Es sei der Herzensgrund
Beständig ausgekehrt,
Der Staubwelt Sinneslust
Sorgfältig abgelegt,
Auf dass Vairocana280
In keine Falle geht.
Wenn das innere Wesen
Geklärt ist und stets rein,
Kann vom Urbeginn
Erstmals die Rede sein.
Pflege stets mit Sorgfalt
Den Docht vom inneren Licht;
Führe durch den Caoxi-Fluss
Den Atem mit Bedacht,281
Dass du Pferd und Affe
Nicht unfein schnaufen lässt.282
Ist der Atem Tag und Nacht
Immerdar im Gleichgewicht,
Offenbart sich darin erst
Die wahre Meisterschaft!
Dieses Gedicht mit dem Titel Nankezi283 handelt davon, wie Tripitaka, der dem Leid der Eiseskälte im Fluss zum Himmel entronnen war, die weiße Flussschildkröte bestieg und sicher ans andere Ufer gelangte.
Meister und Schüler wanderten auf der Landstraße weiter dem Westen zu. Es war bereits Winter geworden, und ringsum sah man:
Im Walde schwache Strahlen
Durch den Nebel fallen,
Berggerippe stehen
Frostig über Wellen.
Wie sie nun weiter vorandrangen, gelangten sie einmal mehr vor einen hohen Berg, auf dessen Felsenhänge ein schmaler Pfad hochführte. Er war so steinig und so steil, dass er für Menschen wie für Pferde kaum begehbar schien. Tripitaka zügelte sein Ross und rief den Schülern zu: »Seht, wie hoch dieser Berg ist! Sicher gibt es dort Tiger und Wölfe oder dämonisches Getier. Wir müssen uns vorsehen!«
Pilger aber meinte: »Keine Sorge, Meister. Wir Ordensbrüder sind ein Herz und eine Seele, alle sind wir auf dem rechten Weg und auf der Suche nach dem Wahren. Was braucht Ihr Euch da vor Tigern, Wölfen oder Dämonen zu fürchten!«
Auf diese Worte blieb Tripitaka nichts übrig, als guten Mutes vorwärtszureiten. Durch Schnee und Kälte erklommen sie frierend die aufragenden Felsklippen, bis sie von weitem in einer Talsenke, still entlegen, ein paar hohe Gebäude erblickten.
»O Schüler«, freute sich Tripitaka, »heute haben wir lange frieren und hungern müssen. Zum Glück gibt es dort im Tal ein paar Gebäude; mir scheint, sie gehören zu einer Tempelanlage. Lasst uns dorthin gehen und um Almosen bitten. Sobald wir uns gesättigt haben, wollen wir weiterreisen.«
Auf diese Worte richtete Pilger seinen Blick sofort in die angegebene Richtung und sah, dass der Ort von unguten Dunstschwaden und schlechter Energie umhüllt war. Er wandte sich zu Tripitaka und rief: »Meister, das ist kein guter Ort!«
Tripitaka aber meinte: »Das sind doch richtige Tempelhallen, was soll daran nicht gut sein?«
»Ach Meister«, lachte Pilger, »Ihr habt doch keine Ahnung. Auf dem Weg in den Westen gibt es so viele Ungeheuer, die
sich darauf verstehen, irgendwelche Gebäude herbeizuzaubern. Dort drüben jedenfalls ist eine ganz üble Energie, da dürfen wir auf keinen Fall hingehen!«
»Nun gut«, meinte Tripitaka, »aber ich bin wirklich hungrig.«
»Wenn Ihr Hunger habt, Meister, dann steigt erst mal vom Pferd und setzt Euch, ich werde etwas besorgen.«
Tripitaka stieg also aus dem Sattel, während Sandmönch die Almosenschale aus dem Reisebeutel holte und sie Pilger reichte. Dieser nahm sie entgegen und schärfte Sandmönch ein: »Werter Bruder, geht ja nicht weiter vorwärts! Du musst gut auf den Meister achten und schauen, dass er hier sitzen bleibt. Wartet, bis ich zurück bin, dann setzen wir die Reise fort.«
Sandmönch nickte, und Pilger wandte sich wieder an Tripitaka und sprach: »Meister, dieser Ort verheißt nichts Gutes. Ihr dürft Euch auf keinen Fall von hier wegbewegen. Ich weiß, dass Ihr nicht lange sitzen bleiben könnt, deshalb will ich Euch mit einer Magie zur Ruhe verhelfen.«
Schon nahm er seinen Goldreifstab und zog damit auf einer flachen Stelle einen weiten Kreis. Dann bat er Tripitaka, sich in die Mitte zu setzen, und hieß Bajie und Sandmönch, ihm links und rechts zur Seite zu stehen. Nun brachte er auch Pferd und Gepäck zu ihnen und sprach zu Tripitaka: »Der Kreis, den ich gezogen habe, wirkt noch stärker als eine eherne Festung. Kein wildes Tier und kein Dämon würde es je wagen, hier einzudringen. Das Einzige, worauf ihr achten müsst, ist, dass ihr diesen Kreis nicht verlasst. Ihr müsst unbedingt hier sitzen bleiben, nur so kann ich garantieren, dass euch nichts geschieht. Habt bloß acht!«
Tripitaka zeigte sich einverstanden und setzte sich mit den zwei Schülern aufrecht in den Kreis. Pilger aber schnellte in die Lüfte und hielt direkt nach Süden, wo er zwischen ein paar hohen alten Bäumen einen Weiler erspähte. Er senkte seine Wolke und schaute sich um. Da ging knarrend eine Holztür auf, ein alter Mann an einem Gehstock aus Gänsefußholz kam heraus, sah zum Himmel auf und brummte: »Ah, Westwind. Morgen wird’s schön.«
Hinter ihm sprang ein kleines Löwenhündchen heraus, heftete den Blick auf Pilger und bellte wie wild. Jetzt erst wandte sich der Alte um und sah Pilger, der mit seiner Almosenschale dastand.
»Werter Spender«, sprach ihn Pilger an, »ich bin ein Mönch aus dem chinesischen Kaiserreich im Osten und reise in den Westen, um Buddha zu huldigen und Heilige Schriften zu holen. Nun hat mein Meister Hunger bekommen, darum möchte ich an Eurem werten Orte um eine milde Gabe bitten.«
Da meinte der Alte: »Hier braucht Ihr nicht um Almosen zu bitten, Priester. Ihr seid auf dem falschen Weg. Der Weg nach Westen geht dort im Norden lang, etwa tausend Meilen weit von hier. Sucht doch erst die richtige Landstraße!«
Pilger aber lachte und meinte: »Genau dort im Norden sitzt mein Meister jetzt am Wegrand und wartet, dass ich mit dem Essen zurückkomme.«
»Was für ein Unsinn«, versetzte der Alte, »wenn Euer Meister dort an der Landstraße auf Euer Essen wartet, braucht Ihr doch für diese tausend Meilen, auch wenn Ihr gut zu Fuß seid, sechs bis sieben Tage, bis Ihr überhaupt hier seid. Und zurück noch mal sechs bis sieben Tage. Bis dann wäre er doch längst verhungert!«
»Nun, ich will Euch nichts verhehlen«, lachte Pilger, »seit ich von meinem Meister weg bin, ist nicht mehr Zeit vergangen, als der Tee in der Tasse heiß bleibt. Und mit dem, was ich hier bekomme, muss ich rechtzeitig zum Mittagessen wieder zurück sein.«
Da wurde es dem Alten angst und bange, und er murmelte: »Dieser Mönch ist ein Gespenst! Ein Gespenst!«
Er wandte sich ab und wollte ins Haus eilen, doch Pilger fasste ihn am Ärmel und sagte: »Wohin denn, werter Spender? Wenn Ihr was zu essen habt, dann gebt mir gleich was ab!«
»Es ist ungünstig«, wand sich der Alte, »ich habe sechs, sieben Erwachsene und Kinder im Haus, und wir haben grad erst drei Maß Reis gewaschen und aufgesetzt; er ist noch nicht gar. Geht erst mal woanders hin!«
Doch Pilger insistierte: »So sagten doch die alten Weisen: ›Besser in einem Hause sitzen, als zwischen drei Häusern hin und her gehen.‹ Da will ich geringer Mönch doch lieber ein Weilchen hier warten.«
Wie der Alte begriff, dass er ihn nicht loswurde, erhob er im Ärger seinen Gehstock und schlug nach Pilger. Der aber blieb furchtlos stehen und ließ sich sieben, acht Stockhiebe auf seinen kahlen Schädel hauen. Dann meinte er lachend: »Werter Herr, Ihr könnt schlagen, sooft Ihr wollt. Doch vergesst nicht, die Hiebe zu zählen: Ein Stockschlag gibt ein Maß Reis. Also zählt mal ruhig weiter.«
Da warf der Alte seinen Stock hin, rannte hinein, schloss die Tür hinter sich und schrie nur noch: »Ein Gespenst, ein Gespenst!«
Die ganze Sippschaft zitterte vor Angst, und man verriegelte hinten und vorn alle Tore des Hauses.
»Der alte Gauner hat doch eben gesagt, der Reis sei schon im Topf«, sann Pilger, »wer weiß, ob das stimmt. Doch so heißt es ja: ›Mit dem Daoismus gewinnt man die Gebildeten, mit dem Buddhismus die Einfältigen.‹ Da will ich alter Sun doch mal reingehen und mir einen Eindruck verschaffen!«
Er machte sich unsichtbar und ging schnurstracks in die Küche, wo tatsächlich ein Topf dampfte, der zur Hälfte mit Reis gefüllt war. Pilger drückte seine Almosenschale hinein und schöpfte eine volle Ladung Reis. Wie er nun auf einer Wolke zurücksauste, sei hier nicht weiter ausgeführt.
Lasst uns stattdessen von Tripitaka erzählen, der lange im Kreis gesessen und auf Pilger gewartet hatte. Schließlich neigte er sich vor, spähte in die Ferne und sagte: »Wohin mag dieser Affe wohl gegangen sein?«
Bajie neben ihm lachte auf und meinte: »Ha, wer weiß, wo der sich wieder vergnügt! Uns aber lässt er hier in diesem Kerker sitzen.«
»Warum denn Kerker?« fragte Tripitaka verwundert.
»Ihr müsst wissen, Meister«, erklärte Bajie, »in alten Zeiten hat man die Leute zur Strafe in einem Kreis stehen lassen, der auf dem Boden gezeichnet wurde. Jetzt hat er mit seinem Stab hier einen Kreis gezogen und behauptet, der sei noch stärker als eine eherne Festung. Aber falls jetzt wirklich Tiger oder Wölfe kommen, wie sollen die davon abgehalten werden? Dann können wir uns doch nur noch zum Fressen anbieten!«
»Was würdest du denn tun, Wuneng?«
»Nun, hier sind wir ja nicht mal vor Wind geschützt, und vor der Kälte auch nicht. Wenn es nach mir altem Eber ginge, würde ich einfach den Weg entlang nach Westen gehen. Unser Ordensbruder wird ja bald vom Almosengang zurückkommen, da wird er uns auf seiner Wolke einholen. Schließlich haben wir nun wirklich schon eine ganze Weile hier gesessen, meine Füße sind eiskalt!«
Mit diesen Worten geriet Tripitaka unter einen schlechten Stern. Schon ging er hinter dem Tölpel her aus dem Kreis hinaus, und sie folgten dem Weg, der sie bald zu jenen Gebäuden führte. Sie erwiesen sich als ein nach Süden ausgerichtetes Landgut, dessen Mauern am Haupteingang vornehm weiß getüncht und beidseitig leicht abgewinkelt
waren; das noble Portal bestand aus buntbemaltem geschichtetem Balkenwerk mit frei herabhängenden Säulen, die in umgekehrten Lotosblüten endeten. Ein Torflügel stand halb offen. Bajie band das Pferd an einer der Steintrommeln neben der Torschwelle fest, Sandmönch legte das Gepäck nieder, und Tripitaka setzte sich auf die Schwelle.
»Meister, dieses Haus muss einem Mann von hohem Stand gehören. Draußen ist niemand zu sehen, sicher sitzen alle drinnen am warmen Feuer. Bleibt hier sitzen, ich schau mich mal drinnen um.«
Der Tölpel steckte seinen Rechen in den Gürtel, strich seine blaue bestickte Mönchskutte glatt und schritt sittsam in den Hof. Hier sah er eine dreiteilige Halle mit hohen Fenstern und langen Vorhängen; alles lag still und menschenleer, selbst Einrichtungen wie Tische und Stühle fehlten. Durch die Tür einer Trennmauer gelangte er weiter hinein und kam in eine Durchgangshalle, die zu einem zweistöckigen Gebäude führte. Oben stand ein Fenster halb offen, so dass man vage einen gelbseidenen Bettvorhang erkennen konnte.
In dem prachtvollen Himmelbett lag, weiß und bleich, ein Skelett!
»Da verträgt wohl einer die Kälte nicht und liegt noch im Bett«, murmelte Bajie und stieg ungeachtet jeglichen Anstands in den ersten Stock hinauf. Als er dort aber die Hand ausstreckte, um den Bettvorhang zu lüften, durchfuhr ihn ein gehöriger Schrecken: In dem prachtvollen Himmelbett lag, weiß und bleich, ein Skelett! Der Schädel war groß wie ein Bottich, die Schenkelknochen mochten gar fünf Fuß lang sein. Nachdem sich der Tölpel wieder gefasst hatte, rannen ihm unversehens die Tränen über die Wangen; er nickte dem Skelett zu, tat einen tiefen Seufzer und sprach: »Wer weiß,
Unter welcher Dynastie
Ihr als Feldmarschall
Oder General gedient,
In welchem Lande wohl?
Ehedem ein kühner Held,
Wo er heute weilen mag?
Um den unverzagten Kämpfer
Ist es schade, in der Tat!«
Während er seiner Ergriffenheit Worte verlieh, fiel ihm auf, dass hinter dem Vorhang etwas wie ein Feuerschein flackerte.
»Da sind wohl Leute mit Räucherwerk und Kerzen«, murmelte der Tölpel und eilte hin, um hinter den Vorhang zu schauen, doch da war es nur das Licht, das durch den Fensterflügel der Durchgangshalle eindrang. Weiter drüben stand ein farbig lackierter Tisch, auf dem ein paar mit Stickereien verzierte wattierte Kleider lagen. Der Tölpel hob sie auf. Es waren drei schmucke Westen. Ohne weiter zu überlegen, nahm Bajie die Westen mit nach unten, kam durch die Eingangshalle wieder nach draußen und rief: »Meister, hier ist alles leer, es ist das Haus einer verschiedenen Seele. Ich alter Eber bin drinnen ins große Gebäude hochgegangen, dort liegt hinter einem gelben Bettvorhang ein Skelett. Nebenan habe ich drei bestickte Westen gefunden, die hab ich mitgenommen. Das ist ein Glück für uns, bei dem eisigen Wetter! Meister, legt doch mal Euer Gewand ab und zieht die Weste darunter an, dann braucht Ihr nicht so zu frieren!«
»Nein, das geht nicht!« winkte Tripitaka ab, »im Buch der Gesetze heißt es doch: ›Raub und unerlaubtes Nehmen fällt beides unter Diebstahl.‹285 Falls jemand davon erfährt, werden wir als Diebe verklagt! Bring die Sachen sofort dahin zurück, wo du sie genommen hast. Warten wir noch eine Weile, bis Wukong wieder da ist, dann gehen wir weiter.«
»Es ist doch weit und breit kein Mensch«, versetzte Bajie, »keiner weiß davon. Was sagt Ihr da von Diebstahl!«
»Eine Schande ist das!« schimpfte Tripitaka, »kennst du etwa nicht den Spruch: ›Das schlechte Gewissen in der stillen Kammer sehen die Götter hell wie ein Blitz‹? Also bring die Sachen sofort zurück und vergreife dich nicht an Dingen, die dir nicht gehören!«
Doch der Tölpel wollte nicht auf ihn hören und erwiderte: »Meister, wenn Ihr es nicht wollt, dann probiere ich alter Eber halt eins aus, so kann ich mir wenigstens ein bisschen das Rückgrat wärmen. Wenn mein Ordensbruder wieder da ist, lege ich sie zurück, und wir gehen weiter.«
»Nun, dann will ich auch eins anziehen«, meinte Sandmönch.
Schon zogen beide zusammen ihr Mönchsgewand aus und legten sich die Westen um. Doch kaum hatten sie die Bänder zugeknöpft, vermochten sie sich plötzlich nicht mehr aufrecht zu halten und stürzten um. Die Westen nämlich hatten ihnen die Arme auf den Rücken gebogen und sie noch stärker gebunden, als eine Fessel dies vermocht hätte. Verzweifelt stampfte Tripitaka auf den Boden und versuchte ihnen unter bitterer Klage die Fesseln zu lösen. Doch wie hätte dies auch gelingen können? Ihr Klagen und Rufen aber war bereits dem Dämon zu Ohren gekommen.
Tatsächlich war dieser Gutshof von einem Dämon hingezaubert worden, der hier täglich Menschen fing. Er hockte gerade in seiner Grotte, und als er die Klagerufe vernahm, eilte er nach draußen und sah, dass da wirklich zwei Menschen gefangen waren. Sofort hieß er seine kleinen Ungeheuer, mit ihm hinzugehen, löste den Zauber des Gutshofes auf, packte Tripitaka und schleppte ihn mitsamt Pferd und Gepäck, Bajie und Sandmönch in seine Grotte. Dort setzte er sich auf einen hohen Thron, und die kleinen Ungeheuer stießen Tripitaka vor ihm zu Boden.
»Woher kommst du, Mönch?« schrie der Dämon, »wie kannst du dich erdreisten, am helllichten Tag meine Kleider zu stehlen?«
»Woher kommst du, Mönch?« schrie der Dämon, »wie kannst du dich erdreisten, am helllichten Tag meine Kleider zu stehlen?«
Unter Tränen sprach Tripitaka: »Ich geringer Mönch bin vom Kaiser von China im Osten ausgesandt worden, im Westen Heilige Schriften zu holen. Da ich hungrig war, habe ich meinen ältesten Schüler auf Almosensuche geschickt, und weil er nicht zurückkam, haben wir gegen seinen Rat in Eurer himmlischen Residenz Schutz vor dem Wind gesucht. Wider Erwarten haben sich meine Schüler von der Habgier verleiten lassen und die Kleider genommen, um sich eine Weile aufzuwärmen. Unverhofft sind wir Euch, Großer König, dabei in die Falle gegangen. Ich bitte Euch inständig, lasst uns die Heiligen Schriften holen, wir werden Eurer Gnade auf ewig gedenken und Euch im Osten jahrtausendelang verehren lassen!«
Der Dämon lachte auf und meinte: »Ich habe doch schon oft sagen hören, dass einem vom Fleisch des chinesischen Priesters die weißen Haare wieder schwarz werden und ausgefallene Zähne neu wachsen. Wie schön, dass Ihr heute ungebeten hierherkommt! Und da glaubt Ihr noch, ich würde Euch laufenlassen! Wie nennt sich Euer erster Schüler und wo ist er auf Almosengang?«
Als Bajie die Frage hörte, rief er sofort: »Mein Ordensbruder ist der Große Heilige Sun Wukong, der vor fünfhundert Jahren den Himmelspalast in Aufruhr versetzt hat!«
Das jagte dem alten Dämon tatsächlich etwas Angst ein, und er dachte im Stillen: »Ich habe schon lange von dessen Fähigkeiten reden hören. Dass ich auf ihn treffen würde, hätte ich nicht gedacht.«
Dann befahl er seinem Gesinde: »Legt den Priester in Fesseln und bringt ihn erst mal nach hinten. Sobald wir seinen ältesten Schüler haben, können wir sie alle zusammen zubereiten.«
Dienstbeflissen brachten die Ungeheuer alle drei gefesselt in den hinteren Teil der Grotte, doch davon sei hier nicht weiter die Rede.
Lasst uns nun berichten, wie Pilger aus jenem Dorf im Süden mit der Almosenschale voll Reis zurückschwebte und bei der flachen Stelle am Berghang seine Wolke senkte. Tripitaka aber war längst verschwunden. Der Kreis, den er mit seiner Stange gezogen hatte, war unverändert, doch Mensch und Pferd waren weg. Als er um sich blickte, gewahrte er, dass auch die Gebäude verschwunden waren, stattdessen standen nur ein paar bizarre Felsen am Berghang.
»Kein Zweifel«, murmelte er, »die sind ihm in die Falle gegangen.«
Sogleich folgte er den Hufspuren nach Westen. Nach etwa fünf, sechs Wegmeilen, als ihn schon das traurige Elend überkommen wollte, hörte er von Norden her plötzlich Stimmen. Er spähte hin und sah einen alten Mann, der eine Kutte aus Filz und eine warme Kopfbedeckung trug, auf einen Spazierstock mit Drachenkopf gestützt daherkommen, hinter ihm folgte ein junger Diener. So kamen die beiden, ein Liedchen singend, den Hang entlang näher. Pilger legte die Almosenschale nieder und grüßte den Mann freundlich. Der Alte grüßte zurück und sprach: »Woher kommt Ihr, werter Priester?«
»Aus dem Osten«, gab Pilger zur Antwort, »wie waren eigentlich zu viert, Meister und Schüler. Als ich auf Almosengang gegangen bin, habe ich den andern gesagt, sie sollten an dieser Stelle auf mich warten. Doch jetzt, wo ich zurück bin, sind sie nicht mehr da. Ich weiß gar nicht, wo sie hingegangen sind. Darf ich fragen, Väterchen, ob Ihr sie wohl gesehen habt?«
Da lachte der Alte auf und sagte: »Eben bin ich hier vorbeigekommen, da habe ich gesehen, wie sie den falschen Weg nahmen und geradewegs in die Höhle des Dämons gelaufen sind.«
»Lasst mich wissen, Väterchen, um was für einen Dämon es sich handelt und wo er wohnt, damit ich ihn aufsuchen kann!«
»Das hier ist der Goldbeutel-Berg«, antwortete der Alte, »und in diesem Berg ist eine Goldbeutel-Grotte, in der ein
Einhörniger Nashornkönig wohnt. Er hat immense Zauberkräfte und übt große Macht aus. Um die drei Gefangenen ist es bestimmt geschehen. Auch Ihr werdet kaum heil davonkommen, wenn Ihr dorthin geht.«
»Besten Dank!« rief Pilger. »Es geht doch nicht an, dass ich nicht hingehe.«
Er wollte dem Alten den Reis geben und die leere Almosenschale mitnehmen, dieser aber nahm die Schale und reichte sie seinem Diener, worauf beide ihre ursprüngliche
Gestalt annahmen, auf die Knie fielen und unter Stirnaufschlägen riefen: »Großer Heiliger! Geringe Götter wagen Euch die Wahrheit nicht zu verhehlen: Wir sind der ortsansässige Berggott und der Erdgeist. In Wirklichkeit haben wir hier auf Euch gewartet. Diese Almosenschale mit dem Reis wollen wir geringen Götter vorerst aufbewahren: Sobald Tripitaka diesem Leid entronnen ist, werden wir sie ihm darbringen. So wird auch Eure Wertschätzung und Ehrfurcht für ihn richtig zum Ausdruck kommen, Großer Heiliger.«
»Ihr lausigen Geister habt doch Prügel verdient!« fauchte Pilger. »Warum habt ihr mich nicht gleich empfangen, wenn ihr schon gewusst habt, dass ich hier bin? Wozu dieses zweideutige Versteckspiel!«
Der Erdgeist antwortete: »Ihr habt ein hitziges Temperament, Großer Heiliger, darum fürchteten wir uns, unvermittelt vor Euer Antlitz zu treten, und haben es vorgezogen, Euch in anderer Gestalt zu informieren.«
Pilger straffte seine Schürze aus Tigerfell, packte den Goldreifstab und flitzte zum Berghang, die Grotte des Dämons zu suchen. Als er um einen hohen Felsen bog, fiel sein Blick auf eine Gruppe aufgetürmter Gesteinsbrocken, und bei einem grünlichen Felsen sah er zwei steinerne Torflügel. Vor dem Tor tollten sich kleine Ungeheuer und exerzierten mit Speeren und Schwertern. Der Große Heilige ging mit großen Schritten auf sie zu und schrie: »He, ihr kleinen Ungeheuer, geht hinein und meldet eurem Grottenherrn, dass ich der Himmelsebenbürtige Große Heilige und Schüler des chinesischen Priesters bin. Er soll meinen Meister auf der Stelle herausrücken, sonst seid ihr des Todes!«
Die Ungeheuer stürzten hinein und erstatteten dem Dämonenkönig Bericht. Der aber freute sich und sagte: »Auf den habe ich gerade gewartet! Seit ich aus meinem Palast in die Staubwelt runtergekommen bin, hab ich noch keine Gelegenheit gehabt, meine Kampfkunst anzuwenden. Dann kriege ich ja endlich einen passenden Gegenspieler!«
Sofort ließ er sich einen gehärteten Stahlspeer geben, packte ihn und befahl den Ungeheuern, sich in geordneten Reihen hinter ihm aufzustellen. Gehorsam stellten sich diese auf. Nun trat der alte Dämon nach draußen und brüllte: »Wer ist hier Sun Wukong?«
Der Große Heilige trat vor und sprach: »Hier ist dein Ahnherr Sun! Rück sofort meinen Meister raus, dann bleiben wir beide unversehrt. Wenn ich aber auch nur ein halbes ›Nein‹ höre, dann bist du des Todes, und zwar ohne Begräbnis!«
»Du tollkühner Affenlump!« brüllte der Dämon, »was für Künste hast du eigentlich, dass du den Mund so voll nimmst? Dein Meister hat meine Kleider gestohlen; es stimmt, dass ich ihn gefangen habe. Jetzt warte ich nur noch drauf, dass er im Dampf zubereitet wird. Falls du wirklich was draufhast, dann mach einen Wettkampf mit mir. Solltest du es schaffen, mich in drei Runden zu besiegen, dann lasse ich von deinem Meister ab. Falls du mir aber nicht standhältst, wirst du gleich ins Jenseits befördert!«
»Ha, du Zankteufel!« lachte Pilger, »diese Reden kannst du dir sparen, komm her und lass dir eins überziehen!«
Der Dämon richtete seinen Stahlspeer auf Pilger und trat in den Kampf. Ganze dreißig Runden fochten die beiden aus, doch Sieg und Niederlage blieben unentschieden. Als der Dämon sah, wie makellos und ohne jeglichen Bruch Pilger seine Stange führte, brummte er anerkennend: »Nicht schlecht, dieser Affe, der hat tatsächlich das Zeug zu einem Aufruhr im Himmelspalast.«
Dann ließ er seine Speerspitze in die Erde fahren und schickte seine Ungeheuer los, die flugs mit Säbeln und Stöcken, Schwertern und Speeren heranrückten und den Großen Heiligen in ihre Mitte nahmen. Dieser blieb furchtlos stehen und wehrte die Schläge hinten und vorn, links und rechts geschickt mit seiner Stange ab. Trotzdem ließen sich die Ungeheuer nicht zurückschlagen. Da wurde Pilger ungeduldig, warf den Goldreifstab empor und rief: »Verwandlung!« Auf der Stelle wurde er zu Tausenden von Goldreifstäben, die nun wie fliegende Schlangen durch die Luft wirbelten. Als die Ungeheuer dies bemerkten, ergriffen sie panikartig die Flucht und brachten sich in der Grotte in Sicherheit. Der alte Dämon aber grinste und meinte: »Keine Frechheiten, du Affe. Sieh dich vor!«
Er langte in seinen Ärmel, holte einen weiß glänzenden Ring hervor, warf ihn in die Luft und schrie: »Fangen!«
Jäh fuhren die vielen Goldreifstäbe zusammen und schwirrten in den Ring. Pilger, der auf einmal mit leeren Händen dastand, machte einen Wolkenüberschlag und floh um sein Leben. Siegreich kehrte der Dämon in die Grotte zurück; Pilger hingegen war wie betäubt und wusste nicht, was tun. So war es in der Tat:
Wächst die Tugend einen Fuß,
Steigt der Dämon zehn Fuß auf;
Macht Gefühl und Wesen wirr,
Lockt sie in das falsche Haus.
Ach, dass nun der Dharma-Leib
Keinen Platz mehr finden kann,
Denn er folgte in dem Handeln
Unbesonnen einem Wahn!
Und da wir nicht wissen, was aus dieser Sache nun werden soll, lasst uns das nächste Kapitel anhören.