Nachdem der Abendstern und der Prächtige Affenkönig gemeinsam auf Wolken in die Lüfte gestiegen waren, hatte Wukong mit seinem schnellen Wolkenüberschlag den Abendstern bald hinter sich gelassen und lange vor ihm das Südliche Himmelstor erreicht. Er wollte gerade von der Wolke springen und eintreten, als ihm Himmelskönig Virudhaka mit seinen Kriegern Pang, Liu, Gou, Bi, Deng, Xin, Zhang und Tao in den Weg trat, das Himmelstor verschloss und ihm den Zutritt verweigerte.
»So ein hinterhältiger Alter, dieser Abendstern!« schnaubte Wukong, »bestellt mich alten Sun hierher und lässt dann Leute mit Säbeln und Lanzen den Weg versperren!«
Während er sich ereiferte, eilte der Abendstern heran, und Wukong gellte ihm entgegen: »Alter, warum führst du mich hinters Licht? Behauptest, mich auf Geheiß des Jadekaisers einzuladen, und lässt diese Leute mir den Eintritt verwehren!«
»Möge sich der Große König beruhigen«, lächelte der Abendstern. »Ihr seid ja zum ersten Mal hier, also können Euch die Himmelskrieger gar nicht kennen. Wie könnten sie Euch ohne weiteres Einlass gewähren? Sobald Ihr beim
Erhabenen Himmelskaiser vorgesprochen habt, als Unsterblicher registriert und mit einem Amt versehen seid, könnt Ihr ein und aus gehen, wie Ihr wollt.« Laut rief er nun: »Macht das Tor auf, Himmelswächter!«
Bedächtigen Schrittes folgte der Affenkönig dem Abendstern durchs Tor hinein und sah sich um. So war es in der Tat:
Millionen helle Strahlen
Wallen rot wie Regenbogen,
Tausendfältig heiler Dunst
Atmet lila Nebelwogen.
Goldne Zinnen, Silberwagen
Neben Purpurhallen rein;
Jadeblüten, Jaspisgräser,
Blumenzier aus Edelstein!
Der Abendstern führte den Prächtigen Affenkönig zur Halle der Himmelshöhen und begab sich, ohne den Einlassbefehl abzuwarten, vor den Thron, wo er die höfischen Verbeugungen vollführte. Wukong aber blieb aufrecht neben ihm stehen und richtete seine Aufmerksamkeit ohne jeglichen Ritus auf den Bericht des Abendsterns.
Dieser sprach: »Euer Minister hat den dämonischen Unsterblichen gemäß dem heiligen Edikt aufgeboten.«
»Welcher ist der dämonische Unsterbliche?« fragte der Jadekaiser hinter seinem herunterhängenden Perlenschleier.
Da machte Wukong eine leichte Verneigung und gab zur Antwort: »Ich, der alte Sun!«
Die umstehenden himmlischen Minister erblassten vor Schreck und tuschelten: »Was für ein unkultivierter Affe! Wie kann er es nur wagen, ohne Kotau vor den Himmelskaiser zu treten und auch noch hochfahrend mit ›Ich, der alte Sun‹ zu antworten? Er ist des Todes!«
Der Jadekaiser aber sprach: »Da dieser Sun Wukong als dämonischer Unsterblicher aus den unteren Gefilden erst vor kurzem menschliche Gestalt annahm, kann er sich mit der höfischen Etikette kaum auskennen. Es sei ihm einstweilen verziehen.«
»Dank sei Eurer Gnade!« riefen die himmlischen Minister im Chor. Erst jetzt vollführte der Affenkönig mit vor der Brust übereinandergelegten Händen eine tiefe Verbeugung. Der Jadekaiser beauftragte die für Beamtenwahl zuständigen himmlischen Minister, zu überprüfen, ob irgendwo ein Posten vakant sei, der Sun Wukong zugeteilt werden könnte. Alsbald meldete Wuqu, der Fürst des Kriegssterns: »Im Himmelspalast sind alle Stellen besetzt. Einzig im Kaiserlichen Marstall fehlt zur Zeit ein Oberaufseher.«
»Dann ernennen wir ihn doch zum Bimawen54«, bestimmte der Jadekaiser.
Die Minister dankten im Chor, während es der Affenkönig bei einer weiteren tiefen Verbeugung beließ. Nun beauftragte der Jadekaiser den Sternfürsten der Holztugend, den Affenkönig zu seinem neuen Amte in den kaiserlichen Pferdestallungen zu begleiten.
Frohgemut folgte der Affenkönig dem Sternfürsten. Nachdem dieser seinen Auftrag ausgeführt hatte, kehrte er in den Palast zurück, während der Affenkönig nun im Marstall die Amtsträger aller Ränge versammelte, um sich über die Angelegenheiten seines Postens Klarheit zu verschaffen. Es gab knapp tausend Himmelspferde. Der Affenkönig sah alle Unterlagen durch und überprüfte die Anzahl der Pferde. In den Stallungen sorgten die Buchhalter für die Futterbeschaffung, die Wärter hatten die Pferde zu waschen und zu füttern, der Marstallmeister und dessen Gehilfen waren für die Einhaltung des Arbeitsablaufs zuständig, während der Bimawen sich Tag und Nacht um das Wohlergehen aller Pferde kümmern musste. Wann immer die Pferde ihn von da an gewahrten, spitzten sie die Ohren und scharrten mit den Hufen; sie gediehen prächtig und wurden prall und schön.
Es war schon mehr als ein halber Monat verstrichen, als eines schönen Tages die Belegschaft dem Affenkönig zu Ehren ein Weingelage veranstaltete, einerseits um ihn willkommen zu heißen, andererseits um ihm zu gratulieren. Während sie nun fröhlich becherten, setzte der Affenkönig plötzlich seinen Weinkelch nieder und fragte: »Was ist ›Bimawen‹ eigentlich für ein Titel?«
»Der Name ist bereits der Titel«, bekam er zur Antwort.
»Von welchem Rang ist er denn?« insistierte der Affenkönig.
»Ohne Rang.«
»Also ein Titel, der über aller Rangordnung steht?«
»Keinesweg. Man nennt das ›noch nicht in der Rangordnung‹.«
»Was soll das heißen?«
»Es ist das geringste und kleinste Amt überhaupt. Ein solcher Beamter darf gerade mal die Rosse hüten. Wenn man so wie Ihr, verehrter Vorgesetzter, seit Amtsantritt sämtliche Aufgaben mit größter Sorgfalt verrichtet, erntet man – falls die Pferde denn gedeihen und fett werden – höchstens die Bemerkung ›in Ordnung‹. Doch sobald die Rosse auch nur leicht abmagern, kommen gleich Vorwürfe, und falls sie sich gar eine Verletzung zuziehen, wird man verurteilt und bestraft.«
Als der Affenkönig dies hörte, loderte in seinem Herzen das Feuer auf. Zähneknirschend stieß er hervor: »So gering achten sie mich alten Sun! Auf dem Blumen-Früchte-Berg war ich König und Oberhaupt der ganzen Sippe; wozu lassen sie mich hierherkommen, um ihre Pferde zu hüten? Wenn Pferdehüten eine minderwertige Arbeit ist, braucht man doch nicht mich dazu! Das mache ich nicht länger. Schluss, ich gehe!«
Unter einem heftigen Stoß polterte der Tisch zu Boden, Wukong klaubte seinen Schatz aus dem Ohr, schwang ihn zur Dicke einer Reisschale und raste mit wirbelnder Stange aus den Marställen bis zum Südlichen Himmelstor. Da die Himmelskrieger nun wussten, dass er als Bimawen unter den Unsterblichen eingetragen war, wagten sie ihn nicht aufzuhalten und ließen ihn aus dem Himmel davonstürmen.
Die Himmelskrieger wagten ihn nicht aufzuhalten und ließen ihn aus dem Himmel davonstürmen.
Wenig später senkte Wukong seine Wolke und landete auf dem Blumen-Früchte-Berg, wo die vier Tapferen Generäle und die Dämonenkönige aller Grotten gerade ihre Manöver abhielten.
»Kinderchen«, rief Wukong, »eurer alter Sun ist wieder da!«
Die ganze Affenhorde stürmte herbei, alle machten ihre Kotaus, führten den Affenkönig in die Grotte, ließen ihn den
Thron besteigen und bereiteten nebenher ein Willkommensbankett.
»Glückwünsch dem Großen König!« riefen alle. »Mehr als zehn Jahre habt Ihr in den oberen Gefilden verbracht. Gewiss kehrt Ihr nun in Ruhm und Ehren in den Ruhestand.«
»Es ist doch nur ein halber Monat verstrichen«, wandte Wukong ein, »was sagt ihr da von mehr als zehn Jahren?«
»Majestät, im Himmel merkt Ihr nichts davon. Ein Tag im Himmel entspricht einem Jahr auf Erden! Dürfen wir Eure Majestät fragen, was für ein Amt Euch zugeteilt wurde?«
Der Affenkönig winkte ab. »Sprecht mir nicht davon, es ist eine abgrundtiefe Schande! Dieser Jadekaiser weiß seine begabten Leute nicht richtig einzusetzen. Er hat mir nur ein Amt als sogenannter Bimawen zugeteilt, dabei ist das nichts als eine Art Pferdeknecht, und es zählt noch nicht einmal zu den Amtsrängen. Anfangs wusste ich nichts davon, doch heute habe ich meine Belegschaft gefragt und erfahren, dass es sich um einen derart miesen Posten handelt. Da hat mich alten Sun die Wut gepackt und ich bin sofort runtergekommen.«
»Ja, wozu dem Jadekaiser als Pferdeknecht dienen?« pflichteten ihm die Affen bei. »Denkt, wie hochgeachtet und glücklich Ihr hier seid, in unserem Grottenhimmel in gesegneten Landen!«
Umgehend hießen sie die Bediensteten Wein auftragen, um ihrem König den Unmut zu vertreiben. Während sie fröhlich die Becher reihum reichten, traf auf einmal die Meldung ein: »Draußen steht ein Einhörniger Geisterkönig, der vorsprechen möchte.«
»Lasst ihn eintreten«, befahl der Affenkönig.
Der Geisterkönig strich sein Gewand zurecht und trat ein. Nachdem er sich verbeugt hatte, hub er an: »Schon lange hörte ich, dass Ihr tüchtige Leute sucht, nur fehlte mir bisher ein Grund, Euch meine Reverenz zu erweisen. Nun, da Ihr in die Liste der Unsterblichen aufgenommen und ruhmreich zurückgekehrt seid, möchte ich Erlauchter Majestät zur Gratulation diese dunkelgelbe Robe überreichen. Falls Ihr mir erlaubt, in Euren Dienst zu treten, so will ich Euch zu Diensten sein wie Hund und Pferd.«
Freudig zog der Affenkönig die ockergelbe Robe über und verlieh dem Geisterkönig umgehend das Amt eines Generalgouverneurs der Fronttruppen. Der Geisterkönig bedankte sich und sprach: »Lange weilte der Große König im Himmel; was für ein Amt wurde Euch denn zugeteilt?«
»Der Jadekaiser achtet die Fähigen gering«, antwortete der Affenkönig, »er machte mich bloß zu einem sogenannten Bimawen.«
»Aber Majestät, eingedenk Eurer herausragenden Fähigkeiten könnt Ihr doch nicht seine Rosse hüten! Selbst ein Himmelsebenbürtiger Großer Heiliger zu werden wäre für Euch ein Leichtes.«
Als der Affenkönig dies hörte, durchzuckte ihn eine gewaltige Freude. »Ja, ausgezeichnet!« rief er aus und befahl sofort seinen vier Tapferen Generälen: »Fertigt eine Flagge an,
auf der in großen Schriftzeichen geschrieben steht: ›Himmelsebenbürtiger Großer Heiliger‹. Dann stellt einen Mast auf und hisst die Flagge empor. Von nun an will ich nur noch ›Himmelsebenbürtiger Großer Heiliger‹ genannt werden, die Bezeichnung ›Großer König‹ ist nicht mehr gestattet.«
Doch wenden wir uns wieder dem Jadekaiser zu, der am folgenden Tag gerade Audienz hielt, als Himmelsmeister Zhang mit dem Marstallmeister und dessen Assistenten auf der
Palasttreppe erschien, sich verbeugte und berichtete: »Majestät, der neue Bimawen Sun Wukong hat gestern den Himmelspalast verlassen, weil er sein Amt als zu niedrig erachtete.«
Da traf auch schon der Himmelskönig Virudhaka mit den Kriegern vom Südlichen Himmelstor ein und meldete: »Aus
unerklärlichen Gründen ist der Bimawen durch das Himmelstor entlaufen.«
Als der Jadekaiser dies hörte, ließ er verlauten: »Mögen die Würdenträger an ihre Posten zurückkehren. Wir werden Himmelskrieger entsenden, den Unhold einzufangen.«
Da trat der Pagodentragende Himmelskönig Li Jing mit seinem dritten Sohn Prinz Nata aus den Rängen und sprach: »Unsere Wenigkeit bittet um Erlaubnis, den Dämon bezwingen zu dürfen.«
Erleichtert ernannte der Jadekaiser den Pagodentragenden
Himmelskönig zum »Dämonenbezwingenden Hohen Marschall« und Prinz Nata zur »Großen Gottheit der Götterzusammenkunft auf der dreifachen Plattform« und befahl ihnen, für die Expedition in die unteren Gefilde unverzüglich Truppen zu mobilisieren.
Mit einem Stirnaufschlag verabschiedeten sich der Himmelskönig und Nata und kehrten in ihren Palast zurück, wo sie die Truppen einberiefen und Krieger wie den Mächtigen Seelengott, General Fischbauch und die Yaksas aufboten. Bald darauf stürmten sie aus dem Südlichen Himmelstor und errichteten nahe beim Blumen-Früchte-Berg ihr Feldquartier. Der Mächtige Seelengott wurde mit der Kriegserklärung beauftragt. Er warf sich in seine Rüstung und kam, seine langstieligen verzierten Streitäxte schwingend, zur Wasservorhang-Grotte, wo er eine Menge kleine Ungeheuer vorfand, die sich gerade mit Spießen und Schwertern im Kampfe übten.
»Ihr Bestien!« brüllte der Mächtige Seelengott, »meldet dem Bimawen sofort Folgendes: Ich bin ein hoher General des Himmels und komme auf Befehl des Jadekaisers, ihn zu unterwerfen. Er soll sich rechtzeitig ergeben, ansonsten kommt keiner von euch heil davon.«
Die Ungeheuer stürzten in die Grotte und riefen: »Unheil, Unheil! Draußen steht ein General aus dem Himmel, der den Amtstitel des Großen Heiligen nennt und behauptet, er sei auf Befehl des Jadekaisers hier, um Euch festzunehmen. Er sagt, Ihr sollt rechtzeitig herauskommen, damit unser Leben verschont bleibe.«
Der Affenkönig ließ sich seine Rüstung geben. Dann trat er in vollem Harnisch, den Wunscherfüllenden Goldreifstab in der Hand, mit der ganzen Affenschar vor das Tor und ordnete die Schlachtreihen.
»Du Zankaffe!« schrie der Mächtige Seelengott, »erkennst du mich?«
»Was für ein Geistchen bist du denn?« höhnte der Große Heilige, »ich alter Sun bin dir noch nie begegnet! Schnell, gib deinen Namen an.«
»Wehe dir, du hinterhältiger Rhesusaffe! Natürlich kennst du mich nicht. Ich bin der Himmelsgeneral Mächtiger
Seelengott, Frontkommandant des Pagodentragenden Himmelskönigs im Hohen Götterhimmel. Ich komme auf den heiligen Erlass des Jadekaisers, dich zu unterwerfen. Leg sofort deine Sachen nieder und ergib dich der Gnade des Himmels, ansonsten wartet deiner die Todesstrafe. Wenn ich auch nur ein halbes ›Nein‹ höre, schlage ich dich im Handumdrehen zu Brei.«
Aufgebracht schrie der Affenkönig: »Nimm bloß den Mund nicht so voll, du Schreckgespenst! Ich würde dich mühelos mit einem Streich umlegen, nur wäre dann leider keiner mehr da, der Nachricht überbringt. Drum lass ich dich vorläufig am Leben, aber mach, dass du schleunigst in den Himmel zurückkommst, und lass den Jadekaiser wissen, dass er seine fähigen Leute nicht einzusetzen weiß! Ich alter Sun besitze immense Zauberkräfte, wozu soll ich seine Pferde hüten? Sieh dir an, was auf dieser Flagge geschrieben steht. Falls mein Rang gemäß diesem Wortlaut erhöht wird, will ich von einem Kampf absehen, und Himmel und Erde bleiben in Frieden. Ansonsten aber werde ich den Palast der Himmelshöhen erstürmen, bis dieser Jadekaiser von seinem Thron fällt.«
Der Mächtige Seelengott riss die Augen auf und sah suchend um sich, bis er tatsächlich vor dem Eingangstor eine hoch emporgehisste Flagge entdeckte, auf der in vier großen Schriftzeichen geschrieben stand: »
齊
天
大
聖
– Himmelsebenbürtiger Großer Heiliger«. Da gab er ein kaltes Lachen von sich und rief: »Du Affenkerl bist ja unverschämt! Ein Himmelsebenbürtiger Großer Heiliger willst du werden! Dann krieg jetzt gleich mal meine Axt zu spüren!«
Er holte zum Schlag aus, und der Affenkönig trat ihm mit dem Goldreifstab entgegen. Doch schon nach einem kurzen Ringen konnte der Mächtige Seelengott nicht mehr standhalten, und als der Affenkönig schließlich mit einem Hieb den Stiel seiner Axt zerbrach, wich er zurück und ergriff die Flucht.
»Schwächling!« höhnte ihm der Affenkönig nach, »ich habe dich verschont, also mach, dass du gleich die Meldung überbringst.«
Zurück im Feldquartier, eilte der Mächtige Seelenkönig zum Pagodentragenden Himmelskönig, kniete keuchend vor ihm nieder und sprach: »Dieser Bimawen hat tatsächlich außerordentliche Fähigkeiten! Euer unwerter General konnte ihm nicht standhalten. Ich bitte um Bestrafung für diese Niederlage.«
Wütend fuhr der Himmelskönig auf: »Dieser Kerl schadet unserer Kampfmoral! Führt ihn zur Enthauptung!«
Da trat Prinz Nata vor, verneigte sich und sprach: »Väterliche Majestät, bitte besänftigt Euren Zorn und verzeiht vorerst dem Mächtigen Seelengott. Lasst mich ausrücken, damit wir wissen, wie die Lage wirklich steht.«
Auf diese Bitte hieß der Himmelskönig den Mächtigen Seelengott abtreten, um im Feldquartier das Urteil abzuwarten. Prinz Nata aber stürmte in voller Rüstung hinaus und kam zur Wasservorhang-Grotte, wo Sun Wukong gerade seine Krieger zurückholte, als er Nata kampfeslustig anrücken sah.
»Aus wessen Hause kommst denn du, Kleiner?« spottete er, »was treibt dich vor meine Tore?«
»Du übler Zankaffe«, schrie Nata, »ich bin Prinz Nata, der dritte Sohn des Pagodentragenden Himmelskönigs. Auf Geheiß des Jadekaisers bin ich hier, dich festzunehmen!«
»Ach du kleines Prinzchen«, höhnte Wukong, »du hast ja noch die Milchzähne und bist noch feucht hinter den Ohren. Wie kannst du es wagen, den Mund so voll zu nehmen? Ich will dich am Leben lassen, doch sieh dir an, was auf dieser Flagge geschrieben steht, und melde es dem Jadekaiser. Kriege ich diesen Titel, so braucht ihr keine Truppen zu schicken, denn dann werde ich von selbst auf euch zukommen. Sollte es aber nicht nach meinem Willen gehen, werde ich die Halle der Himmelshöhen erstürmen!«
Nata blickte auf und sah den Schriftzug »Himmelsebenbürtiger Großer Heiliger« auf der Flagge.
»Was für Mächte hast du denn, dass du dich so zu nennen wagst, du Affengespenst?« rief er. »Los, krieg mein Schwert zu spüren!«
»Nun, da will ich mich mal hier hinstellen, du kannst gerne ein paar Hiebe ausprobieren«, meinte Wukong gelassen.
Aufgebracht schrie Nata: »Verwandlung!« Schon erschien er als dreiköpfiger und sechsarmiger Berserker, der in jeder Hand eine Waffe schwang: ein Geisterköpfschwert, einen Geisterhacksäbel, eine Geisterfessel, eine Geisterwehrkeule,
einen seidenen Ball und ein Feuerrad. Alles wild durcheinanderwirbelnd stürmte er los und schlug zu. Bei dem Anblick zuckte Wukong innerlich zusammen und sann: »Der Kleine ist gar nicht so unbegabt.« Dann schrie er: »Sei bloß nicht frech, schau dir meine Magie an!«
Mit dem Ruf »Verwandlung!« wurde auch er dreiköpfig und sechsarmig, schwang den Goldreifstab in den Wind, dass auch dieser sich verdreifachte, und stellte sich mit drei Stäben in sechs Händen zur Wehr. Dieser Kampf ließ regelrecht Berg und Tal erbeben, während die beiden an die dreißig Runden lang ihre überragenden Zauberkräfte austobten. Bald wurden aus den sechs Waffen des Prinzen Tausende und Abertausende,
auch Wukongs Goldreifstab erschien tausend- und abertausendfach, so dass in halber Höhe Regentropfen und Sternschnuppen durcheinanderzuwirbeln schienen, ohne das geringste Anzeichen von Sieg und Niederlage. Wukong aber, flink wie er war, zupfte sich mitten in dem Gewirbel ein Pelzhaar aus und rief »Verwandlung!«. Auf der Stelle wurde es zu einem Doppelgänger, der nun ebenfalls mit einem Goldreifstab bewaffnet Nata in Schach hielt, während Wukong selbst mit einem Satz hinter den Prinzen sprang und auf dessen linken Arm zielte. Nata versuchte auszuweichen, doch es war zu spät, und er wurde getroffen. Unter quälenden Schmerzen ergriff er die Flucht, machte seine Verwandlung rückgängig und kehrte als Verlierer ins Lager zurück.
Der Pagodentragende Himmelskönig erblasste vor Schreck und rief: »Wie ist dem Kerl bloß beizukommen, wenn er über eine derartige Macht verfügt?«
»Vor dem Eingang seiner Grotte hat er eine Fahne
aufgestellt, darauf steht ›Himmelsebenbürtiger Großer Heiliger‹«, keuchte der Prinz. »Er war so vermessen, zu verlangen, dass der Jadekaiser ihn mit diesem Titel belehnen solle. Dann würde er uns in Frieden lassen, sagte er, andernfalls wolle er die Halle der Himmelshöhen stürmen!«
»Wenn die Sache so steht«, beschied der Himmelskönig, »dann sollten wir uns vorderhand nicht weiter mit ihm anlegen. Lass uns erst im Himmel Bericht erstatten.
Anschließend können wir immer noch zusätzliche Himmelskrieger hinschicken und den Kerl durch Umzingelung einfangen.«
Wie nun der Prinz mit dem Pagodentragenden Himmelskönig in den Himmel zurückkehrte, sei hier nicht weiter ausgeführt.
Wenden wir uns stattdessen dem Affenkönig zu, der siegreich auf seinen Berg zurückgekehrt war. Schon waren die Dämonenkönige aller zweiundsiebzig Grotten und seine sechs verbrüderten Könige herbeigeeilt, um ihm zu gratulieren, und tranken nun in der Grotte fröhlich auf den Sieg. Da sprach der Affenkönig zu seinen sechs Gebrüdern: »Da ich mich als euer jüngerer Bruder ›Himmelsebenbürtiger Großer Heiliger‹ nenne, sollt ihr euch ebenfalls ›Große Heilige‹ nennen dürfen.«
König Rinderdämon stimmte lauthals bei: »Du hast recht, werter Bruder! Ich nenne mich Himmelsgleicher Großer Heiliger.«
»Und ich nenne mich Meerumwälzender Großer Heiliger«, fiel König Drachendämon ein.
»Ich mich Himmelsverheerender Großer Heiliger«, rief König Wundervogeldämon.
»Ich nenne mich Bergversetzender Großer Heiliger«, brüllte der Löwenkönig.
»Ich mich Winddurchdringender Großer Heiliger«, schrie der Makakenkönig.
»Und ich mich Göttervertreibender Großer Heiliger«, schloss der Gorillakönig.
Nun walteten die sieben Großen Heiligen nach eigenem Gutdünken und legten sich Namen und Titel zu, wie es ihnen beliebte. So amüsierten sie sich den ganzen Tag, bis sie schließlich auseinandergingen.
Doch kommen wir zum Pagodentragenden Himmelskönig und seinem dritten Sohn zurück. Diese hatten nämlich bereits die Halle der Himmelshöhen erreicht und meldeten dort dem Jadekaiser: »Eure Untertanen sind auf heiligen Erlass ausgerückt, den dämonischen Unsterblichen Sun Wukong zu bezwingen. Unerwarteterweise verfügt er über solch immense Zauberkräfte, dass wir ihn nicht zu überwinden vermochten. Darum bitten wir Eure Majestät, weitere Krieger zu entsenden, damit wir ihm ein Ende bereiten können.«
»Was für Fähigkeiten kann dieser Affe denn haben, dass noch mehr Krieger nötig sind?« argwöhnte der Jadekaiser.
Der Prinz sprach: »Möge Eure Majestät uns vor der Todesstrafe verschonen. Der dämonische Affe ist mit einer Eisenstange bewaffnet, mit der er zuerst den Mächtigen Seelenkönig besiegte und dann Euren Untertan am Arm verletzte. Vor seiner Grotte hat er eine Fahne gehisst, auf der ›Himmelsebenbürtiger Großer Heiliger‹ geschrieben steht. Wenn ihm dieser Titel gewährt werde, sagt er, lasse er die Waffen ruhen, andernfalls aber wolle er die Halle der Himmelshöhen erstürmen.«
Ein Schrecken durchfuhr den Jadekaiser. »Wie kann er sich einen solchen Wahnwitz erlauben! Schickt sämtliche Generäle aus und richtet ihn auf der Stelle hin!«
Seine Worte waren kaum verklungen, als der Abendstern aus den Reihen trat und sprach: »Die Worte dieses Unholds zeigen, dass er keinerlei Autoritäten anerkennt. Selbst wenn wir noch mehr Krieger entsenden, könnte es sein, dass wir diesen Affen nicht so leicht unterkriegen, und dann hätten wir unsere Truppen umsonst bemüht. Besser wäre es doch, wenn Eure Majestät noch einmal Barmherzigkeit walten ließe und ihn einfach per Dekret zum Himmelsebenbürtigen Großen Heiligen erklärte. Er soll einen leeren Titel erhalten, ein Amt ohne Gehalt, damit ist die Sache abgetan.«
»Was heißt ›Amt ohne Gehalt‹?« fragte der Jadekaiser.
»Dem Namen nach mag er ›Himmelsebenbürtiger Großer Heiliger‹ heißen, doch soll er weder einen Tätigkeitsbereich noch ein Entgelt erhalten. So mag er vordergründig im
Himmelspalast weilen, während wir seine schlechten Neigungen eindämmen können, damit er nicht wieder auf tollkühne Gedanken kommt. So wird wieder Frieden herrschen im Himmel, auf Erden und in allen Meeren.«
»Des Ministers Worte sollen gelten«, sprach der Jadekaiser, verfasste umgehend ein Dekret und schickte abermals den Abendstern damit aus.
Zum zweiten Mal schwebte der Abendstern durch das
Südliche Himmelstor und kam direkten Weges zur Wasservorhang-Grotte. Er fand alles völlig verändert vor, denn diesmal herrschte eine todernste, kriegerische Atmosphäre. Allerhand Unholde sprangen mit Schwertern, Speeren, Säbeln oder Stöcken brüllend umher und stürzten, kaum hatten sie den Abendstern entdeckt, angriffslustig auf ihn zu.
»Geht und berichtet dem Großen Heiligen Folgendes«, sprach der Abendstern. »Ich bin ein Himmelsbote und komme auf Geheiß des Jadekaisers mit einer heiligen Einladung.« Die Unholde rannten in die Grotte und überbrachten die Meldung.
»Kommt mir gerade recht«, meinte Wukong, »das muss wieder jener Abendstern sein, der das letzte Mal da war. Als er mich damals in den Himmel einlud, war zwar der Amtstitel schäbig, doch immerhin hab ich mich im Himmel umsehen können. Gewiss kommt er auch heute mit guter Absicht.«
Er hieß all seine Anführer die Flaggen hissen und die Trommeln schlagen, trat in voller Rüstung aus der Grotte, verneigte sich zum Gruß und rief mit lauter Stimme: »Möge der ehrwürdige Stern eintreten!«
Der Abendstern kam in die Grotte, blieb mit Blick gen Süden stehen und sprach: »Großer Heiliger, neulich habt Ihr die Kaiserlichen Marställe aus Abneigung gegen den niederen Rang verlassen. Als der Jadekaiser davon erfuhr, sagte er: ›Alle Beamten steigen von niederen Rängen zu höheren auf, warum also das Niedere missachten?‹ Gestern hat nun der Pagodentragende Himmelskönig, nachdem er mit Nata zum Kampf in die unteren Gefilde gekommen war, im Himmel berichtet: ›Der Große Heilige hat eine Flagge gehisst; er will ein Himmelsebenbürtiger Großer Heiliger werden.‹ Einige unserer Krieger wollten Einwände erheben, ich aber habe mich für Euch, Großer Heiliger, eingesetzt, das Truppenaufgebot verhindert und die Majestät gebeten, Euch diesen Titel zu gewähren. Der Jadekaiser war einverstanden, und aus diesem Grunde bin ich nun gekommen, Euch einzuladen.«
»Besten Dank, besten Dank!« meinte Wukong lachend, »schon beim letzten Mal habt Ihr Euch meinetwegen Mühe gemacht, und nun darf ich abermals Eure Güte erfahren. Doch sagt, gibt es im Himmel den Titel ›Himmelsebenbürtiger Großer Heiliger‹ überhaupt?«
»Ich habe mich versichert, dass dieser Titel genehmigt wird, sonst würde ich es nicht wagen, mit dem Edikt hierherzukommen. Wie könnte ich mir erlauben, Euch zu hintergehen?« gab der Abendstern zurück.
Wukongs Freude war groß. Da der Abendstern seinem inständigen Bitten, noch ein Gastmahl zu genießen, nicht nachgab, folgte er ihm gleich auf einer glückverheißenden Wolke zum Südlichen Himmelstor. Diesmal wurde er von allen Himmelskriegern und Himmelsgenerälen mit ehrerbietig vor der Brust übereinandergelegten Händen empfangen. Umgehend gelangten sie zur Halle der Himmelshöhen, wo sich der Abendstern verbeugte und meldete: »Euer Untertan ist gemäß kaiserlichem Befehl mit dem Bimawen Sun Wukong eingetroffen.«
»Sun Wukong möge vortreten«, ließ der Jadekaiser
verlauten und sprach: »Heute rufe ich dich zum Himmelsebenbürtigen Großen Heiligen aus. Dies ist ein Titel höchsten Ranges. Doch darfst du auf keinen Fall weiterhin dein Unwesen treiben.«
Der Affe verneigte sich auch diesmal nur mit vor der Brust übereinandergelegten Händen und sprach ein Dankeswort. Nun beauftragte der Jadekaiser seine Baumeister Zhang und
Lu, für den Himmelsebenbürtigen Großen Heiligen rechterhand des Pfirsichgartens eine Residenz zu erbauen. Darin ließ er zwei Abteilungen einrichten, die eine wurde »Abteilung für Ruhe und Ordnung« genannt, die andere »Abteilung zur Befriedung des Geistes«. In beiden standen Diener bereit, die ihn zu umsorgen hatten.
Der Jadekaiser beauftragte die Sternfürsten der Fünf Sternbilder, Wukong zum Antritt zu begleiten. Außerdem ließ er ihm zwei Flaschen himmelskaiserlichen Wein und zehn Goldblumen überreichen, mit der Anweisung, er möge nun sein Herz beruhigen, seinen Willen festigen und ja kein Übel mehr anrichten. Der Affenkönig versprach, sich daran zu halten, und ging noch am selben Tag mit dem Sternfürsten zur Residenz, wo er die Flaschen öffnete und mit allen gemeinsam leerte. Nachdem er den Sternfürsten verabschiedet hatte, fühlte er sich so recht behaglich und zufrieden. Fortan lebte er glücklich im Himmelspalast und fühlte sich frei und sorglos. In der Tat:
Verewigt ist sein Name nun
Im Buche der Unsterblichkeit,
Nie mehr fällt er ins Samsara,
So steht es fest für alle Zeit.
Und da wir nicht wissen, wie es weiterging, lasst uns das nächste Kapitel anhören.