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052 Wukong wütet in der Goldbeutel-Grotte / Buddha deutet den Herrn und Meister an

Wie berichtet, hatte der Große Heilige seinen Goldreifstab wiedererlangt, und nachdem er sich seinen Weg nach draußen freigeschlagen hatte, sprang er auf den Gipfel und gesellte sich freudestrahlend zu den anderen.

»Wie war es?« fragte der Himmelskönig.

Pilger hatte eben erst fertigerzählt, was er in der Grotte gesehen hatte, als am Berghang plötzlich Gongs und Trommeln erklangen und die Erde von wildem Gebrüll erzitterte. Es war der Nashornkönig, der hinter Pilger her war. Sowie Pilger ihn erblickte, erhob er seinen Goldreifstab und schrie: »Bleib stehen, du Rotzteufel!«

»Unverschämt bist du diebischer Affenschädel!« gab der Dämon zurück, »wie kannst du dich erdreisten, am helllichten Tag meine Sachen zu stehlen?«

»Verdammtes Biest«, gab Pilger zurück, »du hast doch mit deinem Ring all meine Sachen eingesackt, oder soll etwa irgendwas dir gehört haben? Bleib stehen, lass dir von dem alten Herrn eins überziehen!«

Der Dämon schwang seinen Speer und stellte sich in abwehrende Kampfpose. Der Kampf, den die beiden nun ausfochten, dauerte ganze sechs Stunden, ohne dass es zu einer Entscheidung kam. Schon brach die Dämmerung an. Da fauchte der Dämon auf, tat zum Schein einen letzten Hieb und verschwand mit seinen Ungeheuern in der Grotte, wo er das Tor fest verriegeln ließ.

Seine Stange hinter sich herziehend, kam der Große Heilige zu den anderen zurück und meinte: »Der Kampf gegen den alten Sun muss dieses Ungeheuer ganz schön erschöpft haben. Bleibt hier ruhig sitzen, ich geh noch mal in seine Grotte und schaue mich nach seinem Ring um. Den will ich unbedingt erbeuten, dann können wir das Biest dingfest machen, unsere Waffen holen, und ihr könnt in den Himmel zurückkehren.«

»Heute ist es schon spät«, gab Prinz Nata zu bedenken, »wartet lieber bis morgen.«

Pilger aber lachte: »Der junge Herr kennt sich aber schlecht aus in irdischen Belangen. Diebe gehen doch nicht am hellen Tag auf Raubzug? Für ein solches Unterfangen muss man nachts eindringen, sonst wird nichts daraus!«

Seht, wie er mit breitem Grinsen den Goldreifstab ins Ohr steckt, vom Gipfel springt und wieder vor das Grottentor tritt!

Mit einem leichten Dreh verwandelte er sich in eine Grille, schlüpfte durch eine Ritze in die Grotte hinein und duckte sich in eine Ecke an die Wand. Von hier aus richtete er seinen Blick ins Lampenlicht. Dort saß gerade die gesamte Schar kleiner und großer Ungeheuer laut schmatzend und schlürfend beim Essen. Nach kurzer Zeit wurde aufgeräumt, und alle richteten ihre Schlafstätten her. Erst als ungefähr die Zeit der ersten Nachtwache angebrochen war, schlich Pilger nach hinten ins Wohngemach. Da hörte er nun, wie der Dämon den Befehl erteilte, dass die Ungeheuer an jeder Tür Wache halten sollten, damit nicht Sun Wukong wieder in irgendeiner Verwandlung hereinkommen und etwas stehlen könne. Auch die Klappern und Glöckchen der Nachtwächter waren zu hören. Der Große Heilige zwängte sich durch einen Spalt in die Schlafkammer, wo er ein steinernes Bett vorfand, neben dem mehrere herausgeputzte und gepuderte Berg- oder Baumgeister standen, die dem alten Dämon gerade die Decken ausbreiteten. Als dieser nun sein Gewand auszog, kam an seinem linken Arm der schneeweiß schillernde Ring zum Vorschein. Er sah aus wie ein aus Perlen gefertigter Armreif. Doch seht, er legte den Ring nicht ab, sondern strich nur kurz mit der Hand darüber, um ihn dann hochzustreifen, dass er eng am Oberarm festsaß. Dann legte er sich schlafen. Als Pilger das sah, machte er einen leichten Dreh, verwandelte sich in einen gelben Floh und war mit einem Satz auf dem Bett, wo er unter die Decke schlüpfte, auf den Arm des Ungeheuers kroch und zubiss. Der Dämon wälzte sich herum und schimpfte: »Die verdammten Lakaien schütteln nicht mal die Decken aus und machen einem das Bett nicht sauber! Was für ein Ding hat mich da gebissen?«

Er schob seinen Ring höher und schlief weiter. Pilger kroch zum Ring hin und biss ein zweites Mal. Doch der Dämon scherte sich nicht mehr darum. Pilger ahnte, dass er so den Schatz nicht würde stehlen können. Also sprang er aus dem Bett, verwandelte sich wieder in eine Grille, verließ die Schlafkammer und ging nach hinten, wo er von neuem die Feuerdrachen und Feuerpferde seufzen und wiehern hörte. Doch die Tür zu dem Raum, in dem sie aufgehängt waren, war fest verschlossen. Da ging Pilger, in seine eigene Gestalt zurückverwandelt, zur Tür, öffnete mit einer Magie das Schloss, stieß die Tür auf und sprang hinein. Drinnen war es vom Schein der Feuergeräte taghell. Da fiel sein Blick auf die Waffen, die zu beiden Seiten an die Wand gelehnt standen: Prinz Natas Säbel und Schwert und seine anderen Geräte, wie auch Pfeil und Bogen vom Sternfürsten der Feuertugend. Wie er sich weiter umschaute, gewahrte er auf einem steinernen Tisch einen Teller, auf dem ein Büschel Pelzhaare lagen. Überglücklich nahm er die Haare, blies ein paar heiße Atemzüge darauf und rief: »Verwandlung!« Schon wurden vierzig bis fünfzig kleine Affen daraus, denen er nun befahl, Säbel, Schwert, Pfeil und Bogen und alle anderen Sachen an sich zu nehmen. Er selber setzte sich rittlings auf einen Feuerdrachen und schoss mit der Kraft des Feuers durch die Grotte hindurch nach draußen. Es donnerte und krachte, klirrte und knallte, als ob Donner und Kanonen gleichzeitig losgehen würden. Entsetzt fuhren die Ungeheuer aus dem Schlaf, die einen heulten, die anderen flennten, keines wusste, wohin es fliehen sollte, und ein großer Teil kam in den Flammen um. Als Pilger siegreich zurückkehrte, zählte man erst die Zeit der dritten Nachtwache.

Vom Gipfel aus gewahrten die Himmelsgötter plötzlich, wie ein gleißender Feuerschein heranbrauste, als Pilger auf dem Feuerdrachen johlend über den Gipfel schoss und rief: »Holt eure Waffen, holt eure Waffen!«

Er schüttelte sich und fing seine Haare wieder ein. Prinz Nata nahm seine sechs Waffen wieder an sich, der Sternfürst der Feuertugend holte den Feuerdrachen und seine anderen Geräte. Wie nun alle fröhlich lachend Pilger ihr Lob austeilten, sei hier nicht weiter ausgeführt.

Lasst uns stattdessen berichten, wie in der Goldbeutel- Grotte die gleißenden Flammen um sich griffen, dass der Nashornkönig außer sich vor Schrecken die Schlafkammertür aufriss, seinen Ring mit beiden Händen packte, und wie er ihn nun vor sich hinstieß, einmal links, einmal rechts, war das Feuer links und rechts auch gleich verschwunden. So stürzte er sich mit seinem Ring mitten in Rauch und Feuer und lief einmal durch die ganze Grotte. Schon war ringsum der ganze Brand gelöscht. Fieberhaft begann er sich nun um die Rettung seiner Ungeheuer zu kümmern, doch ein Großteil war bereits verbrannt. Und als er sich schließlich auch nach den Waffen umsah, waren keine mehr da. Zuletzt ging er nach hinten, wo er sah, dass Bajie, Sandmönch und der Priester immer noch in Fesseln lagen, mit dem weißen Pferd und dem Gepäck. Hasserfüllt stieß der Dämon hervor: »Das Feuer kann niemand anderes gelegt haben als Sun Wukong, dieser Bandit! Kein Wunder, dass ich nicht recht einschlafen konnte; sicher ist

dieser diebische Affe in irgendeiner Verwandlung hereingekommen, um mir den Schatz zu stehlen. Und als er dann sah, dass ich ihn am Leib trage und er nichts ausrichten konnte, muss er absichtlich diese Gemeinheit begangen haben, um mich zu verbrennen. Ha, du Affenschurke, das soll dich teuer zu stehen kommen! Solange ich meinen Schatz habe, werde ich im tiefsten Ozean nicht ertrinken und in der größten Feuersbrunst nicht umkommen. Ich habe nicht eher Ruhe, als bis ich diesen Schurken in Stücke gehackt habe!«

So schimpfte er ruhelos vor sich hin, bis die Hähne krähten und der Tag anbrach.

Oben auf dem Gipfel sagte nun Prinz Nata, der seine Waffen wieder alle beieinanderhatte, zu Pilger: »Großer Heiliger, es wird schon hell. Lasst uns doch ausnutzen, dass der Dämon geschwächt ist, und Euch gleich noch mal mit den Feuerkriegern und allen anderen beim Kampf beistehen. Vielleicht können wir ihn diesmal festnehmen.«

»Gute Idee«, lachte Pilger. Also rüsteten sich alle zum Kampf und begaben sich zur Grotte, wo Pilger rief: »Du Giftteufel, komm raus und kämpfe mit dem alten Sun!«

Nun waren aber in der Nacht die Torflügel niedergebrannt, und ein paar kleine Ungeheuer kehrten gerade die verglühten Reste zusammen. Wie sie auf einmal all die Heiligen kommen sahen, ließen sie entsetzt ihre Besen fallen und rannten zum Dämon. Der bekam einen gehörigen Schrecken, packte seinen Speer, trat mit dem Zauberring vors Tor und schrie: »Du diebischer Affe, du Plünderer und Brandstifter! Was für Fähigkeiten hast du eigentlich, dass du derart dreist aufzutreten wagst? Stillgestanden, jetzt kriegst du eins mit meinem Speer!«

Der Große Heilige trat ihm mit seinem Goldreifstab entgegen. Während die beiden nun miteinander rangen, regte sich in Nata die Wut, und der Sternfürst geriet in hellen Zorn, schon ließen beide ihre Götterwaffen und Feuergeräte auf den Dämon niederhageln; die Donnergötter schossen ihre Blitze, der Himmelskönig zückte seinen Säbel, und alles wirbelte rücksichtslos auf den Dämon ein. Der Dämon aber zog mit einem siegesbewussten Grinsen unbemerkt den Ring aus dem Ärmel, warf ihn blitzschnell in die Luft und rief: »Fangen!« Mit einem Schwirren schossen sämtliche Götterwaffen, Feuergeräte, Blitze, Säbel und Pilgers Stange schon wieder in seinen Ring. Abermals standen die Himmelskrieger mit leeren Händen da, und auch dem Großen Heiligen Sun blieben nur noch seine nackten Fäuste. Triumphierend wandte sich der Dämon um und rief: »So, ihr Kleinen, mauert den Eingang zu, schaufelt Erde und repariert die beschädigten Stellen; das Haus muss wieder in Ordnung gebracht werden! Wenn ihr fertig seid, schlachten wir den Priester und seine Begleiter als Dankesopfer für die Erde und machen ein großes Fest.«290

Wie die Ungeheuer nun seine Befehle ausführten, sei hier nicht weiter ausgeführt.

Erzählen wir stattdessen, wie die Götter auf den Gipfel zurückkehrten, wo der Sternfürst der Feuertugend Prinz Nata überstürztes Handeln vorwarf und die Donnergötter dem Himmelskönig vorhielten, er sei zu hektisch gewesen. Nur der Wassergott stand wortlos daneben. Pilger rief ihnen zu: »Regt euch nicht auf, meine Herrschaften! Ich alter Sun will noch mal nachschauen, was ich über seine Herkunft ausfindig machen kann.«

»Aber Ihr wart doch bereits beim Jadekaiser, und man hat schon den ganzen Himmel abgesucht«, warf Prinz Nata ein. »Wo solltet Ihr denn jetzt noch suchen?«

»Mir ist in den Sinn gekommen, dass man ja sagt, die buddhistische Lehre sei ohne Grenzen. Darum will ich nun bei Buddha vorsprechen, damit er mal seinen weisen Blick über alle vier Kontinente schweifen lässt. So wird er sehen, woher das Ungeheuer kommt und um was für einen Schatz es sich bei diesem Ring handelt. Der Kerl muss unter allen Umständen festgenommen werden, damit ihr eurem Ärger Luft machen und am Ende frohgemut in den Himmel zurückkehren könnt!«

Da riefen alle Götter: »Wunderbar, gute Idee! Geht gleich hin!«

Gesagt, getan, schon schoss der gute Pilger im Wolkenüberschlag in die Höhe und kam binnen kurzem zum Seelenberg. Hier senkte er sein glückverheißendes Licht und schaute in alle Himmelsrichtungen. Plötzlich hörte er jemanden rufen: »Sun Wukong! Wo kommt Ihr her?«

Der Große Heilige wandte sich um und erblickte die Ehrwürdige Nonne Bhiksuni. Da faltete er die Hände zum Gruß und sprach: »Ich möchte wegen einer Angelegenheit bei Buddha vorsprechen.«

»Warum geht Ihr dann nicht gleich zum Tempel, statt hier die Berge anzugucken?«

»Ich betrete diesen werten Boden zum ersten Mal«, erklärte Pilger, »darum habe ich mich dazu erkühnt.«

»Kommt mit mir!« meinte Bhiksuni, und Pilger folgte ihr zum Tempel des Donnergrollens. Im Eingangsportal sah er die Acht Großen Himmelswächter, die mit grimmigen Mienen zu beiden Seiten Wache hielten. Die Nonne trat vor Buddhas Thron und meldete Pilgers Ankunft, worauf dieser befahl, ihn einzulassen. Nachdem Pilger seine Verneigungen vollzogen hatte, sprach Buddha: »Wukong, wie ich höre, bist du von der Ehrwürdigen Guanyin erlöst worden, hast dich dem buddhistischen Orden zugewandt und begleitest nun den Priester aus China hierher, um die Heiligen Schriften zu holen. Wie kommt es, dass du alleine hier auftauchst?«

Pilger machte einen Stirnaufschlag und antwortete: »Das will ich Euch berichten, o Buddha Tathagata. Seit Euer Jünger die buddhistischen Gebote befolgt, reist er mit dem Priester aus China in den Westen. Nun sind wir aber zum Goldbeutel- Berg gekommen und dort an einen schlimmen Dämon geraten,

der sich Nashornkönig nennt. Er hat übermächtige Zauberkräfte und hält zur Zeit den Meister und die Ordensbrüder in seiner Grotte gefangen. Euer Jünger hat mehrere erbitterte Kämpfe gegen ihn geführt und sogar die Unterstützung des Jadekaisers erhalten, doch der Dämon besitzt einen Ring, mit dem er all unsere Waffen eingeheimst hat. Wir können ihn einfach nicht bezwingen. Darum bitte ich Euch, Tathagata, um den Gefallen, uns Eure Gnade zuteil werden zu lassen, damit wir den Dämon bezwingen und meinen Meister retten können, auf dass wir weiterhin mit frommen Sinnen der Rechten Frucht zustreben.«

Auf diese Worte ließ Buddha seinen weisen Blick in die Ferne schweifen und wusste über alles Bescheid. So sprach er zu Pilger: »Ich weiß, wer der Dämon ist. Allein, zur Zeit darf das Geheimnis noch nicht gelüftet werden. Ich will dir vorerst mit der magischen Kraft der Lehre helfen, ihn zu bezwingen.« Buddha sprach zu Pilger: »Ich weiß, wer der Dämon ist. Allein, zur Zeit darf das Geheimnis noch nicht gelüftet werden.«

Pilger verneigte sich dankend und fragte: »Mit was für einer Kraft der Lehre wollen Tathagata helfen?«

Da beauftragte Buddha die Achtzehn Arhats, aus der Schatzkammer für Pilger achtzehn Körner Goldelixier-Sand292 herauszunehmen.

»Wie wirkt denn dieser Goldelixier-Sand?« wollte Pilger wissen, und Buddha sprach: »Gehe nun hin und rufe den Dämon zum Kampf auf. Sobald du ihn herausgelockt hast, lässt du die Arhats die Sandkörner herunterrieseln. Damit wird er sich nicht mehr regen und die Füße nicht von der Stelle bewegen können. Dann kannst du ihn verhauen, wie du willst.«

»Herrlich, herrlich!« lachte Pilger, »gehen wir gleich!«

Die Arhats holten das Goldelixier und machten sich auf den Weg. Als Pilger unterwegs nachzählte, waren es nur sechzehn.

»Was?« rief er empört, »an einem solchen Orte lasst Ihr Leute um Schmiergeld laufen?«

»Wer soll wen laufengelassen haben?« fragten die Arhats, und Pilger gab zurück: »Ihr seid doch achtzehn, warum kommen jetzt nur sechzehn mit?«

Kaum hatte er zu Ende gesprochen, traten die Arhats Drachenbezwinger und Tigerbändiger293 vom Tempel her auf ihn zu und riefen: »Wukong, warum gleich dieser Argwohn?

Wir mussten doch noch Buddhas Anweisungen entgegennehmen.«

Da stieg Pilger glücklich lachend mit den Arhats in die Lüfte.

In kürzester Zeit gelangten sie auf den Goldbeutel-Berg, wo sie vom Himmelskönig und den anderen Göttern in Empfang genommen wurden, und alle erzählten, was sich ereignet hatte. Dann sprachen die Arhats: »Wir haben keine Zeit zu verlieren. Geht hin und ruft ihn so schnell wie möglich heraus!«

Der Große Heilige ballte seine Fäuste, schritt vor das Grottentor und schimpfte: »Komm raus, du Zankteufel! Miss deine Kräfte mit deinem Ahnherrn Sun!«

Wieder rannten die kleinen Ungeheuer Hals über Kopf zum Dämon und meldeten ihm das Gehörte. Da meinte der Dämon: »Seine Stange hab ich doch wieder geschnappt, wieso kommt er schon wieder her? Will er sich noch einmal auf einen Faustkampf einlassen?«

Mit Zauberschatz und Speer in der Hand rief er den kleinen Ungeheuern zu, von der frisch aufgeschichteten Mauer einige Blöcke abzutragen, sprang aus der Grotte und schrie: »Du diebischer Affe, wie oft hast du schon verloren, gib es doch endlich auf! Was schreist du schon wieder herum?«

»Du Rotzteufel weißt nicht, was rechtens ist!« schrie Pilger zurück. »Wenn du nicht willst, dass dein Ahnherr

wiederkommt, gibt’s nur eins: Du unterwirfst dich, entschuldigst dich und gibst mir Meister und Ordensbrüder zurück! Ansonsten lasse ich nicht ab von dir.«

»Deine drei Mönche hab ich schon schrubben lassen«, gab der Unhold zurück, »gleich werden sie geschlachtet. Und du begreifst immer noch nicht, wer hier der Stärkere ist. Mach, dass du fortkommst!«

Als Pilger diese Worte hörte, geriet er in Rage. Er warf sich in Kampfpose und drosch dem Dämon mit bloßen Fäusten ins Gesicht. Der aber richtete blitzschnell seinen Speer gegen ihn. Pilger hüpfte bald nach links, bald nach rechts und lockte so den Dämon, der nicht wusste, dass er in eine Falle ging, von der Grotte weg in Richtung Süden. Nun gab Pilger den Arhats das Zeichen, den Elixiersand herunterzuwerfen. Da wurde der Dämon wie von einem Sandsturm geblendet, und als er nach unten blickte, waren seine Füße bereits in drei Ellen hohem Sand versunken. Entsetzt gab er sich einen Ruck und sprang auf, doch noch bevor er wieder festen Stand hatte, war er abermals um zwei Fuß eingesunken. Aufgeregt versuchte er seine Füße freizumachen, zog gleichzeitig den Ring hervor, warf ihn in die Luft und rief: »Fangen!« Schon surrte es, alle achtzehn Elixiersandkörner schwirrten in den Ring hinein, und der Dämon stapfte in seine Grotte zurück. Die Achtzehn Arhats blieben mit leeren Händen auf den Wolken. Pilger ging auf sie zu und fragte: »Ihr Arhats, warum streut ihr keinen Sand mehr?«

»Eben gab es so ein Surren, da sind unsere Sandkörner auf einmal verschwunden!« erklärten die Arhats.

»Schon wieder von diesem Ding aufgesogen«, meinte Pilger.

»Wie sollen wir ihn denn dingfest machen, wenn er so schwer zu besiegen ist?« fragten der Himmelskönig und die anderen Götter.

Da wandten sich die Arhats Drachenbezwinger und Tigerbändiger an Pilger und sprachen: »Wukong, wisst Ihr, weshalb wir uns verspätet haben?«

»Nein.«

»Weil Buddha uns Folgendes gesagt hat: ›Dieser Dämon besitzt immense Zauberkräfte. Falls das mit dem Elixiersand nicht funktioniert, dann lasst Sun Wukong in den Himmel der Trennungstrauer zum Höchsten Alten Laozi steigen und dort nach den Spuren suchen. Es kann sein, dass er sich dann gleich beim ersten Angriff festnehmen ließe.‹«

»Widerlich!« schrie Pilger, »wie widerlich! Das hätte mir Buddha doch gleich sagen können, statt euch vergeblich hierherzuschicken. Ich gehe!«

Schon schoss er im Wolkenüberschlag durch das Südliche

Himmelstor bis zum Tusita-Palast im Himmel der Trennungstrauer vor dem dreiunddreißigsten Himmel. Am Eingang standen zwei unsterbliche Knaben, doch Pilger trat ein, ohne auch nur seinen Namen zu nennen. Als der Alte Meister plötzlich herauskam, wäre er beinahe mit ihm zusammengestoßen. Da verbeugte sich Pilger und meinte: »Lang nicht mehr gesehen, werter Alter!«

»Dieser Affe!« lachte Laozi. »Was suchst du denn hier? Warum bist du nicht auf Pilgerfahrt?«

»Pilgerfahrt, Pilgerfahrt! Natürlich, Tag und Nacht! Nur gibt’s ein kleines Hindernis, darum komm ich kurz mal her!«

»Was hat es mit mir zu tun, wenn ihr nicht in den Westhimmel kommt?« fragte Laozi.

»Westhimmel, Westhimmel! Sprecht mir nicht davon! Ich suche eine Spur, darum bin ich hier!« reimte Pilger.

»Hier ist der Allerhöchste Palast der Unsterblichkeit«, versetzte Laozi, »was soll es da noch für Spuren geben?«

Ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen, schritt Pilger in den Palast hinein und spähte umher. Nachdem er mehrere Korridore passiert hatte, fiel sein Blick auf einen Knaben, der neben dem Ochsengehege eingeschlafen war. Der Ochse aber war nicht im Gehege.

»He, guter Alter!« rief Pilger, »der Ochse ist entlaufen! Der Ochse ist entlaufen!«

Laozi erschrak und rief: »Seit wann ist dieses Sündenbiest denn weg?«

Währenddessen wachte der Knabe auf, kniete vor Laozi nieder und rief: »O Großväterchen, Euer Schüler ist eingeschlafen! Ich weiß nicht, wann das Tier entlaufen ist!«

»Wie kannst du bloß schlafen, du Lümmel?« schimpfte Laozi.

Da schlug der Knabe die Stirn auf den Boden und rief: »Ich habe in der Elixierkammer eine Pille gefunden, und nachdem ich sie eingenommen habe, bin ich hier eingeschlafen.«

»Das muss das siebenfach geläuterte Feuer-Elixier gewesen sein, das ich neulich gebraut habe«, brummte Laozi. »Eine Pille ist mir verlorengegangen, dann muss also dieser Lümmel sie geschluckt haben. Wer eine solche Pille isst, schläft sieben Tage lang! Und weil du eingeschlafen bist, hat dieses Biest die Gelegenheit gepackt und sich aus dem Staub gemacht. Das muss auch sieben Tage her sein.«

Nun schaute Laozi, ob der Ochse wohl etwas aus seinem Palast gestohlen hatte. Pilger meinte: »Er hatte eigentlich nichts außer einem Ring. Der war aber richtig heftig!«

Sofort schaute Laozi nach und rief schließlich: »Das Biest hat mir meinen Diamantring gestohlen!«295

»Das ist also der Schatz!« rief Pilger. »Dasselbe, was mich alten Sun damals am Kopf getroffen hat. Und damit führt er sich nun auf Erden derart rücksichtslos auf! Ich kann gar nicht mehr sagen, wie viele Sachen von uns er mit diesem Ring schon eingesaugt hat!«

»Wo ist das Biest jetzt?« fragte Laozi.

»In der Goldbeutel-Grotte, auf dem Goldbeutel-Berg. Er hat den Priester gefangen und unsere Waffen gestohlen. Nun, werter Alter, was für eine Strafe verdient einer, der eine solche Kreatur laufenlässt, die Raub und Mord begeht?« stichelte Pilger.

»Mit meinem Diamantring habe ich damals, als ich über den Hangu-Pass außer Landes gegangen bin, Dämonen bekehrt. Es ist ein Zauberschatz, den ich von klein auf geläutert habe. Keine Waffe kann dagegen etwas ausrichten, auch Wasser und Feuer nicht. Hätte er meinen Palmfächer gestohlen, könnte auch ich nichts mehr gegen ihn ausrichten!«

Fröhlich ging der Große Heilige nun hinter Laozi her; der nahm seinen Palmfächer zur Hand und schwebte mit ihm auf einer glückverheißenden Wolke zum Südlichen Himmelstor hinaus, geradewegs auf den Goldbeutel-Berg zu, wo er Arhats und Götter begrüßte und man sich erzählte, was sich ereignet hatte.

Schließlich meinte Laozi: »Sun Wukong, locke ihn noch einmal heraus, dann kann ich ihn bezwingen.«

Pilger sprang vom Gipfel herunter und rief abermals mit lauter Stimme: »Du sündiges Vieh, komm raus und stirb!«

»Wen hat dieser diebische Affe wohl wieder geholt?« sann der Dämon, packte seinen Speer und den Zauberring und trat ins Freie.

»Du Zankteufel«, schimpfte Pilger, »heute bist du des Todes!«

Dann schnellte er wie der Blitz hoch, verpasste dem Dämon eine Ohrfeige und rannte davon; der Dämon jagte ihm mit gezücktem Speer hinterher. Da erklang vom Gipfel eine Stimme: »Ochse! Warum kehrst du noch immer nicht nach Hause zurück? Worauf wartest du noch?«

Der Dämon sah auf und erkannte den Höchsten Alten Meister Laozi. Von Schrecken durchzuckt dachte er: »Dieser Affendieb kennt sich ja aus wie in der eigenen Tasche. Wie hat er es bloß geschafft, meinen Meister zu holen?«

Da murmelte Laozi eine Zauberformel und machte einen Schlag mit seinem Fächer. Schon ließ der Dämon den Ring fallen und wurde von Laozi mit einem Griff gepackt. Beim zweiten Fächerschlag sackte der Dämon kraftlos zusammen und nahm seine eigene Gestalt an: Es war ein schwarzer Ochse. Laozi hauchte göttlichen Odem auf den Ring und zog ihn dem Ochsen durch die Nase, dann löste er das Band, mit dem sein Gewand umgürtet war, knüpfte es an den Ring und zog den Ochsen hinter sich her. Dass Ochsen bis heute ein Ring durch die Nase gezogen wird, geht darauf zurück.

Jetzt drang Pilger Sun mit dem Himmelskönig und den anderen Göttern in die Grotte ein, wo sie alle kleinen Ungeheuer erschlugen und ihre Waffen einsammelten. Anschließend bedankte er sich bei den Göttern, und man verabschiedete sich. Endlich befreite er auch Tripitaka, Bajie und Sandmönch, nahm seine Eisenstange und machte Pferd und Gepäck reisefertig. Meister und Schüler kamen aus der Grotte heraus und fanden wieder auf ihren Weg. Wie sie nun voranschritten, tönte auf einmal eine Stimme vom Wegesrand her: »Heiliger Mönch aus China! Nehmt Eure Mahlzeit, bevor Ihr weitergeht!«

Der Priester erschrak. Und da wir nicht wissen, wer eben gerufen hatte, lasst uns das nächste Kapitel anhören.