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055 Die Fleischeslust sucht Tripitaka zu verführen / Mit innerer Beständigkeit bleibt der Körper heil

Erzählen wir weiter, wie der Große Heilige gerade mit einer Magie die Frauen festbannen wollte, als er im Windgeheul Sandmönchs Rufe hörte und zurückblickte, doch schon war Tripitaka verschwunden.

»Wer hat den Meister geraubt?« schrie er.

»Eine Frau hat einen Wirbelwind gemacht und den Meister mit sich fortgerissen«, schnaubte Sandmönch.

Auf diese Worte schnellte Pilger mit einem Pfiff zu den Wolken empor und spähte in alle Richtungen. Es war nur eine Staubwolke zu sehen, die sich in Richtung Westen entfernte. Rasch wandte er sich um und rief: »Brüder, schnell, kommt hoch, dem Meister nach!«

Bajie und Sandmönch banden das Gepäck aufs Pferd und rauschten zum Himmel hoch. Erschrocken fiel der gesamte Hofstaat von Xiliang auf die Knie, und die Frauen riefen: »Das sind ja Arhats, die am helllichten Tag zum Himmel steigen! Majestät, beruhigt Euch, dieser kaiserlich Verbrüderte ist ein vollkommener Mönch des buddhistischen Ordens. Wir waren alle mit Blindheit geschlagen, dass wir diesen Mann aus China verkannt und uns in eitle Phantasien verstiegen haben! Bitte, Majestät, nehmt in der Kutsche Platz und lasst uns in den Palast zurückkehren.«

Wie die Königin nun mit ihrem Hofstaat zurückfuhr, sei hier nicht weiter ausgeführt. Lasst uns stattdessen vom Großen Heiligen berichten, der mit seinen Ordensbrüdern hoch über den Wolken durch die Lüfte jagte, dicht hinter dem Sturmwind her. Endlich kam er vor einen hohen Berg, doch da waren Staub und Sturm plötzlich nicht mehr zu sehen, und es ließ sich nicht ausmachen, wohin der Dämon verschwunden war. Die Brüder senkten ihre Wolken und suchten einen Weg. Auf einmal fiel ihnen ein heller Felsen auf, der wie ein Paravent aussah. Wie sie nun um diese Felswand gebogen waren, fanden sie zwei steinerne Torflügel, und darüber stand in sechs großen Schriftzeichen die Inschrift: » 毒敵山琵琶洞 – Lautengrotte im Giftfeind-Berg«. Schon schritt Bajie zum Tor und wollte es mit seinem Rechen einrammen, doch Pilger fiel ihm in den Arm und sagte: »Ruhig, Bruder! Wir sind ja bloß dem Wind hierher gefolgt und wissen noch gar nicht sicher, ob das auch wirklich der richtige Ort ist. Bleibt ihr beide hier; ich alter Sun will mal reingehen und mich ein bisschen umhören. Dann wissen wir, wie die Lage steht und was wir tun können.«

Die beiden nahmen das Pferd an den Zügeln und zogen sich zurück. Pilger aber verwandelte sich mit einem leichten Dreh in eine Biene und zwängte sich durch den Türspalt ins Innere. Als er auch die zweite Tür passiert hatte, sah er in der Mitte einen Pavillon, in dem eine Dämonin thronte. Links und rechts von ihr standen junge Zofen mit aufgesteckten Haaren und bunten Gewändern, die sich fröhlich lachend über irgendetwas unterhielten. Leise summte Pilger näher und landete sachte auf dem geschnitzten Gitterwerk des Pavillons. Nun sah er, wie zwei Frauen mit aufgelöstem Haar zwei Teller voller Dampfbrötchen zum Pavillon brachten und sprachen: »Mütterchen, die auf diesem Teller sind mit Menschenfleisch gefüllt, die anderen mit feinem Bohnenmark.«

Lächelnd sprach die Dämonin: »Dann bringt mir nun den kaiserlich Verbrüderten heraus!«

Da begaben sich mehrere Zofen zu einem Hinterzimmer und führten Tripitaka herbei. Der Priester war ganz gelb im Gesicht, seine Lippen waren blass und die Augen rot verweint.

Pilger seufzte im Stillen: »Der Meister ist vergiftet!«

Nun schritt die Dämonin die Treppenstufen des Pavillons hinab, streckte ihre zarten Finger wie frühlingshafte Bambussprossen nach Tripitaka aus und sprach: »Seid unbesorgt! Zwar ist es hier nicht so feudal wie im Palast von Xiliang, aber immerhin ganz ruhig und gemütlich. Das ist doch genau das Richtige, wenn man sich ins Gebet und in die buddhistischen Schriften vertiefen möchte. Ich werde Eure religiöse Gefährtin sein, so werden wir wahrhaftig hundert Jahre Harmonie genießen!«

Tripitaka blieb stumm.

»Grämt Euch nicht«, sprach ihm die Dämonin zu, »ich weiß, dass Ihr beim Bankett im Frauenland nichts gegessen habt. Hier sind zwei Teller mit Dampfbrötchen, mit oder ohne Fleisch, bedient Euch, wie es Euch beliebt.«

Da überlegte Tripitaka: »Wenn ich jetzt weiterhin nichts sage und ihre Speisen verweigere, könnte das anders ausgehen als im Palast. Die Königin war immerhin ein Mensch, da konnte man auf die Regeln des Anstandes zählen, doch diese Dämonin ist ein teuflisches Wesen. Außerdem wissen meine drei Schüler ja gar nicht, dass ich hier gefangen bin. Falls mir nun etwas zustößt, würde ich doch fruchtlos mein Leben einbüßen!«

Also überwand er sich und fragte: »Was ist in den Fleischhaltigen, und was in den Vegetarischen?«

»Die einen sind mit Menschenfleisch, die anderen mit Bohnenmark.«

»Ich geringer Mönch esse vegetarisch«, sagte Tripitaka, und die Dämonin rief den Zofen zu: »Bringt heißen Tee!«

Dann brach sie eines der vegetarischen Dampfbrötchen auf und reichte es Tripitaka. Dieser nahm eines der Fleischhaltigen vom Teller und hielt es der Dämonin ungebrochen hin.

»Warum brichst du es mir nicht auf?« fragte sie lächelnd.

Tripitaka faltete die Hände und sprach: »Als Mönch wage ich die Gebote nicht zu brechen.«

Wie nun Pilger vom Gitterwerk aus mitanhörte, wie die beiden ins Gespräch kamen, befürchtete er, sein Meister könnte doch noch vom wahren Wesen abirren. Schließlich konnte er sich nicht länger halten, nahm seine eigene Gestalt an und schrie, seinen Goldreifstab schwingend: »Du elendes Biest! Schluss mit den Frechheiten!«

Da schnaubte die Dämonin einen rauchigen Lichtstrahl aus, der den ganzen Pavillon einhüllte, und befahl ihrem Gesinde, Tripitaka zurückzuführen. Sie selbst aber packte einen Dreizack, schoss aus dem Pavillon und schimpfte: »Du dreister Affe! Wie kannst du es wagen, in mein Haus einzudringen und heimlich mein Antlitz zu schauen! Stillgestanden, krieg meinen Dreizack zu spüren!«

Der Große Heilige hielt die Waffe mit seiner Stange auf, und während er mit ihr kämpfte, zog er sich allmählich zurück, bis sie draußen vor der Grotte waren. Wie nun Bajie und Sandmönch, die vor der Felswand warteten, die beiden heranstürmen sahen, schwang der Tölpel seinen Rechen mit beiden Händen hoch, trat vor und schrie: »Zurück, Bruder, lass mich diese Teufelsbraut verhauen!«

Als die Dämonin Bajie kommen sah, behalf sie sich abermals mit einem Trick, heulte auf, und schon schoss Feuer aus ihrer Nase und Rauch aus dem Mund, dann schüttelte sie sich, schwang ihren Dreizack und stürmte los. Es war nicht mehr auszumachen, wie viele Hände dieses Ungeheuer hatte, während es Hals über Kopf heranrollte. Pilger und Bajie versuchten die Dämonin von beiden Seiten in Schach zu halten.

»Sun Wukong!« schrie sie, »dir fehlt jeder Anstand! Ich kenne dich, aber du kennst mich nicht. Selbst dein Buddha im Tempel des Donnergrollens hat Angst vor mir; ihr haarigen Kerle werdet nicht weit kommen!«

Kühn kämpften die drei weiter, und das Gefecht dauerte lange an, ohne dass eine Entscheidung fiel. Schließlich sprang die Dämonin auf und stieß dem Großen Heiligen einen »Huftritt mit dem Giftpfahl« in die Kopfhaut.

»Aua!« schrie Pilger, konnte nicht länger standhalten und rannte unter Schmerzen davon. Bajie, der sah, dass die Lage schlecht stand, ließ ebenfalls den Rechen sinken und ergriff die Flucht, worauf die Dämonin siegreich in die Grotte zurückkehrte. Pilger aber hielt sich mit gequälter Miene den Kopf und schrie: »Schlimm, schlimm!«

»Bruder«, versetzte Bajie, »wieso fängst du mitten im besten Gefecht zu heulen an und haust einfach ab?«

Pilger hielt sich den Kopf mit beiden Händen und rief bloß: »Aua, aua! Grässlich, grauenhaft! Eben habe ich mit ihr gekämpft, und als sie merkte, dass ich ihrem Dreizack gewachsen bin, ist sie aufgesprungen und hat mich mit irgendwas gestochen. Ich weiß nicht, was für eine Waffe das war, aber es macht mir schreckliche Kopfschmerzen. Darum bin ich geflohen.«

»Sonst gibst du doch immer groß an, wie hart dein Kopf geläutert sei«, spottete Bajie, »warum macht er dir plötzlich so zu schaffen?«

»So ist es«, sagte Pilger. »Seit meiner Vervollkommnung hat nichts diesem Kopf was anhaben können: Säbel, Äxte, Hämmer, Schwerter, Blitz und Feuer, gegen alles war er gefeit. Ich weiß nicht, mit was für einer Waffe mich die Frau heut am Kopf erwischt hat!«

»Lass mich in Xiliang ein Kräuterpflaster holen«, schlug Bajie vor.

Pilger aber meinte: »Es ist ja weder geschwollen noch blutig, was soll da ein Kräuterpflaster helfen?«

»Ach Bruder«, spaßte Bajie, »neulich hatte ich keine weiteren Beschwerden mit der Schwangerschaft, du hingegen kriegst ein Karbunkel auf der Stirn!«

»Hört auf zu spotten«, mahnte Sandmönch. »Es ist schon spät, der älteste Ordensbruder hat Kopfschmerzen, und wie es um den Meister steht, wissen wir auch nicht. Was tun wir bloß?«

»Der Meister ist wohlauf«, stöhnte Pilger. »Er ist ein wahrer Mönch; er wird sich nie durch eitle Lust das wahre Wesen verwirren lassen. Bleiben wir die Nacht über hier am Berghang sitzen. Sobald der Tag anbricht, wollen wir das Weitere besprechen.«

Also legten sich alle drei zur Ruhe, doch davon sei nicht weiter die Rede. Berichten wir stattdessen von der Dämonin, die nun ihren Ingrimm ablegte und sich wieder heiter und anmutig zurechtmachte. Sie hieß ihre Dienerinnen, vorn und hinten alle Eingänge abzuriegeln, und ließ zwei von ihnen Nachtwache halten. Gleichzeitig ließ sie das Schlafzimmer vorbereiten, Kerzen und duftendes Räucherwerk bereitstellen, und rief: »Bringt den kaiserlich Verbrüderten her, ich will mit ihm Liebe machen!«

Schon wurde der Priester herbeigeführt. Mit reizendem Charme fasste die Dämonin den Priester am Arm und sprach: »Mit dir, mein lieber kaiserlich Verbrüderter, will ich jetzt ein Weilchen Mann und Frau spielen!«

Der Priester biss die Zähne zusammen und gab keinen Laut von sich. Eigentlich wollte er nicht mitgehen, doch aus Furcht, sie könnte böse werden oder ihn gar töten, schritt er schließlich hinter ihr ins duftende Brautgemach hinein, benommen und sprachlos, ohne den Blick zu erheben. Die Dämonin versuchte ihn nun auf verführerischste Weise aufzureizen, er aber blieb unbewegt, als hätte er nichts gesehen und gehört. Nun fochten die beiden mit wenigen Worten und kurzen Sätzen bis spät in die Nacht hin und her, doch der Priester blieb bei alledem innerlich unberührt. So zog es sich hin, bis die Dämonin um Mitternacht ärgerlich auffuhr und ihrem Gesinde befahl, ein Seil zu bringen, mit dem sie den armen Geliebten einschnürte, bis er aussah wie ein Löwenhündchen. Zuletzt ließ sie ihn in den Gang schleppen, machte die Lichter aus und legte sich schlafen. Die ganze Nacht über fiel kein Wort mehr.

Die Dämonin ließ ihn in den Gang schleppen, machte die Lichter aus und legte sich schlafen.

Unvermerkt war mit drei Hahnenschreien der Morgen angebrochen. Am Berghang neigte sich der Große Heilige vor und sagte: »Der Kopf hat eine ganze Weile weh getan, doch heute ist es wieder gut, es juckt nur noch ein bisschen.«

»Wenn’s juckt, dann lass sie doch noch mal stechen«, spaßte Bajie.

»Geh, geh, geh!« fauchte Pilger.

Lachend gab Bajie zurück: »Geh, geh, geh! Beim Priester war’s die Nacht über sicher toll, toll, toll!«

»Es wird hell«, mahnte Sandmönch, »lasst uns so bald wie möglich das Ungeheuer überwinden.«

»Bleib du lieber hier«, meinte Pilger, »Bajie soll noch mal mitkommen.«

Die beiden sprangen den Hang hinan, bis sie die Felswand erreicht hatten. »Bleib hier stehen«, beschied Pilger. »Es könnte ja sein, dass dieses Ungeheuer über Nacht den Meister verletzt oder er gar seine Gebote gebrochen hat. Lass mich erst reingehen und schauen, wie die Lage steht.«

Abermals verwandelte er sich in eine Biene und schwirrte durch einen Türspalt hinein. Drinnen fand er beim Tor zwei schlafende Zofen, die ihre Köpfe auf Schlagstöcke und Alarmglocken gebettet hatten. Dann schwirrte er weiter zum Pavillon. Dort lag die Dämonin nach ihrer anstrengenden Nacht noch immer in tiefem Schlaf. Als er weiter nach hinten flog, hörte er plötzlich ganz leise Tripitakas Stimme. Wie er aufschaute, sah er den Meister gefesselt im Gang an einem Balken hängen. Sachte landete er auf dessen Kopf und rief: »Meister!«

Tripitaka erkannte seine Stimme und rief: »Wukong! Schnell, rette mich!«

»Was gibt’s für gute Nachrichten von letzter Nacht?« fragte Pilger.

Tripitaka stieß mit zusammengebissenen Zähnen hervor: »Lieber sterbe ich, als so etwas zu tun! Sie hat mich die halbe Nacht lang umgarnt, doch ich habe weder das Gewand abgelegt noch ihr Bett berührt. Als sie endlich verstanden hat, dass ich ihr niemals folgen würde, hat sie mich hier anbinden lassen. Du musst mich unbedingt retten, damit wir die Heiligen Schriften holen können!«

Das Gespräch zwischen Meister und Schüler hatte die Dämonin längst aus dem Schlaf geweckt. Trotz ihrem Groll dachte sie noch etwas wehmütig an die vergangene Nacht. Wie nun, während sie sich im Schlaf umdrehte, die Worte »Heilige Schriften holen« an ihr Ohr drangen, sprang sie auf und schrie: »Ein schönes Eheleben lehnst du ab und willst stattdessen irgendwelche Schriften holen!«

Pilger erschrak, ließ vom Meister ab und schwirrte rasch hinaus. Draußen nahm er wieder seine eigene Gestalt an, rief nach Bajie und berichtete ihm: »Der Meister hat sich nicht verführen lassen. Sie ist wütend geworden und hat ihn gefesselt. Eben hat er mir erzählt, was geschehen ist, da ist sie plötzlich aufgewacht, und ich bin schnell davongesaust.«

»Was hat denn der Meister gesagt?« wollte Bajie wissen.

»Nur, dass er seine Kleider nicht abgelegt und ihr Bett nicht berührt habe.«

»Schön, schön, schön«, machte Bajie. »Also doch ein wahrer Mönch. Gehn wir ihn retten!«

Grobschlächtig wie er war, schwang der Tölpel seinen Rechen hoch und ließ ihn auf das Steintor niederschmettern, dass es krachend in Stücke zersprang. Die erschrockenen Zofen rannten zur Dämonin und riefen: »Mütterchen, die beiden hässlichen Männer von gestern sind wieder da; sie haben das Tor zertrümmert!«

Schon schoss die Dämonin mit gezücktem Dreizack heraus und schrie: »Zankaffe! Wildsau! Was fällt euch eigentlich ein, mein Tor einzuhauen!«

»Du lüsternes Luder«, schimpfte Bajie zurück, »du hältst meinen Meister gefangen und gibst nicht mal zu, dass du im Unrecht bist! Meinen Meister willst du dir zum Gatten machen? Los, rück ihn sofort raus, sonst bist du des Todes! Und wenn ich auch nur ein halbes ›Nein‹ höre, dann reiße ich alter Eber mit dem Rechen gleich deinen ganzen Berg ein!«

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, warf sich die Dämonin in den Kampf. Wie zuvor spuckte sie Feuer und Rauch aus Rachen und Nüstern, erhob gleichzeitig ihren Dreizack und stach auf Bajie ein. Dieser schlug mit seinem Rechen drauflos, während der Große Heilige ihm mit der Eisenstange zu Hilfe kam. Da ließ die Dämonin abermals ihren Zauber spielen, hielt mit wer weiß wie vielen Händen zu beiden Seiten die Waffen ab, bis sie nach drei bis fünf Kampfrunden mit irgendeiner unbekannten Waffe Bajie in die Lippen stach. Da ließ der Tölpel seinen Rechen sinken, hielt sich das Maul zu und rannte von Schmerzen gepeinigt davon. Nun bekam es auch Pilger mit der Angst zu tun, tat zum Schein einen letzten Hieb und ergriff die Flucht. Die Dämonin aber kehrte siegreich zurück und wies ihr Gesinde an, den Eingang mit Felsbrocken zu verrammeln. Doch davon sei hier nicht weiter die Rede.

Wenden wir uns nun Sandmönch zu, der gerade am Berghang das Pferd weiden ließ, als er ein lautes Grunzen hörte. Wie er aufblickte, sah er Bajie, beide Hände um die Schnauze gelegt, stöhnend daherkommen.

»Was ist denn los?« fragte Sandmönch.

»Schlimm, schlimm!« stöhnte Bajie. »Aua, aua, aua!«

Schon stand auch Pilger daneben und lachte: »Ach du armer Tölpel, gestern hast du noch gespottet, ich hätte ein Karbunkel, nun hast du die Maulseuche!«

»Unerträglich!« stöhnte Bajie, »das tut grauenhaft weh!«

Mitten in ihrer üblen Lage gewahrten die drei auf einmal ein altes Mütterchen, das mit einem grünen Bambuskorb am linken Arm vom Südhang her Wildgemüse sammelnd des Weges kam.

»Bruder, da kommt ein Mütterchen daher«, meinte Sandmönch, »wollen wir nicht mal Auskunft einholen?«

Sofort spähte Pilger mit scharfem Blick hinüber. Über ihrem Kopf schwebten glückverheißende Wolken, und ihr Körper war von duftenden Schleiern umgeben. Pilger verstand und rief sogleich: »Brüder, verneigt euch, es ist die Bodhisattva!«

Da schwebte Bodhisattva Guanyin auf einer Wolke in die Höhe und offenbarte ihre wahre Gestalt. Auch Pilger stieg empor, verneigte sich und sprach: »Bodhisattva, verzeiht Eurem Jünger, Euch nicht gebührend empfangen zu haben! Wir haben gerade mit einem dämonischen Übel zu kämpfen und werden einfach nicht damit fertig; bitte helft uns, Bodhisattva!«

»Das ist ein schlimmes Ungeheuer«, erklärte Guanyin. »Sein Dreizack besteht aus seinen zwei Vorderzangen, und was den schmerzhaften Stich verursacht, ist ein Haken an seinem Schwanz; man nennt dies das ›Huftritt-Gift‹. Es handelt sich um den Geist eines Skorpions. Einmal hörte dieses Ungeheuer im Tempel des Donnergrollens Buddha beim Predigen zu, und als dieser es unpassenderweise mit der Hand wegstieß, hat es seinen Haken hochgeschlagen und ihn in den Daumen der linken Hand gestochen. Auch Buddha hat brennende Schmerzen bekommen. Anschließend hat er die Diamantwächter geschickt, das Ungeheuer einzufangen, doch ist es hierher geflohen. Auch ich kann ihm nichts anhaben. Das Einzige, was ihr machen könnt, es zu unterwerfen, ist, beim Östlichen Himmelstor im Palast des Strahlenden Lichts den Sternfürsten Maori zu Hilfe zu holen.«

Während ihre Worte ausklangen, löste sich die Bodhisattva in einen goldenen Lichtstrahl auf und schwebte zurück zum Südlichen Ozean. Da senkte der Große Heilige Sun seine Wolke und rief Bajie und Sandmönch zu: »Ihr könnt beruhigt sein, unser Meister hat einen rettenden Stern. Die Bodhisattva hat mich eben angewiesen, den Sternfürsten Maori zu Hilfe zu holen. Ich geh jetzt gleich!«

Schon schoss er im Wolkenüberschlag empor, kam zum Östlichen Himmelstor und betrat gleich darauf den Palast des Strahlenden Lichts. Doch bald merkte er, dass der Sternfürst nicht da war; dieser hatte nämlich vom Jadekaiser den Auftrag bekommen, auf Inspektion zu fahren. Pilger wandte sich gleich wieder zum Gehen. Auf einmal gewahrte er weiter drüben eine Reihe Soldaten, und hinter ihnen folgte der Sternfürst. Dieser trug noch den Palastornat und steckte von Kopf bis Fuß in Gold. Pilger trat zur Begrüßung auf ihn zu, der Sternfürst erwiderte den Gruß mit einer höflichen Geste und sprach: »Warum kommt Ihr hierher, Großer Heiliger?«

»Eigens um Euch zu bemühen, meinen Meister zu retten.«

»An welchem Ort?« wollte der Sternfürst wissen, und Pilger antwortete: »In der Lautengrotte auf dem Giftfeind- Berg im Lande Xiliang. Bodhisattva Guanyin hat sich uns offenbart und gesagt, dass es sich um den Geist eines Skorpions handle. Euch hat sie uns zur Rettung empfohlen, und darum bin ich jetzt hier.«

»Eigentlich wollte ich gerade beim Jadekaiser Bericht erstatten«, meinte der Sternfürst, doch da Ihr gekommen seid, Großer Heiliger, will ich geringer Gott nicht säumen, sondern gleich mit Euch den Dämon unterwerfen gehen. Danach kann ich immer noch im Palast vorsprechen.«

Freudig ging der Große Heilige mit ihm aus dem Östlichen Himmelstor und kam direkt ins Land Xiliang zum Giftfeind- Berg, wo der Sternfürst seine Wolke senkte und mit Pilger am Hang neben der Felswand landete. Sandmönch, der sie kommen sah, sagte zu Bajie: »Steh auf, Bruder, der Sternfürst ist da!«

Der Tölpel hielt sich noch immer die Schnauze und brummte: »Verzeihung, ich bin krank, ich kann mich nicht verbeugen.«

»Ihr seid doch ein Mensch auf dem Weg zur Vervollkommnung«, sprach der Sternfürst, »was für eine Krankheit plagt Euch denn?«

»Heute früh bin ich im Kampf mit diesem Ungeheuer in die Lippe gestochen worden, und jetzt tut’s mir immer noch so weh!«

»Kommt her«, sprach der Sternfürst, »ich werde Euch heilen.«

Erst jetzt ließ der Tölpel die Hände von der Schnauze, worauf ihm der Sternfürst mit der Hand darüberstrich und etwas Odem darauf blies. Sofort waren die Schmerzen weg. Überglücklich warf sich der Tölpel vor ihm nieder und rief: »Oh, wunderbar, wunderbar!«

Pilger lachte und meinte: »Darf ich den Sternfürsten bitten, auch mal über meinen Kopf zu streichen? Gestern bin ich ebenfalls gestochen worden, über Nacht ging zwar der Schmerz weg, doch zur Zeit kribbelt und juckt es immer noch ein bisschen, und ich fürchte, dass es wieder ausbrechen könnte, wenn das Wetter schlecht wird.«

Da strich der Sternfürst auch ihm über den Kopf und blies etwas Odem darauf, dass das restliche Gift sich löste und das Jucken verging.

Da fuhr Bajie auf und rief: »Los, Bruder, verhauen wir das verdammte Luder!«

»Macht ihr beide, dass das Ungeheuer nach draußen kommt, dann kann ich es besiegen«, beschied der Sternfürst.

Abermals sprangen Pilger und Bajie den Hang hinauf und drangen hinter die Felswand. Da drosch der Tölpel mit seinem Rechen auf die aufgeschichteten Felsbrocken im Eingang, schob sie zur Seite, stürmte weiter zum zweiten Tor und rammte es mit dem Rechen ein, dass die Splitter stoben. Drinnen hatte die Dämonin gerade Tripitaka die Fesseln lösen lassen und Tee und Reis verlangt, als sie hörte, dass die zweite Tür eingerammt wurde. Mit einem Satz sprang sie aus dem Pavillon, schwang ihren Dreizack und zielte auf Bajie. Dieser hielt ihn mit dem Rechen auf, während Pilger ihm mit seiner Stange zu Hilfe kam. Da lief das Ungeheuer auf sie zu und wollte abermals ihren Giftstachel benutzen. Doch Pilger und Bajie kannten ja nun ihre Methode, wandten sich um und flohen. Als das Ungeheuer ihnen bis hinter die Felswand hinterhergerannt war, rief Pilger: »Wo ist der Sternfürst Maori?«

Schon sah man am Berghang den Sternfürsten, der nun seine ursprüngliche Gestalt annahm, nämlich die eines großen Hahns mit doppeltem Kamm. Stolz reckte er den Kopf in die Höhe, dass er gute sechs bis sieben Fuß hoch war, und krähte das Ungeheuer an. Auf der Stelle erschien dieses in seiner eigenen Gestalt. Es war ein Skorpion, so groß wie eine Laute! Als der Sternfürst einen zweiten Hahnenschrei ausstieß, sank der Skorpion in sich zusammen und hauchte sein Leben aus. Da schritt Bajie hin, setzte ihm den Fuß auf die Brust und rief: »Elendes Biest! Jetzt nützt dir dein Giftstachel nichts mehr!«

Als das Ungeheuer reglos liegen blieb, drosch Bajie wie wild mit seinem Rechen drauflos und hieb es zu Brei. Der Sternfürst aber sammelte sein goldenes Licht und schwebte auf einer Wolke von dannen.

Nachdem Pilger und Sandmönch dankend die Hände gen Himmel gefaltet hatten, gingen sie in die Grotte, wo zu beiden Seiten die vielen Zofen knieten und riefen: »Großväterchen, wir sind keine Ungeheuer, wir sind Frauen von Xiliang! Wir sind von diesem Ungeheuer entführt worden. Euer Meister sitzt hinten im Brautgemach und weint!«

Pilger blickte genauer hin und merkte, dass die dämonische Aura tatsächlich verschwunden war. Also drangen sie nach hinten und suchten den Meister. Als Tripitaka seine drei Schüler kommen sah, rief er erleichtert: »Meine guten Schüler! Ich habe euch große Mühe verursacht! Was ist jetzt mit dieser Frau?«

»Das Biest war ein riesiger Skorpion«, erklärte Bajie. »Zum Glück hat Guanyin uns einen Hinweis gegeben, dann hat der älteste Ordensbruder im Himmel den Sternfürsten Maori um Hilfe gebeten. So haben wir das Biest endlich unterkriegen können, und ich alter Eber habe es zu Brei gehauen.«

Tripitaka dankte ihnen ohne Unterlass. Nun kochten sie etwas Reis und nahmen eine Mahlzeit ein. Die entführten Frauen brachten sie zum Fuß des Berges und wiesen ihnen den Weg nach Hause, dann legten sie in der Grotte ein großes Feuer, das restlos alles vertilgte. Schließlich halfen sie Tripitaka in den Sattel und nahmen ihren Weg nach Westen wieder auf.

So war es in der Tat:

Ledig sind sie aller Bindung,

Fern auch jeder Leiblichkeit;

Trocken ist das Meer von Gold,307

Erkannt des Herzens Wesenheit!

Und da wir nicht wissen, wie ihre Reise weiterging, lasst uns das nächste Kapitel anhören.