Accueil > Die Reise nach Westen > Kapitel27

027 Ein Leichendämon täuscht den Priester drei Mal / Der heilige Mönch verstößt den Affenkönig

Berichten wir weiter von Tripitaka und seinen Schülern, die sich am folgenden Morgen zum Aufbruch rüsteten. Meister Zhenyuan aber wollte sie um keinen Preis ziehen lassen, ohne sie mit aller Gastfreundschaft bewirtet zu haben. Daher blieben sie noch ganze fünf, sechs Tage im Kloster, bis sie sich schließlich verabschiedeten und die Weiterreise antraten.

Seit der Priester von dem Geläuterten Pflanzenelixier gegessen hatte, fühlte er sich tatsächlich wie neugeboren, erfrischt im Geiste und körperlich gestärkt. Während sie so dahinwanderten, gewahrten sie in der Ferne abermals ein hohes Gebirge. Tripitaka gemahnte seine Schüler zur Vorsicht, doch Pilger meinte: »Meister, Ihr braucht Euch nicht zu sorgen, wir drei kommen schon klar!«

Der gute Affenkönig! Mit quer geschulterter Stange schritt er vor dem Pferd her und machte den Bergweg frei, bis zu den hohen Gipfeln. Als sie mitten in den steilsten Felsen waren, sagte Tripitaka: »Wukong, ich fühle mich hungrig nach dem ganzen Tag. Hol mir irgendwo Almosen.«

Pilger schnellte empor, hielt auf wolkiger Höhe die Hand über die Augen und spähte in alle Richtungen. Ach, wie öde sah dieser Weg nach Westen aus! In der Tat, es war eine Gegend, in der man viele Bäume sah, doch keinen einzigen Menschen. Erst nach langem entdeckte er schließlich weit im Süden einen hohen Berg, an dessen Sonnenhang rote Punkte auszumachen waren.

Pilger senkte seine Wolke und rief: »Meister, hier gibt es nirgendwo menschliche Siedlungen, wo ich Euch Speisen holen könnte. Doch auf einem Berg im Süden habe ich etwas Rotes gesehen; es muss sich um reife Pfirsiche handeln. Davon werde ich Euch ein paar pflücken, damit Ihr den ärgsten Hunger stillen könnt.«

Tripitaka freute sich und meinte: »Für uns Mönche sind Pfirsiche doch etwas vom Besten!«

Pilger holte die Almosenschale und erhob sich auf einen

glückverheißenden Lichtstrahl. Seht, wie er im Wolkenüberschlag schnurstracks gen Süden saust, um Pfirsiche zu pflücken! Doch davon sei hier nicht weiter die Rede.

Nun heißt es ja seit alters her: »In hohen Bergen leben Dämonen, bei schroffen Felsen hausen Geister.« Tatsächlich wohnte auch in diesem Gebirge ein Dämon, und der fuhr gerade auf einem kalten Windstoß in wolkiger Höhe dahin, als er den am Boden sitzenden Priester entdeckte.

»Oh, welch ein Glück!« frohlockte er, »seit Jahren schon sprechen die Leute doch davon, dass ein Priester aus China unterwegs sei, die Mahayana-Schriften zu holen. Es heißt, er sei die Inkarnation von Meister Goldzikade und beschreite den Weg der Vervollkommnung seit zehn Reinkarnationen. Wenn man von seinem Fleisch zu essen kriegt, wird man unsterblich! Nun ist er also tatsächlich hier.«

Schon wollte er sich auf den Priester stürzen, doch da bemerkte er, wie Bajie und Sandmönch ihn zu beiden Seiten beschützten, und wagte sich nicht zu nähern.

»Na, warte nur«, zischte der Dämon, »gleich werde ich ihm etwas vorgaukeln, dann sehen wir ja, wie er reagiert.«

Er dämmte seinen kalten Wind, landete in einer Talsenke und verwandelte sich mit einer leichten Körperdrehung in eine anmutige junge Frau mit bezauberndem Antlitz. Mit einer blauen Keramikdose in der linken und einem grünen Porzellanfläschchen in der rechten Hand kam er den Pilgernden von Westen her entgegen.

Als Tripitaka die Frau erblickte, meinte er zu Bajie und Sandmönch: »Eben hat Wukong noch behauptet, das sei eine menschenleere Gegend. Doch seht, dort drüben kommt ja jemand!«

Da meinte Bajie: »Dann geh ich alter Eber mal schauen.«

Der Tölpel legte seinen Rechen ab und stapfte, um vornehme Haltung bemüht, der jungen Frau entgegen. So war sie in der Tat:

Zart und fein wie Weidenblätter

Sind die dunkelgrünen Brauen,

Helle Silbersterne funkeln

Aus den mandelschönen Augen.

In dem mondengleichen Antlitz

Liegt ein Hauch von Herzeleid;

Von Natur aus scheint ihr Wesen

Voll von reiner Lauterkeit.

Einer Schwalbe gleicht ihr Leib

Zwischen lichtem Weidengrün,

Wie des Pirols Sang im Walde

Klingt die Stimme süß und schön.

Gleich der Apfelblüte, halb geöffnet,

Von des Morgens Strahl erfüllt;

Wie die Päonie, die frisch entfaltet

Mit dem klaren Frühling spielt!

Bei diesem Anblick regte sich in Bajie das profane Herz, und er rief ihr zu: »Werte Dame, wohin des Wegs? Was tragt Ihr denn da in der Hand?«

Die Frau antwortete ohne Scheu: »Werter Priester, in der Dose habe ich gedämpften Duftreis, im Fläschchen geröstetes Mehl. Ich komme zu Euch, weil ich mein Gelübde einlösen möchte, Wandermönchen Almosen zu spenden.«

Freudestrahlend wandte sich Bajie um, rannte wie ein verrückter Eber zurück und rief Tripitaka zu: »Meister! Guten Menschen steht eben der Himmel bei. Vorhin habt Ihr doch Wukong auf Almosengang geschickt, wer weiß, wo sich der Affe jetzt mit Pfirsichen vergnügt. Dabei verderben Pfirsiche doch bloß den Magen. Aber seht, da bringt uns jemand Almosen!«

»Auf dem ganzen Weg durch diese Gegend sind wir noch keiner Menschenseele begegnet«, wunderte sich Tripitaka, »wo soll hier jemand Almosen bringen?«

»Aber Meister, sie steht ja schon vor Euch!«

Als Tripitaka die Frau erblickte, erhob er sich eilends und sprach mit gefalteten Händen: »Werte Dame, wo seid Ihr denn zu Hause? Was führt Euch mit Almosen hierher?«

Der Dämon antwortete: »Werter Meister, dieses Gebirge heißt Baihuling, ›Berg des Weißen Tigers‹, eine Gegend, die selbst von Schlangen und wilden Tiere gemieden wird. Dort drüben im Westen bin ich zu Hause; meine Eltern sind sehr fromm, lesen die Heiligen Schriften und üben sich in Barmherzigkeit, auch mein Gatte ist die Wohltat in Person, stets macht er Brücken und Pfade neu begehbar, opfert Buddha und verpflegt Wandermönche. Fürwahr, es ist ein glücklicher Zufall, dass ich Euch hier begegne! Bitte erlaubt mir, Euch diese Speisen zu überreichen, mögen sie Euren ärgsten Hunger stillen.«

Tripitaka zögerte noch, doch was konnte er gegen Bajies Gier tun? Denn schon packte dieser die Dose und wollte sich darüber hermachen. Im selben Augenblick schoss Pilger im Überschlag heran, fixierte die Frau mit seinen feurigen Goldaugen und sah sofort, dass es ein Dämon war. Er legte die Almosenschale zu Boden, packte seine Eisenstange und holte aus zum Hieb. Entsetzt fiel ihm der Priester in den Arm und rief: »Wukong, wen schlägst du da?«

»Meister, glaubt ja nicht, die Frau, die vor Euch steht, sei eine gutherzige Person. Das ist ein Dämon, der Euch betrügen will!« rief Wukong.

»Du Affenschädel!« schimpfte Tripitaka. »Die Dame ist mit dem frommen Wunsch gekommen, uns Almosen zu spenden. Wie kannst du nur behaupten, sie sei ein Dämon?«

Pilger lachte: »Ach Meister, was habt Ihr für eine Ahnung! Genau auf diese Weise hab ich alter Sun damals, als ich noch als Dämon in der Wasservorhang-Grotte lebte, mich verwandelt und Leute verführt, wenn ich Lust auf Menschenfleisch hatte. Wäre ich nicht rechtzeitig gekommen, wäret Ihr der List zum Opfer gefallen!«

Doch wie hätte ihm Tripitaka auch glauben sollen! Er blieb fest dabei, die Frau sei ein guter Mensch.

»Meister«, meinte Pilger, »ich verstehe ja, dass ihr hübsches Antlitz Euer Herz zu weltlichen Regungen veranlassen muss. Also schlagt doch am besten gleich ein Lager auf, legt Euch zu ihr und macht sie zur Braut, dann geht jeder seiner Wege. Wäre doch eine gute Lösung? Wozu auch diese Schriften holen!«

Der Priester war ja ein zartfühlender Charakter, und über den unsanften Worten Pilgers versank er in Schamröte. Da ließ Pilger seiner Wut freien Lauf und schmetterte die Eisenstange mit voller Wucht auf den Dämon. Der aber hatte auch seine Fähigkeiten und bediente sich einer Leichenmagie, indem er dem Leib vorzeitig entschlüpfte und eine gefälschte Leiche am Boden liegen ließ. Der Priester zitterte am ganzen Körper und stammelte: »Unerhört! Der Affe vergeht sich am Leben unschuldiger Menschen!«

»Meister«, rief ihm Pilger zu, »kommt doch und schaut, was in der Dose und im Fläschchen war!«

Tripitaka ging hin und schaute. Da war ja keine Spur von Duftreis und geröstetem Mehl! Stattdessen war die Dose voller Maden, und ein paar hässliche Kröten hüpften über den Boden. Nun schenkte er Pilger doch ein wenig Glauben. Bajie aber rümpfte die Nase und sagte: »Die Frau war doch eine einheimische Bäuerin! Wie kannst du sie bloß für einen Dämon halten? Meister, Wukong hat bloß Angst, dass Ihr diesen Verengungsspruch wieder aufsagt, darum gaukelt er Euch diese Dinger vor!«

Mit diesem Satz geriet Tripitaka ins Unheil! Denn jetzt ging er tatsächlich Bajies Aufwiegelei auf den Leim, legte die Hände aneinander und begann den Reifverengungsspruch aufzusagen.

»Aua, mein Kopf, mein Kopf!« schrie Pilger, »lasst ab, lasst ab! Redet doch mit mir.«

»Was gibt es da zu reden!« fuhr ihn Tripitaka an. »Wir Mönche müssen uns jederzeit in der Wohltätigkeit üben, kein Gedanke unseres Herzens darf vom Guten abweichen! Wie kannst du ohne jeglichen Grund einen Menschen töten? Was bringen dann die Heiligen Schriften? Mach, dass du fortkommst!«

»Aber Meister, wohin soll ich denn gehen?« fragte Pilger.

»Ich will dich nicht länger zum Schüler haben.«

»Wenn ich nicht Euer Schüler bin, werdet Ihr den Weg in den Westen wahrscheinlich nicht schaffen.«

»Mein Schicksal hängt allein vom Himmel ab«, versetzte Tripitaka. »Glaubst du etwa, du könntest mich vor meinem vorbestimmten Lebensende bewahren? Geh weg, aber schnell!«

»Meister, wenn es sein muss, dann gehe ich eben. Nur habe ich Euch Eure Gunst noch nicht vergelten können!«

»Welche Gunst?« fragte Tripitaka unwirsch.

Pilger warf sich ihm zu Füßen, schlug die Stirn auf den Boden und rief: »Mit dem Aufruhr im Himmelspalast brachte ich großes Unglück über mich und wurde von Buddha unter den Grenzberg gesperrt. Meine Befreiung habe ich allein Bodhisattva Guanyin und Euch, Meister, zu verdanken. Guanyin erteilte mir die Gebote, und Ihr habt mich aus dem Berg befreit. Wenn ich Euch nicht bis in den Westhimmel begleiten kann, bin ich nichts als ein undankbarer Heuchler, und mein schimpflicher Name wird über alle Zeiten hinweg nicht erlöschen!«

Nun war Tripitaka ja ein barmherziger Mönch, und als er Pilgers verzweifelte Klage hörte, lenkte er ein: »Nun gut, dieses eine Mal will ich dir noch verzeihen. Aber führe dich niemals wieder so schändlich auf. Wenn es noch einmal zu einer Gewalttat kommt, werde ich den Spruch auf der Stelle zwanzig Mal aufsagen!«

Da half ihm Pilger aufs Pferd und reichte ihm die Pfirsiche, die er gepflückt hatte. Auf dem Sattel verzehrte Tripitaka einige, um den größten Hunger zu stillen.

Doch lasst uns nun von dem Dämon berichten, der knapp dem Tode entronnen und in die Lüfte gestiegen war. In der Höhe zischte er zähneknirschend: »Seit Jahren habe ich von seinen magischen Kräften reden hören. Da ist tatsächlich was dran. Der Priester selbst hat mich nicht erkannt; er hätte gleich zu essen begonnen. Hätte er nur den Kopf gesenkt, um die Speisen zu riechen, dann hätte ich ihn gepackt, und er wäre mein gewesen! Doch der andere hat mir alles verdorben; um ein Haar hätte er mich auch noch mit seiner Stange getroffen. Ha, den lasse ich mir nicht entgehen! Warte nur, jetzt geh ich noch mal runter und gaukle ihm was vor.«

Der gute Dämon! Auf einer düsteren Wolke landete er am Berghang, verwandelte sich mit einer leichten Körperdrehung in ein altes Weib um die achtzig und ging, auf einen Spazierstock aus Bambus gestützt, mit kleinen Schritten schluchzend auf die Schriftenholer zu.

Bajie erblickte sie und rief: »O Meister, wie schrecklich! Das ist gewiss die Mutter der Dame, die mein Ordensbruder ermordet hat!«

»Lass den Quatsch«, wies Pilger ihn zurecht, »die junge Frau war nicht mehr als achtzehn Jahre alt, und die hier ist um die achtzig. Soll sie etwa mit sechzig noch geboren haben? Garantiert ist auch das ein Trugbild. Wartet, ich alter Sun gehe mal hin.«

Mit kraftvollen Schritten ging Pilger auf das Weib zu, erkannte den Dämon und erhob, ohne ein Wort zu verlieren, seine Stange gegen ihn. Kaum hatte der Dämon die Stange bemerkt, griff er zur selben Methode wie zuvor und ließ seinen Urgeist aus dem Körper fahren, worauf abermals eine falsche Leiche am Wegesrand liegen blieb. Tripitaka, der die Szene fassungslos mitverfolgt hatte, glitt vom Sattel zu Boden, wo er reglos und ohne jede Diskussion den Spruch zwanzig Mal hintereinander aufsagte. Dem armen Pilger wurde der Kopf so stark eingeschnürt, dass er aussah wie eine taillierte Kalebasse! In quälenden Schmerzen wälzte er sich über den Boden und flehte: »Meister, hört auf! Sprecht doch mit mir!«

»Es gibt nichts zu sagen!« fuhr Tripitaka ihn an. »Die ganze Zeit über versuche ich dich zu ermahnen, und du machst nichts als Grausamkeiten; einen Menschen nach dem anderen schlägst du tot! Das kann doch nicht wahr sein!«

»Es war ein Dämon«, entgegnete Pilger.

»Unsinn!« rief Tripitaka, »es kann doch hier nicht so viele Dämonen geben? Du bist einfach mit voller Absicht gewalttätig. Mach, dass du fortkommst!«

»Ihr wollt mich wieder fortschicken? Nun, dann will ich eben gehen, nur gibt es da noch etwas, das nicht in Ordnung ist.«

»Was denn?«

»Ehrlich gesagt, Meister, damals als ich mich in der Wasservorhang-Grotte auf dem Blumen-Früchte-Berg als großer Held aufspielte, hatte ich ein richtig königliches Auftreten. Doch seit ich Euch als Schüler diene, habe ich diesen Reif um die Stirn, und damit kann ich doch nicht vor meine Landsleute treten! Wenn Ihr mich nicht mehr wollt, dann sagt bitte einen Zauberspruch, der den Reif ablöst, so dass ich ihn Euch zurückgeben kann, dann werde ich Eurem Willen gerne folgen. Immerhin habe ich Euch ein Stück weit begleitet, das bisschen Mitgefühl werdet Ihr doch wohl noch haben.«

Betroffen sagte Tripitaka: »Die Bodhisattva hat mich damals nur einen Spruch zur Reifverengung gelehrt, keinen zum Lösen!«

»Dann lasst mich doch mit Euch weiterziehen.«

Der Priester sah, dass er keine andere Wahl hatte, und sprach: »Nun, steh auf. Noch einmal will ich dir verzeihen. Doch darfst du nie wieder Gewalt anwenden!«

»Ich werde es nicht mehr riskieren«, versprach Pilger. Abermals half er dem Meister in den Sattel, dann ging er voran und machte den Pfad frei.

Doch wenden wir uns wieder dem Dämon zu, der auch diesmal heil davongekommen war. Bewundernd murmelte er auf halber Höhe: »Dieser Affenkönig hat es in sich! Er hat mich sogar in dieser Verwandlung erkannt. Die Mönche reisen schnell, sobald sie über den Berg sind, vierzig Meilen weiter westwärts, ist mein Machtbereich zu Ende. Da will ich doch lieber noch mal runtergehen und was vorgaukeln.«

Der gute Dämon! Abermals vollzog er am Berghang eine Verwandlung, diesmal in einen alten Mann, der mit einem Gebetskranz in der Hand seines Weges ging. Tripitaka erblickte ihn vom Pferd aus und rief: »Buddha Amithaba! Seht, was für ein gesegnetes Land dieser Westen ist: Der alte Mann dort kommt kaum den Berg hoch und lässt dennoch nicht vom Gebet ab!«

»Meister«, fiel ihm Bajie ins Wort, »bloß kein vorzeitiges Lob! Der Mann ist doch gerade die Wurzel des Übels!«

»Wieso die Wurzel des Übels?« fragte Tripitaka erstaunt.

»Pilger hat doch seine Tochter und seine Frau erschlagen. Gewiss ist dies der Vater, der uns jetzt aufsucht. Wenn wir ihm in die Arme laufen, müsst Ihr das womöglich mit dem Leben bezahlen!«

»Diese Wurzel der Dummheit quatscht wieder Unsinn!« rief Pilger. »Wartet, ich alter Sun will mir das mal ansehen.«

Er versteckte seine Stange hinter dem Rücken, trat auf den Dämon zu und rief: »Wohin des Wegs, werter Herr? Wozu sagt Ihr beim Wandern Gebete auf? Na, versuche bloß nicht, mich hinters Licht zu führen, ich weiß ganz genau, dass du ein Dämon bist!«

Dem Dämon verschlug es vor Schreck die Sprache. Pilger packte seine Eisenstange, doch dann dachte er bei sich: »Schon zweimal ist mir dieses Ungeheuer entwischt. Wenn es noch mal so geht, ist meine Arbeit schon wieder umsonst. Nein, diesmal muss ich ihm den Garaus machen! Und sollte es mir der Meister wieder übelnehmen, dann verlasse ich mich einfach auf meine Überredungskünste.«

Der gute Große Heilige! Mit einem Zauberspruch rief er den ortsansässigen Erdgeist und den Geist des Gebirges zu sich und sprach: »Dieser Dämon hat meinen Meister dreimal in die Irre geführt. Diesmal muss ich ihn erledigen. Steht mir in der Luft bei, ihn abzufangen. Er darf auf keinen Fall entkommen!«

Gehorsam bezogen die Geister in den Wolken Stellung. Pilger aber schwang seine Stange und erschlug den Dämon, so dass diesmal auch sein Geist erlosch. Entsetzt saß Tripitaka auf dem Pferd, zitterte und brachte kein Wort heraus. Bajie, der neben ihm stand, bemerkte grinsend: »Der gute Pilger ist übergeschnappt! In keinem halben Tag hat er drei Menschen umgebracht!«

Schon wollte Tripitaka mit dem Aufsagen des Zauberspruchs beginnen, doch Pilger sprang vor sein Pferd und rief: »Meister, sagt den Spruch nicht auf, kommt her und schaut Euch das an!«

Am Boden lag ein Haufen weißer Knochen. Von Grauen gepackt rief Tripitaka: »Wukong, der Mann ist doch eben erst gestorben, wie geht es zu, dass nur noch die Knochen daliegen?«

»Das war ein Leichengeist, der hier seinen Spuk getrieben hat. Er führt Menschen in die Irre, um ihr inneres Wesen zu vernichten. Jetzt seht Ihr seine wahre Gestalt, weil ich ihn erschlagen habe. Auf der Wirbelsäule seht Ihr die Schriftzeichen ›Weiße Knochenfrau‹.«

Als Tripitaka diese Worte hörte, war er nun doch geneigt, ihm zu glauben. Doch wie hätte man auch verhindern können, dass Bajie wieder ins Wort fiel und rief: »Meister, es ist doch ganz klar, dass er einen Menschen erschlagen hat. Nur weil er sich vor Eurem Spruch fürchtet, gaukelt er Euch jetzt diese Erscheinung vor!«

Schon war Tripitaka wieder verunsichert, schenkte von neuem Bajie Glauben und begann den Spruch aufzusagen. Von schrecklichem Schmerz gequält, kniete Pilger am Wegesrand nieder und schrie: »Hört auf, hört auf! Lasst uns miteinander reden!«

»Du Affenschädel!« rief Tripitaka, »was soll es noch zu reden geben? Ein wohltätiger Mensch gleicht dem Gras im Frühling: Man sieht nicht, wie es wächst, doch mehrt es sich von Tag zu Tag. Ein schlechter Mensch jedoch gleicht dem Wetzstein: Man sieht nicht, wie er verbraucht wird, doch nimmt er täglich ab. Heute hast du nacheinander drei Menschen erschlagen und zeigst dich derart unbelehrbar; wie soll ich das noch erdulden können? Mach, dass du fortkommst!«

»Meister«, rechtfertigte sich Pilger, »es war unverkennbar ein Dämon; er wollte Euch Schaden zufügen! Ich habe Euch das Übel aus dem Weg geräumt, doch Ihr schenkt Bajies Verleumdung Glauben und wollt mich fortjagen. Nun, der Volksmund sagt ›Dreimal ist ein Mal zu viel‹; würde ich jetzt nicht gehen, müsste ich mich schamlos nennen. Gut, ich gehe, wenn es denn so sein soll. Nur habt Ihr dann niemanden mehr bei Euch.«

»Du Zankaffe wirst ja immer dreister!« fuhr Tripitaka auf. »Glaubst du etwa, nur du wärest jemand, Wuneng und Wujing nicht?«

Da konnte der Große Heilige seinen Schmerz nicht länger unterdrücken und rief: »Ach! Damals, als Ihr von Chang’an zum Grenzberg gekommen seid und mich befreit habt, habe ich Euch als Meister anerkannt. Seither bin ich mit Euch durch alte Grotten und tiefe Wälder gegangen, habe Dämonen und

Ungeheuer überwältigt, habe Bajie und Sandmönch aufgenommen und mich tausend Gefahren ausgesetzt. Und nun, da Euer Verstand verblendet ist, wollt Ihr mich einfach fortschicken. Es ist, wie man sagt: ›Ist der Vogel erlegt, legt man den Bogen nieder; ist der Hase tot, brät man den Hund.‹ Ach, sei’s drum! Nur dieser Reifverengungsspruch bleibt noch übrig.«

»Ich werde ihn nie mehr aufsagen.«

»Das ist nicht so sicher. Ihr braucht bloß einem schlimmen Dämon in die Fänge zu geraten, vor dem Euch Bajie und Sandmönch nicht retten können. Dann werdet Ihr Euch meiner erinnern und den Spruch doch wieder aufsagen. Und ich werde

wieder Kopfschmerzen kriegen, selbst wenn ich hunderttausend Meilen weit weg bin. Statt dass ich dann wieder vor Euch trete, wäre es doch besser, von Eurem Entscheid abzusehen.«

Tripitaka, der sich diese Worte mit steigendem Zorn angehört hatte, sprang vom Sattel, befahl Sandmönch, Papier und Pinsel aus dem Gepäck zu nehmen und Wasser vom Bach zu holen, rieb auf einem Stein die Tusche an und schrieb einen Entlassungsbrief. Dann hielt er Pilger das Schreiben hin und sagte: »Nimm das als Beleg, du Affenschädel! Ich will dich nicht länger zum Schüler haben. Wenn du es nicht glaubst, dann lege ich zusätzlich einen Eid ab.«

Pilger nahm das Schreiben und sprach: »Ihr braucht nicht zu schwören, Meister. Ich gehe. Selbst wenn wir die Sache auf halbem Weg abbrechen und noch nichts erreicht ist, habe ich Euch ja ein Stück weit begleitet. Bitte setzt Euch, ich will mich zum Abschied vor Euch verneigen, dann kann ich Euch mit gutem Gewissen verlassen.«

Tripitaka kehrte ihm den Rücken zu und rief: »Ich bin ein guter Mönch, von Übeltätern lasse ich mich nicht ehren!«

Da bediente sich der Große Heilige einer Teilungsmagie, zupfte sich drei Haare aus, behauchte sie und rief »Verwandlung!«. Auf einen Schlag erschienen drei weitere Pilger, mit denen er sich nun von vier Seiten gleichzeitig vor Tripitaka verbeugte. Dieser mochte ausweichen, wie er wollte, am Ende blieb ihm doch nichts übrig, als die Huldigung über sich ergehen zu lassen. Schließlich sprang der Große Heilige auf und fing seine Haare mit einem Schütteln wieder ein. Dann wandte er sich an Sandmönch und sprach: »Bruder, du hast ein gutes Herz. Hüte dich vor Bajies Geschwätz und gib acht unterwegs. Falls irgendein Ungeheuer den Meister erwischt, dann lass es wissen, dass ich alter Sun dein Ordensbruder bin. Die lausigen Ungeheuer im Westen wissen um meine Fähigkeiten, dann werden sie dem Meister nichts anzutun wagen.«

Tripitaka unterbrach ihn unwirsch: »Ich bin ein rechtschaffener Mönch. Der Name eines Übeltäters wird bei mir nicht erwähnt. Und jetzt mach, dass du fortkommst!«

Der Große Heilige sah ein, dass der Priester in keiner Weise umzustimmen war. Es war nichts zu machen, er musste gehen. Es war nichts zu machen, er musste gehen.

Seht, wie er den Meister verlässt und im Wolkenüberschlag dem Blumen-Früchte-Berg entgegenschwebt, einsam und elend!

Auf einmal drang ein Rauschen von Meereswogen an sein Ohr. Der Große Heilige blickte nach unten und sah, dass er sich bereits über dem Östlichen Ozean befand. Sogleich musste er wieder an Tripitaka denken, und Tränen kollerten ihm über die Wangen. Da hielt er seine Wolke an und blieb in der Luft stehen. Erst nach langem setzte er den Weg fort.

Und da wir nicht wissen, was auf diesen Weggang wieder folgte, lasst uns das nächste Kapitel anhören.