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024 Der Heilige vom Wanshou-Berg beherbergt alte Freunde / Pilger stiehlt im Kloster der Fünf Weiler Ginsengfrüchte

Lasst uns weiter berichten, wie die drei in den Wald drangen und den Tölpel auf einem Baum festgebunden fanden, wo er verzweifelt um Hilfe schrie. Pilger trat zu ihm und spottete: »Das ist mir ein schöner Schwiegersohn! Anstatt früh aufzustehen, dich bei deinen Verwandten zu bedanken und dem Meister die frohe Botschaft zu melden, machst du hier Akrobatenkünste. Pfui! Wo ist nun deine Mutter? Und deine Braut? Du aufgehängter Wickelschwiegersohn!«

Auf diese Bloßstellung konnte der Tölpel nichts als die Zähne zusammenbeißen und in Schmerzen ausharren. Er traute sich nicht einmal mehr zu schreien. Sandmönch konnte den Anblick nicht länger ertragen, trat hinzu, löste ihm die Fesseln und half ihm herunter. Der Tölpel wollte vor Scham in den Boden versinken. Dazu gibt es ein Gedicht nach der Melodie »Mond am Westfluss«:

Liebeslust, ein Schwert, das Wunden schlägt,

Zum Verhängnis wird sie dem, der sie begehrt!

Sechzehn erst ist dein Gespons,

Bildhübsch anzuschauen;

Doch im Grunde schlimmer noch

Als ein Yaksa voller Grauen!

Ein Besitz nur ist uns eigen,

Darein fließt kein Zinsvermögen.

Darum hege dieses Gut

Und verwahr’ es mit Bedacht,

Halte es stets fest im Griff,

Lasse es nicht außer Acht!

Bajie steckte Weihrauchstäbchen in etwas angehäufte Erde, faltete die Hände zum Himmel und verneigte sich ehrerbietig.

»Hast du die Bodhisattvas erkannt?« fragte Pilger.

»Ich bin in Ohnmacht gefallen, wie hätte ich was erkennen können?«

Pilger hielt ihm den Zettel hin, dessen Zeilen Bajie nur umso mehr beschämten.

Sandmönch lachte: »Bajie muss was an sich haben, dass ihn gleich vier Bodhisattvas heiraten möchten!«

»Sprich nicht mehr davon«, wehrte Bajie, »ich werde nie wieder so was Törichtes machen. Nur noch geduldig die Gepäckstange tragen und dem Meister nach Westen folgen.«

»So ist es richtig«, bemerkte Tripitaka.

Schließlich führte Pilger den Meister auf die Landstraße zurück, und sie setzten ihre Reise fort. Lange wanderten sie bei Wind und Wetter dahin, bis sie eines Tages einen hoch aufragenden Berg gewahrten. Man sah:

Blumen blühen und verwelken

Vor den schroffen Felsabhängen;

Wolken auf und nieder ziehen

Über weiten Hügellängen.

Freudig rief Tripitaka hoch zu Ross: »Viele Landschaften habe ich auf dieser Reise gen Westen gesehen, doch keine war schöner als diese hier! Falls wir uns dem Tempel des Donnergrollens nähern, sollten wir uns feierlich vorbereiten, dem Erhabenen zu begegnen.«

»Viel zu früh!« winkte Pilger ab.

»Wie weit ist es eigentlich noch?« wollte Sandmönch wissen.

»Noch 108 000 Meilen«, gab Pilger zur Antwort. »Von den zehn Grenzposten haben wir nicht mal den ersten erreicht.«

»Bruder«, fragte Bajie, »wie viele Jahre brauchen wir eigentlich, bis wir dort ankommen?«

»Wenn ihr zwei diese Strecke zurücklegt, braucht ihr so an die zehn Tage. Was mich angeht, könnte ich gut und gerne fünfzig Mal am Tag hin- und herreisen, noch bevor die Sonne untergeht. Doch unser Meister – nicht auszudenken!«

»Wukong«, fragte nun Tripitaka, »wann können wir denn deiner Meinung nach das Ziel erreichen?«

»Nun, wenn Ihr von klein auf wandert, bis Ihr alt seid, im nächsten Leben wiederum von klein auf zu wandern beginnt, und so weiter, an die tausend Mal, dann ist das Ziel noch immer schwer zu erreichen. Es sei denn, Ihr habt wirklich einen aufrichtigen Willen zur Erkenntnis, dann braucht Ihr nämlich nur in Euch zu gehen: Hier ist der Seelenberg!«

»Bruder«, warf Sandmönch ein, »auch wenn diese wunderbare Landschaft noch weit weg ist vom Tempel des Donnergrollens, muss doch irgendein vollkommener Mensch hier wohnen.«

»Das dürfte allerdings zutreffen«, bestätigte Pilger, »das ist bestimmt ein Paradies von Heiligen und Unsterblichen. Lass uns einfach gemächlich weiterziehen und die Aussicht genießen.«

Doch davon sei hier nicht weiter die Rede.

Lasst uns stattdessen von diesem Berg berichten, der Wanshou Shan, »Berg des Langen Lebens«, genannt wurde und auf dem sich ein daoistisches Kloster mit Namen Wuzhuang Guan, »Kloster der Fünf Weiler«, befand. In diesem Kloster nun lebte ein Unsterblicher mit Ordensnamen Meister Zhenyuan, »der den Ursprung festigt«. Er nannte sich auch Yushitong Jun, Weltengleicher Edler. Das besagte Kloster aber barg einen einmaligen Schatz, nämlich eine beseelte Wurzel, die im Urchaos entstanden war, noch ehe Himmel und Erde existierten. Auf allen vier Kontinenten dieser Erde war einzig hier in diesem Kloster der westlichen Gefilde ein solches Wunder erhalten geblieben. Sein Name war »Geläutertes Pflanzen-Elixier«, es wurde aber auch schlicht Ginsengbaum genannt. Nur alle 3000 Jahre trug dieser Baum Blüten, welche erst nach weiteren 3000 Jahren zu Früchten wurden, die abermals 3000 Jahre zum Reifen brauchten. Alles in allem dauerte es also annähernd 10 000 Jahre, bis dieser Baum einmal reife Früchte trug, und jedes Mal waren es nur dreißig an der Zahl. Die Früchte aber hatten die Form von Neugeborenen, mitsamt allen vier Gliedern und fünf Sinnesorganen. Wem je das Glück gegeben war, daran riechen zu dürfen, der konnte bis zu 360 Jahre alt werden. Und wer gar eine dieser Früchte gekostet hatte, dem war ein Alter von 47 000 Jahren sicher.

An jenem Tage weilte Meister Zhenyuan mit seinen unsterblichen Jüngern gerade im Himmel der Oberen Reinheit, wo er auf Einladung des Himmlischen Ehrwürdigen des Ursprungs im Miluo-Palast eine Predigt hielt über die Frucht der Erkenntnis aus dem Uranfang der Welt. So hatte er denn am selben Tage all seine Jünger mit sich geführt, der Rede zu lauschen, nur die beiden Jüngsten hatte er zur Aufsicht im Kloster gelassen. Der eine hieß Reiner Wind, der andere Klarer Mond, beide waren zwischen 1200 und 1300 Jahre alt.

Vor seiner Abreise hatte der Unsterbliche den Knaben eingeschärft: »In wenigen Tagen wird ein alter Freund von mir vorbeikommen; er heißt Tripitaka und war im vorherigen Leben Buddhas zweiter Jünger. Damals lautete sein Ordensname Meister Goldzikade. Ich habe ihn vor fünfhundert Jahren an der Ullambana-Feier kennengelernt. Zur Zeit pilgert er auf Geheiß des Kaisers von China in den Westen, wo er Buddha huldigen und Heilige Schriften holen wird. Ihr dürft es keinesfalls an Gastfreundschaft fehlen lassen, könnt ihm auch zwei Ginsengfrüchte anbieten. Doch nehmt euch vor seinen Schülern in Acht; sie dürfen nichts davon erfahren.«

Die beiden versprachen zu tun wie geheißen.

Wenden wir uns wieder den vier Schriftenholern zu, die gemächlich durch das Gebirge wanderten. In einer Waldung von Kiefern und Bambusstauden gewahrten sie auf einmal mehrere hohe Gebäude und gelangten binnen kurzem vor das Eingangsportal. Wahrhaftig, es war:

Ein beseelter Ort in heilen Landen,

Wie die alten Grotten in Gebirgen.

Reine Leere, fern von Menschendingen,

Wo Erleuchtung aufkeimt, still geborgen.

Tripitaka sprang aus dem Sattel und bemerkte nun links neben dem Eingangsportal eine Stele, auf der in zehn großen Schriftzeichen geschrieben stand: »萬壽山福地 – Gelobtes Land auf dem Berg des Langen Lebens; 五莊觀洞天 – Höhlenhimmel im Kloster der Fünf Weiler«.

»Seht, meine Schüler, ein daoistisches Kloster!« rief der Priester, »lasst uns hineingehen!«

»Recht gesprochen«, meinte Pilger, und so schritten sie alle durch das Eingangsportal in den Hof. Hier sahen sie zu beiden Seiten des zweiten Tores zwei senkrechte Verszeilen, die lauteten:

Residenz der Göttlichen, die unvergänglich leben;

Daoisten weilen hier, die des Himmels Alter haben.

»Diese Daoisten geben ganz schön an!« lachte Pilger. »Ich alter Sun bin ja öfter mal im Himmel beim Höchsten Alten Meister Laozi gewesen, doch nicht mal an seinem Tor hab ich solche Worte gesehen.«

Gerade als sie das zweite Tor durchschreiten wollten, eilten ihnen zwei Knaben entgegen, die von außergewöhnlicher Grazie und Reinheit schienen. Es waren eben jene mit Namen Reiner Wind und Klarer Mond. Unter tiefen Verbeugungen traten sie den Ankömmlingen entgegen und sprachen: »Ehrwürdiger Meister, verzeiht, dass wir Euch nicht gebührend empfangen haben! Kommt bitte herein und setzt Euch.«

Freudig folgte ihnen der Priester in die Haupthalle, wo in der Mitte eine senkrechte Schriftrolle an der Wand hing, auf der in bunter Schrift die Zeichen für »Himmel« und »Erde« prangten. Davor stand ein zinnoberroter Altartisch, auf dem ein goldenes Weihrauchgefäß und eine goldene Vase aufgestellt waren. Tripitaka blieb davor stehen, nahm ein Weihrauchstäbchen in die gefalteten Hände und verneigte sich zum Gebet. Als er fertig war, wandte er sich den Knaben zu und sprach: »Ihr himmlischen Knaben, euer Kloster ist ja wahrhaftig ein Paradies im Westen. Doch sagt, warum verehrt ihr hier nicht die Drei Reinen und die Vier Kaiser, oder die Herrscher der höchsten Himmelssphäre, sondern bringt nur den Zeichen für ›Himmel‹ und ›Erde‹ Opfer dar?«

Lächelnd erklärten die Knaben: »Offen gestanden, werter Herr, geschieht das eigentlich nur aus Demut unseres Meisters. Das obere Zeichen mag unseres Opfers noch würdig sein, doch das untere ist unserer Anbetung nicht wert.«

»Warum Demut?« wunderte sich Tripitaka.

»Nun, mit den Drei Reinen pflegt unser Meister freundschaftlichen Umgang auf gleicher Ranghöhe, auch die Vier Kaiser sind alte Bekannte von ihm. Die Neun Strahlenden Sterne und die Zwölf Götter der Zeiteinteilung hingegen sind ihres geringen Alters wegen unter seinem Rang.«

Pilger krümmte sich vor Lachen.

»Wo ist denn euer werter Meister?« erkundigte sich Tripitaka.

»Er wurde vom Himmlischen Ehrwürdigen des Ursprungs eingeladen, im Miluo-Palast im Himmel der Oberen Reinheit über die höchste Weisheit zu sprechen.«

Pilger brach abermals in Gelächter aus, worauf Tripitaka seine Schüler anwies: »Versorgt das Pferd, tragt das Gepäck herein und leiht euch einen Topf zum Kochen. Ihr braucht nicht hier herumzustehen.«

Die drei traten ab.

Nachdem die Knaben Tee aufgetischt hatten, erkundigten sie sich: »Seid Ihr etwa der Mönch Tripitaka aus dem chinesischen Kaiserreich?«

»Ja, der bin ich«, antwortete der Priester. »Woher kennen die geschätzten Knaben meinen geringen Namen?«

»Unser Meister hat kurz vor seinem Weggang Euer Kommen angekündigt«, erklärten die Knaben und fügten hinzu: »Werter Meister, bitte wartet einen Moment, wir holen Euch ein paar Früchte.«

Gemeinsam verschwanden die beiden Knaben in ihre Klause, wo der eine ein goldenes Schlagstöckchen, der andere ein zinnoberrotes Tablett zur Hand nahm, dann belegten sie das Tablett mit mehreren Seidentüchern und betraten den Hof, in dem der Ginsengbaum stand. Reiner Wind kletterte auf den Baum, berührte die Früchte mit dem Schlagstöckchen, während Klarer Mond sie unten im Tablett auffing. Im Nu hatten sie zwei Früchte auf dem Tablett, gingen zurück in die Haupthalle und präsentierten Tripitaka die Kostbarkeiten mit den Worten: »Werter Meister aus China! Leider ist unser Kloster so abgelegen, dass wir Euch nichts Ordentliches anbieten können. Da wir guten Boden für Obstbäume haben, möge sich der Meister einstweilen an diesen Früchten laben.«

Als der Priester das Angebotene sah, erbebte er am ganzen Körper, wich zurück und rief: »Gütiger Himmel! Es war doch ein gutes Erntejahr, wie ist es möglich, dass in diesem Kloster wie zu Zeiten der Hungersnot Menschen gegessen werden? Das sind ja Säuglinge! Wie könnt ihr mir so etwas zum Essen anbieten!?«

Reiner Wind murmelte: »Dieser Mönch hat ja bloß die Augen eines Sterblichen. Er erkennt unsere himmlische Kostbarkeit gar nicht.«

Da trat Klarer Mond vor und erklärte: »Werter Meister, was Ihr vor Euch habt, sind Ginsengfrüchte. Sie sind auf einem Baum gewachsen.«

»Unsinn, Unsinn!« rief Tripitaka empört, »seit wann wachsen Menschen auf Bäumen? Nehmt das weg, ihr Unmenschen!«

Alles Zureden half nichts; der Priester sträubte sich so hartnäckig, dass den Knaben schließlich nichts anderes übrigblieb, als die Früchte wieder wegzutragen. Nun hatten aber diese Ginsengfrüchte die merkwürdige Eigenschaft, dass man sie nicht aufbewahren konnte; ließ man sie stehen, wurden sie hart und ungenießbar. Also gingen die beiden in ihre Klause, setzten sich, jeder mit einer Frucht, auf den Bettrand und ließen es sich schmecken.

Diese Klause aber grenzte direkt an die Küche, wo man jedes Wort hören konnte, das hier gesprochen wurde. Bajie, der dort gerade das Essen zubereitete, hatte schon aufgehorcht, als er die beiden von Schlagstöckchen und Zinnoberplatte hatte sprechen hören. Wie ihm nun zu Ohren kam, dass Tripitaka die Ginsengfrüchte nicht erkannt habe, und hörte, wie die beiden Knaben sie nebenan genüsslich verzehrten, lief ihm das Wasser im Munde zusammen, und er dachte: »Davon möchte ich auch mal kosten!« Da er sich zu wenig gewandt fühlte, beschloss er, die Sache mit Pilger zu besprechen. Bald kehrte Pilger mit dem Pferd zurück, band es an einen Baum und wollte schon wieder gehen, als Bajie ihm aufgeregt zuwinkte und rief: »Komm her!«

Pilger trat in die Küche und fragte: »Was hast du denn, Tölpel?«

»Weißt du, dass es in diesem Kloster was ganz Kostbares gibt?« flüsterte ihm Bajie zu.

»Was denn?«

»Ginsengfrüchte! Hast du schon mal welche gesehen?«

»Nein, das hab ich wahrhaftig nicht. Ich habe nur gehört, dass Ginsengfrüchte Geläutertes Pflanzen-Elixier heißen und lebensverlängernd wirken sollen. Wo sind sie denn?«

»Hier, in diesem Kloster! Die Knaben haben unserem Meister davon angeboten, doch der gute Alte hat sie nicht erkannt. Er traute sich gar nicht, davon zu essen, weil er glaubte, es wären richtige Neugeborene. Die beiden sind doch unverschämt, wenn der Meister sie nicht isst, sollen sie die Früchte doch uns offerieren! Stattdessen haben sie die

Ginsengfrüchte einfach hinter unserem Rücken im Nebenzimmer aufgegessen, jeder eine! Sag mal, wie könnten wir uns wohl welche beschaffen? So geschickt, wie du bist, könntest du sicher ein paar davon ergattern!«

»Nichts leichter als das«, meinte Pilger, »ich alter Sun schnappe mir gleich welche.« Schon sprang er auf und wollte gehen, doch Bajie hielt ihn zurück und sagte: »Ich habe die beiden nebenan etwas von einem goldenen Schlagstöckchen sagen hören, mit dem man die Früchte anschlagen müsse. Du musst die Sache richtig anpacken.«

»Verstanden«, gab Pilger zurück, machte sich mit einer Magie unsichtbar und flitzte ins Nebenzimmer. Die beiden Knaben waren bereits gegangen. Pilger spähte in alle Richtungen, bis er am Gitterwerk des Holzfensters ein goldenes Stäbchen hängen sah. Es war fingerbreit und zwei Fuß lang, unten mit einer Knoblauchknolle, oben mit einer Schleife aus grünem Wollgarn versehen. »Das muss dieses Stöckchen sein!« dachte er, nahm es an sich, verließ das Zimmer und stieß ein Tor auf und schaute hinaus. Oh, da war ja ein Blumengarten! Er durchquerte ihn und gelangte in einen Gemüsegarten. Am Ende der Gemüsebeete war abermals eine Mauer mit einem Tor. Als er die Torflügel aufstieß, gewahrte er in der Mitte einen riesigen Baum.

In der Tat, es war:

Frisches Geäst von süßem Duft,

Grünes, schattiges Laubdickicht!

Seine Blätter, die ähnlich aussahen wie jene von Bananenstauden, ragten über tausend Fuß in die Höhe, und der Stamm maß wohl acht Klafter im Umfang. Pilger lehnte sich an den Baumstamm und blickte nach oben. Da, an einem Ast gegen Süden, entdeckte er eine Ginsengfrucht, die tatsächlich aussah wie ein Kind. Da der Stängel der Frucht am Steiß gewachsen war, sah es aus, als ob ein Kind auf dem Ast sitzen würde, das mit Ärmchen und Beinchen fuchtelte und den Kopf hin und her bewegte. Wenn ein Windstoß kam, schien es gar Laute von sich zu geben.

»Herrlich!« rief Pilger erfreut. »Was für eine Rarität!«

Pfeilschnell kletterte er den Stamm hoch, berührte die Frucht mit dem Stöckchen, worauf sie zu Boden fiel. Dann hüpfte er nach unten, um die Frucht aufzulesen; die jedoch war nicht mehr zu sehen. Wie sehr er auch die ganze Rasenfläche absuchte, die Frucht blieb spurlos verschwunden.

Pfeilschnell kletterte er den Stamm hoch.

»Merkwürdig«, sann er. »Nun, es könnte ja sein, dass sie mit ihren Beinchen laufen kann. Doch über die Mauer käme sie bestimmt nicht. Aha, ich weiß! Bestimmt hat der Erdgeist dieses Gartens was dagegen, dass ich alter Sun seine Früchte klaue. Er muss sie versteckt haben!«

Kaum hatte er mit einem magischen Fingerzeichen das Zauberwort »OM« ausgesprochen, trat der Erdgeist vor, verneigte sich höflich und fragte: »Womit kann ich kleiner Geist dem Großen Heiligen dienen?«

»Weißt du eigentlich nicht, dass der alte Sun ein weltberühmter Dieb ist?« fuhr ihn Pilger an. »Als ich im Himmel Unsterblichkeitspfirsiche, himmelskaiserlichen Wein und Elixierpillen gestohlen habe, hat keiner je gewagt, mir in den Weg zu treten. Doch jetzt, da ich eine einzige Frucht holen will, versuchst du dich mit mir anzulegen! Die Früchte wachsen doch frei auf dem Baum, selbst Vögel können davon kosten. Ist doch nicht schlimm, wenn ich alter Sun eine verspeise! Warum nimmst du sie einfach weg?«

»Großer Heiliger, Ihr beschuldigt mich zu Unrecht!« verteidigte sich der Erdgeist. »Dieser Schatz gehört den Unsterblichen auf Erden, ich jedoch bin nur ein Unsterblicher des Geisterreichs; wie könnte ich es je wagen, mich daran zu vergreifen? Mir ist nicht einmal das Glück vergönnt, daran riechen zu dürfen!«

»Warum ist denn die Frucht verschwunden, kaum habe ich sie vom Ast geschlagen?«

»Großer Heiliger«, sprach der Erdgeist, »Ihr wisst wohl um die lebensverlängernde Wirkung dieser Früchte, doch ist Euch nicht bekannt, dass sie sich mit den Fünf Wandlungsphasen nicht vertragen.«

»Was soll das heißen?«

»Wenn diese Früchte mit Metall in Berührung kommen, dann fallen sie, auf Holz verdorren sie; im Wasser lösen sie sich auf, im Feuer verkohlen sie, und wenn sie Erde berühren, dringen sie darin ein. Darum kann man diese Früchte nicht anders pflücken als mit einem metallenen Gegenstand. Auffangen muss man sie aber mit einem Tablett, das mit Seidentüchern bedeckt ist. Finge man sie direkt mit einem hölzernen Gefäß auf, würden sie verdorren und ihre lebensverlängernde Wirkung verlieren. Zum Essen muss man sie in eine Porzellanschale legen und in Wasser auflösen. Würde man sie mit Feuer in Berührung bringen, würden sie sofort verkohlen und wären ungenießbar. Und dass sie in Erde eindringen, habt Ihr, Großer Heiliger, ja nun selbst bemerkt. Die Frucht hat sich beim Aufprall direkt in den Boden gebohrt. Dieser Boden aber ist 47 000 Jahre alt und ist noch härter als Eisenerz. Kein Stahlbohrer könnte hier etwas ausrichten.

Genau darum hat dieses Gewächs auch seine lebensverlängernde Wirkung.«

Pilger, der ihm nicht glauben wollte, packte seine Eisenstange und rammte sie mit aller Wucht gegen den Boden. Mit einem metallenen Klang sprang die Stange ab, und auf dem Boden blieb nicht der geringste Kratzer zurück.

»Tatsächlich, tatsächlich!« murmelte er. »Dann habe ich dich in der Tat zu Unrecht beschuldigt. Du kannst gehen.« Der Erdgeist verschwand. Pilger aber hatte sich nun etwas ausgeheckt. Abermals kletterte er auf den Baum, hielt mit der einen Hand das Stöckchen und schürzte mit der andern seine Mönchskutte. Zwischen Blättern und Ästen fand er drei Früchte, fing sie in seinem Kleide auf, sprang herunter und ging schnurstracks in die Küche, wo er Bajie seine Beute zeigte.

»Habe ich nicht gesagt, für den alten Sun sei nichts leichter als das?« rief er triumphierend. »Doch wollen wir sie nicht hinter Sandmönchs Rücken essen; ruf ihn her!«

Bajie winkte Sandmönch herbei, Pilger hielt ihm sein aufgeschürztes Kleid hin und fragte: »Was glaubst du, was das ist?«

»Das sind Ginsengfrüchte«, gab dieser zur Antwort.

»Na schön, du kennst sie ja!« meinte Pilger, »wo hast du sie denn schon gegessen?«

»Gegessen hab ich nie welche«, antwortete Sandmönch, »doch als ich im Himmelspalast als Gardinenroller diente, habe ich gesehen, wie Unsterbliche aus fernen Gegenden dem Jadekaiser solche Früchte zum Geburtstag darbrachten. Ich konnte nie davon kosten. Sag mal, Bruder, kannst du mir nicht ein bisschen zum Probieren geben?«

»Keine Frage, jeder kriegt eine.«

So machten sich die drei über die Früchte her. Der gefräßige Bajie mit seinem großen Maul packte die Frucht, sperrte die Schnauze auf, und schon war der Leckerbissen verschluckt. Da wandte er sich an Pilger und Sandmönch und fragte: »Wie schmeckt sie?«

»Warum fragst du, wenn du selbst gerade eine gegessen hast?«

»Es ist etwas schnell gegangen, hab gar nicht gemerkt, ob Kerne drin waren, plötzlich war sie weg. Ach Bruder, alles was man tut, sollte man auch zu Ende führen. Hol doch noch ein paar, damit ich alter Eber auch was davon habe.«

»Du bist wirklich unersättlich!« rügte Pilger. »Es ist ein großes Glück, dass jeder von uns eine solche Frucht essen durfte. Das ist keine Kleinigkeit. Nein, und noch mal nein; das reicht!«

Er stand auf, warf das Stöckchen durchs Fenstergitter ins Nebenzimmer und achtete nicht weiter darauf.

Der Tölpel gab nur ein trotziges Murren von sich. Zur selben Zeit aber waren die beiden Knaben wieder in ihre Klause getreten und hatten Bajie nebenan etwas von »Ginsengfrucht« und »noch ein paar« brummen hören. Reiner Wind ahnte Ungutes und flüsterte seinem Ordensbruder zu: »Klarer Mond, hast du gehört, was der langschnäuzige Mönch eben gesagt hat? Unser Meister hat uns doch gesagt, wir sollten uns vor Tripitakas Schülern in Acht nehmen. Es kann doch nicht sein, dass sie unsere Früchte gestohlen haben?«

Klarer Mond blickte ihn vielsagend an und meinte: »Bruder, ich ahne Schlimmes. Schau mal, warum liegt das goldene Schlagstöckchen am Boden? Lass uns im Garten nachsehen!«

Geschwind liefen sie hin. Beide Tore, das zum Blumengarten wie das zum Gemüsegarten, standen weit offen. Im Hof angelangt, blickten sie in den Baum hinauf und überprüften die Anzahl der Früchte. Wie oft sie auch zählen mochten, es waren nicht mehr als zweiundzwanzig.

»Am Anfang waren dreißig Früchte am Baum«, rechnete Klarer Mond, »als unser Meister den Garten aufgeschlossen hat, hat er zwei davon verteilt. Zwei weitere haben wir für den Priester gepflückt. Es müssten also noch sechsundzwanzig Früchte am Baum sein. Nun sind es aber nur noch zweiundzwanzig. Da fehlen doch vier Früchte! Kein Zweifel, diese Bande hat sie gestohlen. Jetzt kriegt dieser Tripitaka was zu hören!«

Sie liefen vom Garten schnurstracks in die Haupthalle zu Tripitaka, zeigten mit dem Finger auf ihn, nannten ihn Glatzkopf und hielten eine wüste, nicht enden wollende Schimpfrede, bis Tripitaka es sich nicht länger anhören mochte und sprach: »Werte Knaben! Was soll der Lärm?«

»Seid Ihr schwerhörig, oder was?« schrie Reiner Wind, »Ihr habt heimlich von unseren Ginsengfrüchten gegessen! Wollt Ihr das etwa abstreiten?«

»Wie sehen Ginsengfrüchte aus?«

»Was wir Euch vor einer Weile angeboten haben, was Ihr für Säuglinge gehalten habt, das waren Ginsengfrüchte!«

»Buddha Amithaba!« stieß Tripitaka hervor. »Als ich diese Dinger gesehen habe, bin ich zu Tode erschrocken! Wie könnte ich es je wagen, heimlich davon zu essen? Scheltet mich nicht zu Unrecht!«

»Wenn Ihr es nicht gewesen seid, so waren es Eure Schüler.«

»Das ist allerdings möglich«, räumte Tripitaka ein. »Bleibt erst einmal ruhig, ich werde sie befragen. Falls sie wirklich etwas gestohlen haben, müssen sie euch um Verzeihung bitten und Schadenersatz leisten.« Laut rief er: »Meine Schüler, kommt alle her!«

»Ich ahne Schlimmes«, meinte Sandmönch gedämpft, »bestimmt ist die Sache mit den Ginsengfrüchten ans Licht gekommen.«

»Welche Schande!« flüsterte Pilger. »Es ist zwar nur eine Sünde im Bereich des Essens, aber wenn wir es eingestehen, wird es heißen, wir hätten genascht. Am besten, wir geben es einfach nicht zu!«

»Ja, genau«, stimmte Bajie bei.

Nun blieb den dreien nichts anderes übrig, als sich in die Haupthalle zu begeben. Und wenn ihr wissen wollt, wie sie sich herauszureden suchten, hört euch das nächste Kapitel an.