Accueil > Die Reise nach Westen > Kapitel44

044 Der Dharma-Körper trifft im Kreislauf auf die Wagenkräfte / Mit rechtem Herzen und Dämonen wird der Grat überwunden

Wie berichtet wurde, hatte Tripitaka mit seinen Schülern den Schwarzfluss überquert und seinen Weg in den Westen fortgesetzt. Die Weiterreise war ein wahrer Kampf gegen Wind und Schnee, oft wanderten sie bis spätnachts unter Mond und Sternen dahin. Nachdem sie lange so weitergereist waren, brach der Frühling an. Meister und Schüler gingen ihres Weges, erfreuten sich an der schönen Landschaft und ließen das Pferd gemächlich traben. Auf einmal vernahmen sie ein lautes Brausen, das wie Kampfgeschrei von Tausenden von Menschen anmutete. Tripitaka erschrak, wandte sich um und fragte: »Wukong, woher kommt denn dieses Geräusch?«

Bajie meinte: »Das klingt ja, wie wenn die Erde bersten würde!«

Sandmönch fügte hinzu: »Oder wie Donnergrollen.«

»Fast so wie Schreie und Wiehern«, riet Tripitaka.

Pilger lachte: »Ihr könnt das nicht erraten. Wartet mal, ich alter Sun will schauen, was los ist.«

Mit einem Satz schoss er in die Lüfte und sperrte die Augen weit auf. Da entdeckte er in der Ferne eine umwallte Stadt. Als er näher kam, sah er den Ort von einer heilvollen Aura umgeben, es schien hier keine schlechte Energie zu herrschen.

»Was für ein schöner Ort!« murmelte Pilger, »woher rührt denn wohl dieses Rauschen?«

Während er weiter beobachtete, bemerkte er vor den Stadttoren auf einer Sandbank ein freies Gelände, wo sich eine Schar buddhistischer Mönche drängte. Sie waren eben damit beschäftigt, einen Wagen zu ziehen. Das Geräusch aber kam daher, dass alle beim Ziehen mit vereinten Kräften den Ruf ausstießen: »Ehre sei dem König der Großen Kraft!«

Das war es also, was Tripitaka so erschreckt hatte. Pilger senkte seine Wolke und besah sich die Szene näher. Oh! Der Wagen war ja voller Ziegel, Balken und anderem Baumaterial. Hinter der Sandbank erhob sich ein steiler Hang, und oben gab es einen schmalen Gratweg sowie zwei große Passtore, von denen der Weg über einen schroff abfallenden Felshang nach unten führte. Wie sollte dieser Wagen denn dort hinaufgezogen werden? Zwar war das Wetter mild, aber die Leute trugen doch gar zerfetzte Kleider.

»Vielleicht errichten sie einen Tempel«, sann Pilger, »und weil in dieser fruchtbaren Gegend keine Taglöhner zu finden sind, müssen die Mönche selbst ans Werk.«

Während er noch rätselte, sah er zwei junge Daoisten mit gravitätischen Schritten vom Stadttor herankommen. Bei ihrem Anblick zuckten die Buddhisten zusammen und zerrten den Wagen mit doppeltem Eifer den Hang hinan. Da ging Pilger ein Licht auf, und er dachte: »Aha, die Mönche scheinen sich vor den Daoisten zu fürchten! Ich habe mal gehört, dass es auf dem Weg nach Westen eine Gegend geben soll, in der die Daoisten geachtet und die Buddhisten unterdrückt werden. Das ist bestimmt dieser Ort. Da will ich doch mal nach unten gehen!«

Bei ihrem Anblick zuckten die Buddhisten zusammen und zerrten den Wagen mit doppeltem Eifer den Hang hinan.

Was meint ihr, an wen er sich wandte?

Am Fuß der Stadtmauer machte er nun einen leichten Dreh und erschien als daoistischer Wandermönch. Zum Takt einer kleinen Trommel daoistische Lieder singend, ging er auf die Daoisten zu, verbeugte sich und sprach: »Seid gegrüßt, werte Priester.«

Die beiden grüßten höflich zurück und fragten: »Woher kommt Ihr, werter Herr?«

Pilger antwortete: »Ich geringer Jünger

Wandle über die Meere weit

An die Enden der ganzen Welt,

Heute bin ich an diesem Ort

Auf der Suche nach guten Leut’!

Hört, ihr Priester, könnt ihr mir sagen, in welcher Straße dieser Stadt die Daoisten gern gesehen sind? Ich möchte ein bisschen Almosen erbetteln.«

»Aber werter Herr«, lachten die beiden, »warum sagt Ihr derart unerfreuliche Worte?«

»Wieso unerfreulich?« fragte Pilger.

»Ist es nicht unerfreulich, wenn Ihr vom Betteln um Almosen sprecht? Bestimmt kommt Ihr aus der Fremde und wisst nicht, wie die Dinge hierzulande stehen. Hier in unserer Stadt neigen nicht nur die Hofbeamten, die Wohlhabenden und Altehrwürdigen zum Daoismus, sondern in erster Linie ist es unsere Majestät persönlich, die den Daoismus verehrt!«

Pilger wollte Genaueres wissen, und der eine Daoist erklärte: »Unser Land heißt Chechi – das Land der Trägen Wagen. Der König im Palast ist sogar mit uns verwandt.«

Pilger lachte laut und meinte: »Da ist wohl ein Daoist König geworden?«

»Das nicht«, antwortete der Daoist, »aber vor zwanzig Jahren ist unser Volk von einer großen Dürre heimgesucht worden, und da haben alle Bewohner, ob am Hofe oder im gemeinen Volk, Reinigungsbäder genommen, Weihrauch verbrannt und um Regen gebetet. Schließlich, als die Not am schlimmsten war, hat uns der Himmel drei Unsterbliche gesandt, die uns endlich Rettung brachten.«

»Was für drei Unsterbliche waren das denn?« wollte Pilger wissen.

»Es sind unsere eigenen Meister; der älteste heißt Tigerkraft, der zweite Hirschkraft, der dritte Widderkraft.«265

»Und was für Zauberkräfte besitzen die verehrten Meister?« fragte Pilger.

»Sie können im Handumdrehen Wind und Regen machen oder Steine in Gold verwandeln. Deshalb werden sie vom König so geachtet, dass er sogar mit uns Verwandtschaft geschlossen hat.«

»Euer König hat ja wirklich Glück gehabt. Mit Meistern solcher Künste Verwandtschaft zu schließen, da ist er gut weggekommen. Oh, könnte mir einfachem Daoisten vielleicht gar das große Glück beschert sein, dass ich die ehrwürdigen Meister zu Gesicht bekomme?«

Lächelnd sprachen die Daoisten: »Was soll daran schwierig sein? Wir sind deren engste Jünger; Euch bei ihnen einzuführen kostet uns nicht mehr Kraft, als Staub wegzupusten.«

Mit vor der Brust übereinandergelegten Händen machte Pilger eine tiefe Verbeugung und sprach: »Ich bin euch zu höchster Dankbarkeit verpflichtet. Gehen wir doch gleich hin!«

»Habt einen Moment Geduld«, sagten die Daoisten, »wir müssen noch eine offizielle Angelegenheit erledigen.«

»Was haben denn Mönche für offizielle Pflichten?«

wunderte sich Pilger. Die beiden zeigten auf die buddhistischen Mönche auf der Sandbank und erklärten: »Die dort arbeiten für uns. Damit sie nicht faulenzen, müssen wir kurz die Namenliste aufrufen. Wir sind gleich wieder da.«

Da sagte Pilger lächelnd: »Da liegen die Herren Priester aber falsch. Ob Mönche buddhistischen oder daoistischen Glaubens sind, widmen sie sich doch alle dem religiösen Leben; weshalb müssen jene für uns Daoisten arbeiten und von uns kontrolliert werden?«

»Ihr kennt die Umstände nicht«, erklärte der eine Daoist. »Damals, während der großen Dürre, haben auf der einen Seite die Buddhisten ihre Gebete gelesen, und auf der anderen Seite haben die Daoisten zu den Sternen gebetet. Beide machten Ansprüche auf Verpflegung und Sold vom Palast geltend. Doch die Gebete der Buddhisten waren wirkungslos; erst unsere Meister haben das Volk aus Not und Elend erretten können. Das haben die Daoisten dann dem König vorgebracht und gesagt, dass die Buddhisten zu nichts taugen. Anschließend hat man ihre Tempel abgerissen, ihnen die Mönchslizenz entzogen, und der König hat ein Edikt erlassen, das besagt, dass sie für uns arbeiten müssen wie die Knechte. Sie sind es nun, die bei uns das Feuer unterhalten und saubermachen. Weil da drüben noch Wohnhäuser im Bau sind, haben wir die Mönche mit dem Transport der Ziegel und Balken beauftragt. Und damit sie nicht faulenzen und der Muße frönen, machen wir beide nun den Kontrollgang.«

Da hielt Pilger die Daoisten am Ärmel zurück und klagte unter Tränen: »Ach, mir bleibt das Glück versagt! Ich ahnte doch, dass ich die verehrten Meister nicht sehen würde!«

»Warum denn nicht?«

»Nun, es gibt zwei Gründe, weshalb ich einfacher Daoist durch die Welt wandere: Erstens, damit ich was zum Leben habe, zweitens, weil ich auf der Suche nach Verwandten bin.«

»Was denn für Verwandte?«

»Ich habe einen Onkel väterlicherseits, der bereits als Kind buddhistischer Mönch geworden ist und in den letzten Jahren nie zu Hause erschienen ist. Da ich meine Vorfahren ausfindig machen will, bin ich auf der Suche nach ihm. Ich vermute, dass er hier aufgehalten wird und wir nichts von ihm hören, weil er sich nicht freimachen kann. Ich muss ihn unbedingt finden, bevor ich mit euch in die Stadt gehe.«

»Das ist nicht weiter schwierig«, meinten die Daoisten. »Dann warten wir hier auf Euch, und Ihr ruft auf der Sandbank die Namen auf. Es sind bloß fünfhundert Leute. Sollte sich Euer Onkel darunter befinden, werden wir ihn in Anbetracht der Gastfreundschaft freilassen und anschließend mit Euch in die Stadt gehen. Was meint Ihr dazu?«

Pilger dankte in einem fort, sprach einen Abschiedsgruß und hielt auf die Sandbank zu, indem er das doppelte Passtor durchquerte und über den schmalen Gratweg nach unten kam. Alle Mönche knieten vor ihm nieder, machten Kotau und riefen: »Ehrwürdiger Herr! Keiner von uns hat die Arbeit vernachlässigt, kein Einziger von uns fünfhundert fehlt, wir ziehen alle zusammen den Wagen.«

Pilger winkte ab und sagte: »Ihr braucht nicht niederzuknien, habt keine Angst. Ich bin nicht die Aufsicht. Ich komme, um einen Verwandten zu suchen.«

Als die Mönche das hörten, kamen sie alle auf ihn zu und umringten ihn, ein jeder streckte den Kopf hervor, hustete, räusperte sich und versuchte sich auf irgendeine Weise erkennbar zu machen.

»Wer von uns ist wohl mit Euch verwandt?« fragten sie. Pilger ließ den Blick über die Menge schweifen, dann begann er zu lachen.

»Warum lacht Ihr, ehrwürdiger Herr, noch bevor Ihr Euren Verwandten erkannt habt?«

»Warum ich lache? Weil aus euch allen nichts geworden ist! Eure Eltern haben euch wohl nur ins Kloster geschickt, weil eure Horoskope ein schlechtes Schicksal verhießen, das die Eltern in Mitleidenschaft ziehen könnte. Weshalb lasst ihr euch eigentlich von den Daoisten knechten, anstatt die Drei Schätze des Buddhismus zu ehren, die Heiligen Schriften zu lesen und eure Sünden mit frommen Gebeten zu tilgen?«

»Ehrwürdiger Herr, Ihr beschämt uns!« riefen die Mönche. »Wahrscheinlich kommt Ihr von anderswo her und wisst nicht, wie schlimm es hier zugeht.«

»Was ist denn schlimm?«

Unter Tränen berichteten die Mönche: »Der König unseres Landes ist ungerecht und unmenschlich. Nur solche wie Ihr, verehrter Herr, sind bei ihm gern gesehen, uns Jünger Buddhas aber verachtet er.«

»Wie kommt das?«

»Nur weil drei daoistische Unsterbliche hierherkamen, die Wind und Regen machen konnten. Da haben sie uns zu unterdrücken begonnen und den König verleitet, unsere Tempel zu zerstören, uns die Mönchslizenz zu entziehen und uns zu ihren Knechten zu machen. Das Leid ist unerträglich. Es braucht nur irgendein daoistischer Wandermönch durch die Gegend zu kommen, schon wird er ehrerbietig vor den König gebeten und beschenkt. Wenn aber ein buddhistischer Mönch kommt, ganz gleich ob von nah oder fern, dann wird er den Unsterblichen ebenfalls als Knecht verdingt.«

»Diese Daoisten müssen über irgendwelche magischen Fähigkeiten verfügen, dass sie den König derart irreführen können«, meinte Pilger. »Wenn sie bloß Regen machen, reicht das doch nicht, das Herz des Herrschers zu bewegen.«

»Sie verstehen sich auch aufs Herstellen von Elixieren aus Zinnober und Quecksilber und können Steine zu Gold machen. Nun haben sie einen Tempel zur Verehrung der Drei Reinen erbauen lassen und lesen dort Tag und Nacht daoistische Gebetsschriften, um dem König ewige Jugend zu erbeten. Deshalb hat sich der König derart von ihnen einnehmen lassen.«

»So verhält sich das also«, meinte Pilger. »Aber dann lauft doch alle davon!«

»Ehrwürdiger Herr, das geht nicht. Diese Unsterblichen haben vom König die Erlaubnis erhalten, von uns allen ein Abbild festzuhalten, das überall im Lande aufgehängt wurde. Die Grenzen unseres Landes sind weit gesteckt, und nun hängt in jedem Distrikt, jeder Präfektur, jeder Gemeinde, jedem Kreis und jedem Dorf so ein Bild. Darauf steht in der persönlichen Handschrift des Kaisers: ›Wer einen Mönch überführt, wird belohnt: Beamte erhalten eine Erhöhung um drei Amtsränge, Privatpersonen fünfzig Silberlinge.‹ Deshalb ist es uns unmöglich zu fliehen. Es bleibt uns nichts anderes, als diese Mühsal zu ertragen.«

»Dann wäre es ja besser, den Tod zu suchen.«

»Ehrwürdiger Herr, viele von uns sind schon gestorben. Einschließlich der Mönche, die von außerhalb dazugekommen sind, waren wir einst mehr als zweitausend! Doch in diesem schrecklichen Elend sind fast siebenhundert ums Leben gekommen; an die achthundert suchten freiwillig den Tod. Nur uns verbleibenden fünfhundert ist es nicht möglich zu sterben.«

»Was heißt da ›nicht möglich‹?«

»Wenn sich einer erhängen will, so reißt der Strick, wenn sich jemand in die Kehle schneiden will, bleibt er unverletzt, wer in den Fluss springt, bleibt an der Oberfläche, und wer sich vergiften will, bleibt unversehrt.«

»Das ist doch ein Glück, der Himmel beschert euch ein langes Leben!« rief Pilger.

»Ach, ehrwürdiger Herr, Ihr müsst ein Wort ändern: Ein langes Leiden! Zu allen drei Mahlzeiten erhalten wir nichts als dünne Reissuppe aus Rohreis, und abends müssen wir hier auf der Sandbank schlafen. Doch kaum schließen wir die Augen, werden wir von Göttern beschützt.«

»Was denn für Götter?«

»Es sind die sechs Ding- und die sechs Jia-Götterkrieger und die Schutzgötter der Klöster. Sobald es Nacht wird, sind sie hier und beschützen uns. Im Traume ermahnen sie uns, nicht den Tod zu suchen, sondern uns noch so lange der Mühsal zu beugen, bis ein Heiliger aus dem großen chinesischen Kaiserreich im Osten auf seinem Weg in den Westen hier vorbeikäme. Er habe einen Schüler, den

Himmelsebenbürtigen Großen Heiligen, der immense Zauberkräfte besäße, sich ganz dem Wirken guter Taten verschrieben habe und den Menschen auf Erden Unrecht vergelten helfe. Sie trösten uns immer, wir sollten einfach auf seine Ankunft warten, er würde dann die Daoisten vertreiben, so dass wir uns wieder unserer buddhistischen Lehre widmen könnten.«

Pilger lachte still in sich hinein:

»Denk bloß nicht, es mangelte

An Talent dem alten Sun;

Schon bevor ich hier erscheine,

Künden Götter meinen Ruhm!«

Schnell verabschiedete er sich und ging zurück zu den beiden Daoisten, die vor dem Stadttor warteten.

»Und, werter Herr, wer ist Euer Verwandter?« fragten sie.

»Alle fünfhundert sind mit mir verwandt!« erwiderte Pilger.

Die beiden lachten ungläubig und sagten: »Ihr könnt doch nicht so viele Verwandte haben?«

Pilger erklärte: »Hundert sind meine Nachbarn rechter Hand, hundert meine Nachbarn linker Hand, weitere hundert gehören der Familie meines Vaters an, hundert der Familie meiner Mutter, und die restlichen hundert sind eng mit mir befreundet. Falls ihr bereit seid, alle fünfhundert freizulassen, werde ich mit euch in die Stadt gehen. Wenn nicht, komme ich nicht mit.«

»Ihr müsst verrückt geworden sein, dass Ihr auf einmal solchen Irrwitz redet«, meinten die Daoisten. »Gemäß königlichem Befehl müssen wir, selbst wenn wir bloß einen oder zwei freilassen, ein Krankheitszeugnis abgeben, und erst wenn ein Todeszeugnis vorgelegt werden kann, ist der Fall erledigt. Wie kommt Ihr auf die Idee, alle freizulassen? Das geht gegen jeden Verstand, das ist unmöglich!«

»Ihr lasst sie also nicht frei?« fragte Pilger.

»Nein«, antworteten sie. Pilger wiederholte seine Frage drei Mal. Da wurde er wütend, riss die Eisenstange aus dem Ohr und streifte sie den Daoisten über die Köpfe. Die beiden gaben sofort den Geist auf.

Die Mönche auf der Sandbank hatten aus der Ferne beobachtet, was geschehen war, ließen den Wagen stehen, kamen herbeigelaufen und riefen: »O Unheil, Unheil! Ihr habt Verwandte des Königs erschlagen!«

»Wer soll hier mit dem König verwandt sein?«

Die Menge umkreiste ihn und rief: »Wenn ihre Meister die Audienzhalle betreten, müssen sie sich vor dem König nicht einmal verbeugen, und wenn sie wieder gehen, brauchen sie sich nicht zu verabschieden. Der König nennt sie die Herren Gebrüder Staatsmeister. Warum müsst Ihr hier ein solches Unheil anrichten? Die Unsterblichen werden behaupten, wir hätten es getan! Was nun? Wir müssen mit Euch in die Stadt, damit Ihr Eure Schuld gesteht.«

Pilger aber lachte und rief: »Werte Anwesende, bitte Ruhe! Ich bin kein daoistischer Wandermönch, ich bin Pilger Sun, der Schüler des Heiligen Priesters aus China. Ich bin gekommen, euch zu retten.«

»Nein, das kann nicht sein!« riefen die Mönche, »wir wissen, wie jener Herr aussieht.«

»Wie wollt ihr das wissen, ihr seid ihm doch noch gar nie begegnet?«

»Im Traum ist uns ein Greis erschienen, der sich Abendstern nannte und uns die Gestalt des Pilgers Sun beschrieb, damit wir ihn nicht verkennen.«

»Was hat er euch denn gesagt?«

»So hat er den Großen Heiligen beschrieben:

Seine Stirn ist hoch gewölbt,

Goldne Augen funkeln Licht;

Rundum ist das Haupt behaart,

Mit hohlen Wangen sein Gesicht.

Schräge Zähne, spitzer Mund

Und ein scharfes Temperament,

Noch bizarrer sieht er aus,

Als den Donnergott man kennt.

Er benutzt als Waffe stets

Einen Goldreifstab aus Erz,

Stiftete vor langem gar

Im Himmelreich Umsturz.

Nun geht er den rechten Weg,

Behütet einen Priester gut,

Zugleich hilft er überall

Allen Menschen aus der Not.«

Pilger hörte die Verse mit Ärger und Freude zugleich. Dann rief er unvermittelt: »Ja, ihr habt richtig gesehen. Ich bin nicht Pilger Sun, sondern ein Schüler von ihm; habe hier nur gerade ein bisschen ausprobiert, wie man Unheil stiftet. Doch schaut mal dort drüben, da ist doch Pilger Sun!«

Während er mit der Hand gen Osten wies und alle Blicke der gezeigten Richtung folgten, nahm er seine eigene Gestalt an. Wie die Mönche ihn nun gewahrten, fielen sie allesamt auf die Knie, verbeugten sich und riefen: »Ehrwürdiger Herr! Mit den Augen gewöhnlicher Sterblicher haben wir Eure Offenbarung nicht erkannt! O bitte, rächt uns und rettet uns aus der Not! Geht baldmöglichst in die Stadt, die bösen Geister zu bezwingen, damit alles wieder ins Reine kommt.«

»Kommt mit mir«, sprach Pilger, und die Menge schloss sich ihm an. Der Große Heilige schritt auf die Sandbank zu und zog den Wagen mit einer Magie über die beiden Pässe und den Gratweg, dann hob er ihn hoch und schmetterte ihn zu Boden, dass er zerbrach, und warf die Ziegel und Balken den Hang hinunter. Dann rief er den Mönchen zu: »Nun lauft! Geht mir aus den Augen, bis ich morgen beim König vorgesprochen und die Daoisten besiegt habe.«

»Ehrwürdiger Herr«, wandten die Mönche ein, »wir trauen uns nicht wegzugehen. Wir könnten von den Hofbeamten festgenommen werden, dann zögen wir uns so nur noch mehr Unheil zu!«

»Nun gut, dann will ich euch einen Schutzzauber mitgeben«, meinte Pilger. Der gute Große Heilige! Er riss sich ein Büschel Körperhaare aus, gab jedem Mönch ein kleines Stückchen davon und hieß sie, es sich unter den Fingernagel des Ringfingers zu stecken, die Faust zu ballen und dann wegzulaufen.

»Falls euch jemand fangen will, ballt ihr die Faust und ruft ›Himmelsebenbürtiger Großer Heiliger‹. Dann werde ich auf der Stelle zu Hilfe kommen. Ich garantiere euch, dass im Umfang von 10 000 Meilen keinem von euch etwas zustößt!«

Da ballten die kühneren unter den Mönchen sogleich die Faust und riefen leise: »Himmelsebenbürtiger Großer Heiliger!« Schon stand vor ihnen ein Donnergott mit Eisenstange, der so mächtig wirkte, dass selbst eine Armee von Tausenden berittenen Soldaten ihm nichts hätte anhaben können. Und als schließlich über hundert Mönche gleichzeitig den Namen riefen, erschienen mehr als hundert Große Heilige gleichzeitig. Unter Stirnaufschlägen riefen die Mönche: »Ehrwürdiger Herr, es hilft tatsächlich!«

»Mit dem Ruf ›Stille!‹ könnt ihr den Zauber stoppen«, fügte Pilger hinzu.

Wie die Mönche nun »Stille!« riefen, hatten sie wiederum nichts als ein Stück Haar unter dem Fingernagel. Freudig machten sich die Mönche auf den Weg.

»Geht nicht allzu weit weg«, mahnte Pilger, »und seht zu, dass ihr über die Vorgänge in der Stadt auf dem Laufenden bleibt. Sobald ein Edikt verbreitet wird, in dem buddhistische Mönche einbestellt werden, könnt ihr in die Stadt kommen und mir die Haare zurückgeben.«

Wie sich die Mönche nun in alle Himmelsrichtungen zerstreuten, sei hier nicht weiter ausgeführt. Wenden wir uns stattdessen Tripitaka und seinen Schülern zu, die lange vergeblich auf Pilger gewartet hatten, so dass Tripitaka schließlich Bajie das Pferd anführen hieß. Während sie weiter

gen Westen vorrückten, begegneten sie mehreren davonlaufenden Mönchen. Vor den Mauern der Stadt sahen sie dann Pilger, der sich noch bei einer Gruppe Mönche aufhielt.

»Wukong!« rief Tripitaka, »warum bist du so lange fortgeblieben?«

Pilger führte die Mönche zu Tripitaka und erzählte ihm, was sich ereignet hatte. Tripitaka erschrak nicht wenig und sagte: »Aber was soll dann aus uns werden?«

»Sorgt Euch nicht, ehrwürdiger Herr«, beruhigten ihn die Mönche. »Der Große Heilige Sun verfügt über immense Zauberkräfte, er wird Euch mit Sicherheit gut beschützen. Wir sind Mönche vom Königlichen Kloster der Tiefen Weisheit. Da das Kloster von einem Ahnen des jetzigen Königs errichtet wurde und dessen Statue darin verehrt wird, wurde es nicht abgerissen. Wir bitten die werten Herren, sogleich in die Stadt zu gehen und in unserem einfachen Kloster Quartier zu nehmen. Wartet dort die Morgenaudienz ab, da wird der Große Heilige bestimmt wissen, was zu tun ist.«

»So ist es«, sprach Pilger.

Nun willigte der Priester ein, stieg vom Sattel und schritt durch das Stadttor. Es dauerte nicht lange, da standen sie vor dem Klosterportal, über dem in goldenen Schriftzeichen die Inschrift prangte: »敕建智淵寺 – Königliches Kloster der Tiefen Weisheit«. Die Mönche stießen das Tor auf, durchschritten die Halle der Schutzgötter und öffneten die Haupthalle. Tripitaka warf sich seine brokatene Robe über und verneigte sich vor dem goldenen Bildnis des Buddha, bevor er eintrat. Nun riefen die Mönche den alten Mönch herbei, der im Kloster Aufsicht hielt. Kaum hatte dieser Pilger erblickt, verbeugte er sich vor ihm und sprach: »Da seid Ihr ja, ehrwürdiger Herr!«

»Wisst Ihr denn, wer ich bin?« fragte Pilger.

»Ja, der Himmelsebenbürtige Große Heilige. Wir träumen jede Nacht von Euch. Der Abendstern Taibai erscheint mir oft im Traum und sagt, sobald Ihr da wärt, würden wir gerettet. Nun ist es mir tatsächlich gegeben, Euer wertes Antlitz zu erblicken; ach, wie gut!«

»Steht auf«, lächelte Pilger, »morgen wird sich zeigen, wie es weitergeht.«

Die Mönche bereiteten eine Mahlzeit zu, und Meister und Schüler sättigten sich. Dann wurde die Abtei saubergemacht, und sie legten sich schlafen.

Es war schon zur Zeit der zweiten Nachtwache, als der Große Heilige etwas auf dem Herzen hatte, das ihn einfach nicht schlafen ließ. Schließlich vernahm er von irgendwoher Trommel- und Flötenklänge. Leise stand er auf, kleidete sich an, sprang in die Lüfte und hielt Ausschau. Direkt im Süden erspähte er den Schimmer von Kerzen und Lampions. Als er seine Wolke senkte und genauer hinsah, bemerkte er, dass die Daoisten im Tempel der Drei Reinen eine Zeremonie abhielten, in der sie die Sterne um Schutz vor Unheil anbeteten. Zu beiden Seiten des Eingangs waren Banner aus goldgelbem Brokat aufgehängt, auf denen die Verse zu lesen waren:

Wind und Regen zur rechten Zeit,

Dem König sei Allmacht gelobt!

Friede herrsche im ganzen Reich,

Dem Herrn langes Leben beschert!

Drei ältere Daoisten waren in festliches Ornat gekleidet, und ihnen zur Seite standen an die sieben-, achthundert Menschen, die Trommeln und Glocken schlugen, Weihrauch opferten und Gebete vortrugen.

»Am liebsten würde ich gleich runtergehen und mich unter die Menge mischen«, dachte Pilger. »Doch alleine wird das nichts, eine Hand allein gibt keinen Applaus. Da geh ich doch lieber erst mal zurück und hole mir Bajie und Sandmönch, dann können wir uns zusammen vergnügen.«

Er senkte die Wolke, ging in die Abtei und rief zuerst Sandmönch wach.

»Bruder, schläfst du denn noch nicht?« wunderte sich dieser.

»Steh auf!« flüsterte Pilger, »es gibt was Gutes für uns.«

»Was soll es denn geben, mitten in der Nacht?«

»Es gibt hier tatsächlich einen Tempel der Drei Reinen«, berichtete Pilger, »dort machen die Daoisten gerade eine Zeremonie. In der Halle stehen alle möglichen Opfergaben, Dampfbrote so groß wie Bottiche, Fladenbrote wohl an die sechzig Pfund schwer, zahllose Opferspeisen und frisches Obst. Gehen wir doch hin und bedienen uns!«

Bajie, der im Schlaf etwas von Essen gehört hatte, wachte auf und rief: »Bruder, und mir bringst du nichts mit?«

»Sei still«, flüsterte Pilger, »sonst wacht der Meister auf. Folgt mir!«

Die beiden zogen sich an, schlichen aus der Kammer und stiegen mit Pilger zu den Wolken empor, direkt auf den Tempel zu. Kaum hatte der Tölpel die Lichter erblickt, wollte er schon hinuntergehen, doch Pilger hielt ihn zurück. »Nur mit der Ruhe!« mahnte er. »Warten wir, bis alle gegangen sind, vorher können wir nicht runtergehen.« Dann legte er die Finger aneinander, murmelte einen Zauberspruch, holte aus der Richtung des Wind-Trigramms Xun einen tiefen Atemzug und stieß die Luft zum Tempel hin aus. Schon brauste ein Sturmwind über die Halle der Drei Reinen und fegte sämtliche Blumenvasen, Kerzenständer und die an den Wänden

aufgehängten Dankesflaggen zu Boden. Alle Lichter erloschen, und die Daoisten zitterten vor Furcht.

»Jünger, lasst uns abbrechen und gehen«, schlug der Tiger- Unsterbliche vor. »Dieser Götterwind hat ja alle Lichter

ausgelöscht. Morgen können wir dafür ein paar Gebetsschriften zusätzlich lesen.« Tatsächlich verließen die Daoisten den Tempel.

Pilger aber führte Bajie und Sandmönch nun in die Halle der Drei Reinen, wo sich der Tölpel sofort ein Gebäck ins Maul steckte.

»Sei doch nicht so kleinlich!« versetzte Pilger, »setzen wir uns anständig hin und essen, wie es sich gehört.«

»Unverschämt«, brummte Bajie, »da stiehlt er das Essen und will auch noch anständig sein! Wie sollten wir uns denn verhalten, wenn wir die Sachen geschenkt bekämen?«

Pilger aber fragte: »Was für Statuen sind das?«

»Die Drei Reinen, kennst du die denn nicht?« rief Bajie.

»Welche Drei Reinen?«

»Der Himmlische Ehrwürdige des Uranfangs, der Himmlische Ehrwürdige des Magischen Juwels und der Höchste Alte Meister Laozi!«

»Wir müssen uns in deren Gestalt verwandeln. Nur so können wir die Sachen in Ruhe genießen.«

Bajie, dem die Düfte der Opfergaben in die Nase stiegen, dass er nur noch ans Essen dachte, kletterte auf den Altar, stieß die Statue des Laozi mit der Schnauze vom Sockel und sagte: »Na, alter Herr, hier habt Ihr lange genug gesessen, lasst mich alten Eber ein Weilchen sitzen.«

Bajie verwandelte sich also in Laozi, Pilger in den Himmlischen Ehrwürdigen des Uranfangs und Sandmönch in den Himmlischen Ehrwürdigen des Magischen Juwels. Die Statuen aber stießen sie alle zu Boden.

»Bruder«, bemerkte Pilger, »falls nun einer der Daoisten vorbeikommt und die Statuen am Boden sieht, verraten wir uns doch. Versteck sie irgendwo.«

»Ich kenne mich hier nicht aus, wo soll ich sie verstecken?« fragte Bajie.

»Als wir hereingekommen sind, habe ich rechter Hand einen großen Teich gesehen«, erinnerte sich Pilger, »stoß sie einfach dort hinein.«

Tatsächlich sprang der Tölpel vom Altar, buckelte die drei Statuen auf und warf sie draußen ins Wasser. Dann schritt er zur Halle zurück und nahm wieder die Gestalt des Laozi an. Nun setzten sich alle drei nieder und machten sich genüsslich über die Speisen her. Pilger aß nur ein paar Früchte, die beiden anderen hingegen machten sich über die Gaben her wie ein Orkan, der die Wolken verweht. Am Ende war alles aufgefressen.

Doch lasst uns an dieser Stelle von einem jungen Daoisten berichten, der sich bereits im Korridor im Ostflügel schlafen gelegt hatte, als ihm plötzlich in den Sinn kam, dass er seine kleine Glocke in der Haupthalle hatte liegenlassen. Sofort eilte er in die Halle und tastete nach seiner Glocke, bis er sie endlich gefunden hatte. Als er sich zum Gehen wandte, war ihm auf einmal, als höre er ein Atemgeräusch. Von Entsetzen gepackt lief er aus der Halle, da trat er auf einen Litschikern und fiel der Länge nach zu Boden. Es gab ein helles Klirren, und die Glocke war entzwei. Bajie konnte sich nicht halten und lachte laut heraus. Dem jungen Daoisten wollten sämtliche Seelen aus dem Leib fahren; stolpernd rannte er zur Abtei, polterte an die Tür und rief: »Meister! Ein Unheil!«

Die drei Daoisten öffneten und fragten: »Was ist?«

Zitternd vor Angst berichtete er: »Euer Jünger war eben in der Halle, um die Handglocke zu suchen, da hat dort jemand laut gelacht. Ich bin fast gestorben vor Schreck!«

»Bringt Laternen!« befahl der alte Daoist, »schauen wir nach, was für ein Ungeheuer sich dort versteckt hat.«

Mit einem lauten Befehl weckte er alle Daoisten, die in den Seitenflügeln Nachtruhe hielten, worauf Alt und Jung aufstand, Licht anzündete und in die Halle strömte. Und da wir nicht wissen, wie das nun werden sollte, lasst uns das nächste Kapitel anhören.