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049 Tripitaka kommt auf tiefem Grund in Not / Guanyin bringt Erlösung mit dem Fischkorb

Lasst uns weiter berichten, wie der Große Heilige zusammen mit Bajie und Sandmönch ans Ufer des Flusses zum Himmel kam, wo Pilger rief: »Brüder, besprecht euch mal, wer von euch beiden zuerst ins Wasser geht!«

»Aber Bruder«, versetzte Bajie, »wir sind ja beide nicht sonderlich begabt. Geh lieber du zuerst.«

»Nun, offen gesagt«, meinte Pilger, »wenn wir es bloß mit dämonischem Gesindel im Gebirge zu tun hätten, bräuchtet ihr euch nicht weiter zu bemühen. Doch im Wasser kenne ich mich schlecht aus. Dass ihr beide euch im Wasser bestens auskennt, weiß ich ja schon lange. Darum will ich, dass ihr reingeht.«

Da meinte Sandmönch: »Natürlich kann ich runtergehen, nur weiß ich nicht, wie die Sache dort unten steht. Lass uns lieber alle zusammen gehen! Du, Bruder, kannst dich ja in irgendwas verwandeln, oder ich nehme dich auf den Rücken. Sobald wir das Nest dieses Ungeheuers ausfindig gemacht haben, kannst du erst mal die Lage ausspähen, und dann schauen wir, wie wir weiter vorgehen sollen. Was meint ihr dazu?«

»Du hast recht, werter Bruder«, antwortete Pilger. »Wer von euch nimmt mich auf den Rücken?«

Da sann Bajie im Stillen: »Dieser Affe hat mir schon wer weiß wie viele Streiche gespielt. Da will ich ihm doch mal was heimzahlen!« Also sagte er kichernd: »Mache ich, Bruder!«

Pilger ahnte, dass Bajie etwas im Schilde führte, doch er ließ es dabei bewenden. Also nahm ihn Bajie auf den Rücken, und Sandmönch stach ihnen voran durch die Fluten; so drangen sie gemeinsam auf den Grund.

Sie hatten schon mehr als hundert Meilen hinter sich, als Bajie seinen Streich ausführen wollte. Pilger aber zupfte sich ein Pelzhaar aus und legte es in seiner Gestalt auf Bajies Rücken, während er selbst sich als Schweinelaus an Bajies Ohr heftete. Während er vorwärtsdrang, machte Bajie einen plötzlichen Hopser, ließ Pilger absichtlich vornüberfallen und glitt kopfüber aus. Doch der falsche Körper bestand ja nur aus einem Haar, das nun aufwirbelte und spurlos verschwand.

»Aber Bruder«, rief Sandmönch, »achte doch auf deinen Weg! Wo hast du unseren großen Bruder liegen lassen?«

»Der Affe hält keinen Fehltritt aus, er hat sich aufgelöst. Kümmern wir uns nicht darum; gehen wir den Meister suchen!«

»Nein, so geht das nicht«, widersprach Sandmönch. »Wir brauchen ihn, er ist einfach flinker als wir. Ohne ihn komme ich nicht mit.«

Da konnte sich Pilger nicht halten und schrie Bajie ins Ohr: »Wujing, hier ist der alte Sun!«

Sandmönch hörte es und rief: »Da hast du’s nun, du Tölpel! Mit dir ist es aus. Wie kannst du dich bloß erdreisten, ihn zum Narren zu halten? Jetzt ist er unsichtbar, und wir hören nur noch seine Stimme; das geht doch nicht!«

Betroffen kniete Bajie sich in den Schlamm, machte Kotau und rief: »Bruder, es war mein Fehler! Sobald wir den Meister gerettet haben und wieder an Land sind, werde ich mich ordentlich bei dir entschuldigen. Von wo aus rufst du denn? Bitte, verwandle dich zurück, und ich buckle dich wieder auf; nie werde ich dich noch mal zu ärgern wagen!«

»Natürlich musst du mich noch mal auf den Rücken nehmen! Ich werde dich nicht schikanieren, lass uns bloß gehen, los!«

Der Tölpel brummte immer noch etwas von Entschuldigung vor sich hin, rappelte sich auf und drang mit Sandmönch weiter voran. Nach weiteren hundert Meilen erblickten sie auf einmal ein Palastportal, über dem in vier großen Schriftzeichen die Aufschrift prangte: » 水黿之家 – Residenz der Flussschildkröte«.

»Hier muss dieses Ungeheuer wohnen«, meinte Sandmönch. »Lasst uns zu zweit am Eingang zum Kampf aufrufen.«

Pilger aber fragte: »Ist drinnen auch Wasser?«

»Nein«, antwortete Sandmönch.

»Dann versteckt euch mal hier zu beiden Seiten und lasst erst mal mich reingehen, die Lage auszukundschaften.«

Der gute Große Heilige kroch aus Bajies Ohr, verwandelte sich mit einem leichten Dreh in ein Hummernweib mit langen Vorderbeinen und schnellte in drei, vier Sätzen zum Tor hinein. Als er sich drinnen umsah, entdeckte er den Unhold

auf einem Thron, neben ihm ein gesprenkeltes Mandarinfischweib und zu beiden Seiten das ganze Wasservolk. Alle sprachen nur davon, wie sie Tripitaka fressen wollten. Sorgfältig suchte Pilger alles ab, doch es war nichts zu finden. Auf einmal sah er ein großbauchiges Garnelenweib daherkommen und im westlichen Korridor stehenbleiben. Pilger sprang auf sie zu, grüßte und fragte: »Mütterchen, der Große König bespricht gerade, dass er einen chinesischen Priester fressen will, wo ist der denn überhaupt?«

»Den hat der Große König hinten im Palast in einen steinernen Kasten legen lassen. Wenn seine Schüler keinen Krach schlagen, wird er ihn morgen verspeisen.«

Pilger unterhielt sich zum Schein noch eine Weile, dann eilte er in den hinteren Teil des Palastes, wo er tatsächlich einen steinernen Kasten fand. Er sah ein wenig aus wie die Schweinetröge auf Bauernhöfen oder so wie ein steinerner Sarg. Drinnen hörte er Tripitaka leise wimmern. Pilger hielt sein Ohr an den Kasten und hörte nun, wie der Meister seufzend sprach:

»Ach, dass ich, der Flusslauf-Mönch,

So viele Sünden vergelten muss,

Dass mir zeit des Lebens immer

Unheil widerfährt im Nass!

Kaum dem Mutterleib entbunden,

Musst’ ich fast im Fluss ertrinken,

Und auf Pilgerschaft gen Westen

In den tiefen Abgrund sinken!

Früher im Schwarzwasser schon

Hat das Unglück mich getroffen;

Heute ist der Tod mir sicher,

Nun ist gar das Eis gebrochen!

Wer weiß, ob wohl meine Schüler

Mir hier noch zu Hilfe kommen,

Auf dass wir die Wahren Schriften

Einst in unsre Heimat bringen?«

Da konnte sich Pilger nicht halten und rief laut: »Meister, grämt Euch nicht ob Eurem Leid im Wasser! So steht es doch in den Klassikern geschrieben: ›Erde ist der Wandlungsphasen Mutter, Wasser ist der Wandlungsphasen Quelle. Nichts keimt ohne Erde, nichts wächst ohne Wasser‹. Euer alter Sun ist da!«

Tripitaka hörte es und rief: »O mein Schüler, rette mich!«

»Macht Euch keine Sorgen«, rief Pilger, »wartet einfach, bis wir den Dämon gefasst haben. Ich garantiere Euch, dass Ihr hier wieder rauskommt!« Schon wandte er sich um und war mit einem Satz wieder draußen. Vor dem Tor nahm er seine eigene Gestalt an, rief nach Bajie und Sandmönch und sprach: »Es ist tatsächlich der Dämon, der unseren Meister hinters Licht geführt hat. Er hat ihn in einem Steintrog versteckt. Ruft ihr beide nun zum Kampf auf, ich alter Sun gehe ans Ufer. Falls ihr ihn zu fassen kriegt, nehmt ihn gleich gefangen. Falls nicht, dann müsst ihr die Flucht ergreifen, als hättet ihr verloren, und ihn so aus dem Wasser locken, damit ich ihn verhauen kann.«

Mit einem magischen Fingerzeichen zur Wasserabwehr schnellte Pilger aus den Fluten und stellte sich wartend ans Ufer. Bajie aber rannte vor das Tor und schrie: »Du elender Zankteufel, rück meinen Meister raus!«

Die kleinen Ungeheuer, die am Tor Wache hielten, erstatteten sofort Bericht.

»Sicher sind das diese lumpigen Mönche«, meinte der Dämon und ließ sich Rüstung und Waffen reichen. Nachdem er die Rüstung umgeschnürt hatte, packte er eine neunzackige Kupferkeule, schritt zum Tor hinaus und brüllte Bajie an: »Wo kommst du her, du Mönch, was soll dieser Lärm?«

»Du verfluchter Streitbold!« gab Bajie zurück, »gestern hast du dich noch mit mir angelegt, und heute tust du, als wüsstest du von nichts? Ich bin der Schüler des heiligen Priesters aus dem chinesischen Kaiserreich im fernen Osten, und ich reise mit ihm in den Westen, um bei Buddha Heilige Schriften zu holen. Und da gibst du dich hier mit faulen Tricks als Großer König des Beseelten Erfühlens aus und frisst die Kinder vom Dorf der Sippe Chen. Ich bin ›Ein Barren Gold‹, die Tochter von Chen Qing, kennst du mich nicht mehr?«

»Du hast gar keinen Grund, mich anzuklagen, Mönch«, gab der Dämon zurück, »vielmehr hast du das Verbrechen begangen, unter falschem Namen als ›Ein Barren Gold‹ aufzutreten. Und zum Dank, dass ich dich nicht gefressen habe, hast du mich auch noch am Handrücken verwundet. Und was treibt dich jetzt vor meine Tore?«

»Wenn du mich schon laufen lässt, brauchst du doch nicht Schnee und Eis zu machen und dich an meinem Meister zu vergreifen!« gab Bajie zurück. »Rück jetzt sofort meinen Meister raus! Und wenn dir auch nur ein halbes ›Nein‹ über die Lippen kommt, kannst du gleich sehen, wie du krepierst!«

Mit einem kalten Lachen meinte der Dämon: »Dieser Mönch nimmt den Mund ganz schön voll. Es ist richtig, ich habe Schnee und Eis gemacht und deinen Meister entführt. Da du nun vor meinen Toren nach ihm verlangst, will ich mit dir drei Kampfrunden ausfechten. Hältst du mir stand, dann kriegst du deinen Meister wieder; wenn nicht, fresse ich dich gleich mit.«

»Brav, mein Sohn«, erwiderte Bajie, »genau so wird es gemacht. Gib auf meinen Rechen acht!«

Schon schwang er seinen Rechen über dem Dämon, der ihm seinerseits mit der Kupferkeule entgegentrat. Sandmönch, der die beiden beobachtet hatte, kam mit seinem Prunkstab zu Hilfe. Was für einen prächtigen Kampf die drei auf dem Grund veranstalteten!

Kupferkeule, edler Prunkstab,

Dazu ein gezahnter Rechen;

Wuneng, Wujing kämpfen hier,

Sich am Ungetüm zu rächen.

Dank der schicksalhaften Bande

Wird der Große Weg gelingen;

Denn im Ganges-Sand der Welt

Wirkt Erzeugen und Bezwingen.274

Erde bezwingt Wasser:

Wasser trocknet und versiegt am Grund;

Wasser erzeugt Holz:

Holz lebt auf und keimt zum Blütenstand.

Die Erleuchtung wie die Übung275

Lassen heim ins Eine finden,

Und das wiederholte Läutern

Lässt drei Sippen sich verbinden.276

Erde ist die Mutter,

Kann Metall keimen lassen:

Metall schafft Göttliches Wasser,

Das Kindlein wird erschaffen.277

Wasser ist die Wurzel,

Es ernährt das Holz,

Und das Holz erzeugt in Pracht

Lichterloh den Feuerglanz.

Bei der Sammlung dieser Phasen

Sind sie alle fünf verschieden,

Darum wandeln sie sich ständig,

Liegen unentwegt in Fehden.

Die drei rangen ganze vier Stunden miteinander, ohne dass eine Entscheidung fiel. In der Ahnung, dass sie ihn nicht würden besiegen können, warf Bajie Sandmönch einen Blick zu, worauf die beiden eine Niederlage vortäuschten und mit gesenkten Waffen davonrannten. Der Dämon verfolgte sie an die Wasseroberfläche. Pilger, der am östlichen Ufer kein Auge vom Fluss gelassen hatte, sah die jäh aufwogenden Wellen, hörte Kampfgeschrei, und schon stoben Bajie und Sandmönch ans Ufer und riefen: »Er kommt, er kommt!«

Der Dämon war ihnen dicht auf den Fersen; kaum tauchte sein Kopf aus den Fluten, schrie Pilger: »Dir zieh ich die Stange über!«

Blitzschnell wich der Dämon zur Seite, wehrte den Hieb flink mit der Kupferkeule ab und trat ihm zum Kampf entgegen. Doch noch bevor sie drei Runden ausgetragen hatten, konnte der Dämon nicht mehr standhalten, schnellte herum, dass das Wasser aufspritzte, und tauchte kopfüber ab. Schon lag das Wasser wieder still und glatt, als wäre nichts gewesen. Pilger sprang die Uferböschung hoch und rief: »Besten Dank für eure Mühen, meine Brüder!«

»An Land scheint das Biest recht unfähig zu sein«, bemerkte Sandmönch, »doch unten im Wasser war es ganz schön heftig! Bajie und ich haben ihn von beiden Seiten angefallen, und am Ende war der Kampf doch nur unentschieden. Doch was machen wir bloß, um den Meister zu retten?«

»Wir dürfen keine Zeit verlieren«, meinte Pilger, »sonst tut er dem Meister womöglich noch etwas an! Ruft noch mal zum Kampf auf und lockt ihn herauf, dann mache ich ihm den Garaus.«

Die beiden tauchten also wieder auf den Grund.

Doch lasst uns nun vom Dämon berichten, der nach seiner Niederlage zum Palast zurückkam, wo sein Wasservolk ihn

erwartete und ihn hineingeleitete. Da kam das Mandarinfischweib auf ihn zu und fragte: »Bis wohin habt Ihr die beiden Mönche gejagt?«

»Die haben noch einen Dritten dabei! Erst sind die beiden ans Ufer geflohen, doch dort stand ihr Helfer mit einer Eisenstange bereit, keine Ahnung, wie schwer die war, auf jeden Fall habe ich mit meiner Keule überhaupt nichts dagegen ausrichten können. Schon während der dritten Kampfrunde musste ich aufgeben und zurückkehren.«

»Großer König«, versetzte das Fischweib, »wisst Ihr noch, wie der Dritte ausgesehen hat?«

»Es ist ein Mönch mit einem haarigen Gesicht, einer Schnauze wie der Donnergott und golden feurigen Augen.«

Da fuhr es dem Fischweib kalt über den Rücken, und es rief: »O Großer König! Ihr könnt von Glück reden, dass Ihr so gut reagiert habt! Hättet Ihr weitergekämpft, wäret Ihr kaum heil davongekommen. Ich weiß, wer dieser Mönch ist. Als ich früher im Östlichen Ozean lebte, habe ich den alten Drachenkönig von seinen Taten erzählen hören. Er ist der

Himmelsebenbürtige Große Heilige, ein Goldener Unsterblicher aus der kosmischen Urenergie des Höchsten Einen der oberen Sphären, der vor fünfhundert Jahren einen riesen Aufruhr im Himmelspalast gemacht hat! Später hat er sich dann zum Buddhismus bekehrt und begleitet nun einen Priester aus dem chinesischen Kaiserreich auf Pilgerfahrt in den Westen und nennt sich Pilger Sun Wukong. Er hat unsäglich große Zauberkräfte und kann sich in alles Mögliche verwandeln. Wie könnt Ihr Euch bloß mit ihm anlegen, Großer König! Lasst Euch ja nicht mehr in einen Kampf mit ihm verwickeln.«

Ihre Worte waren kaum verklungen, als ein kleines Ungeheuer die Meldung brachte: »Die zwei Mönche stehen schon wieder vor dem Tor und rufen zum Kampf auf!«

»Eure Worte zeugen von Weitblick, meine werte Schwester«, sprach der Dämon und befahl seinem Gesinde, das Tor fest abzuschließen. So war es nun: ›Ruft draußen, wie ihr wollt, ich mache die Tür nicht auf!‹

Die kleinen Ungeheuer schleppten mit vereinten Kräften Steine und Schlamm herbei und machten den Eingang dicht. Nachdem Bajie und Sandmönch lange vergeblich gerufen hatten, schwang der Tölpel seinen Rechen und schlug den Torflügel ein. Doch drinnen war nichts als eine vielschichtige Masse aus Steinbrocken und Mörtel.

»Der Dämon muss ganz schön Angst gekriegt haben«, meinte Sandmönch, »er hat sich verbarrikadiert. Lass uns doch erst mal hochgehen und die Sache mit Pilger besprechen.«

Bajie willigte ein, und die beiden stießen schnurstracks zum östlichen Ufer vor, wo sie Pilger berichteten, was geschehen war.

»Wenn dem so ist, können wir nichts ausrichten«, meinte dieser. »Haltet ihr beide mal am Ufer Wache und seht zu, dass er nicht abhaut. Ich will derweil kurz mal nach Potalaka gehen und die Bodhisattva fragen, was wir tun können.«

Seht, wie er auf einem glückverheißenden Lichtstrahl in die Höhe schießt und zielbewusst dem Südmeer entgegenschwebt!

Nach weniger als einer Stunde sah er die Insel, senkte seine Wolke und landete auf einer Klippe von Potalaka. Schon kamen all die göttlichen Wesen auf ihn zu und sprachen: »Die Bodhisattva hat heute früh ihre Grotte verlassen, keinem erlaubt, ihr zu folgen, und ist alleine in den Bambuswald lustwandeln gegangen. Sie weiß, dass Ihr heute kommt, Großer Heiliger, und hat uns befohlen, Euch hier zu erwarten. Setzt Euch ein Weilchen beim Smaragdfelsen nieder, bis die Bodhisattva wieder da ist. Sie wird ihre Gründe haben.«

Pilger tat wie geheißen und wollte sich gerade setzen, als der Knabe Sudhana mit einer Verbeugung auf ihn zutrat und sprach: »Großer Heiliger Sun, ich bin Euch zu großer Dankbarkeit verpflichtet! Da die Bodhisattva die Güte hatte, mich aufzunehmen, darf ich nun Tag für Tag bei ihr sein und ihr an ihrem Lotosthron zu Diensten stehen. Sie hat mir große Barmherzigkeit zukommen lassen.«

Da merkte Pilger, dass es Rotkindchen war, und meinte lachend: »Damals hat das Dämonische dein Herz verwirrt. Jetzt hast du die rechte Frucht erlangt und weißt endlich, dass der alter Sun ein guter Mensch ist!«

Nachdem Pilger eine Weile vergeblich gewartet hatte, wurde er unruhig und meinte: »Werte Herrschaften, richtet ihr doch aus, dass ich da bin; das Leben meines Meisters steht auf dem Spiel, wir dürfen nicht säumen!«

Doch die Himmlischen antworteten: »Wir wagen ihr nichts auszurichten; sie hat uns befohlen, hier zu warten, bis sie wieder da sei.«

Pilger mit seinem hitzigen Temperament konnte natürlich nicht länger warten. Schon marschierte er mit ausholenden Schritten zum Bambuswald, und da sah er die Bodhisattva:

Allein im Bambuswald

Auf dürrem Laub sie sitzt;

Ihr Haupt mit losem Haar

Ist noch ganz ungeschmückt.

Nur ein dünnes Oberhemd

Trägt sie statt dem blauen Rock;

Unter der bestickten Schürze

Sind die beiden Füße nackt.

Kein Geschmeide um den Hals,

Auch die Arme nicht verhüllt;

In der sanften Hand ein Messer,

Mit dem sie den Bambus schält.

Pilger konnte sich nicht halten und rief laut: »Bodhisattva! Euer Jünger Sun Wukong grüßt Euch von Herzen! Mein Meister ist in Gefahr, darum bin ich gekommen, Euch zu fragen, wo der Dämon vom Fluss zum Himmel herkommt.«

Die Bodhisattva antwortete: »Bleibe erst mal draußen, ich komme gleich.«

Pilger blieb nichts anderes übrig, als sich wieder aus dem Bambuswald zurückzuziehen. Zu den Himmlischen sagte er: »Die Bodhisattva führt wohl eine neue Hausordnung ein; wozu schält sie im Walde Bambus, statt sich ordentlich zu schmücken und auf ihrem Lotosthron zu sitzen?«

»Wir wissen es nicht«, war die Antwort, »heute früh ist sie noch vor ihrer Morgenwäsche gleich von der Grotte in den Bambuswald gegangen. Uns hat sie nur gesagt, wir sollten auf den Großen Heiligen warten, also hat es sicher mit Euch zu tun.«

Pilger musste nicht lange warten, denn bald kam die Bodhisattva mit einem purpurnen Bambuskorb am Arm aus dem Wald und sprach: »Wukong, ich komme mit dir deinen Meister retten!«

Bestürzt warf sich Pilger ihr zu Füßen und sprach: »Euer Jünger wagt Euch nicht zu drängen. Bitte kleidet Euch erst richtig an und besteigt den Thron!«

»Ich brauche nicht mehr anzuziehen«, erwiderte die Bodhisattva, »wir können gleich gehen.«

Sie ließ ihre himmlischen Jünger zurück, stieg auf eine glückverheißende Wolke und schwebte durch die Lüfte davon. Pilger blieb nichts anderes übrig, als ihr zu folgen. Wenig später hatten sie den Fluss zum Himmel erreicht, wo Bajie und Sandmönch sie kommen sahen und meinten: »Dieser Hitzkopf von Pilger muss sich ja im Südmeer ganz schön wild aufgeführt haben, dass er uns eine ungekämmte Bodhisattva mitbringt!«

Schon waren die beiden am Ufer. Nachdem Bajie und Sandmönch sich vor der Bodhisattva verneigt hatten, löste diese das Band, das um ihr Hemd gebunden war, und knüpfte es am Korb fest. Dann schwebte sie auf ihrer Wolke über den Fluss, warf den Korb am Band hinab und zog ihn gegen die Strömung durchs Wasser. Dazu sprach sie die Worte: »Die Toten vergehen, der Lebende bleibe! Die Toten vergehen, der Lebende bleibe!«

Nachdem sie den Satz sieben Mal ausgesprochen hatte, zog sie den Korb hoch, und darin sah man jetzt einen glitzernden Goldfisch, der noch mit den Augen zwinkerte und die Schuppen bewegte.

»Wukong!« rief die Bodhisattva, »geh jetzt rasch auf den Grund und rette deinen Meister.«

»Wie soll ich ihn denn retten, wenn wir den Dämon noch nicht erwischt haben?« fragte Pilger.

»Da ist er doch, hier im Korb!«

Da fragten Bajie und Sandmönch mit einer Verneigung: »Wie kommt es denn, dass dieser Fisch solche Fähigkeiten hatte?«

»Er stammt ursprünglich aus meinem Lotosteich«, erklärte die Bodhisattva. »Jeden Tag streckt er den Kopf aus dem Wasser, wenn wir die Sutren lesen; dadurch hat er seine inneren Kräfte genährt. Die neunzackige Kupferkeule ist eine Lotosknospe, aus der er sich diese Waffe gemacht hat. Irgendwann muss er mit einer Flutwelle hierhergekommen sein. Als ich heute früh am Geländer lehnte und die Blüten im Teich betrachtete, ist dieses Biest nicht wie sonst zur Begrüßung aufgetaucht. Ich habe mir die Sache an den Fingern abgezählt und aus den Handlinien gelesen, dass er hier als Dämon euren Meister in Gefahr gebracht haben muss. Darum habe ich gar nicht erst mit der Morgenwäsche

angefangen, sondern gleich mit Zauberkraft einen Bambuskorb geflochten, um ihn zu fangen.«

»Bodhisattva«, rief Pilger nun, »bleibt doch noch einen Augenblick hier, dann rufen wir alle Gläubigen aus dem Dorf der Sippe Chen herbei, damit sie Euer Antlitz erblicken. Erstens können wir ihnen so eine Gunst erweisen, zweitens dabei erzählen, wie Ihr den Dämon bezwungen habt. So

werden sie Euch in Zukunft aufrichtige Verehrung entgegenbringen.«

»Meinetwegen«, sprach Guanyin. »Dann geht rasch hin und holt sie.«

Pfeilschnell rannten Bajie und Sandmönch ins Dorf und verkündeten: »Kommt alle her und schaut die leibhaftige Bodhisattva! Schaut die leibhaftige Bodhisattva!«

Schon eilten Jung und Alt, Mann und Frau vom ganzen

Dorf zum Fluss, und alle knieten ungeachtet des

Uferschlammes nieder und vollzogen ehrerbietige Stirnaufschläge. Einer unter ihnen, der gut malen konnte, hielt ihr Abbild fest. Das ist die Offenbarung der allbekannten »Guanyin mit dem Fischkorb«. Anschließend kehrte die Bodhisattva alleine zum Südmeer zurück.

Bajie und Sandmönch aber tauchten ins Wasser und hielten direkt auf die Residenz der Flussschildkröte zu, wo sie ihren Meister suchten. Das ganze Wasservolk des Palastes war tot und verfault. Da begaben sich die beiden in den hinteren Teil, öffneten den Steintrog, nahmen den Priester auf den Rücken und führten ihn an Land, wo er von allen Anwesenden begrüßt wurde. Der alte Chen Qing und sein Bruder verbeugten sich dankend und sprachen: »Werter Herr, hättet Ihr nur auf unseren geringen Rat gehört, so hättet Ihr nicht ein solches Leid durchmachen müssen!«

Pilger aber meinte: »Lassen wir das. Ihr Leute hier im Dorf braucht nächstes Jahr keine Opfer mehr darzubringen, der Große König ist nicht mehr da, das Übel ist an der Wurzel beseitigt. Nie wird er wieder Schaden anrichten! Doch werter Herr Chen, nun muss ich Euch mit einer Bitte bemühen: Sucht uns ein Boot, mit dem wir über den Fluss fahren können.«

»O ja, gerne!« riefen die beiden Alten und ließen sogleich Bretter sägen, um ein Boot zu zimmern. Alle Dörfler boten begeistert ihre Hilfe an; der eine rief: »Ich kaufe Segel und Mast!«, der andere sagte: »Ich besorge die Ruder!«, wieder andere versprachen Taue zu bringen oder Schiffsleute zur Verfügung zu stellen. Mitten im regen Tumult erklang auf einmal eine sonore Stimme im Fluss: »Großer Heiliger Sun! Ihr braucht kein Boot, vergeudet nicht der Leute Hab und Gut. Ich bringe Euch und Euren Meister ans andere Ufer!«

Alle horchten erschrocken auf. Mit einem Mal tauchte ein Ungeheuer aus den Wellen auf; es war eine Wasserschildkröte, deren Kopf und Rückenpanzer über lange Jahre hinweg Moos angesetzt hatten. Pilger schwang seine Eisenstange und schrie: »Weh dir, du Sündenbiest! Wenn du hierherkommst, schlage ich dich mit einem Hieb tot!«

Doch die Schildkröte antwortete: »Ich bin Euch zu Dankbarkeit verpflichtet, Großer Heiliger. Darum möchte ich Euch gerne über den Fluss führen. Warum wollt Ihr mich stattdessen schlagen?«

»Was soll ich dir denn Gutes getan haben?« fragte Pilger.

»Wisset, Großer Heiliger: Die Residenz der Flussschildkröte dort unten, das war einst mein Zuhause. Der Palast ist über Generationen hinweg an mich vererbt worden. Weil ich das tiefste Wesen erkannt und mir beseelte Kräfte angeeignet hatte, konnte ich den Wohnsitz meiner Ahnen zu dieser Residenz umbauen. Jener Dämon aber ist vor neun Jahren bei einem Orkan mit einer Woge hierhergespült worden und hat mir den Kampf angesagt. Viele meiner Kinder und Verwandten sind durch seine rücksichtslosen Gewalttaten zu Schaden gekommen. Am Ende habe ich ihm nicht mehr standhalten können, und so hat er mein Heim einfach in Besitz genommen. Da nun Ihr gekommen seid und die Bodhisattva geholt habt, ist mein Palast endlich frei von dämonischer Energie und gehört wieder mir. Dass ich heute Alt und Jung wieder beisammenhabe und in meinem alten Zuhause wohnen darf, habe ich Euch zu verdanken. Diese Gunst wiegt schwerer als ein ganzer Berg! Und nicht nur ich habe Euch so viel zu danken, auch die Leute vom Dorf. Fortan brauchen sie nicht mehr jedes Jahr zu opfern, und ihre Familien bleiben heil. Da habt Ihr wahrlich auf einen Schlag zwei gute Taten vollbracht. Wie könnten wir uns da nicht erkenntlich zeigen?«

Pilger freute sich im Stillen, steckte seine Eisenstange ein und fragte: »Bist du wirklich ganz aufrichtigen Sinnes?«

Da öffnete die alte Schildkröte ihr rotes Maul, schwor zum Himmel und sprach: »Wenn ich den Priester aus dem chinesischen Kaiserreich nicht über den Fluss führe, so soll sich mein Körper in Blut verwandeln!«

Pilger lachte und rief: »Nun, so komm denn ans Ufer, komm schon.«

Die Schildkröte näherte sich dem Ufer, bis sie mit einem Satz aus dem Wasser sprang und die Böschung hochkletterte. Alle kamen herbei, um sie zu sehen. Ihr großer weißer Rückenpanzer hatte einen Umfang von gut vier Klaftern.

»Meister«, rief Pilger, »lasst uns auf ihren Rücken steigen und ans andere Ufer fahren.«

»Aber mein Schüler«, wandte Tripitaka ein, »schon auf dem dicken Eis haben wir unsere liebe Mühe gehabt, voranzukommen. Wie viel unsicherer muss es erst auf diesem Schildkrötenpanzer sein!«

Da sprach die Schildkröte: »Macht Euch keine Sorgen, Meister! Auf meinem Rücken seid Ihr weitaus sicherer als auf dem Eis! Schon das geringste Abkippen soll mein Verdienst zunichtemachen.«

»Meister«, meinte auch Pilger, »solche Geschöpfe, die der menschlichen Sprache mächtig sind, lügen nicht.« Und er hieß seine Brüder das Pferd ans Ufer führen.

Das ganze Dorf der Sippe Chen gab ihnen das Abschiedsgeleit. Pilger gab Anweisung, das Pferd auf den Schildkrötenpanzer zu führen, und bat Tripitaka, sich links neben dem Kopf des Pferdes aufzustellen, während Sandmönch rechts davon und Bajie hinter dem Pferd Stellung bezog. Er selbst stellte sich vor das Pferd. Aus Furcht, dass die Schildkröte sich doch noch schlecht aufführen könnte, löste er das Band seiner Tigerschürze und zog es der Schildkröte durch die Nüstern, dass es aussah, als hielte er Zügel in der Hand. Dann rief er: »So, alte Schildkröte, schön langsam! Wenn du nicht achtgibst, kriegst du eins auf den Schädel!«

»Ich gebe acht«, antwortete die Schildkröte. Dann hob sie ihre Füße an und glitt so sicher ins Wasser, als wäre es flacher Grund. Um Ufer entzündeten die Dörfler Räucherwerk, machten tiefe Verbeugungen und sprachen alle: »Ehre sei Buddha Amithaba!« Sie verneigten sich so lange, bis die Pilgerschaft in der Ferne entschwunden war.

Die Überfahrt auf der weißen Schildkröte dauerte weniger als einen Tag. Schon war der achthundert Meilen breite Strom überquert, und alle kamen trocken an Hand und Fuß am anderen Ufer an. Nachdem Tripitaka die Uferböschung erklommen hatte, faltete er die Hände zum Dank und sprach: »Werte Schildkröte! Du hast uns große Hilfe geleistet. Wir haben nichts, das wir dir zum Dank anbieten können, doch wollen wir uns erkenntlich zeigen, wenn wir auf dem Rückweg hier vorbeikommen.«

»Ihr braucht mir nicht zu danken, Meister«, sprach die Schildkröte. »Doch habe ich gehört, der Buddha im Westen sei ohne Tod und ohne Geburt, und er wisse alles über Vergangenheit und Zukunft. Nun übe ich mich hier seit 1300 Jahren in der Vervollkommnung; dadurch habe ich zwar mein Leben verlängern und die menschliche Sprache erlernen können, doch komme ich einfach nicht aus meiner leiblichen Hülle heraus. Ich bitte Euch, werter Meister, fragt den Buddha unbedingt, wie lange ich noch brauche, bis ich mich von dieser Gestalt befreien und einen menschlichen Körper erlangen kann!«

»Gut, ich werde ihn fragen«, versprach Tripitaka, und die Schildkröte tauchte ins Wasser. Pilger half seinem Meister aufs Pferd, dann fanden sie die Landstraße und zogen weiter dem Westen entgegen. Und da wir nicht wissen, wie es danach um ihr Schicksal stand, lasst uns hören, was das nächste Kapitel berichtet.