Wie berichtet wird, machten sich alle Gläubigen vom Dorf der Sippe Chen daran, Schweine und Schafe, süßen Wein und andere Opfergaben, darunter auch Pilger und Bajie, unter großem Lärm und Trubel zum Tempel des Beseelten Erfühlens zu tragen. Knabe und Mädchen wurden zuvorderst platziert. Als Pilger sich umblickte, bemerkte er auf dem Altartisch, inmitten von Blütenblättern und Kerzen, eine Schrifttafel, auf der geschrieben stand: »Dem Gott des Beseelten Erfühlens«. Die Gläubigen stellten sich in geordneten Reihen auf, machten alle gemeinsam Kotau und riefen: »Großer König! In diesem Jahr und Monat, am heutigen Tage zur jetzigen Stunde, bringen Euch, wie es der alljährliche Brauch verlangt, Chen Cheng und sein Bruder aus dem Dorf der Sippe Chen einen unbefleckten Knaben namens Chen Guanbao und ein unbeflecktes Mädchen namens Yicheng Jin zum Opfer. Zudem stehen dem Großen König Schweine, Schafe und Opferwein zur Verfügung. Segnet uns mit Wind und Regen zur rechten Zeit, auf dass unsre Ernten reichlich ausfallen.«
Nachdem die »Papierpferde« genannten Opferbilder und Gebetssprüche verbrannt worden waren, kehrten die Leute in ihre Häuser zurück. Als Bajie sah, wie sich die Leute entfernten, meinte er zu Pilger: »Lass uns nach Hause gehen!«
»Wo bist du denn zu Hause?« fragte Pilger.
»Gehen wir doch zu den Chens und legen uns schlafen.«
»Quatsch, du Tölpel! Was wir versprochen haben, müssen wir auch halten.«
»Du nennst mich Tölpel, dabei bist du selber einer! Wir haben doch nur Spaß gemacht mit den Alten, das war doch nicht ernst!«
»Das Sprichwort geht: ›Was du beginnst, das führe auch zu Ende.‹ Wir müssen auf jeden Fall warten, bis der Große König erscheint, nur so können wir die Sache zu Ende führen. Ansonsten wird das Dorf anschließend von Katastrophen heimgesucht, das wäre doch nicht wünschenswert!«
Während sie noch redeten, brauste auf einmal ein heulender Windstoß heran.
»Jetzt ist es aus«, sagte Bajie. »Wenn der Wind heult, kommt der Dingsda.«
»Schweig«, wies ihn Pilger zurecht, »ich werde mit ihm sprechen.«
Kurz darauf erschien ein Ungeheuer vor dem Tempelportal, versperrte das Tor und brüllte: »Aus welcher Familie stammt das Opfer?«
»Danke für die Nachfrage«, erwiderte Pilger, »wir kommen aus dem Hause von Chen Cheng und Chen Qing.«
Der Unhold schöpfte Verdacht und dachte: »Wie kühn und redegewandt dieser Knabe ist! Normalerweise verschlägt es den Opfern auf meine erste Frage die Sprache, und wenn ich weiterfrage, fallen sie vor Schreck in Ohnmacht. Wenn ich sie dann packe, sind sie meist schon tot. Wie kommt es, dass dieses Kind so schlagfertig ist?«
Er traute sich nicht, den Knaben sofort zu packen; stattdessen fragte er nach ihren Namen.
»Der Knabe heißt Chen Guanbao, das Mädchen Yicheng Jin«, gab Pilger lachend zur Antwort.
Da sprach das Ungeheuer: »Die Opferung erfolgt nach alten Regeln. Da du mir zum Opfer dargebracht worden bist, muss ich dich jetzt fressen.«
»Ich will mich nicht erdreisten zu widerstehen«, sagte Pilger, »greift nur zu!«
Als der Unhold diese Worte hörte, wagte er erst recht nicht zuzupacken, stemmte sich in den Türrahmen und brüllte: »Schluss mit diesen Frechheiten! Sonst fresse ich immer zuerst den Knaben, aber jetzt will ich das Mädchen!«
Entsetzt rief Bajie: »Großer König, lasst es doch beim Alten! Althergebrachte Regeln sollte man nicht brechen.«
Ohne sich auf weitere Diskussionen einzulassen, stürzte sich der Unhold auf Bajie. Der aber schnellte mit einem Satz vom Tisch, nahm seine eigene Gestalt an, packte den Rechen und schlug zu. Der Unhold wich aus und ergriff die Flucht. Etwas klirrte, und Bajie rief: »Ich habe ihm die Rüstung zerschlagen!«
Da verwandelte sich Pilger ebenfalls zurück und fand am Boden zwei tellergroße Fischschuppen.
»Ihm nach!« schrien beide und schossen in die Lüfte. Das Ungeheuer, das keinerlei Waffen bei sich hatte, schwebte nun mit leeren Händen in wolkiger Höhe und fragte: »Wo kommt ihr her, ihr Mönche? Wie könnt ihr es wagen, mich zu täuschen?«
»Du Zankteufel kennst uns also nicht«, schrie Pilger. »Wir sind heilige Mönche aus dem chinesischen Kaiserreich und reisen im Auftrag des Kaisers in den Westen, um Heilige Schriften zu holen. Gestern haben wir im Hause der Chens übernachtet und dabei vernommen, dass hier ein Dämon umgeht, der sich ›Beseelter Erfühler‹ nennt und alljährlich einen Knaben und ein Mädchen zum Opfer verlangt. Aus Mitleid haben wir beschlossen, ihnen das Leben zu retten und das Ungeheuer festzunehmen. Gib sofort Bescheid, wie viele Jahre lang du dich hier schon als Großer König aufgespielt und wie viele Kinder du schon gefressen hast! Mach eine detaillierte Abrechnung, dann kommst du mit dem Leben davon.«
Doch der Unhold floh, von Bajies Rechen knapp verfehlt, in einen Sturmwind verwandelt in den Fluss zum Himmel.
»Wir brauchen ihn nicht zu verfolgen«, meinte Pilger. »Es muss sich um irgendeinen Flussdämon handeln. Lass uns morgen überlegen, wie wir ihn festnehmen und den Meister über den Fluss führen.«
Bajie zeigte sich einverstanden, und so gingen sie in den Tempel, wo sie alle Opfergaben samt den Tischen einsammelten und zum Gehöft der Chens brachten. Tripitaka, Sandmönch und die Gebrüder Chen saßen gerade in der Haupthalle und warteten auf Nachricht, als sie auf einmal sahen, wie die beiden alle Schweine, Schafe und andere Opfergaben in den Innenhof warfen.
Als Tripitaka fragte, wie die Opferung gewesen sei, erzählte Pilger die ganze Geschichte mit dem Ungeheuer. Überglücklich ließen die beiden Alten die Nachtlager herrichten, damit sich die Pilgernden zur Ruhe legen konnten, doch davon sei hier nicht weiter die Rede.
Lasst uns stattdessen von dem Unhold erzählen. Dieser war nämlich, knapp dem Tod entronnen, in den Fluss geflohen und hockte nun schweigend in seinem Palast. All die kleinen und großen Wassertiere seiner Sippschaft wunderten sich und fragten: »Großer König, sonst seid Ihr doch nach dem Jahresopfer immer so guter Laune; was verstimmt Euch heute so sehr?«
»Ja, sonst habe ich euch auch immer Reste mitbringen können, diesmal hab ich selbst keinen Happen gekriegt. Ich bin auf ebenbürtige Gegner gestoßen und hätte um ein Haar das Leben verloren!«
Wer es denn gewesen sei, wollten die Wassertiere wissen. Der Unhold sprach: »Zwei Schüler eines heiligen Mönchs aus dem chinesischen Kaiserreich, die in den Westen pilgern, um Buddha zu sehen und Heilige Schriften zu holen. Die haben, in einen Knaben und ein Mädchen verwandelt, in meinem Tempel gesessen und hätten mich beinahe erschlagen. Dabei ist gar meine eigene Gestalt zum Vorschein gekommen. Schon lange habe ich von einem Priester Tripitaka aus China reden hören. Er soll sich über zehn Inkarnationen hinweg der Vervollkommnung gewidmet haben, und wer ein Stück Fleisch von ihm fressen kann, soll ein ewiges Leben erlangen! Ich hätte nur nicht gedacht, dass ihm solche Schüler zur Seite stehen. Und die haben mir nun meinen Ruf geschändet und die Opfergaben verwehrt! Am liebsten möchte ich mir diesen Priester schnappen, nur scheint das nicht so einfach zu sein.«
Da meldete sich aus dem Wasservolk ein gesprenkeltes Mandarinfischweib zu Wort und sprach: »Großer König! So schwierig ist es auch wieder nicht, diesen chinesischen Priester zu fangen. Bekomme ich eine Belohnung, wenn wir ihn mit meiner Hilfe zu fassen kriegen?«
»Wenn wir ihn mit Eurem Plan erwischen, werde ich Euch fortan als Schwester betrachten und ihn mit Euch zusammen verspeisen.«
Da machte das Fischweib eine Verbeugung und sprach: »Es ist weitum bekannt, Großer König, dass Ihr die Macht habt, Wind und Regen zu machen und Flüsse und Meere aufzupeitschen. Versteht Ihr Euch aber auch darauf, Schnee zu machen?«
»Ja, freilich.«
»Und Eis?«
»Durchaus.«
Da klatschte das Fischweib in die Flossen, lachte und rief: »Dann ist es ja ganz einfach!«
»Lasst den Plan hören.«
»Noch in dieser Nacht lasst Ihr zur Zeit der dritten Nachtwache um Mitternacht einen eiskalten Wind aufziehen, der reichlich Schnee mit sich führt, so dass der Fluss gefriert. Dann schickt Ihr diejenigen von uns, die mit der Kunst der Verwandlung vertraut sind, in Menschengestalt auf die Straßen, von wo aus sie dann, mit Bündeln und Schirmen bestückt, auf dem Eis Lasten tragen, Karren schieben und geschäftig hin und her gehen sollen. Sobald der chinesische Priester, der es sicher eilig hat, seine Schriften zu holen, die Leute übers Eis gehen sieht, wird er sich bestimmt zur Überfahrt anschicken wollen. Ihr aber, Großer König, braucht nur auf dem Grund zu warten. Sobald Ihr seine Schritte hört, lasst Ihr einfach das Eis brechen, dass er mitsamt seinen Schülern ins Wasser fällt. Auf diese Weise ist er auf einen Schlag in unserer Hand.«
»Ausgezeichnet!« freute sich der Unhold, verließ den Wasserpalast und stieg in die Lüfte. Wie er nun Wind und Schnee entfesselte und alles in Frost und Eis erstarren ließ, sei hier nicht weiter ausgeführt.
Der Unhold entfesselte Wind und Schnee und ließ alles in Frost und Eis erstarren. Zur selben Zeit weilten Tripitaka und seine Schüler im Hause der Chens und schliefen. Kurz vor der Morgendämmerung begann die Kälte in ihre Decken zu dringen.
»Ist das aber frisch, Bruder!« rief Bajie.
»Tölpel«, gab Pilger zurück, »du bist einfach unverbesserlich. Mönche halten sich doch nicht wegen Kälte oder Hitze auf; warum frierst du so schnell?«
»Es ist wirklich kalt«, bemerkte nun auch Tripitaka.
Keiner konnte weiterschlafen. Schließlich standen sie auf, kleideten sich an und öffneten die Tür. Oh! Draußen war alles weiß!
»Kein Wunder, dass euch derart friert«, meinte Pilger.
Wie Jadeplättchen und Baumwollflaum tanzten die Flocken vom Himmel. Während sich Meister und Schüler noch an dem Anblick ergötzten, hörten sie, wie die Brüder Chen ihre Diener anwiesen, den Weg freizukehren und heißes Waschwasser zu bringen. Dann wurde auf einem Ofen mit glühenden Kohlen heißer Tee mit Milchfladen aufgetragen. Nachdem man sich um den Ofen gesetzt hatte, fragte der Priester: »Ehrwürdiger Herr, wie steht es hier mit den Jahreszeiten, kennt Ihr auch Frühling, Sommer, Herbst und Winter?«
Lächelnd antwortete der alte Chen: »Wohl leben wir hier recht abgeschieden, unsere Bräuche und unser Anblick mögen anders sein als in Euren werten Landen. Doch abgesehen davon teilen wir doch denselben Himmel und dieselbe Sonne, wie sollten wir also die Jahreszeiten nicht kennen?«
»Wie kommt es denn, dass heute Schnee und Kälte eingebrochen sind?« fragte Tripitaka.
»Nun, zwar zählen wir erst den siebten Mondmonat«, erklärte der alte Chen, »doch gestern hatten wir ja bereits den Tag ›Weißer Tau‹, den Übergang zum achten Monat. Hier gibt es im achten Monat öfter mal Raureif oder Schnee.«
»Das ist ganz anders als bei uns im Osten«, erwiderte Tripitaka, »dort kommen Schnee und Reif erst im Winter.«
Während sie sich unterhielten, brachte ein Diener Reisbrei. Nach dem Essen fiel der Schnee noch dichter als am frühen Morgen, so dass der Boden schon bald von einer zwei Fuß dicken Schneeschicht bedeckt war. Tripitaka kamen vor innerer Unruhe die Tränen.
»Beruhigt Euch, werter Priester!« sprach ihm der alte Chen zu, »in unserem Hause ist genug Getreide, Euch ein halbes Leben lang zu verköstigen.«
»Nicht das ist es, was mir Sorgen bereitet«, antwortete Tripitaka. »Doch damals, als ich in China aufgebrochen bin und unser Kaiser mich persönlich zum Passtor begleitete, da fragte er mich, wie viele Jahre es wohl dauern würde bis zu meiner Rückkehr. Ich habe damals nichts von all den Gefahren gewusst, die auf dieser beschwerlichen Reise über Berg und Tal überall lauern, darum habe ich unbedacht zur Antwort gegeben, drei Jahre würden wohl ausreichen, mit den Heiligen Schriften zurück nach China zu kommen. Seit damals sind jetzt aber schon fast acht Jahre vergangen, und wir sind noch nicht einmal bei Buddha angelangt. Dass ich die Frist überschritten habe, ist, was mir Sorgen macht. Nun, da mich das Schicksal zu Eurem werten Gutshof geführt hat und meine Schüler sich mit ihren geringen Künsten erkenntlich zeigen konnten, hätte ich Euch eigentlich um ein Boot bitten wollen, damit wir den Fluss überqueren können. Ich hätte doch nicht damit gerechnet, dass ein solcher Schneefall den Weg unkenntlich machen würde! Wer weiß, wann wir endlich ans Ziel gelangen und in unsere Heimat zurückkehren können?«
»Macht Euch keine Sorgen, werter Herr«, versuchte ihn der alte Herr Chen zu trösten, »so viele Tage sind bereits vergangen, was kommt es auf die wenigen Tage mehr an. Wartet ab, bis die Sonne wieder scheint, dann werde ich geringer Alter alles daransetzen, Euch über den Fluss führen zu lassen, und sollte es unseren gesamten Besitz kosten.«
Abermals erschien ein Diener und bat zum Frühstück. Nach nicht allzu langer Zeit folgte das Mittagessen. Beim Anblick des reichgedeckten Tisches wurde Tripitaka nur noch ungeduldiger. Der alte Chen ließ den Garten auskehren und bat seine Gäste in einen hübschen, sauberen Pavillon, wo sie sich wie in einer Schneehöhle unterhalten und die Zeit vertreiben konnten. Dazu offerierte er Klosterwein, damit sie sich erwärmen konnten. Unvermerkt neigte sich der Tag dem Abend zu. Als sie in die Halle zurückkehrten, um das Abendessen einzunehmen, hörten sie Passanten auf der Straße rufen: »Was für eine Kälte dieser Tage! Sogar der Fluss zum Himmel ist zugefroren!«
»Wukong«, rief Tripitaka, »was tun wir bloß, wenn der Fluss gefroren ist?«
»Es wird wohl das seichte Uferwasser angefroren sein«, meinte der alte Chen, doch der Passant rief: »Auf der gesamten Breite von achthundert Meilen ist alles gefroren, glatt wie ein Spiegel. Es gehen sogar Leute über den Fluss!«
Als Tripitaka das hörte, wollte er sofort hingehen.
»Nur keine Eile«, mahnte der alte Chen, »heute ist es zu spät, geht lieber morgen hin.«
Nach dem Nachtmahl legten sie sich wieder schlafen. Am folgenden Morgen stand Tripitaka in aller Frühe auf und hieß Wujing das Pferd satteln, damit sie das Eis nutzen konnten.
»Nur mit der Ruhe«, mahnte der alte Chen, »wartet lieber noch ein paar Tage, bis Schnee und Eis geschmolzen sind, dann werde ich Euch ein Schiff besorgen.«
Auch Sandmönch meinte: »Jetzt gleich aufzubrechen ist nicht angebracht. Schauen wir uns die Sache lieber an, als uns nur auf ein Gerücht zu stützen! Ich habe Euch das Pferd gesattelt, Ihr könnt nun zum Fluss reiten und ihn in Augenschein nehmen.«
»Gute Idee!« stimmte der alte Chen zu. Er ließ die Diener sechs weitere Pferde satteln, so dass alle zusammen zum Fluss reiten konnten. Tatsächlich waren am Ende der Straße viele Leute zu sehen.
»Werter Herr«, rief Tripitaka, »wohin wollen all die Leute auf dem Eis?«
»Drüben am anderen Ufer liegt das Frauenland Xiliang. Die Leute hier sind Händler; was bei uns 100 Groschen kostet, ist drüben 10 000 wert, und was drüben 100 wert ist, kostet hier wiederum 10 000. Weil ein so geringes Kapital so große Gewinne abgibt, gehen sie ohne Rücksicht auf ihr Leben über den Fluss. Normalerweise überqueren Schiffe mit fünf bis sieben oder auch mal mit über zehn Leuten dieses ozeangleiche Gewässer. Jetzt aber setzen sie ihr Leben aufs Spiel und gehen zu Fuß hinüber.«
»Ruhm und Reichtum«, sann Tripitaka, »hält der Mensch für das Wichtigste im Leben. Und diese Leute hier vergessen gar ihr eigenes Leben dafür. Doch wenn ich es recht bedenke, ist es eigentlich auch des Ruhmes wegen, dass ich alle meine Kräfte einsetze, den Auftrag des Kaisers zu erfüllen. Bin ich wirklich so anders als diese Leute?«
Dann rief er Wukong zu: »Geh schnell zu unseren Gastgebern, mach Gepäck und Pferd bereit, wir wollen das Eis zur Weiterfahrt nutzen!« Mit einem breiten Lächeln willigte Pilger ein.
»Meister«, mahnte Sandmönch, »das Sprichwort geht: ›In tausend Tagen isst man auch nicht mehr als tausend Maß Reis.‹ Da uns die Chens Gastfreundschaft gewähren, sollten wir doch lieber noch ein paar Tage abwarten, bis sich der Himmel klärt und das Eis schmilzt, damit wir mit dem Schiff hinüber können. Sonst könnten wir leicht in der Hast einen Fehler begehen.«
»Was für eine törichte Idee, Wujing!« rief Tripitaka. »Hätten wir Frühling, im ersten oder zweiten Mondmonat, dann könnten wir sehr wohl abwarten, bis das Eis schmilzt. Doch jetzt sind wir im achten Monat, da wird es doch Tag für Tag kälter; wie können wir da auf die Schmelze warten? Wir würden ja ein halbes Jahr Reiseweg einbüßen!«
Nun sprang Bajie vom Sattel und rief: »Schluss mit den Diskussionen. Ich alter Eber prüfe jetzt mal das Eis mit meinem Rechen. Wenn es bricht, ist es zu dünn, dann lassen wir es sein. Hält es aber stand, so ist es dick genug, und was soll uns dann am Aufbruch hindern?«
»Du hast recht«, stimmte Tripitaka zu.
Der Tölpel krempelte die Ärmel hoch, betrat das Eis, schwang seinen Rechen mit beiden Händen hoch und ließ ihn mit aller Kraft niedersausen. Es klirrte, und der Aufprall hinterließ neun kleine weiße Eindrücke auf der Eisfläche. Bajies Hände aber schmerzten vom Aufprall. Der Tölpel lachte und rief: »Wir können gehen, der Fluss ist bis auf den Grund gefroren!«
Überglücklich kehrte Tripitaka mit den anderen zum Hause des alten Chen zurück und drängte zum Aufbruch. Vergeblich versuchten ihn die beiden Alten davon abzuhalten; schließlich blieb nichts anderes übrig, als Reiseproviant vorbereiten zu lassen. Dann warf sich die ganze Familie in tiefer Dankbarkeit Tripitaka zu Füßen. Zum Dank wurde ihm ein Tablett voller Bruchgold und Bruchsilber dargebracht, doch Tripitaka
schüttelte den Kopf und weigerte sich, irgendetwas anzunehmen. Erst als die beiden Alten darauf bestanden, langte Pilger schließlich mit den Fingerspitzen ein Stückchen heraus. Anschließend verabschiedeten sie sich und gingen zum Ufer. Als sie aufs Eis kamen, glitt das Pferd aus, dass Tripitaka beinahe aus dem Sattel gefallen wäre.
»Meister, das wird schwierig!« rief Sandmönch.
»Wartet einen Moment«, rief Bajie, »bitten wir den alten Chen um ein bisschen Reisstroh, das wir dem Pferd um die Hufe binden können. Sonst fällt der Meister noch vom Pferd.«
Der alte Chen hatte die Bitte vom Ufer aus vernommen, schickte sogleich nach einem Bündel Reisstroh und bat den Priester, am Ufer abzusteigen. Nachdem Bajie die Hufe mit Stroh umwickelt hatte, schritten sie schließlich auf die Eisfläche und zogen von dannen.
Seit ihrem Abschied hatten sie bereits an die vier Meilen zurückgelegt, als Bajie Tripitaka den Priesterstab mit den neun Ringen reichte und sagte: »Meister, legt diesen Stab quer übers Pferd.«
»Wozu denn das?« wunderte sich Pilger, und Bajie erklärte: »Das verstehst du eben nicht. Eisdecken haben immer irgendwo Löcher, und falls einer in ein solches Loch tritt, sinkt er ein. Ohne Querstange geht er unter, und die Eisdecke schließt sich über ihm wie ein Pfannendeckel; wie soll er dann je wieder rauskommen! Darum muss man sich auf diese Weise absichern.«
Pilger lachte im Stillen und meinte: »Dieser Tölpel hat ja richtig Erfahrung im Eislaufen.«
Tatsächlich hielten sich nun alle an Bajies Rat: Tripitaka legte seinen Prunkstab quer, Pilger den Goldreifstab, Sandmönch seine Lanze und Bajie, der das Gepäck an einer Tragstange über der Schulter trug, schnürte sich den Rechen kurzerhand an die Lenden. Nun schritten Meister und Schüler sorglos voran. So wanderten sie den ganzen Tag über, und als
der Abend anbrach, stärkten sie sich mit etwas Trockenproviant, doch wagten sie nicht zu rasten. Im Mondschein, der die Eisfläche hell beschien, eilten sie voran, und das Pferd blieb die ganze Nacht über in Trab. Am Morgen nahmen sie erneut etwas Trockenproviant zu sich und eilten dann weiter gen Westen.
Wie sie nun so vorwärtsgingen, dröhnte plötzlich ein lautes Krachen unter der Eisdecke, dass das Pferd vor Schrecken beinahe stürzte. Natürlich war das der Dämon, der schon lange hier gewartet hatte und nun, als er über sich die Huftritte hörte, die Eisdecke mit einem Zaubertrick sprengte. Pilger schnellte erschrocken in die Höhe, und schon versank das Pferd mitsamt Meister und Schülern im Wasser. Der Dämon aber packte Tripitaka, kehrte in den Wasserpalast zurück und brüllte: »Wo ist meine Schwester Mandarinfisch?«
Wie sie vorwärtsgingen, dröhnte plötzlich ein lautes Krachen unter der Eisdecke. »Großer König!« rief das Mandarinfischweib, »wie könnte ich mich zu einem solchen Ehrentitel erdreisten?«
»Werte Schwester, so heißt es doch: ›Ein Wort, das ausgesprochen ist, holt auch kein Viergespann mehr ein!‹ Ich habe Euch versprochen, dass ich Euch zu meiner Schwester ernennen werde, falls wir den chinesischen Priester fangen. Und nun ist der Plan ja tatsächlich gelungen!«
Der Dämon hieß die Diener Tische herantragen und Messer wetzen, um dem Mönch das Herz herauszuschneiden und ihn zu häuten, damit er ihn mit seiner Schwester verzehren und dann ein ewiges Leben genießen könne.
»Großer König«, wandte da das Fischweib ein, »wir sollten ihn nicht sofort verspeisen. Es könnte ja sein, dass seine Schüler noch herkommen und Streit suchen. Warten wir lieber ein paar Tage. Wenn sie dann nicht gekommen sind, können wir ihn in aller Ruhe genießen, das wäre doch besser?«
Der Dämon stimmte zu. Also wurde der Priester in einen Hinterhof gebracht, wo man ihn in einen sechs Fuß langen steinernen Kasten legte. Doch davon sei hier nicht weiter die Rede.
Der Priester wurde in den Hinterhof gebracht, wo man ihn in einen sechs Fuß
langen steinernen Kasten legte.
Erzählen wir stattdessen von Bajie und Sandmönch, die im Wasser nach dem Gepäck langten, es dem Pferd auf den Rücken legten und schließlich durch die Fluten rudernd an die Oberfläche stiegen. Pilger, der über ihnen schwebte, schrie: »Wo ist der Meister?«
»Der Meister hat den Namen gewechselt«, versetzte Bajie, »er heißt jetzt mit Vornamen Daodi, ›auf den Grund‹, und mit Nachnamen Chen, ›versunken‹. Er ist einfach verschwunden. Lasst uns erst ans Ufer gehen und das Weitere besprechen.«
Flugs waren sie wieder am östlichen Ufer und kamen ins Dorf der Sippe Chen. Den beiden Alten war ihre Ankunft schon gemeldet worden, und sie eilten zum Empfang aus dem Haus. Als sie die drei triefendnass daherkommen sahen, riefen sie: »Ach, werte Herren! Wir haben euch doch inständig gebeten, hierzubleiben, doch ihr wart einfach nicht dazu zu bewegen. So weit hat es nun kommen müssen, dass ihr von eurem Vorhaben abseht. Wo ist aber der ehrwürdige Tripitaka geblieben?«
»Der heißt nicht mehr Tripitaka«, meinte Bajie, »der heißt jetzt Chen Daodi, ›auf den Grund gesunken‹.«
»O weh, o weh!« klagten die Alten. »Wir haben ihm doch gesagt, er möge warten, bis der Schnee geschmolzen ist, damit wir ihn mit dem Schiff sicher ans andere Ufer bringen können. Doch er war nicht von seiner Idee abzubringen. Ach, dass er so ums Leben kommen musste!«
»Alterchen«, meinte Pilger, »sorgt euch nicht um die Toten. Ich bin überzeugt, dass mein Meister nicht gestorben ist. Sicher hat ihm nur jener Große König des Beseelten Erfühlens mit einer Magie einen Strich durch die Rechnung gemacht. Beruhigt euch. Lasst unsere Kleider stärken und den Reisepass trocknen, gebt dem Pferd ein bisschen Futter. Ich werde dann mit meinen Ordensbrüdern den Unhold aufspüren und unseren Meister retten, so können wir das Übel an der Wurzel beseitigen. Dann wird auch die Rettung eurer Kinder keine schlechten Folgen nach sich ziehen, und ihr könnt auf ewig in Frieden leben.«
Da freuten sich die beiden Alten von Herzen und ließen umgehend eine vegetarische Mahlzeit zubereiten. Nachdem sich die drei Ordensbrüder reichlich beköstigt hatten, machten sie ihre Waffen gebrauchsfertig und eilten ans Ufer, ihren Meister zu suchen und den Dämon aufzuspüren.
Und da wir nicht wissen, wie sie den Priester schließlich retteten, lasst uns hören, was das nächste Kapitel berichtet.