Berichten wir weiter, wie der Unhold, in einen Feuerstrahl verwandelt, davonstob, während Pilger ihm als lichter Farbenglanz dicht auf den Fersen blieb. Auf einmal gewahrten sie einen hohen Berg. Da verdichtete der Unhold seinen roten Feuerstrahl, nahm seine eigene Gestalt an und stürmte in die Grotte, wo er einen neunzackigen Rechen packte, mit dem er sich in den Kampf stürzte.
»Verdammtest Biest!« schrie Pilger, »wo kommst du elender Teufel her? Woher kennst du meinen Namen? Lass sehen, was du für Fähigkeiten hast, dann magst du am Leben bleiben.«
»Du hast ja keine Ahnung von mir«, gab der Unhold zurück, »komm her und höre, was ich dir sage:
Seit Kindheit bin ich von Natur
Im Wesen ungewandt,
So frönte ich der Muße
Und Faulheit permanent.
Nie übte ich mein Wesen
In der Vervollkommnung,
Dumpf, mit wirrem Herzen,
Zog Tag und Monat hin.
Doch eines Tags, die Zeit war reif,
Da traf ich einen Wahren Weisen,147
Der sich setzte und begann
Ein Elixier-Buch vorzulesen.
Er riet mir, mich zu besinnen,
Nicht im Staube zu verbleiben;
Konnte mir das Himmelstor
Und den Erdpalast aufzeigen.148
Ich erfuhr vom Elixier,
Das neunmal geläutert wird,
Habe darauf Tag und Nacht
Ohne Unterlass geübt.
Ließ die Energie hinauf
In den Niyuan-Palast fließen
Und hinab zur Sprudelquelle
An der Sohle von den Füßen.
Nierenwasser ließ ich kreisen
Mitten in den Blütenteich;149
Stärkte das Zinnoberfeld
Wohlig warm in meinem Bauch.
Es gehören Kind und Jungfrau
Zu den Kräften Yin und Yang,150
Aufgeteilt in Mond und Sonne,
Einen sich Blei und Mercurium.
Der Li-Drache, der Kan-Tiger
Sind zur Harmonie geführt,151
Und die Schildkröte, beseelt,
Saugt des Goldnen Raben Blut.152
Mit Drei Blüten überm Haupt153
Fand ich zu den Wurzeln heim,
Und die Fünf Energien flossen
Im Ursprung ineinander ein.154
Nach Vollendung dieses Werks
Schwebte ich gar hoch empor,
Leicht und mit gesundem Leib
Bis hinauf zum Himmelstor.
Beim Bankett des Jadekaisers
Mit Unsterblichen beisammen
Erhielt jeder seinen Titel,
Eingeteilt nach vielen Rängen.
Zum Marschall ward ich ernannt,
Der Himmelsfluss mir zugeteilt;
Über alle Wasserkrieger
Ich das Regiment erhielt.
Nur weil dann die Königinmutter
Ihr Pfirsichfest vonstattengab
Und an ihrem Jaspisteich
Alle Himmlischen einlud,
Trat ich voller Heldenmut
Trunken in den Mondpalast,
Wo die zauberhafte Mondfee
Zum Empfang gekommen ist.
Dieser Liebreiz wollte mir
Schier das Herz verbrennen,
Da stand mein profaner Sinn
Brennend heiß in Flammen.
Ohne jeglichen Bedacht
Auf die Würde oder Ränge
Fasste ich die Mondfee unter,
Dass ich bei ihr liegen könne.
Und in himmelweiter Wollust
Tat ich einen Donnerschrei,
Dass die Himmelstore wankten;
Beinah barsten sie dabei.
Doch der Himmlische Inspektor
Zeigte mich beim Kaiser an,
So stand es seit jenem Tage
Um mein Schicksal ziemlich schlimm.
Der Palast der Weiten Kälte
Wurde ringsum eng umstellt,
Alle Götter packten mich,
Auszubrechen – weit gefehlt!
Man hat mich zur Himmelshalle
Vor den Jadekaiser geführt,
Wo ich von Gesetzes wegen
Zum Tod abgeurteilt ward.
Zum Glück kam der Abendstern
Noch zu meiner Rettung her,
Nur zweitausend Hammerschläge
Brachen Haut und Knochen mir.
Ausgestoßen aus dem Himmel,
Degradiert, doch lebend noch,
Kam ich auf den Fuling-Berg,
Auf der Suche nach Obdach.
Bei der Inkarnation
Fiel ich einem Schwein zu Lasten;
Darum nennt man mich gemein
›Eber mit den harten Borsten‹.«
Nachdem sich Pilger alles angehört hatte, meinte er: »Dann bist du verdammter Kerl also die Wiedergeburt des Wassergottes Tianpeng! Kein Wunder hast du schon vom alten Sun gehört.«
»Ha, du elender Pferdeknecht!« schnaubte der Unhold. »Weiß der Himmel, wie viele von uns du damals in Mitleidenschaft gezogen hast, und jetzt treibst du auch hier noch dein Unwesen. Keine Frechheiten, krieg meinen Rechen zu spüren!«
Natürlich ließ Pilger sich das nicht gefallen, schon schwang er seine Stange hoch und schlug los. So lieferten sich die beiden mitten in der Nacht am Berghang ein wildes Gefecht, das um die zweite Nachtwache begann und nicht eher aufhörte, als bis im Osten der Himmel sich aufhellte. Schließlich konnte der Unhold nicht länger standhalten. Abermals verwandelte er sich in einen Windstoß und sauste in die Grotte, wo er die Tore verriegelte und sich nicht mehr blicken ließ. Pilger bemerkte nun vor dem Grottentor eine Stele mit drei eingekerbten Schriftzeichen: » 雲棧洞 – Wolkensteggrotte«.
Inzwischen war es schon ganz hell geworden, und Pilger fürchtete, der Meister könne sich seinetwegen Sorgen machen. Also kehrte er vorläufig ins Dorf zurück. Hier traf er Tripitaka im Verein mit den Dorfältesten und berichtete ihnen, was sich alles zugetragen hatte. Dann rief er den alten Gao herbei und sagte: »Dieses Ungeheuer ist kein gewöhnliches Spukwesen. Es handelt sich um Marschall Tianpeng, der vom Himmel herniedergekommen ist. Weil er auf dem Weg zur Wiedergeburt aus Versehen in einen falschen Leib einging ist, sieht er nun wie ein Wildschwein aus, doch im Grunde hat er immer noch himmlische Gaben. Er fand, er habe sich zwar von Euren Speisen ernährt, doch habe er ja auch für Euch gearbeitet und Euer Guthaben vermehrt. Außerdem habe er Eurer Tochter nie etwas zuleide getan. Warum also, fragt er, wollt Ihr ihn fortjagen? Meiner Meinung nach könnt Ihr einen solchen Schwiegersohn eigentlich ebenso gut behalten.«
»Ehrwürden«, fiel der alte Gao ein, »dass er nicht gegen die allgemeine Moral verstößt, ist schon richtig, aber bedenkt doch unseren Ruf! Ständig heißt es: ›Die Gaos haben ein Ungeheuer als Schwiegersohn!‹ Das ist auf die Dauer einfach nicht zum Aushalten.«
»Wukong!« mahnte Tripitaka, »wenn du die Sache schon angepackt hast, so führe sie auch zu Ende.«
»Gewiss, gewiss«, nickte Pilger. »Diesmal werde ich ihn Euch garantiert gefangen vorführen.«
Mit einem kurzen Abschiedsruf war er schon wieder spurlos verschwunden. Auf dem Berg ließ er sich nieder, kam zur Grotte, wo er mit ein paar Stockhieben die Torflügel zertrümmerte, und schimpfte: »Du elendes Mistvieh! Komm raus und kämpfe mit dem alten Sun!«
Der Unhold lag noch schnarchend in der Grotte, als er plötzlich Pilgers Schimpftirade hörte. Wütend schleppte er seinen Rechen heran, ballte seine Kräfte und rannte ins Freie, wo er schrie: »Du Bimawen von Pferdeknecht! Was habe ich mit dir zu tun, dass du mein Tor zerhaust? Schau dir mal das Gesetzbuch an, Einbruch in ein Haus wird mit Todesstrafe für anderweitige Verbrechen geahndet!«
Pilger lachte: »Dieser Tölpel! Ich hab dir zwar das Tor eingeschlagen, du aber hältst die Tochter eines Hauses gewaltsam in Besitz! Da müsste man dir für faktisches Verbrechen den Kopf abschlagen!«
»Schluss mit dem Gerede, sieh meinen Rechen!«
»Das ist wohl der Rechen, mit dem du den Gaos die Felder pflügst«, spottete Pilger, »was kann da schon dran sein?«
»Da täuschst du dich!« gab der Unhold zurück, »dieser Rechen ist alles andere als ein profanes Werkzeug. Hör zu, was ich dir sage:
Dies ist ein geläutertes
Göttereisen, eisig hart,
Von Laozis eigener Hand
Ist ein Siegel eingeprägt.
Es heißt dieser Höchste Schatz
›Golddurchtränkter Rechen‹,
Für den Jadekaiser konnt’ ich
Damit den Palast bewachen.
Denn als ich das Tianpeng-Amt
Auf das höchste Geheiß annahm,
Schenkte er mir diesen Rechen
Als ein kaiserlich’ Emblem.
Er verwandelt sich mit mir,
Tief im Herzen berg ich ihn,
Er bewegt sich wunschgemäß
Auf die Zaubersprüche hin.
Tief im Meer durchwühle ich
Nun Paläste von den Drachen,
In den Bergen kann ich Tiger- und Wolfshöhlen niedermachen.
Ha, was soll ich dich schon fürchten,
Kupferschädel, Eisenhirn, und sei dein Leib aus Stahl,
Unter meinem Rechen schwindet deine Seele,
Geist und Energie entweichen, ein für alle Mal!«
»Prahle nur nicht zu früh, du Tölpel!« gab Pilger zurück, »ich alter Sun will dir jetzt mal den Kopf hinhalten, dann kannst du ausprobieren, ob mir wirklich die Seele schwindet und die Kräfte weichen!«
Da rannte der Unhold mit erhobener Waffe auf ihn zu und ließ den Rechen so heftig auf ihn niedersausen, dass die Funken spritzten. Pilger aber trug keine Schramme davon. Dem Unhold fuhr ein mächtiger Schrecken in die Glieder, und er rief: »Was für ein Schädel! Aber sag mal, du Affe, soweit ich mich entsinnen kann, warst du doch zur Zeit deines Aufruhrs im Himmel in der Wasservorhang-Grotte auf dem Kontinent Purvavideha zu Hause? Seither hab ich nichts mehr von dir gehört; warum kommst du eigentlich hierher und stellst mir nach? Hat etwa mein Schwiegervater dich hergebeten?«
»Nein, der hat nie nach mir geschickt. Ich alter Sun habe mich zum Guten gewendet und begleite jetzt den Meister Tripitaka aus dem Osten auf seiner Reise in den Westen, um von Buddha Heilige Schriften zu erbitten. Als wir hier im Dorf der Sippe Gao übernachten wollten, ist der Alte darauf zu sprechen gekommen und hat mich gebeten, seine Tochter zu befreien und dich gemeines Mistvieh festzunehmen.«
Als der Unhold dies hörte, ließ er seinen Rechen fallen, verneigte sich und rief: »Wo ist der Schriftenholer? Bitte, führ mich zu ihm!«
»Wozu denn das?«
»Vor langer Zeit hat mir die Bodhisattva Guanyin den Rat gegeben, mich an die buddhistischen Gebote zu halten und nur noch Klosterkost zu essen. Sie sagte, ich solle einen Schriftenholer in den Westen begleiten, um bei Buddha Heilige Schriften zu erbitten. All die Jahre hab ich nichts mehr davon gehört. Wenn du doch sein Schüler bist, warum hast du nicht gleich was vom Schriftenholen gesagt, statt mit Gewalt zu kommen und mich zum Kampf herauszufordern?«
»Versuche ja nicht, mich hinters Licht zu führen!« warnte Pilger. »Wenn es stimmt, was du sagst, dann schwöre zum Himmel, dass du Tripitaka folgen willst. Sonst bringe ich dich nicht zu ihm.«
Da fiel der Unhold, das Gesicht gen Himmel gewandt, auf die Knie, schlug die Stirn zu Boden, als würde er Knoblauch mörsern, und rief: »Buddha Amitabha! Wenn dies nicht mein aufrichtigster Herzenswunsch ist, will ich abermals nach den Gesetzen des Himmels verurteilt und in tausend Stücke gehackt werden!«
Jetzt glaubte ihm Pilger. Er hieß ihn Schilf und Dorngestrüpp herantragen, stopfte damit die Grotte voll, und dann verbrannte er die Wolkensteggrotte zu Schutt und Asche.
»Nun, da ich frei und ledig bin«, sprach der Unhold zu Pilger, »führe mich jetzt hin.«
Da packte Pilger den Rechen und zerrte den Unhold am Ohr zu den Wolken empor. So schwebten sie dem Dorf der Sippe Gao zu. Ein Gedicht besagt:
Da packte Pilger den Rechen und zerrte den Unhold am Ohr zu den Wolken empor.
Metall ist hart und stark,
So kann es Holz bezwingen,
Daher weiß der Herzensaffe
Den Holzdrachen heimzubringen.155
Fügsam ist Metall, und Holz ist zahm,
Beide gehen sie nun auf im Einen;
Holz zeigt Liebe, und Metall zeigt Güte,
Alles kann nun reich aufkeimen.156
Jede Trennung ist fortan beendet,
Sie sind nicht mehr Herr und Gast;
Dreifach kreuzen und sich dreifach einen:
Hier liegt tiefer Sinn gefasst.
Glücklich sind dabei Gefühl und Wesen,
End’ und Anfang hier sich wiederfinden;157
Nun steht nichts der Sache mehr im Wege,
Dass sie einst vereint vom Westen künden!
Tripitaka saß mit dem alten Gao und dessen Leuten zusammen in der Haupthalle, als sie auf einmal gewahrten, wie Pilger mit dem Unhold im Schlepptau herankam. Freudig überrascht nahmen sie ihn in Empfang. Da fiel der Unhold Tripitaka zu Füßen und rief unter Stirnaufschlägen: »Meister! Euer Schüler hat es versäumt, Euch gebührend zu empfangen! Hätte ich gewusst, dass Ihr im Hause meines Schwiegervaters weilt, wäre ich längst gekommen, mich vor Euch zu verneigen. Wozu all die Verstrickungen?«
»Wukong, wie bringst du ihn dazu, dass er sich vor mir verbeugt?« wunderte sich Tripitaka.
»Tölpel«, rief Pilger, »erzähl du es selbst!«
Ausführlich schilderte nun der Unhold, wie Guanyin ihn zum Guten bewogen hatte. Tripitaka war überglücklich. Er bat den alten Herrn Gao, einen Weihrauchtisch zu bringen, wusch sich die Hände, zündete Weihrauch an und verneigte sich gen Süden mit den Worten: »Dank sei der Huld der Bodhisattva!«
Der Unhold verneigte sich nun von neuem vor Tripitaka, womit er ihn als Meister anerkannte. Anschließend verbeugten er und Pilger sich voreinander und sprachen sich fortan als »Meisterbruder« an.
Da meinte Tripitaka: »Da du mein Schüler wirst, will ich dir einen Ordensnamen verleihen.«
»Meister«, erklärte der Unhold, »Guanyin hat mir bereits einen gegeben; ich heiße Zhu Wuneng, ›der die Fähigkeit erkennt‹.«
»Sehr gut, sehr gut«, nickte Tripitaka, »das passt zum Namen deines Meisterbruders Wukong.«
»Meister«, meinte Zhu Wuneng nun, »seit Guanyin mir die Gebote auferlegt hat, habe ich weder Fleisch noch andere unreine Speisen gegessen. Jetzt, da ich Euch endlich gefunden habe, kann ich doch mit der Abstinenz aufhören?«
»Nein, nein, das geht nicht«, widersprach Tripitaka. »Aber da du dich an daran gehalten hast, die fünf unreinen und drei tierischen Speisen zu meiden, will ich dir einen Übernamen geben: Ba Jie, ›Acht Abstinenzen‹, sollst du heißen.« Der Tölpel freute sich sehr und nannte sich von da an auch Zhu Bajie.
Angesichts dieser Bekehrung zum Guten war der alte Gao erst recht beglückt und ließ seine Diener zum Dank ein großes Festmahl zubereiten. Da trat Bajie auf den alten Gao zu und meinte: »Vater, wollt Ihr nicht meine Braut holen, dass sie meinen Meister und Meisterbruder begrüßt?«
»Aber werter Bruder«, lachte Wukong, »du bist jetzt Mönch, also lass in Zukunft das Wörtchen ›Braut‹ hübsch beiseite. Es gibt zwar Daoisten, die der Ehe nicht entsagen, doch hast du je einen verheirateten buddhistischen Mönch gesehen? Lasst uns was essen, damit wir rechtzeitig auf den Weg nach Westen kommen.«
Der alte Gao bot Tripitaka den Ehrenplatz an, Pilger und
Bajie setzten sich ihm zur Seite, während die
Familienangehörigen die restlichen Plätze einnahmen. Tripitaka hielt sich an die Klosterkost, Pilger und Bajie genossen zusätzlich etwas Klosterwein.
Als die Mahlzeit beendet war, trug der alte Gao auf einem roten Tablett zweihundert Liang Bruchgold und Bruchsilber zum Dank herbei. Doch Tripitaka wehrte ab: »Als Wandermönche können wir unmöglich solche Reichtümer annehmen!«
Pilger jedoch schnappte sich eine Handvoll und rief: »Gao Cai! Gestern hast du die Mühe auf dich genommen, meinen Meister hierherzuführen, und heute haben wir bei euch sogar einen Schüler gefunden. Ich habe sonst nichts zum Danke, also nimm diesen Batzen zum Lohn. Und falls es wieder mal Ungeheuer geben sollte, dann spart sie uns auf, ich werde dir dankbar sein!«
Gao Cai dankte mit einem Kotau.
Der alte Gao schenkte Bajie eine Mönchsrobe aus schwarzer Brokatseide und zwei Paar neue Schuhe. Da trat Bajie gemessenen Schrittes auf den alten Gao zu und sprach mit einer ehrerbietigen Gebärde: »Hiermit tue ich meiner Schwiegermutter, meiner Frau und allen Verwandten kund, dass ich heute Mönch geworden bin. Die Zeit reicht nicht, mich von allen persönlich zu verabschieden. Schwiegervater, sorgt gut für meine Frau! Falls das mit dem Schriftenholen scheitert, werde ich wieder als Schwiegersohn zu Euch zurückkommen.«
»Lass den Unsinn, du Nichtsnutz!« versetzte Pilger, »brechen wir auf!«
Man schnürte das Reisegepäck an eine Tragstange, die sich Bajie aufbuckelte, Tripitaka setzte sich aufs Pferd, und Pilger schulterte seine Eisenstange. So verabschiedeten sie sich vom alten Gao und seiner Familie und reisten weiter dem Westen zu.
Einen ganzen Monat lang verlief die Reise friedlich. Nachdem sie die Grenze von Wusizang überquert hatten, bemerkten sie plötzlich, dass sie sich einem mächtigen Berg näherten. Tripitaka zügelte sein Pferd und sprach: »Seht, meine Schüler, da vorn ist ein hoher Berg, wir müssen vorsichtig sein.«
»Keine Sache«, gab Bajie zurück, »das ist der Pagodenberg. Da oben wohnt ein Zenmeister, der ›Meister vom Rabennest‹, der widmet sich hier der Vervollkommnung. Ich alter Eber hab ihn auch schon mal besucht.«
Es dauerte nicht lange, da hatten sie die Anhöhe erreicht. Hoch zu Ross hielt Tripitaka Ausschau. Da bemerkte er auf einem Wacholderbaum ein Nest aus Reisig und Stroh. Ringsum scharten sich Blumen äsende Hirsche und Affen mit Früchten, blaue Paradiesvögel und bunte Phönixe kreischten, weiße Kraniche und Goldfasanen waren dabei.
Bajie wies mit der Hand dorthin und rief: »Da ist er ja, der Meister vom Rabennest!«
Tripitaka gab seinem Pferd die Sporen und hielt auf den Baum zu. Als der Zenmeister die drei kommen sah, verließ er seine Nestbehausung und sprang vom Baum. Tripitaka stieg aus dem Sattel und vollzog ehrerbietig einen Stirnaufschlag, doch der Zenmeister half ihm auf und sprach: »Steht auf, heiliger Mönch! Verzeiht, dass ich Euch nicht gebührend empfangen habe.«
»Seid gegrüßt, Ehrwürden«, sprach Bajie.
Da rief der Meister überrascht: »Das ist ja Zhu Ganglie! Wie ist dir denn das Glück widerfahren, mit dem heiligen Mönch zusammen pilgern zu dürfen?«
»Bodhisattva Guanyin hat mir geraten, ihm als Schüler zu folgen.«
»Sehr gut, bestens, bestens!« lobte der Zenmeister. Dann wies er auf Pilger und fragte: »Und wer ist das?«
Pilger lachte: »Warum kennt der werte Meister nur ihn, aber nicht mich?«
»Das ist mein ältester Schüler, Sun Wukong«, erklärte Tripitaka.
Nun lächelte der Meister und meinte: »Verzeiht, verzeiht.«
Mit einer weiteren Verbeugung erkundigte sich Tripitaka, wie weit es noch sei bis zum Paradies des Westens.
»Weit, sehr weit!« antwortete der Meister und fügte hinzu: »Zwar ist der Weg noch weit, doch eines Tages werdet Ihr ans Ziel gelangen. Nur die dämonischen Hindernisse sind schwer zu bewältigen. Ich habe hier eine Schriftrolle, das ›Herz- Sutra‹, es hat insgesamt zweihundertsiebzig Schriftzeichen. Wann immer Ihr einem Dämon begegnet, könnt Ihr das Sutra aufsagen, dann wird Euch nichts geschehen.«
Tripitaka bat ihn mit einer Verbeugung, dass er ihn das Sutra lehren möge. Der Zenmeister rezitierte:
»Das Große Prajnaparamita Herz-Sutra:159
Bodhisattva Guanyin, tief im vollkommenen Gewahrsein
der höchsten Weisheit, erkannte, dass die Fünf Skandhas160
leer sind, und überwand damit alles Leid und allen
Schmerz.
Sariputra, Form ist nichts anderes als Leere, Leere ist
nichts anderes als Form. Form ist identisch mit Leere, Leere
ist identisch mit Form. Und so ist es auch mit der
Empfindung, der Wahrnehmung, der geistigen Formkraft
und dem Bewusstsein.
Sariputra, alle Dinge sind in Wahrheit leer. Nichts
entsteht und nichts vergeht. Nichts ist unrein, nichts ist rein.
Nichts vermehrt sich und nichts verringert sich. Es gibt in
der Leere keine Form, keine Empfindung, keine
Wahrnehmung, keine geistige Formkraft und kein
Bewusstsein. Es gibt auch keine Augen, Ohren, Nase,
Zunge, Körper oder Geist; es gibt nichts zu sehen, hören,
riechen, schmecken, fühlen oder denken; es gibt keine
Unwissenheit und auch kein Ende der Unwissenheit, kein
Altern und keinen Tod noch deren Aufhebung. Es gibt kein
Leiden und keine Ursache des Leidens, kein Auslöschen
und keinen Weg der Erlösung, keine Erkenntnis und auch
kein Erreichen. Weil es nichts zu erreichen gibt, ruhen die
Bodhisattvas in höchster Weisheit, und ihr Geist ist
unbeschwert und frei von Angst.
Befreit von allen Verwirrungen, allen Träumen und
Vorstellungen, verwirklichen sie das vollständige Nirvana.
Alle Buddhas der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
leben Prajna Paramita und erreichen damit die allerhöchste
Erleuchtung. Erkenne deshalb, dass Prajna Paramita das
große Mantra ist, das strahlende Mantra, das unübertroffene
Mantra, das höchste Mantra, das alles Leiden stillt. Dies ist
die Wahrheit, die Wahrheit ohne Fehl. Deshalb sprich das
Mantra der Höchsten Weisheit:
Gate, gate, paragate, parasamgate, bodhi, svaha!161«
Tripitaka, der bereits die inneren Grundlagen besaß, konnte sich den Wortlaut des Sutra auf der Stelle einprägen, und da er es im Gedächtnis behielt, ist es uns bis heute überliefert.
Dieses Sutra fasst den gesamten Weg zur wahren
Vervollkommnung; es ist das eigentliche Tor zur Buddhaschaft.
Nachdem der Zenmeister seine Rezitation beendet hatte, erhob er sich auf Wolkenglanz, um in sein Rabennest zurückzukehren. Doch Tripitaka hielt ihn zurück, denn er wollte unbedingt wissen, wie es um den Weg in den Westen stehe. Lächelnd sprach der Zenmeister:
»Der Weg ist unschwer zu begehen,
Hört gut zu, um zu verstehen:
Tausende Gebirge und Gewässer,
Hindernisse und Dämonen kommen;
Sollten euch dabei Gefahren drohen,
Bleibt stets furchtlos und besonnen!
Ganze Länder sind dort voller Gnomen,
Über Berge herrschen oft Dämonen;
Und mit grauen Wölfen als Gehilfen
Tiger in der Ämter Hallen thronen.
König nennen sich gar Löwen, Elefanten,
Als Minister halten sie Geparden.
Hier ein Wildschwein mit der Lastenstange,
Auch ein Wasserdämon wird aufwarten.
Dieser langbejahrte steinerne Affe
Weder Hass noch Wut sein eigen nennt;
An diesen Freund könnt ihr euch wenden,
Er ist es, der den Weg nach Westen kennt!«
Pilger lachte kalt und versetzte: »Gehen wir! Ihn brauchen wir gar nicht weiter zu fragen; es reicht ja, wenn Ihr Euch an mich wendet!«
Der Zenmeister aber schwebte, in goldenes Licht aufgelöst, zu seinem Rabennest empor. Tripitaka faltete dankend die Hände. Pilger aber hatte eine solche Wut im Herzen, dass er seine Stange erhob und wild in den Baum drosch. Doch nichts als unzählige Lotosblüten und heilvolle Dunstschleier erschienen; dem Zenmeister wurde kein Haar gekrümmt. Tripitaka fiel ihm in den Arm und rief: »Wukong! Wie kannst du nur einem solchen Bodhisattva das Nest zerschlagen?«
»Er hat meinen Bruder und mich beleidigt und ist abgehauen!« gab Wukong zurück. »›Ein Wildschwein mit der Lastenstange‹ war auf Bajie gemünzt, ›der langbejahrte steinerne Affe‹ galt mir altem Sun. Oder wie erklärt Ihr Euch das?«
»Bruder«, warf Bajie ein, »dieser Zenmeister weiß eine Menge über Vergangenheit und Zukunft. Wer weiß, ob sich
der Satz ›auch ein Wasserdämon wird aufwarten‹ bewahrheitet? Lass uns weiterziehen!«
Da half Pilger seinem Meister in den Sattel, und sie zogen den Berg hinab dem Westen entgegen. Und da wir nicht wissen, was die Weiterreise nun tatsächlich mit sich brachte, lasst uns das nächste Kapitel anhören.