Man berichtet, dass die drei Schriftenholer, nachdem sie der Gefahr glücklich entronnen waren, in weniger als einem Tag das Gelbwind-Gebirge überquerten, worauf sich ihnen nach Westen hin eine weite Ebene auftat. Im Nu verging die Zeit; schon war der Sommer zu Ende, der Herbst begann, und man sah
In dürren Weiden letzte Herbstzikaden zirpen,
Das große Sonnenfeuer gegen Westen rollen.
Da führte ihr Weg an einen reißenden Strom mit tosend schäumenden Wogen. Beunruhigt rief Tripitaka vom Pferd
herunter: »Seht, meine Schüler, diese grenzenlosen Wassermassen! Es gibt ja gar keine Schiffe auf diesem Fluss; wie sollen wir ihn bloß überqueren?«
Pilger sprang in die Lüfte, schirmte mit der Hand die Augen ab und hielt Ausschau. Dann kehrte er zurück und rief: »Meister, es ist tatsächlich schwer, diesen Strom zu überqueren!«
»Wie breit ist er denn?«
»Etwa achthundert Meilen.«
»Bruder«, warf Bajie ein, »wie kannst du das wissen?«
»Mit meinen Augen kann ich bei Tageslicht alles erspähen, was innerhalb von tausend Meilen liegt. Zwar habe ich aus der Höhe nicht ermessen können, wie lang der Strom ist, doch die Breite wird an die achthundert Meilen betragen.«
Der Priester seufzte entmutigt und wandte sein Pferd um, da entdeckte er am Ufer eine steinerne Stele. Alle drei gingen hin und sahen, dass darauf drei Zeichen in antiker Schrift eingemeißelt waren: »流沙河 – Treibsandfluss«. Daneben stand in normaler Schrift ein vierzeiliger Reimspruch:
Die Treibsand-Grenze misst achthundert Meilen;
Dreitausend Klafter tief das Weiche Wasser ist!172
Kein Gänseflaum kann auf den Wogen treiben,
Binsenblüten sinken hier wie schwere Last!
Während Meister und Schüler noch die Inschrift betrachteten, schreckte sie jäh das Getöse aufschäumender Wogen auf, und aus den Fluten schnellte zischend ein grauenvoller Dämon.
Wie ein Wirbelwind schoss das Ungeheuer ans Ufer und stürzte sich auf Tripitaka. Entsetzt packte Pilger seinen Meister und konnte ihn gerade noch auf einer Uferklippe in Sicherheit bringen. Bajie aber warf das Gepäck ab, packte seinen Rechen und schwang ihn gegen den Dämon, der den Hieb mit einem prunkvollen Stab auffing, worauf beide am Treibsandfluss ihren Heldenmut austobten. Nach ganzen zwanzig Runden war der Kampf immer noch unentschieden. Pilger, der schützend neben Tripitaka stand und das Gefecht verfolgte, rieb sich die Hände und ballte die Fäuste, bis er sich schließlich nicht länger halten konnte, seine Stange zückte und rief: »Bleibt hier sitzen, Meister, habt keine Angst. Ich alter Sun will mich ein bisschen mit dem Monster vergnügen.«
Schon sprang er hinzu, schwang seine Eisenstange und ließ sie gegen den Dämon sausen; dieser konnte gerade noch ausweichen, machte kehrt und stach in die Fluten. Bajie sprang vor Ärger auf und ab und schrie: »Bruder, wer hat dich gerufen! Gerade haben seine Kräfte nachgelassen, er hatte schon Mühe, meinen Rechen abzuwehren. Keine drei bis fünf Runden, und ich hätte ihn gehabt. Doch wegen dir hat er Angst gekriegt und ist geflohen. Was tun wir bloß?«
»Ach, Bruder«, lächelte Pilger, »weißt du, seit dem Gelbwinddämon hab ich schon einen ganzen Monat lang keine Gelegenheit mehr gehabt, mit der Stange zu spielen. Als ich dich so süß ins Gefecht verwickelt sah, hab ich mich einfach nicht mehr halten können. Ich hab doch nicht wissen können, dass dieses Monster nicht zum Spielen aufgelegt ist und gleich abhauen würde.«
Die beiden kehrten zu Tripitaka zurück. »Habt ihr den Dämon gefasst?« fragte dieser.
»Das Ungeheuer ist nicht kampffest«, versetzte Pilger, »es hat eine Niederlage eingesteckt und ist ins Wasser gesaust.«
»Mein Schüler, dieser Dämon muss schon lange hier wohnen; sicher kennt er sich in diesem Wasser aus.«
»Genau«, fiel Pilger ein, »falls wir ihn erwischen, sollten wir ihn nicht töten, sondern ihn dazu bringen, Euch über den Fluss zu helfen. Anschließend können wir das Weitere entscheiden. Allein, der Kampf im Wasser ist für mich alten Sun nicht ganz das Richtige.«
»Ich alter Eber habe früher die Kriegsflotte auf dem Himmelsfluss kommandiert«, bemerkte Bajie, »im Wasser kenn ich mich bestens aus. Ich fürchte nur, dass in diesen Fluten noch eine halbe Sippschaft lauert. Was tu ich bloß, wenn die ihm zu Hilfe kommen und ich nicht mehr standhalten kann?«
»Im Wasser darfst du nicht länger kämpfen als unbedingt notwendig«, wies Pilger ihn an. »Du musst die Flucht ergreifen, so kannst du ihn ans Ufer locken. Dort werde ich alter Sun Hand anlegen.«
»Du hast recht«, meinte Bajie. Er zog Kutte und Schuhe aus, schwang seinen Rechen und stürzte sich in die Fluten, geradewegs auf den Grund.
Wie nun der Dämon, der in die Tiefe geflohen war und eben erst zu keuchen aufgehört hatte, jemanden durchs Wasser schwimmen hörte, richtete er sich jäh auf, hielt Ausschau und sah Bajie. Der Dämon hielt seinen Prunkstab schützend vor sich und schrie: »Wohin des Wegs, du Mönch? Nimm dich in Acht, ich schlage los!«
Bajie hielt seinen Rechen zur Wehr bereit und gab zurück: »Was für ein Ungeheuer bist du eigentlich, dass du es wagst, dich uns in den Weg zu stellen?«
»Du erkennst mich also nicht«, gab der Unhold zurück. »Ich bin kein Ungeheuer, noch Gespenst oder Geist, auch kein namenloser Irgendwer! Hör zu, was ich dir sage:
Von Geburt an bin ich schon
Stark an Energie und Geist,
Durch des Universums Weiten
Zog ich freien Sinnes einst.
Um den Großen Weg zu lernen
Sucht’ ich bis ans End der Welt,
Täglich setzte ich mich ein,
Von dem Herzenswunsch erfüllt.
Eines Tags, die Zeit war reif,
Ich den Wahren Weisen traf,
Der den Großen Weg mir wies,
Und das Goldlicht strahlte auf.
Erst nahm ich das kleine Kind
Und die Jungfrau in mir auf,173
Legte dann Holzmutter ab
Und so den Metallherrn auch.174
Nierennass der Klaren Halle
Ließ zum Blütenteich ich fließen;175
Konnte durch den hohen Turm
Leberfeuer ins Herz ergießen.176
Nach dreitausend guten Taten
Trat ich vor den Himmelsthron,
Meine Dienste anzubieten
In des Himmels edlen Höhn.
Da hat mir der Jadekaiser
Einen hohen Rang bestimmt
Und hat zum Gardinen-Wächter
Höchstpersönlich mich ernannt.
An dem Gürtel trug ich fortan
Ein Emblem mit Tigerkopf
Und hielt gegen die Dämonen
In der Hand den starken Stock.
So schritt ich bei den Eskorten
Immer vor dem Kaiser her,
So dass im Palast wie draußen
Ich allzeit zuvorderst war.
Nur des Pfirsichfestes wegen,
Das die Königinmutter gab,
Die zum Mahl am Jaspisteich
Alle Himmlischen einlud,
Fiel mir aus Unachtsamkeit
Ein Kristallglas aus den Händen,
Dass die Himmelsgötter alle
Starr vor Schrecken dabei standen.
Zornig ließ der Jadekaiser
Mich von Strafbeamten holen,
Und die ließen unverzüglich
Mich zur Hinrichtung abführen.
Dem Barfuß-Unsterblichen
Habe ich es zu verdanken,
Dass er noch um Gnade bat,
Dieses Urteil zu bedenken.
So ward ich, vom Tod verschont,
Mit achthundert Peitschenhieben
An den Treibsandfluss verbannt;
Schlechtes Karma ist geblieben.
Wenn ich satt bin, liege ich
Träge hier im Flussbett heute,
Wenn mich hungert, suche ich
In den Wogen eine Beute.
So hab ich in dieser Zeit
Viele Menschen schon verspeist,
Was auch diese Schädelkette
Hier an meinem Hals beweist.
Dass du heute mit Gewalt
Mich zu stören wagst, verwegen,
Kommt jetzt meinem Appetit
Nichts als wie gelegen.
Glaub bloß nicht, ich würde
Solche grobe Kost verachten;
Wenn ich dich erwische, werd ich
aus dir Hackfleisch machen!«
Auf diesen Vortrag schrie Bajie wütend: »Du gemeines Biest hast wohl keine Augen im Kopf; ich alter Eber bin noch ganz schön knackig! Und da nennst du mich grobe Kost und willst aus mir Hackfleisch machen, glaubst du eigentlich, ich sei ein alter Schinken? Erspar dir diese Frechheiten und pass auf, jetzt zieht dir dein Vorfahr eins mit dem Rechen über!«
Der Dämon wich ihm mit der Pose eines nickenden Phönix aus, und nun entspann sich ein Gefecht, in dem die beiden bald an die Wasseroberfläche kamen. Ihr Kampf dauerte zwei volle
Doppelstunden, doch Sieg und Niederlage blieben unentschieden. Es war, wie das Sprichwort sagt: »Ein Kupferkessel trifft auf eine Stahlbürste; beide Gegner sind sich ebenbürtig.«
Währenddessen stand der Große Heilige aufrecht am Ufer und verfolgte mit starrem Blick das Gefecht im Wasser. Kaum sah er, wie Bajie mit einem Scheinhieb des Rechens ans Ufer floh und das Ungetüm hinter ihm herstürmte, schnellte er jäh mit erhobener Stange ans Ufer und holte zum Schlag aus. Der Dämon aber, der ihm nicht standzuhalten wagte, tauchte brausend in die Fluten.
»Du voreiliger Affe!« schnaubte Bajie, »hättest du nicht warten können, bis ich ihn an eine höhere Stelle gelockt habe! Stattdessen verstellst du am Ufer den Weg und kriegst ihn dann doch nicht zu fassen. Wer weiß, wie lange es jetzt dauert, bis er wieder rauskommt.«
»Reg dich nicht auf, Tölpel!« lachte Pilger, »lass uns erst mal zum Meister gehen.«
Sie kletterten auf die Klippe, wo Tripitaka saß, und berichteten ihm, wie sich der Kampf zugetragen hatte.
»Was tun wir jetzt?« fragte Tripitaka verzagt.
»Macht Euch keine Sorgen, Meister«, versuchte ihn Pilger zu beruhigen, »es ist spät geworden, also wartet erst mal, bis ich vom Almosengang zurück bin. Nach dem Essen legt Ihr Euch schlafen, und morgen schauen wir weiter.«
Mit einem Satz schoss er in die Höhe, hielt direkt gen Norden, erbat bei einer Familie eine Schale Klosterkost, brachte sie zurück und überreichte sie dem Meister. Als Tripitaka Pilger so schnell wieder vor sich stehen sah, meinte er: »Wukong, frage doch die Spender, wie wir am besten über den Fluss kommen. Wir müssen uns doch nicht unter allen Umständen mit diesem Dämon abgeben.«
»Die Leute wohnen weitab«, gab Pilger lachend zurück, »das sind an die fünf- bis siebentausend Wegmeilen; wie sollen die das wissen?«
»Aber Bruder«, warf Bajie ein, »wie kannst du in so kurzer Zeit fünf- bis siebentausend Meilen zurücklegen?«
»Was hast du für eine Ahnung«, rief Pilger, »ich alter Sun mache mit einem Wolkenüberschlag 108 000 Meilen! Für fünf- bis siebentausend Meilen brauche ich nicht mehr, als ein bisschen mit dem Kopf zu nicken und den Rücken zu beugen, schon bin ich einmal hin und zurück. Was soll daran schwierig sein!«
»Aber Bruder«, meinte Bajie, »wenn das so einfach ist, dann nimm den Meister doch auf den Rücken! Nickst du ein bisschen, beugst leicht den Rücken, und schon seid ihr am anderen Ufer. Wozu der ganze Aufwand mit diesem Ungeheuer?«
»Auch du kannst auf Wolken schweben«, gab Pilger zurück, »warum buckelst nicht du ihn hinüber? Unser Meister hat den Leib eines Sterblichen aus Fleisch und Knochen; wie sollten wir, die auf Wolken schweben, das tragen können? So sagt man doch seit alters her: ›Leicht wie ein Senfkorn lässt sich gar der Berg Taishan versetzen; schwer ist es hingegen, den Körper eines Sterblichen aus der Staubwelt zu heben!‹ Ganz abgesehen vom Schweben auf Wolken, versteh ich alter Sun mich übrigens genauso auf die Kunst, Berge zu versetzen und Entfernungen zu mindern. Unser Meister aber, der diese Reise durch all die fernen Länder unternehmen will, kann sich nicht aus dem Meer der Bitternis befreien, darum ist für ihn jeder Schritt anstrengend. Wir beide können nicht mehr tun, als ihm schützend beizustehen; sein Leiden können wir ihm nicht abnehmen. Und sei es, dass wir vorausgehen und bei Buddha vorsprechen: Buddha würde die Schriften weder mir noch dir übergeben. Es ist genau, wie man sagt: ›Was leicht zu kriegen ist, wird man nicht zu schätzen wissen.‹« Der Tölpel hatte ihm mit beipflichtendem Nicken zugehört.
Nachdem sie etwas vegetarische Kost zu sich genommen hatten, legten sich Meister und Schüler am Ostufer des Treibsandflusses zur Ruhe.
Am folgenden Morgen wandte sich Tripitaka an Pilger und fragte: »Wukong, was können wir heute tun?«
»Nicht viel«, kam die Antwort, »Bajie muss noch mal ins Wasser.« Pilger rief nach Bajie und versprach: »Diesmal werde ich nicht wieder voreilig sein. Ich werde abwarten, bis du ihn hochgelockt hast, und ihm dann den Rückweg ins Wasser versperren. Wir müssen ihn unbedingt zu fassen kriegen.«
Bajie rieb sich das Gesicht, gab sich einen tatkräftigen Ruck und trat mit dem Rechen in der Hand ans Ufer. Abermals tauchte er in die Fluten, schob die Wassermassen auseinander und hielt direkt auf das Nest des Ungeheuers zu. Als der Dämon ihn kommen sah, sprang er auf, versperrte ihm den Weg und schnaubte: »Mit der Ruhe, mit der Ruhe! Schau dir meinen Prunkstab an!«
»Was für ein erbärmliches Stück«, höhnte Bajie, »und das soll sich dein Vorfahr anschauen müssen?«
»Du Schurke hast ja keine Ahnung!« fauchte das Ungeheuer und fuhr fort:
»Es ist dieser Edle Stab
Von gar hohem Ruhm,
Denn er stammt vom Monde,
Kommt dort vom Sala-Baum!
Mondgott Wugang hat den Ast
Eigenhändig abgeschlagen,
Und Lu Ban, der Tischlergott,
Schnitzte ihn mit hohen Gaben.
Edler Prunkstab ist sein Name,
Denn er bändigt die Dämonen,
Ewig hütet er den Himmel
Und kann Ungeheuer zähmen.
Als ich in den hohen Rang
Des Generals erhoben wurde,
Gab ihn mir der Jadekaiser
Als ein Zeichen großer Würde.
Davor standen beim Palastdienst
Heilige mit frommem Sinn;
Beim Gardinenrollen neigten
Gar Unsterbliche sich vor ihm.
So erwuchs die Götterwaffe
Zu beseelter Wesenheit;
Sie entstammte keineswegs
Der profanen Menschenwelt.
Seit ich in Verbannung lebe,
Trage ich sie stets bei mir,
Speer und Säbel hier auf Erden
Messen niemals sich mit ihr.
Schau dir deine Waffe an,
Einen solchen rostigen Rechen
Kann man höchstens auf dem Feld
Fürs Gemüse noch gebrauchen!«
»Du unflätiges Biest!« grinste Bajie, »ums Gemüse brauchst du dich nicht zu kümmern. Ich fürchte nur, dass dir schon nach einem leichten Streich das Blut aus neun Löchern spritzt!« Ohne darauf einzugehen, warf sich das Ungeheuer in Kampfpose, und nach kurzem erschienen die beiden ringend an der Wasseroberfläche. So war es in der Tat:
Wenn sie sich nicht unterreden,
Sie Verwandtschaft nicht verbindet;
Dies geschieht nur, weil Holzmutter
Den Arzneistab überwindet.177
Dieser Kampf dauerte ganze dreißig Runden, ohne dass sich Sieg und Niederlage entschieden. Schließlich täuschte Bajie abermals eine Scheinflucht vor und stob davon, den Rechen hinter sich herziehend, während der Dämon ihn wiederum verfolgte. Sie stürmten aus den Fluten, dass die Wellen hoch aufspritzten, Bajie rannte auf eine Klippe und rief: »Komm rauf, du Ungetüm, auf festem Boden lässt es sich besser kämpfen.«
»Komm rauf, du Ungetüm, auf festem Boden lässt es sich besser kämpfen.«
»Du Schurke willst mich nur herauflocken, damit der andere wieder eingreifen kann«, gab das Ungeheuer zurück. »Nein, wir kämpfen im Wasser weiter, wenn du es wagst.«
Der Dämon hatte seine Lehre gezogen und war nicht mehr bereit, an Land zu kommen, sondern blieb streitend im Uferwasser stehen. Pilger aber, der bemerkte, dass der Dämon sich weigerte, an Land zu kommen, brannte vor Ungeduld, und er dachte: »Warte nur! Dich packe ich wie ein hungriger Adler seine Beute!«
Im Wolkenüberschlag schnellte er in die Höhe und stürzte sich pfeilgerade auf den Unhold. Als dieser aber mitten im Wortgefecht mit Bajie über sich ein Pfeifen vernahm, wandte er blitzschnell den Kopf und sah Pilger aus den Wolken stürzen. Flugs packte er seinen Prunkstab, tauchte kopfüber in die Fluten und war verschwunden. Pilger hielt am Ufer inne und sagte zu Bajie: »Bruder, der Dämon ist schlau geworden; er wird sich nicht noch mal am Ufer zeigen. Was nun?«
»Schwierig, schwierig!« seufzte Bajie. »Ich kriege ihn einfach nicht unter. Auch wenn ich meine letzten Kräfte hergebe, bleibt der Kampf bloß unentschieden.«
Abermals kehrten die beiden zu ihrem Meister zurück und schilderten ihm die Lage. Der Priester zog die Brauen zusammen und meinte: »Wie kommen wir bloß ans andere Ufer, wenn das so schwierig ist!«
»Macht Euch keine Sorgen, Meister«, meinte Pilger und befahl Bajie: »Bleibe hier und beschütze den Meister; gib dich nicht weiter mit diesem Ungetüm ab. Ich alter Sun mache mich zum Südmeer auf und suche die Bodhisattva Guanyin.«
»Richtig, richtig«, pflichtete Bajie bei und fügte hinzu: »Denk bitte dran, ihr ein Wort von mir auszurichten: Ich sei ihr unendlich dankbar, dass sie mich auf den rechten Weg geführt hat!«
»Dann mache dich gleich auf den Weg, Wukong«, mahnte Tripitaka.
In Wolkenüberschlägen sauste Pilger zum Südmeer und sichtete nach weniger als einer Stunde bereits die Insel Potalaka. Im Nu war er unten, kam zum Purpurnen Bambushain und bat die himmlischen Wächter, sein Kommen zu melden. Guanyin stand gerade an einer Brüstung beim Kostbaren Lotosteich, wo sie sich zusammen mit der Perltragenden Drachenprinzessin der Blütenpracht erfreute. Als ihr der Besuch gemeldet wurde, begab sie sich zum Wolkenfels, öffnete das Tor und ließ den Großen Heiligen eintreten. Nachdem sich dieser ehrerbietig verneigt hatte, erkundigte sich Guanyin nach dem Grund seines Kommens.
»Bodhisattva«, begann Pilger, »mein Meister hat im Dorf der Sippe Gao einen weiteren Schüler aufgenommen, sein Name ist Zhu Wuneng. Dann haben wir das Gelbwind-Gebirge überquert, und jetzt sind wir am achthundert Meilen breiten Treibsandfluss, das ist das dreitausend Klafter tiefe Weiche Wasser. Der Meister kommt dort unmöglich ans andere Ufer. Nun lebt aber in diesem Wasser auch noch ein Ungeheuer; Wuneng hat schon drei Mal mit ihm gekämpft, aber er hat es nicht besiegen können. Darum bitte ich Euch, Bodhisattva, seid so barmherzig und helft uns, diesen Fluss zu überqueren!«
»Du Affe!« rügte Guanyin mild, »hast du dich schon wieder aufgespielt und nichts vom Schriftenholen gesagt?«
»Wir wollten ihn doch bloß zu fassen kriegen, damit er unseren Meister über den Fluss bringt«, verteidigte sich Pilger. »Im Wasser hat nur Bajie mit ihm gekämpft, wahrscheinlich hat er dabei nichts von der Sache mit dem Schriftenholen gesagt.«
»Dieser Dämon ist der in Ungnade gefallene General Gardinenroller des Jadekaisers. Auch er ist von mir bekehrt worden und wartet nur darauf, dass er Tripitaka folgen kann. Hättest du dich herabgelassen zu sagen, dass ihr Schriften holt, wäre er schon längst mit euch vereint.«
Nun rief sie ihren Jünger Hui’an herbei, überreichte ihm einen roten Flaschenkürbis, den sie aus ihrem Ärmel hervorholte, und sprach: »Nimm diese Kalebasse und gehe mit Sun Wukong zusammen zum Treibsandfluss. Dort brauchst du nur über dem Wasser nach Wujing zu rufen, dann wird er sofort auftauchen. Bringe ihn zuerst zu Tripitaka, damit er ihn als seinen Meister anerkennt, und lege dann seine neun Totenschädel nach Anordnung der Neun Paläste zu einem Quadrat zusammen. Die Kalebasse aber lege in die Mitte, denn so wird ein Dharma-Floß daraus, das Tripitaka über den Treibsandfluss tragen kann.«
Wie geheißen machte sich Hui’an, die Kalebasse in beiden Händen haltend, mit Wukong auf den Weg.
Dazu gibt es ein Gedicht:
Fünf Wandlungsphasen einen sich180
Zur himmlischen Wahrhaftigkeit,
Erkennen ihren eigenen Herrn
Aus einer lang vergangenen Zeit.181
Selbstübung als Fundament182
Wirkt sich aus gar wunderbar,
Hat man Schlecht und Recht erkannt,
Sieht man die Ursachen klar.
Metall kehrt zur Wesenheit,
Wird mit ihr von gleicher Art;
Und das Holz sucht das Gefühl,
Mit dem es zum Gleichen wird.
Doppel-Erde wirkt Vollendung,
Reine Stille ist erreicht;
Wasser und Feuer sind im Lot,
Nicht der feinste Staub verbleibt.
Es dauerte nicht lange, da hatten Hui’an und Pilger das Ufer des Treibsandflusses erreicht. Bajie erkannte von weitem, dass es Pilger Moksa war, und führte seinen Meister zu ihm. Nachdem Moksa mit Tripitaka das Begrüßungsritual vollzogen hatte, begrüßte er auch Bajie, der ein ums andere Mal betonte, wie dankbar er Moksa und Guanyin sei.
»Genug der Worte«, rief Pilger dazwischen, »rufen wir den Kerl jetzt raus.«
»Wen denn?« fragte Tripitaka erstaunt. Als Pilger ihm berichtete, was Guanyin gesagt hatte, warf er sich nieder und vollzog viele ehrerbietige Stirnaufschläge. Moksa aber schwebte mit der Kalebasse über die Fluten und rief aus der Höhe mit lauter Stimme hernieder: »Wujing, Wujing! Die Schriftenholer sind schon lange hier; warum willst du dich ihnen nicht anschließen?«
Als der Dämon, der sich tief auf dem Grund verborgen hatte, seinen Ordensnamen und etwas von »Schriftenholern« hörte, stürmte er aus den Fluten und sah, dass es Pilger Moksa war.
Seht, wie der Dämon jetzt mit breitem Lächeln auf ihn zugeht und sich höflich verneigt!
»Ehrwürden«, sprach er, »verzeiht, dass ich Euch nicht empfangen habe. Wo ist denn die Bodhisattva?«
»Meine Meisterin ist nicht mitgekommen. Sie hat mich beauftragt, dir zu befehlen, dass du dich auf der Stelle Tripitaka anschließen sollst. Aus dieser Kalebasse und den Totenschädeln, die du um den Hals hängen hast, sollen wir ein Floß machen, das Tripitaka ans andere Ufer bringt.«
»Wo sind denn die Schriftenholer?« wunderte sich der Dämon.
»Siehst du sie nicht, dort am östlichen Ufer?«
Als Wujing sie erkannte, steckte er sofort seine Waffe ein, strich sein gelbbrokatenes Gewand zurecht, sprang ans Ufer und warf sich vor Tripitaka auf die Knie. »Meister«, rief er, »Euer Schüler hatte keine Augen im Kopf! Wie konnte ich nur das erhabene Antlitz meines Meisters verkennen? Welch eine Ehrverletzung! Ich bitte Euch tausendmal um Verzeihung!«
»Bist du auch aufrichtig gewillt, unserem Orden beizutreten?« fragte Tripitaka prüfend.
»Dank der Bodhisattva Guanyin durfte ich doch von der rechten Lehre erfahren; sie hat mir diesem Fluss gemäß den Namen ›Sand‹ gegeben, dazu den Ordensnamen Wujing, ›der die Reinheit erkennt‹. Wie sollte ich Euch also nicht aufrichtigen Sinnes folgen wollen?«
»Dann ist ja alles gut«, sprach Tripitaka und ließ Wukong die Mönchsschere bringen, um ihm die Tonsur zu schneiden. Anschließend vollzog Wujing vor Tripitaka die rituellen Verbeugungen und verneigte sich auch vor Pilger und vor Bajie, womit die Rangfolge eingeteilt war. Tripitaka schaute ihm bei den Verbeugungen zu; er machte es wie ein richtiger Mönch. Daher gab er ihm den Beinamen »Sandmönch«.
»Da du nun die buddhistischen Gebote angenommen hast«, meinte Moksa, »brauchen wir nicht länger Zeit zu verlieren. Stellen wir gleich das Floß zusammen.«
Ohne zu zögern nahm Wujing seine Totenschädel vom Hals, band sie mit einem Seil zu einem Quadrat, legte die Kalebasse der Bodhisattva in die Mitte und bat den Meister, das Ufer zu verlassen. Tripitaka bestieg das Dharma-Floß, und als er sich setzte, fühlte er sich wie in einem leichten, stabilen Boot. Links stellte sich Bajie ihm zur Seite, rechts stützte ihn Wujing, hinter ihm war Pilger mit dem Drachenpferd, während Moksa schützend darüber schwebte. So konnte Tripitaka endlich
Schwebend leicht, in sicherer Fahrt
Die Treibsand-Grenze überwinden,
Ohne Wind und ohne Wellen
Über das Weiche Wasser finden!
Pfeilgeschwind flogen sie über das Wasser hin und kamen binnen kürzester Zeit am anderen Ufer an. So waren sie nun von den Fluten erlöst und, unbefleckt von Schlamm und Wasser, freudig trockenen Fußes angelangt, in stiller Klarheit und ohne willentliches Dazutun. Als Meister und Schüler wieder auf festem Boden standen, senkte Moksa seine glückverheißende Wolke und nahm die Kalebasse wieder an sich. Die Schädel aber lösten sich in neun kalte Winde auf und entschwebten lautlos. Dankend verneigte sich Tripitaka vor Moksa und vollzog ehrerbietige Stirnaufschläge für die Bodhisattva.
Ein Herz und eine Seele, schritten Meister und Schüler nun gemeinsam gegen Westen aus. Und wie sie ihr Werk weiter zur Vollendung brachten, hört ihr im nächsten Kapitel.