Accueil > Die Reise nach Westen > Kapitel30

030 Ein schlimmer Dämon greift die Rechte Lehre an / Das Denkpferd sehnt sich nach dem Herzensaffen

Lasst uns weiter von dem Dämon erzählen, der Sandmönch gefesselt hatte. Statt dass er ihn nun tötete, überlegte er sich: »Dieser chinesische Mönch müsste sich als Bürger des großen Kaiserreichs eigentlich auf die Regeln des rechten Umgangs verstehen. Es kann doch nicht sein, dass er, nachdem ich ihm das Leben geschenkt habe, nun seine Schüler schickt, mich festzunehmen? Ha, bestimmt hat mein Weib ihm irgendein Schreiben mitgegeben, und die Sache ist aufgeflogen!« Da wallte sein Zorn auf, und er wollte die Prinzessin auf der Stelle umbringen.

Diese aber hatte eben erst ihre Toilette beendet und kam nichtsahnend daher, als das Ungeheuer sie zähnefletschend und mit zornigem Blick anschrie: »Du hinterhältiges Weib mit Hundeherz! Nichts als Undank bringst du mir entgegen. Damals, als ich dich hierhergeholt habe, hattest du überhaupt nichts einzuwenden. Du kannst dich in Brokat kleiden, kannst Goldschmuck tragen, alles, was dir fehlt, beschaffe ich für dich, übers ganze Jahr hinweg hast du alles, was du brauchst, Tag für Tag bringe ich dir meine Liebe entgegen. Warum denkst du immer nur an deine Eltern und zeigst überhaupt kein Herz für die Ehe?«

Bestürzt fiel die Prinzessin auf die Knie und rief: »Mein Gemahl, warum sprichst du heute solch entzweiende Worte?«

»Bist nicht eher du diejenige, die uns entzweien will! Warum hast du jenen chinesischen Mönch, den ich gefangen habe und fressen wollte, freigelassen? Sicher hast du ihm heimlich einen Brief mitgegeben. Sonst würden doch die beiden Mönche nicht schon wieder vor der Tür stehen und verlangen, dass du zurückgehen sollst? Willst du etwa behaupten, das hättest nicht du ausgeheckt?«

»Mein Gemahl, tu tust mir Unrecht, ich habe keinen Brief geschrieben«, log die Prinzessin.

»Da willst du dich auch noch rechtfertigen!« schnaubte der Dämon. »Ich habe einen Zeugen!«

»Wen denn?«

»Sandmönch, der zweite Schüler des chinesischen Mönchs.«

»Beruhige dich, mein Gemahl, ich gehe mit dir zu ihm, dann wollen wir ihn fragen. Hätte ich wirklich einen Brief geschrieben, magst du mich töten, und ich wär’s zufrieden. Doch wenn es keinen solchen Brief gibt, hättest du dann deine Magd nicht zu Unrecht umgebracht?«

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, packte das Ungeheuer die Prinzessin an ihrem schönen schwarzen Haar, zerrte sie vor Sandmönch und stieß sie vor ihm zu Boden, dann packte er seinen Säbel und fauchte: »Sandmönch! Wie kommt es, dass Ihr mich schon wieder aufsucht? Ist es etwa, weil Euch dieses Weib einen Brief mitgegeben hat und der König Euch nun herschickt?«

Sandmönch, der gefesselt dalag und sah, wie der Dämon wutschnaubend die Prinzessin erschlagen wollte, rief laut und deutlich: »Benimm dich, du Ungeheuer! Was für einen Brief soll sie uns mitgegeben haben? Bloß weil du meinen Meister in deiner Grotte eingesperrt hast, hat er die Prinzessin gesehen. Und als wir dann ins Königreich Baoxiang gekommen sind, wo der König überall mit einem Abbild der Prinzessin nach seiner Tochter sucht, hat er auch meinen Meister gefragt, ob er sie unterwegs gesehen habe, und da hat dieser schließlich davon erzählt. Darum hat der König uns ausgeschickt, dich festzunehmen und die Prinzessin zurück in den Palast zu holen. Das ist die reine Wahrheit; was soll ein Brief damit zu tun haben? Wenn du jemanden umbringen willst, dann töte mich Sandmönch und vergehe dich nicht zu Unrecht an einem unschuldigen Menschen!«

Auf Sandmönchs kraftvolle Rede ließ der Dämon seinen Säbel fallen, nahm die Prinzessin in die Arme und sagte: »Es tut mir leid, dass ich so grob zu dir war, verzeih, verzeih!«

Er glättete ihr die langen Haare, richtete die schmucken Haarknoten wieder auf und führte sie unter gutem Zureden in die Kammer, wo er ihr einen Sessel anbot und sich in aller Form bei ihr entschuldigte. Die Prinzessin konnte ihn sogar dazu überreden, Sandmönch die Fesseln zu lösen und ihn nur anzuketten. Sandmönch dachte im Stillen: »Es ist doch, wie die Weisen des Altertums sagten: ›Wer andern hilft, hilft auch sich selbst.‹ Hätte sie mir je die Fesseln lösen lassen, wenn ich ihr nicht geholfen hätte?«

Um die Prinzessin zu versöhnen, ließ der alte Dämon Wein und Speisen auftischen, und als er schon halb betrunken war, kam er plötzlich auf eine Idee. Er legte sich ein schmuckes Gewand an, befestigte einen kostbaren Säbel am Gürtel und sprach tröstend zur Prinzessin: »Mein Weib, schau einstweilen zu Hause nach den Kindern und lass den Sandmönch nicht laufen. Jetzt, wo dieser Mönch aus China im Lande ist, will ich mich doch gleich mal bei meinen Verwandten melden.«

»Bei welchen Verwandten?«

»Dein Vater, der König, ist mein Schwiegervater, ich bin sein Schwiegersohn! Was soll mich davon abhalten, ihn zu besuchen?«

»Das geht doch nicht«, entgegnete die Prinzessin, »mein Vater war schon als Kind Thronfolger und ist noch nicht mal je zu den Toren der Stadt hinausgekommen. Eine solche Fratze wie die deine hat er noch nie zu Gesicht bekommen. Du würdest ihn bloß erschrecken und einen schlechten Eindruck hinterlassen. Geh lieber nicht hin.«

»Nun, wenn dem so ist«, meinte der Dämon, »dann verwandle ich mich eben in einen hübschen Jüngling. Was meinst du dazu?«

Der gute Dämon! Mitten im Trinkgelage verwandelte er sich flugs in einen charmanten jungen Herrn. Entzückt rief die Prinzessin: »Gut gemacht, schön! Wenn du so in den Palast gehst, wird mein Vater dich bestimmt als Verwandten akzeptieren und dich mit all seinen Hofbeamten zum Festmahl einladen. Doch pass auf, dass deine Fratze nicht zum Vorschein kommt, wenn du zu viel trinkst!«

»Ich weiß mir schon zu helfen«, gab der Dämon zur Antwort.

Seht, wie er sich in die Lüfte schwingt!

Bald hatte er das Königreich Baoxiang erreicht, senkte seine Wolke, trat vor das Palasttor und sprach zur Torwache: »Der dritte Schwiegersohn des Königs möchte zur Audienz, bitte gebt Bescheid.«

Der Torwächter eilte zum Palast, wo der König gerade in sein Gespräch mit Tripitaka vertieft war, und überbrachte die Meldung von dem dritten Schwiegersohn.

Da wandte sich der König an seine Hofbeamten und sprach: »Ich habe nur zwei Schwiegersöhne; wie geht es zu, dass jetzt ein dritter erscheint?«

»Der dritte Schwiegersohn muss der Dämon sein«, meinten diese einhellig.

»Dürfen wir ihn dann einlassen?« fragte der König verunsichert.

Der Priester bekam es mit der Angst zu tun. »Majestät«, sagte er, »Dämonen haben übernatürliche Kräfte. So ein Dämon kann über Wolken und Nebel fliegen, und er wird so oder so hier erscheinen, ganz gleich, ob Ihr ihm Audienz gewährt oder nicht. Es ist ratsamer, ihn einzulassen, das erspart Streitigkeiten.«

Der König erteilte also seine Genehmigung und ließ ihn herbeirufen. Der Dämon schritt vor die goldenen Stufen und vollzog ganz ordentlich die vorgeschriebenen Palastriten mit Kotau und dreimaligem Ruf »Lang lebe der König!«. Natürlich sahen der König und seine Hofleute mit den Augen des Fleisches nur sein charmantes Äußeres; wer hätte je zu sagen gewagt, dies wäre ein Dämon? Eher hätten sie ihn wohl für einen Helden gehalten!

»Mein Schwiegersohn«, hub der König an, »wo wohnt Ihr und seit wann seid Ihr mit meiner Tochter vermählt? Warum kommt Ihr erst jetzt zu Besuch?«

Der Dämon machte einen Stirnaufschlag und sprach: »Werter Herrscher, Euer Untertan kommt aus dem Dorf Wellenmond am Schüsselberg, dreihundert Meilen östlich von hier.«

»Dreihundert Meilen«, wiederholte der König, »wie kam es denn, dass meine Prinzessin dorthin geriet und sich mit Euch vermählte?«

Zungenfertig erwiderte der Dämon: »Werter Herrscher, Euer geringer Untertan ist von Kindesbeinen an im Reiten und Jagen geübt und lebt als Jäger und Sammler. Vor dreizehn Jahren, als ich gerade auf der Jagd war, erblickte ich plötzlich einen mächtigen Tiger, der mit einer jungen Frau auf dem Rücken den Berg heruntertrabte. Bescheidener Untertan brachte den Tiger mit einem Pfeil zu Fall und führte die Frau ins Dorf. Dort flößte ich ihr warmes Wasser ein, dass sie wieder zu Bewusstsein kam, und rettete ihr so das Leben. Auf meine Frage nach ihrer Herkunft hat sie jedoch niemals das Wort ›Prinzessin‹ erwähnt. Wie hätte ich mir erlauben können, sie eigenmächtig zur Frau zu nehmen, wenn ich gewusst hätte, dass sie die dritte Prinzessin Eurer Majestät ist? Ich wäre gewiss zu Eurem goldenen Königspalast gekommen, schon allein, um mir irgendein höheres oder niedrigeres Hofamt zu erbitten, mit dem ich mich ihrer würdig erweisen könnte. Nur weil sie angab, einer Sippe vom einfachen Volk anzugehören, habe ich sie schließlich bei mir im Dorf behalten. Nun, eine hübsche Frau und ein begabter Jüngling, beide einander zugeneigt, so haben wir schließlich den Ehebund geschlossen und all die langen Jahre miteinander verbracht. Nach der Verlobung wollte ich den Tiger eigentlich schlachten und alle Verwandten zum Schmaus einladen, doch Eure werte Prinzessin bat mich, ihn nicht zu töten. Sie sprach damals die schönen Verse:

Dank dem Himmel, dank der Erde

Werden wir ein Ehepaar;

Ohne Mittler, ohne Zeugen

Machen wir die Heirat wahr.

Weil ein rotes Band uns eint

Aus dem letzten Leben wohl,

Sei es recht, dass uns der Tiger

Als Vermittler gelten soll!

Ihrer Einsprache wegen habe ich dem Tiger schließlich die Fesseln gelöst und ihm das Leben gerettet. So ist der verwundete Tiger mit eingezogenem Schwanz davongerannt. Ich hätte nicht gedacht, dass er am Leben bleiben und sich in diesen Jahren gar in den Bergen zu einem Geistwesen vervollkommnen würde, das es nur darauf abgesehen hat, Menschen zu verführen und ihnen Schaden zuzufügen. Wie Euer Untertan hörte, sollen in den letzten Jahren ab und zu Schriftenholer hier vorbeigekommen sein, alles Mönche aus dem chinesischen Kaiserreich. Ich vermute, dass dieser Tiger einen dieser Mönche umgebracht, dessen Dokumente an sich gerissen und sich dann in dessen Gestalt verwandelt hat, um Eure Majestät hinters Licht zu führen. Mein Herrscher, derjenige, der hier auf diesem hübschen Hocker sitzt, ist niemand anderes als jener Tiger, der vor dreizehn Jahren Eure Prinzessin geraubt hat. Es ist kein echter Schriftenholer!«

»Werter Schwiegersohn«, fragte der König, »woran erkennt Ihr denn, dass dieser Mönch der Tiger sein soll, der unsere Prinzessin geraubt hat?«

»Werter Herrscher«, gab der Dämon zur Antwort, »Euer Untertan lebt im Gebirge, ernährt und kleidet sich von Tigern, schläft und wacht mit Tigern; wie könnte mir dies verborgen bleiben?«

»Nun, wenn dem so ist, dann mögt Ihr ihn in seiner ursprünglichen Gestalt erscheinen lassen, damit ich es mit eigenen Augen sehen kann«, schlug der König vor.

»Dann bitte ich um eine halbe Tasse klares Wasser, damit wird Euer Untertan ihn in seiner Gestalt erscheinen lassen«, erwiderte das Ungeheuer.

Der König schickte einen Beamten, Wasser zu holen. Der Dämon nahm die Schale zur Hand, trat vor den Priester und vollführte einen Schwarzaugen-Bannzauber, indem er ihn mit einem Mundvoll Wasser besprühte und »Verwandlung!« rief. Da wurde der wahre Körper des Priesters unsichtbar, und an seiner Stelle erschien tatsächlich ein mächtiger wilder Tiger. Dem König wollte vor Schrecken die Seele aus dem Leib fliehen, die Hofbeamten versteckten sich, nur ein paar wackere Heerführer führten ihre Generäle und Offiziere herbei, die gleich mit allen möglichen Waffen über den Tiger herfielen. Wäre dem Priester nicht vom Schicksal bestimmt gewesen, dass er nicht sterben sollte, hätte diesmal seine Stunde geschlagen; selbst hundert Tiger wären zu Hackfleisch geworden! Allein, weil die Schutzgötter heimlich über ihm wachten, konnten ihn die Waffen nicht verletzen. Das Gerangel dauerte bis zum Abend, als man den Tiger endlich lebend einfing und in Ketten in einen Käfig sperrte, der im Warteraum neben der Audienzhalle verwahrt wurde.

Der König aber beauftragte nun das Hofamt für Festlichkeiten, ein großes Bankett zu veranstalten, um seinem Schwiegersohn für den rettenden Eingriff gegen den gefährlichen Mönch zu danken. Am selben Abend, nachdem die Hofbeamten abgetreten waren, begab sich der Dämon in

die Halle zum Silberfrieden, wo achtzehn hübsche Palastdamen ausgewählt wurden, ihm mit Zither, Gesang und Tanz Gesellschaft zu leisten, ihm zuzutrinken und ihn zu amüsieren. Der Dämon setzte sich auf den Ehrensitz, links und rechts reihten sich die holden Schönheiten auf. Seht, wie er nun dem Wein zuspricht!

Gegen die zweite Nachtwache stieg ihm der Alkohol in den Kopf. Unwillkürlich sprang er mit lautem Lachen auf, und schon kam seine eigene Gestalt zum Vorschein. Da streckte er

seine Pranken wie Worfschaufeln aus, packte die Zitherspielerin und biss ihr schmatzend den Kopf ab.

Panikartig stoben die übrigen siebzehn Palastdamen auseinander und versteckten sich. So war es in der Tat:

Regen prasselt auf Lotosblätter,

Schreckt sie mit finsterem Nass;

Sturm zerzaust der Päonien Pracht,

Verstreut sie im Frühlingswind!

Die Palastdamen trauten sich nicht, um Hilfe zu rufen, und mitten in der Nacht wagten sie auch nicht, die Majestät aufzuwecken. So versteckten sie sich schließlich zitternd vor Angst unter einem niederen Dachvorsprung. Doch davon sei hier nicht weiter die Rede.

Berichten wir stattdessen, wie das Ungeheuer immer noch an der Tafel saß und alleine vor sich hin becherte. Es schlürfte eine Schale aus, langte nach dem Menschenkörper und riss bluttriefend ein paar Bissen ab. Während es sich drinnen auf diese Weise beköstigte, ging es draußen von Mund zu Mund: »Der chinesische Mönch ist ein Tigergeist!«

Die Nachricht verbreitete sich wie der Wind und drang binnen Kürze auch in die Herberge der Poststation. Zu jener Zeit war niemand dort außer dem Pferd, das gerade sein Gras kaute. Ursprünglich war es ja ein junger Drache vom Westmeer, und als dieser nun sagen hörte, der Priester sei ein Tigergeist, gab es ihm einen Stich ins Herz.

»Mein Meister ist doch ein guter Mensch!« sann er, »sicher hat ihn der Dämon absichtlich in einen Tiger verwandelt. Ach, was tun wir bloß? Der älteste Ordensbruder ist schon lange fort, und von Bajie und Sandmönch ist nichts mehr zu hören. Wenn ich den Priester jetzt nicht rette, dann ist es um die Frucht unserer Mühen geschehen!«

Der Schimmel harrte bis zur zweiten Nachtwache, da konnte er sich nicht länger halten, sprang auf, schüttelte Zügel und Sattel ab, schnellte hoch und verwandelte sich wieder in den Drachen von einst. Auf einer dunklen Wolke stieg er geradewegs zum neunten Himmel hoch und spähte nach unten. Ein Gedicht besagt:

Tripitaka reist gen Westen,

Will vor Buddha treten,

Doch auf seiner Pilgerfahrt

Lauert das Verderben.

Diese Nacht ist er ein Tiger,

Kann sich nicht mehr wehren,

Da wirft das Ross das Zaumzeug ab,

Um seinen Herrn zu wahren.

Aus der Höhe sah der Drache, dass die Halle zum Silberfrieden noch hell erleuchtet war, denn dort brannten auf acht hohen, rotlackierten Kandelabern acht Kerzen. Als er seine Wolke senkte und hineinspähte, sah er, wie der Dämon sich ganz alleine mit letzter Kraft an der Tafel aufrecht hielt, Wein schlürfte und Menschenfleisch verzehrte.

»Ha, was für ein miserabler Kerl!« lachte der Drache, »frisst hier einfach Menschen, der macht ja wohl Fortschritte. Da will ich doch mal runtergehen und ihm was vortäuschen. Wenn es mir gelingt, ihn dingfest zu machen, kann ich den Meister nachher immer noch befreien.«

Der gute Drache! Mit einer leichten Körperdrehung verwandelte er sich in eine graziöse Hofdame, trippelte in die Halle, hauchte ein »Wan Fu! – Zehntausend Glück!« und sprach: »Königlicher Schwiegersohn, bitte lasst mich am Leben, ich will Euch den Weinkelch halten.«

»Schenk ein«, lallte der Dämon. Der Drache nahm den Krug und ließ den Wein in den Becher fließen, drei bis fünf Zoll über den Rand hinaus, ohne dass er auslief. Es war ein Bannzauber für Flüssigkeiten, den der Drache anwandte. Belustigt fragte der Dämon: »Geht’s noch höher?«

»Ja«, antwortete der Drache, hielt die Kanne hoch und goss so viel ein, bis der Wein spitz aufragte wie eine dreizehnstöckige Pagode. Vergnügt streckte der Dämon sein Maul vor und schlürfte den Becher leer, langte dann nach der Leiche, nahm einen Bissen und fragte: »Kannst du singen?«

Der Drache wählte eine Melodie und trug ein kurzes Lied vor, dann füllte er einen weiteren Becher.

»Kannst du tanzen?« fragte der Dämon weiter.

»Ein bisschen«, gab der Drache zur Antwort, »doch mit bloßen Händen sieht es nicht gut aus.«

Da langte der Dämon unter sein Gewand, zog das Schwert am Gürtel aus der Scheide und reichte es dem jungen Drachen. Der nahm es entgegen und vollführte vor der Weintafel einen Schwerttanz, ließ das Schwert auf und nieder, links und rechts durch die Luft wirbeln, dass dem Ungeheuer vom Zuschauen ganz schwindlig wurde. Da nutzte der Drache die Gelegenheit und stach die Klinge gegen den Dämon. Dieser aber wich zur Seite und riss einen Kandelaber an sich, mit dem er nun den Säbel abwehrte. Da diese Kerzenleuchter aus Eisen bestanden, wogen sie mit dem Ständer wohl achtzig bis neunzig Pfund. Nun stürmten die beiden aus der Halle, der junge Drache nahm seine eigene Gestalt an und schwang sich zu den Wolken hoch, wo er in der Finsternis acht bis neun Runden gegen den Dämon ausfocht. Schließlich ließen seine Kräfte nach, und er konnte nicht länger standhalten. Da warf er das Schwert nach dem Dämon, um ihn zu verletzen, doch dieser fing es geschickt auf, ließ den Kerzenhalter fallen und griff den Drachen an. Unvorbereitet wie er war, wurde der Drache am Hinterfuß getroffen und sauste pfeilschnell nach unten. Er konnte von Glück reden, dass der Palastgraben ihm das Leben rettete, denn hier tauchte er nun kopfüber ins Wasser. Als der hinterhereilende Dämon ihn nicht finden konnte, kehrte er schließlich in die Halle zum Silberfrieden zurück, wo er weiterzechte, bis er einschlief, doch davon sei hier nicht weiter die Rede.

Der junge Drache aber hielt sich tief im Wasser versteckt und wagte eine gute Stunde lang keinen Laut von sich zu geben, bis er endlich aufsprang und auf einer dunklen Wolke in die Herberge der Poststation schwebte, wieder die Gestalt des Pferdes annahm und sich wie zuvor über den Futtertrog beugte. Zum Erbarmen war es, wie er nun tropfnass und mit einer Wunde am Bein dastand. So war es in der Tat:

Das Denkpferd und der Herzensaffe

Sind voneinander abgeirrt;

Metallvater und Holzmutter

Sind ermattet und verstreut.

Versehrt ist auch das Gelbe Weib,

Es hat des Meisters Stütze nicht,

Die Weggefährten sind entzweit,203

Wie wird das Werk so je vollbracht?

Doch lasst uns nun von Bajie berichten. Dieser nämlich hatte sich, nachdem er Sandmönch verlassen und sich ins Gras geworfen hatte, eine regelrechte Sausuhle ausgewühlt, wo er eingeschlafen war und erst gegen Mitternacht wieder aufwachte. Über sich sah er die Sterne um den Großen Wagen kreisen; dem Anschein nach musste es gegen die dritte Nachtwache sein.

»Sicher ist Sandmönch vom Dämon erwischt worden«, sann er. »Am besten geh ich erst mal in die Stadt zurück.«

Also schnellte er in die Höhe und gelangte im Nu zur Poststation. Der Mond schien, und alles war still. In keiner der Seitenkammern konnte er den Meister finden, einzig das weiße Pferd war da und schlief. Bajie betrachtete es und rief auf einmal erschrocken: »Doppeltes Unglück! Das Vieh ist doch gar nicht rausgegangen, warum ist es jetzt schweißnass und hat eine Wunde am Bein? Bestimmt ist der Meister beraubt und das Ross dabei verwundet worden!«

Wie nun der Schimmel Bajies Stimme vernahm, rief er auf einmal in der Sprache der Menschen: »Ordensbruder!«

Vor Schreck fiel der Tölpel rücklings zu Boden, dann rappelte er sich auf und wollte davonlaufen. Doch das Pferd schnappte ihn an seiner schwarzen Kutte und rief: »Bruder, fürchte dich nicht vor mir.«

Das Pferd schnappte ihn an seiner schwarzen Kutte und rief: »Bruder, fürchte dich nicht vor mir.«

Schlotternd vor Angst fragte Bajie: »Warum kannst du heute plötzlich sprechen? Es muss etwas ganz Schlimmes passiert sein.«

»Weißt du, dass der Meister in Not ist?«

»Nein, ich weiß von nichts.«

»Ja, du kannst es nicht wissen«, sagte der Drache und erzählte ausführlich, was geschehen war.

»Ist das wahr?« rief Bajie. »Ach, was nun?« Dann fragte er: »Kannst du laufen?«

»Warum fragst du?«

»Wenn du laufen kannst, dann geh ins Meer zurück. Das Gepäck kann ich alter Eber ins Dorf der Sippe Gao mitnehmen, dann geh ich wieder als Schwiegersohn an den Herd meiner alten Familie.«

Wie der kleine Drache diese Worte hörte, biss er sich an Bajies Mönchskutte fest, und Tränen rannen ihm aus dem Augen.

»Bruder!« rief er, »du darfst auf keinen Fall der Faulheit erliegen!«

»Was bleibt denn anderes als Faulheit? Bruder Sandmönch ist gefangen, und gegen diesen Dämon komme ich eh nicht an. Worauf sollen wir noch warten? Besser, wir trennen uns gleich.«

Abermals stürzten dem jungen Drachen die Tränen aus den Augen, und er sprach: »Bruder, rede nicht von Trennung. Um den Meister zu befreien, brauchst du nur jemanden zu holen.«

»Wen denn?«

»Mach dich so schnell wie möglich auf zum Blumen- Früchte-Berg und lass Pilger Sun kommen. Er hat noch mehr Fähigkeiten gegen Dämonen. Sicher kann er den Meister befreien und uns auch für unsere Niederlage rächen.«

»Ach Bruder«, meinte Bajie, »jeder andere soll mir recht sein, aber mit diesem Affen komme ich nicht gut aus. Als unser alter Mönch ihn am Berg des Weißen Tigers verjagt hat, muss er sich irgendwie über mich geärgert haben. Er wird auf keinen Fall mit mir kommen. Und wenn ich vielleicht noch was Falsches sage, hat er diese erbärmliche Stange, die ist so schwer, dass ich niemals lebend davonkomme, falls er mir eins auswischt!«

»Er wird dich gewiss nicht schlagen«, versetzte der Drache, »er ist ein Affenkönig mit Gefühl für Menschlichkeit und Gerechtigkeit. Lass ihn bloß nicht wissen, dass der Meister in Not ist, sage erst mal nur, der Meister sehne sich nach ihm. Du musst ihn einfach hierherlocken; sobald er unsere Not sieht, wird er uns nicht mehr böse sein. Ich bin überzeugt, dass er dann mit dem Ungeheuer kämpfen will, es austreibt und unseren Meister befreit!«

»Nun gut, nun gut«, meinte Bajie. »Wenn du dich so sehr für diese Sache einsetzt, komme ich ja schlecht weg, wenn ich jetzt nicht mitmache.«

Tatsächlich sprang der Tölpel nun in die Höhe, setzte auf einer Wolke auf und sauste gen Osten. Das Schicksal des Priesters fügte es, dass er günstigen Wind hatte; er brauchte nur seine großen Ohren wie Windsegel aufzuspannen. Alsbald hatte er den Östlichen Ozean überquert und glitt nach unten. Unvermerkt war die Sonne aufgegangen. Bajie landete auf dem Berg und suchte gerade nach einem Weg, als auf einmal Stimmen an sein Ohr drangen. Als er in die Richtung spähte, sah er, dass drüben in einer Senke Pilger auf einem Felsblock saß, davor über tausend Affen, die sich in geordneten Reihen vor ihm aufgestellt hatten und ihn mit »Eure Majestät, der Große Heilige!« anriefen.

»Wie fein der es hat!« murmelte Bajie. »Nun, wenn ich schon hierhergekommen bin, muss ich ja wohl zu ihm gehen.«

Der Tölpel aber traute sich nicht, offen vor ihn zu treten;

stattdessen schlenderte er gemächlich auf jenen grasbewachsenen Felsen zu, vor dem sich die Affen tummelten, mischte sich unter die Schar und machte mit ihnen Kotau.

Doch der Große Heilige hatte ihn längst bemerkt. »He, da hat sich einer in unsere Reihen gemischt, das ist ein Wilder!« schrie er. »Nehmt ihn fest!«

Da stürzten sich die kleinen Affen wie ein Schwarm Wespen auf Bajie, stießen ihn um und drückten ihn zu Boden.

»Wo kommst du her, du Wilder?« herrschte ihn Pilger an.

»Ich bin kein Wilder«, stammelte Bajie mit gesenktem Kopf, »ich bin ein Bekannter, ein Bekannter.«

»Bei mir gibt es doch keine solchen Leute!«

Den Kopf gesenkt, die Schnauze im Kragen, brummte Bajie: »Du bist gemein, immerhin bin ich ein paar Jahre dein Ordensbruder gewesen. Und jetzt behauptest du, mich nicht zu kennen, und nennst mich einen Wilden!«

»Dann heb mal den Kopf, damit ich dich sehen kann!«

Der Tölpel streckte seine Schnauze vor und murrte: »Na schau doch, wenn du mich nicht kennst, wirst du auch mein Maul nicht kennen.«

Da prustete Pilger los: »Eber Bajie!«

Auf diesen Ruf sprang Bajie hoch und rief: »Ja, ja! Ich bin Eber Bajie!«

»Warum kommst du denn hierher, anstatt Tripitaka in den Westen zu begleiten? Sicher hast du den Meister beleidigt, und er hat dich entlassen! Zeig mir die Entlassungsurkunde.«

»Ich hab ihn nicht beleidigt, er hat mich auch nicht entlassen.«

»Warum kommst du denn?«

»Der Meister sehnt sich nach dir. Er hat mich geschickt, dich zurückzubitten.«

»Damals hat er zum Himmel geschworen und mit eigener Hand die Entlassungsschrift verfasst. Wie kann er da plötzlich wieder an mich denken und dich in die Ferne nach mir schicken?«

»Er sehnt sich wirklich nach dir!« beteuerte Bajie. »Einmal hat er unterwegs vom Pferd aus ›Schüler‹ gerufen, da hab ich ihn nicht gehört, und Sandmönch stellte sich taub. Da hat der Meister an dich gedacht und gesagt, wir beide seien zu nichts nütze, du hingegen wärst immer so intelligent und geschickt gewesen, hättest sofort geantwortet, wann immer er dich rief. Darum hat er mich eigens hierher geschickt, dich zurückzuholen. Ich bitte dich, komm unbedingt mit!«

Pilger sprang vom Felsblock herunter, legte Bajie die Hand auf die Schulter und meinte: »Ach Bruder, wenn du von so weit her kommst, wollen wir uns doch erst mal ein bisschen amüsieren.«

»Es ist wirklich ein weiter Weg, doch der Meister wartet auf mich, ich kann nicht zum Vergnügen hierbleiben.«

»Wenn du schon mal bei mir vorbeikommst, schau dir doch wenigstens ein bisschen die schöne Landschaft an!«

Der Tölpel traute sich nicht, von neuem abzulehnen, und so blieb ihm nichts anderes übrig, als mitzugehen. Hand in Hand kletterten die beiden auf die höchsten Gipfel des Blumen- Früchte-Berges. Was für ein schöner Berg! Seit Pilgers Heimkehr hatten ihn die Affen wieder aufgeräumt und zur einstigen Pracht gebracht. Bajie ließ den Blick schweifen und sagte freudig zu Pilger: »Bruder, was für ein schöner Flecken! Wahrhaftig der schönste Berg auf Erden!«

Die beiden machten sich an den Abstieg. Am Wegrand stießen sie auf ein paar kleine Affen, die ihnen haufenweise Trauben, Birnen, Datteln, Mispeln und Yangmei-Beeren

kniend darbrachten und riefen: »Großer Heiliger, Großväterchen, hier ist Euer Frühstück, bitte bedient Euch!«

Pilger lachte: »Bruder Eber, du mit deinem Riesenappetit wirst dich nicht mit einer Mahlzeit aus Früchten begnügen. Nimm erst mal was zur Erfrischung.«

Unterdessen war die Sonne höher gestiegen, und Bajie begann Pilger zu drängen. »Bruder, der Meister wartet auf mich. Er hofft, dass ich und du so schnell wie möglich zu ihm kommen.«

»Werter Bruder«, entgegnete Pilger ungerührt, »komm doch noch ein Weilchen in die Wasservorhang-Grotte!« Doch Bajie lehnte ab.

»Nun, dann will ich dich nicht länger aufhalten«, meinte Pilger, »verabschieden wir uns.«

»Aber Bruder, kommst du nicht mit?« fragte Bajie.

»Wohin soll ich denn? Hier bin ich vollkommen frei, Himmel und Erde lassen mich in Ruhe, ich kann mich nach Lust und Laune vergnügen; wozu soll ich da Mönch sein? Richte dem Priester aus, wenn er mich schon verjagt habe, solle er nicht weiter an mich denken.«

Als Bajie dies hörte, wagte er ihn nicht weiter zu bedrängen, murmelte einen Abschiedsgruß und ging. Pilger sah ihm nach und schickte zwei flinke kleine Affen, Bajie zu folgen und ihn zu belauschen. Und tatsächlich, kaum war Bajie am Fuß des Berges, wandte er sich um, zeigte mit dem Finger in die Richtung von Pilger und schimpfte: »Dieser Affenlump! Statt als Mönch lebt er jetzt als Ungeheuer! Mit guter Absicht bin ich gekommen, ihn zurückzubitten, und er lehnt einfach ab. Na, dann lass es eben sein!«

Alle paar Schritte schimpfte er vor sich hin. Die kleinen Affen rannten eilends zurück und meldeten, was sie gehört hatten. Wütend befahl Pilger, ihn festzunehmen. Da stürzten sich die Affen flugs auf Bajie, stießen ihn zu Boden, rupften an seinen Borsten, zerrten an seinen Ohren und schleppten ihn zurück. Und da wir nicht wissen, was sie mit ihm anstellten, lasst uns das nächste Kapitel anhören.