Alle Erscheinung entsteht im Herzen
Und kann auch im Herzen schwinden;
Wer wirkt dieses Kommen und Gehen?
Dies möge der Leser ergründen!
Wozu auf Worte anderer warten,
Wenn alles im eigenen Herzen liegt?
Not tut einzig die harte Arbeit,
Aus dem Eisen zu wringen das Blut!
Ziehe ein Seil durch seine Nüstern,
Schnüre es zum Leere-Knoten;
Binde ihn an den Nicht-Tun-Baum,162
So wird er nimmer tollkühn werden.
Halte nicht Räuber für deine Kinder,163
Vergiss das Herz und auch die Welt;
Lass Räuber nicht dein Selbst betrügen,
Mach sie mit einem Fausthieb kalt!
Das Herz, das sich zeigt, ist ohne Herz.
Die Welt, die erscheint, ist schon dahin.
Sind Mensch und Ochs nicht mehr zu sehen,164
Leuchtet der Himmel im reinsten Glanz,
So rund, wie der herbstliche Vollmond strahlt,
Sind beide ununterscheidbar ganz!
Dieses buddhistische Gedicht spricht davon, wie Tripitaka den tiefen Sinn des Herz-Sutra erkannte und das Tor zur Erleuchtung sich öffnete. Unablässig sprach der Priester das Sutra vor sich hin und prägte es sich ein; wie von selbst drang ein Funke göttlichen Lichts daraus hervor.
Doch wenden wir uns wieder den drei Schriftenholern zu, die ungeschützt vor Wind und Regen aßen und schliefen, während sie oft bis in die Nacht unter Mond und Sternen dahinwanderten. Schon hatte der Sommer Einzug gehalten und brachte drückend heiße Tage. Eines Abends, als es schon dunkelte, gewahrten sie auf der einen Seite des Bergpfades ein Gehöft.
»Wukong«, rief Tripitaka, »lass uns hier um ein Nachtlager bitten und morgen weiterziehen.«
»Gute Idee«, stimmte Bajie zu, »ich alter Zhu habe schon ein bisschen Hunger. Suchen wir erst mal eine Familie, die uns schön verköstigen kann; wenn ich satt bin, habe ich wieder Kraft, die Bündel zu buckeln.«
»Ach, du Heimwehchen!« höhnte Pilger, »kaum bist du ein paar Tage von zu Hause weg, reut es dich schon.«
»Wuneng«, mahnte auch Tripitaka, »wenn dein Herz so stark an der Familie hängt, wirst du nicht als Mönch leben können. Geh lieber gleich zurück.«
Bestürzt warf sich der Tölpel Tripitaka zu Füßen und rief: »Meister, ich habe doch von der Bodhisattva die Gebote empfangen und verdanke auch Euch große Gnade! Nur zu gern will ich Euch auf der Reise in den Westen zu Diensten stehen; ich schwöre, dass ich es niemals bereuen werde. Das heißt doch, sich mit aller Kraft der Vervollkommnung widmen; warum sagt Ihr bloß, so könne ich nicht als Mönch leben?«165
»Wenn dem so ist«, meinte Tripitaka, »dann steh auf.«
Mit einem Satz sprang der Tölpel auf die Füße und hievte sich die Tragstange auf die Schultern. In kürzester Zeit hatten sie das Anwesen erreicht. Tripitaka sprang vom Sattel und eilte als Erster dem Toreingang entgegen. Im Innenhof erblickte er einen alten Mann, der, auf eine Bambusliege gestützt, buddhistische Gebete murmelte.
»Wohltätiger Herr«, rief Tripitaka sanft, »wir möchten Euch etwas fragen.« Schnell strich der Alte sein Gewand zurecht, erwiderte die Begrüßung und fragte: »Verzeiht, Ehrwürden, dass ich Euch nicht gesehen habe. Woher kommt Ihr, und was treibt Euch zu meinem bescheidenen Heim?«
»Geringer Mönch kommt aus dem chinesischen Kaiserreich im Osten«, antwortete Tripitaka. »Auf Geheiß unseres Kaisers pilgere ich zum Tempel des Donnergrollens, um Buddha zu ehren und Heilige Schriften zu erbitten. Da hier an diesem trefflichen Orte mich der Abend einholt, möchte ich Euch bitten, in Eurem erhabenen Hause eine Nacht verbringen zu dürfen.«
Der Alte winkte ab und schüttelte den Kopf: »Da kommt Ihr niemals hin. Im Westhimmel Heilige Schriften zu holen, das ist viel zu schwierig! Wenn Ihr Heilige Schriften wollt, dann geht in den Osten.«
Tripitaka war sprachlos. Innerlich aber seufzte er tief und dachte: »Guanyin wies uns doch den Weg nach Westen, warum will uns dieser Mann in den Osten schicken? Wo im Osten sollten wir denn Schriften finden?«
Pilger konnte sich nicht länger zurückhalten, schoss hervor und rief: »Alter! Ihr habt so viele Jahre auf dem Buckel und doch keine Ahnung! Da kommen wir Mönche von weither, suchen hier ein Nachtlager, und Ihr versucht uns mit derart unschönen Worten abzuschrecken. Falls es in Eurem Hause keinen einzigen Schlafplatz gibt, kann ich die Nacht auch hier unterm Baum verbringen!«
Der Alte griff hilfesuchend nach Tripitaka und stammelte: »Ehrwürden, warum sagt Ihr nichts? Euer Schüler sieht ja aus wie ein schwindsüchtiges Gespenst! Wie kann er mir altem Mann so respektlos daherkommen?«
Pilger kicherte: »Ihr habt ja keine Augen im Kopf, Alter. Ich bin zwar klein, doch ganz schön fest gebaut; nichts als Muskeln unter der Haut!«
»Da werdet Ihr wohl besondere Fähigkeiten haben«, meinte der Alte.
»Ach woher! Es mag gerade so hinreichen. Von Kindesbeinen an hab ich gelernt, als Dämon zu walten, und habe kraft meiner Fähigkeiten den Titel ›Himmelsebenbürtiger
Großer Heiliger‹ erlangt. Nur weil ich gegen den Himmelspalast rebellierte, geriet ich ins Unglück. Jetzt aber habe ich mich der buddhistischen Lehre verschrieben und beschütze meinen Meister auf seinem Weg in den Westen. Was brauchen wir uns schon vor hohen Bergen oder reißenden Strömen zu fürchten! Dämonen oder sonstige Ungeheuer unterwerfen, Drachen oder Tiger bezwingen, damit weiß ich schon ein bisschen umzugehen.«
Da lachte der Alte laut heraus. »Nun, wenn Ihr solche Anlagen habt, steht Euch der Weg in den Westen natürlich offen«, meinte er. »Wie viele seid ihr denn? Kommt herein und ruht euch aus.«
»Vielen Dank, wohltätiger Herr«, sprach Tripitaka. »Wir sind zu dritt.«
»Wo ist denn der Dritte?«
»Dort im Schatten, unterm Baum«, antwortete Pilger, indem er mit der Hand hinwies. Der Alte spähte hinüber, doch kaum hatte er Bajie erblickt, jagte ihm dessen Fratze einen solchen Schreck ein, dass er Hals über Kopf ins Haus rannte und schrie: »Schließt die Tore, schließt! Ein Gespenst!«
Pilger konnte ihn gerade noch einholen, hielt ihn auf und sprach: »Fürchtet Euch nicht, Alter! Das ist bloß mein Ordensbruder, kein Gespenst!«
Schon strömten von irgendwoher Alte und Junge, Männer und Frauen herbei und fragten, was los sei. Doch als Bajie sich ihnen zuwandte, ein paarmal die Ohren schlenkerte und seine
lange Schnauze hochreckte, stoben sie verängstigt auseinander. Erschrocken rief Tripitaka ein ums andere Mal: »Keine Angst, keine Angst! Wir sind nicht böse Menschen, wir sind Mönche auf Pilgerreise!«
Endlich hatte sich der Alte wieder gefasst und bat Meister und Schüler ins Haus. Tripitaka aber war sehr verärgert, dass die beiden sich solch flegelhafte Grobheiten erlaubten.
»Tölpel«, kicherte Pilger, »bring doch deine Hässlichkeit ein bisschen in Ordnung!«
»Das Äußere ist angeboren«, wandte Tripitaka ein, »wie soll er das in Ordnung bringen?«
»Er kann doch seine Forkenschnauze in den Kragen stecken und die Fächerohren hinten anlegen, statt damit herumzuwedeln! Das wäre doch schon viel ordentlicher.«
Tatsächlich steckte Bajie nun die Schnauze in den Kragen, presste die Ohren nach hinten und stellte sich gebeugten Hauptes hin, während Pilger das Gepäck holte und den Schimmel versorgte. Der Alte aber hieß Tee und Speisen auftragen und bot Tripitaka einen kühlen Platz an.
»Alter Meister«, hub Tripitaka an, »soeben habt Ihr gesagt, dass es zu schwierig sei, im Westen Schriften zu holen. Warum denn?«
»Nicht die Schriften zu holen ist schwer, nur der Weg dahin ist äußerst hart und anstrengend. Etwa dreißig Wegmeilen westlich von hier liegt ein Gebirge mit Namen ›Achthundert Meilen breiter Gelbwindhügel‹; dort wimmelt es nur so von Dämonen und Kobolden. Das ist es, was den Weg so erschwert. Wenn Ihr aber, wie der kleine Priester eben sagte, über so viele Zauberkräfte verfügt, dann mögt Ihr es wagen.«
Inzwischen hatte der Sohn des Hauses das Mahl aufgetischt und sprach: »Bitte bedient euch!« Während Tripitaka die Hände zum Tischgebet faltete, machte sich Bajie schon über seine Reisschale her, und noch bevor Tripitakas Gebet zu Ende war, hatte er drei volle Schalen verschlungen.
»So ein Fresssack!« bemerkte Pilger, »man könnte ja meinen, man habe es mit einem Hungergeist zu tun!«
Der Alte aber meinte taktvoll: »Der Mönch muss großen Hunger haben. Bringt schnell noch mehr Reis!«
Der Tölpel hatte wahrhaftig einen Riesenappetit; ohne auch nur aufzuschauen, leerte er in einem Zuge mehr als zehn Schalen. Schließlich meinte der Alte: »Auf die Schnelle kann ich kein Gramm an weiteren Speisen auftreiben. Bitte bedient euch an dem, was noch übrig ist.«
Tripitaka und Pilger bekundeten beide, sie seien gesättigt. Bajie jedoch brummte: »Was schwatzt der Alte, es hat doch keiner ein Orakel gelegt. Egal, ob ›Trigramm‹ oder ›Hexagramm‹,166 bringt her, was Ihr habt, um alles Weitere braucht Ihr Euch nicht zu kümmern!«
In einer einzigen Mahlzeit fraß Bajie buchstäblich das Haus leer und fand am Ende gar, er sei nur zur Hälfte satt. Schließlich wurde abgeräumt, man stellte Pritschen unter den Torbogen und legte sich schlafen.
Tags darauf verabschiedeten sie sich frühzeitig und zogen weiter gen Westen. In weniger als einem halben Tag kamen sie tatsächlich vor ein hoch aufragendes Gebirge, das einen bedrohlichen Eindruck machte. Während sie sich näherten, fegte plötzlich ein jäher Wirbelwind heran, und Tripitaka rief entsetzt: »Wukong, es kommt Wind auf!«
»Was ist schon schlimm an einem Wind?« gab dieser zurück. »Doch wartet, ich will mir mal eine Handvoll schnappen und riechen.«
»Aber Bruder«, machte Bajie, »Wind lässt sich doch nicht greifen!«
Doch Pilger gab zurück: »Das weißt du eben nicht; ich alter Sun kenne einen speziellen Windgreifzauber.«
Der Große Heilige schnupperte. Es roch faulig. »Tatsächlich, nichts Gutes!« rief er. »Entweder ist es ein Tigerwind oder sonst irgendwas Dämonisches.«
Er hatte kaum ausgesprochen, als am Berghang ein gewaltiger Tiger hervorschnellte. Entsetzt glitt Tripitaka aus dem Sattel und blieb schräg aufgestützt am Wegrand liegen. Da ließ Bajie die Gepäckstange fallen, packte seinen Rechen und schrie: »Stillgestanden, du Sündenbiest!« Er stürmte auf den Tiger zu und zielte mit dem Rechen geradewegs auf dessen Schädel. Da richtete sich der Tiger auf, schwenkte die Vorderpranken, nestelte an der Brust und riss sich mit einem schneidenden Geräusch das Fell vom Leibe. Am Wegrand stehend brüllte er: »Moment, nur mit der Ruhe! Ich bin der Kundschafter des großen Gelbwind-Königs. Heute bin ich auf königliches Geheiß unterwegs, hier in den Bergen ein paar einfache Leutchen zum Fressen zu holen. Woher kommt ihr, Mönche, dass ihr es wagt, mich mit Waffen anzugreifen?«
»Du Sündenbiest!« schimpfte Bajie, »wir sind keine einfachen Leutchen! Wir sind heilige Mönche aus dem Osten auf einer Pilgerfahrt ins Paradies des Westens, um Buddha zu huldigen und Heilige Schriften zu holen. Gib gefälligst den Weg frei und lass meinen Meister in Ruhe, wenn dir dein Leben lieb ist!«
Ohne darauf einzugehen, schnellte der Unhold vor und schlug Bajie die Pranke ins Gesicht, dann wandte er sich um und lief den Berghang hinunter. Als Bajie ihm nachjagte, zog der Unhold unter einem Steinhaufen zwei kupferne Säbel hervor und stürzte sich kampfbereit gegen Bajie. Ein Hieb folgte auf den andern, und die beiden fochten am Berghang um die Wette. Pilger half Tripitaka aufstehen und sprach ihm Mut zu: »Meister, fürchtet Euch nicht. Ich alter Sun will kurz mal Bajie beispringen; sobald wir das Biest erschlagen haben, ziehen wir weiter.«
Tripitaka setzte sich auf und begann zitternd das Herz-Sutra zu murmeln, während Pilger mit wirbelnder Stange ins Gefecht rannte.
»Pack ihn!« schrie er. Da ließ Bajie seine Schläge noch heftiger niedersausen, bis der Unhold schließlich nicht mehr
standhalten konnte. Als ihn die beiden den Berg hinunterjagten, kam er einen Moment ins Schlingern, dann griff er zur List der ›Zikade aus dem Kokon‹: Über den Boden rollend nahm er wieder seine eigentliche Gestalt eines Tigers an, klaubte abermals an der Brust, riss sich das Fell vom Leib und warf es über einen länglichen Felsbrocken, der die Form eines liegenden Tigers hatte. Er selbst verwandelte sich gleichzeitig in einen Windstoß und stob davon. Tripitaka aber, der immer noch sein Sutra aufsagte, wurde von ihm gepackt und in eine Grotte entführt. Dort stellte der Unhold seinen Sturmwind ein, brachte Tripitaka, den er fest in beiden Pranken hielt, seinem Grottenherrn dar und sprach: »Großer König! Euer Untergebener ist auf Inspektion im Gebirge einem chinesischen Mönch aus dem Osten begegnet, der bekundet, zu Buddha im Paradies des Westens zu pilgern, um Heilige Schriften zu holen. Hiermit überreiche ich ihn Euch zum Genuss.«
Erschrocken meinte der Grottenherr: »Ich habe gehört, Priester Tripitaka sei ein heiliger Mönch aus dem chinesischen Kaiserreich. Er soll zwei Schüler zur Seite haben, die über immense Zauberkräfte verfügen. Wie hast du es nur geschafft, diesen Mönch hierherzubringen?«
»Stimmt, er hat zwei Schüler«, antwortete der Kundschafter. »Der eine ist mit einem Rechen bewaffnet, der andere mit einer Stange. Während die beiden gegen mich kämpften, habe ich die List der ›Zikade aus dem Kokon‹ angewendet und mir den Mönch geschnappt.«
»Dann fressen wir ihn lieber noch nicht gleich, sonst rücken uns noch diese Schüler auf die Pelle«, meinte der Grottenherr. »Fessle ihn erst mal an den Windstillpfahl im Hinterhof. Wenn uns die beiden in Ruhe lassen, ist’s für eine Mahlzeit noch früh genug.« Dann befahl er seinen Dienern, Tripitaka in den Hinterhof zu schleppen und zu fesseln. Der Priester versank in trostlosen Kummer. Doch davon sei hier nicht weiter die Rede.
Wenden wir uns stattdessen Pilger und Bajie zu, die den Tiger den Hang hinuntergejagt hatten, wo sie ihn schließlich vor einer Felswand liegen sahen. Da erhob Pilger seine Stange und schlug sie mit solcher Wucht nieder, dass ihm beim Aufprall die Hand schmerzte. Bajie zog ihm gleich noch eins mit dem Rechen über, doch in Wirklichkeit war es ja nur die Tigerhaut auf dem Felsbrocken.
»Schlimm!« machte Pilger erschrocken, »schlimm, wir sind der List ›Zikade aus dem Kokon‹ auf den Leim gegangen! Lass uns zurückkehren und schauen, wie es dem Meister geht.«
Als die beiden angerannt kamen, war Tripitaka längst verschwunden.
»Was tun wir bloß! Der Meister ist schon verschleppt worden!« brüllte Pilger mit Donnerstimme. »Nun, wie man die Sache auch dreht und wendet, er kann nirgendwo anders sein als in diesem Gebirge. Los, machen wir uns auf die Suche!«
Die beiden eilten den Hang hinan, flitzten an Gipfeln vorbei und hatten schon etliche Bergkämme überquert, als sie endlich am Fuße einer Felswand eine Grottenresidenz erblickten, die einen bedrohlichen Eindruck machte. Pilger ließ Bajie Gepäck und Pferd in einer windstillen Talsohle unterbringen, straffte seine Mönchskutte, schnürte sein Tigerfell und stürmte mit hocherhobener Stange auf die Grotte zu. Über dem Tor prangten sechs große Schriftzeichen: »黃風山 黃風洞 – Gelbwindgrotte am Gelbwindberg«. Pilger griff seine Stange und schrie: »Rück sofort meinen Meister raus, du Dämon, sonst wühle ich dein Nest um!«
Wie der Wind rasten die kleinen Ungeheuer ins Grotteninnere und meldeten: »Großer König! Draußen steht ein haariger Mönch, der aussieht wie der Donnergott. Er hält eine dicke Eisenstange in der Hand und verlangt seinen Meister!«
Der Grottenherr wurde nervös. Sein Kundschafter aber meinte: »Beruhigt Euch, großer König. Ich geh jetzt nach draußen und hole diesen Pilger Sun oder wie er sich nennt gleich auch noch zum Fressen.«
Schon befahl er den Ungeheuern, die Trommeln zu rühren und Standarten zu schwenken, während er seine zwei Kupfersäbel ergriff, ins Freie trat und rief: »Woher kommst du Affenmönch, dass du es wagst, hier herumzuschreien?«
»Du häutendes Biest! Was soll dieser Ausschlüpf-Trick«, schimpfte Pilger, »du hast meinen Meister gefangen, gib ihn sofort frei! Steh still und krieg meine Stange zu spüren!«
Ohne zu zögern schwang der Tiger seine Säbel und trat ihm entgegen. Die beiden fochten mehrere Kampfrunden aus, doch bald konnte der Tigerdämon nicht länger standhalten und floh vor Pilger, der ihn mit der Stange verfolgte, geradewegs in jene windstille Talsohle. Bajie, der hier das Pferd weiden ließ, gewahrte lautes Rufen und Keuchen, und als er sich umwandte, erblickte er den flüchtigen Tigerdämon. Er ließ das Pferd stehen, hob seinen Rechen und schmetterte ihn mit solcher Wucht auf den Schädel des Tigers, dass das Blut aus allen neun Löchern spritzte.
Er schmetterte den Rechen mit solcher Wucht auf den Schädel des Tigers, dass das Blut aus allen neun Löchern spritzte.
Dazu gibt es ein Gedicht:
Seit er vor zwei, drei Jahren
Zur rechten Lehre fand,
Hat er Abstinenz geübt,
Die wahre Leerheit erkannt.
Aufrechten Sinnes will er nun
Den Priester Tripitaka schützen;
Seitdem er Buddhist geworden,
Ist dies nun sein erster Nutzen.
Als Pilger dies sah, war seine Freude groß.
»Weißt du denn, wo der Meister ist?« fragte Bajie.
»Der Unhold hat ihn in die Grotte verschleppt, um ihn seinem verdammten Dingsdakönig zum Fressen zu geben«, gab Pilger zur Antwort. »Ich alter Sun hab ihn im Kampf hierhergejagt, und du hast ihn erschlagen. Bruder, das ist dein Verdienst! Kümmere dich ein Weilchen um Pferd und Gepäck, ich gehe jetzt noch mal zur Grotte und rufe zum Kampf auf. Erst wenn wir auch den Alten erledigt haben, können wir unseren Meister befreien.«
»Geh nur, Bruder«, meinte Bajie, »sobald du die Oberhand hast, kannst du ihn wieder hierhertreiben, dann mach ich alter Eber ihm den Garaus.«
Der gute Pilger! Seine Stange in der einen Hand, schleppte er mit der anderen den toten Tiger vor das Grottentor. Wahrhaftig:
Der Priester war in Not,
Ein Ungeheuer kam,
Doch Gefühl und Wesen
Bändigen den Dämon.168
Und da wir nicht wissen, ob er diesmal den Dämon unterwerfen konnte, lasst uns das nächste Kapitel anhören.