Da sich nicht erzwingen lässt,
Das eitle Denken abzulegen,
Wozu dann noch so beflissen
Nach dem reinen So-Sein streben?
Pflege deinen eignen Urgrund
Vor des Buddha Angesicht,
Ein Zuvor und ein Danach
Gibt es bei Erleuchtung nicht!198
Denn Erleuchtung offenbart
Auf einen Schlag Wahrhaftigkeit;
Die Verblendung jedoch führt
In den Abgrund ewige Zeit.
Kann der Geist wahrhaftig
Sich in der Sammlung einen,
Wird dies so viele Sünden
Wie Sand am Ganges sühnen.199
Doch lasst uns berichten, wie Bajie und Sandmönch mit dem Ungeheuer ganze dreißig Runden ausfochten, ohne dass ein Entscheid fiel. Ihr könnt euch ja denken, dass ihre Fähigkeiten gegen einen solchen Dämon nie ausreichen konnten! Dass der Kampf immerhin unentschieden blieb, lag allein daran, dass es Tripitaka vorbestimmt war, nicht zu sterben, weshalb die beiden von den Schutzgöttern Unterstützung erhielten. Im Verborgenen standen ihnen nämlich die sechs Ding- und die sechs Jia-Götterkrieger, die Genien, die Vier Zeitgötter und alle Schutzgottheiten der Klöster bei.
Lassen wir aber kurz die drei Kämpfenden und erzählen stattdessen vom Priester, der in der Grotte verzweifelt vor sich hin schluchzte. Auf einmal bemerkte er, dass aus dem Innern der Grotte eine Frau hervortrat, ihre Hand an den Seelenbann- Pfahl legte und ihm zurief: »Wo kommt Ihr her, Priester? Warum seid Ihr hier angebunden?«
Als Tripitaka dies hörte, blickte er die Frau aus seinen verweinten Augen verstohlen an. Sie mochte um die dreißig sein.
»Ach, werte Dame«, sagte er, »mir war schon der Tod beschieden, als ich Euer Haus betrat. Wenn Ihr mich fressen wollt, dann stellt doch nicht noch unnötige Fragen!«
»Ich bin keine Menschenfresserin«, antwortete die Frau. »Ich bin eigentlich dreihundert Meilen westlich von hier zu Hause. Dort liegt ein Königreich mit dem Namen Baoxiang, das ›Land der Kostbaren Erscheinung‹. Ich bin die dritte Tochter des Königs. Mein Kindesname lautet Baihua Xiu, ›Die hundert Blumen beschämt‹. Als ich vor dreizehn Jahren eines Abends, am fünfzehnten Tag des achten Mondmonats, draußen den Vollmond betrachtete, wurde ich von diesem Ungeheuer mit einem Orkan entführt. Dreizehn Jahre lang lebe ich hier schon als sein Weib mit ihm und habe sogar Kinder geboren. Nie habe ich bisher Nachricht an den Königshof schicken können. Ich sehne mich so sehr nach meinen Eltern und kann sie nicht wiedersehen! Woher seid Ihr denn gekommen, als er Euch gefasst hat?«
»Ich geringer Mönch bin auf einer Pilgerreise in den Westen, wo ich Heilige Schriften holen wollte. Auf einem kleinen Spaziergang habe ich mich versehentlich hierher verirrt. Nun will der Dämon gar noch meine zwei Schüler einfangen und uns dann alle zusammen kochen und fressen!«
Die Prinzessin lächelte und sprach: »Priester, macht Euch keine Sorgen. Da Ihr Schriftenholer seid, will ich Euch retten. Das Königreich Baoxiang liegt genau auf dem Weg in den Westen. Wenn Ihr mir versprecht, einen Brief an meine Eltern mitzunehmen, werde ich ihn überreden, Euch laufen zu lassen.«
»Priester, macht Euch keine Sorgen. Da Ihr Schriftenholer seid, will ich Euch
retten.«
Nickend sprach Tripitaka: »Werte Dame, wenn Ihr mir geringem Mönch das Leben schenkt, will ich Euch nur allzu gern als Briefbote dienen.«
Da verschwand die Prinzessin nach hinten, setzte ein Schreiben an ihre Familie auf, versiegelte es ordentlich, und nachdem sie den Priester von der Säule losgebunden hatte, überreichte sie ihm das Schreiben. Tripitaka nahm es mit beiden Händen entgegen und sprach: »Werte Dame, habt Dank für meine Rettung! Sobald ich Euer wertes Land erreicht habe, werde ich Euer Schreiben am Königshof abgeben. Zu bedenken ist allerdings, dass Eure Eltern Euch nach den langen Jahren der Trennung nicht mehr anerkennen würden; in diesem Falle sollt Ihr nicht glauben, ich hätte mein Wort gebrochen.«
»Keine Sorge«, entgegnete die Prinzessin, »meinem Vater waren keine Söhne beschert, er hat nur drei Töchter. Wenn er diesen Brief sieht, wird er sich sicherlich nach mir sehnen.«
Tripitaka steckte sich das Schreiben in den Ärmel, dankte der Prinzessin und schritt dem Ausgang zu. Doch sie hielt ihn zurück und sagte: »Ihr dürft nicht durch das vordere Tor, dort kämpft der Dämon gerade mit Euren Schülern! Geht zur hinteren Tür hinaus und wartet, bis ich ihn überredet habe. Dann könnt Ihr mit Euren Schülern weiterreisen.«
Mit einem Stirnaufschlag verabschiedete sich Tripitaka von der Prinzessin und trat durch den hinteren Ausgang ins Freie, wo er sich im Gesträuch versteckte.
Die Prinzessin aber hatte eine List ausgeheckt und trat nun eilig aus dem vorderen Tor, wo das metallene Aufschlagen der Waffen zu hören war, denn Bajie und Sandmönch kämpften ja gerade in der Höhe gegen das Ungeheuer. Da rief die Prinzessin mit lauter Stimme: »Herr der Gelben Robe!«
Kaum hatte der Unhold ihre Stimme vernommen, ließ er von Bajie und Sandmönch ab, schwebte hinunter und fragte: »Was möchtest du mir sagen, mein Weib?«
»Ach, mein Gatte, wie ich eben hinter zugezogenen Seidenvorhängen geschlafen habe, ist mir im Traume ein Gott in goldener Rüstung erschienen!«
»Und was wollte dieser Gott bei uns?«
»Es ist deshalb, weil ich als Kind einst in einem Gebet ein Versprechen abgelegt habe. Ich gelobte nämlich damals, dass ich, wenn ich einst einen guten Gatten gefunden haben würde, auf einen der berühmten buddhistischen Berge steigen würde, um dort Mönchen Almosen und wohltätige Spenden zu erteilen. Da wir nun vermählt und in trauter Ehe beisammen sind, habe ich die Sache nie angesprochen. Doch eben ist dieser Gott in goldener Rüstung gekommen und hat verlangt, dass ich mein Versprechen einlöse. Mit einem lauten Ruf hat er mich aufgeweckt, und da habe ich gemerkt, dass es ein Traum war. Jetzt bin ich gekommen, dir das zu sagen, denn ich habe zufällig gesehen, dass drinnen ein Mönch an die Säule gebunden ist. Ich bitte dich inständig, sei barmherzig und lasse meiner Wenigkeit zuliebe den Mönch laufen! So könnte ich mein Gelöbnis auch einlösen. Was meinst du dazu?«
»Ach Weib, was du immer für Ideen hast! Das ist doch keine Sache; wenn ich Menschen fressen will, kann ich mir überall welche holen. Dann lass den Mönch doch einfach zur Hintertür hinaus.«
Voller Freude ging die Prinzessin hinein. Der Dämon aber hielt seinen Säbel hoch und rief: »Komm her, du Eber Bajie! Vor dir hab ich keine Angst. Allein meiner Gattin zuliebe will ich den Kampf jetzt einstellen und deinen Meister laufen lassen. Ihr könnt ihn am hinteren Ausgang abholen. Falls ihr aber noch einmal aufkreuzt, gibt es kein Pardon mehr!«
Für Bajie und Sandmönch war dies, als hätten sie an der Schwelle zum Totenreich den Weg ins Leben wiedergefunden! Sofort holten sie Pferd und Gepäck, eilten zum hinteren Ausgang und riefen nach ihrem Meister, der ihnen aus dem Dickicht antwortete. Sandmönch schlug einen Weg frei und half dem Meister in den Sattel, dann verließen sie den Kiefernwald und kamen alsbald wieder auf die Landstraße. Unterwegs brummten die beiden Schüler missvergnügt vor sich hin und schoben einander gegenseitig die Schuld zu, während Tripitaka zu schlichten versuchte.
Tag für Tag wanderten sie nun weiter voran, von früh bis spät, Strecke um Strecke, bis schließlich ganze dreihundert Meilen hinter ihnen lagen. Vor sich erblickten sie nun eine prächtige Burg: Hier war das Land der Kostbaren Erscheinung. Wahrhaftig, ein schöner Ort! Die Szenerie, die sich in diesem Lande darbot, war eine wahre Augenweide. Meister und Schüler brachten Gepäck und Pferd in Ordnung und hielten in der Herberge zum Goldenen Pavillon bei der Poststation Rast.
Tripitaka ging nun zu Fuß vor den Palast und sprach bei der Torwache vor: »Ich bin ein Mönch aus dem chinesischen Kaiserreich und bitte um Audienz, um den Reisepass vorzulegen. Ich bitte um Mitteilung an euren König.«
Der Torwächter eilte zur weißen Jadetreppe und leitete die Meldung weiter. Als der König hörte, dass es sich um einen heiligen Mönch aus dem fernen China handelte, freute er sich sehr und ließ ihn sogleich eintreten. Tripitaka wurde vor die goldene Treppe beordert, wo er in aller Anmut die höfischen Riten mit Kotau und dreimaligem Ruf »Lang lebe der König!« ausführte. Die zivilen und militärischen Beamten, die in Reih und Glied zu beiden Seiten standen, seufzten bewundernd: »Ein Mann aus dem erhabenen Kaiserreich! Mit welcher Würde er die Hofriten ausführt!«
»Werter Priester«, hub der König an, »was führt Euch in unser Land?«
»Ich geringer Mönch komme aus dem chinesischen Kaiserreich und reise auf Geheiß unseres Kaisers in den Westen, um Heilige Schriften zu holen. Da ich das Reich Eurer Majestät betrete und es sich geziemt, Eurer Majestät den Reisepass des Ausgangsortes vorzulegen, muss ich Euer hehres Antlitz behelligen.«
»Wenn Euer Dokument vom Kaiser von China stammt, dann lasst es mir bringen, damit ich es sehen kann«, gebot der König. Tripitaka brachte es ihm mit beiden Händen dar und legte es offen auf den Throntisch. Darin stand folgender Text:
»Reisedokument, ausgestellt vom Sohn des Himmels im
großen chinesischen Kaiserreich auf dem Kontinent
Jambudvipa, nach dem Willen des Himmels und des
Schicksals:
Unserer geringen Tugend eingedenk, führen Wir das
bedeutsame Erbe fort, den Göttern zu dienen und das Volk
zu regieren, von früh bis spät um redlichen Einsatz bemüht.
Vormals ins Jenseits verschieden, bereisten Wir das
Höllenreich, von wo aus Wir dank dem Höllenfürsten ins
Leben zurückkehren durften. Infolgedessen ließen Wir eine
große religiöse Stätte errichten und eine umfangreiche
Zeremonie veranstalten. Fernerhin durften Wir einer
Offenbarung der goldenen Gestalt Guanyins teilhaftig
werden, welche Uns kundtat, dass im Westen Heilige
Schriften vorhanden sind, anhand derer Verstorbene und
einsame Seelen Erlösung finden. Darum haben Wir eigens
Priester Xuanzang beauftragt, über tausend Gebirge in
weiter Ferne die besagten Heiligen Schriften herbeizuholen.
Möge ihm auf seiner Reise durch die Länder des Westens
aufgrund vorliegender Urkunde die Durchreise gestattet
sein, auf dass der frommen Berufung kein Abbruch getan
werde. Vorliegendes Dokument muss offiziell eingereicht
werden.
Kaiserliche Urkunde, unterzeichnet an glückbringendem
Tage im Herbst des dreizehnten Jahres der Ära Zhen’guan
im Kaiserreich China der Tang-Dynastie. Neun wertvolle
Stempel.«
Nachdem der König alles durchgelesen hatte, setzte er den Abdruck des Staatssiegels und seine Unterschrift auf das Dokument und gab es Tripitaka zurück. Dieser bedankte sich und steckte es ein, dann wandte er abermals das Wort an den König und sprach: »Grund meines Kommens ist zum einen das Reisedokument, zum andern aber bin ich geringer Mönch gekommen, Eurer Majestät ein familiäres Schreiben zu überreichen.«
Erfreut horchte der König auf und fragte: »Was für ein Schreiben?«
»Die dritte Prinzessin Eurer Majestät wird in der Wellenmond-Grotte am Schüsselberg vom Dämon der Gelben Robe festgehalten. Ich geringer Mönch bin ihr zufällig begegnet, so dass sie mir einen Brief mitgeben konnte.«
Dem König stürzten die Tränen aus den Augen, und er rief: »Dreizehn Jahre lang habe ich meine Tochter nicht gesehen, niemand wusste, wo sie war. Wer hätte je geahnt, dass sie in Gefangenschaft eines Ungeheuers geraten sein könnte!«
Tripitaka zog das Schreiben aus seinem Ärmel und überreichte es dem König. Schon als dieser die Aufschrift »平 安 – wohlbehalten«, las, begannen seine Hände so sehr zu zittern, dass er unfähig war, den Umschlag zu öffnen. Schließlich befahl er einem Gelehrten der Hofakademie, den Brief vorzulesen. Hinter dem Thronvorhang versteckt drängten sich die Damen des Palastes und horchten dem Wortlaut des Schreibens. Darin stand Folgendes:
»Tugendlose Tochter Baihua Xiu verneigt sich mit hundert
Stirnaufschlägen vor der Thronhalle unserer tugendvollen
väterlichen Majestät, und desgleichen vor den drei Palästen
unserer Mutter Königin, wie auch vor der ehrenvollen
Beamtenschaft des ganzen Königshofes:
Mit dem großen Glück beschert, im Palaste einer
Königin geboren worden zu sein, hegt unwürdige Tochter
tiefe Dankbarkeit für alle Mühen, die ihretwegen
unternommen wurden. Doch wurde es verwehrt, dies mit
der Pflicht der Kindesliebe zu vergelten.
Es war vor dreizehn Jahren, am fünfzehnten Tage des
achten Mondmonats, als auf gnädiges Geheiß der
väterlichen Majestät für den ganzen Hofstaat ein Bankett zu
Ehren des prächtigen Mittherbstmondes veranstaltet wurde.
Mitten in den frohen Festlichkeiten brauste in einem
Wirbelwind ein Dämon mit blauem Gesicht und goldenen
Augen heran und entführte mich über die Wolken hinweg
an einen menschenleeren Ort tief im Gebirge. Es war mir
unmöglich zu entkommen, und der Dämon zwang mich, als
Gattin bei ihm zu bleiben. Schweren Herzens musste ich so
dreizehn lange Jahre verbringen. Zwei Söhne habe ich
geboren, beides Ungeheuer. Dies ist in der Tat eine
Entsittlichung menschlichen Verhaltens, eine Schande,
welche die gesellschaftliche Moral verletzt und niemals
niedergeschrieben werden sollte. Ich tue es allein aus
Furcht, dass nach meinem Tode niemand die Wahrheit
erfahren würde. Während ich gramvoll der Eltern gedachte,
trug es sich zu, dass ich einem heiligen Mönch aus dem
chinesischen Kaiserreich begegnete, der ebenfalls in
Gefangenschaft des Dämons geraten war. Mit einer List
erreichte ich dessen Befreiung, so dass ich ihm
vorliegendes Schreiben mitgeben konnte, das meinem
Ansinnen Ausdruck verleiht.
Ergebenst hoffe ich, dass Vater König Erbarmen zeigen
wird und baldmöglichst Krieger entsendet, den Dämon der
Gelben Robe in der Wellenmond-Grotte auf dem
Schüsselberg festzunehmen und Eure Tochter
heimzuführen; dies wäre die allerhöchste Gunst. Vergebt
den fehlenden Respekt der flüchtigen Zeilen. In Tränen
niedergeschrieben.«
Als der Gelehrte zu Ende gelesen hatte, brach der König in Schluchzen aus, und der ganze Hofstaat war tief berührt. Nachdem er lange geweint hatte, wandte sich der König an seine zivilen und militärischen Minister und fragte: »Wer von euch wagt es, ein Heer anzuführen, den Dämon festzunehmen und unsere Prinzessin zu befreien?«
Er wiederholte die Frage, doch niemand hatte den Mut, sich zu melden. Seine Generäle standen da, als wären sie aus Holz geschnitzt, die Minister sahen aus wie Statuen. Da wurde der König noch unruhiger, und die Tränen liefen ihm wie Bäche aus den Augen. Schließlich warfen sich die Hofbeamten vor ihm nieder und sprachen: »Majestät, grämt Euch nicht. Dreizehn Jahre lang war nun unsere Prinzessin verschollen. Heute, da uns zufällig ein heiliger Mönch aus dem chinesischen Kaiserreich einen Brief bringt, können wir noch nicht wissen, ob sich die Sache auch wirklich so verhält oder nicht. Als gewöhnliche Menschen mit gewöhnlichen Pferden können wir mit dem, was wir über die Kunst der Kriegsführung gelernt haben, lediglich Truppen führen und Feldlager errichten, um unser Land zu verteidigen. Dämonen jedoch kommen und gehen in Wolken und Nebel, so dass man sie nicht zu Gesicht bekommt. Wie sollen wir da kämpfen und die Prinzessin befreien? Doch dieser Schriftenholer hier, der aus dem Osten kommt, ist ein heiliger Mönch aus dem Kaiserreich; er muss von hoher Tugend sein. Sicherlich hat er auch die Macht, Dämonen zu bändigen. So geht doch das Sprichwort: ›Wer über einen Streit erzählt, muss in den Streit verwickelt sein.‹ Lasst uns den Priester bitten, den Dämon zu unterwerfen und die Prinzessin zu befreien. Das ist wahrscheinlich die beste Strategie.«
Als der König dies vernommen hatte, wandte er sich an Tripitaka und sprach: »Priester, wenn Euch die Macht gegeben ist, den Dämon festzunehmen, mein Kind zu befreien und in den Palast zurückzuführen, dann braucht Ihr nicht weiter in den Westen zu Buddha zu reisen. Dann werde ich mit Euch Brüderschaft schließen, mit Euch den Thron teilen und gemeinsam den Wohlstand genießen. Was meint Ihr dazu?«
Eilig erwiderte Tripitaka: »Ich geringer Mönch verstehe mich nur ein wenig auf Gebetssprüche. Dämonen bändigen kann ich wahrhaftig nicht.«
»Wie kommt es dann, dass Ihr es wagt, zu Buddha in den Westen zu pilgern?« fragte der König verwundert.
Da konnte der Priester nicht länger die Wahrheit verbergen und sprach: »Majestät, ich geringer Mönch habe zwei Schüler, die mich bis hierher beschützt haben.«
Sogleich erteilte der König den Befehl, sie zur Audienz zu beordern.
»Sie sind aber sehr hässlich«, fiel ihm Tripitaka ins Wort. »Ich fürchtete, dass ihr Anblick Euer hehres Antlitz ängstigen könnte, deshalb wagte sie ich nicht eigenmächtig zur Audienz mitzunehmen.«
»Was kann mich erschrecken, da Ihr mich vorgewarnt habt?« meinte der König und schickte umgehend einen Eilboten nach der Poststation, um die Schüler zur Audienz zu rufen.
Die beiden betraten mit ihren Waffen den Palast, stellten sich zu beiden Seiten der weißen Jadetreppe auf, riefen mit übereinandergelegten Händen den höfischen Gruß und blieben dann reglos stehen. Ihr Aussehen jagte dem König tatsächlich einen gehörigen Schrecken ein. Nachdem er sich gefasst hatte, hub er an: »Werte Priester! Wer von euch versteht sich aufs Bezwingen von Dämonen?«
Da gab der Tölpel zur Antwort: »Ich alter Eber.«
»Und wie wollt Ihr den Dämon bezwingen?«
»Ich bin der Marschall Tianpeng vom Himmelreich«, erklärte Bajie. »Nur wegen eines kleinen Vergehens bin ich auf die Erde verbannt worden. Glücklicherweise habe ich mich als Mönch auf den rechten Weg begeben und bin aus dem Osten bis hierher gepilgert. Ich bin der Beste im Bezwingen von Dämonen!«
»Da Ihr vom Himmel kommt, versteht Ihr Euch bestimmt auf die Kunst der Verwandlung«, meinte der König.
»Ach woher«, machte Bajie bescheiden, »nur ein paar Kleinigkeiten.«
»Lasst uns doch eine Probe sehen«, forderte ihn der König auf.
»Bitte stellt mir eine Aufgabe, ich werde mich danach richten.«
»Nun, dann vergrößert Euch.«
Immerhin beherrschte Bajie ja die sechsunddreißig Verwandlungen. Nun posierte er sich vor die Palasttreppe und begann seine Kunst zur Schau zu stellen. Mit einem magischen Fingerzeichen murmelte er einen Zauberspruch, dann rief er laut »Wachsen!« und beugte sich leicht vor, worauf er eine Höhe von acht bis neun Klafter annahm, dass er aussah wie eine grimmige Weggottheit. Den zivilen und militärischen Beamten fuhr der Schrecken in die Glieder. Der für die Bewachung des Palastes zuständige General fragte schließlich: »Priester, wenn Ihr Euch so schnell vergrößern könnt, wo liegt dann die Grenze?«
Da ließ der Tölpel schon wieder eine seiner dummen Bemerkungen fallen und meinte: »Nun, das kommt auf den Wind an. Bei Ostwind geht’s so einigermaßen, bei Westwind auch, aber wenn der Wind von Süden weht, dann haue ich ohne weiteres eine Beule in die Himmelskuppel.«
Erschrocken rief der König: »Stellt die Verwandlung ein! Ich bin von Euren Künsten überzeugt.«
Bajie krümmte sich zusammen und erschien wieder in seiner ursprünglichen Gestalt. Freudig befahl der König den Konkubinen, Palastwein aufzutragen, füllte einen Kelch und überreichte ihn Bajie mit den Worten: »Priester, nehmt diesen Wein zum Zeichen meiner Dankbarkeit, bevor Ihr Euch auf den Weg macht. Sobald der Dämon gefangengenommen und mein Töchterchen befreit ist, werden wir Euch mit einem großen Festmahl und viel Gold belohnen.«
Der Tölpel nahm das Trinkgefäß in beide Hände und leerte es in einem Zug. Der König schenkte einen weiteren Kelch ein und überreichte ihn Sandmönch, derweil unter Bajies Füßen Wolken entstanden, auf denen er in die Lüfte stieg. Bewundernd schaute ihm der König nach und rief: »Priester Eber kann sogar fliegen!«
Auch Sandmönch trank seinen Becher leer, schnellte auf eine Wolke und verschwand. Erschrocken packte der König Tripitaka am Ärmel und rief: »Priester, bitte setzt Euch zu mir, fliegt nicht auch noch weg!«
»Ach«, seufzte Tripitaka, »ich vermag keinen halben Schritt in die Luft zu tun.«
Wie die beiden nun in der Thronhalle ins Gespräch kamen, sei hier nicht weiter ausgeführt.
Doch wenden wir uns Bajie und Sandmönch zu, die in kürzester Zeit vor dem Grottentor ankamen. Bajie erhob seinen Rechen und schmetterte ihn mit solcher Wucht gegen das Felstor, dass ein Loch von der Größe eines Fasses klaffte. Die kleinen Ungeheuer, die am Tor Wache hielten, rannten ins Innere und riefen: »Großer König, ein Unheil! Der mit der langen Schnauze und den großen Ohren und der finstere Mönch sind wieder da. Sie haben uns sogar das Tor eingeschlagen!«
Der Dämon war überrascht und erschrocken zugleich. In aller Eile legte er sich die Rüstung um und packte seinen stählernen Säbel, dann trat er ins Freie und rief: »He, ihr Mönche! Ich habe doch euren Meister freigelassen, wie könnt ihr es wagen, wieder vor meine Tür zu treten?«
»Du Zankteufel hast ja ein schöne Schererei angerichtet!« schrie Bajie. »Die dritte Prinzessin vom Königreich Baoxiang hast du geraubt und sie dreizehn Jahre lang in deiner Grotte zum Weib gehalten. Ich komme auf Geheiß des Königs, um dich festzunehmen. Ergib dich frühzeitig, sonst muss ich alter Eber Hand anlegen!«
Der Dämon war außer sich vor Zorn. Seht, wie er mit seinen stählernen Zähnen knirscht und seine runden Augen rollt!
Er zückte seinen Säbel und hieb wild um sich, während Bajie ihm mit dem Rechen entgegentrat und hinter ihm Sandmönch mit seinem Prunkstab. Dieses Gefecht war anders als das zuvor. So war es in der Tat:
Hitzige Wortgefechte
Stacheln Ingrimm auf,
Bosheit und Verletzung
Beschwören Wut herauf.
Recht bedacht ist es allein
Eines Briefes wegen,
Dass die Mönche und ein Dämon
Solcherart in Hader liegen.
Sie fochten am Berghang acht bis neun Runden aus, da begannen Bajies Kräfte nachzulassen, so dass er seinen Rechen nur noch mit Mühe schwingen konnte.
Warum er diesmal so unfähig war?
Beim letzten Mal hatten Bajie und Sandmönch sämtliche Schutzgötter im Verborgenen beigestanden, weil Tripitaka in der Grotte gefangen war. Nur deshalb war es ihnen damals
gelungen, so weit standzuhalten, dass der Kampf unentschieden endete. Diesmal aber wachten die Schutzgötter ja im Land der Kostbaren Erscheinung über Tripitaka. Darum kamen die beiden nur schwer gegen ihren Feind an.
»Sandmönch«, keuchte Bajie, »mach du weiter! Ich alter Eber muss mal.«
Ohne sich noch um Sandmönch zu kümmern, sauste er
kopfüber in ein Gestrüpp von hohem Beifuß und Rankengewächs, wo er liegen blieb und sich nicht wieder blicken ließ. Nur mit einem halbem Ohr verfolgte er noch das Aufschlagen der Waffen. Als der Dämon gewahrte, dass Bajie weg war, stürzte er sich auf Sandmönch. Unvorbereitet wurde dieser mit einem Griff gepackt und in die Grotte geschleppt, wo man ihn an Händen und Füßen fesselte.
Und da wir nicht wissen, wie es um sein Leben stand, lasst uns das nächste Kapitel anhören.