Treff’ ich Euch und gebe nur
Eures Lebens Herkunft an,
Werdet Ihr bei Buddhas Feier
Inniglich zugegen sein.
Ein Gedanke still betrachtet:
Buddha, hier im Staub der Welt!243
Überall im weiten Raume
Hehre Götter man erschaut.
Um zu wissen, wer denn nun
Heut der wahre Herrscher sei,
Muss man seine Mutter fragen,
Deren Leib man einst entsprang.244
Denn es gibt, noch ungesehen,
Ein ganz andres Weltenreich;
Da ist jeder Schritt des Weges
Einer neuen Blüte gleich!
Doch lasst uns vom Kronprinzen von Schwarzhahnland berichten, der nach nicht langer Zeit die Stadtfeste erreichte. Durch den hinteren Eingang gelangte er geradewegs in den Palast der Königin, und wie er von dort zum Pavillon der Zierdüfte ging, erblickte er seine Mutter, die Königin, die in Gesellschaft zweier Zofen im Pavillon saß, wo sie sich an die Brüstung lehnte und weinte. Ihr fragt, worüber sie Tränen vergoss? Es war ihr am frühen Morgen um die vierte Nachtwache ein Traum erschienen, von dem sie nur noch die eine Hälfte in Erinnerung hatte, die andere Hälfte war ihr entfallen. Nun seufzte sie in Gedanken versunken vor sich hin. Der Kronprinz sprang vom Sattel, kniete vor dem Pavillon nieder und rief: »Mutter!«
Jäh blickte sie auf und rief: »Mein Kind! O Freude! Zwei, drei Jahre lang konnten wir uns nicht wiedersehen; ach, wie habe ich dich vermisst! Wie kommt es, dass du mich heute besuchen darfst?«
Der Kronprinz vollzog einen Stirnaufschlag und sprach: »Euer Kind hat eine Frage an Euch, Mutter. Doch bitte ich, die Gefolgschaft wegzuschicken. Erst dann wage ich zu sprechen.« Die Mutter befahl den Zofen abzutreten.
»Mutter«, hub der Kronprinz an, »ich möchte Euch fragen, wie Euer eheliches Zusammenleben in der Zeit vor drei Jahren war und wie es seit drei Jahren um die Liebe steht.«
Als die Mutter diese Worte hörte, fiel sie dem Kronprinzen um den Hals und rief mit Tränen in den Augen: »Ach, mein Sohn! Würdest du nicht danach fragen, bliebe mir diese Sache bis zu den Neun Quellen des Totenreichs unbegreiflich. Höre, was ich dir sage:
Vor drei Jahren noch,
Da war es wohlig warm,
Seit drei Jahren, ach,
Ist es so frostig kühl!
Frage ich am Kissen
Leise nach dem Grund,
So sagt er nur, er sei halt nicht mehr jung,
Und seine Lust sei einfach aufgebraucht.«
Der Kronprinz entwand sich ihrer Umarmung und wollte sich schon in den Sattel schwingen, als die Mutter ihn aufhielt und fragte: »Was ist denn los, mein Sohn? Warum gehst du, noch bevor wir zu Ende gesprochen haben?«
»Mutter, ich wage es kaum zu sagen«, sprach der Prinz. »Heute früh bin ich auf königliches Geheiß aus der Stadt hinaus auf Jagd gegangen, da bin ich zufällig einem heiligen Schriftenholer aus dem Osten begegnet, der hatte einen Schüler, der sich sehr gut aufs Bezwingen von Dämonen versteht. Mein Vater König ist in Wirklichkeit im Ziehbrunnen des Palastgartens umgekommen, der Daoist aber hat seine Gestalt angenommen und den Drachenthron an sich gerissen! Gestern um Mitternacht hat Vater König dem Schriftenholer einen Traum zugeführt und ihn gebeten, in die Stadt zu kommen, um den Dämon festzunehmen. Außerdem hat er ihm sein weißes Jadezepter zum Kennzeichen mitgegeben. Euer Kind wagte den Worten noch nicht vollen Glauben zu schenken. Darum bin ich gekommen, Euch danach zu fragen. Was Ihr eben gesagt habt, lässt keine Zweifel, dass es ein Dämon sein muss!«
Nun zog er das weiße Jadezepter aus dem Ärmel und überreichte es seiner Mutter. Erkennend, dass es der Schatz des damaligen Königs war, brach sie in Tränen aus und rief: »Ach, mein Sohn! Ich hatte zur vierten Nachtwache auch einen Traum. Mir träumte, dass dein Vater König triefend nass vor mir stand und sagte, er sei gestorben, und seine Seele habe einen Priester aus China gebeten, den Dämon festzunehmen und seinen einstigen Leib zu retten. So ungefähr sprach er, nur kann ich mich an die Hälfte davon nicht mehr klar erinnern. Eben war ich so voller Zweifel; wer hätte gedacht, dass auch du zu mir kommst und mir diese Kunde bringst. Das Zepter will ich vorerst behalten. Gehe jetzt zu dem heiligen Mönch und bitte ihn, den Dämon so schnell als möglich zu vernichten, damit die Wahrheit ans Licht kommt. So kannst du auch deines Vaters elterliche Gunst vergelten.«
Schnell schwang sich der Kronprinz in den Sattel, sprengte durch das hintere Tor hinaus und verließ ungesehen die Stadt. Kurze Zeit später stieg er vor dem Schatzwald-Kloster ab und wurde von seinen Jagdleuten in Empfang genommen.
Schon neigte sich das rote Sonnenrad zum Horizont, als sich der Kronprinz alleine in den Tempel begab, wo er Hut und Gewand zurechtrückte und mit einer tiefen Verbeugung vor Pilger trat.
Pilger reichte ihm zum Aufstehen die Hand und fragte: »Habt Ihr Eure Mutter gefragt?«
Der Kronprinz erzählte, was sich abgespielt hatte, und Pilger lachte: »Bei solcher Kälte muss dieses Ungeheuer ja ein frostiges Ding sein! Keine Sorge, ich alter Sun werde Euch den Dämon ausmerzen. Doch heute ist es schon zu spät, geht erst mal zurück. Ich werde morgen kommen.«
»Ich habe zur Zeit der Morgenaudienz die Stadt verlassen und bis jetzt noch kein einziges Wild erlegt. So kann ich schwerlich zurückkehren«, gab der Kronprinz zu bedenken.
»Das ist doch keine Sache, warum sagt Ihr das erst jetzt?« gab Pilger zurück, schoss in die Lüfte und murmelte einen
Zauberspruch, der den Berggott und den Erdgeist herbeizwang. Ihnen befahl er, den Prinzen reichlich mit Wild zu versorgen. Auf der Stelle sandten die beiden Götter ihre Geisterkrieger aus, mit Hilfe einer kalten Sturmbö Tiere zusammenzutreiben. So fingen sie jede Menge Rehe, Hirsche, Dachse und Hasen und brachten sie Pilger dar.
»Dreht allen die Hälse um«, befahl Pilger, »und verteilt sie über vierzig Meilen hinweg am Wegesrand. Das wird Euch als Verdienst angerechnet.«
Die Geister traten ab und taten wie geheißen. Nachdem Pilger den Kronprinzen benachrichtigt hatte, machte sich dieser zur Rückkehr auf. Tatsächlich war die gesamte Strecke von Wildtieren gesäumt, so dass die Jäger nicht einmal Falken und Hunde loszulassen brauchten; die Tiere ließen sich eins ums andere mit bloßen Händen ergreifen.
»Euch ist ja ein Jagdglück beschert, wie es höchstens alle tausend Jahre vorkommt!« riefen alle staunend und kehrten Siegeslieder singend in die Stadt zurück.
Pilger und Tripitaka legten sich wieder in der Meditationshalle schlafen. Um die Zeit der ersten Nachtwache jedoch ging Pilger ein Gedanke durch den Sinn, der ihn nicht schlafen ließ. Schließlich stand er auf, trat an Tripitakas Lager und rief: »Meister! Ich muss etwas mit Euch besprechen.«
»Was denn?« fragte der Priester.
»Heute habe ich beim Kronprinzen mit meinen Künsten groß angegeben und gesagt, für mich sei die Festnahme dieses Dämons ein Kinderspiel. Doch wie ich es mir eben überlegt habe, wird es nicht so einfach sein!«
»Was meinst du damit?«
»Ihr, werter Herr, versteht Euch wohl auf Meditation und buddhistische Schriften, doch habt Ihr je vom Kodex des Xiao He245 gehört? So heißt es doch: ›Um einen Dieb haftbar zu machen, muss man dessen Beute sicherstellen.‹ Dieser Dämon gibt sich ja seit drei Jahren als König aus, schläft bei Königin und Konkubinen, vergnügt sich im Kreise der höchsten Hofbeamten. Auch wenn ich alter Sun ihn nun festnehmen würde, könnte ich ihn keines Verbrechens anklagen.«
»Warum nicht?«
»Er wird sagen: ›Ich bin der König von Schwarzhahnland, was habe ich verbrochen, dass du mich festnehmen willst?‹ Auf was für einen Beweis soll ich mich dann stützen?«
»Was gedenkst du zu tun?« fragte Tripitaka.
»Mein Plan steht schon fest«, lächelte Pilger, »das einzige Hindernis besteht darin, dass Ihr gerne gewisse Schwächen überseht.«
»Wie denn?«
»Bajie ist ja ziemlich dumm, Ihr aber nehmt ihn immer etwas in Schutz.«
»Ich will ihn nicht in Schutz nehmen«, erwiderte Tripitaka. »Was gedenkst du zu tun?«
»Zuerst werde ich mit Bajie zusammen in die Schwarzhahnstadt gehen, um die Leiche des Königs zu bergen. Wenn wir dann morgen in die Stadt gehen, kümmern wir uns gar nicht erst um das Vorzeigen des Reisepasses, sondern zücken gleich die Waffen, sobald wir den Dämon sehen. Wenn er dann Einwände vorbringt, zeigen wir ihm die Leiche und sagen: ›Das ist der Mann, den Ihr umgebracht habt.‹ Dann lassen wir den Kronprinzen antreten, seinen Vater zu beweinen, lassen die Königin den Gatten wiedererkennen und zeigen den Hofbeamten ihren Herrn. Anschließend werde ich mit meinen Ordensbrüdern gegen den Dämon kämpfen. Denn so heißt es doch: ›Hat man einen Feind, so wird der Rechtsstreit leicht.‹«
»So ist es, so ist es«, murmelte Tripitaka. »Ich fürchte nur, dass Bajie nicht bereit ist, mitzugehen.«
Pilger lachte: »Solange Ihr ihn nicht in Schutz nehmt, kriege ich auch ›Neun Abstinenzen‹ auf den Weg, von Bajies ›Acht Abstinenzen‹ ganz zu schweigen.«
»Mach, wie du willst«, meinte Tripitaka.
Pilger trat an Bajies Lager und versuchte ihn zu wecken. Doch der Tölpel schnarchte und war nicht wachzukriegen. Als Pilger ihn am Ohr zog, brummte er: »Schlaf doch, was soll das Spiel?«
»Das ist kein Spiel«, sagte Pilger, »ich will dich zu einem Geschäft mitnehmen.«
»Was für ein Geschäft?« horchte Bajie auf.
»Hast du gehört, was jener Kronprinz gesagt hat? Er sagte doch, der Dämon habe einen Zauberschatz. Morgen werden wir in der Stadt sicher gegen ihn kämpfen müssen, also ist es doch besser, wenn wir ihm das Ding vorzeitig entwenden, statt dass er uns womöglich damit besiegt.«
»Bruder, du willst mich als Dieb missbrauchen!« beschwerte sich Bajie. Doch dann fügte er hinzu: »Ich komme schon mit, aber du musst mir versprechen, dass am Ende der Schatz mir gehört.«
»Ich alter Sun will nur den Ruhm, das Ding kannst du haben«, gab Pilger zurück. Da sprang der Tölpel freudig aus dem Bett, zog sich an und machte sich mit Pilger auf den Weg. So ist es doch: Wein errötet das Gesicht, Gold bewegt das Herz!
Die beiden stiegen in die Lüfte und hatten auf glückverheißenden Wolken im Nu die Stadt erreicht, wo es vom Trommelturm gerade erst zur zweiten Nachtwache schlug. Pilger führte Bajie in den Palast, wo sie den Palastgarten mit schweren Schlössern verriegelt vorfanden. Er hieß Bajie, mit dem Rechen das Tor einzuschlagen, dann traten sie ein. Pilger erinnerte sich an Tripitakas Traum, in dem sich der Brunnen unter einer Bananenstaude befand. Und wie sie
nun vorwärtsgingen, fanden sie tatsächlich einen Bananenbaum von üppigem Wuchs. Es war in der Tat:
Ein beseelter Keim gar wunderschön,
Von Natur in seinem Wesen leer;
Einsam er des Nachts im Regen steht,
Im Herbstwind schauernd ohne Wehr.
Blatt für Blatt wie eine grüne Feder,
Herz für Herz ein runder Pinselkelch;
Dieser Brief entfaltet seinen Sinn
Frei mit glänzendem Gewinn!
»An die Arbeit, Bajie!« rief Pilger, »unter dieser Bananenstaude liegt der Schatz.«
Seinen Rechen mit beiden Händen schwingend, schlug Bajie die Staude um. Dann wühlte er mit der Schnauze die Erde auf, bis er in knapp vier Fuß Tiefe auf eine Steinplatte stieß. »Bruder, wir haben Glück!« rief er voller Freude, »da ist tatsächlich ein Schatz, es liegt eine Steinplatte drüber!«
»Hebe sie an!« befahl Pilger.
Bajie rückte die Platte mit der Schnauze beiseite, da sah er darunter etwas schimmern, das er natürlich für nichts anderes als das Glitzern des Schatzes hielt. Dann sah er genauer hin: Oje! Es war ja bloß ein Brunnenschacht, in dem sich Mond und Sterne spiegelten.
»Es ist ein Brunnen«, sagte Bajie, »hättest du mir das vorher gesagt, hätte ich ein Seil mitgenommen. Was soll ich jetzt mit bloßen Händen?«
»Willst du runtergehen?« fragte Pilger.
»Natürlich, aber ich habe ja kein Seil.«
Pilger lachte: »Zieh dich aus, ich werde dir helfen.«
Der Tölpel streifte die Kleider ab, während der Große Heilige seinen Goldreifstab zur Hand nahm, an beiden Enden zog und »Wachsen!« rief, worauf der Stab gut sieben, acht Klafter lang wurde. Nun hieß er Bajie, sich am einen Ende festzuhalten, und ließ ihn langsam in den Schacht hinab. Es dauerte nicht lange, da hatte der Tölpel die Wasseroberfläche erreicht.
»Siehst du den Schatz?« rief Pilger hinunter.
»Nein, nichts als Wasser!« antwortete Bajie.
»Er liegt auf dem Grund. Tauche mal und fühle alles ab«, rief Pilger. Der Tölpel, der ja mit Wasser bestens vertraut war, ließ die Stange los und tauchte kopfüber nach unten. Oh, wie tief dieser Brunnen war! Nach einem weiteren kräftigen Zug riss er die Augen auf und erblickte direkt vor sich einen Torbogen, auf dem in drei Schriftzeichen geschrieben stand: »水晶宮 – Wasserkristallpalast«.
»Oh, was nun?« dachte er erschrocken, »jetzt bin ich ins Meer gesunken!«
Er konnte ja nicht wissen, dass dieser Wasserkristallpalast bloß derjenige des Brunnendrachens war. Schon hatte ihn ein patrouillierender Yaksa entdeckt und meldete im Palast: »Großer König, ein Mönch mit großen Ohren und langer Schnauze ist in den Brunnen gefallen; nun läuft er splitternackt umher!«
»Das ist Marschall Tianpeng«, sprach der Brunnendrache. »Kein Wunder war gestern der Nächtliche Wandergeist da, um die Seele des Königs von Schwarzhahnland zu Tripitaka zu bringen, damit der Himmelsebenbürtige Große Heilige den Dämon bezwingen kann. Sicher sind sie jetzt gekommen.«
Er trat hinaus und rief laut: »Marschall Tianpeng! Kommt nur herein!«
Erfreut trat Bajie in den Palast und setzte sich unbekümmert, nackt und nass wie er war, auf den Ehrensitz.
»Werter Marschall«, hub der Drachenkönig an, »wie ich vernommen habe, begleitet Ihr neuerdings den Priester aus China in den Westen, um die Heiligen Schriften zu holen. Was führt Euch denn hierher?«
»Ja, das wollte ich gerade sagen«, meinte Bajie, »mein Ordensbruder Sun Wukong lässt Euch viele Grüße ausrichten; er schickte mich hierher, um bei Euch irgendeinen Schatz zu holen.«
»Ach, Erbarmen!« rief der Drachenkönig, »wie soll ich hier zu Schätzen kommen? Ich kann mich doch nicht mit den Drachenkönigen der großen Ströme messen! Die vom Yangtse, vom Huaihe, vom Gelben Fluss oder vom Ji-Fluss hätten im Nu irgendeinen Schatz bereit. Ich aber bin hier unten gefangen und bekomme nicht einmal Sonne und Mond zu sehen. Woher sollte ich auch einen Schatz nehmen?«
»Keine Ausflüchte, bringt, was Ihr habt!« rief Bajie.
»Nun ja, ich habe schon einen Schatz, doch kann ich ihn nicht holen. Darf ich den Herrn Marschall bitten, persönlich hinzugehen?«
»Natürlich, kein Problem!« meinte Bajie und folgte dem Drachenkönig durch die Halle in eine Nebenkammer, wo ein sechs Fuß langer Körper lag.
Der Drachenkönig zeigte darauf und sagte: »Marschall, das ist der Schatz.«
Bajie trat näher und schaute. Oh! Da lag steif ausgestreckt ein Toter mit einer Himmelskrone, einem goldgelben Königsgewand, Regentenschuhen und einem Gürtel aus Lantian-Jade.
»Das ein Schatz?« lachte Bajie abschätzig. »Als ich alter Eber noch Dämon im Gebirge war, hab ich mich von solchen Dingern ernährt. Das kann doch nicht als Schatz durchgehen!«
»Marschall, Ihr müsst wissen, dass dies die Leiche des Königs von Schwarzhahnland ist. Seit er hier im Brunnen liegt, bewahre ich ihn mit einer Konservierungsperle vor dem Verfall. Wenn Ihr bereit sind, ihn zum Himmelsebenbürtigen Großen Heiligen zu tragen, werdet Ihr, falls der König aufersteht, so viele Schätze bekommen, wie Ihr nur begehrt.«
»Nun, wenn dem so ist, will ich ihn Euch schon wegbuckeln, doch sagt mir erst, wie viel Ihr mir an Begräbniskosten bezahlt.«
»Ich habe wirklich kein Geld«, beteuerte der Drachenkönig.
»Meint Ihr etwa, Ihr könnt umsonst Leute anheuern?« empörte sich Bajie, »dann nehme ich ihn nicht mit!« Er drehte dem Drachenkönig den Rücken zu und ging. Der Drachenkönig aber schickte zwei Yaksas, die Leiche vor den Eingang des Wasserkristallpalastes zu legen, und als sie die Wasserwehrperle entnahmen, hörte man das Wasser gluckern.
Als Bajie sich umschaute, war der Kristallpalast verschwunden, und stattdessen stieß er mit der Hand an die Leiche. Von Grauen gepackt schoss er an die Oberfläche, stemmte sich an der Brunnenwand hoch und rief: »Bruder! Halt den Stock runter, damit ich hochkommen kann!«
»Hast du den Schatz?« fragte Pilger.
»Es gibt gar keinen! Nur ein Drachenkönig war dort und hat verlangt, dass ich für ihn eine Leiche hochschleppen soll. Das habe ich abgeschlagen.«
»Genau das ist der Schatz! Warum hast du ihn nicht mitgebracht?«
»Warum soll ich diesen elenden Leichnam aufbuckeln?«
»Wenn du ihn nicht herbringst«, drohte Pilger, »gehe ich zurück ins Kloster und lege mich schlafen.«
»Bruder, bleib hier«, rief Bajie erschrocken, »ich bringe ihn sofort!«
Abermals tauchte er in die Tiefe, ertastete die Leiche und nahm sie auf den Rücken, dann schoss er aus dem Wasser und rief: »Bruder, da ist er!«
Bajie schoss aus dem Wasser und rief: »Bruder, da ist er!«
Nachdem er sich der Sache vergewissert hatte, streckte Pilger seine Stange in den Schacht hinunter. Der aufgebrachte Tölpel sperrte seine Schnauze auf und biss sich an der Stange fest, worauf ihn Pilger mit leichter Hand hinaufzog.
Bajie legte die Leiche nieder und langte nach seinen Kleidern. Pilger, dem auffiel, dass das Gesicht der Königs wie lebendig aussah, sagte zu Bajie: »Bruder, dieser Mensch ist doch seit drei Jahren tot, wie kommt es, dass sein Körper überhaupt nicht verfallen ist?«
»Der Drachenkönig sagt, er habe ihm eine Konservierungspille gegeben.«
»So ein Glück!« rief Pilger, »so ein Glück! Erstens ist ja das Unrecht noch nicht vergolten, zweitens werden wir auf diese Weise bestimmt Erfolg haben. Schnell, nimm ihn auf den Rücken.«
»Wohin willst du denn?«
»Zum Meister.«
»Was soll denn das wieder«, murrte Bajie vor sich hin, »erst lockt mich dieser Affe mit honigsüßen Worten aus dem besten Schlaf zu einem sogenannten Geschäft, und jetzt lässt er mich Leichen schleppen! Nein, da mache ich nicht mit!«
»Dann streck deine Knöchel her. Zwanzig Stockschläge!«
»Bruder, deine Stange ist viel zu schwer! Nach zwanzig Schlägen sehe ich aus wie dieser König!«
»Wenn du Angst vor Schlägen hast, dann buckle ihn gefälligst auf!«
Bajie wagte sich nicht länger zu widersetzen. Verdrossen zerrte er die Leiche hoch, nahm sie auf den Rücken und stapfte aus dem Palastgarten. Der Große Heilige aber murmelte einen Zauberspruch, holte gen Südosten, der Richtung des Trigramms Xun, tief Luft und blies einen Sturmwind aus, der Bajie aus dem Palast beförderte. Außerhalb der Stadtmauer landeten sie und wanderten gemächlich zum Kloster.
Grollend sann der Tölpel auf Rache und überlegte, wie er Pilger bei Tripitaka ankreiden könne. Als sie beim Kloster ankamen, warf er die Leiche vor die Meditationshalle und rief: »Meister, seht Euch mal das an!«
»Was denn, mein Schüler?« fragte Tripitaka.
»Hier, Pilgers Großvater! Ich alter Zhu hab ihn bis hierher schleppen müssen!«
Tripitaka und Sandmönch machten das Tor auf und erblickten den König, der so unversehrt dalag, als wäre er noch am Leben. Der Priester brach in Wehklagen aus und rief: »O Majestät! Wer weiß, in welchem Leben Ihr Euch jenen Menschen zum Feind gemacht habt, dass Ihr ihm in diesem Leben wiederbegegnen musstet, dass er Euch tötete, von Frau und Kind trennte, ohne dass Euer Hofstaat etwas davon ahnte. Ach, es ist zum Erbarmen!« Während er sprach, liefen ihm Tränen aus den Augen.
»Was heult Ihr denn?« spottete Bajie, »er ist doch nicht Euer Vorfahr!«
»Mein Schüler«, erwiderte Tripitaka, »Barmherzigkeit ist für uns Mönche ein Grundprinzip. Wie kannst du nur so gefühllos sein?«
»Ich bin nicht gefühllos. Pilger sagt, er könne ihn wieder lebendig machen. Falls er das nicht schafft, trag ich ihn nirgendwo mehr hin!«
Nun war ja dieser Priester von Natur aus wankelmütig, deshalb neigte er schon wieder zu Tölpel und rief Wukong zu: »Wenn du das Zeug hast, diesen König zu retten, so ist es wahrhaftig, wie man sagt: ›Ein Menschenleben retten ist noch wertvoller, als eine siebenstöckige Pagode zu errichten‹! Für uns ist es gar noch wertvoller, als auf dem Seelenberg Buddha zu huldigen.«
»Ach, Meister, warum hört Ihr auf Tölpels Geschwätz. Wenn ein Mensch stirbt, hat er nach drei, fünf oder sieben Wochen für all seine diesseitigen Sünden gebüßt und kommt zur Wiedergeburt. Dieser König ist seit drei Jahren tot, wie soll man ihn denn retten können?«
»Nun gut«, meinte Tripitaka und ließ es dabei bewenden.
Doch Bajies Wut glühte immer noch. »Lasst Euch nicht hintergehen, Meister«, rief er, »sagt einfach den Spruch auf, dann wird er ihn sicher lebendig machen!«
Tatsächlich begann Tripitaka nun den Reifverengungsspruch aufzusagen, dass Pilger bald vor Schmerz die Augen aus den Höhlen quollen. Und da wir nicht wissen, wie er den König rettete, lasst uns das nächste Kapitel anhören.