Berichten wir nun, wie Pilger Sun seine Wolke senkte und Tripitaka erzählte, was Laozi gesagt hatte. Dieser sprach seinen Dank aus und setzte die Reise in frommer Andacht fort. Nachdem sie lange Zeit gewandert waren, stand ihnen weiter vorn abermals ein Gebirge im Weg.
»Seht, was für gewaltige Gipfel!« rief Tripitaka seinen Schülern zu, »wir müssen uns vor Dämonen in Acht nehmen.«
»Meister«, mahnte Pilger, »hängt nicht abwegigen Gedanken nach. Alles, was Ihr braucht, ist ein innerlich gefestigter, ruhiger Geist, dann wird Euch nichts geschehen.«
»Ach, mein Schüler«, seufzte Tripitaka, »warum muss dieser Weg in den Westen nur so beschwerlich sein? Seit ich Chang’an verlassen habe, sind schon vier, fünf Jahre vergangen! Warum kommen wir noch immer nicht ans Ziel?«
Pilger kicherte: »Viel zu früh, viel zu früh! Wir sind noch nicht mal zum Tor raus! Hängt nicht solchen Gedanken nach, Meister, macht Euch keine unnötigen Sorgen. Ihr werdet sehen: Wenn die Zeit reif ist, kommt der Erfolg von selbst.«
Während Meister und Schüler weiter voranschritten, neigte sich das rote Sonnenrad dem westlichen Horizont zu. Da gewahrten sie in einer Talsohle eine palastartige Anlage mit vielen Dächern und Hallen. Es war ein buddhistisches Kloster. Der Priester gab seinem Pferd die Sporen und hielt darauf zu. Über dem Eingangsportal stand in fünf großen Schriftzeichen geschrieben: » 敕賜寶林寺 – Königlicher Klosterstift zum Schatzwald«.
»Meister«, fragte Pilger, »wer von uns soll zum Kloster gehen und um Nachtquartier bitten?«
»Ich«, gab Tripitaka zur Antwort. Er legte Pilgerstock und Umhang beiseite, strich sich sein Gewand glatt und trat ein.
Drinnen sah er links und rechts zwei sitzende Diamantwächter-Statuen. Nachdem er das zweite Tor passiert hatte, erblickte er die Statuen der Vier Großen Himmelskönige Dhritarashtra, Vaishravana, Virupaksha und Virudhaka, welche nach den vier Himmelsrichtungen angeordnet waren, um den Gedanken »Wind und Regen zur rechten Zeit« zu versinnbildlichen. Schließlich betrat er die große Haupthalle, faltete die Hände und verneigte sich vor den Buddhastatuen. Als er um den Altar herum nach hinten schritt, sah er auf der Rückseite die Statue einer sitzenden Guanyin inmitten eines großen Reliefs, das darstellte, wie die Göttin die Wesen im Südlichen Ozean erlöste. Nickend seufzte der Priester: »Sogar geschuppte und gepanzerte Lebewesen bringen Buddha ihre Achtung entgegen! Warum nur sind die Menschen nicht bereit, sich der Vervollkommnung zu widmen!«
Noch ganz in Gedanken versunken, bemerkte er, dass sich vom dritten Tor ein Geistlicher näherte. Tripitaka sprach zu ihm: »Ich komme aus dem chinesischen Kaiserreich im Osten; auf kaiserliches Geheiß bin ich auf einer Pilgerreise in den Westen, um Buddha zu huldigen und Heilige Schriften zu holen. Heute, da mein Weg mich zu später Stunde Eurem werten Kloster zuführte, möchte ich um ein Nachtlager bitten.«
»Werter Meister«, antwortete der Klosterbruder, »ich kann das leider nicht selbst entscheiden. Drinnen ist noch ein Abt, der unser Kloster leitet; ich will seine Meinung einholen.«
Er eilte zur Abtei. Der Abt erhob sich und trat zur Begrüßung nach draußen. Doch als er Tripitaka erblickte, wandte er sich ungehalten an den Klosterbruder und schimpfte: »Du hast wohl Prügel nötig! Ist dir etwa nicht klar, dass ich der Abt bin? Persönlich begrüße ich doch nur die gelehrten Beamten, die regelmäßig Räucherwerk darbringen! Aber so was von Mönch – warum meldest du mir eigentlich, ich solle den empfangen? Dem Aussehen nach muss das so ein ausländischer Wandermönch sein, der sich hier einquartieren will. Wir haben doch keinen Platz für solche Störenfriede! Lass ihn drüben im Korridor sitzen. So was brauchst du mir in Zukunft nicht mehr zu melden!« Er drehte sich um und verschwand.
Dem Priester traten Tränen in die Augen, und er seufzte: »Ach, Erbarmen! Es ist, wie das Sprichwort sagt: ›Fern der Heimat ist der Mensch nichts wert!‹ Nun habe ich doch von klein auf im Kloster gelebt, hatte nie eine Schuld zu beichten, habe nie Fleisch angerührt und nie einen schlechten Gedanken aufkommen lassen. Beim Lesen der Sutras war ich nie zornig, behinderte nie den klaren Geist. Ach, in welchem Leben habe ich mich nur an Himmel und Erde vergangen, dass ich so oft schlechten Menschen begegnen muss!«
Schließlich schluckte er seinen Ärger und ging mit schnellen Schritten hinaus. Pilger, der seinen Meister mit aufgebrachter Miene zurückkehren sah, fragte: »Haben Euch die Mönche mit Schimpf und Schande empfangen, dass Ihr so verdrossen seid?«
»Sie haben hier keinen Platz für uns«, gab Tripitaka zur Antwort.
»Das geht doch nicht«, rief Pilger, »wartet, ich gehe mal hinein!«
Er nahm seine Eisenstange zur Hand und schritt direkt in die Haupthalle, wo er einen Klosterbruder sah, der gerade Räucherstäbchen entzündete, die er in das Weihrauchgefäß vor dem Altar stecken wollte. Von einem groben Schnauben Pilgers erschreckt, fuhr er zusammen. Kaum hatte er sich gefasst und Pilger richtig angeschaut, wich er so entsetzt zurück, dass er beinahe gestrauchelt wäre, rannte Hals über Kopf in die Abtei und rief: »Ehrwürden, draußen ist ein Mönch!«
»Ihr habt doch allesamt Prügel verdient«, rief der Abt. »Ich habe schon gesagt, er solle sich in den Korridor hocken, was gibt’s da noch zu melden?«
»Ehrwürden, dieser Mönch sieht ganz anders aus als der zuvor. Sein Gesicht ist mit Haaren bewachsen, und er hat eine Schnauze wie der Donnergott. In der Hand hat er eine Stange und schaut so grimmig drein, als möchte er gleich losprügeln.«
Hastig öffnete der Abt die Tür und spähte nach draußen, da kam Pilger auch schon herangestürmt und sah in der Tat grauenvoll aus. Voller Angst zog der Klosterbruder die Tür zu. Pilger aber zerschmetterte mit einem Schlag den Türflügel und schrie: »Macht augenblicklich tausend Kammern sauber, ich alter Sun will hier übernachten!«
Der Abt versteckte sich in seiner Kammer und flüsterte dem Klosterbruder zu: »Kein Wunder sieht er so hässlich aus; weil er den Mund so voll nimmt, hat er eine solche Fratze bekommen.« Dann rief er zitternd vor Angst: »Priester, der Ihr um Nachtquartier bittet! Unser armes Kloster kann Euch nicht unterbringen, geht weiter und fragt anderswo.«
Da ließ Pilger seine Stange zur Dicke einer Reisschale anwachsen, rammte sie in die Mitte des Hofes und rief: »Wenn ihr uns nicht unterbringen könnt, müsst ihr halt ausziehen!«
»Wir sind alles in allem fünfhundert Leute, wo sollen wir denn hin?«
»Nun, Mönch, wenn Ihr nicht wisst, wohin, dann schickt mir einen, an dem ich diese Stange ausprobieren kann!« drohte Pilger.
Der Abt wandte sich an den Klosterbruder und meinte: »Geh du raus und lass ihn seine Stange ausprobieren!«
»Aber Großväterchen«, flehte dieser, »wie könnt Ihr mich mit einem solchen Pfahl schlagen lassen!« Die beiden fingen zu streiten an.
Pilger hörte es und rief: »So geht das nicht. Ich suche mir was anderes.«
Er schaute um sich, und sein Blick fiel auf eine steinerne Löwenstatue. Da erhob er seine Stange und schmetterte sie mit lautem Krachen in tausend Stücke. Der Abt, der aus dem Fenster gespäht hatte, zitterte wie Espenlaub und rief: »Großväterchen, Eure Stange ist zu schwer, das halten wir nicht aus! Oh, habt Erbarmen, Erbarmen!«
»Gut, Mönch, ich will Euch nicht schlagen«, meinte Pilger, »doch sagt mir: Wie viele Mönche leben in diesem Kloster?«
»In mehr als zweihundert Kammern hinten und vorne im Kloster leben insgesamt fünfhundert Mönche.«
»Dann lasst jetzt sofort alle fünfhundert Mönche ordentlich in festlichen Roben herkommen und meinen Meister aus dem großen chinesischen Kaiserreich gebührend empfangen. So will ich Euch verschonen.«
»Großväterchen«, rief der Abt, »ich kann ihn auch hereintragen lassen, wenn Ihr mich nur nicht schlagt!« Und er schickte den Klosterbruder nach draußen.
Dieser aber traute sich nicht, die Tür zu öffnen, sondern zwängte sich durch das Hundeloch hinten hinaus und rannte schnurstracks zur Haupthalle, wo er Trommel und Glocke schlug. Die aufgeschreckten Mönche des ganzen Klosters fanden sich alsbald in der Halle ein und erkundigten sich nach der Ursache. Nachdem alle ihre Kleider gewechselt hatten, traten sie in geordneten Reihen nach draußen, den Priester aus China zu empfangen. Einige hatten Priesterroben umgehängt, andere einfache Mönchskutten; wer nichts Derartiges besaß, trug einen einfachen Überhang, und die ganz Armen trugen nichts als einen Lendenschurz. Pilger bemerkte es und fragte: »Was tragt ihr denn für eine Tracht, ihr Mönche?«
»Großväterchen, das sind die Stoffe, die wir auf Bettelgang in der Stadt erhalten haben. Wir haben hier keinen Schneider, darum haben wir uns diese Armenkittel selbst gemacht«, gaben die Mönche zur Antwort.
Pilger hielt die Mönchsschar an, vor dem Eingangsportal niederzuknien, während der Abt vor Tripitaka Kotau machte und rief: »Ehrwürdiger Herr aus China, ich bitte Euch gnädiglichst in unsere Abtei!«
Dem Priester war die Situation sehr peinlich; er trat vor und rief: »Mögen die werten Anwesenden sich erheben!«
Kaum waren die Mönche aufgestanden, führten sie auch schon das Pferd hinein, schulterten die Bündel, trugen den Priester auf Händen, nahmen Bajie auf den Rücken, standen Sandmönch zur Seite und strömten alle zusammen ins Kloster hinein. Hinten in der Abtei wies man Tripitaka und seinen Schülern Sitzplätze zu, trug ihnen eine Klostermahlzeit auf und stand ihnen dabei zu Diensten. Nach dem Essen, als sie in die Meditationshalle zur Nachtruhe gebeten wurden, fanden sie die Halle bereits hell erleuchtet und mit vier Betten aus weichem Bastgeflecht versehen. Pilger meldete es seinem Meister, und sie hießen die Mönche abtreten.
Als Tripitaka wenig später nach draußen trat, um Wasser zu lassen, erblickte er den hellen Mond am Himmel und rief nach seinen Schülern. Alle kamen heraus und bewunderten das strahlend klare Licht, das wie eine Scheibe edler Jade weitab von irdischem Staub rund und voll am hohen Himmel stand und die Erde in milden Glanz tauchte. Tripitakas Herz weitete sich, und wie von selbst kamen ihm die Verse über die Lippen:
Klare Seele hoch am Himmel,
Wie ein Zauberspiegel rein,
Berg und Täler leuchten mild
In dem stillen Mondenschein.
Edelsteinpalästen gleich
Strahlt sein reines Licht,
Kalter Spiegel, Silberkreis,
Im frischen Hauch der Nacht.
Weiß wie Schnee besungen
Von vielen Fenstern aus,
Flöten und Geigen klingen
Rund um Hof und Haus.
Friedlich darf ich heute
Nachts im Kloster stehn,
Doch wann werd’ ich endlich
Die Heimat wiedersehn?
»Meister, Ihr denkt nur an den schönen Mondschein und an Eure ferne Heimat,
doch wisst Ihr gar nichts von der Bedeutung des Mondes!«
»Meister«, bemerkte Pilger, »Ihr denkt nur an den schönen Mondschein und an Eure ferne Heimat, doch wisst Ihr gar nichts von der Bedeutung des Mondes! Im Grunde stellt der Mond die Richtlinie dar für den unvergänglichen Lauf der Natur. Denn am dreißigsten Tag jedes Mondmonats, wenn das Metall der Lichtseele aufgebraucht ist, wird die Mondscheibe vom Wasser der Schattenseele erfüllt. Darum ist der Mond dann dunkel und glanzlos, und wir nennen ihn Neumond. Zu ebenjener Zeit aber paart sich der Mond mit der Sonne, so dass er am letzten und ersten Neumondtag das Licht der Sonne empfängt und damit schwanger geht. Daher wächst am dritten Tag des Mondmonats die erste helle Yang-Linie an, und am achten Tag die zweite. Zu dieser Zeit ist die Schattenseele bereits zur Hälfte von der Lichtseele erfüllt, so dass beide wie durch einen gespannten Faden getrennt sind, und wir sprechen vom ›aufsteigenden Bogen‹, dem zunehmenden Halbmond. Heute aber zählen wir den fünfzehnten Tag, da sind alle drei Yang-Linien vollständig, so dass der Mond ganz hell und rund erscheint. Daher nennen wir ihn Vollmond. Schon am sechzehnten Tag aber keimt im
Trigramm die erste Yin-Linie, und wenn am zweiundzwanzigsten Tag die zweite Yin-Linie folgt, ist in der Lichtseele bereits eine halbe Schattenseele, so dass wiederum beide Hälften wie durch einen gespannten Faden getrennt sind. Darum sprechen wir dann vom ›absteigenden Bogen‹, dem
abnehmenden Halbmond. Und wenn schließlich am dreißigsten Tag das Trigramm vollständig aus Yin-Linien besteht, ist wiederum Neumond. Dieser Prozess ist doch nichts anderes als das Sammeln und Läutern des Elixiers, wie es dem unvergänglichen Lauf der Natur entspricht! Wenn wir nämlich auf diese Weise Yin und Yang in uns selbst erwärmen und ernähren, wie eine Verbindung von zweimal Acht, dann ist es ein Leichtes, Buddhas Antlitz zu erblicken, und ebenso leicht wird auch die Heimkehr sein. Denn so heißt es doch:
Nachdem der Halbmond zugenommen
Und bevor er abgenommen,
Ist die Arznei ausgewogen,
Und ihr Zustand ist vollkommen.
So gepflückt und heimgeführt,
Dann im Ofen raffiniert,
Kommen wir mit festem Sinn
In dem fernen Westen an!«232
Unmittelbar erfasste der Priester den tiefen Sinn dieser Worte, Freude durchströmte sein Herz, und er bedankte sich bei Wukong. Sandmönch aber lachte und meinte: »Bruder, was du da sagst, ist zwar richtig, doch hast du ja bloß erwähnt, dass der zunehmende Mond der Yang-Kraft angehört und der abnehmende dem Yin, und dass man, wenn im Yin die Hälfte Yang ist, das Metall des Wassers gewinnt. Du hast aber vergessen zu sagen:
Wenn Wasser und Feuer sich binden,
Schicksalhaft sich finden,
Ist Erdmutter dies zu danken,
Denn nur sie kann beide lenken.233
Wenn sie sich darum zu dritt
Einig sind und ohne Streit,234
Fließt das Wasser im Langen Strom,
Und am Himmel steht der Mond!«
Als der Priester dies hörte, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Wahrhaftig:
Tritt das Wesentliche klar zutage,
Ist auf einmal alles gut verständlich;
Wer die Ewigkeit begriffen hat,
Ist an sich bereits unsterblich!
Da trat Bajie vor und sprach: »Meister, hört doch nicht auf solches Geschwätz, das hält uns bloß vom Schlaf ab! Dieser Mond ist doch ganz einfach:
Mal rund, mal halb,
Mal halb, mal rund,
Genau wie ich seit Anbeginn
Nie so recht vollkommen bin.
Alle häufen sie gewandt
Gute Taten für ihr Glück,
Ich allein nur schaffe mir
Unbesonnen Missgeschick.
Darum wünsch’ ich Euch, dass Ihr:
Unterwegs vom schlechten Karma Euch befreit
Und dann quietschfidel zum Himmel steigt!«
»Meine Schüler«, sprach Tripitaka, »ihr habt ein hartes Stück Weg hinter euch. Legt euch schlafen; ich werde noch die Sutren lesen.«
Die drei legten sich zur Ruhe. Der Priester aber schloss die Tore der Meditationshalle ab, zog den Lampendocht höher, schlug die Schriften auf und las.
So war es in der Tat:
Es schlägt vom Trommelturm
Die erste Wache, alles ruht.
Im Flusse auf dem Fischerkahn
Erlischt der Lampen Glut.
Und da wir nicht wissen, wie der Priester schließlich von diesem Kloster weiterzog, lasst uns das nächste Kapitel anhören.