Nun lasst uns berichten, wie der König in Tränen aufgelöst in seinem Thronsessel lehnte, als Pilger vortrat und rief: »Wie könnt Ihr nur so verblendet sein! Ihr habt doch die Leichen dieser Daoisten gesehen: Der eine war ein Tiger, der andere ein Hirsch, und Widderkraft war eine Antilope. Lasst doch seine Knochen rausfischen, wenn Ihr’s nicht glaubt! Es waren wilde Tiere aus den Bergen, die sich in Geistwesen verwandelt haben und hierherkamen, Euch zu schaden. Nur weil Eure Lebensenergie bislang noch stark genug gewesen ist, haben sie sich noch nicht getraut, Hand anzulegen. Sobald Eure Energie nachgelassen hätte, wären sie Euch auf den Leib gerückt, und das Reich wäre im Handumdrehen in ihren Besitz gefallen. Ihr könnt von Glück reden, dass wir Euch das Übel rechtzeitig beseitigt und das Leben gerettet haben! Was heult Ihr da noch? Gebt uns jetzt den Reisepass und lasst uns gen Westen ziehen!«
Auf diese Worte wurde dem König mit einem Mal alles klar. Gleichzeitig meldeten sich die Hofbeamten zu Wort und sprachen: »Bei den Verstorbenen handelt es sich wahrhaftig um einen Tiger und einen Hirsch. Im Kessel sind die Knochen einer Antilope. Die Worte des heiligen Mönchs dürfen nicht unterschätzt werden.«
»Wenn dem so ist«, sprach der König, »will ich mich bei Euch bedanken, heiliger Mönch! Heute ist es schon zu spät; möge der Präzeptor die heiligen Mönche zur Nachtruhe ins Kloster der Tiefen Weisheit bitten, doch morgen werden wir ein Dankesbankett veranstalten.«
Tags darauf hielt der König zur fünften Nachtwache vor Sonnenaufgang die Morgenaudienz und erließ vor der versammelten Beamtenschaft ein Dekret, in dem er alle buddhistischen Mönche in die Stadt berief. Das Aufgebot wurde an allen Straßen, die von den vier Stadttoren wegführten, aufgehängt. Gleichzeitig ließ er ein großes Festmahl vorbereiten und begab sich persönlich zum Kloster der Tiefen Weisheit, um Tripitaka und seine Schüler zum Bankett zu laden.
Als die geflüchteten Buddhisten vernommen hatten, dass
ein königliches Aufgebot für buddhistische Mönche ausgehängt war, kamen sie freudestrahlend in die Stadt, um
den Großen Heiligen aufzusuchen, ihm die Haare zurückzugeben und zu danken.
Nachdem der Priester das Festmahl beendet hatte, überreichte ihm der König den Reisepass und führte ihn in Begleitung sämtlicher Hofbeamten aus dem Palast. Da sahen sie die buddhistischen Mönche zu beiden Seiten der Straße knien und ihnen zurufen: »Himmelsebenbürtiger Großer Heiliger! Wir sind die Mönche, die Ihr am Sandstrand gerettet habt. Nun haben wir vernommen, dass Ihr die dämonischen Mächte ausgemerzt habt und unser Leid zu Ende ist. Und da unser König uns per Dekret aufbietet, können wir Euch jetzt die Haare zurückgeben und ehrerbietig für die Gnade des Himmels danken!«
»Wie viele seid ihr denn?« fragte Pilger lachend.
»Fünfhundert, kein Einziger fehlt.«
Mit einem Schütteln fing er seine Pelzhaare wieder ein, dann wandte er sich an den König und die Hofbeamten und sprach: »Es ist wahr, dass ich alter Sun die Mönche befreit habe. Ich war es nämlich, der den Karren durch die beiden Passtore geführt und dann durch den Pass des Grates gezogen und hinuntergestoßen hat. Ich war es auch, der die zwei dämonischen Daoisten erschlug. Doch nun, da alles Dämonische vernichtet ist, wisst Ihr endlich, dass der Buddhismus wirklich überzeugend ist. Handelt fortan nie wieder voreingenommen und intolerant. Ich hoffe, dass Ihr von nun an alle drei Lehren miteinander verbindet. Ehrt den
Buddhismus, ehrt den Daoismus und bildet auch konfuzianische Gelehrte aus. Dann wird Euer Reich auf ewig in Blüte stehen!«
Der König dankte ihm in einem fort. Anschließend geleitete er den Priester zum Stadttor hinaus.
Von da an ging es Tag für Tag weiter westwärts, morgens brach man zeitig auf, rastete erst abends spät; so vergingen Frühling und Sommer, und der Herbst begann. Eines Tages, als es schon dämmerte, zügelte Tripitaka sein Pferd und fragte: »Wo sollen wir heute ruhen, meine Schüler?«
»Lasst uns noch ein Weilchen im Mondschein weiterziehen, bis wir ein Gehöft finden, wo wir rasten können«, schlug Pilger vor.
Also zogen sie weiter. Doch es ging nicht lange, da hörten sie auf einmal ein lautes Wasserrauschen.
»Das ist das Ende«, rief Bajie, »hier kommen wir nicht weiter!«
»Es ist ein Fluss, der uns im Weg liegt«, stellte Sandmönch fest.
»Wie breit er wohl sein mag?« fragte Tripitaka.
»Ich schaue mal nach«, rief Pilger, sprang in die Lüfte, spähte in alle Richtungen, kam zurück und berichtete: »Meister, der Fluss muss enorm breit sein! Ich alter Sun kann ja tagsüber im Umkreis von tausend Meilen alles erkennen, und nachts sehe ich immerhin an die drei- bis fünfhundert Meilen weit. Doch von oben habe ich nicht mal das andere Ufer erspähen können. Wer weiß, wie breit der Fluss sein mag!«
»Was machen wir denn, meine Schüler?« rief Tripitaka erschrocken.
»Meister, schaut mal!« rief Sandmönch, »steht dort nicht jemand am Ufer?«
In wenigen Sätzen war Pilger bei der genannten Stelle. Aber oh! Das war ja gar kein Mensch, sondern eine Steinstele, auf der drei große Schriftzeichen antiken Stils eingemeißelt waren: » 通天河 – Fluss zum Himmel«. Darunter stand in kleinerer Schrift: »Achthundert Meilen ist der Weg ans andere Ufer, wenige sind je dort angelangt.«
Pilger rief seinen Meister herbei. Als Tripitaka die Inschrift gelesen hatte, kamen ihm vor Verzweiflung die Tränen.
Da rief Bajie: »Hört, Meister! Irgendwo klingen Trommeln und Zimbeln, da muss jemand eine Totenzeremonie abhalten. Lasst uns doch hingehen und schauen, ob es vielleicht was zu essen gibt. Dann können wir uns gleichzeitig nach einer Fähre erkundigen und morgen hinüberfahren.«
Tripitaka horchte vom Sattel aus und vernahm nun tatsächlich Klänge von Trommeln und Zimbeln. Über Stock und Stein gingen sie das Ufer entlang auf die Musik zu, bis sie eine Gruppe von Häusern erblickten, in denen wohl an die fünfhundert Familien wohnen mochten. Tripitaka stieg vom Pferd und sah nun, dass vor einem der ersten Häuser ein Fahnenmast angebracht war, der Hof von Kerzen und Lampions erleuchtet und mit schweren Weihrauchdüften erfüllt. Da schüttelte Tripitaka den Staub von seiner Robe und schritt mit dem Priesterstab auf das Haus zu. Am Eingang blieb er eine Weile stehen und sah, wie von drinnen ein alter Mann mit Gebetsperlen um den Hals »Buddha Amithaba« murmelnd auf das Tor zukam, um es zu schließen. Bestürzt rief ihm Tripitaka laut mit gefalteten Händen zu: »Seid gegrüßt, ehrwürdiger Herr!«
Der Mann erwiderte den Gruß und meinte dann: »Ihr seid zu spät.«
»Was wollt Ihr damit sagen?« fragte Tripitaka.
»Es ist nichts mehr übrig. Wäret Ihr früher gekommen, hättet Ihr Euch hier satt essen können. Wir haben jedem Mönch drei Maß gekochten Reis, zwei Stück Baumwollstoff und zehn Kupferlinge gespendet. Warum kommt Ihr so spät?«
Tripitaka verneigte sich und sprach: »Nicht der Almosen wegen bin ich hier, ehrwürdiger Herr. Ich geringer Mönch bin im Auftrag des Kaisers von China auf Pilgerfahrt in den Westen, um Heilige Schriften zu holen. Da ich erst am späten Abend Euer wertes Dorf erreicht habe, bin ich den Klängen der Trommeln und Zimbeln gefolgt, die aus Eurem Hofe zu hören waren, und wollte Euch um Nachtquartier bitten. Sobald der Morgen anbricht, werde ich weiterziehen.«
Der Alte winkte ab und meinte: »Mönche sollten nicht lügen. China liegt 54 000 Wegmeilen weit weg von hier. Wie ist es möglich, dass Ihr alleine eine solche Strecke bewältigt?«270
»Ihr habt recht, ehrwürdiger Herr«, erwiderte Tripitaka. »Ich habe noch drei Schüler dabei, dank deren Hilfe ich bis hier gelangen konnte.«
»Warum sind denn Eure Schüler nicht mit Euch zusammen?« wunderte sich der Alte. »Doch kommt herein, bei uns gibt’s genug Platz zum Übernachten.«
Tripitaka wandte sich um und rief: »Kommt herein, meine Schüler!«
Kaum hatten die drei den Ruf vernommen, führten sie das Pferd am Halfter, schulterten die Bündel und stürmten ohne jede Rücksicht in den Hof. Bei ihrem Anblick torkelte der Alte zu Boden und stammelte: »Ungeheuer, Ungeheuer!«
Tripitaka half ihm auf und sprach beschwichtigend: »Fürchtet Euch nicht, das sind meine Schüler.«
Zitternd fragte der Alte: »Wie kann sich ein anmutiger Priester wie Ihr nur derart hässliche Schüler aussuchen!«
»Nun, zwar sind sie nicht schön anzusehen, aber dafür verstehen sie sich aufs Bändigen von Tigern und Drachen und können auch Ungeheuer austreiben.«
Der Alte schien ihm nur halb zu glauben, doch führte er Tripitaka ins Haus, wo gerade mehrere Mönche Sutren rezitierten. Als diese die drei Schüler eintreten sahen, waren sie derart erschrocken, dass sie Hals über Kopf davonliefen. In der Halle brannten keine Fackeln mehr, und die drei brachen in lautes Gelächter aus.
»Wie rücksichtslos ihr seid!« schimpfte Tripitaka. »Ohne
jeglichen Anstand rennt ihr herein, erschreckt den ehrwürdigen Herrn, verscheucht die versammelten Mönche und stört die wohltätige Zeremonie ehrbarer Leute! Ihr bringt mich noch ins Verderben!«
Darauf wagten die Schüler nichts zu erwidern. Der Alte aber glaubte Tripitaka nun, dass es seine Schüler waren, wandte sich mit einer höflichen Geste an ihn und sprach: »Nicht so schlimm, werter Priester, wir haben die Fackeln gelöscht, weil die Zeremonie zu Ende war.«
Er rief nach Licht. Sofort kamen mehrere Diener mit Fackeln und Lampions, doch kaum hatten sie Bajie und Sandmönch erblickt, hasteten sie wieder ins Haus und riefen: »Ungeheuer sind da!«
Pilger zündete eine Kerze an, zog einen Lehnstuhl herbei und bot ihn Tripitaka zum Sitzen an. Die Ordensbrüder ließen sich neben Tripitaka nieder, und der Alte setzte sich ihm gegenüber. Während sie sich unterhielten, schlurfte noch ein alter Mann heran und fragte, auf seinen Stock gestützt: »Was sind denn das für Ungeheuer, die mitten in der Nacht unser rechtschaffenes Haus unsicher machen?«
Eilends stand der Alte auf und sprach: »Bruder, das sind keine Ungeheuer! Es sind Arhats aus dem chinesischen Kaiserreich, die zu Heiligen Schriften pilgern. Seine Jünger sehen etwas wild aus, doch unter dem grimmigen Äußeren verbirgt sich eine gute Natur.«
Da legte der Alte seinen Stock nieder, begrüßte die vier mit einer höflichen Geste und setzte sich zu ihnen. Als die Diener bemerkten, wie die beiden Alten sich friedlich mit den Mönchen unterhielten, wich auch ihre Angst, und bald brachten sie Tee und trugen Speisen auf. Nach dem Essen bedankte sich Tripitaka mit einer Verbeugung und fragte: »Ehrwürdige Herren, wie lauten eure werten Namen?«
»Unser Nachname ist Chen«, kam die Antwort. Da faltete Tripitaka die Hände vor der Brust und rief: »Dann ehren wir ja dieselben Vorfahren! Auch mein Nachname war im profanen Leben Chen. Darf ich fragen, was das für eine Zeremonie war, die ihr eben veranstaltet habt?«
»Das war eine Totenzeremonie im Voraus«, gaben die beiden zur Antwort.
»Ha, im Voraus hält man doch nur Zeremonien ab, um Totengeld ins Jenseits zu überweisen oder um ein Gelübde zu
erfüllen!« rief Bajie amüsiert, »aber doch nicht Totenzeremonien!«
Die Alten verneigten sich leicht und sprachen: »Ihr Schriftenholer, wie kommt es, dass ihr euch zu uns verirrt, anstatt dem rechten Weg zu folgen?«
»Freilich folgen wir dem rechten Weg!« erwiderte Pilger, »nur sind wir an einen breiten Strom gelangt, wo wir nicht hinüberkonnten. Dann haben wir Zimbeln und Trommeln gehört und sind hierhergekommen, ein Nachtlager zu suchen.«
»Ist euch am Ufer etwas aufgefallen?« wollten die Alten wissen.
»Nein, nur eine Steinstele«, gab Pilger zur Antwort.
»Etwas weiter am Oberlauf, eine knappe Wegmeile von der Stele entfernt, liegt der Tempel des Großen Königs Beseelten Erfühlens, habt ihr diesen gesehen?«
»Nein«, antwortete Pilger, »doch erzählt, Großväterchen, was hat es mit dem Beseelten Erfühler auf sich?«
Da brachen die beiden in Tränen aus und schluchzten: »Ach, werter Herr! Weil dieser Große König
Unsrer Gegend Not erfühlt,
Wir ihm diesen Tempel weihten;
Möge er auf tausend Meilen
Machtvoll seinen Schutz ausbreiten!
Jährlich bringt er unsrem Dorfe
Vieles an fruchtbarem Regen,
Jahr für Jahr steht unser Weiler
Unter seiner Wolken Segen.«
»Fruchtbarer Regen und Wolkensegen, dagegen ist doch nichts einzuwenden«, warf Pilger ein, »was ist es denn, das euch solchen Kummer bereitet?«
Da stampften die Alten verzweifelt mit den Füßen auf, schlugen sich mit den Fäusten an die Brust und riefen: »Ach, werter Herr!
Zwar stehen wir in seiner Gunst,
Doch der Kummer ist von Dauer;
Auch wenn er Erbarmen hat,
Bringt er uns am Ende Trauer!
Unsre Knaben, unsre Mädchen
Fordert er als Opfer ein;
Dies kann doch nicht eine lichte,
Aufrecht gute Gottheit sein!«
»Er frisst also eure Knaben und Mädchen?« fragte Pilger.
»So ist es.«
»Und nun wird es wohl eure Familie getroffen haben.«
»Ja, in diesem Jahr hat es uns getroffen. Unser Ort heißt ›Dorf der Sippe Chen‹ und liegt im Verwaltungsbezirk Yuanhui im Lande Chechi. Alljährlich verlangt der Große König einen unberührten Knaben und ein jungfräuliches Mädchen als Opfer, dazu Schweine, Schafe und süßen Wein. Wenn er dann alles verschlungen hat, garantiert er uns wieder Wind und Regen zur rechten Zeit, wenn wir ihm aber kein Opfer bringen, gibt es nur Leid und Katastrophen.«
»Wie viele Söhne habt ihr denn?«
Da schlugen sie sich verzweifelt an die Brust, und der Ältere rief: »Weh mir! Von Söhnen keine Rede! Ich geringer Alter heiße Chen Cheng, und das ist mein Bruder Chen
Qing. Ich bin jetzt dreiundsechzig Jahre alt, er achtundfünfzig. Beide hatten wir große Mühe mit dem Nachwuchs. Mir wurde nur eine Tochter geboren, die gerade acht Jahre alt wird. Sie heißt Yicheng Jin, Ein Barren Gold. Mein Bruder hat einen siebenjährigen Sohn, sein Name ist Chen Guanbao, Der vom Kriegsgott Beschützte. Zusammen zählen mein Bruder und ich schon hundertzwanzig Jahre, doch wurden uns nur diese beiden Kinder geschenkt. Nun ist die Opferpflicht völlig unerwartet unserem Hause zugefallen, und wir wagen nicht zuwiderzuhandeln. Aus Mitleid mit den Kindern haben wir ihnen darum im Voraus eine Zeremonie zur Erlösung ihrer Seelen veranstaltet. Dies ist der Grund, weshalb wir von einer Totenzeremonie im Voraus gesprochen haben.«
Als Tripitaka das alles vernommen hatte, konnte er seine Tränen nicht mehr zurückhalten und rief: »Es ist in der Tat, wie die alten Weisen sagten: ›Statt der gelben Mirabellen fallen die grünen – das Schicksal setzt jenen zu, die keine Kinder haben.‹«
Pilger aber lachte und meinte: »Wartet erst mal, ich will noch mehr erfahren. Großväterchen, wie viel Besitz gehört zu eurem Hofe?«
»Nicht wenig! Wir haben an die zweihundert Qing272 Felder
für Nass- und Trockenreis, dazu neunundachtzig Weideflächen. Getreidevorräte haben wir mehr, als wir je essen können, Gewänder mehr, als wir tragen können. Außerdem haben wir ansehnliche Ersparnisse und gute Einkommen.«
»Ihr müsst wohl durch Habgier zu Wohlstand gelangt sein«, bemerkte Pilger.
»Warum Habgier?«
»Weil ihr es bei einem solchen Guthaben noch übers Herz bringt, eure eigenen Kinder zu opfern. Ihr könnt euch doch für fünfzig Silberlinge einen Knaben kaufen, für hundert kriegt ihr ein Mädchen, das macht zusammen nicht mal zweihundert Silberlinge. Dann könntet ihr euren Nachwuchs doch behalten, oder?«
»Ach, werter Herr!« fielen die beiden schluchzend ein, »Ihr könnt Euch nicht vorstellen, was dieser Große König alles zu erfühlen vermag. Er kommt oft zu uns ins Dorf.«
»Wie sieht er denn aus, wenn er im Dorf herumgeht?« wollte Pilger wissen.
»Wir können ihn nicht sehen, aber wenn ein duftender Windstoß heranweht, wissen wir, dass es der Große König ist. Dann verbrennen wir Weihrauch und werfen uns betend nieder. Er weiß in jedem Haushalt über jede Einzelheit Bescheid, kennt sämtliche Geburtsdaten von Jung und Alt. Und jetzt will er niemand anderen als unsere beiden Kinder. Kinder, die genau gleich aussehen und dazu noch im selben Jahr und Monat zur Welt gekommen sind, gibt es auch nicht für Millionen von Silberlingen!«
»So verhält sich das also«, meinte Pilger. »Nun gut, dann holt bitte mal Euren Sohn, ich möchte ihn sehen.«
Chen Qing eilte hinein und trug kurz danach den kleinen Guanbao in die Gästehalle. Was wusste der Kleine von Leben und Tod! Er hatte beide Ärmeltaschen voller Süßigkeiten, hüpfte tanzend umher und naschte im Spiel. Pilger aber sah ihn an, murmelte im Stillen eine Zauberformel, schüttelte sich und sah auf einmal haargenau gleich aus wie Guanbao. Die beiden Kinder fassten sich an den Händen und tanzten zusammen vor den Lampions umher. Da warfen sich die beiden Alten entsetzt auf die Knie und riefen: »Um Himmels willen, werter Herr! Eben haben wir noch miteinander gesprochen, und da seht Ihr aus wie mein Sohn! Das wird uns Lebenszeit kosten! Bitte, verwandelt Euch wieder zurück!«
Pilger strich sich mit der Hand übers Gesicht und nahm wieder seine eigene Gestalt an. Da knieten die Alten vor ihm nieder und stammelten: »Dass der werte Herr über derartige Fähigkeiten verfügt!«
»Sah ich Eurem Sohne ähnlich?«
»Und wie! Aufs Haar.«
»Würde das durchgehen beim Opfer?«
»O ja, bestimmt!«
»Was meint Ihr dazu, wenn ich mich anstelle Eures Kindes dem Großen König opfere, damit Ihr Euren Nachwuchs behalten könnt?«
Da schlug Chen Qing die Stirn auf den Boden und rief: »Wenn Ihr so barmherzig seid und Euch anstelle meines Sohnes opfern wollt, so will ich dem Priester aus China 1000 Silberlinge auf seine Reise in den Westen mitgeben!«
»Und mir?« versetzte Pilger, »ich kriege nichts zum Dank?«
»Wenn Ihr Euch anstelle meines Sohnes opfert, gibt es Euch ja nicht mehr!«
»Warum denn nicht?«
»Dann wird Euch der Große König auffressen!«
»Er soll mich zu fressen wagen?«
»Es sei denn, er findet Euch ranzig.«
»Mag geschehen, was der Himmel will«, lachte Pilger. »Frisst er mich, so war mir halt ein kurzes Leben bestimmt; frisst er mich nicht, habe ich Glück gehabt. Ich werde mich für Euch opfern.«
In höchster Dankbarkeit schlug Chen Qing unentwegt die Stirn auf den Boden und versprach weitere fünfhundert Silberlinge. Chen Cheng aber machte weder Stirnaufschläge, noch sprach er Dank aus, sondern lehnte am Türpfosten und weinte bitterlich. Pilger packte ihn am Arm und rief: »Ihr weint wohl um Eure Tochter, werter Herr?«
Da kniete Chen Cheng nieder und schluchzte: »Ja, so ist es. Eigentlich ist es ja mehr als genug, dass wir Euch das Leben meines Neffen verdanken. Aber auch wenn ich bloß eine Tochter habe, wird sie doch auch um mich weinen, wenn ich geringer Alter mal gestorben bin. Wie könnte ich es da übers Herz bringen, sie wegzugeben?«
»Nun, dann lasst sofort fünf Scheffel Reis und ein paar leckere fleischlose Gerichte zubereiten, serviert alles dem Priester mit der langen Schnauze und bittet ihn, sich in Eure Tochter zu verwandeln«, meinte Pilger. »Dann wollen wir zwei Ordensbrüder uns zusammen opfern und eine gute Tat vollbringen, indem wir das Leben eurer Kinder retten. Was meint ihr dazu?«
Wie Bajie das hörte, durchfuhr ihn ein gehöriger Schrecken, und er rief: »Bruder, was heckst du da aus? Ohne Rücksicht auf mein Leben ziehst du mich in diese Sache rein!«
»Werter Bruder, so geht das Sprichwort: ›Auch Hühner müssen für ihr Futter arbeiten!‹ Nun sind wir in dieses Haus gekommen und dürfen uns hier satt essen, warum also nicht die Leute von ihrer Not erlösen?«
»Aber ich kann mich doch nicht verwandeln!«
»Du kannst doch auch sechsunddreißig Verwandlungen! Warum behauptest du da, es nicht zu können?«
»Wuneng!« rief Tripitaka, »dein Ordensbruder hat recht. Du weißt: ›Ein Menschenleben retten ist noch mehr wert, als eine siebenstöckige Pagode zu errichten‹! Mit dieser Tat könnt ihr euch bei den Leuten bedanken und gleichzeitig gutes Karma anhäufen. Geht beide zum Opfer!«
»Aber ich kann mich doch höchstens in so was wie Berge,
Bäume oder Steine verwandeln, in Elefanten oder Wasserbüffel, vielleicht auch noch in einen Fettwanst, das könnte gehen. Aber doch nicht in ein so kleines Mädchen! Das ist echt schwierig.«
»Werter Herr, bringt Eure Tochter hierher«, bat Pilger.
Chen Cheng ging unverzüglich hinein und brachte sein Töchterchen Yicheng Jin in die Gästehalle, die ganze Sippschaft hinter ihm her. Nun warfen sich Alt und Jung, Mann und Frau allesamt auf die Knie, machten Kotau und flehten um die Rettung des Kindes. Das Mädchen, das von Kopf bis Fuß in bunten Kleidern steckte, naschte ebenfalls Süßigkeiten.
»Bajie«, rief Pilger, »hier ist das Mädchen. Verwandle dich sofort in ihre Gestalt, dann gehen wir zum Opfer!«
»Wie soll ich mich bloß in ein derart zierliches Geschöpf verwandeln?«
»Beeil dich«, rief Pilger, »sonst gibt’s Schläge!«
Da bekam es Bajie mit der Angst zu tun. Er murmelte eine Zauberformel, schüttelte sich und rief: »Verwandlung!« Tatsächlich war nun sein Gesicht dem des Mädchens ähnlich, doch blieb er feist und plump.
»Streng dich an!« kicherte Pilger.
»Da kannst du mich schlagen, wie du willst; es geht einfach nicht!«
»Das sieht ja aus wie der Kopf eines Mädchens auf dem Körper eines Mönchs, weder Mann noch Frau, was soll denn das! Schreite mal den Gang des Siebengestirns ab!«
Nun behauchte ihn Pilger mit beseeltem Odem, und tatsächlich, sein Körper veränderte sich, bis er dem Mädchen aufs Haar glich.
»Nun lasst eure werten Angehörigen die Kinder hineinbringen«, wies Pilger die beiden Alten an. »Gebt ihnen was Leckeres zu essen und seht zu, dass sie nicht weinen, sonst könnte der Große König noch davon Wind bekommen. Und wir beide machen uns auf ins Vergnügen!«
Die Frauen des Hauses gingen wie geheißen mit den Kindern hinein. Nun fragte Pilger: »Wie sollen wir nun geopfert werden? Gefesselt oder geknebelt? Gesotten oder gehackt?«
»Bruder, mach jetzt keine Streiche!« flehte Bajie, »solche Künste kann ich doch nicht!«
»Aber nein«, beschwichtigten die Alten, »ihr braucht euch nur auf zwei rote Lacktabletts zu setzen, die wir auf einem Tisch zum Tempel tragen.«
»Sehr gut«, meinte Pilger, »bringt doch die Tabletts gleich mal her und lasst es uns ausprobieren!«
Die beiden Alten brachten die Tabletts, Pilger und Bajie ließen sich darauf nieder, dann wurden sie von vier Burschen auf einem Tisch in den Hof getragen und nach einer Runde wieder in der Halle abgesetzt. Pilger kicherte und meinte: »Bajie, das fühlt sich ja an wie ein Mönch auf einem Ehrensitz!«
»Wenn es bloß ums Herumtragen ginge, und sei’s bis morgen früh, hätte ich auch keine Angst«, versetzte dieser. »Doch wir sollen in den Tempel getragen und gefressen werden, das ist doch nicht zum Lachen!«
»Verlass dich auf mich«, beruhigte ihn Pilger. »Während er mich frisst, kannst du ja davonrennen.«
»Ja, falls er zuerst den Knaben frisst, ist das in Ordnung. Was aber, wenn er zuerst das Mädchen frisst?«
Da erklärte der Alte: »Bei den Opferzeremonien haben sich ein paar mutige Gesellen schon mal im hinteren Teil des Tempels oder unter dem Altartisch versteckt und gesehen, dass er immer zuerst den Knaben gefressen hat.«
»Zum Glück!« stieß Bajie hervor.
Während sie noch redeten, dröhnten auf einmal Gongs und Trommeln, Fackeln und Lampions erhellten die Nacht, die Gästehalle wurde geöffnet, und man hieß die beiden Kinder wegtragen. Die beiden Alten schluchzten, und die vier Burschen trugen die Kinder hinaus.
Und da wir nun wirklich nicht wissen, wie es um deren Leben stand, lasst uns das nächste Kapitel anhören.