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026 Wukong sucht drei Inseln nach Rezepten ab / Guanyin heilt mit süßem Tau den Ginsengbaum

Halte dich in weltlichen Belangen

An »Klinge« auf dem »Herzen«: Das Erdulden;

Auf dem Wege der Vervollkommnung hingegen

Bedenke »Aber« neben »Zoll«: Beharrlichkeit.192

So gibt es denn auch unter Starken

Solche, die noch stärker sind;

Nachsicht üben mit den Menschen

Hat seit alters seinen Grund.

Doch berichten wir nun, wie Meister Zhenyuan, der Große Unsterbliche, Pilger festhielt und sprach: »Ich weiß ja, was für Fähigkeiten du hast. Doch diesmal hast du die Grenze des Annehmbaren überschritten und das Herz betrogen. Wohin du dich auch wenden magst, mir wirst du nicht entkommen, und sei es, dass ich mit dir in den Westen reise. Selbst wenn du deinen Buddha gesehen hast, wirst du nicht umhinkommen, mir meinen Ginsengbaum zurückzugeben, und zwar ohne falsche Tricks!«

»Ach, mein Herr, Ihr seid gar kleinlich!« lachte Pilger. »Den Baum wiederherzustellen ist doch nicht schwierig! Hättet Ihr das früher gesagt, dann hätten wir uns das ganze Kräftemessen ersparen können.«

»Und ich hätte dich einfach laufen lassen?«

»Sobald Ihr meinen Meister befreit, mache ich den Baum wieder lebendig, einverstanden?« schlug Pilger vor.

»Falls du den Baum heilen kannst, schließe ich mit Freuden Brüderschaft mit dir.«

»Darauf kommt’s nicht an. Wenn Ihr meinen Meister und meine Ordensbrüder freilasst, könnt Ihr Euch auf den alten Sun verlassen. Ich werde dafür sorgen, dass Euer Baum wieder lebendig wird«, versprach Pilger. In der Gewissheit, dass Pilger ihm nicht zu entgehen vermochte, gab der Große Unsterbliche den Befehl, Tripitaka, Bajie und Sandmönch loszubinden.

»Wo willst du denn ein Heilmittel finden?« fragte Tripitaka.

Pilger meinte: »Schon im Altertum hieß es doch: ›Arzneien kommen über den Ozean.‹ Ich gehe jetzt zum Ostmeer auf die Drei paradiesischen Eilande und die Zehn Inseln der Unsterblichen. Dort werde ich die Erleuchteten und Heiligen um eine Methode zur Wiederbelebung bitten. Ich garantiere Euch, dass ich den Baum wieder lebendig kriege.«

»Wie lange geht es, bis du wieder da bist?« fragte Tripitaka besorgt.

»Nicht länger als drei Tage«, gab Pilger zur Antwort.

»Gut, dann setze ich dir eine Frist von drei Tagen«, bestimmte Tripitaka. »Falls du innerhalb von drei Tagen zurück bist, soll es mir recht sein; falls nicht, werde ich den Spruch aufsagen.«

»Zu Befehl, zu Befehl«, meinte Pilger.

Seht, wie er sich im Überschlag zu den Wolken hochschwingt!

Schnurstracks sauste er zum Östlichen Ozean und landete auf der paradiesischen Insel Penglai. Dort wandelte er in der wundervollen Landschaft dahin und konnte sich kaum sattsehen, bis er auf einmal drei Greise gewahrte, die vor der Grotte der Weißen Wolken unter einer Kiefer beim Schachspiel saßen. Der eine, der zuschaute, war der Sterngott der Langlebigkeit, die beiden anderen Spieler waren der Sterngott des Glücks und der Sterngott des Reichtums.

Pilger trat auf sie zu und rief: »Seid gegrüßt, alte Brüder!«

Als die drei Sterngötter ihn erblickten, schoben sie die Steine vom Brett, hießen ihn willkommen und fragten: »Was treibt Euch hierher, Großer Heiliger?«

»Ich komme eigens, mich mit Euch zu vergnügen«, meinte Pilger.

»Ich hörte sagen, Ihr hättet den Daoismus verworfen und Euch dem Buddhismus zugewandt, um den Priester aus China in den Westen zu begleiten«, wunderte sich der Gott der Langlebigkeit. »Wie kommt es, dass Ihr dabei noch Zeit findet, uns zum bloßen Vergnügen aufzusuchen?«

»Nun«, meinte Pilger, »ich will es Euch offen sagen: Eben wegen dieser Westreise bin ich alter Sun in Schwierigkeiten geraten. Darum muss ich Euch mit einer Kleinigkeit belästigen, falls das genehm ist.«

»Wo seid Ihr denn in Schwierigkeiten gekommen?« fragte der Gott des Glücks.

»Im Kloster der Fünf Weiler auf dem Berg des Langen Lebens.«

»Das ist doch da, wo der Große Unsterbliche Zhenyuan wohnt«, meinten die drei und fragten: »Ihr habt doch nicht etwa heimlich von seinen Ginsengfrüchten gegessen?«

»Was sollen die schon wert sein?« gab Pilger lachend zurück.

»Dieser Affe!« empörten sich die Sterngötter. »Ihr wisst wirklich nicht, was wertvoll ist. Diese Früchte heißen ›Geläutertes Pflanzen-Elixier des ewigen Lebens‹; ihre Wirkung entspricht einem Grad der Vervollkommnung, der die unsere weit übersteigt! Mit diesen Früchten kann der Große Unsterbliche ohne weiteres ein Alter erreichen, das dem des Himmels gleichkommt. Wir hingegen mussten zu diesem Zwecke alle möglichen Praktiken üben: Die Körperessenz nähren, die Lebensenergie läutern, den Geist festigen, Drache und Tiger harmonisieren, mit dem Trigramm Kan das Trigramm Li auffüllen; weiß der Himmel wie lange wir uns damit abgemüht haben. Wie könnt Ihr nur am Wert dieser Früchte zweifeln! Auf der ganzen Welt gibt es nur diese eine beseelte Wurzel.«

»Beseelte Wurzel, beseelte Wurzel«, brummte Pilger, »diese Wurzel hab ich schon erledigt!«

Bestürzt horchten die Greise auf: »Was, Ihr habt sie vernichtet?«

Da erzählte ihnen Pilger die ganze Geschichte von den gestohlenen Früchten und dem umgestoßenen Baum und schloss mit den Worten: »Jetzt bin ich gekommen, Euch alte Brüder um ein Rezept zu bitten, mit dem man diesen Baum heilen kann. Wenn Ihr mir eins gebt, kann ich Tripitaka befreien.«

Die Greise aber seufzten und sprachen: »Großer Heiliger, wenn Ihr nun ein Tier getötet hättet, sei es Vieh, Geflügel oder Insekt, sei es geschuppt oder gepanzert, dann wäre es für uns ein Leichtes gewesen, die Kreatur wieder ins Leben zu rufen. Ein Kügelchen Elixier, klein wie ein Hirsekorn, hätte ausgereicht. Der Ginsengbaum jedoch ist die beseelte Wurzel der Götter und Unsterblichen; wie sollte man ihn heilen können? Nein, wir haben kein Rezept.«

Pilger zog die Brauen zusammen.

»Großer Heiliger«, sprach der Sterngott des Glücks, »vielleicht findet Ihr anderswo eine Arznei. Wozu gleich Kummer und Sorgen?«

»Natürlich«, gab Pilger zurück, »wenn es hier nichts gibt, geh ich woanders hin, das ist keine Frage. Allein, dieser Tripitaka ist so streng und stur; er hat mir eine Frist von nur drei Tagen gesetzt. Wenn ich innerhalb dieser Frist nicht zurück bin, wird er den Reifverengungsspruch aufsagen!«

»Macht Euch keine Sorgen, Großer Heiliger!« beruhigte ihn der Gott der Langlebigkeit, »Meister Zhenyuan ist zwar älter als wir, doch sind wir mit ihm bekannt. Und da wir ihn erstens schon lange nicht mehr besucht haben und zweitens uns bei ihm erkenntlich zeigen möchten, wollen wir nun alle drei bei ihm vorsprechen, Eure Lage schildern und gleichzeitig Euren Meister davon abhalten, diesen Spruch aufzusagen und Euch Fristen zu setzen. Wir werden erst wieder weggehen, wenn Ihr mit dem Rezept zurück seid.«

»Habt allerbesten Dank!« rief Pilger. »Dann mögen die werten Brüder sich auf den Weg machen. Ich gehe!«

Die drei Sterngötter entschwebten auf einem glückverheißenden Lichtstrahl und gelangten zum Kloster der Fünf Weiler. Die hier Versammelten vernahmen plötzlich vom Himmel her schrille Kranichrufe, da sahen sie die Götter herniederschweben. Die Jünger, die sie erblickt hatten, meldeten: »Meister, die drei Sterngötter vom Ozean sind da!«

Meister Zhenyuan, der sich gerade mit Tripitaka und dessen Schülern unterhielt, eilte den Gottheiten über die Treppen der Halle zum Empfang entgegen.

Bajie fasste den Gott der Langlebigkeit am Ärmel und lachte: »Na, alter Fleischkopf, wir haben uns lange nicht mehr gesehen! Bist ja frisch und fidel wie eh und je, nicht mal ’ne Mütze hast du auf!«193

Tripitaka rief Bajie barsch zurück. Dann strich er sein Gewand zurecht und begrüßte die drei Sterngötter mit tiefen Verbeugungen. Vor dem Großen Unsterblichen vollführten die Götter die Begrüßungsriten, die sich Ranghöheren gegenüber ziemen. Anschließend setzte man sich.

»Lange haben wir Euer wertes Antlitz nicht mehr gesehen«, begann der Gott des Reichtums, »verzeiht uns die mangelnde Ehrerbietung. Kürzlich hat der Große Heilige unserer geringen Gegend einen Besuch abgestattet und berichtet, dass er Euren Elixierbaum beschädigt habe. Aus diesem Grunde fragte er nach einer Arznei zur Heilung des Baumes. Leider ist uns keine derartige Rezeptur bekannt, weshalb er woanders hingehen musste. Nun wäre es allerdings möglich, dass er in diesem Falle die gesetzte Frist von drei Tagen nicht einhalten könnte und der Reifverengungsspruch aufgesagt werden müsste. Wir sind nun eigens gekommen, Euch erstens einen Besuch abzustatten und zweitens um eine Verlängerung der Frist zu bitten.«

»Ich werde den Spruch nicht aufsagen«, versprach Tripitaka.

Doch verlassen wir einstweilen diese Versammlung der Unsterblichen und wenden uns Pilger zu, der von der Insel Penglai bereits die paradiesische Insel Fangzhang erreicht hatte. Er landete, doch diesmal hatte er keine Lust, sich an der Landschaft zu ergötzen. Wie er nun inmitten wohlriechender Dunstschleier zwischen schreienden schwarzen Kranichen daherging, kam ihm ein Unsterblicher entgegen. Es war der Königsvater des Ostens. Pilger trat auf ihn zu, legte die Hände zur Begrüßung übereinander und rief: »Seid gegrüßt, Königsvater!«

Dieser erwiderte die Geste und sprach: »Großer Heiliger, verzeiht, dass ich Euch nicht empfangen habe! Bitte kommt in mein geringes Heim zum Tee.«

Schon fasste er Pilger am Arm und führte ihn in seinen Palast, der so wunderbar aussah wie die mit Purpurmuscheln geschmückten Wasserpaläste der Flussgötter, ja sogar wie der Jaspispavillon am Jadeteich. Nachdem Pilger sich gesetzt hatte, bemerkte er, wie ein unsterblicher Knabe hinter einem Paravent hervortrat. So sah er aus:

Er trägt ein Daoistenkleid,

Strahlend wie aus Morgenrot;

Geht in leichten Strohsandalen,

Ein Seidenturban ist sein Hut.

Geläutert ist sein Ursprungsgeist,

Von sterblichem Gebein befreit;

So weilt er, das Werk vollendet,

Enthoben in Glückseligkeit.

Er hat Essenz, Energie und Geist

In ihrem Quell und Lauf erschaut;

Ohne Fehl und ohne Falsch

Weiß er um das Oberhaupt.194

Er, der weltlichem Ruhm entfloh,

Freut sich nun am ewigen Leben;

Konnte bei der Königinmutter

Sich dreimal an Pfirsichen laben.

So tritt er in Weihrauchdüften

Hinter dem Windschirm hervor;

Dieser junge Unsterbliche ist

Kein anderer als Dongfang Shuo!195

Pilger musste lachen: »Ha, du kleiner Bandit bist ja auch hier!« rief er ihm zu, »beim Königsvater gibt’s aber keine Pfirsiche zu naschen.«

Dongfang Shuo machte eine höfliche Verbeugung und gab zurück: »Was treibt denn dich hierher, du alter Räuber? Bei meinem Meister gibt’s kein Elixier zu stehlen!«

»Manqian!« wies ihn der Königsvater zurecht, »lass die Bemerkungen und gieße Tee auf!«

Manqian, das war der daoistische Ordensname von Dongfang Shuo.

Nachdem man den Tee getrunken hatte, sagte Pilger: »Ich alter Sun muss Euch mit einer Bitte belästigen, wenn Ihr das erlaubt.«

»Worum geht es?« fragte der Königsvater, und Pilger berichtete von neuem, was geschehen war.

»Ich habe hier ein Neunfach Geläutertes Elixier des Höchsten Einen«, sprach der Königsvater, »doch dieses heilt nur Menschen, keine Bäume. Würde es sich um eine normale irdische Pflanze handeln, ginge es ja noch, doch dieser Ginsengbaum ist eine göttliche Wurzel aus dem Uranfang der Welt! Wie sollte man so etwas heilen können? Nein, ich habe kein Rezept.«

»Wenn Ihr nichts habt, dann empfehle ich mich!« meinte Pilger, stieg abermals auf eine Wolke und kam direkten Weges zur paradiesischen Insel Yingzhou. Bei einem zinnoberroten Felsen, unter purpurnen Eiben, gewahrte er mehrere

Unsterbliche, alle mit knabenhaften Gesichtern und Schläfenhaaren wie Kranichgefieder, die Schach spielten, Wein tranken und sich lachend mit Plaudern und Singen vergnügten; es herrschte fröhliche Ausgelassenheit.

»Lasst mich doch auch mitspielen!« brüllte Pilger.

Die Unsterblichen blickten hoch und eilten ihm zur Begrüßung entgegen.

Pilger erkannte nun, dass es die Neun Alten waren, und bemerkte lachend: »Ihr alten Brüder habt es ja ganz schön gemütlich!«

»Wenn Ihr, Großer Heiliger, damals nicht jenen Aufruhr im Himmelspalast veranstaltet hättet, könntet Ihr es jetzt noch viel gemütlicher haben«, erwiderten die Neun Alten. »Doch inzwischen soll es Euch ja wieder gutgehen; wie wir

vernommen haben, sollt Ihr zum wahren Ursprung zurückgekehrt sein und nun zu Buddha in den Westen pilgern? Wie kommt es, dass Ihr da noch Zeit findet, uns zu besuchen?«

Ausführlich berichtete Pilger die Sache mit dem Baum und seiner Suche nach einer Arznei.

»Was habt Ihr da für ein Unheil angerichtet!« riefen die Neun Alten bestürzt, »was für ein Unheil! Bei uns gibt es wahrhaftig keine Arznei.«

»In dem Fall verabschiede ich mich«, meinte Pilger.

Als die Neun Alten ihn baten, eine Weilchen zu bleiben und von dem erlesenen Jaspistrunk und den smaragdenen Lotoswurzeln zu kosten, leerte er im Stehen einen Becher, verzehrte ein Stück Lotoswurzel und eilte dann direkten Wegs dem Östlichen Ozean entgegen. Schon bald erblickte er die Insel Potalaka, senkte seine Wolke und landete auf dem Gipfel des Potalaka-Berges, wo er auch schon die Bodhisattva Guanyin erblickte, die gerade am Purpurbambushain den Gottheiten aller Himmel die heiligen Schriften predigte. Der Bodhisattva war Pilgers Kommen nicht entgangen, und sie befahl dem großen Wächtergott des Berges, den Ankömmling in Empfang zu nehmen.

Da trat der Wächtergott aus dem Wald und rief laut: »Sun Wukong, wohin des Wegs?«

Pilger blickte jäh auf, dann fauchte er: »Dieser Bärengeist! Bist du es, der mich ›Wukong‹ gerufen hat? Hätte ich dir damals nicht das Leben geschenkt, wärst du längst ein Leichengespenst am Schwarzwindberg. Und jetzt, da dir bei Guanyin ein gutes Schicksal sicher ist, nennst du mich beim Vornamen! Kannst du mich nicht wenigstens mit ›Werter Herr‹ anreden?«

»Großer Heiliger«, meinte der Wächtergott mit einem versöhnlichen Lächeln, »schon die Weisen des Altertums sagten: ›Der Edle gedenkt nicht alter Zwiste.‹ Wozu noch auf dieser Sache rumreiten. Bodhisattva Guanyin schickt mich, Euch zu empfangen.«

Pilger folgte dem Wächtergott in den Purpurbambushain, begrüßte Guanyin mit einer ehrerbietigen Verneigung und erzählte auf ihre Frage nach dem Grund seines Kommens die ganze Begebenheit von neuem.

»Warum warst du denn erst auf den Inseln, statt gleich zu mir zu kommen?« fragte Guanyin.

Pilger frohlockte insgeheim, trat vor und bat inständig um Hilfe. Guanyin sprach: »Der süße Tau in meiner reinen Vase eignet sich bestens zur Heilung himmlischer Bäume und beseelter Keime.«

»Habt Ihr das schon einmal ausprobiert?« wollte Pilger wissen.

»Ich habe einst eine Wette gegen Laozi gewonnen. Er hat meine Weidenzweige genommen und sie in seinen Elixierofen gesteckt, wo sie vollkommen ausgetrocknet und verkohlt sind. Dann hat er sie mir zurückgegeben. Ich aber habe sie in diese Vase gesteckt, und nach einem Tag und einer Nacht waren sie wieder so frisch und grün wie zuvor.«

»Wunderbar, wunderbar!« lachte Pilger. »Wenn damit selbst verkohlte Zweige geheilt werden, wird es ja ein Leichtes sein, einen umgestürzten Baum zum Leben zu erwecken!«

Die Bodhisattva hieß ihr Gefolge den Bambushain bewachen und rief: »Ich bin gleich wieder da!« Mit der Vase in der Hand schritt sie voran, ein weißer Papagei flatterte kreischend vor ihr her, und Sun Wukong folgte ihr nach.

Doch lasst uns berichten, wie der Große Unsterbliche, der sich gerade im Kloster mit den drei Sterngöttern unterhielt, sah, wie der Große Heilige herniederschwebte und rief: »Bodhisattva Guanyin ist da!«

Aufgeregt eilten alle nach draußen, sie in Empfang zu nehmen. Die Bodhisattva ließ ihre glückverheißende Wolke herniederschweben, wechselte erst mit Meister Zhenyuan ein paar Worte und begrüßte dann die drei Sterngötter. Pilger führte Tripitaka, Bajie und Sandmönch vor ihren Thronsitz, wo sich alle tief vor ihr verneigten. Auch die Unsterblichen des Klosters kamen alle herbei und verneigten sich ehrerbietig.

»Großer Unsterblicher«, meinte Pilger, »wir wollen keine Zeit verlieren. Bitten wir doch die Bodhisattva jetzt gleich, Euren Baum zu kurieren.«

Meister Zhenyuan ließ in aller Eile die Gartenhöfe reinigen und Altartische mit Räucherwerk und Kerzen darin aufstellen, dann führte er die Bodhisattva allen voran in den Garten. Die anderen folgten ihr nach, bis in den Hof, wo der gestürzte Baum lag, die Erde aufgebrochen, die Wurzeln in der Luft, Blätter und Äste abgefallen und verdorrt. Guanyin befahl Pilger, die Hand auszustrecken. Dieser streckte ihr seine linke Handfläche entgegen, worauf die Bodhisattva ihm mit dem Weidenzweig, den sie zuvor in den süßen Tau ihrer Vase getunkt hatte, ein magisches Zeichen zur Wiederbelebung auf seine Handfläche malte. Dann befahl sie ihm, seine Hand so lange unter die Wurzeln zu halten, bis Wasser austreten würde. Pilger ballte die Faust und hielt sie ins Wurzelwerk. Schon nach kurzer Zeit quoll frisches, klares Wasser aus der Erde.196

»Das Wasser muss mit einem Gefäß aufgefangen werden, das keiner der Fünf Wandlungsphasen angehört«, erklärte Guanyin nun. »Man muss es mit Jadeschalen schöpfen, dann den Baum aufrichten und ihn von oben mit dem Wasser besprühen. Auf diese Weise wird er wieder lebendig werden.«

Meister Zhenyuan befahl seinen Jüngern, dreißig bis fünfzig Jadetassen und Jadeschalen zu bringen. Damit wurde die Flüssigkeit geschöpft, während Pilger zusammen mit Bajie und Sandmönch den Baum aufstemmte, bis er wieder senkrecht stand. Dann häuften sie Erde über die Wurzeln. Anschließend reichte man Guanyin ein Jadegefäß nach dem anderen; sie tunkte den Weidenzweig in die Flüssigkeit und besprengte den Baum, indem sie heilige Mantras murmelte. Es dauerte nicht lange, da hatte sie die geschöpfte Flüssigkeit über dem Baum versprüht. Und nun konnte man tatsächlich zusehen, wie der Baum wieder frisch und grün wurde und sein dichtes, schattenspendendes Laubwerk neu entfaltete, mit dreiundzwanzig Ginsengfrüchten an den Ästen.

Guanyin tunkte den Weidenzweig in die Flüssigkeit und besprengte den Baum,

indem sie heilige Mantras murmelte.

Verwundert riefen Reiner Wind und Klarer Mond: »Als wir vor ein paar Tagen gesehen haben, dass Früchte fehlten, waren es nur zweiundzwanzig, wie auch immer wir zählen mochten. Wie kommt es nur, dass jetzt eine mehr da ist?«

»Die Zeit bringt des Herzens Wahrheit ans Licht«, sprach Pilger. »Ich alter Sun habe damals nur drei Früchte gestohlen; eine ist auf den Boden gefallen. Der Erdgeist hat mir dann erklärt, dass diese Früchte in die Erde einzudringen pflegen. Bajie hat schon geglaubt, ich hätte ihn übervorteilt. Doch jetzt seht ihr ja, was los war.«

»Genau deshalb, weil ich wusste, dass sich diese Pflanze nicht mit den Fünf Elementen verträgt, habe ich eben nach Gefäßen verlangt, die keiner der fünf Wandlungsphasen angehören«, sagte Guanyin.

Überglücklich ließ Meister Zhenyuan umgehend das goldene Schlagstöckchen bringen und holte zehn Früchte vom Baum. Dann führte er Guanyin und die drei Sterngötter in die Tempelhalle, einerseits um sich dort gebührend bei ihnen zu bedanken, andererseits um ihnen die kostbaren Früchte aufzutischen. Seine Jünger schoben Tische und Stühle zurecht, baten die Bodhisattva auf den Ehrenplatz am oberen Tischende, die drei Sterngötter an die Plätze zu ihrer Linken, Tripitaka und seine Schüler zu ihrer Rechten, und Meister Zhenyuan setzte sich in ihre Nähe. Guanyin und die drei Sterngötter genossen je eine Frucht, sogar Tripitaka, der nun wusste, dass es sich um eine Kostbarkeit der Unsterblichen handelte, kostete eine, und auch Wukong, Bajie und Sandmönch erhielten jeder eine Frucht. Um ihnen Gesellschaft zu leisten, verzehrte auch Meister Zhenyuan eine. Die übrigbleibende Frucht wurde unter die Jünger des Klosters verteilt.

Schließlich bedankte sich Pilger bei Guanyin, die auf ihre Insel Potalaka zurückkehrte, und verabschiedete sich von den drei Sterngöttern, die zur Insel Penglai entschwebten. Nun ließ Meister Zhenyuan Klosterwein auftragen und trank auf seine Verbrüderung mit Pilger. Das war nun in der Tat, wie das Sprichwort sagt:

»Ohne Fehden lernt man sich nicht kennen.«

So schlossen die zwei Sippen sich zusammen.

Als es Abend wurde, legten sich die vier Schriftenholer frohgemut zur Ruhe. Und da wir nicht wissen, wann sie sich schließlich verabschiedeten, lasst uns das nächste Kapitel anhören.