Berichten wir weiter, wie Tripitaka in der Meditationshalle des Schatzwald-Klosters bei Lampenschein seine Sutren las. So saß er bis zur dritten Nachtwache um Mitternacht, als er auf einmal draußen vor dem Tor einen seltsamen Wind rauschen hörte. Die Lichter in der Halle begannen zu flackern, und Tripitaka spürte, wie ihn die Müdigkeit übermannte. Benommen beugte er sich über das Lesepult und nickte ein. Da drang aus dem Luftzug eine Stimme an sein Ohr: »Meister!«
Tripitaka schaute auf. Da sah er vor dem Tor einen langen Burschen, der von oben bis unten triefend nass war und mit Tränen in den Augen »Meister! Meister!« rief.235
Tripitaka neigte höflich sein Haupt und sprach: »Wenn Ihr ein Gespenst oder ein Dämon seid, dann entfernt Euch sofort und kommt nicht in diesen Tempel!«
Doch der Mann antwortete: »Ich bin kein Gespenst und kein Dämon. Meister, geruht mich einen Augenblick näher zu betrachten.«
Der Priester richtete den Blick auf die Gestalt und sah:
Auf dem Haupte eine hohe Krone,
Um die Hüften einen Jadegürtel;
Er trägt die golden gelbe Robe,
Gar Königsstiefel an den Füßen
Und in der Hand ein weißes Zepter.
Sein Antlitz sieht Gott Dongyue gleich,
Dem Herrscher über den Berg Taishan,
Im Auftritt sanft und kultiviert,
Wie Literatengott Wenchang!
Tripitaka erschrak nicht wenig. Schließlich machte er eine tiefe Verbeugung und sprach: »Aus welchem Kaiserhofe kommen Eure Majestät? Was treibt Euch mitten in der Nacht hierher?«
Da rannen dem Mann Tränen aus den Augen, und er sprach: »Ach, werter Meister! Mein Zuhause liegt genau im Westen, etwa vierzig Meilen von hier. Dort ist das umwallte Königreich, das ich persönlich errichtet habe; es heißt Wujiguo, Schwarzhahnland. Vor fünf Jahren wurden wir von Dürre und Hungersnot heimgesucht, mein ganzes Volk drohte zu verhungern. Ich versuchte damals, den Himmel durch Reinigung und Fasten günstig zu stimmen, betete Tag und Nacht, verbrannte Räucherwerk, doch die Dürre hielt an. So ging das ganze drei Jahre lang, bis alle Flüsse und Brunnen vertrocknet waren. Mitten in dieser großen Not kam auf einmal aus den Zhongnan-Bergen ein Daoist daher, der konnte Wind und Regen machen und Steine in Gold verwandeln. Ich ließ ihn sogleich ein Podium besteigen und um Regen beten, und kaum war das Zeichen seines Befehlsstabs erklungen, ging schon ein heftiger Regenguss nieder. Ich hätte höchstens eine Menge von drei Fuß erwartet, er aber meinte, nach der langen Dürre sei das nicht ausreichend, und ließ noch zwei Zoll mehr regnen. Ich war so beeindruckt von seiner Rechtschaffenheit, dass ich mit ihm Brüderschaft schloss und zwei Jahre lang mit ihm gemeinsam zu ruhen und zu speisen pflegte. Eines schönen Frühlingstages, als alle zivilen und militärischen Beamten bereits in ihre Yamen zurückgekehrt waren und die Konkubinen und Hofdamen in ihren Palästen weilten, spazierten wir Hand in Hand durch den Palastgarten und kamen zu einem achteckigen Ziehbrunnen aus bunten
Keramikziegeln. Ich weiß gar nicht, was er dort hineingeworfen hat, dass es aus der Tiefe auf einmal wie von tausend Strahlen funkelte. Damit lockte er mich an den Brunnenrand, doch kaum hatte ich mich darübergebeugt, wurde er plötzlich handgreiflich, stieß mich in den Brunnenschacht und wälzte sofort eine Steinplatte darüber. Diese hat er festgekittet und dann eine Bananenstaude darauf gepflanzt. Ach, Erbarmen! Seit drei Jahren bin ich nun tot; ich bin der Geist eines zu Unrecht Ermordeten!«
Beim Wort »Geist« standen Tripitaka die Haare zu Berge. Endlich erwiderte er: »Majestät, was Ihr erzählt, entbehrt der Logik. Es kann doch nicht sein, dass ganze drei Jahre lang weder Eure Hofbeamten noch Eure Königin und die Konkubinen nach Euch suchten?«
»Ach, Meister«, gab jener zur Antwort, »Zauberkräfte, wie er sie hat, sind in der Tat einmalig auf dieser Welt. Kaum dass er mich ins Verderben gestürzt hatte, verwandelte er sich und nahm noch im Palastgarten meine Gestalt an. Seither hält er mein Land besetzt, und alle meine Beamten und Palastdamen sind in seiner Hand.«
»Warum zeigt Ihr ihn denn nicht beim Höllenkönig an?«
»Er besitzt gewaltige übernatürliche Kräfte und pflegt die besten Beziehungen«, erwiderte der Mann. »Mit dem Stadtgott trifft er sich zum Zechen, die Drachenkönige aller Meere sind ihm anverwandt, der Gott des Taishan-Berges ist sein guter Freund, und alle zehn Höllenkönige sind mit ihm verbrüdert. So kann ich doch nirgends Anklage erheben!«
»Aber wenn Ihr nicht einmal im Jenseits etwas gegen ihn unternehmen könnt, was wollt Ihr dann im Diesseits?« fragte Tripitaka.
»Ach, Meister, meine Seele kann sich einfach nicht vom Geisterdasein lösen, weil dieses Unrecht nicht vergolten ist. Eben hat mich der Nachtwandergeist mit einem magischen Windstoß hierhergeführt. Er sagte, die Frist meines dreijährigen Leidens im Wasser sei abgelaufen, und schickt mich deshalb zu Euch, weil Ihr, wie er sagt, einen Schüler hättet mit Namen Himmelsebenbürtiger Großer Heiliger, der sich ausgezeichnet aufs Bezwingen von Dämonen verstehen soll. Darum bin ich gekommen, Euch aufrichtigen Herzens zu bitten, um alles in der Welt in mein Land zu kommen und diesen Unmenschen niederzuwerfen, auf dass Recht und Unrecht geklärt werden. Ich werde Euch auf ewig dankbar sein!«
»Eure Majestät suchen mich also auf, damit mein Schüler diesen Dämon bezwinge?« vergewisserte sich Tripitaka.
»So ist es.«
»Nun, Dämonen bezwingen kann mein Schüler zwar schon«, meinte Tripitaka, »doch scheint mir die Sache etwas schwer durchzuführen.«
»Warum?«
»Wenn dieser Dämon, wie Ihr sagt, in Eurer Gestalt auftritt, so müssen ja all Eure Beamten und Palastdamen einhellig hinter ihm stehen. Mein Schüler wird es sich bei all seinen Fähigkeiten nicht erlauben können, ohne jeden Grund zu den Waffen zu greifen. Und falls wir dabei von Euren Hofbeamten festgenommen werden sollten, weil sie glauben, wir hätten einen Umsturz geplant, und man uns in der Stadt einkerkern würde, dann hätten wir die Sache fruchtlos vertan.«
»An meinem Hofe habe ich noch eine Vertrauensperson«, erwiderte der Mann.
»Wer ist es?«
»Einer der Prinzen, mein leiblicher Sohn und Kronprinz.«237
»Er dürfte wohl vom Dämon abgesetzt worden sein«, meinte Tripitaka.
»Noch nicht«, entgegnete der Mann, »er ist noch in der Audienzhalle, innerhalb der Palasttore. Nur ist es ihm seit drei Jahren verboten, den Palast der Königin zu betreten, daher bekommt er seine Mutter nie zu sehen.«
»Aus welchem Grunde?«
»Das hat dieser Dämon sich ausgeheckt. Er fürchtet, dass Mutter und Sohn über ihn sprechen und so die Wahrheit ans Licht kommt. Solange sie sich nicht treffen, wird er an der Macht bleiben.«
»Doch wie soll es mir möglich sein, Euren Prinzen zu treffen?«
»Warum nicht? Morgen früh wird er mit seinem Gefolge die Stadt verlassen und zur Jagd fahren, da werdet Ihr ihm bestimmt begegnen. Wenn Ihr bereit seid, ihm bei dieser Gelegenheit zu erzählen, was ich Euch gesagt habe, wird er Euch glauben.«
»Er hat die Augen eines normalen Sterblichen«, wandte Tripitaka ein, »schließlich ist er dem Dämon bereits auf den Leim gegangen, und es wird kaum ein Tag vergehen, ohne dass er ihn mit ›Vater König‹ anspricht. Wie kann er da meinen Worten Glauben schenken?«
»Wenn Ihr Euch deshalb Sorgen macht, will ich Euch ein Erkennungszeichen mitgeben«, sprach der Mann, legte sein weißes Jadezepter nieder und fuhr fort: »Dies soll Euch zum Kennzeichen dienen.«238
»Was hat es mit dem Gegenstand auf sich?« wollte Tripitaka wissen.
»Als der Daoist meine Gestalt angenommen hat, war das der einzige Gegenstand, den er nicht herbeizaubern konnte. Im Palast ließ er verlauten, der Regenmacher habe ihm das Jadezepter weggenommen. Die ganzen drei Jahre über hat er dieses Jadezepter nicht gehabt; wenn der Prinz es sieht, wird er an mich denken, und dann ist die Vergeltung gewiss.«
»Nun gut«, meinte Tripitaka, »lasst das Zepter hier, ich werde mich mit meinem Schüler besprechen. Doch wo wollt Ihr auf mich warten?«
»Ich wage nicht zu warten«, antwortete der Mann, »lieber bitte ich den Nachtwandergeist, dass er mich wieder in den Palast führe. Dann werde ich der Königin einen Traum senden, damit Mutter und Sohn den gleichen Gedanken hegen und innerlich mit Euch und Eurem Schüler in Einklang stehen.«
Tripitaka nickte und versprach, sich der Sache anzunehmen. Der Geist des zu Unrecht Verstorbenen vollzog einen Stirnaufschlag und verschwand. Als Tripitaka sich anschickte, ihn zum Abschied zu begleiten, stolperte er und schreckte auf: Alles war nur ein Traum gewesen. Angstvoll blickte er ins erlöschende Lampenlicht und rief: »Schüler, Schüler!«
Bajie wachte auf und brummte: »Was ›Geister, Geister‹? Warum schlaft Ihr denn nicht, mitten in der Nacht?«
»Ich habe einen seltsamen Traum gehabt«, antwortete Tripitaka.
Da sprang Pilger auf und rief: »Meister, Träume kommen doch bloß von Gedanken. Immer denkt Ihr ängstlich an Dämonen, noch bevor wir überhaupt auf einem Berg sind. Dann fragt Ihr Euch wiederum, wie weit der Weg zum Tempel des Donnergrollens noch sei, und sehnt Euch gleichzeitig nach Chang’an zurück. Mit so vielen Gedanken im Herzen gibt es eben viele Träume. Ich alter Sun habe nichts als den einen aufrichtigen Gedanken, Buddha zu sehen. Darum stört mich kein einziger Traum im Schlaf.«
»Der Traum hatte aber nichts zu tun mit der Sehnsucht nach der Heimat«, erklärte Tripitaka und berichtete dann Wort für Wort, was ihm der König vom Schwarzhahnland gesagt hatte.
»Keine Frage«, lachte Pilger, »er hat Euch diesen Traum gebracht, damit ich alter Sun was Rechtes zu tun kriege. Ich versichere Euch, diesen Dämon werde ich ihm erfolgreich beseitigen! Schauen wir doch nach, ob das Kennzeichen, von dem er gesprochen hat, wirklich da ist.«
Pilger öffnete das Tor, und da sah man im Mondlicht tatsächlich, dass ein weißes Jadezepter mit goldenen Intarsien auf der Treppe lag.
»Meister, da dieses Zepter hier ist, muss die Sache wahr sein«, meinte Pilger. »Morgen werde ich alter Sun die Festnahme des Dämons übernehmen; Ihr braucht lediglich meinen Anweisungen zu folgen.«
»Und was sollen wir tun?« fragte Tripitaka.
»Wartet«, versetzte Pilger, »ich will Euch noch zwei Dinge überreichen.«
Der gute Große Heilige! Er zupfte sich ein Haar aus, rief
»Verwandlung!« und schon hielt er ein rotgoldenes Lackkästchen in der Hand. In dieses legte er nun das Jadezepter und sprach: »Meister, zieht morgen Eure brokatene Robe an, nehmt dieses Kästchen zur Hand, setzt Euch in die Haupthalle und rezitiert ein Sutra, während ich draußen Ausschau halte. Sobald der Prinz aus der Stadt kommt, werde ich ihn zu Euch führen.«
»Was soll ich ihm denn sagen?«
»Ich werde Euch wissen lassen, wenn er ankommt. Ihr könnt dann das Kästchen ein wenig öffnen, so dass ich als zwei Zoll kleines Mönchlein hineinschlüpfen kann. Dann haltet Ihr das Kästchen mit mir drin mit beiden Händen vor Euch. Wenn der Prinz hereinkommt, wird er sich zweifellos vor Buddha verneigen; Ihr aber lasst ihn einfach machen und bleibt ohne jede Geste der Ehrerbietung stehen. So wird er Euch bestimmt festnehmen lassen. Lasst das einfach geschehen und wehrt Euch nicht, ganz gleich, ob er Euch schlägt oder fesselt oder umbringt.«
»Was?« rief Tripitaka, »er hat doch Militärgewalt! Was soll ich denn tun, wenn er mich wirklich tötet?«
»Keine Sache, Ihr habt doch mich!« gab Pilger zur Antwort. »Wenn er Euch nach Eurer Herkunft fragt, dann sagt, dass Ihr vom Kaiser in den Westen gesandt seid, um Buddha zu huldigen, Heilige Schriften zu holen und Schätze darzubringen. ›Was für Schätze?‹ wird er fragen. Ihr erklärt ihm darauf Eure brokatene Mönchsrobe und sagt am Ende: ›Das ist bloß der drittbeste Schatz. Wir haben noch einen besseren und auch noch einen allerbesten Schatz.‹ Wenn er danach fragt, antwortet Ihr, dass in dem Kästchen ein Zauberschatz drin ist, der über alles Bescheid weiß, was innerhalb von 1500 Jahren in Vergangenheit und Zukunft geschieht. Dann lasst Ihr mich alten Sun raus, und ich werde ihm erzählen, was Ihr im Traum vernommen habt. Schenkt er Euch Glauben, so ist es gut, und wenn nicht, dann könnt Ihr ihm das weiße Jadezepter zeigen.«
»Ein feiner Plan!« freute sich Tripitaka. »Wie ist es aber mit den Namen der drei Schätze? Der eine ist die brokatene Mönchsrobe, der andere ist das weiße Jadezepter, doch wie soll ich dich nennen?«
»Nennt mich einfach ›Inthronisierer‹.«
In ihrer angeregten Besprechung blieben die beiden wach, bis sich im Osten schon der Himmel aufhellte. Da schoss Pilger in einem Wolkenüberschlag in die Lüfte und spähte mit seinen feurigen Augen nach Westen. Tatsächlich, dort konnte er eine Reichsstadt ausmachen. Als er näher kam, bemerkte er auch, wie sie von trübem Dunst verhangen und in dämonischen Odem getaucht war. Pilger nickte und seufzte. Plötzlich ertönte der Knall einer Kanone, das Osttor öffnete sich, und heraus kam ein Heer von Reitern, ebenjene besagte Jagdgesellschaft. Aus deren Mitte ragte ein junger Feldherr in Helm und Rüstung, der ein Schwert aus blankem Stahl in der Hand hielt. Er ritt auf einem stattlichen Falben und hatte einen Pfeilbogen am Gürtel hängen. So war er in der Tat:
Hoch trägt er sein Königshaupt,
Es zeichnet sich der Herrscher ab;
Die Haltung zeugt von großem Ton,
Der wahre Drache zeigt sich schon!
»Keine Frage, das muss der Prinz sein«, meinte Pilger. »Dann will ich doch gleich mal runtergehen und ihn ein bisschen foppen!«
Er senkte seine Wolke und stürzte sich mitten in die Jagdgesellschaft, wo er sich auf der Stelle in einen weißen Hasen verwandelte und vor dem Pferd des Prinzen daherrannte. Der Prinz erblickte ihn mit Freude, das war genau, was er sich gewünscht hatte. Er legte einen Pfeil auf den Bogen, spannte und schoss. Der Große Heilige aber, schnell und geschickt wie er war, ergriff den Pfeil und setzte in langen Sprüngen voran. Im Glauben, den Hasen getroffen zu haben, gab der Prinz dem Pferd die Sporen und jagte hinter dem Hasen her, mal dicht auf den Fersen, mal weniger schnell, aber immer näher auf das Schatzwald-Kloster zu. Am Portal nahm Pilger wieder seine eigene Gestalt an, rammte den Pfeil in die Schwelle, stürmte hinein und rief Tripitaka zu: »Meister, er kommt, er kommt!«
Der Prinz gab dem Pferd die Sporen und jagte hinter dem Hasen her.
Schon hatte er sich in ein zwei Zoll kleines Mönchlein verwandelt und zwängte sich in das Lackkästchen. Inzwischen war der Prinz vor den Toren angelangt, wo der weiße Hase verschwunden war und er stattdessen auf der Schwelle seinen mit Adlerfedern geschmückten Pfeil fand.
»Merkwürdig, merkwürdig«, murmelte er, »ich habe doch genau gesehen, wie der Hase von meinem Pfeil getroffen worden ist. Warum ist er nun weg und der Pfeil hier eingesteckt? Wahrscheinlich hat sich das Tier über die Jahre hinweg in ein Geistwesen verwandelt.«
Er zog den Pfeil heraus und las aufschauend über dem
Portal die Inschrift: »Königliches Klosterstift zum Schatzwald«.
»Da will ich mich mal umschauen«, meinte der Prinz und sprang aus dem Sattel. Gerade als er eintreten wollte, preschte auch schon seine Mannschaft heran, und alle drängten in den Tempel hinein. Die überraschten Mönche des Klosters eilten herbei, machten vor ihnen Kotaus und geleiteten sie in die Haupthalle, sich vor den Buddhastatuen zu verneigen. Wie der Prinz sich nun in der Halle umsah, fiel sein Blick auf einen Mönch, der reglos mitten in der Halle saß.
»Wie anmaßend von diesem Mönch!« rief er aus. »Da komme ich nun mit dem halben Hofstaat ins Kloster, und dieser Mönch bleibt einfach hier sitzen!« Er befahl, ihn festzunehmen. Auf seinen Ruf traten von beiden Seiten Offiziere vor und nahmen Tripitaka fest.
»Woher kommt Ihr?« herrschte ihn der Prinz an. Tripitaka trat vor, faltete die Hände und sprach: »Ich einfacher Mönch komme aus dem Osten und bin auf dem Weg zum Tempel des Donnergrollens, um dort Buddha zu huldigen, Heilige Schriften zu holen und Schätze abzugeben.«
Da meinte der Prinz: »Dort im Osten liegt zwar eine zentrale Ebene, doch ist das Gebiet unvergleichlich arm. Was für Schätze habt Ihr, antwortet!«
»Die Robe, die ich trage, ist mein drittbester Schatz. Darüber hinaus habe ich noch einen besten und einen zweitbesten.«
»Was soll ein solches Kleid, das Euch nur zur Hälfte bedeckt, so dass der andere Arm hervorschaut, schon wert sein? Ist das ein Schatz?«
»Diese Robe«, erklärte Tripitaka, »bedeckt zwar nicht den ganzen Körper, doch es gibt ein paar Verse dazu zu sagen:
Dass das Kleid halb offensteht,
Ist nicht weiter nennenswert,
Doch es birgt das wahre So-Sein,
Das vom Erdenstaub befreit.
Tausend Fäden, tausend Nadeln
Wirkten hier die rechte Frucht,
Die neun Perlen und acht Schätze
Sind zum Urgeist hier vollbracht.
Feen stellten diese Robe
Einst mit frommer Andacht her,
Brachten sie dem hohen Priester
Zu des Leibes Reinigung dar.
Dass ich mich vor Eurer Hoheit
Nicht verneige, ist nicht schlimm,
Denn solange Eures Vaters Unrecht nicht gelöst,
Ist auch Euer eigen Leben ohne Sinn!
»Was redet dieser liederliche Mönch für einen Unsinn!« rief der Prinz aufgebracht. »Dass Ihr mir dieses einseitige
Kleidungsstück zungenfertig anzupreisen versucht, sei dahingestellt; was aber soll das mit dem ungelösten Unrecht meines Vaters? Antwortet!«
»Werter Herr, ich einfacher Mönch kann Euch das nicht sagen. Doch hier in diesem roten Kästchen habe ich einen anderen Schatz, er heißt ›Inthronisierer‹ und weiß alles im Bereich von eineinhalb Jahrtausenden; er sieht fünfhundert Jahre in die Vergangenheit, fünfhundert Jahre der Gegenwart und fünfhundert Jahre in die Zukunft. Wenn Ihr ihn fragt, könnt Ihr mehr erfahren.«
Der Prinz befahl, den genannten Schatz zu zeigen. Tripitaka hob den Deckel an, Pilger sprang heraus und hüpfte hinkend hin und her.
»Was soll denn so ein klitzekleines Männlein wissen können?« rief der Prinz ungläubig. Als Pilger hörte, dass er für klein befunden wurde, reckte er sich und wuchs zu einer Größe von drei Fuß und vier, fünf Zoll an. Die Jagdleute erschraken und riefen: »Wenn der so schnell wächst, stößt er ja in wenigen Tagen den Himmel durch!«
Pilger aber wuchs nur bis zu seiner eigenen Größe an. Da wandte sich der Prinz an ihn und fragte: »Inthronisierer, dieser Priester sagte eben, Ihr wüsstet über Vergangenheit und Zukunft Bescheid. So erstellt mir doch mit einem Schildkrötenpanzer oder mit einem Hexagramm242 ein Orakel und versucht, etwas über die Geschehnisse meines Landes zu sagen.«
»Dazu brauche ich nicht das geringste Orakel«, ließ Pilger verlauten, »meine Zunge reicht schon, denn ich weiß über alles Bescheid. Es gibt nichts in Eurem Lande, was ich nicht wüsste. Hört zu: Ihr seid der Sohn des Königs von Schwarzhahnland. Dort hat vor fünf Jahren eine mehrjährige Hungersnot und Dürre begonnen, und Euer Vater König hat fromm für sein Volk gebetet. Als kein Tropfen Regen mehr fiel, kam ein daoistischer Magier aus dem Zhongnan-Gebirge in Euer Land, der Wind und Regen machen und Steine in Gold verwandeln konnte. Der König hat mit ihm Brüderschaft geschlossen. Ist das richtig?«
»Ja, ja!« rief der Prinz, »weiter!«
»Vor drei Jahren ist der Daoist dann verschwunden. Wer aber ist derjenige, der sich nun Majestät nennt?«
»Es stimmt, dass ein Daoist am Hof war. Vor drei Jahren, als mein Vater König mit ihm im Palastgarten lustwandelte, wurde ihm auf einmal durch einen magischen Windstoß des Daoisten das weiße Jadezepter aus der Hand gerissen, und der Daoist nahm es mit sich ins Zhongnan-Gebirge. Mein Vater König gedenkt seiner bis heute und will aus Trauer den Palastgarten gar nicht mehr betreten; seit drei Jahren hält er ihn verschlossen. Wer sonst sollte denn König sein als mein Vater?«
Als Pilger dies hörte, lächelte er unverwandt, bis der Prinz verärgert rief: »Der Kerl will nicht sagen, was er weiß! Warum grinst er bloß vor sich hin?«
»Es gibt noch eine ganze Menge zu sagen«, meinte Pilger schließlich, »nur stehen leider zu viele Leute ringsum, das eignet sich nicht zum Sprechen.«
Der Prinz verstand nun, dass ein bestimmter Grund vorliegen musste, und schickte seine Jagdleute, draußen ein Feldlager aufzuschlagen. Als nun keiner mehr in der Tempelhalle war, der Prinz auf dem Thronsitz saß, während der Priester vor ihm stand, trat auch Pilger vor, setzte eine ernsthafte Miene auf und sprach: »Werter Prinz! Derjenige, der sich in Luft aufgelöst hat, ist Euer leiblicher Vater. Derjenige aber, den Ihr auf dem Throne seht, ist kein anderer als jener regenmachende Daoist!«
»Unsinn, Unsinn!« rief der Prinz und schickte Pilger unwirsch weg.
»Seht Ihr?« meinte Pilger zum Priester, »er will mir tatsächlich nicht glauben. Dann wollen wir ihm doch nun den Schatz, der im Kästchen ist, geben, damit er unseren Reisepass begutachtet und wir weiterziehen können.«
Tripitaka hielt Pilger das rote Kästchen hin. Der nahm es entgegen und schüttelte sich, worauf das Kästchen plötzlich verschwand und er stattdessen dem Prinzen mit beiden Händen das weiße Jadezepter darbrachte.
»Ihr seid mir ja ein schöner Mönch!« entrüstete sich dieser. »Ihr also seid der Daoist, der vor drei Jahren diesen Schatz meines Vaters entführt hat! Und nun wollt Ihr ihn mir als Mönch verkleidet anbieten!« Schon schrie er: »Festnehmen!«
Der Priester war zu Tode erschrocken. Pilger aber hielt den Prinzen zurück und sprach: »Still, lasst ja nichts durchsickern! Ich heiße nicht Inthronisierer, ich habe noch einen echten Namen.«
»Vortreten!« rief der Prinz erbost, »sagt mir Euren wahren Namen, damit ich Euch vor Gericht anzeigen kann.«
»Ich bin der älteste Schüler dieses Priesters, mein Name ist Pilger Sun, und ich reise mit meinem Meister in den Westen«, erklärte Pilger. »In der vergangenen Nacht ist meinem Meister im Traum Euer Vater König erschienen und hat ihm gesagt, dass er von jenem Daoisten in den Ziehbrunnen Eures Palastgartens gestoßen worden sei und der Daoist sich anschließend in seine Gestalt verwandelt habe. Kein einziger Beamter am Hof weiß etwas davon, und Ihr wart damals noch zu jung, die Sache zu durchschauen. Dass Euch der Zugang zu Eurer Mutter Königin verwehrt und der Palastgarten abgeschlossen wurde, dient allein dem Zweck, dass niemand die Wahrheit erfährt. Euer Vater König ist eigens gekommen, mich zu bitten, diesen Dämon zu bezwingen. Er wusste, dass Ihr heute zur Jagd fahren würdet. Der Hase aber, den Ihr getroffen habt, war ich. Ich habe Euch mit voller Absicht hierhergelockt, um Euch von dieser Sache in Kenntnis zu setzen. Nun habt Ihr ja das weiße Jadezepter erkannt, warum also gedenkt Ihr nicht Eures Vaters und sinnt auf Vergeltung?«
Ob dieser Worte war der Prinz nun doch verunsichert. Pilger fuhr fort: »Eure Hoheit brauchen nicht zu zweifeln. Kehrt zurück und fragt Eure werte Mutter, wie es mit der Liebe zwischen ihr und ihrem Gatten steht. Ob sich vor drei Jahren wohl etwas verändert hat. Nur auf diese Weise könnt Ihr wissen, was wahr ist und was falsch.«
»In der Tat«, nickte der Prinz gedankenverloren. Dann sprang er auf, steckte das weiße Jadezepter in den Ärmel und wandte sich zum Gehen. Pilger aber hielt ihn zurück und sprach: »Wenn Ihr jetzt mit der ganzen Mannschaft heimkehrt, könnte das Vorhaben allzu leicht durchsickern, und dann wird es schwierig. Es geht nur, wenn Ihr alleine zurückreitet. Außerdem dürft Ihr den Palast nicht durch den Haupteingang betreten, sondern müsst durch das hintere Tor, wo die Beamten ein und aus gehen. Und im Palast Eurer Mutter dürft Ihr nur flüstern, denn der Dämon verfügt über große Zauberkräfte. Falls er Wind bekommt, ist Euer und Eurer Mutter Leben gefährdet!«
Der Prinz versprach, sich an Pilgers Worte zu halten. Dann trat er nach draußen und befahl seinen Leuten: »Bleibt hier am Ort und wartet, bis ich wieder zurück bin.«
Seht, wie er sich auf den Sattel schwingt und pfeilschnell davongaloppiert!
Da wir nicht wissen, was seine Mutter ihm sagen würde, lasst uns hören, was das nächste Kapitel erzählt.