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046 Ein Irrweg greift mit Macht die Rechte Lehre an / Der Herzensaffe tilgt mit heiliger Kraft das Böse

Wie berichtet wurde, hatte der König ja nun gesehen, dass Pilger Sun die Macht hatte, Drachen herbeizurufen, versah den Reisepass mit dem Abdruck seines Siegels und wollte ihn Tripitaka gerade überreichen, als auf einmal die drei Staatsmeister antraten, sich angstvoll vor dem Throne niederwarfen und um Anhörung baten. Eilends stieg der König vom Thron, reichte ihnen persönlich die königliche Hand zum Aufstehen und sprach: »Werte Staatsmeister, aus welchem Grunde ehrt ihr mich heute mit einem solch gewichtigen Ritus?«

»Majestät!« riefen sie, »wir sind in Euer Land gekommen, um Euch zu helfen, das Reich zu retten und das Volk zu schützen. Zwanzig Jahre lang sind wir Euch nach Kräften beigestanden, und nun haben diese Buddhisten mit ihren Wundertaten unseren Ruf vernichtet. Wollen Eure Majestät ihnen wirklich wegen eines einzigen Regenfalles ein Morddelikt nachsehen? Ist dies nicht eine Herabsetzung uns gegenüber? Wir bitten Eure Majestät, ihren Reisepass noch zu behalten, bis wir mit ihnen eine Wette ausgeführt haben.«

Diesem König fehlte es wirklich an klarem Verstand. Denn tatsächlich steckte er nun das Reisedokument wieder ein und fragte die Staatsmeister: »Was für eine Wette wollt ihr denn machen?«

Tigerkraft antwortete: »Ich will mich mit ihnen in der Meditation messen.«

»Das scheint mir unklug, Staatsmeister«, wandte der König ein, »diese Buddhisten üben sich doch von Kindesbeinen an im Meditieren, wie wollt Ihr es gegen sie aufnehmen?«

»Was ich beherrsche, ist eine andere Art von Meditation«, sprach der Unsterbliche, »man nennt das ›Offenbarung auf der Wolkenleiter‹.«

»Was bedeutet das?« wollte der König wissen.

»Es werden aus hundert Tischen zwei hohe Plattformen errichtet, je fünfzig Tische übereinander. Hochklettern ist nicht

erlaubt, ebenso wenig darf man mit Hilfe übereinandergestellter Hocker hinaufsteigen. Jeder muss auf einer Wolke emporschweben, sich auf dem obersten Tisch niederlassen und dort mehrere Stunden lang in regloser Versenkung verweilen.«

Der König sah die Schwierigkeit des Unternehmens, wandte sich an die Mönche und sprach: »Wer von euch ist in der Lage, es mit der Meditation auf der Wolkenleiter gegen einen der Staatsmeister aufzunehmen?«

Pilger zögerte und versank in Schweigen.

»Bruder!« drängte ihn Bajie, »warum sagst du denn nichts?«

»Offen gesagt«, meinte Pilger nun, »wenn es darum ginge,

zum Himmel hochzuwirbeln, Meere oder Flüsse aufzupeitschen und ähnliche Possen, das wäre für mich alles keine Sache. Doch im Meditieren werde ich verlieren; ruhig dasitzen widerstrebt einfach meiner Natur!«

Da meldete sich Tripitaka zu Wort: »Ich kann meditieren.«

»Dann ist’s ja gut!« freute sich Pilger. »Wie lange könnt Ihr denn sitzen?«

»In jungen Jahren bin ich einst einem ausländischen Zen- Mönch begegnet, der hat mich gelehrt, wie man den Geist im Ursprung der Lebenskraft ruhen lassen kann. Auf diese Weise kann ich gut und gerne zwei, drei Jahre sitzend zwischen Leben und Tod verharren. Nur auf die Plattform schweben kann ich nicht.«

»Geht nur hin und sagt zu«, antwortete Pilger, »ich werde Euch dann hochbefördern.«

Da wandte sich der Priester mit gefalteten Händen an den König und sprach: »Ich geringer Mönch verstehe mich auf die Meditation.«

Also erteilte der König den Befehl, die Tische aufzustapeln. Nach weniger als einer Stunde standen beide Tischtürme links und rechts vor der Audienzhalle bereit. Nun schritt Tigerkraft aus der Audienzhalle, stellte sich in der Mitte der Treppenstufen hin, sprang mit einem Satz auf eine Wolke und schwebte auf den Tischturm zur Westseite. Pilger aber zupfte sich ein Haar aus und ließ es als Fälschung neben Bajie und Sandmönch stehen, während er selbst den Meister als

regenbogenfarbene Wolke emporhievte und auf dem Tischturm zur Ostseite absetzte. Dann sammelte er sein glückverheißendes Licht und verdichtete sich zu einer Mücke, schwirrte an Bajies Ohr und flüsterte: »Bruder, sprecht meine gefälschte Gestalt nicht an!«

»Alles klar«, gab Bajie zurück.

Doch wenden wir uns Hirschkraft zu, der lange, auf einem schmucken Hocker sitzend, zugeschaut hatte, ohne dass sich auf einer Seite ein Anzeichen der Überlegenheit zeigte. Um seinem Ordensbruder zu helfen, zupfte er sich schließlich ein kurzes Nackenhaar aus, rollte es zusammen und schnippte es mit dem Finger nach oben, wo es als Wanze auf Tripitakas Glatzkopf landete und ihm in die Haut biss. Zuerst empfand der Priester ein Jucken, dann einen stechenden Schmerz. Doch bei der Meditation durfte er die Hände nicht bewegen, sonst hätte er die Wette verloren. Allmählich wurden die Schmerzen unerträglich, bis er schließlich den Kopf einzog und den Nacken am Kragen rieb.

»Es steht nicht gut«, flüsterte Bajie, »der Meister kriegt gleich einen Anfall.«

»Es sind gewiss nur Kopfschmerzen«, meinte Sandmönch. Pilger hörte es und dachte: »Mein Meister ist ein edler Charakter, wenn er sagt, dass er sich aufs Meditieren versteht, dann kann man sich drauf verlassen. Ich will mal schauen, was da los ist!«

Schon surrte er nach oben, setzte sich auf Tripitakas Haupt und sah die erbsengroße Wanze. Schnell zerquetschte er sie und rieb dem Meister die Haut. Ohne Schmerzen saß der Priester nun wieder ruhig aufrecht. Pilger aber sann im Stillen: »Auf den kahlen Schädel eines Mönchs setzt sich doch nicht mal eine Laus, wie kommt da eine Wanze hin? Das muss ein Trick dieser Daoisten sein. Haha! So schnell wird sich die Wette ohnehin nicht entscheiden, da will ich alter Sun mir auch mal einen Scherz erlauben.«

Er surrte hinüber, verwandelte sich in einen sieben Zoll langen Skolopender und biss ihn neben den Nasenflügel. Da kam der Daoist ins Wanken, stürzte kopfüber nach unten und hätte wohl auf der Stelle sein Leben ausgehaucht, wenn nicht so viele Leute sich um seine Rettung gekümmert hätten. Entsetzt beauftragte der König den amtierenden Präzeptor, den Daoisten in die Halle des Schrifttums führen zu lassen, damit er sich frisch machen könne. Pilger aber verwandelte sich wiederum in eine lichte Wolke und trug den Meister vor die Treppenstufen.

Da der Priester gewonnen hatte, wollte der König die Mönche ziehen lassen. Doch da meldete sich Hirschkraft wieder zu Wort und sprach: »Majestät, mein Ordensbruder leidet an chronischer Arthritis, und weil er dort oben dem Wind ausgesetzt war, ist die Krankheit ausgebrochen. Nur deshalb hat der Buddhist gewonnen. Lasst sie noch nicht ziehen; ich will mich mit ihnen im Raten durch die Wand messen.«

»Was heißt Raten durch die Wand?« wollte der König wissen.

Hirschkraft antwortete: »Ich geringer Daoist besitze die Kraft, verborgene Dinge zu sehen. Lasst uns schauen, ob diese Buddhisten sich darauf verstehen oder nicht. Falls sie besser raten als ich, mögen sie weiterziehen; wenn nicht, mögt Ihr sie verurteilen, damit ich mich für meinen Ordensbruder rächen kann.«

Wankelmütig wie er war, erteilte der König sogleich ein paar nahe stehenden Hofbeamten den Befehl, eine rotlackierte Truhe in den Wohnpalast zu tragen, damit die Königin einen kostbaren Gegenstand hineinlegte. Bald wurde die Truhe herangeschafft und vor die weiße Jadetreppe gestellt, worauf die Buddhisten und die Daoisten gebeten wurden, um die Wette zu raten, was sich in der Truhe befände.

»Aber meine Schüler«, machte Tripitaka erschrocken, »wie ist es möglich, zu wissen, was in der Truhe drin ist?«

Da stellte Pilger sein glückverheißendes Licht ein, verwandelte sich abermals in eine Mücke, landete auf Tripitakas Kopf und flüsterte: »Meister, seid unbesorgt! Ich geh hinein und schaue, was drin ist.«

Leise surrte er unter die Truhe, fand einen Spalt zwischen zwei Brettern und zwängte sich hinein. Drinnen sah er ein rotlackiertes Tablett, auf dem ein Palastgewand lag. Es bestand aus einem Oberteil mit prachtvollen Stickereien von Bergen und Flüssen und einem mit kosmischen Emblemen verzierten Rock. Pilger schüttelte das Gewand auseinander, dann biss er sich in die Zunge, bespuckte es mit Blut und sprach: »Verwandlung!« Da wurde das Palastgewand zu einem alten, zerlumpten Mönchsrock. Kurz bevor er ging, hinterließ er darauf noch eine Lache Affenpisse. Dann zwängte er sich wieder durch den Spalt ins Freie, flog zu Tripitaka, setzte sich auf dessen Ohr und wisperte: »Meister, ratet, es sei ein alter, zerlumpter Rock.«

»Aber es hieß doch, wir sollten einen kostbaren Gegenstand erraten«, flüsterte Tripitaka, »etwas Zerlumptes ist doch keine Kostbarkeit!«

»Kümmert Euch nicht drum, sagt es einfach!«

Da trat Tripitaka vor und wollte gerade sprechen, als Hirschkraft das Wort an sich riss und sagte: »Ich rate zuerst: In der Truhe befindet sich ein kostbares Palastgewand.«

»Nein, nein«, widersprach Tripitaka, »es ist ein alter, zerlumpter Rock.«

»Unverschämt!« rief der König, »dieser Mönch macht sich über unsere Staatsschätze lustig!«

Er befahl, Tripitaka festzunehmen. Dieser aber faltete die Hände vor der Brust und sprach: »Majestät, gewährt geringem Mönch einen Augenblick Zeit und wartet, bis die Truhe geöffnet ist. Falls es sich tatsächlich um eine Kostbarkeit handelt, werde ich mich der Strafe beugen. Sollte es aber keine Kostbarkeit sein, hättet Ihr mich zu Unrecht beschuldigt.«

Da ließ der König die Truhe öffnen, und zum Vorschein kam in der Tat ein alter, zerlumpter Rock. Aufgebracht rief der König: »Wer hat dieses Ding da hineingelegt?«

Hinter dem Drachenthron erschien die Königin und sprach: »Mein Herr, ich habe eigenhändig ein kostbares Palastgewand hineingelegt. Ich verstehe nicht, wie das geschehen konnte!«

»Möge die Königin abtreten, ich habe verstanden«, sprach der König und befahl: »Tragt die Truhe zu mir, ich werde selbst einen Gegenstand hineinlegen, dann versuchen wir es noch mal.«

Der König ging in den Garten im hinteren Teil des Palastes, pflückte einen großen Pfirsich und legte ihn in die Truhe. Diese wurde abermals vor die Treppe gestellt, und das Raten begann von neuem. Pilger schlüpfte wiederum durch die Ritze hinein, und dass er einen Pfirsich vorfand, war natürlich ganz nach seinem Geschmack! Also verwandelte er sich gleich in seine eigene Gestalt, setzte sich hin und verzehrte den Pfirsich genüsslich, bis nur noch der Kern übrig blieb. Den legte er hin, verwandelte sich wieder in eine Mücke, schwirrte zu Tripitaka und flüsterte ihm ins Ohr: »Meister, sagt, es sei ein Pfirsichkern!«

Tripitaka wollte sich gerade zu Wort melden, da rief Widderkraft: »Ich rate zuerst: Es ist ein Pfirsich.«

Tripitaka aber sprach: »Nein, es ist ein Pfirsichkern.«

Da rief der König: »Es ist ein Pfirsich, kein Kern; ich habe ihn eigenhändig hineingelegt. Der dritte Staatsmeister hat richtig geraten!«

»Majestät«, wandte Tripitaka ein, »bitte lasst die Truhe öffnen.«

Man öffnete und nahm das Tablett heraus. Tatsächlich, darauf lag ein Pfirsichkern, Fruchtfleisch und Schale waren weg. Nun kriegte es der König mit der Angst zu tun.

»Staatsmeister«, sprach er, »legt Euch lieber nicht weiter mit diesen Mönchen an. Lassen wir sie laufen. Ich habe wirklich einen Pfirsich hineingetan, und jetzt ist nur noch ein Kern übrig. Wer hat bloß die Frucht gegessen? Es müssen ihnen die Götter beistehen!«

Während er noch sprach, trat Tigerkraft, der in der Halle des Schrifttums gebadet hatte und frisch gekämmt worden war, vor den Thron und sprach: »Majestät, diese Mönche müssen sich auf die Magie verstehen, Dinge unbemerkt auszutauschen. Bringt die Truhe, ich werde ihren Zauber brechen. Raten wir noch einmal.«

»Was wollt Ihr denn noch raten?« fragte der König.

Tigerkraft antwortete: »Der Zauber wirkt nur bei Gegenständen, nicht aber bei Menschen. Wir verstecken jetzt einfach einen jungen Daoisten in der Truhe, dann machen wir den Deckel zu, bringen sie hinunter und lassen diese Buddhisten noch mal raten!«

Als Pilger wieder hinübersurrte und sich durch die Ritze

zwängte, sah er, dass es ein Tempelknabe war. Geistesgegenwärtig wie er war, verwandelte er sich in einen der daoistischen Meister und sprach: »Mein Jünger!«

»O Meister, wo kommt Ihr denn her?« wunderte sich der Knabe.

»Ich bin mit einer Unsichtbarkeitsmagie hereingekommen.«

»Was gibt es für Anweisungen?«

»Die Buddhisten haben gesehen, wie du in die Truhe gestiegen bist. Wenn er nun sagt, drin sei ein junger Daoist, dann haben wir schon wieder verloren. Darum bin ich gekommen, dir vorzuschlagen, dass du deine Haare scherst, und dann raten wir, es sei ein buddhistischer Mönch.«

»Ganz nach Eurem Willen, Meister«, sprach der Knabe, »Hauptsache, wir gewinnen!«

»So ist es«, sagte Pilger. Er verwandelte die Goldreifstange in ein Rasiermesser, fasste den Knaben um die Schulter und schnitt ihm blitzschnell alle Haare weg. Dann wischte er sie zu einem Haufen zusammen und stopfte sie in eine Ecke der Truhe. Zuletzt steckte er das Messer ein, fuhr dem Knaben mit der Hand über den Kopf und meinte: »So, mein Sohn, dein Kopf sieht jetzt aus wie bei einem buddhistischen Mönch, nur die Bekleidung noch nicht. Zieh mal dein Gewand aus, ich werde es für dich verwandeln.« Von Pilger mit etwas Atem behaucht, wurde aus der weißen Daoistenrobe eine ockergelbe Mönchsrobe. Pilger hieß ihn die Robe anziehen und zupfte sich dazu zwei Haare aus, die er in Holzfisch und Schlagstock verwandelte. Diese legte er dem Knaben in die Hand und sagte: »Höre, was ich dir sage, mein Jünger: Wenn er ›Daoistenmönch‹ ruft, dann geh auf keinen Fall hinaus. Sobald du aber hörst, dass jemand ›buddhistischer Mönch‹ ruft, musst du den Deckel aufstoßen und herauskommen, dazu musst du den Holzfisch schlagen und ›Buddha Amithaba‹ vor dich hinsagen. Merke dir, was ich gesagt habe! Ich gehe.«

Als Mücke flog er hinaus und wisperte in Tripitakas Ohr: »Meister, sagt, es sei ein buddhistischer Mönch.«

Im selben Moment meldete sich Tigerkraft und sprach: »Majestät, in der Truhe ist ein junger Daoistenmönch!« Und er rief nach ihm, doch natürlich kam er nicht heraus. Da faltete Tripitaka die Hände und sprach: »Nein, es ist ein buddhistischer Mönch.«

Laut doppelte Bajie nach: »In der Truhe ist ein buddhistischer Mönch!«

Da stieß der Knabe den Deckel auf und trat, den Holzfisch schlagend und buddhistische Gebete murmelnd, ins Freie. Die anwesenden Hofleute spendeten freudige Bravorufe. Die drei Daoisten aber brachten vor Schreck kein Wort heraus. Da sprach der König: »Gewiss stehen diese Buddhisten unter dem Schutz der Götter und Geister. Wie kann es sein, dass ein

Daoist hineingeht und ein Buddhist herauskommt! Staatsmeister, lasst sie ziehen!«

Doch Tigerkraft sprach: »Majestät, es ist nun so, wie das Sprichwort geht: ›Der Feldherr hat seinen Rivalen gefunden, der Schachspieler seinen ebenbürtigen Gegner.‹ Als ich klein war, habe ich im Zhongnan-Gebirge Kampfkünste erlernt, darin will ich mich mit ihnen messen.«

»Welche Art von Kampfkunst?« fragte der König.

»Wir besitzen alle drei magische Fähigkeiten, so können wir uns zum Beispiel den Kopf abschlagen lassen und ihn unversehrt wieder aufsetzen, den Bauch aufschlitzen und gleich wieder verheilen lassen oder sogar schadlos im siedenden Öl ein Bad nehmen.«

Entsetzt rief der König: »Das ist doch alles tödlich!«

»Eben weil wir diese Zauberkräfte besitzen, wagen wir den

Vorschlag zu machen. Wir wollen unbedingt einen Entscheidungskampf ausfechten.«

Da rief der König: »Ihr Mönche aus dem Osten! Meine Staatsmeister wollen euch nicht ziehen lassen. Sie bestehen darauf, mit euch eine Wette im Köpfen, Bauchaufschlitzen und Baden in siedendem Öl zu machen!«

Pilger, der noch als Mücke in der Luft schwirrte, nahm sofort sein Haar an den Körper zurück, erschien wieder in der eigenen Gestalt und rief mit lautem Lachen: »Wunderbar, die bringen uns das Geschäft direkt ins Haus!«

»Das sind doch alles tödliche Methoden«, rief Bajie, »warum sagst du so was?«

Aber Pilger erklärte unbekümmert: »Du kennst halt meine Fähigkeiten nicht:

Auch geköpft kann ich noch sprechen,

Nahtlos wächst der Bauch zusammen;

Leichter noch das Bad im heißen Öl,

Mir zum Waschen grad willkommen!«

Mit stolzem Gang trat er vor und sprach: »Majestät, ich geringer Mönch verstehe mich aufs Geköpftwerden.«

»Wie denn?« fragte der König.

»Ich habe früher mal so eine Methode erlernt, weiß nur nicht, ob sie gut funktioniert oder nicht. Das will ich heute grad mal ausprobieren.«

Der König lächelte und sprach: »Der Mönch ist jung und unerfahren. Wie kann man sich zur Probe köpfen lassen?«

Tigerkraft aber wandte ein: »Majestät, das ist uns gerade recht, so können wir unserer Wut Luft machen.«

Der Herrscher war nun konfus genug, einen Richtplatz herrichten zu lassen, und hieß den Mönch als Ersten zum Köpfen antreten. Freudig wandte sich Pilger mit vor der Brust übereinandergelegten Händen an die Daoisten und rief: »Verzeiht mir die Kühnheit, zuerst anzutreten!«

Dann drehte er sich um und betrat den Richtplatz, wo er von zwei Henkern gepackt und gefesselt wurde. Dann hörte man den Ruf: »Los!« und schon fiel der Kopf zu Boden. Der Henker gab ihm einen Tritt, dass er an die vierzig Fuß weit davonrollte. Pilger aber blutete nicht, und aus seinem Bauch tönte es: »Kopf, komm zurück!« Da sprach Hirschkraft eilends eine Zauberformel, die den Ortsgeist veranlasste, den Kopf festzuhalten, und weil er den Fünf-Donner-Zauber beherrschte, mussten sich ihm die Geister beugen. Der Ortsgeist hielt also insgeheim Pilgers Kopf fest, und als Pilger den Ruf wiederholte, schien der Kopf wie angewurzelt und bewegte sich nicht von der Stelle. Da wurde Pilger unruhig. Er ballte die Fäuste und stemmte sich in die Stricke, bis sie aufsprangen, dann rief er: »Wachsen!« Schon wuchs aus seinem Hals ein neuer Kopf heraus. Henker und Milizen der Palastgarde erzitterten bis aufs Mark, und einer der Schergen eilte in die Halle und meldete: »Majestät, dem Mönch ist nach dem Köpfen ein neuer Kopf gewachsen!«

Doch schon kam Pilger selbst daher, und der König rief eilig: »Mönch, ihr seid begnadigt!«

Doch Pilger widersprach: »Bevor wir unseren Reisepass

nehmen, muss sich der Staatsmeister ebenfalls im Geköpftwerden versuchen.«

Tigerkraft hatte keine andere Wahl, als sich ebenfalls auf den Richtplatz zu begeben. Die Henker fesselten ihm die Hände auf dem Rücken, schwangen den Säbel, hieben ihm den Kopf ab und beförderten ihn mit einem Fußtritt außer Reichweite. Es spritzte kein Blut, und man hörte ebenfalls den Ruf »Kopf, komm zurück!«.

Da riss Pilger sich blitzschnell ein Haar aus und verwandelte es in einen hellbraunen Hund, der zum Richtplatz rannte, den Kopf schnappte, ihn zum Stadtgraben trug und fallen ließ. Nachdem der Daoist drei Mal vergeblich nach seinem Kopf gerufen hatte, strömte sein Blut gurgelnd aus dem Hals, und er fiel augenblicklich in den Staub. Als die Umstehenden ihn besahen, war es ein gelber Tiger ohne Kopf.

Der König vernahm die Meldung des Schergen und erblasste. Da stand Hirschkraft auf und sprach: »Meinen Ordensbruder muss das Schicksal ereilt haben, doch wie kann er nur ein Tiger sein! Das ist doch nichts als ein Verblendungstrick dieser Buddhisten. Ich lasse sie auf keinen Fall ungeschoren davon! Jetzt will ich mich mit ihm im Bauchaufschlitzen messen!«

Pilger meinte: »Ich habe lange nichts Gekochtes mehr gegessen, doch vor ein paar Tagen hat ein Spender mich ermuntert, mich zu bedienen, da hab ich zu viele Dampfbrötchen gegessen; davon habe ich seit Tagen Bauchschmerzen. Ich wollte eigentlich schon darum bitten, mir das Messer Eurer Majestät auszuleihen, damit ich mir mal den Bauch aufschlitzen und die Eingeweide auswaschen kann; so kann ich erst richtig gereinigt in den Westen reisen und vor Buddha treten.«

Der König befahl, ihn abzuführen, doch Pilger entgegnete: »Ihr braucht mich nicht abzuführen, ich gehe selbst hin. Doch eins sei vorgemerkt: Bindet mir die Hände nicht; ich muss damit die Gedärme waschen können.«

Stolz schritt er auf den Richtplatz, wo er sich an einen Pfahl lehnte und die Mönchskutte öffnete, dass sein Oberkörper zum Vorschein kam. Die Henker banden ihn oben und unten an den Pfahl, schwangen einen Dolch und schlitzten ihm den Bauch auf. Pilger zog den Schlitz mit beiden Händen auf und begann seine Eingeweide eins ums andere herauszunehmen und zu reinigen. Nach einer geraumen Weile legte er alles wieder hinein, rollte die Darmwindungen wie zuvor zusammen, drückte mit den Fingern die Bauchhaut zusammen und

hauchte himmlischen Odem darüber. Mit dem Ruf »Wachsen!« war die Wunde bereits verheilt. Bestürzt hielt ihm der König das Reisedokument entgegen und sagte: »Heilige Mönche, ich will euch nicht länger aufhalten, hier ist euer Reisepass, zieht weiter!«

Doch Pilger lachte und meinte: »Der Reisepass kann warten. Wie wäre es, dem zweiten Staatsmeister nun ebenfalls den Bauch aufschlitzen zu lassen?«

Der König wandte sich an Hirschkraft und sprach: »Die Sache hat nichts mit mir zu tun, Ihr habt diese Wette verlangt. Also fügt Euch bitte!«

»Keine Sorge!« rief Hirschkraft, »ich werde bestimmt nicht verlieren.«

Seht, wie er genau wie Pilger mit stolzen Schritten zum Richtplatz schreitet!

Die Henker banden Hirschkraft fest und schlitzten ihm den Bauch auf, dann nahm auch er seine Eingeweide heraus und wühlte darin herum. Pilger aber zupfte sich ein Pelzhaar aus und verwandelte es in einen Adler, der die Flügel ausbreitete, im Sturzflug die Eingeweide schnappte und mit sich forttrug, um sie irgendwo weit weg zu verschlingen. Der Daoist aber blieb mit leerem offenem Bauch zurück, ohne Organe und Gedärme. Schließlich traten Henker den Pfahl um und zerrten die Leiche vor die Umstehenden. Oho, es war ein weißer Hirsch!

Der Daoist blieb mit leerem offenem Bauch zurück, ohne Organe und Gedärme. Der Scherge eilte zum König und berichtete, was geschehen war.

Von Grauen erfüllt rief dieser: »Wie kann es bloß ein Hirsch sein?«

Nun aber meldete sich Widderkraft und sprach: »Meine Ordensbrüder sind gestorben, doch wie kann es sein, dass sie Tiergestalt annehmen? Das ist doch nichts als eine Zauberei dieser Buddhisten, nur um uns zu schaden. Jetzt will ich mich für den Tod meiner Brüder rächen!«

»Was für Zauberkräfte habt Ihr denn, sie zu besiegen?« fragte der König.

»Ich werde mich mit ihnen im Baden in siedendem Öl messen.«

Der König ließ also einen großen Kessel mit duftendem Sesamöl füllen und hieß die beiden Parteien beginnen.

»Besten Dank für die Gefälligkeit«, meinte Pilger, »ich hab mich so lange nicht gewaschen, dass mich neulich schon die Haut gejuckt hat. Ich muss unbedingt ein Bad nehmen.«

Schon stellten des Königs Leibdiener einen Kessel bereit, schichteten Brennholz darunter und entfachten das Feuer. Als das Öl zu sieden begann, wurde der Buddhist geheißen, als Erster anzutreten.

»Soll es ein friedliches oder ein kriegerisches Bad sein?« fragte Pilger.

»Was meint Ihr damit?« wollte der König wissen, und Pilger erklärte: »Beim friedlichen Bad zieht man die Kleider nicht aus, legt nur die Hände über Kreuz, taucht einmal unter, dreht sich und kommt gleich wieder heraus. Dabei müssen die Kleider unbefleckt bleiben; wenn auch nur ein Tröpfchen Öl haften bleibt, hat man verloren. Für ein kriegerisches Bad benötigt man einen Kleiderständer und ein Waschtuch; man zieht sich ganz aus, springt hinein und purzelt dann nach Lust und Laune im Öl herum, mit Saltos und Handstand, wie bei einem lustigen Badeplausch.«

Der König wandte sich an Widderkraft, und dieser meinte: »Womöglich sind seine Kleider mit einer fettabweisenden Substanz behandelt. Besser ein kriegerisches Bad.«

Pilger trat also wiederum vor und sprach: »Verzeiht mir die Kühnheit, mich stets vorzudrängen!«

Seht, wie er seine Mönchskutte abstreift, sich der Schürze aus Tigerfell entledigt und dann mit einem Satz in den Kessel springt! Dort schlug er Wellen und spielte herum, als wäre er im Wasser. Bajie, der zuschaute, biss sich auf die Finger und

flüsterte Sandmönch zu: »Wir haben diesen Affen unterschätzt. Wer hätte je gedacht, dass er solche Fähigkeiten besitzt!«

Pilger bemerkte das Geflüster und argwöhnte: »Dieser Tölpel macht sich über mich lustig! Es ist doch, wie das Sprichwort sagt: ›Der Fähige müht sich ab, der Unfähige ruht sich aus.‹ Ich alter Sun muss hier diesen Tanz veranstalten, und er hat es schön gemütlich! Den will ich gleich mal in Stricke legen!«

Schon tauchte er mitten im Bade kopfüber auf den Grund, verwandelte sich in einen Dattelkern und kam nicht wieder zum Vorschein. Bald trat der Scherge vor und meldete: »Majestät, der junge Mönch ist im Kessel umgekommen.«

Erleichtert befahl der König, die Überreste herauszufischen. Der Henker nahm ein flaches Sieb und tauchte es ins Öl. Da die Löcher des Siebes sehr eng waren, machte sich Pilger klein wie ein Nagel und schlüpfte hin und her durch die Sieblöcher durch, so dass der Henker natürlich nichts herausholen konnte.

»Der Mönch war so klein und zart, dass sich seine Überreste bereits aufgelöst haben«, meldete er schließlich dem König.

Da befahl der König, die drei Buddhisten festzunehmen. Weil Bajie so furchterregend aussah, packten ihn die zu beiden Seiten bereitstehenden Wachsoldaten zuerst und legten ihn in Stricke. Da rief der erschrockene Tripitaka: »Majestät! Lasst mir geringem Mönch einen Moment Zeit. Mein Schüler hat mir, seit er unserem Orden beigetreten ist, auf Schritt und Tritt große Hilfe geleistet. Nun, da wir Eure Staatsmeister erzürnt haben und mein Schüler im Kessel umgekommen ist, würde ich geringer Mönch mich nie erdreisten, um unser Leben zu flehen, doch bitte ich um Eure Gnade, mir eine halbe Schale Reissuppe zu gewähren und mich vor diesem Kessel etwas Totengeld verbrennen zu lassen, damit ich den Gefühlen für meinen Schüler Ausdruck verleihen kann. Danach will ich mich der Bestrafung beugen.«

»Wie aufrichtig diese Chinesen ihre menschlichen Bande pflegen!« meinte der Kaiser und befahl, Reis und Totengeld zu bringen. Tripitaka hieß Sandmönch mit ihm kommen und trat vor die Treppenstufen, während die Wachsoldaten Bajie an den Ohren vor den Kessel schleiften. Nun sprach Tripitaka zum Kessel: »Ach, mein Schüler Sun Wukong!

Seit du den Geboten folgtest

Zum Buddhismus tief geneigt,

Schütztest du mich in den Westen,

Groß ist meine Dankbarkeit!

Wollten wir doch miteinander

Diesen großen Weg vollbringen;

Doch wer dachte je, es würde

Nun der Tod dich von uns trennen!

Stets lag dir die Schriftensuche

Als ein klares Ziel am Herzen;

So wirst du auch nach dem Tode

Weiterhin zu Buddha beten!

Weitgereiste Heldenseele

Muss nun in Geduld sich üben,

Um im Jenseits als Gespenst

Buddhas Tempel zu besteigen!«

Bajie hatte alles mitangehört und brüllte nun: »Meister, so geht das nicht, jetzt bin ich dran!« Und der am Boden gefesselte Tölpel schrie schnaubend vor Wut:

»Du jämmerlicher Affe!

Elender Pferdeknecht!

Recht geschieht dir, Affenschädel,

Du frittierter Pferdeknecht!

Endlich Schluss mit diesem Affen,

Aus ist es mit diesem Knecht!«

Als Pilger am Grunde des Kessel Bajies Schimpftirade hörte, fuhr er auf, stand nackt und triefend in seiner eigenen Gestalt auf dem Kesselboden und schrie: »Du elendes Mistvieh wagst mich zu beschimpfen!«

»O Schüler, du hast mich zu Tode erschreckt!« rief Tripitaka.

Bestürzt meldeten die zivilen und militärischen Hofbeamten dem König: »Majestät, der Mönch ist nicht gestorben, er ist im Kessel auferstanden!«

Aus Furcht, eine falsche Nachricht gebracht zu haben, fügte der Scherge hinzu: »Gestorben ist er schon, doch weil heute ein unheilvolles Datum ist, ist uns die Seele dieses jungen Mönchs erschienen!«

Pilger, der die Worte mitangehört hatte, schnellte wütend aus dem Kessel, schwang seine Stange und schlug den Schergen mit einem Hieb zu Brei.

»Was, ich soll als Geist auferstehen?« schrie er wütend.

Zu Tode erschrocken lösten die Beamten Bajies Fesseln und warfen sich um Vergebung flehend nieder. Der König wollte schon vom Thron steigen, da sprang Pilger hin, packte ihn und rief: »Majestät, bleibt hier! Lasst nun den dritten Staatsmeister ebenfalls in den Kessel steigen.«

Zitternd und bebend stammelte der König: »Dritter Staatsmeister, rettet mir das Leben und geht in den Kessel, nicht dass dieser Mönch mich schlägt!«

Da schritt Widderkraft die Stufen nieder, zog genau wie Pilger die Kleider aus, sprang in den Kessel und tat ebenfalls so, als würde er baden. Pilger aber trat an den Kessel und hielt die Hand hinein. Das Öl war kalt.

»Ha, ich weiß, was los ist«, dachte er, »da muss irgendein Drache liegen, der ihn schützt!«

Mit einem Satz schnellte er in die Lüfte und sprach die heilige Silbe »OM«, die den Drachenkönig des Nordmeeres

herbeizwang, und schrie: »Weh dir, du elender Schlammbeißer! Warum hilfst du diesem Daoisten mit einem kalten Drachen den Kesselboden isolieren, dass er mich mit seinem Zauber besiegt?«

Erschrocken beteuerte der Drachenkönig: »Euer Ao Shun würde es niemals wagen, ihm zu helfen. Aber Ihr müsst wissen, Großer Heiliger, dieses sündige Ungeheuer hat sich so lange harter Übung hingegeben, bis es seine Gestalt abzustreifen vermochte. Allein seine Fünf-Donner-Magie ist echt, alles andere sind abwegige Zaubereien, die nicht zu wahrer Unsterblichkeit führen. Die beiden anderen haben einst auf dem kleinen Maoshan-Berg die Magie der großen Häutung erlernt, und der hier hat sich selbst die Methode des ›kalten Drachens‹ angeeignet. Wie könnte dies auch dem Blick des Großen Heiligen entgehen! Ich geringer Drache werde ihm den ›kalten Drachen‹ sogleich entziehen und garantiere, dass er bis auf die Knochen verbrennt, was auch immer er anwenden mag.«

»Tut das sofort«, sagte Pilger. Da verwandelte sich der Drachenkönig in einen Sturmwind, fegte an den Kesselgrund, riss den kalten Drachen mit sich und trug ihn ins Meer.

Pilger, der vor der Thronhalle stand, sah, wie der Daoist nun verzweifelt umherruderte, aus dem Kessel zu steigen versuchte, ausglitt und binnen weniger Augenblicke mit Haut und Knochen zuschanden war. Ein Scherge meldete dem König: »Majestät, der dritte Staatsmeister ist verbrannt.«

Da stürzten dem König die Tränen aus den Augen; er brach über dem Tisch zusammen und rief laut schluchzend:

»Einen Menschenleib erlangen

Ist wahrhaftig schwer!

Ohne einen wahren Meister

Übe nie das Elixier!269

Geister rufen, Regen machen,

Eitle Zauber ohne Wert!

Denn sie hatten nicht das Mittel,

Das zu ewigem Leben führt.«

So war es in der Tat:

Was hilft die ganze Alchemie

Mit Gold und mit Mercurium?

Sind doch Wind- und Regenzauber

Letzten Endes ohne Sinn!

Und da wir nicht wissen, wie Meister und Schüler ihre Reise weiterführten, lasst uns das nächste Kapitel anhören.