Wer war es also, der, wie berichtet wurde, am Wegesrand rief? Es waren der Berggott und der Erdgeist, die ihnen die purpurgoldene Almosenschale entgegenhielten und riefen: »Heiliger Mönch! Diese Schale Reis hat Euch der Große Heilige Sun an einem guten Ort besorgt. Allein weil Ihr und Eure Schüler nicht auf seinen weisen Rat gehört habt, seid Ihr in die Fänge eines Dämons geraten, so dass der Große Heilige Euch unter tausend Mühen befreien musste. Doch kommt und sättigt Euch, bevor Ihr die Weiterreise antretet. Enttäuscht nicht des Großen Heiligen Demut und Respekt!«
»Mein Schüler«, sprach Tripitaka, »ich bin dir so dankbar, mehr als es sich in Worte fassen lässt! Hätte ich den Kreis nicht verlassen, wären wir nie in diese tödliche Gefahr geraten.«
»Nur weil Ihr nicht an meinen Kreis glauben wolltet, musste ich mich mit dem Kreis eines anderen abmühen! Und dafür so viel Leid und Qual, ach!« rief Pilger. Dann wandte er sich an Bajie und schimpfte: »Alles nur wegen dir, du Taugenichts! Deinetwegen ist unser Meister in solche Not geraten. Und ich alter Sun habe regelrecht Himmel und Erde umgekrempelt, musste Himmelskrieger herbeten, Feuer und Wasser holen, Buddhas Elixierpillen bringen, und alles war umsonst. Nur dadurch, dass Tathagata schließlich die Herkunft des Ungeheuers hat durchblicken lassen, konnte ich am Ende Laozi kommen lassen, und da hat es sich gezeigt, dass es ein schwarzer Ochse war, der hier sein Unwesen trieb.«
Auf diese Worte sprach Tripitaka ergriffen: »Werter Schüler, nach dieser Erfahrung werde ich das nächste Mal ganz sicher auf dich hören!«
Anschließend teilten sich alle vier die Schale dampfenden Reis.
»Warum ist eigentlich der Reis noch heiß, es sind doch schon mehrere Tage vergangen?« wunderte sich Pilger.
Da kniete der Erdgeist nieder und sprach: »Da ich geringer Geist erfahren durfte, dass Ihr, Großer Heiliger, Eure Tat erfolgreich vollendet habt, habe ich Euch den Reis aufgewärmt.«
Nach kurzer Zeit hatten sie fertiggegessen, packten die Almosenschale ein und verabschiedeten sich vom Erdgeist und vom Berggott. Der Meister schwang sich am Sattelknauf aufs Pferd und überquerte den hohen Berg. So war es in der Tat:
Rein und lauter strebt ihr Sinn
Wieder neu zur Weisheit hin;
Pilgernd unter Wind und Regen,
Immerfort dem Westen entgegen.
Lange Zeit wanderten sie weiter, bis einmal mehr der Frühling anbrach. Eines Tages kamen sie an einen Fluss, dessen glasklares Wasser frisch und kühl dahinfloss. Der Priester zügelte sein Pferd und hielt Ausschau. Drüben, am anderen Ufer, ließen sich hinter grünenden Trauerweiden die Dächer einiger Strohhütten ausmachen. Pilger wies mit der Hand in die Richtung und meinte: »Dort gibt es bestimmt Fährleute.«
Da legte Bajie die Bündel nieder und rief mit lauter Stimme: »Fährmann! Kommt her mit dem Boot!«
Nachdem er mehrmals hintereinander gerufen hatte, regte es sich zwischen den Weiden, und ein Boot stieß knarrend am Ufer ab. Es dauerte nicht lange, da legte es am Ostufer an, und der am Ruder rief: »Kommt her, wenn ihr über den Fluss wollt!«
Als Tripitaka mit dem Pferd an den Zügeln hinging, sah er, dass es eine ältere Frau war, die das Boot ruderte.
»Wo ist denn der Fährmann, dass seine Frau ans Ruder muss?« fragte Pilger.
Die Frau lächelte und gab keine Antwort. Nun betrat Tripitaka mit seinen Schülern, Pferd und Gepäck das Fährboot, die Frau stieß vom Ufer ab, legte sich ins Ruder, und so hatten sie nach kurzer Zeit den Fluss überquert. Am Westufer hieß der Priester Sandmönch ein paar Kupfermünzen aus dem Gepäck nehmen, um sie der Fährfrau zu geben. Die Frau kümmerte sich nicht weiter um die Höhe des Betrags, band das Seil an einem Baum fest und ging freudig lachend in ihr Haus zurück.
Beim Anblick des klaren Wassers verspürte Tripitaka auf einmal Durst, und so sagte er zu Bajie: »Hol meine Schale und schöpfe mir etwas Wasser zum Trinken.«
Da meinte der Tölpel: »Davon wollte ich auch grad trinken.«
Er füllte die Schale und reichte sie dem Meister. Dieser trank, bis etwas mehr als die Hälfte übrig blieb, dann setzte Bajie die Schale an und leerte sie in einem Zug. Schließlich half er Tripitaka in den Sattel, und sie zogen weiter gen Westen.
Er füllte die Schale und reichte sie dem Meister.
Es war noch keine Stunde vergangen, da stöhnte der Priester auf einmal: »Oh, mein Bauch schmerzt!«
Hinter ihm rief auch Bajie: »Mein Bauch schmerzt!«
»Wohl vom kalten Wasser«, mutmaßte Sandmönch.
Da stöhnte der Meister: »Oh, tut das weh!« und Bajie ebenfalls: »Oh, tut das weh!«
Die beiden konnten sich vor Schmerzen kaum mehr aufrecht halten. Allmählich wölbten sich ihre Bäuche, und wenn man die Hand darauf legte, fühlte es sich an, als ob etwas aus Blut und Fleisch darin wäre, das sich hin und her bewegte. Tripitaka konnte sich kaum mehr im Sattel halten, als sie endlich weiter vorn einen Weiler erblickten, dessen gebündelte Strohdächer hinter den Baumwipfeln hervorlugten.
»Meister, wir haben Glück«, meinte Pilger, »dort drüben ist das Haus eines Weinhändlers. Lasst uns dorthin gehen und um etwas heißes Wasser bitten. Dann können wir auch gleich fragen, ob da jemand Medizin verkauft, vielleicht gibt es irgendein Kräuterpflaster gegen Eure Bauchschmerzen.«
Tripitaka war erleichtert, als er dies hörte. Bald waren sie am Eingang des umzäunten Weilers, und der Priester stieg aus dem Sattel. Vor der Eingangspforte saß ein altes Mütterchen auf einem Strohhaufen und zwirnte Hanfseile. Pilger trat auf sie zu und fragte: »Mütterchen, wir geringen Mönche kommen aus dem chinesischen Kaiserreich im Osten. Mein Meister, der mit dem Kaiser verbrüdert ist, hat bei der Überfahrt über den
Fluss vom Wasser getrunken, und nun hat er Bauchschmerzen.«
Da lachte das Mütterchen auf und fragte: »Vom Fluss habt ihr getrunken?«
»So ist es.«
»Lustig, lustig!« rief das Mütterchen, »kommt alle herein, ich will euch sagen, was es damit auf sich hat.«
Pilger führte Tripitaka, und Sandmönch stützte Bajie, so kamen die beiden stöhnend mit hervorstehenden Bäuchen und schmerzverzerrten Gesichtern in die Strohhütte und setzten sich.
»Macht uns unbedingt heißes Wasser für meinen Meister, ich danke Euch sehr!« rief Pilger.
Das Mütterchen aber kümmerte sich gar nicht darum, sondern trippelte fröhlich lachend nach hinten und rief ein paar Frauen mittleren Alters herbei, die sogleich kichernd den Priester umstanden. Pilger knirschte vor Wut mit den Zähnen, worauf alle zusammenfuhren und das Weite suchten. Da ging er auf das Mütterchen zu, packte es am Ärmel und rief: »Macht sofort heißes Wasser, sonst lass ich Euch nicht los!«
Zitternd vor Angst antwortete das Mütterchen: »Großväterchen, heißes Wasser hilft nicht gegen eure Bauchschmerzen. Lasst mich los, dann will ich euch sagen, warum.«
Pilger ließ von ihr ab, und die alte Frau sprach: »Ihr befindet euch hier im Frauenland Xiliang, da gibt es nur Frauen, keine Männer. Darum haben wir Freude, euch hier zu sehen. Dass euer Meister von dem Wasser getrunken hat, ist nicht gut. Dieser Fluss heißt nämlich Mutterfluss. Unsere Königin besitzt draußen vor der Stadt eine Station zum Yang- Empfang, und dort liegt am Eingang eine Quelle, die ›Embryospiegel‹ genannt wird. Bei uns dürfen erst die Mädchen über zwanzig von diesem Wasser trinken, und wenn sie es getrunken haben, kriegen sie Bauchschmerzen und werden schwanger. Nach drei Tagen gehen sie dann zur
Station zum Yang-Empfang und spiegeln sich im ›Embryospiegel‹. Sobald sie ein doppeltes Spiegelbild sehen, heißt das, dass ihr Kind zur Welt kommt. Nun hat euer Meister vom Wasser des Mutterflusses getrunken, und darum ist er schwanger geworden. In wenigen Tagen wird er auch ein Kind kriegen. Was soll da heißes Wasser helfen?«
Tripitaka hatte ihre Worte mit Entsetzen vernommen. Nun rief er: »Schüler! Was tun wir bloß?«
Bajie wand sich in den Hüften und stöhnte: »Ach herrje, wir haben doch männliche Körper! Wo soll denn der Geburtskanal sein, wenn das Kind zur Welt kommt?«
Pilger lachte und meinte: »Es sagten doch schon die alten Weisen: ›Wenn die Melone reif ist, löst sie sich selbst vom Stängel.‹ Wenn die Zeit gekommen ist, wird es wohl unter der Achsel rauskommen.«
»Es ist aus!« stöhnte Bajie, der nun vor Angst zitterte. »Wir sind des Todes.«
»Ach Bruder«, spaßte Sandmönch, »dreh dich nicht so in den Hüften, sonst kommt es am Ende noch schräg zu liegen und kriegt irgendeine pränatale Krankheit.«
Dem Tölpel wurde angst und bange. Mit Tränen in den Augen packte er Pilger am Arm und rief: »Bruder, frag diese Frau, wo es eine Hebamme gibt, die nicht zu hart zugreift. Am besten suchen wir gleich mehrere im Voraus. Bei mir bewegt es sich schon ganz stark, sicher sind es die Geburtswehen! Mach schnell, mach schnell!«
»Bruder«, spaßte Sandmönch, »wenn es Geburtswehen sind, dann hör auf, dich so zu winden, sonst zerdrückst du noch die Fruchtblase!«
»Mütterchen«, stöhnte Tripitaka, »gibt es bei euch Ärztinnen? Lasst doch meinen Schüler ein Abtreibungsmittel kaufen, dann schlucken wir es und treiben den Fötus ab.«
»Medizin würde auch nichts helfen«, gab das Mütterchen zur Antwort. »Doch südlich von hier, da gibt es auf dem Berg
der Yang-Auflösung eine Grotte des
Schwangerschaftsabbruchs. In dieser Grotte ist eine Abtreibungsquelle. Nur mit einem Schluck Wasser von jener Quelle kann man die Schwangerschaft abbrechen. Heutzutage aber kriegt man dort auch kein Wasser mehr, denn vor ein paar Jahren ist ein Daoist gekommen, der sich Wahrer Unsterblicher Ruyi nennt, hat die Grotte in Besitz genommen und sie in ›Kloster aller Unsterblichen‹ umbenannt. Dort wacht er nun über das Wasser der Abtreibungsquelle und gibt es nicht ohne weiteres heraus. Wer von diesem Wasser haben will, muss anständige Geldgeschenke bieten können und reiche Dankesgaben wie Hammelfleisch, Wein und Obstteller darbringen. Wenn man dann die Gaben in höchster Ehrerbietung dargebracht hat, gewährt er einem gerade mal ein Schälchen Wasser. Doch woher wollt ihr Pilgermönche so viel Geld hernehmen? Euch bleibt nichts übrig, als euch dem Schicksal zu fügen und die Geburt abzuwarten.«
»Mütterchen, wie weit ist es denn bis zum Berg der Yang- Auflösung?« fragte Pilger freudig.
»An die dreitausend Meilen.«
»Sehr gut, bestens!« rief Pilger, »beruhigt Euch, Meister, ich alter Sun bringe Euch gleich von diesem Wasser.«
Er ließ sich von der alten Frau eine Schale geben, trat aus der Strohhütte, schoss zum Himmel und war verschwunden. Die Alte blickte mit gefalteten Händen zum Himmel und rief: »Oh, mein Herr! Der Mönch kann ja fliegen!«
Dann rief sie abermals nach den anderen Frauen, die sich nun vor dem Priester verbeugten und ihn Arhat und Bodhisattva nannten. Gleichzeitig kochte man Suppe und Reis, doch wie die Mönche aus China damit beköstigt wurden, sei hier nicht weiter ausgeführt.
Berichten wir jedoch vom Großen Heiligen, der im Wolkenüberschlag in die Lüfte gestiegen war. Schon bald erblickte er einen Berggipfel, senkte seine Wolke und betrachtete die Gegend genauer, bis er am Nordhang ein Anwesen entdeckte. Als er auf dem Berg landete und dem
Eingang zuschritt, sah er einen alten Daoisten im Meditationssitz auf einer Bastmatte sitzen. Da legte der Große Heilige seine Schale nieder, ging auf ihn zu und grüßte freundlich. Der Daoist grüßte, indem er sich leicht vorbeugte und fragte: »Woher kommt Ihr? Was treibt Euch zu unserem kleinen Kloster?«
»Ich geringer Mönch komme aus dem Osten und reise als Abgesandter des Kaisers von China in den Westen, um Heilige Schriften zu holen. Mein Meister hat versehentlich vom Wasser des Mutterflusses getrunken und sich starke Bauchschmerzen zugezogen. Ortsansässige, bei denen wir uns erkundigt haben, sind der Meinung, er sei schwanger geworden und es gäbe kein Rezept dagegen, nur auf Eurem werten Berge soll es eine Abtreibungsquelle geben, mit deren Wasser eine Schwangerschaft abgebrochen werden könne. Darum bin ich nun eigens gekommen, um dem Wahren Unsterblichen Ruyi meine Aufwartung zu machen und etwas Wasser zu erbitten, damit ich meinen Meister erlösen kann. Ich hoffe, Ihr könnt mir weiterhelfen.«
Lächelnd erklärte der Daoist: »Früher wurde das hier die Grotte des Schwangerschaftsabbruchs genannt, heute aber heißt es Kloster aller Unsterblichen. Ich bin der Jünger des ehrwürdigen Wahren Unsterblichen Ruyi. Wie heißt Ihr denn? Wenn ich Euren Namen weiß, kann ich Euch gern anmelden.«
»Ich bin der älteste Schüler des Priesters Tripitaka, mein geringer Name ist Sun Wukong.«
»Und wo sind Eure Spenden und Opfergaben?« fragte der Daoist.
»Ich bin nur ein einfacher Wandermönch, ich habe nichts Derartiges auftreiben können.«
Da lachte der Daoist auf und rief: »Ihr seid wohl nicht bei Trost! Mein Meister hält die Quelle unter seinem Schutz; das Wasser gibt er niemandem umsonst. Geht zurück und bereitet Eure Gaben vor, dann kann ich Euch anmelden. Sonst müsst Ihr halt wieder gehen, da gibt es nichts zu machen.«
Pilger aber erwiderte: »Gute Beziehungen sind noch stärker als Edikte. Geht und meldet meinen Namen, dann wird er mir bestimmt helfen, wenn nicht gar die Quelle schenken wollen.«
Auf diese Worte ging der Daoist hinein und meldete seine Ankunft. Nun wäre es allerdings besser gewesen, wenn der Wahre Unsterbliche Wukongs Namen nicht vernommen hätte. Denn kaum hatte er den Namen gehört, stieg ihm die Wut ins Herz und der Hass in die Galle. Hastig zog er sein Kleid aus, warf sich eine Daoistenrobe um, sprang mit einem Ruyi- Zepter297 in der Hand nach draußen und schrie: »Wo ist dieser Sun Wukong?«
Als Pilger ihn erblickte, legte er die Hände zum Gruß aneinander und sprach: »Ich geringer Mönch bin Sun Wukong.«
Da lachte der Herr und rief: »Tatsächlich bist du Sun Wukong. Erkennst du mich auch?«
»Nun, ich bin ja dem buddhistischen Orden beigetreten und wandere seither über Berg und Tal, daher habe ich zu meinen Freunden aus der Kindheit den Kontakt verloren und bin noch nicht dazu gekommen, sie wieder aufzusuchen«, erklärte Pilger. »Neulich hab ich die Leute am Westufer des Mutterflusses von Euch reden hören, darum weiß ich, dass Ihr der Wahre Unsterbliche Ruyi seid.«
»Dann widme dich doch deiner Reise und ich mich meiner Vervollkommnung«, versetzte der Herr, »wozu musst du mich unbedingt aufsuchen?«
»Mein Meister hat versehentlich vom Wasser des Mutterflusses getrunken«, erklärte Pilger, »davon hat er Bauchschmerzen gekriegt und ist schwanger geworden. Nun bin ich eigens zu Eurer Residenz der Unsterblichen gekommen, um etwas Abtreibungswasser zu erbitten, damit ich meinen Meister erlösen kann.«
Da blitzte der Zorn aus seinen Augen, und er fragte: »Dein Meister! Ist es etwa jener Tripitaka aus dem chinesischen Kaiserreich?«
»Er ist es.«
Vor Hass mit den Zähnen knirschend fragte er weiter: »Und seid ihr unterwegs einem Großen König des Heiligen Kindes begegnet?«
»So hat sich der Dämon Rotkindchen aus der Feuerwolkengrotte genannt. Weshalb fragt Ihr danach, Wahrer Unsterblicher?«
»Er ist mein Neffe. Ich bin nämlich der Bruder des Rinderdämons. Neulich habe ich von meinem Bruder einen Brief erhalten, in dem er mir mitteilte, dass Sun Wukong, der älteste Schüler des Tripitaka aus China, bei ihm rücksichtslos Schaden angerichtet habe. Ich habe dich schon aufsuchen wollen, um mich zu rächen, da läufst du mir selbst über den Weg und willst auch noch Wasser haben!«
Pilger erwiderte lächelnd: »Werter Herr, Ihr liegt falsch. Euer Bruder hat mit mir sogar mal Brüderschaft geschlossen. Nur kannte ich damals Eure werte Residenz nicht und habe es versäumt, Euch einen Besuch abzustatten. Euer Neffe aber hat großes Glück gehabt, er lebt jetzt als Knabe Sudhana bei Bodhisattva Guanyin, das ist doch ein viel besseres Los, als unsereiner es hat. Wie könnt Ihr mir so etwas übelnehmen?«
»Dieser rotzige Rhesusaffe will sich auch noch herausreden!« polterte der Herr, »soll mein Neffe etwa lieber Sklave anderer Leute sein, statt als freier König zu walten? Keine Frechheiten, lass dir das Zepter überziehen!«
Der Große Heilige aber hielt seine Stange dagegen und rief: »Lasst uns nicht von Kampf reden, werter Herr, gebt mir lieber etwas Wasser, dann gehe ich wieder.«
»Du rotziger Rhesusaffe!« schrie der Herr wütend, »dir ist wohl nicht klar, wie es um dein Leben steht! Wenn du mich in drei Kampfrunden besiegen kannst, sollst du dein Wasser kriegen. Andernfalls bring ich dich um, damit ich mich für meinen Neffen rächen kann!«
»Pestbeule!« schimpfte der Große Heilige, »du hast ja keine Ahnung, wer hier der Stärkere ist. Nun, wenn du unbedingt kämpfen willst, dann komm her. Hab auf meine Stange acht!«
Der Herr zückte sein Ruyi-Zepter und schlug los, und die beiden kämpften ganze zehn Runden lang, bis der Große Heilige schließlich seine Eisenstange wie Kometenregen über ihn prasseln ließ. Das ging über die Kräfte des Herrn, und er rannte mit niederhängendem Zepter den Berg hinan.
Statt ihn zu verfolgen, eilte der Große Heilige zum Kloster, um Wasser zu holen. Natürlich hatte der Daoist das Tor längst verschlossen, doch der Große Heilige lief mit der Schale zum Eingangstor, stieß es mit einem Fußtritt auf und rannte hinein. Drinnen sah er den Daoisten über den Ziehbrunnen gebeugt, schwang seine Stange und wollte gerade zuschlagen, als der Daoist nach hinten rannte. Doch gerade als er einen Eimer gefunden hatte und ihn in den Brunnen hinunterlassen wollte, sprang der Daoist wieder nach vorn und hakte ihm sein gebogenes Zepter um den Fuß, so dass der Große Heilige kopfüber zu Boden fiel. Als er wieder auf den Beinen war und seine Stange schwang, war der andere mit seinem Haken wieder neben ihm und rief: »Na, schauen wir, ob du mein Wasser kriegst!«
»Komm nur her, komm!« schimpfte Pilger, »ich schlage dich gleich tot!«
Doch statt vorzutreten, gab der andere nur acht, dass der Große Heilige nicht ans Wasser herankam. Schließlich wirbelte der Große Heilige mit der linken Hand die Stange, während er mit der rechten den Eimer bediente. Doch kaum hatte er den Eimer am Seil hinuntergelassen, schlug ihm der Daoist abermals den Haken seines Zepters um die Fesseln, dass er stürzte und der Eimer mitsamt dem Seil in den Brunnen fiel.
»Du gemeiner Kerl!« schrie der Große Heilige, stemmte sich hoch, wirbelte die Stange in beiden Händen und stürzte Hals über Kopf auf seinen Gegner. Der ergriff wie zuvor die Flucht und wagte nicht, gegen ihn zu kämpfen. Der Große Heilige wollte Wasser holen, doch hatte er ja nun keinen Eimer mehr, außerdem fürchtete er auch den Haken. Schließlich dachte er: »Lieber will ich erst mal Hilfe holen.«
Schon machte er auf seiner Wolke rechtsum kehrt, kam flugs in den Weiler zurück und schrie: »Sandmönch!«
Drinnen stöhnte Tripitaka in Schmerzen, und Eber Bajie ächzte ohne Unterlass vor sich hin. Als Sandmönch seine Stimme hörte, kam er ihm sofort entgegen. Der Große Heilige berichtete Tripitaka, was sich ereignet hatte. Dieser sprach unter Tränen: »Was tun wir bloß, mein Schüler?«
»Ich bin gekommen, um Sandmönch zu Hilfe zu rufen. Während ich den Kerl in Schach halte, kann er Wasser schöpfen.«
»Wer kümmert sich denn um uns, wenn ihr beide weg seid?«
Da sprach das Mütterchen: »Werter Arhat, macht euch keine Sorgen. Wir werden gut für euch sorgen. Schon in der Frühe, als ihr angekommen seid, waren wir von euch sehr angetan. Und seit dieser Bodhisattva in den Himmel gestiegen ist, wissen wir auch, dass ihr Arhats und Bodhisattvas seid. Wir tun euch gewiss nichts an.«
Pilger schnaubte und rief: »Ihr Frauen solltet euch anmaßen, einem von uns was anzutun?«
Das Mütterchen lachte und meinte: »Nun, werter Herr, eigentlich habt ihr ziemlich Glück gehabt, dass ihr in unser Haus gekommen seid. Im zweiten Haus wäret ihr kaum heil geblieben.«
»Was soll das heißen, kaum heil geblieben?« ächzte Bajie.
»Bei uns sind alle fünf im Haushalt schon älter, an Liebesaffären finden wir längst keinen Gefallen mehr. Aber die jungen Frauen im zweiten Haus, die hätten euch niemals gehen lassen, ohne sich mit euch vereinigt zu haben. Und wenn ihr euch gewehrt hättet, wären sie euch auf den Leib gerückt und hätten wohl gar aus eurem Fleisch Duftsäckchen gemacht!«
»Dann wäre ich bestimmt heil davongekommen«, versetzte Bajie. »Die anderen, die duften, da ließen sich wohl Duftsäckchen machen. Ich bin ein Stinkeschwein, und mein Fleisch stinkt nicht minder, so hätten sie mich sicher heil gelassen.«
Pilger bat das Mütterchen um eine Schnur für den Eimer und stieg mit Sandmönch zum Himmel auf. In weniger als einer Stunde hatten sie den Berg der Yang-Auflösung erreicht und landeten vor dem Kloster. Hier befahl der Große Heilige Sandmönch, sich vorerst verborgen zu halten. »Warte, bis ich alter Sun ihn in den Kampf verwickelt habe. Dann packst du die Gelegenheit und holst Wasser.«
Sandmönch tat wie geheißen. Der Große Heilige aber zückte seine Eisenstange und schrie: »Aufmachen!«
Drinnen eilte der Jünger zu seinem Meister und meldete, was er gehört hatte. Dem Herrn stieg große Wut ins Herz. Er packte sein Zepter, trat heraus und schrie: »Was machst du rotziger Rhesusaffe schon wieder hier?«
»Ich bin nur hier, um Wasser zu holen«, versetzte der Große Heilige.
»Die Quelle gehört mir«, gab der Wahre Unsterbliche zurück, »hier kommt kein König und kein Kanzler umhin, uns ehrerbietig Dankesgaben darzubringen, wenn sie was abbekommen wollen. Ganz zu schweigen davon, dass du mein Feind bist. Wie kannst du es wagen, mit leeren Händen um Wasser zu heischen?«
»Dann gibst du es mir also wirklich nicht?« fragte der Große Heilige.
»Nein und nochmals nein!«
Da ließ der Große Heilige seine Stange wirbeln, während der Unsterbliche ihm mit dem Zepter entgegentrat. Nun führten sie vom Eingang des Klosters bis zum Fuß des Berges ein bitteres Gefecht.
Als Sandmönch mit dem Eimer ins Kloster stürmte, fiel ihm der Jünger in den Arm und rief: »Wer bist du? Wie kannst du es wagen, unser Wasser zu nehmen!«
Sandmönch legte den Eimer nieder, packte seinen kostbaren Stab und zerschmetterte dem Daoisten den linken Arm, dass er sich heulend aufrappelte und nach hinten floh. Nun ließ Sandmönch den Eimer langsam in den Brunnen hinab, schöpfte ihn randvoll und lief zum Ausgang, wo er in die Lüfte stieg und Pilger zurief: »Bruder, ich habe das Wasser, lass ihn laufen!«
Als Pilger das hörte, drückte er das Zepter mit seiner Eisenstange nieder und sprach: »Hör zu, was ich alter Sun dir sage: Eigentlich wollte ich dich totschlagen. Doch im Grunde hast du ja kein Gesetz verletzt, darum will ich dich auch aus Achtung für Bruder Rinderdämon laufen lassen. Mein Ordensbruder hat das Wasser ja bereits geholt. Mach in Zukunft keinem mehr Schwierigkeiten, der Wasser holen will!«
Doch dieser dämonische Unsterbliche hakte ohne jede Rücksicht ein weiteres Mal mit dem Ruyi-Zepter nach Pilgers Fesseln. Der konnte gerade noch ausweichen, tat einen Satz und stieß den Unsterblichen um. Dann packte er das Zepter, brach es entzwei, nahm die beiden Teile und brach sie noch mal, bis er die vier Stücke auf den Boden schmetterte und schrie: »Du Sündenvieh! Willst du dir noch Frechheiten erlauben?«
Der Dämon zitterte und war sprachlos vor Schande. Der Große Heilige aber stieg laut lachend auf seiner Wolke empor.
Dazu gibt es ein Gedicht:
Um das Wahre Blei zu läutern,
Ist Wahres Wasser von Belang;
Wird das Wahre Wasser vermengt,
Trocknet das Wahre Mercurium.298
Doch Mercurium und Blei
Sind ohne Mutter-Energie;299
Seelearznei von Zinnobersand
Ist das göttliche Elixier.300
So entstand umsonst ein Kindlein
In der Embryo-Gestalt;
Der Erdmutter Mühe
Sei reichlich anerkannt.
Abgetan die falsche Lehre,
Folgen sie der rechten treu;
Und der Fürst des Herzens findet
Nun sein Lachen wieder neu.
Der Große Heilige stieg auf einem glückverheißenden Lichtstrahl in die Lüfte und holte Sandmönch ein. Fröhlich schwebten sie dem Dorf entgegen. Dort sahen sie Bajie mit aufgeblähtem Bauch stöhnend am Türpfosten lehnen. Pilger trat zu ihm und fragte: »Wann ist die Niederkunft angesagt, Tölpel?«
»Mach dich nicht lustig, Bruder!« rief dieser, »hast du jetzt Wasser?«
Nun kam auch Sandmönch daher und rief: »Ja, das Wasser ist da!«
Tripitaka neigte sich unter Schmerzen anerkennend vor und sprach: »Habt Dank für eure Mühen, meine Schüler!«
Auch die alte Frau freute sich, und die ganze Familie kam heraus, sich vor ihnen zu verneigen.
»Oh, werte Bodhisattvas! Das ist eine Seltenheit, eine wahre Seltenheit!« rühmten sie alle.
Dann beeilte sich die Alte, eine schmuck glasierte Trinkschale zu holen, schöpfte sie halb voll und reichte sie Tripitaka mit den Worten: »Werter Meister, trinkt ganz langsam. Ein Schluck genügt, um die Leibesfrucht zu lösen.«
»Ich brauche keine Trinkschale!« rief Bajie dazwischen, »ich leere gleich den ganzen Eimer.«
»Erschreckt uns nicht, werter Herr!« erwiderte die alte Frau. »Damit würden sich all Eure Gedärme gleich mit auflösen.«
Der bestürzte Tölpel traute sich keine weiteren Scherze zu machen und ließ es bei einer halben Schale bleiben. Es ging nicht länger als die Dauer einer Mahlzeit, da begann es in ihren Bäuchen zu gären, dass man die Gedärme gurgeln hörte. Schon konnte sich Bajie nicht mehr halten und ließ Kot und Urin freien Lauf. Auch der Priester wollte ein stilles Örtchen aufsuchen, um sich zu erleichtern.
»Meister, geht ja an einen windstillen Ort, sonst ist es gefährlich! Wenn Ihr Euch jetzt dem Wind aussetzt, kriegt Ihr noch eine Wochenbettkrankheit.«
Die Alte trug eilends zwei Nachttöpfe heran und hieß die beiden darauf sitzen. Im Nu hatten sich die beiden mehrmals hintereinander entleert, und bald ließen auch die Schmerzen nach. Anschließend ging auch die Blähung zurück, und Blutund Fleischklumpen lösten sich auf. Die Frauen setzten Reisbrei auf, damit sie sich stärken konnten.
»Mütterchen«, meinte Bajie, »ich brauche nichts zur Stärkung. Macht mir lieber warmes Wasser, damit ich ein Bad nehmen kann, nachher esse ich den Reisbrei gern.«
»Bruder, nach der Geburt kannst du doch nicht baden«, versetzte Sandmönch. »Im Wochenbett mit Wasser hantieren ist ungesund.«
»Ich hab doch gar keine richtige Geburt gehabt«, wehrte sich Bajie, »höchstens so was wie eine Fehlgeburt. Da ist doch nichts zu befürchten!«
Tatsächlich setzte die alte Frau nun Wasser auf, damit die beiden sich waschen konnten.
Der Priester begnügte sich mit zwei Schalen Reisbrei, Bajie aber schlang mehr als zehn Schalen hinunter und verlangte immer noch mehr.
»Du Taugenichts«, spaßte Pilger, »iss doch nicht so viel, sonst kriegst du noch einen Hängebauch, das würde dir schlecht stehen!«
Die Frauen des Hauses gingen nun aufräumen und kochen. Die Alte aber wandte sich an Tripitaka und sagte: »Werter Meister, schenkt mir doch das übrige Wasser.«
Pilger bedeutete ihr, es zu nehmen. Sie bedankte sich und schöpfte alles in einen irdenen Topf, den sie hinter dem Haus vergrub. Dann sagte sie zu Jung und Alt des Hauses: »Dieser Topf Wasser wird das Geld für meinen Sarg aufwiegen!«
Dann wurden vegetarische Gerichte aufgetischt, Tripitaka und seine Schüler sättigten sich und ruhten anschließend eine Nacht im Hause.
Tags darauf in aller Frühe bedankten sich Meister und Schüler bei dem Mütterchen, verließen den Weiler und beschritten wieder den Weg nach Westen. So war es in der Tat:
Gereinigt ist das Mund-Karma,
Der Körper wieder rein;
Aufgelöst die irdische Frucht,
Der Leib ist wieder frei!
Und da wir nicht wissen, wohin ihr Weg sie führen sollte, lasst uns hören, was das nächste Kapitel erzählt.