Accueil > Die Reise nach Westen > Kapitel31

031 Eber Bajie reizt den Affenkönig mit Rechtschaffenheit / Pilger Sun bezwingt den Dämon mit gewitztem Sinn

Redlichkeit kann die Gebrüder binden,

Das Dharma heim ins Wesen finden!204

Folgsam ist Metall, und Holz ist zahm,

Damit die Rechte Frucht gedeihen kann;

Herzensaffe und Holzmutter einen

Gemeinsam sich zum Ursprungskeim.205

So steigen sie allhier zusammen

Zur Glückseligkeit empor;206

In der ungeteilten Wahrheit

Finden sie das Dharma-Tor.207

Denn es sind die Heiligen Schriften

Pfade der Vervollkommnung;208

Buddha aber steht im Grunde

Für den Urgeist in uns drin.

Einig sind die Ordensbrüder

Fortan in dem Dreierbund,

Während die Dämonen passend

Zu den Wandlungsphasen sind.209

Sind des Daseins Sechs Bereiche überwunden,

Werden sie zu Buddhas Tempel finden!210

Doch erzählen wir, wie der Tölpel von der ganzen Affenhorde gepackt wurde, die ihn hob und hievte, stieß und zerrte, bis seine Mönchskutte ganz zerrissen war.

»Es ist aus!« brummte er, »diesmal bringt er mich um!«

Schon waren sie vor der Grotte, wo der Große Heilige auf einem Felsblock thronte und schrie: »Du wertloses Mistvieh! Mach dich doch einfach aus dem Staub, was fällt dir ein, mich noch zu beschimpfen?«

Auf den Knien antwortete Bajie: »Aber Bruder, ich habe dich doch nicht beschimpft! Hätte ich das getan, würde ich mir auf der Stelle die Zunge zerbeißen.«

»Mir kannst du nichts verheimlichen!« rief Pilger. »Ich brauche doch bloß mein linkes Ohr hochzuziehen, dann hör ich schon, was man sich im dreiunddreißigsten Himmel erzählt. Und wenn ich mein rechtes Ohr nach unten ziehe, höre ich gleich die zehn Höllenkönige mit dem Höllenrichter ihre Berechnungen machen. Wie kann es mir da entgehen, wenn du auf mich schimpfst!« Dann rief er in die Menge: »Bringt Prügelstöcke! Zur Begrüßung kriegt er zwanzig Schläge auf die Knöchel, dann zwanzig über den Rücken, und am Ende werde ich ihn mit meiner Eisenstange verabschieden.«

Entsetzt schlug Bajie die Stirn zu Boden und rief: »Bruder! Um alles in der Welt, verschone mich unserem Meister zuliebe!«

»Der ist ja so voller Menschenliebe und Gerechtigkeit!« höhnte Pilger.211

»Bruder, wenn nicht dem Meister zuliebe, dann verschone mich bitte um der Güte der Bodhisattva Guanyin willen!«

Die Erwähnung von Guanyin begann Pilger nun doch etwas umzustimmen, und so lenkte er ein: »Nun gut, Bruder, wenn du das sagst, will ich dich vorerst nicht schlagen. Doch sag mir jetzt offen und ehrlich: Wo ist der Priester in Not geraten, dass du mich jetzt ködern willst?«

»Er ist nicht in Not, Bruder, er sehnt sich wirklich nach dir!«

»Du Mistvieh verdienst eben doch Prügel!« fauchte Pilger. »Wozu mir immer noch die Wahrheit verbergen? Ich alter Sun bin doch nur körperlich auf dem Blumen-Früchte-Berg, im Herzen folge ich noch immer dem Schriftenholer! Auf Schritt und Tritt wird der Meister von Unheil heimgesucht. Sag mir sofort, was los ist, sonst kriegst du Prügel!«

Auf diese Worte vollzog Bajie abermals einen Stirnaufschlag und antwortete unterwürfig: »Bruder, es stimmt, ich wollte dir die Wahrheit verschweigen, damit du mitkommst. Ich habe nicht damit gerechnet, dass du so scharfsinnig bist. Bitte verschone mich und lass mich aufstehen, dann sage ich dir alles.«

»Nun gut, steh auf und sprich!«

Die Affen ließen den Tölpel los, er sprang auf und begann ausführlich zu schildern, was sich mit dem Dämon der Gelben Robe ereignet hatte, am Schluss bemerkte er: »Dank sei dem kleinen Drachen für sein gutes Herz. Er hat mich dazu bewegt, zu dir zu kommen. Er sagte: ›Unser ältester Ordensbruder ist

ein Edelmann mit Gefühl für Menschlichkeit und Gerechtigkeit, und ein Edler gedenkt nicht alter Zwiste. Bestimmt wird er mitkommen, unseren Meister zu retten.‹ Ich bitte dich um alles in der Welt, gedenke unserer einstigen Bande, Bruder! Komm und hilf dem Meister!«

»Ach, du Tölpel!« versetzte Pilger, »als ich weggegangen bin, habe ich doch wörtlich gesagt: ›Falls ein Ungeheuer den Meister erwischt, dann lass es wissen, dass der alte Sun dein Ordensbruder ist.‹ Warum hast du mich denn nicht erwähnt?«

Da sann Bajie im Stillen: »Einen Kriegsherrn zu bitten, wirkt lange nicht so gut, wie ihn zu reizen. Das will ich doch mal versuchen.« Und so sagte er: »Bruder, hätte ich nichts von dir gesagt, wäre es ja noch gegangen. Gerade weil ich dich erwähnt habe, ist er so frech geworden!«

»Wie das?«

»Ich sagte: ›Keine Frechheiten, du Ungeheuer, lass meinen Meister in Ruhe! Ich habe noch einen Ordensbruder, der heißt Pilger Sun, er hat immense Zauberkräfte und kann Dämonen bezwingen. Wenn er kommt, ist dir der Tod gewiss, und zwar so, dass man dich nicht mal begraben kann!‹ Da ist das Ungeheuer noch wütender geworden und hat geschrien: ›Was für ein Pilger Sun! Der traut sich doch nicht, mich zu belästigen! Falls der kommt, zieh’ ich ihm die Haut über die Ohren und die Sehnen aus dem Leib, zerbeiße ihm die Knochen und fresse sein Herz. Auch wenn so ein Affe zu mager ist, werd’ ich ihn in Stücke hacken und im Öl braten!«

Als Pilger dies hörte, wurde er so wütend, dass er sich an Ohren und Wangen kratzte, in hellem Zorn umherstampfte und schrie: »Wer wagt es, mich so zu beschimpfen?«

»Beruhige dich, Bruder!« rief Bajie. »Es ist eben jener Dämon der Gelben Robe, der dich auf diese Weise beschimpft hat, ich hab es nur nachgemacht, damit du es hörst.«

»Werter Bruder«, meinte Pilger nun, »eigentlich wollte ich nicht kommen. Doch wenn diese Bestie so über mich herzieht, dann geh ich mit dir hin, nehme sie fest und hacke sie in tausend Stücke, als Rache für diese Beleidigung! Sobald ich mich gerächt habe, kehre ich hierher zurück.«

»So ist es gut, Bruder«, nickte Bajie.

Da sprang der Große Heilige vom Felsblock und ging in die Grotte, wo er sein Dämonenkleid auszog, sorgfältig die brokatene Mönchskutte umlegte und den Lendenschurz aus Tigerfell gürtete. Dann packte er seine Eisenstange und trat vor das Tor, wo er von den Affen Abschied nahm und mit Bajie Hand in Hand zu den Wolken emporstieg.

Er trat vor das Tor, wo er von den Affen Abschied nahm und mit Bajie Hand in

Hand zu den Wolken emporstieg.

Sie hatten bereits den Östlichen Ozean überquert und dessen westliches Ufer erreicht, als Pilger auf einmal die Wolke anhielt und sagte: »Bruder, warte mal kurz, ich will mich da unten im Meer waschen. In diesen Tagen, seit ich zurückgekehrt bin, hat sich schon so eine dämonische Aura auf mir angesammelt. Der Meister liebt die Reinheit, er könnte sich daran stoßen.«

Bajie verstand nun, dass es Pilger aufrichtig meinte und keine anderen Absichten hegte. Binnen kurzem hatte er sich rein gewaschen, stieg wieder auf eine Wolke und schwebte weiter westwärts. Als man die Pagode mit den goldenen Dächern blinken sah, wies Bajie hin und sagte: »Dort wohnt der Dämon der Gelben Robe. Sandmönch ist bestimmt noch in seiner Grotte.«

»Warte, ich will erst mal hinuntergehen, dieses Ungeheuer zu stellen.«

»Er ist nicht zu Hause.«

»Ich weiß.«

Der gute Affenkönig! Er senkte seinen Lichtstrahl, landete vor der Grotte und schaute sich um. Da sah er zwei kleine Bälger dort spielen, der eine um die zehn, der andere um die acht oder neun Jahre alt. Pilger trat mitten in ihr Spiel und packte sie an den Haarbüscheln, die ihre kahlgeschorenen Köpfe zierten. Die beiden schrien wie am Spieß, und die Torwächter rannten flugs in die Grotte, um die Prinzessin zu benachrichtigen. Es waren nämlich die beiden Kinder, die sie dem Dämon geboren hatte. Die Prinzessin eilte aus der Grotte und schrie : »He, Bursche, warum packst du meine Kinder? Mit ihrem Vater ist nicht zu spaßen, wenn etwas geschieht, kriegst du keine Ruhe mehr!«

Pilger lachte: »Kennt Ihr mich denn nicht? Ich bin der älteste Schüler des chinesischen Priesters, Pilger Sun Wukong. Mein Ordensbruder Sandmönch ist in Eurer Grotte, wenn Ihr ihn freilasst, gebe ich Euch die Kinder zurück.«

Als die Prinzessin dies hörte, lief sie in die Grotte zurück, scheuchte die kleinen Ungeheuer weg und begann mit eigener Hand Sandmönchs Fesseln zu lösen. Doch dieser meinte: »Befreit mich besser nicht, Prinzessin. Sonst müsst Ihr noch dafür büßen, wenn der Dämon zurückkommt.«

»Priester, Ihr seid mein Wohltäter«, erwiderte die Prinzessin, »Ihr habt für mich die Geschichte mit dem Brief bereinigt und mir so das Leben gerettet. Ich habe mir schon überlegt, wie ich Euch freilassen könnte. Jetzt ist unerwartet Euer Ordensbruder Pilger Sun gekommen und hat mich beauftragt, Euch freizulassen.«

Als Sandmönch die Worte »Pilger Sun« vernahm, war es ihm, als würde er von einem labenden Trunk erquickt, und Glück durchströmte sein Herz. Seht, wie er freudestrahlend aus der Grotte tritt!

Er begrüßte Pilger und sprach: »Bruder, du kommst wirklich wie vom Himmel gesandt. Ich bitte dich, rette uns!«

»Du Sandnonne!« lachte Pilger, »hättest du damals, als der Meister den Reifverengungsspruch aufsagte, nicht ein Wörtchen für mich einlegen können? Alle redet ihr großspurig davon, dass ihr den Meister beschützen wollt! Warum hockt ihr jetzt hier, statt in den Westen zu pilgern?«

»Bruder, der Edle gedenkt nicht alter Zwiste«, meinte Sandmönch. »Lass uns nicht weiter davon reden.«

Dann begrüßte er auch Bajie, der ihm ausführlich berichtete, was am Vorabend geschehen war.

»Genug der Rede, Tölpel«, meinte Pilger schließlich, »ihr beide packt euch jetzt diese Bälger und geht mit ihnen zum Königshof vom Land der Kostbaren Erscheinung. Dort müsst ihr den Dämon reizen, damit er zurückkommt und ich ihn hier abfangen kann.«

»Wie denn reizen?« fragte Sandmönch.

»Geht einfach auf Wolken zur Haupthalle des Palastes und schmeißt dort die Bengel vor die weiße Jadetreppe. Wenn jemand danach fragt, sagt ihr einfach, das seien die Bengel des Dämons der Gelben Robe. Sobald dieser davon hört, wird er mit Sicherheit hierherkommen. So brauche ich nicht in der Stadt mit ihm zu kämpfen, dort würden wir nur den König und die Bewohner erschrecken.«

Die beiden versprachen einhellig, zu tun wie geheißen, und führten die Bälger mit sich. Pilger aber sprang vom Fels herunter und ging zum Eingang der Pagode. Da bemerkte die Prinzessin: »Euch kann man ja gar nicht vertrauen. Eben habt Ihr gesagt, wenn ich Euren Ordensbruder befreie, würdet Ihr mir die Kinder zurückgeben. Warum gebt Ihr mir sie nicht, da ich ihn befreit habe?«

Pilger lächelte freundlich und antwortete: »Prinzessin, nehmt es mir nicht übel. Ihr seid ja schon lange hier, also lasst

doch Euren werten Gemahl mal seinen Ahnherrn kennenlernen.«212

»Seid bloß nicht so frech«, entgegnete die Prinzessin, »mein Herr der Gelben Robe ist kein Geringer! Glaubt Ihr etwa, er wird Euch in Ruhe lassen, wenn Ihr seine Kinder so erschreckt?«

»Aber Prinzessin«, meinte Pilger lachend, »Ihr zeigt gar tiefe Gefühle für Eure Ehe! Bedenkt doch, woher Ihr kommt! Warum denkt Ihr plötzlich nicht mehr an Eure Eltern?«

»Ach Priester, wie könnte ich meine Eltern vergessen! Doch dieser Dämon hat mich hierher verschleppt, seine Macht ist groß, und zu Fuß komme ich nicht weit. Der Weg durchs Gebirge ist viel zu weit, und es gab niemanden, der für mich ein Lebenszeichen an meine Eltern hätte schicken können. Ich wollte mir das Leben nehmen, doch dann befürchtete ich, meine Eltern könnten glauben, ich wäre von zu Hause geflohen, und die Wahrheit käme nie ans Licht. Deshalb ist mir nichts anderes übriggeblieben, als dies erbärmliche Leben zu führen, in der Hoffnung, eines Tages endlich in meine Heimat zurückkehren zu können.« Sie brach ab, und die Tränen rannen ihr über die Wangen.

»Grämt Euch nicht, Prinzessin«, sprach Pilger. »Eber Bajie hat mir gesagt, Ihr hättet meinem Meister einen Brief an Eure Eltern mitgegeben, damit habt Ihr ja Eure Sehnsucht nach ihnen zum Ausdruck gebracht. Sobald ich alter Sun den Dämon überwunden habe, bringe ich Euch in den Palast; dort wird man Euch einen neuen Gemahl suchen, dass Ihr bis zum Lebensabend eine glückliche Ehe genießen könnt. Wie steht dazu Euer Sinn?«

»Stürzt Euch nicht ins Verderben, werter Mönch!« warnte die Prinzessin. »Gestern haben Eure beiden Ordensbrüder gegen ihn gekämpft, und selbst solche Kerle waren nicht in der Lage, ihn zu überwinden. Was könnt Ihr dürres Gespenst schon für Fähigkeiten haben, dass Ihr Euch zum Glauben versteigt, ihn austreiben zu können?«

Pilger lachte: »Fähigkeiten, wie ich sie beherrsche, habt Ihr noch nie zu sehen bekommen. Aufs Austreiben von Dämonen verstehe ich mich wie kein anderer!«

»Wie wollt Ihr ihn denn austreiben?«

»Am besten geht Ihr erst mal aus dem Weg und lasst Euch nicht blicken. Erst wenn er gekommen ist und ich ihn erschlagen habe, kann ich Euch in den Palast zurückführen.«

Gehorsam trat die Prinzessin ab. Ihr Schicksal wollte es, dass diese Ehe nun zu Ende gehen sollte, deshalb traf es sich, dass Pilger erschien. Nachdem er die Prinzessin verborgen hatte, machte der Affenkönig eine leichte Körperdrehung, und schon erschien er in ihrer Gestalt. So wartete er in der Grotte die Rückkehr des Dämons ab.

Berichten wir jedoch von Bajie und Sandmönch, welche die beiden Bälger ins Königreich Baoxiang gebracht und im Königshof vor die weiße Jadetreppe geschleudert hatten, wo die Armen nur mehr wie Fleischklößchen liegen blieben. Bestürzt leiteten die Beamten des ganzen Palastes die Meldung weiter: »Unheil, Unheil, zwei Menschen sind vom Himmel gefallen!«

Da rief Bajie mit lauter Stimme in den Palast hinunter: »Diese Bengel sind die Sprösslinge des Dämons der Gelben Robe; ich alter Eber und Bruder Sandmönch haben sie gefasst!«

Der Dämon schlief in der Halle zum Silberfrieden noch immer seinen Rausch aus. Als er im Traum seinen Namen hörte, wälzte er sich herum und schaute auf, da sah er hoch oben in den Wolken Eber Bajie mit Sandmönch. Er dachte bei sich: »Eber Bajie kann mir egal sein, aber dieser Sandmönch war doch bei mir in der Grotte angebunden; wie ist er dort rausgekommen? Und wie sind meine Kinder in ihre Hände geraten? Wartet nur, jetzt geh ich nach Hause und schaue, was los ist! Anschließend kann ich mich immer noch mit denen abgeben.«

Seht, wie er in den Bergwald saust, ohne sich überhaupt vom König zu verabschieden!

Inzwischen war im Palast bereits bekannt geworden, was sich in der Nacht ereignet hatte, so dass nun allen klar war, dass es sich um einen Dämon gehandelt hatte. Wie der König nun eine Anzahl Hofbeamte den falschen Tiger bewachen ließ, sei hier nicht weiter ausgeführt.

Wenden wir uns stattdessen dem Dämon zu, der in seine Grotte zurückgekehrt war. Als Pilger, der ja die Gestalt der Prinzessin angenommen hatte, ihn kommen sah, rieb er sich die Augen, bis ihm die Tränen in Bächen über die Wangen liefen, dazu schrie er wehklagend nach den Kindern, stampfte wie in großer Verzweiflung mit den Füßen, schlug sich mit der Faust an die Brust und flennte, was das Zeug hielt. Wie hätte ihn der Dämon auch erkennen können? Er ging auf ihn zu, legte ihm den Arm um die Schultern und sprach: »Mein Weib! Was ist denn geschehen, dass du so traurig bist?«

Unter Tränen erzählte der Große Heilige: »Ach, mein Gemahl! Warum bist du gestern nicht nach Hause gekommen, nachdem du im Palast warst? Heute früh ist Eber Bajie gekommen, hat den Sandmönch geraubt, und dann haben sie die Kinder gepackt und verschleppt. All mein bitteres Klagen und Flehen half nichts. Sie haben gesagt, sie wollten die Kinderchen in den Palast mitnehmen und sie ihrem Großvater zeigen, doch seither habe ich sie nicht wiedergesehen, weiß gar nicht, wie es um ihr Leben steht! Und du bist einfach nicht nach Hause gekommen; wie soll ich das aushalten? Dieser Jammer bricht mir das Herz, darum musste ich weinen.«

Da schrie der Dämon aufgebracht: »Dann waren es wirklich meine Söhne!«

»Ja«, versetzte Pilger, »sie sind von Eber Bajie geraubt worden.«

In hellem Zorn sprang der Dämon auf und ab und rief: »Alles ist hin! Sie haben meine Söhne in den Tod geschleudert! Ich werde diese Mönche packen und den Tod meiner Söhne an ihnen rächen. Hör auf zu heulen, Weib! Wie ist dir jetzt zumute?«

»Ach«, meinte Pilger, »es tut mir so leid um die Kinder, dass mir vor lauter Weinen das Herz schmerzt.«

»Das ist nicht weiter schlimm«, meinte der Dämon tröstend, »ich habe ein Wundermittel gegen Schmerzen, du brauchst es nur da aufzulegen, wo es weh tut. Doch pass auf, du darfst nicht mit dem Daumen draufschnippen, sonst kommt meine wahre Gestalt zum Vorschein.«

Pilger freute sich im Stillen über das Gehörte, während der Dämon ihn am Arm ins Innerste seiner Grotte führte. Hier holte er sein Wundermittel aus dem Mund. Es war etwa so groß wie ein Hühnerei, ein wundervolles Sarira der Inneren Alchemie.213

»Was für ein hübsches Ding!« frohlockte Pilger. »Wer weiß, wie viele Stunden der Meditation, wie viele Jahre des Leidens, wie viele Paarungen männlicher und weiblicher Kräfte es gekostet hat, dieses Heiligtum der Inneren Alchemie entstehen zu lassen! Da ist mir altem Sun ja ein großes Glück beschert, dass mir dies über den Weg läuft.«

Er nahm die Pille und tat so, als würde er sich damit die Herzgegend reiben, doch gleichzeitig schnippte er mit dem Daumen darauf. Der Dämon erschrak und wollte sie ihm entreißen, doch da hatte der Affenkönig den Schatz bereits in den Mund gesteckt und verschluckt. Der Dämon ballte die Faust und wollte zuschlagen, doch Pilger hielt ihn mit einem harten Griff ab, fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, dass seine eigene Gestalt zum Vorschein kam, und rief: »Keine Frechheiten, du Ungeheuer! Schau, wer ich bin!«

Da rief das Ungeheuer entsetzt: »Aber Weib, warum machst du eine solche Fratze?«

»Weh dir, du Zankteufel«, schrie Pilger, »wer ist hier dein Weib? Nicht mal deinen Vorfahr erkennst du!«

Plötzlich besann sich der Dämon und sagte: »Mir scheint, als ob ich dich schon mal gesehen hätte. Doch mit einem Mal fällt mir der Name nicht ein. Sag mir, wer bist du und woher kommst du? Wie kannst du nur grundlos in mein Haus eindringen und mich um mein Wundermittel betrügen! So was von hinterhältig!«

»Du erkennst mich also nicht«, meinte Pilger. »Ich bin der älteste Schüler des Mönchs aus China, Pilger Sun Wukong. Ich bin dein früherer Ahne vor fünfhundert Jahren!«

»Nein, das kann nicht wahr sein!« entgegnete der Dämon, »als ich den Mönch aus China gefangen hielt, hatte er nur zwei Schüler, die hießen Eber Bajie und Sandmönch. Von einem, der Sun heißt, hat keiner was gesagt. Wer weiß, wo du Ungeheuer herkommst, mich zu betrügen!«

»Ich bin nicht mit ihnen zusammen gekommen. Weil ich alter Sun öfter mal Dämonen erschlage, hat mich mein Meister verjagt.«

»Ha, das will ein Held sein! Da hat dich dein Meister verjagt, und du hast noch das Gesicht, ihm unter die Augen zu treten!«

»Was hast du für eine Ahnung, du Lump! So heißt es: ›Wer mir auch nur einen Tag als Lehrer dient, den ehre ich ein Leben lang wie meinen Vater.‹ Wie könnte ich meinen Meister im Stich lassen, wenn du ihm Schaden zufügst? Und das allein geht ja noch, doch wie kannst du es wagen, mich hinterrücks zu beschimpfen?«

»Wann soll ich dich je beschimpft haben?«

»Eber Bajie hat das gesagt.«

»Dieser Eber Bajie mit seinem spitzen Maul! Der hat doch eine Zunge wie ein Weib, warum hörst du auf ihn?«

»Nun, dann lassen wir die müßigen Worte. Doch lass dir gesagt sein, mich alten Sun hast du in deinem Hause als weitgereisten Gast schlecht bewirtet! Nun, wenn’s schon weder Wein noch Speise gibt, hast du wenigstens einen Kopf. Los, streck ihn her, ich geb dir eins mit meinem Stock drauf, das soll mir zum Tee gereichen.«

Auf diese Worte brach der Dämon in lautes Lachen aus und rief: »Da täuschst du dich, Pilger Sun! Wenn du mit mir kämpfen willst, hättest du nicht mit mir hereinkommen sollen. Hier hab ich eine Heerschar von kleinen Ungeheuern, selbst wenn du rundherum Hände hättest, kämst du nicht wieder aus meiner Grotte raus!«

Sofort befahl der Dämon seine Ungeheuer herbei, ließ Tür und Tor verriegeln und streng bewachen. Pilger aber ließ freudig seine Stange in den Händen spielen, dann rief er »Verwandlung!« und erschien als dreiköpfiges Wesen mit sechs Armen, die Stange ebenfalls verdreifacht.

Seht, wie er nun mit sechs Händen drei Stangen herumwirbelt und den Ungeheuern kreuz und quer den Garaus macht!

Am Ende war nur noch der alte Dämon übrig, der nun ins Freie rannte und tobte: »Du unverschämter Affenkerl! Warum kommst du hierher, mich zu quälen?«

Blindwütig schlug er mit seinem Säbel zu, und Pilger schwang seine Eisenstange über ihn. Dieser Kampf auf dem Berg und schließlich hoch in den Lüften dauerte fünfzig bis sechzig Runden, ohne dass eine Entscheidung fiel.

»Ha, dieser Lump!« dachte Pilger mit heimlicher Freude, »mit seinem Säbel kann er sogar meiner Eisenstange standhalten. Jetzt will ich ihm mal eine Falle stellen, mal schauen, ob er es merkt!«

Der gute Affenkönig! Mit beiden Händen hob er seine Stange hoch und vollführte die Kampfstellung »Das hohe Ross streichen«. Der Dämon, der nicht bemerkte, dass es eine List war, sah nur die unbeschützte Stelle, schwang seinen Säbel und stach geradewegs auf Pilgers Unterleib. Der aber wich flink in die Pose »Waagrecht ausgestreckte Stange«, und der Säbel fuhr ins Leere. In der Stellung »Den Pfirsich unterm Blatt erbeuten« hieb er dem Dämon die Stange über den Schädel, worauf dieser auf einmal spurlos verschwunden war. Pilger steckte seine Stange ein und spähte umher, doch das Ungeheuer war nirgendwo zu sehen. Im Glauben, er wäre auf der Flucht, schnellte Pilger zu den Wolken hoch und hielt Ausschau, doch auch hier war in allen Himmelsrichtungen nichts zu sehen.

»Ich verstehe«, meinte Pilger, »der Dämon hat eben gesagt, er habe mich schon mal gesehen. Bestimmt ist das kein irdisches Ungeheuer, er muss vom Himmel kommen. Da will ich mal im Himmel nachschauen.«

In einem einzigen Überschlag erreichte der Große Heilige das Südliche Himmelstor und begab sich schnurstracks zur Halle der Durchdringenden Klarheit. Schon waren die Vier Großen Himmelsmeister zugegen und fragten: »Großer Heiliger, was ist der Grund Eures Kommens?«

»Ich bin mit dem chinesischen Mönch im Königreich Baoxiang angelangt, doch dort hat ein Dämon die Prinzessin geraubt und meinem Meister Schaden zugefügt«, erklärte Pilger. »Eben habe ich alter Sun mit ihm gerungen, doch mitten im Kampf ist er plötzlich verschwunden. Allem Anschein nach muss das Ungeheuer vom Himmel kommen. Darum bin ich nun eigens gekommen, um zu schauen, ob sich nicht vielleicht irgendwo eine dämonische Gottheit aus dem Staub gemacht hat.«

Die Himmelsmeister meldeten die Angelegenheit sofort im Palast der Himmelshöhen und erhielten die Erlaubnis, sämtliche Gottheiten des Himmels zu inspizieren. Doch alle weilten im Himmel, kein Einziger hatte seinen Posten verlassen. Schließlich durchsuchte man außerhalb des Palastes der Streitenden Ochsen auch noch die Achtundzwanzig Himmelshäuser. Da waren aber nur siebenundzwanzig, wie oft man auch zählen mochte: Das Himmelshaus Kui fehlte.

»Kui der Holzwolf hat sich in die irdischen Gefilde abgesetzt!« meldeten die Himmelsmeister dem Jadekaiser.

»Wie lange ist das her?« fragte dieser.

»Zu den letzten vier Appellen ist er nicht erschienen. Da die Appelle alle drei Tage stattfinden, macht das bis heute dreizehn Tage«, rechneten die Himmelsmeister.

»Dreizehn Tage im Himmel, das entspricht dreizehn Jahren auf Erden!« bemerkte der Jadekaiser. Sogleich entsandte er die zuständigen Sterngötter, den Entlaufenen einzufangen.

Wo dieser Kui sich wohl verborgen hielt, fragt ihr?

Weil er einst, als der Große Heilige im Himmel wütete, als Götterkrieger gedient und einen mächtigen Schrecken abbekommen hatte, stürzte er sich diesmal kopfüber in eine Schlucht, wo das Wasser seine dämonische Aura verdeckte. Dies war der Grund, weshalb man ihn nicht auffinden konnte. Erst als er nun die Sterngötter eine magische Formel rezitieren hörte, wagte er sich wieder zu zeigen und begab sich mit ihnen in die oberen Gefilde. Unterwegs eilte der Große Heilige herbei und wollte ihn erschlagen, doch die anderen Sterngötter geboten ihm Einhalt und führten Kui vor den Jadekaiser. Hier nahm er sein goldenes Ehrenzeichen vom Gürtel und vollzog vor der Halle des Jadekaisers Stirnaufschläge, bereit, seine Schuld zu sühnen.

»Kui Mulang! In unseren himmlischen Gefilden gibt es immense paradiesische Welten«, ließ nun der Jadekaiser verlauten, »wie geht es zu, dass du dich eigenmächtig in die unteren Gefilde abgesetzt hast?«

Abermals machte der Sterngott Stirnaufschläge und sprach: »Mögen verehrte Majestät mich vor der Todesstrafe bewahren! Jene Prinzessin aus dem Lande der Kostbaren Erscheinung war ursprünglich eine Jadejungfer in unserer Duftumhüllten Halle. Es war ihr heimlicher Wunsch, sich mit Eurem Untertan zu verbinden, doch ich befürchtete, damit das himmlische Paradies zu beflecken. In Sehnsucht nach dem irdischen Leben begab sie sich zuerst zur Wiedergeburt in die inneren Gemächer eines Königshofs, und weil ich die Abmachung nicht brechen wollte, folgte ich ihr, besetzte als Dämon einen schönen Berg und holte sie in meine Grotte, wo wir dreizehn Jahre lang als Ehepaar zusammenlebten. Jeder Trank und jede Speise war uns vom Schicksal vorbestimmt. Heute aber hat der Große Heilige Sun seine Tat an mir vollendet, darum will ich ohne Einwand meine Strafe verbüßen.«

Der Jadekaiser nahm ihm sein Ehrenzeichen und verbannte ihn in den Tusita-Himmel, wo er fortan dem Höchsten Alten

Meisters Laozi als Feuermacher dienen sollte. Im Bewährungsfall würde ihm später wieder sein ursprünglicher Posten zugewiesen werden, andernfalls würde das Strafmaß erhöht.

Glücklich über dieses Urteil vollzog Pilger vor dem Jadekaiser eine tiefe Verbeugung und bedankte sich bei allen Sterngöttern. Dann schwebte er auf seiner lichten Wolke nach unten und landete vor der Wellenmond-Grotte auf dem Schüsselberg, wo er die Prinzessin wiederfand. Während er ihr erzählte, was mit dem Dämon geschehen war, trafen auch

Bajie und Sandmönch ein. Mit einer Magie der Raumverkürzung führte Pilger die Prinzessin im Nu vor die Haupthalle ihres Königshofes. Die Prinzessin verbeugte sich vor ihrem Vater König und ihrer Mutter Königin, und alle Palastbeamten eilten herbei, sie willkommen zu heißen. Schließlich sagte die Prinzessin: »Dank sei dem Priester Sun, der mit grenzenloser Dharma-Kraft den Dämon der Gelben Robe bezwungen und mich in mein Land zurückgeführt hat!«

»Was war es denn für ein Dämon?« wollte nun der König wissen, und Pilger erklärte: »Euer Schwiegersohn, Majestät, war der Sterngott des Himmelshauses Kui, und Eure werte Tochter war ursprünglich eine Jadejungfer in den himmlischen Tempelhallen. Sie kam auf Erden, weil sie sich nach dem irdischen Leben sehnte, und diese Ehe war ihr vom Schicksal vorbestimmt. Ich alter Sun habe den Dämon beim Jadekaiser angezeigt, und da er wieder im Himmel weilt, kann ich Euch Eure werte Tochter zurückbringen.«

Der König sprach Pilger seinen Dank aus, dann hieß er ihn sogleich zu seinem Meister gehen. Alle Hofbeamten begaben sich in den Vorraum der Audienzhalle, wo sie den Käfig mit dem falschen Tiger herausholten und die ehernen Schlösser aufbrachen. Alle hielten ihn für einen Tiger, Pilger allein sah den Menschen. Seit der Verzauberung durch den Dämon hatte der Meister zwar im Herzen verstanden, was vor sich ging, doch war es ihm unmöglich gewesen, sich mit Mund oder Augen zu äußern.

»Ha, Meister!« lachte Pilger, »Ihr seid doch ein wohltätiger Mönch! Ihr habt mich der Gewalttat beschuldigt und verjagt. Warum erscheint Ihr jetzt in dieser schrecklichen Gestalt?«

»Aber Bruder«, fiel Bajie ein, »rette ihn doch! Halte ihm nicht jetzt seine Fehler vor!«

»Immer säst du Zwietracht«, gab Pilger zurück, »du bist sein Lieblingsschüler, also rette du ihn! Wozu mich alten Sun aufsuchen? Ich habe dir ja gesagt, dass ich auf meinen Berg zurückkehre, sobald ich den Dämon bezwungen und mich für die Beleidigung gerächt habe.«

Da kniete Sandmönch vor ihm nieder und sprach: »Bruder, schon die Weisen des Altertums sagten: ›Handle nicht für den Mönch, handle für Buddha.‹ Da du schon gekommen bist, hilf uns doch und rette den Meister! Hätten wir ihn zu retten vermocht, so hätten wir uns nicht erdreistet, dich von weit her kommen zu lassen.«

Pilger bot ihm die Hand zum Aufstehen und sagte: »Glaubt ihr etwa, ich würde ihn einfach so im Stich lassen? Schnell, bringt Wasser!«

Nachdem Pilger das Wasser entgegengenommen hatte, nahm er einen Schluck und sprühte es dem Tiger ins Gesicht. Im selben Moment löste sich der Zauber, und der Priester erschien wieder in seiner eigenen Gestalt. Er besann sich und schlug die Augen auf. Erst jetzt erkannte er Pilger, umfasste ihn mit beiden Händen und rief: »Wukong! Woher kommst du?« Sandmönch berichtete ihm, was alles geschehen war, und Tripitaka dankte in einem fort.

»Mein teurer Schüler«, rief er, »dir verdanke ich meine Rettung! Wenn wir erst im Westen gewesen sind und schließlich im Osten vor den Kaiser von China treten, gebührt dir das größte Verdienst!«

»Ach was, nicht der Rede wert«, versetzte Pilger und fügte lachend hinzu: »Sagt nur jenen Spruch nicht wieder auf, das reicht mir als Zeichen der Dankbarkeit.«

Schließlich bedankte sich der König bei den vier Pilgernden, ließ in der Gästehalle des Palastes ein großes

Bankett zubereiten und überhäufte sie mit reichen Geschenken. Meister und Schüler aber lehnten jegliche Gaben ab, verabschiedeten sich vom König und setzten ihre Reise in den Westen fort. Lange gab ihnen der König mit vielen Palastbeamten das Geleit.

Und da wir nicht wissen, was auf diesen Aufbruch folgte, lasst uns das nächste Kapitel anhören.