Ist das Herz von allem frei,
Heißt es klar und rein;308
In die grenzenlose Stille
Dringt nicht ein Gedanke ein.
Halte Pferd und Affe fest,
Lass sie nicht ausschweifen;
Achte, dass Essenz und Geist
Nicht die Macht ergreifen.309
Tilge die Sechs Räuber!
Erkenne die Drei Lehren!310
Wer von aller Bindung ledig,
Wird in Klarheit stehen.
Ist der Lustdämon getilgt,
Steige auf zur wahren Welt
Und erfreue dich im Westen
Heiterer Glückseligkeit!
Wie wir berichtet haben, hatte Tripitaka auf Biegen und Brechen darauf beharrt, seinen Körper unbefleckt zu halten, und wenn es ihn das Leben kosten sollte. Seit sie die Lautengrotte verlassen hatten, waren sie schweigend durch den aufblühenden Sommer gewandert.
Meister und Schüler erfreuten sich der schönen Zeit des Duanwu-Festes311 und ließen den Tag müßig verstreichen. Plötzlich aber erblickten sie abermals einen hohen Berg. Nach langer Wanderung erreichten sie den Gipfel und gelangten anschließend über den Westhang auf eine weite Ebene. Hier hieß Bajie Sandmönch die Gepäckstange schultern, während er selbst mit seinem Rechen nach vorn rannte, um das Pferd anzutreiben. Doch er mochte herumfuchteln, wie er wollte, das Pferd war nicht aus der Ruhe zu bringen. Da meinte Pilger: »Was drängst du so?«
»Es wird bald dunkel«, rief Bajie, »und nachdem wir den ganzen Tag lang über den Berg gewandert sind, plagt mich der Hunger. Legen wir uns alle ins Zeug, damit wir bald ein Haus finden, wo wir Almosen kriegen!«
»Nun, dann lass mich mal ran!« rief Pilger, schwang seinen Goldreifstab und fauchte so laut, dass das Pferd sich den Zügeln entriss und pfeilschnell auf der Landstraße über die Ebene galoppierte.
Warum das Pferd vor Bajie keine Angst hatte und vor Pilger solchen Respekt?
Nun, Pilger hatte ja einst im Himmelskaiserlichen Marstall die Pferde gehütet, und darum hat sich dies bis heute so erhalten: Jedes Pferd fürchtet sich vor Affen.
Dem Priester entglitten die Zügel, und es blieb ihm nichts übrig, als sich am Zwiesel festzuklammern und das Pferd zügellos voranpreschen zu lassen, bis es nach gut zwanzig Meilen endlich in gemächlichen Trab verfiel. Während er weiter voranritt, ertönte plötzlich ein Gongschlag, und am Wegesrand sprangen mehr als dreißig Bewaffnete mit Speeren, Säbeln und Stangen auf ihn zu, stellten sich ihm in den Weg und schrien: »Halt, Mönch!«
Zitternd und bebend glitt Tripitaka aus dem Sattel, kniete am Wegesrand ins Gras und rief: »Großer König, lasst mich am Leben!«
Die Anführer, zwei stämmige Kerle, riefen: »Wir schlagen dich nicht, wenn du uns nur dein Reisegeld abgibst.«
Erst jetzt begriff Tripitaka, dass es Räuber waren. Er erhob sich, ging auf die Männer zu und sprach mit gefalteten Händen: »Großer König, ich geringer Mönch aus dem Osten bin auf einer Pilgerfahrt in den Westen, um Heilige Schriften zu holen. Seit ich die Stadt Chang’an verlassen habe, sind Jahre vergangen, und das wenige, was ich an Reisegeld mit dabeihatte, ist längst aufgebraucht. Wir Mönche leben ausschließlich von dem, was wir erbetteln können; wie sollten wir auch Geld und Güter anhäufen können? Bitte, großer König, lasst doch Rücksicht walten und mich geringen Mönch weiterziehen!«
Die beiden Anführer traten vor und riefen: »Wir belagern den Weg wie die wilden Tiger, und was wir wollen, ist Geld und Gut; was kümmert uns schon die Rücksicht! Wenn du wirklich nichts hast, dann zieh doch dein Gewand aus und lass dein Pferd hier, dann lassen wir dich ziehen!«
»Ach, für dieses Kleid musste ich geringer Mönch die Stoffe Stück für Stück zusammenbetteln; es mir wegzunehmen bedeutet doch schlicht meinen Tod! Bedenkt, dass ihr nur in diesem Leben wackere Kerle seid, im nächsten Leben werdet ihr als Tiere wiedergeboren!«
Diese Worte machten die Banditen wütend. Schon stürmten sie mit ihren Waffen auf Tripitaka los, so dass dem Priester, der sein Leben lang nie gelogen hatte, in seiner Not nichts übrigblieb, als sich mit einer Lüge zu behelfen, und er rief: »Schlagt bitte nicht zu, ihr beiden Könige! Dort hinten kommt noch ein Jünger von mir, er ist gleich da. Er hat ein paar Silberlinge; die soll er euch dann geben!«
»Dieser Mönch kann auch gar nichts entbehren«, meinten die Banditen. »Legen wir den erst mal in Stricke!«
Schon machte sich die ganze Bande daran, ihn zu fesseln und hoch oben an einem Ast aufzuhängen.
Doch lasst uns nun berichten, wie die drei Spitzbuben weiterzogen. Bajie lachte gerade aus vollem Hals und meinte: »Der Meister ist aber schnell verschwunden! Wo wird er wohl auf uns warten?« Da fiel sein Blick auf den Priester im Baum, und er fügte hinzu: »Schaut mal, der Meister! Er braucht doch bloß zu warten, wie kommt er auf die Idee, auf einen Baum zu klettern und in den Lianen Schaukel zu spielen?«
Pilger hielt Ausschau und rief: »Ach du Tölpel, was für ein Unsinn! Unser Meister ist im Baum aufgehängt! Geht ihr beide langsam weiter, ich will das gleich mal aus der Nähe betrachten.«
Eilends stieg der Große Heilige auf einen Hügel und besah sich die Sache genauer. Als er erkannte, dass es sich um eine Räuberbande handelte, meinte er: »Wunderbar! Das Geschäft kommt gleich von selbst ins Haus!«
Schon war er wieder unten und verwandelte sich mit einem leichten Dreh in einen reinlichen jungen Mönch von höchstens sechzehn Jahren. In eine schwarze Robe gekleidet, mit einem Bündel aus blauem Tuch über den Schultern, schritt er weit aus, bis er die Stelle erreicht hatte, und rief: »Meister, was ist denn los?«
Tripitaka erkannte Pilgers Stimme und rief: »O mein Schüler! Hilf mir doch!«
»Was machen diese Leute?«
»Diese Wegelagerer haben mich aufgehalten und wollen Geld haben. Weil ich keins geben konnte, haben sie mich hier aufgehängt, und ich konnte nur noch warten, dass du mit ihnen verhandelst.«
»Was habt Ihr ihnen denn gesagt?« fragte Pilger.
»Als sie mich schlagen wollten, war ich so verzweifelt, dass ich schließlich dich vorgeschoben habe und sagte, du habest ein bisschen Geld dabei, sie sollten mich nicht schlagen. Das ist mir in dem Moment als einzige Rettung eingefallen.«
»Das ist auch ganz in Ordnung«, gab Pilger zurück, »danke für Eure Empfehlung, genau so sollt Ihr mich vorschieben.«
Als die Räuber sahen, wie Pilger mit seinem Meister sprach, scharten sie sich um Pilger und riefen: »He, du kleiner Mönch, dein Meister sagt, dass du Geld hast. Her damit, dann kommst du mit dem Leben davon. Und wenn wir auch nur ein halbes ›Nein‹ hören, krepiert ihr auf der Stelle!«
Da legte Pilger sein Bündel nieder und sprach: »Bitte Ruhe, meine werten Herren. Das Geld ist in dieser Tasche, allerdings nicht viel, nur etwa zwanzig Goldbarren und zwanzig bis dreißig Stück poliertes Silber, außerdem etwas an Bruchsilber. Falls ihr das wollt, dann nehmt es gleich mit der Tasche, aber schlagt auf keinen Fall meinen Meister. So heißt es doch in den Klassikern: ›Tugend ist wesentlich, Reichtum ist zweitrangig.‹ Das Geld ist nicht wichtig, wir Mönche wissen uns mit Almosen zu behelfen. Ich bitte euch nur, meinen Meister herunterzuholen, dann könnt ihr alles zusammen haben.«
Als die Banditen das hörten, riefen sie freudig: »Der alte Mönch war richtig geizig, aber der junge ist ganz schön großzügig!«
Und sie ließen Tripitaka herunter. Als Tripitaka sein Leben gerettet sah, schwang er sich in den Sattel, und ohne sich um Pilger zu kümmern, preschte er auf dem Weg, auf dem er gekommen war, davon.
»Das ist die falsche Richtung!« schrie ihm Pilger nach, nahm das Bündel und wollte ihm hinterher. Doch die Banditen stellten sich ihm in den Weg und schrien: »Halt! Lass das Geld hier, sonst wird’s dir übel ergehen.«
»Nun, was das Geld anbelangt«, lachte Pilger, »müssen wir es in drei Teile aufteilen.«
»Der ist echt durchtrieben, dieser Mönch!« riefen die Anführer, »jetzt will er auch noch hinter dem Rücken seines Meisters was für sich aufheben. Nun, lass mal sehen, was drin ist. Wenn’s viel ist, lassen wir was für dich übrig, damit du dir mal heimlich ein paar Früchte kaufen kannst.«
»So war es nicht gemeint, Brüder«, erklärte Pilger. »Woher sollte ich denn Geld haben? Wenn ihr beide anderer Leute Gold und Silber raubt, dann müsst ihr mir davon was abgeben.«
Als die Räuber dies hörten, wurden sie wütend und schrien: »Dieser Mönch ist ja nicht bei Trost! Will uns nichts geben und verlangt auch noch was von uns! Los, jetzt kriegst du aber Prügel!«
Schon schwang einer einen knotigen Rohrstock und ließ ihn an die acht Mal auf Pilgers Kopf knallen. Pilger tat, als würde er nichts bemerken, und meinte strahlend: »Nun, ihr Brüder, wenn ihr das so anpackt, könnt ihr gut und gerne bis nächsten Frühling weitermachen, das ist mir ganz egal.«
Betroffen riefen die Banditen: »Der Mönch hat einen harten Schädel!«
»Zu viel des Lobes!« lachte Pilger, »es mag gerade so hinreichen.«
Doch die Banditen ließen nicht mit sich reden, sondern stürzten jetzt in Gruppen herbei und verpassten ihm Prügel.
»Beruhigt euch, meine Herren«, meinte Pilger schließlich, »lasst mich mal was rausnehmen.«
Er langte in sein Ohr, brachte eine Nadel zum Vorschein und sprach: »Meine Herren, wir Mönche haben in der Tat kein Geld, das Einzige, was ich euch geben kann, ist diese Nadel!«
»So ein Pech«, schimpften die Räuber, »da haben wir den reichen Mönch laufenlassen und stattdessen diesen armseligen Glatzesel behalten. Du kannst wohl damit schneidern, doch was sollen wir mit einer Nadel anfangen?«
Wie Pilger hörte, dass sie ablehnten, rieb er die Nadel zwischen den Händen und schwang sie hin und her, bis sie die Dicke einer Reisschale erreicht hatte. Verängstigt riefen die Banditen: »Dieser Mönch ist klein von Wuchs, aber er versteht sich auf Zauberei!«
Da rammte Pilger die Stange in den Boden und rief: »Wenn ihr sie wegnehmen könnt, kriegt ihr sie geschenkt!«
Die beiden Anführer traten vor und begannen daran zu zerren, doch die Armen vermochten nicht mehr, als wenn Libellen an einer Steinsäule zu rütteln versuchten. Sie war nicht ein Haarbreit zu bewegen. Schließlich trat Pilger vor, zog die Stange mit leichter Hand aus dem Boden und vollführte ein paar schleichende Kampfschritte in der ›Pose der ringelnden Riesenschlange‹. Dann zeigte er auf die Banditen und rief: »Euer Pech, dass ihr es mit dem alten Sun zu tun kriegt!«
Die Banditen aber rannten abermals auf ihn zu und verpassten ihm wohl fünfzig bis sechzig Stockhiebe, bis Pilger lachend rief: »Euch muss ja bald die Hand weh tun vom Schlagen. Lasst jetzt mal den alten Sun die Stange ausprobieren, nehmt es bloß nicht ernst.«
Seht, wie er die Stange schwingt! Schon knallte sie auf den einen Banditenführer, dass er ins Gras biss und keinen Laut mehr von sich gab. Der andere schrie: »Gemein ist dieser Glatzkopf! Geld hat er keins, und bringt auch noch einen von uns um!«
»Wartet nur«, lachte Pilger, »euch werd ich gleich einen nach dem anderen umhauen, dass ihr an der Wurzel ausgerottet seid!«
Ein zweites Mal knallte die Stange nieder, und der andere Anführer lag ebenfalls am Boden. Entsetzt ließen die restlichen Banditen ihre Waffen fallen und stoben nach allen Seiten davon.
Doch berichten wir nun, wie Tripitaka, der schnurstracks gen Osten galoppierte, von Bajie und Sandmönch aufgehalten wurde.
»Wo wollt Ihr hin, Meister?« fragten sie, »das ist die falsche Richtung!«
»Schüler!« rief Tripitaka, »geht sofort zu eurem Ordensbruder und sagt ihm, er solle seine Stange mit Bedacht benutzen! Nicht, dass er noch die Räuber erschlägt.«
»Bleibt hier, Meister«, sagte Bajie, »ich bin gleich wieder da.«
Der Tölpel preschte los und schrie: »Bruder! Der Meister sagt, du sollst die Leute nicht schlagen!«
»Wer soll geschlagen haben?« gab Pilger zurück.
»Wo sind die Banditen hin?«
»Die anderen sind auf und davon, nur die Anführer liegen noch da und schlafen.«
Nun kam der Tölpel bei Pilger an und schaute. »Die schlafen ja mit offenem Mund; da fließt was Klebriges raus!«
»Ich alter Sun hab ihnen die Hirnmasse rausgehauen.«
Kaum hatte Bajie dies vernommen, rannte er wie wild zurück und rief Tripitaka zu: »Sie haben sich aus dem Staub gemacht!«
»Wohin denn?«
»Er hat ihnen die Beine steifgehauen, wo sollen sie da noch hin?«
»Also hat er tatsächlich getötet!« rief Tripitaka aufgebracht. Schon begann er ohne Ende zu lamentieren und überhäufte den Affen mit Schimpf und Schande. Dann wandte er ruckartig das Pferd und kam mit Sandmönch und Bajie zu den Toten, die blutend am Berghang lagen. Der Anblick war dem Priester unerträglich. Schnell rief er Bajie zu: »Beeil dich, mach mit dem Rechen eine Grube, damit wir sie begraben können. Ich werde ihnen ein Toten-Sutra lesen.«
»Meister, das ist ungerecht!« wehrte sich Bajie, »Pilger hat die beiden erschlagen, warum soll ich alter Eber nun den Totengräber machen?«
Pilger aber, wütend über den Tadel des Meisters, gab zurück: »Du faules Mistvieh! An die Arbeit, und wenn’s nicht bald wird, kriegst du eins mit der Stange!«
Eingeschüchtert begann Bajie eine große Grube auszuheben, legte die Leichen der beiden Banditen hinein und
errichtete darüber einen Grabhügel. Tripitaka steckte Weihrauchstäbchen in etwas angehäufte Erde und hielt eine Totenrede:
»Ich verneige mich vor euch wackeren Männern. Höret,
was ich euch sage! Vom chinesischen Kaiserreich im Osten
pilgere ich Buddha-Jünger auf Geheiß des Kaisers in den
Westen, um Heilige Schriften zu holen. Nun habe ich an
diesem Ort euch angetroffen und versucht, euch mit guten
Worten zur Vernunft zu bringen. Ihr hingegen wolltet nicht
auf mich hören und brachtet mir Feindschaft entgegen.
Dann seid ihr auf Pilger getroffen, durch dessen Stange
ihr getötet wurdet. Damit eure Körper nicht auf offenem
Felde verbleiben, habe ich sie der Erde anheimgegeben und
euch ein Grab bereitet.
Wenn ihr in der Unterwelt zum Senluo-Palast kommt,
dann möget bitte das Übel bei der Wurzel nennen. Denn
sein Name lautet Sun, und meiner Chen; wir sind nicht von
der gleichen Sippe! Jedes Unrecht hat seinen Urheber, jede
Schuld ihren Schuldner. Richtet also eure Anklage
keinesfalls auf mich, den Schriftenholer!«
Bajie lachte: »Das habt Ihr gründlich von Euch gewiesen, Meister! Wir beide sind aber auch nicht dabei gewesen, als er geschlagen hat.«
Da fuhr Tripitaka tatsächlich fort und sprach: »Wenn ihr, wackere Männer, Anklage einreicht, dann klagt nur gegen Pilger allein. Diese Sache hat auch mit Bajie und Sandmönch nichts zu tun.«
Pilger konnte sich des Kicherns nicht enthalten und meinte: »Meister, Euch fehlt es doch sehr an Freundschaftssinn. Wie
viel Leid habe ich schon ertragen müssen, Eurer Schriftensuche wegen! Und jetzt, nur weil ich zwei Räuberlein erschlagen habe, lasst Ihr sie gegen den alten Sun Klage einreichen. Auch wenn ich sie mit eigener Hand erschlagen habe, geschah das nur Euretwegen. Denn würdet Ihr nicht in den Westen pilgern, wäre ich auch nicht Euer Schüler geworden; wozu sollte ich dann hier Leute erschlagen? Lasst mich mal eine Totenrede halten!«
Schon hob er seine Stange, stach drei Mal in den Grabhügel und rief: »Ihr verdammten Banditen, hört mal zu! Von euch bin ich ein Dutzend Mal geschlagen worden, und dann noch ein Dutzend Mal; das hat mich zwar nicht gejuckt, aber verärgert. Aus Versehen hab ich euch umgebracht, doch wo ihr mich nun verklagen wollt, ist mir schlicht egal; ich alter Sun brauche mich vor nichts und niemandem zu fürchten. Den Jadekaiser kenne ich persönlich, die Himmelskönige richten
sich nach meinem Willen, die Achtundzwanzig Himmelshäuser fürchten sich vor mir, die Neun Strahlenden Sterne ebenfalls, die Götter aller Städte und Marktflecken fallen vor mir auf die Knie, der Gott des Taishan lässt mir den Vorrang, die Zehn Höllenfürsten standen mir auch schon zu Diensten, und die fünf grimmigen Höllengötter waren einst meine Schüler. Ob mit den Fünf Ministerien aller drei Welten oder den Herrschern aller Himmelsrichtungen, ich pflege überall die besten Beziehungen; da könnt ihr mich anklagen, wo ihr wollt!«
Als Tripitaka diese Rede hörte, wurde er wieder ängstlich und sagte: »Ach, mein Schüler, mein Gebet sollte doch nur dazu dienen, dir bewusst zu machen, wie wertvoll das Leben ist, dir zu zeigen, dass du gut sein musst zu den Menschen. Warum nimmst du es nur gleich so ernst?«
»Nun, vergessen wir es«, versetzte Pilger, »suchen wir ein Nachtlager.«
Dem Priester blieb nichts übrig, als verdrossen in den Sattel zu steigen. Äußerlich waren sich Meister und Schüler nun einig, innerlich aber schwelte der Unfrieden. So wanderten sie auf der Landstraße gen Westen, als sie auf einmal nördlich der Straße einen Hof erblickten. Tripitaka wies mit der Peitsche hin und meinte: »Bitten wir dort um Quartier.«
Dann ritt er bis vor das Gehöft und stieg ab. Da sah er einen alten Mann herauskommen, begrüßte ihn höflich und brachte sein Anliegen vor.
»Wo kommt Ihr denn her?« wollte der Alte wissen.
»Ich geringer Mönch komme aus dem großen chinesischen Kaiserreich im Osten und pilgere auf kaiserliches Geheiß in den Westen, um Heilige Schriften zu holen. Da ich zu dieser späten Stunde Euren werten Hof passiere, möchte ich um Erlaubnis bitten, in Eurer Residenz eine Nacht zu verbringen.«
Lächelnd erwiderte der Alte: »Von Eurer werten Heimat bis hier ist es eine weite Reise; wie seid Ihr denn alleine hierhergelangt?«
»Ich habe noch drei unwerte Schüler bei mir.«
»Wo sind sie denn?«
Tripitaka wies mit der Hand nach der Straße und sagte: »Dort, bei der Landstraße.«
Wie der Alte nun aufsah, gewahrte er auf einmal drei hässliche Gestalten. Hastig wandte er sich zum Gehen. Tripitaka aber hielt ihn zurück und sagte: »Werter Spender, seid doch so barmherzig und lasst uns eine Nacht hier ruhen!«
Der Alte schüttelte den Kopf, winkte ab und stammelte, am ganzen Körper zitternd: »Die-die-die sehen nicht wie Menschen aus; da-da-das sind Gespenster!«
Tripitaka lächelte ihm freundlich zu und sprach: »Fürchtet Euch nicht, werter Spender. Meine Schüler sehen nur so aus; es sind keine Gespenster.«
»Aber seht doch, werter Herr«, rief der Alte, »ein Yaksa, ein Pferdegesichtiger und ein Donnergott!«
Als Pilger das hörte, gellte er dazwischen: »Der Donnergott ist mein Enkel, der Yaksa mein Urenkel, der Pferdegesichtige mein Ururenkel!«
Der Alte erblasste und wollte sich ins Haus retten, doch Tripitaka fasste ihn am Arm und folgte ihm in die strohbedeckte Eingangshalle. Nun kam von drinnen eine alte Frau mit einem fünf-, sechsjährigen Kind an der Hand auf sie zu und fragte, was los sei. Tripitaka brachte abermals sein Anliegen vor und schloss mit den Worten: »Zwar sehen meine Schüler hässlich aus, doch sind auch sie gläubige Buddhisten und bekennen sich zum Guten. Es sind ja keine Bösewichte, Ihr braucht vor ihnen keine Angst zu haben!«
Auf diese Worte beruhigten sich die beiden Alten allmählich und hießen sie kommen. Der Priester ging nach draußen, mahnte seine Schüler, sich gesittet zu benehmen, dann traten sie zusammen in die Eingangshalle, verbeugten sich zum Gruß und nahmen Platz. Das gutherzige Mütterchen bereitete ihnen ein paar vegetarische Speisen zu, und Meister und Schüler sättigten sich. Erst als es allmählich dunkelte und die Laternen aufgehängt wurden, fragte der Priester: »Wie ist Euer geschätzter Name, werter Spender?«
»Mein Name ist Yang.«
»Wie hoch ist Euer Alter?«
»Vierundsiebzig.«
»Und wie viele Söhne wurden Euch geschenkt?«
»Nur ein einziger«, erwiderte der Alte. »Das Kind, das eben mit der Mutter da war, ist unser Enkel.«
Tripitaka bat den Alten, seinen Sohn zu holen, damit er auch ihn begrüßen könne. Doch der Alte entgegnete: »Dieser Kerl verdient keine Verbeugung! Ich törichter Alter habe ein hartes Los, konnte nicht ausreichend für ihn sorgen; jetzt ist er nicht mehr bei uns.«
»Wo arbeitet er denn?« fragte Tripitaka.
»Ach, ach!« rief der Alte, »wenn er nur irgendwo arbeiten würde, das wäre mein Glück! Der Kerl hält sich nicht an das, was er tun sollte. Er treibt sich mit Schlägern und Banditen herum, mordet und plündert, und Umgang hat er nur mit solchen Hunderotten. Seit fünf Tagen ist er weg und noch heute nicht wieder daheim.«
Als Tripitaka dies hörte, wagte er keine Antwort zu geben. Im Stillen sann er: »Wenn es nun derjenige ist, den Wukong getötet hat?« Dann neigte er sich höflich vor und sprach: »Gütiger Himmel! Wie kann so guten Eltern ein solch übler Sohn entsprießen!«
»Alter«, mischte sich Wukong ein, »wenn das ein derart missratener Sohn ist, dann braucht Ihr ihn doch nicht. Wenn Ihr wollt, suche ich ihn auf und schlage ihn tot!«
»Ich war auch schon drauf und dran, ihn zu beseitigen«, erwiderte der Alte, »doch wie missraten er auch sein mag, am Ende wird er mir altem Manne doch immerhin ein Grab besorgen.«
Lachend warfen Sandmönch und Bajie ein: »Bruder, misch dich doch nicht in die Angelegenheiten anderer Leute ein! Werter Spender, dürfen wir Euch um ein Bündel Stroh bitten, damit wir irgendwo ein Nachtlager bereiten können? Sobald es Tag wird, werden wir weiterziehen.«
Da führte sie der Alte in den Hinterhof, holte zwei Bündel Reisstroh und wies ihnen eine runde Strohhütte im Garten als Lagerstätte zu. Wie sie sich schlafen legten, sei hier nicht weiter ausgeführt.
Berichten wir jedoch von den Banditen, unter denen sich tatsächlich der Sohn des alten Yang befand. Seit Pilger am Morgen ihre beiden Anführer erschlagen hatte, waren sie nach allen Seiten geflohen. Erst gegen die vierte Nachtwache rotteten sie sich wieder zusammen und pochten draußen ans Tor. Der Alte hörte es, warf sich einen Mantel über und öffnete. Da sah er eine Horde Banditen, und alle riefen: »Hunger, Hunger!«
Schnell huschte der Sohn des alten Yang hinein, weckte seine Frau und ließ sie Reis aufsetzen, während er in den Hinterhof ging, um Holz zu holen. Als er zurückkam, fragte er seine Frau: »Woher kommt das weiße Pferd im Hof?«
»Gestern Abend sind ein paar buddhistische Schriftenholer vom Osten gekommen, um hier zu übernachten. Vater und Mutter haben ihnen Abendessen gemacht und sie über Nacht in der Strohhütte einquartiert.«
Als der Kerl dies gehört hatte, ging er aus der Halle, klatschte in die Hände und rief lachend: »He, Brüder, das ist ja unerhört! Prima! Die Übeltäter sind hier im Haus!«
»Welche Übeltäter?« fragten die Banditen, und er antwortete: »Die Mönche, die unsre Führer ermordet haben. Sie haben sich bei uns einquartiert und schlafen jetzt hinten in der Strohhütte.«
»Das ist aber gut! Nehmen wir diese Glatzesel fest und hacken einen nach dem anderen in Stücke, zur Rache für den Tod der Führer!«
»Nur keine Eile«, mahnte der Kerl, »geht erst mal die Messer wetzen. Sobald der Reis gar ist, soll sich jeder satt essen, und dann legen wir gemeinsam Hand an.«
Tatsächlich begannen diese Banditen nun ihre Säbel und Speere zu schleifen. Der Alte aber hatte ihre Unterhaltung mitangehört und schlich sich nun auf leisen Sohlen in den Hinterhof, wo er Tripitaka und seine Schüler weckte und sagte: »Der Kerl ist mit seiner Bande da. Sie wissen, dass ihr hier seid, und wollen euch etwas antun. Ich törichter Alter möchte nicht, dass euch Mönchen, die ihr aus der Ferne kommt, etwas zustößt. Packt rasch eure Sachen; ich führe euch zur Hintertür hinaus!«
Zitternd vor Angst dankte Tripitaka dem Alten mit einem Stirnaufschlag. Dieser öffnete die Hintertür, und nachdem sie alle draußen waren, ging er leise wieder zurück und legte sich schlafen.
Doch berichten wir nun von den Räubergesellen, die inzwischen ihre Waffen blankgewetzt hatten und satt waren. Es war schon um die fünfte Nachtwache, als sie in den Hinterhof kamen, doch hier war nichts mehr zu finden. Rasch zündeten sie Fackeln an und suchten alles ab. Schließlich bemerkten sie, dass die Hintertür offen war, und folgerten, dass die Mönche auf diesem Weg geflohen sein mussten. Mit wildem Geheul jagten sie hinterher, einer schneller als der andere, und als im Osten die Sonne aufging, erblickten sie die Pilgernden.
Der Priester aber hörte plötzlich ein Geheul, blickte sich um und gewahrte an die zwanzig bis dreißig Leute, die mit gezückten Waffen auf sie zurannten.
»Schüler!« rief er, »was tun wir bloß, die Räuber sind uns auf den Fersen!«
»Keine Sorge, keine Sorge!« meinte Pilger, »ich alter Sun werde gleich mit ihnen fertig.«
»Wukong, du darfst auf keinen Fall jemanden töten!« mahnte Tripitaka. »Es reicht, wenn du ihnen einen Schrecken einjagst, damit sie gehen.«
Unverzüglich packte Pilger seine Stange, wandte sich ihnen zu und rief: »Wohin des Weges, meine Herren?«
»Du dreister Glatzkopf!« schimpften die Banditen, »gib uns das Leben unsrer Anführer zurück!«
Schon scharten sie sich um Pilger und stachen mit Säbeln und Speeren auf ihn los. Dieser aber wirbelte seinen Goldreifstab um sich, dass die Menge auseinanderstob; wer sich zur Wehr setzte, wurde erschlagen. Ein paar Flinkere konnten sich gerade noch retten, die weniger Flinken fuhren auf der Stelle zur Hölle. Tripitaka aber, der vom Sattel aus mitverfolgt hatte, wie Pilger die vielen Menschen erschlug, gab dem Pferd vor Schreck die Sporen und preschte gen Westen, Bajie und Sandmönch hinter ihm her.
Pilger aber fragte einen der verletzten Banditen: »Welcher ist der Sohn des alten Yang?«
Stöhnend antwortete dieser: »Der dort, im gelben Kleid.«
Pilger trat hinzu, entriss ihm den Säbel und schlug dem im gelben Kleid den Kopf ab. Dann nahm er den bluttriefenden Kopf, rannte zu Tripitaka und rief: »Meister, das war der missratene Sohn des alten Yang. Ich alter Sun bringe Euch seinen Kopf!«
Tripitaka erblasste, glitt aus dem Sattel und schimpfte: »Du elender Rhesusaffe, du erschreckst mich ja zu Tode! Nimm das weg, schnell!«
Bajie trat vor und kickte den Kopf an den Wegesrand, wo er mit dem Rechen etwas Erde darüberhäufte. Sandmönch stützte Tripitaka und sprach: »Steht auf, Meister.«
Der Priester aber blieb am Boden sitzen und versuchte sich
zu beruhigen, während er gleichzeitig den Reifverengungsspruch zu murmeln begann, dass sich der Reif so eng um Pilgers Kopf schnürte, bis sein Gesicht rot anlief, die Augen hervorquollen und ihm schwindlig wurde. Wie wild wand er sich auf dem Boden und schrie: »Hört auf! Hört auf!«
Der Priester aber sprach die Formel mehr als zehn Mal hintereinander, bis Pilger die Schmerzen nicht länger aushalten konnte und winselte: »Meister, vergebt mir meine Schuld! Redet doch mit mir, bloß hört auf, den Spruch zu sagen, bitte!«
Erst jetzt hielt Tripitaka inne und meinte: »Es gibt nichts zu bereden. Ich will nicht, dass du weiter mit mir kommst. Geh weg!«
Verzweifelt warf sich Pilger vor ihm nieder und rief: »Meister, warum wollt Ihr mich einfach fortschicken?«
»Meister, warum wollte Ihr mich einfach fortschicken?«
»Du elender Affe!« schrie Tripitaka, »was du da vollführst, ist
abscheulich! Schon gestern, nachdem du die zwei
Bandenführer erschlagen hast, habe ich deine Unmenschlichkeit getadelt. Dann waren wir bei den Alten zu Gast, haben Speise und Quartier erhalten, und am Ende hat er uns sogar durch die Hintertür fliehen lassen. Dass sein Sohn ein Taugenichts war, hat doch mit uns nichts zu tun; du kannst ihm doch nicht einfach den Kopf abhauen! Ganz zu schweigen von all den anderen, die du ermordet hast! So viele Menschenleben sind durch dich umgekommen, so viel Harmonie zwischen Himmel und Erde hast du zerstört! Wie oft habe ich dich schon eines Besseren belehrt, du aber denkst kein einziges Mal an das Gute. Wozu soll ich dich weiter bei mir haben? Mach, dass du fortkommst, aber schnell, sonst sage ich den Spruch wieder auf!«
Da bekam es Pilger mit der Angst zu tun und rief: »Nein, nein! Ich gehe!« Schon schoss er im Wolkenüberschlag in die Lüfte und verschwand spurlos in der Ferne.
Ach! So war es in der Tat:
Regt sich Ungestüm im Herzen,
Reift das Elixier nicht mehr;
Fehlt dem Geist ein fester Ort,
Wird der Weg des Dao schwer.
Da wir aber nicht wissen, wohin der Große Heilige nun ging, lasst uns hören, was das nächste Kapitel berichtet.