Seit Tripitaka Pilger wieder bei sich hatte, waren Meister und Schüler ein Herz und eine Seele. So reisten sie weiter dem Westen entgegen. Schon hatten sie das Königreich Baoxiang verlassen und pilgerten Tag für Tag von früh bis spät dahin.
Man zählte inzwischen den dritten Mondmonat im fortgeschrittenen Frühling.
Während sie so dahinzogen, gewahrten sie abermals ein Gebirge, das ihren Weg versperrte.
»Habt acht, meine Schüler!« mahnte Tripitaka, doch Pilger entgegnete: »Meister, wer das Mönchstum pflegt, sollte sich nicht wie ein Profaner äußern. Ihr erinnert Euch doch an den Wortlaut des Herz-Sutra, das der Meister vom Rabennest Euch gegeben hat: ›Ihr Herz ist unbeschwert und daher frei von Angst‹. Ihr braucht doch nur Euer Herz zu reinigen und Euch den Staub aus den Ohren zu waschen! Seid unbesorgt, ich alter Sun nehme alles auf mich.«
Da brachte der Priester sein Pferd zum Stehen und sprach:
»Einst verließ ich unser Land
Auf des Kaisers Aufgebot;
Strebte nur zu Buddha hin,
In des Westens fernen Ort.
Über viele Berg’ und Täler
Kam ich in der Welt herum;
Doch wie lange geht es noch,
Bis es Zeit ist, auszuruhn?«
Pilger kicherte: »Ach Meister, das mit dem Ausruhen ist doch keine Sache! Sobald Ihr das Ziel erreicht und das Werk vollbracht habt, alle Schicksalsverbindungen beendet sind und die Leerheit aller Dinge erkannt, werdet Ihr doch ganz von selbst zur Ruhe kommen!«
Auf diese Worte blieb dem Meister nichts übrig, als seine Ängste abzulegen und sich dem Schicksal anzuvertrauen. Er schickte sich also zum Aufstieg an, der sich als äußerst steil und gefährlich erwies. Gerade als sie eine unwegsame Stelle erreicht hatten, tauchte oben auf einer grünen Böschung ein Holzfäller auf, der dem Priester laut zurief: »Ihr Priester auf dem Weg nach Westen! Haltet inne und höret, was ich Euch sage: In diesem Gebirge haust eine Horde menschenfressender Ungeheuer und Dämonen, die es auf Menschen abgesehen haben, die aus dem Osten in den Westen reisen!«
Als der Priester dies hörte, wollte ihm die Seele aus dem Leib fahren; er wandte sich seinen Schülern zu und rief: »Habt ihr gehört, was dieser Holzfäller sagte? Wer von euch geht hin, Näheres zu erfragen?«
»Meister, macht Euch keine Sorgen!« meinte Pilger, »ich alter Sun gehe schon.« Schon stieg er mit ausholenden Schritten den Hang hinan.
»Werter Bruder!« rief er dem Holzfäller zu und faltete die Hände zum Gruß. Der Holzfäller erwiderte die Geste und fragte: »Was führt Euch hierher, Priester?«
»Nun, ich will es Euch offen sagen«, antwortete Pilger, »wir kommen aus dem Osten und machen auf kaiserliches Geheiß eine Pilgerreise in den Westen, um Heilige Schriften zu holen. Eben haben wir von Euch vernehmen dürfen, dass hier schlimme Ungeheuer und Dämonen wohnen, deshalb möchte ich mich näher erkundigen. Wie viele Jahre sind die Ungeheuer schon hier? Und wie lange die Dämonen? Sagt bitte die Wahrheit, damit ich den Berggott und den Erdgeist beauftragen kann, sie abzuführen.«
Der Holzfäller warf den Kopf in den Nacken und lachte laut auf. »Ihr seid ja wohl ein närrischer Mönch!« rief er, »wahrscheinlich seid Ihr in fernen Ländern herumgereist, habt ein bisschen Magie gelernt und wisst gerade mal, wie man üble Kräfte und Geister vertreibt. Doch solch bitterbösen Dämonen wie diesen hier seid Ihr gewiss noch nie begegnet! Hört zu: Der Weg, der durch dieses Gebirge führt, ist sechshundert Meilen lang; das Gebirge heißt Pingding Shan, Flachdachberg. Es gibt hier eine Grotte, die Lotosgrotte genannt wird, und darin hausen zwei Dämonen, die zur Zeit anhand von Abbildungen nach einem Mönch aus dem chinesischen Kaiserreich suchen und alles daransetzen, diesen Mönch aufzufressen. Kämet Ihr woanders her, ginge es ja noch, doch lasst Ihr hier auch nur das Wörtchen ›China‹ fallen, könnt Ihr gleich vergessen, lebendig hindurchzukommen.«
»Genau von da kommen wir aber her«, versetzte Pilger.
»Genau Euch wollen sie fressen!« rief der Holzfäller. »Diese Ungeheuer haben stets fünf Zauberschätze bei sich und besitzen immense übernatürliche Kräfte. Hättet Ihr selbst Kräfte wie die Jadesäule, die den Himmel stützt, wie der goldene Stützbalken des Ozeans, so kämet Ihr doch nicht umhin, hier ein paarmal in Ohnmacht zu fallen, wenn Ihr den Mönch aus China heil über den Berg bringen wollt.«
»Wie viel Mal?«
»So an die drei, vier Mal.«
»Keine Sache, keine Sache«, winkte Pilger ab. »Wir fallen jedes Jahr sieben- bis achthundert Mal in Ohnmacht, wegen vier Mal halten wir uns nicht weiter auf. So was geht schnell vorbei.«
Der Große Heilige ließ den Holzfäller stehen, lief mit ausholenden Schritten vor das Pferd und sprach zum Meister: »Nichts Schlimmes, Meister, keine Sorge! Es gibt zwar eine Handvoll Geistchen in dieser Gegend, doch die Leute hier nehmen sich das nur deshalb so zu Herzen, weil sie zu ängstlich sind. Ihr habt ja mich, was braucht Ihr Euch da zu fürchten! Lasst uns aufbrechen!«
Der Priester musste sich wohl oder übel beruhigen und die Reise fortsetzen. Wie sie nun weiterwanderten, war der Holzfäller nicht mehr zu sehen. Pilger spähte mit seinen feurigen Goldaugen zu den Wolken hoch, da entdeckte er den Zeitgott des Tages. Jäh schnellte er hoch und schimpfte: »Du lausiges Gespenst! Wozu mich alten Sun mit solchen Verwandlungen hinters Licht führen? Kannst du dich nicht direkt melden?«
Erschrocken machte der Zeitgott eine höfliche Geste und sprach: »Verzeiht, Großer Heiliger, verzeiht! Dieser Dämon hat in der Tat immense Zauberkräfte und kann sich in alles Mögliche verwandeln. Es hängt alles davon ab, wie geschickt Ihr Eure Geisteskraft einsetzt. Behütet Euren Meister mit Umsicht.«
Mit einem Schnauben schickte Pilger den Zeitgott weg. Dann aber dachte er bei sich: »Wenn ich jetzt dem Meister die Wahrheit erzähle, hat er bestimmt wieder Angst. Doch falls ich ihm die Wahrheit vorenthalte und er von einem Dämon geschnappt wird, muss ich alter Sun mich wieder um alles kümmern! Da will ich doch erst mal Bajie beschäftigen, soll er mit diesen Ungeheuern einen Kampf ausfechten. Falls er siegt, hat er sein Verdienst, und falls er unterliegt und gefangengenommen wird, kann ich alter Sun ihn befreien und damit auch gleich meine Fähigkeiten richtig vorzeigen. Die Frage ist nur, ob Bajie sich drücken will und der Meister wieder seine Mängel entschuldigt. Den werde ich alter Sun mal in die Fänge nehmen!«
Seht, wie er sich jetzt zum Schein die Tränen aus den Augen reibt, während er auf den Meister zugeht!
Als Bajie ihn so sah, hieß er Sandmönch das Gepäck hinlegen und meinte: »Lass uns die Sachen aufteilen, lösen wir uns auf!«
Der Priester hörte es und rief: »Du Nichtsnutz! Wie kannst du nur mitten auf der Reise wieder solch dummes Zeug reden!«
»Dummes Zeug mag Euer Sohn reden«, versetzte Bajie, »seht Ihr nicht, wie Pilger Sun weint? Wenn ein Kerl wie er, der Himmel und Hölle durchdringt, eine derart vergrämte Miene macht und nur noch heult, dann muss es sich um entsetzliche Dämonen handeln. Was sollen wir schwache Leute dagegen ausrichten?«
»Sei erst mal still«, wies ihn der Meister zurecht, »ich will ihn fragen, was los ist.« Und er rief: »Wukong, was gibt es
denn, warum diese Tränen? Willst du mich etwa erschrecken?«
»Ach Meister!« rief Pilger, »der uns eben Auskunft erteilt hat, war der Zeitgott des Tages. Er sagt, die Dämonen hier seien so schrecklich, dass wir kaum weiterkämen. Wir können tatsächlich nicht weiter. Verschieben wir die Reise besser auf ein andermal.«
»Aber mein Schüler!« rief der Priester erschrocken, »wir haben doch bestimmt die Hälfte des Weges hinter uns, warum sprichst du jetzt, als wolltest du aufgeben?«
»Nicht dass ich nicht mein Möglichstes geben wollte«, versetzte Pilger, »doch ich fürchte, dass meine Kräfte nicht ausreichen gegen so viele Dämonen. ›Aus einem Stück Eisen lassen sich nicht viele Nägel schmieden.‹«
»Du hast recht«, räumte der Priester ein, »alleine wird es tatsächlich schwierig sein. Doch habe ich ja auch noch Bajie und Sandmönch, sie stehen dir zur Verfügung. Wenn ihr mich mit vereinten Kräften über den Berg bringt, erreichen wir schließlich alle die wahre Frucht!«
Da wischte sich Pilger die Tränen ab und sagte: »Meister, wenn wir über diesen Berg wollen, muss Bajie mir einen Gefallen tun, nur dann haben wir noch etwas Aussicht auf Erfolg. Doch wenn er sich nicht an das hält, was ich sage, können wir es gleich vergessen.«
»Bruder«, brummte Bajie, »wenn wir nicht weiterkommen, können wir doch gleich aufgeben, da brauchst du mich nicht noch einzuspannen. Aber sag erst mal, was ich machen soll.«
»Nun, entweder du schützt den Meister, oder du suchst das Gebirge ab.«
»Was meinst du damit? Erklär mir das erst mal, dann wähle ich, was mir besser passt.«
»Den Meister beschützen heißt: Wenn er sein Geschäft erledigt, musst du dabei sein; wenn er wohin gehen will, musst du ihm zur Seite stehen, wenn er essen will, musst du ihm Almosen holen. Falls er dabei hungert, kriegst du Prügel, und wenn er mager wird, kriegst du auch Prügel.«
»Das ist aber schwierig, schwierig!« seufzte Bajie.
»Dann suchst du eben das Gebirge ab!« befahl Pilger.
»Was heißt das im Klartext?«
»Du streifst einfach durchs Gebirge und erkundigst dich, wie viele Ungeheuer es gibt, auf welchem Berg und in welcher Grotte sie hausen, damit wir wissen, wo wir langgehen können.«
»Keine Sache«, versetzte Bajie, »dann geh ich alter Eber halt das Gebirge absuchen.«
Der Tölpel lockerte seine Kleidung, hielt den Rechen stramm und schritt wacker den Berg hinan. Pilger konnte sich nicht halten und kicherte vor sich hin.
»Du streitsüchtiger Affe«, rügte ihn der Priester, »immer diese Missgunst unter euch Brüdern! Es fehlt euch völlig an gegenseitiger Fürsorge, immer liegt ihr in Neid und Missgunst. Da treibst du ihn hinterlistig ins Gebirge und lachst ihn auch noch aus!«
»Ich lache ihn gar nicht aus«, erwiderte Pilger, »aber Ihr werdet sehen, dieser Bajie geht nicht weit! Der wird sich irgendwo eine Zeitlang verstecken und uns dann eine Lüge auftischen.«
»Woher willst du das wissen?« fragte der Priester.
»Ich schätze ihn so ein«, gab Pilger zurück. »Wenn Ihr mir nicht glaubt, dann wartet mal, ich folge ihm.«
Auf der Stelle verwandelte er sich mit einem leichten Dreh in ein Mückchen, surrte hinter Bajie her und landete auf den Borsten hinter Bajies Ohren. Der Tölpel aber schritt weiter voran, denn wie hätte er auch wissen können, dass jemand auf ihm lauerte? Nach sieben, acht Meilen warf er schließlich den Rechen zu Boden und begann gen Osten hin mit den Händen zu fuchteln und schimpfte: »Dieser Weichling von Priester!
Dieser gemeine Pferdeknecht! Dieser kriecherische Sandmönch! Die machen es sich gemütlich und halten mich alten Eber als Wegbereiter zum Narren! Wir wollen doch alle in den Westen, möchten doch alle am Ende die rechte Frucht erlangen. Doch ausgerechnet ich werde in die Berge geschickt. Haha! Schließlich wissen wir ja schon, dass es hier Dämonen gibt; hielten wir uns ein bisschen verborgen, würden wir kein halbes Ungeheuer aufstöbern. Und stattdessen soll ich sie nun aufsuchen! So ein Reinfall. Ich leg mich jetzt dort drüben schlafen, und wenn ich zurückkehre, speise ich sie mit ein paar ungefähren Antworten ab. Ich sage einfach, ich hätte den Berg abgesucht, damit habe ich die Aufgabe ja erledigt.«
Der Tölpel tat ein paar Schritte, da entdeckte er eine Senke, die mit rötlichem Gras bewachsen war. Kopfüber kugelte er hinein, streckte seine Glieder und seufzte genüsslich: »Wie lauschig! Nicht mal der Pferdeknecht hat es so gemütlich wie ich!«
Wer hätte auch gedacht, dass Pilger hinter seinem Ohr Satz für Satz mithörte? Schließlich konnte er sich nicht länger halten und flog auf, nur um sich gleich ein zweites Mal zu verwandeln, und zwar in einen Specht mit kupferrotem Schnabel und schwarzen Klauen. So schwang er die Flügel und stürzte sich nach unten, wo er seinen Schnabel in Bajies Schnauze stach. Erschrocken fuhr der Tölpel auf und schrie: »Ein Ungeheuer, ein Ungeheuer, es hat mich mit dem Speer gestochen! Oh, wie mein Maul schmerzt!« Er hielt die Hand an seine Schnauze, sah Blut und rief: »So ’ne Pleite! Es gibt doch keine Hochzeitsfeier, warum hab ich bloß rote Farbe um den Mund?«
Er betrachtete seine blutbefleckte Hand und brummte missvergnügt vor sich hin. Gleichzeitig blickte er ständig nach links und nach rechts, doch nichts regte sich. Erst als er nach oben schaute, gewahrte er den Specht über sich. Der Tölpel knirschte mit den Zähnen und schnaubte: »Du elendes Biest! Schon der Pferdeknecht hat mich schikaniert, und jetzt du auch noch. Aha, sicher hat er mich für ein Stück morsches Holz gehalten und wollte nach Insekten suchen, drum hat er mich gepickt. Nun, dann stecke ich einfach die Schnauze in den Kragen und schlafe weiter.«
Er wälzte sich und schlief weiter. Doch schon kam Pilger wieder angeflogen und pickte ihn hinters Ohr. Erschrocken rappelte sich Bajie auf und brummte: »Dieses Biest! Dann muss hier wohl sein Nest sein. Sicher glaubt er, ich hätte seinen Platz besetzt, drum stört er mich immer. Na gut, dann schlaf ich eben nicht.«
Er packte seinen Rechen und stapfte aus der Grasfläche heraus. Pilger bog sich natürlich vor Lachen! Abermals verwandelte er sich, diesmal in eine Grille, und setzte sich hinter Bajies Ohr. Der Tölpel drang tiefer ins Gebirge und kam nach vier, fünf Meilen in eine Senke, wo ein grünlicher Felsblock lag, der aussah wie eine Tischplatte. Hier warf er seinen Rechen nieder und trat mit einer höflichen Verbeugung auf den Felsblock zu. Pilger grinste und dachte: »Mal sehen, was dieser Tölpel wieder im Schilde führt!«
Der Tölpel aber stellte sich vor, der Felsblock wäre Tripitaka, Sandmönch und Pilger, und begann nun, davor zu üben.
»Wenn ich nun zum Meister zurückkehre und er fragt, ob es Dämonen gibt«, begann er, »dann werde ich sagen, es gebe Dämonen. Falls er dann nach den Bergen fragt und ich sagen würde, die Berge seien aus Lehm geknetet, aus Zink geschmiedet, aus Teig gebacken oder aus Papier geleimt, dann würden sie mich wieder für dumm halten. Also sage ich lieber, die Berge seien aus Fels. Falls er nach der Grotte fragt, dann sage ich, es sei eine Felsgrotte. Fragt er dann nach dem Tor, so sage ich einfach, das Tor sei mit Eisenblech überzogen und mit Nägeln beschlagen. Und fragt er schließlich, wie groß und wie tief die Grotte ist, dann sage ich einfach, sie habe hintereinander drei Kammern. Wenn er dann unbedingt noch wissen will, wie viele Nägel am Tor sind, dann sage ich einfach, ich alter Eber hätte es mir in der Eile nicht genau merken können. Schon habe ich die Geschichte. Jetzt halte ich diesen Pferdeknecht gleich mal zum Narren!«
Den Rechen hinter sich herziehend machte er sich auf den Rückweg. Pilger aber schwang die Flügel und kam lange vor Bajie zurück. In seiner eigenen Gestalt trat er vor den Meister und erzählte ihm die Sache mit den Lügen. Kurz darauf traf auch der Tölpel ein. Aus Furcht, er könnte seine Lügen vergessen, murmelte er sie mit gesenktem Kopf zur Übung noch einmal vor sich hin.
»Tölpel!« herrschte ihn Pilger an, »was murmelst du da?«
Bajie hob seine Ohren an, blickte auf und sagte: »Ich bin wieder da.«
»Und, gibt es Dämonen?« fragte der Priester.
»Ja, es gibt welche.«
»Wieso haben sie dich wieder gehen lassen?«
»Nun, er hat mich Ahnherr Eber genannt und mich zu Nudelsuppe und Gemüse eingeladen. Er sagte, er würde uns mit Trommelwirbel und Standarten das Geleit geben, wenn wir den Berg überqueren.«
»Du hast wohl im Gras geschlafen und redest im Traum!« rief Pilger.
Der Tölpel wurde vor Schreck zwei Zoll kleiner und meinte: »Aber werter Herr, woher sollte ich es wissen, wenn ich geschlafen hätte?«
Pilger trat vor, packte ihn und rief: »Komm her, ich befrage dich!«
Dem Tölpel fuhr abermals ein Schrecken ein.
»Was war es für ein Berg?« fragte Pilger.
»Ein Berg aus Fels.«
»Was für eine Grotte?«
»Eine Felsgrotte.«
»Was für ein Tor?«
»Ein mit Eisenblech überzogenes und mit Nägeln beschlagenes Tor.«
»Mehr brauchst du gar nicht zu sagen«, versetzte Pilger, »den Rest weiß ich auswendig. Ich sage es für dich.«
»Frech!« rief Bajie, »du warst ja gar nicht dort, wie willst du es wissen?«
Pilger grinste und rezitierte: »Wenn er fragt, wie groß und tief die Grotte ist, dann sage ich, sie habe hintereinander drei Kammern. Fragt er, wie viele Nägel am Tor sind, dann sage ich einfach, ich alter Eber hätte es mir in der Eile nicht genau merken können. So war es doch, oder?«
Betroffen fiel der Tölpel auf die Knie. Doch Pilger fuhr unerbittlich fort: »Vor dem Felsblock hast du dich verbeugt, dir vorgestellt, das wären wir drei, dann hast du einen Dialog gespielt, oder? Und am Ende sagst du auch noch: ›Schon hab ich die Geschichte, jetzt halte ich den Pferdeknecht zum Narren!‹, ja?«
Bestürzt schlug der Tölpel ein ums andere Mal die Stirn auf den Boden und rief: »Bruder, du bist mir doch nicht heimlich gefolgt?«
»Weh dir, du verfressener Taugenichts!« schnaubte Pilger. »An einer derart entscheidenden Stelle legst du dich einfach schlafen, wenn man dich ins Gebirge schickt! Wenn nicht ein Specht dich gepickt hätte, würdest du immer noch dort schlafen. Und kaum bist du erwacht, erdichtest du eine solche Lügengeschichte! Gefährdest du damit etwa nicht unser ganzes Unternehmen? Los, halt die Knöchel her, ich will dir fünf Stockschläge verpassen, damit du dir das merkst.«
Eingeschüchtert stammelte Bajie: »Aber deine erbärmliche Stange ist so schwer, dass ich nach fünf Schlägen tot bin!«
»Warum lügst du denn, wenn du dich vor Schlägen fürchtest?«
»Nur dieses eine Mal, ich werde es nie wieder tun!«
»Gut, für jedes Mal gibt es drei Stockschläge«, versetzte Pilger.
»Großväterchen!« flehte Bajie, »ich halte doch keinen halben Stockschlag aus!« In seiner Not hielt er sich am Meister fest und flehte um Beistand. Doch dieser meinte: »Als Wukong sagte, du habest gelogen, wollte ich ihm noch nicht glauben. Da es sich bestätigt, hast du wirklich Prügel verdient. Nur haben wir im Moment nicht genug Leute zur Verfügung, darum lass erst mal ab, Wukong. Du kannst ihm die Prügel geben, wenn wir den Berg hinter uns haben. Falls er uns aber noch einmal hinters Licht führen will, gibt es kein Erbarmen mehr!«
Was blieb dem Tölpel da anderes übrig, als sich aufzuraffen und abermals den Weg ins Gebirge anzutreten? Seht nur, wie er auf Schritt und Tritt argwöhnt, Pilger könnte ihm in einer Verwandlung auf den Fersen sein!
Als er nach sieben, acht Meilen einen Tiger erblickte, der den Hang entlangrannte, erhob er furchtlos seinen Rechen und rief: »Willst du etwa wieder Lügen hören, Bruder? Diesmal erfinde ich keine!«
Als er weiterging, stob ein heftiger Windstoß um die Gipfel, und ein dürrer Baum stürzte krachend vor seine Füße. Bajie stampfte auf den Boden, schlug sich an die Brust und rief: »Ach Bruder, was soll das? Ich habe dir doch gesagt, dass ich nicht noch mal lügen werde! Du brauchst dich doch nicht in einen Baum zu verwandeln und mich zu schlagen!«
Nach ein paar Schritten sah er eine Krähe mit weißem Kragen, die ihn ankrächzte, da rief er: »Bruder, du bist gemein! Wenn ich sage, ich lüge nicht mehr, dann lüge ich nicht mehr. Wozu kommst du mich jetzt als Krähe belauschen?«
In Wirklichkeit war ihm Pilger diesmal gar nicht gefolgt. Wie Bajie sich nun voller Argwohn und Misstrauen fortwährend selbst erschreckte, sei hier nicht weiter ausgeführt.
Lasst uns stattdessen von zwei Dämonen berichten, die auf dem Flachdachberg in der Lotosgrotte hausten. Der eine nannte sich Großer König Goldhorn, der andere Großer König Silberhorn. Goldhorn saß gerade bei Silberhorn und meinte: »Bruder, wie lange haben wir eigentlich das Gebirge nicht mehr durchstöbert?«
»Wohl einen halben Monat lang«, meinte Silberhorn.
»Dann komm doch heute mal mit auf Streifzug«, schlug Goldhorn vor. »Ich habe nämlich sagen hören, im Osten sei ein kaiserlich verbrüderter Mönch aus China zu Buddha in den Westen geschickt worden. Er soll drei Schüler bei sich haben, der eine heißt Pilger Sun, der andere Eber Bajie und der dritte Sandmönch. Das Pferd dazugerechnet, sind sie zu fünft. Hilf mir doch rauszufinden, wo sie sind, und fang sie ein!«
Doch Silberhorn wandte ein: »Menschen finden wir überall welche zum Fressen; soll doch dieser Mönch hingehen, wo er will.«
»Du weißt eben nicht, worum es geht!« versetzte Goldhorn. »Als ich damals den Himmel verlassen habe, hörte ich sagen, dieser chinesische Mönch sei die Reinkarnation von Priester Goldzikade. Er habe sich seit zehn Wiedergeburten der Vervollkommnung gewidmet und soll noch keinen Tropfen seiner ursprünglichen Yang-Energie verloren haben. Wer von seinem Fleisch isst, wird niemals alt!«214
Da meinte Silberhorn: »Wenn sein Fleisch zur Unsterblichkeit verhilft, dann brauchen wir uns ja gar nicht weiter abzumühen mit all diesem Läutern von Drache und Tiger, Vereinen von Weib und Mann, dann brauchen wir ihn bloß zu fressen. Warte, ich bring sie her!«
»Nur keine Eile, Bruder!« mahnte Goldhorn. »Bring nicht irgendeinen Mönch. Wenn es nicht der Mönch aus China ist, dann ist er wertlos. Ich habe damals von ihm und seinen Schülern eine Zeichnung angefertigt, die kannst du mitnehmen, und wenn du Mönche siehst, kannst du sie damit vergleichen.«
Silberhorn erklärte sich einverstanden, trat aus der Grotte und befahl dreißig kleinen Ungeheuern, mit ihm das Gebirge zu durchkämmen.
Doch wenden wir uns wieder Bajie zu, der nun das Pech hatte, der Ungeheuerhorde geradewegs in die Arme zu laufen. Sie stellten sich ihm in den Weg und fragten: »Woher kommst du? Wer bist du?«
Bajie sah sofort, dass es Ungeheuer waren, und dachte verängstigt: »Wenn ich jetzt sage, dass ich ein Mönch auf Schriftensuche bin, dann werden sie mich gleich festhalten.« Also sagte er nur: »Ein Passant.«
Die Ungeheuer rannten zu ihrem Herrn und berichteten: »Großer König, es ist ein Passant.«
Doch einer meinte: »Der Mönch ähnelt aber dem Eber Bajie auf dem Bild.« Er ließ das Abbild aufhängen. Bajie, der es von weitem sah, murmelte erschrocken: »Kein Wunder fühle ich mich ganz der Energie beraubt, die haben ja im Abbild meinen Geist eingefangen!«
Die kleinen Ungeheuer hielten die Zeichnung mit einem Speer hoch, während Silberhorn darauf zeigte und erklärte: »Der auf dem weißen Pferd ist der chinesische Mönch. Der mit dem haarigen Gesicht ist Pilger Sun.«
»Barmherziger Stadtgott«, stammelte Bajie, »hilf, dass ich nicht drauf bin! Ich werde mindestens einen Stierkopf, einen
Schafskopf und einen Schweinskopf opfern und vierundzwanzig Schalen Wein dazu!«
Während er noch seine Bittgebete murmelte, fuhr der Dämon fort: »Der große Schwarze hier ist der Sandmönch. Der mit der langen Schnauze und den großen Ohren ist Eber Bajie.«
Als der Tölpel das hörte, verbarg er erschrocken seine Schnauze im Kragen. Der Dämon hieß ihn, den Kopf zu heben, da brummte er: »Geht nicht, Erbkrankheit.«
Erst als der Dämon den Ungeheuern befahl, mit Haken ans Werk zu gehen, streckte Bajie erschrocken seine Schnauze heraus. Sofort erkannte der Dämon, dass es Eber Bajie war, packte den Säbel und schlug zu; der Tölpel erhob seinerseits den Rechen und trat in den Kampf. An die zwanzig Runden ging es hin und her, ohne dass eine Entscheidung fiel. Schließlich rief der Dämon die kleinen Ungeheuer herbei, die nun alle zusammen Hand anlegten, dass Bajie nicht länger standhalten konnte und die Flucht ergriff. Doch der Boden war uneben, plötzlich stolperte er über eine Ranke und fiel. Schon hatten ihn die Ungeheuer eingeholt, pressten ihn zu Boden, rissen an seinen Borsten, zerrten ihn an den Ohren und hievten ihn schließlich mit vereinten Kräften in ihre Grotte.
Und da wir nicht wissen, wie es um sein Leben stand, lasst uns das nächste Kapitel anhören.