Berichten wir nun, wie Silberhorn Bajie in die Grotte beförderte und rief: »Bruder, ich habe einen gebracht!«
Der alte Goldhorn warf einen Blick darauf und meinte: »Da hast du den Falschen erwischt! Dieser Mönch taugt zu nichts.«
Bajie ergriff die Gelegenheit und rief: »Großer König, lasst einen unnützen Mönch doch laufen, er ist Eurer nicht würdig!«
»Bruder«, riet Silberhorn, »lass ihn nicht laufen. Zwar ist er uns nicht direkt nützlich, aber immerhin gehört er zu den Jüngern des chinesischen Priesters, er heißt Eber Bajie. Wir können ihn vorläufig hinten im Teich des Reinen Wassers einweichen; nach ein paar Tagen pökeln wir ihn ein, dann haben wir was zum Schnaps.«
Als Bajie dies hörte, brummte er: »So ein Mist! Jetzt bin ich auch noch Dämonen in die Fänge geraten, die mit Pökelfleisch handeln!«
Wie nun die kleinen Ungeheuer Bajie hineintrugen und ins Wasser warfen, sei hier nicht weiter ausgeführt. Doch wenden wir uns Tripitaka zu, der gleichzeitig mit heißen Ohren und brennenden Augen, innerlich voller Unrast, am Berghang saß, bis er endlich rief: »Wukong, was ist denn los, dass Wuneng von seinem Erkundungsgang so lange nicht zurückkommt?«
»Setzt Euch erst mal aufs Pferd«, meinte Pilger, »wir wollen ihm zusammen folgen.«
Tatsächlich stieg Tripitaka auf, und so drangen sie ins Gebirge.
Indessen sprach Goldhorn zu seinem jüngeren Bruder Silberhorn: »Bruder, wenn du Bajie gefunden hast, muss auch jener Priester aus China in der Nähe sein. Mach doch gleich noch mal einen Streifzug, er darf uns auf keinen Fall entwischen!«
Also kommandierte Silberhorn abermals fünfzig Ungeheuer und machte sich auf Patrouille. Schon bald sah er, dass in der Ferne eine lichte Wolke schwebte und glückverheißender Dunst emporkringelte, und er rief: »Dort kommt der Priester aus China!«
»Wo denn?« wunderten sich die Ungeheuer.
»Gute Menschen haben ein heilvolles Licht über sich«, erklärte er. »Dieser chinesische Priester war ursprünglich
Meister Goldzikade, der in die irdischen Gefilde herniedergestiegen ist. Er hat sich seit zehn Wiedergeburten der Vervollkommnung gewidmet, darum hat er diesen lichten Glanz.«
Die Ungeheuer aber konnten nichts sehen. Schließlich wies Silberhorn nach vorn und rief: »Da ist er doch!«
Tripitaka durchfuhr ein Schauern. Dreimal zeigte der Dämon auf ihn, und jedes Mal durchzuckte ihn ein Schauern. Beunruhigt wandte er sich an seine Schüler und fragte: »Warum habe ich auf einmal ein so kaltes Schauern?«
»Wahrscheinlich macht Euch die Weite dieser Berge etwas befangen«, meinte Pilger beruhigend. »Keine Angst, keine Angst! Ich alter Sun führe Euch mal meine Kampfkunst mit der Stange vor!«
Der gute Pilger! Er holte die Stange hervor und begann vor dem Pferd seine Posen aufzuführen: Hoch und nieder drei, vier Mal, links und rechts wohl fünf, sechs Mal, so ließ er seine magischen Kräfte spielen und schlug an der Spitze des Pilgerzuges den Weg frei, dass der Dämon einen mächtigen Schreck kriegte. Der stand nämlich jetzt auf einer Bergkuppe und hielt Ausschau, bis er plötzlich ausrief: »Lange hab ich schon von einem Pilger Sun sprechen hören, doch jetzt erst begreife ich, dass er dem Ruhm um nichts nachsteht. Es ist wahr!«
Da traten die Ungeheuer vor ihn und fragten: »Wen rühmt Ihr denn da, Großer König?«
»Pilger Sun besitzt immense Zauberkräfte«, erklärte Silberhorn. »Diesen Priester aus China kriegen wir nie zu fassen.«
»Wenn wir ihn nicht fressen können, haben wir den Eber Bajie ja umsonst gefangen. Lassen wir ihn doch laufen.«
»Auch nicht ganz umsonst«, erwiderte Silberhorn, »wir dürfen ihn nicht leichtfertig freilassen. Am Ende werden wir den Priester aus China schon kriegen, doch nur mit Anstand, keinesfalls mit Gewalt. Ich weiß einen Verwandlungstrick, mit dem wir ihn sicher kriegen.«
Er schickte die Ungeheuer weg und sprang alleine den Berg hinunter, wo er sich am Wegesrand mit einer leichten Körperdrehung in die Gestalt eines alten Daoisten verwandelte und so tat, als hätte er sich am Bein verletzt, mit einer blutigen Wunde. So stöhnte er vor sich hin und rief um Hilfe. Tripitaka, der seines Weges ging, hörte auf einmal einen Hilferuf und sprach: »Gütiger Himmel! Wer ruft denn in dieser öden Gegend um Hilfe? Da muss jemand von wilden Tieren angegriffen worden sein.«
Er brachte sein Pferd zum Stehen und rief laut: »Wer ist hier in Not geraten? Kommt hervor!«
Da kroch der Dämon aus dem Gebüsch und machte vor dem hoch zu Ross sitzenden Priester in einem fort Kotaus. Tripitaka, der sah, dass es ein Daoist war und überdies von hohem Alter, war dies sehr peinlich; eilends sprang er vom Sattel, um ihm die Hand zu reichen.
»Aua, es tut weh, weh, weh!« wimmerte der Dämon.
»Aua, es tut weh, weh, weh!« wimmerte der Dämon.
Tripitaka ließ die Hand von ihm und sah nun, dass er am Bein blutete. »Oh, mein Herr«, sprach er erschrocken, »woher kommt Ihr denn? Wie habt Ihr Euch diese Verletzung zugezogen?«
»Ach, Meister«, gab der Dämon zurück, »westlich in diesem Gebirge liegt das daoistische Kloster Qingyou Guan – Kloster der Reinen Stille; dort lebe ich als daoistischer Mönch. Vorgestern bin ich mit einem meiner Schüler zu einem Spender vom Südhang gegangen, der uns eingeladen hat, eine Zeremonie zum Segen der Sterngötter zu veranstalten. Da sind wir nach der Verteilung der Opfergaben zu spät auf den Heimweg gekommen und von einem wilden Tiger angefallen worden. Dieser hat meinen Schüler mit sich fortgerissen, und ich geringer Daoist bin um mein Leben gerannt. Auf einer Geröllhalde bin ich gestürzt und habe mir das Bein verletzt, so dass ich nicht wusste, wie ich heimkommen sollte. Ein großes Glück ist es, dass ich Euch begegnen darf, werter Meister! Oh, seid barmherzig und rettet mich! Sobald ich wieder im Tempel bin, werde ich Eure hohe Gnade vergelten.«
Tripitaka hielt seine Worte für wahr und antwortete: »Werter Herr, Ihr und ich, wir befinden uns doch beide auf dem Pfad zur Vervollkommnung; wie könnte ich Euch meine Hilfe verweigern? Allein, wie soll ich Euch helfen, da Ihr kaum gehen könnt?«
»Ich kann mich ja kaum aufrichten, wie sollte ich gehen können?«
»Nun gut«, lenkte Tripitaka ein, »ich kann ja gehen. Ich überlasse Euch mein Pferd.«
»Meister, ich bedanke mich aufrichtig für Eure hohe Gnade, doch mit meiner Verletzung kann ich nicht reiten«, wandte der Dämon ein.
»Ach so«, meinte Tripitaka. Dann rief er nach Sandmönch und sprach: »Binde das Gepäck aufs Pferd und nimm ihn auf den Rücken!«
Der Dämon wandte sich zu Sandmönch, musterte ihn und meinte dann: »Ach, Meister, der Tiger von gestern hat mir einen solchen Schrecken eingejagt, dass mir das finstere Gesicht dieses Meisters Angst macht. Auf seinen Rücken traue ich mich nicht.«
»Dann trage du ihn, Wukong«, entschied Tripitaka.
»Mache ich, mache ich!« rief Pilger.
Der Dämon hatte es ja auf Pilger abgesehen und zeigte sich einverstanden.
»Ha, du Zankteufel!« schimpfte Pilger lachend, »wie kannst du es wagen, mich täuschen zu wollen? Ich weiß genau, dass du ein Ungeheuer aus diesen Bergen bist. Sicher willst du meinen Meister fressen! Aber mein Meister ist kein Geringer; wenn du ihn fressen willst, musst du mir altem Sun mehr als die Hälfte abtreten.«
»Aber Meister«, verteidigte sich der Dämon, »ich komme aus gutem Hause und bin ein Daoist. Ich hatte doch nur das Unglück, auf ein wildes Tier zu stoßen; ich bin kein Dämon!«
»Wenn du dich vor wilden Tieren fürchtest, warum sagst du dann nicht die ›Schrift des nördlichen Scheffels‹ auf?«216
»Du zänkischer Affe«, mischte sich Tripitaka ein, »denk daran: ›Einem Menschen das Leben zu retten ist wertvoller, als eine siebenstöckige Pagode zu errichten‹! Nimm ihn jetzt auf den Rücken und lass das Gerede von nördlichen oder südlichen Scheffeln!«
Da erst nahm Pilger den Dämon auf den Rücken und folgte dem Priester und Sandmönch gen Westen. Als der Meister und Sandmönch nach drei oder fünf Wegmeilen vor ihm einen Hang hinuntergingen und nicht mehr zu sehen waren, überlegte sich Pilger, wie er den Dämon abwerfen und erschlagen sollte. Der aber hatte ihn bereits durchschaut. Und da er sich aufs Versetzen von Bergen verstand, machte er nun auf Pilgers Rücken magische Fingerzeichen und murmelte Zaubersprüche, durch die der Berg Sumeru in die Luft gehoben wurde und auf Pilgers Kopf niederzugehen drohte. Jäh wich der Große Heilige mit dem Kopf zur Seite, so dass der Berg auf seiner linken Schulter landete.
»Was soll denn diese Beschwerungsmagie, mein Söhnchen?« rief er lachend, »vor so was fürcht ich mich doch nicht!«
Der Dämon begriff, dass ein Berg nicht ausreichte, ihn zu erdrücken. Also murmelte er abermals einen Zauberspruch, worauf der Berg Emei heranschwebte. Pilger neigte wiederum den Kopf zur Seite und fing den Berg mit der rechten Schulter ab. Mit zwei mächtigen Bergen auf den Schultern eilte er pfeilschnell dem Meister nach. Dem verblüfften Dämon trat der Schweiß aus allen Poren. »Der kann ja Berge schultern!« stieß er hervor. Schließlich beruhigte er sich und murmelte noch einen Zauberspruch. Da kam der Berg Taishan angeflogen und landete geradewegs auf Pilgers Kopf. Diesmal vermochte der Große Heilige nichts auszurichten. Unter diesem Taishan-Zauber wurde er so sehr zusammengepresst, dass seine drei Leichengeister zu platzen drohten und das Blut aus allen sieben Sinnesöffnungen quoll.217
Der gute Dämon! Kaum hatte er Pilger unter dem Berg erdrückt, eilte er hinter Tripitaka her und streckte aus der Höhe seine Pranken nach dem Reitenden aus. Entsetzt warf Sandmönch das Gepäck zu Boden und setzte sich mit seinem dämonenbezwingenden Prunkstab zur Wehr. Der Dämon aber zückte ein Siebenstern-Schwert und schnellte wie eine Sternschnuppe auf ihn zu, so dass Sandmönch nicht standhalten konnte und die Flucht ergriff. Doch schon hatte der Dämon seinen Prunkstab gebannt, schwang die mächtigen Pranken und klemmte Sandmönch mit einem Griff unter seine linke Achsel. Mit der Rechten riss er Tripitaka aus dem Sattel, beförderte alle beide mit einem Windstoß in die Lotosgrotte und schrie: »Bruder! Ich habe die Mönche alle gefangen!«
Der alte Goldhorn sah hin und meinte: »Hach, werter Bruder, das sind schon wieder die Falschen!«
»Du hast doch gesagt, ich solle den Priester aus China fangen«, gab Silberhorn zurück.
»Das schon, doch Pilger Sun, der die größten Fähigkeiten besitzt, hast du nicht dabei. Erst wenn wir den dingfest haben, können wir den Priester fressen!«
Silberhorn lachte: »Diesen Pilger Sun hab ich unter drei Bergen erdrückt, der bewegt sich keinen Schritt mehr. Wir brauchen nicht mal hinzugehen, es reicht, wenn wir zwei Ungeheuer mit Zauberschätzen schicken, ihn einzusaugen.«
»Mit welchen Zauberschätzen denn?«
»Mit meiner roten Kalebasse aus Purpurgold und deiner weißen Jadevase!«
Goldhorn holte die Schätze, rief die Ungeheuer Feingespenst und Flinkgetier herbei und befahl: »Geht mit diesen Zaubergefäßen zum höchsten Gipfel, haltet sie dort mit dem Boden gen Himmel und der Öffnung zur Erde hin und ruft: ›Pilger Sun!‹ Sobald er Antwort gibt, ist er schon drin. Dann versiegelt Ihr das Gefäß mit einem Stück Papier und schreibt darauf: ›Dringlicher Befehl des Höchsten Alten Laozi.‹ So wird er sich in weniger als einer Doppelstunde in Eiter auflösen.«
Während sich die beiden Ungeheuer auf den Weg machten, legten die Dämonen Tripitaka und seinen Schüler in Stricke und banden sie am Dachgebälk außerhalb der Haupthalle fest. Doch davon sei hier nicht weiter die Rede.
Lasst uns stattdessen von Pilger erzählen, der unter der Last der Berge schmerzlich Tripitakas gedachte und laut klagte: »O Meister! Einst habt Ihr mich alten Sun aus dem Grenzberg befreit, mich gerettet und in Euren Orden aufgenommen, und seither bin ich mit Euch den Weg zur Vervollkommnung gegangen. Wer hätte je geahnt, dass wir hier auf ein solches Hindernis stoßen und ich wieder unter einem Berg erdrückt würde! Ach, Erbarmen, Erbarmen! Euer Tod muss in Eurem Schicksal festgeschrieben sein, doch schade ist es um all die Anstrengungen, die Sandmönch, Bajie und das kleine Drachenpferd unternommen haben! Es ist doch genau, wie man sagt: ›Ist der Baum zu groß, so fängt er Wind und wird vom Wind geschüttelt; strebt der Mensch zu sehr nach Ruhm, führt ihn der Ruhm ins Unheil!‹« Er seufzte tief, und die Tränen rannen ihm wie Bäche aus den Augen.
Längst hatte seine Klage Berggötter, Erdgeister und die Genien aller Himmelsrichtungen aufgeschreckt.
»Wem gehören diese Berge?« fragten die Genien.
»Uns«, meldeten sich die Erdgeister.
»Und wen habt ihr darunter erdrückt?«
»Wir wissen es nicht.«
»Dann seid ihr ja gar nicht informiert!« riefen die Genien und erklärten: »Den ihr da erdrückt habt, ist der Himmelsebenbürtige Große Heilige Sun Wukong, der sich als Schüler des Priesters aus China dem Guten zugewendet hat. Wie könnt ihr nur diesem Dämon eure Berge ausleihen? Glaubt ihr etwa, der Große Heilige wird euch ungeschoren davonkommen lassen, wenn er je darunter hervorkommt?«
Betroffen besprachen sich die Berggötter und Erdgeister mit den Genien und führten die Berge schließlich mit Zauberkraft wieder an die angestammten Orte zurück. Pilger aber sprang auf, zerrte seine Eisenstange aus dem Ohr und schrie die Berggötter und Erdgeister an: »Her mit den Knöcheln, jetzt kriegt jeder von euch zwei Hiebe ab, dass ich alter Sun mir die Laune vertreiben kann!«
Entsetzt flehten die Geister um Vergebung.
»Ihr seid mir ja gute Erdgeister und Berggötter!« rief Pilger. »Statt dem alten Sun zu gehorchen, folgt ihr einem Dämon!«
»Dieser Dämon hat immense Zauberkräfte und unglaubliche Macht«, verteidigten sich die Erdgeister, »immer zwingt er uns mit magischen Formeln in seine Grotte, und jeden Tag muss ihm einer von uns zu Diensten stehen!«
Als Pilger das Wort »zu Diensten stehen« hörte, war auch er erschrocken. Er warf den Kopf in den Nacken und rief laut: »O azurner Himmel! Wie kannst du neben dem alten Sun gleichzeitig eine solche Kreatur erschaffen?«218
Während er sein Leid klagte, gewahrte er plötzlich ein Licht, das wie Morgenröte aus der Talsohle schimmerte. Da rief er den Berggöttern und Erdgeistern zu: »Wenn ihr bei ihm in Diensten seid, wisst ihr doch sicher, was das ist, das dort drüben dieses Licht verströmt?«
»Das ist einer der Schätze dieser Dämonen«, antwortete der Erdgeist. »Wahrscheinlich schicken sie jetzt ihre Ungeheuer aus, Euch damit einzufangen.«
»Das macht Spaß!« rief Pilger. »Sagt mir, mit was für Leuten pflegen diese Dämonen Umgang?«
Der Erdgeist antwortete: »Am liebsten brauen sie Elixiere oder Arzneien und verkehren mit Quanzhen-Daoisten.«219
»Nun, dann will ich euch die Schläge vorläufig ersparen, ihr könnt abtreten. Ich alter Sun werde sie selbst einfangen.«
Die Geister traten ab und verteilten sich.
Der Große Heilige aber verwandelte sich mit einer leichten Körperdrehung in einen alten Quanzhen-Daoisten. Bald trollten die beiden Ungeheuer heran. Pilger streckte seine Eisenstange aus, dass die beiden darüber stolperten und zu Boden stürzten. Als sie sich aufrappelten, sahen sie Pilger und riefen: »Warum macht Ihr uns straucheln?«
»Ihr Mönche«, ließ Pilger verlauten, »ich ehrwürdiger Daoistenpriester verlange von euch ein Straucheln anstelle von Begrüßungsgeld.«
»Unser Großer König verlangt immer nur ein paar Silberlinge zur Begrüßung, warum verlangt Ihr denn ein Straucheln? Sicher kommt Ihr aus der Fremde; aus dieser Gegend könnt Ihr nicht sein!«
»So ist es«, antwortete Pilger, »ich komme von der Insel Penglai.«
»Penglai? Das ist doch das Paradies der göttlichen Unsterblichen!«
»Wer soll denn ein göttlicher Unsterblicher sein, wenn nicht ich?«
Da wandelte sich die Ablehnung der beiden in Freude, und
sie traten auf ihn zu und sprachen: »Ehrwürdiger Unsterblicher, mit den Augen des Fleisches haben wir Euch verkannt! Verzeiht, dass wir Euch beleidigt haben!«
»Ich trage euch nichts nach«, meinte Pilger. »Ich bin heute hierhergekommen, um einen edlen Unsterblichen ins Paradies zu führen. Wer von euch ist bereit, mitzukommen?«
»Ich, Meister!« antworteten beide Ungeheuer gleichzeitig.
»Von wo seid ihr denn?« fragte Pilger.
»Von der Lotosgrotte.«
»Und wo wollt ihr hin?«
»Unser König hat uns befohlen, Pilger Sun einzufangen.«
»Meint ihr jenen Pilger Sun, der mit dem Priester aus China in den Westen reist, um Heilige Schriften zu holen?«
»Ja, genau den! Kennt Ihr ihn auch?«
»Ja, dieser Affe ist ziemlich unverschämt, ich kenne ihn; er hat mich auch schon geärgert. Ich will euch begleiten und euch beim Einfangen helfen.«
»Ihr braucht uns nicht zu helfen, Meister, unser zweiter König hat ihn bereits unter drei mächtigen Bergen erdrückt. Er hat uns nur befohlen, ihn in ein Zaubergefäß zu stecken.«
»Was für ein Zaubergefäß? Wie könnt ihr ihn denn reinstecken?« fragte Pilger.
»Meins ist eine rote Kalebasse«, erklärte Feingespenst, »und er hat eine weiße Jadevase. Wenn wir diese mit dem Boden gen Himmel und der Öffnung zur Erde halten, brauchen wir nur seinen Namen zu rufen; sobald er Antwort gibt, steckt er schon drin. Dann kleben wir einen Zettel des Höchsten Alten Laozi drauf, und innerhalb einer Doppelstunde wird er sich in Eiter auflösen.«
Pilger schauderte innerlich, doch dann forderte er sie lachend auf: »Zeigt mir doch mal eure Zaubergefäße!«
Wie hätten die Ungeheuer auch geahnt, dass sie auf einen Trick hereinfielen? Beide zogen sie ihre Schätze aus den weiten Ärmeln und reichten sie Pilger. Der freute sich im Stillen und dachte: »Das sind aber schöne Dinger! Würde ich mich jetzt mit einem Satz aus dem Staub machen, dann wären sie mir geschenkt. So aber käme mein Ruf zuschanden, denn das wäre ja Raub am helllichten Tag.« Also gab er sie den beiden zurück und sagte: »Meinen Zauberschatz habt ihr aber noch nie gesehen!«
»Oh, Ihr habt auch einen Zauberschatz, Meister?« interessierten sich die beiden, »lasst uns sehen!«
Pilger zupfte sich ein Schwanzhaar aus und verwandelte es in eine rote Kalebasse aus Purpurgold, die einen Fuß und sieben Zoll lang war, nahm sie vom Gürtel und sagte: »Seht euch meine Kalebasse an!«
Flinkgetier nahm sie in die Hand, beguckte sie und meinte: »Meister, Eure Kalebasse ist zwar groß und schön, doch ist sie zu nichts nütze.«
»Warum soll sie zu nichts nütze sein?« fragte Pilger.
»In unseren Zauberschätzen können wir je tausend Menschen fassen!«
»Was ist schon dabei, Menschen zu fassen?« versetzte Pilger. »Mit meiner Kalebasse kann ich den ganzen Himmel einpacken!«
»Ist das wahr?« staunten die Ungeheuer.
»Das ist wahr«, sagte Pilger.
»Wenn es wahr ist, dann zeigt es uns einmal!«
»Wenn der Himmel mich verärgert, packe ich ihn an die sieben, acht Mal im Monat ein«, gab Pilger zurück, »doch wenn er mich nicht ärgert, fange ich ihn nicht ein, und sei es ein halbes Jahr lang.«
Flinkgetier tuschelte Feingespenst zu: »Bruder, ein Zaubergefäß, mit dem man den Himmel einpacken kann! Machen wir doch einen Tausch!«
»Er wird doch ein Gefäß, das den Himmel einfängt, nicht gegen eins tauschen wollen, das nur Menschen einfängt?« flüsterte dieser zurück.
»Wenn er nicht einwilligt, biete ich ihm meine Jadevase dazu an«, schlug Flinkgetier vor. Pilger freute sich im Stillen, packte Flinkgetier am Ärmel und fragte: »Macht ihr den Tausch, wenn ich den Himmel einpacke?«
»Wenn Ihr es uns vorführt, tauschen wir mit Euch. Wir werden unser Wort nicht brechen.«
»Nun gut«, meinte Pilger, »dann mache ich es euch halt vor.«
Der gute Große Heilige! Mit gesenktem Kopf murmelte er einen Zauberspruch und machte ein magisches Handzeichen, so dass sich auf der Stelle der Tagwandergeist und der
Nachtwandergeist sowie die Genien aller Fünf Himmelsrichtungen um ihn versammelten.
»Geht sofort zum Jadekaiser«, befahl er ihnen, »und sagt ihm, dass ich alter Sun den Priester aus China in den Westen begleite und dafür das Zaubergefäß dieses Dämons brauche. Er soll mir unbedingt den Himmel ausleihen, damit ich ihn für ein Stündchen einpacken kann; nur so ist der Erfolg sicher. Wagt er auch nur ein halbes ›Nein‹ vorzubringen, werde ich die Halle der Himmelshöhen mit Waffen erstürmen!«
Die Götter begaben sich schnurstracks zur Halle der
Himmelshöhen und überbrachten dem Jadekaiser die Meldung.
»Dieser unverschämte Affe nimmt den Mund zu voll!« rief der Jadekaiser aufgebracht, »tollkühn glaubt er, den Himmel ausleihen zu können, um ihn einzupacken. Kann man den Himmel etwa einpacken?«
Gerade als er die Frage verneinen wollte, blitzte Prinz Nata aus den Reihen und sprach: »Majestät, den Himmel kann man einpacken.«
»Wie denn?« fragte der Jadekaiser ungläubig, und Nata erklärte: »Bitte erlasst ein Edikt, dass der Wahre Krieger vom Nördlichen Himmelstor uns seine Kriegsfahne mit dem Schwarzen Adler ausleihen soll. Wenn wir sie vor dem Südlichen Himmelstor aushängen, werden Sonne, Mond und Sterne verdeckt. Dann wird es auf Erden so finster, dass man sein Gegenüber nicht mehr sehen kann. Auf diese Weise können wir die Ungeheuer glauben machen, der Himmel sei eingepackt, und verhelfen Pilger zum Erfolg.«
Der Jadekaiser willigte ein, und Prinz Nata führte aus, was er gesagt hatte. Die Wandergeister aber kamen flugs nach unten und flüsterten dem Großen Heiligen die Nachricht ins Ohr. Da rief Pilger den beiden Ungeheuern zu: »Dann fang ich jetzt den Himmel ein.«
Da rief Pilger den beiden Ungeheuern zu: »Dann fang ich jetzt den Himmel ein.« Die beiden Ungeheuer hefteten ihre Blicke auf ihn. Pilger warf die Kalebasse in die Höhe, und gleichzeitig breitete Prinz Nata vor dem Südlichen Himmelstor mit einem Schlag die schwarze Kriegsfahne aus, so dass Sonne, Mond und Sterne verdeckt waren. In der Tat, es war, als ob Himmel und Erde wie in Tusche getunkt, der ganze Kosmos mit Indigo gefärbt wären!
Verblüfft riefen die beiden Ungeheuer: »Eben war es doch kurz vor Mittag, warum dunkelt es jetzt schon?«
»Wenn der Himmel eingepackt ist, muss es ja dunkel werden, egal zu welcher Zeit!« versetzte Pilger.
»Warum ist es denn derart finster?«
»Sonne, Mond und Sterne sind doch alle mit eingepackt, draußen gibt es kein Licht mehr! Wie sollte es da nicht finster sein?« meinte Pilger.
»Aber Meister, wo seid Ihr denn, woher kommt Eure Stimme?«
»Da bin ich, direkt vor euch!«
»Und was ist das hier für ein Ort?«
»Bewegt euch nicht«, warnte Pilger, »wir stehen auf der Klippe zum Bohai-Meer. Wenn ihr da runterfallt, kommt ihr noch in sieben, acht Tagen nicht am Grund an!«
Von Grauen gepackt riefen die Ungeheuer: »Genug, genug! Lasst den Himmel wieder raus, wir wissen jetzt, wie man ihn einfängt. Wir wollen nicht ins Meer fallen!«
Da Pilger sah, dass sie alles für wahr hielten, murmelte er abermals einen Zauberspruch, der Nata das Zeichen gab, die Fahne einzuziehen. Schon strahlte die Sonne wieder und stand wie zuvor in der Mitte des Himmels.
»Wundervoll, wundervoll«, freuten sich die beiden Ungeheuer und lachten. »Wir wären ja schlechte Söhne des Hauses, wenn wir dieses Zaubergefäß nicht einhandeln würden!«
Feingespenst reichte Pilger seine Kalebasse und forderte Flinkgetier auf, auch die Jadevase abzugeben. Pilger aber gab ihnen die falsche Kalebasse, hob mit einem Satz von der Erde ab und schaute ihnen aus den Wolken zu. Und da wir nicht wissen, was aus dieser Sache wurde, lasst uns das nächste Kapitel anhören.