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042 Selbstlos reist der Große Heilige zum Südmeer / Barmherzig bindet Guanyin das Rotkindchen

Wie berichtet, waren die sechs Starken Generäle aus der Grotte geschritten und marschierten nun gen Südwesten. Da sann Pilger im Stillen: »Er will den Ehrwürdigen Großen König einladen, meinen Meister zu fressen; damit meint er fraglos den Rinderdämon. Mit ihm hab ich alter Sun mich früher bestens verstanden. Nur bin ich jetzt auf dem rechten Weg, und er ist noch immer ein Dämon. Zwar habe ich ihn lange nicht mehr gesehen, doch wie er aussieht, weiß ich noch genau. Da will ich mich doch mal in ihn verwandeln und ein bisschen Schabernack treiben, mal schauen, was dabei rauskommt!«

Der gute Pilger! Schon breitete er seine Fliegenflügel aus und surrte voran, bis er vor den Ungeheuern mehrere Meilen Vorsprung hatte, dann verwandelte er sich mit einem leichten Dreh in den Rinderdämon. Aus ein paar Körperhaaren zauberte er ein paar Ungeheuer und wartete, mit Jadgfalken und Armbrust bewehrt, in einer Talsenke, dass es den Anschein hatte, als wäre er auf der Jagd.

Als die Sechs Generäle unterwegs auf einmal den Rinderdämon in der Mitte thronen sahen, warfen sich Brandmacher und Feuerstifter vor Überraschung auf die Knie und riefen: »Ehrwürdiger Großer König, Ihr seid ja hier!«

Auch Wolke-in-Nebel, Nebel-in-Wolke, Feuerschnell und Windgeschwind knieten nieder, schlugen die Stirn auf den Boden und riefen: »Großväterchen! Wir sind vom Großen König des Heiligen Kindes ausgesandt, Eure Majestät zum Fleisch des Priesters von China einzuladen, auf dass Euch Tausende von Lebensjahren beschert sein mögen!«

»Erhebt euch, meine Kinder«, sprach Pilger, »folgt mir nach Hause, damit ich mich umziehen kann.«

Die Ungeheuer aber machten abermals Kotau und baten: »Wollen Eure Majestät doch sogleich mitkommen, Ihr braucht nicht heimzugehen.«

»Brave Kinder«, lächelte Pilger, »nun gut, geht voran, ich folge euch.«

Die Generäle warfen sich in die Brust und schritten unter lauten Rufen voran, der Große Heilige ihnen nach. Es dauerte nicht lange, da hatten sie die Grotte erreicht; Windgeschwind und Feuerschnell rannten hinein und meldeten: »Der Ehrwürdige Große König ist da!«

»Das habt ihr gut gemacht«, freute sich der Dämonenkönig, »ihr wart ja richtig schnell!«

Er befahl seinen Truppenführern, die Kämpfer in Reih und Glied aufzustellen und ihn mit Trommelwirbel und wehenden Standarten zu empfangen. Mit hocherhobenem Haupt und geschwellter Brust schritt Pilger breitspurig zum Tor herein und setzte sich mit Blick nach Süden in die Mitte. Der Dämonenkönig aber kniete vor ihm nieder und rief: »Seid gegrüßt, Vater König!«

»Steh auf, mein Sohn«, antwortete Pilger.

Der Dämonenkönig vollzog die erforderlichen vier tiefen Verbeugungen und stellte sich dann an den ihm gebührenden Platz zur Rechten des Vaters.

»Mein Sohn, aus welchem Anlass hast du mich eingeladen?« fragte Pilger.

Der Dämon verneigte sich und sprach: »Euer unwerter Sohn hat einen Priester gefangen, der aus dem chinesischen Kaiserreich im Osten kommt und sich seit zehn Inkarnationen dem Weg zur Vervollkommnung widmet. Ein Stück von seinem Fleisch verlängert einem das Leben um tausend Jahre. Dies kann Euer unwerter Sohn nicht sich selbst vorbehalten. Aus diesem Grunde habe ich eigens nach Euch schicken lassen.«

Auf diese Worte zeigte sich Pilger erschrocken und rief: »Aber mein Sohn, um welchen Priester aus China handelt es sich denn?«

»Um den, der im Westen Heilige Schriften holen will.«

»Ist das nicht etwa der Meister von Pilger Sun?«

»So ist es.«

Da schüttelte Pilger den Kopf und winkte ab: »Lass ihn in Ruhe! Mein werter Sohn, du bist wohl diesem Pilger Sun noch nie begegnet? Er besitzt immense Zauberkräfte und Verwandlungskünste! Vor langer Zeit hat er den ganzen Himmelspalast in Aufruhr versetzt, da haben ihn nicht mal die zehntausend Himmelskrieger des Jadekaisers unterwerfen können. Wie kannst du dich bloß erkühnen, seinen Meister fressen zu wollen! Sieh zu, dass du ihn so schnell wie möglich zurückbringst und den Affen in Ruhe lässt. Wenn der erfährt, dass du seinen Meister gefressen hast, wird er schon gar nicht gegen dich kämpfen, sondern gleich mit seiner Goldreifstange ein Loch in den Berg stoßen, dass der ganze Berg zusammenstürzt. Mein Sohn, wo willst du dann eine ruhige Bleibe finden, und auf wen soll ich mich dann im Alter stützen?«

»Was sind denn das für Worte, Vater König!« versetzte der Dämon. »Ihr hebt ja die Stärken anderer hervor und schwächt unser Ansehen. Mit diesem Sun habe ich schon zwei Mal gekämpft, und er hat sich nicht besonders talentiert gezeigt. Beim ersten Mal habe ich ihm Samadhi-Feuer angepustet, da hat er die Flucht ergriffen; beim zweiten Mal ist er mit den Drachenkönigen angerückt, doch ihr Regen kann ja mein Samadhi-Feuer nicht löschen. Am Ende ist er von meinen Flammen sogar richtig in Ohnmacht gefallen! Heute ist er schon wieder gekommen und hat draußen gejohlt, doch als ich befohlen habe, ihn zu packen, ist er vor Schreck davongerannt und hat sein Bündel hier liegen lassen. Daraufhin habe ich erst nach Euch geschickt, Vater König. So könnt Ihr Euch noch den lebenden Priester aus China ansehen, bevor ich ihn anrichten lasse.«

»Mein Sohn«, lachte Pilger, »du denkst nur daran, dass du ihm mit deinem Samadhi-Feuer überlegen bist, doch bist du dir nicht bewusst, dass er über zweiundsiebzig Verwandlungen verfügt!«

»Egal, in was er sich verwandelt, ich werde ihn trotzdem erkennen. Er wird sich sicher nicht erlauben, in meine Grotte einzudringen!«

»Mag sein, dass du ihn erkennst, mein Sohn. Doch wie willst du ihn erkennen, wenn er sich nicht in etwas Großes verwandelt, wie einen plumpen Elefanten, der nicht zum Tor reinkommt, sondern in etwas Kleines, etwa eine Fliege, eine Mücke, eine Biene oder einen Schmetterling, oder am Ende gar in mich?«

»Macht Euch keine Sorgen, Vater König! Und wäre seine Galle aus Eisen und sein Herz aus Kupfer, in meine Nähe wird er sich nicht trauen.«

»So gesehen, werter Sohn, hast du mich also zum Fleisch des chinesischen Priesters eingeladen, weil du weißt, dass du ausreichende Mittel hast, ihm standzuhalten. Allerdings kann ich heute leider nicht davon essen.«

»Warum denn nicht?« wunderte sich der Dämon.

»Ich bin alt geworden«, meinte Pilger, »und deine Mutter rät mir immer, in Hinblick auf das nächste Leben ein paar gute Taten zu vollbringen. Weil mir nichts besonders Gutes einfallen wollte, habe ich schließlich gedacht, ich könnte mir erst mal ein Fastengebot auferlegen.«

»Haltet Ihr, Vater König, ein langfristiges Fasten ein oder nur ein Monatsfasten?«

»Weder, noch«, antwortete Pilger, »das nennt sich Donnerfasten und betrifft nur vier Tage im Monat.«

»Welche Tage?« fragte der Dämon.

»Die drei Tage, die das Kalenderzeichen Xin enthalten, und dazu der sechste Tag jedes Monats«, gab Pilger zur Antwort. »Heute haben wir den Tag Xin-You, also erstens einen Fastentag, und zweitens sind Tage des Zeichens You auch nicht geeignet, Gäste einzuladen. Lass uns bis morgen warten, dann werde ich ihn eigenhändig schrubben, ihn dämpfen und mit dir zusammen kosten.«

Diese Worte stimmten den Dämonenkönig nachdenklich, und er sann: »Mein Vater hat sich doch immer von Menschenfleisch ernährt. Wie kommt er plötzlich zum Fasten, wo er doch schon über tausend Jahre alt ist? Gemessen an all den Untaten, die er in seinem Leben begangen hat, reichen doch die drei, vier Fastentage pro Monat niemals aus, um die Sünden abzutragen. Verdächtig, sehr verdächtig.«

Er wandte sich ab, ging hinaus und rief die sechs Generäle zu sich. »Wo seid ihr dem ehrwürdigen Großen König begegnet?« fragte er.

»Unterwegs«, antworteten die kleinen Ungeheuer.

»Ich sagte ja, ihr wart schnell! Also seid ihr gar nicht bei ihm zu Hause gewesen?«

»Nein, dort waren wir nicht.«

»Unheil!« rief der Dämonenkönig, »ihr seid auf einen Falschen gestoßen, das ist gar nicht der ehrwürdige Große König!«

Da fielen die Ungeheuer auf die Knie und riefen: »Aber Großer König, erkennt Ihr denn Euren eigenen Vater nicht?«

»Aussehen und Auftreten sind gleich, nur was er sagt, passt nicht. Ich fürchte, dass wir es mit einem Falschen zu tun haben. Haltet euch kampfbereit, ich werde ihm noch eine Frage stellen. Falls er nicht richtig antwortet, werde ich rufen, und dann startet ihr den Angriff!«

Die Ungeheuer folgten seinem Befehl. Der Dämonenkönig aber wandte sich um und schritt in die Halle zurück, wo er sich abermals vor Pilger verneigte. Dieser sprach: »In der Familie brauchst du nicht so förmlich zu sein, mein Sohn. Sag nur, was dir auf dem Herzen liegt!«

Da warf sich der Dämonenkönig vor ihm nieder und sprach: »Euer unwerter Sohn hat Euch einerseits zum Fleisch des chinesischen Priesters eingeladen. Doch andererseits ist da noch eine Frage, die ich stellen möchte. Vor ein paar Tagen habe ich nämlich den Himmelsmeister Zhang Daoling getroffen, und weil er mein Gesicht besonders wohlgestaltet fand, mit dem ebenmäßigen Abstand zwischen Stirn, Nase und Kinn, hat er mich gefragt, in welchem Jahr, welchem Monat, an welchem Tag und zu welcher Stunde ich geboren sei. Ich bin ja noch jung und habe es mir deshalb nicht genau gemerkt.

Der Himmelsmeister kennt sich in astrologischen Berechnungen vorzüglich aus und wollte mir anhand der Stellung der fünf Planeten zu meiner Geburtszeit mein Schicksal weissagen. Das ist es, was ich Euch heute fragen möchte, Vater König. Dann kann ich, wenn ich ihm das nächste Mal begegne, um eine Schicksalsdeutung bitten.«

Pilger lachte im Stillen und dachte: »Nicht schlecht, der Dämon! Über solche Familiendinge muss ich mir halt irgendwas aus den Fingern saugen. Wie soll ich denn wissen, zu welchem Zeitpunkt er geboren ist.«

Der gute Affenkönig! Er blieb in seiner ganzen Würde, ohne jede Spur von Angst, aufrecht sitzen, setzte ein Lächeln auf und sprach: »Erhebe dich, mein Sohn! Ich bin alt geworden, und vieles geht nicht mehr so, wie ich möchte. An deine Geburtsdaten kann ich mich auf einmal nicht mehr erinnern. Morgen werde ich zu Hause deine Mutter danach fragen.«

»Werter Vater«, rief der Dämon, »Ihr habt doch die acht Kalenderzeichen meiner Geburt stets wiederholt und immer gesagt, dass ich so lange leben werde wie der Himmel. Es kann doch nicht sein, dass Ihr meine Geburtszeit vergesst! Unerhört, eine Fälschung!«

Er stieß einen Schrei aus, worauf sich eine ganze Horde der Ungeheuer mit Speeren und Schwertern auf Pilger stürzte. Der Große Heilige wehrte sich mit seiner Stange, nahm seine eigene Gestalt an und rief dem Dämon zu: »Wie kannst du dir erlauben, deinen Vater zu schlagen, mein Sohn!«

Beschämt senkte der Dämon seinen Blick. Pilger aber schwebte als goldener Lichtstrahl aus der Grotte hinaus, schulterte seine Stange und sprang fröhlich kichernd über den Bach. Als Sandmönch ihn kommen hörte, eilte er ihm aus dem Wald entgegen und rief: »Bruder, du bist lange fort gewesen. Warum bist du so fröhlich, hast du den Meister retten können?«

»Das nicht. Aber ich alter Sun habe wieder die Oberhand.«

»Was meinst du damit?« fragte Sandmönch, und Pilger berichtete, was sich gerade ereignet hatte.

»Ach, Bruder«, seufzte Sandmönch, »trotzdem ist das Leben des Meisters doch in Gefahr!«

»Mach dir keine Sorgen, ich hole jetzt die Bodhisattva.«

»Und deine Rückenschmerzen?«

»Ist schon wieder gut«, gab Pilger zurück. Schon schnellte er in die Lüfte, sauste zum Südmeer und kam geradewegs zu den Klippen der Insel Potalaka, wo er die Bodhisattva fand und sich vor ihr verneigte.

»Warum kommst du hierher, Wukong?« fragte sie. Pilger erzählte ihr die Sache mit Rotkindchen, und Guanyin sprach: »Warum bist du nicht gleich zu mir gekommen, wenn er dir mit seinem Samadhi-Feuer überlegen ist?«

»Ich wäre schon gekommen, doch sein Rauch hat mir so zugesetzt, dass ich nicht mehr in die Lüfte steigen konnte. Deshalb habe ich meinen Ordensbruder Eber zu Euch geschickt.«

»Eber Wuneng ist aber nicht gekommen!«

»Das ist es ja«, sagte Pilger, »noch bevor er Euren werten Berg erreichte, hat ihn der Dämon in Eurer Gestalt abgepasst und in seine Grotte verschleppt.«

»Dieser Zankteufel erdreistet sich, meine Gestalt anzunehmen!« rief die Bodhisattva empört und warf ihre kostbare, mit Perlen verzierte Vase platschend in den Ozean. Pilger standen die Haare zu Berge. Er erhob sich und sprach: »Ihr habt aber ein feuriges Temperament; ich muss mich ungebührlich ausgedrückt haben, dass Ihr Eure kostbare Vase weggeworfen habt. Oh, schade, hätte ich das gewusst, hätte ich Euch um die Vase gebeten, das wäre doch ein schönes Geschenk gewesen!«

Er hatte noch nicht zu Ende gesprochen, als sich die Meereswogen auf einmal auftürmten und eine Schildkröte auftauchte, die die Vase auf dem Rücken trug. Sie kroch ans Ufer und nickte der Bodhisattva vierundzwanzig Mal zu, im Sinne von vierundzwanzig Verbeugungen.

»Aha«, lacht Pilger, »sie kümmert sich um die Vase. Wahrscheinlich braucht man bloß die Schildkröte zu fragen, wenn die Vase verschwunden ist.«

»Was sagst du da, Wukong?«

»Oh, nichts.«

Die Bodhisattva hieß ihn, die Vase zu holen. Pilger ging hin und ergriff die Vase, aber oho! – sie war um keine Haaresbreite von der Stelle zu rücken. Pilger ging zur Bodhisattva zurück, verneigte sich und sprach: »Bodhisattva, Euer Jünger kann die Vase nicht bewegen.«

»Du Affenschädel«, rügte sie, »schwatzen kannst du, aber eine Vase hochheben nicht? Wisse denn, dass diese Vase, die sonst leer ist, jetzt die Wassermassen des ganzen Ozeans in sich trägt! Du hast nicht die Kraft, das Meer zu tragen, darum kannst du sie nicht bewegen.«

Pilger faltete die Hände und meinte betreten: »Das wusste ich nicht.«

Da trat die Bodhisattva vor, nahm ohne jede Anstrengung mit der rechten Hand die Vase und stellte sie auf die linke Handfläche. Die Schildkröte nickte ihr abermals zu und tauchte wieder in die Fluten.

»Das Biest dient also als Haustier, die Vase zu bewachen«, bemerkte Pilger.

Die Bodhisattva setzte sich und sprach: »Wukong, der süße Tau258 in meiner Vase ist etwas ganz anderes als der Regen der Drachenkönige. Mit diesem Tau kann man das Samadhi-Feuer des Dämons löschen. Doch wenn ich dir die Vase nun mitgeben würde, könntest du sie ja doch nicht tragen. Gäbe ich dir die Drachenprinzessin zur Begleitung, so hättest du Gauner wohl bald einmal mehr Geschmack an ihrer Schönheit oder an der Vase. Und wo soll ich dich dann finden, falls du mir etwas entwendest? Du musst mir ein Pfand hinterlassen.«

»Ach, Bodhisattva, warum so viel Argwohn!« rief Pilger. »Ich habe doch nichts Wertvolles dabei, das ich als Pfand hinterlassen könnte. Einzig den Reif an meiner Stirn, der ist aus Gold. Den könnt Ihr liebend gern als Pfand behalten; sprecht einen Reiflösungsspruch und nehmt ihn ab!«

»Du machst es dir aber leicht!« rief die Bodhisattva. »Ich will nichts anderes als eines deiner drei lebensrettenden Nackenhaare. Reiß dir eins aus und gib es mir als Pfand.«

»Aber die drei Haare habt Ihr mir doch gegeben!« wandte Pilger ein. »Wenn ich mir eines ausreiße, könnten die anderen Schaden nehmen; wie soll ich dann in Zukunft mein Leben retten?«

»Ach, du Affe!« schimpfte sie, »wenn du nicht mal ein einziges Haar entbehren kannst, mag ich dir meine Drachenprinzessin auch nicht mitgeben.«

»Aber Bodhisattva«, lachte Pilger, »Ihr seid doch einfach zu misstrauisch. So heißt es doch: ›Tu es nicht für den Mönch, tu es für Buddha.‹ Bitte, um alles in der Welt, rettet meinen Meister aus der Not!«

Nun kam die Bodhisattva freudig aus der Grotte des Meeresrauschens und hieß Wukong, ihr voran das Meer zu überqueren. Pilger vollzog einen Stirnaufschlag und sprach: »Als Euer Jünger möchte ich mich nicht vor Euren Augen aufspielen. Ich fürchte, Euch zu beleidigen, wenn ich einfach so in die Lüfte steige und dabei mein Leib zum Vorschein kommt.«

Da schickte die Bodhisattva ihre Drachenprinzessin zum Lotosteich, ein Blütenblatt abzubrechen, legte es aufs Meerwasser und hieß Pilger aufsteigen.

»Aber Bodhisattva, wie soll mich dieses Blütenblatt tragen?« rief Pilger.

»Steige einfach auf«, sagte Guanyin.

Pilger blieb nichts anders übrig, als hinaufzuspringen. Und tatsächlich, was zunächst klein und leicht ausgesehen hatte, erwies sich als gut dreimal so groß wie ein Meeresschiff!

Freudestrahlend rief Pilger: »Bodhisattva, es trägt mich!«

»Warum fährst du nicht los?«

»Wie soll ich denn losfahren, ohne Ruder und Segel?«

»Das ist nicht nötig«, erwiderte sie. Mit einem Atemhauch trieb sie ihn an, und schon hatte er das Meer der Bitternis des Südlichen Ozeans hinter sich und war am anderen Ufer. Hier sprang Pilger auf festen Boden und lachte: »Diese Bodhisattva! Spielt einfach mit ihren Zauberkräften und bläst mich alten Sun hin und her, ohne sich nur ein bisschen anstrengen zu müssen!«

Als die Bodhisattva auf einer glückverheißenden Wolke die Insel Potalaka verließ, befahl sie ihrem Jünger Hui’an: »Gehe in die oberen Gefilde und bitte deinen Vater König, dir die Säbel der Sechsunddreißig Himmlischen Sterngeister des Siebengestirns auszuleihen.«

Folgsam machte sich Hui’an auf den Weg, war in wenigen Augenblicken zurück und überreichte Guanyin die Säbel. Diese warf sie in die Luft und murmelte einen Zauberspruch, und schon sah man die Säbel zu einem tausendblättrigen Lotossockel werden. Die Bodhisattva sprang hinauf und setzte sich aufrecht in die Mitte. So schwebte sie nun durch die Lüfte, vor ihr der weiße Papagei, hinter ihr der Große Heilige mit Hui’an. In kürzester Zeit hatten sie den Heulberg erreicht. Guanyin hielt ihre glückverheißende Wolke an und sprach das heilige Zauberwort »OM«. Schon erschienen alle möglichen Berggötter und Erdgeister der Umgebung, warfen sich vor dem Lotossockel der Bodhisattva nieder und vollzogen Stirnaufschläge.

»Fürchtet euch nicht«, sprach Guanyin, »ich bin hier, um den Dämonenkönig festzunehmen. Sorgt dafür, dass die Umgebung geräumt wird und dass sich im Umkreis von drei Meilen kein Lebewesen auf dem Erdboden befindet.«

Gehorsam traten die Geister ab, kehrten nach kurzer Zeit wieder zurück und meldeten, es sei alles ausgeführt. Da stieß Guanyin ihre Vase um, und mit einem ohrenbetäubenden Brausen strömten die Wassermassen heraus, als würde der Donner grollen. Der Große Heilige verfolgte die Szene mit großer Bewunderung.

»Wukong, streck deine Hand aus!« befahl Guanyin nun. Pilger streckte ihr die linke Handfläche entgegen. Sie nahm einen Weidenzweig aus der Vase und schrieb mit dem geweihten Wasser das Zeichen 迷 für »Verwirrung« auf seine Handfläche. Dann befahl sie ihm, die Faust zu ballen und den Dämon sogleich zum Kampf herauszufordern, doch dürfe er nicht siegen: »Locke ihn zu mir; ich werde ihn mit Zauberkraft überwältigen.«

Wie geheißen schritt Pilger vor das Grottentor und rief um Einlass. Einmal mehr rannten die kleinen Ungeheuer hinein und meldeten sein Kommen.

»Macht das Tor zu und beachtet ihn nicht«, befahl der Dämonenkönig.

»Das ist mir ein schöner Sohn, der seinen Vater draußen stehen lässt und das Tor nicht aufmacht!« schrie Pilger.

Die Ungeheuer meldeten abermals: »Pilger Sun hat Euch schon wieder mit diesem Wort beleidigt!«

Der Dämon aber beharrte darauf, ihm keine Beachtung zu schenken. Da schwang Pilger wütend seine Stange und zertrümmerte das Tor. Als der Dämon das hörte, sprang er auf, rannte mit erhobenem Speer hinaus und wetterte: »Du unverschämter Affe! Hast du eigentlich eine Ahnung, was rechtens ist? Weißt du, was für eine Straftat du begehst, wenn du mein Tor zerschlägst?«

»Und was für ein Verbrechen ist es, den Vater auszusperren, mein Sohn?«

Wutentbrannt packte der Dämon seinen Speer und zielte auf Pilgers Brust. Der aber setzte sich mit seiner Eisenstange zur Wehr, doch nach vier, fünf Kampfrunden ließ er die Stange sinken und gab sich geschlagen. Da blieb der Dämon stehen und rief: »Jetzt geh ich den Priester schrubben!«

»Der Himmel schaut dir zu, mein Sohn!« rief Pilger, »komm her!«

Diese Worte brachten den Dämon in Rage; mit einem Schrei zielte er abermals auf Pilger, doch nach wenigen Kampfrunden rannte Pilger davon und hielt ihm gleichzeitig seine Handfläche entgegen. Der Dämonenkönig geriet in Verwirrung und stürzte hinter Pilger her. Es dauerte nicht lange, da war Guanyin in Sicht.

»Monster!« rief Pilger, »du machst mir Angst. Jetzt hast du mich bis zur Bodhisattva Guanyin vom Südmeer verfolgt und willst immer noch nicht umkehren?«

Der Dämon wollte ihm nicht glauben und verfolgte ihn weiter. Mit einem Satz versteckte sich Pilger im Strahlenkranz der Bodhisattva. Da trat der Dämon auf Guanyin zu und fragte mit aufgerissenen Augen: »Bist du die Verstärkung, die Pilger Sun geholt hat?«

Guanyin gab keine Antwort. Der Dämon wirbelte seinen Speer und brüllte die Frage ein zweites Mal, doch Guanyin schwieg. Da stach er ihr den Speer mitten ins Herz. Die Bodhisattva aber verwandelte sich in einen goldenen Lichtstrahl und entstieg in die höchsten Himmelssphären. Pilger und Moksa schwebten Schulter an Schulter in der Höhe und schauten zu. Unten sahen sie den Dämon, der jetzt mit kaltem Grinsen sagte: »Ha, du Zankaffe, du hast mich verkannt! Wie oft hab ich dich schon im Kampf besiegt, und da rückst du noch mit einer derart miserablen Bodhisattva an, die ich mit einem einzigen Speerstoß verschwinden mache. Dann lässt sie auch noch ihren Lotossockel liegen. Da setz ich mich gleich mal selbst drauf!«

Der gute Dämon! Wie die Bodhisattva setzte er sich in aufrechter Haltung im Lotossitz auf den Sockel. Guanyin aber wies mit ihrem Weidenzweig auf ihn und rief: »Zurück!«

Auf der Stelle war die Blütenpracht des Lotossockels verschwunden, der Glanz erlosch, und der Dämon saß auf lauter Messern. Guanyin befahl Moksa, auf die Säbelgriffe zu schlagen. Dieser senkte seine Wolke und teilte mit seiner Dämonenkeule wohl mehr als tausend Hiebe aus, so dass die Klingen sich tief in die Schenkel des Dämons schnitten und das Blut in Strömen floss.

Seht, wie er vor Schmerz die Zähne zusammenbeißt, den Speer fallen lässt und sich die Klingen aus dem Fleisch zu ziehen versucht!

Nun wies Guanyin ein zweites Mal mit ihrem Weidenzweig in seine Richtung und murmelte einen Zauberspruch, worauf die Klingen zu Widerhaken wurden, die festsaßen wie Wolfszahnpfeile. Es war unmöglich, sie herauszuziehen. Fassungslos zerrte der Dämon an den Klingen und flehte gequält: »Ach, wie blind ich war, dass ich Eure Allmacht nicht erkannte! O bitte, Bodhisattva, habt Erbarmen mit mir! Schenkt mir das Leben, dann werde ich nie wieder schlechte Taten verüben. Ich bin bereit, den Weg des Dharma zu befolgen und mich an die Gebote zu halten!«

Auf diese Worte schwebte Guanyin mit Pilger in ihrem Goldglanz hernieder, trat vor den Dämon und fragte: »Bist du gewillt, dich an meine Gebote zu halten?«

Der Dämon nickte und antwortete unter Tränen: »Wenn Ihr mir das Leben schenkt, will ich mich an die Gebote halten.«

»Dann werde ich dich jetzt segnen und dir die Gebote auferlegen.«

Aus ihrem Ärmel zog Guanyin eine Schere hervor, trat zum Dämon hin und schor ihm den Schädel kahl; nur drei Büschel ließ sie stehen, die sie zu Wirbeln drehte, wie man es bei Kindern macht.

Pilger, der dabeistand, lachte: »Dieser Dämon hat aber Pech! Jetzt sieht man nicht mal mehr, ob es ein Mädchen oder ein Knabe ist; was ist das denn für ein Ding?«

»Da du dich den Geboten fügst«, sprach Guanyin, »will ich dich auch angemessen behandeln. Du sollst zum Knaben Sudhana werden. Bist du einverstanden?«

»Du sollst zum Knaben Sudhana werden.«

Der Dämon nickte. Es war ihm alles recht, wenn er nur am Leben blieb. Da wies Guanyin auf die Klingen und rief: »Zurück!« Klirrend fielen alle Säbel der Sechsunddreißig Sterngeister in den Staub. Der Knabe aber war unverletzt. Die Bodhisattva befahl Hui’an, die Säbel wieder in den Himmelspalast zu bringen.

Doch die Wildheit des Knaben hatte sich noch nicht gelegt. Denn kaum merkte er, dass die Schmerzen und Wunden an seinen Beinen verschwunden waren und zudem drei Haarwirbel seinen kahlgeschorenen Schädel zierten, schrie er: »Ihr habt ja gar nicht die Macht, mich zu unterwerfen. Das war doch nichts als ein hohler Zaubertrick!«

Schon packte er seinen Speer und zielte Guanyin direkt ins Gesicht. Pilger schwang wütend seine Stange und wollte den Dämon erschlagen, doch Guanyin rief: »Halt! Ich habe meine eigene Art von Strafe.«

Aus dem Ärmel zog sie einen goldenen Reif und sprach: »Dies ist einer der drei Ringe, die mir Buddha mitgegeben hat: ein Goldring, ein Verengungsring und ein Verbotsring. Den Verengungsring habe ich dir aufgesetzt, und mit dem Verbotsring habe ich den großen Wächtergott des Berges bezwungen; nur den Goldring habe ich noch aufgespart. Da dieser Dämon sich so tollkühn benimmt, soll er diesen Ring erhalten.«

Schon schwenkte sie den Ring und rief »Verwandlung!«. Sogleich verfünffachte er sich, und Guanyin warf die Ringe mit dem Ruf »Umschlingen!« auf den Körper des Knaben. Einer schnürte sich um den Hals, die vier anderen um Handund Fußgelenke. Gleich darauf begann Guanyin mit einer magischen Fingerstellung im Stillen eine Zauberformel zu murmeln, bis sich der Dämon vor Schmerz an Ohren und Wangen kratzte, mit den Füßen stampfte und sich am Boden wälzte. So war es in der Tat:

Ein Wort fasst so viele Welten,

Wie es Sand im Ganges gibt;

Grenzenlos des Buddha Lehre

Über Kräfte tief verfügt!

Da wir nicht wissen, wie der Knabe letztendlich der Lehre folgte, lasst uns hören, was das nächste Kapitel erzählt.