Alles Denken, Gut und Böse
Ist mit einem Mal vergangen;
Ob dem Blühen und Vergehen
Ist das Herz nicht mehr befangen.
Hell und Dunkel, auf und nieder,
Lass dem Wandel seinen Lauf;
Und an Trank und Speise nehme
Was dir jeweils zukommt auf.
Ist der Geist gelassen still,
Weilst du in zeitloser Ruh,253
Ist er jedoch trüb umwölkt,
Greifen die Dämonen zu.
Kehr’ die Wandlungsphasen um,254
Trete in den Tempel ein,
Denn sobald der Wind sich regt,
Wird es bitter frostig sein.
Doch lasst uns erzählen, wie der Große Heilige und Bajie über den Wildbach setzten und vor die Felswand des Dämons kamen. Tatsächlich fanden sie eine Grottenresidenz, und davor stand eine Steinstele, auf der in acht großen Schriftzeichen geschrieben stand: »號山枯松澗火雲洞 – Grotte der Feuerwolken, Tal der Dürren Kiefern, Heulberg«. Daneben übten sich kleine Ungeheuer gerade mit Speeren und Schwertern in der Kampfkunst.
»He, ihr Kleinen!« schrie der Große Heilige, »meldet eurem Grottenherrn sofort, er solle unseren Meister Tripitaka freilassen, ansonsten seid ihr Bestien allesamt des Todes!«
Die Ungeheuer flitzten hinein und meldeten die Nachricht. Der Dämon aber, der Tripitaka in seine Grotte entführt, ausgezogen und im Hinterhof gefesselt hatte, hatte gerade seine Ungeheuer geschickt, Wasser zu holen und ihn zu schrubben, denn er wollte ihn im Dämpfkorb zubereiten! Dann aber kam die Meldung: »Draußen steht ein Mönch mit einem haarigen Gesicht und einer Fratze wie der Donnergott, und neben ihm ist ein Mönch mit einer langen Schnauze und
großen Ohren. Sie verlangen nach irgendeinem Priestermeister!«
Mit einem kalten Lachen meinte der Dämonenkönig: »Das sind Pilger Sun und Eber Bajie. Die sind ja nicht schlecht im Aufspüren!« Dann befahl er seinen Untergebenen: »Stellt draußen die Karren auf!«
Die Ungeheuer rollten fünf kleine Schubkarren vor das Tor. Bajie hatte die Szene beobachtet und meinte: »Bruder, dieser Dämon hat wohl Angst vor uns. Die schieben ja Karren raus, sicher wollen sie umziehen!«
Doch nun konnte man sehen, wie die Ungeheuer die Karren gemäß der Anordnung der Wandlungsphasen Metall, Holz, Wasser, Feuer und Erde platzierten, und dann trat der Dämonenkönig heraus, mit einem einen Klafter und acht Fuß langen Speer mit Flammenspitze in der Hand. Er war barfuß und ohne Rüstung, hatte sich nur einen schmucken Waffenrock um die Hüften gebunden. Pilger betrachtete ihn genauer:
Sein Gesicht wirkt weiß gepudert,
Lippenrot auf seinem Munde;
Pechschwarz sind die Schläfenhaare,
Brauen wie zwei Sichelmonde.
Der Dämon trat vor und schrie: »Wer ist es, der da vor meiner Grotte zu lärmen wagt?«
»Werter Neffe«, begann Pilger lächelnd, »ich bin’s. Du hast meinen Meister entführt, gib ihn so schnell wie möglich frei; wir wollen uns doch nicht feindlich gegenübertreten und unsere verwandtschaftlichen Bande vergessen! Es wäre ja nicht schicklich, wenn das dein werter Vater erfahren würde.«
Der Dämon schnaubte verächtlich und schrie: »Du lausiger Affenschädel! Ich soll mit dir verwandt sein? Ich soll dein Neffe sein?«
»Bruder, du bist wohl nicht informiert. Ich bin der Himmelsebenbürtige Große Heilige Sun Wukong, derjenige, der vor fünfhundert Jahren den Himmelspalast in Aufruhr versetzte. Damals hatte ich große Wertschätzung für Heroen. Dein Vater heißt Rinderkönig, er nannte sich auch Himmelsgleicher Großer Heiliger. Mit ihm und fünf anderen habe ich alter Sun Brüderschaft geschlossen. Er war der Älteste, ich alter Sun war der Siebte in der Rangfolge. Als wir uns damals zusammen vergnügten, warst du ja noch nicht mal geboren!«
Natürlich wollte ihm der Dämon nicht glauben. Er zückte seinen Speer mit der Flammenspitze und stieß ihn gegen Pilger, doch dieser wirbelte seinen Stab herum und schimpfte: »Du kleines Vieh entbehrst jeder Achtung vor dem Alter! Pass auf meine Stange auf!«
Die beiden ließen ihre übernatürlichen Kräfte spielen, schossen zu den Wolken hoch und fochten an die zwanzig Kampfrunden aus, ohne dass eine Entscheidung fiel. Eber Bajie, der die Szene beobachtete, konnte deutlich sehen, dass der Dämon zwar noch keine Niederlage erlitt, aber ausschließlich in der Defensive agierte. Es fehlte ihm schlicht an der Fähigkeit zum aktiven Angriff. Da gab sich Bajie einen tatkräftigen Ruck, schwang seinen Rechen und ließ ihn auf den Dämon niedersausen. Dieser gewahrte es mit Schrecken, ließ seinen Speer sinken und ergriff die Flucht. Als aber Pilger und Bajie das Grottentor erreicht hatten, stand der Dämon bereits mit dem Speer in der einen Hand auf dem mittleren Karren, ballte die andere zur Faust und schlug sich hart auf die Nase.
Bajie lachte: »Der schamlose Schuft! Schlägt sich die Nase blutig, damit er sich das Gesicht mit Blut beschmieren und uns irgendwo anzeigen kann!«
Wer hätte auch erwartet, dass der Dämon nach zwei Fausthieben eine Zauberformel murmeln würde, dass es aus seinem Rachen loderte und Rauch aus seiner Nase stieg! Im Nu stiegen ringsum die Flammen empor; auch aus den fünf Karren züngelte das Feuer. Mehrmals spie er Feuer, bis die Feuerwolkengrotte ein einziges glühendes und rauchendes Flammenmeer war. Es sah wahrhaftig aus, als wäre die ganze Welt von der Feuerbrunst erfasst.
»Das sieht nicht gut aus, Bruder«, rief Bajie, »wenn wir in dieses Feuer rennen, ist es um uns geschehen! Dann bin ich alter Eber gegrillt, und die brauchen nur noch ihre Gewürze draufzustreuen. Schnell, weg von hier!«
Ohne sich um Pilger zu kümmern, sprang er ans andere Ufer. Pilger aber machte ein magisches Fingerzeichen zur Feuerabwehr und stürzte sich in die Flammen, um den Dämon aufzuspüren. Als dieser Pilger kommen sah, spie er noch mehr Feuer, und die Flammen loderten noch heftiger als zuvor. Es war:
Weder Feuer aus dem Himmel
Noch ein Flammenmeer der Erde,
Sondern wahres Samadhi-Feuer,
Das vom Dämon geläutert wurde.
Die fünf Karren, sie gehören
Den Fünf Wandlungsphasen an,
Deren Werden und Verwandeln
Kraft des Feuers wirken kann.
Denn durch Leber-Holz entsteht
Feuer, das im Herzen glüht;
Herzensfeuer führt dazu,
Dass die Erde der Milz ruht.
Erde aber zeugt Metall,
Und Metall lässt Wasser rinnen,
Wasser wandelt sich zu Holz,
So ist dieser Kreis vollkommen.
Alles Keimen, alles Werden
Nimmt durch Feuer seinen Gang,
Feuer ist im ganzen All,
Treibt zum Wachsen alles an.
Lange schon weiß der Dämon
Samadhi-Feuer auszuschnauben;
Ewig herrscht er in dem Westen,
Hier wird er der Erste bleiben.
In dem lodernden Flammenmeer konnte Pilger den Weg zum Eingang nicht mehr finden, wandte sich schließlich um und floh. Dem Dämon war seine Flucht nicht entgangen. Kaum war Pilger fort, zog er seine Feuergeräte ein und berief alle Ungeheuer in die Grotte, wo sie fröhlich ihren Sieg feierten. Doch davon sei hier nicht weiter die Rede.
Wenden wir uns Pilger zu, der mit einem Satz über den Bach der Dürren Kiefern gesprungen war, wo er Bajie und Sandmönch miteinander sprechen hörte. Da rief er Bajie zu: »Du Tölpel! Da fürchtest du dich vor dem Feuer des Dämons und rennst einfach davon, ohne dich um den alten Sun zu kümmern! Und so was will sich Mensch heißen?«
Bajie lachte: »Schon die alten Weisen sagten doch: ›Wer zur rechten Zeit das Rechte tut, verdient ein Held zu heißen.‹ Wenn der Dämon die Verwandtschaft mit dir nicht anerkennt, kannst du sie ihm doch nicht aufzwingen! Warum musst du denn unbedingt weiterkämpfen, statt zu fliehen, wenn er dieses grauenhafte Feuer entfacht?«
»Wie führt er seine Waffe, im Vergleich zu mir?« fragte Pilger.
»Untauglich«, gab Bajie zur Antwort. »Als ich alter Eber sah, dass er dir nicht standhalten konnte, bin ich dir mit dem Rechen zu Hilfe gekommen. Nur hätte ich nicht gedacht, dass dieser Dämon keinen Spaß versteht und gleich aufgeben würde, nur um dann ohne Fug und Recht dieses Feuer zu entfachen!«
»Eben, du hättest nicht eingreifen dürfen!« gab Pilger zurück. »Keine paar Runden, und ich hätte ihn mit einem geschickten Hieb niedergestreckt. Das wäre doch am besten gewesen.«
Während die beiden sich stritten, grinste Sandmönch, an eine Kiefer gelehnt, vor sich hin.
»Was gibt es da zu lachen?« fragte Pilger.
Sandmönch meinte: »So, wie ihr es beschreibt, ist es mit den Künsten dieses Dämons nicht weit her. Einzig den Trick mit dem Feuer hat er uns voraus, nur deshalb habt ihr ihn nicht besiegen können. Meiner geringen Meinung nach sollten wir ihn mittels der Fünf Wandlungsphasen bekämpfen, das wäre doch ein Leichtes!«
»Bruder, du hast recht!« lachte Pilger. »Nach der Lehre vom Erzeugen und Überwinden der Wandlungsphasen lässt sich Feuer durch Wasser vernichten. Bleibt mal beide hier; ich alter Sun will kurz beim Drachenkönig vom Ostmeer etwas Wasser leihen, damit wir dieses Feuer löschen und den Dämon austreiben können.«
Der gute Große Heilige! Auf einer Wolke schwebte er von dannen und erreichte einen Augenblick später den Östlichen Ozean, wo er geradewegs in den Wasserkristallpalast ging und dem Drachenkönig Ao Guang erklärte: »Ich muss Euch mit einer Bitte belästigen. Mein Meister ist unterwegs von dem Dämon Rotkindchen entführt worden, und als ich alter Sun mit ihm einen Kampf ausgefochten habe, hat er einen Brand entfacht, und darum können wir ihn nicht besiegen. Weil Wasser ja Feuer überwinden kann, möchte ich Euch bitten, mir mit einem kräftigen Regenguss behilflich zu sein; dann können wir das Feuer löschen und Tripitaka retten.«
»Großer Heiliger«, wandte der Drachenkönig ein, »wenn Ihr Regen braucht, kann ich das nicht ohne weiteres ausführen. Ich benötige dazu die Erlaubnis des Jadekaisers, sonst kann ich Donnergott, Blitzmutter, Windonkel und Wolkenknaben nicht herbeirufen.«
»Wind, Wolken, Blitz und Donner sind diesmal nicht nötig«, meinte Pilger, »ich brauche bloß ein bisschen Regenwasser, um das Feuer zu löschen.«
»Nun gut, dann will ich meine Brüder kommen lassen, damit wir Euch im Verein beistehen können.«
Bald waren die drei Drachenkönige der anderen drei Meere zur Stelle, und alle machten sich mit einer Heerschar Drachensoldaten auf. Nach kurzer Zeit hatten sie den Heulberg im Tal der Dürren Kiefern erreicht, und Pilger sprach: »Werte Gebrüder Ao, bleibt hier oben in der Luft und lasst mich erst einen Kampf ausfechten. Wenn ich ihn unterwerfen kann, brauchen die Herrschaften nicht einzugreifen. Falls er aber sein Feuer entfacht, dann hört auf meinen Ruf und speit alle zusammen Regen aus.«
Dienstfertig nickten die Drachenkönige. Pilger aber ging in den Kiefernwald, wo er Bajie und Sandmönch informierte, sprang dann über den Bach und schrie am Grottentor um Einlass. Die Ungeheuer rannten hinein und überbrachten die Meldung. Jäh sprang Rotkindchen auf, packte seinen Speer und befahl den Ungeheuern, die Karren nach draußen zu schieben. Dann trat er vor die Grotte und rief: »Was willst du jetzt schon wieder?«
»Rück meinen Meister raus«, rief Pilger.
»Du Affenschädel kannst dich ja überhaupt nicht an was Neues anpassen!« rief der Dämon. »Du brauchst Tripitaka als Meister, aber ich brauche ihn eben zum Schnaps. Bilde dir bloß nicht ein, dass du ihn je wiederkriegst!«
Pilger hieb dem Dämon die Stange über den Schädel, doch dieser wehrte den Angriff flink mit seinem Speer ab. Ihr Kampf dauerte ganze zwanzig Runden, bis der Dämon einsah, dass er unterlegen war, sich mit einem letzten Scheinhieb blitzartig umwandte, um abermals mit geballter Faust auf seine Nase zu schlagen. Schon schnaubte er wieder Feuer, die Karren loderten auf, und aus Mund und Augen glühten die Flammen. Da wandte sich der Große Heilige um und brüllte: »Wo seid ihr, Drachenkönige?«
Die vier Drachen brachten ihr Wasservolk in Stellung und ließen ihren Regen mitten ins Feuer des Dämons prasseln. Es war ein heftiger Platzregen, doch das Wasser vermochte die Feuersbrunst nicht einzudämmen. Es war nämlich so, dass der Regen eines Drachenkönigs sich nur zum Löschen von gewöhnlichem Feuer eignete; wie sollte er also dieses Samadhi-Feuer löschen? Es war sogar, als würde man Öl ins Feuer gießen, denn je mehr Regen fiel, umso höher loderten die Flammen. Da stürzte sich der Große Heilige mit einer Schutzmagie ins Flammenmeer und suchte mit wirbelnder Stange nach dem Dämon, der aber sah ihn kommen und schnaubte Pilger den Rauch mitten ins Gesicht. Pilger musste sich abwenden, denn der Rauch brannte so sehr, dass seine Augen flimmerten und ihm die Tränen aus den Augen stürzten. Vor dem Feuer fürchtete sich der Große Heilige nicht, doch was ihm etwas ausmachte, war der Rauch. Denn damals, als er nach seinem Aufruhr im Himmel von Laozi in den Elixierofen gesperrt worden war und zum Glück an der Stelle des Wind-Trigramms Xun Schutz gefunden hatte, war vom Wind Rauch herbeigeweht worden, der ihn beinahe erstickt hätte. Darum konnte er bis heute keinen Rauch ertragen. Schon stieß der Dämon von neuem Rauch aus. Pilger konnte nicht länger standhalten und schoss in die Lüfte. Der Dämonenkönig aber ließ seine Geräte wegschaffen und zog sich in seine Grotte zurück.
Der Große Heilige aber, am ganzen Körper voller Rauch und Feuer, war nun so erhitzt, dass er sich kopfüber in den Wildbach stürzte, um sich abzukühlen. Er konnte ja nicht wissen, dass ihm im kalten Wasser die Energie des Feuers ins Herz fahren würde, und zwar so heftig, dass ihm alle drei Lichtseelen255 aus dem Leib fuhren! Dem armen Affen blieb der Atem in der Brust stecken, Kehle und Zunge erkalteten, Licht- und Schattenseelen zerstoben, und sein Leben war hin. Die vier Drachenkönige stellten ihren Niederschlag ein und riefen laut: »Marschall Tianpeng, General Gardinenroller! Sucht euren Ordensbruder!«
Als die beiden sich beim heiligen Namen gerufen hörten, banden sie eilends das Pferd vom Baum, schulterten das Gepäck und eilten aus dem Wald. Ungeachtet des schlammigen Bodens stapften sie den Bach entlang und suchten. Die flutenden Wogen am Oberlauf hatten einen Menschen mitgerissen, der geradewegs auf sie zutrieb. Sandmönch stürzte sich in die Fluten und brachte ihn ans Ufer. Es war der Körper von Pilger.
Seht, wie er mit verkrümmten Gliedern eiskalt daliegt!
Unter Tränen seufzte Sandmönch: »O Bruder, wie schade um dich! Millionen Jahre hättest du leben sollen, und jetzt ist dein Leben plötzlich zu Ende!«
Bajie aber lachte und meinte: »Heul nicht, Bruder. Zieh ihn mal an den Beinen, ich bringe das in Ordnung.«
Sandmönch zog Pilgers Leib gerade, winkelte seine Beine an und richtete ihn auf, dass er mit untergeschlagenen Beinen am Boden saß. Bajie aber rieb sich die Hände warm, hielt sie Pilger aufs Gesicht und machte ihm eine Meditationsmassage. Pilger, dessen gesamte Energie wegen des kalten Wassers im Zinnoberfeld unter dem Bauchnabel stagnierte, gab keinen Laut von sich, doch dank Bajies Massagekunst strömte seine Energie bald durch die Drei Passtore256 der Wirbelsäule hinauf in die Reine Halle zwischen den Augenbrauen und fuhr durch seine Sinnesöffnungen, bis er plötzlich rief: »O Meister!«
»O Bruder«, rief Sandmönch bewegt, »du gibst dein Leben für den Meister hin und rufst noch im Tod nach ihm. Wach auf, wir sind hier!«
Pilger riss die Augen auf und sagte: »Da seid ihr ja, Brüder. Ich alter Sun habe Schaden genommen! Wo sind die Gebrüder Ao?«
Aus der Höhe antworteten die Drachen: »Wir stehen Euch zu Diensten.«
»Ich habe euch umsonst bemüht«, rief Pilger, »geht zurück, ich werde mich später erkenntlich zeigen.«
Die Drachenkönige rauschten mit ihrem Wasservolk davon. Sandmönch aber führte Pilger in den Kiefernwald, wo sie sich setzten. Schon nach kurzer Zeit hatte er seinen Geist wieder gefestigt und seine Energie in Fluss gebracht. Da kamen ihm unwillkürlich die Tränen, und er rief: »Ach, der arme Meister!«
»Gräm dich nicht, Bruder«, versuchte ihn Sandmönch zu trösten, »überlegen wir uns lieber, wo wir Verstärkung holen können, und befreien wir ihn so schnell wie möglich!«
»Wo sollen wir denn Verstärkung herholen?« gab Pilger zurück. »Als ich den Aufruhr im Himmel machte, haben mir ja sämtliche Götterkrieger nichts anhaben können. Dieser Dämon aber hat nicht geringe Zauberkräfte, da braucht man einen, der größere Fähigkeiten hat als ich alter Sun. Die einzige Möglichkeit, die uns bleibt, ist Bodhisattva Guanyin. Doch mir
tut der ganze Körper weh, so kriege ich keinen Wolkenüberschlag hin. Was tun wir bloß?«
»Wenn du willst, kann ich hingehen«, bemerkte Bajie.
»Auch recht, mein guter Bruder«, lachte Pilger, »dann geh mal hin.«
Sofort stieg Bajie zu den Wolken auf und schwebte in Richtung Süden davon. Doch wenden wir uns dem Dämon zu, der fröhlich in seiner Grotte saß und zu seinen Ungeheuern sprach: »Diesmal hat Pilger Sun echt Schaden genommen! Falls er nicht umgekommen ist, wird er um eine große Ohnmacht nicht umhinkommen.« Doch plötzlich meinte er: »Oho, es könnte aber sein, dass er wieder Verstärkung holt!«
Unverzüglich ließ er die Ungeheuer das Tor öffnen, stieg in die Lüfte und spähte umher. Da sah er, wie Bajie gen Süden eilte. Er erriet sofort, dass Bajie sich auf dem Weg zu Guanyin befinden musste, denn im Süden gab es sonst niemanden. Eilends senkte er seine Wolke und befahl den Ungeheuern: »Bringt meinen Ledersack! Diesen Bajie hole ich mir, dann wird er in den Sack gestopft und gedämpft, bis er schön durchgegart ist; das kriegt ihr dann zum Lohn für eure Mühen.«
Der Dämon hatte nämlich einen wunscherfüllenden Sack, den die Ungeheuer jetzt holten und gebrauchsfertig machten. Dann schoss er schnurstracks auf einer Wolke dahin, überholte Bajie und setzte sich vor eine smaragdene Felswand, wo er sich in eine falsche Guanyin verwandelte und wartete.
Der Tölpel aber schwebte auf seiner Wolke weiter, bis er plötzlich die Bodhisattva erblickte. Wie hätte er auch erkennen können, ob sie echt war oder nicht? Es war genau das, was gemeint ist mit »die Statue für Buddha halten«. Schon hielt er an, schwebte nach unten, verneigte sich und sprach: »Bodhisattva, Jünger Wuneng begrüßt Euch.«
»Warum kommst du zu mir, statt Tripitaka in den Westen zu begleiten?« fragte der Dämon.
»Euer Jünger ist mit dem Meister unterwegs einem Dämon namens Rotkindchen begegnet, der hat meinen Meister entführt. Mein ältester Ordensbruder und ich haben ihn bei seiner Grotte aufgesucht und gegen ihn gekämpft. Doch dieser Dämon kann ein Feuer entfachen, dass wir ihn beim ersten Gefecht nicht überwinden konnten, und beim zweiten Gefecht haben wir das Feuer selbst mit Hilfe der Drachenkönige nicht löschen können. Mein Ordensbruder wurde angebrannt und kann sich kaum mehr bewegen, darum schickt er mich hierher, um Euch um Hilfe zu bitten. Ich flehe Euch an, Bodhisattva, seid barmherzig und rettet meinen Meister aus der Not!«
»Der Herr der Feuerwolkengrotte ist nicht einer, der anderen nach dem Leben trachtet«, versetzte der Dämon, »bestimmt habt ihr ihn beleidigt.«
»Ich nicht«, rief Bajie, »mein älterer Ordensbruder hat ihn beleidigt! Der Dämon hat sich nämlich in einen Knaben verwandelt und in einen Baum gehängt, da hat mich unser Meister gebeten, ihn loszubinden, und meinen Ordensbruder geheißen, ihn auf den Rücken zu nehmen. Er aber hat ihn zu Boden geschmettert; da hat der Dämon den Meister mit einem Windstoß entführt.«
»Steh auf«, sprach der Dämon, »komm mit mir zu seiner Grotte, dort wollen wir beim Grottenherrn vorsprechen. Dann kannst du dich mit einem Versöhnungsgeschenk entschuldigen und ihn bitten, euren Meister freizulassen.«
Der Tölpel wusste nichts Besseres, als dem Dämon auf den Rückweg zu folgen. In wenigen Augenblicken hatten sie die Grotte erreicht.
»Du brauchst keine Bedenken zu haben, er ist ein alter Bekannter von mir«, sagte der Dämon, »komm nur mit mir hinein!«
Dem Tölpel blieb nichts anderes übrig, als einzutreten. Schon stürmten unter Kampfgeheul die Ungeheuer heran, packten Bajie und stießen ihn in den Ledersack, dann schnürten sie den Sack zu und hängten ihn an den Dachbalken. Der Dämon aber verwandelte sich in seine eigene Gestalt zurück und rief höhnisch: »Eber Bajie, wofür hältst du dich eigentlich, dass du glaubst, du könnest die Bodhisattva holen, mich zu unterwerfen? Mit offenen Augen hast du nicht gesehen, dass ich der Große König des Heiligen Kindes bin! Jetzt wirst du gegart und den Kleinen zum Schnaps serviert!« Unter Kampfgeheul stürmten die Ungeheuer heran, packten Bajie und stießen ihn in den Ledersack.
»Du elender Zankteufel!« schimpfte Bajie aus dem Sack. »Heimtückisch hast du mich hierhergelockt, und jetzt wollt ihr mich fressen! Aber ich garantiere euch, dass ihr davon allesamt die Beulenpest kriegt!«
Doch berichten wir nun von Pilger und Sandmönch, die dasaßen und warteten, als plötzlich ein fauliger Windstoß vorbeistrich. Pilger musste niesen. »Unheil, Unheil!« rief er, »dieser Wind trägt was Übles mit sich. Sicher ist Bajie auf den Dämon gestoßen. Halte hier Wache, ich gehe auf Erkundung.«
»Bruder, du hast doch Rückenschmerzen, lass mich hingehen«, meinte Sandmönch, doch Pilger winkte ab: »Dafür taugst du nicht. Lass mich hingehen.«
Der gute Pilger! Mit zusammengebissenen Zähnen umklammerte er seine Stange, setzte über den Wildbach und rief vor dem Grottentor: »Dämon!«
Die Ungeheuer rannten abermals hinein und meldeten: »Pilger Sun steht schon wieder draußen und ruft!«
Auf der Stelle gab der Dämonenkönig Befehl, ihn gefangenzunehmen. Da drängten die Ungeheuer unter Kampfgeheul mit Lanzen und Säbeln nach draußen und schrien: »Packt ihn, packt ihn!«
Pilger war tatsächlich zu schwach, um sich zu wehren. Schnell huschte er an den Wegesrand, murmelte einen Zauberspruch und verwandelte sich in ein golden besticktes Bündel.
Die Ungeheuer schleppten es hinein und meldeten: »Großer König, Pilger Sun hat schon Angst gekriegt, als wir nur ›packt ihn‹ gerufen haben. Er hat sein Bündel fallen lassen und ist davongerannt.«
Der Dämon grinste und meinte: »Das Bündel sieht nicht aus, als ob was Wertvolles drin wäre.« Er schenkte ihm nicht weiter Beachtung und ließ es drinnen neben dem Grottentor liegen.
Der gute Pilger! In der Fälschung machte er noch eine Fälschung, aus dem Hohlen zauberte er nochmals Hohles. Denn nun rupfte er sich ein Körperhaar aus, machte ein Bündel daraus, verwandelte seinen wahren Körper in eine Fliege und landete auf dem Torflügel. Da hörte er, wie Bajie vor sich hin brummte, flog hin und merkte, dass dieser in einem Sack aufgehängt war. Er landete auf dem Sack und überlegte gerade, wie er Bajie befreien könnte, als er den Dämon rufen hörte: »Wo sind die Starken Generäle?«
Der Dämon hatte nämlich sechs Ungeheuer, die seine engsten Vertrauten waren, zu »Starken Generälen« ernannt,
und die hießen Nebel-in-Wolke, Wolke-in-Nebel,
Flammenschnell, Windgeschwind, Brandmacher und Feuerstifter. Alle sechs fielen auf der Stelle vor ihm auf die Knie.
»Wisst ihr, wo der ehrwürdige Große König wohnt?« fragte der Dämon. Die sechs bejahten. »Dann geht hin und ladet ihn zu uns ein. Sagt ihm, dass ich den Priester aus China gefangen habe und ihm auftischen will, damit er ein langes Leben genießen kann.«
Gehorsam machten sich die sechs Ungeheuer auf den Weg. Pilger aber schwirrte vom Sack herunter und folgte ihnen dicht auf den Fersen. Und da wir nicht wissen, wie er eingeladen wurde, lasst uns hören, was das nächste Kapitel berichtet.