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023 Tripitaka bleibt seinen Wurzeln treu / Vier Heilige führen das Herz in Versuchung

Weit und lang ist dieser Weg,

Der auf Geheiß gen Westen führt;

Raureif legt sich übers Land,

Wenn der Herbstwind säuselnd weht.183

Halt den flinken Affen fest,

Löse ihm das Seil nicht ab!

Zügle dieses schwache Pferd,184

Bieg nicht ab vom rechten Weg!

Die Holzmutter, der Metallherr

Waren ehedem in Frieden,

Gelbes Weib und nacktes Kind,

Sie sind letztlich nicht verschieden.185

Knacke nun die wahre Botschaft

In der Eisenkugel,

Kehre heim durch höchste Weisheit

An das andere Ufer!186

Dieses Kapitel handelt davon, dass die Pilgerreise zu den Heiligen Schriften nicht zu trennen ist von der Konzentration auf das Wesentliche. Doch wenden wir uns wieder dem Meister und seinen drei Schülern zu, die dem Treibsandfluss, dieser Abgrundtiefe der letzten Wahrheit, entronnen waren und nun frei und sorglos ihre Reise gen Westen fortsetzten. Sie wanderten durch Landschaften mit grünen Hügelzügen und kristallklaren Bächen; Wildkräuter und Blumen erstreckten sich vor ihren Blicken. Die Zeit verflog im Nu; schon zählte man den neunten Mondmonat.187

Eines Abends, während sie dahinwanderten, rief Tripitaka: »Es dunkelt schon, meine Schüler. Wo sollen wir rasten?«

»Meister«, gab Pilger zurück, »wir Mönche sind doch das Leben im Freien gewöhnt. Wir fürchten weder Wind noch Wasser und sind überall zu Hause. Wozu die Frage nach einem Rastplatz?«

»Bruder, du brauchst dich beim Gehen eben nicht anzustrengen«, warf Bajie ein, »deshalb kannst du dir gar nicht vorstellen, wie anstrengend das Reisen für die anderen ist. Ich zum Beispiel trage das ganze schwere Gepäck, Tag für Tag muss ich mich allein damit abrackern. Du spielst des Meisters Schüler und machst mich zum Lastenträger! Ich kenne deinen Hochmut, nie würdest du diese Lasten buckeln. Und schau dir das Pferd an, auf dem der Meister reitet: Groß und stämmig, wie es ist, könnte man ihm doch auch ein paar Gepäckstücke aufbinden.«

»Pferd, sagst du!« unterbrach ihn Pilger. »In Wirklichkeit ist das der dritte Prinz des Drachenkönigs vom Westmeer! Weil er einst gegen die himmlischen Gesetze sündigte und schließlich dank der Bodhisattva Guanyin gerettet und in dieses Pferd verwandelt worden ist, hat er sich bereiterklärt, den Meister in den Westen zu tragen. Jeder hat seine eigenen Ursachen für das, was ihm widerfährt; du brauchst dich nicht mit ihm anzulegen.«

Unterdessen konnten sie in der Ferne ein Tannenwäldchen und ein paar Häuser ausmachen, und der Priester rief: »Seht, dort drüben liegt ein Gehöft. Da wollen wir um ein Nachtquartier bitten.«

Wie Pilger zu der Häusergruppe spähte, bemerkte er, dass

darüber feierliche Wolken und glückverheißende Nebelschleier schwebten, und erkannte sofort, dass es eine von Buddhas oder Unsterblichen hervorgerufene Erscheinung sein musste. Doch um das göttliche Geheimnis nicht preiszugeben, sagte er nur: »Sehr gut, bestens! Lasst uns hingehen.«

Der Priester sprang vom Pferd und betrachtete das Eingangsportal, das mit Zieraden hängender Lotosblüten und geschwungenen Elefantenrüsseln geschmückt war, die Säulen waren reich bemalt und die Querbalken mit Schnitzwerk versehen.

»Der Gutshof muss einer wohlhabenden Familie gehören«, bemerkte Bajie.

Pilger wollte gleich eintreten, doch Tripitaka rief ihn zurück. »Das geht nicht«, meinte er, »wir sind Mönche und dürfen den Leuten keinen Anlass zu Misstrauen geben. Lasst uns warten, bis jemand herauskommt, dann können wir in aller Höflichkeit um ein Nachtlager bitten.«

Sie setzten sich also alle auf den hervorstehenden Grundstein des Portals und warteten. Doch niemand erschien. Schließlich packte Pilger die Unruhe; er sprang auf, trat durch den Torbogen in den Hof und schaute sich um. Vor ihm lagen drei nach Süden ausgerichtete Hallen mit hohen Fenstern und langen Vorhängen. In der Mitte der Halle war eine horizontale Bildrolle angebracht, auf der Berge und Meere als Symbole für langes Leben und Glück dargestellt waren, und vor dem Bild

befand sich ein länglicher, mattschwarz lackierter

Weihrauchtisch, auf dem ein antikes kupfernes Weihrauchgefäß in Form eines Tieres stand. An den golden lackierten Säulen zu beiden Seiten waren rote Papierstreifen angebracht, auf denen zwei Verse eines Neujahrsgedichts geschrieben standen:

Wind streicht durch die zarten Weiden

Abends überm glatten Teich;

Schnee ziert spärliche Pflaumenblüten

Frühlingshaft im kleinen Hof.

In der Halle waren sechs Klappstühle aufgestellt, und an beiden Seitenwänden hingen Bilder mit Motiven der vier Jahreszeiten.

Mitten in seinen Betrachtungen vernahm Pilger plötzlich Schritte in der Halle, und eine Dame mittleren Alters erschien.

»Wer schleicht sich da ungefragt ins Haus einer Witwe ein?« fragte sie mit anmutiger Stimme.

Bestürzt beeilte sich Pilger zu antworten: »Ich geringer Mönch komme aus dem chinesischen Kaiserreich im Osten und reise auf des Kaisers Befehl nach Indien, um Buddha zu ehren und Heilige Schriften zu holen. Wir sind zu viert, und als wir an Eurem prächtigen Gehöft vorbeikamen, begann es gerade zu dunkeln. Nun möchten wir dieser würdevollen Stätte unsere Aufwartung machen, um zu fragen, ob wir hier übernachten dürften.«

Mit einem Lächeln hieß ihn die Dame willkommen und fragte: »Ehrwürden, wo sind denn die drei anderen? Bittet sie doch herein!«

Laut rief Pilger nach draußen: »Meister, Ihr werdet gebeten!«

Zusammen mit Bajie, Sandmönch, Pferd und Gepäck schritt Tripitaka nun in den Hof, und die Dame kam ihnen aus der Halle zur Begrüßung entgegen. Mit lüsternem Blick schielte Bajie hinüber und bemerkte:

Seitlich an der vollen Schläfe

Eine Phönix-Nadel steckt;

An den beiden Ohrenringen

Reihenweiser Perlenschmuck.

Ohne Puder ist ihr Antlitz

Von Natur aus schön und rein;

Ihre Anmut noch verleiht ihr

Jugendlicher Frische Schein.

Der Anblick der drei anderen Mönche schien die Dame noch mehr zu erfreuen. Sie geleitete alle in die Empfangshalle und begrüßte jeden einzeln. Als man sich anschließend zum Gespräch setzte, trat hinter einem Paravent ein Mädchen hervor, das die Haare zu beidseitigen Haarknoten aufgebunden hatte, von denen wenige Strähnen wie Seidenfäden die Schläfen bedeckten. Das Mädchen trug ein goldenes Tablett mit Schälchen aus weißer Jade, aus denen exotische Düfte würzigen Tees und erlesener Früchte aufstiegen. Als die Dame jedem persönlich ein Schälchen überreichte, kamen ihre Hände zum Vorschein, zart wie frische Bambussprossen. Sie hieß die Dienerschaft, ein Mahl zuzubereiten.

Tripitaka wandte sich mit einer höflichen Geste an die Dame und fragte: »Darf ich nach Eurem werten Namen fragen? Und darf ich fragen, wie diese werte Gegend genannt wird?«

In süßem Singsang gab sie zur Antwort: »Wir befinden uns hier im östlichen Teil von Indien. Mein Sippenname ist Schein; der meines Mannes Kein. Durch ein Unheil sind meine Schwiegereltern früh verstorben, darum übernahmen mein Mann und ich das elterliche Gut. In unserem Besitz sind an die zehntausend Stränge Kupfermünzen und tausend Hektar Landgut. Das Schicksal wollte es, dass wir ohne männliche Nachfolger blieben; nur drei Töchter entsprangen unserer Ehe. Vor ein paar Jahren ist dann zum großen Unglück auch mein Mann verstorben. Seither lebe ich verwitwet, und in diesem Jahr ist gerade die Trauerzeit abgelaufen. Nun ist aber unser Gutsbesitz ohne Nachfolger, wir haben keinerlei Verwandte, darum sind meine Töchter und ich die einzigen Erben. Gerne würde ich wieder heiraten, möchte aber den Gutsbesitz nicht aufgeben. Nun trifft es sich ja wunderbar, dass ihr euch hier niederlasst, ihr Priester. Ihr seid zu viert, meine Töchter und ich sind auch zu viert. Gerne würden wir uns mit euch vermählen und euch in unserem Gutshof aufnehmen. Darf ich nach Eurer werten Meinung fragen?«

Als Tripitaka dies hörte, tat er, als wäre er taubstumm, saß reglos in tiefer Ruhe, den Blick nach innen gerichtet, und enthielt sich der Antwort.

»Zu unserem Gutsbesitz«, fuhr die Dame fort, »gehören mehrere hundert Hektar Nassreisfelder, dazu ebenso viele

Trockenreisfelder, Hunderte Hektar an Obstgärten, herdenweise Kühe und Pferde, zahllose Schweine und Schafe, außerdem zählen an die siebzig Viehweiden und Dörfer ebenfalls zu unserem Gutsbesitz. In den Kornspeichern sind Vorräte für acht, neun Jahre eingelagert, Seidenstoffe haben wir mehr, als man in zehn Jahren aufbrauchen könnte, und unsere Gold- und Silberschätze werden ein Leben lang ausreichen. Wenn ihr in unser bescheidenes Heim einheiratet, könnt ihr den ganzen Reichtum frei und unbesorgt genießen. Wozu noch die ganze Mühe mit dieser Reise in den Westen?«

Als Tripitaka beharrlich schwieg, fuhr die Dame fort: »Ich bin am dritten Tag des dritten Monats im Jahre Ding-Hai nachmittags zur Doppelstunde You geboren und bin jetzt sechsunddreißig Jahre alt. Meine älteste Tochter heißt Zhenzhen, sie ist zwanzig; die Zweite, Aiai, ist achtzehn, und die Jüngste, Lianlian, ist sechzehn. Alle drei sind noch unverlobt. Zwar bin ich selbst recht ungestalt, meine drei Töchter aber sind ziemlich hübsch, und im Nähen und Sticken sind sie alle sehr gewandt. Da uns ja kein Sohn gegeben war, haben wir sie von klein auf wie Söhne im Lesen und Schreiben unterrichtet, so dass sie sich auch ein bisschen darauf verstehen, Gedichte vorzutragen und zu verfassen. Obschon wir hier in den Bergen leben, gehören wir nicht zum grobschlächtigen Landvolk; ich denke, wir würden ganz gut zu euch Priestern passen. Wenn ihr nur gewillt seid, euch die Haare wieder wachsen zu lassen und als Familienoberhaupt auf unserem Gut zu bleiben, dann könnt ihr euch in Brokat und Seide kleiden. Um wie viel stärker werdet ihr dann sein

als mit euren irdenen Almosenschalen, schwarzen Mönchskutten, Strohsandalen und Strohhüten!«

Tripitaka saß auf seinem Stuhl wie ein vom Donner verängstigtes Kind, wie eine verregnete Kröte. Stumm und ausdruckslos starrte er ins Leere, den Oberkörper furchtsam nach hinten gelehnt.

Bajie hingegen juckte es im Herzen, als er von all dem Reichtum und den schönen Frauen hörte. Wie auf Nadeln rutschte er auf seinem Stuhl hin und her, bis er es schließlich nicht länger aushielt, vor den Meister trat und ihn am Ärmel

zupfte. »Meister!« flüsterte er, »warum tut Ihr so teilnahmslos? Ihr solltet doch wenigstens eine Antwort geben!«

Jäh hob dieser den Kopf und wies Bajie barsch zurück: »Du Sündenbiest! Wir Mönche lassen uns doch nicht durch Luxus blenden und von schönen Frauen den Kopf verdrehen!«

»Ach ihr Armen, ihr Armen«, ließ die Dame verlauten, »was habt ihr denn davon, Mönch zu sein?«

»Werte Frau«, sprach Tripitaka, »Ihr wisst nicht um die Vorzüge des Mönchtums. Ich will es Euch mit einem Gedicht bezeugen:

Der Entschluss, als Mönch zu leben,

Ist ganz besonders von Belang,

Denn wir brechen mit dem trauten

Heim der warmen Zuneigung.

Es sind uns die äußeren Dinge

Nicht der eitlen Rede wert;

So dass ganz von selbst im Innern

Gutes Yin und Yang gedeiht.

Ist das große Werk vollendet,

Gehn wir in den Himmel ein;

Herz und Wesen klar erschauend,

Kehren wir ins wahre Heim.

Wie viel besser ist doch dies,

Als zu Hause Blutkost zu begehren

Und im Alter schließlich diesen Körper

Als verweste Hülle zu verlieren!«

»Unverschämt ist dieser Mönch!« rief die Dame erbost. »Wenn Ihr nicht aus dem fernen Osten hier zu Gast wäret, würde ich Euch gleich aus dem Haus werfen. Da biete ich Euch mit bester Absicht unseren Gutshof an, Ihr hingegen sprecht solch beleidigende Worte! Auch wenn Ihr die Gebote befolgt und fest entschlossen seid, niemals wieder ein normales Leben zu führen, so werden wir doch wohl einen Eurer Schüler aufnehmen dürfen. Warum haltet Ihr Euch bloß so stur an die Doktrin!«

Tripitaka sah sich genötigt, ihren Zorn zu beschwichtigen, und rief, an seine Schüler gewandt: »Wukong, bleibe du hier.«

»Mit häuslichen Angelegenheiten habe ich mich noch nie beschäftigt, überlassen wir das lieber Bajie«, gab dieser zurück.

»Aber Bruder«, zierte sich Bajie, »wälze die Sache doch nicht gleich auf mich ab, wir sollten uns nicht voreilig entscheiden!«

»Wenn ihr beide nicht wollt, muss eben Wujing hier bleiben«, sprach der Meister.

»Was sind das für Worte von unserem Meister!« wehrte Sandmönch ab. »Durfte ich doch dank den Belehrungen der Bodhisattva dem Mönchsorden beitreten und unserem Meister folgen, wie könnte ich es da wagen, auf einmal Reichtum und Luxus zu begehren? Eher will ich sterben als den Weg in den Westen aufgeben; nie würde ich auf diese Weise mein Herz betrügen!«

Angesichts dieser allseitigen Ablehnung stand die Dame ruckartig auf, verschwand hinter dem Paravent und schlug die Tür zu. Meister und Schüler blieben ohne Tee und Speise sitzen, und niemand ließ sich mehr blicken.

Bajie war ganz aufgeregt und grollte: »Meister, Ihr könnt wirklich nicht mit Leuten umgehen, Ihr habt das Gespräch richtig abgewürgt. Hättet Ihr doch die Sache etwas offengelassen, eine unbestimmte Zustimmung gegeben, dann hätten wir immerhin was zu essen gekriegt und eine gute Nacht verbracht. Anschließend hätten wir selbst entscheiden können, ob wir am nächsten Morgen immer noch zustimmen oder nicht. Wie sollen wir nun die Nacht verbringen, da die Tür zu ist und niemand mehr erscheint?«

»Bruder«, warf Wujing ein, »bleib doch du als Schwiegersohn hier!«

»Schiebe das doch nicht auf mich ab, Bruder, wir wollen nicht voreilig sein.«

»Was heißt da voreilig«, nahm Pilger das Wort auf, »wenn du dazu bereit bist, dann bitte den Meister einfach, diese Familie als Verwandte anzuerkennen, und lasse dich hier als Schwiegersohn nieder! Bei all den Reichtümern dieser Sippe kriegst du bestimmt eine gute Mitgift, damit lässt du ein Hochzeitsbankett veranstalten, und so haben wir alle etwas davon. Wäre das nicht für alle Seiten zufriedenstellend?«

»Du hast schon recht, nur bin ich doch gerade dem Orden beigetreten und habe das Eheleben eben erst aufgegeben.«

»Was, der zweite Bruder war verheiratet?« rief Sandmönch.

»Du kennst ihn ja noch gar nicht«, gab Pilger zur Antwort, »er war vormals der Schwiegersohn eines alten Herrn Gao aus dem Lande Wusizang. Weil ich alter Sun ihn überwältigt habe und auch weil ihm die Bodhisattva einst die Gebote auferlegt hat, ist ihm nichts anderes übriggeblieben, als seine Frau zu verlassen und mit dem Meister in den Westen zu reisen. Nach der langen Trennung muss er wohl Heimweh haben, dass die Worte der Dame ihn so bewegen.« Und zu Bajie gewandt fuhr er fort: »Vermähl dich nur, Tölpel! Wenn du vor dem alten Sun genügend Bücklinge machst, werde ich dich schon nicht anzeigen.«

»Ach Unsinn«, wehrte der Tölpel, »im Innersten habt ihr doch alle Lust drauf, und stattdessen macht ihr euch über mich alten Eber lustig. Heißt es nicht im Volksmund: ›Mönche sind die Hungergeister der Begierde‹? Wer hätte schon nicht Lust darauf? Und da tut ihr so verschämt und verstellt euch, bis am Ende die gute Sache verspielt ist! Nun, dass wir den Abend ohne Tee und Licht verbringen müssen, geht ja noch, aber das Pferd muss morgen wieder geritten werden können. Wenn es die Nacht über ohne Futter bleibt, kann man ihm morgen nur noch die Haut abziehen. Bleibt mal hier sitzen, ich alter Eber geh das Pferd versorgen.« Geschwind wie ein Wiesel schlüpfte er hinaus, band dem Pferd die Zügel los und zog es mit sich nach draußen.

»Sandmönch«, meinte Pilger, »bleibe du hier beim Meister, ich alter Sun will mal sehen, wohin er das Pferd führt.«

Der Große Heilige trat ins Freie, verwandelte sich mit einem flinken Dreh in eine rote Libelle und surrte zum vorderen Tor hinaus, hinter Bajie her.

Der Tölpel zog das Pferd an den Zügeln, doch wo es Gras gab, ließ er es gar nicht weiden, sondern führte es, tripptripp trapptrapp, ums Haus herum zur Hintertür. Dort erfreute sich die Dame mit ihren drei Töchtern gerade am Anblick der blühenden Chrysanthemen. Als sie Bajie kommen sahen, schlüpften die drei Töchter blitzartig ins Innere, die Dame aber stellte sich in der Tür auf und fragte: »Wohin des Wegs, junger Priester?« Der Tölpel ließ die Zügel fahren, trat vor und sprach mit einer artigen Verbeugung: »Mutter, ich führe das Pferd zur Weide.«

»Euer Meister nimmt es auch allzu genau«, bemerkte die Dame, »als Schwiegersöhne hier bei uns hättet ihr es viel besser als auf eurer anstrengenden Reise in den Westen.«

»Sie sind halt auf Geheiß des Kaisers unterwegs und trauen sich nicht, dem Befehl des Herrschers zuwiderzuhandeln, deswegen sind sie nicht einverstanden«, lächelte Bajie. »Eben haben alle die Sache mir zugeschoben, nun weiß ich nicht recht, was ich tun soll. Außerdem fürchte ich, dass Ihr Euch an meiner langen Schnauze und den großen Ohren stören könntet.«

»Mich stört das nicht weiter«, meinte die Dame, »uns fehlt ein Sippenoberhaupt, das ist das vordringlichste Problem. Allein, meine Töchter könnten Euch womöglich unschön finden.«

»Mutter, richtet doch Euren werten Töchtern aus, sie sollten sich ihren Zukünftigen nicht auf diese Weise aussuchen. Seht Euch nur jenen Tripitaka an: Er sieht hübsch aus, doch ist er zu nichts nütze. Ich hingegen mag zwar hässlich scheinen, doch gibt es über mich noch was zu erzählen.«

»Wie meint Ihr das?« fragte die Dame. Da verkündete Bajie: »Ich

Bin zwar hässlich anzuschaun,

Doch fleißig und von Nutzen;

Auch für tausend Hektar Land

Brauch’ ich keinen Ochsen.

Ein paar Streiche mit der Harke

Reichen, dass die Saat gedeiht;

Wenn es nottut, mach ich auch

Wind und Regen jederzeit.

Findet Ihr den Hof zu klein,

Setze ich drei Stöcke drauf;

Denn mit Arbeit überall in Hof und Haus,

Wie auch mit Magie, ich kenn’ mich aus!«

»Nun, wenn Ihr Euch so gut auf den Haushalt versteht, dann besprecht Euch mal mit Eurem Meister«, meinte die Dame, »solange das Ganze nicht allzu peinlich wird, werden wir Euch aufnehmen.«

»Da gibt es nichts zu besprechen«, meinte Bajie. »Er ist doch nicht mein Vater; was ich tun oder lassen will, liegt an mir allein.«

»Nun gut«, meinte die Dame, »dann werde ich mich jetzt mit meinen Töchtern besprechen.« Sie verschwand ins Haus und schlug die Tür zu. Bajie ließ auch jetzt das Pferd nicht weiden, sondern führte es zurück. Hätte er geahnt, dass der Große Heilige über jede Einzelheit Bescheid wusste! Dieser surrte nun zurück und erschien wieder in eigener Gestalt bei Tripitaka.

»Meister«, sagte Pilger, »Bajie führt das Pferd an den Zügeln zurück.«

»Nun, hielte er es nicht an den Zügeln, würde es wohl herumtollen«, meinte der Priester. Pilger kicherte. Dann berichtete er, was sich zwischen Bajie und der Dame abgespielt hatte. Kurze Zeit später erschien Bajie und band das Pferd wieder an.

»Hast du es weiden lassen?« fragte der Priester.

»Es gab kein rechtes Gras«, kam die Antwort.

»Zum Weiden reichte es nicht, wohl aber zum Herumführen!« bemerkte Pilger.

Da wurde Bajie klar, dass er beobachtet worden war. Er senkte den Kopf, verzog den Mund und sagte eine ganze Weile lang kein Wort. Auf einmal hörte man ein Knarren, die Seitentür ging auf, und hinter zwei Paar roten Lampions und zwei tragbaren Weihrauchgefäßen erschien, in köstliche Duftwolken gehüllt und vom Klingeln der Jadegehänge begleitet, die Dame mit ihren drei Töchtern Zhenzhen, Aiai und Lianlian. Auf Geheiß der Dame stellten sich die drei Töchter in der Halle nebeneinander auf und verneigten sich. Sie waren in der Tat reizend anzusehen. Alle drei hatten:

Mottenflügeln gleiche Brauen,

Frühlingsfrische in den Wangen;

Reize, die den Staat verheeren,

Die Herzen allerliebst betören;

Lächeln spielt um Kirschenlippen,

Moschus duftet in den Schritten –

Ja wahrhaftig:

Feen aus dem neunten Himmel

Kommen hier auf Erden;

Ist wohl Mondfee Chang’e gar

Aus dem Mond getreten?

Tripitaka faltete die Hände und senkte den Kopf, Pilger blickte geflissentlich über die Szene hinweg, und Sandmönch kehrte den Schönheiten den Rücken zu. Doch seht euch Eber Bajie an! Reglos haftete er seine Augen auf die Schönen, die Begierde flammte in seinem Herzen auf und durchzuckte all seine Eingeweide. Verschämt sagte er mit leiser Stimme: »Habt Dank, Ihr Himmlischen auf Erden.« Und zur Dame gewandt: »Mutter, die Schwestern mögen abtreten.« Die drei Töchter verschwanden hinter dem Paravent, ließen aber ein Paar Lampions stehen.

»Ihr vier Priester«, rief die Dame, »habt ihr euch nun entschieden, wer von euch sich mit einer meiner Töchter vermählen soll?«

»Wir haben uns besprochen«, antwortete Wujing. »Der mit Namen Eber soll Euer Schwiegersohn werden.«

»Aber Bruder«, wehrte Bajie ab, »schiebe doch nicht alles auf mich, wir wollen uns doch gemeinsam entscheiden.«

Doch Pilger meinte: »Was gibt es da noch zu entscheiden? Du hast doch bereits alles an der Hintertür besprochen. Unser Meister kann die Familie des Bräutigams vertreten, diese Dame vertritt die Familie der Braut, ich spiele den Verlobungszeugen, und Sandmönch macht den Ehevermittler. Wir brauchen nicht mal den Almanach zu befragen, heute ist eh ein Glückstag. Komm her, verneige dich vor dem Meister, und dann vermähle dich!«

»Aber das geht doch nicht, wie könnte ich so etwas tun«, wand sich Bajie.

»Tölpel, mach keine Umschweife!« rief Pilger, »wie oft hast du schon das Wort ›Mutter‹ benutzt, was gibt es da noch zu warten? Rasch, vorwärts, geh rein und lass uns deinen Hochzeitswein schmecken!« Mit der einen Hand zerrte er an Bajie, mit der anderen zog er die Dame heran und sagte: »Schwiegermutter, führt Euren Schwiegersohn hinein.« Schon tat der Tölpel ein paar zögerliche Schritte nach dem Innern.

»Tragt das Nachtessen auf«, rief die Dame ihren Dienern zu, »die drei Anverwandten sollen bewirtet werden. Ich führe meinen Schwiegersohn ins Brautgemach.« Gleichzeitig befahl

sie den Köchen, für den kommenden Morgen ein Hochzeitsbankett vorzubereiten. Wie sich nun der Meister und die zwei Schüler verpflegten, eilig ihr Nachtlager herrichteten und sich im Gästezimmer zur Ruhe legten, sei hier nicht weiter ausgeführt.

Wenden wir uns stattdessen Bajie zu, der seiner Schwiegermutter in die hinteren Kammern folgte, deren es so viele gab, dass man sie nicht zu zählen vermochte. Immer wieder stieß er sich und stolperte über Türschwellen.

»Mutter«, rief er, »geht bitte etwas langsamer, ich kenne mich hier nicht aus, führt mich ein bisschen.«

»Das hier sind alles Vorratskammern, Abstellräume und Mehlkammern, wir sind noch nicht einmal bis zur Küche gekommen«, kam die Antwort.

»Was für ein riesiges Gehöft!« staunte Bajie.

Er tastete sich um die Ecken, und wieder dauerte es eine ganze Weile, bis sie endlich die inneren Gemächer erreichten.

»Mein Schwiegersohn«, sprach die Dame, »Euer Ordensbruder sagte ja, heute sei ein Glückstag des Himmels, deshalb habe ich Euch gleich hereingebeten. Zwar haben wir in der Eile weder einen Astrologen befragen noch die üblichen zeremoniellen Verbeugungen189 durchführen können, aber macht doch einfach hier mal acht Verneigungen.«

»Ja, Mutter«, meinte Bajie, »Ihr habt ganz recht. Bitte setzt Euch, und ich mache die Verbeugungen, das soll gleich zur Vermählung und zum Dank gelten, so ist es doch viel einfacher.«

Die Dame lächelte und meinte: »Meinetwegen, das geht auch.«

Seht nur, wie jetzt die ganze Halle in silbernem Kerzenlicht erstrahlt, während der Tölpel seine Verbeugungen vollführt!

Nachdem er fertig war, fragte er: »Mutter, welche Eurer Töchter werdet Ihr mir zur Frau geben?«

»Das ist genau die Frage, die noch nicht gelöst ist. Gebe ich Euch die Älteste, dann ist die Zweite gekränkt; vermähle ich die Zweite, ist die Dritte beleidigt; vermähle ich die Dritte, wird mir die Älteste grollen. Darum habe ich bis jetzt gezögert und noch keine Entscheidung getroffen.«

»Mutter, wenn Ihr Streit befürchtet, gebt sie mir doch alle zusammen, sonst gibt es nur Unfrieden im Haus!«

»Was stellt Ihr Euch denn vor!« empörte sich die Dame, »Euch alleine alle meine Töchter vermählen? Nein, das geht nicht.« Dann fuhr sie fort: »Ich habe hier ein Taschentuch, bindet Euch das vor die Augen, dann machen wir einfach eine Vermählung auf gut Glück. Ich lasse meine Töchter vor Euch auf und ab gehen, und diejenige, die Ihr erwischt, soll Eure Frau werden.« Wie geheißen nahm der Tölpel das Taschentuch und band es sich um. Dazu gibt es ein Gedicht:

Er erkennt in der Verblendung

Die Zusammenhänge nicht;

Von dem Schwert der Lust verwundet,

Handelt er gar unbedacht.

Immer galten sonst die Riten,

Von dem Fürst von Zhou bis heut,190

Doch hier trägt der Bräutigam

Nun den Schleier statt der Braut!

Nachdem der Tölpel sich das Tuch umgeknüpft hatte, meinte er: »Mutter, Ihr könnt Eure Töchter rufen.«

»Zhenzhen, Aiai, Lianlian!« rief die Dame. »Kommt her, wir machen eine Vermählung auf gut Glück.«

Schon ertönte das Klingeln von Jadegehänge, Schwaden von Parfüm strömten heran, gerade so als gingen scharenweise junge Damen hin und her. Der Tölpel streckte die Hände aus, haschte nach links und nach rechts, doch griff er überall ins Leere. Am Ende war ihm vom Hin- und Herrennen so schwindlig, dass er sich kaum noch aufrecht halten konnte und über seine eigenen Füße stolperte. Links prallte er an eine Säule, rechts an die Holzwand, vorn stieß er an die Tür, hinten rammte er die Ziegelwand. So eckte er überall an und strauchelte, bis er mit Beulen und Schwielen zu Boden stürzte und flehte: »O Mutter, Eure Töchter sind so flink und wendig, dass ich sie einfach nicht zu fassen kriege. Was soll ich bloß tun?«

Der Tölpel streckte die Hände aus, haschte nach links und nach rechts, doch griff er überall ins Leere.

Die Dame streifte ihm das Tuch ab und sagte: »Es ist nicht, weil sie zu flink sind, sondern weil sie sich gegenseitig den Vortritt lassen; keine will Euch haben.«

»Mutter, wenn sie nicht wollen, könnt Ihr mich ja heiraten!«

»Das ist mir ein schöner Schwiegersohn, macht keinen Unterschied zwischen Alt und Jung und will gar seine Schwiegermutter haben!« empörte sich die Dame. Dann schlug sie vor: »Meine drei Töchter sind sehr begabt, jede von ihnen hat ein perlenbesetztes Seidenhemd genäht. Zieht nun eines davon an, und jene, die es gemacht hat, soll Eure Frau werden.«

»Sehr gut, sehr gut«, stimmte Bajie zu, »bringt sie her, und wenn ich sie alle zusammen anziehen kann, dann sollen sie mir alle drei vermählt werden.«

Aus einer Kammer holte die Dame ein einziges Hemd und

reichte es Bajie. Der Tölpel zog sein schwarzes Baumwollkleid aus, nestelte das Hemd auf und zog es sich über. Doch noch bevor er die Bänder zuknöpfen konnte, strauchelte er und stürzte zu Boden, fest von Stricken umschnürt. Dem Tölpel schmerzte der Kopf, er schrie auf, doch die Leute waren längst verschwunden.

Lasst uns aber von Tripitaka und den zwei Schülern erzählen, die erwachten, als im Osten die Dämmerung anbrach. Als Tripitaka auf einmal den Kopf hob und um sich schaute, waren weit und breit keine Häuser und Hallen mehr zu sehen, weder verzierte Balken noch bemalte Säulen. Stattdessen schliefen sie alle drei in einem Tannenwald. Verblüfft sprang Tripitaka auf die Füße und rief Pilger wach.

»Nun denn«, meinte Sandmönch, »wir sind Gespenstern begegnet!«

Der Große Heilige aber verstand im Herzen klar, was vorgegangen war, und meinte mit einem Lächeln: »Unter Tannen liegt es sich ja auch ganz angenehm. Die Frage ist nur, wo der Tölpel jetzt büßen muss.«

»Warum büßen?« wunderte sich der Priester.

Pilger lachte: »Die Familie mit der Dame und ihren drei Töchtern ist uns von irgendwelchen Bodhisattvas vorgegaukelt worden. Sie sind bestimmt in der Nacht abgezogen, doch der arme Bajie muss es schwer haben.«

Als Tripitaka dies hörte, faltete er die Hände und vollzog ehrerbietige Stirnaufschläge. Da sahen sie, wie von einer alten Zypresse im Hintergrund ein Zettel herniederschwebte. Sandmönch holte ihn und reichte ihn dem Meister. Es war ein Gedicht mit acht Versen, das lautete:

Die alte Frau vom Lishan-Berg

Sehnte sich nicht auf Erden,

Doch die Südmeer-Bodhisattva

Bat sie aus den Bergen.

Manjushri und Samantabhadra

Waren ebenfalls zu Gast,

Umgeformt zu schönen Frauen

Mitten hier im Tannenforst.

Achtsam war der heilige Mönch,

Gab sich tief der Sammlung hin;

Bajie aber wünscht die Lust,

Niedrig bleibt sein Eigensinn.

Fortan muss er sein Herz läutern

Und die Laster überwinden;

Wenn er wieder achtlos ist,

Wird den Weg er schwerlich finden!

Während die drei beisammenstehend das Gedicht in singendem Reime vorlasen, hörten sie plötzlich tief aus dem Walde rufen: »Meister, helft mir, rettet mich! Ich werde es nie wieder tun!«

»Ist das nicht Wunengs Stimme?« fragte Tripitaka, und Sandmönch nickte: »Bestimmt.«

»Ach, lassen wir ihn, Bruder«, meinte Pilger, »ziehen wir weiter!«

Tripitaka aber mahnte: »Dieser Tölpel ist zwar stur und töricht in seinem Wesen, doch sollten wir den Willen der Bodhisattva nicht vergessen. Retten wir ihn doch und lassen ihn mit uns weiterreisen.«

Während der Sandmönch die Reisebündel ordnete, nahm der Große Heilige das Pferd an den Zügeln und führte Tripitaka in den Wald hinein. Ei, so war es doch:

Gehe stets mit Achtsamkeit

Auf dem rechten Weg einher;

Lege die Begierden ab,

So wirst du von selber wahr!

Und wenn ihr wissen wollt, wie es um den Tölpel stand, so hört euch das nächste Kapitel an.