Accueil > Die Reise nach Westen > Kapitel12

012 Der Kaiser kürt die Geistlichen für eine große Feier / Guanyin offenbart sich und weiht Goldzikade ein

Berichten wir nun, wie der Geisterbote mit Liu Quan und seiner Frau die Unterwelt verließ und geradewegs in die Reichshauptstadt Chang’an kam, wo er die Seele von Liu Quan in die Halle zum Goldenen Pavillon stieß und die Seele von Cuilian in den Innenhof des Palastes führte. Im Palastgarten konnte man gerade Prinzessin Yuying sehen, die im Schatten blühender Sträucher auf dem grünen Moosboden lustwandelte, als sie plötzlich vom Geisterboten heftig vor die Brust gestoßen wurde und zu Boden stürzte. Der Bote riss ihr die Seele aus dem Leib, stieß Cuilians Seele hinein und huschte zurück in die Unterwelt.

Die Palastzofen aber, die mitangesehen hatten, wie die Prinzessin gestürzt und gestorben war, eilten atemlos in den Palast der Kaiserin und meldeten: »Unsere Prinzessin ist gestorben!«

Erschrocken verständigte die Kaiserin umgehend den Kaiser Taizong. Der aber nickte seufzend und sprach: »Ja, die Nachricht ist sicher wahr. Als ich damals die Zehn Höllenkönige nach dem Befinden meiner Nächsten gefragt habe, war die Antwort: ›Eure Schwester lebt womöglich nicht mehr lange.‹ Nun ist es also geschehen.«

Wehklagend eilten die Leute des ganzen Palastes herbei. Doch während alle unter den blühenden Sträuchern standen, bemerkte man, dass die Prinzessin noch schwach atmete.

»Klagt nicht, klagt nicht!« mahnte Kaiser Taizong, »wir wollen sie nicht erschrecken.«

Er kniete neben ihr zu Boden, hob mit eigener kaiserlicher Hand ihren Kopf an und rief: »Erwache, Schwester! Erwache!«

Da drehte sich die Prinzessin plötzlich um und rief: »Langsam, mein Gatte, warte auf mich!«

»Kaiserliche Schwester«, sprach Taizong ihr zu, »wir sind alle bei dir.«

Da hob sie den Kopf und starrte ihn an. »Wer bist du, dass du mich zu berühren wagst?« fragte sie ungehalten.

»Ich bin dein kaiserlicher Bruder, und dies ist deine kaiserliche Schwägerin.«

»Ich habe weder einen kaiserlichen Bruder noch eine

kaiserliche Schwägerin. Mein Name ist Li, mein Mädchenname Li Cuilian, und mein Gatte heißt Liu Quan, beide sind wir aus Junzhou. Als ich vor drei Monaten vor unserem Hauseingang einem Mönch Almosen gab, hat er mich beschuldigt, ich hätte unerlaubt die Frauengemächer verlassen. Weil ich diese Demütigung nicht ertragen konnte, habe ich mich mit einem weißen Seidenschal erhängt. Weil mein Gatte vom Kaiser mit einer Sendung Kürbisse in die Unterwelt geschickt worden ist, hat König Yama Mitleid gehabt und uns beide zurückgeschickt. Mein Gatte ging voraus, doch ich war zu langsam und konnte ihn nicht einholen, schließlich bin ich gestolpert und umgefallen. Wie unhöflich von Euch, mich einfach so zu berühren!«

Taizong wandte sich an die Umstehenden: »Die kaiserliche Schwester muss von ihrem Fall bewusstlos geworden sein, sie deliriert.«

Er gab Befehl, in der Palastakademie für Medizin nach Arznei zu schicken, und geleitete Yuying in die Palasthalle. Als der Kaiser schließlich wieder in der Audienzhalle weilte, traf die Meldung ein: »Majestät, der Kürbisbote Liu Quan ist auferstanden. Er wartet draußen auf Einlass.«

Der Kaiser erschauderte. Hastig erteilte er den Befehl, Liu Quan eintreten zu lassen, und befragte ihn, wie die Überbringung der Kürbisse vonstattengegangen sei.

Liu Quan berichtete: »Euer Untertan gelangte mit den Kürbissen zum Senluo-Palast, traf dort die Zehn Höllenkönige und überreichte ihnen die Kürbisse. König Yama freute sich sehr und lässt unserem Kaiser vielen Dank ausrichten. Daraufhin fragte er nach Herkunft und Namen Eures Untertans, und als er vernahm, dass meine Gattin sich erhängt hatte, ließ er sie von einem Geisterboten holen, so dass wir uns sehen konnten. Im Buche der Lebenden und Toten stand aber geschrieben, dass uns beiden ein an Unsterblichkeit grenzendes Alter bestimmt sei. Wir wurden darum von einem Geisterboten zurückgebracht. Ich bin vorangegangen, und meine Gattin folgte mir. Nun bin ich zwar glücklicherweise wieder am Leben, doch weiß ich nun nicht, wo meine Gattin hingekommen sein mag?«

Bestürzt fragte der Kaiser: »Sagte König Yama Euch etwas über Eure Gattin?«

»Eigentlich nicht, ich hörte bloß, wie der Geisterbote meldete: ›Li Cuilian ist schon seit längerem in der Unterwelt, ihr Körper besteht nicht mehr.‹ Worauf König Yama antwortete: ›Li Yuying, die Schwester des Kaisers, muss heute sterben, lasst Cuilians Seele in ihren Körper einfahren.‹ Nur weiß Euer Untertan leider nicht, wer des Kaisers Schwester ist und wo sie wohnt. Außerdem konnte ich mich noch gar nicht auf die Suche machen.«

Diese Nachricht erfüllte den Kaiser mit Freude. An seine Minister gewandt, erklärte er: »Damals, als ich mich von König Yama verabschiedete, habe ich mich nach dem Befinden unserer kaiserlichen Familie erkundigt, worauf er zur Antwort gab, die kaiserliche Schwester werde wahrscheinlich nicht mehr lange leben. Was Yuying nach ihrem Sturz im Garten gesagt hat, stimmt mit den Worten Liu Quans überein.«

Da meldete sich Wei Zheng und sprach: »Es kann in der Tat vorkommen, dass eine Seele in einen Leihkörper eingeht. Man möge die Prinzessin rufen, um zu schauen, was sie uns zu sagen hat.«

Der Kaiser meinte: »Eben habe ich der Palastakademie für Medizin Befehl erteilt, Arznei zu bringen. Wie es ihr wohl gehen mag?« Umgehend schickte er eine Konkubine in die Frauengemächer, um die Prinzessin herzubitten.

Diese aber schimpfte gerade ungehalten vor sich hin: »Warum soll ich Medizin schlucken? Das ist doch nicht mein Zuhause! Ich wohne in einem schlichten Ziegelhaus, nicht in derart gelbsüchtigen Räumen mit schwülstigen Torflügeln! Lasst mich raus! Lasst mich raus!«

Während sie noch protestierte, erschienen vier oder fünf Kämmerinnen und Eunuchen, die sie zur Audienzhalle führten. Sowie sie vor der weißen Jadetreppe Liu Quan erblickte, packte sie ihn am Arm und rief vorwurfsvoll: »Wo bist du denn hin, ohne auf mich zu warten? Ich bin gestolpert, und plötzlich sind da lauter fremde Leute und schwatzen auf mich ein. Was soll das bedeuten?«

Liu Quan hörte nun freilich die vertraute Stimme seiner Gattin, doch die Person, die er sah, war nicht seine Frau. Er wagte sie nicht anzuerkennen.

»Wahrhaftig«, sprach der Kaiser:

»Von Bergstürzen und Erdbeben

Mag man Zeuge werden,

Selten aber sieht man einen

Für den anderen sterben!«

Was für ein vorbildlicher Herrscher er war! Er ließ nämlich sämtliche Schminkkästchen, Kleider und Schmuckstücke seiner Schwester Liu Quan überreichen, gerade so, als wäre es ein Vermählungsgeschenk; außerdem verfasste er ein kaiserliches Dekret, in dem er ihn auf Lebzeiten vom Frondienst freisprach. Anschließend hieß er Liu Quan, die kaiserliche Schwester nach Hause zu führen. Die beiden Eheleute vollzogen vor der weißen Jadetreppe Kotaus zum Dank und zogen freudestrahlend heim nach Junzhou, wo sie ihr Heim und ihre Kinder wohlbehalten wiederfanden. Wie die beiden nun den glücklichen Ausgang ihrer Geschichte verkündeten, sei hier nicht weiter ausgeführt.

Wenden wir uns stattdessen General Yuchi zu, der mit dem

Gold und Silber einer ganzen Schatzkammer des Kaiserpalastes nach der Stadt Kaifeng in die Provinz Henan gefahren war. Wie sich herausstellte, war besagter Herr Xiang Liang ein Wasserverkäufer, der zusammen mit seiner Frau, gebürtig aus der Sippe Zhang, vor dem Hause irdene Töpferwaren feilbot. Alles, was von den bescheidenen Einkünften über den unmittelbaren Bedarf hinausging, nutzte er für Spenden oder Mönchsalmosen sowie für aus Silber- und Goldpapier gefaltete Goldbarren, die er als Totengeld opferte. Daher rührte jener Segen. Während er dieses Leben als gütiger armer Mann verbrachte, würde er nach dem Tode als angesehener Bürger mit Bergen von Gold und Jade im Jenseits weilen. Als General Yuchi nun zusammen mit örtlichen Regierungsbeamten die Gold- und Silberschätze heranfuhr und die Strohhütte auf einmal von Rossen und Wagen umringt wurde, waren die alten Leutchen sprachlos vor Verblüffung. Sie fielen auf die Knie und wussten nichts, als unablässig Kotaus zu vollziehen.

»Erhebt euch«, sprach General Yuchi und erklärte: »Ich bin ein Abgesandter des Kaisers. Was ich euch hier bringe, ist nicht mehr als das, was unser Kaiser bei euch an Gold und Silber ausgeliehen hat.«

Furchtsam erwiderte Xiang Liang: »Ich Unbedeutender habe keinerlei Darlehen vergeben, wie könnte ich es wagen, diese rätselhaften Reichtümer anzunehmen?«

»Ich habe bereits erfahren, dass ihr arm seid. Doch da ihr stets Mönche verköstigt und Almosen spendet, hat sich im Jenseits ein großes Vermögen angehäuft. Es hat sich nämlich zugetragen, dass unser Kaiser, der kürzlich aus dem Tode wiederauferstand, in der Unterwelt eine Eurer Schatzkammern voller Gold und Silber ausleihen musste; Höllenrichter Cui war Zeuge. Aus diesem Grunde bringe ich euch heute das Vermögen im selben Wert zurück. Nehmt es bitte an, dann kann ich dem Kaiser Rückmeldung erstatten.«

Die beiden Leutchen falteten die Hände gen Himmel. Wie hätten sie je eine solche Gabe anzunehmen gewagt!

»Wenn ich Unbedeutender diese Schätze annehmen würde«, sprach Xiang Liang, »dann müsste ich gewiss früher sterben. Selbst wenn sie aus verbranntem Totengeld im Jenseits stammen mögen, ist das doch eine fragwürdige Angelegenheit. Seine Majestät, unser Kaiservater, mag sie wohl im Jenseits geborgt haben, doch was gibt es für einen Beweis? Nein, lieber sterbe ich, als dass ich dies annehme.«

Angesichts dieser eindringlichen Weigerung blieb General Yuchi nichts anderes übrig, als ein Schreiben an den Thron zu verfassen.

»Was für ehrbare und gutherzige Bürger!« entfuhr es Taizong, als er das Schreiben zu Gesicht bekam. Sogleich ließ er Yuchi Jingde den Befehl zukommen, er möge die Gelder zur Errichtung eines Tempels verwenden, darin den beiden Alten einen Schrein zu Lebzeiten weihen und Mönche einladen, wohltätige Veranstaltungen zu pflegen. Dies möge ebenso als Abzahlung gelten.

Noch am selben Tag, an dem die Antwort des Kaisers eingetroffen war, erwarb General Yuchi in der Stadt ein unbenutztes Gelände von fünfzig Mu114 und ließ mit den Bauarbeiten beginnen. Der Tempel wurde »Kaiserlicher Kanzler-Tempel« genannt. Links kam der Schrein mit den Statuen von Xiang Liang und seiner Frau zu stehen, und auf einer Stele wurden die Worte eingemeißelt: »Errichtet unter Aufsicht von General Yuchi«. Dieser Tempel ist der heute noch bestehende »Große Kanzler-Tempel«.115

Die Fertigstellung wurde dem Hof gemeldet, und Taizong zeigte sich äußerst zufrieden. Nun ließ er ein Schreiben aushängen, in dem Mönche aufgefordert wurden, an der Veranstaltung einer Erlösungsfeier für die einsamen Geister des Totenreiches teilzunehmen. Das Schreiben zirkulierte im ganzen Reich, so dass überall Lokalbeamte tugendhafte Mönche erwählten und nach Chang’an zur Veranstaltung schickten. Es war kein Monat vergangen, da hatten sich schon die meisten Mönche in der Hauptstadt versammelt. Der Kaiser beauftragte Fu Yi, den Vorsteher des Astronomischen Amtes, mit der Auswahl eines hohen Geistlichen, der die buddhistische Veranstaltung leiten sollte. Doch Fu Yi verfasste umgehend eine Eingabe an den Thron, deren Text lautete:

»Die Lehre aus dem Westen verleugnet die Autorität des

Herrschers gegenüber dem Untertan, des Vaters gegenüber

dem Sohn. Sie verblendet die Einfältigen mit Theorien wie

den Drei qualvollen Pfaden oder dem Sechsfachen Pfad der

Wiedergeburt und macht sie glauben, durch Rezitieren von

Sanskrit-Sprüchen könnte man sich vor Vergeltung drücken.

In Wirklichkeit sind Leben und Tod wie auch die Dauer des

Lebens naturgegeben; Lohn und Strafe, Furcht und Glück

hingegen erreichen uns durch menschliche Macht.

Desungeachtet wird heutzutage im Volke behauptet, all dies

käme allein von Buddha. Dabei gab es den Buddhismus zu

Zeiten der Drei Kaiser und Fünf Könige noch gar nicht,

doch damals waren die Herrscher so weise und ihre

Untertanen so treu, dass ihre Herrschaftszeiten äußerst

lange währten. Erst unter Kaiser Ming der Han-Dynastie

wurden jene fremden Götter eingeführt, doch nur durch

buddhistische Mönche aus dem Westen, die ihre eigene

Lehre verbreiten wollten. Es mangelt dieser daher an

Glaubwürdigkeit.«

Taizong brachte diese Eingabe zur Erörterung vor seine Minister. Da trat der Kanzler Xiao Yu vor und sprach: »Die buddhistische Lehre floriert seit vielen Dynastien; durch sie wird das Gute verbreitet, dem Bösen gewehrt und das Reich gesegnet. Es gibt keinen Grund, sie zu verwerfen. Buddha war ein Weiser, und wer einen Weisen verleugnet, der handelt wider Recht und Vernunft. Ich fordere, dass der Verfasser dieser Eingabe streng bestraft wird.«

Fu Yi widersetzte sich Xiao Yu mit dem Einwand, dass der Kern der Riten doch gerade darin bestehe, den Eltern und dem Herrscher zu dienen, während Buddha hingegen seine Familie verlassen habe, um als Mönch zu leben, womit er sich als Bürger dem Herrscher und als Sohn den Eltern widersetzt habe. Xiao Yu, fuhr er fort, sei schließlich auch nicht ohne Eltern zur Welt gekommen, dennoch akzeptiere er eine Lehre, in der die väterliche Autorität nicht anerkannt würde. Auf ihn treffe der Spruch zu: »Wer die Pflicht der Kindesliebe verkennt, ist unmenschlich.«

Xiao Yu aber faltete die Hände und versetzte: »Genau für Leute wie diesen wurde die Hölle eingerichtet.«

Da rief Taizong Minister Zhang Daoyuan und Kanzler Zhang Shiheng herbei und befragte sie, wie geeignet der Buddhismus sei, um Segen zu erwirken. Die Minister antworteten: »Im Buddhismus geht es um Klarheit und Reinheit, Menschlichkeit und Vergebung, seine Quintessenz ist die Leerheit der Buddha-Natur. Kaiser Wu der Nördlichen Zhou-Dynastie stellte die drei Religionen in eine Rangfolge. Es gibt eine tiefgründige Lobschrift auf Zenmeister Dahui, die von vielen Generationen verehrt und verbreitet wurde, und als der Fünfte Patriarch die Wiedergeburt antrat, offenbarte sich Bodhidharma. Seit dem Altertum heißt es allenthalben, dass alle drei Religionen zutiefst verehrungswürdig sind und nicht vernichtet werden dürfen. Wir bitten ergebenst um das kaiserliche Urteil.«

»Die Worte des Ministers sind vernünftig«, entschied Taizong erleichtert. »Wer weitere Einwände vorbringt, wird bestraft.«

Anschließend beauftragte er Wei Zheng, Xiao Yu und Zhang Daoyuan, alle Mönche einzuberufen, um einen Geistlichen von hoher Tugend zum Zeremonialmeister zu erküren und ein Areal für die Zeremonie einzurichten. Schließlich verneigten sich alle und traten ab.

Tags darauf unterzogen die drei Palastminister auf der Opfertribüne der Berge und Flüsse120 sämtliche Mönche einer eingehenden Prüfung. Die Entscheidung fiel auf einen tugendhaften Geistlichen aus dem Kloster Hongfu-Si, dem »Kloster zum Großen Segen«.

Die Untersuchungen zeigten, dass er vortreffliche innere Grundlagen hatte und eine hohe moralische Integrität aufwies, zudem war er außerordentlich belesen, und es gab keine Gebete oder Gesänge, die er nicht beherrschte. Die drei Minister führten ihn sogleich vor den Kaiser, wo er die

höfischen Begrüßungsriten in anmutigen Bewegungen vollführte.

Anschließend sprach Xiao Yu: »Eure Minister haben auf erlauchten Befehl Eurer Majestät einen hohen Geistlichen auserwählt; sein Name lautet Chen Xuanzang.«

Da verfiel Taizong in nachdenkliches Schweigen und fragte schließlich: »Ist das nicht der Sohn von Chen Guangrui?«

Xuanzang vollzog einen Kotau und antwortete: »Euer Untertan ist es.«

»Wahrhaftig, eine gute Wahl«, freute sich Taizong. »Hiermit ernenne ich dich zum Leiter buddhistischer Angelegenheiten des ganzen Reiches.«

Mit einem Stirnaufschlag bedankte sich Xuanzang für die kaiserliche Huld. Taizong verlieh ihm eine fünffarbene, golddurchwirkte Priesterrobe und einen Priesterhut und sandte ihn zum Kloster Huasheng-Si, dem »Kloster der Geburt durch Wandlung«, um einen glückverheißenden Zeitpunkt für die Zeremonie zu bestimmen.

Xuanzang verbeugte sich und trat ab. Nun begab er sich zum Huasheng-Kloster, wo er 1200 ältere und jüngere angesehene Geistliche versammelte, die er in drei Gruppen einteilte und der oberen, mittleren und unteren Klosterhalle zuwies. Dann wurden alle zeremoniellen Angelegenheiten ordentlich vorbereitet. Die Wahl des Zeitpunktes fiel auf den dritten Tag des neunten Mondmonats im dreizehnten Jahr der Ära Zhen’guan, denn dies war ein Tag mit glückverheißender astrologischer Konstellation. An diesem Datum sollte mit der sieben mal sieben Tage andauernden Zeremonie für die unerlösten Seelen zu Wasser und zu Lande begonnen, verschiedenste Heilige Schriften vorgetragen und erläutert werden. Xuanzang verfasste eine offizielle Throneingabe, in der er den Kaiser einlud, am besagten Tage zur Zeremonie zu erscheinen und persönlich Weihrauch zu opfern.

Kaiser Taizong begab sich mit all seinen zivilen und militärischen Ministern zum Huasheng-Kloster.

Am dritten Tag des Monats bestieg Taizong nach seiner Morgenaudienz die mit Phönixen und Drachen verzierte kaiserliche Kutsche und begab sich mit all seinen zivilen und militärischen Ministern zum Huasheng-Kloster. Dort befahl er, die Musikinstrumente ruhen zu lassen, stieg aus der Kutsche und schritt mit seinen Ministern im Gefolge vor den Altar, wo er sich mit Weihrauchstäbchen in den Händen vor den Buddhastatuen verneigte. Nachdem er die drei rituellen Umschreitungen des Altars vollzogen hatte, begrüßte er den Leiter buddhistischer Angelegenheiten Chen Xuanzang, und der Priester führte die Mönche dabei an, den Kaiser im Kreise mit tiefen Verbeugungen zu ehren. Nach diesem Ritual teilten sich alle wieder in ihre Gruppen auf und nahmen auf ihren Meditationssitzen Platz. Xuanzang überreichte Taizong den von ihm verfassten »Erlass zur Errettung der einsamen Seelen« zur Durchsicht. Der Inhalt lautete folgendermaßen:

»Höchste Tugend ist endlos weit, die Lehre des Zen ist still

und leer. Alle Drei Welten sind davon durchdrungen,

einschließlich der Sphären von Leben und Tod. Angesichts

der einsamen Seelen im Totenreich ist tiefstes Mitleid

angebracht. Daher wurden nun auf erlauchten Befehl Seiner

Hoheit zahlreiche Geistliche auserwählt und versammelt,

um durch Meditationen und Predigten den Weg zur

Erlösung aufzuzeigen und die Ruder der rettenden Barke

der Barmherzigkeit in Bewegung zu setzen, auf dass allen

Lebewesen im Meer der Bitternis geholfen werde, sich aus

Leid und Krankheit und aus dem ewigen Kreislauf der

Wiedergeburten zu erlösen. Auf den wahren Weg

zurückgeführt, werden sie eingehen in den Urzustand der

Welt. Mögen sie bei dieser Gelegenheit der Hölle entrinnen

und in Bälde frei und unbeschwert im erhabenen Westen

durch die reinen Gefilde der Glückseligkeit wandeln.«

Taizong war äußerst zufrieden mit dem, was er gelesen hatte. Er wandte sich an die Mönche und sprach: »Verrichtet eure

Arbeiten mit größter Sorgfalt. Nach Abschluss der Feierlichkeiten werde ich euch hohe Belohnungen erteilen, eure Arbeit ist keinesfalls umsonst.«

Die Mönche berührten zum Dank mit der Stirn den Boden. Nachdem alle drei Klostermahlzeiten des Tages beendet waren, fuhr der Kaiser zurück. Wie der Priester am folgenden Morgen abermals seinen hohen Sitz bestieg und mit der versammelten Mönchsschar Sutren rezitierte, sei hier nicht weiter ausgeführt.

Wenden wir uns stattdessen Bodhisattva Guanyin zu, die ja auf Anweisung Buddhas in Chang’an einen würdigen Pilger suchte, bisher aber noch nicht gefunden hatte. Als ihr zu Ohren kam, dass Taizong hohe Geistliche auserwählt hatte, eine große Zeremonie zu veranstalten, und dass der Leiter dieser Zeremonie niemand anderes war als der Flusslauf- Mönch, also jener einstige Buddhajünger, der aus dem Lande der Glückseligkeit herniedergestiegen und von Guanyin einst zur Wiedergeburt geführt worden war, freute sie sich außerordentlich. Unverzüglich trug sie die von Buddha erhaltene wunderschön geschmückte Priesterrobe und den Pilgerstab mit neun Ringen auf die Hauptstraße, wo sie zusammen mit Jünger Moksa beide Sachen zum Verkauf anbot. In Chang’an weilte zur selben Zeit auch ein einfältiger Mönch, der bei der Auswahl durchgefallen war; dieser hatte allerdings ein paar schmutzige Kupferstücke bei sich. Wie er die aussätzigen Mönche sah, die in Lumpen gekleidet, grindig und barfuß diese schöne Ware feilboten, die vor Pracht strahlte, trat er auf sie zu und rief: »He, ihr aussätzigen Mönche! Wie viel wollt ihr für das?«

»5000 Silberlinge für die Robe, 2000 für den Pilgerstab«, gab die Bodhisattva zur Antwort.

Der Mönch lachte: »Die Idioten sind ja übergeschnappt, für diese Dinger wollen sie 7000 Silberlinge! Selbst wenn man damit zu einem langen Leben käme oder meinetwegen gar ein Buddha würde, wären sie diesen Preis nicht wert. Behaltet das Zeug, könnt ihr eh nicht verkaufen.«

Ohne sich auf Streit einzulassen, schritt Guanyin mit Moksa voran. Nach einiger Zeit kamen sie zum Osttor des Kaiserhofes, wo sie gerade auf den vom Palastdienst zurückkehrenden Kanzler Xiao Yu stießen. Vor ihm erkämpften sich seine Diener mit lautem Rufen und Stampfen einen Weg durch die Menge. Guanyin aber wich nicht von der Stelle, sondern trat mit der Robe auf den Kanzler zu. Dieser zügelte sein Pferd und musterte sie. Als sein Blick auf die prachtvoll schimmernde Robe fiel, schickte er einen Diener, nach dem Preis zu fragen.

»Die Robe kostet 5000 Silberlinge, der Pilgerstab 2000«, war die Antwort.

»Welcher Nutzen macht diese Dinge so kostspielig?« wollte Xiao Yu wissen.

»Diese Robe hat sowohl ihren Nutzen als auch ihre Nachteile; sie ist sowohl kostspielig als auch kostenlos.«

»Welches sind denn die Nutzen und Nachteile?«

»Wer meinen Umhang trägt«, erwiderte Guanyin, »wird nie in ernste Not geraten, nicht in die Hölle kommen, ist gefeit vor Bosheit und vor wilden Tieren. Dies ist sein Nutzen. Jemand aber, der gierig, lüstern und schadenfroh ist, sich nicht an Abstinenz und Gebote hält, Heilige Schriften schändet oder Buddha verleumdet, der wird dem Anblick meiner Robe schwer standhalten können. Das ist ihr Nachteil.«

»Und was ist das Kostspielige und das Kostenlose?«

»Wenn einer, der den Buddhismus nicht in Ehren hält und den Drei Schätzen keine Achtung entgegenbringt, diese Robe und den Pilgerstab unbedingt kaufen will, dann verlange ich 7000 Silberlinge dafür. Das ist das Kostspielige daran. Wenn aber jemand die Drei Schätze achtet, sich des Guten erfreut und sich zu unserem Buddha bekennt, dann will ich ihm die Robe und den Pilgerstab mit Freuden schenken, einer guten Schicksalsverbindung willen. Das ist das Kostenlose daran.«

Bei diesen Worten hatte sich Xiao Yus Gesicht erhellt. Wissend, dass es sich um gute Menschen handelte, stieg er aus dem Sattel, begrüßte sie und sprach: »Meister der Großen Lehre, vergebt Xiao Yu die Sünde. Unser Kaiser verwendet viel auf Wohltätigkeit; heute hat er gerade eine Große Zeremonie für die unerlösten Seelen zu Wasser und zu Lande eröffnen lassen, und Euer Umhang wäre äußerst passend für Hohepriester Xuanzang. Ich führe Euch gleich in den Palast vor den Thron.«

Freudig folgte ihm Guanyin durch das Östliche Palasttor. Bald nachdem die Palasttorwache die Nachricht ihrer Ankunft weitergeleitet hatte, erhielten sie die Erlaubnis des Kaisers, sich in die Audienzhalle zu begeben. Xiao Yu führte die beiden grindigen Mönche vor die Außentreppe, wo sie stehen blieben. Als der Kaiser nach dem Grund ihres Kommens fragte, berichtete Xiao Yu eingehend, was sich eben zugetragen hatte. Taizong freute sich und fragte nach dem Preis der Robe. Ohne jegliche Geste von Ehrerbietung stand Guanyin mit Hui’an aufrecht vor der Treppe und antwortete: »Die Robe kostet 5000 Silberlinge, der Pilgerstab 2000.«

»Was hat es mit der Robe auf sich, dass sie einen derart hohen Preis wert ist?« fragte der Kaiser.

Guanyin sprach: »Diese Robe ist von Feen gefertigt, von Göttinnen gewoben, über und über durchwirkt mit indischen Lotosblüten, funkelnd und glitzernd behängt mit Perlen in Sternbildform. An allen vier Ecken sind Leuchtperlen und am Kragen ein Smaragd; oben gibt es Wunsch- und Mani-Perlen, Perlen gegen Staub und Wind. Dazu rote Achate, purpurne Korallen, Leuchtperlen und Reliquien, an den Borten Doppelreihen golddurchwirkter Knöpfe, um den Kragen weiße Jadekelche. Dazu gibt es ein Gedicht:

Erhaben sind die Drei Juwelen,

Hoch ist der wahre Weg zu preisen!

Er umfasst die Wiedergeburten

Und die vier Entstehungsweisen.

Das Erkennen unseres Herzens

Hilft die Menschheit zu erlösen;

Und der Weisheit Licht wird kund

Durch Gewahr vom tiefsten Wesen.

Diese hehre Welt von Gold

Schütze jenen, der sie trage;

Sie macht Geist und Körper rein,

Klar wie Eis im Jadekruge.

Seitdem diese Priesterrobe

Durch Buddha erschaffen wurde,

Unterdrückt für alle Zeiten

Niemand mehr des Mönchtums Würde!«

Diese Worte freuten den Kaiser sehr. »Und was hat es mit dem Pilgerstab auf sich?« fragte er weiter, und Guanyin sprach:

»Dieser Pilgerstab ist

Aus Eisen und mit Kupfer intarsiert,

Neun Ringe weist er auf in Reihen.

Der Götterstab mit neun Segmenten

Kann ewig Lebenskraft verleihen.

Mit ihm zur Hand erscheint sogar

Der wunderschöne Bambus fahl;

Leichten Schrittes führt der Weg

Entlang der weißen Wolken ins Tal.

Es reiste einst der Fünfte Meister122

Damit in die Himmelshallen;

Mit ihm suchte Moggallana

Seine Mutter in den Höllen,123

Nicht ein Staubkorn dieser Welt

Wird je an ihm haften bleiben,

Froh wird er den Würdigen

Hin zum Seelenberg begleiten.«

Auf diese Worte befahl der Kaiser, die Robe auszubreiten, und betrachtete sie eingehend. Es war in der Tat ein kostbares Stück.

»Ehrwürden der Großen Lehre«, hub der Kaiser an, »ich will Euch nicht verhehlen, dass wir heute eine große religiöse Zeremonie eröffnet haben; zur Zeit werden gerade im Huasheng-Kloster die Sutren rezitiert. Dort befindet sich ein Geistlicher von großer Tugend, sein Name lautet Xuanzang. Für ihn will ich Euch diese zwei Kostbarkeiten abkaufen. Wie viel wollt Ihr nun tatsächlich dafür?«

Guanyin und Hui’an falteten die Hände und sprachen: »Buddha Amithaba! Ist er tugendhaft, so schenken wir ihm die Sachen mit Freuden. Auf keinen Fall wollen wir Geld annehmen.«

Kaum hatten sie dies gesagt, wandten sie sich um und gingen. Sofort schickte der Kaiser Xiao Yu, die beiden aufzuhalten, dann neigte er sich achtungsvoll vor und fragte: »Eben habt Ihr noch 5000 Silberlinge für die Robe und 2000 für den Pilgerstab verlangt, und nun, da ich sie kaufen will, lehnt Ihr das Geld ab. Wollt Ihr damit sagen, ich würde meine Macht dazu missbrauchen, Euch die Sachen gewaltsam abzuverlangen? Das ist mitnichten der Fall. Ich vergüte Euch den genannten Preis, das darf auf keinen Fall abgelehnt werden.«

Guanyin erhob eine Hand vor die Brust und sprach: »Majestät, ich habe ein Gelübde getan. Da ich sehe, wie sehr Eurer Majestät an reiner Tugend und aufrechter Güte gelegen ist, wie sehr Ihr unsere buddhistische Lehre achtet und wie gar ein hoher Geistlicher von großer Tugend in Wort und Tat die erhabene Lehre verkündet, ist es nur rechtens, dass wir diese Sachen ehrerbietig darbringen. Auf keinen Fall wollen wir Geld dafür.«

Angesichts Guanyins ehrlicher Weigerung erteilte der Kaiser schließlich dem Hofamt für Festlichkeiten den Befehl, ein feierliches Dankesbankett zu veranstalten. Guanyin aber blieb beim Entschluss, nichts anzunehmen, und ging. Wie sie nun wieder in ihre heimliche Unterkunft im Erdgeisttempel zurückging, sei hier nicht weiter ausgeführt.

Erzählen wir stattdessen, wie Kaiser Taizong eine mittägliche Audienz gab und Xuanzang vor den Thron rief.

»Hochwürden«, begann Taizong, »ich habe nichts, mit dem ich Euch meinen Dank bekunden könnte. Doch da heute früh Xiao Yu zwei Mönche empfangen hat, die eine bestickte Robe und einen neunfach beringten Pilgerstab darbrachten, habe ich Euch hierhergerufen, Euch diese Sachen zu überreichen.«

Xuanzang vollführte einen Stirnaufschlag und dankte für die hohe Gunst.

»Hochwürden mögen die Robe umlegen, damit wir Euch darin sehen können.«

Der Priester entfaltete die Robe, hängte sie sich über die Schultern und nahm den Pilgerstab zur Hand. Nun stand er in solcher Pracht und strahlenden Würde vor den Palaststufen, dass alle umstehenden Beamten in Rufe der Bewunderung ausbrachen. Des Kaisers Freude war groß. Er hieß den Priester, die Robe umgehängt und den Pilgerstab in der Hand zu behalten, gab ihm zwei Reihen von Gefolgsleuten zur Begleitung und ließ ihn von zahlreichen Hofbeamten zum Palasttor hinausgeleiten. Wie ein frisch gekrönter Sieger der Staatsprüfung wurde er so durch die Hauptstraße von Chang’an bis zum Kloster geführt. In Chang’an reckten Alte und Junge, Männer und Frauen die Köpfe nach ihm und spendeten bewunderndes Lob: »Was für ein guter Priester! Ein wahrer Arhat aus dem Himmel, ein Bodhisattva auf Erden!«

Auch die Mönche des Klosters eilten zum Empfang hinaus, und als sie Xuanzangs ansichtig wurden, war ihnen, als käme der leibhaftige König Ksitigarbha auf sie zu. Xuanzang betrat die Klosterhalle, brachte Weihrauch dar und huldigte Buddha. Wie danach alle an ihre Plätze zurückkehrten, sei hier nicht weiter ausgeführt.

Wie ein Fingerschnippen war die Zeit vergangen; schon zählte man den siebten Tag, an dem die Hauptzeremonie stattfinden sollte. Xuanzang verfasste abermals ein Schreiben, in dem er den Kaiser zur Opferung von Räucherwerk ins Kloster einlud. Inzwischen hatte sich die Kunde in aller Welt verbreitet, so dass Taizong, der sogleich die kaiserlichen Kutschen bereitstellen ließ, von einer großen Eskorte ziviler und militärischer Hofbeamter, der Kaiserin, den Konkubinen und allen kaiserlichen Verwandten begleitet wurde, während sich alle Bürger, ob hohen oder niederen Standes, ebenfalls im Kloster einfanden, um den hohen Priester sprechen zu hören.

Zur selben Zeit sprach Guanyin zu Moksa: »Heute findet die Hauptzeremonie zur Erlösung der Geister zu Wasser und zu Lande statt. Wir wollen uns unter die Menge mischen, erstens um zu sehen, wie die Zeremonie verläuft, zweitens um zu schauen, ob Meister Goldzikade auch das Glück hatte, unsere Schätze zu erhalten, drittens um zu hören, welche Sutren und Lehren er predigen wird.«

Also machten sich die beiden auf zum Kloster. So war es in der Tat:

Schicksalshaft begegnen sich

Weggefährten alter Zeit,

Und die Weisheit kehrt zurück

An ihren Ort, der hier geweiht.

Beim Eintreten schollen ihnen Tempelmusik und Gebetschöre entgegen. Die Bodhisattva ging direkt auf das Podest der Kostbarkeiten zu, wo sie tatsächlich die Gestalt des weisen Meisters Goldzikade erblickte. Auf dem Podest stehend, las er erst aus dem »Sutra zur Erlösung der Verstorbenen«, dann Stellen aus dem »Siegel der Himmlischen Schätze für Frieden im Lande« und aus dem »Buch zur Vollbringung guter Taten«.

Da schritt Guanyin nach vorn, schlug mit der Hand auf das Podest und rief mit lauter Stimme: »He Mönch, du sprichst ja nur über das Hinayana, kannst du auch etwas zum Mahayana sagen?«124

Wie Xuanzang diese Worte vernahm, erfüllte sich sein Herz mit großer Freude. Er sprang vom Podest, erhob die gefalteten Hände zu Guanyin und rief: »Altehrwürdiger Meister! Verzeiht Eurem Jünger, dass er Euch nicht wahrgenommen hat. Alle hier anwesenden Mönche kennen nur das Hinayana. Wie ist denn die Lehre des Mahayana?«

»Deine Lehre des Hinayana reicht nicht aus, um Verstorbene zu erlösen. Damit erreicht man höchstens ein friedvolles Leben. Ich habe das Tripitaka, die Drei Körbe der Mahayana-Schriften. Diese können Verstorbene in den Himmel erheben, Notleidende von ihrer Last befreien und unendliches Leben verleihen.«

Während sie sich noch unterhielten, war der Klosteraufseher längst zum Kaiser geeilt mit der Meldung: »Der Priester wurde mitten in seinem Vortrag über die wunderbare Lehre von zwei aussätzigen Wandermönchen heruntergezerrt und in unsinniges Gerede verwickelt.«

Der Kaiser befahl, sie festzunehmen. Im Nu wurden die beiden Mönche von der Menge in die hintere Klosterhalle zu Kaiser Taizong gedrängt. Hier fragten sie, ohne auch nur die Hände zu falten oder sich zu verneigen: »Was ist Euer Anliegen, Majestät?«

Der Kaiser erkannte sie wieder und sprach: »Ihr seid doch die Mönche, die mir vor ein paar Tagen die Robe dargebracht haben?«

»So ist es.«

»Wenn ihr gekommen seid, den Vortrag anzuhören, so sollte es doch reichen, hier etwas Klosterkost essen zu dürfen. Warum müsst ihr ausgerechnet unseren hohen Priester in unsinniges Gerede verwickeln und die Klosterordnung beeinträchtigen?«

»Dieser Priester trägt nur die Hinayana-Lehre vor«, versetzte Guanyin. »Damit können die Verstorbenen nicht in den Himmel erhoben werden. Ich aber habe das Tripitaka des Mahayana-Buddhismus, das Verstorbene und Notleidende zu erlösen vermag und einen unvergänglichen Körper verleiht.«

Taizong freute sich und fragte feierlich: »Und wo befinden sich die Mahayana-Schriften, von denen Ihr sprecht?«

»Bei unserem Buddha Tathagata, im Tempel des Donnergrollens im Reiche Indien im fernen Westen. Diese Lehre vermag die Knoten aller Ungerechtigkeit zu lösen und kann die Menschen aus Not und Leid befreien.«

»Kennt Ihr sie auswendig?«

»Ja.«

Freudig bestimmte Taizong: »Geleitet den Priester auf das Podest, er möge seine Lehre vortragen.«

Gemeinsam erhob sich die Bodhisattva mit Moksa schwebend auf das Podest, dann stiegen beide auf glückverheißenden Wolken empor, bis in den neunten Himmel hoch. Hier offenbarte sich Guanyin in ihrer leiderlösenden Gestalt, die Vase mit dem Weidenzweig in den Händen. Ihr zur Linken zeigte sich Moksa, ihr Jünger mit Ordensnamen Hui’an, seine Stange haltend in stolzer Haltung. Vor Verzückung vergaß Taizong sein ganzes Reich, während die zivilen und militärischen Beamten derart hingerissen waren, dass sie ungeachtet der höfischen Vorschriften zum Himmel beteten und auf den Knien Räucherwerk darbrachten. Unter allen Mönchen, Nonnen und anderen Gläubigen gab es niemanden, der sich nicht tief verbeugt hätte, Guanyin mit den Worten preisend: »Oh, welch eine wunderbare Bodhisattva!«

Einstimmig beteten alle: »Ehre sei der barmherzigen Bodhisattva Guanyin!« Unverzüglich ließ Taizong den berühmten Maler Wu Daozi antreten und beauftragte ihn, die wahre Gestalt der Göttin in seiner vollendeten Pinselkunst festzuhalten. Allmählich entfernte sich die Bodhisattva auf den Wolken, bis schließlich auch ihr goldener Glanz verschwunden

war. Da sah man aus der Höhe ein Zettelchen herniederschweben, auf dem die Verse einer Ode zu lesen waren:

»Respektvoll sei dem Kaiser kundgetan,

Dass fern im Westen hehre Sutren weilen;

Führt das Mahayana mit Bedacht hierher,

Über hundertundachttausend Meilen.

Wenn diese Schriften Euer Land erreichen,

Werden arme Seelen zur Erlösung finden.

Und jener, der die Reise auf sich nimmt,

Wird Buddhas Wahre Frucht vollenden.«125

Nachdem Taizong das Gedicht gelesen hatte, befahl er den Mönchen: »Lasst uns die Zeremonie vorläufig abbrechen und warten, bis ich einen Gesandten geschickt habe, die Mahayana-Schriften zu uns zu bringen. Danach werden wir uns von ganzem Herzen neu der Vollendung guter Taten widmen.«

Dann fragte er im Kloster: »Wer ist gewillt, in meinem Auftrag im Westen Buddha zu huldigen und die Heiligen Schriften zu erbitten?«

Die Frage war noch nicht verklungen, als schon der Priester vortrat, sich verbeugte und sprach: »Meine Wenigkeit ist willens, diesen Auftrag mit der Hingabe von Hunden und Pferden auszuführen, um Eurer Majestät die wahren Schriften zu beschaffen und das ewigen Bestehen unseres Reiches zu segnen.«

Erfreut trat der Kaiser auf ihn zu und streckte ihm höchstpersönlich die kaiserliche Hand entgegen, um ihm beim Aufstehen behilflich zu sein.

»Priester«, sprach er, »wenn Ihr mir tatsächlich diesen treuen Dienst erweisen könnt, so will ich Euch inniglich als Bruder betrachten.«

Er begab sich mit Xuanzang vor den Altar, wo sie sich

viermal verneigten, während er sprach: »Kaiserlich verbrüderter Heiliger Mönch!«

Unentwegt dankend sprach Xuanzang: »Majestät, wie habe

ich einfacher Mönch eine solch hohe Anerkennung himmlischer Gunst verdient? Auf der Reise werde ich alle meine Kräfte einsetzen, den Westen zu erreichen. Sollte ich nicht ans Ziel kommen oder die Heiligen Schriften nicht auffinden, so möge ich, ich schwöre es, nie wieder in die Heimat zurückkehren und auf ewig in der Hölle schmachten.«

Zur Bekräftigung seines Schwures weihte er Räucherwerk auf dem Altar. Glücklich ließ der Kaiser die Eskorte in den Palast zurückfahren und wartete die Festlegung eines glückbringenden Datums ab, an dem er Xuanzang die Passurkunde aushändigen und dieser seine Reise antreten konnte.

Auch Xuanzang kehrte zurück ins Hongfu-Kloster, wo seine Ordensbrüder und Schüler die Neuigkeit bereits vernommen hatten. Alle kamen auf ihn zu und sprachen: »Priester, so wie wir gehört haben, dauert die Reise in den Westen sehr lange! Außerdem lauern überall Tiger und Panther, Dämonen und Ungeheuer. Wir fürchten nur, dass Ihr von dieser Reise nicht wieder zurückkehrt und Euer Leben aufs Spiel setzt!«

»Ich habe bereits ein Gelübde getan«, erwiderte Xuanzang. »Ich habe geschworen, dass ich auf ewig zur Hölle fahren will, wenn ich ohne die Heiligen Schriften zurückkehre. Ich weiß, dass ich mich mit dieser Reise ins Ungewisse begebe; Heil und Unheil sind nicht vorauszusagen. Doch bin ich durch die hohe Gunst des Kaisers verpflichtet, mich dieser Aufgabe für unser Reich voll und ganz zu widmen. Meine Schüler! Vielleicht werden zwei, drei Jahre vergehen, vielleicht werden es gar fünf bis sieben Jahre. Schaut auf die Wipfel jener Kiefern im Klosterhof: Sobald sie gen Osten weisen, ist dies das Zeichen, dass ich zurückkehre. Andernfalls kehre ich nicht zurück.«

Seine Jünger prägten sich diese Worte tief ein.

Tags darauf verfasste Taizong während der Morgenaudienz, in Anwesenheit aller zivilen und militärischen Minister, eine kaiserliche Urkunde zum Erwerb der Heiligen Schriften. Darauf setzte er seinen kostbaren Stempel, der die freie Durchreise gewährte. Da meldete der Hofastronom: »Heute waltet ein Glücksstern für die Menschen; dies ist der richtige Tag zur Abfahrt.«

Nun sah man einen Palasttorwächter, der die Meldung brachte: »Der kaiserlich verbrüderte Priester wartet vor dem Palast auf Einlass.«

Freudig rief ihn der Kaiser zu sich und sprach: »Werter Bruder, heute ist ein günstiger Tag zur Abreise. Hier ist die Passurkunde. Ich habe außerdem eine Schale aus Purpurgold, die ich Euch als Almosenschale mitgeben möchte. Weiter werden Euch zwei Gefolgsleute und ein weißes Pferd zur Verfügung stehen. Ihr könnt Euch sogleich auf den Weg machen.« Xuanzang dankte.

Der Kaiser ließ die Hofequipage bereitstellen und gab ihm mit zahlreichen Ministern bis zum Rande der Hauptstadt das Geleit. Dort konnte man die Ordensbrüder des Hongfu- Klosters sehen, die bereits Xuanzangs Sommer- und Winterkleidung herangeschafft hatten und ihn erwarteten. Der Kaiser befahl, die Reisebündel zu schnüren und die Pferde

bereitzustellen, dann beauftragte er Palastleute, den Abschiedswein zu servieren. Taizong erhob den dreifüßigen verzierten Bronzekelch und fragte: »Verehrter Bruder, wie lautet Euer Ehrenname?«

»Als Mönch wagte ich mir bislang keinen Ehrennamen zuzulegen.«

»Neulich sagte die Bodhisattva, die Sammlung der Heiligen Schriften im Westen werde ›Tripitaka‹ genannt. Wollt Ihr nicht den Ehrennamen ›Tripitaka‹ annehmen?«

Xuanzang bedankte sich, nahm das Trinkgefäß zur Hand und sprach: »Majestät, Abstinenz von Alkohol ist für uns Mönche oberstes Gebot; ich habe noch nie im Leben Wein getrunken.«

»Der heutige Tag ist anders als alle anderen«, erwiderte Taizong. »Das hier ist vegetarischer Klosterwein, nehmt nur diesen einen Becher, den ich Euch zum Abschied reiche.«

Tripitaka wollte gerade trinken, als er sah, wie Taizong sich bückte, ein paar Erdkrümel auflas und sie ihm in den Becher streute. Er verstand nicht, was damit gemeint sein sollte. Taizong lachte und sprach: »Wie lange wird die Reise dauern, mein Bruder?«

»Nicht länger als drei Jahre.«

»Euch stehen also lange Tage und Jahre fern der Heimat bevor. Trinkt diesen Wein, dann werdet Ihr einen Krümel Heimaterde mehr schätzen als zehntausend Goldbarren in der Fremde!«

Jetzt verstand Tripitaka den Sinn der Erdkrümel und leerte dankend den Becher. Dann verabschiedete er sich und zog über die Grenze von dannen, während der Kaiser zurückfuhr. Und da wir nicht wissen, was auf Tripitaka alles zukam, lasst uns das nächste Kapitel anhören.