Man erzählt sich, dass der plötzliche Abgang Pilgers im Wolkenüberschlag die Mönche des Guanyin-Klosters so sehr verblüffte, dass sie allesamt, jung oder alt, auf der Stelle zum Himmel beteten.
»Oh, verehrter Herr!« riefen sie, »Ihr seid ja ein Heiliger, der auf Wolken zur Erde niedersteigt! Kein Wunder konnte Euch das Feuer nichts anhaben. Ach, dass der törichte Geizhals in seinem Herzen nichts als Listen auszuhecken wusste! Nur um am Ende uns selbst zu schaden.«
»Steht auf«, sprach Tripitaka, »grämt euch nicht. Wenn er die Robe jetzt findet, sind alle Probleme gelöst. Falls er sie allerdings nicht auffinden kann, wäre es bei seinem hitzigen Temperament um euer Leben schlecht bestellt.«
Die Mönche schworen zum Himmel, alles zu tun, um die Robe zu finden. Doch davon sei hier nicht weiter die Rede.
Wenden wir uns stattdessen Pilger zu, der oben in den Lüften nur leicht die Hüften schwenkte, und schon war er auf dem Schwarzwindberg. Hier hielt er inne und betrachtete die Gegend. In der Tat, es war ein majestätischer Berg, erst recht zu dieser Frühlingszeit:
Tausend Bäche strömen zu Tale,
Hundert Gipfel eifern um Pracht.
Vögel singen, keine Menschenseele,
Blüten fallen, noch umhüllt von Duft.
Während Pilger sich alles besah, vernahm er plötzlich Stimmen, die von einem kräuterbewachsenen Berghang kamen. Er sprang hinter einen Felsen und spähte hinüber, da
entdeckte er drei Dämonen, die auf ebener Erde beieinanderhockten. Den Hauptsitz nahm ein schwarzer Bursche ein, links neben ihm saß ein Daoist, rechts ein weißgekleideter Scholar. Ihr Gespräch drehte sich um die Wartung alchemistischer Gefäße und Öfen, die Läuterung von Zinnober und Quecksilber, die Verfeinerung von Quecksilber zu »Weißem Schnee« oder von Blei zu »Gelben Keimen« und ähnliche Irrlehren. Da warf der Schwarze lachend ein: »Übermorgen ist meiner Mutter Leidenstag, werden die Herren mich mit einem Besuch beehren?«140
»Alljährlich feiern wir Euren Geburtstag«, erwiderte der Scholar, »wie sollte es dieses Jahr anders sein?«
»Über Nacht hab ich eine Rarität erstanden«, meinte da der Schwarze, »ein echt gutes Stück, nennt sich Brokatenes Buddhakleid. Zu Ehren dieses Fundes werde ich morgen schon ein großes Bankett veranstalten, das soll ›Buddhakleid-Fest‹ heißen, was meint ihr dazu?«
»Wunderbar, wunderbar«, lachte der Daoist. »Dann kann ich Euch morgen schon gratulieren und übermorgen auch noch zur Geburtstagsfeier kommen!«
Als Pilger das gehört hatte, konnte er sich nicht länger halten. Er schoss unter dem Felsen hervor und schrie mit erhobener Stange: »Diebesgesindel! Du hast meine Robe gestohlen, was soll dieses Buddhakleid-Fest! Rück sie sofort raus!« Und mit dem Ruf »Stillgestanden!« holte er zum Schlag aus.
Erschrocken verwandelte sich der Schwarze in einen Windstoß und stob davon, während der Daoist auf einer Wolke entschwebte. Nur der weißgekleidete Scholar wurde mit einem Hieb umgehauen und war tot. Er entpuppte sich als weißgemusterte Giftnatter.
Pilger spürte dem Schwarzen nach. Um eckige Felskanten und schroffe Gipfel herum kam er zu einer abschüssigen Felswand, wo er das hohe Tor einer Grotte erblickte. Die steinernen Torflügel aber waren verriegelt. Darüber prangte eine Steintafel, auf der klar und deutlich geschrieben stand: »黑 風山黑風洞 – Schwarzwindgrotte auf dem Schwarzwindberg«.141
Pilger schwang seine Stange und schrie: »Du verdammtes Sündenbiest! Rück auf der Stelle meine Robe raus!«
Mehrere kleine Ungeheuer stürzten zu dem Schwarzen und meldeten: »Großer König, wir können kein Buddhakleid-Fest mehr machen; draußen steht ein Mönch mit einer Schnauze wie der Donnergott und will die Robe haben!«
Der Schwarze ließ sich seine Rüstung geben und schnürte sie fest, dann packte er einen Speer mit schwarzen Quasten, lief zum Tor hinaus und schrie: »Von welchem Kloster bist du eigentlich? Wo hast du deine Robe liegen lassen, dass du dich erkühnst, sie bei mir anzufordern?«
»Meine Robe lag in einer Klause hinten im Guanyin- Kloster. Weil es gestern brannte, hast du Schurke die Gelegenheit benutzt, sie zu stehlen. Und nun willst du das auch noch feiern. Wagst du dies etwa zu leugnen? Los, gib sie her, wenn dir dein Leben lieb ist!«
Der Dämon gab ein kaltes Lachen von sich und meinte: »Du lausiges Ding! Du hast also das Kloster in Brand gesteckt. Während du oben auf dem Dach das Feuer angefacht hast, habe ich mir eben die Robe geholt. Na und? Wie heißt du überhaupt, und was für Fähigkeiten hast du, dass du so große Worte schwingst?«
»Du erkennst wohl nicht, dass dein Ahnherr vor dir steht! Ich bin Pilger Sun, Jünger des kaiserlich verbrüderten Meisters Tripitaka aus dem großen chinesischen Kaiserreich. Wenn du hörst, was für Künste der alte Sun beherrscht, flieht dir die Seele aus dem Leib.«
»Zähl nur auf, ich höre.«
»Dann halt dich fest, mein Kleiner, und hör mir genau zu!
Von klein auf hab ich Zauberkraft
Mit allerhöchsten Fähigkeiten;
Kann im Winde mich verwandeln,
Jederzeit als Held ausschreiten.
Auf dem Blumen-Früchte-Berg
War ich Führer und Regent,
In der Wasservorhang-Grotte
Hängt mein Goldenes Gewand.
Einst holt’ mich der Jadekaiser
Eigens per Edikt heran,
Hob mich ›himmelsebenbürtig‹
In den allerhöchsten Rang.
Mehrmals machte ich Tumult
In dem himmlischen Palästen,
War auch im Tusita-Himmel
Mit bei den geladenen Gästen.
Unterm Wandlungsphasen-Berg
Lag ich fünf Jahrhundert lang,
Heute schütze ich den Priester
Unbeirrt und ohne Bang.
Geh nur hin und frag nach mir
Im Himmel, auf Erden, im Ozean:
Seit jeher bin ich allhier
Der prominenteste Dämon!«
Da lachte der Schwarze auf und rief: »Dann bist du also jener Pferdeknecht, der Bimawen, der im Himmel wütete?«
Wenn etwas Pilger in Rage bringen konnte, war es das Wort »Bimawen«. Wutentbrannt schwang er seine Stange gegen den Schwarzen, der sich ihm sofort mit dem Speer zur Wehr stellte. So fochten die beiden ein Dutzend Runden aus, doch der Kampf blieb unentschieden. Gegen Mittag stemmte der Schwarze seinen Speer gegen Pilgers Stange und rief: »Pilger Sun, warte, bis ich mich gesättigt habe, danach werde ich weiterkämpfen.«
Wutentbrannt schwang er seine Stange gegen den Schwarzen, der sich ihm sofort mit dem Speer zur Wehr stellte.
Zum Schein wirbelte er ein letztes Mal seinen Speer, dann rannte er in seine Grotte, verriegelte das Felsentor und machte sich daran, das Bankett vorzubereiten und Einladungen an allerlei Dämonen zu verfassen.
Wie sehr Pilger auch auf die steinernen Torflügel einhauen mochte, sie blieben verschlossen. So blieb ihm nichts anderes übrig, als ins Guanyin-Kloster zurückzukehren und Tripitaka von der Sache mit dem schwarzen Dämon zu berichten. Unterdessen hatte der Abt wieder ein Klostermahl zubereiten lassen und bat Pilger zu Tisch. Der aber stieg schon nach wenigen Bissen abermals auf eine Wolke und kam wieder zum Berg. Während er vordrang, lief ihm ein kleines Ungeheuer, das ein Kästchen aus Birnholz unter die linke Achsel geklemmt hatte, über den Weg. Flugs schwang Pilger seine Stange hoch und schmetterte sie mit solcher Wucht auf das Ungeheuer, dass es nur mehr aussah wie ein Fleischklößchen. Nachdem er es an den Wegesrand gezerrt hatte, nahm Pilger das Kästchen, in dem tatsächlich eine Einladung steckte. Sie lautete folgendermaßen:
»Achtungsvoll grüßt Euer dienender Jünger Braunbär Seine
Hoheit Ehrwürden vom Goldteich: Der holden Gunst,
welche ich von Euch zu empfangen mehr als einmal die
Ehre hatte, stehe ich in tiefer Dankbarkeit gegenüber. Wie
ich zu nächtiger Stunde sah, trieb der Feuergeist sein
Unwesen; leider war ich nicht in der Lage, Beistand zu
leisten, denke aber, dass Ihr nicht in ernste Gefahr geraten
sein könnt. Da ich durch Zufall in Besitz eines
Buddhakleides kam, will ich zu dessen Feier ein edles
Bankett geben, wo Blumen und Wein zu Eurem Genusse
bereitstehen werden. Eure heilige Eminenz sei inständig
gebeten, mich mit Eurem Besuche zu beehren. Mit
ergebenem Dank! Zwei Tage im voraus geschrieben.«
Pilger lachte laut heraus: »Braunbär nennt sich dieser Kerl! Das muss der Geist eines Bären sein. Geschieht dem alten Knacker ganz recht, dass er gestorben ist, mit dämonischem Gesindel hat er sich also herumgetrieben. Kein Wunder ist er zweihundertsiebzig Jahre alt geworden. Sicher hat er irgendwelche Atemtechniken vermittelt bekommen, dass er ein solches Alter erreicht hat. Wartet nur, jetzt gehe ich gleich in seiner Gestalt zur Grotte. Vielleicht finde ich dort die Robe und kann sie bei Gelegenheit mitnehmen, das würde doch alles Weitere ersparen.«
Der gute Große Heilige! Kaum hatte er einen Zauberspruch gemurmelt, erschien er schon in Gestalt des greisen Mönchs. So ging er zur Grotte und rief um Einlass. Das Ungeheuer, das ihm öffnete, rannte bei seinem Anblick sofort hinein und meldete: »Großer König, Ehrwürden vom Goldteich ist da!«
Der Dämon versank in nachdenkliches Schweigen und meinte: »Gerade habe ich einen Boten mit der Einladung an Ehrwürden vom Goldteich ausgeschickt. Warum kommt er jetzt schon? Hat ihn etwa Pilger Sun kommen lassen, damit er die Robe zurückfordert? Hausmeister! Versteck das Gewand, lass es ihm ja nicht unter die Augen kommen.«
Als Pilger eintrat, erblickte er im Vorhof zartgrüne
Bambusstauden zwischen smaragdenen Kiefern, dazu blühende Pfirsich- und Pflaumensträucher, einer schöner als
der andere. Das war ja ein recht paradiesischer Grottenhimmel! Zu beiden Seiten des zweiten Toreingangs waren Reimsprüche angebracht, die lauteten:
»Fernab in stillen Bergen
Der Weltlichkeit entsagen;
Tief in göttlichen Grotten
An Reinheit sich erlaben.«
»Auch einer, der den Staub der Welt meidet«, ging es Pilger durch den Sinn, während er das dritte Tor142 durchschritt, das den Blick freigab auf schmuckes Gebälk und farbig verzierte Fenster und Türen.
Der Schwarze sah Pilger eintreten, strich sich sein Gewand zurecht, kam ihm die Stufen hinab entgegen und begrüßte ihn mit den Worten: »Meister, mehrere Tage lang konnte ich Euch keine Aufwartung machen. Eben schickte ich Euch eine Einladung für die übermorgige Feier; wie kommt es nur, dass Ihr mich jetzt schon mit einem Besuch beehrt?«
»Ich war gerade auf dem Weg zu Euch, da durfte ich überraschenderweise Euer wertes Schreiben in Empfang nehmen und von der edlen Buddhakleid-Feier erfahren. Darum bin ich gleich gekommen, Euch zu sprechen«, gab Pilger zur Antwort.
Da platzte ein kleines Ungeheuer, das draußen auf Patrouille gewesen war, ins Gespräch und rief: »Großer König! Der Bote, der mit der Einladung unterwegs war, ist von Pilger Sun erschlagen worden, und dieser hat sich in Ehrwürden vom Goldteich verwandelt, um Euch das Buddhakleid zu entwenden!«
Kaum hatte er dies vernommen, schoss der Dämon hoch, packte seinen Speer und stach gegen Pilger. Dieser aber ergriff seine Stange, zeigte seine eigene Gestalt und wehrte die Speerspitze ab. Ringend drangen die beiden in den Vorhof, fochten weiter bis zum Tor, vom Tor bis auf den Berg hinauf, und vom Berggipfel über die Wolken hinaus, so lange, bis die rote Abendsonne im Westen versank, doch der Ausgang war und blieb unentschieden.
»Du mit Namen Sun«, keuchte der Dämon, »halt ein! Heute ist es zu spät, aber morgen mach ich mit dir einen Kampf auf Leben und Tod.«
Abermals in einen klaren Windstoß verwandelt, schoss er in seine Grotte zurück, verriegelte das Tor und ließ sich nicht mehr blicken.
Pilger blieb nichts übrig, als ins Guanyin-Kloster zum Meister zurückzukehren und ihm wiederum zu berichten, was sich ereignet hatte. Die Nacht über ruhten sie in der
Meditationshalle. Kaum fiel der erste Schein der Morgendämmerung durchs Fenster, sprang Pilger mit einem Satz auf. »Sorgt euch um meinen Meister«, befahl er den Mönchen, »ich gehe.«
Tripitaka aber stand auf, hielt ihn zurück und fragte: »Wohin gehst du?«
»Meiner Meinung nach ist das Ganze letztendlich ein Fehler von Guanyin!« erklärte Pilger. »Sie hat hier ein Kloster stehen, empfängt die Opfergaben dieser Leute und lässt es dennoch zu, dass in nächster Nähe ein Dämon haust. Ich gehe jetzt zum Südmeer und gebe ihr Bescheid, dann soll sie selbst hierherkommen und dem Biest die Robe abverlangen.«
»Wann bist du denn wieder da?«
»Wenn alles klappt, nach dem Frühstück, ansonsten gegen Mittag. Der Erfolg ist gewiss!« versicherte Pilger. Mit dem Ruf »Ich gehe!« war er spurlos verschwunden. Im Nu hatte er das Südmeer erreicht und hielt Ausschau. Hier sah er:
Wogende Wassermassen,
Ragende Felsenhöhen!
In deren Mitte Tausende heilsamer Kräuter
Und Hunderte von edlen Blumen blühen.
Im kühlen Laub der Pappeln
Reden Papageien,
Und am Purpurbambushain
Laut die Pfauen schreien.
Pilger konnte sich an dem herrlichen Anblick kaum sattsehen. Durch den Purpurnen Bambushain hindurch gelangte er zum Lotosthron und verneigte sich vor der Bodhisattva.
»Was suchst du hier?« fragte Guanyin.
»Alles nur, weil Ihr auf dem Westweg so ein Kloster stehen habt, wo Ihr die Opferungen der Leute empfangt und zulasst, dass sich in der Nachbarschaft ein Schwarzbärengeist einnistet! Der hat meinem Meister die Robe geklaut und rückt sie einfach nicht raus, obwohl ich sie mehrmals verlangt habe. Ich komme eigens, damit Ihr mir die Robe gebt.«
»Unverschämt ist dieser Zankaffe!« sprach die Bodhisattva. »Warum soll ich dir die Robe geben, wenn der Bärengeist sie gestohlen hat? Alles ist nur deshalb geschehen, weil du sündiger Affe vor den Augen kleiner Leute mit Reichtum geprahlt hast! Und zu allem Unheil hast du noch aus reiner Bosheit Feuer geschürt und mein irdisches Kloster verbrannt. Und da wagst du es noch, hier derart unschicklich aufzutreten.«
Von Guanyin mit den wahren Tatsachen konfrontiert, machte Pilger geschwind eine Verbeugung und sagte höflich: »Bodhisattva, verzeiht Eurem Jünger! Es ist in der Tat so, wie Ihr sagt. Doch wenn dieses Biest die Robe nicht herausrückt, wird mein Meister wieder den Spruch aufsagen! Ich alter Sun kann diese Kopfschmerzen einfach nicht ertragen. Darum habe ich mir erlaubt, Euch aufzusuchen. Bitte habt Erbarmen!«
»Nun gut, Tripitaka zuliebe will ich mit dir gehen.«
Sie schwebte mit Pilger zusammen auf einer Wolke, im Nu erreichten sie den Schwarzwindberg und ließen sich herab. Während sie einhergingen, trafen sie am Berghang auf einen Daoisten, der mit einer Glasschale in den Händen unterwegs war. In der Schale lagen zwei Unsterblichkeitspillen. Pilger stürzte auf ihn zu, riss seine Stange hervor und schlug ihn tot.
»Du elender Affe!« rief Guanyin erschrocken, »er hat doch deine Robe nicht gestohlen; was fällt dir ein, ihn grundlos zu erschlagen?«
»Bodhisattva«, gab Pilger zurück, »Ihr müsst wissen, der Kerl war ein Freund von diesem Bärengeist! Morgen will der Dämon seinen Geburtstag feiern und hat alle zu einem Buddhakleid-Fest eingeladen. Der hier wollte ihm heute schon gratulieren.«
Als er die Leiche des Daoisten hochzerrte, war es ein schwarzer Wolf. Die Glasschale hatte auf der Unterseite vier Schriftzeichen eingeritzt: » 凌虛子製 – Angefertigt von dem Meister der Hehren Leere«. Als Pilger dies gesehen hatte, lachte er und rief: »Phantastisch! Wunderbar! Ich alter Sun habe einen Plan. Nur weiß ich nicht, ob Ihr damit einverstanden seid?«
»Sprich.«
»Auf dieser Schale steht ›Hergestellt von dem Meister der Hehren Leere‹; das muss der Name des Daoisten sein. Bodhisattva, wenn Ihr einverstanden seid, dann könntet Ihr Euch in seine Gestalt verwandeln, während ich die zwei Pillen schlucke und mich dann selbst in eine Pille verwandle. Dann überbringt Ihr ihm die Schale als Geburtstagsgeschenk und lasst ihn die Pille einnehmen, so dass ich ihn von innen her anpacken kann. Falls er dann das Kleid noch immer nicht rausrücken will, werde ich alter Sun eins aus seinen Gedärmen weben!«
Guanyin schmunzelte, dann zeigte sie sich mit einem Nicken einverstanden. Nun wirkte sie kraft ihres Herzens auf ihre Gedanken und kraft ihrer Gedanken auf ihren Körper ein, so dass sie einen Augenblick später in Gestalt des unsterblichen Meisters der Hehren Leere dastand. So war sie anzusehen:
Wie Kranichgefieder im holden Wind,
Schwebenden Ganges im Leeren geschwind.
Gleich einer Zeder das alte Gesicht,
Wundervoll wie seit Urzeiten nicht!
So geht er dahin, ohne festen Ort,143
Ist so wie er ist, mit eigener Art;
Alles kehrt ein ins Eine Prinzip,
Einzig der Körper hält ihn noch ab.
Wie Pilger sie so sah, rief er: »Wundervoll! Herrlich! Aber ist das nun ein Dämon in Gestalt eines Bodhisattva oder ein Bodhisattva in Gestalt eines Dämons?«
Guanyin lächelte: »Wukong! Ob Bodhisattva oder Dämon, das ist nicht mehr als ein Gedanke. Vom Urgrund aus betrachtet, sind beide inexistent.«
Unmittelbar erfasste Pilger die Wahrheit ihrer Worte, machte einen leichten Dreh und nahm die Form einer Pille an.
Haltlos rollt er durch die Schale,
Ohne Richtung, rundum hell und klar.
Dreimal Drei, bei Goulou zu vereinen,
Sechsmal Sechs im Jadeofen gut verwahr’.144
Ziegelscherben flammen auf wie Gold,
Hell erstrahlt der Mani-Perle Licht!145
Was äußerlich Mercurium und Blei,
Dies diskutiere niemals unbedacht.146
Mit der Glasschale in den Händen kam Guanyin nun zur Grotte des Dämons. Sie blickte sich um. Wahrhaftig, da gab es zinnoberrote Felsen und glasklare Bäche, smaragdene Zypressen und tiefdunkle Kiefern. Der Anblick erfüllte ihr Herz mit Freude, und sie meinte: »Das Sündentier muss dem Dao doch recht nahe sein, wenn es sich diese Grotte zum Wohnsitz nimmt.« So regte sich in ihr bereits ein barmherziger Gedanke.
Als sie vor das Tor trat, riefen die kleinen Ungeheuer: »Der göttliche Meister der Hehren Leere ist da!« Rasch flitzten sie in die Grotte und meldeten sein Kommen. Der Dämon geleitete die Bodhisattva hinein, und nachdem sie sich gesetzt hatten, sprach er: »Meister, Euer werter Besuch in meinem bescheidenen Heim ist mir eine außerordentliche Ehre.«
»Geringer Daoist hat Euch eine Unsterblichkeitspille mitgebracht, um Euch zum Geburtstag zu gratulieren«, sprach die Bodhisattva und hielt die Schale hoch: »Lang lebe der Große König!«
Ohne weitere Umstände steckte der Dämon die Pille geradewegs in den Mund, und noch bevor er sie schluckte, kollerte ihm die Pille schon die Kehle hinunter. Im Bauch nahm Pilger seine eigene Gestalt an, stellte sich in Kampfpose und drosch so wild drauflos, dass der Unhold nur noch jammernd zu Boden torkelte und um sein Leben flehte. Auch Guanyin nahm nun ihre eigene Gestalt an und sprach: »Sündenbiest, hol die Robe, wenn dir dein Leben lieb ist!« Sofort befahl der Dämon einem kleinen Ungeheuer, die Robe zu bringen. Schon war Pilger durch ein Nasenloch ins Freie gesprungen und nahm die Robe in Empfang.
Um zu verhindern, dass der Dämon sich weiterhin ungebührlich benehmen konnte, setzte ihm Guanyin einen Reif auf die Stirn. Kaum hatte sich der Unhold aufgerappelt, richtete er seinen Speer gegen Pilger, doch Guanyin hatte sich bereits in die Höhe erhoben und murmelte die Wahren Worte. Da ließ das Ungeheuer den Speer fallen und wälzte sich von Qualen gepeinigt über den Boden.
»Sündige Bestie!« rief Guanyin, »willst du dich jetzt zum Guten bekennen?«
»Nur zu gern, wenn Ihr mich am Leben lasst!« keuchte der Dämon.
Pilger wollte ihn erschlagen, doch Guanyin hielt ihn zurück: »Lass ihn am Leben. Ich habe Verwendung für ihn.«
»Wo denn?« wollte Pilger wissen.
»Auf meiner Insel Potalaka fehlt hinterm Berg noch ein Wächter. Ich werde ihn zum Großen Wächtergott des Berges machen.«
»Ihr seid wahrlich eine barmherzige Retterin«, lachte Pilger, »keiner Seele tut Ihr etwas an.«
Der Unhold aber schien wie aus einem Traum zu erwachen, schlug ein ums andere Mal vor Guanyin die Stirn auf den Boden und gelobte, fortan dem rechten Weg zu folgen. Da schwebte die Bodhisattva auf glückverheißenden Lichtstrahlen nach unten, legte ihm segnend die Hand aufs Haupt und lehrte ihn die Gebote. Dann hieß sie ihn den Speer mitnehmen und ihr folgen. Endlich konnte der Schwarzbär
Sein ungestümes Herz
Noch heute niederlegen,
Den allzu großen Starrsinn
Zu dieser Stund’ aufgeben!
»Wukong«, beschied Guanyin, »geh jetzt mit der Robe zurück und kümmere dich um Tripitaka. Sieh zu, dass du in Zukunft nie wieder durch Angeberei in Unannehmlichkeiten kommst!«
Mit der Robe in den Händen vollzog Pilger einen Stirnaufschlag und verabschiedete sich. Guanyin aber zog mit dem Bären zum Südmeer.
Und wenn ihr wissen wollt, wie es weiterging, dann hört euch das nächste Kapitel an.