Accueil > Die Reise nach Westen > Kapitel10

010 Ein Drachenkönig widersetzt sich dem Gesetz des Himmels / Per Totenbrief beordert Wei Zheng einen Höllendiener

Wie Guangrui fortan beflissen sein Amt verrichtete und Xuanzang sich der religiösen Lebensführung widmete, sei einstweilen dahingestellt. Stattdessen wollen wir uns nun zwei

weisen Männern zuwenden, die am Rande der Reichshauptstadt nahe dem Fluss Jing lebten. Der eine war ein alter Fischer namens Zhang Shao, der andere war Holzfäller und hieß Li Ding. Beide besaßen durchaus die hohe Bildung eines Jinshi, obschon sie nie an den Staatsprüfungen teilgenommen hatten; es waren sozusagen gelehrte Bergler. Eines Tages, nachdem die Holzbündel auf der Schulter und die Karpfen im Korbe verkauft waren, gönnten sich die beiden in einer Schenke vor der Stadt einen Trunk und schlenderten anschließend angeheitert am Ufer des Jingflusses heimwärts.

»Bruder Li«, meinte Zhang Shao unterwegs, »mir will doch scheinen, dass jene, denen nur an Ruhm und Ehre gelegen ist, letztlich im Ruhme ihren Leib zuschande richten. Und Leute, die immer bloß auf den Nutzen bedacht sind, werden am Ende aus lauter Profitgier sich selbst vergessen. Wer einen Fürstentitel hat, schläft doch wie mit einem Tiger am Busen; wer bei einer Machtperson in Gunst steht, geht doch wie mit Schlangen im Ärmel! So bedacht, geht’s denen eigentlich längst nicht so gut wie uns, die wir hier am klaren Wasser in grünen Bergen schweifen, frei und ungebunden, mit wenigem zufrieden, sorglos im großen Lauf der Dinge wandelnd!«

»Recht hast du, Bruder Zhang!« pflichtete ihm der andere bei.

So gingen die beiden plaudernd weiter, bis sie an eine Weggabelung kamen und die Hände zum Abschiedsgruß erhoben.

»Sei vorsichtig, Bruder Li, nimm dich vor den Tigern in Acht«, meinte Zhang Shao noch. »Wenn dir was geschieht, dann wäre morgen, wie man so sagt, ›ein Bekannter weniger in den Straßen‹.«

Ungehalten gab Li zurück: »Gemeiner Kerl! Echte Freunde

setzen ihr Leben füreinander ein; was soll diese Verwünschung? Wenn ich an einen Tiger gerate, sollst du unter die Wellen geraten!«

»Das wird mir nie passieren!«

»Das Schicksal ist so unbeständig wie das Wetter! Wie kannst du so sicher sein, dass dir nichts geschieht?«

»Mag sein, Bruder Li, doch hinter meinem Geschäft steckt weit mehr, als du denkst. Nie würde mir so was passieren.«

»Deine Arbeit auf dem Wasser ist höchst gefahrvoll; was kann da schon dahinterstecken?«

»Davon weißt du eben nichts. In Chang’an, an der breiten Straße beim Westtor, liegt die Bude eines Wahrsagers, der gegen Bezahlung die Zukunft voraussagt. Da geh’ ich jeden Tag hin und bringe einen goldenen Karpfen, dafür macht er mir eine Prognose. So brauche ich mich bloß an die genannten Himmelsrichtungen zu halten und ziehe jedes Mal ein volles Netz ein, auch wenn ich hundert Mal auswerfe! Auch heute war ich beim Wahrsager; er hieß mich an der Flussbiegung nach Osten hin die Netze legen und am Westufer die Angelhaken auswerfen. Bestimmt werde ich wieder mit einer schweren Ladung Fische und Krabben zurückkehren. Morgen beim Wein erzähl’ ich dir mehr!«

Die beiden verabschiedeten sich.

Nun verhielt es sich aber so, wie man sagt: ›Wer unterwegs erzählt, hat Lauscher im Gebüsch.‹ Es war nämlich gerade ein Yaksa vom Kristallpalast des Jingflusses auf Inspektionsgang und hatte das Gespräch mitgehört. Als er die Worte ›ziehe jedes Mal ein volles Netz ein, auch wenn ich hundert Mal auswerfe‹ vernahm, hielt er bestürzt inne. Dann machte er rechtsum kehrt, flitzte zum Kristallpalast und rief dem Drachenkönig zu: »Unheil, Unheil!«

Was denn geschehen sei, wollte dieser wissen. Der Yaksa berichtete: »Euer Untertan hat unterwegs ein Gespräch zwischen einem Fischer und einem Holzfäller belauscht, und was sie vor ihrem Abschied erwähnten, ist entsetzlich! Der Fischer nannte einen Wahrsager an der Straße beim Westtor von Chang’an, dessen Voraussagen immer zutreffen würden. Er sagte, er bringe dem Wahrsager täglich einen goldenen Karpfen, wofür dieser ihm konkrete Angaben mache, wie er jedes Mal volle Netze einziehen könne, auch wenn er hundert Mal auswerfe. Wenn das so weitergeht, wird unser ganzes Wasservolk in seinem Netz enden! Was wird dann aus dem Ansehen unseres Palastes und der Herrschaft Eurer Majestät?«

Empört ergriff der Drachenkönig sein Schwert und hätte sich gewiss auf der Stelle nach Chang’an begeben, um den Wahrsager umzubringen, wenn ihm nicht seine Drachensöhne und Drachenenkel, seine Krabben- und Krebsbeamten, Militärberater Hering, Minister Mandarinfisch und Kanzler Karpfen Einhalt geboten hätten.

»Möge sich der Große König beruhigen«, sprachen sie ihm zu, »nicht zu Unrecht gibt es den Spruch: ›Im Vorbeigehen erhaschten Worten soll man nicht leichtsinnig Glauben schenken.‹ Wenn Ihr jetzt nach Chang’an geht, wird das unwillkürlich Wolken und Regen mit sich ziehen; das könnte die Bewohner erschrecken, und der Himmel würde Euch dafür

zur Rechenschaft ziehen. Mit den großen Verwandlungskünsten, die Ihr besitzt, wäre es doch besser, Ihr würdet vorab in Gestalt eines Scholaren in Chang’an auf Erkundung gehen. Sollte sich die Sache bewahrheiten, bleibt Zeit genug, den Gesellen zu erledigen; falls nicht, braucht Ihr Euch auch nicht weiter darum zu kümmern.«

Der Drachenkönig billigte den Einwand, legte sein Schwert nieder und ließ weder Wolken noch Regen aufziehen. Stattdessen ging er an Land, nahm die Gestalt eines weißgekleideten Scholaren an und eilte schnurstracks zum Westtor von Chang’an. Dort sah er, wie sich vor einem Gebäude eine lärmende Menschenmenge drängte, und aus dem Innern drangen breitspurige Worte: »Die im Jahr des Drachens geboren sind, vertragen sich nicht mit jenen aus dem Jahre des Tigers. Zwar stehen die Kalenderzeichen Yin, Chen, Si und Hai in harmonischer Verbindung, Grund zur Befürchtung ist aber, dass die Sonne in Opposition zum Jahresherrn Jupiter steht.«

Dem Drachenkönig war sofort klar, dass es sich um die besagte Wahrsagerbude handeln musste. Er bahnte sich einen Weg durch die Menge und spähte hinein.

Wer aber war nun dieser Herr? Kein Geringerer als Yuan Shoucheng, der Onkel des berühmten amtierenden Vorstehers des Astronomischen Hofamtes Yuan Tiangang! Wahrhaftig, der Herr hatte vornehme Züge und eine edles Auftreten. Der Drachenkönig trat ein, man begrüßte sich höflich, dann wurde er gebeten, Platz zu nehmen, und bekam Tee serviert.

»Was ist Euer Anliegen?« fragte der Wahrsager.

»Bitte berechnet mir, wie es mit der Wetterlage steht.«

Der Wahrsager zählte an der im Ärmel versteckten Hand die zu deutenden Zeichen ab, bis er zum Ergebnis kam: »Wolken überziehen die Gipfel, Nebel bedeckt die Wipfel. Regen, falls Ihr dies erfragen wollt, wird morgen eintreffen.«

»Wann genau und in welcher Menge?«

»Morgen früh zur Doppelstunde Chen werden sich Wolken zusammenballen, vormittags zur Zeit Si wird Donner folgen, und mittags zur Zeit Wu wird Regen fallen bis am frühen Nachmittag zur Doppelstunde Wei. Die Niederschlagsmenge wird drei Fuß, drei Zoll und achtundvierzig Tropfen betragen.«

Der Drachenkönig lachte abschätzig und rief: »Erlaubt Euch bloß nicht zu spaßen! Falls es morgen exakt nach Euren Angaben regnet, werde ich diese Sitzung mit fünfzig Goldbarren lohnen. Bleibt der Regen aber aus oder stimmen Zeit und Menge nicht mit Euren Angaben überein, dann lasst Euch gesagt sein: Dann werde ich diese Bude zerschmettern, das Aushängeschild in Stücke hauen und Euch fristlos aus Chang’an verjagen, dass Ihr hier nicht länger das Volk verblendet!«

»Wie es Euch beliebt«, meinte der Wahrsager gelassen, »auf Wiedersehen.«

Der Drachenkönig verabschiedete sich und kehrte in seinen Palast zurück. Seine großen und kleinen Wassergeister eilten ihm zum Empfang entgegen und fragten: »Großer König, wie war Eure Suche nach dem Wahrsager?«

»Es gibt ihn tatsächlich«, sprach der Drachenkönig, »doch er ist ein schamloser Angeber. Für morgen hat er Regen prophezeit, und als ich ihn nach Zeit und Menge fragte, hat er behauptet, zu Chen würden sich Wolken bilden, zu Si werde der Donner grollen, und zwischen Wu und Wei würde eine Regenmenge von drei Fuß, drei Zoll und achtundvierzig Tropfen fallen. Ich habe mit ihm eine Wette geschlossen: Für den Fall, dass er recht behielte, versprach ich ihm fünfzig Goldbarren zum Lohn, falls aber die geringste Abweichung auftreten sollte, würde ich seine Bude zerschmettern und ihn aus Chang’an verjagen.«

Die Wassertiere kicherten: »Großer König, als regenmachender Drachengott und Oberaufseher über die Stadt der acht Flüsse könnt doch nur Ihr allein wissen, ob es regnen wird. Wie kann sich dieser Wahrsager in solche Reden versteigen. Die Wette verliert er garantiert!«

Ihr Lachen und Reden war noch nicht verklungen, als aus der Höhe eine Stimme erklang, die den Drachenkönig ein Edikt entgegennehmen hieß. Alle blickten empor und sahen, wie ein Himmelsbote in goldenem Gewand mit einer Schriftrolle des Jadekaisers auf den Kristallpalast zukam. Überrascht strich sich der Drachenkönig sein Gewand zurecht, warf sich in würdevolle Haltung, brachte Weihrauch dar und nahm das Schreiben in Empfang. Der Bote war schon wieder auf dem Rückweg, als der Drachenkönig das Schreiben öffnete und las:

»Dem Lenker der acht Flüsse sei befohlen:

Donnerschlag und Blitz sind auszuführen;

Morgen soll in Strömen Regen fließen,

Reichlich ist ganz Chang’an zu begießen.«

Die Angaben zu Zeit und Menge des Niederschlags wichen um kein Haar von jenen des Wahrsagers ab. Bestürzt wandte sich der Drachenkönig an die Menge und sprach: »Dann gibt es also in dieser Welt des Staubes tatsächlich Heilige, die alles über Himmel und Erde wissen! Ich werde die Wette verlieren.«

Da verbeugte sich Militärberater Hering und sprach: »Macht Euch keine Sorgen, Majestät. Die Wette zu gewinnen ist nicht schwer. Euer Untertan hat eine Strategie, mit der wir dem Kerl den Garaus machen.«

Interessiert fragte der Drachenkönig nach, und der Hering fuhr fort: »Ihr braucht doch nur den Regen ein bisschen zu verzögern und die Menge etwas zu verringern, dann stimmen seine Berechnungen nicht mehr. Was braucht Ihr da noch zu verlieren fürchten?«

Der Drachenkönig hielt sich an den Rat. Als tags darauf der Windgraf, der Donnergott, der Wolkenknabe und die Blitzmutter in den neunten Himmel über Chang’an beordert worden waren, richtete er es so ein, dass die Wolken sich erst vormittags zur Zeit Si zusammenballten, der Donner erst zur Mittagszeit Wu erdröhnte, der Regen zur Zeit Wei begann und erst am späten Nachmittag zur Zeit Shen endete. Die Niederschlagsmenge aber betrug nicht mehr als drei Fuß und vierzig Tropfen. Er hatte also die Angaben um eine Doppelstunde verschoben und den Niederschlag um drei Zoll und acht Tropfen verringert. Nachdem die Himmelsdiener ihren Dienst beendet hatten, schwebte er nach unten, verwandelte sich abermals in einen Scholaren und schritt auf die Wahrsagebude von Yuan Shoucheng zu, wo er ohne ein Wort zu verlieren alles, mitsamt Aushängeschild, Pinsel und Tuschestein kurz und klein schlug. Der Wahrsager blieb gelassen an seinem Platz sitzen, während der Drachenkönig mit dem Türbrett um sich fuchtelte und schrie: »Du Schwindler und Volksbetrüger! Deine Berechnungen waren falsch, Unsinn hast du erzählt, die Angaben über den Regen sind danebengegangen, weder Zeit noch Menge stimmen! Und da thronst du noch auf deinem Platz. Mach, dass du fortkommst, sonst ist es um dein Leben geschehen!«

Ohne mit der Wimper zu zucken, blickte Shoucheng zum Himmel und meinte mit einem kalten Lachen: »Ich habe nichts zu befürchten, mir lastet kein Verbrechen an. Nur fürchte ich, dass vielmehr du ein Todesverbrechen begangen hast. Andere magst du hinters Licht führen, aber mich nicht. Ich weiß genau, wer du bist. Du bist kein Scholar, sondern der Drachenkönig vom Jingfluss. Nun hast du wider den Befehl des Jadekaisers Zeit und Menge geändert, das verstößt gegen das Gesetz des Himmels. Auf dem Drachenrichtplatz wirst du dem Messer kaum entkommen können. Und da stehst du noch und beschimpfst mich!«

Da fuhr dem Drachenkönig der Schreck in die Glieder. Er ließ das Türbrett fallen, warf sich dem Wahrsager zu Füßen und flehte: »Mein Herr! Nehmt es mir nicht übel, ich habe mir nur einen Scherz erlaubt! Ich hätte nie gedacht, dass es plötzlich ernst würde und ich tatsächlich gegen das Gesetz des Himmels verstoßen würde. Bitte, helft mir! Sonst lasse ich Euch nicht gehen.«

»Ich kann dir nicht helfen«, gab der Wahrsager zurück, »ich kann dir höchstens sagen, auf welchem Wege du dein Leben vielleicht noch retten kannst.«

»Ich bitte darum.«

»Morgen um drei Viertel vor Mittag104 sollst du vom irdischen Beamten Wei Zheng enthauptet werden. Wende dich so schnell wie möglich an den Kaiser. Wei Zheng ist Kanzler am Kaiserhof; nur wenn du den Kaiser für dich gewinnen kannst, bleibst du verschont.«

Der Drachenkönig dankte fußfällig und ging von dannen. Inzwischen neigte sich das rote Sonnenrad nach Westen, und der Mond stieg auf. So war es in der Tat:

In dem Traum vom Schmetterling

Ist der Mensch entschwunden.105

Blumenschatten lässt der Mond

Der Brüstung entlang wandern.

Der Drachenkönig kehrte gar nicht erst in seinen Wasserpalast zurück. Irrend schwebte er durch die Lüfte, bis er gegen Mitternacht aus den Wolken herauskam und geradewegs auf den Palast zuhielt. Zur selben Stunde trat der Kaiser im Traum aus der Palasthalle und wandelte im Mondlicht unter blühenden Sträuchern dahin. Da trat der Drachenkönig in menschlicher Gestalt vor ihn, warf sich ihm zu Füßen und rief: »Rettet mich, Majestät, rettet mich!«

»Wer bist du denn?« fragte Kaiser Taizong verwundert.

»Erlauchte Majestät, Ihr seid der Wahre Drache!« rief der Drachenkönig. »Ich aber bin ein sündiger Drache, denn ich habe gegen das Gesetz des Himmels verstoßen und soll deshalb von Eurem Kanzler Wei Zheng enthauptet werden. Dies ist der Grund, weshalb ich bei Euch vorspreche. Ich erflehe Euren gnädigen Beistand!«

»Wenn es Wei Zheng ist, der die Enthauptung vollziehen soll, kann ich dir schon helfen. Geh nur, sei unbesorgt«, sprach der Kaiser.

Glücklich fiel ihm der Drachenkönig dankend zu Füßen und entfernte sich.

Nachdem er erwacht war, konnte Taizong den Traum nicht vergessen. Bald zählte man drei Schläge nach der fünften

Nachtwache, Zeit zur Morgenaudienz. Wie immer

versammelte Taizong seine militärischen und zivilen Hofbeamten, die sich nach dem höfischen Begrüßungsritus ihren Rängen gemäß aufstellten. Taizong ließ seinen kaiserlichen Phönix- und Drachenblick über die Anwesenden gleiten: Da waren die Amtsträger für zivile Angelegenheiten Fang Xuanling, Du Ruhui, Xu Shiji und Xu Jingzong sowie die Militärbeamten Yin Kaishan, Cheng Yaojin, Hu Jingde und Qin Shubao. Alle standen in feierlicher Würde da, einzig Kanzler Wei Zheng war nicht zugegen.

Da befehligte der Kaiser Xu Shiji vor den Thron und sprach: »In der Nacht hatte ich einen seltsamen Traum. Ich sah einen Mann, der sich vor mir verbeugte und sagte, er sei der Drachenkönig vom Jingfluss. Er habe gegen das Gesetz des Himmels verstoßen und solle heute von Wei Zheng enthauptet werden. Er flehte mich um Hilfe an, und ich habe versprochen, ihm zu helfen, doch jetzt fehlt ausgerechnet Wei Zheng. Was hat das zu bedeuten?«

»Wenn Ihr im Traum ein Versprechen abgelegt habt«, antwortete Shiji, »dann sollt Ihr Wei Zheng antreten lassen und hierbehalten. Wenn dieser Tag um ist, wird der Drache Eures Traumes gerettet sein.«

Beruhigt schickte der Kaiser mit einer schriftlichen Aufforderung nach Wei Zheng.

Doch wenden wir uns nun dem Kanzler Wei Zheng selbst zu, der noch in seiner Residenz weilte. Es war nämlich über Nacht, als er gerade die Zeichen des Himmels beobachtet und Räucherwerk verbrannt hatte, am hohen Himmel plötzlich

lautes Kranichgeschrei erklungen, und das war ein Himmelsbote mit einem Goldenen Edikt des Jadekaisers, in dem Wei Zheng befohlen wurde, um drei Viertel vor Mittag den alten Drachen vom Jingfluss im Traume zu enthaupten. Der Kanzler hatte dem Himmel seinen Dank ausgesprochen, hatte gefastet und ein reinigendes Bad genommen, dann übte er sich im Schwerte der Weisheit und sammelte seinen Geist. Das war der Grund, weshalb er nicht bei der morgendlichen Audienz erschienen war. Nun erschrak er nicht wenig, als ein

Hofdiener mit dem kaiserlichen Vorladungsschreiben auftauchte. Doch da er sich dem Befehl des Herrschers nicht widersetzen konnte, blieb ihm nichts anderes übrig, als in aller Eile sein Gewand zu glätten, den Gürtel umzuschnallen und sich in die Audienzhalle zu begeben, wo er vor dem Kaiser einen Stirnaufschlag vollzog und um Vergebung bat.

»Die Schuld sei Euch vergeben«, ließ der Kaiser verlauten, erteilte dann Befehl, die Vorhänge hochzurollen, und erklärte die Audienz für beendet. Nur Wei Zheng behielt er zurück, hieß ihn in sein Ruhegemach eintreten und begann mit ihm über Staatspolitik zu diskutieren. Als die Mittagszeit nahte, hieß er Palastzofen ein Spielbrett herantragen und meinte: »Ich spiele mit Euch eine Partie.«

Die Zofen brachten das Brett und breiteten alles ordentlich auf dem kaiserlichen Tisch aus. Wei Zheng bedankte sich für die kaiserliche Gunst, und so setzten Kaiser und Kanzler Zug um Zug ihre Spielsteine. Drei Viertel vor Mittag, als die letzten Figuren verblieben und das Spiel noch unentschieden war, sank Wei Zheng auf einmal über den Tisch und fiel in tiefen Schlaf. Der Kaiser machte keine Anstalten, ihn zu wecken. Nach kurzer Zeit wachte er auf, warf sich schuldbewusst zu Boden und rief: »Euer Untertan verdient zehntausend Tode! Eben wurde ich von einer unerklärlichen Müdigkeit überfallen, möge Eure Majestät diese sträfliche Nachlässigkeit gegenüber dem Herrscher verzeihen!«

Auf einmal sank Wei Zheng über den Tisch und fiel in tiefen Schlaf.

»Euch trifft keine Schuld«, sprach der Kaiser. »Steht auf! Lasst uns die Steine vom Brett nehmen und eine neue Runde beginnen.«

Wei Zheng bedankte sich für die kaiserliche Gnade. Doch kaum hielt er den ersten Spielstein zwischen den Fingern, erhob sich draußen ein lautes Stimmengewirr; schon traten Qin Shubao und Xu Maogong ein, warfen einen blutigen Drachenkopf vor den Thron und riefen: »Majestät! Dass gar Meere und Flüsse austrocknen können, ist bekannt, ein solches Wunder aber ist noch nie geschehen!«

»Woher kommt dieses Ding?« fragte Taizong.

»Südlich der Allee der Tausend Schritte, mitten auf der Kreuzung, ist dieser Drachenkopf aus den Wolken gefallen. Eure Untertanen wagten Euch diese Nachricht nicht vorzuenthalten.«

Erschrocken wandte sich der Kaiser an Wei Zheng: »Als Ihr eingeschlafen seid, sah ich Euch reglos und unbewaffnet. Wie konntet Ihr nur diesen Drachen töten?«

»Erlauchte Majestät, Euer Minister erhielt in vergangener Nacht ein Edikt des Himmelskaisers mit dem Befehl, diesen sündigen Drachen zu enthaupten. Als ich eben die Ehre hatte, mit Eurer Majestät Schach zu spielen, konnte ich nicht wegtreten, deshalb ist mein Geist im Traume zum Drachenrichtplatz emporgestiegen, wo ich den Drachen mit dem Schwert erschlug. Darum ist der Drachenkopf vom Himmel gefallen.«

Dies erfüllte Kaiser Taizong gleichzeitig mit Freude und mit Sorge. Einerseits freute er sich, einen derart heldenhaften Kanzler an seinem Hofe zu wissen, andererseits machte er sich Sorgen um das nicht eingehaltene Versprechen. Doch nun musste er wohl oder übel Haltung bewahren. Er befahl Qin Shubao, den Drachenkopf im Zentrum von Chang’an aufzuhängen, um die Bevölkerung der Reichshauptstadt in Kunde zu setzen, und sprach Wei Zheng eine Belohnung aus. Anschließend traten alle Hofbeamten ab.

An jenem Abend zog sich Taizong in bedrückter Stimmung in den Wohnpalast zurück. Sein Geist war matt, und er fühlte sich von innerer Unruhe ergriffen. Um die zweite Nachtwache vernahm er plötzlich ein Schluchzen vor dem Palasttor. Grauen packte ihn. Da sah er schemenhaft den Drachenkönig vom Jingfluss, der den blutüberströmten Kopf in den Händen hielt, und vernahm eine laute Stimme: »Kaiser der Tang- Dynastie! Gebt mir mein Leben zurück! Gebt mir mein Leben zurück! Gestern noch habt Ihr hoch und heilig versprochen, mich zu retten. Warum habt Ihr es dennoch zugelassen, dass Euer irdischer Kanzler mich tötete? Los, ich führe Euch zum Höllenfürsten, diese Sache muss bereinigt werden!«

Schimpfend und zeternd packte er Taizong und wollte nicht mehr von ihm lassen. Taizong brachte kein Wort heraus; er wehrte sich, bis ihm der Schweiß ausbrach. In dieser ausweglosen Lage gewahrte er auf einmal wohlriechende bunte Wolkenschleier, die von Süden her auftrieben; darüber schwebte die Gestalt einer Göttin. Wie diese nun einen Weidenzweig schwenkte, entfernte sich der kopflose Drache, immer noch schluchzend, nach Nordwesten.

Diese Göttin aber war niemand anderes als die Bodhisattva Guanyin, denn sie hatte im Erdgeisttempel das nächtliche Geistergeheul vernommen und war nun eigens gekommen, den sündigen Drachen zu vertreiben und den Kaiser zu erretten. Wie der Drache nun in der Unterwelt Bericht erstattete, sei hier nicht weiter ausgeführt.

Taizong aber schreckte aus dem Schlaf und schrie: »Es spukt! Es spukt!« Vor Schrecken taten Kaiserin, Palastdamen und Konkubinen sowie die diensthabenden Eunuchen im Palast die ganze Nacht kein Auge mehr zu. Bald nahte der Morgen. Drei Schläge nach der fünften Nachtwache stand die versammelte Beamtenschaft vor dem Tor zur Audienzhalle und wartete auf den Kaiser. Doch auch als es schon heller Morgen war, blieb der Kaiser fern. Erst als die Sonne hoch am Himmel stand, traf endlich eine Meldung ein: »Der Kaiser befindet sich in unpässlicher Gemütsverfassung; alle Beamten werden von der Audienz dispensiert.«

Ebenso ging es an den folgenden fünf bis sieben Tagen. In ihrer Besorgnis wollten alle Beamten dem Kaiser eine Visite abstatten. Schließlich schickte die Mutter Taizongs nach dem kaiserlichen Leibarzt. Während dieser im Palast eine Medizin verschrieb, warteten alle draußen auf Nachricht. Es dauerte nicht lange, bis der Leibarzt herauskam und auf die vielen Fragen antwortete: »Des Kaisers Herzschlag ist kraftlos, sein Puls geht schwach und beschleunigt; er deliriert von Geistern. Außerdem setzt der Puls alle zehn Pulsschläge aus, und den inneren Organen mangelt es an Energie. Es steht zu befürchten, dass er innerhalb von sieben Tagen verscheiden wird.«

Die Nachricht erschütterte den ganzen Hofstaat. Während alle betroffen dastanden, traf der Befehl der Kaiserinmutter ein, die Herren Xu Maogong, Staatsprotektor109 und Yuchi würden vom Kaiser aufgeboten. Unverzüglich eilten alle drei in die Halle zwischen dem inneren und dem äußeren Palast, wo sie vor dem Kaiser die höfischen Verbeugungen vollführten. Angestrengt sprach Taizong mit ernster Miene: »Werte Minister. Seit meinem neunzehnten Altersjahr habe ich Feldzüge und Verteidigungskriege in alle Himmelsrichtungen unternommen. Nie ist mir deswegen nur der geringste Spuk erschienen. Heute hingegen erscheinen mir Geister.«

»Um Euer Imperium zu errichten, habt Ihr doch zahllose Menschen getötet; wie könnt Ihr Euch plötzlich vor Geistern fürchten?« fragte Yuchi.

»Ob Ihr’s glaubt oder nicht, sobald es Nacht wird, fliegen vor meinem Schlafgemach Dachziegel und Backsteine herum, und Geister heulen. Tagsüber geht es noch, doch nachts ist es unerträglich!«

»Seid unbesorgt, Majestät«, meinte Qin Shubao, »heute Nacht werde ich mit Yuchi Jingde vor dem Tor Wache halten und schauen, was los ist.«

Taizong stimmte dem Vorschlag bei, worauf Maogong und die anderen abtraten. Am selben Abend warfen sich die beiden Generäle Helm und Rüstung über, dann traten sie mit einem goldenen Knüppel und einer Streitaxt bewaffnet vor dem Tor zur Wache an.

Während die tapferen Generäle zu beiden Seiten des Tores wachten, konnten sie die ganze Nacht über nicht die geringste Spur von Geistern sehen. Auch Taizong verbrachte in seinem Wohngemach eine friedliche, störungsfreie Nacht. Am Morgen beorderte er die Generäle zu sich, erteilte ihnen eine großzügige Belohnung und sprach: »Seit ich erkrankt bin, habe ich manche Nächte schlaflos verbracht. Dank euch konnte ich in dieser Nacht zum ersten Mal wieder ruhig schlafen. Nun legt euch zur Ruhe und kommt am Abend wieder.«

Die Generäle dankten und traten ab. Mehrere Nächte lang hielten sie Wache, und alles blieb ruhig. Schließlich wollte Taizong die beiden aber nicht länger bemühen. Darum berief er seine Hofbeamten in den Wohnpalast und ließ verlauten: »In den vergangenen Nächten habe ich meine Ruhe wiedergefunden. Doch dafür mussten sich die Generäle nächtelang abmühen. Ich möchte daher einen talentierten Maler bestellen, der die beiden lebensecht porträtiert. Die Bilder sollen dann auf die Torflügel geheftet werden, um den Generälen die Mühe zu ersparen. Was meint ihr dazu?«

Sogleich wählten die Minister zwei Maler, die sich besonders gut auf das naturalistische Abbilden verstanden, und ließen die beiden Generäle in voller Rüstung posieren. Wirklichkeitsgetreu wurden sie abgebildet und die Bilder an die Torflügel geklebt. Auch diese Nacht blieb es ruhig.

So dauerte es zwei, drei Tage an, bis das Krachen und Poltern mit Ziegelsteinen von neuem ertönte, diesmal jedoch beim hinteren Tor. Am Morgen rief Taizong seine Minister zusammen und sprach: »Mehrere Nächte lang ist es glücklicherweise am vorderen Tor ruhig geblieben. Doch nun kommt der Lärm vom hinteren Tor. Das ängstigt mich zu Tode.«

»Am vorderen Tor haben Jingde und Shubao Wache gehalten; bei den neuerlichen Unruhen am hinteren Tor soll Wei Zheng Wache halten«, schlug Maogong vor.

Taizong willigte ein und beauftragte Wei Zheng, noch am selben Abend das hintere Tor zu bewachen. Auf den Befehl des Kaisers machte Wei Zheng sich am Abend zurecht und stellte sich mit dem Schwert, das er zur Enthauptung des Drachens benutzt hatte, vor dem hinteren Tor auf. Heldenhaft sah er aus! Die ganze Nacht war von Gespenstern keine Spur zu sehen. So war nun zwar dieses Problem beseitigt, doch der

Gesundheitszustand des Herrschers hatte sich weiter verschlechtert.

Eines Tages berief die Mutter des Kaisers die Hofbeamten ein, um die Nachfolge zu besprechen. Taizong aber rief Xu Maogong zu sich und betraute ihn mit der vorläufigen Leitung der Staatspolitik, dann nahm er ein reinigendes Bad, kleidete sich um und wartete seine letzte Stunde ab. Da trat Wei Zheng vor, berührte des Kaisers Drachenrobe und sprach: »Majestät, bleibt unbesorgt. Euer Minister hat einen Plan, der Euch ein langes Leben garantiert.«

»Meine Krankheit ist im letzten Stadium, ich liege auf dem Sterbebett«, sprach der Kaiser. »Wie könnt Ihr mir da ein langes Leben garantieren?«

»Euer Minister hat einen Brief verfasst, den Ihr in der Unterwelt dem Herrn Cui Jue, Richter der Totenstadt Fengdu, übergeben könnt.«

»Wer ist Cui Jue?«

»Cui Jue war Minister unter Eurem hochverehrten seligen Vater Kaiser«, antwortete Wei Zheng, »zu Lebzeiten war er Präfektvorsteher von Cizhou und später Vizeminister des Ritenministeriums. Wir waren damals eng befreundet und schlossen eine Schwurbrüderschaft. Seit er gestorben ist, amtiert er in der Totenstadt Fengdu als Richter und ist für das Buch der Lebenden und Toten zuständig. Wir treffen uns oft im Traum. Wenn Ihr ihm dieses Schreiben überreicht, wird er Euch aus Freundschaft zu Eurem geringen Untertan gewiss ins Leben zurückkehren lassen.«

Taizong nahm das Schreiben, steckte es in seinen Ärmel, schloss die Augen und verschied. Kaiserin, Palastdamen und Konkubinen aller Frauengemächer, der Kronprinz sowie alle

zivilen und militärischen Hofbeamten legten die Trauergewänder um und versammelten sich zur Trauerfeier. Gemäß den erforderlichen Zeremonien wurde der Leichnam in den Sarg gebettet und in der Halle des Weißen Tigers aufgebahrt.

Und da wir nicht wissen, ob Taizong letztendlich ins Leben zurückkehrte oder nicht, lasst uns das nächste Kapitel anhören.