Berichten wir weiter von Guanyin, welche die Zauberformel mehrmals hintereinander aufgesagt hatte, bis sie schließlich innehielt, so dass der Dämon keine Schmerzen mehr verspürte. Wie er sich nun innerlich sammelte und aufrichtete, gewahrte er auf einmal die goldenen Ringe, die ihn an Hals, Hand- und Fußgelenken schmerzhaft eng umschnürten. Er versuchte sie abzustreifen, doch sie ließen sich um kein Haar bewegen, denn sie hatten sich bereits in seinem Fleisch verwurzelt. Je mehr er daran zerrte, desto schmerzhafter war es.
»Braver Kleiner!« höhnte Pilger, »die Bodhisattva sorgt sich, ob sie dich wohl aufpäppeln kann, drum hat sie dir glückbringende Hals- und Armreife gegeben.«
Das schürte die Wut des Dämons von neuem. Jäh packte er seinen Speer und stach gegen Pilger. Dieser versteckte sich flink hinter Guanyin und rief: »Schnell, sprecht die Formel!«
Guanyin aber zog den Weidenzweig aus ihrer Vase, sprengte geweihtes Wasser über den Dämon und rief: »Einigung!« Da entglitt ihm die Waffe, und beide Hände erhoben sich gefaltet vor die Brust, wo er sie nicht wieder zu trennen vermochte. Dass Guanyins Begleiter Sudhana bis heute in dieser Haltung mit der sogenannten »Guanyin-Fessel« dargestellt wird, geht darauf zurück. Als der Dämon verstand, dass er unfähig war, seine Hände zu lösen und die Waffe zu ergreifen, erkannte er die subtile Tiefe der Kraft der Lehre. Hilflos senkte er sein Haupt und verneigte sich. Guanyin aber murmelte eine Zauberformel, neigte ihre Vase und ließ so die Wassermassen des Ozeans in das Gefäß zurückfließen, bis kein Tropfen mehr übrig war.
»Wukong«, sprach sie anschließend, »jetzt ist der Dämon gebändigt. Er muss nur noch seine Wildheit überwinden; dazu will ich ihm auferlegen, dass er zur Insel Potalaka pilgert und nach jedem Schritt eine Verbeugung macht. Erst wenn er auf diese Weise Potalaka erreicht hat, werde ich ihn nicht länger mit Gewalt unter Kontrolle halten müssen. Gehe jetzt in die Grotte und befreie deinen Meister!«
Glücklich vollzog Pilger einen Stirnaufschlag und verabschiedete sich. Wie der Knabe sich in der Folge dem Guten zuwandte, auf seiner Reise in den Süden dreiundfünfzig Weise aufsuchte und zuletzt ehrerbietig bei Guanyin ankam, sei hier nicht weiter ausgeführt.259
Wenden wir uns stattdessen Sandmönch zu, der lange vergeblich gewartet hatte, bis er schließlich das Gepäck aufs Pferd schnürte und aus dem Wald stapfte. Wie er nun gen Süden Ausschau hielt, sah er Pilger freudig auf ihn zukommen. Er erkundigte sich, was geschehen sei, und Pilger berichtete ihm alles. Sandmönch war überglücklich. Nun setzten die beiden über den Bach, drangen in die Grotte, rotteten alle Ungeheuer aus und befreiten Tripitaka und Bajie. Pilger berichtete seinem Meister ausführlich, wie er Guanyin geholt und wie sie den Dämon gebändigt hatte. Da kniete Tripitaka nieder und verneigte sich gen Süden.
Pilger hieß Sandmönch nun, alle kostbaren Gegenstände in der Grotte einzupacken, dann wurde eine Mahlzeit zubereitet, und nachdem alle gesättigt waren, gingen sie aus der Grotte hinaus, fanden auf ihren Weg und eilten zielstrebig dem Westen zu.
Nachdem sie über einen Monat gewandert waren, konnte man auf einmal ein donnerndes Rauschen hören.
»Hört, meine Schüler!« rief Tripitaka, »wo rauscht denn da Wasser?«
Pilger lachte bloß: »Ihr seid einfach zu schreckhaft, Meister. Da sind wir zu viert, und Ihr allein hört plötzlich irgend so ein Wasser rauschen. Schon wieder habt Ihr das Herz-Sutra vergessen!«
»Das Herz-Sutra hat mir der Meister vom Rabennest mündlich vermittelt, bis heute sage ich es immer wieder auf; welche Stelle soll ich denn vergessen haben?«
»Die Stelle, wo es heißt: ›Darum gibt es in der Leere weder Auge noch Ohr, noch Nase, Zunge, Körper und Geist.‹ Wir Mönche heften unseren Blick nicht auf Farben, richten unser Ohr nicht auf Klänge, die Nase nicht auf Gerüche, die Zunge nicht auf Aromen, die Empfindung nicht auf Kälte oder Hitze und den Geist nicht auf trügerische Gedanken. So befreien wir uns von den ›Sechs Räubern‹. Ihr aber denkt ständig daran, die Schriften zu erlangen, und fürchtet Euch ständig vor Dämonen, nur weil Ihr Euren Körper nicht missen wollt. Wenn es Euch nach Speise verlangt, regt sich Eure Zunge, wenn Ihr Euch an Düften erfreut, regt sich Eure Nase. Geräusche schrecken Euer Gehör, auf Äußeres heftet sich Euer Blick – damit ladet Ihr die ›Sechs Räuber‹ doch geradezu ein! Wie wollt Ihr auf diese Weise je in den Westen gelangen und Buddhas Antlitz erblicken?«
Auf diese Worte verfiel Tripitaka in langes Schweigen. Dann sprach er: »Ach, mein Schüler!
Seit ich einst in jenem Jahr
Vom Kaiser Abschied nahm,
Strebe ich stets Tag und Nacht
Voller Hingebung zum Ziel.
Doch wann werden wir wohl je
Das Werk von dreimal Drei vollenden,261
Dass wir einst die wunderbaren
Heiligen Schriften Buddhas finden?«
Pilger lachte: »Meister, was soll daran so schwierig sein, die Drei Samadhis zu vollenden? Es heißt doch: ›Ist das Werk getan, kommt der Erfolg von selbst.‹«
»Bruder«, warf Bajie ein, »wenn wir uns weiterhin mit so vielen Dämonen herumschlagen müssen, sind wir noch nach tausend Jahren nicht am Ziel!«
Sandmönch aber meinte: »Du bist genauso einfältig wie ich, zweiter Bruder. Schultere doch einfach deine Last, bis du irgendwann am Ziel bist.«
Während ihrer Unterhaltung gelangten sie an einen schwarzen Strom, der sich bis zum Horizont erstreckte. Hier kam das Pferd nicht weiter.
»Schüler«, rief Tripitaka, »warum ist dieses Wasser wohl so schwarz?«
»Da hat wohl einer einen Pott voll Indigo reingeschüttet«, meinte Bajie.
»Oder Pinsel und Reibstein ausgewaschen«, sagte Sandmönch.
»Unsinn«, rief Pilger, »kümmert euch lieber darum, wie wir den Meister rüberbringen!«
»Wie breit ist denn dieser Fluss?« fragte Tripitaka.
Bajie antwortete: »Ich schätze, um die zehn Meilen oder mehr.«
»Macht untereinander aus, wer mich auf den Rücken nimmt und hinüberträgt«, sagte Tripitaka.
»Das kann Bajie machen«, ließ Pilger verlauten.
»Das geht doch nicht!« rief Bajie, »mit dem Meister auf dem Rücken käme ich keine drei Fuß von der Erde hoch. So heißt es doch: ›Ein gewöhnlicher Sterblicher ist schwer wie ein Berg.‹ Schwimmend geht auch nicht, da würde er mich unter Wasser drücken.«
Während die vier hin und her berieten, kam vom Oberlauf jemand in einem kleinen Boot herangefahren. Freudig rief Tripitaka: »Dort kommt ein Boot! Ruft, meine Schüler, damit er uns hinüberführt.«
»Ruderer!« rief Sandmönch mit sonorer Stimme, »kommt hierher, führt uns hinüber! Wir werden euch dankbar sein!«
Der Mann im Boot hatte ihn gehört und ruderte ans Ufer. Da meinte er: »Mein Boot ist zu klein, als dass ich euch zusammen überführen könnte.«
Tripitaka trat näher und besah sich das Boot. Es war ein Einbaum, in dessen Vertiefung nicht mehr als zwei Personen Platz hatten.
»Was nun?« wandte sich Tripitaka an seine Schüler.
»Lassen wir ihn doch zweimal fahren«, schlug Sandmönch vor.
Bajie wollte mit dem Meister zuerst fahren, half Tripitaka ins Boot, der Schiffer stieß ab und stach mit kräftigen Ruderschlägen durch die Strömung. Sie hatten erst die Mitte erreicht, als es auf einmal krachte und die Wellen sich so hoch auftürmten, dass der Himmel zu verschwinden schien. Ein heftiger Wirbel sog Tripitaka und Bajie mitsamt dem Boot ins Wasser hinein, dann waren sie spurlos verschwunden. Fassungslos standen Pilger und Sandmönch am Ufer.
»Das Boot muss gekentert sein«, sagte Sandmönch.
»Nein«, erklärte Pilger, »wäre es gekentert, dann hätte Bajie den Meister wieder an die Oberfläche gebracht, er kann ja gut schwimmen. Dieser Ruderer hat mir nicht gerade einen redlichen Eindruck gemacht. Wahrscheinlich hat er den Wind verursacht und den Meister ins Wasser gezogen.«
»Aber Bruder, warum sagst du das nicht eher! Bleibe hier bei Pferd und Gepäck, ich gehe mal nach unten und schaue, was los ist«, rief Sandmönch.
Der gute Mönch! Er zog sein Gewand aus, rieb sich Arme und Beine warm und stürzte sich mit gezückter Waffe laut platschend ins Wasser. Tauchend stieß er vorwärts, bis er auf einmal menschliche Stimmen vernahm. Sandmönch wich zur Seite und spähte vorsichtig nach vorn, da erblickte er einen Palast, über dessen Eingang in acht großen Schriftzeichen geschrieben stand: » 衡陽峪黑水河神府 – Götterpalast im Schwarzwasser des Hengyang-Tals«. Nun hörte er, wie ein Ungeheuer sagte: »Schwere Zeiten haben wir durchmachen müssen; nun ist uns endlich mal Glück beschert! Der Mönch hier hat sich seit zehn Inkarnationen der Vervollkommnung gewidmet; schon ein einziges Stück von seinem Fleisch verleiht Langlebigkeit und ewige Jugend! Lange genug hab ich darauf gewartet.« Und es folgte ein Befehl: »Diener, bringt sofort den eisernen Dämpfkorb und macht die beiden gar. Ich will meinen zweiten Onkel einladen und ihm die beiden zum Geburtstag servieren.«
Als Sandmönch dies hörte, glühte er vor Wut. Mit seinem Prunkstab polterte er gegen das Tor und schrie: »Du Bestie! Gib sofort meinen Meister und meinen Ordensbruder her!«
Die kleinen Ungeheuer, die drinnen das Tor bewachten, erstatteten sofort Bericht. Kaum hatte der Unhold die Nachricht vernommen, ließ er sich die Rüstung geben und machte sich kampfbereit, dann trat er mit einer Stahlgerte hinaus und schrie: »Wer erlaubt sich da, gegen mein Tor zu schlagen?«
»Du Zankteufel!« rief Sandmönch, »wie kannst du dich erdreisten, meinen Meister mit solchem Blendwerk zu entführen! Gib ihn sofort her, sonst bist du des Todes!«
Der Unhold stieß ein Gelächter aus und rief: »Du bist ja wohl nicht gescheit, du Mönch! Deinen Meister hab ich entführt, weil ich ihn heute meinen Gästen servieren will. Wenn du kommst, koche ich dich gleich mit. Eure Reise in den Westen könnt ihr vergessen.«
Wütend zielte Sandmönch mit seinem Prunkstab direkt auf den Kopf des Unholds, der aber wehrte den Schlag mit seiner Stahlgerte ab und stürzte sich in den Kampf. Ganze dreißig Runden fochten die beiden im Flussbett aus, ohne dass einer dem andern überlegen war.
»Dieser Kerl ist der richtige Gegner für mich«, überlegte Sandmönch, »doch ich kann ihn einfach nicht unterkriegen. Am besten locke ich ihn aus dem Wasser, damit mein Ordensbruder gegen ihn kämpfen kann.«
Nach einem letzten Scheinhieb ließ er die Waffe sinken und rannte davon. Der Dämon aber blieb stehen und meinte: »Lauf nur, ich mag nicht weiterringen. Jetzt schreib ich erst mal die Einladungen.«
Keuchend sprang Sandmönch aus den Fluten und berichtete Pilger, was geschehen war.
»Was ist das wohl für ein übler Geist?« wunderte sich Pilger.
»Er sieht aus wie eine große Weichschildkröte«, antwortete Sandmönch, »oder auch so wie eine Art Alligator.«
»Und wer ist wohl der besagte Onkel?«
Er hatte noch nicht ausgesprochen, da tauchte an der Biegung am Unterlauf ein alter Mann auf. Noch weit entfernt, kniete er nieder und rief: »Großer Heiliger, der Gott vom Schwarzwasser erweist Euch seine Reverenz!«
»Bist du etwa dieses Ungeheuer von Schiffer? Willst du uns schon wieder betrügen?« schrie Pilger.
Da schlug der Alte die Stirn auf den Boden, Tränen liefen ihm übers Gesicht, und er sprach: »Großer Heiliger, ich bin kein Ungeheuer! Ich bin der echte Flussgott. Letztes Jahr ist dieses Ungeheuer im fünften Mondmonat mit einer Flutwelle aus dem Westlichen Ozean hierhergeschwemmt worden und hat mich geringen Gott sofort angegriffen. Alt und gebrechlich, wie ich bin, konnte ich ihm nicht standhalten, und so ist es ihm schließlich gelungen, meinen Palast im Schwarzwasser zu besetzen. Mir aber blieb keine andere Wahl, als in den Ozean zu reisen und gegen ihn Klage zu erheben. Dort stellte sich heraus, dass der Drachenkönig vom Westmeer sein Onkel ist, darum hat man meine Anklage abgelehnt und mir bedeutet, ich solle ihm meinen Palast einfach abtreten. Jetzt will ich im Himmel Einspruch erheben, doch als geringer Gott habe ich ja keinen Einfluss. Dann habe ich aber vernommen, dass Ihr, Großer Heiliger, hier seid; deshalb komme ich nun zu Euch, in der Hoffnung, dass Ihr mir helfen könnt. Ich bitte Euch inständig, Großer Heiliger, helft mir, dieses Unrecht zu vergelten!«
Auf diese Rede meinte Pilger: »So gesehen trägt auch der Drachenkönig des Westlichen Ozeans Schuld. Bleibt erst mal hier, Flussgott, und haltet zusammen mit Sandmönch Wache. Ich gehe gleich ins Meer und bringe den Drachenkönig hierher, damit er den Unhold einfängt.«
»Tief dankbar bin ich Euch für die große Gunst!« rief der Flussgeist.
Pilger schoss zu den Wolken empor und kam schnurstracks zum Westlichen Ozean. Dort schwebte er nach unten, machte
ein magisches Fingerzeichen und murmelte einen Zauberspruch zur Wasserabwehr, dass sich die Wogen trennten. Auf seinem Weg durchs Meer traf er auf den Geist eines Schlangenkopffisches, der mit einem Kästchen mit Einladungsschreiben vom Unterlauf des Stromes heranflitzte. Pilger warf sich ihm in den Weg, hieb ihm die Eisenstange auf den Schädel, dass die Hirnmasse nur so spritzte und der Fisch gluckernd an die Oberfläche stieg. Dann öffnete er das Kästchen. In der Einladung stand:
»Geringer Neffe, Alligator Tuojie, wendet sich mit
ehrerbietigen Verbeugungen an den Ehrwürdigen Herrn Ao,
zweiter Onkel mütterlicherseits:
Für Eure stets geneigte Gunst hege ich ausnehmende
Dankbarkeit. Neulich gelang mir ein Beutefang, zwei
Mönche aus dem Osten, außerordentlich rare Stücke, daher
wage ich sie nicht alleine zu verspeisen. Eingedenk Eures
baldigen Geburtstages will ich ein bescheidenes Gastmahl
zubereiten, um Euch im Voraus zu gratulieren und
Langlebigkeit zu wünschen. Mit inständiger Bitte um
baldige Ankunft Eures hohen Besuches.«
»Der Schuft bringt mir altem Sun gleich das Beweismaterial«, lachte Pilger, steckte die Einladung in den Ärmel und setzte seinen Weg fort. Inzwischen hatte ihn aber bereits ein patrouillierender Yaksa erspäht und im Palast gemeldet. Drachenkönig Ao Shun trat zum Empfang heraus und bat Pilger zum Tee.
»Bevor ich Euren Tee trinke, will ich Euch zum Wein einladen«, sagte Pilger.
Der Drachenkönig lachte: »Großer Heiliger, Ihr befolgt doch seit langem die Gebote der buddhistischen Lehre und rührt weder Fleisch noch Wein an. Wie kommt es, dass Ihr mich zum Wein einladen wollt?«
»Ihr werdet auch gar keinen Wein kriegen, nur habt Ihr Euch bereits die Anklage eingehandelt, an einem Weingelage teilzunehmen«, meinte Pilger, zog das Schreiben aus dem Ärmel und hielt es dem Drachenkönig hin. Als der gelesen hatte, was da stand, wollte ihm vor Schreck die Seele aus dem Leib fahren. Er warf sich vor Pilger nieder und rief: »Großer Heiliger, vergebt mir! Der Kerl ist der neunte Sohn meiner jüngeren Schwester. Mein Schwager, der damals wegen fehlerhafter Ausführung eines Regengusses im Auftrag der Zeitgötter von Kanzler Wei Zheng hingerichtet worden ist, hat
mir diesen Neffen hinterlassen. Ich habe ihn ins
Schwarzwasser geschickt, damit er sich dort der Vervollkommnung widmen kann; nie hätte ich gedacht, dass er eine solche Übeltat begehen würde. Ich geringer Drache werde sogleich meine Leute ausschicken, ihn hierherzuführen.«
Er rief nach Prinz Moang und befahl: »Nimm fünfhundert kräftige Krieger mit und verhafte den kleinen Alligator Tuojie!«
Pilger verabschiedete sich vom alten Drachen und verließ mit Moang und dessen Kriegern den Ozean. Prinz Moang schickte ein paar Krieger voraus, dem Ungeheuer seine Ankunft zu melden. Da stutzte das Ungeheuer und dachte: »Ich habe doch den Schlangenkopffisch mit der Einladung zum Onkel geschickt und warte schon lange auf Antwort. Warum kommt jetzt mein Vetter statt meines Onkels?«
Während er noch argwöhnte, kam ein kleines Ungeheuer und meldete: »Großer König, im Fluss ist eine Truppe, die westlich der Residenz ein Feldlager aufschlägt.«
»Wozu bringt mein Vetter Soldaten, wenn ich zum Bankett lade? Das muss einen bestimmten Grund haben«, sann er und befahl seinem Gesinde: »Haltet mir Rüstung und Gerte bereit!« Die kleinen Ungeheuer taten wie geheißen.
Als der Unhold nach draußen kam, sah er tatsächlich eine Truppe Meereskrieger, die ein Feldlager aufgeschlagen hatten. Er ging darauf zu und rief: »Ältester Vetter, seid ehrerbietig gegrüßt!«
Der Drachenprinz rückte seine goldene Rüstung zurecht, schnürte einen juwelenbesetzten Gürtel um und schritt mit einem dreikantigen Schlagstock ins Freie.
»Zu welchem Anlass hast du deinen Onkel eingeladen?« rief er.
Der Unhold antwortete: »Ich darf ja dank seiner gewogenen Gunst seit langem hier wohnen, doch bislang habe ich noch
keine Gelegenheit gefunden, mich mit gebührender Kindesliebe bei ihm erkenntlich zu zeigen. Gestern aber habe ich einen Priester aus dem Osten erbeutet, der sich seit zehn Reinkarnationen dem Weg der Vervollkommnung widmet und dessen Fleisch eine lebensverlängernde Wirkung hat. Ich wollte meinen Onkel einladen, sich den Priester anzuschauen, bevor ich ihn zu Ehren seines Geburtstags auf dem Eisenrost dämpfe.«
»Du bist wohl nicht bei Trost!« schrie der Prinz, »weißt du eigentlich, wer dieser Mönch ist?«
»Eben jener Priester aus China, der in den Westen reist, um Heilige Schriften zu holen.«
»Du weißt also nur vom Priester aus China, doch weißt du nichts von der Macht seiner Schüler«, versetzte der Prinz.
»Nun, einer heißt Eber Bajie, den habe ich bereits und werde ihn mit dem Priester zusammen kochen. Außerdem ist da noch einer, der sich Sandmönch nennt, der stand gestern vor meinem Palast und wollte seinen Meister wiederhaben. Da hab ich ihm mit der Stahlgerte eine Tracht Prügel verpasst, dass er um sein Leben gerannt ist. Er scheint mir keine großen Fähigkeiten zu besitzen.«
»Dann bist du tatsächlich nicht im Bilde«, meinte der Prinz.
»Er hat noch einen dritten Schüler, nämlich den Himmelsebenbürtigen Großen Heiligen, der vor fünfhundert Jahren den Himmelspalast in Aufruhr versetzt hat und sich heute Pilger Sun Wukong nennt. Hast du denn nichts anderes zu tun, als solches Unheil anzurichten? Dieser Sun Wukong hat im Ozean deinen Boten getroffen, ihm die Einladung entrissen und ist dann schnurstracks zum Wasserkristallpalast gegangen, wo er mich und meinen Vater in große Verlegenheit brachte, denn er hält uns nun vor, wir seien mit einem Dämon verbündet und hätten Menschen entführt. Gib diesen Priester und den Eber Bajie sofort zurück, dann werde ich mich für dich entschuldigen, und du kommst mit dem Leben davon. Und wenn ich nur ein halbes ›Nein‹ höre, kannst du vergessen, weiterhin friedlich hier wohnen zu können!«
Da wurde der Unhold wütend und schrie: »Da sind wir nahe verwandt, und du nimmst Außenstehende in Schutz! Meinst du eigentlich, ich würde diesen Priester einfach so rausrücken? Wenn du Angst vor Pilger Sun hast, heißt das noch lange nicht, dass auch ich mich fürchte. Falls er was draufhat, soll er bloß kommen und mit mir drei Runden ausfechten, ansonsten gebe ich seinen Meister nicht her. Und wenn er mir nicht standhält, koche ich ihn gleich mit, und zwar ohne Einladung. Dann fresse ich sie selber, hinter verschlossener Tür!«
»Du verruchter Schurke bist wahrhaftig unverschämt!« polterte der Prinz. »Ich will gar nicht erst den Großen Heiligen holen; wagst du dich mit mir zu messen?«
»Wie soll ein rechter Kerl wie ich vor dir Angst haben?« gab der Unhold zurück. Auf seinen harschen Befehl reichten ihm die kleinen Ungeheuer eilends Rüstung und Stahlgerte. Nun standen sich die beiden als Feinde gegenüber, und ein jeder entfaltete sein Heldentum. Dieser Kampf war völlig anders als derjenige mit Sandmönch. Als der Unhold zuschlug, streckte ihm der Prinz zum Schein die Waffe entgegen, als wolle er den Schlag abwehren, wich aber gleichzeitig aus, so dass der Unhold ins Leere hieb und vom Prinzen in einem geschickten Dreh mit dem dreikantigen Schlagstock am rechten Arm getroffen wurde. Der Unhold strauchelte und stürzte. Da drängten die Meereskrieger heran, schnürten ihm die Hände auf den Rücken, stachen ein eisernes Schloss durch sein Schlüsselbein und schleppten ihn ans Ufer, wo sie ihn vor den Großen Heiligen führten und um ein Urteil baten.
Pilger sah den Alligator an und rief: »Du Lump hast dich nicht ans Geheiß deines Onkels gehalten. Er hat dich hier
wohnen lassen, damit du dich in Ruhe deiner Vervollkommnung widmest. Du aber hast gewaltsam den Palast des Flussgottes besetzt, Übeltaten begangen und noch dazu meinen Meister und meinen Ordensbruder entführt! Am liebsten würde ich dir eins mit meiner Stange überziehen, doch leider ist die zu schwer, dein Leben wäre gleich dahin. Wo hast du meinen Meister versteckt?«
Der Unhold machte einen Kotau und sagte: »Großer Heiliger, ich geringer Alligator habe Euren gewichtigen Namen verkannt. Nun hat mich mein Vetter festgenommen, weil ich mich gegen alle Sittlichkeit aufspielen wollte. Ich kann Euch nicht genug dankbar sein für die große Gnade, mich nicht zu töten, o Großer Heiliger! Euer Meister ist noch im Wasserpalast gefesselt. Sobald Ihr mich freilasst, werde ich ihn ans Ufer bringen.«
»Großer Heiliger«, warnte Moang, »dieser Schuft ist sehr hinterhältig, ich fürchte, er wird auf böse Gedanken kommen, wenn Ihr ihn freilasst.«
»Ich kenne den Ort«, meinte Sandmönch, »ich gehe den Meister suchen.«
Zusammen mit dem Flussgott sprang er in die Fluten, wo die beiden direkt auf den Palast zu hielten. Sie fanden ihn weit offen und ohne ein einziges Ungeheuer. Nachdem sie hineingegangen waren, entdeckten sie den Meister und Bajie, beide splitternackt in Stricke gebunden. Rasch lösten sie ihnen die Fesseln, nahmen sie auf den Rücken und schwammen an die Oberfläche. Als Bajie am Ufer den angeketteten Unhold erblickte, erhob er seinen Rechen und schrie: »Du übles Mistvieh! Willst du mich etwa nicht mehr fressen?«
Doch Pilger fiel ihm in den Arm und sprach: »Bruder, in Anbetracht unserer Freundschaft mit der Familie Ao wollen wir ihn am Leben lassen!«
Pilger fiel ihm in den Arm und sprach: »Bruder, in Anbetracht unserer Freundschaft mit der Familie Ao wollen wir ihn am Leben lassen!«
Moang verneigte sich und sprach: »Großer Heiliger, ich geringer Drache will mich nicht länger aufhalten. Da Euer Meister ja gerettet ist, will ich diesen Schurken nun zu meinem Vater bringen. Ihr habt ihm den Tod erspart, Großer Heiliger, mein Vater aber wird ihm gewiss nicht die Strafe erlassen.«
»In Ordnung«, beschied Pilger, »bringt ihn nur zurück. Bestellt Eurem werten Vater beste Grüße, ich werde mich später mal persönlich bei ihm bedanken.«
Also führte der Prinz den Unhold in den Westlichen Ozean. Der Flussgott des Schwarzwassers aber bedankte sich bei Pilger für die Rückeroberung seines Palastes.
»Aber wie kommen wir nun über den Fluss?« fragte Tripitaka.
»Ehrwürdiger Herr, Ihr braucht Euch nicht zu sorgen«, antwortete der Flussgott. »Steigt nur in den Sattel, ich werde vorangehen und Euch sicher durch den Fluss führen.«
Da stieg der Meister aufs Pferd und sah, wie der Flussgott einen Zauber zum Aufhalten der Wassermassen vollführte. Im Nu war der Unterlauf trocken und gab eine breite Straße frei, auf der Meister und Schüler nun endlich das westliche Ufer erreichten und ihre Reise fortsetzten. Und da wir nicht wissen, wie es weiterging, lasst uns das nächste Kapitel anhören.