Nachdem sich Pilger und Sandmönch von der Bodhisattva verabschiedet hatten, stiegen sie auf zwei glückverheißenden Lichtstrahlen in die Höhe und verließen den Südlichen Ozean. Pilger aber war mit seinem Wolkenüberschlag viel schneller als Sandmönch, der auf seiner Wolke dahinschwebte. Pilger machte Anstalten, vorauszugehen, doch Sandmönch hielt ihn zurück und sprach: »Bruder, versuche nicht, mir etwas zu verheimlichen und irgendwelche Vorbereitungen zu treffen! Warte auf mich.«
Der Große Heilige hat es eigentlich gut gemeint, Sandmönch aber hegte noch Zweifel. Also blieben sie zusammen und ließen sich nach einiger Zeit auf dem Blumen- Früchte-Berg nieder. Vor der Grotte schauten die beiden genau hin und sahen nun tatsächlich einen Pilger, der oben auf dem Felsplateau thronte, mit der Affenschar Wein trank und sich amüsierte. Im Äußeren unterschied er sich in keiner Weise vom Großen Heiligen. Er hatte ebenfalls ein behaartes Gesicht mit einer Donnergottschnauze und feurigen Goldaugen, trug ebenfalls eine bestickte Kutte und ein Tigerfell um die Hüften und hielt genauso einen Goldreifstab in der Hand. Alles war ein und dasselbe.
Der Große Heilige glühte vor Zorn, riss sich von Sandmönch los, zückte seine Stange und schrie: »Was bist du für ein Ungeheuer, dass du es wagst, meine Gestalt anzunehmen, meine Kinder und Kindeskinder in Besitz zu nehmen und in meine himmlische Grotte einzudringen! Weißt du eigentlich, was für ein Verbrechen dies ist?«
Der andere Pilger aber packte, ungerührt und ohne eine Antwort zu geben, seine Eisenstange und warf sich in den Kampf. Schon wirbelten beide Pilger durcheinander; es war ein unerhörtes Gefecht zwischen Sein und Schein!
Nun ließ ein jeder sich auf einer Wolke nieder, und beide stürmten bis zum neunten Himmel hinauf. Sandmönch, der nahebei war, hätte nur zu gern geholfen, doch aus Furcht, den Echten zu verletzen, traute er sich nicht einzugreifen. Nachdem er lange gezögert hatte, sprang er schließlich auf den Berg und schlug sich mit seinem Prunkstab einen Zugang zur Grotte frei. Entsetzt stob die Horde der Unholde auseinander. Sandmönch suchte überall nach den Gepäckstücken, doch waren sie nirgends zu sehen. Denn der Eingang zur Wasservorhang-Grotte wurde ja von einem Wasserfall verdeckt, der aus der Ferne einem weißen Vorhang ähnlich sah, daher kam ja auch ihr Name. Da Sandmönch aber gar nicht wusste, wie sie damals hineingefunden hatten, suchte er vergeblich. Schließlich sprang er wieder in die Höhe und schwang seinen Prunkstab, doch abermals war es ihm unmöglich, einzugreifen.
»Sandmönch!« rief ihm der Große Heilige zu, »wenn du schon nicht helfen kannst, dann geh doch bitte zum Meister und berichte ihm, dass die Lage so und so steht und dass ich alter Sun mit diesem Ungeheuer jetzt bis zur Bodhisattva vom Südmeer kämpfen werde, damit sie den Echten vom Falschen unterscheidet.«
Kaum hatte er zu Ende gesprochen, sagte der andere Pilger genau dasselbe. Sandmönch betrachtete die beiden eingehend, doch ob von der Gestalt oder von der Stimme her, sie waren wie ein und derselbe. Es blieb ihm also nichts anderes übrig, als umzukehren und Tripitaka in Kenntnis zu setzen. Davon sei hier nicht weiter die Rede.
Seht, wie die beiden Pilger sich prügelnd vorwärtsbewegen, bis zur Insel Potalaka im Südlichen Ozean!
Mit ihrem Kampfgeschrei hatten sie längst die Schutzgötter der Insel aufgeschreckt, die nun in der Grotte meldeten: »Bodhisattva, es kommen tatsächlich zwei kämpfende Sun Wukong daher!«
Da trat die Bodhisattva mit Moksa, Sudhana und der Drachenprinzessin nach draußen und rief: »Stillgestanden, du Bestie!«
Die beiden packten einander, und der eine rief: »Bodhisattva! Der Kerl hat tatsächlich meine Gestalt angenommen. Wir kämpfen, seit wir die Wasservorhang- Grotte verlassen haben, doch wir sind einander ebenbürtig. Sha Wujing konnte mir mit bestem Willen nicht helfen, drum hab ich ihn zum Meister geschickt. Jetzt bringe ich den Kerl hierher, damit Ihr, Bodhisattva, mit weisem Blick Sein von Schein und das Gute vom Bösen unterscheidet.«
Kaum hatte er ausgesprochen, sagte der andere Pilger dasselbe. Lange betrachtete die Bodhisattva mit den anderen
Göttern die beiden, doch es war unmöglich, sie auseinanderzuhalten.
»Lasst voneinander ab und stellt euch mal nebeneinander«, sagte die Bodhisattva schließlich, »ich will noch einmal genau schauen.«
Tatsächlich ließen sie voneinander ab und stellten sich nebeneinander auf.
»Ich bin der Echte!« tönte es von der einen Seite, und von der anderen: »Er ist der Falsche!«
Die Bodhisattva rief nun Moksa und Sudhana nach vorn und flüsterte ihnen zu: »Jeder von euch soll sich einen der
beiden vornehmen; ich werde im Stillen den Reifverengungsspruch aufsagen, und dann schauen wir, welcher Schmerzen kriegt. Der Echte muss es spüren, der Falsche nicht.«
Also stellte sich ein jeder zu einem der Pilger. Wie aber die Bodhisattva den Spruch aufzusagen begann, schrien beide gleichzeitig auf, hielten sich den Kopf, wanden sich am Boden und flehten: »Aufhören, aufhören!«
Die Bodhisattva hielt inne. Da packten sich die beiden von neuem und prügelten weiter. Nun wusste sich auch die Bodhisattva nicht weiterzuhelfen und rief: »Sun Wukong!« Beide reagierten gleichzeitig. »Früher hast du doch als Bimawen gedient und den Himmelspalast in Aufruhr gebracht. Die Götter und Krieger dort oben kennen dich doch alle. Geh also erst mal in die oberen Sphären, um eine Entscheidung zu finden, dann melde dich wieder.«
Der Große Heilige bedankte sich, Pilger bedankte sich ebenso, dann stürmten die beiden zerrend und stoßend, schimpfend und prügelnd bis zum Südlichen Himmelstor, wo der erschrockene Himmelskönig Virupaksha auf der Stelle die Vier Himmelskrieger Ma, Zhao, Wen und Guan zusammen mit weiteren Gottheiten antreten ließ. Diese stellten sich ihnen mit gezückten Waffen in den Weg und riefen: »Wo wollt ihr hin? Dies ist nicht der Ort zum Streiten!«
»Weil ich den Priester aus China beschütze«, erklärte der Große Heilige, »habe ich unterwegs ein paar Banditen erschlagen, da hat er mich verstoßen. Ich weiß nicht, wann dieses Ungeheuer meine Gestalt angenommen hat. Es hat den Priester niedergeschlagen, unser Gepäck gestohlen und meine
Grotte besetzt. Wir kämpfen schon, seit wir die Wasservorhang-Grotte verlassen haben, und waren auch schon auf Potalaka, doch selbst Bodhisattva Guanyin kann uns nicht auseinanderhalten. Darum kommen wir hierher und bitten alle Himmlischen, sich die Mühe zu machen, uns mit scharfem Blick zu prüfen, um den Echten vom Falschen zu unterscheiden.«
Pilger wiederholte das Ganze. Die Götter des Himmels musterten sie lange, doch konnten auch sie keinen Unterschied sehen. Schließlich riefen die beiden laut: »Wenn ihr uns nicht erkennen könnt, dann gebt uns wenigstens den Weg zum Jadekaiser frei!«
Die Götter vermochten sie nicht aufzuhalten. Sie öffneten das Himmelstor und eilten zur Halle der Himmelshöhen, wo Marschall Ma zusammen mit den Vier Himmelsmeistern Zhang, Ge, Wu und Qiu meldete: »Aus den unteren Gefilden sind zwei gleiche Sun Wukong eingetroffen. Sie sind durchs Himmelstor eingedrungen und fordern, den Herrn zu sehen.«
Die Worte waren kaum verklungen, als die beiden schon heranstürmten. Der Jadekaiser begab sich in die Halle der Himmelshöhen und fragte: »Wie könnt ihr euch erdreisten, im Himmelspalast Unruhe zu stiften und bis vor Unserem Thron zu lärmen? Ihr seid des Todes!«
»Majestät, Majestät!« rief der Große Heilige, »Euer Untertan hat sich doch der buddhistischen Lehre anvertraut und wird es nie mehr wagen, das Herz zu täuschen und die Obrigkeit zu hintergehen. Dass ich hierherkomme, ist einzig und allein, weil dieses Ungeheuer meine Gestalt angenommen hat …«, so erzählte er weiter, was sich alles ereignet hatte, und endete mit den Worten: »Möge Eure Majestät Euren wahren Untertan vom falschen unterscheiden.«
Jener Pilger aber wiederholte das Gesagte.
Da beauftragte der Jadekaiser den Pagodentragenden Himmelskönig Li, die beiden mit seinem Geisterspiegel zu spiegeln, damit man sehen könne, welcher der Echte und welcher der Falsche sei. Sogleich stellte der Himmelskönig seinen Geisterspiegel auf und bat den Jadekaiser und die anderen Götter, hineinzuschauen. Doch man sah nichts als die Spiegelbilder zweier Sun Wukong, die sich um kein Haar unterschieden, auch der goldene Reif und die Kleidung waren identisch. Der Jadekaiser vermochte sie nicht zu unterscheiden und wies sie aus dem Palast.
Der Große Heilige lachte kalt auf, und Pilger grinste vergnügt. Dann packten sie sich an den Köpfen, zerrten einander am Hals und wirbelten zum Himmelstor hinaus, bis sie schließlich auf dem Weg nach Westen landeten, wo beide schrien: »Ich bringe dich vor den Meister!«
Doch berichten wir hier zuerst von Sandmönch, der abermals drei Tage und Nächte unterwegs gewesen war, bis er das Gehöft erreicht und Tripitaka alles erzählt hatte. Da meinte dieser: »Damals dachte ich nur, Wukong hätte mich geschlagen; wer hätte auch geahnt, dass sich ein Ungeheuer in einen falschen Wukong verwandeln würde!«
»Dieser Dämon hat sogar einen falschen Meister, ein Pferd und einen Bajie gezaubert«, erzählte Sandmönch. »Dann hat er noch einen gehabt, der sich in mich verwandelt hat, den habe ich totgeschlagen, da war es ein Affengeist. Das Ungeheuer sieht wirklich haargenau gleich aus wie unser Ordensbruder; man kann sie nicht auseinanderhalten.«
Da prustete Bajie los: »Haha, wie das passt! Genau das hat doch das Mütterchen dieses Hauses gesagt: Wie viele Gruppen von Schriftenholern es eigentlich gäbe? Das ist doch wieder eine Gruppe!«
Während er noch sprach, ertönte am Himmel ein lautes Getöse, und als sie erschrocken hinaustraten, gewahrten sie, wie zwei Pilger im Kampf heranbrausten. Bajie konnte sich nicht halten, sprang auf und schrie nach oben: »Bruder! Ich alter Eber komme dir zu Hilfe!«
Da riefen beide Pilger gleichzeitig: »Erschlag das Ungeheuer, erschlag es!«
Sandmönch wandte sich an den Meister und sprach: »Setzt Euch hier nieder, Meister; ich will mit dem zweiten Bruder je einen der beiden zu Euch führen, und Ihr sagt den Spruch auf, dann schauen wir, welcher Schmerzen kriegt, und das wird der Echte sein.«
»Sehr gut gesprochen!« stimmte Tripitaka zu.
Da sprang Sandmönch in die Lüfte und rief laut: »Hört auf zu kämpfen, ihr zwei! Wir bringen euch vor den Meister und schauen, wer der Echte ist.«
Die beiden ließen voneinander ab, Sandmönch packte den einen und Bajie den andern, dann senkten sie die Wolken und landeten vor der Hütte. Unverzüglich begann Tripitaka den Spruch zu murmeln. Da heulten beide schlagartig auf und riefen: »Warum müsst Ihr mich nach dem harten Kampf noch mit diesem Zauber quälen? Hört auf, hört auf!«
Der Priester hielt inne. Auch ihm gelang es nicht, die beiden auseinanderzuhalten. Schließlich rissen sich die beiden los und prügelten weiter wie zuvor.
»Brüder!« rief der Große Heilige, »habt acht auf den Meister, ich bringe diesen Kerl vor den Höllenkönig!«
Der andere Pilger sagte dasselbe; die beiden rasten ringend und drängend davon und entschwanden alsbald den Blicken.
»Sandmönch«, meinte Bajie, »du bist doch bei der Wasservorhang-Grotte gewesen und hast jenen falschen Bajie mit dem Gepäck gesehen, warum hast du es denn nicht mitgebracht?«
»Als die Ungeheuer gemerkt haben, dass ich den falschen Sandmönch umgebracht hatte, haben sie mich umzingelt und wollten mich packen; ich konnte nur noch um mein Leben rennen. Nachher bin ich noch mal zur Grotte gekommen, während die beiden in der Höhe kämpften. Doch dort habe ich nichts als einen Wasserfall gesehen; keine Ahnung, wo das Tor zur Grotte war. Darum hab ich mit leeren Händen zurückkommen müssen.«
»Dann weißt du also nichts davon«, versetzte Bajie. »Als ich ihn vor ein paar Jahren von dort zurückgeholt habe, ist er in die Grotte gegangen, um sich umzukleiden, da habe ich gesehen, wie er durch den Wasserfall gesprungen ist. Eben dieser Wasserfall ist der Eingang. Das Ungeheuer hat unser Gepäck sicher dort drin versteckt.«
Da meinte Tripitaka: »Wenn du den Eingang schon kennst, dann geh doch jetzt, wo er weg ist, in die Grotte und nimm unser Gepäck. Dann können wir endlich weitergehen. Auch wenn er kommt, will ich ihn nicht mehr haben.«
»Gut, ich gehe«, antwortete Bajie, trat ins Freie, sprang zum Himmel und sauste schnurstracks zum Blumen-Früchte- Berg, wo er das Gepäck holte, doch davon sei hier nicht weiter die Rede.
Wenden wir uns stattdessen wieder den beiden Pilgern zu, die sich in lärmender Rauferei bis hinter den Yinshan, den Berg der Unterwelt, geschlagen hatten, wo sich alle Geister zitternd und bebend in Sicherheit zu bringen suchten. Einige stoben zum Senluo-Palast und meldeten: »Großer König! Zwei
Himmelsebenbürtige Große Heilige sind prügelnd hierhergekommen!«
Ein Schreck durchfuhr die Höllenkönige der zehn Hallen; blitzartig versammelten sie sich und setzten in aller Eile König Ksitigarbha, den Bodhisattva der Unterwelt, in Kenntnis. Alle kamen in die Senluo-Halle, mobilisierten Geisterkrieger und warteten. Da brauste ein Sturmwind heran, die Luft erfüllte sich mit drückendem Dunst, und zwei Pilger wirbelten in die Senluo-Halle. Die Höllenfürsten versperrten ihnen den Weg und fragten: »Was treibt den Großen Heiligen dazu, in der Unterwelt zu wüten?«
Der Große Heilige berichtete, was geschehen war, und schloss mit den Worten: »Aus diesem Grunde komme ich jetzt in die dunklen Gefilde der Unterwelt und hoffe, dass ihr, Fürsten des Jenseits, einen Blick ins Buch der Lebenden und Toten werfen könnt, um herauszufinden, wo dieser falsche Pilger herkommt. Dann soll seine Seele so rasch wie möglich eingezogen werden, damit dieses Chaos zweier Herzen ein Ende findet.«
Das Ungeheuer wiederholte das Gesagte. Da riefen die Könige der Unterwelt den zuständigen Höllenrichter herbei, der nun das ganze Buch der Lebenden und Toten von Anfang an sorgfältig durchsuchte, doch von einem falschen Pilger stand nirgendwo etwas geschrieben. Anschließend wurden die Listen aller Tierarten überprüft, allerdings waren die
hundertdreißig Paragraphen über Affen ja bereits durchgestrichen worden, als der Große Heilige einst in der Unterwelt gewütet hatte, daher waren seither für Affenartige keine weiteren Einträge mehr gemacht worden. Nachdem alles überprüft worden war, wurde in der Senluo-Halle Bericht
erstattet. Mit ehrerbietig vor die Brust erhobenen Jadetäfelchen sprachen die Höllenkönige: »Großer Heiliger, da sein Name in der Unterwelt nicht zu finden ist, lasst doch lieber im Diesseits eine Entscheidung fällen.«
»Augenblick!« fiel ihnen Bodhisattva Ksitigarbha ins Wort. »Ich werde das Diting, mein Horchtier, die Wahrheit erhorchen lassen.«
Diting, »Aufmerksames Horchen«, war nämlich der Name des Tieres, das immer unter dem Tisch lag, auf dem der Bodhisattva die Heiligen Schriften ausbreitete. Wenn dieses Tier sein Ohr an den Boden legte, vermochte es in einem Augenblick sämtliche Vier Kontinente der Welt auszuhorchen. Ganz gleich, ob es sich um nackte, beschuppte, behaarte, gefiederte oder insektenartige Wesen handelte, ob es um himmlische, irdische, göttliche, menschliche oder geisthafte Unsterbliche ging, es wusste in jedem Fall sofort, ob eine Kreatur gut war oder schlecht, klug oder dumm. Auf den erhabenen Befehl des Bodhisattva Ksitigarbha beugte sich das Horchtier im Hof vor der Senluo-Halle zu Boden, hob dann sogleich den Kopf und sprach zu Ksitigarbha: »Ich habe den Namen des Ungeheuers. Doch er darf nicht in seiner Anwesenheit ausgesprochen werden, noch darf man helfen, es einzufangen.«
»Was geschieht, wenn der Name in seiner Anwesenheit ausgesprochen wird?« fragte Ksitigarbha.
»Dann könnte das Ungeheuer durch unsere Hallen wüten, dass wir in der Unterwelt keine Ruhe mehr finden.«
»Und warum darf man es nicht fangen helfen?«
»Die Zauberkräfte dieses Ungeheuers unterscheiden sich in nichts von jenen des Großen Heiligen Sun. Die Götter der Unterwelt haben nicht die Kraft, es einzufangen.«
»Wie kann man es dann loswerden?« fragte Ksitigarbha.
»Buddhas Lehre ist grenzenlos«, sprach das Horchtier.
Ksitigarbha hatte längst verstanden. Nun sprach er zu den zwei Pilgern: »Ihr seht aufs Haar gleich aus, und eure magischen Kräfte stehen sich in nichts nach. Wenn ihr also unterschieden werden wollt, müsst ihr zu Buddha Shakyamuni Tathagata im Tempel des Donnergrollens. Erst dort werdet ihr Klarheit finden.«
»Ja, ja, recht gesprochen!« riefen die beiden, »ich bringe dich in den Westen zu Buddha, da wird die Entscheidung gefällt!«
Die Höllenfürsten der zehn Hallen begleiteten sie nach draußen, und Ksitigarbha kehrte in seinen Palast der Smaragdenen Wolken zurück. Davon sei hier nicht weiter die Rede.
Seht, wie die zwei Pilger über Wolken und Nebel in den Westen stürmen! Dazu gibt es ein Gedicht:
Hat ein Mensch zwei Herzen,
Wird Unheil bald entstehen;
Durch die ganze weite Welt
Werden Zweifel strömen.
Eben weilten die Gedanken
Bei Herzögen, edlen Pferden,
Gleich sind sie im Kaiserhof,
Bei den Ämtern höchster Würden.
Überall wird Krieg geführt,
Ruhelos in Nord und Süd,
Zwischen Ost und West getrieben,
Werden sie von Leid gequält.
Darum ist’s, dass Buddhas Schule
Das Kein-Herz-Geheimnis lehrt;314
Nähre still das Kind im Innern,
Das zum Heiligen Embryo wird.
Raufend und balgend fuhren die beiden durch die Lüfte, stürmten geradewegs auf den paradiesischen Seelenberg im Westen zu und landeten vor dem Tempel des Donnergrollens. Rings um die Lotosterrasse der Sieben Kostbarkeiten waren
die Vier großen Bodhisattvas, die Acht großen Diamantwächter, alle Fünfhundert Arhats und Zehntausend Genien, zahlreiche Nonnen und Mönche, Laienschwestern und Laienbrüder sowie die Heiligen aller Himmel versammelt und lauschten gerade Buddhas Rede. Der Buddha sprach:
»Im Nicht-Existenten ist Existenz, im Nicht-Inexistenten ist Inexistenz. Im Nicht-Materiellen ist Materie, im Nicht-Leeren ist Leerheit. Nicht-Existenz ist Existenz, Nicht-Inexistenz ist Inexistenz. Nicht-Materie ist Materie, Nicht-Leerheit ist Leerheit. Leerheit ist Leerheit, Materie ist Materie. Keine Materie ist bleibend materiell: Materie ist Leerheit. Keine Leerheit ist bleibend leer: Leerheit ist Materie. Zu verstehen, dass Leerheit nicht leer ist und Materie nicht materiell, dies wird das klare Erschauen genannt, und damit erlangt man den Kern dieser Worte.«315
Alle verneigten sich in tiefer Gläubigkeit. Während sie nun untereinander ihre Einsichten austauschten, ließ Buddha farbenfrohe Blüten vom Himmel regnen, stieg vom Lotosthron und sprach zur Menge: »Ihr alle seid gemeinsam ein Herz. Doch seht, da kommen zwei Herzen im Streit!«
Die Menge richtete den Blick nach oben. Tatsächlich, hier näherten sich zwei Pilger johlend und brüllend den herrlichen Gefilden des Donnergrollens. Bestürzt traten die acht Diamantwächter vor, hielten die beiden auf und fragten: »Wo wollt ihr hin?«
»Ein Ungeheuer hat meine Gestalt angenommen«, erklärte der Große Heilige, »darum will ich zum Lotosthron der Sieben Kostbarkeiten, um den Buddha zu bitten, für mich zu klären, wer der Echte ist.«
Die Schutzgötter vermochten sie nicht aufzuhalten; schon waren die beiden lärmend zur Lotosterrasse vorgedrungen, knieten vor Buddha nieder und berichteten ausführlich, was sich ereignet hatte.
»Euer Jünger hat bis in den Himmelspalast und bis in die
Unterwelt gekämpft, doch keiner konnte uns auseinanderhalten. Aus diesem Grunde habe ich mich erdreistet, hierherzukommen. Ich flehe Euch an, lasst Barmherzigkeit walten und helft Eurem Jünger, Schlecht und Recht zu unterscheiden. Dann kann ich wieder den Priester beschützen, auf dass er Buddhas goldener Erscheinung huldige, die Heiligen Schriften in den Osten trage und der Großen Lehre zu ewiger Blüte verhelfe!«
Alle hörten zu, wie beide Pilger wie aus einem Munde dasselbe sagten, doch keiner vermochte sie zu unterscheiden. Buddha aber kannte die Wahrheit längst. Doch gerade als er das Geheimnis lüften wollte, erschien am südlichen Horizont, von bunten Wolken umgeben, die Bodhisattva Guanyin, die Buddha ihre Aufwartung machen wollte.
Buddha faltete die Hände zum Gruß und sprach: »Verehrte Guanyin, schaut Euch die zwei Pilger an. Wer ist der Echte, wer der Falsche?«
»Vor ein paar Tagen sind sie bereits in meinen öden Landen gewesen«, antwortete Guanyin, »doch ist es mir tatsächlich unmöglich gewesen, sie zu unterscheiden. Darum wende ich mich an Euch, Buddha, und bitte Euch inniglich, ihm Klarheit zu verschaffen.«
Buddha lachte: »Ihr habt immense Kräfte, und dennoch könnt Ihr lediglich alle Ereignisse des Kosmos erschauen, nicht aber alle Wesen des Kosmos erkennen, auch versteht Ihr es nicht, alle Arten des Universums im Gesamten zu kennen.«
Bodhisattva bat um Belehrung bezüglich der Arten des Kosmos. Buddha erklärte: »Im Universum gibt es fünf Arten von Unsterblichen, nämlich die Himmlischen, die Irdischen, die Göttlichen, die Menschlichen und die unter den Geistern. Außerdem gibt es fünf Arten von tierischen Lebewesen, nämlich nackte, geschuppte, behaarte, gefiederten und insektenartige. Dieser Kerl aber ist weder himmlisch noch irdisch, er ist kein Gott, kein Mensch und kein Geist; er ist auch kein nacktes, beschupptes, behaartes, gefiedertes oder insektenartiges Tier, sondern einer der Vier Weltverheerenden Affen.«
»Um welche vier Affen handelt es sich?« fragte die Bodhisattva.
»Der erste ist der Steinaffe der beseelten Klarheit. Er beherrscht die Kunst der Verwandlung, kennt sich aus mit den Zeiten des Himmels und den Vorzügen der Erde und kann sogar Sterne und Sternbilder versetzen. Der zweite ist der Rotgesäß-Makake. Dieser weiß Bescheid über Yin und Yang, kennt sich aus mit menschlichen Angelegenheiten, kommt und geht, wie er mag, weiß den Tod zu vermeiden und das Leben zu verlängern. Der dritte ist der Langarm-Affe, der Sonne und Mond ergreifen und die Distanzen von tausend Gebirgen verringern kann, Glück und Unglück im Voraus kennt und mit dem Kosmos zu spielen weiß. Der vierte ist der Sechsohrige Rhesusaffe; dieser ist gut im Belauschen von Stimmen und Beobachten von Gesetzmäßigkeiten, kennt die Vergangenheit und die Zukunft und hat Klarheit über sämtliche Dinge der Welt. Diese vier Affen gehören keiner der zehn Gattungen an; ihre Namen sind zwischen Himmel und Erde unbekannt. Meines Erachtens ist der falsche Wukong ein Sechsohriger Rhesusaffe. Wo immer dieser Affe auch stehen mag, weiß er über alles, was im Umkreis von tausend Meilen geschieht, Bescheid, sogar über alles, was die Menschen sagen. Darum sagt man, er sei gut im Lauschen und Beobachten, kenne Vergangenheit und Zukunft und habe Klarheit über alle Dinge der Welt. Derjenige mit derselben Gestalt und Stimme wie Sun Wukong ist der Sechsohrige Rhesusaffe!«
Wie nun dieser Rhesusaffe hörte, dass Buddha seinen Namen aussprach, ergriff ihn die Panik; jäh sprang er auf und suchte das Weite. Buddha befahl allen Anwesenden, ihn
einzukreisen, und schon hatten ihn Bodhisattvas, Diamantwächter, Arhats und Genien umzingelt. Auch der Große Heilige wollte zu ihm vordringen, doch Buddha sprach: »Wukong, lege nicht Hand an. Ich werde ihn für dich einfangen.«
Dem Rhesusaffen standen die Haare zu Berge. Er ahnte, dass er kaum entkommen könnte, machte flugs einen Dreh und schwirrte als Biene davon. Buddha aber warf ihm seine Almosenschale nach, die sich über ihn stülpte und ihn nach unten riss. Die Umstehenden hatten gar nichts davon bemerkt und glaubten, er wäre entflohen. Buddha lachte und sprach: »Das Ungeheuer ist nicht geflohen. Schaut unter meine Schale!«
Alle drängten nach vorn, und Buddha hob die Schale an. Tatsächlich, da sah man den Affen in seiner ursprünglichen Gestalt: Es war ein Sechsohriger Rhesusaffe. Der Große Heilige konnte sich nicht halten, schwang seine Eisenstange und schlug ihn mit einem Hieb auf den Schädel tot. Deshalb ist diese Art bis auf den heutigen Tag ausgerottet.
Da sah man den Affen in seiner ursprünglichen Gestalt: Es war ein Sechsohriger Rhesusaffe.
Betroffen sprach der Buddha: »O gütiger Himmel!«
»Ihr braucht Euch seiner nicht zu erbarmen«, wandte der Große Heilige ein, »er hat meinen Meister verletzt und unser Gepäck gestohlen. Nach dem Gesetz geht das unter Raub und Körperverletzung am helllichten Tag, das würde ohnehin mit Enthauptung bestraft!«
»Gehe sogleich zum Priester zurück und beschütze ihn gut auf seinem Weg hierher!« sprach Buddha.
Da warf sich der Große Heilige vor Buddha nieder, schlug die Stirn auf den Boden und flehte: »Erhabener Buddha! Ihr müsst wissen, dass mich der Meister verstoßen hat. Jetzt zu ihm zu gehen wäre nichts als verlorene Mühe. Bitte helft mir und sagt einen Lockerungsspruch für diesen Goldreif, damit ich ihn abnehmen kann. Ich will ihn Euch zurückgeben und wieder ein normales Leben führen.«
»Was stellst du dir vor«, entgegnete Buddha, »mach keinen Unfug! Ich lasse Guanyin mit dir gehen, dann brauchst du nicht zu befürchten, er könnte dich ablehnen. Stehe ihm nach Kräften bei, denn wenn euer Werk vollbracht ist und ihr in die höchste Glückseligkeit einkehrt, wirst auch du auf einem Lotosthron sitzen!«
Guanyin, die neben ihm zugehört hatte, faltete die Hände, bedankte sich und führte Wukong auf einer Wolke davon. Nach nicht allzu langer Zeit kamen sie bereits zur Hütte an der Landstraße nach Westen. Sandmönch, der sie kommen sah, beeilte sich, den Meister zum Empfang herauszurufen.
»Tripitaka!« rief die Bodhisattva, »derjenige, der dich neulich geschlagen hat, war ein falscher Pilger, ein Sechsohriger Rhesusaffe. Weil Buddha ihn erkannt hat, ist er inzwischen von Wukong getötet worden. Heute musst du Wukong wieder bei dir aufnehmen. Die dämonischen Hindernisse auf dem Weg nach Westen sind noch nicht zu Ende, und du kannst nur unter seinem Schutz zum Seelenberg gelangen, Buddhas ansichtig werden und die Heiligen Schriften in Empfang nehmen. Lass ab von Groll!«
Tripitaka vollzog einen Stirnaufschlag und sprach: »Ich werde Eure Anweisung achtsam befolgen.«
Noch während er sich dankend verneigte, erklang auf einmal von Osten her das Tosen eines Orkans. Alle hielten Ausschau. Es war Bajie, der mit den zwei Gepäcktaschen auf dem Rücken heranbrauste. Kaum hatte der Tölpel die Bodhisattva erblickt, fiel er vor ihr nieder und rief: »Euer Jünger war eben auf dem Blumen-Früchte-Berg bei der Wasservorhang-Grotte, um nach dem Gepäck zu suchen. Dort waren tatsächlich ein falscher Tripitaka und ein falscher Bajie! Als ich die beiden erschlagen habe, waren es zwei Affenleichen. Dann bin ich in die Grotte gegangen und habe das Gepäck durchgeschaut; es war noch alles drin. Da bin ich gleich auf einem Windstoß hierhergefahren. Nur weiß ich nicht, wie es mit den zwei Pilgern steht.«
Da schilderte ihm die Bodhisattva, wie der Buddha das Ungeheuer erkannt hatte, und der Tölpel freute sich mächtig. Schließlich nahmen Meister und Schüler Abschied von der Bodhisattva, und diese kehrte zum Südlichen Ozean zurück.
Jetzt waren wieder alle ein Herz und eine Seele, das Unrecht war bereinigt, der Unmut verflogen. Nachdem sie auch den Leuten in der Hütte gedankt hatten, bündelten sie ihr Gepäck, sattelten das Pferd und setzten ihre Reise auf der Landstraße gen Westen fort. So war es in der Tat:
Unterwegs bringt eine Trennung
Wirren in die Wandlungsphasen;
Nach dem Sieg über den Dämon
Sammelt sich das Lichte Wesen.316
Kehrt der Geist ins Herz zurück,
Wird die innere Sammlung fest;
Sind Sechs Sinne überwunden,
Reift das Elixier von selbst!
Und da wir nicht wissen, wohin sie anschließend gelangen sollten, lasst uns hören, was das nächste Kapitel erzählt.