Berichten wir nun, wie der Große Heilige wütend und traurig in die Lüfte stieg und eigentlich am liebsten zur
Wasservorhang-Grotte auf dem Blumen-Früchte-Berg gegangen wäre, nur fürchtete er, seine kleinen Ungeheuer könnten ihn auslachen. So blieb er lange unschlüssig. Nun steckte er wirklich in der Klemme.
»Ach, sei’s drum«, sagte er sich endlich, »lieber will ich zum Meister zurück, nur so erlange ich die Rechte Frucht.«
Er senkte seine Wolke, landete neben Tripitakas Pferd und sprach: »Meister! Bitte vergebt Eurem Schüler noch dieses eine Mal. Von jetzt an werde nie mehr wagen, Gewalt anzuwenden; ich werde mich in allen Belangen nach Euren Anweisungen richten. Es ist doch notwendig, dass ich Euch auf dem Weg in den Westen beschütze!«
Tripitaka gab keine Antwort. Stattdessen brachte er das Pferd zum Stehen und begann den Reifverengungsspruch zu murmeln, bis Pilger sich vor Schmerzen am Boden wälzte. Dann sagte Tripitaka: »Warum gehst du nicht weg und belästigst mich schon wieder?«
»Hört auf, hört auf!« heulte Pilger. »Ich werde schon einen Unterschlupf finden. Nur fürchte ich, dass Ihr ohne mich nie in den Westhimmel kommt!«
»Du elender Rhesusaffe!« schrie Tripitaka wütend. »Mord und Totschlag hast du begangen; jetzt will ich dich wirklich nicht mehr haben. Ob ich den Westen erreiche oder nicht, geht dich nichts an. Mach, dass du fortkommst, aber schnell! Sonst sage ich den Spruch und höre nicht mehr auf.«
Der Große Heilige verstand, dass der Meister nicht zum Einlenken bereit war, und so blieb ihm nichts übrig, als wieder in die Lüfte zu steigen. Auf einmal kam ihm eine Idee, und er sagte sich: »Dieser Mönch tut mir unrecht! Jetzt gehe ich zur Insel Potalaka und erzähle alles der Bodhisattva Guanyin.«
Also schwebte er in Richtung Südmeer, senkte dort sein glückverheißendes Licht und kam geradewegs zum Purpurnen Bambuswald der Insel Potalaka, vor den Kostbaren Lotosthron. Sowie er die Bodhisattva erblickte, warf er sich vor ihr nieder und konnte auf einmal die Tränen nicht mehr zurückhalten. Er weinte hemmungslos. Die Bodhisattva hieß Sudhana, ihm aufzuhelfen, und sprach: »Wukong, was für ein Leid ist dir widerfahren? Erzähle mir alles, ich werde dich aus der Not erlösen.«
»Niemals habe ich, Euer Jünger, je zuvor eine solche Demütigung einstecken
müssen!«
Unter Tränen machte Wukong eine Verbeugung und sagte: »Niemals habe ich, Euer Jünger, je zuvor eine solche Demütigung einstecken müssen! Seit ich dank Euch, Bodhisattva, dem Unheil des Himmels entronnen bin und Tripitaka in den Westen begleite, habe ich mich mit Leib und Seele für ihn eingesetzt. Alle dämonischen Widerstände habe ich ihm aus dem Weg geräumt und habe meine ganze Hoffnung darauf gesetzt, einst die wahre Erlösung zu finden, alles Karma reinzuwaschen und alles Böse auszumerzen. Ich hätte nie gedacht, dass dieser Priester derart ungerecht und undankbar sein würde, dass er mich fortjagt und unsere gute
Beziehung zerstört, ohne Schlecht und Recht auseinanderzuhalten!«
»Dann erzähle mir mal, was schlecht und recht war und wie alles gekommen ist«, sprach Guanyin.
Nachdem Pilger ausführlich geschildert hatte, was mit den Banditen geschehen war, erwiderte die Bodhisattva: »Tripitaka richtet sich als Mönch mit ganzem Herzen nach dem Guten, nie würde er jemanden töten. Du mit all deinen Fähigkeiten hättest es doch nicht nötig, so viele Banditen totzuschlagen! Die Banditen sind zwar schlecht, aber dennoch sind es Menschenleben. Meines Erachtens bist doch du es, der schlecht gehandelt hat.«
»Nun, auch wenn ich schlecht gehandelt habe«, lenkte Pilger ein, »sollte ich doch die Möglichkeit haben, es mit Verdiensten wieder gutzumachen; er sollte mich nicht auf diese Art verjagen. Ach Bodhisattva, lasst mir bitte Eure Gunst zukommen und sprecht einen Reiflockerungsspruch, damit ich diesen Reif wegkriege und ihn Euch zurückgeben kann! Und dann lasst mich wieder in die Wasservorhang-Grotte gehen!«
»Den Reifverengungsspruch habe ich von Buddha erhalten«, erwiderte die Bodhisattva lächelnd, »einen Lockerungsspruch gibt es nicht.«
»Wenn dem so ist«, beschied Pilger, »will ich jetzt von Euch Abschied nehmen und weitergehen.«
»Wohin denn?«
»In den Westhimmel. Ich will von Buddha den Spruch zur Reiflockerung.«
»Warte«, sprach Guanyin, »ich will schauen, wie es um deinen Meister steht.«
Die gute Bodhisattva! Auf ihrem Lotosthron versetzte sie sich nun in tiefe Versenkung, ließ ihr Herz durch alle drei Welten wandern und blickte, den ganzen Kosmos erfassend, mit weisem Auge in die Ferne. Einen Augenblick später öffnete sie den Mund und sprach: »Wukong, dein Meister wird sogleich in Not kommen und deiner bedürfen. Bleibe nur hier, ich werde mit ihm sprechen und ihn dazu bewegen, mit dir zusammen die Schriften zu holen, damit ihr letztlich zur Erlösung findet.«
Dem Großen Heiligen blieb nichts übrig, als sich ihr anzuvertrauen. Wie er nun wartend beim Kostbaren Lotosthron verharrte, sei hier nicht weiter ausgeführt.
Wenden wir uns stattdessen dem Priester zu, der, seit er Pilger verjagt hatte, mit Bajie und Sandmönch zusammen gen Westen gewandert war. Sie hatten noch keine fünfzig Meilen zurückgelegt, als Tripitaka sein Pferd zügelte und sprach: »Seit wir frühmorgens das Dorf verlassen und auch noch Ärger mit diesem Bimawen gehabt haben, plagen mich schon lange Hunger und Durst. Wer von euch geht auf Almosengang?«
»Ich gehe, Meister«, antwortete Bajie. »Steigt ab und ruht ein bisschen aus.«
Während der Meister aus dem Sattel stieg, schnellte Bajie auf einer Wolke hoch und suchte aus der Höhe sorgfältig die Gegend ab. Schließlich kam er zu Tripitaka zurück und sagte: »Es gibt nirgends etwas zu holen, weit und breit ist kein einziges Haus zu sehen.«
»Dann bring mir doch wenigstens etwas Wasser, damit ich den Durst löschen kann.«
»Wartet, ich werde es besorgen«, versprach Bajie, nahm die Almosenschale und entschwebte auf einer Wolke. Der Priester aber blieb am Wegrand sitzen und wartete. Sein Gaumen war so trocken, dass sich die Zunge bitter anfühlte, Hunger und Durst wurden unerträglich.
Sandmönch sprach: »Meister, bleibt erst mal hier sitzen. Ich schaue zu, dass Ihr so schnell wie möglich Wasser kriegt.«
Den Tränen nahe antwortete der Priester mit einem Nicken. Nun entschwebte auch Sandmönch auf einer Wolke und verschwand. Einsam und elend blieb der Meister zurück. Mitten in dieser Bedrängnis hörte er auf einmal einen hellen Klang und erschrak. Als er sich leicht vorbeugte, erblickte er Pilger, der mit einer Porzellantasse in beiden Händen am Wegrand kniete und sprach: »Meister, ohne den alten Sun kommt Ihr nicht mal zu Wasser! Erfrischt Euch doch an dem kühlen Trunk, dann werde ich Euch etwas zu essen holen.«
»Dein Wasser trinke ich nicht!« versetzte Tripitaka, »und wenn ich auf der Stelle verdursten muss. Dann ist das eben mein Schicksal. Verschwinde!«
»Ohne mich erreicht Ihr den Westen nie.«
»Das geht dich nichts an. Hast du denn nichts anderes zu tun, als mich zu belästigen, du Affenpack?«
Plötzlich wurde Pilger feindselig und fauchte den Priester an: »Du herzloser Glatzkopf! Richtig gemein bist du zu mir!«
Er schwang seine Eisenstange und versetzte Tripitaka einen Hieb auf den Rücken. Ohnmächtig fiel der Priester zu Boden, unfähig, noch einen Laut von sich zu geben. Pilger aber ergriff die beiden Taschen aus grauem Filz und sauste im Wolkenüberschlag in unbekannte Richtung davon.
Doch berichten wir nun von Bajie, der mit der Almosenschale an den Südhang des Berges gekommen war, wo er auf einmal in einer Talsohle eine Strohhütte erblickte. Weil sie von der Bergkuppe verdeckt wurde, hatte er sie zuvor nicht gesehen. Da überlegte er: »Wenn ich mit meiner Fratze auftauche, kriege ich sicher nichts. Lieber verändere ich mich ein bisschen.«
Schon machte er ein magisches Fingerzeichen, murmelte einen Zauberspruch und erschien als Mönch mit Hungerbauch und fahlem Gesicht. Dann trat er vor die Tür und rief: »Werte Spender! In der Küche habt ihr Reste, draußen steht ein Hungernder. Geringer Mönch kommt aus dem Osten und pilgert in den Westen, um Heilige Schriften zu holen; sein Meister sitzt hungernd und dürstend am Wege. Seid so gut, und gebt etwas ab vom kalten Reis oder was noch im Topf klebt; das wird euer Karma mit der guten Lehre verbinden!«
Die Männer des Hauses waren, wie sich herausstellte, alle auf den Feldern; nur zwei Frauen waren zu Hause. Als diese den kränklichen Mönch sahen und vernahmen, dass er aus dem Osten in den Westen pilgere, konnten sie nicht anders, als seine Schale randvoll mit Reisresten zu füllen. Der Tölpel nahm die Schale, machte seine Verwandlung rückgängig und trat den Rückweg an. Unterwegs traf er Sandmönch, ließ ihn den Reis im aufgeschürzten Gewand bergen und ging eine Schale Wasser schöpfen.
Als die beiden nun fröhlich zurückkamen, fanden sie Tripitaka kopfüber im Staube; das weiße Pferd hatte sich losgerissen und bäumte sich mit lautem Gewieher am Wegesrand auf. Das Gepäck aber war spurlos verschwunden. Bajie stampfte vor Schreck auf, hämmerte sich mit den Fäusten an die Brust und rief: »Kein Zweifel! Das sind die verbliebenen Banditen gewesen, die von Pilger vertrieben wurden. Nun haben sie aus Rache den Meister umgebracht und das Gepäck gestohlen!«
»Binde das Pferd an!« befahl ihm Sandmönch, dann rief er: »Meister!«
Er drehte Tripitakas Körper um, hielt die Wange an dessen Gesicht und weinte. Doch da fühlte er, wie warme Luft aus dessen Mund und Nase strömte, auch die Brust war warm. »Bajie«, rief er, »komm her, der Meister ist nicht tot!«
Da kam der Tölpel und half dem Priester empor. Allmählich kam Tripitaka wieder zu Bewusstsein, wimmerte eine Weile und sagte schließlich: »Dieser Affenlump wollte mich erschlagen!«
»Der Affe ist es gewesen?« fragten Sandmönch und Bajie gleichzeitig.
Der Priester verlangte nach Wasser, trank ein paar Schlucke, dann antwortete er: »Kaum wart ihr weg, meine Schüler, ist Wukong schon wieder gekommen und hat mich belästigt. Als ich seine Sache entschieden abgelehnt habe, hat er mich geschlagen und das ganze Gepäck weggenommen.«
Bajie knirschte mit den Zähnen und knurrte: »Wer hätte geglaubt, dass dieser Affe sich derart dreist benehmen würde!« Zu Sandmönch gewandt sagte er: »Sorge für den Meister, ich hole gleich unser Gepäck zurück!«
»Reg dich erst mal nicht auf«, erwiderte Sandmönch, »lass uns den Meister zu dem Haus dort drüben in der Talsohle bringen. Dort können wir um etwas Tee oder Suppe bitten, den Reis wärmen und schauen, dass der Meister sich erholen kann. Dann können wir den Affen immer noch suchen.«
Bajie willigte ein und half dem Meister aufs Pferd, dann führten sie ihn zur Hütte. Diesmal war dort nur eine alte Frau, die nichts von ihnen wissen wollte.
»Keiner ist im Hause«, sagte sie, »geht woanders hin.«
Da stieg der Priester, auf Bajie gestützt, vom Pferd, verbeugte sich und sprach: »Großmütterchen, ich habe drei Schüler, die mich in den Westen begleiten, um Buddha zu huldigen und Heilige Schriften zu holen. Da mein ältester Schüler schlimme Taten verübt hat, habe ich ihn fortgeschickt, doch plötzlich hat er sich heimlich angeschlichen, mich mit einem Stock geschlagen und das Gepäck gestohlen. Nun will einer meiner Schüler unser Gepäck zurückholen. Da wir nicht einfach auf dem Weg sitzen können, haben wir Euren Hof aufgesucht, um ein Weilchen zu rasten. Sobald wir das Gepäck wiederhaben, reisen wir weiter. Auf keinen Fall wollen wir Euch länger Umstände machen.«
Das Mütterchen sagte: »Eben ist hier ein hungerbäuchiger, fahler Mönch vorbeigekommen, der hat um Almosen gebeten und ist weitergezogen. Warum kommt jetzt schon wieder eine Gruppe Mönche?«
Bajie konnte ein Lachen nicht unterdrücken und erklärte: »Das war ich. Weil ich eine lange Schnauze und große Ohren habe, hab ich mir gedacht, dass Ihr Euch fürchten könntet und mir dann keine Almosen gebt. Drum hab ich mich ein bisschen verwandelt. Wenn Ihr es nicht glaubt, dann schaut in die Rocktasche meines Ordensbruders; das ist doch Euer Reis?«
Als die alte Frau sah, dass es tatsächlich der Reis war, den sie eben gespendet hatte, ließ sie die Mönche drinnen absitzen, kochte eine Kanne Tee und reichte sie Sandmönch. Dann goss sie heißes Wasser über den Reis und reichte ihn dem Meister. Dieser blieb lange reglos und versuchte innerlich zur Ruhe zu kommen. Schließlich fragte er: »Wer von euch beiden geht das Gepäck suchen?«
»Ich!« rief Bajie.
»Nein, das geht nicht«, wehrte der Meister ab. »Mit dir kommt der Affe schlecht aus, und dann nimmst du auch immer so grobe Worte in den Mund. Wenn ihr jetzt irgendwelche Streitigkeiten kriegt, würde er dich gewiss gleich schlagen wollen. Lassen wir lieber Wujing hingehen!«
»Ja, ich gehe«, antwortete Sandmönch.
»Sobald du ihn gefunden hast, musst du die Lage richtig einzuschätzen wissen«, wies ihn der Meister an. »Gibt er dir die Sachen, dann bedankst du dich vordergründig und nimmst sie mit. Wenn nicht, dann lass dich keinesfalls auf einen Streit ein. Dann gehst du direkt zur Bodhisattva vom Südmeer, berichtest ihr, was geschehen ist, und bittest sie, die Sachen zurückzufordern.«
Sandmönch versprach zu tun wie geheißen, stieg mit einem magischen Fingerzeichen auf eine Wolke und entschwebte in Richtung des östlichen Kontinents Purvavideha. So war es in der Tat:
Der Geist entflog dem Körper,
Bewacht das Haus nicht mehr;
Doch wie wird ohne Feuer
Das Elixier im Ofen gar?
In Bezügen der Fünf Phasen
Fehlt den Gefühlen Fügsamkeit,
Bis der Herzensaffe einst
Wieder in den Leib einkehrt.
Drei Tage und drei Nächte lang schwebte Sandmönch durch die Lüfte, bis er endlich den Östlichen Ozean erreichte, wo er sich direkten Weges zur Wasservorhang-Grotte begab. Schon auf dem Weg hörte er das lärmende Kreischen der zahllosen Affen, die auf dem Berg herumtobten, und als er näher kam, entdeckte er Pilger Sun, der, hoch auf einem Felsplateau thronend, mit lauter Stimme ein Schreiben rezitierte, das er in beiden Händen hielt:
»Reisedokument, ausgestellt vom Sohn des Himmels im
großen chinesischen Kaiserreich auf dem Kontinent
Jambudvipa, nach dem Willen des Himmels und des
Schicksals:
Unserer geringen Tugend eingedenk, führen Wir das
bedeutsame Erbe fort, den Göttern zu dienen und das Volk
zu regieren, von früh bis spät um redlichen Einsatz bemüht.
Vormals ins Jenseits verschieden, bereisten Wir das
Höllenreich, von wo aus Wir dank dem Höllenfürsten ins
Leben zurückkehren durften. Infolgedessen ließen Wir eine
große religiöse Stätte errichten und eine umfangreiche
Zeremonie veranstalten. Fernerhin durften Wir einer
Offenbarung der goldenen Gestalt Guanyins teilhaftig
werden, welche Uns kundtat, dass im Westen Heilige
Schriften vorhanden sind, anhand derer Verstorbene und
einsame Seelen Erlösung finden.
Darum haben Wir eigens Priester Xuanzang beauftragt,
über tausend Gebirge in weiter Ferne die besagten Heiligen
Schriften zu holen. Möge ihm auf seiner Reise durch die
Länder des Westens aufgrund vorliegender Urkunde die
Durchreise gestattet werden, auf dass der frommen
Berufung kein Abbruch getan werde. Vorliegendes
Dokument muss offiziell eingereicht werden.
Kaiserliche Urkunde, unterzeichnet am glückbringenden
Tage im Herbst des dreizehnten Jahres der Ära Zhen’guan
im Kaiserreich China der Tang-Dynastie. Neun wertvolle
Stempel.
Seit dem Verlassen des Kaiserreichs und dem
Durchqueren vieler Länder sind drei Schüler aufgenommen
worden: zu Anfang Sun Wukong, dann Zhu Wuneng,
zuletzt Sha Wujing.«
Nachdem er es zu Ende gelesen hatte, begann er wieder von vorn. Als Sandmönch merkte, dass es sich um die Passurkunde handelte, konnte er sich nicht länger zurückhalten, trat vor und rief laut: »Bruder, wozu liest du die Passurkunde des Meisters?«
Jäh hob Pilger den Kopf, doch erkannte er Sandmönch nicht und rief: »Packt ihn, packt ihn!«
Schon hatten die Affen Sandmönch umringt und führten ihn vor den Thron, wo Pilger ihn anfauchte: »Wer bist du, dass du es wagst, in meine himmlische Grotte einzudringen?«
Da Pilger ihm feindlich gesinnt war und ihn nicht erkennen wollte, blieb Sandmönch nichts übrig, als eine tiefe Verbeugung zu machen und sein Anliegen vorzutragen: »Dem Ordensbruder sei kundgetan, dass der Meister dich, mein Bruder, neulich wegen zu großer Erregung ungerechtfertigt rügte und verstieß, wobei deine Ordensbrüder nicht dazu gekommen sind, ihn eines Besseren zu überzeugen. Während wir anschließend Wasser und Almosen besorgten, bist du,
mein Ordensbruder, unerwartet mit gutem Ansinnen wiedergekommen, und als der Meister leider daran festhielt, dich nicht zu behalten, hast du ihn zu Boden geschlagen und das Gepäck entwendet. Inzwischen ist der Meister wieder wohlauf, und darum bin ich nun eigens gekommen, dich zu bitten, eingedenk deiner einstigen Befreiung nun gemeinsam mit mir das Gepäck zum Meister zu bringen, auf dass wir zusammen in den Westen ziehen und die wahre Erlösung finden. Solltest du selbst nicht mitkommen wollen, bitte ich dich, mir unter allen Umständen das Gepäck zu übergeben. So kannst du fröhlich auf deinem schönen Berg bleiben, und beide Seiten sind zufrieden.«
Auf diese Worte stieß Pilger ein kaltes Lachen aus und meinte: »Werter Bruder, was du da sagst, passt gar nicht zu meinen Absichten. Dass ich den Priester geschlagen und die Taschen mitgenommen habe, war nicht deshalb, weil ich nicht in den Westen gehen will, und auch nicht, weil ich hier an diesem Ort leben möchte. Die Passurkunde habe ich heute auswendig gelernt, weil ich die Heiligen Schriften selbst holen will. Dann bringe ich sie in den Osten, und der Erfolg gehört mir allein. So werden die Menschen auf dem Kontinent Jambudvipa mich zum Ahnherrn ernennen, und mein Ruhm wird ewig währen!«
»Aber Bruder«, lachte Sandmönch, »was du da sagst, entbehrt doch jeder Vernunft. Nie hat jemand davon gesprochen, dass ein Pilger Sun die Heiligen Schriften holen solle. Unser Buddha, der das Tripitaka der Wahren Schriften verfasste, hat eigens Bodhisattva Guanyin im Osten einen Schriftenholer ausfindig machen lassen. Die Bodhisattva hat damals gesagt, der Schriftenholer sei Priester Goldzikade, ein Schüler des Buddha, der wegen unachtsamen Zuhörens bei einer Predigt Buddhas zur Wiedergeburt in den Osten verbannt worden sei, damit er im Westen die Erlösung finde und den Großen Weg der Vervollkommnung noch einmal beschreite. Auf diesem Wege würden viele dämonische Hindernisse zu beseitigen sein, und wir drei Schüler sollten von ihm befreit werden, um ihm schützend beizustehen. Glaubst du etwa, wenn der Priester nicht mit dir zusammen ist, würde Buddha dir die Heiligen Schriften geben? Dein Plan ist doch völlig umsonst!«
»Werter Bruder«, gab Pilger zurück, »du weißt eben nur die Hälfte der Tatsachen. Du hast einen Priester, den du mit mir beschützen willst, sagst du, aber glaubst du denn, ich hätte keinen Priester? Ich habe alle Vorkehrungen getroffen und den morgigen Tag zur Abreise festgelegt. Falls du es nicht glaubst, zeig ich’s dir gleich.« Und er rief seinen kleinen Ungeheuern zu: »Schnell, führt den alten Meister heraus!«
Die kleinen Affen hüpften in die Grotte und führten gleich darauf ein weißes Pferd heraus, gefolgt von einem Priester, einem Bajie mit Gepäck und einem Sandmönch mit Pilgerstab.
Als Sandmönch dies sah, rief er wütend: »Ich alter Sandmönch bin zeitlebens für meine Taten geradegestanden. Wie kann es sein, dass es einen anderen Sandmönch gibt!«
Schon zückte er seinen Prunkstab und schlug den falschen Sandmönch mit einem Hieb auf den Schädel tot. Da stellte sich heraus, dass es ein Affengeist war. Aufgebracht schwang Pilger seinen Goldreifstab und befahl den Affen, Sandmönch zu umzingeln. Der aber schlug wild um sich, bis er endlich einen Fluchtweg freimachen konnte, schnellte auf eine Wolke und suchte das Weite.
»Dieser unverschämte Affe!« sagte er vor sich hin. »Jetzt klage ich ihn bei Bodhisattva Guanyin an!«
Als Pilger sah, dass Sandmönch die Flucht ergriff, verfolgte er ihn nicht weiter, sondern kehrte in die Grotte zurück, wo er einen anderen Affen mit Zauberkraft auswählte, zu einem weiteren Sandmönch machte und abermals Instruktionen für seine Westreise durchzugeben begann.
Sandmönch aber schwebte auf seiner Wolke vom Östlichen Ozean weg und kam nach einem Tag und einer Nacht zum Südlichen Ozean. Dort wandelte er gemächlichen Schrittes auf dem Potalaka-Berg und ergötzte sich an der göttlichen Landschaft, als er auf einmal Pilger Moksa erblickte. Der trat auf ihn zu und fragte: »Wujing, was treibt dich hierher, dass du nicht den Meister in den Westen begleitest?«
Sandmönch grüßte und sprach: »Ich muss wegen einer Angelegenheit die Bodhisattva aufsuchen und bitte Euch, meine Ankunft zu melden.«
Moksa wusste natürlich, dass es um Pilger ging, überbrachte die Meldung sofort, und die Bodhisattva hieß ihn vortreten. Pilger, der unten am Lotossockel stand, hatte die Worte mitangehört und meinte lachend: »Sicher ist der Priester in Not geraten, nun holt Sandmönch die Bodhisattva zu Hilfe!«
Nachdem sich Sandmönch vor der Bodhisattva niedergeworfen hatte, blickte er auf und wollte gerade sein Anliegen vorbringen, als er plötzlich an ihrer Seite Pilger gewahrte. Da zückte er seinen Prunkstab und ließ ihn geradewegs auf Pilger sausen. Dieser aber wehrte sich nicht, sondern wich nur dem Schlag aus.
»Du Affenpack und zehnfacher Verbrecher!« schimpfte Sandmönch, »nun willst du auch noch die Bodhisattva hinters Licht führen!«
»Hör auf, Wujing!« rief Guanyin streng. »Lass mich erst wissen, was du zu sagen hast.«
Da senkte Sandmönch seine Waffe, verneigte sich noch einmal und berichtete dann schnaubend vor Wut, was sich ereignet hatte. Zuletzt sagte er: »Aus diesem Grunde bin ich zu Euch gekommen, Bodhisattva. Ich hätte nicht gedacht, dass er mit seinem Wolkenüberschlag vor mir eintreffen würde. Auch weiß ich nicht, mit welchen gediegenen Lügen er Euch hinters Licht geführt hat.«
»Wujing, beschuldige niemanden zu Unrecht«, sprach Guanyin. »Wukong ist seit vier Tagen hier; ich habe ihn nicht weggehen lassen. Wie sollte er also einen anderen Priester zaubern und selbst in den Westen gehen?«
»Aber ich habe heute bei der Wasservorhang-Grotte wirklich einen Pilger Sun gesehen; wie könnte ich zu lügen wagen?«
»Wenn dem so ist«, sprach die Bodhisattva, »dann beruhige dich jetzt und gehe mit Pilger zusammen hin. Ist es etwas Wahres, so wird es schwer bezwingbar sein; ist es aber Trug, so lässt es sich leicht beseitigen. Sobald ihr dort seid, wird sich die Sache von selbst klären.«
Auf diese Worte verabschiedete sich Pilger von Guanyin und machte sich mit Sandmönch auf den Weg. Über diesen Gang heißt es:
Vor der Wasservorhang-Grotte
Werden Schlecht und Recht geteilt,
Auf dem Blumen-Früchte-Berg
Werden Falsch und Echt enthüllt.
Und da wir nicht wissen, wie dies geklärt werden sollte, lasst uns hören, was das nächste Kapitel berichtet.