Wie berichtet wird, war der Himmelsebenbürtige Große Heilige eben doch nur ein dämonischer Affe, der von Rängen und Titeln keine Ahnung hatte und dem es nur darum ging, dass sein Name registriert wurde. In den zwei Abteilungen seiner Residenz warteten ihm nun tagein tagaus himmlische Diener auf, so dass er neben drei Mahlzeiten am Tag und dem Schlaf in der Nacht keinerlei Verpflichtungen hatte; er konnte tun und lassen, wie es ihm beliebte. In seiner Muße suchte er Bekannte auf, schweifte durch Paläste, schloss da eine Freundschaft und dort eine Verbrüderung. Die Drei Reinen redete er zwar mit »Ehrwürden« an und die Vier Kaiser mit »Majestät«, doch mit allen anderen – den Neun Strahlenden,
den Generälen der Fünf Himmelsrichtungen, den
Achtundzwanzig Himmelshäusern, den Vier Großen Himmelskönigen, den Zwölf Göttern der Zeiteinteilung, den Fünf Alten der Fünf Himmelsrichtungen, allen Sternen des Himmelszeltes und allen Gottheiten der Milchstraße – verkehrte er auf der Ebene brüderlicher Kollegialität, und so war auch die gegenseitige Anrede. Mal schweifte er gen Osten, mal gen Westen, schwebte auf Wolken hin und her, planlos und unstet, ohne irgendeinen festen Weg.
Eines Tages, während der Morgenaudienz des Jadekaisers, trat der Unsterbliche Xu Jingyang aus den Reihen des Hofstaats und richtete sein Wort an den Thron: »Der Himmelsebenbürtige Große Heilige treibt sich Tag für Tag untätig herum. Es steht zu befürchten, dass diese Muße ihn zu unguten Taten verführen könnte. Besser wäre es, ihn mit einer festen Aufgabe zu betrauen, um einem Unheil vorzubeugen.«
Der Jadekaiser befahl den Affenkönig sofort zu sich. Freudig trabte dieser an und fragte: »Majestät, welche Beförderung darf der alte Sun in Empfang nehmen?«
»Wie wir sehen, seid Ihr ohne Beschäftigung«, sprach der Jadekaiser, »deshalb wollen wir Euch eine Aufgabe zuweisen. Ihr sollt vorläufig die Aufsicht über den Pfirsichgarten übernehmen und den Garten von früh bis spät im Auge behalten.«
Zufrieden dankte der Große Heilige, empfahl sich mit einer Verbeugung und begab sich sogleich zur Inspektion in den Pfirsichgarten. Dort aber gab es einen Erdgeist, der ihn aufhielt und fragte: »Wohin des Wegs, Großer Heiliger?«
»Ich bin vom Jadekaiser beauftragt, den Pfirsichgarten zu überwachen, und komme heute zur Inspektion«, erklärte dieser. Da erwies ihm der Erdgeist seine Ehrerbietung und befahl seinen Wächtern, dem Großen Heiligen mit einem Kotau zu huldigen und ihn in den Garten zu geleiten.
Dort sah er:
Üppig leuchtend der Pfirsiche Last,
Reich beladen mit Obst jeder Ast.
Keine profanen von irdischer Art:
Es hegte die Königinmutter sie zart!
Lange ergötzte sich der Große Heilige an dem wundervollen Anblick. Schließlich fragte er den Erdgeist: »Wie viele Bäume wachsen hier?«
»Alles in allem sind es 3600 Bäume«, antwortete dieser. »Die vorderen 1200 Bäume haben zierliche Blüten und kleine Früchte; sie werden alle 3000 Jahre einmal reif. Wer davon isst, erlangt Unsterblichkeit, erkennt die Wahrheit, und sein Körper wird kräftig und leicht. Die mittleren 1200 mit üppigen Blüten und süßen Früchten reifen alle 6000 Jahre einmal; wer davon isst, kann durch die Lüfte schweben und wird ewig leben. Die hinteren 1200 tragen lila geäderte Früchte mit blassgelben Kernen. Diese werden nur alle 9000 Jahre einmal reif, und wer davon isst, der wird so lange leben wie Himmel und Erde, so ewig wie Sonne und Mond.«
Der Große Heilige freute sich über alle Maßen. Noch am selben Tage prüfte und zählte er alle Bäume und kehrte schließlich in seine Residenz zurück. Von da an kam er alle drei bis fünf Tage in den prächtigen Garten, schloss keine weiteren Freundschaften mehr und verzichtete auf Streifzüge.
Eines Tages, als er die Pfirsiche betrachtete, die schon fast erntereif an den Ästen der alten Bäume hingen, überkam ihn ein heftiges Verlangen danach, doch war er ja leider in ständiger Begleitung des Erdgeistes, der Wächter und seiner himmlischen Diener. Schließlich heckte er eine List aus und sagte: »Wartet draußen vor dem Garten auf mich, ich möchte hier im Pavillon ein Nickerchen halten.«
Tatsächlich traten die Himmlischen ab. Der Affenkönig aber entledigte sich seiner Amtsrobe und Kopfbedeckung und kletterte flink auf einen hohen Baum, wo er eine Menge großer, saftiger Pfirsiche zusammenraffte. Dann machte er es sich im Baum gemütlich und schlug sich genüsslich den Bauch voll. Als er satt war, hüpfte er hinunter, setzte die Kopfbedeckung wieder auf, zog die Robe an und rief nach
seiner Gefolgschaft, worauf alle in die Residenz zurückkehrten. Seitdem heckte er alle paar Tage irgendeine List aus und schwelgte nach Herzenslust.
Nun kam der Tag, an dem die Königinmutter des Westens zur alljährlichen Feier ihre Prächtigen Hallen am Jaspisteich öffnete und zum Großen Pfirsichfest einlud. Sie sandte ihre sieben Feen, die rot, grün, blau, gelb, lila, schwarz und weiß gekleidet waren, mit großen Körben zum himmlischen Pfirsichgarten, wo sie die Früchte für den Festschmaus pflücken sollten. Am Eingang zum Garten trafen die Feen den Erdgeist, die Wächter und die Diener beider Abteilungen, die dort Wache hielten.
»Wir kommen auf Geheiß der Königinmutter«, erklärten die Feen, »für das große Festbankett müssen wir Pfirsiche pflücken.«
»Einen Augenblick, ihr himmlischen Damen«, gebot der Erdgeist. »Dieses Jahr läuft es anders als früher. Der
Jadekaiser hat die Oberaufsicht des Gartens dem Himmelsebenbürtigen Großen Heiligen übertragen; wir müssen ihm erst Bericht erstatten, bevor wir den Garten freigeben können.«
»Wo ist denn der Große Heilige?«
»Er hält gerade ein Schläfchen, drinnen im Pavillon.«
»Dann sucht ihn bitte auf, wir dürfen keine Zeit verlieren.«
Also begab sich der Erdgeist mit ihnen zum Gartenpavillon. Dort aber waren lediglich Kopfbedeckung und Kleider aufzufinden, vom Großen Heiligen keine Spur. Dieser hatte sich nämlich, nachdem er ein paar Pfirsiche verzehrt hatte, in ein klitzekleines Männlein verwandelt und hielt nun auf dem Ast eines mächtigen Baumes unter dichtem Laubwerk ein Nickerchen.
»Wir kommen auf Geheiß der Königinmutter«, wiederholten die Feen, »was tun wir bloß, wenn der Große Heilige nicht zu finden ist? Wir können doch nicht mit leeren Händen zurückkehren.«
»Dann sollen die himmlischen Damen nicht länger abwarten«, meinte einer der Diener, »unser Großer Heiliger treibt sich oft müßig in der Gegend herum, er wird wohl den Garten verlassen haben und bei Freunden zu Besuch sein. Geht nur hinein und pflückt eure Pfirsiche; wir werden ihm Bescheid sagen.«
Also verteilten sich die Feen unter den Pfirsichbäumen. Erst füllten sie zwei Körbe im vorderen Teil, dann drei in der Mitte, dann gingen sie zu den hinteren Bäumen. Da gewahrten sie, dass hier kaum noch Früchte an den Ästen hingen, nur noch ein paar unreife mit flaumigen Stielen. Die reifen nämlich hatte der Affenkönig restlos aufgefressen. Die sieben Feen spähten in alle Richtungen, bis sie an einem Ast, der gegen Süden wies, doch noch eine halb rote, halb weißliche Frucht entdeckten. Die blaue Fee bog den Zweig nach unten, damit die rote Fee den Pfirsich pflücken konnte, dann ließ sie ihn hochschnellen. Genau dies aber war der Ast, auf dem der fingerlange Große Heilige gerade sein Nickerchen hielt. Er schreckte hoch, nahm seine eigene Gestalt an, riss den Goldreifstab aus dem Ohr und brüllte: »Welche Bestie erdreistet sich, meine Pfirsiche zu stehlen!«
Entsetzt fielen die sieben Feen auf die Knie und flehten: »Möge der Große Heilige sich beruhigen! Wir sind keine Bestien, wir sind die sieben Feen der Königinmutter und haben den Auftrag, Früchte für das Große Pfirsichfest zu pflücken. Als wir eben zum Garten kamen, haben wir den Erdgeist und die anderen Himmlischen getroffen, da sie Euch aber nicht auffinden konnten und wir den Auftrag der Königinmutter zu versäumen fürchteten, haben wir uns erkühnt, mit dem Pflücken zu beginnen. Wir bitten um Verzeihung!«
Was der Große Heilige da hörte, wandelte seinen Zorn in Freude. »Erhebt euch, ihr himmlischen Damen«, sprach er und fragte dann: »Wer sind die geladenen Gäste?«
»Die Teilnahme erfolgt nach alten Regeln«, erklärten die Feen. »Eingeladen sind: aus dem Westen der Buddha mit den Bodhisattvas, den heiligen Mönchen und den Arhats, aus dem Süden die Bodhisattva Guanyin, aus dem Osten der Heilige Kaiser Erhabener Güte sowie die unsterblichen Greise der zehn göttlichen Eilande und drei sagenhaften Inseln, aus dem Norden der Dunkel Beseelte des Nordpols und aus dem Bereich der Mitte der Gelbhorn-Unsterbliche des Gelben Pols; dies sind aus den Oberen Acht Grotten die Erhabenen aller Fünf Himmelsrichtungen. Ferner eingeladen sind alle Sternfürsten der Fünf Sternbilder, sowie die Drei Reinen, die Vier Kaiser und der Höchste Eine; aus den Mittleren Acht Grotten der Jadekaiser, die Götter der Neun Weltregionen und die Götter der Meere und der Gebirge und aus den Unteren Acht Grotten der Höllenpriester, die irdischen Unsterblichen und allerlei höhere und niederere Gottheiten der Tempel und Heiligtümer. All diese Gottheiten sollten zum großen Pfirsichfest kommen.«
»Und wie steht es mit mir«, fragte der Große Heilige scherzhaft, »bin auch ich eingeladen?«
»Nicht dass wir davon gehört hätten.«
»Ich bin der Himmelsebenbürtige Große Heilige! Was ist dagegen einzuwenden, mich alten Sun als Ehrengast einzuladen?«
»Wir kennen nur die alte Regelung vom letzten Fest. Wie es mit der neuen steht, wissen wir nicht.«
»Stimmt, dafür könnt ihr nichts«, meinte der Große Heilige. »Doch bleibt erst mal hier, bis ich ein paar Informationen eingeholt habe.«
Er legte die Finger aneinander, murmelte eine Zauberformel und rief: »Stillgestanden! Stillgestanden!«
Dies war ein Bannzauber, durch den die sieben Feen mit weit offenen Augen und leerem Blick wie angewurzelt unter dem Pfirsichbaum stehen blieben.
Der Große Heilige aber schnellte in die Höhe und schwebte schnurstracks auf einer Wolke zum Jadeteich. Unterwegs traf er einen Himmlischen mit Namen Barfüßiger Unsterblicher, der sich auf dem Weg zum Pfirsichbankett befand. Gesenkten Blickes heckte der Große Heilige einen Plan aus, wie er an dessen Statt an den Festlichkeiten teilnehmen könnte, dann rief er ihm zu: »Wohin des Weges, ehrwürdiger Daoist?« Der Unsterbliche gab zurück: »Ich gehe zum großen Pfirsichfest der Königinmutter.«
»Ihr seid nicht informiert«, log der Große Heilige. »Weil ich alter Sun im Wolkenüberschlag so schnell bin, hat mich der Jadekaiser beauftragt, alle Gäste, die sich auf dem Weg zum Festbankett befinden, vorerst in die Halle der Durchdringenden Klarheit zu bitten, damit zuvor die Zeremonie einstudiert werden kann.«
Der Barfüßige Unsterbliche war ein rechtschaffener Mann; er hielt die Lüge für wahr und lenkte seine Wolke rechtsum kehrt in Richtung Himmelspalast. Der Große Heilige hingegen schwebte voran, murmelte einen Zauberspruch, schüttelte sich und nahm die Gestalt des Barfüßigen an. So eilte er dem Jaspisteich entgegen. Binnen kürzester Zeit hatte er den Pavillon erreicht, senkte seine Wolke und trat leichten Fußes ein. Auserlesene Weihrauchdüfte durchzogen die Luft, mit Phönixen verzierte Paravents schillerten in allen Farben des Regenbogens, purpurne Rundhocker waren zierreich mit den Acht Schätzen gemustert, und auf den Tischen lagen die edelsten Speisen ordentlich ausgebreitet bereit: Drachenleber, Phönixmark, Bärenklauen, Gorillalippen und vieles andere mehr. Noch war keiner der Himmlischen erschienen. Der Große Heilige konnte sich kaum sattsehen, und als ihn auf einmal ein wohliger Weinduft in der Nase kitzelte, spähte er flink um sich, bis er unter dem Vordach des rechten Seitenflügels ein paar irdene Weinkrüge erblickte, die mit einem duftenden, edelsteinklaren Trunk von erlesenster Qualität angefüllt waren. Das Wasser lief ihm im Munde zusammen, so sehr gelüstete ihn danach. Allerdings saßen ein paar Weinschenke daneben. Da bediente er sich einer Magie, indem er sich Pelzhaare auszupfte, sie zerkaute und mit dem Ruf: »Verwandlung!« ausspuckte, dass sie zu Schlafkäferchen wurden, die flugs auf die Gesichter der Männer sausten.
Seht nur, wie deren Glieder bleischwer werden, ihre Häupter sich neigen, die Augen zufallen und alle in tiefen Schlummer versinken!
Der Große Heilige schnappte sich ein paar Delikatessen und trat in den Seitengang, wo er es sich zwischen Töpfen und Krügen bequem machte und sich den Wein genüsslich die Kehle herunterrinnen ließ, bis er völlig berauscht war. »Schlimm, schlimm«, ging es ihm auf einmal durch den Kopf, »in Kürze müssen doch die Gäste eintreffen. Die werden mir das übelnehmen. Was tun, wenn sie mich entdecken? Besser ich verdrücke mich und schlafe zu Hause den Rausch aus.«
Blind seinen Schritten folgend, torkelte er nach draußen. Allerdings verfehlte er den Weg, denn am Ende fand er sich statt vor seiner Residenz vor dem Tusita-Palast wieder. Mit plötzlicher Klarheit murmelte er: »Das ist doch der Wohnsitz des Höchsten Meisters Laozi im dreiunddreißigsten Himmel! Wie konnte ich mich bloß hierherverirren? Sei’s drum, den Alten wollte ich schon lange mal besuchen. Dann mache ich ihm eben jetzt, wenn ich eh schon da bin, meine Aufwartung.«
Er strich sein Gewand in Ordnung und trat ein. Niemand war zu sehen. Der Höchste Meister weilte nämlich gerade mit Buddha Dipamkara auf dem Zinnoberhügel-Elixierpodium der dreistöckigen Pagode, wo sie das Dao erläuterten, während himmlische Jünger und Beamte sie umstanden und ihrer Rede lauschten. Der Große Heilige aber drang gradewegs in jene Kammer ein, in der das Goldene Elixier der Unsterblichkeit gebraut wurde. Hier traf er ebenfalls niemanden an, dafür fand er neben dem Elixierofen fünf Kalebassen voller Pillen der Unsterblichkeit.
»Der kostbarste Schatz aller Unsterblichen!« frohlockte er. »Seit ich alter Sun die Wahrheit des Dao erkannt und die Einheit der Innen- und Außenwelt durchschaut habe, fehlt mir nur noch die Stärkung mit etwas Goldelixier. Nur fand sich bislang leider nie die Gelegenheit dazu. Nun, da mich das Schicksal hierhergeführt hat und ich auf diesen Schatz gestoßen bin, will ich mir ein paar Kügelchen davon gönnen, solange der Alte nicht da ist.«
»Der kostbarste Schatz aller Unsterblichen!« frohlockte er.
Er packte die Kalebassen und leerte sie in einem Zug, als wären gebratene Erbsen drin. Schlags erfüllte ihn das Elixier mit neuer Kraft, und er war nüchtern.
»Schlimm, schlimm«, sann er nun, »dieses Vergehen ist gewaltiger als der Himmel. Wenn das dem Jadekaiser zu Ohren kommt, bin ich in Lebensgefahr. Schnell weg von hier! Lieber werde ich wieder König auf Erden.«
Fluchtartig verließ er den Tusita-Palast, vermied den Weg, auf dem er gekommen war, und schlich unsichtbar durch das Westliche Himmelstor davon. Gleich darauf senkte er die
Wolke, landete auf dem Blumen-Früchte-Berg und verkündete: »Kinderchen, ich bin wieder da!«
Die Unholde knieten vor ihm nieder und riefen: »Großer Heiliger, Ihr lasst Euch aber Zeit! So lange habt Ihr uns verlassen, ohne ein einziges Mal nach uns zu schauen.«
»So lange nun auch wieder nicht«, versetzte der Große Heilige und schritt in die Grotte hinein. Dort warfen sich die vier Tapferen Generäle vor ihm nieder und riefen dann einstimmig: »Großer Heiliger, mehr als hundert Jahre habt Ihr im Himmel verbracht. Was für ein Amt wurde Euch diesmal zuteil?«
Lachend gab der Große Heilige zurück: »Ich erinnere mich nur an ein knappes halbes Jahr, was sprecht ihr von über hundert Jahren?«
»Ein Tag im Himmel entspricht einem Jahr auf Erden«, antworteten die Generäle.
»Erfreulicherweise war mir der Jadekaiser diesmal günstig gestimmt und hat mich tatsächlich zum Himmelsebenbürtigen Großen Heiligen ernannt«, berichtete Wukong. »Er hat mir sogar eine Amtsresidenz errichten lassen und himmlische Diener zur Verfügung gestellt. Als er dann sah, dass ich keine Aufgabe hatte, hat er mich mit der Aufsicht über den Pfirsichgarten betraut. Doch neulich hat die Königinmutter versäumt, mich an ihr Pfirsichfest einzuladen, darum bin ich, ohne ihre Einladung abzuwarten, vorab zum Jaspisteich gegangen und habe von ihren himmlischen Delikatessen und dem göttlichen Wein genascht. Nachdem ich den Jaspisteich verlassen habe, bin ich versehentlich zum Palast des Höchsten Meisters Laozi gelangt, und da habe ich denn heimlich gleich noch fünf Kalebassen Unsterblichkeitselixier geleert. Weil ich befürchtete, der Jadekaiser könnte mir das übelnehmen, bin ich eben aus dem Himmel hierhergekommen.«
Die Unholde ergötzten sich an seinen Worten. Dann richteten sie ihm zu Ehren ein Festmahl her und brachten ihm eine Schale Kokoswein dar. Der Große Heilige nahm einen Schluck, doch gleich darauf verzog er den Mund und rief: »Das schmeckt ja widerlich! Heute früh habe ich beim Jaspisteich eine ganze Menge Krüge mit edelsteinklarem Wein in einem Säulengang liegen sehen; das habt ihr noch nie getrunken! Wartet, ich hole euch was davon, dann kriegt jeder ein halbes Gläschen ab und wird ewig jung bleiben.«
Die Affen waren entzückt. Schon sprang der Große Heilige aus der Grotte, vollführte einen Wolkenüberschlag, machte sich unsichtbar und sauste schnurstracks zum Pfirsichbankett. Als er beim Jaspisteich ankam, schnarchten die Männer immer noch. Da nahm er zwei große Tonkrüge, klemmte sie sich unter die Arme und packte zwei weitere mit den Händen, dann machte er rechtsum kehrt und war bald wieder in seiner Grotte. Hier wurde nun ein himmlisches Gelage veranstaltet, an dem sich alle heiter vergnügten, doch davon sei nicht weiter die Rede.
Wenden wir uns stattdessen den sieben Feen zu, die erst nach einem ganzen Tag endlich von dem Bann des Großen Heiligen erlöst worden waren, ihre Körbe packten und zur Königinmutter zurückkehrten.
»Wie viele Pfirsiche habt ihr gepflückt?« erkundigte sich diese.
»Nur zwei Körbe von den kleinen und drei von den mittleren«, antworteten die Feen. »Von den großen im hinteren Teil des Gartens war keine halbe Frucht mehr übrig. Wahrscheinlich hat der Große Heilige alle aufgegessen. Während wir noch suchten, ist er plötzlich aufgetaucht, wurde gewalttätig und wollte uns schlagen. Außerdem hat er uns gefragt, wer zum Fest geladen sei, doch nachdem wir ihm gesagt haben, wer beim letzten Fest da war, hat er uns mit einer Magie festgebannt, so dass wir uns erst heute wieder regen konnten.«
Die Königinmutter eilte sofort zum Jadekaiser und berichtete den Vorfall. Sie war mit ihren Worten noch nicht zu Ende, als auch schon die Weinschenke mit himmlischen
Dienern vortraten und ihre Beschwerde einbrachten: »Irgendeine unbekannte Person hat das Pfirsichbankett verdorben und unseren edelsteinklaren Wein gestohlen, auch von den acht Götterspeisen und hundert Leckerbissen wurde heimlich gegessen.«
Nun traten die Vier Großen Himmelsmeister hinzu und meldeten: »Der Höchste Ahnherr des Dao ist da!«
Der Jadekaiser und die Königinmutter traten sofort zur Begrüßung nach draußen. Nachdem der Alte Meister seine Ehrerbietung erwiesen hatte, berichtete er: »In meinem Palast hatte ich neunmal geläutertes Lebenselixier zubereitet, und damit gedachte ich Eurer Majestät zu einem großen Lebenselixier-Fest aufzuwarten. Doch nun ist mir alles gestohlen worden. Aus diesem Grunde will ich Eurer Majestät Anzeige erstatten.«
Der Jadekaiser war entsetzt. Wenig später erschien ein himmlischer Diener aus der Amtsresidenz des Großen Heiligen, warf sich vor dem Jadekaiser nieder und meldete: »Der Große Heilige hat sich seiner Pflicht entzogen; seit gestern hat er den Garten verlassen und ist seither nicht wieder erschienen. Niemand weiß, wohin er gegangen ist.«
Der Verdacht des Jadekaisers erhärtete sich. Schließlich traf auch noch der Barfüßige Unsterbliche ein und erzählte: »Gestern, auf dem Weg zum Fest unserer Königinmutter, ist Euer Untertan dem Himmelsebenbürtigen Großen Heiligen begegnet, welcher behauptete, Eure Majestät hätte angeordnet, man möge sich erst bei der Halle der Durchdringenden Klarheit einfinden, um vor dem Antritt die Zeremonie einzustudieren. Ich bin also zurückgekehrt, habe aber vor der Halle der Durchdringenden Klarheit die kaiserlichen Kutschen Eurer Erhabenheit nicht vorgefunden. Darum bin ich hierhergekommen, um das Weitere abzuwarten.«
»Der Schurke verbreitet also falsche Edikte und betrügt rechtschaffene Minister!« rief der Jadekaiser fassungslos. »Schickt auf der Stelle den göttlichen Minister für Ordnungshütung aus, dass er die Spuren dieses Kerls sicherstelle.«
Wie befohlen durchsuchte der Minister alle Gegenden und kam mit einem detaillierten Bericht zurück: »Urheber des Aufruhrs im Himmel ist der Himmelsebenbürtige Große Heilige«, hielt er fest und schilderte ausführlich den ganzen Verlauf des Geschehens. Empört beorderte der Jadekaiser die Vier Großen Himmelskönige, mit Himmelskönig Li und dessen Sohn Prinz Nata, in Begleitung der Achtundzwanzig Sternbilder, der Neun Strahlenden und der Zwölf Götter der Zeiteinteilung, der Genien der Fünf Himmelsrichtungen, der Vier Zeitgötter, aller Sternbilder von Ost und West, aller Götter von Süd und Nord, der Gottheiten der fünf Gebirge und
der vier Ströme sowie aller Gestirne des ganzen
Himmelszeltes – alles in allem hunderttausend Himmelskrieger –, den Blumen-Früchte-Berg zu umzingeln, um diesen Schurken einzufangen und zu richten.
Die Götter sammelten auf der Stelle ihre Truppen und verließen den Himmelspalast. Himmelskönig Li, der das Kommando übernahm, hieß die Krieger ein Feldquartier aufschlagen, dann wurde der Blumen-Früchte-Berg lückenlos umzingelt. Außerdem wurden über und unter der Region achtzehn Weltennetze ausgelegt. Als Erste wurden die Neun Strahlenden in den Kampf geschickt. Diese stellten ihre Krieger direkt vor der Grotte auf und brüllten: »Wo steckt der Große Heilige? Wir sind Himmelsgötter aus der Oberen Welt und kommen, um dich festzunehmen. Ergib dich auf der Stelle! Wenn wir auch nur ein halbes ›Nein‹ hören, dann wirst du zusammen mit deiner ganzen Horde hingerichtet.«
Panikartig überbrachten die kleinen Unholde die Botschaft: »Großer Heiliger, draußen stehen neun grimmige Götter, die behaupten, von der Oberen Welt abgesandt zu sein, um Euch festzunehmen.«
Der Große Heilige, der gerade mit den Dämonenkönigen und seinen vier Tapferen Generälen becherte, gab ohne mit der Wimper zu zucken zurück: »Heut haben wir Wein, heut wollen wir saufen; wen schert’s, was für Kerle da draußen rumlaufen!«
Er hatte noch nicht ausgesprochen, als wieder eine Schar Unholde heranstürmte und rief: »Die neun grimmigen Götter schreien draußen Schimpf und Schande und rufen zum Kampf auf!«
Der Große Heilige lachte bloß: »Lasst sie nur. Uns ist jetzt beim Zechen wohl, auf Ruhm und Verdienste können wir warten.«
Da trabten abermals Unholde an und keuchten: »Großväterchen, die neun grimmigen Götter haben das Tor aufgebrochen und dringen mit Kriegern ein!«
Da packte den Großen Heiligen die Wut. Er befahl dem Einhörnigen Geisterkönig, mit den Dämonenkönigen der Zweiundsiebzig Grotten eine Front zu bilden, »ich alter Sun komme euch mit den vier Tapferen Generälen nach!«.
Blitzschnell organisierte der Geisterkönig seine Krieger und schickte sie dem Feind entgegen. Doch kaum traten sie ins Freie, wurden sie schon von den Neun Strahlenden Sternen abgefangen und auf dem eisernen Brückensteg aufgehalten. Da erschien der Große Heilige und schrie: »Weg frei!« Er zerrte seine Eisenstange hervor, stellte sich in Kampfpose und drosch wild drauflos. Die Neun Strahlenden wichen zurück, ordneten aber ihre Schlachtreihen sofort neu und riefen: »Du unglückseliger Bimawen! Die ärgsten Verbrechen hast du
begangen: Pfirsiche gestohlen, Wein entwendet, das Pfirsichbankett zerstört, die Unsterblichkeitspillen des Alten Meisters geraubt und himmelskaiserlichen Wein auf die Erde gebracht. Ist dir eigentlich nicht bewusst, dass du Verbrechen über Verbrechen häufst?«
Der Große Heilige lachte und meinte: »Was ihr da aufzählt, ist freilich wahr. Doch was wollt ihr nun?«
»Wir sind im Auftrag des Jadekaisers hier, dich abzuführen. Ergib dich so bald als möglich, dann brauchen diese Kreaturen nicht ihr Leben zu lassen.«
Da schrie der Große Heilige wütend: »Ihr lausigen Geistchen, was für Kräfte glaubt ihr eigentlich zu haben, dass ihr vor mir großtut? Los, kriegt meine Stange zu spüren!«
Nun stürmten die Neun Strahlenden alle zusammen voran, doch der Affenkönig wirbelte seinen Goldreifstab so wild durch die Luft, bis einer nach dem anderen am Ende der Kräfte war und, die Waffe hinter sich herschleifend, das Schlachtfeld räumen musste. Die Neun Strahlenden eilten ins mittlere Heereszelt und meldeten dem Pagodentragenden Himmelskönig Li: »Dieser Affenkönig ist tatsächlich ein unerschrockener Kämpfer. Wir haben ihm nicht standhalten können und mussten eine Niederlage einstecken.«
Nun entsandte Himmelskönig Li die Vier Großen Himmelskönige und die Achtundzwanzig Himmelshäuser an die Front. Furchtlos stellte der Große Heilige vor dem Grottentor den Einhörnigen Geisterkönig, die Dämonenkönige der Zweiundsiebzig Grotten und seine Vier Tapferen Generäle auf. Seht, was für ein wildes Kampfgetümmel! Es begann am frühen Vormittag und dauerte so lange an, bis die Sonne im Westen hinter die Berge sank. Schließlich waren der Einhörnige Geisterkönig und die Dämonenkönige der Zweiundsiebzig Grotten gefangengenommen, nur die Vier Tapferen Generäle hatten sich noch mit der Affenschar in der Tiefe der Wasservorhang-Grotte verstecken können. Am Ende kämpfte der Große Heilige ganz allein, nur mit seiner Eisenstange, gegen die Vier Großen Himmelskönige, den Pagodentragenden und Prinz Nata. In halber Höhe über dem Boden lieferten sie sich erbitterte Gefechte. Als der Große Heilige schließlich die Dämmerung nahen sah, zupfte er sich eine Handvoll Pelzhaare aus, zerkaute sie im Mund, spuckte sie aus und rief »Verwandlung!«. Schon erschienen Tausende von Großen Heiligen, ein jeder mit einem Goldreifstab
bewaffnet, und so wurde Prinz Nata schließlich zurückgedrängt und alle fünf Himmelskönige geschlagen.
Siegreich fing der Große Heilige seine Haare wieder auf und kehrte in die Grotte zurück. Schon von weitem sah er die vier Generäle mit seinem Affenvolk auf dem eisernen Brückensteg stehen. Sie begrüßten ihn, indem sie dreimal laut aufschluchzten und dreimal laut auflachten.
»Warum weint und lacht ihr, wenn ihr mich seht?« wunderte sich der Große Heilige.
Die Generäle antworteten: »Heute früh sind beim Gefecht alle Dämonenkönige und der Einhörnige Geisterkönig festgenommen worden, nur wir konnten unser Leben retten; das ist zum Weinen. Jetzt aber sehen wir Euch siegreich und unversehrt zurückkehren, darum lachen wir vor Freude.«
»Sieg und Niederlage ist des Kriegers Alltag, wozu sich darüber aufhalten?« gab der Große Heilige zurück. »Wir müssen bloß dichthalten. Lasst uns gut speisen und ruhen, damit wir bei Kräften bleiben. Morgen werdet ihr meine Magie zu sehen bekommen, dann werde ich mir diese Himmelsgeneräle schnappen und mich rächen.«
Wie sich die Affen nun beruhigt schlafen legten, sei hier nicht weiter ausgeführt.
Die Vier Großen Himmelskönige aber hatten, nachdem die Truppen eingezogen und der Kampf beendet worden war, ihre Erfolge resümiert. Zwar war ihnen allerhand dämonisches Tiger-, Panther- und Wolfsgetier in die Fänge geraten, doch darunter befand sich kein einziger Affe. Noch am selben Abend belohnten sie die Verdienste der Generäle und geboten den Soldaten, die rings um das aufgespannte Weltennetz Wache hielten, mit Glocken und Warnrufen für Sicherheit zu sorgen. So wurde der Blumen-Früchte-Berg belagert, und man machte sich für den großen Kampf vom kommenden Morgen bereit.
Weiß der Himmel, wie diese Bestrafungsaktion schließlich ausging. Darum hört euch an, was das nächste Kapitel berichtet.