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025 Meister Zhenyuan jagt den Schriftenholern nach / Pilger Sun macht großen Aufruhr in dem Kloster

Berichten wir weiter, wie die drei Schüler in die Halle traten, wo Tripitaka sie zur Rede stellte. »Meine Schüler«, hub er an, »in diesem Kloster gibt es sogenannte Ginsengfrüchte. Wer von euch hat heimlich von diesen Früchten gegessen?«

»Ich weiß nichts davon«, sagte Bajie.

Reiner Wind zeigte auf Pilger und meinte: »Der muss es sein, er lacht!«

»Mir altem Sun steht von Natur aus ein Lachen ins Gesicht geschrieben. Ihr wollt mir doch nicht etwa das Lachen verbieten, nur weil ihr irgendwelche Früchte vermisst!« gab dieser zurück.

»Meine Schüler«, sprach Tripitaka, »Mönche dürfen nicht lügen. Handelt nicht gegen euer Gewissen. Falls ihr wirklich von den Früchten gegessen habt, dann entschuldigt euch und versucht nicht, euch herauszureden!«

Da Pilger die Worte des Meisters berechtigt fand, sagte er schließlich: »Meister, die Sache hat nichts mit mir zu tun. Bajie hat gehört, wie die Knaben von den Früchten aßen, da hat er Lust gekriegt und mich geschickt, drei davon zu holen. Jeder von uns hat eine gegessen. Was sollen wir nun?«

»Vier habt ihr gestohlen!« rief Klarer Mond, »ihr wollt es nur nicht zugeben!«

»Buddha Amithaba!« stieß der Tölpel hervor, »warum hat er uns dann nur drei gebracht? Er hat uns also eine vorenthalten!« Er drehte den anderen den Rücken zu und murrte missvergnügt vor sich hin.

Nun, da die Knaben ihren Verdacht bestätigt sahen, überhäuften sie die drei so lange mit Schimpf und Schande, bis der Große Heilige vor Wut mit seinen stählernen Zähnen knirschte, seine feurigen Augen rollte und dachte: »Die sind ja widerlich! Wartet nur, jetzt mache ich euren Früchten den Garaus, dass ihr nie wieder welche zu essen kriegt!« Aus einem Körperhaar, das er sich eilig auszupfte, zauberte er blitzschnell einen falschen Pilger und stellte ihn neben Bajie und Sandmönch. In seinem wahren Körper aber schoss er in die Höhe, landete schnurstracks im Garten, packte seine Stange und schmetterte sie mit aller Wucht über den Baum. Dann stemmte er sich mit einer Zauberkraft, die Berge versetzen konnte, gegen den Baum, bis dieser stürzte. Da lag er nun, der arme Baum, die Äste gespalten, die Blätter am Boden zerstreut, mit aus der Erde ragenden Wurzeln. Um das kostbare »Geläuterte Pflanzen-Elixier« dieser Daoisten war es geschehen! Vergeblich suchte der Große Heilige die Äste nach Früchten ab, denn diese hatten ja bekanntlich die Eigenschaft, bei Berührung mit Metall zu fallen, und da Pilgers Stange an beiden Enden mit einem Goldreif versehen war und ohnehin aus Metall bestand, waren die Früchte schon gefallen, als er mit der Stange auf den Baum eingedroschen hatte. Und weil die Früchte ja in die Erde einzudringen pflegten, war nun keine einzige mehr übrig.

»So ist es richtig!« knurrte Pilger, »und jetzt geht jeder seinen Weg!«

Flugs war er wieder zurück, fing das verwandelte Haar auf und stellte sich wie zuvor hin. Keiner hatte seine Verwandlung bemerkt.

Endlich, nach langen Schimpftiraden, wandten sich die beiden Knaben ab. Reiner Wind meinte: »Klarer Mond, diese Mönche haben ja was zu hören gekriegt. Allerdings haben sie die ganze Zeit über kein Wort gesagt. Könnte es etwa sein, dass sie gar nichts gestohlen haben? Der Baum ist ja hoch und die Blätter so dicht, dass man die Früchte nur schwer zählen kann. Lass uns noch mal hingehen und schauen.«

»Du hast recht«, meinte Klarer Mond, und sie begaben sich abermals in den Garten. Doch hier fanden sie den Baum umgestürzt, die Blätter am Boden zerstreut, die Äste gespalten und ohne jegliche Früchte. Außer sich vor Entsetzen sanken sie in den Staub und jammerten: »Was tun wir bloß? Unser kostbarstes Elixier ist zunichte! Was sagen wir unserem Meister, wenn er zurückkommt?«

»Bruder, lass das Jammern«, meinte Klarer Mond schließlich, »das kann niemand anderes gewesen sein als jener Mönch mit dem haarigen Gesicht. Wenn wir uns aber mit dem anlegen, kommt es gewiss zu einer Schlägerei, und du kannst dir ja vorstellen, dass wir zwei gegen die vier nichts ausrichten können. Am besten, wir überlisten sie: Erst nehmen wir die Anklage zurück, entschuldigen uns höflich, und da der Reis, den sie gekocht haben, inzwischen sicher gar ist, servieren wir ihnen noch ein paar Gemüsegerichte dazu. Sobald sie aber beim Essen sitzen, verriegeln wir die Tür und schließen sie ein. Dort sollen sie dann gefangen bleiben, bis der Meister zurückkommt, dann kann er ja bestimmen, was mit ihnen zu tun ist.«

»Einverstanden«, meinte Reiner Wind.

Bemüht, eine freudige Miene aufzusetzen, kamen die beiden in die Haupthalle zurück und verbeugten sich unter vielen Entschuldigungen vor Tripitaka.

»Ach Meister«, sprachen sie, »wir haben Euch zu Unrecht beschuldigt, bitte verzeiht uns!«

»Wie denn?«

»Es fehlen gar keine Früchte. Wir haben sie zuvor nur nicht alle gesehen, weil der Baum so hoch und das Blattwerk so dicht ist. Eben sind wir noch mal hingegangen und haben genau nachgezählt, da fanden wir alle vollzählig.«

Erleichtert meinte Tripitaka: »Dann bringt uns doch den Reis, damit wir essen können.«

Während Bajie Reis schöpfte, holten die beiden Knaben schnell ein paar Beilagen, gossen eine Kanne Tee auf und standen zu Diensten. Doch kaum hielten die vier ihre Teeschalen in den Händen, stellten sie sich zu beiden Seiten des Eingangs auf und schlugen krachend die Türflügel zu. Dann hängten sie von außen ein doppeltes kupfernes Schnappschloss an die Tür.

»Was macht ihr da?« lachte Bajie, »herrscht bei euch etwa die Sitte, hinter verschlossener Tür zu essen?«

»Genau, so ist es«, rief Klarer Mond, »sobald ihr fertig seid, machen wir wieder auf.«

Reiner Wind aber polterte: »Ihr fressgierigen Glatzköpfe! Dass ihr von unseren Früchten gestohlen habt, war ja schon Grund genug zur Anklage wegen Diebstahls an Feldfrüchten. Doch jetzt habt ihr auch noch unseren heiligen Baum umgestoßen und damit die magische Wurzel unseres Hauses vernichtet! Und wollt auch noch den Mund voll nehmen! Falls ihr jemals noch in den Westen zu Buddha gelangen solltet, dann gewiss nicht in diesem Leben.«

Tripitaka entglitt die Reisschale, und ein schwerer Stein legte sich auf sein Herz. Nachdem die Knaben alle drei Eingänge verriegelt hatten, erschienen sie wieder vor dem Tor zur Haupthalle und überschütteten sie mit einem weiteren Schwall bitterböser Worte. Erst als es Abend wurde, zogen sie ab.

Vorwurfsvoll wandte sich Tripitaka an Pilger und sprach: »Du Affenschädel, ein Unheil ums andere richtest du an! Wenn du schon ihre Früchte gestohlen hast, dann lass doch den Schimpf über dich ergehen. Warum musst du ausgerechnet noch den Baum umstoßen? Würde man diese Sache anzeigen, hättest du nichts mehr zu melden, und wäre dein eigener Vater der Richter!«

»Ach Meister, macht Euch keine Sorgen«, meinte Pilger. »Die beiden sind ja nun weg. Wir brauchen bloß zu warten, bis sie schlafen, dann gehen wir in der Nacht auf und davon.«

»Aber Bruder«, wandte Sandmönch ein, »wie sollen wir hier raus, wenn alle Tore verschlossen sind?«

Pilger grinste: »Lass das meine Sorge sein. Ich alter Sun habe da meine Kniffe.«

»Natürlich«, murrte Bajie, »du hast immer irgendwelche Kniffe. Du verwandelst dich in ein Insekt, schlüpfst durch das Fenstergitter und bist fein raus. Wir aber können nichts anderes als hier hocken und für deine Verbrechen büßen.«

»Wenn er uns nicht alle zusammen rausholt«, drohte Tripitaka, »werde ich den alten Spruch wieder aufsagen, dann wollen wir sehen, wie er das erträgt.«

»Was für ein alter Spruch?« wunderte sich Bajie, »davon habe ich noch nie gehört.«

»Du musst wissen, Bruder, dass der Reif, den ich auf der Stirn trage, von der Bodhisattva Guanyin ist«, erklärte Pilger. »Der Meister hat mich mit List dazu gebracht, ihn aufzusetzen, und da ist er mir angewachsen. Mit dem alten Spruch meint er den ›Reifverengungsspruch‹, von dem ich so schreckliche Kopfschmerzen kriege, wenn er ihn aufsagt. Darum kann er mich mit dieser Methode unterkriegen. Meister, lasst den Spruch beiseite; ich verspreche, dass ich euch alle hier rausführe!«

Inzwischen war im Osten der Mond aufgegangen.

»Jetzt ist die richtige Zeit zu gehen«, bestimmte Pilger. Er packte seinen Goldreifstab und richtete ihn mit einem Öffnungszauber auf das Tor. Man hörte leichtes Knacken, schon waren sämtliche Schlösser aufgesprungen, und die Tore öffneten sich. Pilger führte den Meister nach draußen und half ihm aufs Pferd, Bajie buckelte die Tragstangen auf, und Sandmönch führte das Pferd am Halfter. So setzten sie die Reise nach Westen fort.

»Geht erst mal gemächlich voran«, meinte Pilger, »ich alter Sun gehe noch kurz zu den Knaben und sorge dafür, dass sie einen Monat lang schlafen.«

Zurück im Kloster, schlich er zur Klause der beiden Knaben. In seiner Gürteltasche hatte er noch ein paar Schlafkäferchen, die er einst am Östlichen Himmelstor beim Rätselraten mit dem Himmelskönig Virudhaka gewonnen hatte. Davon klaubte er nun zwei heraus und beförderte sie mit einem Fingerschnippen durch das Fenstergitter in den Raum, wo sie sich sofort auf den Gesichtern der Knaben niederließen. Schon fielen die beiden laut schnarchend in einen tiefen Schlaf, aus dem sie so bald nicht wieder erwachen sollten. Pilger aber holte die anderen ein, und sie eilten auf der Landstraße gen Westen. Die ganze Nacht über trabte das Pferd ohne Unterlass, bis der Morgen dämmerte.

»Du Affenschädel bringst mich noch um!« klagte Tripitaka. »Nur für eure Gaumenfreuden bringt ihr mich eine ganze Nacht um den Schlaf.«

»Ärgert Euch nicht«, gab Pilger zurück. »Es wird ja schon hell. Setzt Euch hier an den Wegesrand und ruht Euch im Walde aus. Sobald Ihr wieder bei Kräften seid, gehen wir weiter.«

Der Priester stieg vom Pferd und versuchte die Wurzeln einer Kiefer behelfsmäßig als Meditationssitz zu benutzen, während Bajie und Sandmönch ein Nickerchen hielten. Pilger jedoch hatte anderes im Sinne. Seht nur, wie er auf die Bäume klettert und sich vergnüglich von Ast zu Ast hangelt! Wie die vier Rast hielten, sei hier nicht weiter ausgeführt.

Lasst uns stattdessen von dem Großen Unsterblichen berichten, der nach seinem Vortrag im Palast des Himmlischen Ehrwürdigen des Ursprungs mit seinen Jüngern ins Kloster zurückgekehrt war. Hier aber fanden sie die Tore weit offen, die Hallen menschenleer und die Weihrauchopfer unverrichtet. Schließlich schauten sie bei der Klause der beiden Knaben vorbei, wo die Tür verriegelt war, während man die beiden drinnen schnarchen hörte. Alles Pochen und Rufen nützte nichts. Selbst als man am Ende die Tür aufstemmte und die beiden aus den Betten zerrte, erwachten sie nicht.

»Das sind mir schöne Unsterbliche!« lachte Meister Zhenyuan. »Wer unsterblich ist, hat einen unerschöpflichen Geist und wird nicht mehr ans Schlafen denken. Da muss ihnen doch jemand einen Streich gespielt haben. Schnell, holt Wasser!«

Nachdem er einen magischen Spruch gemurmelt hatte, nahm er einen Schluck Wasser in den Mund und sprühte es den beiden ins Gesicht. Damit wurden sie endlich vom Schlafdämon erlöst. Erwachend schlugen die beiden die Augen auf und sahen sich von ihrem Meister und den Ordensbrüdern umgeben. Vor Bestürzung fiel Reiner Wind auf die Knie, während Klarer Mond unter Stirnaufschlägen rief: »Meister! Eure Freunde, jene Mönche aus dem Osten, waren eine Horde Banditen! Sie waren furchtbar rabiat.«

Der Meister lächelte und fragte: »Wie denn?«

Während die beiden Knaben erzählten, was sich ereignet hatte, konnten sie vor lauter Empörung die Tränen nicht zurückhalten. Der Große Unsterbliche aber war nicht aus der Ruhe zu bringen. »Weint nicht«, sprach er, »weint nicht. Der mit Namen Sun ist einer der vereinzelten Unsterblichen aus dem Uranfang der Welt. Er verfügt über immense Zauberkräfte und hat ehedem im Himmelspalast einen großen Aufruhr veranstaltet. Nun hat er aber unseren kostbaren Baum umgestürzt. Sagt, könnt ihr die Mönche wiedererkennen?«

Reiner Wind nickte: »Bestimmt.«

»Dann kommt mit mir«, bestimmte der Meister. »Ihr

anderen könnt in der Zwischenzeit die Foltergeräte vorbereiten. Sobald ich zurück bin, werde ich ihm seine Strafe erteilen.« Die Unsterblichen taten wie geheißen.

Mit den beiden Knaben stieg der große Unsterbliche nun zu den Wolken empor, und schon nach kurzer Zeit hatten sie die Pilgernden eingeholt. Reiner Wind zeigte nach unten und sprach: »Derjenige, der an eine Kiefer gelehnt am Wegrand sitzt, das ist Tripitaka.«

Der Große Unsterbliche senkte seine Wolke und verwandelte sich mit einer leichten Körperdrehung in einen daoistischen Wandermönch. Mit einem Staubwedel in der Hand begab er sich geradewegs zu jener Kiefer und rief Tripitaka zu: »Seid gegrüßt, Ehrwürden!«

Dieser beeilte sich, den Gruß mit einer höflichen Geste zu erwidern, und sprach: »Verzeiht, dass ich Euch nicht gesehen habe!«

»Woher kommt Ihr, Priester?« erkundigte sich der Unsterbliche.

»Geringer Mönch stammt aus dem chinesischen Kaiserreich im Osten und pilgert auf kaiserliches Geheiß in den Westen, um Heilige Schriften zu holen.«

»Seid Ihr etwa an unserer entlegenen Stätte vorbeigekommen?« fragte der Unsterbliche.

»Auf welchem Berg befindet sich Eure werte Residenz?«

»Es ist das Kloster der Fünf Weiler auf dem Berg des Langen Lebens.«

»Nein, nein«, mischte sich Pilger eilfertig ein, dort sind wir nicht lang. Wir haben die Hauptstraße genommen.«

Der Unsterbliche zeigte mit dem Finger auf ihn und rief

lachend: »Du Affenpack! Mir brauchst du nichts vorzuschwindeln! Du hast unseren Ginsengbaum umgestoßen, und nun seid ihr die ganze Nacht lang geflohen. Was willst du mir noch verhehlen? Los, bring mir schleunigst den Baum wieder in Ordnung!«

Als Pilger diese Worte hörte, füllte sich sein Herz mit Zorn. Ohne ein einziges Wort zu verlieren, erhob er seine Stange gegen den Unsterblichen. Dieser aber wich zur Seite und schwebte auf einem glückverheißenden Lichtstrahl in die Höhe, wo er sich in seiner ursprünglichen Gestalt zeigte. Pilger, der ohne Rücksicht auf Rang und Würde wild mit der Stange um sich schlug, wehrte der Unsterbliche mit ein paar leichten Bewegungen seines Staubwedels ab. Plötzlich aber weitete er sachte seinen Ärmel zwischen den Wolken und sog mit der Magie »Himmel und Erde im Ärmel« die vier Mönche mitsamt dem Pferd in den weiten Ärmel seines Gewandes.

Ohne ein einziges Wort zu verlieren, erhob er seine Stange gegen den

Unsterblichen.

Zurück im Kloster, ließ er seine Jünger Stricke herbeischaffen, während ihm die ganze Schar der Unsterblichen zu Diensten stand. Seht, wie er nun die vier Pilgernden einen nach dem anderen aus dem Ärmel holt, als wären es Marionetten!

Ein jeder wurde an eine Säule gefesselt, das Pferd im Hof angebunden und das Gepäck in den Korridor geworfen. Der Unsterbliche ließ seine Jünger eine Peitsche bringen und befahl: »Peitscht diese Mönche erst einmal aus, als Genugtuung für den Verlust unserer Früchte!«

Die Jünger brachten eine Siebenstern-Gerte aus Drachenhaut, die in Wasser eingelegt worden war. Einer von ihnen nahm sie zur Hand und fragte: »Meister, welchen sollen wir zuerst vornehmen?«

»Diesen Tripitaka! Er hat sich aufgespielt und uns beleidigt.«

»Da liegt Ihr aber falsch, mein Herr!« warf Pilger ein. »Ich war es, der die Früchte gestohlen hat. Ich war es auch, der sie gegessen hat, und den Baum habe auch ich umgestoßen. Warum soll nun er geschlagen werden? Schlagt mich zuerst!«

»Dieser Affenkerl hat Rückgrat«, lachte der Unsterbliche. »Dann nehmt ihn zuerst vor.«

»Wie viele Streiche?«

»Gleich wie die Anzahl der Früchte: Dreißig.«

Der Jünger holte zum Schlag aus. Aus Furcht vor der

womöglich großen Zauberkraft dieser Unsterblichen beobachtete Pilger genau, wohin die Gerte gerichtet war. Sie zielte auf die Beine. Mit einer leichten Hüftbewegung verwandelte er seine Beine in Stahl; sollte der Jünger nun schlagen, wie er wollte! Nachdem die dreißig Hiebe verabreicht worden waren, nahte schon der Mittag. Da meinte der Große Unsterbliche: »Jetzt müssen wir Tripitaka noch für

die mangelnde Belehrung seiner Schüler züchtigen. Schließlich hat er es zugelassen, dass seine rücksichtslosen Schüler sich derart unmöglich aufgeführt haben.«

Schon wollte der Jünger von neuem die Peitsche schwingen, als Pilger rief: »Ihr irrt schon wieder, mein Herr! Unser Meister wusste gar nicht, dass wir Früchte stahlen. Die Sache betrifft ausschließlich uns drei Ordensbrüder. Und sei es, dass unser Meister eine Strafe verdient hätte, als Schüler würde ich die Bestrafung dennoch auf mich nehmen. Schlagt wieder mich!«

»Dieser Affenkerl mag wohl listig und verschlagen sein, doch hat er immerhin ein Gefühl für die Pflicht der Kindesliebe«, meinte der Große Unsterbliche. »Nun gut, schlagt auch diesmal ihn.«

Es folgten weitere dreißig Peitschenhiebe. Pilger blickte auf seine Beine hinunter, die bereits spiegelglatt gehauen waren, doch er fühlte nicht den geringsten Schmerz. Als schließlich der Abend nahte, bestimmte der große Unsterbliche: »Legt die Peitsche ins Wasser, wir machen morgen weiter.«

Da zogen sich alle in ihre Klausen zurück und legten sich schlafen. Davon sei hier nicht weiter die Rede.

Über Tripitakas Wangen rollten die Tränen; mit bitterem Tadel wandte er sich an die drei Schüler und sagte: »Ihr seid schuld an diesem Übel! Und mich zieht ihr in Mitleidenschaft. Wie soll ich das verstehen?«

»Still!« flüsterte Pilger. »Wir warten noch einen Augenblick, dann brechen wir auf.«

Bald war im Kloster kein Laut mehr zu hören. Pilger verkleinerte sich, schlüpfte aus den Fesseln und flüsterte: »Meister, wir können gehen!«

Nachdem er alle drei von den Stricken befreit hatte, holte er Gepäck und Pferd, und sie traten ins Freie. Gleichzeitig befahl er Bajie, vier Weidenbäume zu fällen, deren Zweige zu knicken und die Bäume mit Stricken an die vier Säulen zu binden. Anschließend murmelte er einen Zauberspruch, biss sich die Zunge blutig und bespuckte die Bäume mit Blut. Mit dem Ruf »Verwandlung!« nahmen die Bäume auf der Stelle die Gestalt der vier Schriftenholer an, ja sie konnten sogar sprechen und reagierten auf ihre Namen. Nun eilten die beiden dem Meister nach. Auch in dieser Nacht trabte das Pferd ohne Unterlass, bis der Morgen dämmerte und der Priester auf dem Sattel einzunicken begann. Pilger bemerkte es und sagte: »Unser Meister hält nicht länger durch. Lasst uns hier am Hang Rast halten, bevor wir weiterziehen.«

Lassen wir Meister und Schüler ein Weilchen am Wegesrand ruhen und wenden wir uns wieder dem Großen Unsterblichen zu. Dieser war früh aufgestanden, hatte gefrühstückt und war dann in die Halle getreten, wo er seinen Jüngern befahl, die Peitsche zu holen.

»Heute muss dieser Tripitaka ausgepeitscht werden«, bestimmte er. Der junge Unsterbliche schwang die Peitsche, blickte Tripitaka an und rief: »Jetzt kommst du dran!«

»Nur zu«, machte der Weidenbaum gelassen. Dreißig Peitschenhiebe fuhren prasselnd auf ihn nieder. Anschließend wandte er sich an Bajie und Sandmönch und verpasste jedem seinen Anteil. Am Ende nahm er sich abermals Pilger vor. Da durchfuhr Pilger unterwegs plötzlich ein kalter Schauder. »Schlimm!« dachte er, »als ich die Weiden in uns verwandelt habe, dachte ich, heute würde er mich bestimmt in Ruhe lassen, nachdem er mich schon gestern zweimal ausgepeitscht hat. Aber jetzt schlägt er meinen Verwandlungsleib, das schaudert mich am ganzen Körper. Ich muss das rückgängig machen.« Hastig murmelte er einen Zauberspruch, der die Magie im Kloster beendete.

Seht, wie dem Jünger jetzt vor Verblüffung die Peitsche aus der Hand fällt!

»Meister«, rief er, »was wir eben ausgepeitscht haben, waren nichts als Weidenbäume!«

Da gab der Große Unsterbliche ein kaltes Lachen von sich und rief: »Du bist mir ein netter Affe, Pilger Sun! Dass du geflohen bist, mag mir einerlei sein, doch wozu auch noch Fälschungen aus Weiden hierlassen? Diesmal entwischst du mir nicht!« Mit einem »Los!« schnellte er zu den Wolken, spähte nach Westen und sah, wie die vier Schriftenholer gerade ihr Gepäck aufschulterten und dem Pferd die Sporen gaben. Er senkte seine Wolke und rief: »Pilger Sun, wo willst du hin? Gib mir meinen Ginsengbaum zurück!«

»Nichts zu machen«, bemerkte Bajie, »der Widersacher ist schon wieder da.«

»Meister!« rief Pilger, »steckt Euch jetzt den Begriff ›Gutes tun‹ in die Tasche. Wir müssen ihm ein für alle Mal den Garaus machen, damit wir endlich frei sind.«

Tripitaka erbebte am ganzen Körper und blieb ihm die Antwort schuldig. Die drei Schüler aber packten ihre Götterwaffen, umzingelten den Großen Unsterblichen und begannen ein wildes Gefecht. Der Unsterbliche hielt mit dem Fliegenwedel erst ein paar Schläge ab, bald aber breitete er seinen Ärmel aus, so dass die vier Mönche abermals mitsamt Pferd und Gepäck eingesogen wurden. Wieder kehrte der Große Unsterbliche ins Kloster zurück, zog einen nach dem andern heraus und wies mit harschen Rufen an, sie zu fesseln. Dann hieß er einen mächtigen Kessel vor der Treppe zur Halle aufstellen, darunter ein großes Feuer entfachen und den Kessel mit Pflanzenöl füllen.

»Sobald das Öl siedet«, wies er an, »werft ihr Pilger Sun hinein, zur Rache für den Verlust unserer Ginsengfrüchte!«

Pilger frohlockte im Stillen und meinte: »Das passt ja bestens! Ich alter Sun habe die ganze Zeit nie Gelegenheit gehabt, mich zu waschen; es juckt mich schon auf der Haut. Gern nehme ich ein Bad, danke fürs Entgegenkommen!«

Bald begann es im Ölkessel zu brutzeln. Auf einmal argwöhnte der Große Heilige, dass er mit der Magie dieser Unsterblichen vielleicht doch nicht so leicht fertig würde. Er spähte darum flink nach allen Seiten, bis sein Blick auf einen Steinlöwen fiel, der am westlichen Rande der Plattform stand. Da wälzte er sich hinüber, biss die Zunge blutig und bespuckte den Steinlöwen, indem der das Wort »Verwandlung!« aussprach. Auf der Stelle erschien der Löwe in seiner Gestalt, genau wie er in Stricke gebunden. Pilger aber ließ seinen Urgeist emporschweben und schaute den Daoisten aus wolkiger Höhe zu. Nun sah er, wie einer der Schüler meldete: »Meister, das Öl kocht!«

Der Große Unsterbliche befahl, Pilger Sun zu holen. Als vier Jünger ihn herbeitragen wollten, vermochten sie ihn nicht vom Fleck zu rühren. Auch zu acht ging es nicht, und es half auch nichts, dass nochmals vier zu Hilfe kamen.

»Es ist, als wäre dieser Affe mit der Erde verwachsen!« klagten sie, »er ist zwar klein, aber ganz hart und kompakt.«

Endlich schafften es zwanzig unsterbliche Knaben mit vereinten Kräften, ihn wegzutragen und in den Kessel zu werfen. Es gab einen Knall, das Öl spritzte und verpasste den umstehenden Jüngern große Brandblasen im Gesicht.

Da hörte man den Heizer rufen: »Der Kessel rinnt, der Kessel rinnt!« Schon war das Öl ausgelaufen und der Kessel entzwei. Drinnen aber fand man einen Steinlöwen.

»Du unverschämter Affenkerl!« schrie der Große Unsterbliche wütend. »Vor meinen Augen betrügst du mich mit hinterhältigen Tricks! Dass du entwischt bist, soll mir einerlei sein, doch warum musst du mir auch noch den Herd verwüsten? Unmöglich, hoffnungslos, den Kerl kriegen wir nicht zu fassen, dann lassen wir ihn eben laufen. Doch bringt jetzt einen neuen Kessel, zur Rache werfen wir Tripitaka hinein!«

Pilger, der auf halber Höhe zugehört hatte, sauste nach unten, trat mit gefalteten Händen vor den Unsterblichen und sprach: »Tut das meinem Meister nicht an. Steckt bitte mich in den Ölkessel.«

»Du Affenlump«, wetterte der Unsterbliche, »warum zerstörst du mir mit deinen Tricks den Herd?«

Pilger lachte: »Wenn Ihr das Pech habt, mir zu begegnen, kann ich nichts dafür, wenn Euer Herd kaputtgeht. Ich hätte Euer liebenswürdiges Angebot gern angenommen, doch musste ich unbedingt meine Notdurft verrichten. Hätte ich das im Kessel getan, wäre doch das ganze Öl verdorben, und ihr hättet es nicht mehr zum Kochen verwenden können. Jetzt aber bin ich ganz sauber, also lasst von meinem Meister ab und steckt mich hinein!«

Der Große Unsterbliche lachte bitter auf, trat aus der Halle und packte ihn mit einem Griff. Und da wir nicht wissen, was er ihm nun sagen wollte, lasst uns das nächste Kapitel anhören.