Als Meister und Schüler nun näher kamen, fanden sie tatsächlich ein Kloster vor. Tripitaka sprang vom Pferd und wollte gerade eintreten, als er eine Schar Mönche durch das Klosterportal herauskommen sah. Höflich trat er zur Seite und faltete die Hände zum Gruß. Die Mönche erwiderten die Geste, fragten, woher er komme, und meinten dann: »Bitte, kommt herein!«
Da rief Tripitaka nach Pilger und hieß ihn das Pferd hereinbringen. Sprachlos starrten die Mönche auf Pilger und fragten: »Was ist das für ein Ding neben dem Pferd?«
»Leise!« mahnte Tripitaka, »er ist leicht reizbar, und wenn er euch so reden hört, wird er sich gleich aufregen. Er ist mein Schüler.«
Da bissen sich die Mönche auf die Finger und prusteten: »So ein hässlicher Schüler!«
»Hässlich mag er wohl sein, aber ihr wisst gar nicht, wie nützlich er ist!«
Die Mönche führten Tripitaka und Pilger durch das Eingangsportal in den Innenhof, wo auf der Haupthalle vier große Schriftzeichen prangten: » 觀音禪院 – Guanyin- Klostertempel«. Tripitaka freute sich sehr, schritt sogleich vor die goldene Statue und verbeugte sich tief. Die Mönche machten sich sogleich daran, dazu die Trommel zu schlagen, worauf Pilger die Glocke betätigte. Als Tripitaka fertig war, ließen die Mönche die Trommel verstummen, Pilger jedoch hörte nicht auf, die Glocke zu schlagen.
»Die Huldigung ist zu Ende, was läutet Ihr noch?« fragten ihn die Mönche. Pilger lachte: »Was wisst ihr schon! Was ich da mache, heißt nichts anderes als: ›Bin ich nun mal Mönch, so läut ich halt die Glocke.‹«139
Inzwischen waren aber bereits die Mönche des ganzen Klosters auf das Glockengeläut aufmerksam geworden, strömten herbei und riefen: »Welcher Wilde läutet hier willkürlich die Glocke?«
Da schoss Pilger hervor und zischte: »Dein Ahnherr Sun ist es, der sich hier amüsiert!«
Als die Mönche ihn erblickten, stoben sie auseinander, dass sie strauchelten, und riefen entsetzt: »Der Donnergeist!«
»Ach was, der Donnergeist wäre höchstens mein Urgroßenkel!« versetzte Pilger. »Steht auf, steht auf! Ihr braucht euch nicht zu fürchten. Wir sind ehrwürdige Herren aus dem chinesischen Kaiserreich.«
Als die Mönche nun Tripitaka gewahrten, begrüßten sie ihn erleichtert, und der Abt bat sie in die Abtei zum Tee. Nachdem sie getrunken hatten, erschien hinten, von zwei Knaben gestützt, ein greiser Mönch.
»Der Patriarch!« tuschelten die Mönche. Tripitaka verneigte sich ehrerbietig. Der Greis erwiderte die Geste und sprach: »Ich bin nur gekommen, weil ich hörte, dass zwei Ehrwürdige aus dem chinesischen Kaiserreich da sind. Darf ich fragen, werter Herr, wie weit Ihr gereist seid, aus dem Osten bis hierher?«
Tripitaka antwortete: »Von Chang’an aus geht es mehr als fünftausend Meilen bis zum Grenzberg, von dort durch das Westgebiet des Landes Habi bis zu Eurem werten Kloster waren es wiederum fünf- bis sechstausend Meilen.«
»Immerhin eine Entfernung von zehntausend Meilen«, bemerkte der Greis und meinte: »Ach, ich habe mein Leben umsonst verbracht! Gerade wie die sprichwörtliche Kröte, die vom Grunde eines Ziehbrunnens aus den Himmel betrachtet.«
»Darf ich nach Eurem werten Alter fragen, Ehrwürden?« fragte Tripitaka.
»Zweihundertsiebzig Jahre habe ich töricht verlebt.«
»Ach, das wäre ja immer noch mein Urenkel der tausendsten Generation!« mischte sich Pilger ein, verstummte aber, als Tripitaka ihm einen tadelnden Blick zuwarf.
Kurz darauf trug ein Tempelknabe auf einem Tablett aus weißer Jade drei mit Gold durchwirkte Cloisonné-Tassen
heran, während ein anderer Tempelknabe aus einer weißkupfernen Teekanne duftenden Tee eingoss.
»Was für schöne Sachen!« lobte Tripitaka.
»Ach herrje, das ist doch nicht der Rede wert. Die Dinger sind keines Lobes würdig«, winkte der Greis ab und fragte: »Doch habt Ihr, verehrter Meister, aus Eurem Kaiserreiche wohl etwas Kostbares mitgebracht, auf das einen Blick zu werfen Ihr mir vergönnen könntet?«
»Ach, bei uns im Osten gibt es kaum Schätze, und wenn, so könnte ich sie auch nicht mit mir führen.«
»Aber Meister«, warf Pilger ein, »neulich habe ich im Gepäck eine Mönchsrobe gesehen, das ist doch eine Kostbarkeit! Wollen wir sie ihm nicht zeigen?«
Sowie die Mönche das Wort »Mönchsrobe« hörten, lachten sie abschätzig.
»Was lacht ihr denn?« fragte Pilger.
»Ihr sagtet, Eure Mönchsrobe wäre eine Kostbarkeit«, erklärte der Abt, »doch hier bei uns hat ein jeder mindestens zwanzig bis dreißig Roben; unser Patriarch allein besitzt ganze sieben- bis achthundert Stück.« Dann rief er: »Bringt sie doch her!«
Nach dieser Prahlerei kam der Greis nicht umhin, seine Roben zu zeigen. Er ließ die Tempelbrüder zwölf Kästen in den Hof tragen, dann wurden Seile an Kleiderständern aufgespannt, die Roben Stück für Stück auseinandergeschüttelt und aufgehängt, und schließlich bat man Tripitaka zur Besichtigung. Es war in der Tat prachtvoll anzuschauen, wie nun zu allen Seiten die reich geschmückten Roben aus bestickten und golddurchwirkten Seidenstoffen ausgehängt waren.
»Nun gut«, lachte Pilger, nachdem er sich das Ganze besehen hatte, »schön, schön. Räumt bitte alles weg, jetzt wollen wir die unsere auch herausnehmen.«
Tripitaka hielt Pilger zurück und flüsterte ihm zu: »Mein Jünger, man sollte nicht mit Reichtum auftrumpfen! Wir sind allein unterwegs und dürfen uns keine Fehltritte erlauben. Seit alters her heißt es: Gierigen und unehrlichen Menschen soll man keine Kostbarkeiten zeigen, denn sobald ihr Auge sie erblickt, wird ihr Herz keine Ruhe finden, ehe eine List ausgeheckt ist. Und dann ist wirklich ein Unheil zu befürchten.«
»Keine Sorge, keine Sorge!« meinte Pilger gelassen, »ich alter Sun übernehme die ganze Verantwortung.«
Seht, wie er, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, prompt die Robe holt!
Schon durch das doppelte Pergamentpapier, in das sie eingewickelt war, funkelte es wie Morgenröte, und als er die Robe auspackte und auseinanderfaltete, erstrahlte der ganze Hof in rötlichem Glanz, und alles schien in buntes Schillern getaucht. Es war keiner unter den Mönchen, der nicht verblüfft den Mund aufsperrte.
Tatsächlich kam der greise Mönch, kaum hatte er die kostbare Robe gesehen, auf ungute Absichten. Er kniete vor Tripitaka nieder und klagte mit Tränen in den Augen: »Ach, mir ist kein Glück vergönnt!«
Tripitaka half ihm aufstehen und fragte: »Was meint Ihr damit, Ehrwürden?«
»Wie Eure kostbare Robe eben ausgebreitet wurde, war es schon so dämmrig, dass ich sie mit meinen alten Augen gar nicht richtig sehen konnte. Es ist mir wirklich kein Glück vergönnt. Meister, vielleicht seid Ihr so gütig und lasst mich die Robe in meine Klause nehmen, damit ich sie eine Nacht lang bewundern kann. Morgen früh werde ich sie Euch zurückbringen. Wie ist Eure werte Meinung hierzu?«
Tripitaka erschrak. »Nur wegen dir!« flüsterte er Pilger vorwurfsvoll zu.
»Was gibt es da zu befürchten?« gab Pilger unbeschwert zurück und lachte. »Soll er sie doch nehmen. Wenn etwas schiefgeht, kümmert sich der alte Sun darum.«
Er reichte die Robe dem Greis, der sie frohlockend davontrug. Dann wurden die Mönche geheißen, die Meditationshalle im vorderen Klosterteil auszukehren, um die beiden Ehrwürden dort ruhen zu lassen. Wie Meister und Jünger ihr Nachtlager bezogen, sei hier nicht weiter ausgeführt.
Der Greis aber nahm die Robe in seine Klause unter den Schein einer Laterne und begann kläglich zu heulen. Als die Mönche herbeieilten, um ihn nach dem Grund zu fragen, meinte er: »Ich weine, weil mir das Glück nicht gegeben ist, die Kostbarkeit dieses Mönchs aus dem chinesischen Kaiserreich zu sehen!«
»Aber die Robe liegt doch vor Euch«, sprachen ihm die Mönche zu, »Ihr braucht sie nur auszubreiten und anzuschauen.«
»Aber die Zeit ist ja beschränkt! Nun bin ich zweihundertsiebzig Jahre alt und habe umsonst Hunderte von Mönchsroben gesammelt. Wie könnte ich bloß ein solches Stück erlangen? Ach, wenn ich sie nur einen Tag lang tragen dürfte, dann könnte ich in Ruhe sterben!«
»Nun bin ich zweihundertsiebzig Jahre alt und habe umsonst Hunderte von
Mönchsroben gesammelt!«
»Was ist daran so schwierig?« meinten die Mönche. »Wir beherbergen ihn einen Tag, und Ihr tragt einen Tag lang die Robe. Oder wir behalten ihn zehn Tage hier, und Ihr tragt sie zehn Tage lang, warum grämt Ihr Euch so?«
»Ach, auch wenn er jahrelang hier wohnte, würde er sie am Ende mit sich fortnehmen; so habe ich sie auch nicht für immer!«
Da trat ein junger Mönch mit Namen Guangzhi, »Große Klugheit«, hervor und meinte: »Großväterchen, es wäre ein Leichtes, sie unbeschränkt zu behalten.«
Der Greis wurde gleich heiterer und fragte: »Was ist dein werter Vorschlag, mein Kind?«
»Die beiden haben doch einen anstrengenden Weg hinter sich und schlafen jetzt bestimmt schon tief. Wir brauchen nur ein paar Leute von uns mit Lanzen und Säbeln in die Halle zu schicken und die beiden umzubringen, dann können wir auch ihr Pferd und das ganze Gepäck behalten, und die Robe ist unser. Auf diese Weise ist der Besitz doch über Generationen hinweg gesichert!«
Beglückt wischte sich der Greis die Tränen aus den Augen und sprach: »Sehr gut, sehr gut! Ein ausgezeichneter Plan.«
Also wurden die Waffen geholt. Doch nun trat ein anderer junger Mönch mit Namen Guangmou, »Große List«, vor und wandte ein: »Der Plan ist noch nicht ausreichend durchdacht. Wir müssen auf der Hut sein. Der mit dem hellen Gesicht scheint mir unproblematisch, doch der Behaarte könnte schwierig werden. Gesetzt den Fall, dass wir ihn nicht erledigen können, würden wir uns am Ende selbst in Gefahr bringen. Ich habe einen Plan, der ohne Waffen funktioniert: Wir rufen alle zusammen, jeder bringt ein Bündel Reisig, dann legen wir die Meditationshalle in Brand und lassen die beiden mitsamt ihrem Pferd verbrennen. Selbst wenn andere davon erfahren würden, bräuchten wir nur zu sagen, die beiden hätten aus Unachtsamkeit Feuer gelegt und unseren Tempel niedergebrannt. So wird die Robe zu unserem kostbaren Erbstück!«
»Stark, stark«, stimmten alle Mönche bei, »dieser Plan ist noch besser!«
Wie sie nun Reisig herantrugen und den Brand vorbereiteten, sei hier nicht weiter ausgeführt.
Tripitaka und Pilger hatten sich währenddessen zur Ruhe gelegt. Doch Pilger war eben ein beseelter Affe; zwar hatte er sich hingelegt, doch konzentrierte er nur seinen Geist und läuterte seine Körperenergie. Als nun plötzlich das Knistern von Reisig und Wind an sein Ohr drang, stieg Verdacht in ihm auf, und er sprang in einem Satz hoch. Er fürchtete aber, den Meister zu wecken, wenn er die Tür öffnen würde.
Seht, wie er sich schüttelt und in eine Biene verwandelt durch die Fensterritze ins Freie summt!
Hier sah er nun, was los war: Die Mönche umstanden die Halle und bereiteten alles zu einem Brand vor.
»Genau wie mein Meister vorausgesagt hat«, kicherte Pilger. »Nur weil sie unsere Robe besitzen wollen, kommen sie auf derart schändliche Gedanken. Nun, wenn ich jetzt gegen sie kämpfe, dann würde ich die Armen alle erschlagen, und mein Meister würde mich wieder rügen. Nein, nein, lassen wir das! Sollen sie ihren Plan nur ausführen und in ihre eigene Grube fallen!«
Der gute Pilger! In einem Wolkenüberschlag schnellte er zum Südlichen Himmelstor, wo er den himmlischen Torwächtern Pang, Liu, Gou und Bi zur einen Seite, Ma, Zhao, Wen und Guan zur anderen Seite einen solchen Schrecken einjagte, dass sie sich alle vor ihm verbeugten. »Unheil, Unheil!« flüsterten sie, »der Unruhestifter ist wieder da!«
Pilger winkte ab: »Keine Panik, meine Herren. Ich suche nur den Weitblickenden Himmelskönig Virupaksa.« Er hatte noch nicht ausgesprochen, da trat der Himmelskönig schon auf ihn zu und grüßte höflich.
»Kommen wir gleich zur Sache«, begann Pilger, »Tripitaka ist unterwegs auf Missetäter gestoßen, die jetzt gerade Feuer legen, um ihn zu verbrennen; es ist absolut dringend, darum ersuche ich Euch, mir Eure Brandschutzplane auszuleihen. Sobald ich ihn gerettet habe, bringe ich sie zurück.«
»Wenn das Feuer von gewöhnlichen Menschen stammt, könnt Ihr es doch mit Wasser löschen«, meinte der Himmelskönig, »wozu die Brandschutzplane?«
»Was wisst Ihr schon über den Sachverhalt. Mit Wasser würde das Feuer gar nicht aufkommen, das wäre ja nur zu ihrem Vorteil. Ich brauche die Plane, um Tripitaka zu schützen, der Rest soll nur verbrennen. Schnell, schnell, haltet mich nicht auf!«
»Dieser Affe ist immer noch der alte«, lachte der Himmelskönig, »denkt nur an sich selbst und kümmert sich nicht um die andern.« Dann überreichte er ihm die Plane.
Pilger sauste in die Tiefe, landete auf dem Dach der Meditationshalle und legte die Plane über Tripitaka, Pferd und Gepäck. Er aber setzte sich auf das Dach über der Abtei des greisen Mönchs im hinteren Teil des Klosters, um die Robe zu bewachen. Als er sah, wie die Mönche das Feuer entzündeten, murmelte er einen Zauberspruch, atmete in Richtung des Wind-Trigramms Xun gen Südosten hin Luft ein und pustete sie über das Feuer. Vom Windstoß erfasst loderten die Flammen empor, und alles brannte lichterloh. In der Tat, ein einziger Funke kann am Ende Tausende von Hektar versengen!
Im Nu wurde das ganze Guanyin-Kloster von einem lodernden Flammenmeer erfasst. Seht, wie die Mönche jetzt Kisten und Körbe schultern, Tische und Töpfe schleppen! Der ganze Klosterhof hallte von verzweifelten Schreien.
Im Nu wurde das ganze Guanyin-Kloster von einem lodernden Flammenmeer
erfasst.
Zu ebenjener Zeit fiel der glutrote Schein des Brandes auf einmal ins Blickfeld eines Ungeheuers. Südlich des Guanyin- Klosters befand sich nämlich die Schwarzwind-Grotte, und dort hauste ein Dämon, der sich gerade im Halbschlaf auf seinem Lager wälzte, als er durchs Fenster ein flackerndes Leuchten gewahrte. Als er aufstand, um Ausschau zu halten, bemerkte er den Feuerschein im Norden. »Oh!« machte der Dämon bestürzt, »das ist doch das Guanyin-Kloster! Ich muss ihnen helfen.«
Er stieg auf eine Wolke und landete im Nu neben dem rauchenden Feuer. Da bemerkte er, dass die Klausen im hinteren Teil des Klosters vom Brand nicht erfasst worden waren, auf dem Dach aber jemand stand, der den Wind anfachte. Rasch ging der Dämon in die Abtei und entdeckte auf dem Tisch ein Bündel aus weißem Filz, dem ein farbenfroher, glückverheißender Glanz entströmte. Als er es öffnete, fand er eine reich geschmückte Mönchsrobe. Das war ja eine wahre Rarität aus dem buddhistischen Orden! In der Tat, Reichtümer erregen des Menschen Herz! Statt sich um den Brand zu kümmern, packte er die Gelegenheit und huschte mit der Robe davon, ab in seine Grotte. Der Brand legte sich erst gegen Morgen.
Seht, wie die Mönche nun schluchzen und wehklagen!
Doch wenden wir uns Pilger zu, der in einem Überschlag mit der Brandschutzplane zum Südlichen Himmelstor
hochgeschnellt war und sie dem Weitblickenden Himmelskönig Virupaksa zurückgegeben hatte. Kaum war die Sonne aufgegangen, war er wieder bei der Meditationshalle und flog abermals als Biene hinein. Dann nahm er seine eigene Gestalt an und weckte den Meister. Nachdem Tripitaka sich angekleidet hatte und das Tor öffnete, fand er nichts als zerfallene Reste roter Mauern; Hallen und Pagoden waren verschwunden.
»Oh!« rief er erschrocken, »was ist denn da los?«
»Ihr träumt noch!« versetzte Pilger. »In der Nacht geriet der Tempel in Brand.«
»Warum habe ich denn nichts davon gemerkt?«
»Ich alter Sun habe die Meditationshalle beschützt, damit Ihr nicht erschreckt.«
»Wenn du diese Halle zu schützen vermagst, warum hast du dann nicht auch die anderen Gebäude vor dem Brand gerettet?«
»Nun, ich will es Euch offen sagen, Meister. Was Ihr gestern befürchtet habt, ist nämlich tatsächlich geschehen. Er hat sich in unsere Robe verliebt und hat einen Plan ausgeheckt, uns zu töten. Wenn ich alter Sun nicht auf der Hut gewesen wäre, wären wir heute nur noch ein Häuflein Asche! Weil ich gemerkt habe, wie hinterhältig sie sind, mochte ich ihnen den Brand gar nicht löschen, ich habe nur mit ein bisschen Wind geholfen.«
»Wenn es brennt, sollte man mit Wasser helfen. Warum hilfst du mit Wind?«
»Das Sprichwort geht: ›Will der Mensch dem Tiger nicht schaden, wird ihn der Tiger auch nicht verletzen.‹ Hätten sie nicht Feuer gelegt, hätte ich auch keinen Wind angefacht.«
»Die Robe wird doch nicht etwa mit verbrannt sein?«
»Natürlich nicht. Die Abtei, in der die Robe liegt, hat nicht gebrannt. Gehen wir sie gleich holen.«
Also führte Tripitaka das Pferd an den Zügeln, Pilger schulterte die Tragstange mit dem Gepäck, und sie kamen von der Meditationshalle zu den Klausen im hinteren Teil des Klosters. Wie die Mönche, die hier seufzend und jammernd herumsaßen, die beiden kommen sahen, schrien sie zu Tode erschrocken: »Die Geister kommen, sich zu rächen!«
Alle fielen auf die Knie, verneigten sich und stammelten: »Großväterchen! Jede Untat hat ihren Täter, jede Schuld ihren Schuldigen; wir haben nichts damit zu tun! Es sind Guangmou und der Greis, die diesen Plan ausgeheckt haben. Bitte fordert von uns nicht Euer Leben zurück!«
Pilger schnaubte: »Ihr verdammten Biester! Wer soll was für ein Leben zurückfordern? Los, holt unsere Robe!«
Da fragten zwei Mutigere unter den Mönchen: »Ehrwürden, ihr seid doch in der Halle verbrannt. Seid ihr nun, ganz ehrlich, Menschen oder Geister?«
»Wo soll die Halle gebrannt haben?« lachte Pilger. »Geht doch selbst hin und schaut!«
Die Mönche rappelten sich auf und gingen nach vorn, wo sie sahen, dass tatsächlich die ganze Halle samt Torflügeln und Fenstergittern unversehrt geblieben war. Sie erschauderten. Nun erkannten sie Tripitaka als einen göttlichen Mönch und Pilger als seinen Schutzgott, rannten alle zur Klause des greisen Mönchs und riefen: »Großväterchen, der Mönch aus dem chinesischen Kaiserreich ist ein Heiliger, er ist nicht verbrannt! Stattdessen haben wir unser eigenes Hab und Gut zerstört. Lasst uns so schnell wie möglich seine Robe zurückgeben und ihn weiterziehen!«
Doch der Greis, der die Robe nicht mehr finden konnte und sein eigenes Kloster vernichtet sah, grämte sich so sehr, dass er auf diese Worte keine Antwort wusste. Er wälzte seine Gedanken, bis er schließlich keinen Ausweg mehr sah; da holte er mit ein paar kräftigen Schritten aus und rammte den Kopf so hart gegen die Wand, dass seine Hirnschale zerbarst, das Blut spritzte und sein Atem im Hals stecken blieb.
So heißt es in einem Gedicht:
Ach, wie dieser greise Mönch
Doch so töricht lebte,
Dass er einer Robe wegen
Listig Feuer legte!
Was hilft große Klugheit,
Was nützt da große List?
Für sich selber andern schaden
Bringt am Ende nichts!
»Jetzt ist der Meister tot, und die Robe ist verschwunden, was tun wir bloß?« schluchzten die Mönche.
»Sicher habt ihr sie irgendwo versteckt«, argwöhnte Pilger und begann, sämtliche Mönche des Tempels einen nach dem anderen abzusuchen. Dann durchwühlte er sämtliche Kisten und Kästen, die beim Brand aus den Zimmern geschleppt worden waren. Von der Robe fand er natürlich keine Spur. In Tripitakas Herz begann sich der Verdruss zu regen. Aufgebracht über Pilgers Leichtfertigkeit, setzte er sich nieder und begann den Reifverengungsspruch aufzusagen. Pilger taumelte zu Boden, griff sich an den Kopf und schrie: »Hört auf, hört auf! Wir müssen doch zuerst die Robe finden!«
Erst als die Mönche allesamt auf den Knien für ihn Einsprache hielten, ließ Tripitaka davon ab. Mit einem Satz schnellte Pilger hoch, riss seine Stange hervor und stürzte sich auf die Mönche.
»Du Affenschädel!« schrie Tripitaka, »genügen dir denn die Kopfschmerzen nicht, willst du noch frech werden? Hör auf! Befrage sie lieber noch einmal.«
Da machten alle Mönche vor ihnen Kotau und jammerten: »Ehrwürden, lasst uns am Leben! Wir haben sie wirklich nicht gesehen. Schuld an allem ist allein dieser Tattergreis, der hat gestern Abend den Plan ausgeheckt, euch umzubringen. Seit der Brand ausgebrochen ist, hat sich jeder nur noch darum gekümmert, die Sachen zu retten; wir haben keine Ahnung, wo die Robe hingeraten ist.«
Wütend ging Pilger in die Klause und riss der Leiche sämtliche Kleider vom Leibe, ohne dass etwas zum Vorschein kam; ebenso wenig half es, als er die ganze Kammer auf den Kopf stellte. Schließlich hielt er inne und dachte scharf nach. Nach einer geraumen Weile fragte er: »Habt ihr hier etwa irgendein Ungeheuer in der Nähe?«
Da sagte der Abt: »Südlich von hier liegt der Schwarzwindberg, dort gibt es eine Schwarzwindgrotte, die von einem Schwarzen König bewohnt wird. Der Tattergreis hat sich oft mit ihm über Religion unterhalten. Aber er ist eben ein Dämon.«
»Wie weit ist dieser Berg entfernt?«
»Nur zwanzig Meilen. Es ist der Gipfel, den ihr dort seht.«
Pilger lachte: »Meister, wir brauchen keine weiteren Worte zu verlieren, es steht außer Zweifel. Dieser Schwarze hat unsere Robe geklaut. Ich werde ihn gleich aufsuchen.«
Zu den Mönchen gewandt, befahl er: »Sorgt euch um meinen Meister und hütet das Pferd. Falls euch auch nur der geringste Fehler unterläuft, werde ich meine Kampfkunst an euch ausprobieren!«
Er riss seine Stange hervor und hieb damit auf die angerußten Ruinen der Ziegelmauern, dass sieben, acht Mauerreste gleichzeitig in sich zusammenstürzten. Den Mönchen standen die Haare zu Berge. Dann schnellte Pilger hoch und schoss in einem Überschlag zum Schwarzwindberg. Und wie es dort weiterging, hört ihr im nächsten Kapitel.