Accueil > Die Reise nach Westen > Kapitel15

015 Beim Schlangenberg stehen die Götter schützend bei / In der Adlergramschlucht wird das Denkpferd zahm

Lasst uns nun berichten, wie Tripitaka von Pilger unterstützt mehrere Tage lang westwärts zog. Man zählte den winterkalten zwölften Mond, sie reisten durch eisigen Nordwind und klirrenden Frost. Der Weg führte über holprige

Saumpfade an steil abfallenden Felswänden durch bedrohliche, hoch aufragende Gipfel endloser Bergketten. Vom Sattel aus vernahm Tripitaka auf einmal ein Rauschen wie von tosenden Wassermassen. Er wandte sich um und rief: »Wukong, woher kommt dieses Geräusch?«

»Wenn ich mich richtig entsinne, ist das hier die Adlergramschlucht am Schlangenberg. Das Rauschen müsste vom Wildbach in der Schlucht herrühren.«

Er hatte kaum ausgesprochen, da standen sie schon am Rande der Schlucht. Tripitaka zügelte das Pferd und hielt Ausschau. Plötzlich schäumte es in der Tiefe, Wasser spritzte hoch, und ein Drache schnellte empor, der sich aufbäumend auf Tripitaka zustürzte. Erschrocken warf Pilger das Gepäck zu Boden, hob den Meister aus dem Sattel und rannte mit ihm davon. Der Drache aber, der sie nicht einzuholen vermochte, schnappte sich Tripitakas weißes Pferd und verschlang es mitsamt Sattel und Zaumzeug. Einen Augenblick später war er wieder in den Tiefen des Stromes verschwunden. Inzwischen hatte Pilger seinen Meister auf einem hohen Felsplateau in Sicherheit gebracht. Als er nun Gepäck und Pferd holen wollte, fand er nur noch die Reisebündel, das Pferd war verschwunden. Er brachte die Sachen zu Tripitaka und sagte: »Meister, der schlimme Drache ist weg, aber er hat unser Pferd verjagt. Ich werde mal Ausschau halten.«

Mit einem schrillen Pfiff sauste er in die Höhe und spähte, die Hand schirmend über die Augen gelegt, mit seinem goldstrahlenden Blick in alle Richtungen. Vom Pferd war keine Spur zu entdecken. Schließlich schwebte er nach unten und meldete: »Meister, das Pferd muss von dem Drachen gefressen worden sein, es ist nirgendwo zu sehen.«

»Was für ein Maul hat denn die Bestie; sie kann doch unmöglich ein ganzes Ross samt Sattel und Zaumzeug verschlucken? Es wird sich wohl in die Felskluft dort drüben verkrochen haben, schau noch einmal genauer nach.«

»Meister«, erwiderte Pilger, »Ihr müsst wissen, dass ich einen sehr scharfen Blick habe. Bei Tageslicht sehe ich in einem Umkreis von tausend Meilen jede Regung; nicht einmal der Flügelschlag einer Libelle entgeht mir, von einem großen Pferd wie dem unseren ganz zu schweigen.«

»Wie soll ich bloß weiterkommen, wenn das Pferd gefressen wurde? Ach weh, wie soll ich nun all die endlosen Berge und Schluchten überwinden?« rief Tripitaka, und die Tränen stürzten ihm aus den Augen.

Als Pilger sah, wie er zu schluchzen begann, konnte er sich nicht halten und brauste auf: »Meister, seid doch nicht ein solcher Jammerlappen! Bleibt mal hier sitzen und wartet, bis ich alter Sun das Biest aufgesucht habe, damit es unser Pferd zurückgibt.«

Tripitaka aber hielt ihn zurück und rief: »Aber mein Schüler! Wenn du jetzt weggehst, könnte der Drache ja plötzlich auftauchen und mir auch etwas antun. Und wenn am Ende das Pferd und ich beide umkommen?«

Diese Worte machten Pilger nun so wütend, dass er donnerte: »Was seid Ihr für eine Eiterbeule! So ein Weichling! Das Pferd wollt Ihr haben, mich nicht von der Seite lassen – dann bleibt doch beim Gepäck sitzen, bis Ihr alt und grau seid!«

Während er noch schimpfte, erklang aus der Höhe eine Stimme: »Beruhigt Euch, Großer Heiliger! Weint nicht, Kaiserlicher Bruder! Wir sind die Schutzgötter, die Euch auf Geheiß der Bodhisattva Guanyin auf Eurem Wege unsichtbar begleiten.«

Eilends stand der Priester auf und verneigte sich ehrfürchtig.

»Wer seid ihr?« wandte sich Pilger an die Stimme, »nennt mir eure Namen, damit man euch aufrufen kann!«

»Wir sind die sechs Ding- und die sechs Jia-Götterkrieger, die Vier Zeitgötter und die Schutzgötter der Klöster. Wir alle stehen Euch wechselweise zu Diensten.«

»Im Moment reicht es, wenn die sechs Ding-Götterkrieger und die Vier Zeitgötter hierbleiben und meinem Meister schützend beistehen«, ordnete Pilger an, »dann kann ich alter Sun derweil den Drachen aufsuchen und unser Pferd zurückfordern.«

Die Götter taten wie geheißen, und Tripitaka setzte sich endlich beruhigt auf dem Fels nieder. Der Affenkönig aber stieg mit geballten Kräften auf Wolkenhöhe über die Wassermassen und schrie nach unten: »Gib mir mein Pferd zurück, du lausiger Schlammbeißer!«

Der Drache aber hatte das Pferd verzehrt und sich anschließend auf den Grund verzogen, wo er sich nun gemütlich pflegte. Als er auf einmal dieses Schimpfwort hörte, konnte er sich nicht halten und schnellte aus den Wogen. »Wer wagt es, mich mit solchen Worten zu beleidigen?« schrie er aufgebracht.

»Stillgestanden!« fauchte ihn Pilger an, »gib mir mein Pferd zurück!« Schon schwang er seinen Stab und zielte auf den Drachen, der nun zähnefletschend mit gespreizten Krallen auf Pilger losfuhr. Lange rangen die beiden am Rand der Schlucht hin und her, bis dem Drachen endlich die Kräfte versagten und er vor Erschöpfung nicht mehr standhalten konnte. Ruckartig entfloh er ins Wasser und verbarg sich auf dem Grund, ohne sich noch einmal blicken zu lassen. Auf alle weiteren Schimpftiraden des Affenkönigs stellte er sich taub. Da Pilger nichts weiter tun konnte, kehrte er zu Tripitaka zurück.

»Du hast doch einmal behauptet, du könntest Drachen besiegen und Tiger bezwingen«, meinte dieser, »warum tust du dich jetzt mit diesem Drachen so schwer?«

Dieser Affe aber konnte Sticheleien nun einmal nicht ertragen. Auf die Bloßstellung durch Tripitaka schnellte er ungestüm hoch und rief: »Kein Wort, ich knöpfe ihn mir noch mal vor!«

Mit weiten Sätzen sprang der Affenkönig ans Ufer, wo er eine Magie des Aufpeitschens von Flüssen und Meeren

anwandte, so dass die kristallklaren Tiefen der Adlergramschlucht binnen kurzem aussahen wie die trüben Windungen des Gelben Flusses. Da wurde es dem Drachen auf dem Grund ungemütlich. Er biss die Zähne zusammen, schnellte aus den Wogen und keifte: »Wo kommst du Rotzteufel eigentlich her, dass du mich derart schikanierst?«

»Was geht es dich an, wo ich herkomme! Rück das Pferd raus, sonst bist du des Todes!«

»Dein Pferd habe ich aufgefressen. Worauf wartest du noch, wenn ich es dir doch nicht zurückgeben kann?«

»Wenn du mir das Pferd nicht gibst, haue ich dich mausetot, um seinen Tod zu rächen.«

Von neuem entbrannte ein wilder Kampf zwischen den beiden. Doch schon nach wenigen Kampfrunden wusste sich der Drache endgültig nicht mehr zu wehren. Mit einem Schwenk verwandelte er sich in eine Wasserschlange und war flugs im Ufergras verschwunden. Der Affenkönig packte seine Stange, rupfte lauter Grasbüschel aus und suchte überall. Doch von einer Schlange war keine Spur zu finden. Berstend vor Wut stieß er das Zauberwort »Om« aus. Damit konnte er den zuständigen Erdgeist und den ortsansässigen Berggott herbeirufen. Augenblicklich knieten beide Geister vor ihm.

»Her mit euren Knöcheln, zum Gruß gibt’s fünf Stockhiebe, um mir die Laune zu vertreiben!« schnaubte Pilger.

Bestürzt schlugen die beiden Geister ihre Köpfe zu Boden und flehten: »Möge der Große Heilige uns das ersparen! Großer Heiliger, ihr wart so lange im Berg der Fünf Wandlungsphasen eingeschlossen; wir geringen Geister wussten gar nicht, wann Ihr herausgekommen seid, deshalb konnten wir Euch keinen Empfang bereiten, bitte vergebt uns!«

»Schon gut, ich schlage euch nicht. Doch antwortet: Woher kommt der Drache in dieser Schlucht, und warum hat er das Pferd meines Meisters geraubt und gefressen?«

»Großer Heiliger, seit jeher wart Ihr ein Hoher Unsterblicher aus dem Uranfang der Welt und habt Euch weder dem Himmel noch der Erde gebeugt; seit wann habt Ihr denn einen Meister?«

»Ihr wisst also nichts davon«, versetzte Pilger. »Die Bodhisattva Guanyin hat mich dazu bewogen, dem Priester aus China als Jünger zu dienen und ihn auf seiner Reise zu den Heiligen Schriften bei Buddha im Westen zu beschützen. Jetzt sind wir hier vorbeigekommen, und da hat doch dieser üble Drache das Pferd meines Meisters aufgefressen!«

»So verhält es sich also«, meinten die beiden Geister und erklärten: »An dieser Schlucht war eigentlich nie etwas auszusetzen, sie ist nur sehr tief und breit, und das Wasser ist so kristallklar, dass die Raubvögel, wenn sie beim Überfliegen nach unten schauen, ihr Spiegelbild für einen Gleichartigen halten und sich dann immer ins Wasser stürzen. Darum der Name Adlergramschlucht. Damals, als die Bodhisattva Guanyin auf der Suche nach einem Schriftenholer war, hat sie einen sündigen Drachen gerettet und ihn hierhergeschickt, dessen Ankunft abzuwarten. Sie verbat ihm jegliche Übeltat; wir verstehen gar nicht, warum er Euch, Großer Heiliger, heute derart in den Weg fallen konnte.«

»Eben hat er sich in eine Wasserschlange verwandelt und ist im Gras verschwunden. Warum kann ich ihn jetzt nicht mehr finden?«

»In dieser Schlucht wimmelt es nur so von unterirdischen Gängen«, erklärte der Erdgeist, »bestimmt hat er sich dorthin verkrochen. Möge der Große Heilige seinen Zorn besänftigen. Um dieses Ungetüm zu fassen, braucht man nur Guanyin herbeizubitten, ihr wird er gehorchen.«

Da befahl Pilger den beiden Geistern, mit ihm zu Tripitaka zu kommen, um ihm die ganze Angelegenheit zu erzählen.

»Wie lange brauchst du denn, bis du von Guanyin wieder zurück bist?« fragte dieser ängstlich. »Wie werde ich einfacher Mönch Hunger und Kälte ertragen können?«

Ehe er weitersprechen konnte, erklang aus der Höhe die Stimme des Goldhäuptigen Wächters: »Großer Heiliger, Ihr braucht Euch nicht zu bemühen. Geringer Geist wird die Bodhisattva bitten, hierherzukommen.« Pilger freute sich sehr.

Der Goldhäuptige aber glitt auf Wolken zum Südmeer, wo er zielsicher am Purpurbambushain auf dem Potalaka-Berg ankam, bei der Bodhisattva vorsprach und ihr berichtete, was sich ereignet hatte. Da stieg Guanyin von ihrem Lotosthron und schwebte zusammen mit dem Wächter auf einem glückverheißenden Lichtstrahl über das Südmeer. In kurzer Zeit hatten sie den Schlangenberg erreicht. Unten gewahrten sie Pilger Sun, der am Rande der Schlucht stand und gerade wilde Schimpftiraden von sich gab. Guanyin befahl dem Wächter, ihn zu rufen. Pilger schnellte ungestüm in die Wolken hoch und rief laut: »Ihr seid doch die Meisterin der Sieben Buddhas, eine barmherzige Religionsstifterin; wozu heckt Ihr bloß mir zu Schaden solche Listen aus?«136

»Du tollkühner Affe!« gab Guanyin zurück, »ich gebe mir alle Mühe, dir diesen Schriftenholer zur Rettung zu senden, und anstatt mir zu danken, dass du mit deinem Leben davongekommen bist, willst du dich gar mit mir anlegen?«

»Ihr habt mir einen schönen Streich gespielt! Wenn Ihr mich schon rauslasst, dann lasst mich doch den chinesischen Priester nach Kräften unterstützen. Stattdessen schenkt Ihr ihm eine Kappe und verleitet mich dazu, sie aufzusetzen, damit ihr Reif mit meinem Kopf verwächst! Und zu allem Übel habt Ihr ihn noch jenen ›Reifverengungsspruch‹ gelehrt, der mir schreckliche Kopfschmerzen macht. Ist das etwa nicht zu meinen Schaden?«

»Ach, dieser Affe!« lachte Guanyin. »Du widersetzt dich den Regeln und willst dich nicht bessern; wenn ich dich nicht auf diese Weise binden würde, hättest du dich längst wieder gegen den Himmel vergangen und wie früher Schaden angerichtet. Und wer könnte dir dann Einhalt gebieten? Genau dieser Widersacher ist nötig für dich, denn nur so bist du willens, dich an meine Lehre des Yogachara zu halten.«137

»Meinetwegen, was diese Sache betrifft, mag das mein Widersacher sein. Wozu aber schickt Ihr auch noch diesen Drachen hierher, der sich da als übler Geist eingenistet und meines Meisters Pferd aufgefressen hat? Das ist doch nichts anderes als einem Angeklagten freie Hand zu neuen Übeltaten geben!«

»Für diesen Drachen«, erwiderte Guanyin, »habe ich mich persönlich beim Jadekaiser eingesetzt und eigens dafür gesorgt, dass er hierherkommt, um dem Schriftenholer später als Reittier zu dienen. Glaubst du etwa, ein gewöhnliches

Pferd aus dem Osten wäre imstande, diese Reise durchzustehen, über Tausende von Gebirgen und Gewässern, bis hin zum Seelenberg im Westen? Allein mit einem solchen Drachenpferd ist das möglich.«

»Aber was soll ich tun, wenn er sich einfach verkriecht und sich nicht mehr blicken lässt?« fragte Pilger.

Guanyin wandte sich an den Goldhäuptigen Wächter und sprach: »Stell dich ans Ufer und rufe: ›Dritter Sohn des Jadedrachen, Bodhisattva Guanyin ist hier!‹ Dann wird er kommen.«

Der Goldhäuptige ging hin und rief die Worte zwei Mal. Da spritzten die Wellen hoch, der Drache sprang heraus und schwebte in menschlicher Gestalt zu Guanyin empor, wo er sich mit gefalteten Händen verneigte und sprach: »Verehrte Bodhisattva! Seit Ihr mir das Leben gerettet habt, warte ich hier. Doch nie habe ich etwas von einem Schriftenholer vernommen.«

»Ist das etwa nicht der Jünger des Schriftenholers?« fragte Guanyin, indem sie auf Pilger wies.

»Bodhisattva«, versetzte der Drache, »das ist mein Feind. Gestern habe ich großen Hunger gehabt und in der Tat sein Pferd gefressen. Nun wütet er hier und schimpft die ganze Zeit; von ›Schriftenholen‹ hat er kein Wort gesagt.«

»Du hast mich ja nie nach meinem Namen gefragt!« fuhr Pilger dazwischen, »wieso sollte ich was davon sagen?«

»Habe ich denn nicht gefragt, woher du Rotzteufel kommst? Und du hast geschrien: ›Was geht es dich an, wo ich herkomme, rück das Pferd raus.‹ Kein halbes Wort von einem Priester hast du erwähnt.«

»Du Affenschädel«, rügte die Bodhisattva, »immer willst du dich selbst hervortun, nie kommt es dir in den Sinn, andere lobend zu erwähnen. Unterwegs werdet ihr noch mehr zukünftigen Jüngern begegnen; wenn dich also nächstens jemand fragt, so lasse zuerst das Wort ›Schriftenholen‹ fallen. Dann brauchst du dich nicht weiter abzumühen; sie werden sich ehrerbietig ergeben.«

Freudig nahm Pilger die Belehrung an. Guanyin aber trat auf den Drachen zu, löste ihm die Perle vom Hals, tunkte ihren Weidenzweig in die Vase und besprenkelte seinen Körper mit dem süßen Tau. Dann hauchte sie ihn mit göttlichem Odem an und rief: »Verwandlung!« Auf der Stelle nahm der Drache die Gestalt des Pferdes an.

»Jetzt musst du dich mit ganzem Herzen der Läuterung deines Karma hingeben«, wies ihn Guanyin an. »Am Ende wirst du das gemeine Drachendasein überwinden und die Buddhaschaft erlangen.«

Von Herzen gelobte der junge Drache, sich daran zu halten. Guanyin wies Wukong an, das Drachenpferd zu Tripitaka zu führen: »Ich gehe jetzt.«

Doch Pilger hielt sie zurück und rief: »Nein, ich mache nicht mehr mit! Diese Reise in den Westen ist so was von anstrengend, und wer weiß, wann wir je ankommen, wenn ich diesen irdischen Priester beschützen muss! Wenn das mit solchen Mühen verbunden ist, kann ich ja nicht mal garantieren, ob ich alter Sun am Leben bleibe, wie soll ich auf diese Weise je die Wahre Frucht erlangen?«

»Damals, als du noch auf dem Weg zur Vervollkommnung zum Menschen warst, hattest du den Willen, dich voll und ganz dem Ziel der Erleuchtung zu widmen«, sprach Guanyin. »Heute aber, nachdem du der Not des Himmels entronnen bist, scheinst du es auf einmal bequem haben zu wollen! Die Wahre Frucht unserer Lehre ist die Erlangung des Nirvana, und dafür müssen wir uns mit aufrichtigem Glauben hingeben. Solltest du einmal in große Gefahr geraten und dir nicht mehr zu helfen wissen, dann sei es dir erlaubt, Himmel und Erde anzurufen, und sie werden dir beistehen. Komm her, ich will dir eine weitere Fähigkeit verleihen.«

Sie löste drei Blätter von ihrem Weidenzweig und legte sie an Pilgers Nacken. Mit dem Ruf »Verwandlung!« wurden sie zu drei lebensrettenden Zauberhaaren.

»Wenn du in eine ausweglose Situation gerätst, kannst du diese Zauberhaare verwandeln in was immer du willst, und sie werden dich retten.«

Auf all die guten Worte hin bedankte sich Pilger, senkte seine Wolke und trat mit dem Drachenpferd vor Tripitaka. Freudestrahlend rief dieser aus: »Das Ross sieht ja noch stattlicher aus als zuvor! Wo hast du es denn gefunden?«

»Meister, Ihr träumt wohl noch! Der Goldhäuptige Wächter hat die Bodhisattva hierhergebeten; sie hat den Drachen aus der Schlucht in dieses Pferd verwandelt und schickt mich, es Euch vorzuführen!«

Tripitaka steckte Weihrauchstäbchen in etwas angehäufte Erde und verneigte sich betend gen Süden. Dann schnürte er mit Pilger zusammen die Bündel und machte sich zum Aufbruch bereit. Pilger aber ließ die Schutzgötter abtreten, half dem Meister auf das ungesattelte Pferd und schulterte sich die Reisebündel auf. Gerade als sie das Pferd durch das Wasser waten lassen wollten, gewahrten sie, dass vom Oberlauf ein alter Fischer auf einem hölzernen Floß stromabwärts trieb. Eilig winkte ihn Pilger heran, und der Fischer stakte ans Ufer. Pilger bat seinen Meister auf das Floß und sorgte dafür, dass Pferd und Gepäck gut standen, dann stakte der Alte sein Floß vom Ufer ab. Geschwind wie ein Pfeil überquerten sie die Adlergramschlucht und gelangten im Nu ans westliche Ufer. Als sie an Land gingen, hieß Tripitaka Pilger den Alten entlohnen. Dieser aber weigerte sich, Geld anzunehmen, und entfernte sich zur Mitte des Stromes, wo er langsam den Blicken entschwand. Dankend blickte ihm Tripitaka mit gefalteten Händen nach.

»Meister, habt Ihr ihn denn nicht erkannt?« fragte Pilger. »Das war der Flussgott dieser Schlucht! Uns zu empfangen war nichts als seine Anstandspflicht, wie könnte er es wagen, Geld anzunehmen?«

Tripitaka setzte sich aufs Pferd, und die beiden eilten dem Westen entgegen. Wahrhaftig, das wollten sie:

In äußerster Wahrhaftigkeit

Das andere Ufer erlangen,

Erleuchtet und mit wahrem Sinn

Den Seelenberg erklimmen!

Schon näherte sich die rote Sonne dem westlichen Horizont, alsbald fiel die Dämmerung ein, und man sah:

Einsam fliegt ein Vogel auf,

Das grüne Eiland dunkelt schon;

Wo noch helle Wolken leuchten,

Schweben Hügelketten fern.

In der Ferne erspähten sie einen Tempel, der an ihrem Weg lag. Als sie schließlich vor dem Eingang standen, stieg Tripitaka vom Pferd und las die drei Zeichen über dem Portal: »里社祠 – Meilenaltar-Tempel«. Beim Eintreten kam ihnen ein alter Mann, der einen Gebetskranz um den Hals trug, mit gefalteten Händen entgegen und rief: »Kommt herein und setzt Euch, werter Meister!«

Eilig erwiderte Tripitaka den Gruß und fragte: »Warum heißt dieser Tempel Meilenaltar?«

»Unsere Gegend gehört zum Lande Habi in den Westgebieten«, erklärte der Mann, »dieser Tempel ist den Göttern von Erde und Korn im Umkreis einer Meile geweiht. Darf ich fragen, aus welchem gelobten Lande Ihr kommt?«

»Ich geringer Mönch komme aus dem chinesischen Kaiserreich im Osten und pilgere im Auftrag unseres Kaisers gen Westen, um Buddha zu huldigen und Heilige Schriften zu holen. Da unser Weg hier vorbeiführt, möchten wir gerne in Eurer kostbaren Stätte um ein Nachtlager bitten; sobald der Morgen anbricht, werden wir weiterziehen.«

Der Alte bewirtete sie mit Klosterkost. Als er nach der Mahlzeit mit seinen Gästen draußen vor dem Tempel spazierenging, bemerkte er das an den Torpfosten gebundene stattliche Pferd, das weder Sattel noch Zaumzeug hatte. Er erkundigte sich nach dem Grund, und Pilger erzählte ihm die ganze Geschichte.

»Wie gut sich das trifft!« rief der Alte. »Ich habe hier ein vollständiges Pferdegeschirr. Morgen will ich es Euch mitgeben.«

Tags darauf, nachdem sie aufgestanden waren, sahen sie den Alten tatsächlich Sattel, Halfter und Zügel herantragen. Tripitaka war hocherfreut, bedankte sich über das Geschenk und ließ Pilger das Pferd satteln. Es passte wie angegossen. Als Tripitaka vor das Tor trat und sich in den Sattel schwang, zog der Alte aus seinem Ärmel eine Peitsche aus Tigersehnen mit einem Griff aus duftendem Lianenholz und reichte sie ihm. Tripitaka nahm sie hoch zu Ross entgegen und sprach: »Habt besten Dank für Eure Spenden!«

Als sie nach wenigen Schritten noch einmal zurückschauten, war der Alte verschwunden, und an der Stelle des Tempels lag ebenes Brachland. Aus den Lüften aber erklang eine Stimme: »Heiliger Mönch! Verzeiht die unzulängliche Bewirtung! Wir sind der Berggott und der Erdgeist vom Potalaka-Berg und brachten Euch auf Geheiß der Bodhisattva Guanyin dieses Pferdegeschirr. Strebt weiter gen Westen, lasst nicht nach!«

Bestürzt sprang Tripitaka vom Pferd und betete zum Himmel. Erst nachdem er sich mehrmals tief verneigt hatte, spornte er das Pferd an und setzte die Reise fort.

Zwei Monate lang kamen sie ohne Zwischenfälle voran, unterwegs trafen sie nur auf exotische Völker wie die Luoluo oder die Huihui138 und begegneten einigen Wölfen, Tigern und Panthern. Die Zeit verging wie im Fluge, und bald brach der Frühling an. Nun sahen sie:

Berge sich mit lichtem Grün umhüllen,

Frische Knospen aus den Zweigen quellen;

Wo der Winterkirsche Blust verweht,

Sind schon Weidenkätzchen frisch erblüht.

Der Meister und sein Schüler genossen die schöne Frühlingslandschaft und sahen, wie die Sonne sich einmal mehr dem westlichen Horizont zuneigte. Tripitaka zügelte das Pferd und spähte in die Ferne. Da gewahrte er in einer Talsohle die Silhouetten von Türmen und Palästen und rief Pilger zu: »Schau, was ist dort drüben für ein Ort?«

»Wenn nicht ein Palast, dann bestimmt ein Kloster«, meinte dieser. »Lasst uns dort um ein Nachtlager bitten.«

Freudig gab Tripitaka dem Drachenpferd die Sporen, und sie eilten voran. Und da wir nicht wissen, was für ein Ort es war, lasst uns das nächste Kapitel anhören.