Accueil > Die Reise nach Westen > Kapitel13

013 In der Tigergruft erscheint der Abendstern zu Rettung / Am Doppelgabelberg sorgt Boqin für den Priester

Lasst uns berichten, wie Tripitaka, nachdem er im dreizehnten Jahr der Ära Zhen’guan, drei Tage vor Vollmond im neunten Mondmonat aufgebrochen und vom Kaiser und zahlreichen Beamten zum Abschied bis vor die Tore von Chang’an begleitet worden war, in unablässigem Trab schon bald den Fayun-Si erreichte, den »Klostertempel der Dharma-Wolke«. Hier stand schon der Abt mit fünfhundert Mönchen zum Empfang bereit und geleitete die Ankömmlinge ins Kloster, wo die Begrüßung stattfand, Tee und Speisen aufgetragen wurden.

Unmerklich war es Abend geworden. Im Lichte der Laternen diskutierten die Mönche über das Unterfangen, der Heiligen Schriften wegen in den Westen zu reisen. Einige meinten, es würde gewiss eine beschwerliche Reise, behindert durch weite Gewässer und hohe Gebirge, andere meinten, schwer bezwingbare Dämonen und schreckliche Ungeheuer lauerten auf dem Weg.

Tripitaka aber verharrte in Schweigen; er wies nur mit der Hand auf sein Herz und nickte mehrmals. Auf die Frage, was er damit meine, antwortete er:

»Dämonen kommen, wenn das Herz sich regt,

Dämonen schwinden, wenn das Herz sich legt!126

Ich habe im Huasheng-Tempel bereits ein Gelübde abgelegt, nun bleibt mir nichts anderes übrig, als all meine Kräfte einzusetzen. Ich bin gewillt, unter welchen Umständen auch immer, in den Westen zu gelangen und Buddha um die Heiligen Schriften zu bitten, auf dass das Rad der Lehre auch bei uns sich drehe und unsere Dynastie in unvergänglicher Blüte stehe.«

Alle Mönche zollten ihm große Bewunderung.

Am folgenden Morgen zog sich Xuanzang gleich nach dem Frühstück seine Robe über und begab sich in die Haupthalle, wo er sich vor Buddha verneigte und sprach: »Ich, Jünger Chen Xuanzang, pilgere in den Westen, um Heilige Schriften zu holen. Doch die Augen des Fleisches irren; sie vermögen die wahre Gestalt Buddhas nicht zu erkennen. Ich gelobe, dass ich mich vor allen Buddhas, denen ich unterwegs begegne, verneigen und alle Pagoden, an denen ich vorbeikomme, auskehren werde. Möge Buddha Barmherzigkeit walten lassen, sich bald in seiner sechzehn Fuß hohen Goldenen Gestalt offenbaren und mir die Wahren Schriften überreichen, auf dass sie im Osten Verbreitung finden!«

Nachdem er das Gebet beendet hatte, sattelten seine Begleiter die Pferde und drängten zum Aufbruch. Vor dem Tempelportal verabschiedete sich Tripitaka von allen und setzte seine Reise fort.

Es war mitten im Herbst. Nach mehreren Tagen erreichten sie die Stadt Gongzhou, wo schon Beamte und Büttel zum Empfang bereitstanden und sie in die Stadt geleiteten. Nachdem sie dort eine Nacht lang geruht hatten, setzten sie ihre Reise fort. Unterwegs aßen und tranken sie, wenn sie Hunger und Durst verspürten, spätabends suchten sie eine Unterkunft, frühmorgens reisten sie weiter. So erreichten sie drei Tage später die Garnison Hezhou an der Grenze des

Chinesischen Reiches. Hier wurden sie vom

Garnisonskommandeur und den buddhistischen und daoistischen Geistlichen des Ortes in Empfang genommen, in die Stadt geleitet und mit allem versorgt, was sie brauchten. Dann wurden sie gebeten, im Fuyuan-Si, dem »Kloster zur Quelle des Glücks«, ihr Nachtlager zu beziehen.

Schon beim ersten Hahnenschrei rief Tripitaka seine Begleiter, das Pferd zu satteln, um die Grenze zu überqueren. Nun war der Priester allerdings, von innerer Unrast getrieben, viel zu früh aufgestanden, denn es war ja tiefer Herbst, wenn die Hähne früh krähen, und man zählte erst die vierte Nachtwache, zwei Stunden nach Mitternacht. Mehrere Dutzend Meilen waren sie im herbstlichen Frost unter einem klaren Mond vorangeritten, als sie an einen Hügelzug kamen, wo sie den Pfad nur noch mühsam ertasten konnten. Der Aufstieg erwies sich als unsäglich schwierig und unwegsam; allmählich stiegen Zweifel in ihnen auf. Genau in diesem Moment verloren sie plötzlich den Halt und stürzten alle drei mitsamt dem Pferd in eine Grube. Mit Entsetzen hörte Tripitaka von drinnen ein furchtbares Brüllen und den Ruf: »Packt sie!«

Ein stürmischer Wirbelwind fegte heran, an die sechzig Ungeheuer stoben hervor und zerrten Tripitaka und seine Begleiter hoch. Zitternd vor Angst hob Tripitaka verstohlen den Blick. Über ihm thronte ein Dämonenkönig, der so furchterregend aussah, dass Tripitaka schier die Seele aus dem Leibe fliehen wollte. Auch seine Begleiter zitterten bis ins Mark. Fauchend befahl der Dämonenkönig, sie zu fesseln, und schon wurden sie von den Ungeheuern in Stricke gelegt. Gerade als der Dämon ihn verschlingen wollte, waren von draußen Rufe zu hören, und die Meldung kam: »Meister vom Bärenberg und Rinderherr sind da!«

Aufblickend gewahrte Tripitaka einen schwarzen Kerl, gefolgt von einem Dicken. Schwankenden Schrittes stampften die beiden herein, während ihnen der Dämonenkönig eilfertig

zur Begrüßung entgegenschritt. Nachdem ein paar Höflichkeitsfloskeln ausgetauscht worden waren, setzten sie sich und begannen zu schwatzen und zu grölen. Als einer der Begleiter Tripitakas vor Schmerz wimmerte, weil er zu eng gebunden war, fragte der Schwarze: »Wo hast du die denn her, General Yin?«

»Die sind von selbst gekommen«, antwortete der Dämonenkönig.

»Ob Ihr uns damit bewirten könnt?« fragte der Rinderherr scherzend.

»Freilich, das wäre mir eine Ehre!« gab der Dämonenkönig zurück.

Da wandte der Meister vom Bärenberg ein: »Wir sollten sie nicht alle auf einmal verspeisen. Nehmen wir mal zweie und sparen einen auf.«

Der Dämonenkönig ließ seine Ungeheuer beiden Begleitern den Bauch aufschlitzen, das Herz entnehmen und die Leichen zerhacken. Die Köpfe wurden zusammen mit Herz und Leber den Gästen überreicht, während der Dämon selbst sich über Arme und Beine hermachte. Was an Fleisch und Knochen übrig blieb, wurde unter die Ungeheuer verteilt. Man hörte nur noch ihr Schmatzen, das nicht anders war, als wenn ein Tiger ein Lamm verschlingt. Binnen kurzem war das Mahl beendet. Der arme Priester wäre vor Entsetzen beinahe umgekommen, und dabei war dies nur das allererste Leid, das ihm nach Antritt seiner Reise widerfuhr.

Während er noch in panischer Angst verharrte, hellte sich der Osten allmählich auf, und als der Morgen kam, trollten sich die beiden Dämonen. Tripitaka fühlte sich schwer und benommen. Mitten in seiner hoffnungslosen Lage gewahrte er unvermutet einen alten Mann, der, auf einen Stock gestützt, näher kam. Bei Tripitaka angelangt, strich der Alte mit der Hand über ihn, dass sich die Fesseln lösten, und als er ihn schließlich mit Odem behauchte, kam Tripitaka wieder zu sich. Kniend verneigte er sich vor dem Alten und sprach: »Dank sei Euch, mein Herr, Ihr habt mir das Leben gerettet!« Mitten in seiner hoffnungslosen Lage gewahrte er einen alten Mann, der, auf einen Stock gestützt, näher kam.

»Steht auf«, erwiderte der Alte und fragte: »Habt Ihr etwas verloren?«

»Meine Begleiter sind von einem Ungeheuer gefressen worden. Doch wo sind Gepäck und Pferd?«

»Dort steht doch ein Pferd mit zwei Reisebündeln!« erwiderte der Alte und wies mit seinem Stock darauf.

Tripitaka wandte sich um. Tatsächlich, es waren seine Sachen.

»Mein Herr, wo befinden wir uns hier?« fragte er, »wer waren die drei schrecklichen Dämonen?«

»Wir sind hier am Shuangcha-Ling, dem Doppelgabel- Hügel, ein Nest voller Tiger und Wölfe. Der Rinderherr ist der Geist eines wilden Büffels, der Meister vom Bärenberg der Geist eines Bären, und General Yin ist der Geist eines Tigers. Die Ungeheuer, die ihnen zu Diensten standen, sind die Geister von allerhand Berggetier. Nur weil Euer innerstes Wesen so rein und vollkommen ist, konnten sie Euch nichts anhaben. Kommt mit mir, ich bringe Euch auf den Weg.«

In tiefer Dankbarkeit schnürte Tripitaka sein Gepäck aufs Pferd und führte es hinter dem Alten aus der Grube heraus und kam auf die Landstraße. Nachdem er das Pferd am Wegesrand angebunden hatte, wandte er sich zurück, um sich zum Dank zu verneigen. Da gewahrte er, wie der Alte, in einen lichten Windstoß verwandelt, auf einen weißen Kranich stieg und alsbald am Himmel entschwand. Aus der Luft flatterte ein Zettel hernieder, auf dem geschrieben stand:

Ich bin Taibai, der Abendstern,

Vom Westhimmel kam ich her,

Denn die Rettung deiner Seele

Eigens hier mein Auftrag war.

Göttliche Schüler werden Euch

Auf dem Weg zur Seite stehen;

Auch in Nöten sollt Ihr Buddhas

Heilige Schriften nie verschmähen!

Mit gefalteten Händen verneigte sich Tripitaka gen Himmel. Schließlich nahm er sein Pferd an den Zügeln und schritt voran, einsam und verlassen, wie er war. Der Aufstieg ins Gebirge kostete ihn den Einsatz aller Kräfte. Über lange Zeit hinweg stieß er auf keine menschliche Behausung, der Weg war äußerst beschwerlich, und der Hunger plagte ihn. In dieser schwierigen Lage gewahrte er auf einmal, wie zwei wilde Tiger mit lautem Gebrüll vor ihm auftauchten; hinter ihm aber wanden sich Riesenschlangen, zu seiner Linken erschienen giftige Bestien und zu seiner Rechten fürchterliche Scheusale. Tripitaka blieb nichts anderes übrig, als aufzugeben und sich dem Willen des Himmels anzuvertrauen. Zu allem Unheil sackte jetzt sein Pferd vor Angst zu Boden und blieb kraftlos liegen, wie sehr er auch ziehen und zerren mochte. Der arme Priester sah keinen Ausweg mehr; von traurigem Elend überfallen, war er sich des Todes sicher.

Mit einem Mal stoben Giftgetier und Scheusale davon, die Tiger zogen verstohlen ab, und die Schlangen verbargen sich. Sich umblickend bemerkte Tripitaka, wie hinter einem Berghang ein Mann auftauchte, der einen stählernen Dreizack trug und einen Pfeilbogen um die Hüften hängen hatte. Das musste in der Tat ein wackerer Bursche sein. Während er näher kam, kniete Tripitaka am Wegrand nieder, faltete die Hände und rief: »Rettet mich, großer König!«

Bei ihm angekommen, stellte der Mann seinen Dreizack ab, half Tripitaka aufstehen und sprach: »Fürchtet Euch nicht, Priester. Ich lebe als Jäger in diesem Gebirge, mein Name ist Liu, mit Vornamen Boqin; man nennt mich auch den Gebieter des Berges. Eigentlich bin ich hierhergekommen, um ein paar Tiger zu erlegen, damit wir etwas zum Essen haben. Nun bin ich stattdessen Euch so ungebührlich in den Weg getreten!«

»Ich einfacher Mönch reise im Auftrag des Kaisers von China in den Westen, um bei Buddha Heilige Schriften zu holen«, erklärte Tripitaka. »Eben wurde ich von wilden Bestien und Schlangen umzingelt und wusste keinen Ausweg mehr. Erst als sie Euer Kommen gewittert haben, sind sie plötzlich alle verschwunden. Ihr habt mir das Leben gerettet, Dank sei Euch, vielen Dank!«

»Wir leben hier im Gebirge von der Jagd, darum fürchten sich die Tiere vor mir. Wenn Ihr vom chinesischen Kaiserhof kommt, dann seid Ihr ja mein Landsmann; unsere Gegend gehört noch zu China. Seid getrost und kommt mit mir, bei mir zu Hause könnt Ihr Euer Pferd ruhen lassen, und morgen will ich Euch auf den Weiterweg führen.«

In großer Erleichterung bedankte sich Tripitaka und folgte, das Pferd an den Zügeln führend, Boqin nach. Als sie einen Berghang erklommen hatten, hörte man den Wind heulen.

»Wo der Wind heult, geht der Tiger um«, erklärte Boqin. »Ehrwürden, setzt Euch hier ein Weilchen nieder, ich werde die Bergkatze nach Hause bringen und Euch damit beköstigen.«

Diese Worte versetzten Tripitaka von neuem in Furcht und Schrecken. Der Gebieter aber schritt mit erhobenem Dreizack nach vorn, wo nun ein stattlicher Tiger auftauchte. Doch kaum hatte er Boqin erblickt, wandte er sich zur Flucht. »Stillgestanden, du Bestie!« donnerte Boqin. Als der Tiger gewahrte, dass Boqin ihm zu Leibe rücken wollte, kam er zurück und stürzte sich mit gespreizten Krallen auf Boqin, der ihm mit seinem Dreizack standhielt. Gelähmt vor Angst kauerte Tripitaka am Boden. Er hatte doch noch nie im Leben etwas derart Wildes und Gefährliches miterlebt! Nahezu zwei Stunden dauerte dieser Kampf am Berghang. Endlich bemerkte er, wie die Kräfte des Tigers nachließen und seine Krallen erschlafften; zuletzt wurde er von Boqins Dreizack mitten in die Brust getroffen und fiel. Binnen Augenblicken war der Boden von Blut überströmt. Boqin zerrte den Tiger an den Ohren und rief, ohne mit der Wimper zu zucken: »Sehr schön, sehr schön! Mit dieser Bergkatze kann ich Euch einige Tage lang bewirten.« Außer sich vor Staunen stieß Tripitaka hervor: »Gebieter, Ihr seid ein wahrer Berggott!«

»Nicht der Rede wert«, entgegnete dieser und schritt voran, in der einen Hand den Dreizack, mit der anderen den Tiger hinter sich herschleifend. Tripitaka folgte ihm mit dem Pferd.

Hinter einem weiteren Hügel tauchte nun ein Gehöft auf. Vor dem Tor ließ Boqin den Tiger liegen und hieß seine Diener, die Beute hineinzutragen, zu häuten und ein Gastmahl herzurichten. Dann wandte er sich an Tripitaka und bat ihn höflich in sein Haus. Hier wurden die formellen Begrüßungen ausgetauscht, worauf Boqin seine Mutter und seine Frau herbeirief und erklärte: »Mutter, dieser Priester reist auf Geheiß unseres Kaisers in den Westen, um bei Buddha Heilige Schriften zu holen. Ich habe ihn zu uns eingeladen, damit sein Pferd etwas rasten kann. Morgen wird er weiterziehen.«

Boqin wandte sich an Tripitaka und bat ihn höflich in sein Haus.

»Sehr gut«, freute sich die alte Mutter. »Morgen jährt sich der Todestag deines Vaters, da wollen wir doch den Priester fragen, ob er uns nicht den Gefallen machen könnte, ein Sutra zu lesen. Dann mag er übermorgen weiterziehen.«

Auch wenn Boqin ein Jäger und Schlächter war, besaß er doch einen Sinn für die Pflicht der Kindesliebe. Kaum hatte er die Worte seiner Mutter vernommen, machte er sich schon daran, Weihrauch und Totengeld vorzubereiten, um Tripitaka zum Bleiben zu bewegen.

Gegen Abend stellten die Diener Tische und Stühle bereit und trugen Schalen mit dampfendem Tigerfleisch auf. Boqin bat Tripitaka, sich einstweilen zu bedienen, während er noch etwas Reis kochen wolle. Tripitaka aber faltete die Hände vor der Brust und rief: »O gütiger Himmel! Ich muss Euch gestehen, dass ich zeit meines Lebens Mönch war und gar kein Fleisch essen kann.«

Boqin versank in langes Schweigen. »Ehrwürden«, meinte er schließlich, »unsere armselige Familie ernährt sich seit jeher ausschließlich von Fleisch, was sollen wir da machen? Da habe ich Euch ja zum Unguten eingeladen. Ich muss mich entschuldigen!«

Boqins Mutter hatte ihre Worte mitangehört und rief: »Kind, lass die müßigen Worte, ich habe da etwas Gemüse, mit dem wir ihn beköstigen können.«

Sie ließ ihre Schwiegertochter Reis mit Hirse zubereiten, kochte etwas Gemüse dazu, trug dann die Gerichte heran und stellte alles auf den Tisch. Tripitaka setzte sich, und nachdem er ein Gebet gemurmelt hatte, griff er zu den Stäbchen und bediente sich, während Boqin ihm mit seinem Tigerfleisch Gesellschaft leistete. Nach dem Essen legten sich alle zur Ruhe.

Kaum waren am nächsten Morgen alle aufgestanden, wurde Tripitaka abermals eine vegetarische Mahlzeit aufgetischt, dann wurde er gebeten, mit dem Rezitieren der Sutren zu beginnen. Nachdem sich der Priester die Hände gewaschen hatte, betrat er mit Boqin zusammen die Ahnenhalle, wo sie Weihrauch verbrannten und sich vor dem Altar verbeugten. Da begann Tripitaka den Holzfisch127 zu klopfen, zu dessen Rhythmus er zuerst das »Wahre Wort zur Reinigung des Mund-Karmas« sprach und anschließend den »Göttlichen Spruch zur Reinigung von Körper und Herz«. Zuletzt schrieb er ein Gebet zur Erlösung des Verstorbenen, rezitierte allerlei Sutren und erzählte schließlich noch die Geschichte eines indischen Mönchs, dessen Karma durch Buddha gereinigt worden war. Bald wurde es wieder Abend. Nachdem die Zeremonie beendet war, legten sich alle zur Ruhe; Boqin und seine Frau schliefen nebeneinander. Als am nächsten Morgen die Sonne aufging, sagte seine Frau: »Gebieter, in der Nacht träumte mir, Vater käme zu uns und sagte, es sei schwer, sich in der Unterwelt vom Leid zu befreien, und er hätte lange keine Erlösung gefunden. Da aber der heilige Mönch für ihn Sutren gelesen habe, sei ihm nun alle Schuld vergeben worden und Höllenkönig Yama hätte Leute ausgeschickt, ihn zur Wiedergeburt in einer angesehenen Familie im reichen Zentralchina zu führen. Er sagte, wir sollten uns beim Priester gebührend bedanken und ihn in keiner Weise zu kurz kommen lassen. Da bin ich aufgewacht, und es war nur ein Traum.«

»Ich habe genau dasselbe geträumt!« rief Boqin. »Komm, stehen wir auf und berichten es Mutter!«

Beide traten vor der Mutter Bett und erzählten ihr den Traum. Wer hätte aber gedacht, dass auch ihr derselbe Traum erschienen war! Die drei lachten laut heraus, riefen Alte und Junge des Hauses wach, bereiteten Dankesgaben zu und sattelten dem Priester das Pferd. Dann strömten sie alle zu Tripitaka, verneigten sich dankend und sprachen: »Dank sei Euch, Priester, dass Ihr unseren seligen Vater erlöst habt! Wie können wir das nur vergelten?«

»Wie habe ich einfacher Mönch solche Dankbarkeit verdient?« wehrte Tripitaka bescheiden ab. Da erzählte ihm Boqin von dem gemeinsamen Traum, und Tripitaka freute sich mit ihnen.

Sie tischten ihm eine weitere vegetarische Mahlzeit auf und boten ihm Silber zum Dank, doch Tripitaka wollte es unter keinen Umständen annehmen. »Gebieter«, sagte er, »seid doch so gütig und begleitet mich stattdessen ein Stück des Weges. Das reicht hinlänglich, mir Euer höchstes Wohlwollen zu erweisen.«

Boqin ließ seine Frau in aller Eile Gebäck und Trockenproviant zubereiten, rief zwei, drei Diener, ihnen mit Waffen zu folgen, dann brachen sie auf. Nachdem sie schon länger gewandert waren, kamen sie an einen steilen Berg, der war so hoch, dass er den Himmel zu berühren schien. Genau in der Mitte wandte sich Boqin um, blieb auf dem Pfad stehen und rief: »Priester, hier müsst Ihr alleine weiter. Ich verabschiede mich von Euch.« Erschrocken sprang Tripitaka aus dem Sattel und rief: »Bitte, um alles in der Welt, begleitet mich noch ein Stück!«

»Ehrwürden«, erwiderte Boqin, »Ihr müsst wissen, dass dies der Grenzberg ist. Der östliche Teil steht noch unter der Verwaltung des chinesischen Kaiserreichs, der westliche Teil aber gehört zum Lande der Tataren. Über die Wölfe und Tiger dort drüben habe ich keine Macht, außerdem darf ich die Grenze nicht überschreiten. Darum muss ich mich hier verabschieden. Ihr müsst alleine weiter.«

Tripitaka streckte die Hände aus und fasste Boqin am Ärmel, Tränen rannen ihm über die Wangen; er konnte und wollte sich nicht trennen. Da erscholl mitten in seine Angst und Verlassenheit vom Fuß des Berges her eine donnergleiche Stimme: »Mein Meister ist da! Mein Meister ist da!«

Tripitaka erstarrte vor Schrecken, und Boqin stützte ihn nach Kräften.

Und da wir nicht wissen, wer da rief, lasst uns das nächste Kapitel anhören.