächter beim zweiten Tor weiter, diese wiederum leiteten sie zum dritten Tor, hinter dem sich die heiligen Mönche befanden, die dem höchsten Altar dienten. Diese eilten nun zur Haupthalle und meldeten Tathagata, dem höchsten edlen Buddha Shakyamuni: »Die Schriftenholer aus dem chinesischen Kaiserreich sind da!« Der Buddha freute sich sehr. Unverzüglich rief er die Acht Bodhisattvas, die Vier Diamantwächter, die fünfhundert Arhats und dreitausend Genien, die Elf Strahlenden Sterne und Achtzehn Schutzgötter der Klöster herbei und hieß alle in zwei langen Reihen Spalier stehen, dann ließ er den Priester auf höchstes Geheiß vorladen. Gemessenen Schrittes trat Tripitaka in würdevoller Haltung zusammen mit Wukong, Wuneng, Wujing, Pferd und Gepäck durch das Portal hinein. So war es in der Tat: Kühn entschlossen nahm er einst Des Kaisers hohen Auftrag an, Ging nach Abschied vor dem Thron Mit dem Reisepass voran. Stieg frühmorgens aus dem Tal Hoch in Tau und Dunst hinein, Legte sich zur Dämmerstunde Neben Wolken auf den Stein. Pilgerte in weite Fernen Über Tausende von Strömen; Schritt mit forschem Priesterstab Aus zu meilenweiten Höhen. Dem Gewinn der Wahren Frucht Galt sein Sinnen und sein Beten; Heute endlich kann er nun Vor Tathagata treten! Nun gelangten die vier Pilgernden in die Haupthalle und warfen sich vor Buddha nieder. Nachdem sie die Stirnaufschläge beendet hatten, verneigten sie sich auch zu beiden Seiten, und anschließend vollführte ein jeder achtungsvoll die dreimalige Umschreitung Buddhas. Daraufhin knieten sie abermals vor Buddha nieder und brachten ihm ihr Reisedokument dar. Buddha sah es durch, gab es Tripitaka wieder zurück, und dieser bedankte sich, indem er mit dem Haupt den Boden berührte. Dann wandte er sein Wort an den Erhabenen und sprach: »Euer Jünger Xuanzang ist auf Geheiß des Kaisers von China aus weiter Ferne zu Eurem kostbaren Berg gereist, um ehrfurchtsvoll die Wahren Schriften zu erbitten, mit welchen allen Lebewesen geholfen werden kann. Möge Ahnherr Buddha uns die hohe Gunst gewähren, besagte Schriften baldmöglichst zu übergeben, damit wir sie in unser Reich bringen können.« Jetzt erst öffnete Tathagata seinen gütigen Mund und sprach in tiefer Barmherzigkeit zu Tripitaka: »Die östlichen Gefilde, wo du herkommst, gehören zum Kontinent Jambudvipa. Auf jener Erde, unter dem hohen Himmel, gibt es vielgestaltige Dinge und massenweise Menschen, doch sie sind beherrscht von Gier und Mordlust, Trieb und Wahn, Lug und Trug, weil sie die buddhistische Lehre nicht achten und sich nicht dem Guten zuwenden. Sie verehren weder die drei Gestirne noch die fünf Getreidesorten, allenthalben mangelt es an den Pflichten der Fürstentreue und der Kindesliebe, an Gerechtigkeit und an Menschenliebe, stets betrügen sich die Menschen selbst, sind voller Geiz, töten und schlachten und begehen zahllose Sünden. Ihre Frevel und Missetaten haben derart jedes Maß überstiegen, dass schließlich die Hölle entstanden ist. So stürzen sich nun die Menschen auf Ewigkeiten in die Unterwelt, müssen dort schreckliche Qualen und großes Leid abbüßen und werden am Ende als Tiere wiedergeboren. Viele jener Wesen mit Pelz und Hörnern sind solche, die mit ihrem Leibe Buße tun und ihr Fleisch für Menschen zum Verzehr hergeben müssen. Und jene, die auf ewig in der Avici-Hölle491 schmachten müssen und keine Erlösung finden, erleiden dies aus denselben Gründen. Zwar begründete bei Euch Konfuzius seine Lehre der Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Ethik und Weisheit, und die Herrscher aller Dynastien bestrafen Vergehen mit Gefangenschaft, Exil, Erhängen oder Enthauptung, aber dennoch verharren die Menschen in ihrer Verblendung, lassen sich gehen und kennen keinerlei Tabus! Darum habe ich hier nun das Tripitaka, die drei Körbe Heiliger Schriften. Sie vermögen die Menschen aus Kummer und Not zu erlösen und über die Ursachen vergeltender Schicksalsschläge aufzuklären. Das Tripitaka enthält einen Korb mit Dharma-Schriften über die Naturgesetze des Himmels, einen Korb mit Sastra- Schriften über die Gegebenheiten der Erde und einen dritten Korb mit Sutra-Schriften zur Erlösung der Seelen. Sie sind aufgeteilt in 35 Kategorien, welche insgesamt 10 144 Schriftrollen umfassen. Fürwahr, dies ist der Pfad zur Vollendung der Wahrheit, das Tor zum wahrhaft Guten! Es gibt nichts unter dem Himmel und auf den vier Kontinenten, was nicht darin aufgezeichnet wäre, ob aus der Himmels- oder der Erdkunde, über Menschen, Tiere, Pflanzen, Gegenstände oder Ereignisse. Da Ihr aus weiter Ferne hierher gepilgert seid, will ich Euch all dies mitgeben. Allerdings sind die Menschen bei Euch ungehobelt und einfältig; sie verleumden das wahre Wort und vermögen das tiefe Geheimnis meiner Lehre nicht zu erkennen.« Nun rief er seine Jünger Ananda und Kasyapa herbei und sprach zu ihnen: »Führt die vier Mönche unter die Schatzpagode und offeriert ihnen erst eine Klostermahlzeit. Nach dem Essen öffnet ihr die Schatzkammer und entnehmt allen 35 Kategorien meines Tripitakas ein paar Schriften für sie, auf dass diese in den östlichen Gefilden in Umlauf kommen und die Gnade der Allmacht auf ewig eingeschrieben werde.« Wie geheißen führten die erhabenen Jünger die vier Pilgermönche zur besagten Pagode. Alles war von den erlesensten Schätzen und Kostbarkeiten erfüllt, die sich in tausendfältigen Varianten vor ihnen ausbreiteten. Schon sahen sie die Götter, welche für die Opfergaben zuständig waren, eine Klostermahlzeit aufstellen. Da gab es alle nur erdenklichen Götterspeisen und Leckerbissen, himmlische Tränke und Früchte, unzählige Delikatessen, mit irdischen Dingen nicht zu vergleichen. Meister und Schüler verneigten sich zum Dank und begannen nach Lust und Laune zu speisen. So war es in der Tat: Golden strahlen edle Schätze Leuchtend in die Augen; Feine Düfte edler Speisen Sind kaum zu beschreiben. Tausende von hohen Hallen, Welch ein Anblick wunderbar; Buddhas Götterklänge schallen, Dringen klar und rein ins Ohr. Der profanen Hülle ledig, Wird er ohne Alter sein, Der Unsterblichen Getränke Flößen langes Leben ein. Unzählbare Not und Pein Musste er einst überwinden; Heute jedoch glänzt sein Ruhm, Froh darf er den Weg vollenden! Diesmal kam Bajie richtig zu seinem Genuss, und auch Sandmönch konnte sich erlaben. An Buddhas Stätte standen ihnen so viele erquickende Speisen bereit, wie sie nur essen mochten. Die beiden erhabenen Jünger leisteten ihnen beim Essen Gesellschaft, und als sie fertig waren, begab man sich zur Schatzkammer. Die Tür wurde geöffnet, sie traten ein und schauten. Alles strahlte in tausendfältigem Schimmer, ganz von einer heilvollen Aura umhüllt; zahllose regenbogenfarbene Nebelschleier und glückverheißende Wolken wogten ringsum auf und ab, und in den Regalen lagen in wertvollen Schatullen die Heiligen Schriften. Auf roten Etiketten stand in klarer Regelschrift geschrieben, um welche Schriften es sich handelte. Es waren die folgenden: Nirvana Sutra 748 Rollen Bodhisattva Sutra 1021 Rollen Akasagarbha Sutra 400 Rollen Surangama Sutra 110 Rollen Gesammelte Sutras vom Gewahrsein der Gunst 50 Rollen Sutra der Entschiedenheit 140 Rollen Schatzkorb Sutra 45 Rollen Avatamsaka Sutra 500 Rollen Sutra der Verehrung Tathagatas 90 Rollen Mahaprajnaparamita Sutra 916 Rollen Mahaprabhasa Sutra 300 Rollen Adbhutadharma Sutras 1111 Rollen Vimalakirti Sutra 170 Rollen Die drei Sastras 270 Rollen Diamant-Sutra 100 Rollen Saddharma Sastra 120 Rollen Buddhacaritakavya Sutra 800 Rollen Fünf Drachen Sutra 32 Rollen Bodhisattva-Vinaya Sutra 116 Rollen Mahasamghata Sutra 130 Rollen Makara Sutra 350 Rollen Lotos-Sutra 100 Rollen Yoga-Sutra 100 Rollen Sutra der Kostbaren Ewigkeit 360 Rollen Westhimmel-Sastra 130 Rollen Sanghika Sutra 156 Rollen Diverse Sutras zum Buddhareich 1950 Rollen Sraddhotpada Sastra 1000 Rollen Sutra der Erlösung durch Weisheit 1080 Rollen Sutra der Kostbaren Macht 1280 Rollen Sutra der Ursprungshalle 850 Rollen Sutra der Texte zur rechten Disziplin 120 Rollen Großes Pfauen-Sutra 220 Rollen Vijnaptimatratasiddhi Sastra 100 Rollen Abhidharma-Kosa Sastra 200 Rollen Nachdem Ananda und Kasyapa dem Priester alle Titel der Heiligen Schriften gezeigt hatten, sprachen sie zu ihm: »Heiliger Mönch, der Ihr aus dem fernen Osten hierhergereist seid; was für Geschenke habt Ihr mitgebracht? Lasst sehen, dann werden wir Euch die Schriften geben.« Als Tripitaka dies hörte, sprach er: »Jünger Xuanzang hat einen allzu weiten Weg hinter sich. Ich habe nichts mitgebracht.« Die beiden Erhabenen lachten: »Na schön! Da kommt er mit leeren Händen daher, und wir sollen ihm Schriften zur Verbreitung über viele Generationen überreichen! Wollt Ihr etwa unsere Nachfahren hungern lassen?« Pilger, der ihr kleinliches Verhalten beobachtete und merkte, dass sie die Schriften nicht herausrücken wollten, konnte sich nicht halten und rief: »Kommt, Meister, das melden wir Tathagata und lassen ihn die Schriften eigenhändig überreichen.« »Schweig!« fuhr ihm Ananda über den Mund, »glaubst du etwa, dies wäre ein Ort, wo du dich frech aufführen kannst? Kommt her und nehmt eure Schriften.« Bajie und Sandmönch mahnten Pilger zur Zurückhaltung. Dann folgten sie den beiden Jüngern und nahmen die Schriften in Empfang. Eine Rolle nach der anderen legten sie zu ihrem Gepäck und luden alles auf den Pferderücken; zuletzt schnürten sie noch zwei Packen zusammen, welche Bajie und Sandmönch an Tragstangen aufschulterten. Anschließend traten sie abermals vor den höchsten Thron, vollzogen Stirnaufschläge und bedankten sich bei Tathagata. Auf dem Weg nach draußen machten sie vor jedem Buddha und jedem Bodhisattva eine zweimalige Verbeugung, und beim Eingangsportal verneigten sie sich auch noch vor allen Mönchen und Nonnen, Laienbrüdern und Laienschwestern. So nahmen sie Abschied und traten ihren Rückweg an. Doch lasst uns noch aus der Schatzkammer berichten, wo nämlich der Uralte Buddha Dipamkara, der »Anzünder der Leuchte«, mitangehört hatte, wie die Schriften übergeben worden waren. Ihm war sofort klar, dass Ananda und Kasyapa den Pilgern in Tat und Wahrheit unbeschriebene Schriftrollen mitgegeben hatten. Da sann er im Stillen: »Die Lebewesen im Osten sind so verblendet, dass sie Schriften ohne Worte unmöglich verstehen können. Hätte dann der heilige Priester seine ganze Reise nicht umsonst gemacht?« Also fragte er: »Wer ist bei Throne zuständig?« Sogleich trat der ehrwürdige Weiße Recke vor, und der Uralte Buddha sprach: »Bitte eile dem chinesischen Priester nach und nimm ihm die unbeschriebenen Schriftrollen weg, damit er nochmals zurückkommt, um beschriebene Schriftrollen zu holen.« Unverzüglich ging der ehrwürdige Weiße Recke aus dem Tempel des Donnergrollens, entfaltete draußen seine göttlichen Kräfte und stieg in einem Sturmwind in die Höhe. Der Priester aber, der seines Weges ging, gewahrte auf einmal, wie ein duftender Windstoß brausend heranstürmte. Da er es für ein glückliches Omen Buddhas hielt, war er nicht weiter auf Vorsicht bedacht, doch plötzlich krachte es, aus den Lüften kam eine Hand herunter, hob die Lasten sachte vom Pferderücken und trug sie davon. Entsetzt schrie Tripitaka auf und schlug sich verzweifelt mit der Faust an die Brust. Pilger aber schoss pfeilschnell nach oben. Wie der Weiße Recke Pilger kommen sah, riss er aus Angst, dieser könnte in blinder Wut seine Stange zücken und ihn am Ende gar verletzen, das Bündel auf und ließ die Schriften in den Staub hinunterfallen. Als Pilger sah, wie die Schriften vom Wind zerstreut wurden, ließ er von einer Verfolgung ab und senkte seine Wolke, um sich um die Schriften zu kümmern. Wie der Weiße Recke nun Wind und Nebel einstellte und sich in den Tempel begab, um beim Uralten Buddha Bericht zu erstatten, sei hier nicht weiter ausgeführt. Als Bajie die Schriften fallen sah, machte er sich mit Pilger daran, sie einzusammeln, schulterte alles auf und kam zu Tripitaka. Unter Tränen rief dieser: »Ach, meine Schüler! Sogar in diesen paradiesischen Gefilden gibt es schlimme Dämonen, die uns betrügen und schädigen!« Sandmönch nahm die eingesammelten Schriften entgegen und blätterte ein wenig. Doch da war ja alles leer, ohne ein halbes Schriftzeichen! Bestürzt hielt er Tripitaka die Schriftrolle hin und sprach: »Meister! In dieser Schriftrolle steht nichts geschrieben.« Pilger öffnete eine weitere Rolle, doch auch diese war unbeschriftet. Da hieß ihn Tripitaka, alles durchzuschauen. Rolle um Rolle war nichts als weißes Papier! Der Priester tat einen tiefen Seufzer und sprach: »Im Osten ist uns wahrhaftig kein Glück vergönnt! Was nützt es, wenn wir leere Rollen mitbringen? Wie könnten wir damit je vor den Kaiser zu treten wagen? Es käme dies einem Betrug am Herrscher gleich, darauf steht die Todesstrafe!« Pilger aber hatte die Sache längst durchschaut. Er sprach zu Tripitaka: »Meister, keine Frage, das ist wegen dieser üblen Kerle, Ananda und Kasyapa. Die wollten Geschenke von uns, und weil wir keine hatten, gaben sie uns nur diese leeren Rollen. Gehen wir sofort zurück und zeigen die beiden beim Tathagata wegen Betrug und Erpressung an!« »Ja, genau!« fiel Bajie ein. Also machten sie kehrt und eilten ungehalten zum Tempel des Donnergrollens. Bald standen sie am Eingang, wo die Anwesenden sie mit übereinandergewölbten Händen begrüßten und lachend fragten: »Kommt der heilige Priester, um die Schriften umzutauschen?« Tripitaka nickte dankend. Die Diamantwächter ließen sie ungehindert eintreten, und so gelangten sie direkten Weges in die Haupthalle. Da wetterte Pilger lauthals drauflos: »Tathagata! Unser Meister und wir Schüler haben unsägliche Mühen durchlitten, bis wir endlich hier angelangt sind, wo Ihr den Befehl erteilt habt, uns die Schriften mitzugeben. Doch Ananda und Kasyapa haben uns erpressen wollen, und weil wir nicht darauf eingegangen sind, haben sie gemeutert, uns betrogen und uns absichtlich Schriftrollen mit unbeschriebenem weißem Papier gegeben! Was sollen wir damit anfangen? Wir bitten Tathagata, diese Sache ins Reine zu bringen.« Buddha aber lächelte und sprach: »Dass euch die beiden nach Geschenken fragten, ist mir schon bekannt. Doch es ist nun einmal so, dass die Heiligen Schriften nicht ohne weiteres übergeben werden und man sie nicht mit leeren Händen bekommt. Als einst die Mönche und Nonnen hinabsteigen wollten, um bei Ehrwürden Zhao in Sravasti die Heiligen Schriften zu rezitieren, damit es seiner Sippschaft wohlergehe und seine Ahnen Erlösung fänden, kriegten sie dafür nur drei und ein Drittel Scheffel Gold- und Silberkörner. Ich habe ihnen vorgeworfen, dass sie ihre Sache derart billig verkauften, denn wo bliebe sonst noch Geld für unsere Nachfahren übrig! Weil ihr heute mit leeren Händen gekommen seid, habt ihr eben leere Schriften erhalten. Eigentlich sind leere Schriften die ›Wahre Schrift ohne Worte‹, das ist auch sehr gut. Für die Menschen bei euch im Osten, die so unwissend und verblendet sind, kann man nur diese geben.« Nun rief er nach Ananda und Kasyapa und sprach zu ihnen: »Holt sofort aus jeder Abteilung ein paar Wahre Schriften mit Worten und meldet mir anschließend die genaue Anzahl!« Also führten die beiden Erhabenen die Pilgermönche abermals in die Schatzkammer des Schatzpavillons, wo sie aber wie zuvor den Priester um Geschenke baten. Da Tripitaka nichts besaß, was er ihnen hätte anbieten können, hieß er schließlich Sandmönch, seine purpurgoldene Almosenschale aus dem Gepäck zu nehmen, brachte sie mit beiden Händen dar und sprach: »Euer Jünger hat einen langen Weg der Not und Entbehrung hinter sich, daher war es wirklich nicht möglich, Geschenke mitzuführen. Diese Schale aber hat mir der Kaiser von China eigenhändig überreicht, und damit habe ich auf der ganzen Reise um Speise gebeten. So will ich euch nun diese Schale geben, als ein kleines Zeichen der Dankbarkeit. Mögen die Erhabenen uns jene Wahren Schriften verleihen, die auch wirklich beschriftet sind, damit wir des Kaisers Erwartungen nicht enttäuschen und die Mühen unserer langen Reise nicht umsonst gewesen sind!« Ananda nahm die Schale mit verhaltenem Lächeln entgegen. Die danebenstehenden Wächter der Schatzpagode und die Götter der Schatzkammer schubsten sich an, zwickten einander in die Wange, tippten einander auf die Schulter, schnippten leise mit den Fingern, schürzten die Lippen und murmelten grinsend vor sich hin: »Wie unverschämt, von Schriftenholern Geschenke zu verlangen!« Dies machte nun Ananda so verlegen, dass er das Gesicht verzog, die Schale aber hielt er fest in seinen Händen. Schließlich ging Kasyapa in die Kammer, um die Schriften auszusuchen; eine Rolle nach der anderen überprüfte er und reichte sie Tripitaka. »Schaut alles genau an«, schärfte dieser seinen Schülern ein, »dass es nicht noch einmal so ist wie zuvor!« Die Schüler sahen jede einzelne Rolle durch, und tatsächlich, alles war beschriftet. Insgesamt erhielten sie 5048 Schriftrollen, was einem Drittel des ganzen Tripitakas Heiliger Schriften entsprach. Nachdem sie alles ordentlich zusammengeschnürt hatten, banden sie es auf den Pferderücken, und was übrig blieb, wurde für die Tragstange gebündelt, die sich Bajie aufschulterte. Dann führte Pilger das Pferd am Halfter, Sandmönch trug das Gepäck, Tripitaka nahm seinen Priesterstab, und so traten sie in großer Freude vor Tathagata. So war es in der Tat: Die drei Körbe Wahrer Schriften Bringen grenzenlosen Segen; Lächerlich ist doch Ananda, Geizig nur des Geldes wegen! Dank sei Buddha Dipamkara Für den Tausch der leeren Rollen, Auf dass sie im fernen Osten Neu verbreitet werden sollen! Nun bestieg der Buddha seinen hohen Lotosthron und hieß die erhabenen Arhats Drachenbezwinger und Tigerbändiger, die wolkenförmigen Klangsteine anzuschlagen und alle dreitausend Buddhas, Genien, Diamantwächter und Bodhisattvas, die fünfhundert Arhats, achthundert Mönche und Nonnen sowie alle jüngeren und älteren Erhabenen und heiligen Geistlichen aus allen Himmeln und Grotten, gesegneten Landen und geheiligten Bergen einzuladen. Wer selbst einen Thronsitz hatte, wurde auf seinen Platz gebeten, während die anderen sich zu beiden Seiten in Reihen aufstellten. Alsbald erscholl ringsum himmlische Musik in klaren göttlichen Melodien, derweil sich der ganze Himmel mit glückverheißendem Licht und heilvollen Dunstschleiern erfüllte. Nachdem alle Buddhas eingetroffen waren und sich vor Tathagata verbeugt hatten, wandte sich dieser an Ananda und Kasyapa und fragte: »Wie viele Schriften habt ihr ihnen mitgegeben? Lasst mich die genaue Anzahl wissen.« Da begannen die beiden Erhabenen mit ihrer Aufzählung und sprachen: »Folgendes soll dem chinesischen Kaiserhof übergeben werden: Nirvana Sutra 400 Rollen Bodhisattva Sutra 360 Rollen Akasagarbha Sutra 20 Rollen Surangama Sutra 30 Rollen Gesammelte Sutras vom Gewahrsein der Gunst 40 Rollen Sutra der Entschiedenheit 40 Rollen Schatzkorb Sutra 20 Rollen Avatamsaka Sutra 81 Rollen Sutra der Verehrung Tathagatas 30 Rollen Mahaprajnaparamita Sutra 600 Rollen Mahaprabhasa Sutra 50 Rollen Adbhutadharma Sutras 550 Rollen Vimalakirti Sutra 30 Rollen Die drei Sastras 42 Rollen Diamant-Sutra 1 Rolle Saddharma Sastra 20 Rollen Buddhacaritakavya Sutra 116 Rollen Fünf Drachen Sutra 20 Rollen Bodhisattva-Vinaya Sutra 60 Rollen Mahasamghata Sutra 30 Rollen Makara Sutra 140 Rollen Lotos-Sutra 10 Rollen Yoga-Sutra 30 Rollen Sutra der Kostbaren Ewigkeit 170 Rollen Westhimmel-Sastra 30 Rollen Sanghika Sutra 110 Rollen Diverse Sutras zum Buddhareich 1638 Rollen Sraddhotpada Sastra 50 Rollen Sutra der Erlösung durch Weisheit 90 Rollen Sutra der Kostbaren Macht 140 Rollen Sutra der Ursprungshalle 56 Rollen Sutra der Texte zur rechten Disziplin 10 Rollen Großes Pfauen-Sutra 14 Rollen Vijnaptimatratasiddhi Sastra 10 Rollen Abhidharma-Kosa Sastra 10 Rollen Von allen 35 Kategorien der Heiligen Schriften am Lager haben wir insgesamt 5048 Rollen genommen und dem heiligen Priester zur Verbreitung im fernen Osten überreicht. Inzwischen liegt alles reisefertig in Packlasten verteilt. Sie warten nur noch darauf, sich bei Euch bedanken zu dürfen.« Tripitaka und seine Schüler banden das Pferd an, legten die Packen nieder, und nun verbeugte sich jeder mit gefalteten Händen vor Buddha. Da wandte sich Buddha an Tripitaka und sprach: »Diese Heiligen Schriften sind von unermesslichem Segen. Obschon sie unsere Ansicht darstellen, handelt es sich in Wirklichkeit um den Kern aller drei Religionen. Wenn Ihr nun auf Euren Kontinent Jambudvipa zurückkehrt und dort allen Wesen diese Schriften offenbart, sollen diese niemals achtlos behandelt werden. Nur wer ein reinigendes Bad genommen und gefastet hat, soll diese Schriften aufschlagen. Schätzt sie hoch und nehmt sie ernst! Sie enthalten das tiefe Geheimnis, wie der Mensch unsterblich werden und das große Dao vollenden kann, es ist eine wunderbare Lehre über die große Schöpferkraft der Natur!« Tripitaka bedankte sich mit einem tiefen Stirnaufschlag und gelobte, sich an Buddhas Worte zu halten. Anschließend ehrten sie Buddha abermals mit dreimaliger Umschreitung des Altars und traten schließlich mit den Heiligen Schriften ab. Beim Durchschreiten der drei Tore bedankten sie sich auch noch einmal bei allen Heiligen. Nachdem Tathagata den Priester verabschiedet und die Versammlung zur Schriftenübergabe aufgelöst hatte, trat von der Seite Bodhisattva Guanyin vor Buddha, faltete die Hände und sprach: »Seit ich einst auf Euer goldenes Edikt in den Osten ging, um einen Schriftenholer zu suchen, sind vierzehn Jahre verflossen, das sind insgesamt 5040 Tage. Nun fehlen noch acht Tage bis zur Übereinstimmung mit der Anzahl der überreichten Schriften. Ich bitte um Erlaubnis, nun das Goldene Edikt zurückgeben zu dürfen.« »Ihr habt recht gesprochen«, erwiderte Buddha freudig, »das Goldene Edikt kann zurückgegeben werden.« Und er befahl den Acht Großen Diamantwächtern: »Entfaltet eure göttlichen Kräfte und führt den heiligen Priester heim in den Osten, damit er die Wahren Schriften verbreite. Anschließend sollt ihr den heiligen Priester wieder in den Westhimmel bringen. Dies muss innerhalb von acht Tagen geschehen, damit die Anzahl der Tage mit den Schriftrollen eines Korbes übereinstimmt. Es ist keine Zeit zu verlieren!« Bald hatten die Diamantwächter den Priester eingeholt und riefen ihm zu: »Folgt uns, Schriftenholer!« Da stiegen der Priester und seine Schüler leicht und frei in die Lüfte und schwebten mit den Diamantwächtern auf Wolken voran. So war es in der Tat: Das Herz erkennend und das Wesen schauend, Schreiten sie zu Ahnherrn Buddha vor; Endlich ist das Werk getan, der Weg vollendet, Zum Himmel schweben sie nun hoch empor! Da wir aber nicht wissen, wie sie im Osten die Heiligen Schriften verbreiteten, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第099回 / 99. Kapitel Neunmal Neun vollbringt die Zahl, Dämonisches ist abgetan / Dreimal Drei erfüllt das Werk, der Weg kehrt sich zur Wurzel Wie berichtet wurde, führten die Acht Diamantwächter Tripitaka zurück, doch sei dies hier nicht weiter ausgeführt. Denn beim zweiten Toreingang im Tempel des Donnergrollens traten nun die Fünf Genien der Himmelsrichtungen, die Vier Zeitgötter, die sechs Ding- und die sechs Jia-Götterkrieger sowie die Schutzgötter aller Klöster auf Bodhisattva Guanyin zu und sprachen: »Wir alle haben auf Euer Geheiß dem heiligen Priester stets im Verborgenen schützend beigestanden. Nun, da seine Pilgerreise vollendet ist und Ihr, Bodhisattva, Buddhas Goldenes Edikt zurückgegeben habt, hoffen wir ebenfalls auf die Erlaubnis, Euch das gesegnete Edikt zurückzugeben.« »Das sei euch erlaubt«, sprach die Bodhisattva freudig und fragte: »Wie steht es denn um den Wandel des Herzens des chinesischen Priesters und seiner Schüler auf dieser Pilgerreise?« »Fürwahr, sie sind von frommem Herzen und aufrechtem Sinn! Eurem durchdringenden Blicke kann dies nicht entgangen sein. Allerdings musste dieser Priester unsäglich viel Leid durchmachen. Eure Jünger haben all das Unheil, das ihm auf seiner Reise widerfahren ist, mit Sorgfalt aufgelistet. Hier ist das Verzeichnis seiner Leiden.« Die Bodhisattva las alles durch. Darin stand geschrieben: 1. Verbannung von Meister Goldzikade auf Erden; 2. Knapp verhinderte Tötung nach der Geburt; 3. Aussetzung im Fluss im Alter von einem Monat; 4. Suche nach Verwandten und Vergeltung des Unrechts; 5. Begegnung mit einem Tiger nach Verlassen der Stadt; 6. Fall in eine Grube und Verlust der Gefolgsleute; 7. Leid am Doppelgabelberg; 8. Leid auf dem Grenzberg; 9. Pferdetausch in steiler Schlucht; 10. Nächtlicher Brand; 11. Verlust der Priesterrobe; 12. Aufnahme von Bajie; 13. Behinderung durch den Gelbwinddämon; 14. Anrufung von Bodhisattva Lingji; 15. Schwer überwindbarer Sandfluss; 16. Aufnahme von Sandmönch; 17. Offenbarung der Vier Heiligen; 18. Kloster der Fünf Weiler; 19. Schwierige Rettung des Ginsengbaumes; 20. Vertreibung des Herzaffen; 21. Irrgang im Wald der Schwarzen Kiefern; 22. Briefzustellung im Lande Baoxiang; 23. Verwandlung in einen Tiger am Königshof; 24. Begegnung mit Dämonen vom Flachdachberg; 25. Aufhängung in der Lotosgrotte; 26. Rettung des Herrschers von Schwarzhahnland; 27. Verkörperung durch einen Dämon; 28. Begegnung mit Ungeheuer auf dem Heulberg; 29. Erfassung des heiligen Mönchs durch Sturmwind; 30. Schädigung des Herzaffen; 31. Bitte an Heilige zur Unterwerfung des Dämons; 32. Versinken im Schwarzwasser; 33. Land der Trägen Wagen; 34. Die große Wette; 35. Bann der Daoisten und Rückkehr der Buddhisten; 36. Behinderung durch großes Gewässer; 37. Fall in den Fluss zum Himmel; 38. Offenbarung mit dem Fischkorb; 39. Der Dämon vom Goldbeutel-Berg; 40. Vergeblicher Beistand der Himmelsgötter; 41. Erfragen des Ursprungs bei Buddha; 42. Vergiftung durch Wasser; 43. Heiratszwang im Frauenland Xiliang; 44. Leiden in der Pipa-Grotte; 45. Zweite Vertreibung des Herzaffen; 46. Schwer erkennbarer Rhesusaffe; 47. Behinderung durch Flammenberg; 48. Auftreiben des Palmfächers; 49. Bändigung eines Dämonenkönigs; 50. Auskehren der Pagode im Land der Dankopfer; 51. Schatzrückführung und Rettung der Mönche; 52. Poesie auf dem Dornenkamm; 53. Notlage im Kleinen Tempel des Donnergrollens; 54. Bedrängnis der Himmelsgötter; 55. Behinderung durch Khakidreck; 56. Tätigkeit als Arzt in Purpurien; 57. Heilung einer schweren Krankheit; 58. Bändigung eines Ungeheuers und Rettung der Königin; 59. Verwirrung durch die Sieben Gefühle; 60. Verletzung durch den Vieläugigen; 61. Behinderung am Löwenberg; 62. Ungeheuer in drei Gestalten; 63. Unglück in der Dämonenstadt; 64. Bitte an Buddha um Aufnahme der Dämonen; 65. Rettung der Kinder im Lande Bhiksu; 66. Unterscheidung von Wahr und Falsch; 67. Rettung eines Ungeheuers im Kiefernwald; 68. Krankheit in der Klosterzelle; 69. Gefangenschaft in der Bodenlosen Grotte; 70. Schwieriger Gang durch Dharmaverderb; 71. Dämon im Nebelgebirge; 72. Regenmachen in der Grafschaft der Phönixgötter; 73. Verlust der Waffen; 74. Das Rechenfest; 75. Unheil am Bambusberg; 76. Leid in der Grotte der Finsterblüte; 77. Verfolgung der Rhinozerosse; 78. Heiratsantrag in Indien; 79. Gefangenschaft in Tongtai; 80. Abstreifen der leiblichen Hülle am Wolkenhohen Übergang. So war es in der Tat: Alle Genien und Götter Ihm stets beigestanden waren, Dennoch muss der heilige Mönch Der Dämonen Leid erfahren. Es erstreckte sich die Reise Hundertundachttausend Meilen; Fehlerlos ist auf der Liste Eingetragen jedes Leiden. Nachdem die Bodhisattva alles durchgelesen hatte, verkündete sie: »Im Buddhismus erfolgt der Eintritt in die Wahrheit nach der Zahl von Neun mal Neun. Nun hat aber der heilige Priester erst achtzig Leiden durchgemacht. Zur Vollendung der Summe fehlt noch ein Leid!« Auf der Stelle befahl sie den Genien, die Diamantwächter einzuholen und noch ein letztes Leid zu verursachen. Unverzüglich schossen die Genien auf Wolken gen Osten, hatten nach einem Tag und einer Nacht die Acht Diamantwächter eingeholt und flüsterten ihnen ins Ohr: »Es verhält sich so und so; haltet euch strikt an die Weisung der Bodhisattva und zögert nicht.« Da stellten die Diamantwächter ihren Wind ein und ließen die vier Mönche mitsamt Pferd und Gepäck zur Erde fallen. Oho! So war es in der Tat: Neun mal Neun kehrt in die Wahrheit, Dieser Weg ist wirklich schwer; Nur beständig fester Wille Öffnet das geheime Tor. Wichtig ist das stete Üben, Bis Dämonen ganz verschwinden; So erst wird Vervollkommnung Heim zur Rechten Lehre finden. Führe diesen großen Auftrag Mit Beharrlichkeit zum Ziel; Halte nie die Heiligen Schriften Für bedeutungsloses Spiel! Seit jeher sind sie im Innern Mit dem Cantong Qi verbunden;494 Fehlt es nur um Haaresbreite, Kommt das Elixier abhanden! Als Tripitakas Füße die Erde berührten, erschrak er sehr. Bajie brach in Gelächter aus und rief: »Na schön, na schön, da haben wir’s: Wer zu sehr eilt, kommt zu spät!« »Wahrscheinlich sollen wir hier eine Pause machen, weil wir so schnell geflogen sind«, mutmaßte Sandmönch. Pilger meinte: »Es ist, wie der Volksmund sagt: Zehn Tage saß er tatenlos im Sande, dann machte er an einem Tag neun Strände.«495 »Lasst die müßigen Sprüche, ihr drei«, versetzte Tripitaka, »versucht lieber herauszufinden, welcher Ort das ist.« Pilger spähte in alle Richtungen und rief schließlich: »Ja, genau, da sind wir! Meister, hört doch, wie das Wasser rauscht.« »Dann sind wir wohl bei deinem früheren Zuhause«, meinte Bajie zu Sandmönch. »Nein, das war der Sandfluss«, versetzte Pilger, »hier ist der Fluss zum Himmel.« »Dann schau doch mal, an welchem Ufer wir uns befinden«, sprach Tripitaka. Pilger schoss in die Lüfte und sah sich um, kehrte gleich darauf zurück und meldete: »Meister, wir sind am westlichen Ufer.« »Ja, ich erinnere mich«, rief Tripitaka nun, »am östlichen Ufer lag doch das Dorf der Sippe Chen. Dort hatten sie dir die Rettung ihrer Kinder zu verdanken. Dann wollten sie Schiffe bauen, um uns hinüberzuführen, doch glücklicherweise kam eine weiße Schildkröte und führte uns ans andere Ufer. Ich weiß noch gut, wie menschenleer am westlichen Ufer alles war. Doch was sollen wir jetzt tun?« »Da heißt es immer, man dürfe nicht schwindeln«, warf Bajie ein, »und dann stellt sich heraus, dass sogar Diamantwächter schwindeln. Die haben doch von Buddha die Weisung erhalten, uns in den Osten zu führen; warum lassen sie uns jetzt auf halbem Weg im Stich? Nun stecken wir schön in der Tinte. Wie kommen wir bloß rüber?« »Bruder«, meinte Sandmönch, »unser Meister hat seine sterbliche Hülle abgelegt, diesmal wird er sicher nicht ins Wasser fallen. Lassen wir doch den ältesten Ordensbruder mit uns zusammen den Meister mit Magie hochheben und durch die Lüfte führen.« Pilger aber lächelte und sprach: »Nein, so geht das nicht. Durch die Lüfte geht nicht.« Weshalb er das wohl sagte? Wäre er bereit gewesen, eine Magie anzuwenden, hätte er den Meister problemlos über Tausende von Flüssen tragen können! Es war allein deshalb, weil er bereits verstanden hatte, dass noch ein Leid fehlte, um die Summe von Neun mal Neun zu vollenden, und dass sie nur deshalb hier aufgehalten wurden. Also gingen Meister und Schüler langsam voran und unterhielten sich, bis sie zum Strom gelangten. Weit und breit war keine menschliche Spur zu sehen, und es gab auch nirgendwo ein Schiff. Wie sie nun unschlüssig dastanden, hörten sie plötzlich eine Stimme rufen: »Heiliger Priester! Kommt, hierher!« Überrascht blickten sie auf. Es war wieder jene große weiße Schildkröte, die nun am Ufer den Kopf herausstreckte! »Werter Meister!« rief sie, »ich habe jahrelang auf Euch gewartet. Endlich seid Ihr da!« Pilger rief lachend: »Alte Schildkröte, schon damals haben wir deine Mühe in Anspruch genommen, und nun dürfen wir dich wieder treffen!« Tripitaka, Bajie und Sandmönch waren überglücklich. »Alte Schildkröte«, meinte Pilger nun, »wenn du wirklich gewillt bist, uns zu dienen, dann komm ans Ufer!« Die Schildkröte gab sich einen Ruck und kroch empor. Da ließ Pilger das Pferd auf den Rückenpanzer führen, Bajie hockte sich wie damals hinter das Pferd, der Priester stand links daneben und Sandmönch rechts. Pilger aber setzte den einen Fuß auf den Hals der Schildkröte, den anderen auf ihren Kopf und rief: »Dann bring uns schön sachte hinüber, alte Schildkröte!« Da stieß sich das Tier mit allen vieren vom Ufer ab und glitt so sicher über das Wasser, als wäre es fester Boden. So strebte es mit vier Mönchen und einem Pferd auf dem Rücken dem östlichen Ufer entgegen. Wahrhaftig, so war es nun: Des Dharmas tiefstes Wunder In ungeteilter Wahrheit wohnt; Alle Dämonen sind bezwungen, Mensch und Himmel sind erkannt. Erstmals zeigt sich heute nun Das ursprüngliche Gesicht, Die Ursachen dieses Körpers Sind zur Ganzheit nun vollbracht. In der allerhöchsten Weisheit Frei sie ungehindert schweben; Im neunfachen Elixier Sie sich unbegrenzt bewegen.496 Lasten tragend mühsam pilgern, Davon sei nicht mehr die Rede; Glücklich treffen sie am Heimweg Die Schildkröte am Gestade. Eine geraume Weile wurden sie von der alten Schildkröte sicher über den breiten Strom geführt, und gegen Abend näherten sie sich dem östlichen Ufer. Auf einmal sprach die Schildkröte: »Werter Meister, damals habe ich Euch doch gebeten, im Westhimmel Buddha Tathagata wegen meiner Vollendung zu fragen. Habt Ihr gefragt, wie lange es noch dauert, bis ich endlich einen menschlichen Körper erlangen kann?« Nun hatte ja aber der Priester, seit er zum Seelenberg gelangt war, seine ganze Aufmerksamkeit ausschließlich auf Buddha und die Heiligen Schriften gerichtet; alles andere hatte er nicht weiter bedacht. Darum hatte er natürlich auch nicht gefragt, wann die alte Schildkröte zur Vollendung finden würde. Er wusste keine Antwort zu geben. Die Schildkröte verstand, dass er nicht gefragt hatte, machte einen Schwenk, und – husch! – war sie abgetaucht. Alle vier mitsamt Pferd und Schriften fielen ins Wasser. Oho! Da war es nun ein Glück, dass der Priester seine leibliche Hülle abgestreift und den Großen Weg vollendet hatte, sonst wäre er gewiss wie beim letzten Mal auf den Grund gesunken. Ein Glück war es auch, dass das Pferd ja eigentlich ein Drache war und auch Bajie und Sandmönch im Wasser gut zurechtkamen. Unter lautem Gelächter half Pilger dem Priester mit einer Magie aus dem Wasser und führte ihn ans östliche Ufer. Nur waren jetzt die Packen mit den Schriftrollen, Kleider, Zaumzeug und Sattel völlig durchnässt. Als Meister und Schüler gerade erst das Ufer erreicht hatten und ihre Sachen in Ordnung zu bringen begannen, brauste plötzlich ein heftiger Windstoß heran. Der Himmel verfinsterte sich, es begann zu blitzen und zu donnern, Sand und Kieselsteine fegten herbei. Erschrocken hielt Tripitaka die Schriftenbündel fest, Sandmönch drückte die Tragstange darauf, und Bajie fasste das Pferd am Halfter. Pilger hingegen wirbelte seine Stange mit beiden Händen im Kreise herum und stand ihnen zu allen Seiten schützend bei. Der Wind und das Gewitter rührten nämlich von ein paar finsteren Dämonen, welche ihnen die errungenen Heiligen Schriften entreißen wollten. Sie mussten sich die ganze Nacht über dagegen wehren, bis bei Tagesanbruch endlich Ruhe eintrat. Der Priester, bis auf die Haut durchnässt, fragte schlotternd: »Wukong, was ist da geschehen?« »Meister«, entgegnete Pilger, »Ihr versteht einfach die Zusammenhänge nicht. Dass Ihr diese Heiligen Schriften dank unserem Schutz erlangen konntet, bedeutet nicht weniger, als Himmel und Erde das Geheimnis der Schöpfung zu entreißen! Damit sind wir so beständig wie das Prinzip des Universums, so leuchtend wie Sonne und Mond. Wir genießen ewige Jugend, und unsere transzendenten Dharma-Körper sind unvergänglich. Dies missgönnen uns Götter und Geister und versuchen uns das Erlangte heimlich zu entreißen. Nun waren aber die Schriften erstens ganz durchnässt, zweitens konntet Ihr sie mit Eurem wahren transzendenten Körper festhalten, und drittens hab ich alter Sun sie mit dem Wesen der reinen Yang-Kraft beschützt. Außerdem nimmt gegen Morgen die Yang-Kraft ohnehin zu, und so ist es ihnen am Ende doch nicht gelungen, uns etwas zu entreißen.« Da fiel es Tripitaka, Bajie und Sandmönch wie Schuppen von den Augen. Bald stand die Sonne hoch am Himmel, und sie trugen die Heiligen Schriften auf ein höher gelegenes Felsplateau. Dort öffneten sie die Bündel und legten die Schriften zum Trocknen an die Sonne. Bis heute ist an jenem Ort der Fels zu sehen, auf dem die Heiligen Schriften trockneten. Sie legten dann auch ihre Kleider und Schuhe zum Trocknen aus. Die einen standen daneben, die anderen setzten sich. So war es in der Tat: Dieser Leib aus reinem Yang Nimmt die Sonne in Empfang, Nimmer wagen die Dämonen Sich so tollkühn zu benehmen. Hier, wo diese Schriften liegen, Spuren an dem Felsen blieben; Wer ist wohl seit tausend Jahren Noch an diesen Ort gefahren? Alle Schriften wurden durchgesehen und Band für Band an die Sonne gelegt. Auf einmal bemerkten sie, dass am Ufer ein paar Fischer auf sie zukamen. Der eine schien sie zu kennen und rief: »Werte Meister! Ihr seid doch vor einigen Jahren hier durchgepilgert, um im Westen Heilige Schriften zu holen?« »So ist es«, meinte Bajie, »warum kennt Ihr uns?« »Wir kommen aus dem Dorf der Sippe Chen«, erklärte der Fischer. »Ist das weit?« fragte Bajie. »Zwanzig Meilen südlich über diese Ebene, und ihr seid da.« »Meister!« rief Bajie, »lassen wir die Schriften doch im Dorf der Sippe Chen fertigtrocknen! Dort kriegen wir eine gute Unterkunft und was Rechtes zu essen. Außerdem können die Leute dort gleich noch unsere Kleider stärken. Das wäre doch gut, oder?« »Nein, wir bleiben hier«, bestimmte Tripitaka. »Sobald die Schriften trocken sind, packen wir alles ein und machen uns auf den Rückweg.« Während die Fischer südlich über die Ebene weitergingen, trafen sie den alten Herrn Chen Cheng und riefen: »Hoher Herr, die Meister sind wieder da, die Euch vor einigen Jahren wegen dem Kinderopfer geholfen haben!« »Wo sind sie denn?« fragte dieser. »Dort drüben, sie trocknen auf dem Fels ihre Schriften!« Da lief Chen Cheng mit einigen Pächtern über die Ebene, kniete vor ihnen nieder und rief: »Werte Meister! Nun seid ihr also mit den Heiligen Schriften zurück und habt eure Aufgabe vollendet! Warum kommt ihr nicht bei uns zu Besuch; was steht ihr da draußen herum? Kommt zu uns nach Hause!« »Sobald die Schriften trocken sind, kommen wir gerne«, meinte Pilger. »Warum sind die Heiligen Schriften und die Kleider der werten Herren denn so nass geworden?« wollte Chen Cheng wissen. Tripitaka sprach: »Damals konnten wir diesen Strom ja dank einer weißen Schildkröte überqueren, und diese hat uns auch jetzt ans östliche Ufer geführt. Doch als wir schon fast drüben waren, fragte sie mich nach einer Sache, die ich bei Buddha hätte nachfragen sollen. Weil ich dies versäumt habe, ist sie abgetaucht, und so fielen wir alle ins Wasser.« Anschließend erzählte er der Reihe nach, was sich alles ereignet hatte. Weil Chen Cheng so inständig um einen Besuch bat, blieb Tripitaka schließlich nichts übrig, als die Schriften einzusammeln. Leider blieben einige Rollen des Buddhacaritakavya Sutra am Fels kleben, so dass die letzten Abschnitte abrissen. Darum ist dieses Sutra bis heute unvollständig, und auf jenem Felsen sind noch immer Spuren der Schriftzeichen zu sehen. Bedauernd meinte Tripitaka: »Das ist unsere Schuld. Wir haben uns nicht gut genug darum gekümmert.« »Nein, das liegt nicht daran«, warf Pilger lachend ein. »Es liegt an der Unvollständigkeit der Welt. Dass diese Sutren, die so schön vollständig waren, jetzt angerissen sind, entspricht dem tiefen Geheimnis der Unvollständigkeit. Wie könnte dies mit menschlicher Kraft je erreicht werden?« Nachdem alles eingesammelt war, gingen sie mit Chen Cheng ins Dorf hinüber. Dort verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer, und binnen kurzem strömten Alt und Jung herbei, die Pilgermönche zu sehen. Kaum hatte Chen Qing davon erfahren, stellte er einen Altar mit Weihrauch auf und stand ihnen am Eingang zum Empfang bereit, während er Trommler und Trompeter aufspielen ließ. Als die Pilgernden schließlich eintrafen, geleitete er sie in sein Anwesen und rief die ganze Sippschaft heraus, sich zu verneigen und ihnen für die damalige Rettung der Kinder zu danken. Dann ließ er Tee und vegetarische Gerichte auftischen, doch Tripitaka fühlte kein Verlangen mehr nach irdischem Essen, seit er die göttlichen Speisen bei Buddha genossen hatte. Nur weil die beiden Alten inständig bittend darauf bestanden, musste er schließlich ihnen zuliebe etwas zu sich nehmen. Der Große Heilige, der seit jeher keine gekochten Gerichte zu sich nahm, sagte bald: »Es reicht.« Auch Sandmönch aß nicht viel, und selbst Eber Bajie schaufelte nicht wie ehedem, sondern legte die Schale bald nieder. »Tölpel, du isst auch nichts mehr?« wunderte sich Pilger. »Ich weiß gar nicht, was los ist«, meinte Bajie, »hab wohl eine Magenverstimmung.« Nun wurde abgeräumt, und die beiden Alten wollten wissen, wie das Schriftenholen vonstattengegangen sei. Tripitaka berichtete ausführlich, was sich alles ereignet hatte, und wollte sich dann verabschieden. Doch wie hätten die beiden Sippen ihn ohne weiteres ziehen lassen können! »Wir verdanken euch die Rettung unserer Kinder«, sprachen sie, »diese hohe Gunst ist mit nichts zu begleichen. Wir haben eigens einen Tempel errichtet, den ›Tempel der Lebensrettung‹; dort bringen wir euch stets Weihrauch und Kerzen dar.« Nun rief er die geretteten Kinder Chen Guanbao und Yicheng Jin, sich mit einem Stirnaufschlag zu bedanken, und bat dann, den Tempel zu besichtigen. Tripitaka aber öffnete die Schriftenbündel und rezitierte vorab in ihrem Hause einen Abschnitt des »Sutra der Kostbaren Ewigkeit«. Anschließend begab man sich in den Tempel, wo die Chens wiederum eine Mahlzeit aufgetischt hatten, und noch bevor sie sich setzen konnten, liefen schon andere herbei, sie zum Essen einzuladen. Es wollte gar kein Ende nehmen. Tripitaka, der die Leute auch nicht einfach abweisen wollte, kam ihnen so gut es ging entgegen. Der Tempel war ganz ordentlich gebaut. Tripitaka besah sich alles, und in einer oberen Etage fand er gar Statuen von sich und seinen Schülern. »Sehr schön, ganz gut«, lobte er. Dann ging er nach unten, wo vorn und hinten im Tempel noch mehr Leute mit Einladungen warteten. »Was ist eigentlich mit dem einstigen Tempel des Großen Königs?« wollte Pilger wissen. »Den haben wir noch im selben Jahr abreißen lassen«, erklärten die Dorfältesten. »Werter Meister, seit wir diesen Tempel hier errichtet haben, gedeiht das Korn Jahr für Jahr, immer fahren wir gute Ernte ein. Das haben wir eurem Segen zu verdanken!« »Das sind doch nur die Gaben des Himmels«, lachte Pilger, »was soll das mit uns zu tun haben? Doch von nun an wollen wir euch und eure Gegend segnen, auf dass ihr viele Nachkommen habt, das Vieh gedeiht und Regen und Wind alle Jahre günstig sind.« Dankbar verbeugten sich die Dorfleute zu tiefen Stirnaufschlägen. Da kamen von allen Seiten Leute mit Obst und Speisen daher; es schien nicht mehr enden zu wollen. »Du meine Güte!« lachte Bajie. »Damals, als wir hätten essen können, kam keine Einladung, und jetzt, da wir gar nichts mehr zu essen brauchen, kommt eine Familie nach der anderen!« Inzwischen war die Nacht angebrochen, und Tripitaka hütete die Heiligen Schriften, ohne sie auch nur einen Augenblick zu verlassen. Schließlich setzte er sich, meditierend und die Schriften hütend, in das untere Stockwerk des Tempels. Kurz vor Mitternacht flüsterte er: »Wukong, die Leute hier wissen, dass unser Weg vollendet und das Werk vollbracht ist. Doch heißt es nicht seit jeher: ›Wahre Menschen geben sich nicht preis; die sich preisgeben, sind nicht Wahre Menschen‹? Ich fürchte, dass wir hier zu lange aufgehalten werden und die große Sache in Verzug kommt!« »Ihr habt recht, Meister«, stimmte ihm Pilger zu. »Lasst uns noch in dieser Nacht, wenn alle tief schlafen, still und unbemerkt aufbrechen.« Er weckte Bajie und Sandmönch, die sofort verstanden, worum es ging. Leise nahmen alle ihre Sachen und gingen zum Ausgang. Das Tempeltor war mit einem Schloss versehen, doch Pilger öffnete es mit Magie, und so machten sie sich auf den Weg nach Osten. Plötzlich hörten sie aus halber Höhe die Acht Großen Diamantwächter rufen: »Kommt zu uns, ihr Entlaufenen!« Plötzlich hörten sie aus halber Höhe die Acht Großen Diamantwächter rufen: »Kommt zu uns, ihr Entlaufenen!« Kaum hatte Tripitaka dies vernommen, schwebte er in einem duftenden Windstoß empor. So war es in der Tat: Es ist das Elixier vollbracht, Er kennt den wahren Kern; Voller Kraft im ewigen Sein Huldigt er dem inneren Herrn. Und da wir nicht wissen, wie er schließlich zum Kaiser von China kam, lasst uns das nächste Kapitel anhören. 第100回 / 100. Kapitel Der Weg führt in den Osten / Fünf Heilige werden wahr Wie die vier sich aus dem Staub machten, sei einstweilen dahingestellt. Berichten wir stattdessen, wie die Dörfler beim Tempel der Lebensrettung in aller Frühe aufstanden, um abermals Obst und Speisen darzubringen, doch als sie in die große Halle kamen, war der Priester nicht mehr zu sehen. Es folgte eine große Aufregung, keiner wusste, was tun, und bald erhob sich ein lautes Jammern und Klagen: »Nun haben wir uns einen leibhaftigen Buddha entgehen lassen!« Weil man sich nicht anders zu helfen wusste, wurden schließlich alle Gaben in die obere Etage gebracht und dort zusammen mit Papiergeld und Götterbildern geopfert. Von da an wurden in diesem Tempel jährlich vierundzwanzig kleine und vier große Opferzeremonien abgehalten, außerdem kamen zu allen Zeiten und Tagen jede Menge Leute, um für Genesung zu beten, um Segen zu bitten, Gelübde abzulegen und vieles andere mehr. In der Tat, so war es: Allzeit brennt die Flamme In goldener Schale klar; Ewig strahlt das reine Licht Im Jadekelch fürwahr! Doch davon sei nicht weiter die Rede. Lasst uns stattdessen berichten, wie die Acht Großen Diamantwächter die vier Pilgermönche zum zweiten Mal in einem wohlriechenden Windstoß mit sich davontrugen, so dass sie in weniger als einem Tag in den Osten gelangten, wo sich alsbald in der Ferne die Hauptstadt Chang’an abzeichnete. Nun verhielt es sich so, dass Kaiser Taizong, der ja im dreizehnten Jahr der Ära Zhen’guan Tripitaka vor den Toren der Kaiserstadt verabschiedet hatte, im sechzehnten Jahr das Hofamt für Bauwesen beauftragt hatte, draußen vor dem Passübergang zur Hauptstadt einen Aussichtsturm zu errichten, wo die Schriften in Empfang genommen werden sollten. Seitdem fuhr Kaiser Taizong Jahr für Jahr persönlich hin. Es war just an diesem Tage, dass der Kaiser abermals den Aussichtsturm bestieg, und da gewahrte er auf einmal, wie der Himmel sich von Westen her mit hellen, glückverheißenden Dunstschleiern erfüllte und ein wohlriechender Duft heranwehte. Da hielten die Diamantwächter in den Lüften inne und sprachen: »Heiliger Priester, Ihr befindet Euch jetzt vor der Stadt Chang’an. Dorthin können wir Euch nicht begleiten, denn die Menschen hier sind schlau und könnten unsere Gestalten enthüllen. Auch der Große Heilige Sun und Eure anderen Schüler brauchen nicht hinunterzugehen. Bringt die Schriften selbst zu Eurem Kaiser und kommt danach zurück; wir warten derweil oben am Himmel und begleiten Euch dann zu Buddha, um das Goldene Edikt zurückzuerstatten.« »Die Erhabenen haben zwar recht«, sprach der Große Heilige, »doch wie soll unser Meister die Schriftenlast tragen und das Pferd führen? Es ist doch nötig, dass wir mitgehen. Bitte wartet einen Moment auf uns, wir werden nicht zu säumen wagen.« »Vor einigen Tagen hat Bodhisattva Guanyin bei Tathagata vorgesprochen und sagte, dass die Hin- und Rückreise innerhalb von acht Tagen stattfinden müsse, um die Tage entsprechend der Anzahl der Schriften zu vervollkommnen«, gaben die Diamantwächter zu bedenken. »Nun sind bereits fünf Tage um. Wir fürchten, dass die Frist überschritten werden könnte, falls Bajie unten dem Wohlleben frönt.« »Wenn mein Meister ein Buddha wird, möchte ich doch auch ein Buddha werden«, warf Bajie lachend ein, »da werde ich doch wohl davon lassen können! Mögen die Erhabenen hier warten; sobald wir die Schriften abgegeben haben, gehen wir mit euch zurück.« Also schulterte der Tölpel seine Tragstange, Sandmönch führte das Pferd, und Pilger nahm den Priester am Arm, worauf sie ihre Wolke senkten und neben dem Aussichtsturm landeten. Kaiser Taizong, der den Anblick mit seinen Hofbeamten mitverfolgt hatte, stieg sogleich hinunter und rief: »Da seid Ihr ja, kaiserlicher Bruder!« Der Priester warf sich dem Kaiser zu Füßen. Taizong reichte ihm die Hand zum Aufstehen und fragte dann: »Wer sind denn diese drei?« »Das sind Schüler, die ich unterwegs aufgenommen habe«, antwortete Tripitaka. Freudig befahl Taizong seiner Leibgarde: »Macht unser Pferd reisefertig, dass der kaiserliche Bruder aufsitze und mit uns in den Palast zurückkehre!« Der Priester dankte für die hohe Gunst und stieg in den Sattel. Der Große Heilige folgte ihm mit wirbelndem Goldreifstab, während Bajie und Sandmönch sich um Pferd und Traglasten kümmerten. So gelangten sie mit dem Kaiser in die Reichsstadt Chang’an. So war es in der Tat: Friede herrschte überall, Freude, Wohl und Segen; Kriegsminister und Beamte Heldenhaft sich regen! Damals predigte der Priester Bei dem Fest zum Heil der Seelen; Alsdann ging er als Gesandter, Wie der Kaiser ihm befohlen. »Tripitaka« schrieb der Kaiser In das Reisedokument, Denn mit den Fünf Wandlungsphasen Sind die Schriften kohärent.497 Bitter wehrten sie Dämonen, Alle nun vernichtet sind; Heute ist das Werk vollbracht, Froh zur Kaiserstadt er kommt! Tripitaka und seine Schüler folgten dem Kaiser in den Palast. In der ganzen Stadt war niemand, der nicht von der Rückkehr der Schriftenholer vernommen hatte. Außerdem war den Mönchen im Kloster zum Großen Glück, wo der Priester einst gewohnt hatte, aufgefallen, dass die Wipfel der Kiefern sich nach Osten neigten, worauf einige erstaunt riefen: »Wie seltsam! In der Nacht hat kein Wind geweht, wie kommt es, dass die Bäume so gebogen sind?« Es war aber unter den Mönchen auch ein ehemaliger Schüler Tripitakas, und der rief nun: »Schnell, holt die Festroben! Der Meister, der zu den Heiligen Schriften pilgerte, kommt zurück!« »Woher wollt Ihr das wissen?« fragten die Mönche, und der ehemalige Schüler erklärte: »Damals, als mein Meister aufbrach, sprach er diese Worte: ›Es wird drei bis fünf Jahre, vielleicht auch sechs bis sieben Jahre dauern, bis ich wieder zurück bin. Achtet auf diese Kiefern: Wenn sich ihre Zweige nach Osten neigen, ist dies das Zeichen, dass ich zurückkehre.‹ Die Worte meines Meisters sind heilig wie aus dem Munde Buddhas. Darum weiß ich, dass er zurückgekehrt sein muss.« Geschwind warfen alle ihre Festroben über, gingen aus dem Kloster, und als sie auf die Straße nach Westen kamen, riefen die Leute einander zu: »Der Schriftenholer ist da, unsere Majestät führt ihn in die Stadt!« Als die Mönche dies hörten, liefen sie eilends hin; allerdings stießen sie bald auf die Equipage des Kaisers und wagten sich daher nicht näher heran, sondern folgten dem Zug bis vor die Tore des Palastes. Hier stieg der Priester vom Pferd und begab sich mit den anderen in den Palast, wo er mit dem Drachenpferd und den Schriftenlasten, mit Pilger, Bajie und Sandmönch vor den weißen Jadestufen stehen blieb. Kaiser Taizong ließ kundtun, der kaiserlich Verbrüderte möge die Audienzhalle betreten und Platz nehmen. Nachdem der Priester seinen Dank bezeigt und sich gesetzt hatte, gab der Kaiser Befehl, die Heiligen Schriften hereinzutragen. Da packten Pilger und die anderen alles aus, und die Leibwächter trugen die Schriften zum Kaiser. Dieser fragte nun, wie viele Schriften es insgesamt seien und auf welche Weise er sie erhalten habe. Tripitaka berichtete: »Als untergebener Mönch auf dem Seelenberg bei Buddha vorsprach, wurde er von den Erhabenen Ananda und Kasyapa in den Turm der Kostbarkeiten geführt, wo eine Klostermahlzeit aufgetragen wurde. Anschließend durften wir die Schatzkammer betreten, wo uns die Schriften überreicht wurden. Die beiden Erhabenen verlangten ein Geschenk, doch weil wir keinerlei Gaben mit uns führten, konnten wir ihnen nichts anbieten. Schließlich gaben sie uns die Schriften, doch als wir uns bereits bei Buddha bedankt hatten und schon auf dem Rückweg in den Osten waren, kam plötzlich ein dämonischer Sturmwind, der uns die Schriften entriss. Mein geringer Schüler konnte gerade noch hinterherjagen und sie an sich reißen, doch da fielen sie herunter und lagen überall am Boden verstreut. Als wir beim Einsammeln darin blätterten, sahen wir erst, dass es durchweg leere Rollen waren, gänzlich unbeschrieben. Euer Untertan war sehr bestürzt, ging darum von neuem zu Buddha und bat inständig um die Heiligen Schriften. Buddha wusste alles schon. Weil aber die beiden Erhabenen weiterhin Geschenke wollten, blieb uns am Ende nichts übrig, als die kaiserliche Almosenschale aus Purpurgold herzugeben. Daraufhin gaben sie uns die beschriebenen Wahren Schriften. Die Heiligen Schriften teilen sich in 35 Kategorien; von jeder haben sie uns mehrere Rollen mitgegeben; insgesamt sind es 5048 Schriftrollen, entsprechend der Anzahl Heiliger Schriften eines Korbes des Tripitaka.« In großer Freude gab Kaiser Taizong dem Hofamt für Unterhaltung Befehl, zum Zeichen der Dankbarkeit im Ostpalast ein Festmahl bereitzustellen. Anschließend nahm er die drei Schüler in Augenschein, die unten vor den Jadestufen standen und recht außergewöhnlich wirkten. Darum fragte er: »Sind Eure werten Schüler Ausländer?« Mit einer Verbeugung antwortete der Priester: »Mein ältester Schüler heißt mit Nachnamen Sun, sein Ordensname ist Wukong, ›der die Leere erkennt‹. Euer Untertan ruft ihn normalerweise Pilger Sun. Er stammt aus der Wasservorhang- Grotte auf dem Blumen-Früchte-Berg im Lande Aolai auf dem östlichen Kontinent Purvavideha. Weil er vor fünfhundert Jahren im Himmelspalast rebelliert hatte, war er von Buddha in den westlichen Gefilden unter dem Grenzberg in einen steinernen Kasten gesperrt worden. Dank des barmherzigen Zuspruchs von Bodhisattva Guanyin willigte er schließlich ein, sich der guten Lehre zuzuwenden. Euer Untertan kam dann dort vorbei und befreite ihn. Diesem Schüler, der mich stets beschützte, habe ich vieles zu verdanken. Mein zweiter Schüler heißt mit Nachnamen Eber, sein Ordensname lautet Wuneng, ›der die Fähigkeit erkennt‹. Euer Untertan nennt ihn gewöhnlich Eber Bajie. Er stammt aus der Wolkensteggrotte im Fuling-Gebirge, und weil er einst im Dorf der Sippe Gao im Lande Wusizang sein Unwesen getrieben hatte, bewog ihn die Bodhisattva Guanyin ebenfalls dazu, sich zum Guten zu wenden. Da Pilger Sun ihn zu bezwingen vermochte, hat er uns auf der ganzen Reise beim Lastentragen und beim Überqueren der Gewässer geholfen. Mein dritter Schüler heißt mit Nachnamen Sand, sein Ordensname lautet Wujing, ›der die Reinheit erkennt‹. Euer Untertan ruft ihn normalerweise Sandmönch. Ursprünglich lebte er als Ungeheuer im Treibsandfluss, und auch er wurde von Bodhisattva Guanyin zum Guten bewogen, worauf er sich zur buddhistischen Lehre bekannte. Überdies ist auch das Pferd ein anderes als jenes, das ich einst von Eurer Majestät erhalten durfte.« »Es sieht aber genau gleich aus«, wunderte sich Taizong, »wie kann es denn ein anderes sein?« »Als Euer Untertan am Schlangenberg durch die Adlergramschlucht kam«, berichtete Tripitaka, »wurde das Pferd von einem Drachen verschlungen. Da Pilger Sun sich bei Bodhisattva Guanyin erkundigte, erfuhren wir von seiner Herkunft: Es handelt sich um den Sohn des Drachengottes vom Westmeer. Dieser hatte nämlich eine Sünde abzubüßen und war ebenfalls von Guanyin befreit worden. Sie hieß ihn dann, Eurem Untertan als Reittier zu dienen. So hat sich dieser Drache in die Gestalt des ursprünglichen Pferdes verwandelt und sieht daher äußerlich genau gleich aus. Ihm habe ich zu verdanken, dass es mich unermüdlich über all die weiten Gebirge und Gewässer trug, auf der Hinreise als Reittier, auf der Rückreise als Lasttier für die Heiligen Schriften.« Als Kaiser Taizong all dies vernommen hatte, sprach er bewundernden Beifall aus und fragte dann: »Wie viele Meilen zählte nun die lange Reise in den fernen Westen?« »Es sind mir stets die Worte der Bodhisattva Guanyin in Erinnerung: Meilen«, antwortete Tripitaka. »Unterwegs aber konnte ich mir die Anzahl Meilen nicht merken; was ich sagen kann, ist nur, dass wir vierzehn Sommer und Winter durchgepilgert sind und dabei Tag für Tag Berge und Flüsse überquerten und oftmals Ungeheuern und Dämonen begegnen mussten. Außerdem kamen wir durch verschiedene Königreiche; in jedem wurde unser Reisepass geprüft und mit einem Siegelabdruck versehen.« Nun rief er seinen Schülern zu: »Bringt den Reisepass und lasst ihn dem Herrscher überreichen!« Kasier Taizong besah sich das Dokument, das im dreizehnten Jahr der Ära Zhen’guan, am dritten Tag vor Vollmond des neunten Mondmonats, ausgestellt worden war, und sprach lächelnd: »Lange habt Ihr reisen müssen. Mittlerweile zählen wir bereits das siebenundzwanzigste Jahr der Ära Zhen’guan.« Im Reisepass waren die Siegel vieler Herren Länder: Baoxiang, Schwarzhahnland, das Reich der Trägen Wagen, das Frauenland Xiliang, das Land der Dankopfer, Purpurien, Bhiksu, Dharmaverderb, außerdem gab es ein Siegel von der Präfektur Yuhua und eines vom Königreich Indien. Nachdem Kaiser Taizong alles durchgesehen hatte, nahm er das Dokument zu sich. Schon bat ein Leibdiener zur Tafel. Der Kaiser stieg vom Thron, schritt mit Tripitaka Hand in Hand voran und erkundigte sich: »Verstehen sich Eure werten Schüler auf die Regeln der Hofzeremonie?« »Meine geringen Schüler stammen aus der Wildnis und waren vormals Ungeheuer; mit der Etikette am heiligen chinesischen Kaiserhof sind sie nicht vertraut. Möge Eure Majestät ihre Sünden verzeihen!« »Es soll dies nicht als Sünde gelten«, erwiderte Taizong lächelnd. »Sie sind alle drei gebeten, sich in die Osthalle zum Bankett zu begeben.« Tripitaka dankte für die kaiserliche Gunst und gab seinen Schülern mit einem Wink zu verstehen, dass sie zur Osthalle gehen sollten. Dort stellten sich Meister und Schüler mit den Hofbeamten rechts und links auf, während Kaiser Taizong seinen Sitz in der Mitte einnahm. Zu Gesang und Tanz und andachtsvoller Blas- und Streichmusik feierte man einen ganzen Tag lang. So war es in der Tat: Größer ist des Kaisers Feier Als zur Zeit von Tang und Yu;498 Es fällt mit den Wahren Schriften Glück im Überfluss ihm zu. Allzeit sie bekannt zu machen, Bringt Jahrtausende Gedeihn; Mögen überm Kaiserhof Ewig Buddhas Strahlen sein! Am selben Abend, als es dunkel wurde, bedankten sich alle beim Kaiser, und schließlich wurde die Tafel aufgehoben. Kaiser Taizong zog sich in den Wohnpalast zurück, und die Hofbeamten gingen nach Hause. Tripitaka aber ging mit seinen Schülern in das Kloster zum Großen Glück, wo er die Ordensbrüder traf, die ihn mit tiefen Stirnaufschlägen willkommen hießen. Als er eingetreten war, sprachen die Mönche: »Meister, heute früh wiesen die Wipfel dieser Bäume plötzlich alle gen Osten. Da haben wir Eurer Worte gedacht und sind in die Stadt gegangen, Euch zu empfangen. Und wahrhaftig, Ihr seid angekommen!« Der Priester freute sich außerordentlich und ging in die Abtei. Diesmal murrte Bajie weder um Tee und Essen, noch machte er sonstigen Lärm; auch Pilger und Sandmönch waren ruhig und gefasst. Nun war die Frucht des Dao ja vollendet, und so kam die innere Ruhe ganz von selbst. Anschließend legten sie sich schlafen. Am anderen Morgen bestieg Kaiser Taizong seinen Thron und sprach zu seinen Ministern folgende Worte: »Ich habe mir über das Werk des kaiserlichen Bruders Tripitaka Gedanken gemacht; es ist von solcher Tiefe und solch überwältigender Bedeutung, dass ich es ihm mit nichts vergelten kann. In einer schlaflosen Nacht habe ich ein paar unbeholfene Sätze vorbereitet, die vorerst meine Dankbarkeit zum Ausdruck bringen mögen.« Er hieß den kaiserlichen Schreiber antreten und sprach: »Schreibe auf, was ich nun mündlich vortrage.« Der Text lautete:499 »Wie wir wissen, offenbaren sich die polaren Kräfte Yin und Yang im sichtbaren Bilde von Himmel und Erde, zwischen denen sich das Leben entfaltet; dahingegen wirken die Jahreszeiten unsichtbar durch Kälte und Wärme auf alle Dinge ein. Durch die eingehende Beobachtung von Himmel und Erde vermögen selbst Ungebildete die großen Zusammenhänge zu erkennen, doch wenn es darum geht, Yin und Yang in aller Deutlichkeit zu durchschauen, gibt es auch unter den höchsten Gelehrten nur wenige, die die innersten Zusammenhänge auszuschöpfen vermögen. Dass nun die Umfassung von Yin und Yang durch Himmel und Erde leicht zu erkennen ist, liegt eben daran, dass es sich um sichtbare Erscheinungen handelt; auf welche Art und Weise sich aber Yin und Yang zwischen Himmel und Erde auswirken, ist schwer zu entschlüsseln, da dies unsichtbar vor sich geht. Daher wissen wir: Was eine sichtbare Form hat, lässt sich leicht belegen, und so zweifeln auch Ungebildete nicht daran; wo aber äußerlich keine Form besteht und das Auge nichts erschauen kann, stehen selbst Weise vor einem Rätsel. Nun orientiert sich aber die Lehre Buddhas an der Leerheit aller Dinge und strebt durch das mystisch Verborgene eine überweltliche Ruhe an. In weitem Umfang setzt sie sich zum Wohle aller Lebewesen ein, und die buddhistischen Schriften verbreiten sich überall in der Welt. Ihre Allmacht erhebt sich in grenzenlose Höhen, und ihre göttlichen Kräfte reichen in unerforschliche Tiefen. Im Großen erfüllt sie das ganze Universum; im Kleinen verdichtet sie sich im winzigsten Punkt. Ohne Ende und ohne Anfang durchströmt sie alle Zeiten und verliert dabei nicht an Bedeutsamkeit; mal verborgen, mal erkennbar tätigt sie hundertfältigen Segen, bis zum heutigen Tag. In diesem unfasslichen Lauf verdichtet sich das tiefe Mysterium, und niemand vermöchte es je erschöpfend zu durchdringen. Diese unvergängliche Bahn des Dharma ist von solch tiefklarer Stille, dass niemand je an seine Quelle zu gelangen vermöchte. Wie also können die zahllosen Unwissenden und Ungebildeten im Gewühle der Massen ohne Zweifel bleiben, wenn sie sich solchen Belangen zuwenden! Nun gelangte ja die Große Lehre in den westlichen Gefilden zur Blüte und drang erst mittels eines erhellenden Traumes in den Palast der Han-Dynastie, von wo sie Licht und Segen über die östlichen Gebiete verströmte. Ehedem, als ihre Formen und Spuren sich erst abzuzeichnen begannen, war das Wort noch nicht in Umlauf und hatte noch keine Bildung erwirkt. Über wechselhafte Zeiten hinweg lernte das Volk schließlich, die Tugenden zu schätzen und sich danach zu richten. Seit aber Buddhas Gestalt sich verbarg und in die Wahrheit einkehrte, sind lange Zeiten vergangen. Das goldene Antlitz ward bedeckt und spiegelte nicht länger das Licht der dreitausendfältigen Welten. Es wurden zwar noch herrliche Bildnisse gefertigt, doch wiesen diese vergeblich Buddhas zweiunddreißig Körpermerkmale auf. So verbreiteten sich denn die tiefgründigen Worte der Heiligen Schriften, um die Geschöpfe auf Erden aus den drei qualvollen Pfaden der Wiedergeburt zu erlösen; und die überlieferten Lehren wurden allenthalben verkündet, um allen Wesen die zehnstufige Vervollkommnung zum Bodhisattva zu weisen.501 Nun blieb allerdings die Wahre Lehre schwer zu fassen, und ihre Weisung konnte nicht auf einen Nenner gebracht werden, wohingegen irrige Lehren, die leicht zu befolgen waren, sich verbreiteten, weshalb das Wahre und das Falsche bald im Streite lagen. So wurde denn die buddhistische Idee von der Leerheit aller Dinge oft mit anderen Bräuchen vermischt, und die Lehren von Hinayana und Mahayana wechseln sich im Laufe der Zeiten ab. Nun ist da aber der Priester Xuanzang, das Oberhaupt der buddhistischen Lehre, der von klein auf achtsam und feinfühlig war, früh die Dreifache Leerheit des Herzens erkannt hatte und im Erwachsenenalter die innere Übereinstimmung zum Geistigen verspürte, allem voran zur Praxis des Vierfachen Erduldens.502 Die erhabene Lauterkeit des Priesters lässt sich selbst im Bilde vom Windhauch, der sachte über die Kiefernwipfel streicht, oder im Bilde vom Mond, der sich still im Wasser spiegelt, nicht umfangen, und gar die schöne Umschreibung ›Göttertau und Perlenglanz‹ reicht nicht an seine hochherzige Milde heran. Er ist von solch umfassender Weisheit und bar jeglicher Anhaftung, dass er auch das, was noch gestaltlos ist, im Geiste zu ermessen vermag. Weit ragt er über alles sinnlich Erfassbare hinaus, einmalig und unangefochten für alle Zeiten. Ihn betrübte in innerer Andacht der Verfall der Wahren Lehre, und im Nachdenken über dieses Tor zum tiefsten Mysterium schmerzten ihn die Fehler in der Übertragung der tiefgründigen Schriften. Er hegte den Wunsch, das buddhistische Schrifttum eingehend zu untersuchen und sein Wissen auszuweiten, um die Fehler zu beseitigen und künftigen Lernenden den wahren Gehalt der Schriften zu eröffnen. Daher sehnte er sich so sehr nach dem Reinen Land, dass er zu einer Reise in den Westen aufbrach. Zahlreichen Gefahren ausgesetzt, schritt er einsam mit dem Priesterstab in weite Fernen. Mal kam er frühmorgens im Schneegestöber vom Weg ab, dann wiederum verwehrten ihm abends düstere Sandstürme die Sicht. So bahnte er sich unter endlosen Mühen den Weg durch die weite Welt, wanderte viele tausend Meilen über Berg und Tal, und seine Spur setzte sich trotz Hitze und Kälte, Regen und Raureif, Jahr für Jahr stetig fort. Wichtig war ihm die innere Aufrichtigkeit, den Anstrengungen aber maß er wenig Gewicht zu, denn er war entschlossen, sein hohes Ziel zu erreichen. Seine Reise durch die Westgebiete dauerte insgesamt vierzehn Jahre, derweil er viele fremde Länder durchwanderte und sich nach der Rechten Lehre erkundigte. Bei der zweistämmigen Pappelfeige und den acht großen Flüssen Indiens erspürte er, Wind und Wetter ausgesetzt, den Weg des Dao; im Hirschgarten und auf dem Geiergipfel erschaute er mit ehrfurchtsvollem Blick außergewöhnliche Dinge.504 Er empfing die erhabenen Worte der alten Heiligen und erfuhr von weisen Geistlichen die Wahre Lehre. So drang er in das wundervolle Mysterium und schöpfte seine Tiefen aus. In seinem Herzen sind die Fünf Vinayas des Hinayana vollkommen verinnerlicht, und die Texte des achtteiligen Dharmakorbes und der drei Schatullen entströmten seinem Munde gleich den Wogen des Ozeans.505 Indem er zahllose Länder durchreiste, erlangte er eine große Anzahl Heiliger Schriften. Von den bedeutungsvollen Mahayana-Schriften, derer es 35 Kategorien gibt, brachte er 5048 Rollen mit, welche nun ins Chinesische übersetzt werden, um das Große Werk weitum zu verkünden. Diese Barmherzigkeit aus dem Westen möge sich wie fruchtbarer Regen über dem Osten ergießen, auf dass die Heilige Lehre nach anfänglichen Mängeln vollkommen werde und die Geschöpfe dieser Erde trotz ihrer Sünden neues Heil erlangen. Es möge die Lehre alle Lebewesen ihrer Irrungen entheben, wie wenn ein brennendes Haus mit labendem Wasser benetzt wird, auf dass ihre trüben Wogen der Begierden zur Klärung finden und alle Lebewesen wahrhaftig ans andere Ufer gelangen. Durch den Buddhismus wissen wir, dass ungute Taten ein schlechtes Karma zur Folge haben, wohingegen heilsame Taten das Schicksal verbessern. Aufstieg und Fall sind letztlich vom Menschen selbst verursacht. Wenn der Kassiabaum im kühlenden Wolkendunst und labenden Tau der hohen Berge zur Blüte gelangt, oder wenn beim Lotos im klaren Wasser kein Staubkorn an Blättern und Blüten haften bleibt, ist dies nicht etwa deshalb, weil der Lotos von Natur aus rein oder der Kassiabaum an sich erhaben wäre. Vielmehr rührt es daher, dass der Baum auf etwas Erhabenem steht, weshalb sich nichts auf ihm anhäuft, ebenso wie der Lotos im Reinen sprießt, weshalb ihm nichts Unreines anhaftet. Eingedenk dessen, dass gar Pflanzen unbewusst Heilsames mehren und das Gute wirken, um wie viel mehr müssten erst wir Menschen, die wir das Wissen um die ethischen Zusammenhänge haben, unser Glück durch das vollenden, was wahrhaft glücklich macht! Mögen diese Heiligen Schriften allerorten in Umlauf gelangen, weithin leuchtend wie Sonne und Mond! Möge sich ihr Segen ringsum weit verbreiten, ewig und erhaben wie die Sphären von Himmel und Erde!« Nachdem alles niedergeschrieben war, ließ er den heiligen Priester zu sich rufen. Tripitaka wartete bereits vor dem Palasttor, um dem Kaiser seinen Dank auszusprechen. Als er zur Audienz geladen wurde, trat er sogleich ein und vollzog die höfischen Grußriten. Kaiser Taizong ließ den Priester in die Thronhalle bitten und überreichte ihm den Text. Nachdem dieser alles durchgelesen hatte, vollzog er zum Zeichen des Dankes einen weiteren Stirnaufschlag und sprach: »Eure Majestät führt einen edlen Stil von archaischer Schlichtheit; das werte Schreiben ist von gehaltvoller Tiefe und großer Sensibilität. Darf ich fragen, wie sein Titel lautet?« »Wir haben diesen Text über Nacht mündlich vorbereitet, in der Absicht, dem kaiserlichen Bruder hiermit Unseren Dank zu bezeigen«, sprach der Kaiser. »Wie wäre es mit dem Titel ›Vorwort zur Heiligen Lehre‹?« Der Priester neigte sein Haupt zur Erde und dankte in einem fort. Da fügte Taizong hinzu: »Es stehen Unsere Fähigkeiten beschämt vor dem kaiserlichen Jadezepter; Unsere Worte scheuen den Vergleich mit den Überlieferungen, die in Stein und Metall verewigt wurden. Was den Kanon der buddhistischen Lehre angeht, sind Wir noch viel ungebildeter. Das spontan verfasste Vorwort ist so ungelenk geraten, als wäre eine goldene Schrifttafel mit Tusche verunreinigt worden, als läge ein Ziegelscherben in einem Wald voller leuchtender Perlen. Die Betrachtung dieser Unzulänglichkeiten beschämt Uns zutiefst. Der Text ist nicht der Erwähnung wert; man möge sich keinen Dank abringen.«506 Nun spendeten alle Hofbeamten ihr Lob, neigten ihre Häupter vor dem kaiserlichen Schreiben und verkündeten den Text innerhalb und außerhalb des Palastes. Taizong aber sprach: »Kaiserlicher Bruder, könntet Ihr uns etwas aus den Wahren Schriften rezitieren?« »Majestät«, erwiderte der Priester, »zum Rezitieren der Wahren Schriften sollte eine buddhistische Stätte gewählt werden. Eure kostbare Thronhalle ist dazu nicht geeignet.« Erfreut wandte sich Taizong an seine Leibdiener und fragte: »Welcher Tempel in Chang’an ist makellos rein?« Da trat der Hofgelehrte Xiao Yu aus den Reihen und vermeldete: »Am reinsten ist das Kloster der Wildganspagode.« Also befahl Taizong seinen Beamten: »Es nehme jeder andächtig mehrere Rollen der Wahren Schriften und folge uns zum Kloster der Wildganspagode. Dort möge uns der kaiserliche Bruder die Schriften darlegen.« Die Hofbeamten folgten Kaiser Taizong mit Schriftrollen zum Kloster, wo eine Tribüne errichtet und alles ordentlich vorbereitet wurde. Der Priester wies Bajie und Sandmönch an: »Macht das Drachenpferd und das Gepäck bereit. Pilger soll an meiner Seite bleiben.« Dann wandte er sich zu Taizong und sprach: »Wenn Eure Majestät wünscht, dass die Wahren Schriften überall unter dem Himmel verkündet werden, müssen Abschriften angefertigt werden, bevor sie in Umlauf kommen. Die Originale selbst sollen als Kostbarkeiten verwahrt und mit höchster Ehrerbietung behandelt werden.« Lächelnd sprach Taizong: »Eure Worte sind äußerst angemessen.« Sogleich schickte er nach der Palastakademie und dem Leiter des Palastsekretariats, um mit dem Kopieren der Wahren Schriften zu beginnen. Außerdem ließ er im Osten der Stadt einen Tempel errichten mit dem Namen »Tempel der Kaiserlichen Abschriften«. Der Priester aber fasste nun eine der Heiligen Schriften mit beiden Händen und bestieg die Tribüne. Gerade wollte er zu rezitieren beginnen, als plötzlich ein duftender Windstoß heranbrauste und am Himmel die Acht Diamantwächter in wahrer Gestalt erschienen. Sie riefen: »Prediger der Heiligen Schriften! Legt die Schriftenrolle nieder und folgt uns in den Westen!« Unten aber stiegen Pilger und seine Ordensbrüder mitsamt dem weißen Pferd in die Lüfte empor. Da legte auch der Priester die Heilige Schrift nieder, verneigte sich vor Kaiser Taizong und sprach: »Lebet wohl, Majestät! Euer Untertan geht zu Buddha.« »Lebet wohl, Majestät! Euer Untertan geht zu Buddha.« Vom Podest stieg er zum Himmel hoch und schwebte mit den anderen durch die Lüfte. Bestürzt falteten Kaiser Taizong und seine Hofleute die Hände zum Himmel und verneigten sich tief. Wahrhaftig, so war es: Der Heilige Priester strebte stets Unbeirrt den Schriften zu; Auf der Reise in den Westen Bracht’ er vierzehn Jahre zu. Hart war dieser lange Weg, Der voll Leid und Unheil war; In Gebirgen und Gewässern Lauerte gar oft Gefahr. Zu dem Werk von achtmal Neun Wird noch eine Neun gezählt; Und dreitausend gute Taten Führen in die Tausendwelt.507 Buddhas wundervolle Schriften Sind ins Kaiserreich gelangt; Heute noch sind sie im Osten Weitum ewiglich bekannt. Nachdem der Kaiser und die Hofleute ihre Verneigungen beendet hatten, wurden hohe Geistliche herbeigerufen, und man veranstaltete im Kloster der Wildganspagode die »Große Zeremonie für die unerlösten Seelen zu Wasser und zu Lande«. Dazu wurden die Wahren Schriften des buddhistischen Kanons rezitiert, um die Seelen in der finsteren Unterwelt zu erlösen und weitum Segen zu spenden. Wie anschließend Abschriften der Sutren im ganzen Reich verbreitet wurden, sei hier nicht weiter ausgeführt. Wenden wir uns stattdessen den Acht Diamantwächtern zu, welche den Priester und seine Schüler, mit dem Pferd ein Fünfertrupp, in einem wohlriechenden Windstoß zurück zum Seelenberg trugen. Die Hin- und Rückreise hatte exakt acht Tage gedauert. Als sie ankamen, waren alle Götter des Seelenberges um Buddha versammelt und lauschten seiner Rede. Die Acht Diamantwächter geleiteten Meister und Schüler durch die Menge und sprachen zu Tathagata: »Eure Jünger haben den heiligen Priester auf Euer Goldenes Edikt ins chinesische Kaiserreich geführt, wo die Heiligen Schriften abgegeben wurden. Nun sind wir gekommen, das Goldene Edikt zurückzugeben.« Nun wurden der Priester und seine Schüler gebeten, vor Buddha zu treten, um ihre Titel entgegenzunehmen. Tathagata sprach: »Heiliger Priester! In deinem vorigen Leben warst du mein zweiter Jünger, und dein Name lautete Meister Goldzikade. Weil du meinen Reden nicht achtsam gelauscht und die Große Lehre geringgeachtet hast, ist deine Seele verstoßen und zur Wiedergeburt in den Osten geschickt worden. Heute dürfen wir uns darüber freuen, dass du dich von neuem dem Buddhismus zugewandt, die Gebote eingehalten und im Sinne unserer Lehre gelebt hast. Deine Pilgerreise zu den Wahren Schriften ist ein außerordentliches Verdienst, dafür steht dir die Beförderung in einen hohen Stand zu: Deine Rechte Frucht ist die Ernennung zum Tugendreichen Buddha Candana. Sun Wukong! Weil du einst im Himmelspalast Aufruhr gestiftet hast, habe ich dich mit der Allmacht der Lehre unter den Berg der Fünf Wandlungsphasen gedrückt. Glücklicherweise hast du dich nach Ablauf der Dauer dieses himmelsgesandten Unheils der buddhistischen Lehre zugewandt. Besonders erfreulich ist, dass du das Böse in dir bezwingen und das Gute entfalten konntest. So hast du auf dieser Pilgerfahrt mit der Überwindung und Läuterung vieler Dämonen deine Verdienste erlangt und von Anfang bis Ende durchgehalten. Dafür steht dir ein hoher Rang zu: Deine Rechte Frucht ist die Ernennung zum Siegreichen Buddha des Kampfes. Zhu Wuneng! Ehedem warst du als Marschall Tianpeng ein Wassergott im Himmelsfluss. Weil du aber beim Pfirsichfest in trunkenem Zustand eine unsterbliche Fee belästigtest, wurdest du degradiert und zur Wiedergeburt in die unteren Gefilde verstoßen. Dort bist du in Tiergestalt geboren und hast in der Wolkensteg-Grotte auf dem Fuling-Berg zahlreiche schlimme Taten verübt. Glücklicherweise hast du dich dann der Großen Lehre des Buddhismus zugewandt und dem heiligen Priester auf der Reise schützend beigestanden. Allerdings vermochtest du deinen Eigensinn und deine weltlichen Gelüste nicht abzulegen, doch weil du dir mit Lastentragen Verdienste erworben hast, will ich deinen Rang erhöhen: Deine Rechte Frucht ist die Ernennung zum Apostel der Altarsäuberung.« »Alle werden Buddhas, nur ich werde bloß ein Apostel«, murrte Bajie. »Du hast doch mit deinem großen Maul und dem beleibten Körper einen starken Appetit«, sprach Tathagata, »und da es auf den vier Kontinenten unter dem Himmel zahlreiche Menschen gibt, die meine Lehre schätzen, sollst du bei allen buddhistischen Zeremonien auf Erden derjenige sein, der die Opfergaben auf den Altären abträgt. Das ist ein Amt mit hohem Gewinn; was soll daran nicht gut sein? Sha Wujing! Ehedem warst du der General Gardinenroller. Weil du am Pfirsichfest eine Kristallschale zerbrochen hast, wurdest du in die unteren Gefilde zum Sandfluss verbannt. Dort aber hast du zahlreiche Lebewesen geschädigt, Menschen gefressen und viele Sünden angehäuft. Zum Glück bekanntest du dich schließlich zu meiner Lehre und hieltest deren Gebote ehrlich und achtungsvoll ein. Mit dem Schutzgeleit für den heiligen Priester und mit dem Führen des Pferdes über all die Gebirge hast du dir Verdienste erworben. Darum kommt dir eine Rangerhöhung zu: Deine Rechte Frucht ist die Ernennung zum Goldenen Arhat.« Nun wandte sich Buddha an das weiße Pferd und sprach: »Einst warst du der Sohn des Drachenkönigs Guangjin aus dem Westlichen Ozean. Mit der Missachtung des väterlichen Befehls hast du die Sünde der Vernachlässigung der Kindesliebe begangen. Erfreulicherweise bist du der buddhistischen Lehre beigetreten und hast den heiligen Priester in den Westen und die Heiligen Schriften in den Osten getragen. Das ist ebenfalls ein Verdienst, das mit Rangerhöhung belohnt wird: Deine Rechte Frucht ist die Ernennung zum Himmelsdrachen der Acht Abteilungen.«509 Dankend knieten Meister und Schüler vor Buddha nieder und machten tiefe Stirnaufschläge; auch das Pferd brachte seinen Dank zum Ausdruck. Dann hieß Buddha die Genien, das Pferd zum Teich der Drachenverwandlung zu führen, der hinter einer Felswand am Fuße des Seelenberges lag. Dort wurde das Pferd ins Wasser gestoßen, und sogleich begann es sich zu winden, streifte sein Fell ab und bekam wieder Hörner. Der ganze Leib bedeckte sich über und über mit goldenen Schuppen, und unter dem Kinn sprossen lange silberne Drachenbarten. Alsdann stieg der Drache in herrlicher Pracht mit glückverheißenden Wolken unter den Krallen aus dem Teich und flog zum Eingang des Tempels, wo er sich um die Spitze der kunstvoll verzierten Himmelssäule ringelte. Alle Buddhas priesen die große Macht des Tathagata. Da wandte sich Pilger an Tripitaka und sprach: »Meister, von nun an bin ich ein Buddha, gleich wie Ihr. Nun werdet Ihr mich doch gewiss nicht länger mit dem Goldreifspruch quälen? Sagt bitte so schnell wie möglich einen Spruch zur Lockerung des Goldreifs, dass er wegkommt und ich ihn zertrümmern kann, damit diese Bodhisattva nicht noch mal jemandem so übel mitspielt!« »Damals hat sie dich damit in die Schranken gewiesen, weil du so schwer zu bändigen warst«, erwiderte Tripitaka, »jetzt, wo du ein Buddha bist, hat er sich von selbst gelöst. Es gibt doch gar keinen Grund mehr, dass er noch da wäre, fühle selbst!« Pilger langte mit der Hand an seine Stirn, und tatsächlich, es war nichts mehr da. Nun hatten also alle, Candana-Buddha, der Buddha des Kampfes, der Altarapostel und der Goldene Arhat, die ihnen zustehende Rechte Frucht erhalten, und auch das himmlische Drachenpferd war in die Wahrheit eingegangen. Ein Gedicht besagt: Es fiel ein Wahrer Körper Einst in den Staub der Welt; Die Vier Bilder einend,510 Er neu den Weg erfüllt. So kehren die Fünf Phasen Wunderbar in Stille ein; Und Hunderte Dämonen Sind nur noch leerer Schein! Die Rechte Frucht Candana Im Großen Wachsein weilt; In neuem Rang vollkommen Vom Staub der Welt befreit. Die Schriften bringen Segen Auf Erden weit und breit; Es thronen die fünf Heiligen Im Tor zur Nicht-Zweiheit!511 Als die fünf Heiligen alle ihre Rechte Frucht erworben hatten, kehrten die Buddhas, Bodhisattvas, Heiligen, Arhats, Genien, Mönche, Laienbrüder, Nonnen und Laienschwestern sowie die göttlichen Unsterblichen aller Grotten, die Ding- und Jia- Götterkrieger, die Zeitgötter, die Schutzgötter aller Klöster, die Erdgeister sowie alle bereits ins Dao eingegangenen unsterblichen Meister, welche Buddhas Rede gelauscht hatten, an ihre Plätze zurück, falteten die Hände und sprachen in tiefer Andacht: »Ehre sei Dipamkara, dem Uralten Buddha mit der Leuchte! Ehre sei Bhaisajyaguru, Medizinbuddha in kristallenem Licht! Ehre sei Shakyamuni Buddha! Ehre sei den Buddhas der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft! Ehre sei dem Freudvollen Buddha der Reinheit! Ehre sei Vairocana Buddha! Ehre sei Ratnadhvaja, Königsbuddha des Kostbaren Banners! Ehre sei Maitreya Buddha! Ehre sei Amithaba, Buddha des Unendlichen Lebens! Ehre sei dem Empfangsbuddha, der zur Wahrheit führt! Ehre sei Vajragarbha, Buddha der Diamantenen Unzerstörbarkeit! Ehre sei Ratnaprabhasambhava, Buddha des Kostbaren Lichts! Ehre sei Nagaraja, Königsbuddha des Erhabenen Drachens! Ehre sei Shrinanda, Freudvoller Buddha Fortschreitender Reife! Ehre sei Ratnachandra, Buddha des Kostbaren Mondlichts! Ehre sei Amoghadasrin, Buddha des Daseins ohne Torheit! Ehre sei Varuna Buddha! Ehre sei Narayana Buddha! Ehre sei Kusumashri, Buddha der Blüten der Tugend! Ehre sei Dhanshri, Tugendreicher Buddha der Talente! Ehre sei Vikrantagamishri, Buddha des Guten Wandelns! Ehre sei dem Leuchtenden Buddha Candana! Ehre sei dem Buddha des Perlenbanners! Ehre sei dem Strahlenden Buddha mit der Fackel der Weisheit! Ehre sei dem Klaren Buddha Ozeangleicher Tugend! Ehre sei dem Leuchtenden Buddha Großer Barmherzigkeit! Ehre sei dem Königsbuddha der Kraft der Barmherzigkeit! Ehre sei dem Höchsten Buddha der Gütigen! Ehre sei dem Buddha der Weiten Erhabenheit! Ehre sei dem Leuchtenden Buddha der Goldenen Blüte! Ehre sei dem Klaren Buddha der Lichts der Talente! Ehre sei dem Siegreichen Buddha der Weisheit! Ehre sei dem Leuchtenden Buddha der Weltenruhe! Ehre sei dem Leuchtenden Buddha von Sonne und Mond! Ehre sei dem Leuchtenden Buddha der Sonnen- und Mondperlen! Ehre sei dem Siegreichen Königsbuddha des Weisheitsbanners! Ehre sei dem Buddha der Wundervollen Klänge! Ehre sei dem Buddha des Banners des Ewigen Lichtes! Ehre sei dem Buddha, der die Leuchten der Welt betrachtet! Ehre sei dem Königsbuddha des Siegreichen Dharma! Ehre sei dem Leuchtenden Buddha des Sumeru! Ehre sei dem Königsbuddha der Großen Weisheitskraft! Ehre sei dem Leuchtenden Buddha des Goldenen Ozeans! Ehre sei dem Leuchtenden Buddha des Großen Durchdringens! Ehre sei dem Leuchtenden Buddha der Talente! Ehre sei dem Tugendreichen Buddha Candana! Ehre sei dem Siegreichen Buddha des Kampfes! Ehre sei Bodhisattva Avalokiteshvara! Ehre sei Bodhisattva Mahasthama! Ehre sei Bodhisattva Manjushri! Ehre sei Bodhisattva Samantabhadra! Ehre sei allen Bodhisattvas im Großen Ozean der Reinen Stille! Ehre sei allen Buddhas und Bodhisattvas der Großen Versammlung am Lotosteich! Ehre sei allen Bodhisattvas im Paradies des Westhimmels! Ehre sei den großen Bodhisattvas der dreitausend Genien! Ehre sei den großen Bodhisattvas der fünfhundert Arhats! Ehre sei den Bodhisattvas aller Mönche, Nonnen, Laienbrüder und Laienschwestern! Ehre sei den Bodhisattvas des unermesslichen Dharmas! Ehre sei den Heiligen Bodhisattvas der Diamantwächter! Ehre sei dem Bodhisattva Apostel der Altarsäuberung! Ehre sei dem Bodhisattva Goldener Arhat der Acht Schätze! Ehre sei dem Bodhisattva Kraftvoller Himmelsdrache der Acht Abteilungen! Und ebenso jeglichen Buddhas aller Welten! Möge dies vollbrachte Werk Buddhas Reine Erde preisen; Die Vierfache Gnade lohnen, Aus Drei Leidenspfaden weisen! Jeder, der all dies vernommen, Möge nach Erlösung streben, Im Reich der Glückseligkeit Zu vergelten dieses Leben! Allen Buddhas aller Gegenden und aller Zeiten, allen erhabenen Bodhisattvas und Mahasattvas: MAHAPRAJNAPARAMITA mit vollendeter Weisheit ans andere Ufer!«