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100 Der Weg führt in den Osten / Fünf Heilige werden wahr

Wie die vier sich aus dem Staub machten, sei einstweilen dahingestellt. Berichten wir stattdessen, wie die Dörfler beim Tempel der Lebensrettung in aller Frühe aufstanden, um abermals Obst und Speisen darzubringen, doch als sie in die große Halle kamen, war der Priester nicht mehr zu sehen. Es folgte eine große Aufregung, keiner wusste, was tun, und bald erhob sich ein lautes Jammern und Klagen: »Nun haben wir uns einen leibhaftigen Buddha entgehen lassen!«

Weil man sich nicht anders zu helfen wusste, wurden schließlich alle Gaben in die obere Etage gebracht und dort zusammen mit Papiergeld und Götterbildern geopfert. Von da an wurden in diesem Tempel jährlich vierundzwanzig kleine und vier große Opferzeremonien abgehalten, außerdem kamen zu allen Zeiten und Tagen jede Menge Leute, um für Genesung zu beten, um Segen zu bitten, Gelübde abzulegen und vieles andere mehr. In der Tat, so war es:

Allzeit brennt die Flamme

In goldener Schale klar;

Ewig strahlt das reine Licht

Im Jadekelch fürwahr!

Doch davon sei nicht weiter die Rede.

Lasst uns stattdessen berichten, wie die Acht Großen Diamantwächter die vier Pilgermönche zum zweiten Mal in einem wohlriechenden Windstoß mit sich davontrugen, so dass sie in weniger als einem Tag in den Osten gelangten, wo sich alsbald in der Ferne die Hauptstadt Chang’an abzeichnete.

Nun verhielt es sich so, dass Kaiser Taizong, der ja im dreizehnten Jahr der Ära Zhen’guan Tripitaka vor den Toren der Kaiserstadt verabschiedet hatte, im sechzehnten Jahr das Hofamt für Bauwesen beauftragt hatte, draußen vor dem Passübergang zur Hauptstadt einen Aussichtsturm zu errichten, wo die Schriften in Empfang genommen werden sollten. Seitdem fuhr Kaiser Taizong Jahr für Jahr persönlich hin.

Es war just an diesem Tage, dass der Kaiser abermals den Aussichtsturm bestieg, und da gewahrte er auf einmal, wie der Himmel sich von Westen her mit hellen, glückverheißenden

Dunstschleiern erfüllte und ein wohlriechender Duft heranwehte.

Da hielten die Diamantwächter in den Lüften inne und sprachen: »Heiliger Priester, Ihr befindet Euch jetzt vor der Stadt Chang’an. Dorthin können wir Euch nicht begleiten, denn die Menschen hier sind schlau und könnten unsere Gestalten enthüllen. Auch der Große Heilige Sun und Eure anderen Schüler brauchen nicht hinunterzugehen. Bringt die Schriften selbst zu Eurem Kaiser und kommt danach zurück; wir warten derweil oben am Himmel und begleiten Euch dann zu Buddha, um das Goldene Edikt zurückzuerstatten.«

»Die Erhabenen haben zwar recht«, sprach der Große Heilige, »doch wie soll unser Meister die Schriftenlast tragen und das Pferd führen? Es ist doch nötig, dass wir mitgehen. Bitte wartet einen Moment auf uns, wir werden nicht zu säumen wagen.«

»Vor einigen Tagen hat Bodhisattva Guanyin bei Tathagata vorgesprochen und sagte, dass die Hin- und Rückreise innerhalb von acht Tagen stattfinden müsse, um die Tage entsprechend der Anzahl der Schriften zu vervollkommnen«, gaben die Diamantwächter zu bedenken. »Nun sind bereits fünf Tage um. Wir fürchten, dass die Frist überschritten werden könnte, falls Bajie unten dem Wohlleben frönt.«

»Wenn mein Meister ein Buddha wird, möchte ich doch auch ein Buddha werden«, warf Bajie lachend ein, »da werde ich doch wohl davon lassen können! Mögen die Erhabenen hier warten; sobald wir die Schriften abgegeben haben, gehen wir mit euch zurück.«

Also schulterte der Tölpel seine Tragstange, Sandmönch führte das Pferd, und Pilger nahm den Priester am Arm, worauf sie ihre Wolke senkten und neben dem Aussichtsturm landeten.

Kaiser Taizong, der den Anblick mit seinen Hofbeamten mitverfolgt hatte, stieg sogleich hinunter und rief: »Da seid Ihr ja, kaiserlicher Bruder!«

Der Priester warf sich dem Kaiser zu Füßen. Taizong reichte ihm die Hand zum Aufstehen und fragte dann: »Wer sind denn diese drei?«

»Das sind Schüler, die ich unterwegs aufgenommen habe«, antwortete Tripitaka. Freudig befahl Taizong seiner Leibgarde: »Macht unser Pferd reisefertig, dass der kaiserliche Bruder aufsitze und mit uns in den Palast zurückkehre!«

Der Priester dankte für die hohe Gunst und stieg in den Sattel. Der Große Heilige folgte ihm mit wirbelndem Goldreifstab, während Bajie und Sandmönch sich um Pferd und Traglasten kümmerten. So gelangten sie mit dem Kaiser in die Reichsstadt Chang’an.

So war es in der Tat:

Friede herrschte überall,

Freude, Wohl und Segen;

Kriegsminister und Beamte

Heldenhaft sich regen!

Damals predigte der Priester

Bei dem Fest zum Heil der Seelen;

Alsdann ging er als Gesandter,

Wie der Kaiser ihm befohlen.

»Tripitaka« schrieb der Kaiser

In das Reisedokument,

Denn mit den Fünf Wandlungsphasen

Sind die Schriften kohärent.497

Bitter wehrten sie Dämonen,

Alle nun vernichtet sind;

Heute ist das Werk vollbracht,

Froh zur Kaiserstadt er kommt!

Tripitaka und seine Schüler folgten dem Kaiser in den Palast. In der ganzen Stadt war niemand, der nicht von der Rückkehr der Schriftenholer vernommen hatte. Außerdem war den Mönchen im Kloster zum Großen Glück, wo der Priester einst gewohnt hatte, aufgefallen, dass die Wipfel der Kiefern sich nach Osten neigten, worauf einige erstaunt riefen: »Wie seltsam! In der Nacht hat kein Wind geweht, wie kommt es, dass die Bäume so gebogen sind?«

Es war aber unter den Mönchen auch ein ehemaliger Schüler Tripitakas, und der rief nun: »Schnell, holt die Festroben! Der Meister, der zu den Heiligen Schriften pilgerte, kommt zurück!«

»Woher wollt Ihr das wissen?« fragten die Mönche, und der ehemalige Schüler erklärte: »Damals, als mein Meister aufbrach, sprach er diese Worte: ›Es wird drei bis fünf Jahre, vielleicht auch sechs bis sieben Jahre dauern, bis ich wieder zurück bin. Achtet auf diese Kiefern: Wenn sich ihre Zweige nach Osten neigen, ist dies das Zeichen, dass ich zurückkehre.‹ Die Worte meines Meisters sind heilig wie aus dem Munde Buddhas. Darum weiß ich, dass er zurückgekehrt sein muss.«

Geschwind warfen alle ihre Festroben über, gingen aus dem Kloster, und als sie auf die Straße nach Westen kamen, riefen die Leute einander zu: »Der Schriftenholer ist da, unsere Majestät führt ihn in die Stadt!«

Als die Mönche dies hörten, liefen sie eilends hin; allerdings stießen sie bald auf die Equipage des Kaisers und wagten sich daher nicht näher heran, sondern folgten dem Zug bis vor die Tore des Palastes.

Hier stieg der Priester vom Pferd und begab sich mit den anderen in den Palast, wo er mit dem Drachenpferd und den Schriftenlasten, mit Pilger, Bajie und Sandmönch vor den weißen Jadestufen stehen blieb. Kaiser Taizong ließ kundtun, der kaiserlich Verbrüderte möge die Audienzhalle betreten und Platz nehmen. Nachdem der Priester seinen Dank bezeigt und sich gesetzt hatte, gab der Kaiser Befehl, die Heiligen Schriften hereinzutragen. Da packten Pilger und die anderen alles aus, und die Leibwächter trugen die Schriften zum Kaiser. Dieser fragte nun, wie viele Schriften es insgesamt seien und auf welche Weise er sie erhalten habe.

Tripitaka berichtete: »Als untergebener Mönch auf dem Seelenberg bei Buddha vorsprach, wurde er von den Erhabenen Ananda und Kasyapa in den Turm der Kostbarkeiten geführt, wo eine Klostermahlzeit aufgetragen wurde. Anschließend durften wir die Schatzkammer betreten, wo uns die Schriften überreicht wurden. Die beiden Erhabenen verlangten ein Geschenk, doch weil wir keinerlei Gaben mit uns führten, konnten wir ihnen nichts anbieten. Schließlich gaben sie uns die Schriften, doch als wir uns bereits bei Buddha bedankt hatten und schon auf dem Rückweg in den Osten waren, kam plötzlich ein dämonischer Sturmwind, der uns die Schriften entriss. Mein geringer Schüler konnte gerade noch hinterherjagen und sie an sich reißen, doch da fielen sie herunter und lagen überall am Boden verstreut. Als wir beim Einsammeln darin blätterten, sahen wir erst, dass es durchweg leere Rollen waren, gänzlich unbeschrieben. Euer Untertan war sehr bestürzt, ging darum von neuem zu Buddha und bat inständig um die Heiligen Schriften. Buddha wusste alles schon. Weil aber die beiden Erhabenen weiterhin Geschenke wollten, blieb uns am Ende nichts übrig, als die kaiserliche Almosenschale aus Purpurgold herzugeben. Daraufhin gaben sie uns die beschriebenen Wahren Schriften. Die Heiligen Schriften teilen sich in 35 Kategorien; von jeder haben sie uns mehrere Rollen mitgegeben; insgesamt sind es 5048 Schriftrollen, entsprechend der Anzahl Heiliger Schriften eines Korbes des Tripitaka.«

In großer Freude gab Kaiser Taizong dem Hofamt für Unterhaltung Befehl, zum Zeichen der Dankbarkeit im Ostpalast ein Festmahl bereitzustellen. Anschließend nahm er die drei Schüler in Augenschein, die unten vor den Jadestufen standen und recht außergewöhnlich wirkten. Darum fragte er: »Sind Eure werten Schüler Ausländer?«

Mit einer Verbeugung antwortete der Priester: »Mein ältester Schüler heißt mit Nachnamen Sun, sein Ordensname ist Wukong, ›der die Leere erkennt‹. Euer Untertan ruft ihn normalerweise Pilger Sun. Er stammt aus der Wasservorhang- Grotte auf dem Blumen-Früchte-Berg im Lande Aolai auf dem östlichen Kontinent Purvavideha. Weil er vor fünfhundert Jahren im Himmelspalast rebelliert hatte, war er von Buddha in den westlichen Gefilden unter dem Grenzberg in einen steinernen Kasten gesperrt worden. Dank des barmherzigen Zuspruchs von Bodhisattva Guanyin willigte er schließlich ein, sich der guten Lehre zuzuwenden. Euer Untertan kam dann dort vorbei und befreite ihn. Diesem Schüler, der mich stets beschützte, habe ich vieles zu verdanken. Mein zweiter Schüler heißt mit Nachnamen Eber, sein Ordensname lautet Wuneng, ›der die Fähigkeit erkennt‹. Euer Untertan nennt ihn gewöhnlich Eber Bajie. Er stammt aus der Wolkensteggrotte im Fuling-Gebirge, und weil er einst im Dorf der Sippe Gao im Lande Wusizang sein Unwesen getrieben hatte, bewog ihn die Bodhisattva Guanyin ebenfalls dazu, sich zum Guten zu wenden. Da Pilger Sun ihn zu bezwingen vermochte, hat er uns auf der ganzen Reise beim Lastentragen und beim Überqueren der Gewässer geholfen. Mein dritter Schüler heißt mit Nachnamen Sand, sein Ordensname lautet Wujing, ›der die Reinheit erkennt‹. Euer Untertan ruft ihn normalerweise Sandmönch. Ursprünglich lebte er als Ungeheuer im Treibsandfluss, und auch er wurde von Bodhisattva Guanyin zum Guten bewogen, worauf er sich zur buddhistischen Lehre bekannte. Überdies ist auch das Pferd ein anderes als jenes, das ich einst von Eurer Majestät erhalten durfte.«

»Es sieht aber genau gleich aus«, wunderte sich Taizong, »wie kann es denn ein anderes sein?«

»Als Euer Untertan am Schlangenberg durch die Adlergramschlucht kam«, berichtete Tripitaka, »wurde das Pferd von einem Drachen verschlungen. Da Pilger Sun sich bei Bodhisattva Guanyin erkundigte, erfuhren wir von seiner Herkunft: Es handelt sich um den Sohn des Drachengottes vom Westmeer. Dieser hatte nämlich eine Sünde abzubüßen und war ebenfalls von Guanyin befreit worden. Sie hieß ihn dann, Eurem Untertan als Reittier zu dienen. So hat sich dieser Drache in die Gestalt des ursprünglichen Pferdes verwandelt und sieht daher äußerlich genau gleich aus. Ihm habe ich zu verdanken, dass es mich unermüdlich über all die weiten Gebirge und Gewässer trug, auf der Hinreise als Reittier, auf der Rückreise als Lasttier für die Heiligen Schriften.«

Als Kaiser Taizong all dies vernommen hatte, sprach er bewundernden Beifall aus und fragte dann: »Wie viele Meilen zählte nun die lange Reise in den fernen Westen?«

»Es sind mir stets die Worte der Bodhisattva Guanyin in

Erinnerung: Meilen«, antwortete Tripitaka. »Unterwegs aber konnte ich mir die Anzahl Meilen nicht merken; was ich sagen kann, ist nur, dass wir vierzehn Sommer und Winter durchgepilgert sind und dabei Tag für Tag Berge und Flüsse überquerten und oftmals Ungeheuern und Dämonen begegnen mussten. Außerdem kamen wir durch verschiedene Königreiche; in jedem wurde unser Reisepass geprüft und mit einem Siegelabdruck versehen.« Nun rief er seinen Schülern zu: »Bringt den Reisepass und lasst ihn dem Herrscher überreichen!«

Kasier Taizong besah sich das Dokument, das im dreizehnten Jahr der Ära Zhen’guan, am dritten Tag vor Vollmond des neunten Mondmonats, ausgestellt worden war, und sprach lächelnd: »Lange habt Ihr reisen müssen. Mittlerweile zählen wir bereits das siebenundzwanzigste Jahr der Ära Zhen’guan.«

Im Reisepass waren die Siegel vieler Herren Länder: Baoxiang, Schwarzhahnland, das Reich der Trägen Wagen, das Frauenland Xiliang, das Land der Dankopfer, Purpurien, Bhiksu, Dharmaverderb, außerdem gab es ein Siegel von der Präfektur Yuhua und eines vom Königreich Indien. Nachdem Kaiser Taizong alles durchgesehen hatte, nahm er das Dokument zu sich.

Schon bat ein Leibdiener zur Tafel. Der Kaiser stieg vom Thron, schritt mit Tripitaka Hand in Hand voran und erkundigte sich: »Verstehen sich Eure werten Schüler auf die Regeln der Hofzeremonie?«

»Meine geringen Schüler stammen aus der Wildnis und waren vormals Ungeheuer; mit der Etikette am heiligen chinesischen Kaiserhof sind sie nicht vertraut. Möge Eure Majestät ihre Sünden verzeihen!«

»Es soll dies nicht als Sünde gelten«, erwiderte Taizong lächelnd. »Sie sind alle drei gebeten, sich in die Osthalle zum Bankett zu begeben.«

Tripitaka dankte für die kaiserliche Gunst und gab seinen Schülern mit einem Wink zu verstehen, dass sie zur Osthalle gehen sollten. Dort stellten sich Meister und Schüler mit den Hofbeamten rechts und links auf, während Kaiser Taizong seinen Sitz in der Mitte einnahm. Zu Gesang und Tanz und andachtsvoller Blas- und Streichmusik feierte man einen ganzen Tag lang.

So war es in der Tat:

Größer ist des Kaisers Feier

Als zur Zeit von Tang und Yu;498

Es fällt mit den Wahren Schriften

Glück im Überfluss ihm zu.

Allzeit sie bekannt zu machen,

Bringt Jahrtausende Gedeihn;

Mögen überm Kaiserhof

Ewig Buddhas Strahlen sein!

Am selben Abend, als es dunkel wurde, bedankten sich alle beim Kaiser, und schließlich wurde die Tafel aufgehoben. Kaiser Taizong zog sich in den Wohnpalast zurück, und die Hofbeamten gingen nach Hause. Tripitaka aber ging mit seinen Schülern in das Kloster zum Großen Glück, wo er die Ordensbrüder traf, die ihn mit tiefen Stirnaufschlägen willkommen hießen. Als er eingetreten war, sprachen die Mönche: »Meister, heute früh wiesen die Wipfel dieser Bäume plötzlich alle gen Osten. Da haben wir Eurer Worte gedacht und sind in die Stadt gegangen, Euch zu empfangen. Und wahrhaftig, Ihr seid angekommen!«

Der Priester freute sich außerordentlich und ging in die Abtei. Diesmal murrte Bajie weder um Tee und Essen, noch machte er sonstigen Lärm; auch Pilger und Sandmönch waren ruhig und gefasst. Nun war die Frucht des Dao ja vollendet, und so kam die innere Ruhe ganz von selbst. Anschließend legten sie sich schlafen.

Am anderen Morgen bestieg Kaiser Taizong seinen Thron und sprach zu seinen Ministern folgende Worte: »Ich habe mir über das Werk des kaiserlichen Bruders Tripitaka Gedanken gemacht; es ist von solcher Tiefe und solch überwältigender Bedeutung, dass ich es ihm mit nichts vergelten kann. In einer schlaflosen Nacht habe ich ein paar unbeholfene Sätze vorbereitet, die vorerst meine Dankbarkeit zum Ausdruck bringen mögen.« Er hieß den kaiserlichen Schreiber antreten und sprach: »Schreibe auf, was ich nun mündlich vortrage.«

Der Text lautete:499

»Wie wir wissen, offenbaren sich die polaren Kräfte Yin

und Yang im sichtbaren Bilde von Himmel und Erde,

zwischen denen sich das Leben entfaltet; dahingegen

wirken die Jahreszeiten unsichtbar durch Kälte und Wärme

auf alle Dinge ein.

Durch die eingehende Beobachtung von Himmel und

Erde vermögen selbst Ungebildete die großen

Zusammenhänge zu erkennen, doch wenn es darum geht,

Yin und Yang in aller Deutlichkeit zu durchschauen, gibt es

auch unter den höchsten Gelehrten nur wenige, die die

innersten Zusammenhänge auszuschöpfen vermögen.

Dass nun die Umfassung von Yin und Yang durch

Himmel und Erde leicht zu erkennen ist, liegt eben daran,

dass es sich um sichtbare Erscheinungen handelt; auf

welche Art und Weise sich aber Yin und Yang zwischen

Himmel und Erde auswirken, ist schwer zu entschlüsseln,

da dies unsichtbar vor sich geht.

Daher wissen wir: Was eine sichtbare Form hat, lässt sich

leicht belegen, und so zweifeln auch Ungebildete nicht

daran; wo aber äußerlich keine Form besteht und das Auge

nichts erschauen kann, stehen selbst Weise vor einem

Rätsel.

Nun orientiert sich aber die Lehre Buddhas an der

Leerheit aller Dinge und strebt durch das mystisch

Verborgene eine überweltliche Ruhe an. In weitem Umfang

setzt sie sich zum Wohle aller Lebewesen ein, und die

buddhistischen Schriften verbreiten sich überall in der Welt.

Ihre Allmacht erhebt sich in grenzenlose Höhen, und ihre

göttlichen Kräfte reichen in unerforschliche Tiefen. Im

Großen erfüllt sie das ganze Universum; im Kleinen

verdichtet sie sich im winzigsten Punkt.

Ohne Ende und ohne Anfang durchströmt sie alle Zeiten

und verliert dabei nicht an Bedeutsamkeit; mal verborgen,

mal erkennbar tätigt sie hundertfältigen Segen, bis zum

heutigen Tag.

In diesem unfasslichen Lauf verdichtet sich das tiefe

Mysterium, und niemand vermöchte es je erschöpfend zu

durchdringen. Diese unvergängliche Bahn des Dharma ist

von solch tiefklarer Stille, dass niemand je an seine Quelle

zu gelangen vermöchte.

Wie also können die zahllosen Unwissenden und

Ungebildeten im Gewühle der Massen ohne Zweifel

bleiben, wenn sie sich solchen Belangen zuwenden!

Nun gelangte ja die Große Lehre in den westlichen

Gefilden zur Blüte und drang erst mittels eines erhellenden

Traumes in den Palast der Han-Dynastie, von wo sie

Licht und Segen über die östlichen Gebiete verströmte.

Ehedem, als ihre Formen und Spuren sich erst

abzuzeichnen begannen, war das Wort noch nicht in Umlauf

und hatte noch keine Bildung erwirkt. Über wechselhafte

Zeiten hinweg lernte das Volk schließlich, die Tugenden zu

schätzen und sich danach zu richten.

Seit aber Buddhas Gestalt sich verbarg und in die

Wahrheit einkehrte, sind lange Zeiten vergangen. Das

goldene Antlitz ward bedeckt und spiegelte nicht länger das

Licht der dreitausendfältigen Welten. Es wurden zwar noch

herrliche Bildnisse gefertigt, doch wiesen diese vergeblich

Buddhas zweiunddreißig Körpermerkmale auf.

So verbreiteten sich denn die tiefgründigen Worte der

Heiligen Schriften, um die Geschöpfe auf Erden aus den

drei qualvollen Pfaden der Wiedergeburt zu erlösen; und die

überlieferten Lehren wurden allenthalben verkündet, um

allen Wesen die zehnstufige Vervollkommnung zum

Bodhisattva zu weisen.501

Nun blieb allerdings die Wahre Lehre schwer zu fassen,

und ihre Weisung konnte nicht auf einen Nenner gebracht

werden, wohingegen irrige Lehren, die leicht zu befolgen

waren, sich verbreiteten, weshalb das Wahre und das

Falsche bald im Streite lagen.

So wurde denn die buddhistische Idee von der Leerheit

aller Dinge oft mit anderen Bräuchen vermischt, und die

Lehren von Hinayana und Mahayana wechseln sich im

Laufe der Zeiten ab.

Nun ist da aber der Priester Xuanzang, das Oberhaupt der

buddhistischen Lehre, der von klein auf achtsam und

feinfühlig war, früh die Dreifache Leerheit des Herzens

erkannt hatte und im Erwachsenenalter die innere

Übereinstimmung zum Geistigen verspürte, allem voran zur

Praxis des Vierfachen Erduldens.502

Die erhabene Lauterkeit des Priesters lässt sich selbst im

Bilde vom Windhauch, der sachte über die Kiefernwipfel

streicht, oder im Bilde vom Mond, der sich still im Wasser

spiegelt, nicht umfangen, und gar die schöne Umschreibung

›Göttertau und Perlenglanz‹ reicht nicht an seine

hochherzige Milde heran.

Er ist von solch umfassender Weisheit und bar jeglicher

Anhaftung, dass er auch das, was noch gestaltlos ist, im

Geiste zu ermessen vermag. Weit ragt er über alles sinnlich

Erfassbare hinaus, einmalig und unangefochten für alle

Zeiten.

Ihn betrübte in innerer Andacht der Verfall der Wahren

Lehre, und im Nachdenken über dieses Tor zum tiefsten

Mysterium schmerzten ihn die Fehler in der Übertragung

der tiefgründigen Schriften. Er hegte den Wunsch, das

buddhistische Schrifttum eingehend zu untersuchen und

sein Wissen auszuweiten, um die Fehler zu beseitigen und

künftigen Lernenden den wahren Gehalt der Schriften zu

eröffnen.

Daher sehnte er sich so sehr nach dem Reinen Land,

dass er zu einer Reise in den Westen aufbrach. Zahlreichen

Gefahren ausgesetzt, schritt er einsam mit dem Priesterstab

in weite Fernen. Mal kam er frühmorgens im

Schneegestöber vom Weg ab, dann wiederum verwehrten

ihm abends düstere Sandstürme die Sicht. So bahnte er sich

unter endlosen Mühen den Weg durch die weite Welt,

wanderte viele tausend Meilen über Berg und Tal, und seine

Spur setzte sich trotz Hitze und Kälte, Regen und Raureif,

Jahr für Jahr stetig fort. Wichtig war ihm die innere

Aufrichtigkeit, den Anstrengungen aber maß er wenig

Gewicht zu, denn er war entschlossen, sein hohes Ziel zu

erreichen.

Seine Reise durch die Westgebiete dauerte insgesamt

vierzehn Jahre, derweil er viele fremde Länder

durchwanderte und sich nach der Rechten Lehre erkundigte.

Bei der zweistämmigen Pappelfeige und den acht großen

Flüssen Indiens erspürte er, Wind und Wetter ausgesetzt,

den Weg des Dao; im Hirschgarten und auf dem Geiergipfel

erschaute er mit ehrfurchtsvollem Blick außergewöhnliche

Dinge.504

Er empfing die erhabenen Worte der alten Heiligen und

erfuhr von weisen Geistlichen die Wahre Lehre. So drang er

in das wundervolle Mysterium und schöpfte seine Tiefen

aus. In seinem Herzen sind die Fünf Vinayas des Hinayana

vollkommen verinnerlicht, und die Texte des achtteiligen

Dharmakorbes und der drei Schatullen entströmten seinem

Munde gleich den Wogen des Ozeans.505

Indem er zahllose Länder durchreiste, erlangte er eine

große Anzahl Heiliger Schriften. Von den bedeutungsvollen

Mahayana-Schriften, derer es 35 Kategorien gibt, brachte er

5048 Rollen mit, welche nun ins Chinesische übersetzt

werden, um das Große Werk weitum zu verkünden.

Diese Barmherzigkeit aus dem Westen möge sich wie

fruchtbarer Regen über dem Osten ergießen, auf dass die

Heilige Lehre nach anfänglichen Mängeln vollkommen

werde und die Geschöpfe dieser Erde trotz ihrer Sünden

neues Heil erlangen. Es möge die Lehre alle Lebewesen

ihrer Irrungen entheben, wie wenn ein brennendes Haus mit

labendem Wasser benetzt wird, auf dass ihre trüben Wogen

der Begierden zur Klärung finden und alle Lebewesen

wahrhaftig ans andere Ufer gelangen.

Durch den Buddhismus wissen wir, dass ungute Taten ein

schlechtes Karma zur Folge haben, wohingegen heilsame

Taten das Schicksal verbessern. Aufstieg und Fall sind

letztlich vom Menschen selbst verursacht.

Wenn der Kassiabaum im kühlenden Wolkendunst und

labenden Tau der hohen Berge zur Blüte gelangt, oder wenn

beim Lotos im klaren Wasser kein Staubkorn an Blättern

und Blüten haften bleibt, ist dies nicht etwa deshalb, weil

der Lotos von Natur aus rein oder der Kassiabaum an sich

erhaben wäre. Vielmehr rührt es daher, dass der Baum auf

etwas Erhabenem steht, weshalb sich nichts auf ihm

anhäuft, ebenso wie der Lotos im Reinen sprießt, weshalb

ihm nichts Unreines anhaftet.

Eingedenk dessen, dass gar Pflanzen unbewusst

Heilsames mehren und das Gute wirken, um wie viel mehr

müssten erst wir Menschen, die wir das Wissen um die

ethischen Zusammenhänge haben, unser Glück durch das

vollenden, was wahrhaft glücklich macht!

Mögen diese Heiligen Schriften allerorten in Umlauf

gelangen, weithin leuchtend wie Sonne und Mond! Möge

sich ihr Segen ringsum weit verbreiten, ewig und erhaben

wie die Sphären von Himmel und Erde!«

Nachdem alles niedergeschrieben war, ließ er den heiligen Priester zu sich rufen. Tripitaka wartete bereits vor dem Palasttor, um dem Kaiser seinen Dank auszusprechen. Als er zur Audienz geladen wurde, trat er sogleich ein und vollzog die höfischen Grußriten. Kaiser Taizong ließ den Priester in die Thronhalle bitten und überreichte ihm den Text. Nachdem dieser alles durchgelesen hatte, vollzog er zum Zeichen des Dankes einen weiteren Stirnaufschlag und sprach: »Eure Majestät führt einen edlen Stil von archaischer Schlichtheit; das werte Schreiben ist von gehaltvoller Tiefe und großer Sensibilität. Darf ich fragen, wie sein Titel lautet?«

»Wir haben diesen Text über Nacht mündlich vorbereitet, in der Absicht, dem kaiserlichen Bruder hiermit Unseren Dank zu bezeigen«, sprach der Kaiser. »Wie wäre es mit dem Titel ›Vorwort zur Heiligen Lehre‹?«

Der Priester neigte sein Haupt zur Erde und dankte in einem fort. Da fügte Taizong hinzu:

»Es stehen Unsere Fähigkeiten beschämt vor dem

kaiserlichen Jadezepter; Unsere Worte scheuen den

Vergleich mit den Überlieferungen, die in Stein und Metall

verewigt wurden. Was den Kanon der buddhistischen Lehre

angeht, sind Wir noch viel ungebildeter. Das spontan

verfasste Vorwort ist so ungelenk geraten, als wäre eine

goldene Schrifttafel mit Tusche verunreinigt worden, als

läge ein Ziegelscherben in einem Wald voller leuchtender

Perlen. Die Betrachtung dieser Unzulänglichkeiten

beschämt Uns zutiefst. Der Text ist nicht der Erwähnung

wert; man möge sich keinen Dank abringen.«506

Nun spendeten alle Hofbeamten ihr Lob, neigten ihre Häupter vor dem kaiserlichen Schreiben und verkündeten den Text innerhalb und außerhalb des Palastes.

Taizong aber sprach: »Kaiserlicher Bruder, könntet Ihr uns etwas aus den Wahren Schriften rezitieren?«

»Majestät«, erwiderte der Priester, »zum Rezitieren der Wahren Schriften sollte eine buddhistische Stätte gewählt werden. Eure kostbare Thronhalle ist dazu nicht geeignet.«

Erfreut wandte sich Taizong an seine Leibdiener und fragte: »Welcher Tempel in Chang’an ist makellos rein?«

Da trat der Hofgelehrte Xiao Yu aus den Reihen und

vermeldete: »Am reinsten ist das Kloster der Wildganspagode.«

Also befahl Taizong seinen Beamten: »Es nehme jeder andächtig mehrere Rollen der Wahren Schriften und folge uns zum Kloster der Wildganspagode. Dort möge uns der kaiserliche Bruder die Schriften darlegen.«

Die Hofbeamten folgten Kaiser Taizong mit Schriftrollen zum Kloster, wo eine Tribüne errichtet und alles ordentlich vorbereitet wurde. Der Priester wies Bajie und Sandmönch an: »Macht das Drachenpferd und das Gepäck bereit. Pilger soll an meiner Seite bleiben.« Dann wandte er sich zu Taizong und sprach: »Wenn Eure Majestät wünscht, dass die Wahren Schriften überall unter dem Himmel verkündet werden, müssen Abschriften angefertigt werden, bevor sie in Umlauf kommen. Die Originale selbst sollen als Kostbarkeiten verwahrt und mit höchster Ehrerbietung behandelt werden.«

Lächelnd sprach Taizong: »Eure Worte sind äußerst angemessen.« Sogleich schickte er nach der Palastakademie und dem Leiter des Palastsekretariats, um mit dem Kopieren der Wahren Schriften zu beginnen. Außerdem ließ er im Osten der Stadt einen Tempel errichten mit dem Namen »Tempel der Kaiserlichen Abschriften«.

Der Priester aber fasste nun eine der Heiligen Schriften mit beiden Händen und bestieg die Tribüne. Gerade wollte er zu rezitieren beginnen, als plötzlich ein duftender Windstoß heranbrauste und am Himmel die Acht Diamantwächter in wahrer Gestalt erschienen. Sie riefen: »Prediger der Heiligen Schriften! Legt die Schriftenrolle nieder und folgt uns in den Westen!«

Unten aber stiegen Pilger und seine Ordensbrüder mitsamt dem weißen Pferd in die Lüfte empor. Da legte auch der Priester die Heilige Schrift nieder, verneigte sich vor Kaiser Taizong und sprach: »Lebet wohl, Majestät! Euer Untertan geht zu Buddha.«

»Lebet wohl, Majestät! Euer Untertan geht zu Buddha.«

Vom Podest stieg er zum Himmel hoch und schwebte mit den anderen durch die Lüfte. Bestürzt falteten Kaiser Taizong und seine Hofleute die Hände zum Himmel und verneigten sich tief.

Wahrhaftig, so war es:

Der Heilige Priester strebte stets

Unbeirrt den Schriften zu;

Auf der Reise in den Westen

Bracht’ er vierzehn Jahre zu.

Hart war dieser lange Weg,

Der voll Leid und Unheil war;

In Gebirgen und Gewässern

Lauerte gar oft Gefahr.

Zu dem Werk von achtmal Neun

Wird noch eine Neun gezählt;

Und dreitausend gute Taten

Führen in die Tausendwelt.507

Buddhas wundervolle Schriften

Sind ins Kaiserreich gelangt;

Heute noch sind sie im Osten

Weitum ewiglich bekannt.

Nachdem der Kaiser und die Hofleute ihre Verneigungen beendet hatten, wurden hohe Geistliche herbeigerufen, und man veranstaltete im Kloster der Wildganspagode die »Große Zeremonie für die unerlösten Seelen zu Wasser und zu

Lande«. Dazu wurden die Wahren Schriften des buddhistischen Kanons rezitiert, um die Seelen in der finsteren Unterwelt zu erlösen und weitum Segen zu spenden. Wie anschließend Abschriften der Sutren im ganzen Reich verbreitet wurden, sei hier nicht weiter ausgeführt.

Wenden wir uns stattdessen den Acht Diamantwächtern zu, welche den Priester und seine Schüler, mit dem Pferd ein Fünfertrupp, in einem wohlriechenden Windstoß zurück zum Seelenberg trugen. Die Hin- und Rückreise hatte exakt acht Tage gedauert. Als sie ankamen, waren alle Götter des Seelenberges um Buddha versammelt und lauschten seiner Rede. Die Acht Diamantwächter geleiteten Meister und Schüler durch die Menge und sprachen zu Tathagata: »Eure Jünger haben den heiligen Priester auf Euer Goldenes Edikt ins chinesische Kaiserreich geführt, wo die Heiligen Schriften abgegeben wurden. Nun sind wir gekommen, das Goldene Edikt zurückzugeben.«

Nun wurden der Priester und seine Schüler gebeten, vor Buddha zu treten, um ihre Titel entgegenzunehmen.

Tathagata sprach: »Heiliger Priester! In deinem vorigen Leben warst du mein zweiter Jünger, und dein Name lautete Meister Goldzikade. Weil du meinen Reden nicht achtsam gelauscht und die Große Lehre geringgeachtet hast, ist deine Seele verstoßen und zur Wiedergeburt in den Osten geschickt worden. Heute dürfen wir uns darüber freuen, dass du dich von neuem dem Buddhismus zugewandt, die Gebote eingehalten und im Sinne unserer Lehre gelebt hast. Deine Pilgerreise zu den Wahren Schriften ist ein außerordentliches Verdienst, dafür steht dir die Beförderung in einen hohen Stand zu: Deine Rechte Frucht ist die Ernennung zum Tugendreichen Buddha Candana.

Sun Wukong! Weil du einst im Himmelspalast Aufruhr gestiftet hast, habe ich dich mit der Allmacht der Lehre unter

den Berg der Fünf Wandlungsphasen gedrückt. Glücklicherweise hast du dich nach Ablauf der Dauer dieses

himmelsgesandten Unheils der buddhistischen Lehre zugewandt. Besonders erfreulich ist, dass du das Böse in dir bezwingen und das Gute entfalten konntest. So hast du auf dieser Pilgerfahrt mit der Überwindung und Läuterung vieler Dämonen deine Verdienste erlangt und von Anfang bis Ende durchgehalten. Dafür steht dir ein hoher Rang zu: Deine Rechte Frucht ist die Ernennung zum Siegreichen Buddha des Kampfes.

Zhu Wuneng! Ehedem warst du als Marschall Tianpeng ein Wassergott im Himmelsfluss. Weil du aber beim Pfirsichfest in trunkenem Zustand eine unsterbliche Fee belästigtest, wurdest du degradiert und zur Wiedergeburt in die unteren Gefilde verstoßen. Dort bist du in Tiergestalt geboren und hast in der Wolkensteg-Grotte auf dem Fuling-Berg zahlreiche schlimme Taten verübt. Glücklicherweise hast du dich dann der Großen Lehre des Buddhismus zugewandt und dem heiligen Priester auf der Reise schützend beigestanden. Allerdings vermochtest du deinen Eigensinn und deine weltlichen Gelüste nicht abzulegen, doch weil du dir mit Lastentragen Verdienste erworben hast, will ich deinen Rang erhöhen: Deine Rechte Frucht ist die Ernennung zum Apostel der Altarsäuberung.«

»Alle werden Buddhas, nur ich werde bloß ein Apostel«, murrte Bajie.

»Du hast doch mit deinem großen Maul und dem beleibten Körper einen starken Appetit«, sprach Tathagata, »und da es auf den vier Kontinenten unter dem Himmel zahlreiche Menschen gibt, die meine Lehre schätzen, sollst du bei allen buddhistischen Zeremonien auf Erden derjenige sein, der die Opfergaben auf den Altären abträgt. Das ist ein Amt mit hohem Gewinn; was soll daran nicht gut sein?

Sha Wujing! Ehedem warst du der General Gardinenroller. Weil du am Pfirsichfest eine Kristallschale zerbrochen hast, wurdest du in die unteren Gefilde zum Sandfluss verbannt. Dort aber hast du zahlreiche Lebewesen geschädigt, Menschen gefressen und viele Sünden angehäuft. Zum Glück bekanntest du dich schließlich zu meiner Lehre und hieltest deren Gebote ehrlich und achtungsvoll ein. Mit dem Schutzgeleit für den heiligen Priester und mit dem Führen des Pferdes über all die Gebirge hast du dir Verdienste erworben. Darum kommt dir eine Rangerhöhung zu: Deine Rechte Frucht ist die Ernennung zum Goldenen Arhat.«

Nun wandte sich Buddha an das weiße Pferd und sprach: »Einst warst du der Sohn des Drachenkönigs Guangjin aus dem Westlichen Ozean. Mit der Missachtung des väterlichen Befehls hast du die Sünde der Vernachlässigung der

Kindesliebe begangen. Erfreulicherweise bist du der buddhistischen Lehre beigetreten und hast den heiligen Priester in den Westen und die Heiligen Schriften in den Osten

getragen. Das ist ebenfalls ein Verdienst, das mit Rangerhöhung belohnt wird: Deine Rechte Frucht ist die Ernennung zum Himmelsdrachen der Acht Abteilungen.«509

Dankend knieten Meister und Schüler vor Buddha nieder und machten tiefe Stirnaufschläge; auch das Pferd brachte seinen Dank zum Ausdruck. Dann hieß Buddha die Genien, das Pferd zum Teich der Drachenverwandlung zu führen, der hinter einer Felswand am Fuße des Seelenberges lag. Dort wurde das Pferd ins Wasser gestoßen, und sogleich begann es sich zu winden, streifte sein Fell ab und bekam wieder Hörner. Der ganze Leib bedeckte sich über und über mit goldenen Schuppen, und unter dem Kinn sprossen lange silberne Drachenbarten. Alsdann stieg der Drache in herrlicher Pracht mit glückverheißenden Wolken unter den Krallen aus dem Teich und flog zum Eingang des Tempels, wo er sich um die Spitze der kunstvoll verzierten Himmelssäule ringelte. Alle Buddhas priesen die große Macht des Tathagata.

Da wandte sich Pilger an Tripitaka und sprach: »Meister, von nun an bin ich ein Buddha, gleich wie Ihr. Nun werdet Ihr mich doch gewiss nicht länger mit dem Goldreifspruch quälen? Sagt bitte so schnell wie möglich einen Spruch zur Lockerung des Goldreifs, dass er wegkommt und ich ihn zertrümmern kann, damit diese Bodhisattva nicht noch mal jemandem so übel mitspielt!«

»Damals hat sie dich damit in die Schranken gewiesen, weil du so schwer zu bändigen warst«, erwiderte Tripitaka, »jetzt, wo du ein Buddha bist, hat er sich von selbst gelöst. Es gibt doch gar keinen Grund mehr, dass er noch da wäre, fühle selbst!«

Pilger langte mit der Hand an seine Stirn, und tatsächlich, es war nichts mehr da. Nun hatten also alle, Candana-Buddha, der Buddha des Kampfes, der Altarapostel und der Goldene Arhat, die ihnen zustehende Rechte Frucht erhalten, und auch

das himmlische Drachenpferd war in die Wahrheit eingegangen.

Ein Gedicht besagt:

Es fiel ein Wahrer Körper

Einst in den Staub der Welt;

Die Vier Bilder einend,510

Er neu den Weg erfüllt.

So kehren die Fünf Phasen

Wunderbar in Stille ein;

Und Hunderte Dämonen

Sind nur noch leerer Schein!

Die Rechte Frucht Candana

Im Großen Wachsein weilt;

In neuem Rang vollkommen

Vom Staub der Welt befreit.

Die Schriften bringen Segen

Auf Erden weit und breit;

Es thronen die fünf Heiligen

Im Tor zur Nicht-Zweiheit!511

Als die fünf Heiligen alle ihre Rechte Frucht erworben hatten, kehrten die Buddhas, Bodhisattvas, Heiligen, Arhats, Genien, Mönche, Laienbrüder, Nonnen und Laienschwestern sowie die göttlichen Unsterblichen aller Grotten, die Ding- und Jia- Götterkrieger, die Zeitgötter, die Schutzgötter aller Klöster, die Erdgeister sowie alle bereits ins Dao eingegangenen unsterblichen Meister, welche Buddhas Rede gelauscht hatten, an ihre Plätze zurück, falteten die Hände und sprachen in tiefer Andacht:

»Ehre sei Dipamkara, dem Uralten Buddha mit der Leuchte!

Ehre sei Bhaisajyaguru, Medizinbuddha in kristallenem

Licht!

Ehre sei Shakyamuni Buddha!

Ehre sei den Buddhas der Vergangenheit, der Gegenwart

und der Zukunft!

Ehre sei dem Freudvollen Buddha der Reinheit!

Ehre sei Vairocana Buddha!

Ehre sei Ratnadhvaja, Königsbuddha des Kostbaren

Banners!

Ehre sei Maitreya Buddha!

Ehre sei Amithaba, Buddha des Unendlichen Lebens!

Ehre sei dem Empfangsbuddha, der zur Wahrheit führt!

Ehre sei Vajragarbha, Buddha der Diamantenen

Unzerstörbarkeit!

Ehre sei Ratnaprabhasambhava, Buddha des Kostbaren

Lichts!

Ehre sei Nagaraja, Königsbuddha des Erhabenen Drachens!

Ehre sei Shrinanda, Freudvoller Buddha Fortschreitender

Reife!

Ehre sei Ratnachandra, Buddha des Kostbaren Mondlichts!

Ehre sei Amoghadasrin, Buddha des Daseins ohne Torheit!

Ehre sei Varuna Buddha!

Ehre sei Narayana Buddha!

Ehre sei Kusumashri, Buddha der Blüten der Tugend!

Ehre sei Dhanshri, Tugendreicher Buddha der Talente!

Ehre sei Vikrantagamishri, Buddha des Guten Wandelns!

Ehre sei dem Leuchtenden Buddha Candana!

Ehre sei dem Buddha des Perlenbanners!

Ehre sei dem Strahlenden Buddha mit der Fackel der

Weisheit!

Ehre sei dem Klaren Buddha Ozeangleicher Tugend!

Ehre sei dem Leuchtenden Buddha Großer Barmherzigkeit!

Ehre sei dem Königsbuddha der Kraft der Barmherzigkeit!

Ehre sei dem Höchsten Buddha der Gütigen!

Ehre sei dem Buddha der Weiten Erhabenheit!

Ehre sei dem Leuchtenden Buddha der Goldenen Blüte!

Ehre sei dem Klaren Buddha der Lichts der Talente!

Ehre sei dem Siegreichen Buddha der Weisheit!

Ehre sei dem Leuchtenden Buddha der Weltenruhe!

Ehre sei dem Leuchtenden Buddha von Sonne und Mond!

Ehre sei dem Leuchtenden Buddha der Sonnen- und

Mondperlen!

Ehre sei dem Siegreichen Königsbuddha des

Weisheitsbanners!

Ehre sei dem Buddha der Wundervollen Klänge!

Ehre sei dem Buddha des Banners des Ewigen Lichtes!

Ehre sei dem Buddha, der die Leuchten der Welt betrachtet!

Ehre sei dem Königsbuddha des Siegreichen Dharma!

Ehre sei dem Leuchtenden Buddha des Sumeru!

Ehre sei dem Königsbuddha der Großen Weisheitskraft!

Ehre sei dem Leuchtenden Buddha des Goldenen Ozeans!

Ehre sei dem Leuchtenden Buddha des Großen

Durchdringens!

Ehre sei dem Leuchtenden Buddha der Talente!

Ehre sei dem Tugendreichen Buddha Candana!

Ehre sei dem Siegreichen Buddha des Kampfes!

Ehre sei Bodhisattva Avalokiteshvara!

Ehre sei Bodhisattva Mahasthama!

Ehre sei Bodhisattva Manjushri!

Ehre sei Bodhisattva Samantabhadra!

Ehre sei allen Bodhisattvas im Großen Ozean der Reinen

Stille!

Ehre sei allen Buddhas und Bodhisattvas der Großen

Versammlung am Lotosteich!

Ehre sei allen Bodhisattvas im Paradies des Westhimmels!

Ehre sei den großen Bodhisattvas der dreitausend Genien!

Ehre sei den großen Bodhisattvas der fünfhundert Arhats!

Ehre sei den Bodhisattvas aller Mönche, Nonnen,

Laienbrüder und Laienschwestern!

Ehre sei den Bodhisattvas des unermesslichen Dharmas!

Ehre sei den Heiligen Bodhisattvas der Diamantwächter!

Ehre sei dem Bodhisattva Apostel der Altarsäuberung!

Ehre sei dem Bodhisattva Goldener Arhat der Acht Schätze!

Ehre sei dem Bodhisattva Kraftvoller Himmelsdrache der

Acht Abteilungen!

Und ebenso jeglichen Buddhas aller Welten!

Möge dies vollbrachte Werk

Buddhas Reine Erde preisen;

Die Vierfache Gnade lohnen,

Aus Drei Leidenspfaden weisen!

Jeder, der all dies vernommen,

Möge nach Erlösung streben,

Im Reich der Glückseligkeit

Zu vergelten dieses Leben!

Allen Buddhas aller Gegenden und aller Zeiten, allen erhabenen Bodhisattvas und Mahasattvas:

MAHAPRAJNAPARAMITA

mit vollendeter Weisheit ans andere Ufer!«