Man berichtet, dass der Prächtige Affenkönig vor Freude wahre Luftsprünge vollführte, nachdem er seinen neuen Namen erhalten hatte, und mit einer ehrerbietigen Geste Meister Subhuti seinen Dank aussprach. Dieser hieß nun seine Schülerschar, Sun Wukong aus dem zweiten Eingangsportal hinaus in den äußeren Hof zu geleiten, um ihn dort mit den täglichen Verrichtungen und den Verhaltensregeln bekannt zu machen. Wukong richtete sich in einem Seitengang ein Schlaflager ein. Tags darauf begann er mit den Ordensbrüdern über die heiligen Schriften und den Weg des Dao zu diskutieren, machte sich ans Studium der Schriftzeichen und opferte Weihrauch. In der freien Zeit kehrte er den Boden sauber, jätete im Garten, pflegte Blumen oder schnitt Bäume. So vergingen in der Grotte flugs sechs oder sieben Jahre.
Eines Tages setzte sich der Meister auf den Thron, versammelte alle Schüler um sich und begann den Großen Weg zu erläutern. So war es in der Tat:
In wundersamer Rede
Bespricht er die drei Lehren,29
Bis ins Allerfeinste,
Und doch allumfassend.
Spricht einmal über Dao,
Und einmal über Zen,
Drei Schulen, gleich im Kern,
Sind zueinander passend.30
So erläutert er das Eine,
Führt es zur Wahrhaftigkeit;31
Löst des Wesens tiefes Rätsel,
Weist den Weg zur Ewigkeit!32
Sun Wukong, der dem Vortrag beiwohnte, war so glücklich, dass er sich an Ohren und Backen kratzte; er strahlte übers ganze Gesicht, und seine Augen leuchteten vor Freude, ja selbst Arme und Beine konnte er nicht mehr stillhalten. Der Meister sah es und rief ihm zu: »Warum zappelst du während der Unterweisung wie ein Verrückter?«
»Des Meisters wundervolle Rede beglückt mich so sehr, dass ich mich vor Freude nicht mehr halten kann. Möge der Meister mir verzeihen!«
»Da du diese Rede also als wundervoll erkennst«, meinte der Meister, »so will ich dich fragen, wie lange du dich denn schon in dieser Grotte aufhältst?«
»Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen ist. Ich kann mich nur entsinnen, dass ich hinter dem Berg, wo ich oft Holz hacken ging, einen Hang voller Pfirsichbäume entdeckte und mich dort sieben Mal an Pfirsichen satt gegessen habe.«
»Das war der Faulpfirsich-Berg. Sieben Mal müssen wohl sieben Jahre gewesen sein. Was für einen Weg möchtest du nun von mir lernen?«
»Ganz nach des Meisters Anweisungen. Ich lerne alles, was irgend mit dem Dao zu tun hat.«
»Im Weg des ›Dao‹ gibt es dreihundertsechzig Seitenwege, und jeder kann zu einem guten Ergebnis führen. Welche Richtung also möchtest du lernen?«
»Ganz nach Eurem Willen.«
»Ich könnte dich im Weg der Kunstfertigkeit unterweisen, was meinst du dazu?«
»Was bedeutet der Weg der Kunstfertigkeit?«
»Er beinhaltet das Herbitten von Unsterblichen, die Kunst des Wahrsagens aus in den Sand gekritzelten Zeichen, die Orakelbefragung, den Umgang mit Schafgarbenstängeln zur Weissagung sowie das Wissen, wie man Heil erlangt und Unheil vermeidet.«
»Kann man dadurch Unsterblichkeit erlangen?«
»Nein, das kann man nicht.«
»Dann lerne ich es nicht.«
»Wie wäre es dann mit dem Weg der Lehrrichtungen?« fragte der Meister weiter.
»Was ist damit gemeint?«
»Zu den Lehrrichtungen gehören die Konfuzianer, die Buddhisten und die Daoisten, weiter die Yin-Yang- Philosophen, die Mohisten und die Mediziner, außerdem jene, die Sutren lesen, buddhistische Gebete aufsagen und an heilige Orte pilgern.«
»Wird man damit unsterblich?«
»Wollte man damit unsterblich werden, so wäre das wie ein Holzpfeiler in der Mauer.«
»Meister«, unterbrach Wukong, »ich bin ein einfacher Mensch und verstehe mich nicht auf Fachausdrücke. Was bedeutet ›ein Holzpfeiler in der Mauer‹?«
»Wenn man ein Gebäude errichtet«, erklärte der Meister, »bringt man in den Wänden Stützpfeiler an. Eines Tages jedoch, wenn das stattliche Haus zerfällt, werden auch die Pfeiler vermodert sein.«
»So gesehen ist auch das nicht von Bestand. Dann lerne ich es nicht.«
»Weiter kann ich dich im Weg der Stille unterweisen«, fuhr der Meister fort, »was meinst du dazu?«
»Worum geht es beim Weg der Stille?«
»Es geht dabei um das Fasten und die innere Reinigung, die reine Stille und das Nicht-Handeln, die Zen-Meditation, das Schweigen, die Beherrschung des Schlafes und des Stehens,
die tiefe Versenkung und das Meditieren in Abgeschiedenheit.«
»Und wird man damit unsterblich?«
»Es verhält sich so wie mit ›Rohziegeln auf dem Brennofen‹.«
»Was soll denn das heißen?« fragte Wukong lachend.
»Gemeint sind jene Formlinge aus Lehm, die man auf den Ofen legt, um daraus gebrannte Ziegel zu machen. Zwar sind sie schon geformt, doch fehlt ihnen noch die nötige Bearbeitung mit Feuer und Wasser. Es braucht nur ein großer Regen zu kommen, und schon werden sie weggespült.«33
»Also ist auch das nicht von Dauer«, stellte Wukong fest, »dann lerne ich es nicht.«
»Und wie wäre es mit dem Weg der Bewegtheit?«
»Was bedeutet das nun wieder?«
»Dazu gehören aktive Praktiken wie die Stärkung der männlichen Yang-Kraft durch Aufnahme weiblicher Yin-Energie, das Bogen- und Armbrustschießen, die
Bauchnabelmassage und Energie-Übertragung in der Liebeskunst, die Alchemie, das Einnehmen von Rotblei, das Brauen von Herbststein-Elixier, das Trinken von Muttermilch und Ähnliches.«34
»Und wie steht es mit der Unsterblichkeit?«
»Wollte man damit unsterblich werden, so wäre es, als wollte man den Mond aus dem Wasser fischen.«
»Ach, Meister, schon wieder so ein Wort! Was heißt denn nun ›den Mond aus dem Wasser fischen‹?«
»Der Mond befindet sich im weiten All, im Wasser ist nur sein Spiegelbild. Zwar können wir ihn im Wasser sehen, doch sobald wir danach greifen, löst er sich in nichts auf.«
»Dann lerne ich auch das nicht.«
Auf diese Worte schnaubte der Meister auf, sprang vom Sitz herab, richtete seinen Stock auf Wukong und rief: »Du Affenkerl! Weder das eine noch das andere willst du lernen. Worauf wartest du eigentlich?«
Er trat vor und versetzte Wukong drei Stockschläge auf den Kopf. Dann verschränkte er die Arme auf dem Rücken, schritt ins Innere und schloss das mittlere Tor ab. Zurück blieb eine verschreckte Schülerschar; alle waren bestürzt und grollten Wukong. Dieser aber war alles andere als verdrossen, ja, er lächelte glücklich vor sich hin. Der Affenkönig hatte nämlich eine versteckte Botschaft erraten und hütete nun still sein Geheimnis. Die drei Stockschläge nämlich hießen ihn, sich zur dritten Nachtwache um Mitternacht bereitzuhalten; der Abgang mit auf dem Rücken verschränkten Armen und das Schließen des mittleren Tores bedeuteten, dass er den Meister durch die Hinterpforte aufsuchen sollte, damit ihm dieser im Geheimen eine Lehre vermitteln konnte.
Wukong konnte den Abend kaum erwarten. Als die Dämmerung anbrach, legte er sich mit allen anderen zur Ruhe und schloss die Augen, doch anstatt zu schlafen, versetzte er sich in eine tiefe, aufmerksame Ruhe. Ungefähr um Mitternacht erhob er sich sachte vom Lager, zog die Kleider an und schlich zum vorderen Tor hinaus. Von außen erreichte er das hintere Tor. Er fand es einen Spaltbreit geöffnet, zwängte sich hinein und sah den Meister mit dem Rücken zu ihm liegend. Um ihn nicht aus dem Schlaf zu schrecken, kniete Wukong neben seinem Bett nieder. Es dauerte nicht lange, da wachte der Meister auf, reckte die Füße und murmelte vor sich hin:
»Schwer, schwer, schwer!
Das Dao ist zutiefst wahr;
Wähne es nicht harmlos,
Das Goldene Elixier!
Wenn nicht ein Vollkommener
Ins Geheimnis dich einführt,
Bleiben Worte ohne Sinn,
Auch wenn sich der Mund bemüht!«
»Meister, Euer Schüler kniet schon lange hier und wartet«, rief Wukong nun. Der Meister wusste, dass es Wukong war. Er warf sich einen Umhang über, setzte sich mit gekreuzten Beinen auf und sagte unwirsch: »Du Affenkerl, warum bist du nicht vorne und schläfst? Was suchst du hier hinten bei mir?«
»Gestern vor dem Altar habt Ihr mich doch geheißen, zur dritten Nachtwache durch das hintere Tor hereinzukommen, damit Ihr mir eine Lehre vermitteln könnt. Darum habe ich mich erdreistet herzukommen.«
Der Meister murmelte: »Dieser Kerl ist tatsächlich von Himmel und Erde gezeugt; er hat meine Botschaft verstanden.«
»Hier sind wir ja nicht unter sechs Ohren35«, hub Wukong an, »ich bin ganz alleine gekommen und hoffe, dass der Meister mir die große Gnade erweisen möge, mich im Weg zur Unsterblichkeit zu belehren. Nie werde ich Eure Gunst vergessen.«
»Da es dir heute gegeben ist, will ich gern zu dir sprechen. Komm her und höre gut zu.«
Wukong verbeugte sich dankend, kniete neben der Schlafstätte nieder und richtete alle Aufmerksamkeit auf das, was er hörte.
Wukong kniete neben der Schlafstätte nieder und richtete alle Aufmerksamkeit auf das, was er hörte.
Der Meister sprach:
»Dieser Spruch, der wundervolle, wahre,
Durchdringt, was sichtbar ist und was verborgen,
Lebenskraft und Wesen sind zu pflegen,36
Dies allein soll hier beredet werden.
Worauf es ankommt, ist letztendlich
Nur die Essenz, die Energie, der Geist;37
Behüt sie gut, verbirg sie gründlich,
Sieh zu, dass nichts davon zerfließt.
Nichts soll zerfließen,
Im Körper belassen!
Empfange nun, was du von mir erhalten,
So wird das Dao sich von selbst entfalten.
Präge den geheimen Spruch dir ein,
Denn er wird viel Nutzen bringen;
Halte dich von den Begierden fern,
Klare Ruhe wirst du so gewinnen.
Zieht klare Ruhe ein,
Leuchtet das Licht rein!
Dann begebe dich zum Elixierpodest,
Wo den Vollmond du erblicken wirst.38
Im Mond verborgen ist ein Jadehase
Und ein Rabe birgt sich in der Sonne;39
Von selbst erfassen und umschlingen
Einander Schildkröte und Schlange.40
Vereintes Genesen
Stärkt Kraft und Wesen!
Damit du fürwahr in der Feuerbrunst
Den Goldnen Lotos pflanzen kannst.41
Die Fünf Wandlungsphasen sammle nun,
Dann kehre sie in ihrer Wirkung um;
Und wenn das große Werk vollendet ist,
Sei Buddha und Unsterblicher nach Lust!«
Damit war die Wurzel und Quelle aller Dinge dargelegt. Wukong, von höchstem Glück beseelt, prägte sich den Spruch genauestens ein. Dann verneigte er sich vor dem Meister und verschwand, wie er gekommen war. Durch den vorderen Eingang begab er sich zu seiner Schlafstätte zurück. Am selben Morgen stand er auf und übte fortan im Stillen, was er gelernt hatte, indem er jeweils vor Mitternacht und nach Mittag für sich alleine Atemübungen machte.
Bald waren drei Jahre vergangen. Eines Tages begab sich wieder, dass der Meister seinen Thron bestieg, um vor seinen Schülern zu sprechen. Er trug Koans und Gleichnisse vor und erörterte die äußeren Erscheinungen der Dinge. Plötzlich aber fragte er: »Wo ist Wukong?«
Wukong trat vor, kniete nieder und sprach: »Hier ist Euer Schüler.«
»In welchen Wegen des Dao hast du dich in letzter Zeit geübt?«
»Euer Schüler ist mit der Erkenntnis der Wahrheit weit vorangerückt; Tag für Tag festigen sich die inneren Grundlagen.«
»Du magst wohl die Wahrheit erkennen und deine inneren Grundlagen erfahren. Doch wird dir dies lediglich zur Abwehr des dreifachen Unheils dienen.«
Wukong versank in langes Schweigen. »Meister«, hub er schließlich an, »immer hörte ich sagen, wer im Dao und dessen Wirkkraft eine hohe Vervollkommnung erreicht habe, dessen Leben werde so ewig wie der Himmel, und es würden bei vollendeter Harmonisierung von Feuer und Wasser auch keine Krankheiten mehr entstehen. Warum soll nun stattdessen ein dreifaches Unheil folgen?«
»Hierbei handelt es sich nicht um das gewöhnliche Dao«, erklärte der Meister. »Es geht darum, Himmel und Erde die Schöpfungskraft zu entreißen und in die tiefsten Geheimnisse von Sonne und Mond einzudringen. Eine solche Vollendung werden Götter und Geister schwerlich dulden. Zwar wird dein Angesicht nicht altern und die Zahl deiner Jahre wird sich mehren, doch nach Ablauf von fünfhundert Jahren wird der Himmel dich mit Blitz und Donner heimsuchen. Dann musst du das wahre Wesen erschaut und dein Herz erkannt haben, um vorzeitig entrinnen zu können. Gelingt es dir, so wirst du ein Alter erreichen, das dem des Himmels ebenbürtig ist. Wenn es dir aber nicht gelingt, so wird dein Leben auf der Stelle zunichte sein. Nach weiteren fünfhundert Jahren wird dich der Himmel mit Feuer heimsuchen. Es wird weder ein himmlisches noch ein gewöhnliches Feuer sein, sondern das Feuer der Yin-Kraft. Dieses wird dir vom Punkt der Sprudelnden Quelle an den Fußsohlen bis zum Niyuan-Palast43 im Gehirn emporlodern, so dass all deine Organe zu Asche verglühen und deine Glieder sich zersetzen. Tausend Jahre härtester Übung lösen sich dabei auf in nichtige Illusion. Weitere fünfhundert Jahre später wird der Himmel Wind in dich fahren lassen. Es wird dies kein Ost- oder Südwind, Westoder Nordwind sein, auch nicht ein lauer, heißer, kühler oder eisiger Wind, sondern der Orkan des Unheils. Am Punkt der Fontanelle wird er dir durch die Schädeldecke hindurch in die Gedärme fahren und vom Zinnoberfeld44 im Unterbauch durch alle neun Körperöffnungen toben. Knochen und Fleisch werden sich verflüchtigen und der Körper wird sich zersetzen. All dem musst du entrinnen können.«
Wukong standen die Haare zu Berge. Er fiel auf die Knie, schlug vor dem Meister den Kopf auf den Boden und flehte: »Habt Erbarmen, Meister! Zeigt mir, wie ich dem dreifachen Unheil entrinnen kann! Nie werde ich es wagen, Eure Gunst zu vergessen!«
»Das ist nicht weiter schwierig«, erwiderte der Meister. »Es gibt einerseits die Sechsunddreißig Verwandlungen, gleich der
Anzahl himmlischer Sterngeister im Siebengestirn, andererseits die Zweiundsiebzig Verwandlungen, gleich der Anzahl der irdischen Sterngeister im Siebengestirn; welche willst du lernen?«
»Lieber schöpfe ich aus dem Vielen«, meinte Wukong, »und lerne die der irdischen Sterngeister.«
»Wenn dem so ist«, sprach der Meister, »dann komm nach vorn, damit ich dir den geheimen Spruch vermitteln kann.« Und er flüsterte ihm etwas ins Ohr, von dem wir nicht wissen, um was für eine wunderbare Lehre es sich handelte.
Wenn nun dieser Affenkönig einmal etwas begriffen hatte, so konnte er es umgehend auf alles anwenden. Auf der Stelle prägte er sich die geheimen Zauberworte ein und übte sich so lange, bis er schließlich alle zweiundsiebzig Verwandlungen beherrschte.
Eines schönen Abends, als Meister und Schüler sich vor der Dreistern-Grotte der anbrechenden Dämmerung erfreuten, fragte der Meister: »Wukong, ist dir die Sache gelungen?«
»Dank der überragenden Gunst des Meisters hat sich Euer Schüler alles bereits erfolgreich angeeignet und vermag auch schon auf einer Wolke schwebend durch die Luft zu gleiten.«
»So lass mich einmal sehen, wie du emporschwebst«, forderte ihn der Meister auf. Wukong zeigte, was er konnte: Mit einem Satz wirbelte er in mehrfachem Überschlag in die Luft, setzte auf einer Höhe von fünfzig bis sechzig Klafter auf einer Wolke auf und schwebte während der Dauer einer Mahlzeit an die drei Meilen durch die Lüfte. Schließlich landete er vor dem Meister, faltete die Hände und sprach:
»Meister, das ist die Kunst, zu den Wolken emporzuschnellen.«
»Zu den Wolken emporschnellen kann man das wohl kaum nennen«, lachte der Meister, »höchstens auf Wolken kriechen. Seit alters heißt es doch: ›Es reisen die Götter frühmorgens zum Nordmeer und abends zum Cangwu-Gebirge‹45. All jene, die auf Wolken schnellen, starten frühmorgens vom Nordmeer, schweben über das Ost- und Westmeer hinweg bis zum Cangwu-Gebirge und bereisen so alle vier Weltenmeere an einem einzigen Tag. Das erst nennt man zu den Wolken schnellen.«
»Das ist aber schwierig«, meinte Wukong.
»Nichts ist schwierig auf der Welt, wenn innerlich der Wille gilt«, bemerkte der Meister.
Auf diese Worte kniete Wukong vor ihm nieder, verneigte sich tief und bat seinen Meister um Belehrung.
»Alle Unsterblichen, die diese Kunst beherrschen«, erklärte der Meister, »heben vom Boden ab, indem sie sich mit den Füßen abstoßen. Du aber machst es nicht so. Eben habe ich gesehen, wie du in mehrfachem Salto hochgesprungen bist. Ich will dir nun zu diesem Zweck den Wolken-Überschlag beibringen.« Wukong verneigte sich inständig bittend, und so lehrte ihn der Meister abermals einen Spruch.
»Bei dieser Methode machst du das magische Fingerzeichen und sprichst den heiligen Spruch, dann schüttelst du dich und springst hoch. So wirst du in einem einzigen Überschlag 108 000 Meilen zurücklegen!«
Als es dunkel wurde, kehrten Meister und Schüler in die Grotte zurück. Noch in derselben Nacht übte Wukong im Geiste die neue Kunst, bis er den Wolkenüberschlag beherrschte. Von da an lebte er von Tag zu Tag ungebundener und genoss seine sorglose Freiheit.
Eines Tages versammelten sich die Schüler zum Gespräch unter den Kiefern. Neugierig fragten sie: »Wukong, in welcher früheren Inkarnation hast du dir eigentlich solche Verdienste
angehäuft? Der Meister hat dich doch neulich in Verwandlungskünsten unterwiesen; kannst du sie denn schon alle?«
»Offen gesagt«, lachte Wukong, »dank des Meisters Unterweisung, aber auch dank tage- und nächtelangem Üben habe ich mir die paar Künste längst angeeignet.«
»Lass uns doch was sehen«, baten die anderen.
»Dann stellt mir bitte eine Aufgabe! In was soll ich mich verwandeln?«
»Verwandle dich doch in eine Kiefer!«
Wukong murmelte einen Zauberspruch, schüttelte sich und stand als Kiefer da. Alle klatschten in die Hände und lachten. Damit aber hatten sie unversehens den Meister aufgeschreckt. Dieser packte unverzüglich seinen Stock, eilte zum Tor hinaus und rief: »Wer macht da draußen solchen Lärm?«
Bestürzt zupften die Schüler ihre Gewänder zurecht und traten vor. Auch Wukong erschien wieder in seiner eigenen Gestalt unter den Schülern und meinte: »Verehrter Meister, wir befinden uns hier mitten in einem Gespräch; wie könnten wir zu lärmen wagen.«
Aufgebracht fuhr ihn der Meister an: »Wie ihr da herumschreit, ziemt sich in keiner Weise für Menschen, die sich auf den Weg der Vervollkommnung begeben haben. Denn für diese gilt: Öffnet sich der Mund, so entweichen Geist und Energie; regt sich die Zunge, entstehen Wahr und Falsch. Was also war das eben für ein Gelächter?«
»Wir wagen es Euch nicht zu verheimlichen, Meister«, rückten die Schüler nun heraus, »eben hat uns Sun Wukong zum Spaß eine Verwandlung vorgeführt. Er verwandelte sich in eine Kiefer, und da spendeten wir Beifall. Aus diesem Grunde haben wir den verehrten Meister gestört, möget Ihr uns bitte verzeihen.«
»Geht alle weg«, befahl der Meister. Dann rief er Wukong zu sich und sprach: »Was treibst du hier bloß? Was soll diese Verwandlung in eine Kiefer? Mit dieser Kunst wagst du vor anderen aufzuspielen? Und wenn dich nun jemand bittet, sie ihn zu lehren? Dann bleibt dir aus Angst vor Unfrieden nichts anderes übrig, als das Geheimnis zu verraten! Denn sonst käme es noch schlimmer, und du wärst an Leib und Leben gefährdet.«
Wukong schlug den Kopf auf den Boden und flehte: »Möge der Meister mir diese Schuld verzeihen!«
»Ich weise dir keine Schuld zu«, sprach der Meister, »ich will nur, dass du fortgehst.«
Wie Wukong diese Worte hörte, stürzten ihm die Tränen aus den Augen und er rief: »Wohin, Meister, soll ich denn gehen?«
»Geh hin, woher du gekommen bist.«
Da war es Wukong mit einem Mal, als würde er erwachen, und er rief: »Ich komme aus der Wasservorhang-Grotte auf dem Blumen-Früchte-Berg auf dem Kontinent Purvavideha.«
»Dann mach dich auf, wenn dir dein Leben lieb ist. Hier kannst du auf keinen Fall bleiben.«
Wukong blieb nichts anderes übrig, als seinen Fehler einzugestehen und von allen Abschied zu nehmen.
»Auf diesen Fortgang folgt mit Sicherheit nichts Gutes«, sprach der Meister. »Was auch immer du für Unheil und Gewalttaten anrichten magst, nie darfst du preisgeben, dass du mein Schüler gewesen bist. Und wenn du auch nur eine halbe Silbe verrätst, ich werde es wissen, dich bei lebendigem Leibe häuten, deine Knochen raspeln und deine Seele in die finsterste Hölle verbannen, dass du noch nach zehntausend Äonen nicht wieder hochkommst.«
»Nie werde ich es wagen, nie. Ich werde einfach sagen, ich könnte das alles von selbst.«
Wukong gab sich einen Ruck, machte ein magisches
Fingerzeichen, schnellte hoch und schoss im Wolkenüberschlag dem Ostmeer entgegen. Keine zwei Stunden später erblickte er schon den Blumen-Früchte-Berg und die Wasservorhang-Grotte. Der Prächtige Affenkönig wusste sein Glück zu schätzen und murmelte für sich selbst:
»Als ich ging, da war ich schwer,
Mit sterblichem Gebein und Fleisch;
Doch seit der Vervollkommnung
Ist mein Leib ätherisch leicht!
Niemand auf der ganzen Welt
Mag den Entschluss zu fassen;
Wiewohl das Mysterium
Sich so würd’ lösen lassen!«
Wukong senkte seine Wolke und landete auf dem Blumen- Früchte-Berg. Schon drangen Schreie von Kranichen und das Gekreisch der Affen an sein Ohr, und er rief laut: »Kinderchen, ich bin wieder da!«
Da begann es sich unter Felshängen, in steinernen Klüften, im Gras und auf den Bäumen zu regen, und auf einmal stürmten große und kleine Affen zu Tausenden und Abertausenden herbei und scharten sich um Wukong. Sie warfen sich vor ihm nieder und riefen: »Großer König, wie konntet Ihr nur so lange fortbleiben? Ihr habt uns hier sitzenlassen, während wir uns wahrlich mit dürstenden Herzen nach Euch sehnten. Neulich sind wir von einem Dämon angegriffen worden; er wollte unsere Grotte erobern, und wir haben mit ihm auf Leben und Tod gerungen. Am Ende hat er viele unserer Kinder gefangengenommen. Großer König, wäret Ihr noch länger fortgeblieben, müssten wir gewiss noch die Grotte an ihn verlieren!«
Als Wukong dies hörte, war sein Zorn groß. »Welcher Dämon erlaubt sich, hier zu wüten!« schrie er, »wartet nur, bis ich mich an ihm gerächt habe!«
»Der Kerl nennt sich Weltverheerender Dämonenkönig und wohnt ganz oben im Norden.«46
»Wie weit ist der Weg von hier bis dorthin?« wollte Wukong wissen.
»Er kommt mit dem Wind und geht im Nebel; wie weit der Weg ist, wissen wir nicht«, gaben die Affen zur Antwort.
»Wenn dem so ist«, beschied Wukong, »dann wartet, bis ich ihn gefunden habe.«
Mit einem Satz schnellte der Affenkönig in die Lüfte, schoss in einem Überschlag gen Norden und hielt Ausschau. Ringsum erstreckte sich ein mächtiges, schroff aufragendes Gebirge.
Der Prächtige Affenkönig betrachtete noch die Landschaft, als auf einmal Stimmen an sein Ohr drangen. Unverzüglich stieg er den Hang hinunter und suchte. Da fand er die Wasserorgan-Grotte. Am Eingang tanzten ein paar kleine Ungeheuer herum, die davonstoben, kaum hatten sie Wukong erblickt.
»Halt!« rief Wukong, »ich bin der Herr der Wasservorhang-Grotte vom Blumen-Früchte-Berg im Süden. Euer Weltverheerender Dämonenschuft hat meine Kinder und Enkel bereits mehrmals angegriffen. Nun bin ich eigens da, um mit ihm einen Wettkampf auszutragen.«
Als die kleinen Ungeheuer das hörten, stürzten sie flugs in die Grotte und meldeten: »Großer König, Unheil droht!
Draußen steht ein Affe, der nennt sich Herr der Wasservorhang-Grotte vom Blumen-Früchte-Berg und sagt, Ihr hättet mehrmals seine Kinder und Enkel angegriffen. Darum wolle er mit Euch einen Wettkampf austragen.«
Der Dämonenkönig rief lachend: »Ich habe dieses Affengesindel schon oft von einem großen König reden hören. Der soll ausgegangen sein, um sich der Vervollkommnung zu widmen. Da wird er wohl nun zurückgekehrt sein. Habt ihr gesehen, wie er ausgestattet ist und was für Waffen er führt?«
»Er trägt keinerlei Gerätschaften bei sich. Er hat einen kahlen Schädel und trägt ein rotes Gewand, mit einem gelben Band umgürtet, und seine Füße stecken in pechschwarzen Stiefeln. Er sieht weder wie ein Mönch noch wie ein Profaner aus, auch nicht wie ein Daoist. Mit bloßen Händen steht er vor dem Tor und schreit.«47
Auf diese Auskunft warf sich der Dämonenkönig die Rüstung über, packte seinen Säbel und trat mit all seinen Ungeheuern vor das Eingangstor, wo er brüllte: »Wer ist nun jener Herr der Wasservorhang-Grotte?«
»Mit solchen Glotzaugen kommst du Zankteufel daher und siehst nicht mal den alten Sun!« höhnte Wukong.
Als ihn der Dämonenkönig erblickte, brach er in Gelächter aus und rief: »Keine vier Fuß hoch, kaum dreißig Jahre alt und ohne jede Waffe! Wie kannst du dich erkühnen, dich mit mir messen zu wollen?«
»Du Zankteufel bist ja blind«, schimpfte Wukong, »klein glaubst du mich, dabei wäre es mir ein Leichtes, groß zu sein; waffenlos siehst du mich, dabei hole ich dir mit bloßen Händen den Mond vom Himmel! Nun, keine Angst, lass dir vom alten Sun eins in die Fresse hauen!«
Mit einem Satz sprang er auf den Dämon los und wollte ihm ins Gesicht schlagen. Dieser aber fing den Schlag mit ausgestreckter Hand auf und meinte: »Klein wie du bist gegen meine Größe; mit bloßer Faust gegen meinen Säbel – das wäre ja zum Lachen, dich auf diese Weise totzuschlagen. Warte, ich lege mal den Säbel ab und mache mit dir einen Faustkampf.«
Der Dämonenkönig warf sich in Kampfpose, holte zum Schlag aus, stürzte los und schlug zu, dann folgte ein Hieb dem andern. Die großen Fäuste erwiesen sich nun als hohle Nüsse, die kleinen hingegen blieben hart und zäh. Als der Dämonenkönig von einem kräftigen Schlag getroffen worden war, wirbelte er herum, packte seinen brettgroßen Stahlsäbel und zielte Wukong geradewegs auf den Kopf. Dieser aber wich flink aus, und der Säbel fuhr ins Leere. Nun bediente sich Wukong einer Magie zur Körpervermehrung, rupfte ein Büschel Körperhaare aus, zerkaute sie und spuckte sie in die Luft, indem er rief: »Verwandlung!« Auf einen Schlag sah sich der Dämonenkönig von zwei- bis dreihundert kleinen Affen umzingelt. Der Affenkönig nämlich besaß seit seiner Vollendung im Dao 84 000 Zauberhaare, und ein jedes war nach Wunsch verwandelbar. Die kleinen Affen hatten flinke Augen und wussten so zu hüpfen, dass sie von keinem Säbel getroffen und von keiner Lanze verletzt werden konnten.
Seht, wie sie den Dämonenkönig anspringen und um ihn herumtollen!
Sie packten ihn, zerrten ihn, rupften seine Haare, zerkratzten ihm die Augen, bis er schließlich in sich zusammensank. Wukong riss den Säbel an sich, hieß die Affen Abstand halten und hackte den Dämon mit einem Hieb auf den Scheitel entzwei. Nun wurde die Grotte gestürmt und die ganze Horde großer und kleiner Ungeheuer vernichtet. Schließlich schüttelte Wukong sein Fell und fing die Zauberhaare wieder ein. Einige der Affen aber konnten nicht zurückverwandelt werden, nämlich diejenigen, die der
Dämonenkönig in der Wasservorhang-Grotte gefangengenommen hatte, insgesamt dreißig bis fünfzig an der Zahl.
»Kommt alle nach draußen«, rief Wukong. Dann entzündete er in der Wasserorgan-Grotte ein Feuer, das sie dürr und trocken sengte, so dass alles in die große Einheit einkehrte.
»Kommt alle mit mir zurück«, rief er nun den Affen zu, »schließt die Augen und fürchtet euch nicht!«
Der Affenkönig murmelte einen Zauberspruch und ließ sich mit ihnen auf einem heftigen Windstoß davontragen. Erst als er die Wolke senkte, hieß er die Kleinen die Augen öffnen. Kaum hatten ihre Füße den Boden berührt, erkannten sie ihre alte Heimat und rannten überglücklich auf vertrauten Pfaden heim zur Grotte. Die Affen, die vor der Grotte waren, drängten mit nach drinnen, wo sich alle vor dem Affenkönig verneigten. Ein Willkommensbankett mit Wein und Früchten wurde aufgetragen, und alle wollten wissen, wie sich der Kampf gegen den Dämon zugetragen habe. Wukong schilderte das Ereignis in allen Einzelheiten, und die Affen spendeten Beifall ohne Ende.
»Nachdem ich euch damals verlassen habe«, erzählte Wukong, »bin ich über den Östlichen Ozean hinweg bis zum südlichen Kontinent Jambudvipa getrieben, wo ich lernte, wie die Menschen zu leben, diese Kleider und Schuhe anzog und mich schwankenden Schrittes auf eine Wanderung machte, die wohl an die acht oder neun Jahre dauerte. Doch vom Weg des Dao fand ich keine Spur. Über den Westlichen Ozean bin ich schließlich zum westlichen Kontinent Aparagodaniya gelangt, und dort habe ich nach langem Suchen glücklicherweise einen alten Meister getroffen, der mich das Geheimnis lehrte, mit dem man ein Alter erreicht, das dem Himmel ebenbürtig ist – die große Lehre vom ewigen Leben.«
Die Affen gratulierten ihm und waren sich alle einig, dass solch ein Glücksfall selbst über zehntausend Äonen hinweg
selten vorkomme. Wukong lachte und verkündete: »Kinderchen, ein weiteres Glück ist, dass wir jetzt einen Sippennamen haben!«
»Wie lautet er denn, Großer König?« fragten die Affen.
»Sun ist nun mein Name, und mein Ordensname lautet Wukong.«
Auf diese Worte klatschten alle Affen in die Hände und jubelten: »Dann ist der Große König unser alter Sun, und wir sind die zweiten Sun und dritten Sun, die feinen Sun und kleinen Sun, die Sippe Sun, das Reich der Sun, ein ganzes Nest voller Sun!«
Alle drängten sie heran, den alten Sun zu umschmeicheln. Nun wurden Schalen und Becher mit Trauben- oder Kokoswein, himmlischen Blumen und Früchten angefüllt. Wahrhaftig, es war eine glücklich vereinte Sippschaft! Und da wir nicht wissen, was sich während dieses Aufenthalts noch alles ereignete, lasst uns das nächste Kapitel anhören.