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034 Ein Dämon bringt den Affen hinterrücks in Not / Der Große Heilige entwendet Zauberschätze

Es wird berichtet, dass die kleinen Ungeheuer eine Weile lang damit beschäftigt waren, die falsche Kalebasse in den Händen zu halten und rundum zu bestaunen. Als sie aufschauten, war Pilger verschwunden.

»Sieh an, Bruder«, meinte Flinkgetier, »auch Unsterbliche lügen! Er hat doch gesagt, nach dem Tausch würde er uns in die Unsterblichkeit führen. Wieso ist er jetzt plötzlich grußlos verschwunden?«

»Wir sind doch viel besser davongekommen!« gab Feingespenst zurück, »er wird es doch nicht wagen, einfach abzuhauen. Gib die Kalebasse her, jetzt will ich auch den Himmel einpacken, ich probier’s gleich mal aus.«

Er warf die Kalebasse hoch, doch schon plumpste sie wieder zu Boden. »Warum geht es denn nicht?« rief Flinkgetier fassungslos. »Es kann doch nicht sein, dass etwa Pilger Sun sich in einen falschen Unsterblichen verwandelt und unsere echte Kalebasse gegen eine falsche ausgetauscht hätte?«

»Unsinn«, entgegnete Feingespenst, »Pilger Sun steckt doch unter drei Bergen, wie könnte er da rauskommen? Gib her, ich versuche es mit dem Zauberspruch, den er dazu gesagt hat.« Er warf die Kalebasse in die Luft und murmelte: »Wagt er auch nur ein halbes ›Nein‹ vorzubringen, werde ich die Halle der Himmelshöhen mit Waffen erstürmen!«

Noch bevor er fertig war, lag die Kalebasse schon wieder am Boden.

»Es geht ja gar nicht!« riefen die Ungeheuer, »sicher ist es eine Fälschung.«

Während sie sich ereiferten, schüttelte sich Pilger in der Höhe über ihnen, dass das Haar auf seinen Körper zurückkehrte und die beiden auf einmal mit vier leeren Händen dastanden.

»He, Bruder«, rief Feingespenst, »gib die Kalebasse her!«

»Du hast sie doch eben noch in der Hand gehabt«, gab Flinkgetier zurück. »Himmel, warum ist sie jetzt plötzlich weg?«

Sie suchten den Boden ab, durchkämmten das Gras, doch wie hätten sie auch etwas finden können! Die beiden Ungeheuer erstarrten vor Angst.

»Was nun, was nun?« schrien sie verzweifelt. »Unser König hat uns seine Schätze mitgegeben, um Pilger Sun einzufangen! Jetzt haben wir nicht nur die Aufgabe nicht erledigt, sondern auch die Schätze verloren! Wenn wir das unserem König melden, werden wir zu Tode geprügelt.«

»Hauen wir ab«, riet Flinkgetier.

»Nein, gehen wir lieber zurück. Die beiden Könige sind ja sonst immer so zufrieden mit dir, da werd ich ein bisschen Schuld auf dich schieben. Wenn sie das durchgehen lassen, sollten wir mit dem Leben davonkommen. Wenn das nicht klappt, sind wir ja immer noch hier, auch wenn sie uns zu Tode prügeln. Wir müssen bloß aufpassen, dass wir nicht zwischen Stuhl und Bank fallen!«

Nachdem sie sich abgesprochen hatten, machten sich die Ungeheuer auf den Rückweg. Als Pilger aus der Höhe sah, dass sie zurückkehrten, verwandelte er sich in eine Fliege, schwirrte nach unten und folgte den beiden.

Ihr fragt euch, wo er die Zaubergefäße hatte, da er doch eine Fliege war?

Mit den Zaubergefäßen verhielt es sich eben genau gleich

wie mit dem Goldreifstab. Sie hießen nämlich »Wunscherfüllende Buddhaschätze« und konnten sich mit der Körpergröße verändern. Deshalb fanden sie selbst auf einer Fliege Platz. Surrend folgte er den beiden Ungeheuern dicht

auf den Fersen. In der Grotte saßen die beiden Dämonenkönige gerade beim Wein. Die Ungeheuer fielen vor ihnen auf die Knie.

»Da seid ihr ja«, meinten die Dämonen und hielten im Trinken inne. »Habt ihr Pilger Sun erwischt?«

Die kleinen Ungeheuer schlugen ihre Köpfe auf den Boden und wagten kein Wort zu sagen. Der Dämon wiederholte die Frage, doch statt eine Antwort zu geben, setzten sie nur ihre Kotaus fort. Erst beim dritten Nachfragen warfen sich die beiden der Länge nach zu Boden und riefen: »Erlasst uns die

tausendfach verdiente Todesstrafe! Als wir mit den Zauberschätzen unterwegs waren, haben wir plötzlich einen Unsterblichen von Penglai getroffen, der hatte eine Kalebasse, mit der er den Himmel einpacken konnte. Aus einer eitlen Hoffnung heraus und in der Absicht, für unsere Sippe zu sorgen, dachten wir: Seine fängt den Himmel ein, unsere nur Menschen, da sollten wir doch mit ihm tauschen. Anfangs haben wir nur die Kalebasse zum Tausch versprochen, aber Flinkgetier hat ihm die Vase auch noch gegeben. Wir hätten doch nicht gedacht, dass der Schatz eines Unsterblichen nicht in profanen Händen bleibt! Als wir ihn ausprobiert haben, war er plötzlich mitsamt dem Unsterblichen verschwunden. Um alles in der Welt, erlasst uns die Todesstrafe!«

Wutschnaubend donnerte Goldhorn: »Da haben wir’s! Das war Pilger Sun, der euch als falscher Unsterblicher hinters Licht geführt hat! Dieser Affe hat immense Zauberkräfte und überall gute Bekannte. Wer weiß, welcher Drecksgeist ihn dort rausgelassen hat!«

»Unverschämt, dieser Affenschädel!« ereiferte sich Silberhorn. »Wenn er schon solche Fähigkeiten hat, soll er sich doch einfach aus dem Staub machen! Warum muss er uns auch noch um die Zaubergeräte betrügen? Wenn ich den nicht zu fassen kriege, will ich nicht länger Dämon auf dem Westweg sein!«

»Wie willst du das denn anstellen?« fragte Goldhorn.

»Wir haben insgesamt fünf Zaubergeräte«, erklärte Silberhorn, »zwei haben wir verloren, also bleiben uns jetzt noch drei. Das Siebenstern-Schwert und der Palmfächer sind bei mir, das Goldseil ist bei Mutter in der Drachenjochgrotte auf dem Drachenjochberg. Schicken wir doch zwei kleine Ungeheuer zu Mutter, laden sie zu einer Portion chinesischem Priesterfleisch ein und lassen sie gleichzeitig das Goldseil mitbringen, damit wir Pilger Sun fangen können.«

»Welche Ungeheuer sollen wir schicken?« fragte Goldhorn.

»Sicher nicht die beiden Stümper!« rief Silberhorn und jagte Feingespenst und Flinkgetier mit einem Schnauben davon. Anschließend riefen sie ihre Leibdiener Bergtiger und Meerdrache und befahlen ihnen, die Mutter einzuladen und das Goldseil mitzubringen. Eilfertig machten sich beiden Ungeheuer auf den Weg. Wie hätten sie auch wissen können, dass Pilger dabei war und alles mitangehört hatte!

Er breitete die Flügel aus, surrte hinterher und landete auf Bergtiger. Nach zwei, drei Wegmeilen wollte er die beiden erschlagen, doch gleichzeitig ging es ihm durch den Kopf: »Erschlagen wäre viel zu einfach. Und dann wüsste ich ja nicht mal, wo jene alte Mutter wohnt. Ich will sie erst mal ausfragen, bevor ich Hand anlege.«

Der gute Pilger! Surrend flog er von den Ungeheuern weg, ließ ihnen einen Vorsprung und verwandelte sich dann mit einer leichten Drehung selbst in ein kleines Ungeheuer, das sie einholte und mit ihnen ging. Nach einer geraumen Weile fragte er: »Wie weit ist es noch?«

Meerdrache wies mit der Hand nach vorn: »Gleich da vorn, im Rabenwald.«

Pilger sah auf und erblickte unfern einen dunklen Waldstreifen. Da hob er seine Stange, zerschmetterte die beiden Ungeheuer zu einem Häuflein Hackfleisch und zerrte sie ins hohe Gras am Wegesrand. Dann zupfte er sich ein Pelzhaar aus und machte es zu Bergtiger, während er selbst sich in Meerdrache verwandelte. Mit ein paar Sprüngen war er im Wald und fand zwei halboffene steinerne Torflügel, die von zwei Teufelinnen bewacht wurden.

»Wo kommt ihr her?« fragten die Wächterinnen.

»Ich bin ein Gesandter aus der Lotosgrotte vom Flachdachberg und habe eine Einladung für die ehrwürdige Mutter.«

»Tretet ein«, sprachen die Teufelinnen.

Nachdem er das dritte Tor passiert hatte, sah er, wie in der Mitte eine alte Dame thronte. Pilger war auf einmal so traurig, dass er die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte. Warum er weinte, fragt ihr? Er dachte sich: »Immer habe ich recht wie ein Held gelebt und mich mein Leben lang nur vor drei Menschen verneigt: im Westen vor Buddha, im Südmeer vor Guanyin und am Grenzberg, wo mein Meister mich befreit hat, habe ich vor ihm vier Verbeugungen gemacht. Doch jetzt stehe ich vor einer Dämonin, und wenn ich mich nicht verbeuge, wird der Betrug rauskommen. Bitter ist das! Immerhin geschieht es nur, weil mein Meister in Not ist, dass ich solche Schmach erfahren muss.«

Es blieb ihm keine andere Wahl, als sich in seine Lage zu schicken. Also kniete er nieder und sprach: »Seid mit Kotau gegrüßt, Gnädige Frau!«

»Steh auf, mein Sohn!« sprach die Dämonin. »Woher kommst du?«

»Die Herren Großkönige aus der Lotosgrotte haben mich gesandt, Euch einzuladen, mit ihnen vom Fleisch des Priesters aus China zu kosten und gleichzeitig das Goldseil mitzunehmen, um den Pilger Sun einzufangen.«

»Wie artig!« freute sich die alte Dämonin und ließ sofort ihre Sänfte bereitstellen. Zwei Teufelinnen trugen eine aus duftendem Rohrholz geflochtene Sänfte vor das Tor und versahen sie mit dünnen blauen Seidenvorhängen. Die alte Dämonin erhob sich, schritt aus der Grotte und setzte sich in die Sänfte, die nun von zwei Dienerinnen geschultert wurde.

Nach fünf, sechs Meilen setzten die Trägerinnen die Sänfte ab, um Rast zu halten, da schwang Pilger seine Stange, fuhr ihnen leicht über die Köpfe, und schon waren sie erledigt. Als nun die alte Dämonin ihren Kopf hinter den Vorhängen hervorstreckte, wurde auch sie von Pilgers Stange erschlagen. Er zerrte sie aus der Sänfte und sah, dass es ein neunschwänziger Fuchs war. Nun suchte er nach dem Goldseil, steckte es in seinen Ärmel und meinte vergnügt: »Diese Zankteufel mögen so viele Künste haben, wie sie wollen; drei ihrer Schätze hören bereits auf den Namen Sun!«

Abermals zupfte er sich zwei Haare aus, die er in Bergtiger und Meerdrache verwandelte, und zwei weitere, die er zu Sänftenträgerinnen machte. Er selbst verwandelte sich in die alte Dämonin, setzte sich in die Sänfte und ließ sich zurücktragen. Nach kurzer Zeit hatten sie die Lotosgrotte erreicht. Die Torwächter eilten hinein, ihre Ankunft zu melden, worauf die beiden Dämonen Befehl erteilten, zum Empfang Weihrauchtische aufzustellen.

»Herrlich«, kicherte Pilger in sich hinein, »nun komme ich doch noch zu Ehren!«

Er stieg aus der Sänfte und schritt geradewegs in die Grotte hinein. Hier empfingen ihn sämtliche Ungeheuer auf den Knien, man rührte Trommeln und Pauken, und duftender Rauch quirlte aus Weihrauchgefäßen. In der Haupthalle setzte er sich mit dem Gesicht gen Süden auf den Ehrenplatz, die beiden Dämonen fielen vor ihm auf die Knie, vollzogen ihren Kotau und riefen: »Seid gegrüßt, verehrte Mutter!«

»Steht auf, meine Söhne«, sprach Pilger gnädig.

Eber Bajie, der oben am Dachbalken aufgehängt war, prustete plötzlich vor Lachen.

»Du bist ja gut drauf«, versetzte Sandmönch, »in dieser Hängelage ist dir noch zum Lachen zumute!«

»Bruder«, flüsterte Bajie, »ich habe Grund zum Lachen. Da ängstigen wir uns die ganze Zeit wegen der Ankunft der alten Dame, weil sie uns fressen wollen, dabei ist es gar nicht die Dame, es ist der Dingsda.«

»Welcher Dingsda?«

Bajie grinste: »Der Pferdeknecht.«

»Woran siehst du das?«

»Als er sich eben zum Gruß geneigt hat, lugte hinten sein Affenschwanz raus. Ich hänge höher als du, drum hab ich es gesehen.«

»Dann lass uns still sein, damit wir hören, was er sagt«, flüsterte Sandmönch.

Sie beobachteten, wie der Große Heilige in der Mitte der Halle thronte und fragte: »Aus welchem Grunde habt ihr mich eingeladen, meine Söhne?«

»Mutter«, antworteten die Dämonen, »wir haben es lange an der Pflicht zur Kindesliebe fehlen lassen. Da wir jetzt aber den chinesischen Priester aus dem Osten gefangen haben, möchten wir ihn nicht alleine verspeisen, sondern auch Euch, werte Mutter, eine Portion darbringen. Gedämpft wird er Euch bestens schmecken und gleichzeitig auch noch Euer Leben verlängern.«

»Meine Söhne«, entgegnete Pilger, »das Fleisch des Priesters will ich nicht essen, doch wie ich gehört habe, soll ein gewisser Eber Bajie in seinem Gefolge sein, der außerordentlich leckere Schweinsohren haben muss. Diese könntet ihr mir zubereiten und zum Schnaps servieren.«

Bajie erschrak. »Die Pest soll dich holen!« brummte er, »wenn du gekommen bist, mir die Ohren abzuschneiden, werde ich aber was rausschreien!«

Er hatte noch nicht zu Ende gesprochen, als plötzlich ein paar Ungeheuer von ihrem Inspektionsgang in die Grotte stürzten und keuchten: »Großer König, ein Unheil! Pilger Sun hat Eure Mutter erschlagen und sich in ihre Gestalt verwandelt!«

Als der Dämon dies hörte, zückte er sein Siebenstern- Schwert und versetzte Pilger einen Hieb. Der Große Heilige aber tat einen Schwenk, der Raum erfüllte sich mit rotem Licht, und er war auf und davon. Es war genau, wie man sagt:

Was sich verdichtet, nimmt Gestalt an;

Was sich verflüchtigt, wird zu Energie.

Der Große Heilige tat einen Schwenk, der Raum erfüllte sich mit rotem Licht, und er war auf und davon.

Von Grauen gepackt rief Goldhorn Silberhorn zu: »Bruder, gib diesem Pilger alle drei Mönche, Pferd und Gepäck zurück, schließen wir diesen Streit ab!«

»Wo denkst du hin, Bruder!« entgegnete Silberhorn. »Nach all den Mühen, diese Mönche einzufangen, rücke ich sie doch nicht einfach raus! Setz dich, hab keine Angst. Ich habe ja gehört, dass dieser Pilger Sun große Zauberkräfte besitzen soll, doch habe ich ihn erst einmal getroffen und mich noch gar nicht mit ihm gemessen. Holt die Rüstung! Ich will mit dem ein paar Runden ausfechten. Falls er mir nicht standhält, ist das Fleisch des Priesters unser. Und wenn ich nun verlieren sollte, können wir ihm seinen Meister immer noch rausrücken.«

Er gürtete sich die Rüstung um, trat mit gezücktem Schwert ins Freie und schrie: »Pilger Sun! Gib mir meine Zauberschätze und meine Mutter zurück, dann lasse ich deinen Priester ziehen!«

»Du Zankteufel«, schimpfte der Große Heilige, »da schätzt du deinen alten Herrn Sun aber falsch ein! Gib mir sofort meinen Meister und meine Ordensbrüder zurück, sonst muss dein Herr Hand anlegen!«

Da schoss Silberhorn in die Höhe und erhob sein Schwert gegen Pilger, der ihm seinerseits mit der Stange entgegenkam. Die beiden fochten in den Lüften dreißig Runden aus, doch der Kampf blieb unentschieden.

»Dieser Giftteufel hält immerhin meiner Stange stand«, sann Pilger. »Aber eigentlich habe ich ja drei seiner Zauberschätze. Ist es nicht Zeitverschwendung, wenn ich diesen Kampf hier weiterführe? Es wäre doch besser, ich würde ihn in seine Kalebasse oder in die Jadevase einsaugen!« Doch dann besann er sich: »Nein, so geht es auch nicht. Falls ich ihn nun rufe und er keine Antwort gibt, habe ich ja die gute Gelegenheit vertan. Ich will ihm erst mal sein Goldseil um den Hals schnüren.«

Schon warf er mit der einen Hand das Seil aus, es fuhr über den Kopf des Dämons und schnürte sich fest. Nun verhielt es sich aber so, dass dieser Dämon für sein Seil zwei Zauberformeln kannte, nämlich eine zum Schnüren und eine zum Lösen. Um seine Gegner zu bezwingen, wandte er diejenige zum Schnüren an, wurde er aber selbst davon erfasst, brauchte er nur die Formel zum Lösen zu sprechen. Der Dämon merkte sofort, dass es sein Zauberschatz war, murmelte die Formel und befreite sich, dann warf er es im Gegenzug über Pilger, der sofort umschnürt wurde. Während der Große Heilige noch versuchte, sich daraus zu befreien, hatte der Dämon bereits die Schnürformel gesprochen, wodurch sich das Seil so fest um Pilger schlang, dass an Entrinnen nicht mehr zu denken war. Es umschnürte ihn bis zum Hals und saß dort fest wie ein goldener Ring. Der Dämon aber zerrte Pilger am Seil zu sich nieder und hieb ihm mit seinem Siebenstern-Schwert sieben, acht Mal auf den Glatzkopf. Der aber rötete sich nicht einmal. Da zerrte er Pilger in die Grotte und brüllte: »Bruder! Ich habe den Pilger Sun!«

Der alte Dämon lachte strahlend und rief: »Ja, er ist es! Herrlich, fessle ihn gleich an die Säule!«

Nun durchsuchten ihn die beiden Dämonen von Kopf bis Fuß und fanden ihre Kalebasse und die Jadevase. Daraufhin setzten sie sich vergnügt in einer hinteren Kammer zum Zechen. Während Pilger sich an der Säule wand, brach Bajie oben am Dachbalken in Gelächter aus und höhnte: »Ha Bruder, die Ohren werden dir nicht serviert!«

»Lass das Geschwätz, du Tölpel!« gab Pilger zurück. »Ich mache mich jetzt aus dem Staub, und dann befreie ich euch, ihr könnt euch drauf verlassen.«

Einen Augenblick später, als er sah, dass niemand mehr in der Nähe war, ließ er seine Künste spielen und verwandelte seine Eisenstange in eine Feile aus massivem Stahl. Diese stieß er unter den goldenen Ring um seinen Hals, und nach drei bis fünf Rucken war das Seil entzwei. Nun stemmte er die beiden losen Enden auseinander und war frei. Aus einem Körperhaar zauberte er ein falsches Abbild seiner selbst und band es an derselben Stelle fest, dann verwandelte er sich mit einem leichten Dreh in ein kleines Ungeheuer und schickte sich an, den Schatz zu stehlen. Pfiffig wie er war, trat er auf die Dämonen zu und meldete: »Große Könige! Seht, Pilger Sun reibt sich an der Säule hin und her, das Goldseil ist bald durchgescheuert. Wir müssen es durch einen dickeren Strick ersetzen.«

»Du hast recht«, meinte Goldhorn, löste seinen Löwengürtel220 und reichte ihn Pilger. Dieser schnürte ihn um den falschen Pilger, steckte sich das Goldseil in den Ärmel und zauberte aus einem weiteren Pelzhaar ein falsches Goldseil, das er dem Dämon mit beiden Händen überreichte. Der warf nur einen flüchtigen Blick darauf und steckte es ein. Der Große Heilige aber rannte mit dem erbeuteten Zauberschatz flugs nach draußen, zeigte sich wieder in seiner wahren Gestalt und brüllte: »Dämonen!«

»Wer bist du und was schreist du hier?« fragten die kleinen Ungeheuer.

»Los, geht rein und meldet eurem Zankteufel, dass Sunger Pil da ist!«

Im selben Wortlaut meldeten die Ungeheuer ihren Königen die Botschaft.

»Eben haben wir Pilger Sun festgenommen, wieso kommt jetzt ein Sunger Pil?« fragte Goldhorn erschrocken.

Doch Silberhorn meinte: »Was gibt es da zu befürchten, Bruder? Alle Schätze sind bei mir, ich werde ihn gleich in die Kalebasse einsaugen.« Er trat mit der Kalebasse ins Freie und rief: »Woher kommst du?«

»Ich bin der Bruder von Pilger Sun«, gab Pilger zur Antwort, »wie ich höre, ist er bei euch gefangen, deshalb suche ich euch auf.«

»Wenn du Händel suchst«, meinte Silberhorn, »willst du uns sicher zum Kampf auffordern. Ich will aber vorerst nicht zu den Waffen greifen, sondern dich bloß mal rufen. Wagst du mir zu antworten?«

»Was soll daran schlimm sein? Rufst du tausend Mal, so antworte ich dir zehntausend Mal.«

Da sprang der Dämon in die Höhe, hielt sein Zaubergefäß mit der Öffnung nach unten und rief: »Sunger Pil!«

Pilger jedoch traute sich nicht zu antworten. Der Dämon rief ein zweites Mal, und Pilger sann: »Mein wahrer Name ist Pilger Sun; Sunger Pil ist nur mein Phantomname. Mit dem wahren Namen werde ich eingesaugt, mit dem Phantomnamen müsste es eigentlich nicht gehen.«

Schließlich konnte er es sich nicht verkneifen, probehalber zu antworten. Flugs war er in der Kalebasse, und der Dämon klebte den Zettel darauf. Das Zaubergefäß kümmerte sich nämlich keinen Deut darum, ob ein Name echt war oder nicht; es reagierte allein auf die Energie des Antwortens.

In der Kalebasse war es rabenschwarz. Pilger stemmte den Kopf nach oben, doch was konnte er schon ausrichten? Sie war viel zu fest versiegelt. Da packte ihn die Unruhe, und er sann: »Die beiden Ungeheuer sagten damals, in der Kalebasse oder in der Vase würde sich ein Mensch in weniger als einer Doppelstunde in Eiter auflösen. Das kann wohl für mich nicht zutreffen?« Doch gleich darauf dachte er: »Ach was, ich alter Sun wurde vor fünfhundert Jahren im Ofen des Höchsten Alten Laozi geläutert und habe davon mein stählernes Rückgrat, einen kupfernen Schädel und feurige Goldaugen. Das kann unmöglich schmelzen!«

Silberhorn trat in die Grotte und rief: »Bruder, ich habe Sunger Pil schon in der Kalebasse!«

Freudig meinte Goldhorn: »Lass sie liegen, werter Bruder, nimm den Zettel erst ab, wenn es beim Schütteln gluckert.«

Pilger hatte die Worte gehört und dachte: »Wie soll mein Körper hier drin beim Schütteln gluckern? Es sei denn, er löste sich in Saft auf.«

Die Dämonen aber frönten nur dem Schnaps und dachten gar nicht daran, die Kalebasse zu schütteln. Schließlich versuchte der Große Heilige sie anzulocken, indem er plötzlich rief: »Himmel, meine Knöchel schmelzen!«

Doch keiner rührte die Kalebasse an. Nach einer Weile schrie er: »O meine Güte, nun schmilzt die Wirbelsäule!«

Da meinte Goldhorn: »Wenn er so weit geschmolzen ist, dann ist es um ihn geschehen. Du kannst mal den Zettel abnehmen und reinschauen.«

Als Pilger das hörte, zupfte er sofort ein Pelzhaar aus und machte es zu einem halben Körper auf dem Grund der Kalebasse, während er selbst sich in ein Mückchen verwandelte und dicht am Ausgang wartete. Kaum hatten die beiden Dämonen die Kalebasse geöffnet und hineingeschaut, war er schon auf und davon. In einem Überschlag verwandelte er sich in ein kleines Ungeheuer und stellte sich neben die Dämonen. Goldhorn spähte durch die Öffnung und sah drinnen den halben Körper. Ohne zu prüfen, ob er echt war oder nicht, rief er Silberhorn hastig zu: »Schnell, mach wieder zu, er ist noch nicht ganz geschmolzen!«

Abermals klebten die beiden Dämonen den Zettel auf. Nun hob Goldhorn den Weinkrug, schenkte den Becher randvoll und reichte ihn Silberhorn mit beiden Händen. »Werter Bruder«, sprach er, »für diese Tat hast du ein paar Becher mehr verdient!«

Um auf diese Anerkennung durch den älteren Goldhorn den Weinkelch mit beiden Händen in Empfang nehmen zu können, reichte Silberhorn die Kalebasse dem kleinen Ungeheuer, das gerade neben ihm stand. Er konnte ja nicht wissen, dass es eine Verwandlung Pilgers war. Dann trank er aus und schenkte seinerseits Goldhorn einen Becher ein. Pilger, der sich die Kalebasse auf den Kopf gesetzt hatte, schaute den beiden unverwandt beim Bechern zu. Da sie sich keineswegs in ihrer Muße stören ließen, stopfte er schließlich die Kalebasse in den Ärmel und zauberte flugs eine Fälschung aus einem Pelzhaar, die er in beiden Händen hielt. Nachdem die beiden den Becher eine Weile hin und her gereicht hatten, nahm Silberhorn die Kalebasse achtlos an sich, und die beiden zechten weiter. Glücklich über den Gewinn des Schatzes zog sich Pilger zurück und kicherte:

»Mögen eure Kniffe noch so listig sein,

Eure Kalebasse ist schon wieder mein!«

Und da wir nicht wissen, was er noch alles anstellte, lasst uns das nächste Kapitel anhören.