Wir haben erzählt, wie der Große Heilige im Kampf unterlag und nun mit leeren Händen hinter dem Goldbeutel-Berg saß. Plötzlich rollten ihm die Tränen aus den Augen, und er rief: »Ach, Meister! Wollte ich doch stets:
Mit Euch bleiben, mit Euch üben,
Mit Euch die Erlösung finden!
Mit Euch inniglich verbunden,
Zauberkraft zum Wirken bringen.
Doch wer ahnte, dass ich heute
Wehrlos ohne Stange bin,
Und mit diesen leeren Händen
Meine Kraft nicht zeigen kann?«
Nachdem der Große Heilige lange Zeit verzweifelt dagesessen hatte, ging es ihm auf einmal durch den Sinn: »Dieser Dämon kannte mich ja! Während des Kampfes hat er sogar gesagt, ich hätte wirklich das Zeug zum Aufruhr im Himmelspalast. Wenn ich es so bedenke, müsste es irgendein schlechter Stern sein, der aus Sehnsucht nach dem Erdenleben hierhergekommen ist. Da will ich doch gleich mal in den oberen Sphären nachschauen.«
Schon schnellte er hoch und sauste auf einer glückverheißenden Wolke schnurstracks zum Südlichen Himmelstor, wo er gleich bis zur Halle der Himmelshöhen vordrang. Dort standen die Vier Himmelsmeister Zhang Daoling, Ge Xianweng, Xu Jingyang und Qiu Hongji, kamen mit zum Gruß erhobenen Händen auf ihn zu und sprachen: »Was führt Euch hierher, Großer Heiliger?«
»Ich muss den Jadekaiser sprechen. Bitte meldet mich an!« antwortete Pilger.
Die Vier Himmelsmeister meldeten die Nachricht umgehend in der Halle der Himmelshöhen, und Pilger wurde vor den Thron geladen. Vor dem Jadekaiser machte er eine tiefe Verbeugung und sprach: »Himmlische Majestät! Ich alter Sun beschütze den Priester aus China auf seiner Reise in den Westen. Dass wir unterwegs viel Leid durchmachen müssen und wenig Glück haben, brauche ich nicht weiter auszuführen. Doch heute sind wir auf ein schlimmes Ungeheuer gestoßen, das nun Tripitaka in seiner Grotte gefangen hält. Ich habe ihn schon aufgesucht und mit ihm gekämpft, doch der Dämon hat so große magische Kräfte, dass er meinen Goldreifstab an sich reißen konnte, darum kann ich ihn kaum noch überwinden. Er sagt, er kenne mich, also muss es doch irgendein schlechter Stern sein, der hinunter auf Erden gegangen ist. Darum bin ich jetzt hier und hoffe, dass Eure himmlische Majestät mir die Gunst erweisen mag, den schlechten Stern per Dekret ausfindig zu machen und den Dämon mit einem Aufgebot an Himmelskriegern zu überwältigen. In höchster Ehrfurcht wartet alter Sun bangend auf die hehren Anweisungen!«
Daraufhin machte er eine weitere tiefe Verbeugung und fügte hinzu: »Auf dass meine Bitte erhört werde!«
»Dieser Affe!« bemerkte Ge, der Unsterbliche Greis, der neben ihm stand. »Wozu sonst so hochfahrend und jetzt so unterwürfig?«
»Das hat nichts mit hochfahrend und unterwürfig zu tun«, gab Pilger zurück, »ich alter Sun kann bloß nicht meine Stange spielen lassen!«
Der Jadekaiser ließ nun der Kehan-Abteilung286 den Befehl erteilen, dass auf der Stelle sämtliche Sternbilder aller Himmel daraufhin zu überprüfen seien, ob irgendeiner der Sterngötter sich im Verlangen nach irdischen Gelüsten hinunter auf Erden abgesetzt habe; das Ergebnis sei umgehend zu melden, um Maßnahmen ergreifen zu können. Der Wahre Meister nahm den Befehl entgegen und begab sich sofort mit dem Großen Heiligen zur Überprüfung. Sorgfältig durchsuchten sie alle Sterne und Sternbilder des Himmels, doch nirgendwo war jemand in die Erdenwelt entlaufen.
Schließlich erstattete der Kehan-Meister dem Jadekaiser Bericht, und dieser sprach: »Dann möge Sun Wukong einige Himmelskrieger auswählen, die ihn in die niederen Sphären begleiten, den Dämon zu bezwingen.«
Die Vier Himmelsmeister verließen die Audienzhalle und berichteten Pilger, was der Jadekaiser gesagt hatte.
»Die meisten Himmelskrieger sind mir unterlegen«, sann Pilger laut. »Damals, als ich den Himmelspalast in Aufruhr brachte, hatte ich keinen einzigen ebenbürtigen Gegner. Der Dämon aber, mit dem wir es jetzt zu tun haben, ist gleich stark wie ich. Wie sollen wir den bloß besiegen?«
»Zwischen heute und damals besteht ein großer Unterschied«, wandte Xu Jingyang ein. »So heißt es doch: ›Jede Kreatur kann irgendeine andere überwinden.‹ Dem Befehl des Himmelskaisers könnt Ihr Euch schwerlich widersetzen; also wählt doch nach Eurem werten Erwägen einige Himmelskrieger aus. Ihr dürft keine Zeit verlieren.«
»Nun gut«, meinte Pilger, »dann bitte ich Euch, Jingyang,
dem Jadekaiser mitzuteilen, dass ich nur den Pagodentragenden Himmelskönig und Prinz Nata brauche. Die beiden haben ein paar gute Waffen gegen Dämonen, damit sollen sie runterkommen und dem Ungeheuer den Kampf ansagen, dann schauen wir, was sich ergibt.«
Nachdem der Himmelsmeister dem Jadekaiser die Bitte gemeldet hatte, erteilte dieser Himmelskönig Li und dessen Sohn umgehend den Befehl, die Himmelskrieger aller Abteilungen anzuführen, um Pilger beizustehen. Unverzüglich
machte sich der Himmelskönig auf, mit Pilger zusammenzutreffen. Pilger aber wandte sich abermals an die Himmelsmeister und sprach: »Noch etwas: Bitte meldet, dass ich noch zwei Donnergötter brauche. Wenn der Himmelskönig gegen den Dämon kämpft, lassen wir die Donnergötter von den Wolken aus Blitze auf sein Haupt schleudern, dann wird er gleich erstochen. So ist die Strategie noch perfekter.«
Die Himmelsmeister meldeten seinen Wunsch dem Jadekaiser, der sogleich die Donnergötter Deng Hua und Zhang Fan aus dem neunten Himmel antreten ließ, dem Himmelskönig beizustehen. Anschließend begaben sich alle zum Südlichen Himmelstor und kamen binnen kurzem zum Goldbeutel-Berg.
»Meine Herrschaften« rief Pilger, »besprecht euch mal, wer zuerst zum Kampf aufrufen soll!«
Der Himmelskönig meinte: »Mein Sohn Nata hat ehedem Dämonen von sechsundneunzig Grotten überwunden. Er hat sehr gute Waffen gegen Dämonen bei sich. Lasst ihn zuerst antreten.«
»Gut«, meinte Pilger, »dann will ich alter Sun den Prinzen hinführen.«
Der Prinz ballte seine Kräfte und folgte Pilger zum Eingang der Grotte. Doch sie fanden das Tor fest verschlossen.
»Zankteufel!« schrie Pilger, »mach das Tor auf und gib mir meinen Meister zurück!«
Die kleinen Ungeheuer rannten zum Dämon und meldeten: »Großer König, draußen steht Pilger Sun mit einem kleinen Buben und ruft vor dem Tor zum Kampf auf!«
Der Dämon packte seinen Speer, trat hinaus und betrachtete die Ankömmlinge. Der Knabe machte einen außerordentlich reinen Eindruck. Da lachte der Dämon und rief: »Ha, du bist Prinz Nata, der Sohn des Himmelskönigs Li. Wie kommt es, dass du hier vor meiner Grotte rumschreist?«
»Weil du Zankteufel hier den Frieden störst und dich am Priester aus China vergriffen hast. Darum bin ich auf
himmelskaiserliches Geheiß hierhergekommen, dich festzunehmen!«
Wütend rief der Dämonenkönig: »Bestimmt hat dich Sun Wukong hierhergebeten. Ich bin niemand anderes als der Widersacher dieses heiligen Priesters! Lass sehen, was du kleiner Bengel für Künste beherrschst, dass du den Mund so voll nimmst!«
Schon richtete er seinen Speer gegen den Prinzen, während dieser ihm mit seinem Geisterköpfschwert entgegenkam. Die beiden traten erst aufeinander zu und schätzten ihre Kräfte ab, dann begannen sie den Kampf. Schon schoss der Große Heilige um den Berghang und hieß die beiden Donnergötter, ihre Blitze zu schleudern. Deng und Zhang stiegen auf Wolkenhöhe und wollten gerade anfangen, als sie bemerkten, dass der Prinz seine magischen Kräfte zu entfalten begann und sich in einen dreiköpfigen und sechsarmigen Riesen verwandelte, der nun mit sechs verschiedenen Waffen gleichzeitig auf den Dämon einschlug. Dieser aber wurde ebenfalls dreiköpfig und sechsarmig und wehrte sich mit drei
Speeren zugleich. Da griff der Prinz zu einer dämonenbezwingenden Magie und ließ sein Geisterschwert, den Geisterköpfsäbel, das Geisterseil, die Dämonenkeule sowie einen bestickten Seidenball und seine kleinen Feuerräder mit dem Ruf »Verwandlung!« in tausend- und abertausendfacher Vermehrung erscheinen, dass sie wie ein wilder Platzregen oder ein Hagelschlag auf den Dämon niederprasselten. Der aber blieb furchtlos stehen, holte seinen Ring aus der Ärmeltasche, warf ihn hoch und rief: »Fangen!« Schon schwirrten alle sechs Waffenarten in den Ring hinein. Erschrocken stand Nata mit leeren Händen da und musste die Flucht ergreifen. Der Dämon aber kehrte siegreich in seine Grotte zurück.
Oben in den Lüften meinten die beiden Donnergötter Deng und Zhang: »Zum Glück haben wir nicht unsere Blitze niederfahren lassen. Wie hätten wir vor den Himmelskaiser treten können, wenn sie vom Dämon ergriffen worden wären?«
Die beiden Herren senkten ihre Wolken und begaben sich mit dem Prinzen zum Berghang, wo sie dem Himmelskönig Li meldeten: »Dieser Dämon hat wahrhaftig überragende Kräfte.«
Pilger aber meinte: »Was der Kerl an Künsten beherrscht, ist auch nicht umwerfend. Nur dieser Ring ist so unglaublich stark! Wer weiß, was für ein Schatz das ist, dass er damit einfach alles einfangen kann.«
»Wie sollen wir bloß mit ihm fertigwerden?« fragte der Himmelskönig.
»Macht, was Ihr für richtig haltet«, meinte Pilger. »Es muss nur irgendwas sein, das sich nicht in dem Ring verfängt, dann kriegen wir ihn zu fassen.«
Da meinte der Himmelskönig: »Allein Wasser und Feuer lassen sich nicht einfangen. So heißt es ja: ›Wasser und Feuer kennen kein Erbarmen.‹«
Als Pilger dies hörte, meinte er: »Das ist eine gute Idee! Bleibt doch mal hier, ich alter Sun gehe kurz in den Himmel, bin gleich wieder da. Wir brauchen dem Jadekaiser nichts zu melden, es genügt, wenn der Sternfürst der Feuertugend runterkommt und dem Ungeheuer einen ordentlichen Brand macht. Am besten soll er auch gleich den Ring einäschern, dann können wir das Biest festnehmen. Zum einen könnten wir Euch dann Eure Waffen zurückgeben, zum anderen meinen Meister befreien.«
Der Prinz hörte seine Worte mit Freude und rief: »Geht, Großer Heiliger, und kommt rasch wieder!«
Pilger schnellte auf eine glückverheißende Wolke und kam abermals ans Südliche Himmelstor. Diesmal ging er direkt zum Palast der Feuerroten Blüte. Der Sternfürst der Feuertugend der drei Urkräfte287 aus dem Süden strich sich sein Gewand zurecht, trat Pilger zum Empfang entgegen und sprach: »Gestern hat die Kehan-Abteilung meinen Palast durchsucht, hier hat sich keiner nach irdischen Gelüsten gesehnt.«
»Ich weiß«, antwortete Pilger. »Aber der Himmelskönig Li und Prinz Nata sind besiegt worden und haben ihre Waffen verloren, darum ersuche ich Euch um Hilfe. Denn dieser Dämon hat einen Ring, mit dem er alles einfangen kann. Ich weiß nicht, um was für einen Schatz es sich handelt. Nun haben wir uns untereinander besprochen und sind der Meinung, dass höchstens noch Feuer und Wasser nicht in diesem Ring eingefangen werden können. Darum bin ich eigens gekommen, Euch zu bitten, mit mir in die unteren Gefilde zu kommen und den Dämon mit Eurem Feuer zu verbrennen, damit wir meinen Meister retten können.«
Auf der Stelle gab der Sternfürst seinen Kriegern Befehl und folgte Pilger zum Goldbeutel-Berg, wo er den Himmelskönig, die Donnergötter und die anderen begrüßte.
»Großer Heiliger«, sprach der Himmelskönig, »geht doch noch einmal zur Grotte und ruft den Kerl heraus. Dann werde ich mit ihm kämpfen, und wir schicken den Feuerstern mit seiner Truppe, ihn zu verbrennen.«
Flugs kam Pilger vor das Grottentor und rief nach dem Dämon. Der erschien mit all seinen Ungeheuern und rief: »Du Zankaffe, was für Krieger hast du denn jetzt wieder mitgebracht?«
Da kam der Pagodentragende Himmelskönig und schrie: »Erkennst du mich, du Zankteufel?«
»Himmelskönig Li«, grinste der Dämon, »Ihr wollt Euch wohl für den werten Herrn Sohn rächen, damit er seine Waffen wiederkriegt?«
»Erstens will ich mich rächen und die Waffen wiederhaben, zweitens will ich dich festnehmen, um den Priester aus China zu retten. Bleib stehen und lass dir eins mit dem Säbel überziehen!«
Der Dämon trat ihm mit gezücktem Speer entgegen, und die beiden begannen vor der Grotte ihren Kampf. Gleichzeitig schnellte Pilger mit einem Satz auf den Gipfel und rief dem Sternfürsten der Feuertugend zu: »Gebt acht, Fürst der drei Urkräfte!«
Mitten in seinem Kampf gegen den Himmelskönig holte der Dämon aufs Neue seinen Ring hervor, doch der Himmelskönig bemerkte es rechtzeitig und entschwebte auf
einem glückverheißenden Lichtstrahl. Da erteilte der Sternfürst der Feuertugend auf dem Gipfel seiner Truppe von Feuergöttern den Befehl, im Verein Feuer zu entfachen. Es war ein ungeheurer Brand. Wie der Dämon das Feuer sah, nahm er ohne jegliches Anzeichen von Furcht seinen Ring und warf ihn in die Luft. Schon schwirrten all die Feuerdrachen,
Feuerpferde, Feuerraben, Feuerratten, Speere, Säbel, Pfeilbogen und Pfeile in den Ring hinein. Der Dämon wandte sich um, rief seine Krieger zu sich und kehrte siegreich in die Grotte zurück.
Der Sternfürst der Feuertugend blieb mit dem leeren Flaggenmast in der Hand zurück, rief seine Krieger zu sich und setzte sich mit Himmelskönig Li am Südhang nieder. Dann wandte er sich an Pilger und sprach: »Großer Heiliger, so üble Dämonen wie diesen gibt es selten! Nun habe ich all meine Feuergeräte verloren, was soll ich bloß tun?«
Da meinte Pilger lachend: »Grämt Euch nicht. Wenn sich das Ungeheuer vor Feuer nicht fürchtet, dann bestimmt vor Wasser. Wartet mal, ich alter Sun gehe gleich mal zum
Sternfürsten der Wassertugend und bitte ihn, seine Wassermassen in die Grotte zu gießen, dann können wir diesen Dämonenkönig ertränken und kriegen unsere Waffen wieder.«
Kaum hatte er zu Ende gesprochen, schwang er sich im Wolkenüberschlag zum Nördlichen Himmelstor und begab sich dort direkt zum Palast der Schwarzen Wassermassen. Der Sternfürst der Wassertugend288 begleitete ihn hinein und sprach: »Gestern hat die Kehan-Abteilung unseren geringen Palast durchsucht, in der Annahme, dass sich einer unserer Götter im Verlangen nach irdischen Gelüsten abgesetzt haben könnte. Zur Zeit werden gerade die Gottheiten aller Ströme, Flüsse und Meere überprüft, wir sind noch nicht fertig.«
»Bei dem Dämon kann es sich nicht um die Gottheit eines Gewässers handeln«, meinte Pilger. »Gestern hab ich alter Sun den Sternfürsten der Feuertugend gebeten, ihn mit seinem Feuer zu verbrennen, doch der Dämon hat sogar seine Feuergeräte in den Ring gesogen. Nun denke ich, wenn dem Biest das Feuer nichts ausmacht, muss es sich bestimmt vor Wasser fürchten, darum bin ich eigens gekommen, Euch zu bitten, mir mit Euren Wassermassen zu helfen, den Dämon festzunehmen und meinen Meister zu befreien.«
Umgehend beauftragte der Sternfürst den Wassergott des Gelben Flusses, dem Großen Heiligen beizustehen. Pilger fragte den Wassergott: »Wie wollt Ihr denn Wasser schöpfen?«
Da zog der Wassergott aus seinem Ärmel eine kleine bauchige Jadeschale hervor und antwortete: »Mit diesem Gefäß.«
»Wie viel soll man damit schöpfen können?« wunderte sich Pilger.
»Ihr müsst wissen, Großer Heiliger«, erklärte der Wassergott, »mit dieser Schale kann ich das gesamte Wasser des Gelben Flusses schöpfen. Eine halbe Schale entspricht dem halben Fluss, eine volle Schale dem ganzen.«
»Die Hälfte reicht vollkommen«, meinte Pilger erfreut, verabschiedete sich vom Sternfürsten und eilte mit dem Wassergott aus dem Himmel.
Der Wassergott schöpfte eine halbe Schale Wasser aus dem Gelben Fluss und folgte Pilger auf den Goldbeutel-Berg, wo auch der Himmelskönig und die anderen Götter waren, und alle berichteten, was sich ereignet hatte.
»Halten wir uns nicht länger auf«, meinte Pilger. »Möge der Wassergott mit mir kommen. Ich werde nun den Dämon rufen, und noch bevor er herauskommt, müsst Ihr Euer Wasser in seine Grotte schütten. So wird er mit seinem ganzen Nest ersaufen. Anschließend können wir meinen Meister retten.«
Wie befohlen folgte der Wassergott Pilger vor den Eingang der Grotte. »Mach auf, Dämon!« schrie Pilger.
Drinnen nahm der Dämon seinen magischen Ring und packte seinen Speer, dann hörte man ein Knarren, und das Steintor öffnete sich. Sofort goss der Wassergott seine Schale in die Grotte. Kaum hatte der Dämon das Wasser bemerkt, nahm er seinen Ring zur Hand und stemmte beide Torflügel zu. Da sah man draußen die Wassermassen auf einmal gurgelnd und rauschend herausfließen. Der erschrockene Große Heilige konnte sich gerade noch mit einem Wolkenüberschlag retten und sprang mit dem Wassergott auf den Gipfel. Gleichzeitig sahen der Himmelskönig und die andern Götter aus wolkiger Höhe, wie alles von schäumenden Wassermassen überflutet wurde. Pilger bekam es mit der Angst zu tun und rief: »Schlimm, schlimm, das gibt ja eine Überschwemmung, das Wasser wird die Felder zerstören! Was tun wir bloß, wenn es nicht in die Grotte fließt?«
Er rief dem Wassergott zu, das Wasser zurückfließen zu lassen. Der aber antwortete: »Geringer Gott kann Wasser nur ausschütten, es zurückfließen zu lassen ist nicht möglich. Wie sagt man doch: ›Vergossenes Wasser lässt sich nicht zurückholen!‹«
Aber oh! Der Berg war so hoch, dass das Wasser bald zu allen Seiten kleine Bäche bildete und sich in die Täler verteilte.
Gleichzeitig sah man schon wieder kleine Ungeheuer aus der Grotte springen und draußen frischfröhlich mit Stangen und Speeren exerzieren, als ob nichts gewesen wäre.
»Nun, da das Wasser nicht in die Grotte gelaufen ist, haben wir Euch umsonst bemüht«, meinte der Himmelskönig.
Pilger aber überkam plötzlich eine rasende Wut. Er schwang seine Fäuste, rannte auf die Grotte zu und fauchte: »Stehengeblieben! Jetzt werdet ihr allesamt niedergehauen!«
Die kleinen Ungeheuer ließen ihre Waffen fallen, schossen in die Grotte und keuchten: »Großer König, er will uns niederhauen!«
Der Dämon trat mit gezücktem Speer nach draußen und schrie: »Du Zankaffe, wie oft hast du gegen mich verloren, und da kommst du schon wieder! Suchst du eigentlich den Tod, oder was?«
»Verdreh nicht die Tatsachen, mein Sohn!« schrie Pilger, »komm her und lass dir von deinem Ahnherrn Sun eins in die Fresse hauen!«
Der Dämon lachte bloß und rief: »Dieser Affe kann’s nicht lassen! Ich bin mit dem Speer bewaffnet, und er kommt mit bloßer Faust! Dabei sind diese Fäustchen gerade mal so groß wie Walnüsse, das sind doch keine rechten Hämmer! Nun gut, wie du willst, dann leg ich mal den Speer nieder und trage mit dir einen Faustkampf aus.«
Schon hob der Dämon sein Gewand an, tat einen großen Schritt nach vorn, warf sich in Kampfpose und streckte seine Fäuste hoch, die in der Tat aussahen wie Eisenhämmer. Auch der Große Heilige reckte sich, stellte sich in Kampfpose und begann mit dem Dämon einen Faustkampf. Vom Gipfel her kamen ihm nun der Himmelskönig und Nata mit anderen Gottheiten zu Hilfe, während auf Seiten des Dämons die Ungeheuer ihre Flaggen schwangen, Kriegstrommeln schlugen und mit Schwertern und Säbeln heranwirbelten. Als der Große Heilige merkte, dass die Sache aus dem Ruder zu laufen
drohte, zupfte er sich ein Haar aus und schrie: »Verwandlung!« worauf an die fünfzig kleine Affen daherrannten, sich dem Dämon an Lenden und Beine hängten, ihm in die Augen kratzten und ihn an den Haaren rissen. Da bekam es der Dämon mit der Angst zu tun und zog seinen Ring hervor. Der Große Heilige, der Himmelskönig und die anderen bemerkten es sofort, stoben auf ihren Wolken in die Höhe und flohen auf den Gipfel. Der Dämon aber warf seinen Ring in die Luft, und schon schwirrten sämtliche Affen, die aus dem Pelzhaar gezaubert waren, in seinen Ring hinein. Einmal mehr kehrte er siegreich in die Grotte zurück und verriegelte das Tor.
Pilger aber besprach sich mit den Göttern und meinte: »Der Dämon wäre schon unterzukriegen, nur sein Ring macht die Sache so schwierig. Was tun wir bloß?«
»Wenn wir gewinnen wollen, müssen wir unbedingt diesen Zauberschatz erobern, sonst kriegen wir das Biest nicht zu fassen«, waren sich der Sternfürst der Feuertugend und der Wassergott einig.
»Wie sollen wir denn an seinen Schatz herankommen?« fragte Pilger. »Das geht höchstens, wenn wir ihn stehlen.«
Die Donnergötter Deng und Zhang lachten und meinten: »Wenn es um Diebstahl geht, dann seid Ihr, Großer Heiliger, doch der Beste! Was Ihr damals bei Eurem Aufruhr im Himmel alles für Künste habt spielen lassen, ist doch genau das, was wir heute hier brauchen.«
»In Ordnung, in Ordnung!« meinte Pilger, »dann will ich alter Sun mich mal umsehen.«
Der gute Große Heilige! Schon sprang er vom Gipfel, ging alleine zur Grotte, verwandelte sich mit einem leichten Dreh in eine Fliege und surrte durch einen Spalt im Torflügel hinein. Drinnen sah er die Ungeheuer aufgereiht zu beiden Seiten stehen, während der Dämon in der Mitte auf einem Podest thronte. Vor ihm war ein Gelage aus Schlangenfleisch, Hirschbrust, Bärentatzen und Kamelhöckern ausgebreitet, die er sich zum Wein schmecken ließ. Pilger surrte zwischen die Ungeheuer, nahm die Gestalt eines Dachsgeistes an und rückte langsam näher zum Podest. Sorgfältig beobachtete er alles, doch konnte er nicht ausfindig machen, wo der Zauberschatz des Dämons war. Flink hüpfte er schließlich hinter das Podest, und da sah er, dass im hinteren Raum hoch oben die Feuerdrachen und Feuerpferde seufzend und wiehernd an einem Balken hingen. Plötzlich fiel sein Blick auf den Goldreifstab, der an der Ostwand aufgehängt war. Es juckte ihn vor Freude, dass er sich kaum mehr halten konnte. Schon hatte er seine Verwandlung vergessen, riss den Stab an sich und wirbelte in seiner eigenen Gestalt durch die Grotte. Die Ungeheuer bebten vor Angst, und bevor der alte Dämon dazu kam, sich zu wehren, war Pilger schon zum Grottentor hinaus, hinter sich eine blutige Spur. So war es in der Tat:
Im Hochmut ist der Dämon
Ganz ohne Achtsamkeit;
So liegt die Stange wieder
Vor ihrem Herrn bereit!
Und da wir nicht wissen, wie es um Heil und Unheil stand, lasst uns das nächste Kapitel anhören.