Accueil > Die Reise nach Westen > Kapitel14

014 Der Herzensaffe wendet sich zum Guten / Sechs Räuber sind spurlos verschwunden

Mit Buddha ist das Herz gemeint,

Oh, mit dem Herzen Buddha!

Herz und Buddha sind seit je

Als wesentliche Dinge da.128

Wer erkennt, dass gar nichts ist,

Weder Herz noch alle Dinge,

Wird ein transzendenter Buddha,129

Des Wahrhaften So-Seins inne.

Denn der transzendente Buddha

Ist ganz ohne Formgestalt,

Doch er birgt als rundes Leuchten

Jegliches Erscheinungsbild.

In dem Körper ohne Körper

Ist er der wahrhafte Körper,

In der Form, die ohne Form,

Ist er die wahrhafte Form.

Er ist weder Stoff noch Leere,

Und auch nicht nicht Leere;

Weder kommend oder gehend,

Auch nicht wiederkommend.

Sein beseeltes Licht erstrahlt

Innen, außen, ringsum gleich;

Auch ein Sandkorn offenbart

Das gesamte Buddha-Reich!

Denn das Sandkorn birgt in sich

Schon die tausendfache Welt,

Und der Mensch, mit Leib und Herz,

Ist den Dingen gleichgestellt.

Nun musst du, um dies zu wissen,

Das Kein-Herz-Geheimnis fassen,130

Unbefleckt und nicht anhaftend

Reines Handeln wirken lassen.131

Lasse all das mannigfache

Gut und Böse ungetan,

Dann gehörst du voll und ganz

Buddha Shakyamuni an!

Doch wenden wir uns wieder Boqin und Tripitaka zu, die entsetzt stehen geblieben waren. Da erscholl die Stimme von neuem: »Der Meister ist da!«

»Das muss doch der alte Affe sein, unten am Berg im Steinverlies«, meinten die Begleiter.

»Er ist es«, bekräftigte Boqin, »er ist es!« Und auf Tripitakas Nachfrage, um was für einen Affen es sich denn handle, erklärte er: »Dieser Berg hieß in alten Zeiten ›Berg der Fünf Wandlungsphasen‹; heute wird er ›Grenzberg‹ genannt. Früher habe ich die Alten erzählen hören, der Berg sei zu jener Zeit, als Wang Mang die Regierung der Han-Dynastie an sich riss, vom Himmel gekommen, um einen göttlichen Menschenaffen zu bezwingen. Dieser Affe soll weder Hitze noch Kälte fürchten und keine normalen Speisen und Getränke zu sich nehmen. Der Erdgeist, der ihn bewacht, füttert ihn mit Eisenkugeln, wenn er hungert, und wenn er Durst hat, gibt er ihm flüssiges Kupfer zu trinken. Darum ist er bis jetzt nicht erfroren noch verhungert. Bestimmt ist er es, der da ruft. Fürchtet Euch nicht, Ehrwürden, lasst uns nach unten gehen und schauen, was los ist.«

Tripitaka stimmte zu und folgte mit dem Pferd an den Zügeln den Hang hinunter. Nach wenigen Wegmeilen sahen sie tatsächlich, dass der Kopf eines Affen aus einem steinernen Verlies hervorlugte. Der Affe streckte die Arme heraus, winkte wie wild und rief: »Meister, warum habt Ihr mich so lange warten lassen? Gut, dass Ihr kommt, wunderbar, befreit mich, ich werde Euch auf Eurer Reise in den Westen begleiten und beschützen!«

Der Priester trat näher und sah:

Spitzer Mund und hohle Wangen,

Feurige Augen mit Goldpupillen,

Moose und Flechten bedecken die Stirn,

Die Ohren voll Kraut und Teufelszwirn.133

Karg behaart, doch grün sind seine Schläfen schon,

Statt des Bartes sprießt ihm Binsengras am Kinn!

Gebieter Liu war in der Tat ein wackerer Mann. Er ging auf den Affen zu, rupfte ihm das Unkraut von den Schläfen, säuberte sein Kinn vom Gras und fragte: »Was willst du uns sagen?«

»Nichts«, erwiderte der Affe, »lasst jenen Meister kommen, den will ich etwas fragen.«

»Was willst du mich fragen?« erkundigte sich Tripitaka.

»Ihr seid doch derjenige, der vom chinesischen Kaiser in den Westen gesandt wurde, um die Heiligen Schriften zu holen?«

»Ja, der bin ich. Weshalb fragst du?«

»Ich bin derjenige, der vor fünfhundert Jahren im Himmelspalast einen großen Aufruhr gemacht hat, der Himmelsebenbürtige Große Heilige. Nur weil ich mich gegen die Obrigkeit gewendet habe, hat mich der Buddha hier eingekerkert. Vor einiger Zeit aber ist die Bodhisattva Guanyin auf Geheiß des Buddha in den Osten gegangen, um einen Menschen zu suchen, der die Heiligen Schriften holt. Da habe ich sie gebeten, mich zu befreien. Sie hat mir dann geraten, mich der buddhistischen Lehre zu widmen und den Schriftenholer auf dem Weg zu Buddha im Westen nach Kräften zu beschützen; am Ende werde der Erfolg belohnt. Deshalb hielt ich seither Tag und Nacht Ausschau, ob nicht endlich jener Meister vorbeikäme, der mich befreien soll. Ich bin gewillt, Euch auf der Reise in den Westen zu beschützen und Euer Schüler zu werden.«

Tripitaka freute sich sehr, doch er meinte: »Deine Absicht ist gut, aber ich habe ja weder Axt noch Meißel, wie kann ich dich befreien?«

»Axt und Meißel sind nicht nötig«, erwiderte der Affe, »Ihr müsst nur willens sein, mich zu befreien. Oben auf dem Gipfel ist ein Siegel Buddhas, das mit goldenen Zeichen beschriftet ist. Ihr braucht nur hochzusteigen und dieses Siegel zu entfernen, dann werde ich herauskommen.«

Wie geheißen stieg Tripitaka, nicht ohne Boqin um Begleitung gebeten zu haben, abermals den Hang hinauf. Sie mussten sich durch Rankengestrüpp und Lianen kämpfen, bis sie endlich den höchsten Gipfelpunkt erreicht hatten. Und hier gewahrten sie tatsächlich ein gleißendes Goldlicht, das in tausend Strahlen schimmerte. Ein kubischer Felsblock war mit einem Pergamentstreifen versiegelt, auf dem sechs goldene Schriftzeichen prangten: »唵嘛呢叭咪吽 – OM MANI PADME HUM«. Tripitaka trat darauf zu, verneigte sich und sprach: »Ich, Jünger Chen Xuanzang, habe den Befehl erhalten, Heilige Schriften zu holen. Falls es mir tatsächlich vorbestimmt ist, diesen Schüler aufzunehmen, so möge ich dieses Siegel lösen können, auf dass der göttliche Affe befreit wird und mit mir gemeinsam ans Ziel, den Seelenberg, gelangen kann. Sollte er aber ein böses Ungeheuer sein, das mich betrügen will und nur Unglück bringt, dann möge das Siegel verschlossen bleiben.« Abermals verneigte er sich und löste dann mit leichter Hand das Siegel ab. Da fuhr ein wohlriechender Windstoß heran, der Pergamentstreifen wurde in die Lüfte gerissen, und eine Stimme erklang: »Wir sind die Bewacher des Großen Heiligen. Heute ist seine Leidenszeit vollendet, darum bringen wir dieses Siegel zurück zu Buddha.«

Tripitaka, Boqin und ihre Begleiter wandten sich erschrocken gen Himmel und verneigten sich ehrfürchtig. Als sie wieder unten waren, gingen sie abermals zum steinernen Verlies, wo Tripitaka dem Affen zurief: »Das Siegel ist abgelöst. Kommst du nun heraus?«

Freudestrahlend rief dieser: »Meister, entfernt Euch ein bisschen, damit ich herauskommen kann. Hoffentlich erschrecke ich Euch nicht.«

Als Boqin diese Worte hörte, führte er Tripitaka zurück gen Osten. Sie waren schon fünf bis sieben Meilen gegangen, als der Affe abermals schrie: »Weiter, noch weiter!« Sie liefen also noch einmal geraume Zeit weiter, bis sie die Talsohle erreicht hatten. Da gab es einen lauten Knall, als würde die Erde bersten und der Berg in sich zusammenstürzen. Allen standen die Haare zu Berge.

Der Affe aber war bereits vor dem Pferd. Splitternackt kniete er nieder und rief: »Hier bin ich, Meister!« Er verneigte sich viermal vor Tripitaka, stand dann behände auf und wandte sich mit einer tiefen Verbeugung an Boqin: »Habt Dank, mein Bruder, dass Ihr meinen Meister hierhergeführt habt! Danke auch, dass Ihr mir das Unkraut vom Gesicht genommen habt.« Splitternackt kniete er nieder und rief: »Hier bin ich, Meister!«

Kaum war er damit fertig, machte er sich daran, das Gepäck zu ordnen und das Pferd zu satteln. Diesem aber wurden bei seinem Anblick regelrecht die Lenden weich, es zitterte und konnte sich kaum mehr aufrecht halten. Ehedem hatte dieser Affe ja im Himmel als Bimawen gedient, darum hatte er seine Methoden, mit himmlischen Drachenpferden umzugehen. Das musste diesem irdischen Pferd mächtig Furcht einjagen. Tripitaka sah, wie er sich aufrichtige Mühe gab; er war tatsächlich wie ein frommer Gläubiger des buddhistischen Ordens.

»Wie heißt du denn, mein Schüler?« rief er ihm zu.

»Ich heiße Sun«, antwortete der Affenkönig.

»Ich will dir einen Ordensnamen verleihen, damit ich dich auch rufen kann«, schlug Tripitaka vor, doch der Affenkönig entgegnete: »Ich habe schon einen Ordensnamen, ich heiße Sun Wukong.«

Erfreut sprach Tripitaka: »Dieser Name passt genau zu unserem Orden! Nun, wenn ich dich so anschaue, scheinst du mir wie ein kleiner Bettelmönch; ich will dir noch einen Übernamen geben und dich Pilger nennen. Einverstanden?«

»Bestens, bestens!« rief Wukong. Von da an nannte er sich Pilger Sun.

Als Boqin sah, wie Pilger Sun sich bereits voll und ganz dem Packen hingab, wandte er sich mit ehrerbietiger Geste an Tripitaka und sprach: »Ehrwürden, welch ein Glück, dass Ihr hier einen guten Schüler gefunden habt! Das freut mich sehr. Da er jetzt tatsächlich mit Euch zieht, will ich nun von Euch Abschied nehmen.«

Tripitaka verbeugte sich zum Dank, und ihre Wege trennten sich.

Pilger bat Tripitaka aufs Pferd, während er selbst mit den Reisebündeln auf dem Rücken voranging, nackt wie er war, mit ausholenden Schritten. Nach nicht allzu langer Zeit hatten sie den Grenzberg hinter sich. Plötzlich gewahrten sie, wie ihnen ein wilder Tiger brüllend und mit schwenkendem Schweif entgegenkam. Tripitaka erzitterte im Sattel, Pilger jedoch lachte nur: »Keine Angst, Meister, der bringt mir bloß was zum Anziehen!«

Er setzte das Gepäck ab, klaubte ein nadelgroßes Stäbchen aus dem Ohr, schwenkte es in den Wind und hielt auf einmal eine mächtige Eisenstange in der Hand. Lachend bemerkte er: »Fünfhundert Jahre lang lag dieser Schatz brach! Heute kann ich ihn endlich wieder rausholen, um mir ein Kleid zu verschaffen.«

Seht nur, wie er mit großen Schritten auf den Tiger zuging!

»Bleib stehen, du Bestie!« brüllte er.

Der Tiger duckte sich in den Staub und wagte sich nicht zu regen. Schon sauste ein Hieb auf seinen Schädel, dass die Gehirnmasse nur so spritzte und die Zähne zersplitterten. Tripitaka glitt vor Entsetzen aus dem Sattel, biss sich auf die Finger und stammelte: »Gütiger Himmel! Gestern, als Gebieter Liu einen Tiger erlegt hat, dauerte es doch eine ganze Weile, bis der Kampf zu Ende war. Und jetzt schlägt dieser Sun Wukong einen Tiger einfach so zu Brei, ohne den geringsten Kampf! In der Tat, es ist, wie man sagt: Auch unter Helden gibt es Helden.«

Pilger zerrte den Tiger heran und meinte: »Meister, setzt Euch mal ein Weilchen. Sobald ich ihm sein Kleid abgezogen und was zum Anziehen habe, können wir weitergehen.«

Der gute Affenkönig! Er zupfte sich ein Pelzhaar aus, blies himmlischen Odem darauf und rief: »Verwandlung!« Schon hielt er einen spitzen Dolch in der Hand. Damit häutete er den Tiger, hackte Kopf und Klauen weg und schnitt das Fell zu einem rechteckigen Stück, das er in zwei Hälften teilte. Eine davon steckte er ein, das andere Stück Fell schwang er sich um die Hüften, dann riss er eine Liane ab, mit der er das Fell zuschnürte, so dass es seinen Unterleib bedeckte. Dann rief er dem Meister zu: »Gehen wir! Nähen kann ich das bei Gelegenheit immer noch, wenn wir mal in ein Haus kommen, wo ich Nadel und Faden ausleihen kann.«

Er zwirbelte seine Eisenstange zwischen den Händen, bis sie nur noch so dünn wie eine Nadel war, dann brachte er sie wie zuvor im Ohr unter, schulterte das Gepäck und half seinem Meister in den Sattel.

»Wukong, wo ist denn die Stange, mit der du eben den Tiger erschlagen hast?« wunderte sich Tripitaka.

Pilger lachte und erklärte: »Ihr müsst wissen, Meister, dass meine Stange aus dem Drachenpalast des Östlichen Ozeans stammt; sie wird ›Göttliches Edelerz zur Erdung der Milchstraße‹ genannt, oder ›Wunscherfüllender Goldreifstab‹. Dank ihr konnte ich damals den Aufruhr im Himmelspalast veranstalten. Die Stange ist wandelbar, will ich sie groß, so wird sie groß, will ich sie klein, dann wird sie klein. Vorhin habe ich sie auf Sticknadelgröße verkleinert und im Ohr untergebracht. Ich kann sie erst wieder hervorholen, wenn ich sie brauche.«

Tripitaka freute sich im Stillen und fragte: »Warum ist der Tiger gleich erstarrt, als er dich erblickt hat?«

»Nun, ich will Euch nicht vorenthalten, dass ich alter Sun so ein paar Kniffe habe, mit denen ich Drachen und Tiger bändigen, Ströme und Meere aufwühlen kann. So ein Tiger ist doch nicht der Rede wert.«

Diese Worte machten Tripitaka zuversichtlicher, und so gab er dem Pferd die Sporen und ritt weiter. Bald warf die Sonne ihre letzten Strahlen von den Hügeln, und die Neumondsichel durchbrach den Abendhimmel.

»Es ist spät«, meinte Pilger, »dort drüben, bei dem dichten Forst, sollte ein Gutshof liegen. Lasst uns beizeiten um Nachtquartier bitten.«

Tripitaka versetzte sein Pferd in Trab, und sie eilten dem Anwesen entgegen. Vor dem Gutshof sprang er vom Sattel, während Pilger das Gepäck abwarf und zum Tor schritt. »Aufmachen, aufmachen!« schrie er.

Drinnen schlurfte ein alter Mann auf einen Bambusstock gestützt heran und öffnete. Kaum fiel sein Blick auf Pilger, der mit seinem Tigerfell um die Hüften so furchterregend aussah, als wäre er der leibhaftige Donnergott, fuhr dem Alten der Schreck in die Glieder, dass es ihm kalt über den Rücken lief. »Ein Gespenst! Ein Gespenst!« stammelte er.

Tripitaka lief hinzu, stützte ihn und sprach: »Fürchtet Euch nicht, werter Herr, das kein Gespenst, es ist mein Schüler.«

Aufblickend gewahrte der Alte das anmutige Gesicht Tripitakas, da fasste er sich und fragte: »Woher kommt Ihr denn, ehrwürdiger Herr? Was für einen grässlichen Burschen bringt Ihr da vor meine Tür!«

»Ich einfacher Mönch komme aus dem chinesischen Kaiserreich und bin auf einer Reise in den Westen, um Buddhas Heilige Schriften zu holen. Da unser Weg hier entlangführt, möchten wir Eurem Hause einen Besuch abstatten und um ein Nachtlager bitten. Morgen werden wir vor Tagesanbruch weiterziehen. Wir hoffen sehr, dass Ihr uns den Gefallen erweist.«

»Dass Ihr aus dem chinesischen Kaiserreich kommt, kann ich glauben«, meinte der Alte, »doch der Grässliche da, der ist sicher kein Bürger vom chinesischen Kaiserreich!«

Da gellte Wukong dazwischen: »Alter, dir fehlt es an Verstand! Dieser Bürger vom Kaiserreich ist mein Meister, und ich bin sein Schüler. Abgesehen davon bin ich weder vom Kaiserreich noch von Kandis und Karamell; ich bin der Himmelsebenbürtige Große Heilige! Zuvor lebte ich im Steinverlies unten am Grenzberg. Schau doch genau hin!«

Da ging dem Alten ein Licht auf, und er meinte: »Ihr seht ihm tatsächlich ähnlich. Aber wie seid Ihr herausgekommen?«

Wukong berichtete ihm nun, wie sich die Sache zugetragen hatte. Schließlich verbeugte sich der Alte vor ihm und bat die beiden zum Tee ins Haus.

»Großer Heiliger«, wandte er sich an Wukong, »Ihr müsst ein stattliches Alter haben?«

»Nun, wie alt seid Ihr denn?« fragte Wukong zurück.

»Hundertunddreißig Jahre habe ich müßig verbracht.«

»Ach, wie meine Kindeskinder und Urenkel! Ich weiß zwar nicht, wie lange ich schon existiere, doch allein hier unter diesem Berg war ich fünfhundert Jahre lang.«

»Wahrhaftig, es müssen fünfhundert Jahre sein.«

Der Alte, der im Grunde ein gutherziger Mann war, befahl nun seinen Dienern, den Gästen fleischlose Kost aufzutragen.

»Wir machen Euch große Umstände, Alter«, meinte Pilger nun, »aber seid doch so gut und macht ein bisschen heißes Wasser, damit ich ein Bad nehmen kann; ich habe mich fünfhundert Jahre lang nicht gewaschen. Ich wäre Euch überaus dankbar!«

Auf der Stelle ließ der Alte Wasser kochen und die beiden ein Bad nehmen. Anschließend bat Pilger um Nadel und Faden und knüpfte, nachdem er sich ein weißes Hemd, das der Meister ausgezogen hatte, umgelegt hatte, sein Tigerfell von den Hüften und nähte daraus eine Schürze, die er sich wieder um die Hüften schnürte. Nun trat er vor den Meister und fragte: »Nun, was haltet Ihr von Suns neuer Aufmachung?«

»Sehr schön, sehr schön«, nickte der Meister anerkennend, »jetzt siehst du aus wie ein richtiger Pilger. Das Hemd kannst du gleich behalten.«

Pilger dankte und machte sich daran, das Pferd zu füttern. Nachdem alles Tagwerk beendet war, legte man sich zur Ruhe.

Am folgenden Morgen, als Meister und Schüler aufstanden, hatte der Alte bereits eine Mahlzeit bereitgestellt, so dass sie erst nach dem Essen aufbrechen konnten. Nun setzte sich Tripitaka aufs Pferd, Pilger schritt voran, und so zogen sie weiter, Tag für Tag. Ehe man sich’s versah, nahte der Winter. Wie Meister und Schüler nun ihres Weges gingen, tönte plötzlich vom Wegrand her ein Pfiff, und schon stürzten sechs Männer hervor, alle mit Lanze, Schwert, Bogen oder Dolch bewaffnet.

»Halt, ihr Mönche!« schrien sie, »legt auf der Stelle das Gepäck nieder, dann kommt ihr mit dem Leben davon.«

Zu Tode erschrocken glitt Tripitaka vom Pferd. Pilger stützte ihn mit beiden Händen und meinte gelassen: »Seid unbesorgt, Meister, keine Sache. Die bringen uns nur Kleider und Verpflegung.«

»Du bist wohl taub«, gab Tripitaka zurück, »Gepäck und Pferd sollen wir hierlassen, haben sie gesagt, und du willst sie um Kleider und Verpflegung bitten!«

»Gebt einfach acht auf Gepäck und Pferd«, meinte Pilger, »seht zu, wie ich alter Sun mit denen fertigwerde.«

Schon trat er vor die sechs Männer, legte zum Gruß die Hände vor der Brust übereinander und fragte höflich: »Warum versperrt ihr uns den Weg, meine Herren?«

»Wir sind die Könige aller Wegelagerer, wohltätige Herrscher des Gebirges«, entgegnete einer, »seit jeher sind wir weitum berühmt. Sieh bloß zu, dass du auf der Stelle deine Sachen hierlässt, dann lassen wir dich laufen!«

»Auch ich bin ein erbadliger König und langjähriger Bergbeherrscher«, gab Pilger zurück, »doch euer Ruf ist nicht bis zu mir gedrungen.«

»Dann bist du nicht informiert«, entgegnete jener. »Hör gut zu: Der Erste heißt Freudeschauendes Auge, der Zweite Zornhörendes Ohr, der Dritte Liebeschnuppernde Nase, der

Vierte Gedankenschmeckende Zunge, der Fünfte Lustgewahrender Sinn, der Sechste Kummerverhafteter Körper.«134

»Ach so, sechs kleine Räuberchen!« spottete Wukong. »Ihr habt wohl nicht begriffen, dass ich Geistlicher euer Oberhaupt bin! Und wollt mir stattdessen auch noch den Weg versperren. Bringt euer gesamtes Diebesgut her, dann wird es in sieben Teile geteilt, und jeder kriegt gleichviel. Dann will ich euch verschonen.«

Wie die Räuber das hörten, frohlockte der Erste, zürnte der Zweite, liebte der Dritte, sinnierte der Vierte, bangte der Fünfte, begehrte der Sechste, und so stürmten sie allesamt vor und schrien: »Dieser Mönch ist unverschämt! Nichts will er beitragen und verlangt auch noch, dass wir mit ihm teilen!«

Sie schwangen ihre Lanzen und ließen die Säbel rasseln, dann stürmten sie auf Pilger zu und verpassten ihm in wildem Getümmel wohl an die siebzig oder achtzig Hiebe. Wukong aber stand ungerührt in ihrer Mitte.

»Der gute Mönch hat aber einen harten Schädel«, bemerkte einer.

»Nun, das mag noch so durchgehen«, lachte Pilger. »Aber ihr müsst ganz schön erschöpft sein. Jetzt ist es am alten Sun, sein Nädelchen spielen zu lassen!«

»Aha, der Mönch ist ein Akupunkteur«, meinte einer der Räuber und rief: »Wir sind doch nicht krank, wozu eine Nadel?«

Pilger holte sein stecknadelgroßes Stäbchen aus dem Ohr, schwang es in den Wind und hielt eine Stange vom Durchmesser einer Reisschale in den Händen. Dann schrie er: »Stehengeblieben! Lasst auch den alten Sun seine Waffe ausprobieren.«

Entsetzt stoben die sechs Räuber in alle Richtungen, doch Sun Wukong, der ihnen in weiten Sätzen nachstellte, holte sie allesamt ein und schlug einen nach dem anderen tot. Nachdem er ihnen die Kleider vom Leib gerissen und ihre Schätze an sich genommen hatte, ging er lachend zu Tripitaka zurück und meinte: »Lasst uns aufbrechen, Meister. Ich alter Sun habe die Räuber erledigt.«

Da rief Tripitaka: »Großes Unheil hast du angerichtet! Auch wenn es Wegelagerer und Räuber sind, haben sie nicht einfach den Tod verdient! Mit all den Fähigkeiten, die du hast, wäre es dir doch ein Leichtes gewesen, sie zu verjagen; warum musst du sie alle totschlagen? Das ist grundlose Verletzung von Menschenleben, wie kannst du als Mönch dir so etwas erlauben?«

»Meister«, wandte Wukong ein, »wenn ich sie nicht getötet hätte, dann hätten sie Euch erschlagen.«

»Ich als Geistlicher würde lieber sterben, als Gewalt anzuwenden«, gab Tripitaka zurück. »Würde man dies den Behörden melden, wäre deine Tat mit nichts zu rechtfertigen, und wäre dein eigener Vater der Richter!«

»Offen gesagt, als ich vor fünfhundert Jahren König und Unhold war, habe ich Unzählige umgebracht«, entgegnete Pilger. »Wollte man eine Sache wie diese anzeigen, müsste man noch etliche weitere Anzeigen machen.«

»Gerade weil du einst die himmlische Obrigkeit mit Lug und Trug hintergangen hast«, wies ihn Tripitaka zurecht, »bist du ja mit einem fünfhundertjährigen Bann bestraft worden! Aber jetzt bist du dem buddhistischen Orden beigetreten, und wenn du dich weiterhin so gewalttätig verhältst wie damals, wirst du nie in den Westen kommen und kannst auch gar kein Mönch sein. Das ist zu viel des Bösen, zu viel des Bösen!«

Nun hatte es aber dieser Affe zeitlebens nicht ertragen können, wenn ihm jemand grollte. Wie er Tripitaka unbeirrt in seiner Schelte fortfahren hörte, konnte er das Feuer in seinem Herzen nicht länger unterdrücken und stieß glühend vor Wut hervor: »Wenn Ihr sagt, dass ich kein Mönch sein kann und nicht in den Westen gelangen werde, braucht Ihr nicht weiter zu predigen. Ich gehe!«

Bevor Tripitaka etwas sagen konnte, schnellte er aufgebracht in die Höhe und rief: »Der alte Sun verreist!«

Jäh hob Tripitaka den Kopf, doch Pilger war schon verschwunden; man hörte nur noch ein Rauschen, das sich gen Osten entfernte. Einsam und verlassen nickte Tripitaka vor sich hin und seufzte: »So unbelehrbar ist dieser Kerl. Keine paar Sätze habe ich ihn gerügt, warum ist er gleich auf und davon? Nun, sei’s drum! Dann ist es mir eben nicht gegeben, Schüler aufzunehmen. Jetzt ist er halt weg.«

So war es in der Tat:

Alleine will er ohne Furcht

In den Westen schreiten,

Ohne jede fremde Hilfe,

Ganz auf sich gestellt.

Tripitaka ordnete die Reisebündel und band sie auf den Pferderücken. Statt zu reiten, schritt er nun zu Fuß voran, den Pilgerstab in der einen, die Zügel in der anderen Hand, trostlos und verlassen. Nach nicht allzu langer Zeit erblickte er ein altes Mütterchen, das mit beiden Händen ein besticktes Hemd trug, auf dem ein buntes Käppchen lag. Als die alte Frau näher kam, zog Tripitaka höflich das Pferd zur Seite und blieb am rechten Wegesrand stehen, um ihr den Weg freizugeben.

»Wo kommt Ihr denn her, Priester, ganz alleine unterwegs?« erkundigte sich das Mütterchen.

»Ich bin vom chinesischen Kaiser ausgesandt, in den Westen zu reisen, um bei Buddha Heilige Schriften zu holen«, antwortete Tripitaka.

»Dann müsst Ihr zum Tempel des Donnergrollens im Reiche Indien«, meinte das Mütterchen. »Von hier aus sind das 108 000 Wegmeilen. Wie wollt Ihr das denn bewältigen, alleine mit dem Pferd und ohne Schüler!«

»Vor ein paar Tagen habe ich eigentlich gerade einen Schüler aufgenommen«, erklärte Tripitaka. »Aber das war ein aufbrausender und sturer Charakter. Kaum habe ich ihn mit ein paar Sätzen zurechtgewiesen, war es ihm schon zu viel, und da hat er sich aus dem Staub gemacht.«

»Ich habe hier einen Baumwollkittel und eine mit Gold durchwirkte Kappe«, sprach das Mütterchen, »die Sachen gehörten meinem Sohn. Er hat nur drei Tage lang als Mönch gedient, da ist ihm ein tödliches Unglück geschehen. Eben war ich im Tempel und habe um ihn geweint; diese Sachen habe ich als Andenken mitgenommen. Ehrwürden, da Ihr einen Schüler habt, will ich Euch dieses Hemd und die Kappe schenken.«

»Allerbesten Dank für die großzügige Gabe, Mütterchen«, sprach Tripitaka, »doch ist mein Schüler, wie gesagt, bereits entlaufen. Ich kann Eure Sachen nicht annehmen.«

»In welche Richtung ging er denn?«

»Ich habe nur ein Rauschen gehört, das sich nach Osten entfernte.«

»Nicht weit im Osten bin ich zu Hause«, sprach das Mütterchen. »Gewiss ist er auf dem Weg zu mir. Ich will Euch eine heilige Zauberformel lehren, das ›Wahre Wort zur

Festigung des Herzens‹; man nennt es auch den ›Reifverengungsspruch‹. Lernt ihn im Stillen auswendig und prägt ihn Euch gut ein. Ich aber will mich jetzt auf den Weg machen, Euren Schüler einzuholen, dann kann ich ihn dazu bewegen, zu Euch zurückzukommen. Lasst ihn dann Kittel und Kappe anziehen, und wenn er Eure Anweisungen nicht befolgt, dann sprecht im Stillen die Zauberformel. So wird er sich nie mehr trauen, gewalttätig zu sein oder sich davonzustehlen.«

Respektvoll senkte Tripitaka sein Haupt und verneigte sich zum Dank. Als goldener Lichtstrahl entschwand das Mütterchen gen Osten. Tripitaka wusste nun, dass sich ihm die

Göttin Guanyin offenbart hatte, steckte sogleich Weihrauchstäbchen in ein Häufchen Erde und verneigte sich im Gebet gegen Osten. Danach verstaute er Kleid und Kappe im Gepäck und ließ sich am Wegesrand nieder. Wie er nun das »Wahre Wort zur Festigung des Herzens« aufsagte, bis er es fest im Herzen behielt, sei hier nicht weiter ausgeführt.

Wenden wir uns stattdessen Wukong zu. Der war nämlich, nachdem er seinen Meister verlassen hatte, in einem einzigen Wolkenüberschlag zum Palast des Drachenkönigs vom Östlichen Ozean gesaust.

Dort sprach der Drachenkönig: »Wie ich hörte, ist Eure Leidenszeit zu Ende, Großer Heiliger. Da werdet Ihr wohl nun in Eure alte Grotte auf Eurem paradiesischen Berg zurückkehren.«

»Die Absicht hatte ich, nur bin ich jetzt leider Mönch geworden.«

»Mönch?«

»Ja, die Bodhisattva vom Südmeer hat mich dazu bewogen. Sie sagte mir, ich solle einen Priester aus dem chinesischen Kaiserreich auf eine Pilgerreise von Ost nach West begleiten und dem buddhistischen Orden beitreten. Darum heiße ich jetzt auch ›Pilger‹.«

»Gratuliere!« rief der Drachenkönig, »Ihr seid wirklich zu beglückwünschen. Das nennt man ›sich vom Bösen abkehren und dem Guten zuwenden‹! Aber, wenn dem so ist, warum kommt Ihr denn jetzt in den Osten, statt gen Westen zu pilgern?«

»Ach«, lachte Pilger, »dieser Priester weiß nicht, was rechtens ist. Ich habe bloß ein paar Wegelagerer erschlagen, da macht er mir schon Vorwürfe. Glaubt Ihr etwa, ich würde einen solchen Rüffel einfach hinnehmen? Jetzt hab ich ihn sitzengelassen und will zurück zu meinem Berg. Darum bin ich hier vorbeigekommen und wollte kurz reinschauen, um ein Tässchen Tee zu kriegen.«

Der Drachenkönig ließ sogleich duftenden Tee auftragen. Als Pilger sich umwandte, fiel sein Blick auf ein Bild, das an der Rückwand hing. Es trug die Aufschrift Darbieten der Schuhe bei der Yi-Brücke. Er erkundigte sich, was denn da für eine Geschichte dargestellt sei.

»Großer König«, sprach der Drachenkönig, »Ihr wart früher da, als diese Geschichte spielt, darum kennt Ihr sie nicht. Das Bild erzählt vom dreimaligen Darbieten der Schuhe bei der Yi-Brücke. Dieser Unsterbliche hier, das ist Huang Shigong, und der Herr da ist Zhang Liang, der zur Zeit der Han-Dynastie gelebt hat. Als Shigong einmal auf der Yi- Brücke saß, fielen ihm plötzlich seine Schuhe nach unten, und da hieß er Zhang Liang, sie ihm zu bringen. Der Herr holte ihm die Schuhe sofort und überreichte sie ihm auf den Knien. Das wiederholte sich drei Mal, und dennoch zeigte Zhang Liang dabei nicht den geringsten Hochmut. Anschließend gab ihm Shigong eine heilige Schrift über die Kunst der Kriegsführung und sandte ihn, das Reich der Han-Dynastie zu unterstützen. Später wurde Zhang Liang sogar zum höchsten Minister am Kaiserhof der Han ernannt. Als schließlich Frieden einkehrte, gab er seine Beamtenkarriere auf und zog sich in die Berge zurück, wo er sich Chi Songzi, dem daoistischen Meister der Roten Kiefer, anschloss und am Ende die Unsterblichkeit erlangte. Großer Heiliger, wenn Ihr den Priester nicht beschützt und nicht alle Eure Kräfte für diese Sache einsetzt, dann seid und bleibt Ihr ein unsterblicher Unhold und könnt die Hoffnung auf wahre Vervollkommnung gleich aufgeben.«

Wukong verfiel in nachdenkliches Schweigen.

»Ihr müsst Euch selber entscheiden, Großer Heiliger«, fuhr der Drachenkönig fort, »aber Ihr dürft nicht um der momentanen Freiheit willen Eure Zukunft vergessen.«

»Genug der Worte«, warf Wukong ein, »dann geh ich alter Sun eben wieder zurück.«

Schon schnellte er aus der Meerestiefe hoch, rief dem Drachenkönig einen Abschiedsgruß zu und glitt über die Wolken davon. Dabei traf er gerade auf Guanyin, die Göttin des Südmeeres.

»Sun Wukong«, rief sie ihm zu, »warum lässt du dir keine Ermahnung gefallen und schützest den Priester aus China nicht? Was machst du hier?«

Pilger erschrak, grüßte ehrerbietig und sagte: »Dank Euren guten Worten, werte Bodhisattva, ist tatsächlich ein Priester aus China gekommen, hat das Siegel entfernt und mir das Leben gerettet, und ich bin sein Schüler geworden. Doch eben hat er mir vorgeworfen, ich sei gewalttätig und stur, darum bin ich ihm kurz aus dem Weg gegangen. Jetzt geh ich wieder hin.«

»Ja, beeil dich, und sieh zu, dass du nicht wieder auf andere Gedanken kommst«, sprach die Göttin und verschwand.

Kurz darauf erblickte Pilger den Priester, der vor sich hinbrütend am Wegesrand saß. Er trat auf ihn zu und fragte: »Meister, warum geht Ihr denn nicht weiter? Was macht Ihr hier?«

Tripitaka hob den Kopf. »Wo warst du denn? Ich traute mich gar nicht weiter, konnte nur noch hier auf dich warten.«

»Ich habe mich beim Drachenkönig vom Ostmeer zum Tee eingeladen«, gab Pilger zur Antwort.

»Aber mein Schüler«, bemerkte Tripitaka, »wir Mönche sollen nicht lügen. Nicht mehr als eine Doppelstunde warst du fort, und nun willst du mir weismachen, du wärst beim Drachenkönig zum Tee gewesen?«

»Nun«, lachte Pilger, »ich will Euch nicht vorenthalten, dass ich auf Wolken durch die Lüfte gleiten kann. In einem Luftsprung schaffe ich 108 000 Wegmeilen. Darum konnte ich so schnell hin und zurück.«

»Kaum habe ich ein paar harte Worte gesagt«, meinte Tripitaka, »ist dich gleich die Laune angekommen, mich fallenzulassen. Du mit deinen Fähigkeiten kannst deinen Tee genießen; ich hingegen kann nichts als sitzen bleiben und hungern. Das sollte dir doch auch nicht recht sein!«

»Meister, wenn Ihr Hunger habt, gehe ich jetzt Almosen holen.«

»Nicht nötig, in meiner Tasche ist noch etwas Proviant. Nimm die Schale heraus und hol mir ein bisschen Wasser; sobald ich dann eine Kleinigkeit gegessen habe, können wir weitergehen.«

Pilger knüpfte die Tasche auf, fand darin etwas Gebäck aus grobem Mehl und reichte es dem Meister. Gleichzeitig hatte er auch das schillernde Baumwollkleid und die goldbesetzte Kappe entdeckt und fragte nun: »Meister, habt Ihr das Kleid und die Kappe aus dem Osten mitgebracht?«

Tripitaka übernahm seine Vermutung und sagte: »Die Sachen habe ich als Kind getragen. Wenn man diese Kappe trägt, kann man die Heiligen Schriften auswendig, ohne dass man sie lernen muss, und wenn man den Kittel anzieht, beherrscht man alle Höflichkeitsriten, ohne sie einstudieren zu müssen.«

»Lieber Meister, lasst mich die Sachen anziehen!« bat Pilger.

»Einverstanden«, nickte der Meister.

Pilger legte sich den Kittel um und setzte die Kappe auf. Tripitaka unterbrach sein Mahl und sprach im Stillen den Reifverengungsspruch. Da schrie Pilger auf: »Aua, mein Kopf! Mein Kopf tut weh!«

Der Meister aber ließ nicht locker und wiederholte die Zauberformel noch einige Male, bis Pilger sich vor Schmerz am Boden wand und so heftig an dem goldbesetzten Käppchen zerrte, dass Tripitaka fürchtete, er könnte es zerreißen. So hielt er schließlich inne. Prompt waren auch die Schmerzen weg. Pilger griff sich an den Kopf und befühlte die Kappe. Etwas wie ein goldener Draht wand sich fest um seine Stirn, es war unverrückbar, als hätte es auf seinem Kopf Wurzeln geschlagen. Da holte er sein nadelgroßes Stäbchen aus dem Ohr, stieß es unter den Reif und zerrte so wild daran, dass Tripitaka aus Furcht, er würde ihn zerreißen, abermals den Spruch zu murmeln begann. Sofort kamen auch die Schmerzen wieder, diesmal so quälend, dass Pilger sich im Handstand aufbäumte und Purzelbäume schlug, seine Ohren glühten, sein Gesicht lief rot an, die Augen quollen hervor, und es prickelte ihn am ganzen Körper. Als der Meister ihn so sah, hatte er Mitleid und hielt inne. Schon war der Schmerz wieder weg.

»Ihr habt einen Fluch über mich gebracht«, rief Pilger, »daher rühren die Kopfschmerzen!«

»Ich habe nur den Reifverengungsspruch aufgesagt, wann soll ich je einen Fluch ausgesprochen haben?«

»Sagt ihn noch mal«, bat Pilger, worauf Tripitaka tatsächlich wieder damit anfing und Pilger aufs Neue von Schmerzen gepackt wurde.

»Aufhören, aufhören!« schrie er. »Immer wenn Ihr diesen Spruch aufsagt, kriege ich solche Schmerzen; wie geht das zu?«

»Wirst du von jetzt an auf meine Ermahnungen hören?«

»Ja, das werde ich.«

»Wirst du dich noch einmal ungebührlich benehmen?«

»Nein, das wage ich nicht mehr.«

Äußerlich gab er zwar klein bei, innerlich aber stiegen in seinem Herzen böse Gedanken auf. Schon schwang er sein Stäbchen zur dicken Eisenstange und wollte auf Tripitaka losschlagen. Bestürzt sagte dieser den Spruch zwei, drei Mal auf, dass der Affe zu Boden strauchelte, die Stange fallen ließ und seine Arme nicht mehr anheben konnte.

»Meister«, flehte er, »ich weiß es nun, hört auf, hört auf!«

»Wie kannst du nur so skrupellos sein, mich schlagen zu wollen?«

»Ich mache es nie mehr, bestimmt. Doch sagt, Meister, wer hat Euch diese Magie beigebracht?«

»Ein altes Mütterchen, das vor kurzem hier vorbeigekommen ist.«

Wütend fauchte Pilger: »Kein Wort! Mit Sicherheit war dieses Mütterchen niemand anderes als jene Guanyin. Warum stellt die mir derart nach? Wartet nur, ich gehe jetzt zum Südmeer und verpasse ihr eine Tracht Prügel.«

»Sie ist es, die mir den Spruch vermittelt hat«, gab Tripitaka zu bedenken, »also muss sie ihn schon gekannt haben, bevor ich ihn gelernt habe. Wenn du sie jetzt aufsuchst und sie den Spruch aufsagt, ist das doch dein Ende!«

Pilger sah ein, dass er recht hatte. Nun hielt er sich tatsächlich still, kniete vor seinem Meister nieder und rief: »Meister, mit diesem Spruch macht sie mich wehrlos, damit ich mit Euch in den Westen muss. Ich werde sie in Ruhe lassen, doch bitte macht den Spruch nicht zu Eurem täglichen Gebet. Ich bin willens, Euch zu schützen, und werde mich nicht noch mal anders besinnen.«

»Wenn dem so ist«, meinte Tripitaka, »dann hilf mir jetzt aufs Pferd.«

Erst jetzt war der Widerstand in Pilgers Herz erloschen. Mit fester Entschlossenheit sprang er auf, gab sich neuen Schwung, gürtete seinen Kittel und schnürte den Sattel fest. Dann schulterte er das Gepäck auf und schritt gen Westen voran. Und was es nach diesem Aufbruch weiter zu berichten gibt, hört ihr im nächsten Kapitel.