Accueil > Die Reise nach Westen > Kapitel11

011 Durch die Hölle reisend findet Taizong seine Seele wieder / Bote Liu Quan wird beim Kürbisliefern neu vermählt

Berichten wir nun, wie Kaiser Taizongs Seele in nebelhaftem Zustand dem Palasttor mit den Fünf Phönixdächern entgegenschwebte. Dort gewahrte er, dass gerade die Palastgarde den Herrscher zur Jagd lud. Freudig folgte ihnen Taizong. Sie waren schon eine Zeitlang ausmarschiert, als Reiter und Rosse auf einmal verschwunden waren und Taizong gewahr wurde, dass er einsam und verlassen auf einer öden Steppe einherging. Mit Schrecken wurde ihm bewusst, dass er den Weg gar nicht kannte. Da vernahm er weiter vorn eine laute Stimme, die rief: »Kaiser der Großen Tang- Dynastie! Kommt hierher!«

Taizong sah auf und erblickte einen Mann mit schwarzer Beamtenkappe, der in einer Robe aus feiner Seide mit einem Gürtel aus Nashornleder am Wegrand kniete und ein elfenbeinernes Täfelchen vor sich in die Höhe hielt.

»Erlauchte Majestät!« rief er, »vergebt Eurem Untertan die sträfliche Nachlässigkeit, Euch nicht gebührend empfangen zu haben!«

Der Kaiser ging näher und fragte: »Wer seid Ihr?«

»Geringer Untertan diente zu Lebzeiten in der Regierung Eures seligen Vaters als Präfektvorsteher von Cizhou und wurde später zum Vizeminister des Ritenministeriums ernannt. Cui ist mein Name, Jue mein Vorname. Jetzt amtiere ich in der Unterwelt als Richter und Aktenverwalter der Totenstadt Fengdu. Aufgrund der Sache mit dem sündigen Drachen vom Jingfluss habe ich bereits erfahren, dass Eure Majestät heute eintreffen würde. Darum bin ich eigens gekommen, Euch zu empfangen. Bitte verzeiht die sträfliche Verspätung!«

Überglücklich hielt Taizong dem Richter die kaiserliche Hand zum Aufstehen hin und sprach: »Dank sei Euch für Eure Mühen, mein Herr! Unser Kanzler Wei Zheng hat mir für Euch einen Brief mitgegeben, das trifft sich ja bestens.« Er langte das Schriftstück aus dem Ärmel und überreichte es Cui Jue. Dieser brach das Siegel auf und las:

»Respektvoll grüßt unwürdiger Bruder Wei Zheng mit

gesenktem Haupte seinen erhabenen Schwurbruder Cui

vom Gericht der großen Hauptstadt:

In Erinnerung an unser vormaliges Zusammensein, sehe

ich Euch noch immer lebhaft vor mir. Im Nu sind Jahre

verstrichen, während derer ich Eurer erhellenden Belehrung

entbehren musste. Allein dadurch, dass Ihr mir wiederholt

beratend im Traume zu erscheinen geruhtet, durfte ich von

Eurer Beförderung erfahren. Ach, dass die Sphären von Yin

und Yang getrennt sein müssen und wir uns nicht treffen

können!

Da sich unser Herrscher heute überraschend ins Jenseits

begeben muss, nehme ich an, dass er dort vor Gericht treten

und Euch begegnen wird. Inständig bitte ich, dass Ihr

unserer Freundschaft eingedenk Euch für die Rückkehr des

Herrschers ins Diesseits einsetzen könnt. Es wäre dies eine

außerordentliche Gefälligkeit. Erlaubt mir, mich in einem

späteren Schreiben zu bedanken.«

Als der Richter den Brief zu Ende gelesen hatte, freute er sich sehr und sprach: »Dass der irdische Kanzler Wei neulich im Traume den alten Drachen erschlug, habe ich bereits erfahren. Überdies bin ich ihm äußerst dankbar, dass er sich Tag für Tag um meine Kinder und Kindeskinder kümmert. Möge Eure Majestät unbesorgt bleiben! Da Ihr diesen Brief mitbringt, werde ich dafür sorgen, dass Ihr in die lichte Yang-Sphäre zurückkehren und den Thron wieder besteigen werdet.« Der Kaiser sprach ihm seinen Dank aus.

Während ihrer Unterhaltung hatten sich zwei weißgekleidete Knaben mit Standarten und Baldachin genähert und riefen nun: »König Yama lässt vorladen!«

Also machte sich Taizong mit Richter Cui und den Knaben auf den Weg. Bald erblickte er ein Stadttor, über dem ein großes Schild angebracht war, auf dem sieben goldene Schriftzeichen prangten: » 幽冥地府鬼門關 – Geistertor zur Unterwelt«. Die weißgekleideten Knaben schwenkten ihre Standarten und geleiteten Taizong in die Stadt hinein. Wie sie nun weitergingen, tauchten am Straßenrand plötzlich Taizongs Vater Li Yuan und seine Brüder Jiancheng und Yuanji110 auf und riefen: »Shimin ist da! Shimin ist da!«

Schon stürmten Jiancheng und Yuanji auf Taizong zu, zerrten ihn zu sich, schlugen auf ihn ein und forderten ihr Leben zurück. Taizong konnte sich ihnen nicht entziehen und wurde festgehalten, bis zu seinem großen Glück Richter Cui die beiden zurückrief, so dass er endlich loskam. Nach einigen Wegmeilen erreichten sie ein hohes Gebäude mit grün-blau glasierten Ziegeldächern. Es war ein wahrhaft prächtiger Palast.

Noch ganz in den Anblick vertieft, vernahm Taizong auf einmal das Klingeln und Bimmeln von Jadegehänge, göttliche Düfte erfüllten die Luft, und hinter zwei Fackelträgern schritten nun die Zehn Höllenkönige die Palaststufen herunter und begrüßten Taizong mit einer Verbeugung. Aus höflicher Bescheidenheit wagte Taizong nicht vorzutreten.

»Majestät«, sprachen die Zehn Könige, »Ihr seid der Kaiser der Menschen in der lichten Sphäre von Yang, wir sind die Könige der Geister in den finsteren Gründen von Yin. Von Natur aus sind unsere Bereiche getrennt; wozu übertriebene Bescheidenheit?«

»Ich habe mich bei Eurer Exzellenz versündigt, wie könnte ich es wagen, als Gleichgestellter vor Euch zu treten?« antwortete Taizong und zierte sich noch lange, ehe er vortrat und sich in die Senluo-Halle begab. Nach der zeremoniellen Begrüßung vor den Zehn Königen setzte man sich gemäß der Sitzordnung für Gast und Gastgeber nieder.

Es ging nicht lange, da legte König Guang von Qin die Hände gewölbt vor die Brust und kam zur Sache: »Der Drache vom Jingfluss hatte von Eurer Majestät das Versprechen erhalten, gerettet zu werden, dennoch wurde er getötet. Was ist der Grund?«

Taizong antwortete: »Mir träumte einst, dass dieser Drache mich um Hilfe anflehte, und in der Tat habe ich ihm im Traum versprochen, dass er unversehrt bleiben würde. Wider Erwarten aber hatte er ein Verbrechen begangen, dessen Bestrafung er sich nicht entziehen konnte, weshalb er von meinem irdischen Richter Wei Zheng enthauptet werden sollte. Als ich Wei Zheng in den Palast kommen ließ und ihn zum Schachspiel bei mir behielt, war es mir nicht bewusst, dass er die Enthauptung im Traum vollziehen könnte. Dass dies geschehen konnte, lag an den transzendentalen Fähigkeiten meines irdischen Untergebenen und auch daran, dass der Drache seines Verbrechens wegen tatsächlich den Tod verdient hatte. Das kann doch nicht mir als Fehler angelastet werden!«

Auf diese Worte entschuldigten sich die Zehn Höllenkönige, verneigten sich und sprachen: »Schon bevor dieser Drache geboren wurde, war im Totenbuch des Südgestirns verzeichnet, dass er durch die Hand eines irdischen Beamten enden werde. Dies war uns schon lange bekannt. Allein weil er hier nach Recht heischte und unter allen Umständen verlangte, dass Eure Majestät sich vor unserem Gericht verantworte, haben wir ihn schließlich in die Hölle des Rades der Wiedergeburten geschickt und zur Inkarnation freigegeben. Heute, da Ihr Euch die Mühe genommen habt, zu uns herniederzusteigen, bitten wir Eure Majestät, uns gnädig zu verzeihen, dass wir Euch zum Kommen nötigen mussten.«

Nun hießen sie den für das Buch von Leben und Tod zuständigen Richter, zu überprüfen, wie lange dem Kaiser noch zu leben vergönnt sei. Richter Cui eilte in seine Amtsstube, wo er im Gesamtverzeichnis der Lebensdaten der Herrscher aller Länder Seite für Seite umschlug, bis er auf den Vermerk stieß: »Kaiser Taizong der Großen Tang-Dynastie auf dem südlichen Kontinent Jambudvipa«. Das dreizehnte Jahr der Ära Zhen’guan war als Todesjahr vermerkt. Richter Cui erschrak, langte schnell nach einem Pinsel und fügte über dem Querstrich für »eins« zwei Striche hinzu. Dann brachte er das Verzeichnis den Zehn Königen. Diese blätterten von neuem und sahen schließlich unter dem Namen Taizongs das dreiunddreißigste Jahr der Ära Zhenguan als Todesjahr vermerkt.111

Besorgt fragte König Yama: »Wie viele Jahre regiert Ihr bereits?«

»Zur Zeit sind wir im dreizehnten Jahr.«

»Dann brauchen Eure Majestät sich nicht zu sorgen«, meinte König Yama, »Euch stehen noch zwanzig Lebensjahre bevor. Damit ist auch der Gerichtsfall geklärt. Ihr könnt in die Sphäre der Lebenden zurückkehren.«

Taizong dankte mit einer Verbeugung. Die Zehn Könige beauftragten Richter Cui und Marschall Zhu, den Kaiser zur Seelenrückgabe zu begleiten. Als Taizong den Senluo-Palast verließ, erhob er zum Abschied die Hände und fragte die Zehn Höllenkönige: »Wie steht es um das Wohlergehen meiner Nächsten?«

»Alle sind wohlauf«, bekam er zur Antwort. »Einzig Eure werte Schwester könnte in naher Zukunft verscheiden.«

Abermals neigte sich Taizong zum Dank und sprach: »Wenn ich wieder in der lichten Yang-Welt bin, habe ich ja gar nichts, womit ich mich bei Euch erkenntlich zeigen könnte, es sei denn mit Obst oder Gemüse.«

Erfreut sprachen die Zehn Könige: »Wir haben hier zwar Wintermelonen aus dem Osten und Wassermelonen aus dem Westen, doch fehlen uns noch die Kürbisse aus dem Süden.«112

»Ich werde Euch welche bringen lassen, sobald ich zurück bin«, versprach Taizong. Nun wölbten alle die Hände vor der Brust und verabschiedeten sich. Mit einem Seelenbanner in der Hand wies der Marschall den Weg, und Richter Cui ging hinter Taizong her, um ihn zu schützen. So verließen sie den Palast der Unterwelt. Taizong blickte um sich und stellte fest, dass sie einen anderen Weg nahmen, als er gekommen war. Besorgt wandte er sich an Richter Cui und fragte: »Ist das nicht ein falscher Weg?«

»Nein«, sprach dieser, »in der Unterwelt verhält es sich so, dass es nur einen Weg hinein und keinen hinaus gibt. Wir werden Eure Majestät durch den Wiedergeburtsspeicher zurückführen. So erhaltet Ihr einerseits einen Einblick in die Unterwelt, und zum andern könnt Ihr von dort aus zur Reinkarnation aufsteigen.«

Taizong hatte keine andere Wahl, als den beiden zu folgen. Nach mehreren Wegmeilen gelangten sie an einen hohen, von düsteren Wolken umhangenen Berg, über dem schwarze Nebelmassen wogten.

»Was ist das für ein Berg, Herr Cui?« erkundigte sich Taizong.

»Das ist der Yinshan, der Finstere Berg der Unterwelt.«

»Wie komme ich denn da wieder weg?« fragte Taizong entsetzt.

»Seid unbesorgt, Majestät, wir führen Euch.«

Zitternd vor Angst ging er im Gefolge seiner Führer am Yinshan vorbei. Auf dem weiteren Weg kamen sie an mehreren Amtsgebäuden vorbei, aus denen ohrenbetäubende Schreie drangen und fürchterliche Ungeheuer auftauchten.

»Was ist das für ein Ort?« fragte Taizong.

»Das sind die Achtzehn Höllen hinter dem Yinshan«, erklärte der Richter.

»Welches sind denn die Achtzehn Höllen?«

Der Richter sprach: »Merkt Euch gut, was ich Euch sage:

In der Hölle des Sehnenzerrens,

In der Hölle des finstren Unrechts,

In der Hölle der Feuergruben

Sind all jene, die im Leben tausend Frevel taten

Und nach ihrem Tode hier zur Buße antreten.

In der Hölle von Fengdu,

In der Hölle des Zungenzerrens,

In der Hölle des Hautabschälens

Sind all jene, welche Kindespflicht und Treue brachen

Und mit Schlangenherzen fromme Worte sprachen.

In der Hölle des Zermalmens,

In der Hölle des Zerstampfens,

In der Hölle des Zerreißens

Sind die Heuchler, Selbstbetrüger, Ungerechten,

die andere mit süßen Zungen heimlich ächten.

In der Hölle der Eiseskälte,

In der Hölle der Häutung,

In der Hölle des Darmauszerrens

Sind jene, welche Maße und Gewichte fälschen,

Bis ihre Freveltaten sie dann selbst zerfleischen.

In der Hölle der Ölkessel,

In der Hölle der Finsternis,

In der Hölle der Messerberge

Schmachten jene, welche Freundlichen Gewalt antaten,

Und nun gebeugten Haupts in Schrecken darben.

In der Hölle der Blutteiche,

In der Hölle des endlosen Leids,

In der Hölle der Waagestangen

Sind die Listenreichen, die aus Geldgier morden

Oder Tiere schlachten und nun Sünden bürden.

Hierhin sinken tausend Jahre

Jene, die nie gerettet werden;

Ewig schmachten sie im Abgrund,

Kommen nimmermehr auf Erden.

Wenn sie auch zum Himmel beten,

Wird ihr Flehen nicht erhört,

Und mit gramverzerrten Mienen

Leiden sie die bittere Not.

So ist es in der Tat:

Nie soll man im Leben

Sein eigen Herz betrügen;

Die Götter sehen klar,

Wen würden sie freigeben?

Gut und Böse wird am Ende

Abgegolten jedem Täter,

Ungewiss ist nur die Stunde,

Diesem früher, jenem später!«

Taizong hatte die Schilderung mit wachsendem Grauen angehört. Sie waren noch nicht lange vorangeschritten, als sie mehrere Geisterkrieger bemerkten, die mit Standarten am Wegrand knieten und riefen: »Die Brückenboten stehen zu Diensten!«

Der Richter befahl ihnen abzutreten und ging selbst voran, um Taizong über eine goldene Brücke zu geleiten. Nebenan gewahrte Taizong eine silberne Brücke, auf der einige tugendhafte Seelen von aufrichtigen Menschen mit Sinn für Fürstentreue, Kindesliebe und Gerechtigkeit wandelten. Auch sie wurden mit Standarten empfangen und begleitet. Zur anderen Seite war eine weitere Brücke, über der ein eisiger Wind tobte, während darunter Wogen von Blut dahinströmten, aus denen es dröhnte von endlosem Heulen und Klagen.

»Was ist der Name jener Brücke?« fragte Taizong.

»Majestät, das ist die Naihe-Brücke, die ›Brücke ohne Ausweg‹. Sobald Ihr wieder in der Welt der Lebenden seid, müsst Ihr unbedingt darüber Zeugnis ablegen!« Die Brücke war mehrere Meilen lang, aber nur drei Spannen breit und hundert Fuß hoch, und der Abgrund darunter war noch tausendmal tiefer. Sie hatte kein Geländer, und von unten sprangen grimmige Bestien hoch, welche die Seelen mit sich rissen. Seht nur:

Wie grimmig an der Brücke die Götterwächter stehen!

Wie schaurig in den Fluten sich Sünderseelen quälen!

Kupferschlangen, Eisenhunden sind sie zum Verzehr;

Wer einmal hier hineinfällt, hat keinen Ausweg mehr!

Ein Gedicht besagt:

Man hört die Geister heulen,

Ringsum die Götter klagen,

Wo zehntausend Klafter hoch

Des Blutes Fluten wogen.

Die mit Rinds-, Pferdeköpfen

Von der grimmigsten Statur;

An der Brücke ohne Ausweg

Wachen sie in großer Schar.

Inzwischen hatten sich die Brückenboten längst entfernt. Von Angst und Grauen gepackt, folgte Kaiser Taizong dem Richter und dem Marschall über den schrecklichen Naihe-Fluss, diese blutige Stätte der Bitternis. Vor ihnen lag nun die Stadt der zu Unrecht Verstorbenen. Lautes Stimmengewirr erscholl bei ihrer Ankunft, und man konnte deutlich die Worte hören: »Li Shimin ist da, Li Shimin ist da!«

In nacktem Entsetzen gewahrte Taizong, wie sich von dort eine Schar Geistergestalten herandrängte, die mit geknickten Rücken, gebrochenen Armen oder gar ohne Kopf auf ihn zukamen und schrien: »Gib uns das Leben zurück! Gib uns das Leben zurück!«

Taizong konnte sich ihrer nicht erwehren und schrie verzweifelt: »Hilfe, rettet mich, Richter Cui!«

»Majestät«, sprach dieser, »es sind dies die Seelen der Menschen, die auf all Euren vielen Schlachtfeldern gestorben

sind, oder der zahlreichen von Euch umgebrachten Aufständischen. Sie alle sind durch Unrecht zu Tode gekommen, es sind Seelen, um die sich niemand kümmert, daher können sie nicht zur Wiedergeburt aufsteigen und haben weder Geld noch Reiseverpflegung. Ich kann Eure Majestät nur retten, wenn Ihr ihnen Geld gebt.«

»Aber ich bin mit leeren Händen gekommen, woher soll ich Geld nehmen?«

»In der Welt der Lebenden, Majestät, lebt ein Mensch, der bei uns in der Unterwelt Gold und Silber angelegt hat. Ihr mögt auf Euren Namen einen Schuldschein ausstellen; ich geringer Richter werde Euch als Bürge dienen. Auf diese Weise könnt Ihr vorübergehend einen seiner Speicher ausleihen und das Geld an diese hungrigen Geister verteilen. Dies ist der einzige Weg, wie Ihr hier fortkommt.«

»Wer ist es denn?«

»Es ist ein Bürger von Kaifeng mit Namen Xiang Liang. Er besitzt hier dreizehn Schatzkammern voller Gold und Silber. Wenn Ihr hier etwas von ihm ausleiht, braucht Ihr es nur in der Welt der Lebenden zurückzuzahlen.«

Taizong war erleichtert, nur zu gern wollte er auf seinen Namen eine Anleihe machen. So schrieb er einen Schuldschein für eine Schatzkammer voller Gold und Silber, überreichte ihn dem Richter und hieß den Marschall, die Geister zu vertreiben. Richter Cui befahl ihnen: »Teilt diese Reichtümer für eure Erlösung gleichmäßig unter euch auf und lasst den werten Herrn des Großen Kaiserreichs weitergehen; seine Lebenszeit ist noch lange nicht um. Ich werde ihn beauftragen, in der Welt der Lebenden eine große Zeremonie für die unerlösten Seelen zu Wasser und zu Lande abzuhalten, damit ihr die Erlösung findet. Und nun lasst ihn in Ruhe.«

Die Geister nahmen den Gold- und Silbersegen und zogen unter Dankesgemurmel ab. Nun hieß der Richter den Marschall, das Seelenbanner zu schwenken, und führte Taizong aus der Stadt der zu Unrecht Verstorbenen hinaus, einer breiten, ebenen Straße entgegen.

Lange hatten sie sich gleichsam schwebend voranbewegt, bis sie schließlich zum Ort der »Sechs Pfade der Wiedergeburt« kamen. Hier sah man auf Wolken schwebende Gestalten in regenbogenfarbenen Umhängen, Ordensträger mit vergoldeten Fisch-Anhängern am Gürtel, Mönche und Nonnen, Laienbrüder und Laienschwestern buddhistischer oder daoistischer Glaubensrichtung, Säugetiere und Geflügel, Geister und Unholde, Kobolde und Trolle, die sich alle in

endlosen Strömen auf das Rad der Wiedergeburten hinbewegten, um den für sie bestimmten Pfad einzuschlagen.

»Was hat dies zu bedeuten?« fragte der Kaiser.

»Majestät, hier erschaut Ihr das Herz und das wahre Wesen. Prägt Euch dies ein und verkündet es den Menschen in der Welt der Lebenden! Das hier wird der Sechsfache Pfad der Wiedergeburten genannt: Diejenigen, die im Leben Wohltaten vollbrachten, werden in den Pfad der Unsterblichkeit erhoben; diejenigen, die ihre Loyalität erwiesen haben, steigen in den Pfad der Adligen auf, die Pietätvollen werden im Pfad des Glücks wiedergeboren, die Gerechten werden von neuem den Pfad der Menschen betreten, die Tugendhaften werden den Pfad des Reichtums begehen, die Boshaften aber werden auf den Pfad der Geister sinken.«

Auf diese Worte nickte Taizong und sprach seufzend:

»Gut ist es, o wunderbar

Wohltat uns vor Leid bewahr’;

Leugne die Vergeltung nie,

Götter kümmern sich um sie!«

Der Richter führte Taizong bis vor das Tor zum Pfad der Adligen, wo er sich verbeugte und rief: »Majestät! Hier ist der Ausgang, ich muss mich verabschieden. Marschall Zhu wird Euch noch ein Stück begleiten.«

»Habt Dank, mein Herr, für Euer Geleit!« sprach Taizong, und der Richter schärfte ihm ein: »Vergesst auf keinen Fall, in der Welt der Lebenden eine ›Große Zeremonie für die unerlösten Seelen zu Wasser und zu Lande‹ zu veranstalten, damit diese verwahrlosten unschuldigen Seelen erlöst werden können. Nur wenn die Welt der Finsternis frei ist von Groll und Hass, wird es den Menschen in der Welt des Lichts vergönnt sein, in Frieden zu leben. Alles, was nicht zum Guten steht, kann Schritt für Schritt verbessert werden. Bewegt alle Menschen auf Erden dazu, Gutes zu tun, dann ist Euch reicher Nachwuchs und ein immerwährendes Imperium sicher.«

»Habt Dank, mein Herr, für Euer Geleit!« sprach Kaiser Taizong.

Der Kaiser hatte sich das Gehörte Wort für Wort eingeprägt. Nun verabschiedete er sich von Richter Cui und folgte Marschall Wei zum Tor. Als der Marschall sah, dass unter dem Torbogen ein gesattelter und gezäumter Falben mit schwarzer Mähne bereitstand, bat er den Kaiser sogleich aufzusitzen, worauf das Pferd pfeilschnell davongaloppierte und binnen kurzem ans Ufer des Flusses Wei gelangte. Im Wasser waren zwei goldene Karpfen zu sehen, die in spielerischem Kampf durch die Wellen spritzten. Wie gebannt von diesem Anblick brachte der Kaiser sein Pferd zum Stehen und schaute nur noch den Fischen zu, während der Marschall ihm zurief: »Eilt, Majestät, Ihr müsst rechtzeitig durch das Stadttor kommen!« Doch der Kaiser konnte sich nicht von ihrem Treiben losreißen. Schließlich packte ihn der Marschall am Fuß und schrie: »Los, worauf wartet Ihr noch!« Er stieß den Kaiser vom Sattel, so dass dieser mit einem lauten Platschen im Fluss landete. Auf diese Weise verließ Taizong das Jenseits und kehrte zurück in die Welt des Lichts.

Doch berichten wir nun, wie sich am Hof der Tang- Dynastie alle zivilen und militärischen Hofbeamten um den Kronprinzen, die Kaiserin, die Konkubinen und die Palastdamen kümmerten, welche in der Halle des Weißen

Tigers Trauerklage hielten. Gleichzeitig wurden die Bekanntmachung des Todesfalles und die Einsetzung des Kronprinzen besprochen. Da rief Wei Zheng, der dabeistand: »Langsam, meine Herrschaften! Lasst uns noch einen Tag zuwarten, unser Kaiser wird seine Seele wiedererhalten.«

Da trat Xu Jingzong aus den unteren Reihen vor und sprach: »Was Kanzler Wei hier sagt, ist absurd. Seit ältester Zeit heißt es doch: ›Vergossenes Wasser lässt sich nicht

auffangen, Verstorbene lassen sich nicht ins Leben zurückrufen.‹ Warum erzählt Ihr solchen Unsinn?«

»Ich will Euch nicht verhehlen, werter Herr Xu, dass ich von Kindsbeinen an in den daoistischen Künsten bewandert bin und sehr präzise Voraussagen machen kann. Ich garantiere Euch, dass unser Herrscher nicht gestorben ist.«

Seine Worte waren noch nicht verklungen, als man plötzlich aus dem Sarg die Rufe vernahm: »Ich ertrinke! Ich ertrinke!«

Sämtliche Hofbeamten waren starr vor Entsetzen; Kaiserin und Konkubinen zitterten vor Angst. Wer hätte da gewagt, sich dem Sarg zu nähern! Dank sei dem aufrechten Xu Maogong, dem scharfsinnigen Kanzler Wei, dem furchtlosen Qin Shubao und dem kühnen Jingde! Sie traten vor, berührten den Sarg und riefen: »Majestät! Sagt uns, wenn Euch etwas auf dem Herzen liegt. Doch verschont uns und Eure Verwandten mit Spuk!«

»Es ist kein Spuk«, wandte Wei Zheng ein. »Unser Kaiser hat seine Seele wiedererhalten. Schnell, bringt Werkzeuge!«

Der Sarg wurde geöffnet. Tatsächlich saß Taizong darin und rief noch immer: »Ich ertrinke! Wer hilft mir denn?«

Maogong und die anderen stützten ihn und sprachen ihm zu: »Erwacht, Majestät, fürchtet Euch nicht! Eure Untertanen wachen bei Euch.«

Da schlug der Kaiser die Augen auf und sprach: »Bitter ist es mir ergangen: Kaum bin ich den bösen Geistern entkommen, musste ich im Wasser ertrinken!«

»Wie denn, Majestät?« fragten die Hofbeamten.

»Ich bin gerade zum Fluss Wei geritten, wo ich zwei Fische spielen sah. Da hat mich Marschall Zhu hinterhältig in den Fluss gestoßen, dass ich beinahe ertrunken wäre.«

»Seine Majestät hat sich von der Geisterwelt noch nicht vollständig abgelöst«, sagte Wei Zheng. Eilends beauftragte er

die Palastakademie für Medizin, einen beruhigenden Kräutertrank zu bringen, und ließ Reissuppe mit etwas Fleisch zubereiten. Nachdem Taizong einige Schalen eingenommen hatte, fand er wieder zu sich und wurde sich der Menschenwelt bewusst. Drei Tage und drei Nächte waren vergangen, seit er gestorben war, und nun kehrte er von neuem als Herrscher ins Diesseits zurück! Bald wurde es Abend, die Minister baten den Kaiser in sein Schlafgemach und traten dann ab. Am folgenden Morgen legten alle die Trauerkleidung ab und kleideten sich in festlich bunte Gewänder. In roten Amtsroben und schwarzer Kappe, mit purpurnen Quasten und goldenen Insignien harrten alle vor dem Palasttor des kaiserlichen Befehls.

Kaiser Taizong aber erhob sich nach einem tiefen, erquickenden Schlaf erst bei Tagesanbruch und begab sich alsbald in würdevoller Haltung zur Audienzhalle. Dort versammelte er alle zivilen und militärischen Hofbeamten, welche nach dem zeremoniellen Stirnaufschlag mit dem dreimaligen Ruf: »Lang lebe der Kaiser!« der Rangordnung nach ihre Plätze einnahmen. Dann ließ der Kaiser verkünden: »Wer eine Meldung hat, möge vortreten; die Übrigen können abtreten.«

Da traten vom Ostflügel Xu Shiji und Wei Zheng vor, vom Westflügel Yin Kaishan und Hu Jingde, schritten gemeinsam vor den Thron, vollzogen einen Stirnaufschlag und fragten: »Majestät, wie kam es, dass Ihr aus Eurem Traume erst nach so langer Zeit erwacht seid?«

Taizong schilderte ausführlich, was sich in der Unterwelt zugetragen hatte, und fügte hinzu: »Beim Abschied von den Zehn Königen habe ich versprochen, ihnen zum Dank Kürbisse zu bringen. Nachdem wir den Senluo-Palast verlassen hatten, sah ich außerdem zahllose Untreue und Lieblose, all die Lasterhaften und Ungerechten, die Verschwender von Nahrungsmitteln, die Heuchler und Betrüger, die Falschmünzer, Vergewaltiger, Räuber, Erpresser, Gauner, Lüsternen und Schwindler, die in der Unterwelt unter Qualen zermalmt, verbrannt, gemartert und zerrieben oder mit Brand, Erhängen oder Häutung bestraft werden. Es sind deren Tausende und Abertausende, mehr als man zu sehen vermag. Weiter bin ich in die Stadt der zu Unrecht Verstorbenen gekommen, wo mir unzählige Geister den Weg versperrt haben. Zum Glück stand mir Richter Cui als Bürge bei, so dass ich schließlich von einem Herrn Xiang aus der Provinz Henan eine Schatzkammer voll Gold und Silber borgen und an die Geister verteilen konnte, damit sie mir endlich den Weg freigaben. Richter Cui hat mich beauftragt, für diese einsamen Seelen eine Erlösungszeremonie zu veranstalten, sobald ich zurück im Diesseits bin.«

Nachdem die Minister all dies vernommen hatten, sprach ein jeder dem Kaiser seinen Glückwunsch aus. Wie anschließend eine Bekanntmachung im ganzen Reiche verbreitet wurde und jeder Hofbeamte eine festliche Denkschrift einreichte, sei hier nicht weiter ausgeführt.

Erzählen wir stattdessen, wie Taizong ein Edikt erließ, in dem er kundtat, alle Häftlinge im ganzen Reich zu amnestieren. Gemäß Untersuchungen befanden sich über vierhundert Schwerverbrecher und zur Erhängung oder Enthauptung verurteilte Gefangene in den Palastkerkern. Taizong ließ alle zu ihren Familien zurückkehren, um sich von Eltern und Geschwistern verabschieden zu können, bevor sie ein Jahr danach vor Gericht zu erscheinen hatten, um ihre

verdiente Strafe entgegenzunehmen. Die Gefangenen bedankten sich für die Gnade und entfernten sich. Des Weiteren erließ er ein Dekret zur Unterstützung der Verwaisten

und ließ 3600 Palastdamen zur Vermählung mit Armeemitgliedern erwählen. Von da an war alles in und um den Kaiserhof zum Besten bestellt. Schließlich verfasste Taizong eine weitere Bekanntmachung zur Aushängung im ganzen Reich. Der Text lautete:

»Erhaben sind Qian, der Himmel, und Kun, die Erde!

Spiegelklar sind sie von Sonne und Mond erleuchtet.

Endlos weit und groß ist unser Kosmos! Himmel und Erde

dulden keine Frevler.

Wer hinterhältig und verschlagen handelt, den trifft

Vergeltung noch in diesem Leben. Wer aber gebefreudig

und bescheiden lebt, der wird das Glück nicht erst im

nächsten Leben finden. Besser denn tausend Listen zu

schmieden, ist es, die rechte Plicht zu üben. Was gelten

zehntausend Räuber und Diebe gegen einen, der bescheiden

sich dem Schicksal fügt?

Wer selbst von Herzen die Barmherzigkeit ausübt,

braucht nicht die Heiligen Schriften zu studieren; wer aber

anderen zu schaden trachtet, der hat den Sutren-Kanon

umsonst gelesen.«

Von da an war keiner mehr auf Erden, der nicht gute Taten vollbrachte. Nun ließ Taizong verkünden, dass er eine Person suche, welche Kürbisse in die Unterwelt bringen würde. Außerdem schickte er seinen Minister Hu Jingde mit Gold und Silber einer ganzen Schatzkammer nach Kaifeng in der Provinz Henan, um Xiang Liang die Schulden zurückzuzahlen.

Einige Tage nachdem diese Verkündigung ausgehängt worden war, meldete sich ein Freiwilliger, der sich bereit erklärte, die Kürbisse zu überbringen. Der Mann kam aus Junzhou, hieß mit Nachnamen Liu und mit Vornamen Quan und entstammte einer begüterten Familie. Weil seine Frau Li Cuilian draußen vor dem Hauseingang ihre goldene Haarnadel einem Mönch als Almosengabe gespendet hatte, hatte er sie gescholten und ihr vorgeworfen, sich nicht so zu verhalten, wie es einer Frau gezieme, und unerlaubt das Frauengemach zu verlassen. Frau Li konnte diese Schmähung nicht verkraften und erhängte sich. Sie hinterließ zwei kleine Kinder, die nun Tag und Nacht um sie weinten. Liu Quan konnte das nicht weiter mitansehen; lieber wollte er sein Leben aufgeben und die Kürbisse mit in den Tod nehmen. Er nahm also das Schreiben und erschien vor dem Kaiser, der verlauten ließ, er solle sich in die Halle zum Goldenen Pavillon begeben, sich zwei Kürbisse auf den Kopf setzen, die Ärmel mit Totengeld aus Papier füllen und eine Pille einnehmen. Tatsächlich schluckte Liu Quan das Gift und starb. Die kleine Seele mit den Kürbissen auf dem Haupt kam bald vor das Geistertor, erklärte den Geisterwächtern den Grund ihres Kommens und wurde freudig empfangen. So kam sie auf direktem Weg zum Senluo-Palast, sprach bei König Yama vor und überreichte die Kürbisse mit den Worten: »Auf Geheiß des Kaisers der Tang- Dynastie bringe ich zum Danke für die Gunst der Zehn Könige von weit her diese Kürbisse.«

»Welch ein verlässlicher und tugendhafter Kaiser!« lobte König Yama erfreut. Dann nahm er die Kürbisse entgegen und erkundigte sich nach Namen und Herkunft des Überbringers.

»Geringer Untertan ist Bürger der Stadt Junzhou mit Namen Liu Quan. Meine Gemahlin aus der Sippe Li hat sich erhängt und ihre zwei Kinder zurückgelassen, so dass ich gerne Haus und Kinder aufgegeben habe, um für unseren Kaiser diese Kürbisse zu überbringen.«

Auf diese Worte ließen die Zehn Könige die Dame Li ausfindig machen, um sie Liu Quan zuzuführen. Doch ein Blick in das Buch der Lebenden und Toten zeigte, dass den beiden ein an Unsterblichkeit grenzendes Alter beschieden

war. Sofort wurde ein Geisterbote beauftragt, sie zurückzuschicken. Doch bald trat der Geisterbote vor und sprach: »Li Cuilian befindet sich schon zu lange in der Unterwelt, ihr Körper besteht nicht mehr. Wohin sollen wir mit der Seele?«

Da erklärte König Yama: »Li Yuying, die Schwester des Kaisers, muss heute sterben. Lasst die Seele in ihren Körper einfahren.«

Wie geheißen führte der Bote Liu Quan und seine Frau sogleich aus der Unterwelt. Und da wir nicht wissen, wie deren Seelenrückgabe vonstattenging, lasst uns das nächste Kapitel anhören.