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021 Schutzgottheiten beherbergen den Großen Heiligen / Lingji vom Sumeru-Berg bezwingt den Winddämon

Berichten wir nun, wie die kleinen Ungeheuer, die das Tor zur

Gelbwindgrotte bewachten, beim Anblick Pilgers unverzüglich hineinrannten und meldeten: »Großer König! Der haarige Mönch hat unseren Kundschafter, den Tiger, erschlagen! Jetzt hat er ihn vor das Tor geschleppt und ruft zum Kampf auf.«

»Unverschämt ist dieser Kerl!« polterte der alte Dämon wütend. »Ich verschone seinen Meister, und zum Dank bringt er meinen Kundschafter um. Gemein ist das, gemein! Bislang kenne ich ja diesen Pilger Sun nur vom Hörensagen, doch wartet, jetzt will ich mich mit eigenen Augen überzeugen, was für ein neunhäuptiger, achtschwänziger Mönch das sein soll, dann wird das Leben unseres Kundschafters an ihm gerächt!«

In aller Eile warf er sich in Rüstung, packte einen stählernen Dreizack und trat an der Spitze all seiner Ungeheuer aus der Grotte. Der Große Heilige, der wartend vor dem Tore stand, sah den Dämon ins Freie treten. In der Tat, eine wackere Erscheinung.

»Wer ist nun dieser Pilger Sun?« schrie er.

Den Fuß auf der Tigerleiche, in der Hand die Wunscherfüllende Eisenstange, antwortete Pilger: »Hier ist dein Ahnherr Sun. Gib mir sofort meinen Meister heraus!«

Der Dämon musterte den hässlich und unscheinbar wirkenden Pilger mit dem hageren Gesicht und einer Größe von kaum vier Fuß, brach in Gelächter aus und rief: »Ach herrje, wie erbärmlich! Und da glaubte ich noch, was für ein markiger Kerl das sein müsse. Dabei ist es ein kränkelndes Knochengerüst!«

»Dir fehlt’s aber gewaltig an Erkennungsvermögen, mein Sohn!« versetzte Pilger. »Ich mag klein aussehen, doch wenn du dich traust, mir mit deinem Dreizack eins auf den Schädel zu hauen, werde ich gleich um sechs Fuß größer.«

Tatsächlich versetzte ihm der Dämon einen Schlag auf den Kopf. Da beugte sich Pilger leicht vor und wuchs auf der Stelle um gut sechs Fuß in die Höhe. Erschrocken zog der Unhold seinen Dreizack zurück. »Pilger Sun!« schrie er, »was soll diese Vorzeigezauberei vor meiner Grotte? Keine faulen Tricks! Komm her und miss dich mit mir im Kampf!«

Der Dämon erhob den Dreizack und stach gegen Pilgers Brust. Doch der Große Heilige, in dieser Kunst geübt, brauchte nichts zu fürchten; er packte seinen Eisenstab und schwang ihn dem Dämon mit der Bewegung ›Schwarzer Drache fegt über den Boden‹ über den Schädel. Die beiden fochten ganze dreißig Runden aus, doch Sieg und Niederlage blieben unentschieden. In der Hoffnung auf schnellen Erfolg wandte Pilger nun die Körperteilungsmagie an, indem er sich ein Büschel Haare ausriss, sie zerkaute und nach oben ausspuckte mit dem Ruf »Verwandlung!«. Auf der Stelle waren mehr als hundert Pilger zugegen, ein jeder mit einer Eisenstange bewaffnet, die den Dämon sofort umzingelten. Der bekam es mit der Angst zu tun und griff nun seinerseits zu einer Magie, indem er blitzschnell herumwirbelte, in Richtung des Trigramms Xun sein Maul drei Spannen weit aufsperrte und dann die eingesogene Luft ausstieß. Jäh brauste aus der Höhe ein gelber Wirbelwind heran, der die aus den Haaren des Großen Heiligen gezauberten kleinen Pilger erfasste und wie ein Spinnrad im Kreise wirbelte, dass sie sich dem Dämon gar nicht nähern konnten. Erschrocken schüttelte Pilger sein Fell, um die Haare wieder einzufangen, und trat alleine mit erhobener Eisenstange vor. Da aber schnaubte ihm der Dämon seinen gelben Wind mitten ins Gesicht, so dass er die feurigen Goldaugen zukneifen musste und sie nicht wieder öffnen konnte. Damit hatte er den Kampf verloren. Wie nun der Dämon seinen Wind einstellte und in die Grotte zurückkehrte, sei hier nicht weiter ausgeführt.

Wenden wir uns stattdessen Bajie zu, der das Wüten des gelben Sturmwinds, der Himmel und Erde verfinsterte, mitangesehen hatte und sich nun in der Talsohle zu Boden duckte, wo er nicht mehr aufzuschauen wagte. Während er noch grübelte, was wohl geschehen sei, hatte sich der Wind längst gelegt, und der Himmel war wieder klar. Auf einmal hörte er, wie der Große Heilige von Westen her mit lauten Schreien auf ihn zukam. Er empfing ihn mit einer leichten Verbeugung und rief: »Bruder, was für ein gewaltiger Wind! Wo kommst du her?«

Pilger winkte ab und rief: »Heftig, heftig! Einen derart starken Wind habe ich alter Sun, seit ich denken kann, noch nie erlebt! Das alte Ungetüm ist mit einem stählernen Dreizack bewaffnet; ich habe über dreißig Runden mit ihm gekämpft und ihn zuletzt mit dem Körperteilungstrick umzingelt. Da kriegte er Angst und hat auf einmal diesen Sturmwind ausgestoßen, dass ich mich kaum mehr aufrecht halten konnte und fliehen musste. Ich alter Sun kann ja auch Wind und Regen machen, aber doch keinen derart üblen Wind wie dieses Ungeheuer!«

»Wie sollen wir dann den Meister retten?« fragte Bajie.

»Das muss warten«, gab Pilger zurück. »Meine Augen schmerzen schrecklich von dem ekelhaften Wind, und sie tränen ununterbrochen. Ob es wohl in dieser Gegend einen Augenarzt gibt, der mich behandeln könnte?«

»Aber Bruder! Was sprichst du mitten im Gebirge und erst noch spätabends von einem Augenarzt! Wir haben ja nicht mal ein Dach über dem Kopf.«

»Ein Dach zu finden wäre keine Sache«, meinte Pilger. »Meiner Meinung nach wagt dieses Ungeheuer unserem Meister jetzt noch nichts anzutun. Gehen wir doch zur Landstraße zurück und suchen irgendein Haus, in dem wir die Nacht verbringen können. Morgen kommen wir zurück und erledigen das Biest.«

Bajie ergriff die Zügel, schulterte die Tragstange und stapfte neben Pilger aus der Talsohle der Landstraße entgegen. Am Fuß des Berges tönte Hundegebell. Sie hielten an, um genauer zu schauen, da erblickten sie die Lichter eines Gehöfts. Durch hohes Gras wateten sie darauf zu, bis sie vor dem Tor standen.

»Aufmachen!« riefen sie, »macht auf!«

»Wer da?« tönte drinnen die Stimme eines alten Mannes.

»Die Schüler eines heiligen Mönchs aus dem chinesischen Kaiserreich«, rief Pilger. »Wir sind auf dem Weg in den Westen, wo wir Buddha huldigen und Heilige Schriften holen wollen, darum sind wir in dieses Gebirge geraten, und unser Meister ist vom Gelbwindkönig verschleppt worden. Da es schon spät ist, möchten wir in Eurer Residenz um ein Nachtlager bitten. Seid so gut und tut uns den Gefallen!«

»Zwei Priester«, tönte es heraus, »dann kommt schnell herein, herein!«

Die beiden traten in den Vorhof, wo sie das Pferd anbanden und das Gepäck abstellten, dann begrüßten sie den Alten und setzten sich zum Plaudern. Der Weißhaarige goss ihnen Tee auf und brachte auch ein paar Schalen Sesamreis. Nach dem Essen ließ er die Betten herrichten und hieß sie schlafen gehen.

»Schlafen ist nicht das Problem«, versetzte Pilger. »Darf ich fragen, werter Herr, ob es hier irgendwo Augensalbe zu kaufen gibt?«

»Wer von euch hat denn kranke Augen?« fragte der Alte.

»Nun, offen gestanden haben wir Mönche eigentlich nie Probleme mit den Augen«, erklärte Pilger, »doch heute, als ich bei der Gelbwindgrotte unseren Meister retten wollte, bin ich unerwartet von diesem Ungetüm mit Wind angepustet worden. Seitdem tun mir die Augen schrecklich weh und tränen in einem fort. Darum suche ich nach einer Augenmedizin.«

»Meine Güte!« machte der Alte. »Der Wind des Gelbwindkönigs ist der schlimmste, den es gibt. Er ist mit keinem Frühlings- oder Herbstwind zu vergleichen, mit keinem Kiefern- oder Bambuswind, auch nicht mit Ost-, West-, Süd- oder Nordwind.«

»Dann wird es wohl irgendein innerer Wind sein«, warf Bajie ein, »der Geisteskrankheit, Epilepsie, Lepra oder Migräne verursacht?«169

»Nein, nein«, winkte der Alte ab, »dies ist der Göttliche Wind der tiefsten Versenkung.«170

»Woran erkennt Ihr das?« wollte Pilger wissen.

»Wenn dieser Wind weht«, erklärte der Alte, »verfinstern sich Himmel und Erde, und gar Geister und Götter machen sich Sorgen. Dieser Wind sprengt Felsen und Klippen und weht die Menschen in den Tod. Wenn Ihr mit diesem Wind in Kontakt gekommen seid, so ist es aus! Es sei denn, Ihr seid heilig oder unsterblich.«

»In der Tat«, brummte Pilger. »Aber Heilige und Unsterbliche sind bloß unsere Nachfahren. Mein Leben ist so leicht nicht auszublasen, nur meine Augen tun schrecklich weh.«

»Nun, nach dem, was Ihr sagt, scheint Ihr besonderer Herkunft zu sein. An unserem dürftigen Orte gibt es zwar keine Augenmedizin zu kaufen, doch da mir altem Manne bei Wind auch immer die Augen tränen, habe ich einst von einem Wundermann ein Geheimrezept erhalten, das nennt sich Dreiblüten-Neunsamen-Balsam und ist gut gegen jegliche Art von Wind-Erkrankung der Augen.«

Auf diese Worte legte Pilger gesenkten Hauptes die Hände zu einer Dankesgeste übereinander und sprach: »Bitte, gebt mir doch ein bisschen zum Ausprobieren!«

Der Alte nickte und holte den Balsam. Nachdem er ihn Pilger aufgestrichen hatte, hieß er ihn die Augen geschlossen halten und ruhig schlafen; am Morgen würden seine Augen geheilt sein. Bajie breitete die Decken aus und hieß Pilger sich niederlegen. Als dieser mit geschlossenen Augen um sich tastete, meinte Bajie kichernd: »Wo ist Euer Blindenstab, mein Herr?«

»Du verfressener Tollpatsch behandelst mich als Blinden!« schimpfte Pilger.

Der Tölpel grinste und legte sich schlafen. Pilger aber setzte sich aufrecht auf die Pritsche und ließ seine inneren Kräfte kreisen. Erst zur dritten Nachtwache um Mitternacht legte er sich nieder und schlief.

Mit dem fünften Gongschlag der Nachtwache begann schon der Morgen zu dämmern. Pilger rieb sich das Gesicht, öffnete die Augen und rief: »Was für eine Wunderarznei! Ich sehe ja noch klarer als sonst!«

Er wandte sich nach hinten und schaute. Aber oho! Wo war denn das Zimmer, wo die Fenster und Türen? Ringsum standen nur ein paar alte Sophoren und Trauerweiden; die beiden Brüder aber lagen auf einem grünen Rasenteppich. Da erwachte auch Bajie, hob jäh den Kopf und bemerkte ebenfalls, dass kein Haus mehr da war. Mit einem Satz sprang er hoch und rief: »Wo ist mein Pferd?«

»Dort steht es doch, an den Baum gebunden!« zeigte Pilger.

»Und das Gepäck?«

»Schau doch, was neben deinem Kopf liegt.«

»Die Leute sind aber gar nachlässig«, bemerkte Bajie, »ziehen einfach um und sagen uns kein Wort! Sicher wollen sie sich vor Frondienst oder Steuern drücken, wahrscheinlich hat der Dorfvorsteher schon davon erfahren, dass sie mitten in der Nacht umgezogen sind. Ha, da haben wir wohl tief geschlafen! Aber wie geht es zu, dass wir nicht den geringsten Ton vernehmen, wenn die Leute ihr Haus abreißen?«

»Du Tölpel!« lachte ihn Pilger aus, »quatsch nicht so viel, schau lieber erst, was für ein Zettel da oben im Baum hängt!«

Bajie ging hin und löste den Papierstreifen. Darauf stand ein vierzeiliges Gedicht:

Hier wohnten nicht profane Menschen,

Schutzgottheiten erstellten das Haus;

Der gute Balsam heilte Eure Augen,

Und macht dem Dämon den Garaus!

»Diese Götterhorde!« rief Pilger, »seit wir das Drachenpferd eingetauscht haben, hab ich sie gar nicht mehr antreten lassen. Und da kommen sie mit solchen Zaubereien.«

»Aber Bruder, gib doch nicht groß an!« rief Bajie ungläubig, »sie können doch unmöglich deinem Kommando folgen!«

»Was hast du für eine Ahnung! Die Schutzgötter aller Klöster, die sechs Ding- und die sechs Jia-Götterkrieger, die Genien der fünf Himmelsrichtungen und die Vier Zeitgötter, sie alle reisen auf Geheiß von Bodhisattva Guanyin unsichtbar mit, um unseren Meister zu beschützen. Seit dem Tag, als sie sich am Schlangenberg meldeten, hab ich sie nur nicht mehr rufen müssen, weil wir dich dabeihaben.«

»Bruder«, meinte Bajie beschwichtigend, »wenn sie den Befehl haben, den Meister im Verborgenen zu beschützen, dürfen sie sich ja nicht offen zeigen. Und schließlich hast du die Augenmedizin von gestern auch ihnen zu verdanken, also nimm es ihnen doch nicht übel! Lass uns jetzt den Meister befreien.«

»Von hier zur Gelbwindgrotte ist es nicht weit«, meinte Pilger. »Bleibe erst mal mit Pferd und Gepäck hier im Wald. Sobald ich in Erfahrung gebracht habe, was in der Grotte vor sich geht und wie es um den Meister steht, kann der Kampf beginnen!«

Nach diesen Worten schnellte er hoch und sauste zur Grotte, wo er das Tor noch verschlossen fand. Da machte er ein magisches Fingerzeichen, murmelte einen Zauberspruch und verwandelte sich mit einem leichten Dreh in eine Mücke mit gestreiften Beinen. So surrte er in die Grotte hinein. Der alte Unhold war noch nicht zu sehen. Pilger flog durch die Haupthalle nach hinten und fand eine Tür, die fest verriegelt war. Nachdem er sich durch eine Ritze gezwängt hatte, fand er sich in einem geräumigen Hof wieder. Und auf der einen Seite, an die Windstillsäule gefesselt, war Tripitaka. Der Meister war in Tränen aufgelöst; in seinem Herzen dachte er unaufhörlich an Wukong und Wuneng. Pilger ließ seine Flügel ruhen, landete auf dem kahlgeschorenen Kopf und rief: »Meister!« Der Priester erkannte seine Stimme und rief: »Oh, Wukong, ich sehne mich hier zu Tode! Woher rufst du mich denn?«

»Meister, ich bin auf Eurem Kopf. Grämt Euch nicht, heute machen wir dem Dämon den Garaus, dann seid Ihr gerettet. Ich gehe!«

Surrend flog er wieder nach vorn. Dort sah er, dass der alte Unhold nun bereits in der Halle saß und gerade seine

Untergebenen kommandierte. Da stürzte ein kleines Ungeheuer mit einer Flagge auf der Schulter in die Halle und meldete: »Großer König, Euer Untergebener kommt von der Inspektion. Im Wald bin ich einem langschnäuzigen, großohrigen Mönch begegnet, wenn ich nicht schnell genug gerannt wäre, hätte er mich gepackt. Aber der haarige Mönch von gestern war nicht dabei.«

»Dann muss er wohl im Wind umgekommen sein«, meinte der Dämon, »oder er hat irgendwo Verstärkung geholt.«

»Großer König«, wandten die Ungeheuer ein, wenn er umgekommen ist, haben wir Glück gehabt. Falls ihm aber der Wind nichts anhaben kann und er irgendwelche Götterkrieger zu Hilfe ruft, was dann?«

»Was können uns Götterkrieger anhaben! Sollte er meinem Wind wirklich standhalten können, brauchen wir außer Bodhisattva Lingji niemanden zu fürchten!«171

Pilger, der auf dem Dachbalken alles gehört hatte, war überglücklich, surrte ins Freie, landete wieder in seiner eigenen Gestalt im Wald und rief: »Bruder!«

»Was gibt’s für Neuigkeiten? Eben ist ein Ungeheuer mit einer Fahne vorbeigekommen; ich habe es verjagt.«

Nachdem Pilger berichtet hatte, was in der Grotte geschehen war, meinte Bajie: »Nun hat er sich zwar verraten; aber wie sollen wir wissen, wo dieser Lingji steckt?«

Während sie noch hin und her berieten, kam ein alter Mann des Weges. Bajie bemerkte ihn und meinte zu Pilger: »Bruder, man sagt doch: ›Willst du wissen, wo’s weitergeht, so frage den, der entgegenkommt.‹ Frag doch mal!«

Tatsächlich verbarg der Große Heilige seine Eisenstange, trat vor und sprach: »Werter Herr, wir haben eine Frage. Wir sind heilige Mönche auf Schriftensuche und haben gestern hier unseren Meister verloren, darum möchten wir Euch fragen, wo sich Bodhisattva Lingji aufhält?«

»Im Süden, zweitausend Wegmeilen von hier«, gab der Alte zur Antwort. »Dort ist ein Berg, der ›Kleiner Sumeru‹ genannt wird. Auf diesem Berg steht das Kloster, in dem der Bodhisattva gewöhnlich die Schriften erläutert. Sucht ihr seine Schriften?«

»Nein«, gab Pilger zurück, »ich muss ihn mit einer Bitte belästigen und weiß nicht, welchen Weg ich nehmen soll.«

Der Alte wies mit der Hand Richtung Süden und sprach: »Folgt dem gewundenen Bergpfad.« Während Pilger in jene Richtung blickte, hatte sich der Alte schon in einen klaren Windstoß aufgelöst und war verschwunden. Am Wegesrand aber lag ein Stück Papier, das mit einem Vierzeiler beschriftet war:

Dem Himmelsebenbürtigen sei kundgetan:

Der Mann war Li Changgeng, der Abendstern.

Auf dem Sumeru gibt es einen Drachenstab,

Den Lingji einst von Buddha mitbekam.

Mit dem Zettel in der Hand wandte sich Pilger um, da rief Bajie: »Bruder, jetzt hält das schon mehrere Tage an, dass wir ständig am helllichten Tag Gespenster sehen. Wer war der Alte, der sich eben in Luft aufgelöst hat?«

Pilger reichte ihm den Zettel. Nachdem Bajie die Zeilen durchgelesen hatte, fragte er: »Wer ist denn Li Changgeng?«

»Das ist der Name des Hellen Abendsterns.«

Bestürzt faltete Bajie die Hände zum Himmel und rief: »Oh, mein Retter, mein Retter! Ihm habe ich alter Eber zu verdanken, dass beim Jadekaiser Fürsprache eingelegt wurde, wer weiß, was sonst aus meinem Leben geworden wäre!«

»Lass dich jetzt nicht mehr blicken, Bruder«, meinte Pilger. »Versteck dich hier, hüte Pferd und Gepäck und warte, bis ich alter Sun den Bodhisattva geholt habe.«

»Alles klar«, gab Bajie zurück, »geh nur. Ich alter Eber halte mich an den Schildkrötentrick: Wenn ich den Kopf einziehen muss, verkriech ich mich eben.«

Der Große Heilige sprang in die Lüfte und sauste in einem Wolkenüberschlag in den Süden. Nach kürzester Zeit sah er einen hohen Berg, der auf halber Höhe von glückverheißenden Wolkenschleiern umspielt war. In einer Senke lag ein Kloster, aus dem harmonische Klänge von Glocken und Klangsteinen tönten und Weihrauchduft die Luft durchdrang. Der Große Heilige landete vor dem Portal. Hier sah er einen Gläubigen, der Gebete murmelte. Er trat auf ihn zu, grüßte mit einer leichten Verbeugung und erkundigte sich höflich: »Ist das hier das Kloster von Bodhisattva Lingji?«

Der Gläubige erwiderte die Geste und antwortete: »Ja, Ihr seid am rechten Ort. Kann ich Euch behilflich sein?«

»Bitte meldet dem Bodhisattva, dass der Himmelsebenbürtige Große Heilige, Pilger Sun Wukong, Schüler des kaiserlich verbrüderten Priesters Tripitaka aus dem großen chinesischen Kaiserreich mit einer Bitte vorsprechen möchte.«

Der Gläubige lächelte: »Werter Herr, Ihr sagt mir viele Namen auf einmal; ich kann mir das nicht alles merken.«

»Sagt einfach, Sun Wukong, Schüler von Tripitaka, möchte vorsprechen.« Der Gläubige überbrachte die Meldung im selben Wortlaut. Da strich der Bodhisattva sein Gewand zurecht und kam Pilger zum Empfang entgegen. Der Große Heilige trat durch das Portal und sah:

Herrlichkeit in Fülle,

Feierliche Halle!

Leuchtende Kerzenschimmer

Strahlen im Glanz von Regenbogen,

Holder Weihrauchduft

Steigt auf in bunten Schwaden.

So war es in der Tat:

Nach der Rede freien Herzens

In Versunkenheit eingehen;

Wie wenn weiße Wolkenschleier

Kreisend um die Kiefern wehen.

Lass das Schwert der Weisheit ruhen,

Der Dämon ist nun vergangen.

Groß ist Prajna-Paramita

Holde Feier wird begangen!

Nachdem sie einander begrüßt hatten, setzten sie sich, und der Bodhisattva hieß Tee aufgießen.

»Tee ist nicht nötig«, wehrte Pilger, »ich komme, weil mein Meister am Gelbwindberg in Not geraten ist, und bitte Euch, den Dämon zu bändigen, um meinen Meister zu retten.«

»Ich habe von Buddha den Auftrag, diesen Dämon hier unter Kontrolle zu halten. Buddha gab mir eine Windstill-Pille und einen Zauberstab, den Stab des Fliegenden Drachen. Damals, als ich den Dämon überwand, habe ich ihm das Leben geschenkt und ihn als Einsiedler in den Bergen wohnen lassen. Ich wusste nicht, dass er Euren werten Meister in Not bringen würde. Das ist meine Schuld.«

Damit ergriff er den Drachenstab und schwebte mit Pilger zusammen auf einer Wolke empor. Nach kurzer Zeit hatten sie den Gelbwindberg erreicht, und der Bodhisattva sprach: »Großer Heiliger, ich werde jetzt hier oben in den Wolken bleiben. Ihr aber sollt nach unten gehen und zum Kampf aufrufen, damit er herauskommt und ich meine Zauberkraft anwenden kann.«

Wie geheißen glitt Pilger nach unten, packte seine Stange und zertrümmerte mit einem Streich das Grottentor. Entsetzt stoben die Ungeheuer hinein und meldeten, was geschehen war.

»Unverschämt ist der verfluchte Affe!« donnerte der Unhold. »Wenn er sich nicht sofort eines Besseren besinnt, werde ich rausgehen und einen Götterwind entfachen, der ihm ein für alle Mal den Garaus macht!«

Er packte seinen Dreizack und trat ins Freie. Kaum hatte er Pilger erblickt, stach er nach seiner Brust, doch Pilger wehrte den Stoß mit seiner Stange ab, und der Kampf begann. Schon nach wenigen Runden wandte sich der Dämon in Richtung des Wind-Trigramms Xun und wollte gerade seinen Atem ausspeien, doch in dem Augenblick, als er seinen Rachen aufsperrte, warf Bodhisattva Lingji aus der Höhe den Drachenstock hinunter. Flugs verwandelte sich dieser in einen goldenen Drachen mit acht Pranken, packte den Unhold mit gespreizten Vorderpranken beim Kopf und schmetterte ihn zwei, drei Mal gegen die Felswand. Da zeigte sich seine wahre Gestalt: Es war ein gelber Marder!

Pilger rannte hin und holte mit der Stange zum Schlag aus, doch der Bodhisattva fiel ihm in den Arm und sprach: »Großer Heiliger, lasst ihn am Leben! Er war einst ein weiser Marder, der am Fuße des Seelenbergs lebte. Weil er eines Tages das reine Öl aus den Kristallschalen stahl, dass im Tempel die Lichter erloschen, fürchtete er, die Diamantwächter könnten ihn erwischen, und setzte sich darum hier als Dämon ab. Ich werde ihn Buddha zur Verurteilung übergeben.«

»Großer Heiliger, lasst ihn am Leben! Er war einst ein weiser Marder, der am Fuße des Seelenbergs lebte.«

Auf diese Worte bedankte sich Pilger beim Bodhisattva. Wie dieser nun gen Westen entschwebte, sei hier nicht weiter ausgeführt.

Erzählen wir stattdessen von Bajie, der immer noch im Wald saß und auf Neuigkeiten wartete, als er Pilger endlich kommen sah. »Wie war’s, Bruder?« rief er ihm zu.

»Bodhisattva Lingji hat den Unhold festgenommen; es war ein gelber Marder. Er hat ihn jetzt zu Buddha gebracht. Lass uns in die Grotte gehen und den Meister befreien!«

Der Tölpel war außer sich vor Freude. Nun stürmten beide in die Grotte, erschlugen nach Lust und Laune sämtliche Ungeheuer, dann eilten sie in den Hinterhof und banden den Meister los. Pilger berichtete von Lingji und erzählte, was sich alles ereignet hatte. Der Meister dankte in einem fort. Schließlich kochten die beiden Schüler in der Grotte eine kleine Mahlzeit, und nachdem sie gegessen hatten, gingen sie nach draußen, fanden die Landstraße wieder und schritten weiter dem Westen zu. Und da wir nicht wissen, wie es weiterging, lasst uns hören, was das nächste Kapitel erzählt.