Accueil > Die Reise nach Westen > Kapitel45

045 Im Tempel der Drei Reinen gibt der Große Heilige Namen an / Im Land der Trägen Wagen zeigt der Affenkönig Zauberkraft

Lasst uns nun berichten, wie der Große Heilige mit der linken Hand Sandmönch zwickte und mit der rechten Bajie, was die beiden sofort begriffen, worauf sie stumm und mit erstarrten Gesichtern aufrecht auf ihren Sockeln thronten. Wie sehr die Daoisten auch von hinten und vorn mit Laternen und Fackeln leuchten mochten, die drei blieben starr und steif wie vergoldete Lehmstatuen.

»Keine Übeltäter zu finden«, meinte Tigerkraft schließlich. »Doch wie kommt es, dass alle Opfergaben aufgegessen sind?«

»Es sieht wirklich aus, als wären sie von Menschen gegessen worden. Das Obst ist geschält worden und die Kerne ausgespuckt«, meinte Hirschkraft, »doch warum können wir niemanden auffinden?«

»Brüder«, sprach Widderkraft, »es steht außer Zweifel, unsere frommen Gebete müssen den Himmel so gerührt haben, dass die Drei Reinen niedergestiegen sind, um unsere Opfergaben anzunehmen. Bei dieser Gelegenheit müssen wir die Götter unbedingt um heiliges Wasser und Goldelixier bitten, das wird uns im Palast als Verdienst angerechnet!«

»Gute Idee«, pflichtete Tigerkraft bei. Er befahl den Jüngern, Musik zu machen und Gebete anzustimmen, holte seine festlichen Roben und meinte: »Ich werde jetzt den Gang des Siebengestirns ausführen.«266

Die Jünger stellten sich also in ordentlichen Reihen auf, ein heller Klang gab den Auftakt zur Zeremonie, worauf alle im Chor die »Wahre Schrift des Weges und der Kraft vom Gelben Palast« rezitierten. Tigerkraft warf sich die Festrobe über, nahm eine auf Jade geschriebene Gebetsformel zur Hand und

vollführte mit gewichtigen Schritten und rituellen Verbeugungen eine ausführliche Gebetszeremonie, mit der er um Goldelixier und heiliges Wasser bat, um es bei Hofe darzubringen.

Als Bajie die Gebete hörte, klopfte ihm das Herz bis zum Hals, und er flüsterte Pilger zu: »Das ist unser Fehler! Wir haben die Sachen aufgegessen und uns nicht rechtzeitig aus dem Staub gemacht. Wie sollen wir jetzt reagieren, wenn die eine solche Zeremonie veranstalten?«

Pilger zwickte ihn abermals, dann begann er plötzlich zu sprechen: »Werte junge Unsterbliche, haltet inne! Wir kommen gerade vom Pfirsichfest und haben weder Goldelixier noch heiliges Wasser dabei. Ein andermal wollen wir euch gern davon bescheren.«

Als all die daoistischen Jünger die Statue sprechen hörten, schlotterten sie am ganzen Leib und riefen: »Meister, die leibhaftigen Himmlischen auf Erden! Diese Gelegenheit dürfen wir nicht ungenutzt lassen, wenigstens um einen Unsterblichkeitszauber müssen wir sie doch bitten!«

Da trat Hirschkraft vor, verneigte sich abermals und sprach: »Ihr müsst uns unbedingt etwas heiliges Wasser hinterlassen, dass eure Jünger ihr Leben verlängern können!«

Sandmönch zwickte Pilger und flüsterte: »Bruder, die lassen nicht ab, jetzt fangen sie schon wieder an zu beten!«

»Dann geben wir eben was«, meinte Pilger.

Nachdem Flöten und Trommeln verklungen waren, ergriff Pilger wieder das Wort und sprach: »Junge Unsterbliche! Ihr braucht euch nicht zu verneigen. Zwar wollten wir kein heiliges Wasser geben, doch steht zu befürchten, dass so unsere Nachfahren aussterben. Euch davon zu geben ist uns ein Leichtes.«

Da warfen sich die Daoisten allesamt vor ihnen nieder, schlugen die Stirn auf den Boden und riefen: »Inständig bitten wir die Himmlischen, in Anbetracht unserer Verehrung uns mit ein bisschen heiligem Wasser zu beglücken! Wir, eure Jünger, verbreiten die gute Tugend überall und haben sogar den König veranlasst, sich zur Lehre des Mysteriums des Daoismus zu bekehren!«

»Dann bringt nun Gefäße«, sprach Pilger.

Dankbar verneigten sich alle Daoisten. Seht euch nun die Großen Unsterblichen an! Der eine kam mit einem Bottich, der andere trug einen Steinguttopf heran, der dritte riss die Blumen aus einer Vase und stellte diese zu den anderen Gefäßen in die Mitte.

»Geht nun alle nach draußen und schließt die Fenster«, wies Pilger an, »das himmlische Geheimnis darf nicht verraten werden.«

Die Daoisten taten wie geheißen und knieten alle draußen vor der Treppe nieder. Da richtete sich Pilger auf, streifte seine Schürze aus Tigerfell beiseite und pisste in die Vase.

»Schön«, lachte Bajie, »das wollte ich doch grad mal!«

Der Tölpel krempelte sein Gewand hoch, und schon rauschte es wie der Wasserfall am Lüliang-Berg in den Steinguttopf, bis er randvoll war. Auch Sandmönch füllte einen halben Bottich. Anschließend setzten sie sich wie zuvor als Statuen nieder, und Pilger rief: »Junge Unsterbliche, das heilige Wasser steht bereit!«

Die Daoisten stießen das Tor auf, dankten unter tiefen Verbeugungen, trugen dann den Krug, die Vase und den Topf nach draußen und befahlen ihren Jüngern, Trinkschalen zu bringen. Tigerkraft schöpfte eine Schale und leerte sie in kleinen Schlucken, dann schürzte er die Lippen und rieb sich den Mund.

»Schmeckt es, Bruder?« fragte Hirschkraft.

»Nicht besonders«, gab Tigerkraft zur Antwort, »etwas säuerlich herb, wie verdorbener Wein.«

Widderkraft kostete ein paar Schlucke und meinte: »Das riecht übel, wie Schweinepisse.«

Als Pilger auf dem Altar diese Worte hörte, wusste er, dass sie durchschaut worden waren, und flüsterte: »Ich lasse sie doch einfach unsere Namen wissen!« Dann rezitierte er laut:

»Daoisten, Daoisten!

Wie seid ihr doch irr!

Glaubt, die Drei Reinen

Kämen hierher?

Die wahren Namen267

Will ich euch weisen:

Mönche aus China,

Die westwärts reisen,

Kamen zum Tempel

In nächtlichen Stunden;

Erfreuten sich köstlich

An dem, was sie fanden.

Das Bitten und Beten,

Wer könnt’ es vergüten?

Das war doch kein heiliges Wasser,

Was ihr getrunken habt, war Pisse!«

Die Daoisten bewehrten sich mit Rechen und Besen, Ziegeln und Steinen und

schleuderten alles blindlings in die Halle.

Als die Daoisten das hörten, riegelten sie das Tor ab, bewehrten sich mit Rechen und Besen, Ziegeln und Steinen und schleuderten alles blindlings in die Halle. Der gute Pilger aber packte mit der Linken Sandmönch, mit der Rechten Bajie und stürmte mit ihnen durchs Portal ins Freie, wo sie auf einem glückverheißenden Lichtstrahl in die Höhe stiegen, zurück in den Tempel der Tiefen Weisheit. Auf leisen Sohlen, um den Meister nicht zu wecken, gingen sie wieder in die Abtei und legten sich schlafen.

Bald schlug es ein Viertel nach der fünften Nachtwache, der König begab sich zur Morgenaudienz vor den versammelten zivilen und militärischen Ministern. Zur selben Zeit stand Tripitaka auf und rief: »Schüler, begleitet mich zum Palast, damit wir unser Reisedokument vorlegen können!« Pilger, Sandmönch und Bajie folgten ihrem Meister zum großen Eingangstor vor den Königspalast, wo sie den Torwächter höflich begrüßten, ihre Namen nannten und um Audienz baten. Als der König die Meldung erhielt, rief er: »Müssen diese Mönche unbedingt hier den Tod suchen? Warum sind sie nicht längst von der Polizei festgenommen worden?«

Da trat der Große Präzeptor vor, verneigte sich und sprach: »Das Kaiserreich China liegt auf dem südlichen Kontinent Jambudvipa, 10 000 Meilen von hier entfernt. Das Schicksal muss ihnen besonders gewogen sein, möge Eure Majestät ihnen vorerst Zutritt gewähren, ihre Dokumente beglaubigen und sie ziehen lassen, nicht dass wir gute Verbindungen brechen.«

Der König willigte ein und ließ die Mönche vortreten.

Meister und Schüler stellten sich vor der Treppe nebeneinander in eine Reihe und ließen ihren Reisepass dem

König überreichen. Der hatte das Papier gerade

auseinandergefaltet, als abermals eine Meldung vom Torwächter kam: »Die drei Staatsmeister sind da!«

Rasch steckte der König das Dokument zu sich, befahl seinen Leibdienern, prachtvolle Hocker bereitzustellen, und empfing die Staatsmeister unter Verneigungen. Tripitaka und seine Schüler blickten nach hinten und sahen nun die drei Großen Unsterblichen mit gravitätischen Schritten geradewegs auf die Halle zuschreiten, gefolgt von zwei jungen Tempelknaben. Alle Beamten schlugen die Blicke nieder und machten tiefe Verbeugungen. Nun traten sie in die Audienzhalle, ohne sich vor dem König auch nur einmal zu verneigen.

»Werte Staatsmeister«, hub der König an, »wie kommt es, dass ihr mich mit eurem Besuch beehrt, ohne dass ich nach euch geschickt habe?«

Der älteste der drei Daoisten sprach: »Wir sind gekommen, Euch etwas zu berichten. Woher kommen diese Mönche?«

»Es sind Schriftenholer aus dem chinesischen Kaiserreich im Osten; sie reisen in den Westen und wollen ihren Reisepass abstempeln lassen.«

Da klatschten die Daoisten in die Hände, stimmten ein Gelächter an und riefen: »Wir dachten schon, die hätten sich aus dem Staub gemacht, nun sind sie tatsächlich noch hier!«

Erschrocken fragte der König: »Was habt ihr mir zu berichten? Diese Mönche haben mir eben erst ihre Namen genannt, und eigentlich wollte ich sie euch, werte Staatsmeister, gerade zur Verfügung stellen. Allein weil die Einsprache unseres Großen Präzeptors, sie in Anbetracht ihrer fernen Herkunft ziehen zu lassen, vernünftig schien, habe ich ihnen Audienz gewährt, um ihre Papiere zu begutachten. Dass die werten Staatsmeister danach fragen würden, hätte ich nicht gedacht. Sicherlich haben sie euch beleidigt oder sich vor eurem werten Antlitze ungebührend verhalten?«

Lachend erwiderten die Daoisten: »Majestät, Ihr müsst wissen, was sich zugetragen hat. Gestern sind diese Mönche hierhergekommen und haben vor dem Stadttor zwei unserer

Jünger erschlagen. Dann haben sie die fünfhundert buddhistischen Frondienstler freigelassen und den Wagen zerstört. Diese Nacht sind sie sogar in unseren Tempel eingedrungen, haben die Statuen der Drei Reinen zerstört und heimlich die königlichen Opfergaben gefressen. Im frommen Glauben, es wären die Himmlischen auf Erden gekommen, haben wir sie um heiliges Wasser und Elixier gebeten, um Eurer Majestät davon darbringen zu können. Sie aber haben uns schmählich betrogen und stattdessen Urin hinterlassen. Als wir sie gerade festnehmen wollten, haben sie sich aus dem Staub gemacht. Dass sie sich heute noch immer hier aufhalten, bestätigt nur das Sprichwort: ›Erzfeinde laufen sich leicht übern Weg‹!«

Erzürnt wollte der König sogleich alle vier zum Tode verurteilen. Da rief der Große Heilige mit lauter Stimme: »Wollen Eure Majestät den donnergleichen Zorn besänftigen und uns erlauben, uns dazu zu äußern! Es wird behauptet, wir hätten gestern vor dem Stadttor zwei Daoisten erschlagen. Wer aber kann dies bezeugen? Wir wollen einstweilen die Anschuldigung auf uns nehmen, also lasst zwei von uns für das Leben jener Jünger büßen, so dass noch zwei auf Schriftensuche gehen können. Des Weiteren wird behauptet, wir hätten den Karren zerschlagen und die Mönche freigelassen, doch auch das bleibt ohne Zeugen, kann also kaum mit dem Tod bestraft werden. Es sei damit getan, dass ein weiterer von uns dafür Buße tut. Schließlich wurde uns vorgehalten, wir hätten die Statuen der Drei Reinen zerstört und den Tempel verwüstet, doch wir sind ja eben erst aus dem fernen Osten angekommen, wie sollen wir wissen, was in deren Tempel vor sich geht? Und wenn wir schon Urin gegeben haben sollen, hätten sie uns auf der Stelle festnehmen müssen, statt uns nun hier bloß dem Namen nach Schuld zuzuweisen. Auf Erden gibt es unzählige, die unter falschem Namen agieren, wie kann man also ohne weiteres behaupten, wir seien es wirklich gewesen? Mögen Eure Majestät sich noch mal besinnen und die Sache gründlich untersuchen!«

Der König, der an sich wankelmütig war, wusste auf Pilgers Worte gar nicht mehr, was er beschließen sollte. Während er noch unschlüssig zögerte, kam abermals eine Meldung des Torwächters: »Majestät, vor den Toren bitten diverse Dorfälteste um Audienz.«

Der König ließ sie umgehend vorladen. Es waren an die vierzig alte Männer, die nun vor dem Thron Kotau machten und ihre Bitte vorbrachten: »Majestät, dieses Jahr ist im ganzen Frühjahr der Regen ausgeblieben. Wir befürchten, dass nun auch die Sommermonate Dürre bringen. Darum sind wir eigens gekommen, die ehrwürdigen Staatsmeister zu bitten, unser Volk mit einem fruchtbaren Regenguss aus der Not zu retten.«

»Verstanden«, sprach der König. Dann wandte er sich an Tripitaka und sagte: »Ihr Mönche aus China, wisset, aus welchem Grunde ich die Daoisten verehre und die Buddhisten unterdrücke: Es ist, weil wir einst um Regen beten ließen, die Buddhisten aber keinen Tropfen erbeten konnten. Erst als uns der Himmel unsere Staatsmeister sandte, wurden wir aus der Not gerettet. Nun kommt ihr aus der Ferne hierher und habt unsere Staatsmeister gekränkt, dafür müssten wir euch eigentlich verurteilen. Doch falls ihr bereit seid, im Wettstreit mit den Daoisten Regen zu machen, will ich euch die Strafe vorerst erlassen. Gesetzt den Fall, ihr seid erfolgreich, so will ich euch den Reisepass geben und euch laufenlassen. Falls aber kein Regen fällt, werdet ihr auf der Stelle vor Gericht geführt und öffentlich zum Tode verurteilt.«

Pilger lachte und meinte: »Nun, ich geringer Mönch verstehe mich auch ein bisschen aufs Regenmachen.«

Da befahl der König, den Altarplatz sauberzumachen, und ließ die königliche Sänfte bereitstellen. »Ich werde die

Zeremonie persönlich vom Phönixturm am Palasttor mitverfolgen.«268

Sogleich stellten mehrere Hofdiener die Sänfte bereit und führten den König flugs zu seinem Thronsitz auf dem Phönixturm. Tripitaka aber stellte sich mit Pilger, Sandmönch und Bajie davor auf, während die drei Daoisten den König nach oben begleiteten. Es dauerte nicht lange, da sprengte ein Beamter zu Ross heran und meldete: »Alle Vorbereitungen sind abgeschlossen, mögen die Herren Staatsmeister den Altar besteigen.«

Mit einer leichten Verbeugung verabschiedete sich Tigerkraft vom König und ging nach unten. Pilger aber stellte sich ihm in den Weg und fragte: »Wohin des Wegs, werter Herr?«

»Zum Altar, um Regen zu erbitten.«

»Ihr seid aber selbstsüchtig! Mönchen aus fernen Landen lasst ihr nicht mal den Vortritt«, rief Pilger, meinte dann: »Nun, so ist es eben: ›Auch ein starker Drache kriegt eine eingefleischte Schlange nicht unter.‹ So geht voran, mein Herr. Allerdings solltet Ihr vor dem Herrscher noch eine Vorrede halten.«

»Was für eine Vorrede?« wunderte sich der Unsterbliche.

»Nun, wir werden ja beide gleichzeitig auf dem Altar stehen, wie soll man wissen, ob der Regen von Euch kommt oder von mir? So wird nicht klar, wem das Verdienst zusteht. Wenn wir dann beiderseits bloß Behauptungen aufstellen, wird das keine rechte Sache. Erst wenn die Frage im Voraus geklärt ist, können wir beginnen.«

Da meinte der Große Unsterbliche: »Bei meiner Zeremonie braucht Ihr nur auf meinen Befehlsstab zu achten: Beim ersten Schlag kommt der Wind, beim zweiten ziehen die Wolken auf, beim dritten folgen Blitz und Donner, beim vierten wird Regen fallen. Und mit dem fünften Schlag lösen sich Wolken und der Regen wieder auf.«

»Wunderbar!« lachte Pilger, »so was haben wir Mönche noch nie miterlebt. Dann fangt mal an, bitte sehr!«

Gewichtigen Schrittes ging der Unsterbliche voran, Tripitaka und seine Schüler folgten ihm nach. Beim Eingang zum Altar sahen sie eine über drei Klafter hohe Tribüne, bei der links und rechts Banner mit den Symbolen der achtundzwanzig Himmelshäuser eingesteckt waren. Oben auf der Plattform stand ein Tisch mit Kerzen und einem Weihrauchgefäß, bei dem eine goldene Tafel lehnte, auf die der Name des Donnergottes eingekerbt war. Vor dem Tisch waren fünf große Tröge angeordnet, die bis obenauf mit

klarem Wasser gefüllt waren; darauf schwammen Weidenzweige, die eiserne Täfelchen trugen, auf denen in ornamentalen Symbolen die Namen der himmlischen Abteilungen für Donner geschrieben standen. Links und rechts standen fünf Pfähle, die mit den Namen der Donnerboten der fünf Himmelsrichtungen beschriftet waren. Neben jedem Pfahl standen zwei Daoisten mit Hämmern, die den Befehl abwarteten, auf die Pfähle zu schlagen. Hinter der Plattform

waren zahlreiche Daoisten mit dem Schreiben von Gebetsformeln beschäftigt, und genau in der Mitte stand ein Gefäß zum Verbrennen der Gebetssprüche bereit. Außerdem gab es mehrere Figuren, welche Gebetsboten sowie lokale Erd- und Schutzgeister darstellten.

Nun schritt der Große Unsterbliche hinein und betrat die Plattform. Ihm zur Seite war ein junger Daoist, der auf gelbes

Papier geschriebene Gebetsformeln und ein Schwert bereithielt, das er dem Unsterblichen nun überreichte. Da begann dieser mit dem Schwert in der Hand magische Formeln zu murmeln und verbrannte eines der Gebetspapiere über einer Kerze. Von unten kamen nun zwei, drei Daoisten, nahmen eine der Gebetssprüche haltenden Figuren und einen Schriftbogen und ließen beides ebenfalls in Flammen aufgehen. Jetzt hörte man oben den hellen Klang des Befehlsstabs, und schon konnte man sehen, wie am Himmel der Wind heranbrauste.

»Schlimm, schlimm!« brummte Bajie, »diese Daoisten haben tatsächlich was drauf! Kaum schlägt er mit dem Befehlsstab, kommt auch schon der Wind.«

»Sei still, Bruder«, flüsterte ihm Pilger zu, »sprecht ab jetzt nicht mehr mit mir; ich gehe die Sache mal anpacken.«

Der gute Große Heilige! Schon zupfte er sich ein Haar aus, das er in seine Gestalt verwandelte und neben Tripitaka stellte. Seinen wahren Körper aber ließ er als Urgeist aufsteigen, schnellte in die Lüfte und schrie: »Wer ist hier für den Wind zuständig?«

Sofort schürzte die Windmutter ihren Windsack, Xun der Windgeist schnürte sein Seil, und beide kamen Pilger zur Begrüßung entgegen.

»Ich beschütze den Heiligen Priester aus dem chinesischen Kaiserreich auf seinem Weg in den Westen«, erklärte Pilger, »im Moment muss ich gerade gegen dämonische Daoisten einen Wettstreit im Regenmachen gewinnen. Wie könnt ihr bloß den anderen helfen statt mir altem Sun? Die Strafe sei euch erlassen, doch stellt sofort den Wind ein! Und wenn ich auch nur den geringsten Wind um die Bärte jener Daoisten spielen sehe, kriegt jeder von euch zwanzig Stockschläge!«

»Wir werden es nicht riskieren«, beeilte sich die Windmutter zu sagen, und schon erfolgte kein Windhauch mehr. Unten stand der Unsterbliche mit dem Befehlsstab in der Hand, verbrannte abermals Gebetssprüche und ließ aufs Neue seinen Befehlsstab erklingen. Schon zogen sich am Himmel dicke Wolken zusammen.

»Wer ist hier für die Wolken zuständig?« schrie Pilger.

Erschrocken schwebten der Wolkenknabe und der Nebelherr heran und grüßten ihn höflich. Pilger wiederholte, was er eben den Windgöttern gesagt hatte. Da zogen auch Wolkenknabe und Nebelherr ihre Wolken wieder ein, dass die Sonne wie zuvor vom Himmel strahlte und am ganzen Himmel kein Wölkchen zu sehen war.

Der Daoist wurde nervös. Mit dem Schwert löste er sich die Haare, murmelte Zaubersprüche, verbrannte Gebetspapiere, und schließlich folgte der dritte Schlag mit dem Befehlsstab. Am Südlichen Himmelstor erschien nun Himmelsherr Deng mit dem Donnergott und der Blitzmutter, die Pilger höflich begrüßten. Pilger wiederholte seine Ausführungen und schloss mit den Worten: »Warum führt ihr eigentlich diese Befehle so beflissen aus? Um was für eine Magie handelt es sich?«

»Der Fünf-Donner-Zauber dieser Daoisten ist echt!« gab der Himmelsherr zur Antwort. »Ihre Dokumente dringen bis zum Jadekaiser, daher sind wir beauftragt worden, Donner, Blitz und Regen zu bringen.«

»Nun, dann haltet erst mal inne und wartet auf meine Anweisungen«, beschied Pilger.

Tatsächlich war nun kein Donner zu hören, und keine Blitze zuckten vom Himmel. Die Daoisten wurden immer unruhiger, verbrannten noch mehr Weihrauch und noch mehr Gebetssprüche, rezitierten ihre Zauberformeln, und schließlich erklang der vierte Schlag. Da waren auch schon die Drachenkönige der vier Meere am Himmel. Pilger rief ihnen zu: »Ao Guang, wohin des Wegs?«

Ao Guang und seine Brüder traten ihm mit höflicher Begrüßung entgegen. Pilger schilderte auch ihnen die Lage und sagte: »Neulich, als ihr eingesprungen seid, haben wir leider keinen Erfolg gehabt. Nun hoffe ich, dass ihr mir auch heute wieder beisteht.«

»Zu Befehl!« sprachen die Drachenkönige.

Nun wandte sich Pilger dankend an Ao Shun und sprach: »Neulich wurde mein Meister dadurch gerettet, dass Euer werter Prinz den Unhold einfing.«

»Der Schuft ist immer noch im Meer eingesperrt. Wir haben uns nicht getraut, aus eigenem Gutdünken zu handeln, eben wollte ich Euch fragen, Großer Heiliger, was wir mit ihm tun sollen.«

»Macht mit ihm, was ihr wollt«, versetzte Pilger, »doch steht mir heute bitte noch mal bei! Die Zeremonie der Daoisten ist nämlich schon abgeschlossen, nun komme ich alter Sun an die Reihe. Doch ich verstehe mich überhaupt nicht auf Zauberformeln, Spruchzettel und Befehlsstab. Da müsst ihr mir helfen.«

»Wer könnte es wagen, sich dem Befehl des Großen Heiligen zu widersetzen!« sprach Himmelsherr Deng. »Allein, irgendein Zeichen brauchen wir schon, damit wir wissen, wann die Befehle auszuführen sind. Wenn Donner und Regen durcheinandergeraten, wird es den Anschein machen, ihr hättet keine rechten Regeln.«

»Nun gut, ich werde euch mit meiner Stange ein Signal geben«, meinte Pilger. »Sobald ihr seht, dass ich die Stange hochhebe, bringt ihr Wind.«

»Machen wir!« beeilten sich die Windmutter und der Windgeist Xun zu antworten.

»Wenn ich sie zum zweiten Mal hochhebe, müssen Wolken aufziehen.«

»Wolken aufziehen, machen wir«, versicherten Wolkenknabe und Nebelherr.

»Beim dritten Mal müssen Blitz und Donner folgen.«

»Zu Diensten, zu Diensten«, antworteten der Donnergott und die Blitzmutter.

»Beim vierten Mal muss Regen fallen.«

»Zu Befehl, zu Befehl«, sprachen die Drachenkönige.

»Und beim fünften Mal soll die Sonne wieder hell am klaren Himmel stehen«, schloss Pilger. »Dass ihr mir ja nichts verpasst!«

Nun senkte Pilger seine Wolke, holte sein Haar an den Körper zurück und rief laut: »Bitte, mein Herr! Vier Schläge sind verklungen, und kein bisschen Regen ist gefallen. Nun lasst mich auftreten!«

Der Unsterbliche musste wohl oder übel die Plattform verlassen. Unzufrieden schürzte er die Lippen und begab sich umgehend zum König auf den Turm. Pilger folgte ihm und hörte, wie der König fragte: »Ich habe hier aufmerksam zugehört: Vier Mal tönte der Befehlsstab, doch warum ist kein Tropfen Regen gefallen?«

»Heute sind die Drachenkönige nicht zu Hause«, gab der Unsterbliche zur Antwort.

Da mischte sich Pilger ein und rief laut: »Majestät, alle Drachenkönige sind zu Hause, nur wirkt die Magie dieses Staatsmeisters nicht, darum kann er sie nicht herbitten. Seht nun zu, wie wir Buddhisten das machen!«

»Dann geht gleich auf die Tribüne, ich warte hier auf den Regen«, sprach der König.

Flugs wandte sich Pilger um und kam zum Altar, wo er Tripitaka am Ärmel packte und sagte: »Meister, steigt auf die Plattform!«

»Aber mein Schüler!« wehrte dieser ab, »ich kann doch keinen Regen herbeibeten.«

»Das nicht, aber Ihr könnt ein Sutra lesen.«

Zögerlich willigte der Priester ein und schritt auf den Altar, wo er sich aufrecht hinsetzte, seinen Geist sammelte und innerlich das Herz-Sutra aufsagte. Da sprengte ein Beamter zu Pferd heran und fragte: »Warum benutzt ihr keinen Befehlsstab und verbrennt keine Gebetssprüche?«

»Das ist nicht nötig«, rief Pilger, »wir beten in der Meditation.«

Der Beamte meldete die Antwort dem König. Als Pilger merkte, dass der Meister mit dem Sutra zu Ende war, nahm er seine Stange aus dem Ohr, schwang sie in den Wind und wies damit in den Himmel. Brausend fegte ein Sturmwind heran, der in der ganzen Stadt Ziegel, Staub und Steine mit sich riss; es war ein so gewaltiger Orkan, wie man ihn noch nie gesehen hatte. Pilger zeigte von neuem mit der Stange zum Himmel, da zogen dichte Nebelschwaden auf, und finstere Wolken ballten sich zusammen. Kaum hatte Pilger zum dritten Mal mit der Stange nach oben gezeigt, krachten Blitz und Donner, dass man hätte meinen können, es würden ganze Berge einstürzen. Die Bewohner der Stadt waren so verängstigt, dass alle Räucherwerk und Opfergeld verbrannten.

»He, alter Deng!« rief Pilger in den Himmel, »sucht mir sorgfältig eine Anzahl korrupter Beamter und missratener Söhne und schlagt sie mit Blitzen, zur Warnung für das Volk!«

Immer lauter grollte der Donner, Pilger aber hielt nun seine Stange ein viertes Mal in die Höhe, da prasselte ein heftiger Regenguss nieder, der den ganzen Vormittag über bis zum Mittag anhielt. Straßen und Gassen der Stadt waren voller Wasser.

Schließlich befahl der König: »Genug! Noch mehr Regen würde die Saat verderben, das wäre zu viel des Guten.«

Als Pilger das hörte, hielt er abermals die Stange hoch, worauf Donner und Wind sich legten, die Wolken sich lichteten und der Regen aufhörte. Der König freute sich sehr, und alle Minister riefen bewundernd: »Was für ein wunderbarer Mönch! Zwar verstehen sich unsere Staatsmeister sonst aufs Regenmachen, doch dauert es bei ihnen immer eine ganze Weile, bis der Regen richtig aufhört. Wie kann dieser Mönch nur auf einen Schlag wieder die Sonne an den wolkenlosen Himmel zaubern?«

Der König befahl alle zurück in die Audienzhalle, um den Reisepass abzustempeln und Tripitaka und seine Schüler ziehen zu lassen. Doch als er gerade den Stempel aufdrücken wollte, kamen die drei Unsterblichen und sprachen: »Majestät, der Regen war gar nicht das Verdienst der Buddhisten. Er ist durch unsere Kraft gekommen.«

»Eben habt ihr doch gesagt, die Drachenkönige seien nicht zu Hause, deshalb habe es keinen Regen gegeben. Als aber dieser Priester auf dem Altar in der Meditation betete, ist der Regen gekommen. Wie wollt ihr dessen Verdienst abstreiten?«

»Ich habe vor dem Altar ein Schreiben zum Himmel gesandt und Gebetssprüche verbrannt, da wagt sich kein Drachenkönig zu widersetzen. Wahrscheinlich sind sie gerade woanders hinbestellt worden, weshalb Wind, Wolken, Donner und Regen nicht da waren. Als mein Befehl sie schließlich erreichte, sind sie sofort gekommen, und der Zufall wollte es, dass zu diesem Zeitpunkt bereits der andere beim Altar stand. Nur darum ist Regen gefallen. Was die Ursachen betrifft, bin ich es, der den Regen ausgelöst hat. Das darf doch nicht als Verdienst des anderen gelten!«

Der König begann zu zweifeln und blieb unschlüssig. Da trat Pilger vor und sprach: »Majestät, solch abwegige Zaubereien kann man doch gar nicht als Verdienst bezeichnen, weder für uns noch für sie. Zur Zeit aber befinden sich die Drachenkönige der vier Meere noch über uns, denn bevor wir Buddhisten ihnen den Befehl zum Rückzug erteilt haben, wagen sie nicht abzutreten. Falls die Herren Staatsmeister sie veranlassen könnten, sich persönlich auf Erden zu offenbaren, soll das Verdienst ihnen zufallen.«

Das freute den König sehr, und er sprach: »Dreiundzwanzig Jahre sitze ich bereits auf dem Drachenthron, ohne je einen leibhaftigen Drachen gesehen zu haben. Einverstanden, mögen beide Parteien ihre Magie vollziehen. Wer es vermag, sie zum Erscheinen zu bewegen, dem soll das Verdienst zustehen; wer es nicht vermag, werde bestraft!«

»Das können wir nicht«, sagte der Daoist. »Versucht Ihr es.«

Da warf der Große Heilige den Kopf in den Nacken und rief lautstark in den Himmel: »Ao Guang, wo seid Ihr? Kommt her und zeigt euch bitte alle vier in eurer wahren Gestalt!«

Die Drachenkönige hörten seinen Ruf, ließen sich in ihrer eigenen Gestalt auf halbe Höhe nieder und schwebten vor der Audienzhalle zwischen Wolken und Nebel anmutig hin und her. Ehrfürchtig brannte der König in der Halle Weihrauch ab, während sich alle Hofbeamten unten an der Treppe zum Gebet verneigten.

Schließlich sprach der König: »Habt Dank für euer Erscheinen, ihr werten Wesen! Möget abtreten, wir werden uns mit Opfergaben erkenntlich zeigen!«

Und Pilger rief: »Alle Götter können auf ihre Plätze zurück, ich werde mich später bedanken!«

Die Drachenkönige strebten ihren Meeren entgegen, und die Götter kehrten in die Himmelssphären zurück. So war es in der Tat:

In der grenzenlosen Weite

Wahrer wunderbarer Lehre

Ist des Wesens höchste Wahrheit,

Die vor Irrglauben bewahre!

Und da wir nicht wissen, wie das dämonische Übel beseitigt wurde, lasst uns hören, was das nächste Kapitel erzählt.