Berichten wir weiter, wie der Große Heilige und seine Ordensbrüder die Wolken senkten und in den Palast zurückkehrten, wo der König, seine Minister, Kronprinz und Königin schon in feierlichen Reihen bereitstanden und sie mit Verbeugungen und Dankesbezeigungen empfingen. Als Pilger erzählte, wie der Bodhisattva den Dämon bezwungen hatte, vollzogen sie ehrfürchtig Stirnaufschläge und wollten gar nicht mehr aufhören, bis schließlich die Stimme des Torwächters erklang: »Majestät, draußen stehen noch mal vier Mönche.«
Der König erteilte sogleich den Befehl, sie hereinzulassen. Es waren die Mönche des Schatzwald-Klosters, die mit Himmelskrone, Jadegürtel, Königsrobe und Regentenschuhen eintrafen.
»Ihr kommt genau richtig!« freute sich Pilger und ließ sie herantreten, worauf der König eins nach dem anderen anzog. Anschließend hieß er den Kronprinz, dem König das weiße Jadezepter zu überreichen, und bat den König auf den Thron. In der Tat: »Es soll der Königshof nicht einen Tag ohne König sein!« Aber der König konnte sich doch nicht einfach hinsetzen! Schluchzend kniete er auf der weißen Jadetreppe nieder und sprach: »Drei Jahre lang war ich tot, und nur dank diesem Priester habe ich ins Leben zurückgefunden! Wie kann ich es so wagen, mich wie ehedem den Höchsten zu heißen? Nein, ich will diesen Priester bitten, als König zu walten! Ich aber will ohne jeden Anspruch mit Frau und Kind vor die Stadttore ziehen und im Stand des einfachen Volkes leben.«
Wie hätte Tripitaka dies je annehmen können? Als sich der König schließlich mit seiner Bitte an Pilger wandte,
entgegnete dieser lachend: »Offen gesagt, verehrte Anwesende, wenn ich alter Sun König werden wollte, wäre ich längst in allen Ländern unter dem Himmel König gewesen. Doch wir sind nun einmal Mönche und einfach zu träge, unsere Gewohnheiten aufzugeben. Als König müsste ich mir eine Krone aufsetzen und einen Gürtel umschnallen, dürfte abends nicht früh schlafen gehen und müsste schon zur fünften Nachtwache wieder aufstehen; Nachrichten über Unruhen in den Grenzgebieten würden mir die Ruhe rauben, Katastrophen und Hungersnöte würden mir Sorgen machen. Wie sollten wir Mönche uns an ein solches Leben gewöhnen können? Viel besser ist es doch, wenn Ihr wieder Euer Leben als König führt und wir weiterhin unseren Weg zur Vervollkommnung beschreiten.«
Wie der König sah, dass sein Bitten nicht fruchtete, blieb ihm nichts anderes übrig, als sich mit Blick gen Süden auf den Thron zu setzen und seinen Stand als König anzunehmen. Gleichzeitig ordnete er für das ganze Land Begnadigungen an, gab den Mönchen vom Schatzwald-Kloster eine reiche Belohnung mit und ließ dem Priester in der Empfangshalle ein großes Bankett auftragen. Außerdem trug er einem Hofmaler auf, die vier Mönche aus China zu porträtieren, um die Bildnisse in der Audienzhalle zu verehren. Zuletzt ließ er ganze Reichsschätze, Gold und Silber holen und bot sie dem Meister zum Dank an. Dieser aber lehnte jegliche Belohnung ab, bat lediglich, dass der Reisepass abgestempelt werden möge, und drängte Wukong und die anderen, Pferd und Gepäck bereitzustellen und baldmöglichst aufzubrechen. Der König bedauerte es sehr, dass er sich nicht gebührend bedanken konnte, daher bestellte er schließlich die königliche Kutsche und hieß Tripitaka aufsteigen. An der Spitze marschierten die Hofbeamten, während der König mit der Königin, den Konkubinen und Prinzen zu Fuß neben der Kutsche herging. Nachdem sie den inneren und den äußeren
Stadtwall passiert hatten, stieg Tripitaka aus und verabschiedete sich. Unter Tränen kehrte der König mit seiner Eskorte zurück.
Meister und Schüler aber wanderten auf einer weiten, ebenen Landstraße einher; es war Spätherbst, und der Winter nahte. Nach über einem halben Monat erblickten sie eines Tages ein Gebirge, das so hoch aufragte, als würden seine Gipfel den Himmel berühren und gar die Sonne in ihrer Bahn behindern. Tripitaka war es unheimlich zumute. Er gab seinem Pferd die Sporen und preschte auf die mächtigen Felsen zu, die bedrohlich steil in die Höhe ragten. Mitten in ihrer Beklemmung gewahrten Meister und Schüler auf einmal in einer Talsenke etwas wie eine rote Wolke, die bis zum neunten Himmel aufstieg und sich zu einem Feuerschein ballte. Pilger fuhr zusammen, trat vor und zog den Meister mit einem Griff aus dem Sattel. Die anderen hieß er anhalten, ein Dämon gehe um! Erschrocken stellten sich Bajie und Sandmönch mit erhobenen Waffen schützend neben Tripitaka.
Hier teilt sich die Erzählung in zwei Stränge. Berichten wir erst einmal von dem roten Licht, in dem sich tatsächlich ein Dämon befand. Dieser nämlich hatte schon vor Jahren sagen hören, dass im fernen Osten ein Priester aus China eine Pilgerreise in den Westen angetreten habe, um Heilige Schriften zu holen, und dass es sich um die Reinkarnation von
Meister Goldzikade handelte, der sich seit zehn Wiedergeburten dem Weg zur Vervollkommnung widmete. Ein einziges Stück von seinem Fleisch, so hieß es, könne einem ewiges Leben verleihen!
Seither hatte der Dämon Tag für Tag in diesem Gebirge gewartet, und nun war es endlich so weit. Aus wolkiger Höhe
betrachtete er die Ankömmlinge und murmelte mit unverhohlener Bewunderung: »Sehr schön, dieser feiste Mönch mit der hellen Haut, der auf dem Pferd reitet, das muss jener heilige Priester aus China sein. Doch warum müssen bloß diese hässlichen Mönche so angriffslustig mit gezückten Waffen danebenstehen? Das sieht ja aus, als wollten sie gegen jemanden kämpfen. Ha, sicher hat da irgendwer einen klaren Blick und hat mich erkannt. Wenn das so ist, kann ich das Fleisch dieses Priesters gleich vergessen.«
So blieb er eine Weile in Gedanken versunken, bis er plötzlich sagte: »Ja, mit Gewalt werde ich nicht an ihn herankommen. Aber ich könnte ihn ja durch den Glauben ans Gute verblenden. Da will ich doch mal runtergehen und ihm einen Streich spielen!«
Der gute Dämon! Schon löste er sein rotes Licht auf, senkte die Wolke und landete am Berghang, wo er sich mit einem
leichten Schwenk in einen siebenjährigen Knaben verwandelte. Dann band er sich mit einem Hanfstrick Hände und Füße zusammen, hängte sich nackt ins Geäst einer Kiefer und begann zu schreien: »Hilfe, Hilfe!«
Nun lasst uns wieder vom Großen Heiligen berichten, der auf einmal bemerkte, dass der rote Glanz sich aufgelöst hatte und die feurige Energie verschwunden war. Also hieß er den Meister aufsitzen und weiterziehen.
»Eben hast du doch gesagt, es gehe ein Dämon um«, wandte Tripitaka ein, »warum wagst du schon wieder voranzugehen?«
»Ich habe eine rote Wolke vom Boden aufsteigen sehen, die sich in der Höhe zu einem Feuerschein zusammengezogen hat. Das war fraglos ein Dämon. Doch eben hat sich die Wolke verflüchtigt, darum denke ich, dass es wohl ein durchreisender Dämon war, der uns nicht schaden wird.«
»Was soll denn das heißen, durchreisender Dämon!« warf Bajie ein.
»Was hast du schon für eine Ahnung«, versetzte Pilger. »Wenn ein Dämonenkönig irgendeines Berges in irgendeiner Grotte die Wichte der Umgebung zum Festmahl lädt, dann hat so ein Wicht nichts anderes im Sinn, da wird es ihm nicht einfallen, jemandem Schaden zuzufügen. Das nennt man einen durchreisenden Dämon.«
Tripitaka wusste nicht recht, ob er diesen Worten Glauben schenken sollte oder nicht, doch es blieb ihm nichts anderes übrig, als dem Pferd die Sporen zu geben und den Weg wieder aufzunehmen. Doch bald drang eine Stimme an sein Ohr, die rief: »Hilfe!«
»Oh, meine Schüler«, rief er bestürzt, »hört, wer ruft da, mitten im Gebirge?«
»Kümmert Euch nicht darum«, drängte Pilger, »lasst uns weiterziehen!«
Nach einer knappen Wegmeile waren die Hilferufe von neuem zu hören.
»Sicher ist jemand in Not«, sagte Tripitaka. »Wir müssen ihm helfen!«
»Meister, heute könnt Ihr Euch die Barmherzigkeit in die Tasche stecken«, gab Pilger zurück, »die Gegend hier verheißt nichts Gutes. Es ist, wie die alten Weisen sagten: ›Danke den Göttern, wenn du heil davonkommst!‹ Lasst Euch auf keinen Fall darauf ein!«
Der Priester sah sich gezwungen weiterzureiten und gab dem Pferd die Sporen. Pilger aber sann im Stillen: »Wo schreit das freche Ungeheuer wohl? Warte nur, ich werde mit der ›Magie der Konträren Sterne‹ dafür sorgen, dass die beiden sich nie zu Gesicht bekommen!«250
Er ließ Tripitaka ein paar Schritte vorausgehen, dann vollführte er einen Zauber zum Versetzen von Bergen und Verringern von Entfernungen und wies mit seiner Stange nach hinten, dass sich der ganze Trupp, ohne es zu merken, bereits auf dem nächsten Hügel befand und das Ungeheuer hinter sich gelassen hatte. Pilger eilte ihnen mit ausholenden Schritten nach und hätte am liebsten mit einem Satz das ganze Gebirge überquert.
Der Dämon aber schrie noch drei, vier Mal um Hilfe, und als niemand kam, sann er: »Ich habe es doch genau gesehen, dieser Priester war keine drei Wegmeilen weit von hier. Weshalb ist er nicht hier vorbeigekommen? Er muss eine Abkürzung genommen haben.« Er schüttelte die Stricke ab und stieg abermals als rötlicher Glanz in die Höhe, wo er Ausschau hielt. Der Große Heilige blickte gerade hoch, da zog er Tripitaka abermals vom Pferd und rief: »Brüder, seid vorsichtig, der Dämon ist wieder da!«
Bajie und Sandmönch nahmen Tripitaka sofort mit gezückten Waffen in ihre Mitte. Der Dämon in der Höhe bemerkte es und meinte bewundernd: »Nicht schlecht, dieser Mönch! Ich muss unbedingt zuerst den mit dem klaren Blick aus dem Weg schaffen, sonst ist alle Mühe umsonst.«
Er senkte seine Wolke und hängte sich wie zuvor in den Wipfel einer Kiefer, diesmal allerdings nur eine halbe Meile entfernt, und wartete. Als der Große Heilige bemerkte, dass die Dunstwolke sich verflüchtigt hatte, hieß er den Meister wieder in den Sattel steigen.
Ungehalten sagte Tripitaka: »Eben hast du doch gesagt, der Dämon sei wieder da, warum soll ich jetzt schon wieder weiterreiten?«
»Das war auch ein durchreisender Dämon«, erklärte Pilger, »der wagt uns nichts anzutun.«
»Du lausiger Affe!« fuhr der Priester auf. »Was soll dieses Täuschmanöver? Wo Dämonen sind, behauptest du, es gebe keine, und hier, in dieser stillen Landschaft, erschreckst du mich und zerrst mich ein ums andere Mal vom Pferd. Jetzt behauptest du schon wieder, es sei bloß ein durchreisender Dämon. Und wenn ich nun gefallen wäre und mich verletzt hätte?«
»Meister«, wandte Pilger ein, »eine Verletzung ließe sich heilen. Doch wo sollen wir Euch suchen, wenn Ihr in den Fängen eines Dämons seid?«
Vor lauter Ärger wollte Tripitaka den
Reifverengungsspruch aufsagen, doch Sandmönchs inständiges Zureden hielt ihn schließlich davon ab, so dass er wohl oder übel wieder aufsteigen musste. Doch noch bevor er fest im Sattel saß, drang schon wieder jene Stimme an sein Ohr: »Meister, rettet mich!«
Er blickte auf und gewahrte nun einen Knaben, der splitternackt in einem Baume hing. Mit einem Ruck brachte er das Pferd zum Stehen und schimpfte: »Unverschämt ist dieser lausige Affe! Ich habe doch genau gehört, dass es eine menschliche Stimme war, die um Hilfe schrie. Er aber will mir mit tausend Ausflüchten weismachen, es sei ein Dämon. Seht, dort oben auf dem Baum; das ist doch ein Mensch!«
Nach dieser Rüge wagte der Große Heilige nichts weiter zu erwidern und ließ Tripitaka zum Baum gehen. Dort wies der Priester mit der Peitsche nach oben und fragte: »Aus welchem Hause kommst du denn, warum hängst du hier oben im Baume? Sag es mir, damit ich dich befreien kann.«
»Aus welchem Hause kommst du denn, warum hängst du hier oben im Baume?« Der Dämon merkte, dass der Priester ihm zugeneigt war, und begann mit Tränen in den Augen: »Ach Meister! Westlich von diesem Berg, im Tal der Dürren Kiefern, da liegt mein Dorf. Mein Großvater hieß Rot, sein ganzer Name lautete Rot Million, und als er in hohem Alter starb, fiel das Sippengut meinem Vater zu. Weil in letzter Zeit so viel Geld für nutzreiche Beziehungen ausgegeben wurde, ging unser Guthaben allmählich zur Neige, und mein Vater hat den Namen geändert in Rot Tausend. Er hat dann in der Umgebung einflussreiche Leute aufgesucht und ihnen Darlehen gegeben in der Hoffnung, später von den Zinsen profitieren zu können. Wer hätte jedoch geahnt, dass diese Schurken ihn betrügen würden? Weder Darlehen noch Zinsen kehrten je zurück. Mein Vater hat deshalb geschworen, nie wieder einen Groschen zu leihen. Da hatten diese Kerle kein Auskommen mehr, schlossen sich zu einer Bande zusammen und sind am helllichten Tag mit Feuer und Waffen in unser Haus gestürmt, haben unser gesamtes Vermögen geraubt, meinen Vater getötet und meine Mutter verschleppt. Da hat sich meine Mutter nicht von mir trennen wollen, hat mich in die Arme genommen und ist weinend den Banditen gefolgt. Doch als wir auf diesen Berg gekommen sind, wollten sie mich plötzlich töten. Allein dank dem Bitten und Flehen meiner Mutter bin ich nicht unter ihren Säbeln ums Leben gekommen. Dafür haben sie mich in diesen Baum gehängt, wo ich verhungern und erfrieren sollte. Wohin diese Banditen meine Mutter verschleppt haben, weiß ich nicht. Jetzt bin ich schon drei Tage und drei Nächte hier angebunden, und kein Mensch ist vorbeigekommen. Ich weiß nicht, in welchem Leben ich mir das Glück verdient habe, heute Euch begegnen zu dürfen, werter Meister! Wenn Ihr Barmherzigkeit walten lasst, will ich Euch zum Dank als Sklave dienen. Nie werde ich Eure Gunst vergessen!«
Tripitaka befahl Bajie, die Stricke zu lösen und den Knaben herunterzuholen. Schon wollte der Tölpel anpacken, als Pilger, der danebenstand, sich nicht länger zurückhalten konnte und schimpfte: »Du verfluchtes Ding! Hier ist einer, der dich durchschaut! Lass diese Tricks und Aufhängereien! Bei wem sollen wir dich denn abgeben, wenn dein Familienvermögen geraubt, dein Vater tot und deine Mutter verschleppt ist? Und womit willst du uns danken? Deine Lüge hält nicht stand!«
Diese Worte jagten dem Dämon Angst ein, denn nun war ihm klar, was für Fähigkeiten der Große Heilige besaß. Zitternd und mit Tränen in den Augen wandte er sich an Tripitaka: »Meister, auch wenn meine Eltern nicht mehr da sind und unser Vermögen dahin, so gibt es doch noch unsere
Felder und meine Verwandten. Mein Großvater mütterlicherseits wohnt im Süden des Gebirges und meine Tante väterlicherseits im Norden; Li Vier, der am Taleingang wohnt, ist der Mann meiner Tante mütterlicherseits, und Rot Drei im Walde ist mein Onkel väterlicherseits. Auch die Vettern meines Vaters und meine Vettern wohnen alle in der Gegend. Ach Meister, wenn Ihr mich rettet, gehen wir ins Dorf zu meinen Verwandten, sicher werden sie gar die Felder verpachten und verkaufen, um Euch gebührend zu belohnen!«
»Aber Bruder!« rief Bajie, »warum fällt dir nichts Besseres ein, als das Kind auszufragen? Befreien wir es doch!« Mit einem Messer schnitt der Tölpel die Stricke durch und brachte den Dämon herunter. Schluchzend warf sich dieser vor dem hoch zu Ross sitzenden Tripitaka nieder und schlug unablässig die Stirn auf den Boden. Voller Mitleid sprach der Priester: »Komm, mein Kind, steig auf, ich bringe dich hin.«
Doch der Dämon erwiderte: »Ach Meister, mir sind Hände und Füße ganz taub von den Stricken, und mein Rücken tut weh. Außerdem sind wir auf dem Lande das Reiten nicht gewohnt.«
Tripitaka hieß Bajie, ihn auf den Rücken zu nehmen. Der Dämon warf einen Blick auf Bajie und rief dann: »Meister, ich traue mich nicht, bei diesem Meister aufzusteigen, er hat so stachlige Borsten im Nacken!«
Also befahl Tripitaka Sandmönch, ihn zu tragen. Der Dämon aber warf abermals einen Blick auf ihn und sagte: »Ach Meister, die Banditen, die uns überfallen haben, hatten alle so schrecklich bemalte Gesichter, das hat mir solche Angst eingejagt. Wenn ich diesen Meister sehe, der so finster dreinschaut, wage ich erst recht nicht, mich von ihm tragen zu lassen!«
Schließlich beauftragte Tripitaka Pilger mit der Aufgabe. Dieser grinste und meinte: »Mache ich, kein Problem!«
Der Dämon frohlockte im Stillen und ließ sich bereitwillig von Pilger auf den Rücken nehmen. Pilger wog sein Gewicht ab; er war keine vier Pfund schwer.
»Du lausiger Dämon«, spottete er, »du hast den Tod verdient! Wie kannst du es wagen, dem alten Sun deine Tricks vorzuspielen! Ich weiß genau, was für ein Ding du bist.«
»Meister«, rief der Dämon, »ich bin ein Kind aus gutem Hause! Es ist mir doch nur ein Unheil widerfahren, warum nennt Ihr mich ein Ding?«
»Warum bist du denn so federleicht, wenn du ein Kind aus gutem Hause sein willst?«
»Ich bin halt klein gewachsen«, gab der Dämon zur Antwort.
»Nun gut«, meinte Pilger, »ich trage dich. Doch wenn du pinkeln musst, dann sag es mir zuerst.«
So wanderten sie nun alle zusammen weiter dem Westen zu. Ein Gedicht besagt:
Wird die Kraft der Tugend groß,
Wächst auch der Dämonen Wahn;251
Die Versenkung ruht in Stille,
Doch zieht dies auch Geister an.
Aufrecht geht der Herzensfürst,
Er befolgt den Weg der Mitte;
Töricht aber setzt Holzmutter
Auf Abwege ihre Schritte.
Das Denkpferd hegt still in sich
Sein Begehren und Verlangen;
Stumm bleibt auch das Gelbe Weib,
Brütet still in trübem Bangen.
Im Sieg wähnt sich der böse Gast,
Doch er freut sich allzu früh;
Denn am Ende kommt das Übel
Noch auf rechte Art zur Ruh.
Wie nun Pilger den Dämon buckelte, füllte sich sein Herz mit Groll, und er beschloss, ihn zu Tode zu schmettern. Der Dämon aber hatte seine Absicht bereits erraten und sog mit Zauberkraft aus allen vier Himmelsrichtungen Luft ein, die er auf Pilgers Rücken blies, so dass dieser wie von tausend Pfund beschwert war.
»Ho, mein Söhnchen!« spottete er, »was spielst du einem alten Manne da für Beschwerungstricks vor?«
Aus Angst, der Große Heilige könnte ihn verletzen, ließ der Dämon seinen Urgeist aus dem Körper fahren und schoss in den neunten Himmel hinauf. Die Last auf Pilgers Rücken wurde dadurch umso schwerer. Da fuhr Pilger wütend auf, packte das Ungeheuer und schleuderte es mit solcher Wucht gegen einen Felsen, dass es wie ein Fleischkloß liegen blieb. Pilger riss ihm alle Glieder vom Leib und ließ ihn am Wegesrand zurück. Dem Dämon aber, der aus der Höhe alles mitangesehen hatte, stieg das Feuer ins Herz, und er schrie wütend: »Dieser gemeine Affenmönch! Wenn ich jetzt nicht die Gelegenheit packe und mir diesen Priester aus China schnappe, dann heckt er sich womöglich noch irgendeine Strategie aus.«
Also erzeugte er nun in halber Höhe einen Wirbelwind, der heulend heranfegte und Sand und Kiesel mit sich riss, so dass Tripitaka sich kaum mehr im Sattel halten konnte, während Bajie und Sandmönch sich zu Boden duckten und das Gesicht in den Händen verbargen. Dem Großen Heiligen war natürlich klar, dass der Dämon sein Unwesen trieb, doch als er in großen Sprüngen angerannt kam, hatte der Dämon Tripitaka bereits entführt. Einen Augenblick später hatte sich der Wind gelegt, die Sonne schien hell vom Himmel.
»Bajie!« rief Pilger.
Der Tölpel rappelte sich hoch und brummte: »Was für ein Orkan!«
»Und der Meister?«
»Der Sturm war so stark, dass wir nur noch die Köpfe eingezogen und die Augen zugemacht haben! Jeder hat bloß dem Wind standzuhalten versucht, der Meister hat sich übers Pferd gelehnt. Doch jetzt ist er weg. Er ist doch kein Binsendocht, der einfach so vom Wind verweht wird?«
»Brüder«, sagte Pilger, »am besten lösen wir uns gleich auf.«
»Ja, lösen wir uns auf. Jeder geht seinen Weg, das soll mir recht sein«, stimmte Bajie bei.
Sandmönch jagten diese Worte einen gehörigen Schrecken ein. »Aber Brüder, was sind denn das für Worte!« rief er, »wir haben doch im vergangenen Leben Sünden begangen und nur dank der Bodhisattva Erlösung gefunden. Sie hat uns Gebote auferlegt, uns Ordensnamen verliehen; wir haben uns zum Buddhismus bekehrt und gelobt, Tripitaka zu beschützen, im Westen Buddha zu huldigen und die Heiligen Schriften zu holen, um unsere Schuld durch gute Taten zu sühnen. Und da sagt ihr nun solche Worte! Damit würden wir doch die gute Absicht der Bodhisattva verbauen, unsere Tugend verderben und uns lächerlich machen, weil man uns nachsagen wird, unser Unternehmen wäre in den Anfängen steckengeblieben!«
»Du hast recht, Bruder«, stimmte Pilger zu. »Es ist nur so mühselig, dass der Meister nie auf guten Rat hören will. Der Windstoß von vorhin kam von dem Kind, das im Baum aufgehängt war. Ich habe genau gewusst, dass es ein Dämon war, doch der Meister wollte ihn unbedingt für ein Kind aus gutem Hause halten. Fast hätte ich alter Sun ihm schon den Garaus gemacht, doch er ist mit einem Zauber aus dem Leib gefahren, hat diesen Wirbelsturm entfacht und den Meister entführt. Nur weil ich es dem Meister übelnehme, dass er nie auf mich hört, ist es mir eben so grau ums Herz geworden, dass ich gesagt habe, wir sollten uns trennen. Da du aber so aufrichtigen Sinnes bist, mein werter Bruder, wollen wir doch den Dämon aufspüren und den Meister befreien!«
»Ja, genau«, brummte Bajie. Sie brachten ihr Gepäck in Ordnung, führten das Pferd an den Zügeln und machten sich auf den Weg.
Wohl an die siebzig Wegmeilen zogen die drei über Berg und Tal, doch es gab nichts, das ihnen auch nur irgendeinen Hinweis hätte geben können. Schließlich schnellte Pilger vor lauter Aufregung hoch, landete zuoberst auf den hohen Felsen und schrie: »Verwandlung!« Schon war er ein Ungeheuer mit sechs Armen und drei Köpfen, schwang die Goldreifstange in die Luft, dass auch sie sich verdreifachte, dann schoss er mit wildem Krachen von West nach Ost und wieder von Ost nach West, bis nach einer Weile eine Horde ärmlicher Geister auftauchte, die allesamt in Fetzen und Lumpen am Hang niederknieten und riefen: »Großer Heiliger! Berggötter und Erdgeister stehen Euch zu Diensten!«
»Warum seid ihr denn so viele?« fragte Pilger verwundert.
Da schlugen die Geister ihre Köpfe auf den Boden und riefen: »Verehrter Großer Heiliger! Dieser Berg heißt ›Sechshundert Meilen langer Bohrkopf-Heulberg‹, hier wohnt alle zehn Meilen abwechselnd ein Berggott oder ein Erdgeist. Das macht insgesamt dreißig Berggötter und dreißig Erdgeister. Schon gestern haben wir erfahren, dass Ihr gekommen seid, o Großer Heiliger! Doch ist es uns auf die Schnelle nicht gelungen, sogleich vollständig zu erscheinen, deshalb die Verspätung, wir bitten um Verzeihung!«
»Nun, sagt erst mal, wie viele Ungeheuer es hier gibt«, meinte Pilger.
»Ach, Großväterchen, es ist ein einziger Dämon, doch er setzt uns wirklich aufs ärgste zu. Er nimmt uns alles weg; wir kriegen kaum was von Weihrauch und Totengeld ab, von Opfertieren schon gar nichts. Wie sollten wir denn mit noch mehr Ungeheuern fertigwerden?«
»Und wo haust dieser Dämon?«
»Es gibt hier ein Tal der Dürren Kiefern, dort liegt am Bach die Grotte der Feuerwolken; da ist er zu Hause. Dieser Dämon hat gewaltige Zauberkräfte. Manchmal verschleppt er uns in seine Grotte, dann müssen wir für ihn Feuer machen und Wache halten. Und seine kleinen Ungeheuer verlangen von uns immer so ein ›Gewohnheitsgeld‹, dabei haben wir doch gar kein Geld! Drum bleibt uns nichts anderes übrig, als ihnen im Gebirge Wild zu jagen, um sie versöhnlich zu stimmen. Denn sonst zerstören sie uns die Tempel und reißen uns die Kleider vom Leib, dann finden wir keine Ruhe mehr. O bitte, Großer Heiliger, vernichtet diese Dämonenbrut und rettet die Wesen in diesem Gebirge!«
»Woher kommt dieser Dämon, und wie nennt er sich?«
»Es könnte sein, dass Ihr ihn kennt, Großer Heiliger. Es ist der Sohn des Rinderdämons und der Rakshasi. Früher hat er
sich am Flammenberg dreihundert Jahre lang der Vervollkommnung gewidmet, bis er das wahre Samadhi-Feuer erlangte. Der Rinderdämon hat ihn dann hierhergeschickt, um den Bohrberg unter Kontrolle zu halten. Sein Kindesname lautet Rotkindchen, mit Ehrennamen heißt er Großer König des Heiligen Embryos.«
Glücklich über diese Nachricht scheuchte Pilger die Geister davon, nahm wieder seine eigene Gestalt an, sprang vom Felsen herunter und rief Bajie und Sandmönch zu: »Brüder, macht euch keine Sorgen! Unserem Meister wird nichts geschehen, der Dämon ist mit dem alten Sun verwandt! Er ist der Sohn vom Rinderdämon und von der Rakshasi und heißt Rotkindchen. Vor fünfhundert Jahren hab ich alter Sun mal mit dem Rinderdämon und fünf anderen Dämonen Brüderschaft geschlossen. So gesehen müsste dieser Unhold hier mich eigentlich Onkel nennen! Wie kann er es also wagen, dem Meister etwas anzutun? Lasst uns sofort hingehen!«
Sandmönch lachte und meinte: »Das Sprichwort geht: ›Nach drei Jahren ohne Besuch werden sich selbst Verwandte fremd.‹ Nun hast du mit ihm bald sechshundert Jahre lang keinen Kontakt mehr gehabt, nie auch nur einen Becher Wein mit ihm getrunken oder ein Gastgeschenk ausgetauscht; wie soll er da deine Brüderschaft noch anerkennen!«
»Nun, wenn nicht, wird er uns doch wenigstens den Meister wiedergeben«, meinte Pilger zuversichtlich. So machten sich die drei auf den Weg.
Nach über hundert Meilen kamen sie schließlich zu einer von Kiefern bewachsenen gewundenen Schlucht, durch die glasklares Wasser sprudelnd dahinströmte. Am Oberlauf befand sich ein steinerner Brückensteg, der zu einer Grotte führte.
»Dort muss die Grotte des Dämons sein!« rief Pilger. Er hieß Sandmönch, mit Pferd und Gepäck in den Wald zu gehen und alles gut zu bewachen, während er und Bajie mit gezückten Waffen auf die Grotte zuschritten. So war es in der Tat:
Bevor das Kind geläutert ist,
Lodert schlimmes Feuer auf,
Herzensaffe und Holzmutter
Helfen sich gemeinsam aus.
Und da wir nicht wissen, ob die Sache einen glücklichen Ausgang nahm, lasst uns hören, was das nächste Kapitel berichtet.