Wie berichtet wurde, konnte der Große Heilige die Schmerzen kaum noch ertragen, bis er schließlich flehte: »Meister, hört auf, hört auf! Ich werde den König lebendig machen!« Als der Priester fragte, wie er das anstellen wolle, antwortete er: »Es gibt keinen anderen Weg, als in der Unterwelt König Yama zu bitten, seine Seele zurückzugeben.«
»Meister, glaubt ihm nicht!« rief Bajie dazwischen, »zuvor hat er mir gesagt, er brauche gar nicht erst in die Unterwelt zu gehen, im Diesseits könne er ihn auch zum Leben erwecken, nur so kämen seine Fähigkeiten richtig zum Ausdruck.«
Der Priester saß Bajies Tücke auf und begann den Spruch von neuem aufzusagen, so dass Pilger erschrocken einwilligte. Doch Bajie rief: »Meister, hört nicht auf, macht weiter!«
»Du verdammtes Mistvieh!« schrie Pilger, »absichtlich stachelst du den Meister auf, mir Schaden zuzufügen!«
Bajie aber wälzte sich vor Lachen und rief: »Haha, glaubst du denn, nur du könnest mich zum Narren halten? Jetzt kann ich dir das endlich mal heimzahlen!«
»Hört auf, Meister, hört auf!« rief Pilger, »ich werde ihn im Diesseits heilen!«
»Und wie willst du das anstellen?« fragte Tripitaka.
»Ich gehe jetzt zum Höchsten Alten Meister Laozi und bitte ihn um eine neunfach geläuterte Wiederbelebungspille. Damit kann der König bestimmt gerettet werden.«
»Dann geh sofort und komm bald zurück«, wies Tripitaka ihn erfreut an.
Da meinte Pilger: »Jetzt ist erst Mitternacht, doch noch bevor ich zurück bin, wird der Tag anbrechen. Wenn dieser Tote so trist und verlassen hier liegt, macht das einen schlechten Eindruck. Es müssen ein paar Leute her, die Totenwache halten und wehklagen.«
»Du brauchst gar nicht weiterzureden«, fiel ihm Bajie ins Wort, »natürlich willst du, dass ich Totenklage halte. Geh nur, Bruder, ich werde hier sitzen und heulen.«
»Dann mach mal vor, wie du heulst!« versetzte Pilger.
Da brach der Tölpel tatsächlich in Tränen aus und stimmte greinend und jammernd eine Klage an, als ob wirklich jemand gestorben wäre. Und als ihn schließlich der Jammer richtig übermannt hatte, zog sich auch dem Priester das Herz zusammen, dass ihm die Tränen kamen.
Pilger lachte: »So ist es richtig, jammere nur weiter. Und wenn du auch nur die geringste Pause machst, gibt es zwanzig Stockschläge!«
»Geh nur, geh nur«, schluchzte Bajie, »wenn ich mal zu weinen angefangen habe, kann ich gut und gerne zwei Tage lang durchheulen.«
Pilger aber schoss im Wolkenüberschlag in die Lüfte, passierte das Südliche Himmelstor und kam direkt zum Tusita- Palast im dreiunddreißigsten Himmel der Trennungstrauer. Dort fand er den Höchsten Alten Meister Laozi, der gerade in seiner Elixierkammer Unsterblichkeitspillen braute. Als er Pilger kommen sah, warnte er die Knaben, die das Elixier bewachten: »Habt acht, der Pillendieb ist wieder da!«
Pilger grüßte mit einer höflichen Geste und meinte lachend: »Werter Meister, heute mache ich so was nicht mehr.«
»Du Affe«, gab Laozi zurück, »wozu dringst du dann heimlich in meinen Palast ein, anstatt den Priester aus China in den Westen zu begleiten?«
Pilger berichtete ihm von der Sache mit dem König von Schwarzhahnland und schloss mit den Worten: »Und jetzt bin ich eigens gekommen, Euch inständig zu bitten, mir so an die hundert neunfach geläuterter Pillen mitzugeben, damit ich alter Sun den König retten kann, wie ich es versprochen habe.«
»Der Affe ist ja verrückt!« rief Laozi empört, »mein Elixier ist doch nicht einfach zum Essen! Nein, hier gibt es nichts. Mach, dass du fortkommst!«
Schon machte der Große Heilige kehrt und ging. Doch Laozi besann sich und meinte plötzlich: »Schlimm, schlimm, dieser Affe kennt keine Rücksicht. So schnell, wie der eben gegangen ist, kann er sich hier wieder einschleichen und meine Pillen stehlen.« Er eilte ihm nach und rief: »Halt, ich will dir eine Pille Wiederbelebungs-Elixier mitgeben!«
Pilger nahm die Pille, verabschiedete sich und sauste ins Kloster zurück, wo Bajie noch immer wehklagte. Unvermittelt trat er vor ihn und rief: »Meister!«
Pilger nahm die Pille, verabschiedete sich und sauste ins Kloster zurück.
Erfreut rief Tripitaka: »Wukong, da bist du ja! Hast du die Pille?«
»Ja, ja«, meinte Pilger, und zu Bajie gewandt: »Bruder, dich brauchen wir jetzt nicht mehr. Wisch dir die Tränen ab und heul woanders weiter.«
Er ließ Sandmönch Wasser holen, nahm die Pille aus dem Mund und legte sie dem König zwischen die Lippen. Dann stemmte er das Gebiss auf und spülte ihm das Goldene Elixier mit klarem Wasser in den Bauch. Anschließend konnte man ganze zwei Stunden lang nichts als ein unablässiges Gurgeln hören, doch der Körper regte sich nicht.
»Er ist schon so lange tot, dass seine Ursprungs-Energie
vollständig aufgezehrt ist. Jemand sollte ihm Atem einhauchen«, riet Tripitaka.
Bajie trat vor und wollte schon damit beginnen, doch Tripitaka hielt ihn zurück und sagte: »Nein, das geht nicht. Lass Wukong das machen!«
Denn Bajie hatte sich ja von klein auf von Menschenfleisch ernährt, davon war sein Atem trüb und unrein. Allein Pilger hatte sich von klein auf der Vervollkommnung gewidmet und sich nur von Pinienkernen und Pfirsichen ernährt, daher war seine Atemenergie rein und klar.
Nun trat der Große Heilige vor, drückte seine Donnergottschnauze an die Lippen des Königs und blies ihm seinen Atem die »zwölfstöckige Pagode« der Kehle hinunter. Der Odem fuhr durch die »Strahlende Halle« der Stirn bis ins »Zinnoberfeld« unter dem Bauchnabel, dann von der »Sprudelnden Quelle« an den Fußsohlen wieder hinauf in den Niyuan-Palast im Hirn. Endlich hörte man ein lautes Pusten, die Energie des Königs war wieder beisammen, sein Geist wieder wach. Er wälzte sich, ballte die Fäuste, krümmte die Füße und rief: »Meister!« Schließlich richtete er sich auf und sprach kniend: »Neulich habe ich Euch nachts als Geisterseele besucht; wer hätte je geglaubt, dass ich heute den lichten Geist des Diesseits wiedererlangen würde!«
Tripitaka beeilte sich, ihm beim Aufstehen behilflich zu sein, und bot ihm einen Stuhl an. Derweil hatten die Mönche des Klosters das Frühstück zubereitet und brachten es in die Halle, wo sie nicht wenig staunten, als sie den König in den nassen Kleidern sahen. Pilger sprang auf und rief: »Das hier ist der ursprüngliche König von Schwarzhahnland, euer wahrer Herrscher. Er wurde vor drei Jahren von einem Dämon umgebracht, und ich alter Sun habe ihn vergangene Nacht wieder zum Leben erweckt. Gleich werden wir in den Palast gehen und der Wahrheit ans Licht verhelfen. Schnell, tischt die Mahlzeit auf! Sobald wir gegessen haben, machen wir uns auf den Weg.«
Die Mönche trugen heißes Wasser und vegetarische Speisen auf. Nachdem alle gegessen hatten, hieß Pilger den König sein Herrschergewand samt Krone und Schuhen ausziehen und ließ sich vom Abt zwei baumwollene Mönchskutten, eine gelbe Seidenkordel und ein paar alte Mönchssandalen geben, die er dem König gegen dessen Ornat tauschte. Lachend meinte er: »Majestät, hoffentlich seid Ihr nicht beleidigt, wenn wir Euch in dieser Aufmachung mit uns kommen lassen!«
Da kniete der König nieder und sprach: »Meister, für mich seid Ihr wie meine neuen Eltern! Am liebsten würde ich Euch dienend in den Westen folgen, Euch die Peitsche halten und ehrerbietig neben Eurem Pferde wandern!«
»In den Westen braucht Ihr nicht zu reisen«, versetzte Pilger, »wartet nur, bis wir in der Stadt sind und den Dämon ausgetrieben haben, dann setzt Ihr Euch wieder auf Euren Thron, und wir suchen wieder unsere Schriften.«
Gemeinsam machte man sich auf den Weg. Da reihten sich alle fünfhundert Mönche des Klosters ordentlich auf und gaben ihnen mit Pauken und Trompeten ein feierliches Geleit. Doch Pilger rief: »Mönche, ihr müsst aufhören, sonst wird unser Vorhaben noch vorzeitig bekannt, und das wäre nun gar nicht hilfreich. Geht zurück, geht zurück! Ihr braucht nur die Kleider des Königs sauberzumachen und sie heut Abend oder morgen früh in die Stadt zu bringen; ich werde euch belohnen lassen!«
Wie geheißen kehrten die Mönche um. So war es in der Tat:
Hoch im Westen ist die große Lehre,
Mit der sich Wahrheit finden lässt;
Metall und Holz sind nun zusammen
Und läutern gleichgesinnt den Geist.
Des Elixieres Mutter sinnt umsonst
Am vagen Traumgespinst herum,
Schon lange zürnt das Kleine Kind,
Denn eine faule Bürde hängt ihm an.
Nun musste man am Brunnengrund
Den eigentlichen Herrn aufsuchen,
Dann in himmlischen Gefilden
Noch den Alten Meister besuchen.246
Sind Form und Leere tief erschaut,
Kehrt man zum inneren Wesen ein.
Wahrhaftig: Buddha überführt all jene,
Denen er wirklich helfen kann!
Es war noch kein halber Tag vergangen, als sie vor den Stadtmauern von Schwarzhahnland standen. Auf Straßen und Märkten sahen sie das Volk wohlgeordnet herumgehen; überall herrschte geschäftiges Treiben. Schon konnte man die prächtigen Phönix- und Drachentürme des Königspalastes ausmachen. Pilger half Tripitaka aus dem Sattel, führte alle fünf Ankömmlinge zum Palasttor, wo er der Torwache den Grund ihres Kommens erklärte und sagte: »Nun möchten wir unseren Reisepass begutachten lassen. Wir bitten Euch höflichst, die Meldung weiterzuleiten, damit das wohltätige Ziel unserer Reise nicht beeinträchtigt wird.«
Der Wächter begab sich sogleich in den Palast und überbrachte die Meldung, worauf der Dämonenkönig sie zur Audienz rief. Da schritten die fünf vor die Stufen zur Audienzhalle, wo man bereits die stattlichen Reihen ziviler und militärischer Hofbeamten sehen konnte. Pilger geleitete Tripitaka vor die weiße Jadetreppe und blieb aufrecht stehen. Keiner unter den Hofbeamten, der nicht entsetzt murmelte: »Was für unhöfliche Mönche! Wie können sie sich erlauben, vor unserem König keinen Kniefall zu machen? Welche Impertinenz!«
Doch schon ließ der König verlauten: »Woher seid ihr, ihr Mönche?«
Mit stolz erhobenem Haupt antwortete Pilger: »Wir kommen aus dem chinesischen Kaiserreich im Osten und wurden vom Kaiser zum Tempel des Donnergrollens in den Westen gesandt, um Buddha zu huldigen und Heilige Schriften zu holen. Heute sprechen wir hier vor, weil wir unser Reisedokument beglaubigen lassen wollen.«
Der Dämonenkönig ließ sich das Papier überreichen und las es durch. Dann sprach er: »Ihr Mönche! Anfangs hat nur einer von euch den Osten verlassen, danach wurden drei Schüler aufgenommen. Gegen diese habe ich nichts einzuwenden, doch jener Priester dort ist mir verdächtig. Woher kommt er und wie heißt er? Hat er eine Mönchslizenz oder nicht? Führt ihn vor!«
Der König erzitterte vor Schreck, doch Pilger zwickte ihn in den Arm, trat eilig nach vorn und rief dem Dämon mit scharfer Stimme zu: »Majestät, der alte Mönch ist taubstumm. Über seine Geschichte weiß ich eingehend Bescheid; ich kann an seiner Statt aussagen.«
»Dann fangt an und sagt die volle Wahrheit! Sonst werdet ihr verurteilt.«
Pilger sprach:
»Der Mönch, der hier anklagt,
Er ist schon bejahrt,
Ist taub und stumm,
Sein Heim ist zerstört.
Die Ahnen von einst
Sind aus diesem Land,
Doch fünf Jahr ist’s her,
Da kam er ins Leid.
Der Regen blieb aus,
Das Volk litt Durst,
Da kam vom Zhongnan
Ein böser Daoist,
Rief Regen und Wind
Mit göttlicher Kraft,
Dann hat er ihn gar
Ums Leben gebracht.
Stieß ihn im Garten
In tiefen Brunnen
Und hat so den Thron
Drei Jahre gewonnen.
Zum Glück bin ich da,
Denn mit großer Tat
Kehrt’ ich die Welten
Zum Leben vom Tod.
Am Hof will ich nun
Die Wahrheit ergründen,
Heil sei dem König, vertrieben der Dämon,
Auf dass wir wieder Frieden verkünden!«
Bei diesen Worten fuhr dem Dämonenkönig ein solcher Schrecken in die Glieder, dass ihm das Herz bis zum Halse pochte und sein Gesicht rot anlief. Mit einem Ruck sprang er auf, entriss einem wachestehenden General den Säbel, schoss in die Lüfte und war verschwunden. Sandmönch schnaubte vor Wut; Bajie schrie auf und rief Pilger ungehalten zu: »Du ungeduldiger Affe! Hättest du doch nicht so schnell gesprochen, dann hätten wir ihn gekriegt! Wo sollen wir ihn jetzt suchen, wenn er abgehauen ist?«
»Nur keine Unruhe, meine Brüder«, gab Pilger lachend zurück. »Ruft den Kronprinzen, die Königin und die Konkubinen sowie alle Minister und Beamten hierher, damit sie sich vor ihrem König verneigen und ihren ursprünglichen Herrn wiedererkennen. Ich will mich indessen auf die Jagd nach dem Dämon machen.« Sandmönch und Bajie taten wie geheißen.
Pilger aber schoss pfeilschnell in den neunten Himmel empor und spähte mit großen Augen in alle Richtungen, bis er im Nordosten den fliehenden Dämon entdeckte. Er holte ihn ein und schrie: »Wo willst du hin, du Monster! Dem alten Sun wirst du nicht entkommen!«
Der Dämon wandte sich um, zückte den Säbel und brüllte: »Pilger Sun, du bist unverschämt! Was hat es mit dir zu tun, wenn ich den Thron besetze? Du brauchst dich nicht um Dinge zu kümmern, die dich nichts angehen!«
Pilger lachte abschätzig und rief: »Du dreister Zankteufel! Wer hat dir erlaubt, hier König zu sein? Stillgestanden, krieg meine Stange zu spüren!«
Der Dämon schwang seinen Säbel und trat kampflustig auf ihn zu. Nach mehreren Kampfrunden aber konnte der Dämon dem Affenkönig nicht länger standhalten, wandte sich plötzlich um und sprang in die Palaststadt, wo er Hals über Kopf zwischen die Reihen der Hofbeamten vor der weißen Jadetreppe rannte und sich schließlich mit einem Ruck in die Gestalt des Tripitaka verwandelte. So blieb er neben Tripitaka vor der Treppe stehen. Der Große Heilige eilte hinter ihm her und erhob gerade seine Stange gegen den Dämon, da rief Tripitaka: »Halt, mein Schüler, ich bin es!«
Da schnellte er auf den anderen Tripitaka los, doch der rief genau gleich: »Halt, mein Schüler, ich bin es!«
Es waren zwei absolut identische Tripitakas; unmöglich, sie auseinanderzuhalten. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als innezuhalten. An Bajie und Sandmönch gewandt fragte er: »Wer von euch kann mir sagen, welches der Meister ist?«
»Wir haben den Kampf am Himmel mitverfolgt«, meinte Bajie, »doch im nächsten Augenblick waren schon zwei Meister in der Halle. Wir wissen auch nicht, wer der echte ist.«
Sofort rief Pilger mit einem magischen Fingerzeichen und einem Zauberspruch die Schutzgötter herbei und sprach: »Ich alter Sun bin hierhergekommen, um einen Dämon zu bezwingen, doch jetzt hat dieser meines Meisters Gestalt angenommen, so dass wir sie nicht mehr voneinander unterscheiden können. Lasst bitte meinen Meister heimlich wissen, dass er in die Thronhalle gehen soll, damit ich den Dämon hier einfangen kann.«
Doch er hatte nicht damit gerechnet, dass der Dämon sich gewandt in den Lüften bewegen konnte, wo er Pilgers Worte mitgehört und sich sogleich in die Thronhalle begeben hatte. Schon erhob Pilger seine Stange gegen Tripitaka; zum Glück konnten ihn die Schutzgötter gerade noch aufhalten und riefen: »Großer Heiliger, der Dämon kann in die Lüfte steigen, er ist schon in die Halle gegangen!«
Als Pilger in der Halle ankam, sprang der Dämon wieder hinaus, packte sich Tripitaka und mischte sich mit ihm unter die Menge, worauf man sie von neuem nicht mehr auseinanderhalten konnte.
Pilger wurde nervös. Wie er nun bemerkte, dass Bajie neben ihm kicherte, fuhr er ihn wütend an: »Was findest du daran lustig, du Tölpel?«
»Ha, Bruder«, lachte Bajie, »du nennst mich Tölpel, dabei bist du noch mehr ein Tölpel! Warum kommt es dir denn nicht in den Sinn, ein bisschen Kopfschmerzen zu ertragen? Lass den Meister doch den Spruch aufsagen, während ich und Sandmönch je einen der beiden festhalten. Derjenige, bei dessen Spruch du keine Schmerzen kriegst, muss der Dämon sein. Das ist doch nicht weiter schwierig!«
»Stimmt, du hast recht«, meinte Pilger. »Meister, sagt den Spruch auf!«
Da begann der richtige Tripitaka den Spruch aufzusagen, worauf Pilger sofort der Kopf schmerzte. Als aber der Dämon etwas murmelte, verspürte er überhaupt keine Schmerzen.
»Das muss der Dämon sein!« rief Bajie, ließ ihn los, erhob seinen Rechen und drosch los.
Seht, wie der Dämon jetzt einen Satz nimmt und über die Wolken entflieht!
Bajie und Sandmönch eilten ihm durch die Lüfte nach und nahmen ihn von beiden Seiten mit Rechen und Prunkstab ins Visier. Pilger aber dachte: »Wenn ich ihm nun von vorn entgegenkomme, wird er womöglich wieder ausreißen. Jetzt werde ich einfach noch höher springen und ihn mit dem Stockhieb zermalmen wie Knoblauch im Mörser!«
Auf einem glückverheißenden Lichtstrahl schoss der Große Heilige in den neunten Himmel hinauf. Gerade als er Hand anlegen wollte, gewahrte er in nordöstlicher Richtung eine farbenfrohe Wolke, aus der eine Stimme in strengem Ton rief: »Halt ein, Sun Wukong!«
Als Pilger sich umwandte und genauer hinschaute, erkannte er den Bodhisattva Manjushri. Eilends steckte er seine Stange zurück, begrüßte ihn mit einer höflichen Geste und fragte: »Wohin des Wegs, werter Bodhisattva?«
»Ich komme einen Dämon einfangen«, antwortete dieser und zog aus seinem Ärmel einen Geisterspiegel hervor, den er dem Dämon nun entgegenhielt. Als Pilger in den Spiegel
hineinblickte, sah er die grauenvolle Gestalt des Dämonenkönigs.
»Bodhisattva«, rief er, »das ist ja der Blaue Löwe, auf dem Ihr reitet! Wie konnte er Euch nur entlaufen und sich hier als Dämon einnisten?«
»Er ist mir nicht entlaufen«, erwiderte der Bodhisattva, »er
kam auf Geheiß von Buddha. Der König von Schwarzhahnland nämlich war früher überaus wohltätig und Mönchen gegenüber so großzügig, dass Buddha mich zu ihm sandte, ihn zu erlösen. Weil ich ihm aber als gewöhnlicher Mönch gegenübertrat, um Almosen bat und ihn im Gespräch absichtlich in schwierige Fragen verwickelte, hat er mich fesseln lassen und in den Stadtgraben geworfen, wo ich drei Tage und Nächte im Wasser war. Darum hat Buddha diesen Dämon ausgesandt, der ihn hier in den Brunnen stieß und ihn drei Jahre lang im Wasser liegen ließ, als Vergeltung für die drei Tage, die ich im Wasser verbringen musste. Nun, da Ihr gekommen seid, ist seine Überführung zu Eurem Verdienst geworden.«
»Nun, damit ist zwar Euer persönliches Leid gerächt«, meinte Pilger, »doch gleichzeitig habt Ihr zugelassen, dass der Körper der Königin geschändet und etliche moralische Prinzipien verletzt wurden.«
»Er hat sie nicht schänden können«, gab der Bodhisattva zurück, »der Löwe ist kastriert.«
Als Bajie das hörte, ging er auf den Dämon zu, fasste ihn an und lachte: »Tatsächlich, das Biest hat die rote Nase nicht vom Saufen; nichts als ein hohler Name!«
»Nun gut, so nehmt ihn mit«, meinte Pilger.
»Sündenbiest, worauf wartest du noch?« rief der Bodhisattva. »Folge mir!«
Endlich nahm der Dämon seine ursprüngliche Gestalt an. Der Bodhisattva aber legte dem Löwen den Lotossattel über den Rücken, saß auf und schwebte auf glückverheißenden Wolken dem Wutai-Gebirge247 entgegen. Und da wir nicht wissen, wie Tripitaka schließlich die Stadt verließ, lasst uns hören, was das nächste Kapitel berichtet.